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SciLogs https://scilogs.spektrum.de/multifeed Tagebücher der Wissenschaft Wed, 02 Sep 2026 16:45:16 +0200 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.0.4 https://scilogs.spektrum.de/wp-content/themes/scilogs-theme/assets/images/favicon/scilogs-icon-32.png Tagebücher der Wissenschaft https://scilogs.spektrum.de 32 32 Was steckt hinter den Orca-Interaktionen mit Jachten vor Gibraltar? https://scilogs.spektrum.de/meertext/was-steckt-hinter-den-orca-interaktionen-mit-jachten-vor-gibraltar/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/was-steckt-hinter-den-orca-interaktionen-mit-jachten-vor-gibraltar/#comments Tue, 01 Sep 2026 14:35:09 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2078 <h1>Was steckt hinter den Orca-Interaktionen mit Jachten vor Gibraltar? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Das Muster ist immer das gleiche: Die großen schwarz-weißen Wale pirschen sich unbemerkt von hinten an eine Segeljacht an. Dann tauchen die markanten, bei Männchen bis zu zwei Meter hohen Rückenflossen neben dem Boot auf. Bis 2020 war das Auftauchen einer Gruppe Schwertwale eine faszinierende Begegnung – aber dann begannen einige von ihnen, vor Gibraltar Jachten zu rammen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="656" sizes="(max-width: 742px) 100vw, 742px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61.png 742w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61-300x265.png 300w" width="742"></img></a></figure> <p>Seitdem ruft der Anblick der schnellen und intelligenten Top-Prädatoren bei Seglern vor den spanischen, portugiesischen und marokkanischen Küste eher Panik hervor, schließlich sind seitdem fünf Jachten unter den wuchtigen Rammstößen gesunken, und Dutzende viele andere mussten mit zertrümmertem Ruder zum nächsten Hafen geschleppt werden. Gegen die Kraft der bis zu 7 Meter und bis zu 6 Tonnen schweren, manövrierfähigen und intelligenten Meeressäuger kann ein Mensch auf einem Boot nichts ausrichten. Die Wale koordinieren ihre Attacke mit schrillen Pfiffen, was zusammen mit den Geräuschen von Wind, Meer und den Rammstößen eine beängstigende Geräuschkulisse ergibt – die Segler können nur hilflos abwarten. Dabei gehen die Wale gezielt auf die Ruderanlage am Heck: Sie schreddern die Kunststoffruder, die Wucht ihrer <a href="https://www.theguardian.com/environment/2020/sep/13/the-tale-of-the-killer-whales" rel="noopener">Angriffe reißt dem Rudergänger oft das Ruder aus der Hand</a>, manchmal brechen sie dabei die menschlichen Knochen. Der erste Zwischenfall wurde 2020 berichtet, seitdem verhalten einige Gibraltar-Orcas sich so.<br></br>War es zunächst nur eine kleine Gruppe Heranwachsender unter der Leitung der erwachsenen Gladis, werden es nun offenbar immer mehr Exemplare. Sie bringen sich diese neue Verhaltensweise bei, wie eine neue Jagdmethode.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="978" sizes="(max-width: 725px) 100vw, 725px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62.png 725w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62-222x300.png 222w" width="725"></img></a></figure> <p>Die Gruppe „Iberian Orca“ mit Wal-Experten aus Spanien, Portugal und Frankreich<a href="https://www.orcaiberica.org/en/recomendaciones" rel="noopener"> sammelt</a> die Beobachtungen und versucht, das Verhalten zu erklären.<br></br>Die Biologen denken, dass die Orcas die Boote an der Weiterfahrt stoppen wollen und darum gezielt die Ruder zerstören. Nach zu vielen Zwischenfällen und Verletzungen sowie sogar toten Walen wollen sie vermutlich weiteren ihre Gruppe schützen. Neben der Zerstörung des Ruders versuchen sie manchmal auch, die Boote zum Wenden zu bringen. Darum nennen die Biologen das Vorgehen der Orcas nicht „Attacke“, sondern „disruptives Verhalten“: das Ziel sei, ein Boot an der Weiterfahrt zu hindern.<br></br>Den Seglern geben sie den Rat, wenn Orcas im Gebiet gemeldet sind, dieses Seegebiet nicht zu durchqueren, sondern es zu umfahren oder zu warten. Außerdem sollen die Segler keinesfalls selbst aggressiv gegen die Schwertwale vorgehen. Stattdessen sollen sie das Ruder <a href="https://www.orcaiberica.org/en/recomendaciones" rel="noopener">loslassen und sich von der Reling zurückziehen (hier sind die vollständigen Empfehlungen</a>).<br></br>Bislang wenden sich die Wale nur gegen die Boote, sie haben zu keinem Zeitpunkt einen Menschen direkt angegriffen. Sollten sie allerdings erleben, dass nicht die Boote, sondern die Menschen das Problem sind, könnte sich dies ändern. Darum warnen die Biologen eindringlich davor, Feuerwerkskörper oder andere Gegenstände nach den Walen zu werfen oder sie anders zu verletzen.</p> <p>Leider greifen manche Segler zu aggressiven Gegenmaßnahmen – Anfang August 2026 hat jemand <a href="https://people.com/spain-investigates-possible-shotgun-wounds-on-iberian-orca-12061980" rel="noopener">mit einer Ladung Schrot auf die Orca-Matriarchin A-001 Toñi geschossen.</a></p> <p><img decoding="async" height="279" src="https://scilogs.spektrum.de/a419b1ea-5eb4-4d83-9ecb-b7a387aad7c1" width="155"></img><p>Solch eine Eskalation ist nicht nur für die Wale katastrophal. Schließlich bedeuten Wunden immer ein gesundheitliches Risiko und erhöhen den Streßpegel. Gleichzeitig besteht hier auch die Gefahr, dass die Schwertwale eine Gegenreaktion gegen die Menschen entwickeln – das wäre übel.</p><br></br>Andere Orcas tragen Narben von Schiffsschrauben – sie sind überfahren und dabei verletzt worden. Darum weisen die Biologen immer wieder eindringlich darauf hin, den Walen nicht zu nahe zu kommen, um bessere Filmaufnahmen und Fotos machen zu können, sondern respektvoll Abstand zu halten.<br></br>Wieder andere Exemplare tragen Narben von Interaktionen mit Fischereigeschirr wie Netzmarken oder sogar amputierte Flossen davon.<aside></aside></p> <h2><strong>Zwischen Jachtenschubsen und Fischgeschenken</strong></h2> <p>Zunächst sah es so aus, als ob nur einige Orcas der Population sich an den Interaktionen beteiligen. Mittlerweile scheinen aber wesentlich mehr Schwertwale daran teilzunehmen.<br></br>Wie andere Orca-Populationen auch sind diese mit ihren <a href="https://www.orcaiberica.org/en/post/gtoa-catalogue-of-photo-identification-of-iberian-orcas" rel="noopener">individuell geformten Rückenflossen in einem Photo-ID-Katalog</a> gesammelt. Die Jachtbesatzungen berichten immer wieder, dass die Orcas ihr Verhalten gut abstimmen und während der Interaktion mit Pfiffen interagieren – genauso wie bei gemeinsamen Angriffen auf große Wale.</p> <p>Mittlerweile vermuten manche Biologen, dass ein älteres Weibchen durch den Verlust eines Kalbs oder anderen Familienmitglieds traumatisiert ist und sich rächen oder die Familie vor weiterem Schaden beschützen will. Manch andere erklären dieses Verhalten einfach als Trend beim Spielen. Schließlich denken sich Orca-Populationen immer wieder neue Spiele aus. Mir persönlich erscheint das angesichts des gezielten Vorgehens der Wale eher unwahrscheinlich.</p> <p>Allerdings hat ein älteres Weibchen, nämlich die Matriarchin Gladis, der Bootsbesatzung einer wissenschaftlichen Expedition <a href="https://psycnet.apa.org/fulltext/2026-29805-001.html" rel="noopener">einen Thunfischkopf geschenkt, wie die Orca-Experten Jared R. Towers und Ingrid N. Visser in diesem Jahr publizierten</a>. Sie haben derartige Beobachtungen weltweit gesammelt und nach Erklärungen gesucht. Die wahrscheinlichste ist, dass Orcas Menschen als gleich gestellte Lebensform respektieren und damit die sozialen Bande stärken wollen. In den Familien ist das Teilen von Nahrung üblich, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken: So werden Schweinswale oder Robben manchmal gemeinsam gejagt und dann auch gemeinsam verspeist – für jeden Orca bleibt nur ein Häppchen.<br></br>Das ist nicht in Übereinklang mit einem angeblichen Rachefeldzug zu bringen.</p> <p>Das Meer ist dort, vor Gibraltar, zwischen Marokko und spanischen und portugiesischen Küsten sehr stark frequentiert durch Fracht- und Personenverkehr, Freizeitboote sowie durch Fischerei. Die Fischerei auf Thunfisch ist ein finanzstarkes Geschäft für marokkanische und spanische Fischer – auch die Orcas sind wegen dieser großen Fische hier. Die Gibraltar-Gruppe ist die <a href="https://www.orcaiberica.org/en/post/gtoa-catalogue-of-photo-identification-of-iberian-orcas" rel="noopener">kleinste Population der europäischen Orcas und mit höchstens noch 49 Individuen</a> (verschiedene Publikationen nennen unterschiedlichen Zahlen) die am stärksten bedrohte.<br></br>Im Interview hatte mir ein Mitarbeiter des Whale Watching-Unternehmens FIRRM 2022 erzählt, dass Orcas immer wieder in die Netze geraten, ein Kalb darin gestorben ist und die Mutter bei dessen Befreiungsversuch eine Brustflosse verlor. Vermutlich gäbe es weitere Opfer. Außerdem wenden sich die Fischer immer wieder gegen die Orcas – viele Wale tragen Narben, etwa von Messern.<br></br>Zusätzliche <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/tourismus-schifffahrt/toter-pottwal-nach-schiffskollision-in-der-strasse-von-gibraltar/" rel="noopener">Gefahren für Wale gehen von Schnellfähren aus: Immer wieder werden Wale</a> überfahren und schwer verletzt, manche sterben sogar daran. Wo sich Schifffahrtsrouten und Lebensräume von langsam an der Oberfläche schwimmenden Meerestieren überschneiden, sind auch langsamere Schiffe ein großes Problem für Wale, Schiffskollisionen sind eine genauso häufige Todesursache wie das Verheddern in Fischereigerätschaften. In den letzten Jahren <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/tourismus-schifffahrt/toter-pottwal-nach-schiffskollision-in-der-strasse-von-gibraltar/" rel="noopener">starben dort wohl 5 Pottwale, weil sie überfahren</a> wurden.</p> <p>Im August kam auch eine gute Nachricht: <a href="https://www.facebook.com/OrcaIberica/" rel="noopener">Das Weibchen IB28 Scarlet,</a> die selbst seit 10 Jahren eine Waise ist, hat ein Kalb zur Welt gebracht. Viele Orca-Kälber überleben ihr erstes Lebensjahr nicht, aber die Biologen sind voller Hoffnung, dass dieses überlebt und die Gruppe wieder wachsen kann.<br></br>Aufgrund des starken Streßpegels und des Nahrungsmangels steht es nämlich schlecht um die Gibraltar-Schwertwale, sie bekommen nur sehr wenig Nachwuchs.</p> <h2><br></br><strong>Die Thunfisch-Kultur der Gibraltar-Schwertwale</strong></h2> <p>Ab Januar ziehen die Roten Thunfische (Blauflossen-Thun, <em>Thynnus thunnus</em>) aus dem Atlantik durch die Straße von Gibraltar zur Fortpflanzung ins Mittelmeer, dann tauchen auch die schwarz-weißen Zahnwale dort auf. Die Orcas der Straße von Gibraltar und des Golfs von Cádiz sind die südlichste Unter-Population der Nordostatlantik-Schwertwale und werden von den über 3 Meter großen und 300 Kilogramm schweren Fische angelockt. Nach der Thun-Saison im Oktober verschwinden die Wale wieder im offenen Atlantik, wohin, ist nicht bekannt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 591px) 100vw, 591px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63-591x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63-591x1024.png 591w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63-173x300.png 173w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63.png 695w" width="591"></img></a></figure> <p>Historische Quellen dokumentieren die großen Delphinartigen in dieser Region seit über 500 Jahren und den Thunfischfang seit der Antike: <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-11545-6_4" rel="noopener">Seit die Phönizier und Römer der Antike</a> den Thunfischfang bereits im großen Maßstab mit speziellen Fischfallen betrieben haben, sind die Riesenfische durch den Siegeszug des Sushi heute noch wertvoller geworden. Aber die einstmals großen Thunfisch-Bestände sind längst überfischt. Nach dem Beinahe-Kollaps des Bestands wurde der Fang 1998 mit strengen niedrigen Quoten geschützt, seit 2009 erholte sich der Bestand allmählich ein wenig, heute stellen marokkanische und spanische Fischer den Thunen nach. In spanischen Gewässern wird die Fischerei nach EU-Recht durch Fischereiinspektoren und die Guardia Civil überwacht. In Marokko gibt es kaum Überwachung, dafür viele Interaktionen der teils schon verzweifelten Fischer auf oft sehr kleinen Booten mit der Meeressäuger-Konkurrenz.<br></br>Gerade durch die Abnahme der Thunfischbestände müssen Orcas sich immer mehr anstrengen, um satt zu werden. Sie können stattdessen nicht einfach andere Fischarten jagen, sondern müssen berücksichtigen, dass sie bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/">dem Energieaufwand für die Jagd mit der Beute auch genügend Energie aufnehmen</a> – Thunfische sind besonders fett und groß, also eine lohnenswerte Mahlzeit.</p> <p>Die schnellen schwarz-weißen Meeressäuger können nicht so gut tauchen, darum müssen sie sich die Fische weiter oben schnappen: An einer Stelle vor der Straße von Gibraltar leitet ein Unterwassergebirge die Fische in „nur noch“ 500 Meter oder weniger, dort hoffen die Wale auf Beute. Außerdem nutzen sie die Fischer, die die Fische aus der Tiefe nach oben ziehen und pflücken diesen dann vom Haken.<br></br>1998 hatte ein <a href="https://www.researchgate.net/profile/Renaud-Stephanis/publication/237506948_INTERACTIONS_BETWEEN_KILLER_WHALES_ORCINUS_ORCA_AND_RED_TUNA_THUNNUS_THYNNUS_FISHERY_IN_THE_STRAIT_OF_GIBRALTAR/links/00b49527a1d0de7e86000000/INTERACTIONS-BETWEEN-KILLER-WHALES-ORCINUS-ORCA-AND-RED-TUNA-THUNNUS-THYNNUS-FISHERY-IN-THE-STRAIT-OF-GIBRALTAR.pdf?_sg%5B0%5D=aMpOhW5tQWHJ78p9RvbYriuTXwi6bfVvNZfOUFDXqqFTVZQ-q44iEErsVcbw3oNV79hfZR_i41IQKwY12GIrAg.ueiToO10F2xRopP3BLF44nW61KCyW-Sbr7PayAkw7-QOVhgVplcpvet9RBwSB2bwjH_oC7rPuZXa04Vm-6_NnA&amp;_sg%5B1%5D=xlHDOJ9TV5XLLvKQAeTsJnGmFtZmrrHC4LI75hlQfxFC4v5oDi3rGvDqycHuyDKkMbPbVVwy0EopgLUqFgDcC1IN90v4r4JWRDcI8IYP6jog.ueiToO10F2xRopP3BLF44nW61KCyW-Sbr7PayAkw7-QOVhgVplcpvet9RBwSB2bwjH_oC7rPuZXa04Vm-6_NnA&amp;_iepl=" rel="noopener">Biologen-Team verschiedener Institute um Neus Pérez Gimeno</a> einige Fischer zu interviewt, und damit erstmal Interaktionen mit Orcas dokumentiert. 1999 und 2000 beobachteten und dokumentierten sie dann bei einem Schiffs-Survey das Verhalten der Orcas und ihre Familienstrukturen sowie die Interaktionen mit Fischern und fotografierten die individuell geformten Rückenflossen für den ersten Photo-Identifikations-Katalog.</p> <p>Dabei wurde klar, dass zwei Wal-Familien gelernt hatten, die Fische beim Einholen der Fischleinen direkt von den Haken zu pflücken. Einige Leinen sind mit einem Gewicht beschwert und reichen damit in größere Wassertiefen, als die Orcas erreichen können – dort schwimmen die größten Thune. Nach dem Ausklinken des Gewichts steigt der Fang an die Meeresoberfläche. So verhelfen die Fischer den Walen unfreiwillig zu größeren Mahlzeiten und besserer Fitness, die Kälber dieser beiden Familien hatten im Forschungszeitraum deutlich höhere Überlebenschancen.<br></br>Daneben kommen auch Schleppleinen oder Angeln zum Einsatz, neben den Berufsfischern ist die Gegend auch für Sportfischer attraktiv.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="199" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image.jpeg 500w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-300x119.jpeg 300w" width="500"></img></a></figure> <p>Ruth Esteban et al: “Dynamics of killer whale, bluefin tuna and human fisheries in the Strait of Gibraltar” <a href="https://doi.org/10.1016/j.biocon.2015.11.031" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biocon.2015.11.031</a></p> <p>Bei einer anderen traditionellen Fangtechnik, der Almadraba, bilden am Meeresboden verankert Stellnetze eine Fischfalle. Ist ein Schwarm Thunfische darin gefangen, verschließen die Fischer das Netz hinter ihnen und können gleich den ganzen Schwarm abfischen. Ein mittlerweile verstorbenes Männchen hatte gelernt, in den Netzkessel hinein- und wieder hinauszuschwimmen, um sich dort zu bedienen. In den unzerreißbaren Kunststoffnetzen haben <a href="https://www.theguardian.com/environment/2020/sep/13/the-tale-of-the-killer-whales" rel="noopener">schon zwei Weibchen eine Brustflosse</a> eingebüßt, eine der beiden hat bei der gleichen Interaktion auch noch ihr Kalb verloren. Viele Orcas tragen tiefe Narben, sowohl von den Haken als auch von den Netzen, der Verlust eines Familienmitglieds ist für sie ähnlich traumatisierend wie für Menschen.<br></br>Die erbosten Fischer versuchen die schwarz-weißen Meeresjäger mit Steinwürfen, manchmal sogar mit Elektroschockern oder Messern, zu vertreiben, wie Jörn Selling von der Stiftung firmm (<strong>f</strong>oundation for <strong>i</strong>nformation and <strong>r</strong>esearch on <strong>m</strong>arine <strong>m</strong>ammals) schon häufiger beobachtet hat, er ist seit über 17 Jahren vor Ort (ich hatte ihn 2022 zu diesem Thema interviewt). <a href="https://www.firmm.org/de/forschung/themen/orcas" rel="noopener">Die Stiftung firrm erforscht die Orcas vor Gibraltar und bietet von Biologen geleitete Whale watching-Touren</a> an.</p> <h2><strong>Zum Weiterschauen und Stöbern</strong></h2> <p><strong>Die Seite <a href="https://www.orcaiberica.org/en" rel="noopener">„The Iberian Orca“</a> bietet viele Infos.</strong></p> <p><strong>Auf Facebook schreibt die Gruppe über aktuelle Vorkommnisse: <a href="https://www.facebook.com/OrcaIberica" rel="noopener">Orca Ibérica GTOA</a>.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6.jpg"><img alt="" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 344px) 100vw, 344px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6.jpg 344w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6-300x240.jpg 300w" width="344"></img></a></figure> <p>Die ARTE-Doku begleitet den CIRCE-Mitarbeiter und Biologen Renaud de Stephanis und sein Team zu den Schwertwalen. Der Beitrag gibt einen ganz guten Überblick, ich finde ihn allerdings nicht wirklich gut:<br></br>– natürlich gibt es neben dem CIRCE-Team weitere Wal-ExpertInnen, die auch auf See arbeiten<br></br>– Wir sollten den Begriff „Killerwale“ vermeiden – sie heißen im Deutschen Schwertwale<br></br>– der Orca-Bulle Kamacho (?) war ganz sicher nicht der „Patriarch“, so etwas gibt es nicht. Orca-Gruppen werden von Matriarchinnen, alten Weibchen, geführt. Dieser Bulle war der älteste Sohn der Matriarchin<br></br>– die Wale stehlen nicht die Fische der Fischer – sie waren schließlich zuerst da<p><strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3oH5fSfEPxg" rel="noopener">ARTE: „Aufstand der Orcas“</a></strong></p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Was steckt hinter den Orca-Interaktionen mit Jachten vor Gibraltar? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Das Muster ist immer das gleiche: Die großen schwarz-weißen Wale pirschen sich unbemerkt von hinten an eine Segeljacht an. Dann tauchen die markanten, bei Männchen bis zu zwei Meter hohen Rückenflossen neben dem Boot auf. Bis 2020 war das Auftauchen einer Gruppe Schwertwale eine faszinierende Begegnung – aber dann begannen einige von ihnen, vor Gibraltar Jachten zu rammen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="656" sizes="(max-width: 742px) 100vw, 742px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61.png 742w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-61-300x265.png 300w" width="742"></img></a></figure> <p>Seitdem ruft der Anblick der schnellen und intelligenten Top-Prädatoren bei Seglern vor den spanischen, portugiesischen und marokkanischen Küste eher Panik hervor, schließlich sind seitdem fünf Jachten unter den wuchtigen Rammstößen gesunken, und Dutzende viele andere mussten mit zertrümmertem Ruder zum nächsten Hafen geschleppt werden. Gegen die Kraft der bis zu 7 Meter und bis zu 6 Tonnen schweren, manövrierfähigen und intelligenten Meeressäuger kann ein Mensch auf einem Boot nichts ausrichten. Die Wale koordinieren ihre Attacke mit schrillen Pfiffen, was zusammen mit den Geräuschen von Wind, Meer und den Rammstößen eine beängstigende Geräuschkulisse ergibt – die Segler können nur hilflos abwarten. Dabei gehen die Wale gezielt auf die Ruderanlage am Heck: Sie schreddern die Kunststoffruder, die Wucht ihrer <a href="https://www.theguardian.com/environment/2020/sep/13/the-tale-of-the-killer-whales" rel="noopener">Angriffe reißt dem Rudergänger oft das Ruder aus der Hand</a>, manchmal brechen sie dabei die menschlichen Knochen. Der erste Zwischenfall wurde 2020 berichtet, seitdem verhalten einige Gibraltar-Orcas sich so.<br></br>War es zunächst nur eine kleine Gruppe Heranwachsender unter der Leitung der erwachsenen Gladis, werden es nun offenbar immer mehr Exemplare. Sie bringen sich diese neue Verhaltensweise bei, wie eine neue Jagdmethode.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="978" sizes="(max-width: 725px) 100vw, 725px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62.png 725w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-62-222x300.png 222w" width="725"></img></a></figure> <p>Die Gruppe „Iberian Orca“ mit Wal-Experten aus Spanien, Portugal und Frankreich<a href="https://www.orcaiberica.org/en/recomendaciones" rel="noopener"> sammelt</a> die Beobachtungen und versucht, das Verhalten zu erklären.<br></br>Die Biologen denken, dass die Orcas die Boote an der Weiterfahrt stoppen wollen und darum gezielt die Ruder zerstören. Nach zu vielen Zwischenfällen und Verletzungen sowie sogar toten Walen wollen sie vermutlich weiteren ihre Gruppe schützen. Neben der Zerstörung des Ruders versuchen sie manchmal auch, die Boote zum Wenden zu bringen. Darum nennen die Biologen das Vorgehen der Orcas nicht „Attacke“, sondern „disruptives Verhalten“: das Ziel sei, ein Boot an der Weiterfahrt zu hindern.<br></br>Den Seglern geben sie den Rat, wenn Orcas im Gebiet gemeldet sind, dieses Seegebiet nicht zu durchqueren, sondern es zu umfahren oder zu warten. Außerdem sollen die Segler keinesfalls selbst aggressiv gegen die Schwertwale vorgehen. Stattdessen sollen sie das Ruder <a href="https://www.orcaiberica.org/en/recomendaciones" rel="noopener">loslassen und sich von der Reling zurückziehen (hier sind die vollständigen Empfehlungen</a>).<br></br>Bislang wenden sich die Wale nur gegen die Boote, sie haben zu keinem Zeitpunkt einen Menschen direkt angegriffen. Sollten sie allerdings erleben, dass nicht die Boote, sondern die Menschen das Problem sind, könnte sich dies ändern. Darum warnen die Biologen eindringlich davor, Feuerwerkskörper oder andere Gegenstände nach den Walen zu werfen oder sie anders zu verletzen.</p> <p>Leider greifen manche Segler zu aggressiven Gegenmaßnahmen – Anfang August 2026 hat jemand <a href="https://people.com/spain-investigates-possible-shotgun-wounds-on-iberian-orca-12061980" rel="noopener">mit einer Ladung Schrot auf die Orca-Matriarchin A-001 Toñi geschossen.</a></p> <p><img decoding="async" height="279" src="https://scilogs.spektrum.de/a419b1ea-5eb4-4d83-9ecb-b7a387aad7c1" width="155"></img><p>Solch eine Eskalation ist nicht nur für die Wale katastrophal. Schließlich bedeuten Wunden immer ein gesundheitliches Risiko und erhöhen den Streßpegel. Gleichzeitig besteht hier auch die Gefahr, dass die Schwertwale eine Gegenreaktion gegen die Menschen entwickeln – das wäre übel.</p><br></br>Andere Orcas tragen Narben von Schiffsschrauben – sie sind überfahren und dabei verletzt worden. Darum weisen die Biologen immer wieder eindringlich darauf hin, den Walen nicht zu nahe zu kommen, um bessere Filmaufnahmen und Fotos machen zu können, sondern respektvoll Abstand zu halten.<br></br>Wieder andere Exemplare tragen Narben von Interaktionen mit Fischereigeschirr wie Netzmarken oder sogar amputierte Flossen davon.<aside></aside></p> <h2><strong>Zwischen Jachtenschubsen und Fischgeschenken</strong></h2> <p>Zunächst sah es so aus, als ob nur einige Orcas der Population sich an den Interaktionen beteiligen. Mittlerweile scheinen aber wesentlich mehr Schwertwale daran teilzunehmen.<br></br>Wie andere Orca-Populationen auch sind diese mit ihren <a href="https://www.orcaiberica.org/en/post/gtoa-catalogue-of-photo-identification-of-iberian-orcas" rel="noopener">individuell geformten Rückenflossen in einem Photo-ID-Katalog</a> gesammelt. Die Jachtbesatzungen berichten immer wieder, dass die Orcas ihr Verhalten gut abstimmen und während der Interaktion mit Pfiffen interagieren – genauso wie bei gemeinsamen Angriffen auf große Wale.</p> <p>Mittlerweile vermuten manche Biologen, dass ein älteres Weibchen durch den Verlust eines Kalbs oder anderen Familienmitglieds traumatisiert ist und sich rächen oder die Familie vor weiterem Schaden beschützen will. Manch andere erklären dieses Verhalten einfach als Trend beim Spielen. Schließlich denken sich Orca-Populationen immer wieder neue Spiele aus. Mir persönlich erscheint das angesichts des gezielten Vorgehens der Wale eher unwahrscheinlich.</p> <p>Allerdings hat ein älteres Weibchen, nämlich die Matriarchin Gladis, der Bootsbesatzung einer wissenschaftlichen Expedition <a href="https://psycnet.apa.org/fulltext/2026-29805-001.html" rel="noopener">einen Thunfischkopf geschenkt, wie die Orca-Experten Jared R. Towers und Ingrid N. Visser in diesem Jahr publizierten</a>. Sie haben derartige Beobachtungen weltweit gesammelt und nach Erklärungen gesucht. Die wahrscheinlichste ist, dass Orcas Menschen als gleich gestellte Lebensform respektieren und damit die sozialen Bande stärken wollen. In den Familien ist das Teilen von Nahrung üblich, um den sozialen Zusammenhalt zu stärken: So werden Schweinswale oder Robben manchmal gemeinsam gejagt und dann auch gemeinsam verspeist – für jeden Orca bleibt nur ein Häppchen.<br></br>Das ist nicht in Übereinklang mit einem angeblichen Rachefeldzug zu bringen.</p> <p>Das Meer ist dort, vor Gibraltar, zwischen Marokko und spanischen und portugiesischen Küsten sehr stark frequentiert durch Fracht- und Personenverkehr, Freizeitboote sowie durch Fischerei. Die Fischerei auf Thunfisch ist ein finanzstarkes Geschäft für marokkanische und spanische Fischer – auch die Orcas sind wegen dieser großen Fische hier. Die Gibraltar-Gruppe ist die <a href="https://www.orcaiberica.org/en/post/gtoa-catalogue-of-photo-identification-of-iberian-orcas" rel="noopener">kleinste Population der europäischen Orcas und mit höchstens noch 49 Individuen</a> (verschiedene Publikationen nennen unterschiedlichen Zahlen) die am stärksten bedrohte.<br></br>Im Interview hatte mir ein Mitarbeiter des Whale Watching-Unternehmens FIRRM 2022 erzählt, dass Orcas immer wieder in die Netze geraten, ein Kalb darin gestorben ist und die Mutter bei dessen Befreiungsversuch eine Brustflosse verlor. Vermutlich gäbe es weitere Opfer. Außerdem wenden sich die Fischer immer wieder gegen die Orcas – viele Wale tragen Narben, etwa von Messern.<br></br>Zusätzliche <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/tourismus-schifffahrt/toter-pottwal-nach-schiffskollision-in-der-strasse-von-gibraltar/" rel="noopener">Gefahren für Wale gehen von Schnellfähren aus: Immer wieder werden Wale</a> überfahren und schwer verletzt, manche sterben sogar daran. Wo sich Schifffahrtsrouten und Lebensräume von langsam an der Oberfläche schwimmenden Meerestieren überschneiden, sind auch langsamere Schiffe ein großes Problem für Wale, Schiffskollisionen sind eine genauso häufige Todesursache wie das Verheddern in Fischereigerätschaften. In den letzten Jahren <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/tourismus-schifffahrt/toter-pottwal-nach-schiffskollision-in-der-strasse-von-gibraltar/" rel="noopener">starben dort wohl 5 Pottwale, weil sie überfahren</a> wurden.</p> <p>Im August kam auch eine gute Nachricht: <a href="https://www.facebook.com/OrcaIberica/" rel="noopener">Das Weibchen IB28 Scarlet,</a> die selbst seit 10 Jahren eine Waise ist, hat ein Kalb zur Welt gebracht. Viele Orca-Kälber überleben ihr erstes Lebensjahr nicht, aber die Biologen sind voller Hoffnung, dass dieses überlebt und die Gruppe wieder wachsen kann.<br></br>Aufgrund des starken Streßpegels und des Nahrungsmangels steht es nämlich schlecht um die Gibraltar-Schwertwale, sie bekommen nur sehr wenig Nachwuchs.</p> <h2><br></br><strong>Die Thunfisch-Kultur der Gibraltar-Schwertwale</strong></h2> <p>Ab Januar ziehen die Roten Thunfische (Blauflossen-Thun, <em>Thynnus thunnus</em>) aus dem Atlantik durch die Straße von Gibraltar zur Fortpflanzung ins Mittelmeer, dann tauchen auch die schwarz-weißen Zahnwale dort auf. Die Orcas der Straße von Gibraltar und des Golfs von Cádiz sind die südlichste Unter-Population der Nordostatlantik-Schwertwale und werden von den über 3 Meter großen und 300 Kilogramm schweren Fische angelockt. Nach der Thun-Saison im Oktober verschwinden die Wale wieder im offenen Atlantik, wohin, ist nicht bekannt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 591px) 100vw, 591px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63-591x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63-591x1024.png 591w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63-173x300.png 173w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-63.png 695w" width="591"></img></a></figure> <p>Historische Quellen dokumentieren die großen Delphinartigen in dieser Region seit über 500 Jahren und den Thunfischfang seit der Antike: <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-11545-6_4" rel="noopener">Seit die Phönizier und Römer der Antike</a> den Thunfischfang bereits im großen Maßstab mit speziellen Fischfallen betrieben haben, sind die Riesenfische durch den Siegeszug des Sushi heute noch wertvoller geworden. Aber die einstmals großen Thunfisch-Bestände sind längst überfischt. Nach dem Beinahe-Kollaps des Bestands wurde der Fang 1998 mit strengen niedrigen Quoten geschützt, seit 2009 erholte sich der Bestand allmählich ein wenig, heute stellen marokkanische und spanische Fischer den Thunen nach. In spanischen Gewässern wird die Fischerei nach EU-Recht durch Fischereiinspektoren und die Guardia Civil überwacht. In Marokko gibt es kaum Überwachung, dafür viele Interaktionen der teils schon verzweifelten Fischer auf oft sehr kleinen Booten mit der Meeressäuger-Konkurrenz.<br></br>Gerade durch die Abnahme der Thunfischbestände müssen Orcas sich immer mehr anstrengen, um satt zu werden. Sie können stattdessen nicht einfach andere Fischarten jagen, sondern müssen berücksichtigen, dass sie bei <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/">dem Energieaufwand für die Jagd mit der Beute auch genügend Energie aufnehmen</a> – Thunfische sind besonders fett und groß, also eine lohnenswerte Mahlzeit.</p> <p>Die schnellen schwarz-weißen Meeressäuger können nicht so gut tauchen, darum müssen sie sich die Fische weiter oben schnappen: An einer Stelle vor der Straße von Gibraltar leitet ein Unterwassergebirge die Fische in „nur noch“ 500 Meter oder weniger, dort hoffen die Wale auf Beute. Außerdem nutzen sie die Fischer, die die Fische aus der Tiefe nach oben ziehen und pflücken diesen dann vom Haken.<br></br>1998 hatte ein <a href="https://www.researchgate.net/profile/Renaud-Stephanis/publication/237506948_INTERACTIONS_BETWEEN_KILLER_WHALES_ORCINUS_ORCA_AND_RED_TUNA_THUNNUS_THYNNUS_FISHERY_IN_THE_STRAIT_OF_GIBRALTAR/links/00b49527a1d0de7e86000000/INTERACTIONS-BETWEEN-KILLER-WHALES-ORCINUS-ORCA-AND-RED-TUNA-THUNNUS-THYNNUS-FISHERY-IN-THE-STRAIT-OF-GIBRALTAR.pdf?_sg%5B0%5D=aMpOhW5tQWHJ78p9RvbYriuTXwi6bfVvNZfOUFDXqqFTVZQ-q44iEErsVcbw3oNV79hfZR_i41IQKwY12GIrAg.ueiToO10F2xRopP3BLF44nW61KCyW-Sbr7PayAkw7-QOVhgVplcpvet9RBwSB2bwjH_oC7rPuZXa04Vm-6_NnA&amp;_sg%5B1%5D=xlHDOJ9TV5XLLvKQAeTsJnGmFtZmrrHC4LI75hlQfxFC4v5oDi3rGvDqycHuyDKkMbPbVVwy0EopgLUqFgDcC1IN90v4r4JWRDcI8IYP6jog.ueiToO10F2xRopP3BLF44nW61KCyW-Sbr7PayAkw7-QOVhgVplcpvet9RBwSB2bwjH_oC7rPuZXa04Vm-6_NnA&amp;_iepl=" rel="noopener">Biologen-Team verschiedener Institute um Neus Pérez Gimeno</a> einige Fischer zu interviewt, und damit erstmal Interaktionen mit Orcas dokumentiert. 1999 und 2000 beobachteten und dokumentierten sie dann bei einem Schiffs-Survey das Verhalten der Orcas und ihre Familienstrukturen sowie die Interaktionen mit Fischern und fotografierten die individuell geformten Rückenflossen für den ersten Photo-Identifikations-Katalog.</p> <p>Dabei wurde klar, dass zwei Wal-Familien gelernt hatten, die Fische beim Einholen der Fischleinen direkt von den Haken zu pflücken. Einige Leinen sind mit einem Gewicht beschwert und reichen damit in größere Wassertiefen, als die Orcas erreichen können – dort schwimmen die größten Thune. Nach dem Ausklinken des Gewichts steigt der Fang an die Meeresoberfläche. So verhelfen die Fischer den Walen unfreiwillig zu größeren Mahlzeiten und besserer Fitness, die Kälber dieser beiden Familien hatten im Forschungszeitraum deutlich höhere Überlebenschancen.<br></br>Daneben kommen auch Schleppleinen oder Angeln zum Einsatz, neben den Berufsfischern ist die Gegend auch für Sportfischer attraktiv.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="199" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image.jpeg 500w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-300x119.jpeg 300w" width="500"></img></a></figure> <p>Ruth Esteban et al: “Dynamics of killer whale, bluefin tuna and human fisheries in the Strait of Gibraltar” <a href="https://doi.org/10.1016/j.biocon.2015.11.031" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biocon.2015.11.031</a></p> <p>Bei einer anderen traditionellen Fangtechnik, der Almadraba, bilden am Meeresboden verankert Stellnetze eine Fischfalle. Ist ein Schwarm Thunfische darin gefangen, verschließen die Fischer das Netz hinter ihnen und können gleich den ganzen Schwarm abfischen. Ein mittlerweile verstorbenes Männchen hatte gelernt, in den Netzkessel hinein- und wieder hinauszuschwimmen, um sich dort zu bedienen. In den unzerreißbaren Kunststoffnetzen haben <a href="https://www.theguardian.com/environment/2020/sep/13/the-tale-of-the-killer-whales" rel="noopener">schon zwei Weibchen eine Brustflosse</a> eingebüßt, eine der beiden hat bei der gleichen Interaktion auch noch ihr Kalb verloren. Viele Orcas tragen tiefe Narben, sowohl von den Haken als auch von den Netzen, der Verlust eines Familienmitglieds ist für sie ähnlich traumatisierend wie für Menschen.<br></br>Die erbosten Fischer versuchen die schwarz-weißen Meeresjäger mit Steinwürfen, manchmal sogar mit Elektroschockern oder Messern, zu vertreiben, wie Jörn Selling von der Stiftung firmm (<strong>f</strong>oundation for <strong>i</strong>nformation and <strong>r</strong>esearch on <strong>m</strong>arine <strong>m</strong>ammals) schon häufiger beobachtet hat, er ist seit über 17 Jahren vor Ort (ich hatte ihn 2022 zu diesem Thema interviewt). <a href="https://www.firmm.org/de/forschung/themen/orcas" rel="noopener">Die Stiftung firrm erforscht die Orcas vor Gibraltar und bietet von Biologen geleitete Whale watching-Touren</a> an.</p> <h2><strong>Zum Weiterschauen und Stöbern</strong></h2> <p><strong>Die Seite <a href="https://www.orcaiberica.org/en" rel="noopener">„The Iberian Orca“</a> bietet viele Infos.</strong></p> <p><strong>Auf Facebook schreibt die Gruppe über aktuelle Vorkommnisse: <a href="https://www.facebook.com/OrcaIberica" rel="noopener">Orca Ibérica GTOA</a>.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6.jpg"><img alt="" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 344px) 100vw, 344px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6.jpg 344w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-6-300x240.jpg 300w" width="344"></img></a></figure> <p>Die ARTE-Doku begleitet den CIRCE-Mitarbeiter und Biologen Renaud de Stephanis und sein Team zu den Schwertwalen. Der Beitrag gibt einen ganz guten Überblick, ich finde ihn allerdings nicht wirklich gut:<br></br>– natürlich gibt es neben dem CIRCE-Team weitere Wal-ExpertInnen, die auch auf See arbeiten<br></br>– Wir sollten den Begriff „Killerwale“ vermeiden – sie heißen im Deutschen Schwertwale<br></br>– der Orca-Bulle Kamacho (?) war ganz sicher nicht der „Patriarch“, so etwas gibt es nicht. Orca-Gruppen werden von Matriarchinnen, alten Weibchen, geführt. Dieser Bulle war der älteste Sohn der Matriarchin<br></br>– die Wale stehlen nicht die Fische der Fischer – sie waren schließlich zuerst da<p><strong><a href="https://www.youtube.com/watch?v=3oH5fSfEPxg" rel="noopener">ARTE: „Aufstand der Orcas“</a></strong></p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/was-steckt-hinter-den-orca-interaktionen-mit-jachten-vor-gibraltar/#comments 3 HIV und das Gehirn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hiv-und-das-gehirn/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hiv-und-das-gehirn/#respond Tue, 01 Sep 2026 12:35:28 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6318 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/HIV-1_Transmission_electron_micrograph_AIDS02bbb_lores.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hiv-und-das-gehirn/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/HIV-1_Transmission_electron_micrograph_AIDS02bbb_lores.jpg" /><h1>HIV und das Gehirn » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-09-01T14:35:28+02:00">01. Sep. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 8 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Dank moderner Therapien ist HIV heute gut behandelbar. Und doch bleibt die Infektion weit mehr als nur ein immunologisches Problem : Das Virus kann bereits früh ins Gehirn gelangen und dort subtile, aber folgenreiche Veränderungen auslösen. Eine mögliche Folge ist die HIV-assoziierte neurokognitive Störung (HAND), die Konzentration, Gedächtnis, Verhalten und motorische Funktionen beeinträchtigen kann.</p> <h3>Was ist HIV?</h3> <p>HIV steht für Humanes Immundefizienz-Virus. Es handelt sich um ein Virus, das bestimmte Zellen des Immunsystems angreift und dadurch die Abwehr des Körpers nach und nach schwächt. Unbehandelt kann eine HIV-Infektion im Verlauf zu AIDS führen, dem Stadium einer schweren Immunschwäche [1].</p> <p>Heute ist HIV dank moderner Therapie in der Regel gut behandelbar. Die Therapie kann die Virusvermehrung im Körper stark unterdrücken, die Lebenserwartung deutlich verbessern und auch Folgeerkrankungen verringern. Dennoch bleibt HIV eine chronische Infektion mit möglichen Langzeitfolgen und Auswirkungen auf das Gehirn, etwa durch Veränderungen in Verhalten, Bewegung und unbewusst gesteuerten Körperfunktionen [2, 3, 4, 5]. Die durch HIV verursachte Beeinträchtigung der Kognition wird als HIV-assoziierte neurokognitive Störung (HAND) bezeichnet.</p> <h3>Was passiert im Gehirn?</h3> <p>Bei Menschen ohne wirksame HIV-Therapie zeigen sich bei HAND häufig entzündliche Veränderungen des Gehirns, die als HIV-Enzephalitis und HIV-Leukenzephalopathie bezeichnet werden. Typisch sind dabei Entzündungszellen wie Lymphozyten und Makrophagen, den Immunzellen des Körpers, sowie mehrkernige Riesenzellen, die durch die Verschmelzung von Makrophagen entstehen [6]. Zusätzlich kommt es zu Schäden an der weißen Hirnsubstanz, begleitet von einer Aktivierung bestimmter Stützzellen des Gehirns und einer Einwanderung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Mikroglia</a>, welche die Immunzellen des Gehirns sind [7].</p> <p>Bereits in frühen Stadien der HIV-Infektion kann das Virus über infizierte Immunzellen ins Gehirn gelangen [8]. Deshalb lassen sich Veränderungen im Nervenwasser oft schon nachweisen, obwohl Betroffene noch keine Symptome zeigen [9, 10]. <aside></aside></p> <p>Das Virus vermehrt sich vor allem in Immunzellen des Gehirns wie in den Mikroglia und Lymphozyten [11]. Nervenzellen selbst werden meist kaum direkt infiziert, erleiden aber dennoch Schäden. Dazu gehören der Verlust von Synapsen [12], programmierter Zelltod sowie die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe [13].</p> <p>Eine hohe Viruslast im Nervenwasser gilt zudem als Hinweis auf ein erhöhtes Risiko, später HAND zu entwickeln [14].</p> <h3>Schweregrad der HAND</h3> <p>HAND wird in drei Schweregrade eingeteilt: </p> <ul> <li>HIV‑1‑assoziierte asymptomatische neurokognitive Beeinträchtigung (ANI)</li> <li>milde neurokognitive Störung (MND) </li> <li>HIV‑1‑assoziierte Demenz (HAD). </li> </ul> <p>Bei der mildesten Form, ANI, sind messbare Leistungen in mindestens zwei Denk- oder Gedächtnisbereichen etwas schlechter als erwartet, ohne dass der Alltag dadurch spürbar beeinträchtigt ist. Bei MND sind die kognitiven Auffälligkeiten stärker und beginnen, den Alltag merklich zu beeinflussen. Die schwerste Form ist HAD, bei der die geistige Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist und alltägliche Aktivitäten klar erschwert werden [15].</p> <p>Am Anfang entwickelt sich HAND meist langsam und unauffällig. Typisch sind Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sich Dinge zu merken oder mehrere Dinge gleichzeitig zu planen und zu steuern. Oft kommt auch eine allgemeine geistige Verlangsamung hinzu, also das Gefühl, dass Denken und Reaktion länger dauern als früher. Im weiteren Verlauf können depressive Verstimmung, Reizbarkeit oder andere Stimmungsschwankungen auftreten, und in fortgeschritteneren Fällen auch motorische Probleme wie verlangsamte Bewegungen [16].</p> <h3>Diagnose</h3> <p>Die Diagnose von HAND beruht auf neuropsychologischer Testung, ergänzt durch Nervenwasseruntersuchung, Bildgebung (MRT) und, bei Bedarf, elektrophysiologische Tests [16]. Ein umfassendes neuropsychologisches Testprofil sollte Sprache, Aufmerksamkeit/Arbeitsgedächtnis, Exekutivfunktionen, Lernen/Erinnern, Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie motorische Funktionen erfassen [17].</p> <h3>Therapie und Prävention</h3> <p>Die wichtigste Therapie bei HAND besteht darin, die Vermehrung von HIV im Gehirn möglichst effektiv zu unterdrücken. Moderne antiretrovirale Kombinationstherapien (cART) können die Viruslast sowohl im Gehirngewebe als auch im Nervenwasser deutlich senken und dadurch kognitive Funktionen verbessern [18, 19, 20].</p> <p>Wenn trotz Behandlung weiterhin HIV im Blut oder Nervenwasser nachweisbar ist, sollte die Therapie angepasst werden. Dabei kann auch untersucht werden, ob resistente Virusvarianten vorliegen [21]. Einige Studien deuten darauf hin, dass Medikamente, die besser ins Gehirn eindringen, die Viruslast im Nervenwasser wirksamer senken können [22]. Ob dies langfristig auch die geistige Leistungsfähigkeit verbessert, ist jedoch noch nicht eindeutig geklärt [23, 24].</p> <p>Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle. Dazu gehören die Behandlung begleitender Erkrankungen wie Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.</p> <p>Da HIV derzeit nicht vollständig aus dem Körper entfernt werden kann, bleibt die Entwicklung besserer Therapien und Präventionsstrategien ein wichtiges Ziel der Forschung.</p> <h3>HAND als neurokognitive Folgeerkrankung bei HIV</h3> <p>HAND ist eine multifaktorielle, klinisch variable Erkrankung mit nach wie vor hoher Relevanz im Zeitalter erfolgreicher HIV‑Therapie. Früherkennung, strukturiertes diagnostisches Vorgehen und konsequente antiretrovirale Therapie bleiben die Eckpfeiler der Versorgung, ergänzt durch Management von Komorbiditäten und individualisierte Therapieentscheidungen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Deutsche Aidshilfe. (o. D.). HIV &amp; AIDS. aidshilfe.de</li> <li>Arendt, G., Hefter, H., Elsing, C., Strohmeyer, G., &amp; Freund, H. J. (1990). Motor dysfunction in HIV-infected patients without clinically detectable central nervous deficit. <em>Journal of Neurology, 237</em>(6), 362–368.</li> <li>McArthur, J. C., Hoover, D. R., Bacellar, H., Miller, E. N., Cohen, B. A., Becker, J. T., Graham, N. M. H., McArthur, J. H., Selnes, O. A., Jacobson, L. P., Visscher, B. R., Concha, M., &amp; Saah, A. (1993). Dementia in AIDS patients: Incidence and risk factors. <em>Neurology, 43</em>(11), 2245–2252.</li> <li>Navia, B. A., Jordan, B. D., &amp; Price, R. W. (1986). The AIDS dementia complex: I. Clinical features. <em>Annals of Neurology, 19</em>(6), 517–524.</li> <li>Snider, W. D., Simpson, D. M., Nielsen, S., Gold, J. W., Metroka, C. E., &amp; Posner, J. B. (1983). 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Progression to neuropsychological impairment in HIV infection predicted by elevated CSF levels of HIV RNA. <em>Archives of Neurology, 59</em>(6), 923–928.</li> <li>Antinori, A., Arendt, G., Becker, J. T., Brew, B. J., Byrd, D. A., Cherner, M., Clifford, D. B., Cinque, P., Epstein, L. G., Goodkin, K., Gisslén, M., Grant, I., Heaton, R. K., Joseph, J., Marder, K., Marra, C. M., McArthur, J. C., Nunn, M., Price, R. W., Pulliam, L., Robertson, K. R., Sacktor, N., Valcour, V., &amp; Wojna, V. E. (2007). Updated research nosology for HIV-associated neurocognitive disorders. <em>Neurology, 69</em>(18), 1789–1799. <a href="https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000287431.88658.8b" rel="noopener">https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000287431.88658.8b</a></li> <li>Eggers, C., Arendt, G., Hahn, K., Husstedt, I. W., Maschke, M., Neuen-Jacob, E., Obermann, M., Rosenkranz, T., Schielke, E., Straube, E., &amp; German Association of Neuro-AIDS und Neuro-Infectiology (DGNANI). (2017). HIV-1-associated neurocognitive disorder: Epidemiology, pathogenesis, diagnosis, and treatment. <em>Journal of Neurology, 264</em>(8), 1715–1727. <a href="https://doi.org/10.1007/s00415-017-8503-2" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s00415-017-8503-2</a></li> <li>Lezak, M. D., Howieson, D. B., &amp; Loring, D. W. (2004). Neuropsychological assessment (4th ed.). Oxford University Press.</li> <li>Eggers, C., Stuerenburg, H. J., Schafft, T., Zöllner, B., Stellbrink, H. J., &amp; van Lunzen, J. (2000). Rapid clearance of human immunodeficiency virus from ventricular cerebrospinal fluid during antiretroviral treatment. <em>Annals of Neurology, 47</em>(6), 816–819.</li> <li>Evers, S., Grotemeyer, K. H., Reichelt, D., Lüttmann, S., &amp; Husstedt, I. W. (1998). Impact of antiretroviral treatment on AIDS dementia: A longitudinal prospective event-related potential study. <em>Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes and Human Retrovirology, 17</em>(2), 143–148.</li> <li>von Giesen, H. J., Koller, H., Theisen, A., &amp; Arendt, G. (2002). Therapeutic effects of nonnucleoside reverse transcriptase inhibitors on the central nervous system in HIV-1-infected patients. <em>Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes, 29</em>(4), 363–367.</li> <li>Letendre, S., McClernon, D., &amp; Ellis, R. (2009). Persistent HIV in the central nervous system during treatment is associated with worse ART penetration and cognitive impairment. In <em>16th Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections (CROI)</em>, Montreal.</li> <li>Cusini, A., Vernazza, P. L., Yerly, S., Decosterd, L. A., Ledergerber, B., Fux, C. A., Rohrbach, J., Widmer, N., Hirschel, B., Gaudenz, R., Cavassini, M., Klimkait, T., Zenger, F., Gutmann, C., Opravil, M., Günthard, H. F., &amp; Swiss HIV Cohort Study. (2013). Higher CNS penetration-effectiveness of long-term combination antiretroviral therapy is associated with better HIV-1 viral suppression in cerebrospinal fluid. <em>Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes, 62</em>(1), 28–35.</li> <li>Carvalhal, A., Gill, M. J., Letendre, S. L., Rachlis, A., Bekele, T., Raboud, J., Burchell, A., Rourke, S. B., &amp; Centre for Brain Health in HIV/AIDS. (2016). Central nervous system penetration effectiveness of antiretroviral drugs and neuropsychological impairment in the Ontario HIV Treatment Network Cohort Study. <em>Journal of NeuroVirology, 22</em>(3), 349–357.</li> <li>Vassallo, M., Durant, J., Biscay, V., Lebrun-Frenay, C., Dunais, B., Laffon, M., Harvey-Langton, A., Cottalorda, J., Ticchioni, M., Carsenti, H., Pradier, C., &amp; Dellamonica, P. (2014). Can high central nervous system penetrating antiretroviral regimens protect against the onset of HIV-associated neurocognitive disorders? <em>AIDS, 28</em>(4), 493–501.</li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/HIV-1_Transmission_electron_micrograph_AIDS02bbb_lores.jpg" /><h1>HIV und das Gehirn » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-09-01T14:35:28+02:00">01. Sep. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 8 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Dank moderner Therapien ist HIV heute gut behandelbar. Und doch bleibt die Infektion weit mehr als nur ein immunologisches Problem : Das Virus kann bereits früh ins Gehirn gelangen und dort subtile, aber folgenreiche Veränderungen auslösen. Eine mögliche Folge ist die HIV-assoziierte neurokognitive Störung (HAND), die Konzentration, Gedächtnis, Verhalten und motorische Funktionen beeinträchtigen kann.</p> <h3>Was ist HIV?</h3> <p>HIV steht für Humanes Immundefizienz-Virus. Es handelt sich um ein Virus, das bestimmte Zellen des Immunsystems angreift und dadurch die Abwehr des Körpers nach und nach schwächt. Unbehandelt kann eine HIV-Infektion im Verlauf zu AIDS führen, dem Stadium einer schweren Immunschwäche [1].</p> <p>Heute ist HIV dank moderner Therapie in der Regel gut behandelbar. Die Therapie kann die Virusvermehrung im Körper stark unterdrücken, die Lebenserwartung deutlich verbessern und auch Folgeerkrankungen verringern. Dennoch bleibt HIV eine chronische Infektion mit möglichen Langzeitfolgen und Auswirkungen auf das Gehirn, etwa durch Veränderungen in Verhalten, Bewegung und unbewusst gesteuerten Körperfunktionen [2, 3, 4, 5]. Die durch HIV verursachte Beeinträchtigung der Kognition wird als HIV-assoziierte neurokognitive Störung (HAND) bezeichnet.</p> <h3>Was passiert im Gehirn?</h3> <p>Bei Menschen ohne wirksame HIV-Therapie zeigen sich bei HAND häufig entzündliche Veränderungen des Gehirns, die als HIV-Enzephalitis und HIV-Leukenzephalopathie bezeichnet werden. Typisch sind dabei Entzündungszellen wie Lymphozyten und Makrophagen, den Immunzellen des Körpers, sowie mehrkernige Riesenzellen, die durch die Verschmelzung von Makrophagen entstehen [6]. Zusätzlich kommt es zu Schäden an der weißen Hirnsubstanz, begleitet von einer Aktivierung bestimmter Stützzellen des Gehirns und einer Einwanderung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Mikroglia</a>, welche die Immunzellen des Gehirns sind [7].</p> <p>Bereits in frühen Stadien der HIV-Infektion kann das Virus über infizierte Immunzellen ins Gehirn gelangen [8]. Deshalb lassen sich Veränderungen im Nervenwasser oft schon nachweisen, obwohl Betroffene noch keine Symptome zeigen [9, 10]. <aside></aside></p> <p>Das Virus vermehrt sich vor allem in Immunzellen des Gehirns wie in den Mikroglia und Lymphozyten [11]. Nervenzellen selbst werden meist kaum direkt infiziert, erleiden aber dennoch Schäden. Dazu gehören der Verlust von Synapsen [12], programmierter Zelltod sowie die Bildung entzündungsfördernder Botenstoffe [13].</p> <p>Eine hohe Viruslast im Nervenwasser gilt zudem als Hinweis auf ein erhöhtes Risiko, später HAND zu entwickeln [14].</p> <h3>Schweregrad der HAND</h3> <p>HAND wird in drei Schweregrade eingeteilt: </p> <ul> <li>HIV‑1‑assoziierte asymptomatische neurokognitive Beeinträchtigung (ANI)</li> <li>milde neurokognitive Störung (MND) </li> <li>HIV‑1‑assoziierte Demenz (HAD). </li> </ul> <p>Bei der mildesten Form, ANI, sind messbare Leistungen in mindestens zwei Denk- oder Gedächtnisbereichen etwas schlechter als erwartet, ohne dass der Alltag dadurch spürbar beeinträchtigt ist. Bei MND sind die kognitiven Auffälligkeiten stärker und beginnen, den Alltag merklich zu beeinflussen. Die schwerste Form ist HAD, bei der die geistige Leistungsfähigkeit deutlich eingeschränkt ist und alltägliche Aktivitäten klar erschwert werden [15].</p> <p>Am Anfang entwickelt sich HAND meist langsam und unauffällig. Typisch sind Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sich Dinge zu merken oder mehrere Dinge gleichzeitig zu planen und zu steuern. Oft kommt auch eine allgemeine geistige Verlangsamung hinzu, also das Gefühl, dass Denken und Reaktion länger dauern als früher. Im weiteren Verlauf können depressive Verstimmung, Reizbarkeit oder andere Stimmungsschwankungen auftreten, und in fortgeschritteneren Fällen auch motorische Probleme wie verlangsamte Bewegungen [16].</p> <h3>Diagnose</h3> <p>Die Diagnose von HAND beruht auf neuropsychologischer Testung, ergänzt durch Nervenwasseruntersuchung, Bildgebung (MRT) und, bei Bedarf, elektrophysiologische Tests [16]. Ein umfassendes neuropsychologisches Testprofil sollte Sprache, Aufmerksamkeit/Arbeitsgedächtnis, Exekutivfunktionen, Lernen/Erinnern, Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie motorische Funktionen erfassen [17].</p> <h3>Therapie und Prävention</h3> <p>Die wichtigste Therapie bei HAND besteht darin, die Vermehrung von HIV im Gehirn möglichst effektiv zu unterdrücken. Moderne antiretrovirale Kombinationstherapien (cART) können die Viruslast sowohl im Gehirngewebe als auch im Nervenwasser deutlich senken und dadurch kognitive Funktionen verbessern [18, 19, 20].</p> <p>Wenn trotz Behandlung weiterhin HIV im Blut oder Nervenwasser nachweisbar ist, sollte die Therapie angepasst werden. Dabei kann auch untersucht werden, ob resistente Virusvarianten vorliegen [21]. Einige Studien deuten darauf hin, dass Medikamente, die besser ins Gehirn eindringen, die Viruslast im Nervenwasser wirksamer senken können [22]. Ob dies langfristig auch die geistige Leistungsfähigkeit verbessert, ist jedoch noch nicht eindeutig geklärt [23, 24].</p> <p>Auch nicht-medikamentöse Maßnahmen spielen eine wichtige Rolle. Dazu gehören die Behandlung begleitender Erkrankungen wie Depressionen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.</p> <p>Da HIV derzeit nicht vollständig aus dem Körper entfernt werden kann, bleibt die Entwicklung besserer Therapien und Präventionsstrategien ein wichtiges Ziel der Forschung.</p> <h3>HAND als neurokognitive Folgeerkrankung bei HIV</h3> <p>HAND ist eine multifaktorielle, klinisch variable Erkrankung mit nach wie vor hoher Relevanz im Zeitalter erfolgreicher HIV‑Therapie. Früherkennung, strukturiertes diagnostisches Vorgehen und konsequente antiretrovirale Therapie bleiben die Eckpfeiler der Versorgung, ergänzt durch Management von Komorbiditäten und individualisierte Therapieentscheidungen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Deutsche Aidshilfe. (o. D.). HIV &amp; AIDS. aidshilfe.de</li> <li>Arendt, G., Hefter, H., Elsing, C., Strohmeyer, G., &amp; Freund, H. J. (1990). Motor dysfunction in HIV-infected patients without clinically detectable central nervous deficit. <em>Journal of Neurology, 237</em>(6), 362–368.</li> <li>McArthur, J. C., Hoover, D. R., Bacellar, H., Miller, E. N., Cohen, B. A., Becker, J. T., Graham, N. M. H., McArthur, J. H., Selnes, O. A., Jacobson, L. P., Visscher, B. R., Concha, M., &amp; Saah, A. (1993). Dementia in AIDS patients: Incidence and risk factors. <em>Neurology, 43</em>(11), 2245–2252.</li> <li>Navia, B. A., Jordan, B. D., &amp; Price, R. W. (1986). The AIDS dementia complex: I. Clinical features. <em>Annals of Neurology, 19</em>(6), 517–524.</li> <li>Snider, W. D., Simpson, D. M., Nielsen, S., Gold, J. W., Metroka, C. E., &amp; Posner, J. B. (1983). Neurological complications of acquired immune deficiency syndrome: Analysis of 50 patients. <em>Annals of Neurology, 14</em>(4), 403–418.</li> <li>Budka, H. (1986). Multinucleated giant cells in brain, a hallmark of the acquired immunodeficiency syndrome (AIDS). <em>Acta Neuropathologica, 69</em>(3–4), 253–258.</li> <li>Budka, H., Wiley, C. A., Kleihues, P., Artigas, J., Asbury, A. K., Cho, E. S., Cornblath, D. R., Dal Canto, M. C., DeGirolami, U., Dickson, D., et al. (1991). HIV-associated disease of the nervous system: Review of nomenclature and proposal for neuropathology-based terminology. <em>Brain Pathology, 1</em>(3), 143–152.</li> <li>Gray, F., Scaravilli, F., Everall, I., Chretien, F., An, S., Boche, D., Adle‑Biassette, H., Wingertsmann, L., Durigon, M., Hurtrel, B., Chiodi, F., Bell, J., &amp; Lantos, P. (1996). Neuropathology of early HIV‑1 infection. Brain Pathology, 6(1), 1–15. https://doi.org/10.1111/j.1750-3639.1996.tb00775.x</li> <li>Elovaara, I., Seppälä, I., Poutiainen, E., Suni, J., &amp; Valle, S. L. (1988). Intrathecal humoral immunologic response in neurologically symptomatic and asymptomatic patients with human immunodeficiency virus infection. <em>Neurology, 38</em>(9), 1451–1456. https://doi.org/10.1212/WNL.38.9.1451</li> <li>Marra, C. M., Maxwell, C. L., Collier, A. C., Robertson, K. R., &amp; Imrie, A. (2007). Interpreting cerebrospinal fluid pleocytosis in HIV in the era of potent antiretroviral therapy. <em>BMC Infectious Diseases, 7</em>, 37. https://doi.org/10.1186/1471-2334-7-37</li> <li>Shaw, G. M., Harper, M. E., Hahn, B. H., Epstein, L. G., Gajdusek, D. C., Price, R. W., Navia, B. A., Petito, C. K., O’Hara, C. J., Groopman, J. E., Cho, E. S., Oleske, J. M., Wong-Staal, F., &amp; Gallo, R. C. (1985). HTLV-III infection in brains of children and adults with AIDS encephalopathy. <em>Science, 227</em>(4683), 177–182.</li> <li>Everall, I. P., Heaton, R. K., Marcotte, T. D., Ellis, R. J., McCutchan, J. A., Atkinson, J. H., Grant, I., Mallory, M., &amp; Masliah, E. (1999). Cortical synaptic density is reduced in mild to moderate HIV neurocognitive disorder. <em>Brain Pathology, 9</em>(2), 209–217.</li> <li>Silva, K., Hope-Lucas, C., White, T., Hairston, T. K., Rameau, T., &amp; Brown, A. (2015). Cortical neurons are a prominent source of the proinflammatory cytokine osteopontin in HIV-associated neurocognitive disorders. <em>Journal of NeuroVirology, 21</em>(2), 174–185. https://doi.org/10.1007/s13365-014-0304-3</li> <li>Ellis, R. J., Moore, D. J., Childers, M. E., Letendre, S., McCutchan, J. A., Wolfson, T., Spector, S. A., Hsia, K., Heaton, R. K., &amp; Grant, I. (2002). Progression to neuropsychological impairment in HIV infection predicted by elevated CSF levels of HIV RNA. <em>Archives of Neurology, 59</em>(6), 923–928.</li> <li>Antinori, A., Arendt, G., Becker, J. T., Brew, B. J., Byrd, D. A., Cherner, M., Clifford, D. B., Cinque, P., Epstein, L. G., Goodkin, K., Gisslén, M., Grant, I., Heaton, R. K., Joseph, J., Marder, K., Marra, C. M., McArthur, J. C., Nunn, M., Price, R. W., Pulliam, L., Robertson, K. R., Sacktor, N., Valcour, V., &amp; Wojna, V. E. (2007). Updated research nosology for HIV-associated neurocognitive disorders. <em>Neurology, 69</em>(18), 1789–1799. <a href="https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000287431.88658.8b" rel="noopener">https://doi.org/10.1212/01.WNL.0000287431.88658.8b</a></li> <li>Eggers, C., Arendt, G., Hahn, K., Husstedt, I. W., Maschke, M., Neuen-Jacob, E., Obermann, M., Rosenkranz, T., Schielke, E., Straube, E., &amp; German Association of Neuro-AIDS und Neuro-Infectiology (DGNANI). (2017). HIV-1-associated neurocognitive disorder: Epidemiology, pathogenesis, diagnosis, and treatment. <em>Journal of Neurology, 264</em>(8), 1715–1727. <a href="https://doi.org/10.1007/s00415-017-8503-2" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s00415-017-8503-2</a></li> <li>Lezak, M. D., Howieson, D. B., &amp; Loring, D. W. (2004). Neuropsychological assessment (4th ed.). Oxford University Press.</li> <li>Eggers, C., Stuerenburg, H. J., Schafft, T., Zöllner, B., Stellbrink, H. J., &amp; van Lunzen, J. (2000). Rapid clearance of human immunodeficiency virus from ventricular cerebrospinal fluid during antiretroviral treatment. <em>Annals of Neurology, 47</em>(6), 816–819.</li> <li>Evers, S., Grotemeyer, K. H., Reichelt, D., Lüttmann, S., &amp; Husstedt, I. W. (1998). Impact of antiretroviral treatment on AIDS dementia: A longitudinal prospective event-related potential study. <em>Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes and Human Retrovirology, 17</em>(2), 143–148.</li> <li>von Giesen, H. J., Koller, H., Theisen, A., &amp; Arendt, G. (2002). Therapeutic effects of nonnucleoside reverse transcriptase inhibitors on the central nervous system in HIV-1-infected patients. <em>Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes, 29</em>(4), 363–367.</li> <li>Letendre, S., McClernon, D., &amp; Ellis, R. (2009). Persistent HIV in the central nervous system during treatment is associated with worse ART penetration and cognitive impairment. In <em>16th Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections (CROI)</em>, Montreal.</li> <li>Cusini, A., Vernazza, P. L., Yerly, S., Decosterd, L. A., Ledergerber, B., Fux, C. A., Rohrbach, J., Widmer, N., Hirschel, B., Gaudenz, R., Cavassini, M., Klimkait, T., Zenger, F., Gutmann, C., Opravil, M., Günthard, H. F., &amp; Swiss HIV Cohort Study. (2013). Higher CNS penetration-effectiveness of long-term combination antiretroviral therapy is associated with better HIV-1 viral suppression in cerebrospinal fluid. <em>Journal of Acquired Immune Deficiency Syndromes, 62</em>(1), 28–35.</li> <li>Carvalhal, A., Gill, M. J., Letendre, S. L., Rachlis, A., Bekele, T., Raboud, J., Burchell, A., Rourke, S. B., &amp; Centre for Brain Health in HIV/AIDS. (2016). Central nervous system penetration effectiveness of antiretroviral drugs and neuropsychological impairment in the Ontario HIV Treatment Network Cohort Study. <em>Journal of NeuroVirology, 22</em>(3), 349–357.</li> <li>Vassallo, M., Durant, J., Biscay, V., Lebrun-Frenay, C., Dunais, B., Laffon, M., Harvey-Langton, A., Cottalorda, J., Ticchioni, M., Carsenti, H., Pradier, C., &amp; Dellamonica, P. (2014). Can high central nervous system penetrating antiretroviral regimens protect against the onset of HIV-associated neurocognitive disorders? <em>AIDS, 28</em>(4), 493–501.</li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hiv-und-das-gehirn/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Mit Konrad Adenauer & David Ben-Gurion in Cadenabbia https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-konrad-adenauer-david-ben-gurion-in-cadenabbia/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-konrad-adenauer-david-ben-gurion-in-cadenabbia/#comments Mon, 31 Aug 2026 23:07:23 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11528 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-konrad-adenauer-david-ben-gurion-in-cadenabbia/</link> </image> <description type="html"><h1>Mit Konrad Adenauer & David Ben-Gurion in Cadenabbia » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Für mich als Arbeiterkind hat es psychologisch sehr viel bedeutet, dass mich die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) damals nach Wehrdienst und Bankausbildung mit einem Stipendium der Begabtenförderung im Studium unterstützte. Zumal ich dort <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/juni/rechtspopulismus-eine-bewegung-von-narzissten" rel="noopener">mit <strong>Andreas Püttmann</strong> einen mich bis heute politikwissenschaftlich beeindruckenden Mentor</a> fand, fühle ich mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/" rel="noopener" target="_blank">der Stiftung als Teil der bundesdeutschen Scientikative</a> bis heute besonders verbunden.</p> <p><a href="https://www.kas.de/de/ueber-uns" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Annegret Kramp-Karrenbauer und Dr. Michael Blume beim CDU-Bundesparteitag in Stuttgart, 2026." decoding="async" height="888" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-scaled.jpeg 1920w" width="666"></img></a></p> <p><em>Pro Wissenschaft, Christdemokratie &amp; Gewaltenteilung. Beim CDU-Bundesparteitag im Frühjahr im Gespräch mit der auch gegen einen Kandidaten von Friedrich Merz <a href="https://www.kas.de/de/ueber-uns" rel="noopener">gewählten KAS-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer</a>. Foto: KAS Stuttgart</em></p> <p>Zumal in diesem Jahr der 150. Geburtstag von <strong>Konrad Adenauer (1876 – 2026)</strong> begangen wird und eine Einladung durch die von mir sehr geschätzte Politikwissenschaftlerin <strong>Dr. Viola Neu</strong> erfolgte, sagte ich schließlich meine Beiträge für eine Wochenend-Veranstaltung mit der <a href="https://www.degepol.de/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Deutschen Gesellschaft für Politikberatung</strong></a> zu. Denn <strong>Cadenabbia in Italien </strong>ist nicht nur die frühere Sommerresidenz des Altkanzlers gewesen, sondern inzwischen mit dem Elektroauto innerhalb von einem Tag aus Baden-Württemberg erreichbar!</p> <p><a href="https://www.kas.de/de/web/villalacollina" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto der Villa La Collina in Cadenabbia, die frühere Sommerresidenz des bundesdeutschen Altkanzlers Adenauer in Italien." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-2048x1536.jpeg 2048w" width="666"></img></a><aside></aside></p> <p><em>In <a href="https://www.kas.de/de/web/villalacollina" rel="noopener" target="_blank">der Villa La Collina in Cadenabbia, Italien</a>, verbrachte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer glückliche Sommerwochen und empfing auch immer wieder politische, auch internationale Gäste. Bis heute wird er vor Ort sehr geehrt. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Und ich muss schon sagen, dass ich vom Interesse und der Qualität der Gespräche sehr beeindruckt war und bin. Mehrere der Anwesenden hatten Medien-, Kultur- oder Politikwissenschaft sowie psychologische Fächer studiert, einige bereits Bücher von mir gelesen – vor allem „<a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>Verschwörungsmythen</em></strong></a>“ und <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>„Islam in der Krise“</strong></em></a>.</p> <p>Entsprechend intensiv waren die Gespräche, aber auch Anfragen zu Themen wie <strong>Erkenntnistheorie &amp; Algorithmen</strong>, <strong>Medien &amp; Mimesis</strong>, <strong>das BW-Sonderkontingent und die Gerichtsverfahren gegen den sog. IS</strong>, <strong>Religion</strong>,<strong> Demokratie &amp; Demografie</strong>, <strong>Antisemitismus &amp; Dualismus</strong>, <strong>die Zeit-Philosophien bei Jeanne Hersch &amp; Hans Blumenberg</strong> sowie mehrfach <strong>Ressourcenfluch &amp; Friedensenergien</strong>. Umgekehrt interessierte mich auch, wie andere die „<strong><em>Nutznießer</em></strong>„-Äußerungen des Bundeskanzlers gegenüber der Ärztin <strong>Dr. Bea Merscher</strong> einschätzten – ich selbst halte sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/" rel="noopener" target="_blank">für einen weiteren Schritt in die kommunikative Rechtsmimesis</a>.</p> <p>Insgesamt durfte ich also sehr viele fachlich starke und intensive Dialog-Erlebnisse machen, wie in guten Momenten ja auch hier auf dem Blog oder auf Mastodon.</p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von Dr. Michael Blume zur Leugnung der Klimakrise durch den AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla. Nur neun Prozent der 474 Abstimmenden unterstellten ihm fehlendes Wissen und nur acht Prozent gaben keine Antwort. 77% votierten für &quot;Ideologie, Verschwörungsmythen&quot;, 51% für &quot;Reaktanz, Externalisierung von Verantwortung&quot;. Mehrfachantworten waren möglich." decoding="async" height="1943" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1153px) 100vw, 1153px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569.jpeg 1153w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-178x300.jpeg 178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-608x1024.jpeg 608w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-768x1294.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-911x1536.jpeg 911w" width="1153"></img></a></p> <p><em>Jeden Tag verstehen mehr Menschen, wie <strong>die erkenntnistheoretisch feige Leugnung von Wissenschaft und Klimakrise mit Reaktanz und Externalisierung von Verantwortung sowie mit fossiler Ideologie und Verschwörungsmythen zusammenhängt</strong>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Für einen Vortrag hatte ich aber auch das mehr denn je lesenswerte Werk zur deutsch-israelischen Geschichte <a href="https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/eine-unmoegliche-freundschaft-1" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>„Eine unmögliche Freundschaft. David Ben-Gurion und Konrad Adenauer“</strong></em> von <strong>Dr. Michael Borchard</strong></a> mitgebracht.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Drei Bücher, von links nach rechts: Die Autobiografie &quot;Freiheit&quot; von Angela Merkel, der Bildband &quot;Adenauer. Eine Geschichte in Bildern&quot; und &quot;Eine unmögliche Freundschaft. David Ben-Gurion und Konrad Adenauer&quot; von Michael Borchard." decoding="async" height="325" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1024x499.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1024x499.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-300x146.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-768x374.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1536x748.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-2048x998.jpeg 2048w" width="666"></img></a></p> <p><em>Ich lese gerne auch, aber niemals nur digital. „Freiheit“ von Angela Merkel, „Adenauer. Eine Geschichte in Bildern“ und Michael Borchards „Eine unmögliche Freundschaft“ je als Papierbuch. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In <strong>Cadenabbia</strong> hatten sich die beiden Freunde zwar nie getroffen, wohl aber in <strong>New York</strong> (daher auch das berühmte Titel-Foto) und in der Republik <strong>Israel</strong>. Auch war der Israeli <strong>David Ben-Gurion (1886 – 1973) </strong>zur Beerdigung seines deutschen Freundes in die <strong>Bundesrepublik Deutschland </strong>gereist.</p> <p>Doch <strong>Borchard </strong>beschrieb keineswegs nur die schönen und dialogischen Aspekte der deutsch-israelischen Beziehungen, sondern auch die erbitterten und teilweise sogar gewalttätigen Widerstände dagegen aus beiden Ländern.</p> <p>So hatte <strong>Adenauer</strong> für das sog. „Wiedergutmachungsabkommen“, das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luxemburger_Abkommen" rel="noopener" target="_blank">deutsch-israelische Luxemburger Abkommen</a> zunächst eine große Mehrheit der Deutschen gegen sich. Und obwohl der herausragende Bundestagsabgeordnete <strong>Franz Böhm (1895 – 1977) </strong>die Verhandlungen erfolgreich geführt hatte, verweigerten große Teile der CSU um <strong>Franz-Josef Strauß (1915 – 1988)</strong>, aber auch der CDU und FDP ihm im Bundestag die Unterstützung. Es waren die Abgeordneten der SPD, die dem Abkommen mit ihrer Unterstützung zur Mehrheit verhalfen – und damit zeigten, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-fraktionszwang-fraktionsdisziplin-parlamentarische-republik/" rel="noopener" target="_blank">ein Bundestag ohne überzogene Fraktionsdisziplin ein echtes und zur Verantwortung fähiges Parlament</a> ist.</p> <p>Später stellte sich zwar <strong>Strauß </strong>auf die Seite der deutsch-israelischen Beziehungen, doch drohten arabische Staaten mit der diplomatischen Anerkennung der DDR. Diese <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-10-warum-antizionismus-antisemitismus-ist/" rel="noopener" target="_blank">hatte links-„antizionistisch“ jede Verantwortung für die deutsche NS-Geschichte von sich gewiesen</a> und jede Beteiligung an Entschädigungsleistungen für jüdische und israelische Menschen strikt abgelehnt.</p> <p>Auch <strong>Ben-Gurion </strong>erlebte bis in die eigene Partei hinein erbitterte Widerstände, die von rechts und links kamen. So tobte der spätere Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger <strong>Menachem Begin (1913 – 1992) </strong>gegen die deutsch-israelischen Verhandlungen, Zitat S. 136:</p> <p><em>„Bevor Hitler an die Macht kam, haben die Deutschen für ihn gestimmt. Zwölf Millionen Deutsche haben in der Nazi-Armee gedient. Es gibt keinen Deutschen, der nicht unsere Väter ermordet hat. Jeder Deutsche ist ein Nazi. Jeder Deutsche ist ein Mörder. Adenauer ist ein Mörder. Alle seine Mitarbeiter sind Mörder. Aber denen da oben geht es bloß ums Geld. Für ein paar Millionen Dollar geht man hin und übt schändlichen Verrat.“</em></p> <p>Sowohl in <strong>Israel</strong> wie auch in <strong>Deutschland</strong> wurden rechtsdualistische Anhänger Begins sogar gewalttätig und begingen gar drei Bombenattentate gegen <strong>Adenauer,</strong> <strong>Böhm </strong>&amp; dessen Stellvertreter <strong>Otto Küster</strong>. Dabei wurde der deutsche Sprengmeister <strong>Karl Reichert</strong> am 27. März 1952 in München getötet.</p> <p>Doch <strong>Ben-Gurion </strong>wusste, dass der christdemokratische Zentrum-Oberbürgermeister von Köln, <strong>Adenauer</strong>, ein erklärter Freund der jüdischen Gemeinde, ein Förderer des Zionismus und ein mutiger Hitler-Gegner gewesen war, den die Nazis gewaltsam gestürzt und später auch inhaftiert hatten. So stellte er sich auch am 20. Januar 1960 in der Knesset mutig gegen antideutschen Dualismus und sagte, S. 215:</p> <p><em>„Wenn ich mich auf das gegenwärtige Deutschland beziehe, dann weise ich den Titel ‚Nation der Mörder‘ zurück. Ich betrachte dies als rassistisch.“</em></p> <p>Aus meiner Sicht bestätigt die Lektüre von <strong>Borchard</strong>, dass sich demokratische Politik niemals von feindseligen Dualisten einschüchtern lassen darf, die es leider in jeder größeren Menschengruppe immer wieder geben wird. Stattdessen gilt es, <strong>mutig und sprachlich sensibel <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-freund-feind-dualismus-bedroht-religionen-demokratien-und-die-justiz/" rel="noopener" target="_blank">für Gewaltfreiheit und also Gewaltenteilung</a>, für Dialog und Demokratie, für das Miteinander und also die Menschenwürde</strong> einzutreten.</p> <p>Nach meiner festen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/" rel="noopener" target="_blank">Überzeugung lassen sich Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus und Queerfeindlichkeit nicht gegeneinander ausspielen, sondern nur gemeinsam überwinden</a>, indem wir gemeinsam für Leben und Würde jedes Menschen einstehen.</p> <p>Ich sagte es <a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html" rel="noopener" target="_blank">vor rund 600 Schülerinnen und Schülern in <strong>Bietigheim-Bissingen</strong> und blogge es auch hier: <strong><em>„Es gibt keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse.“</em></strong></a> Dieser Wert bildet die inhaltliche Mitte der Mitte.</p> <p>Das glaube ich zivilreligiös &amp; religiös, in dankbarem Respekt vor der wissenschaftlich-dialogischen Arbeit der KAS und den mutigen Freundschaften von <strong>Konrad Adenauer (Bundesrepublik Deutschland)</strong> mit <strong>Charles de Gaulle (Frankreich) </strong>und <strong>David Ben-Gurion (Israel)</strong>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/uiENS7fId-Y?feature=oembed&amp;rel=0" title="Der schönste Artikel des Grundgesetzes ist der erste: Menschenwürde, Gewaltenteilung" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Mit Konrad Adenauer & David Ben-Gurion in Cadenabbia » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Für mich als Arbeiterkind hat es psychologisch sehr viel bedeutet, dass mich die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) damals nach Wehrdienst und Bankausbildung mit einem Stipendium der Begabtenförderung im Studium unterstützte. Zumal ich dort <a href="https://www.blaetter.de/ausgabe/2026/juni/rechtspopulismus-eine-bewegung-von-narzissten" rel="noopener">mit <strong>Andreas Püttmann</strong> einen mich bis heute politikwissenschaftlich beeindruckenden Mentor</a> fand, fühle ich mich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/" rel="noopener" target="_blank">der Stiftung als Teil der bundesdeutschen Scientikative</a> bis heute besonders verbunden.</p> <p><a href="https://www.kas.de/de/ueber-uns" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Annegret Kramp-Karrenbauer und Dr. Michael Blume beim CDU-Bundesparteitag in Stuttgart, 2026." decoding="async" height="888" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-768x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1587-scaled.jpeg 1920w" width="666"></img></a></p> <p><em>Pro Wissenschaft, Christdemokratie &amp; Gewaltenteilung. Beim CDU-Bundesparteitag im Frühjahr im Gespräch mit der auch gegen einen Kandidaten von Friedrich Merz <a href="https://www.kas.de/de/ueber-uns" rel="noopener">gewählten KAS-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer</a>. Foto: KAS Stuttgart</em></p> <p>Zumal in diesem Jahr der 150. Geburtstag von <strong>Konrad Adenauer (1876 – 2026)</strong> begangen wird und eine Einladung durch die von mir sehr geschätzte Politikwissenschaftlerin <strong>Dr. Viola Neu</strong> erfolgte, sagte ich schließlich meine Beiträge für eine Wochenend-Veranstaltung mit der <a href="https://www.degepol.de/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Deutschen Gesellschaft für Politikberatung</strong></a> zu. Denn <strong>Cadenabbia in Italien </strong>ist nicht nur die frühere Sommerresidenz des Altkanzlers gewesen, sondern inzwischen mit dem Elektroauto innerhalb von einem Tag aus Baden-Württemberg erreichbar!</p> <p><a href="https://www.kas.de/de/web/villalacollina" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Foto der Villa La Collina in Cadenabbia, die frühere Sommerresidenz des bundesdeutschen Altkanzlers Adenauer in Italien." decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-1024x768.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3581-2048x1536.jpeg 2048w" width="666"></img></a><aside></aside></p> <p><em>In <a href="https://www.kas.de/de/web/villalacollina" rel="noopener" target="_blank">der Villa La Collina in Cadenabbia, Italien</a>, verbrachte der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer glückliche Sommerwochen und empfing auch immer wieder politische, auch internationale Gäste. Bis heute wird er vor Ort sehr geehrt. Foto: Michael Blume </em></p> <p>Und ich muss schon sagen, dass ich vom Interesse und der Qualität der Gespräche sehr beeindruckt war und bin. Mehrere der Anwesenden hatten Medien-, Kultur- oder Politikwissenschaft sowie psychologische Fächer studiert, einige bereits Bücher von mir gelesen – vor allem „<a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><strong><em>Verschwörungsmythen</em></strong></a>“ und <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>„Islam in der Krise“</strong></em></a>.</p> <p>Entsprechend intensiv waren die Gespräche, aber auch Anfragen zu Themen wie <strong>Erkenntnistheorie &amp; Algorithmen</strong>, <strong>Medien &amp; Mimesis</strong>, <strong>das BW-Sonderkontingent und die Gerichtsverfahren gegen den sog. IS</strong>, <strong>Religion</strong>,<strong> Demokratie &amp; Demografie</strong>, <strong>Antisemitismus &amp; Dualismus</strong>, <strong>die Zeit-Philosophien bei Jeanne Hersch &amp; Hans Blumenberg</strong> sowie mehrfach <strong>Ressourcenfluch &amp; Friedensenergien</strong>. Umgekehrt interessierte mich auch, wie andere die „<strong><em>Nutznießer</em></strong>„-Äußerungen des Bundeskanzlers gegenüber der Ärztin <strong>Dr. Bea Merscher</strong> einschätzten – ich selbst halte sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/demografie-und-die-knappheitsluege-wie-wissenschaft-fuer-rechtsmimesis-missbraucht-wird/" rel="noopener" target="_blank">für einen weiteren Schritt in die kommunikative Rechtsmimesis</a>.</p> <p>Insgesamt durfte ich also sehr viele fachlich starke und intensive Dialog-Erlebnisse machen, wie in guten Momenten ja auch hier auf dem Blog oder auf Mastodon.</p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Umfrage von Dr. Michael Blume zur Leugnung der Klimakrise durch den AfD-Vorsitzenden Tino Chrupalla. Nur neun Prozent der 474 Abstimmenden unterstellten ihm fehlendes Wissen und nur acht Prozent gaben keine Antwort. 77% votierten für &quot;Ideologie, Verschwörungsmythen&quot;, 51% für &quot;Reaktanz, Externalisierung von Verantwortung&quot;. Mehrfachantworten waren möglich." decoding="async" height="1943" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1153px) 100vw, 1153px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569.jpeg 1153w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-178x300.jpeg 178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-608x1024.jpeg 608w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-768x1294.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3569-911x1536.jpeg 911w" width="1153"></img></a></p> <p><em>Jeden Tag verstehen mehr Menschen, wie <strong>die erkenntnistheoretisch feige Leugnung von Wissenschaft und Klimakrise mit Reaktanz und Externalisierung von Verantwortung sowie mit fossiler Ideologie und Verschwörungsmythen zusammenhängt</strong>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Für einen Vortrag hatte ich aber auch das mehr denn je lesenswerte Werk zur deutsch-israelischen Geschichte <a href="https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/eine-unmoegliche-freundschaft-1" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>„Eine unmögliche Freundschaft. David Ben-Gurion und Konrad Adenauer“</strong></em> von <strong>Dr. Michael Borchard</strong></a> mitgebracht.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/konrad-adenauer-1876-1967-christdemokrat-medienkanzler-bundes-mimetiker/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Drei Bücher, von links nach rechts: Die Autobiografie &quot;Freiheit&quot; von Angela Merkel, der Bildband &quot;Adenauer. Eine Geschichte in Bildern&quot; und &quot;Eine unmögliche Freundschaft. David Ben-Gurion und Konrad Adenauer&quot; von Michael Borchard." decoding="async" height="325" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1024x499.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1024x499.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-300x146.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-768x374.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-1536x748.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1395-2048x998.jpeg 2048w" width="666"></img></a></p> <p><em>Ich lese gerne auch, aber niemals nur digital. „Freiheit“ von Angela Merkel, „Adenauer. Eine Geschichte in Bildern“ und Michael Borchards „Eine unmögliche Freundschaft“ je als Papierbuch. Foto: Michael Blume</em></p> <p>In <strong>Cadenabbia</strong> hatten sich die beiden Freunde zwar nie getroffen, wohl aber in <strong>New York</strong> (daher auch das berühmte Titel-Foto) und in der Republik <strong>Israel</strong>. Auch war der Israeli <strong>David Ben-Gurion (1886 – 1973) </strong>zur Beerdigung seines deutschen Freundes in die <strong>Bundesrepublik Deutschland </strong>gereist.</p> <p>Doch <strong>Borchard </strong>beschrieb keineswegs nur die schönen und dialogischen Aspekte der deutsch-israelischen Beziehungen, sondern auch die erbitterten und teilweise sogar gewalttätigen Widerstände dagegen aus beiden Ländern.</p> <p>So hatte <strong>Adenauer</strong> für das sog. „Wiedergutmachungsabkommen“, das <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Luxemburger_Abkommen" rel="noopener" target="_blank">deutsch-israelische Luxemburger Abkommen</a> zunächst eine große Mehrheit der Deutschen gegen sich. Und obwohl der herausragende Bundestagsabgeordnete <strong>Franz Böhm (1895 – 1977) </strong>die Verhandlungen erfolgreich geführt hatte, verweigerten große Teile der CSU um <strong>Franz-Josef Strauß (1915 – 1988)</strong>, aber auch der CDU und FDP ihm im Bundestag die Unterstützung. Es waren die Abgeordneten der SPD, die dem Abkommen mit ihrer Unterstützung zur Mehrheit verhalfen – und damit zeigten, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-fraktionszwang-fraktionsdisziplin-parlamentarische-republik/" rel="noopener" target="_blank">ein Bundestag ohne überzogene Fraktionsdisziplin ein echtes und zur Verantwortung fähiges Parlament</a> ist.</p> <p>Später stellte sich zwar <strong>Strauß </strong>auf die Seite der deutsch-israelischen Beziehungen, doch drohten arabische Staaten mit der diplomatischen Anerkennung der DDR. Diese <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-10-warum-antizionismus-antisemitismus-ist/" rel="noopener" target="_blank">hatte links-„antizionistisch“ jede Verantwortung für die deutsche NS-Geschichte von sich gewiesen</a> und jede Beteiligung an Entschädigungsleistungen für jüdische und israelische Menschen strikt abgelehnt.</p> <p>Auch <strong>Ben-Gurion </strong>erlebte bis in die eigene Partei hinein erbitterte Widerstände, die von rechts und links kamen. So tobte der spätere Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger <strong>Menachem Begin (1913 – 1992) </strong>gegen die deutsch-israelischen Verhandlungen, Zitat S. 136:</p> <p><em>„Bevor Hitler an die Macht kam, haben die Deutschen für ihn gestimmt. Zwölf Millionen Deutsche haben in der Nazi-Armee gedient. Es gibt keinen Deutschen, der nicht unsere Väter ermordet hat. Jeder Deutsche ist ein Nazi. Jeder Deutsche ist ein Mörder. Adenauer ist ein Mörder. Alle seine Mitarbeiter sind Mörder. Aber denen da oben geht es bloß ums Geld. Für ein paar Millionen Dollar geht man hin und übt schändlichen Verrat.“</em></p> <p>Sowohl in <strong>Israel</strong> wie auch in <strong>Deutschland</strong> wurden rechtsdualistische Anhänger Begins sogar gewalttätig und begingen gar drei Bombenattentate gegen <strong>Adenauer,</strong> <strong>Böhm </strong>&amp; dessen Stellvertreter <strong>Otto Küster</strong>. Dabei wurde der deutsche Sprengmeister <strong>Karl Reichert</strong> am 27. März 1952 in München getötet.</p> <p>Doch <strong>Ben-Gurion </strong>wusste, dass der christdemokratische Zentrum-Oberbürgermeister von Köln, <strong>Adenauer</strong>, ein erklärter Freund der jüdischen Gemeinde, ein Förderer des Zionismus und ein mutiger Hitler-Gegner gewesen war, den die Nazis gewaltsam gestürzt und später auch inhaftiert hatten. So stellte er sich auch am 20. Januar 1960 in der Knesset mutig gegen antideutschen Dualismus und sagte, S. 215:</p> <p><em>„Wenn ich mich auf das gegenwärtige Deutschland beziehe, dann weise ich den Titel ‚Nation der Mörder‘ zurück. Ich betrachte dies als rassistisch.“</em></p> <p>Aus meiner Sicht bestätigt die Lektüre von <strong>Borchard</strong>, dass sich demokratische Politik niemals von feindseligen Dualisten einschüchtern lassen darf, die es leider in jeder größeren Menschengruppe immer wieder geben wird. Stattdessen gilt es, <strong>mutig und sprachlich sensibel <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-freund-feind-dualismus-bedroht-religionen-demokratien-und-die-justiz/" rel="noopener" target="_blank">für Gewaltfreiheit und also Gewaltenteilung</a>, für Dialog und Demokratie, für das Miteinander und also die Menschenwürde</strong> einzutreten.</p> <p>Nach meiner festen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-hand-des-feindseligen-dualismus-was-antisemitismus-rassismus-und-sexismus-verbindet/" rel="noopener" target="_blank">Überzeugung lassen sich Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus und Queerfeindlichkeit nicht gegeneinander ausspielen, sondern nur gemeinsam überwinden</a>, indem wir gemeinsam für Leben und Würde jedes Menschen einstehen.</p> <p>Ich sagte es <a href="https://www.bietigheimerzeitung.de/inhalt.bietigheim-bissingen-es-gibt-keine-menschenwuerde-erster-und-zweiter-klasse.db535c4d-a022-48ec-983f-d0175b15a027.html" rel="noopener" target="_blank">vor rund 600 Schülerinnen und Schülern in <strong>Bietigheim-Bissingen</strong> und blogge es auch hier: <strong><em>„Es gibt keine Menschenwürde erster und zweiter Klasse.“</em></strong></a> Dieser Wert bildet die inhaltliche Mitte der Mitte.</p> <p>Das glaube ich zivilreligiös &amp; religiös, in dankbarem Respekt vor der wissenschaftlich-dialogischen Arbeit der KAS und den mutigen Freundschaften von <strong>Konrad Adenauer (Bundesrepublik Deutschland)</strong> mit <strong>Charles de Gaulle (Frankreich) </strong>und <strong>David Ben-Gurion (Israel)</strong>.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/uiENS7fId-Y?feature=oembed&amp;rel=0" title="Der schönste Artikel des Grundgesetzes ist der erste: Menschenwürde, Gewaltenteilung" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mit-konrad-adenauer-david-ben-gurion-in-cadenabbia/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>Warum bekommen immer mehr Menschen Depressionen diagnostiziert? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-bekommen-immer-mehr-menschen-depressionen-diagnostiziert/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-bekommen-immer-mehr-menschen-depressionen-diagnostiziert/#comments Mon, 31 Aug 2026 11:02:47 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3677 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/whimsicalmouse-forest-4426547-768x511.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-bekommen-immer-mehr-menschen-depressionen-diagnostiziert/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/whimsicalmouse-forest-4426547.jpg" /><h1>Warum bekommen immer mehr Menschen Depressionen diagnostiziert? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ein tiefer Einblick in die Depressions-Epidemie</strong></p> <span id="more-3677"></span> <p>Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird nicht müde, auf die zunehmenden Herausforderungen durch depressive Störungen hinzuweisen. Als Kernsymptome gelten einerseits die depressive Verstimmung beziehungsweise Niedergeschlagenheit und andererseits die Motivations- und Antriebslosigkeit. Laut WHO leiden etwa <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression" rel="noopener">4 Prozent der Weltbevölkerung</a> darunter, rund 6 Prozent der Erwachsenen.</p> <p>Häufige Begleitsymptome sind Schlafprobleme – zu viel oder zu wenig Schlaf – und Konzentrationsstörungen. Das Denken an den Tod und sogar Pläne oder Versuche für einen Suizid gehören zu den schwersten Symptomen. Zwar sind Selbsttötungen zum Glück sehr selten, doch für die Betroffenen und Angehörigen erschütternd. Als Suizid-Paradox ist bekannt, dass zwar Frauen, die auch häufiger die Diagnose Depression bekommen, mehr Suizidversuche unternehmen. Im Endeffekt sterben aber in allen Ländern der Welt <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/suicide-rates-are-higher-in-men-than-women" rel="noopener">mehr Männer</a> durch Selbsttötungen. In den USA trifft es sogar <em>viermal</em> so viele Männer wie Frauen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Anzahl der Suizide (Balken) schwankt in Deutschland jährlich im Bereich zwischen rund 9.000 und 10.000. Die blaue Linie zeigt den Anstieg der Medikamentenverschreibungen sogenannter Antidepressiva über die Jahre. Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Nummer gegen Kummer (116 111) oder Online-Angebote können helfen. Datenquellen: Statistisches Bundesamt, Arzneiverordnungs-Report</em></figcaption></figure> <p>Auch wenn das Thema Depression in aller Munde ist, ist es kaum verstanden. Wie ich in meinem Buch über die <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a> genauer ausführe, lassen offizielle diagnostische Kriterien 227 unterschiedliche Formen von Depressionen zu. Dabei kann es sein, dass zwei Betroffene gerade einmal <em>ein</em> Symptom gemeinsam haben.</p> <p>Depressionen kennen also viele Gesichter. Dass die genannten Probleme als Symptome anerkannt sind, nicht aber häufig ebenfalls auftretendes Grübeln, Magen-Darm-Probleme oder Schmerzen, ist eine Konvention: Führende Fachleute verständigen sich alle Jahre wieder am Konferenztisch auf die offizielle Lesart.<aside></aside></p> <p>Ein einflussreicher britischer Psychiatrieforscher des 20. Jahrhunderts sprach daher von der „depressiven Verwirrung“. Damit meinte er aber nicht etwa den Geisteszustand der Betroffenen, sondern das Unvermögen seiner Kolleginnen und Kollegen, sich auf ein Verständnis von Depressionen – oder früher: Melancholie – zu einigen. Ein von mir im Buch angeführter deutscher Professor bezeichnete sie vor 120 Jahren schlicht als „krankhafte Traurigkeit“.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Diagnostische Trends</h2> <p>Man könnte meinen, dass die von der WHO genannten 4 Prozent schon viel sind. Schaut man auf das medizinische Handeln in Deutschland, zeichnet sich aber ein ganz anderes Bild: Demnach bekamen 2022 ganze <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/entwicklung-der-diagnosepraevalenz-psychischer-stoerungen-2012-2022-4ea11330-a626-4f36-a93e-2d3f7d068a7c" rel="noopener">38 Prozent</a> der Kassenpatientinnen und -patienten eine psychische Störung diagnostiziert. Das bedeutet einen Anstieg von 13 Prozent gegenüber 2012. Es scheint immer normaler zu werden, ernsthafte psychische Probleme zu haben – und dafür psychotherapeutische und/oder ärztliche Hilfe zu suchen.</p> <p>Angeführt wurde das mit 14 Prozent tatsächlich von Depressionen. Frauen erhielten diese Diagnose 1,7-mal häufiger als Männer. Danach folgten psychische und Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit psychoaktiven Substanzen (8 Prozent). Diese wurden bei Männern 1,5-mal häufiger diagnostiziert. Angststörungen landeten mit 7 Prozent auf Platz drei, bei Frauen 1,9-mal so oft. Posttraumatische Belastungsstörungen waren mit 1 Prozent vergleichsweise selten, verdoppelten sich aber gegenüber 2012 (plus 116 Prozent). Auch diese Diagnose erhielten Frauen in etwa doppelt so häufig.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024.jpg"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-1024x586.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-1024x586.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-768x439.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-1536x879.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024.jpg 1573w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Eine Auswertung der Abrechnungsdaten von 68,7 (2012) beziehungsweise 73,7 Millionen (2022) gesetzlich Krankenversicherten ergab die dargestellten Diagnoseprävalenzen. Der Anstieg betrug für die Angststörungen 31 Prozent, für Substanzkonsumstörungen 35 Prozent, für Depressionen 15 Prozent und für alle erfassten psychischen und Verhaltensstörungen insgesamt 13 Prozent. Datenquelle: <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/entwicklung-der-diagnosepraevalenz-psychischer-stoerungen-2012-2022-4ea11330-a626-4f36-a93e-2d3f7d068a7c" rel="noopener">Thom et al., 2024</a>, Deutsches Ärzteblatt</em></figcaption></figure> <p>Aber wie passt das zusammen: Die WHO spricht von 4 Prozent, während in Deutschland mit 14 Prozent mehr als dreimal so viele die Diagnose bekommen? Ich erwähnte bereits, dass etwas diffus bleibt, was Depressionen eigentlich sind. Neben der Festlegung und Veränderung der Kriterien am Konferenztisch stellt sich in der Praxis ein viel größeres Problem: <em>Wie schwer</em> müssen die genannten Symptome sein, um eine Diagnose zu rechtfertigen? Wie niedergeschlagen muss etwa jemand sein, wie oft muss der Schlaf gestört sein, wie stark die Konzentration eingeschränkt oder wie oft an den Tod gedacht werden?</p> <p>Hierauf gibt es keine eindeutige Antwort. Die offizielle Meinung lautet, dass die Diagnose einer psychischen Störung üblicherweise ein erhebliches Leiden und/oder eine erhebliche Einschränkung des Alltags voraussetzt. Mit „erheblich“ habe ich hier den Fachbegriff der „klinischen Signifikanz“ übersetzt. Was das ist, dafür gibt es Richtwerte. Im Endeffekt liegt es aber im Auge des Betrachters: Wenn der Arzt oder die Psychotherapeutin denkt, dass die Probleme ernst genug sind, dann wird er oder sie eine Diagnose stellen. Das System zur Abrechnung der Behandlungskosten setzt oft auch eine Diagnose voraus.</p> <h2>Folgen einer Diagnose</h2> <p>Diesen Vorgang sollte man aber nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Diagnose einer psychischen Störung mag zwar einerseits die Tür für bestimmte Behandlungen öffnen. Andererseits kann diese aber in verschiedenen sozialen Kontexten zum Bumerang werden: zum Beispiel beim Abschluss einer Versicherung, bei der Aufnahme einer Hypothek fürs Eigenheim oder mit Blick auf eine mögliche Verbeamtung im Staatsdienst.</p> <p>Ich selbst habe gerade wieder die monatlichen 3,38 Euro „Strafgebühr“ für meine Hypothek abgezogen bekommen, schlicht weil ich wegen Stress bei einer Psychotherapeutin war – und das ehrlich gegenüber der Bank angegeben habe. Wenn man es verschweigt, kann einem das später als Versicherungsbetrug oder andere Art der Täuschung ausgelegt werden und als doppelter Bumerang zurückkommen. Manchen, die es versuchten, wurde deswegen schon der Beamtenstatus aberkannt.</p> <p>Aufgrund langer Wartelisten, insbesondere für die Kassenpatienten, hat sich ein regelrechtes Diagnose-Shopping entwickelt: Eine ADHS-Vordiagnostik lässt sich beispielsweise <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">für 140 Euro kaufen</a>; für eine vollständige Diagnostik wird man eher auf 300 bis 400 Euro kommen. Die gewünschte Diagnose ist damit zwar nicht garantiert. Aber wer wird schon seine zahlenden Kunden enttäuschen und negative Bewertungen riskieren?</p> <p>Das diagnostische Ergebnis erleben viele als Entlastung: „Endlich wusste ich, was mit mir nicht stimmt!“ Damit deutet man bestimmte, unerwünschte körperliche oder psychische Wahrnehmungen nicht nur als medizinisches Problem; vielmehr verinnerlicht (internalisiert) man sie auch. Was das bedeutet, dazu gleich noch mehr.</p> <p>Zum Glück liefert die Medizin beziehungsweise die klinische Psychologie nicht nur die Diagnose, sondern vor allem auch: die Entschuldigung. „Es ist eine Krankheit; du kannst nichts dafür!“ Eine Diskussion der Ursachen von Depressionen zeigt, dass das aus gesellschaftlicher Sicht kein trivialer Vorgang ist. Analog gilt das Folgende für die meisten anderen psychischen Störungen, von denen inzwischen Hunderte unterschieden werden.</p> <h2>Geschichte</h2> <p>Um diesen Gedanken besser zu verstehen, müssen wir uns kurz mit der Geschichte der Psychiatrie beschäftigen: In der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts gab es zwei traditionelle Institutionen, die sich mit der Aufrechterhaltung der Normalität befassten, die Kirche und die Polizei. Im Zuge der Verstädterung blieb aber eine größer werdende Gruppe von Menschen übrig, die nicht so recht in diese Institutionen passte. Diese nannte man damals Irre, Unsinnige oder Wahnsinnige. Sie waren weder „verlorene Schafe“ des Herrn noch wirklich Kriminelle, auch wenn manche von ihnen ernsthafte Probleme verursachten.</p> <p>Noch bis in die 1830er-Jahre suchten französische Minister nach einem passenden bürgerlichen Umgang mit diesen Menschen. Die ersten modernen Psychiater wie Philippe Pinel (1745-1826) oder dessen Lieblingsschüler Jean Étienne Dominique Esquirol (1772-1840) boten mit der Errichtung psychiatrischer Kliniken die passende Lösung. Bei deren Nachfolger Jean-Martin Charcot (1825-1893) sollte später der junge Sigmund Freud (1856-1939) studieren, der die Psychiatrie mit seiner Neurosenlehre ins 20. Jahrhundert führte.</p> <p>Pioniere wie Pinel und Esquirol stellten diagnostische Systeme der „Geisteskrankheiten“ auf und unterschieden zum Beispiel Demenz, Manie, Melancholie und „Idiotismus“. Sie sammelten Statistiken zu deren Häufigkeit und entwickelten Gedanken über die Ursachen und Therapien.</p> <h2>Von der Beobachtung zum Gehirn</h2> <p>Die Psychiatrie brauchte aber vor allem ein <em>passendes Organ</em>, das als Krankheitsherd dienen konnte. Sie fürchtete, sonst nicht so ernst genommen zu werden wie die anderen Felder der Medizin. Damals war die Phrenologie in Mode und man übernahm schließlich deren Ansicht der funktionellen Spezialisierung des Gehirns, ohne den folkloristischen Teil der Schädellehre anzuerkennen – die später in Verruf geratene Sichtweise, man könne von der Kopfform auf den Charakter eines Menschen schließen.</p> <p>Der Gedanke, dass die Psychiatrie im Grunde eine Medizin des kranken Gehirns ist, prägt die Forschung und Praxis dieser Disziplin bis heute. Bei der damals noch unbehandelbaren Geschlechtskrankheit Syphilis stimmte das sogar oft: Das Bakterium <em>Treponema pallidum</em> richtete auf Dauer immer größeren Schaden an, bei vielen auch im Nervensystem. Das führte zur gefürchteten „Neurosyphilis“, die neben neurologischen Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Sprachstörungen auch zum psychiatrischen „Wahn“ führen konnte. Und weil dessen Symptome denen der sogenannten Schizophrenie ähnelten, vermutete man auch hier und für die anderen Störungsbilder eine neuronale Ursache.</p> <p>Dieser neuropsychiatrische Traum ist aber bis heute nicht in Erfüllung gegangen. Psychologisch-psychiatrische Diagnosen stellt man nach wie vor durch Gespräche und Verhaltensbeobachtung. Einen zuverlässigen Gen- oder Gehirn-Test gibt es für keines der Hunderten Störungsbilder. Der angebliche genetische Beitrag auf die Entstehung der Probleme wird <a href="https://www.madinamerica.com/2025/05/heritability-explains-less-about-mental-disorders-than-you-think/" rel="noopener">regelmäßig übertrieben</a>. Dabei wollte man sich in den 1970ern von Freuds Modell verabschieden und endlich die lang ersehnte neue wissenschaftliche und objektive Psychiatrie schaffen.</p> <p>Erst kürzlich formulierten führende Fachleute die Pläne für die nächste Überarbeitung des diagnostischen Systems, das wohl in den 2030er-Jahren fertig sein dürfte: Ganz oben auf der Liste stehen nach wie vor eine neurowissenschaftlich fundierte Krankheitslehre und <a href="https://psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.ajp.20250878" rel="noopener">biologische Tests</a> für die Störungen. Für Alzheimer soll das bald möglich sein. Man wird es sehen. Jedenfalls zeigt das die große Wissenslücke des Gehirn-Denkens in der Psychiatrie auf.</p> <h2>Risikofaktoren</h2> <p>Was bleibt unterdessen? Ein vages Störungsbild der Depression. Unerklärlich steigenden Diagnosen. Eine Psychiatrie und zum Teil auch klinischen Psychologie, die objektive Neurowissenschaft sein will, doch der das seit 200 Jahren nicht gelingt. Treffenderweise sollte man daher auch nicht von den „Ursachen“ psychischer Störungen sprechen, sondern von „Risikofaktoren“. Und diese finden sich laut jahrzehntelanger Forschung vor allem im <em>psychosozialen</em> Bereich.</p> <p>Wie ich im Buch über die <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a> näher ausführe und auch die WHO bestätigt, sind das bei depressiven Störungen vor allem schwere Lebensereignisse. Das sind zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Verlust einer Beziehung durch Trennung oder Tod, traumatische Erfahrungen etwa in der Kindheit, als Opfer eines Unfalls, Verbrechens oder im Kriegs- oder Kriseneinsatz. Allgemein anerkannt erhöht schwerer, anhaltender Stress die Wahrscheinlichkeit für viele psychische und körperliche Probleme. In diesem Sinne können auch Erfahrungen anhaltender Armut oder Ausgrenzung an der Seele zehren.</p> <p>Schwerer Drogenmissbrauch ist ein weiterer Risikofaktor. Dabei sind psychoaktive Substanzen aber oft ein Mittel, um ein hartes Schicksal zu bewältigen; die Richtung der Ursache-Wirkung-Beziehung ist hier also nicht ganz klar. In vielen wissenschaftlichen Studien aus mehreren Ländern ist bestätigt, dass erlebte Kindesmisshandlung das Risiko von schwerem Alkohol- und anderem Drogenkonsum, Depression und Suiziden <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0749379798000178" rel="noopener">um ein Vielfaches erhöht</a>. Und eine Emigration – oder umso mehr unfreiwillige Flucht – in eine andere Kultur erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Schizophrenie-Diagnose erheblich.</p> <h2>Zerrissenheit</h2> <p>Das führt uns zu der inneren Zerrissenheit, die die Psychiatrie bis heute plagt. Sie will so objektiv und wissenschaftlich sein wie die anderen Zweige der Medizin. Dafür hat sie schon im frühen 19. Jahrhundert das Gehirn-Modell eingeführt. Die Betroffenen leiden aber noch heute unter dessen Folgen: Indem man der Psychiatrie (wörtlich: Seelenheilkunde) sozusagen die Psyche, die Seele austrieb und aus ihr in heutiger Redeweise eine „klinische Neurowissenschaft“ machen wollte, riss man sie aus der Verankerung. Noch in Freuds Lehre entsprangen psychische Störungen nämlich oft unbewussten <em>psychischen</em> Vorgängen.</p> <p>Ohne Verankerung erfahren viele Betroffene bis heute, dass man ihre Probleme als „psychisch“ oder „psychosomatisch“ relativiert, kleinredet oder sogar gänzlich leugnet. Eine Leserin formulierte es in der Diskussion chronischer Erschöpfung (engl. Chronic Fatigue Syndrome, CFS) einmal treffend so: „Nein, das ist nicht psychisch, das ist real!“</p> <p>Wenn das Psychische, unsere intimste Innerlichkeit, zur Illusion abgestempelt wird, dann ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst vollendet. In der Folge gibt man dann selbst sichtbar schwer Depressiven nutzlose und demütigende Ratschläge, etwa „Stell dich nicht so an!“ oder „Mach doch mal Urlaub!“, wenn man sie nicht gleich ganz als Faulenzer und Simulanten abstempelt.</p> <p>Es hätte Vorteile, wenn die Neuropsychiatrie ihr Versprechen eingelöst hätte und wenn die Störungsbilder zum Beispiel im Hirnscanner diagnostizierbar wären: Dann könnte es nicht sein, dass die WHO die Häufigkeit von zum Beispiel Depressionen auf 4 Prozent der Bevölkerung schätzt, 2022 aber in Deutschland – wie wir oben sahen – 14 Prozent die Diagnose bekamen. Die neuesten Zahlen des Robert Koch-Instituts deuten sogar auf <a href="https://edoc.rki.de/handle/176904/13098" rel="noopener">22 Prozent</a>, verwendeten hierfür aber andere Kriterien.</p> <p>In der Praxis sehen Fachleute massenweise Menschen mit unspezifischen Problemen wie Erschöpfung, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit, vielleicht Schlafproblemen, Gewichtsveränderungen. Dazu kommt eine fast beliebig große Anzahl anderer psychischer und körperlicher Beschwerden, für die es keine eindeutige medizinische Erklärung gibt. Den Statistiken nach denken viele dann an eine depressive Störung und diagnostizieren diese auch. In einer Psychotherapie kann man dann, sofern man überhaupt einen Platz bekommt, je nach Verfahren problematische Denkmuster, unbewusste Konflikte und/oder Beziehungsdynamiken bearbeiten.</p> <h2>Individualisierung</h2> <p>Der Haken an der Sache ist aber: Sowohl das Gehirnmodell der Psychiatrie als auch die gängigen Psychotherapieverfahren <em>individualisieren</em> die Probleme. Dabei sahen wir, dass die Risikofaktoren oft <em>in der Umwelt</em> und in vergangenen Erfahrungen liegen. Wenn man nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel. Und wenn man eine Person immer nur für kurze Zeit und unter vier Augen in der abgeschotteten Praxis oder Klinik sieht, ist der naheliegendste Ansatzpunkt eben genau dieses Individuum. Seine normale, alltägliche, familiäre und berufliche Umgebung sieht man in der Regel nicht.</p> <p>Zum Anstieg der psychologisch-psychiatrischen Diagnosen – oben wurde ihre Häufigkeit auf jährlich 38 Prozent beziffert, Tendenz steigend – wäre noch viel mehr zu sagen. Doch schließen wir an dieser Stelle damit, auf eine therapeutische Zwickmühle zu verweisen: Soziale Härten werden immer öfter psychologisiert, psychiatrisiert, medikalisiert. Doch diese Masse der Menschen lässt sich unmöglich psychotherapeutisch versorgen, selbst wenn wir heute mehr Therapeutinnen und Therapeuten haben denn je. Ich habe selbst Tausende akademisch im Fach Psychologie ausgebildet.</p> <p>Ein derartiger Anstieg kann nur dann bewältigt werden, wenn sich auch die therapeutischen Maßnahmen entsprechend vervielfältigen lassen. Hier kommen Psychopharmaka ins Spiel, die sich – anders als Therapeutinnen und Therapeuten – fabrikmäßig produzieren lassen. Zum erwähnten Anstieg bei den diagnostizierten Depressionen auf inzwischen 14 oder mehr Prozent im Jahr passt, dass Hausärztinnen und Hausärzte die (angeblich) passenden Medikamente immer häufiger selbst verschreiben und das seltener den Fachleuten aus der Psychiatrie überlassen. Dabei geht es um die sogenannten Antidepressiva, die heute <em>elfmal</em> so häufig verabreicht werden wie vor 35 Jahren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift.jpg"><img alt="" decoding="async" height="585" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-1024x585.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-1024x585.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-300x171.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-768x439.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-1536x877.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift.jpg 1576w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Von den sogenannten Antidepressiva, vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Verstärker, werden inzwischen jährlich 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben. Das ist genug für die tägliche Behandlung von rund 5 Millionen Menschen. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report.</em></figcaption></figure> <p>Mit welchen Wirkungen und Nebenwirkungen das einhergeht und was das für die Betroffenen bedeuten kann, diskutieren wir im zweiten Teil.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Quellen</h2> <ul> <li>Ashton, A. K., Jamerson, B. D., Weinstein, W. L., &amp; Wagoner, C. (2005). Antidepressant-related adverse effects impacting treatment compliance: results of a patient survey. <em>Current Therapeutic Research</em>, 66(2), 96-106.</li> <li>Felitti, V. J., Anda, R. F., Nordenberg, D., Williamson, D. F., Spitz, A. M., Edwards, V., &amp; Marks, J. S. (1998). Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. <em>American Journal of Preventive Medicine</em>, 14(4), 245-258.</li> <li>Oquendo, M. A., Abi-Dargham, A., Alpert, J. E., Benton, T. D., Clarke, D. E., Compton, W. M., … &amp; Gogtay, N. (2026). Initial strategy for the future of DSM. <em>American Journal of Psychiatry</em>, 183(5), 292-300.</li> <li>Rosen, R. C., Lane, R. M., &amp; Menza, M. (1999). Effects of SSRIs on Sexual Function: A Critical Review. <em>Journal of Clinical Psychopharmacology</em>, 19(1), 67-85.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt.</a></u></em> BoD, Hamburg.</li> <li>Thom, J. et al. <em>Dtsch Arztebl Int</em> 2024; 121: 355-62; DOI: 10.3238/arztebl.m2024.0052</li> <li>Zeiss, R., Malejko, K., Connemann, B., Gahr, M., Durner, V., &amp; Graf, H. (2024). Sexual dysfunction induced by Antidepressants—A pharmacovigilance study using data from vigibasetm. <em>Pharmaceuticals</em>, 17(7), 826.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: Von <a href="https://pixabay.com/photos/forest-walking-nature-woods-trees-4426547/" rel="noopener">WhimsicalMouse</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f385afeff1e4479fbbc00020bf1e1a56" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/whimsicalmouse-forest-4426547.jpg" /><h1>Warum bekommen immer mehr Menschen Depressionen diagnostiziert? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Ein tiefer Einblick in die Depressions-Epidemie</strong></p> <span id="more-3677"></span> <p>Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird nicht müde, auf die zunehmenden Herausforderungen durch depressive Störungen hinzuweisen. Als Kernsymptome gelten einerseits die depressive Verstimmung beziehungsweise Niedergeschlagenheit und andererseits die Motivations- und Antriebslosigkeit. Laut WHO leiden etwa <a href="https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/depression" rel="noopener">4 Prozent der Weltbevölkerung</a> darunter, rund 6 Prozent der Erwachsenen.</p> <p>Häufige Begleitsymptome sind Schlafprobleme – zu viel oder zu wenig Schlaf – und Konzentrationsstörungen. Das Denken an den Tod und sogar Pläne oder Versuche für einen Suizid gehören zu den schwersten Symptomen. Zwar sind Selbsttötungen zum Glück sehr selten, doch für die Betroffenen und Angehörigen erschütternd. Als Suizid-Paradox ist bekannt, dass zwar Frauen, die auch häufiger die Diagnose Depression bekommen, mehr Suizidversuche unternehmen. Im Endeffekt sterben aber in allen Ländern der Welt <a href="https://ourworldindata.org/data-insights/suicide-rates-are-higher-in-men-than-women" rel="noopener">mehr Männer</a> durch Selbsttötungen. In den USA trifft es sogar <em>viermal</em> so viele Männer wie Frauen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidep-Suiz-DE-1.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Anzahl der Suizide (Balken) schwankt in Deutschland jährlich im Bereich zwischen rund 9.000 und 10.000. Die blaue Linie zeigt den Anstieg der Medikamentenverschreibungen sogenannter Antidepressiva über die Jahre. Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111), Nummer gegen Kummer (116 111) oder Online-Angebote können helfen. Datenquellen: Statistisches Bundesamt, Arzneiverordnungs-Report</em></figcaption></figure> <p>Auch wenn das Thema Depression in aller Munde ist, ist es kaum verstanden. Wie ich in meinem Buch über die <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a> genauer ausführe, lassen offizielle diagnostische Kriterien 227 unterschiedliche Formen von Depressionen zu. Dabei kann es sein, dass zwei Betroffene gerade einmal <em>ein</em> Symptom gemeinsam haben.</p> <p>Depressionen kennen also viele Gesichter. Dass die genannten Probleme als Symptome anerkannt sind, nicht aber häufig ebenfalls auftretendes Grübeln, Magen-Darm-Probleme oder Schmerzen, ist eine Konvention: Führende Fachleute verständigen sich alle Jahre wieder am Konferenztisch auf die offizielle Lesart.<aside></aside></p> <p>Ein einflussreicher britischer Psychiatrieforscher des 20. Jahrhunderts sprach daher von der „depressiven Verwirrung“. Damit meinte er aber nicht etwa den Geisteszustand der Betroffenen, sondern das Unvermögen seiner Kolleginnen und Kollegen, sich auf ein Verständnis von Depressionen – oder früher: Melancholie – zu einigen. Ein von mir im Buch angeführter deutscher Professor bezeichnete sie vor 120 Jahren schlicht als „krankhafte Traurigkeit“.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Diagnostische Trends</h2> <p>Man könnte meinen, dass die von der WHO genannten 4 Prozent schon viel sind. Schaut man auf das medizinische Handeln in Deutschland, zeichnet sich aber ein ganz anderes Bild: Demnach bekamen 2022 ganze <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/entwicklung-der-diagnosepraevalenz-psychischer-stoerungen-2012-2022-4ea11330-a626-4f36-a93e-2d3f7d068a7c" rel="noopener">38 Prozent</a> der Kassenpatientinnen und -patienten eine psychische Störung diagnostiziert. Das bedeutet einen Anstieg von 13 Prozent gegenüber 2012. Es scheint immer normaler zu werden, ernsthafte psychische Probleme zu haben – und dafür psychotherapeutische und/oder ärztliche Hilfe zu suchen.</p> <p>Angeführt wurde das mit 14 Prozent tatsächlich von Depressionen. Frauen erhielten diese Diagnose 1,7-mal häufiger als Männer. Danach folgten psychische und Verhaltensstörungen im Zusammenhang mit psychoaktiven Substanzen (8 Prozent). Diese wurden bei Männern 1,5-mal häufiger diagnostiziert. Angststörungen landeten mit 7 Prozent auf Platz drei, bei Frauen 1,9-mal so oft. Posttraumatische Belastungsstörungen waren mit 1 Prozent vergleichsweise selten, verdoppelten sich aber gegenüber 2012 (plus 116 Prozent). Auch diese Diagnose erhielten Frauen in etwa doppelt so häufig.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024.jpg"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-1024x586.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-1024x586.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-300x172.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-768x439.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024-1536x879.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Diagnosepraevalenz-Thom-et-al-2024.jpg 1573w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Eine Auswertung der Abrechnungsdaten von 68,7 (2012) beziehungsweise 73,7 Millionen (2022) gesetzlich Krankenversicherten ergab die dargestellten Diagnoseprävalenzen. Der Anstieg betrug für die Angststörungen 31 Prozent, für Substanzkonsumstörungen 35 Prozent, für Depressionen 15 Prozent und für alle erfassten psychischen und Verhaltensstörungen insgesamt 13 Prozent. Datenquelle: <a href="https://www.aerzteblatt.de/archiv/entwicklung-der-diagnosepraevalenz-psychischer-stoerungen-2012-2022-4ea11330-a626-4f36-a93e-2d3f7d068a7c" rel="noopener">Thom et al., 2024</a>, Deutsches Ärzteblatt</em></figcaption></figure> <p>Aber wie passt das zusammen: Die WHO spricht von 4 Prozent, während in Deutschland mit 14 Prozent mehr als dreimal so viele die Diagnose bekommen? Ich erwähnte bereits, dass etwas diffus bleibt, was Depressionen eigentlich sind. Neben der Festlegung und Veränderung der Kriterien am Konferenztisch stellt sich in der Praxis ein viel größeres Problem: <em>Wie schwer</em> müssen die genannten Symptome sein, um eine Diagnose zu rechtfertigen? Wie niedergeschlagen muss etwa jemand sein, wie oft muss der Schlaf gestört sein, wie stark die Konzentration eingeschränkt oder wie oft an den Tod gedacht werden?</p> <p>Hierauf gibt es keine eindeutige Antwort. Die offizielle Meinung lautet, dass die Diagnose einer psychischen Störung üblicherweise ein erhebliches Leiden und/oder eine erhebliche Einschränkung des Alltags voraussetzt. Mit „erheblich“ habe ich hier den Fachbegriff der „klinischen Signifikanz“ übersetzt. Was das ist, dafür gibt es Richtwerte. Im Endeffekt liegt es aber im Auge des Betrachters: Wenn der Arzt oder die Psychotherapeutin denkt, dass die Probleme ernst genug sind, dann wird er oder sie eine Diagnose stellen. Das System zur Abrechnung der Behandlungskosten setzt oft auch eine Diagnose voraus.</p> <h2>Folgen einer Diagnose</h2> <p>Diesen Vorgang sollte man aber nicht auf die leichte Schulter nehmen. Die Diagnose einer psychischen Störung mag zwar einerseits die Tür für bestimmte Behandlungen öffnen. Andererseits kann diese aber in verschiedenen sozialen Kontexten zum Bumerang werden: zum Beispiel beim Abschluss einer Versicherung, bei der Aufnahme einer Hypothek fürs Eigenheim oder mit Blick auf eine mögliche Verbeamtung im Staatsdienst.</p> <p>Ich selbst habe gerade wieder die monatlichen 3,38 Euro „Strafgebühr“ für meine Hypothek abgezogen bekommen, schlicht weil ich wegen Stress bei einer Psychotherapeutin war – und das ehrlich gegenüber der Bank angegeben habe. Wenn man es verschweigt, kann einem das später als Versicherungsbetrug oder andere Art der Täuschung ausgelegt werden und als doppelter Bumerang zurückkommen. Manchen, die es versuchten, wurde deswegen schon der Beamtenstatus aberkannt.</p> <p>Aufgrund langer Wartelisten, insbesondere für die Kassenpatienten, hat sich ein regelrechtes Diagnose-Shopping entwickelt: Eine ADHS-Vordiagnostik lässt sich beispielsweise <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/">für 140 Euro kaufen</a>; für eine vollständige Diagnostik wird man eher auf 300 bis 400 Euro kommen. Die gewünschte Diagnose ist damit zwar nicht garantiert. Aber wer wird schon seine zahlenden Kunden enttäuschen und negative Bewertungen riskieren?</p> <p>Das diagnostische Ergebnis erleben viele als Entlastung: „Endlich wusste ich, was mit mir nicht stimmt!“ Damit deutet man bestimmte, unerwünschte körperliche oder psychische Wahrnehmungen nicht nur als medizinisches Problem; vielmehr verinnerlicht (internalisiert) man sie auch. Was das bedeutet, dazu gleich noch mehr.</p> <p>Zum Glück liefert die Medizin beziehungsweise die klinische Psychologie nicht nur die Diagnose, sondern vor allem auch: die Entschuldigung. „Es ist eine Krankheit; du kannst nichts dafür!“ Eine Diskussion der Ursachen von Depressionen zeigt, dass das aus gesellschaftlicher Sicht kein trivialer Vorgang ist. Analog gilt das Folgende für die meisten anderen psychischen Störungen, von denen inzwischen Hunderte unterschieden werden.</p> <h2>Geschichte</h2> <p>Um diesen Gedanken besser zu verstehen, müssen wir uns kurz mit der Geschichte der Psychiatrie beschäftigen: In der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts gab es zwei traditionelle Institutionen, die sich mit der Aufrechterhaltung der Normalität befassten, die Kirche und die Polizei. Im Zuge der Verstädterung blieb aber eine größer werdende Gruppe von Menschen übrig, die nicht so recht in diese Institutionen passte. Diese nannte man damals Irre, Unsinnige oder Wahnsinnige. Sie waren weder „verlorene Schafe“ des Herrn noch wirklich Kriminelle, auch wenn manche von ihnen ernsthafte Probleme verursachten.</p> <p>Noch bis in die 1830er-Jahre suchten französische Minister nach einem passenden bürgerlichen Umgang mit diesen Menschen. Die ersten modernen Psychiater wie Philippe Pinel (1745-1826) oder dessen Lieblingsschüler Jean Étienne Dominique Esquirol (1772-1840) boten mit der Errichtung psychiatrischer Kliniken die passende Lösung. Bei deren Nachfolger Jean-Martin Charcot (1825-1893) sollte später der junge Sigmund Freud (1856-1939) studieren, der die Psychiatrie mit seiner Neurosenlehre ins 20. Jahrhundert führte.</p> <p>Pioniere wie Pinel und Esquirol stellten diagnostische Systeme der „Geisteskrankheiten“ auf und unterschieden zum Beispiel Demenz, Manie, Melancholie und „Idiotismus“. Sie sammelten Statistiken zu deren Häufigkeit und entwickelten Gedanken über die Ursachen und Therapien.</p> <h2>Von der Beobachtung zum Gehirn</h2> <p>Die Psychiatrie brauchte aber vor allem ein <em>passendes Organ</em>, das als Krankheitsherd dienen konnte. Sie fürchtete, sonst nicht so ernst genommen zu werden wie die anderen Felder der Medizin. Damals war die Phrenologie in Mode und man übernahm schließlich deren Ansicht der funktionellen Spezialisierung des Gehirns, ohne den folkloristischen Teil der Schädellehre anzuerkennen – die später in Verruf geratene Sichtweise, man könne von der Kopfform auf den Charakter eines Menschen schließen.</p> <p>Der Gedanke, dass die Psychiatrie im Grunde eine Medizin des kranken Gehirns ist, prägt die Forschung und Praxis dieser Disziplin bis heute. Bei der damals noch unbehandelbaren Geschlechtskrankheit Syphilis stimmte das sogar oft: Das Bakterium <em>Treponema pallidum</em> richtete auf Dauer immer größeren Schaden an, bei vielen auch im Nervensystem. Das führte zur gefürchteten „Neurosyphilis“, die neben neurologischen Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Sprachstörungen auch zum psychiatrischen „Wahn“ führen konnte. Und weil dessen Symptome denen der sogenannten Schizophrenie ähnelten, vermutete man auch hier und für die anderen Störungsbilder eine neuronale Ursache.</p> <p>Dieser neuropsychiatrische Traum ist aber bis heute nicht in Erfüllung gegangen. Psychologisch-psychiatrische Diagnosen stellt man nach wie vor durch Gespräche und Verhaltensbeobachtung. Einen zuverlässigen Gen- oder Gehirn-Test gibt es für keines der Hunderten Störungsbilder. Der angebliche genetische Beitrag auf die Entstehung der Probleme wird <a href="https://www.madinamerica.com/2025/05/heritability-explains-less-about-mental-disorders-than-you-think/" rel="noopener">regelmäßig übertrieben</a>. Dabei wollte man sich in den 1970ern von Freuds Modell verabschieden und endlich die lang ersehnte neue wissenschaftliche und objektive Psychiatrie schaffen.</p> <p>Erst kürzlich formulierten führende Fachleute die Pläne für die nächste Überarbeitung des diagnostischen Systems, das wohl in den 2030er-Jahren fertig sein dürfte: Ganz oben auf der Liste stehen nach wie vor eine neurowissenschaftlich fundierte Krankheitslehre und <a href="https://psychiatryonline.org/doi/full/10.1176/appi.ajp.20250878" rel="noopener">biologische Tests</a> für die Störungen. Für Alzheimer soll das bald möglich sein. Man wird es sehen. Jedenfalls zeigt das die große Wissenslücke des Gehirn-Denkens in der Psychiatrie auf.</p> <h2>Risikofaktoren</h2> <p>Was bleibt unterdessen? Ein vages Störungsbild der Depression. Unerklärlich steigenden Diagnosen. Eine Psychiatrie und zum Teil auch klinischen Psychologie, die objektive Neurowissenschaft sein will, doch der das seit 200 Jahren nicht gelingt. Treffenderweise sollte man daher auch nicht von den „Ursachen“ psychischer Störungen sprechen, sondern von „Risikofaktoren“. Und diese finden sich laut jahrzehntelanger Forschung vor allem im <em>psychosozialen</em> Bereich.</p> <p>Wie ich im Buch über die <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a> näher ausführe und auch die WHO bestätigt, sind das bei depressiven Störungen vor allem schwere Lebensereignisse. Das sind zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Verlust einer Beziehung durch Trennung oder Tod, traumatische Erfahrungen etwa in der Kindheit, als Opfer eines Unfalls, Verbrechens oder im Kriegs- oder Kriseneinsatz. Allgemein anerkannt erhöht schwerer, anhaltender Stress die Wahrscheinlichkeit für viele psychische und körperliche Probleme. In diesem Sinne können auch Erfahrungen anhaltender Armut oder Ausgrenzung an der Seele zehren.</p> <p>Schwerer Drogenmissbrauch ist ein weiterer Risikofaktor. Dabei sind psychoaktive Substanzen aber oft ein Mittel, um ein hartes Schicksal zu bewältigen; die Richtung der Ursache-Wirkung-Beziehung ist hier also nicht ganz klar. In vielen wissenschaftlichen Studien aus mehreren Ländern ist bestätigt, dass erlebte Kindesmisshandlung das Risiko von schwerem Alkohol- und anderem Drogenkonsum, Depression und Suiziden <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0749379798000178" rel="noopener">um ein Vielfaches erhöht</a>. Und eine Emigration – oder umso mehr unfreiwillige Flucht – in eine andere Kultur erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Schizophrenie-Diagnose erheblich.</p> <h2>Zerrissenheit</h2> <p>Das führt uns zu der inneren Zerrissenheit, die die Psychiatrie bis heute plagt. Sie will so objektiv und wissenschaftlich sein wie die anderen Zweige der Medizin. Dafür hat sie schon im frühen 19. Jahrhundert das Gehirn-Modell eingeführt. Die Betroffenen leiden aber noch heute unter dessen Folgen: Indem man der Psychiatrie (wörtlich: Seelenheilkunde) sozusagen die Psyche, die Seele austrieb und aus ihr in heutiger Redeweise eine „klinische Neurowissenschaft“ machen wollte, riss man sie aus der Verankerung. Noch in Freuds Lehre entsprangen psychische Störungen nämlich oft unbewussten <em>psychischen</em> Vorgängen.</p> <p>Ohne Verankerung erfahren viele Betroffene bis heute, dass man ihre Probleme als „psychisch“ oder „psychosomatisch“ relativiert, kleinredet oder sogar gänzlich leugnet. Eine Leserin formulierte es in der Diskussion chronischer Erschöpfung (engl. Chronic Fatigue Syndrome, CFS) einmal treffend so: „Nein, das ist nicht psychisch, das ist real!“</p> <p>Wenn das Psychische, unsere intimste Innerlichkeit, zur Illusion abgestempelt wird, dann ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst vollendet. In der Folge gibt man dann selbst sichtbar schwer Depressiven nutzlose und demütigende Ratschläge, etwa „Stell dich nicht so an!“ oder „Mach doch mal Urlaub!“, wenn man sie nicht gleich ganz als Faulenzer und Simulanten abstempelt.</p> <p>Es hätte Vorteile, wenn die Neuropsychiatrie ihr Versprechen eingelöst hätte und wenn die Störungsbilder zum Beispiel im Hirnscanner diagnostizierbar wären: Dann könnte es nicht sein, dass die WHO die Häufigkeit von zum Beispiel Depressionen auf 4 Prozent der Bevölkerung schätzt, 2022 aber in Deutschland – wie wir oben sahen – 14 Prozent die Diagnose bekamen. Die neuesten Zahlen des Robert Koch-Instituts deuten sogar auf <a href="https://edoc.rki.de/handle/176904/13098" rel="noopener">22 Prozent</a>, verwendeten hierfür aber andere Kriterien.</p> <p>In der Praxis sehen Fachleute massenweise Menschen mit unspezifischen Problemen wie Erschöpfung, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit, vielleicht Schlafproblemen, Gewichtsveränderungen. Dazu kommt eine fast beliebig große Anzahl anderer psychischer und körperlicher Beschwerden, für die es keine eindeutige medizinische Erklärung gibt. Den Statistiken nach denken viele dann an eine depressive Störung und diagnostizieren diese auch. In einer Psychotherapie kann man dann, sofern man überhaupt einen Platz bekommt, je nach Verfahren problematische Denkmuster, unbewusste Konflikte und/oder Beziehungsdynamiken bearbeiten.</p> <h2>Individualisierung</h2> <p>Der Haken an der Sache ist aber: Sowohl das Gehirnmodell der Psychiatrie als auch die gängigen Psychotherapieverfahren <em>individualisieren</em> die Probleme. Dabei sahen wir, dass die Risikofaktoren oft <em>in der Umwelt</em> und in vergangenen Erfahrungen liegen. Wenn man nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem aus wie ein Nagel. Und wenn man eine Person immer nur für kurze Zeit und unter vier Augen in der abgeschotteten Praxis oder Klinik sieht, ist der naheliegendste Ansatzpunkt eben genau dieses Individuum. Seine normale, alltägliche, familiäre und berufliche Umgebung sieht man in der Regel nicht.</p> <p>Zum Anstieg der psychologisch-psychiatrischen Diagnosen – oben wurde ihre Häufigkeit auf jährlich 38 Prozent beziffert, Tendenz steigend – wäre noch viel mehr zu sagen. Doch schließen wir an dieser Stelle damit, auf eine therapeutische Zwickmühle zu verweisen: Soziale Härten werden immer öfter psychologisiert, psychiatrisiert, medikalisiert. Doch diese Masse der Menschen lässt sich unmöglich psychotherapeutisch versorgen, selbst wenn wir heute mehr Therapeutinnen und Therapeuten haben denn je. Ich habe selbst Tausende akademisch im Fach Psychologie ausgebildet.</p> <p>Ein derartiger Anstieg kann nur dann bewältigt werden, wenn sich auch die therapeutischen Maßnahmen entsprechend vervielfältigen lassen. Hier kommen Psychopharmaka ins Spiel, die sich – anders als Therapeutinnen und Therapeuten – fabrikmäßig produzieren lassen. Zum erwähnten Anstieg bei den diagnostizierten Depressionen auf inzwischen 14 oder mehr Prozent im Jahr passt, dass Hausärztinnen und Hausärzte die (angeblich) passenden Medikamente immer häufiger selbst verschreiben und das seltener den Fachleuten aus der Psychiatrie überlassen. Dabei geht es um die sogenannten Antidepressiva, die heute <em>elfmal</em> so häufig verabreicht werden wie vor 35 Jahren.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift.jpg"><img alt="" decoding="async" height="585" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-1024x585.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-1024x585.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-300x171.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-768x439.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift-1536x877.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Antidepressiva-DE-m-Schrift.jpg 1576w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Von den sogenannten Antidepressiva, vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Verstärker, werden inzwischen jährlich 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben. Das ist genug für die tägliche Behandlung von rund 5 Millionen Menschen. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report.</em></figcaption></figure> <p>Mit welchen Wirkungen und Nebenwirkungen das einhergeht und was das für die Betroffenen bedeuten kann, diskutieren wir im zweiten Teil.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Depressions-Epidemie-Reklame-neu-breit.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Quellen</h2> <ul> <li>Ashton, A. K., Jamerson, B. D., Weinstein, W. L., &amp; Wagoner, C. (2005). Antidepressant-related adverse effects impacting treatment compliance: results of a patient survey. <em>Current Therapeutic Research</em>, 66(2), 96-106.</li> <li>Felitti, V. J., Anda, R. F., Nordenberg, D., Williamson, D. F., Spitz, A. M., Edwards, V., &amp; Marks, J. S. (1998). Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults: The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. <em>American Journal of Preventive Medicine</em>, 14(4), 245-258.</li> <li>Oquendo, M. A., Abi-Dargham, A., Alpert, J. E., Benton, T. D., Clarke, D. E., Compton, W. M., … &amp; Gogtay, N. (2026). Initial strategy for the future of DSM. <em>American Journal of Psychiatry</em>, 183(5), 292-300.</li> <li>Rosen, R. C., Lane, R. M., &amp; Menza, M. (1999). Effects of SSRIs on Sexual Function: A Critical Review. <em>Journal of Clinical Psychopharmacology</em>, 19(1), 67-85.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt.</a></u></em> BoD, Hamburg.</li> <li>Thom, J. et al. <em>Dtsch Arztebl Int</em> 2024; 121: 355-62; DOI: 10.3238/arztebl.m2024.0052</li> <li>Zeiss, R., Malejko, K., Connemann, B., Gahr, M., Durner, V., &amp; Graf, H. (2024). Sexual dysfunction induced by Antidepressants—A pharmacovigilance study using data from vigibasetm. <em>Pharmaceuticals</em>, 17(7), 826.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: Von <a href="https://pixabay.com/photos/forest-walking-nature-woods-trees-4426547/" rel="noopener">WhimsicalMouse</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f385afeff1e4479fbbc00020bf1e1a56" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/warum-bekommen-immer-mehr-menschen-depressionen-diagnostiziert/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>MoFi https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-2/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-2/#respond Fri, 28 Aug 2026 04:37:12 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13431 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188725.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-2/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188725.jpg" /><h1>MoFi » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-28T06:37:12+02:00">28. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Normalerweise verschwindet der Mond bei einer Mondfinsternis nicht, sondern erscheint rot. Ich habe es heute aber einmal anders erlebt: In der partiellen Phase jeder Finsternis wird der Mond immer dünner und blasser. Heute war es aber so, dass gleichzeitig die Morgendämmerung den Himmelshintergrund immer heller machte, so dass der Kontrast zwischen blassem Mond und Dämmerungshimmel immer geringer wurde. </p> <p>Obwohl der Mond eigentlich nicht wirklich unsichtbar wird, sondern zu jeder Zeit einer Mondfinsternis (egal, ob total oder partiell) etwas Sonnenlicht erhält (es ihn erhellt ;-)), schien er für mich heute immer dünner zu werden und schließlich in der Morgendämmerung zu verschwinden. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739.jpg"><img alt="" decoding="async" height="480" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ich beobachtete etwa da, wo Aristoteles lebte 🙂 also in .de dürfte das etwas anders gewesen sein. </p> <p>Das hat seinen besonderen Reiz, weil er mit dem Argument, dass partielle Mondfinsternisse abends, morgens und mitten in der Nacht immer gleich aussehen, bewies, dass die Erde eine Kugel sein muss.</p> <p>siehe hier: <a href="https://capjournal.org/articles/338/total-eclipse-of-the-moon-repeating-historical-measurements" rel="noopener">fachdidaktisch-kulturastronomischer Artikel</a><aside></aside></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188725.jpg" /><h1>MoFi » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-28T06:37:12+02:00">28. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Normalerweise verschwindet der Mond bei einer Mondfinsternis nicht, sondern erscheint rot. Ich habe es heute aber einmal anders erlebt: In der partiellen Phase jeder Finsternis wird der Mond immer dünner und blasser. Heute war es aber so, dass gleichzeitig die Morgendämmerung den Himmelshintergrund immer heller machte, so dass der Kontrast zwischen blassem Mond und Dämmerungshimmel immer geringer wurde. </p> <p>Obwohl der Mond eigentlich nicht wirklich unsichtbar wird, sondern zu jeder Zeit einer Mondfinsternis (egal, ob total oder partiell) etwas Sonnenlicht erhält (es ihn erhellt ;-)), schien er für mich heute immer dünner zu werden und schließlich in der Morgendämmerung zu verschwinden. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739.jpg"><img alt="" decoding="async" height="480" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000188739-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ich beobachtete etwa da, wo Aristoteles lebte 🙂 also in .de dürfte das etwas anders gewesen sein. </p> <p>Das hat seinen besonderen Reiz, weil er mit dem Argument, dass partielle Mondfinsternisse abends, morgens und mitten in der Nacht immer gleich aussehen, bewies, dass die Erde eine Kugel sein muss.</p> <p>siehe hier: <a href="https://capjournal.org/articles/338/total-eclipse-of-the-moon-repeating-historical-measurements" rel="noopener">fachdidaktisch-kulturastronomischer Artikel</a><aside></aside></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi-2/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Gletscherabbruch im Himalaja löst Sturzflut und Erdbeben aus https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/sturzflut-im-himalaja-loest-erdbeben-aus/ https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/sturzflut-im-himalaja-loest-erdbeben-aus/#respond Thu, 27 Aug 2026 11:26:27 +0000 David Bressan https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/?p=1398 <h1>Gletscherabbruch im Himalaja löst Sturzflut und Erdbeben aus » Geschichte der Geologie » SciLogs</h1><h2>By Von David Bressan</h2><div itemprop="text"> <figure aria-describedby="caption-attachment-1399" id="attachment_1399"><a href="https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="300" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" src="https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__-199x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__.jpg 590w" width="199"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1399">Seismogramm des Gletscherabbruchs in Nepal/Tibet (Quelle INGV)</figcaption></figure> <p>Am 26. August 2026 hat sich eine <a href="https://nepalitimes.com/central-nepal-flood-the-day-after?fbclid=IwY2xjawT8-eVwZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMHFSZnQ4c0Z3VUJsdlBkbjBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeYyg6qjYn7eY-qLehaxRNqykuTGOt4MwNnooxHmkXh4IPuCxlENvVinWNA7M_aem_mA7y_XC3lHFengNNtG7TPw" rel="noopener">Sturzflut aus Wasser und Geröll nahe der Grenzregion Nepal und Tibet(China)</a> ereignet, mit verheerenden Folgen für die dortigen Siedlungen. Videoaufnahmen zeigen wie schnell und plötzlich die Wassermassen regelrecht durch die engen Täler „hindurchschießen“. Menschen rennen davon, aber es gibt kaum eine Möglichkeit sich rechtzeitig in höher gelegenen Gebieten und damit in Sicherheit zu bringen. </p> <p>Ersten Berichten zufolge ereignete sich östlich des betroffenen Gebiets im Einzugsgebiet eines Seitentals ein Magnitude 4+ Erdbeben. Das führte zu Spekulationen, dass die Erschütterungen möglicherweiße eine Eis-Schutt-Lawine ausgelöst haben, diese dann den Berg hinuntergerutscht ist und die Reibungshitze das Eis zum Schmelzen gebracht hat.</p> <p>Allerdings hat der <a href="https://earthquake.usgs.gov/earthquakes/eventpage/us7000tbwb/executive?fbclid=IwY2xjawT9Al9wZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMHFSZnQ4c0Z3VUJsdlBkbjBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeRMK8b8Yb2bSuhImadT5TG9gjeqitJdyap8uWvC9zx5co2eehFALXc8AYWJE_aem_EhvCa__rjByGwCaR74eBfg" rel="noopener">USGS</a> diesen ersten Bericht revidiert. Die Magnitude 5.2 Erschütterung wurde von einer herabstürzenden Masse ausgelöst, war also ein Ergebnis, nicht der Auslöser der Katatsrophe.</p> <p>Der Italienische Geophysikalische Dienst <a href="https://ingvterremoti.com/2026/08/27/26-agosto-2026-la-frana-in-nepal-e-lanalisi-dei-sismogrammi/?fbclid=IwY2xjawT85apwZG9mBWV4dG4DYWVtAjExAHNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR7ggq41xVksgYF6AYPo-ViSG4WYAFeeOb_kXAJ0kwH_m4Ia9XU7WOTHfo3Oyg_aem_M8cTxy8MFqlmtbvDY4FMOQ" rel="noopener">INGV</a> hat Messdaten des <a href="https://www.evk2cnr.org/en/pyramid-observatory-laboratory" rel="noopener">Pyramid Laboratory-Osservatory</a>, einer Forschungsstaion im Khumbu-Tal in der Nähe des Everest, genutzt, um dieses seismische Ereignis besser zu charakterisieren. Die Station misst eigentlich schwache und langfristige Erschütterungen die von den ständig in Bewegung befindlichen Gletschern und meteorologschen Phänomenen (wie Druckabfall vor einem Sturm) ausgehen.</p> <p>Erdbeben entstehen (sehr vereinfacht gesagt) wenn ein unter Spannung stehendes Gestein entlang einer Störung plötzlich bricht. Das entsprechende Seismogramm (in der Abbildung ganz oben wurde ein 10 Sekunden langes Magnitude 5.3 Erdbeben, das im September 2020 Nepal erschüttert hat, verwendet) zeigt einen Impuls, der viel Energie auf einmal freisetzt, aber dann rasch ausklingt. Auch die maximale Grundbeschleunigung (in der Abbildung die erste Kurve in Schwarz) ist dementsprechend höher.<aside></aside></p> <p>Eine Rutschung, ein Bergsturz oder eine Lawine (untere Abbildung). nimmt dagegen graduell an Intensität zu, da sie sich einen Hang hinunterbewegt und dabei Höhenenergie in Bewegungsenergie umgewandelt wird. Einzelne stärkere Impulse sind unregelmäßig und über einen längeren Zeitraum (bis zu 60 Sekunden) verteilt. Diese Impulse entstehen, wenn gröberer Schutt oder größere Eisblöcke aufschlagen. Rollende Blöcke oder Schutt der am Grund entlangschrammt verursacht dagegen langwellige Erschütterungen, im Seimogramm an den (mehr oder weniger) durchgängigen roten Bereich im unteren Frequenzbereich zu erkennen.</p> <p><a href="https://www.ldeo.columbia.edu/ldeo/annualreports/2013report/index.html%3Fp=30.html?fbclid=IwY2xjawT9BD9wZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMHFSZnQ4c0Z3VUJsdlBkbjBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEexFTPso58OxbTKiFvCWSDzhfKyBFUYPxYFsh8Y2ecsuEV482F9smCKr7ivag_aem_JILxCDPcntRP0UYdtI3kyg" rel="noopener">Zum Vergleich</a>: Der Kollaps des Mount St. Helens im Mai 1980, die größte je von Menschen direkt beobachtete Rutschung mit einem geschätzten Volumen von 2,5 Kubikkilometern, verursachte ein Erdbeben der Magnitude 5.6. Der Bergsturz von Blatten am 28. Mai 2025, bei dem drei bis neun Millionen Kubikmeter Gestein und Eis abrutschten, löste ein Erdbeben der Magnitude 1 bis 2 aus.</p> <p><a href="https://www.reuters.com/graphics/NEPAL-FLOODS/MAP/byvrdywwlve/" rel="noopener">Satellitenaufnahmen</a> scheinen jetzt zu bestätigen, dass Teile eines Hängegletschers am 7.245 Meter hohen Langtang Lirung abgebrochen sind. Geschätzt sind weit über 10 Millionen Kubikmeter Material etwa 1.400 Meter die steilen Bergflanken hinabgestürzt. Ob dieses Material in einen Gletschersee gestürtzt ist und einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherlauf" rel="noopener">Gletscherlauf</a> verursacht hat, ist nicht ganz klar. Ältere Satellitenbilder zeigen keinen See im betroffenen Gebiet (wobei bedingt durch die Gletscherschmelze sich auch immer temporäre Seen bilden können). Das Material hat vermutlich den Lhende Khola Fluss aufgestaut, bis dieser den Schuttdamm durchbrochen hat und als Flutwelle das Haupttal hinuntergeschossen ist.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Gletscherabbruch im Himalaja löst Sturzflut und Erdbeben aus » Geschichte der Geologie » SciLogs</h1><h2>By Von David Bressan</h2><div itemprop="text"> <figure aria-describedby="caption-attachment-1399" id="attachment_1399"><a href="https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="300" sizes="(max-width: 199px) 100vw, 199px" src="https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__-199x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/files/INGV__.jpg 590w" width="199"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1399">Seismogramm des Gletscherabbruchs in Nepal/Tibet (Quelle INGV)</figcaption></figure> <p>Am 26. August 2026 hat sich eine <a href="https://nepalitimes.com/central-nepal-flood-the-day-after?fbclid=IwY2xjawT8-eVwZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMHFSZnQ4c0Z3VUJsdlBkbjBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeYyg6qjYn7eY-qLehaxRNqykuTGOt4MwNnooxHmkXh4IPuCxlENvVinWNA7M_aem_mA7y_XC3lHFengNNtG7TPw" rel="noopener">Sturzflut aus Wasser und Geröll nahe der Grenzregion Nepal und Tibet(China)</a> ereignet, mit verheerenden Folgen für die dortigen Siedlungen. Videoaufnahmen zeigen wie schnell und plötzlich die Wassermassen regelrecht durch die engen Täler „hindurchschießen“. Menschen rennen davon, aber es gibt kaum eine Möglichkeit sich rechtzeitig in höher gelegenen Gebieten und damit in Sicherheit zu bringen. </p> <p>Ersten Berichten zufolge ereignete sich östlich des betroffenen Gebiets im Einzugsgebiet eines Seitentals ein Magnitude 4+ Erdbeben. Das führte zu Spekulationen, dass die Erschütterungen möglicherweiße eine Eis-Schutt-Lawine ausgelöst haben, diese dann den Berg hinuntergerutscht ist und die Reibungshitze das Eis zum Schmelzen gebracht hat.</p> <p>Allerdings hat der <a href="https://earthquake.usgs.gov/earthquakes/eventpage/us7000tbwb/executive?fbclid=IwY2xjawT9Al9wZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMHFSZnQ4c0Z3VUJsdlBkbjBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeRMK8b8Yb2bSuhImadT5TG9gjeqitJdyap8uWvC9zx5co2eehFALXc8AYWJE_aem_EhvCa__rjByGwCaR74eBfg" rel="noopener">USGS</a> diesen ersten Bericht revidiert. Die Magnitude 5.2 Erschütterung wurde von einer herabstürzenden Masse ausgelöst, war also ein Ergebnis, nicht der Auslöser der Katatsrophe.</p> <p>Der Italienische Geophysikalische Dienst <a href="https://ingvterremoti.com/2026/08/27/26-agosto-2026-la-frana-in-nepal-e-lanalisi-dei-sismogrammi/?fbclid=IwY2xjawT85apwZG9mBWV4dG4DYWVtAjExAHNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR7ggq41xVksgYF6AYPo-ViSG4WYAFeeOb_kXAJ0kwH_m4Ia9XU7WOTHfo3Oyg_aem_M8cTxy8MFqlmtbvDY4FMOQ" rel="noopener">INGV</a> hat Messdaten des <a href="https://www.evk2cnr.org/en/pyramid-observatory-laboratory" rel="noopener">Pyramid Laboratory-Osservatory</a>, einer Forschungsstaion im Khumbu-Tal in der Nähe des Everest, genutzt, um dieses seismische Ereignis besser zu charakterisieren. Die Station misst eigentlich schwache und langfristige Erschütterungen die von den ständig in Bewegung befindlichen Gletschern und meteorologschen Phänomenen (wie Druckabfall vor einem Sturm) ausgehen.</p> <p>Erdbeben entstehen (sehr vereinfacht gesagt) wenn ein unter Spannung stehendes Gestein entlang einer Störung plötzlich bricht. Das entsprechende Seismogramm (in der Abbildung ganz oben wurde ein 10 Sekunden langes Magnitude 5.3 Erdbeben, das im September 2020 Nepal erschüttert hat, verwendet) zeigt einen Impuls, der viel Energie auf einmal freisetzt, aber dann rasch ausklingt. Auch die maximale Grundbeschleunigung (in der Abbildung die erste Kurve in Schwarz) ist dementsprechend höher.<aside></aside></p> <p>Eine Rutschung, ein Bergsturz oder eine Lawine (untere Abbildung). nimmt dagegen graduell an Intensität zu, da sie sich einen Hang hinunterbewegt und dabei Höhenenergie in Bewegungsenergie umgewandelt wird. Einzelne stärkere Impulse sind unregelmäßig und über einen längeren Zeitraum (bis zu 60 Sekunden) verteilt. Diese Impulse entstehen, wenn gröberer Schutt oder größere Eisblöcke aufschlagen. Rollende Blöcke oder Schutt der am Grund entlangschrammt verursacht dagegen langwellige Erschütterungen, im Seimogramm an den (mehr oder weniger) durchgängigen roten Bereich im unteren Frequenzbereich zu erkennen.</p> <p><a href="https://www.ldeo.columbia.edu/ldeo/annualreports/2013report/index.html%3Fp=30.html?fbclid=IwY2xjawT9BD9wZG9mBWV4dG4DYWVtAjEwAGJyaWQRMHFSZnQ4c0Z3VUJsdlBkbjBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEexFTPso58OxbTKiFvCWSDzhfKyBFUYPxYFsh8Y2ecsuEV482F9smCKr7ivag_aem_JILxCDPcntRP0UYdtI3kyg" rel="noopener">Zum Vergleich</a>: Der Kollaps des Mount St. Helens im Mai 1980, die größte je von Menschen direkt beobachtete Rutschung mit einem geschätzten Volumen von 2,5 Kubikkilometern, verursachte ein Erdbeben der Magnitude 5.6. Der Bergsturz von Blatten am 28. Mai 2025, bei dem drei bis neun Millionen Kubikmeter Gestein und Eis abrutschten, löste ein Erdbeben der Magnitude 1 bis 2 aus.</p> <p><a href="https://www.reuters.com/graphics/NEPAL-FLOODS/MAP/byvrdywwlve/" rel="noopener">Satellitenaufnahmen</a> scheinen jetzt zu bestätigen, dass Teile eines Hängegletschers am 7.245 Meter hohen Langtang Lirung abgebrochen sind. Geschätzt sind weit über 10 Millionen Kubikmeter Material etwa 1.400 Meter die steilen Bergflanken hinabgestürzt. Ob dieses Material in einen Gletschersee gestürtzt ist und einen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gletscherlauf" rel="noopener">Gletscherlauf</a> verursacht hat, ist nicht ganz klar. Ältere Satellitenbilder zeigen keinen See im betroffenen Gebiet (wobei bedingt durch die Gletscherschmelze sich auch immer temporäre Seen bilden können). Das Material hat vermutlich den Lhende Khola Fluss aufgestaut, bis dieser den Schuttdamm durchbrochen hat und als Flutwelle das Haupttal hinuntergeschossen ist.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/geschichte-der-geologie/sturzflut-im-himalaja-loest-erdbeben-aus/#respond 0 Von Heizungsgesetz bis Zuckersteuer – Das exekutive & publikative Desaster der Bundesrepublik https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-heizungsgesetz-bis-zuckersteuer-das-exekutive-publikative-desaster-der-bundesrepublik/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-heizungsgesetz-bis-zuckersteuer-das-exekutive-publikative-desaster-der-bundesrepublik/#comments Wed, 26 Aug 2026 22:17:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11507 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-768x357.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-heizungsgesetz-bis-zuckersteuer-das-exekutive-publikative-desaster-der-bundesrepublik/</link> </image> <description type="html"><h1>Von Heizungsgesetz bis Zuckersteuer - Das exekutive & publikative Desaster der Bundesrepublik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Sicher erinnern Sie sich noch an <strong>das Heizungsgesetz-Desaster</strong>, das den Absturz des grünen Abgeordneten, Ministers und Hoffnungsträgers <strong>Robert Habeck</strong> und dann auch der ganzen Ampel-Bundesregierung einleitete.</p> <p>Der Fehler lag damals wie auch heute noch im Verfahren: Das Gesetz wurde nicht in den vorgesehenen, parlamentarischen und öffentlichen Beratungen und Anhörungen mit Fachleuten aus Verbänden, Scientikative (Wissenschaft) und auch Ministerien (Exekutive) erarbeitet, sondern als sog. „Referentenentwurf“ in Hinterzimmern von Parteien und Regierung.</p> <p>Dies erlaubte es politischen Konkurrenten von Habeck, frühe und noch gar nicht beratene Texte an fossile und also skrupellose Konzernmedien (Publikative) durchzustechen, die sofort schrille Schlagzeilen („Heizungshammer“, „Skandal“, „Angst“, „Sorge“ usw.) heraushauen konnten. Schon war die Bundesregierung diskreditiert und das politische Vertrauen zerstört.</p> <p>Und leider haben weder der Bundestag als eigentlich zuständige Legislative noch die neue (und bereits gehetzt wirkende) Bundesregierung aus den Fehlern von damals gelernt: Gerade rasen Finanzminister <strong>Lars Klingbeil (SPD) </strong>und Landwirtschaftsminister <strong>Alois Rainer (CSU</strong>) mit der mit großer Mehrheit gestarteten <strong>Zuckersteuer </strong>in exakt die gleiche, exekutiv-publikative Falle:</p> <p>Der vom Volk gewählte <strong>Bundestag (Legislative) </strong>wird von der <strong>Bundesregierung (Exekutive)</strong> umgangen und damit vorgeführt. Statt eines ordentlichen und öffentlichen, parlamentarischen Verfahrens werden „geheim“ erstellte Gesetzestexte und Briefe „durchgestochen“ und von bereitwilligen Medien skandalisiert.<aside></aside></p> <p>Geradezu höhnisch können nun der (<strong>Elon Musk</strong>– und <strong>Peter Thiel</strong> in mancherlei Hinsicht verbundene) Berliner <strong>AxelSpringer-Konzern</strong> via WELT titeln <strong><em>„Heizungsgesetz ist nichts gegen die Zuckersteuer“.</em></strong> Und auch mal auch eine grüne Politikerin zitieren: <em><strong>„Ricarda Lang: Wenn Cola Light besteuert wird, werd‘ ich zur Wutbürgerin“</strong></em>.</p> <p>Ebenso darf der hessische <strong>Ministerpräsident</strong> <strong>Boris Rhein (CDU) </strong>u.a. bei der dpa und in der ZEIT gegen die von ihm so bezeichnete <em><strong>„Teuer – Steuer“ </strong></em>austeilen. Dabei weiß der geschätzte Landespolitiker aus seiner eigenen Arbeit selbstverständlich genau, dass der Bund, die Länder und insbesondere die Kommunen bedrohlich unterfinanziert sind. Aber da die Bundespolitik schon wieder taumelt, werden die Ministerpräsidenten lauter.</p> <p>In der Parteien – Konkurrenzdemokratie zählen schnelle, taktische Profilierungen mehr als längerfristige Probleme. Die Aufmerksamkeitsökonomie eskaliert und wird dabei nicht mehr durch den eigentlichen Ort bundesgesetzlicher Debatten – das Parlament – eingehegt.</p> <p>Niemand gewinnt mehr dauerhaftes Vertrauen bei diesen unwürdigen Inszenierungen statt parlamentarischer Diskurse – außer <strong>den wachsenden, thymotischen Medienblasen</strong> jener, die auch die zweite, deutsche Republik zer-stören wollen. Wo die Vernunft (griech. Logos) nicht mehr zu hören ist, brüllen Ruhm- und Empörungssucht (griech. Thymos).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11506" id="attachment_11506"><img alt="" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-300x139.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-1024x476.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-768x357.jpeg 768w" width="1125"></img><figcaption id="caption-attachment-11506"><em>Das Schicksal der derzeitigen, bundesdeutschen Gesetzgebung in einer „WELT“-Schlag-Zeile. Screenshot: Michael Blume</em></figcaption></figure> <p><strong>Die griechische Demokratie, die römische Republik und die drohende „Enge der Zeit“ (Blumenberg) als Hetze</strong></p> <p>Wer verstehen will, warum der mimetische Lieferantismus der letzten beiden Bundesregierungen in digitalen Zeiten nicht mehr funktioniert, wird in der Geschichte fündig: Schon die direkten Demokratien griechischer Stadtstaaten (Poleis) wie vor allem Athen scheiterten an aufhetzenden Reden und sofortigen, kurz-schlüssigen Abstimmungen.</p> <p>Dies führte zu überhasteten Gesetzen, zu katastrophalen Kriegen und zu der an nur einem Tag von einer Volksversammlung von 500 Männern verhängten Todesstrafe gegen Sokrates.</p> <p>Immer mehr Nachdenkenden wurde klar: <strong>Jede Demokratie ohne kluge Entschleunigung überhetzt sich und geht am Populismus zugrunde.</strong></p> <p>Also entwickelten <strong>die Römer die erfolgreichste Staatsform aller Zeiten: <em>die Republik von res publica = öffentliche Angelegenheit</em> mit zunehmender Ämter- und Gewaltenteilung.</strong></p> <p>Reden wurden verkürzt (auf dem Forum Romanum durfte nur gestanden werden), mehrere Ämter und Lesungen <strong>entschleunigten (!) die Abstimmungen von Volk und Senat von Rom, S.P.Q.R.</strong></p> <p>Bis heute hat sich mit <strong>San Marion die weltweit älteste, über 1700jährige Republik als Stadt- und Zwergstaat in Italien mit dem schönen Ehrennamen <span data-mw="{&quot;parts&quot;:[{&quot;template&quot;:{&quot;target&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;lang&quot;,&quot;href&quot;:&quot;./Vorlage:Lang&quot;},&quot;params&quot;:{&quot;1&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;it&quot;},&quot;2&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;''La Serenissima''&quot;},&quot;de&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;die Allerdurchlauchteste&quot;}},&quot;i&quot;:0}}]}" id="mwaw" lang="it"><i>La Serenissima</i></span> <span id="mwbA" lang="de">‚die Allerdurchlauchteste‘ </span></strong>gehalten.</p> <p>Dieser schöne Erfolg verweist jedoch zugleich auf <strong>die Schwäche jeder demokratischen Republik – das Mediensystem, <em>die Publikative</em></strong>. Hier können Überreiche und Konzern-Lobbyisten finanziell und legal ansetzen, um die demokratischen Republiken zu beeinflussen, zu erschüttern, vorzuführen, sogar zu zerstören.</p> <p>Denn die Menschen können ja nicht mehr wirklich an den Beratungen und Abstimmungen der Hauptstadt beteiligen, sondern müssen sich auf die Bilder &amp; Nachrichten verlassen, die ihnen über Medien vermittelt werden. Bis unsere Bundespolitik die neue Medienwelt und die klassische Gewaltenteilung verstanden hat.</p> <p>Und so ging schon die erste, demokratische – die Weimarer – Republik an fossilen Berliner Konzernmedien zugrunde, ebenso wie derzeit nach der digitalen Medienrevolution die Bundesrepublik des Grundgesetzes medial und politisch angegriffen wird.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 355px) 100vw, 355px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg 355w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919-194x300.jpg 194w" width="355"></img></p> <p><em>Noch am Tag seiner Vereidigung wurde der erste und letzte, demokratische <strong>Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD)</strong> mit dem „Badefoto“ vor der Öffentlichkeit nach Jahren strenger Pressezensur beschämt und erholte sich von diesem Versagen der Publikative nie wieder. <strong>Der DNVP-Vorsitzende und fossile Medienmogul Alfred Hugenberg brachte dann Adolf Hitler von kläglichen 2,6 Prozent bei den Reichstagswahlen 1928 in kaum fünf Jahren bis 1933 an die Macht</strong>. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/" rel="noopener" target="_blank">Ein ausführlicher Deep Dive dazu im Podcast „Verschwörungsfragen“, Folge 70</a>. Titelbild 21.9.1919: B.I.Z.</em></p> <p><strong>Warum fallen heutige Bundes-Politikerinnen &amp; Politiker aller demokratischen Parteien immer wieder in die exekutiv-publikative Falle?</strong></p> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">Entmachtung der im Grundgesetz vorgesehenen Legislative, des deutschen Bundestages, begann 1961 mit dem ersten Koalitionsvertrag, Koalitionsausschuss und von Parteivorsitzenden bestimmten Fraktionsdisziplin</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="775" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></p> <p><em>Seit 1961 werden der deutsche Bundestag (Legislative) und die mediale Berichterstattung (Publikative) von Gremien dominiert, die im deutschen Grundgesetz aus guten Gründen nicht vorkommen und sogar <strong>direkt Artikel 38 GG widersprechen: Den Koalitionsausschüssen der regierenden Parteivorsitzenden</strong>. Aus Pressekonferenzen erfahren dann die gewählten Abgeordneten, wann sie worüber und wie abzustimmen haben. <strong>De jure ist die Bundesrepublik Deutschland weiterhin eine parlamentarische Konsensdemokratie. De facto hat sie sich mimetisch und medial zu einer Konkurrenzdemokratie der Parteivorsitzenden gewandelt.</strong> Diese müssen, wie derzeit <strong>Markus Söder (CSU)</strong> noch nicht einmal in den Bundestag gewählt worden sein. Screenshot: Michael Blume </em></p> <p><br></br>Dieser Prozess der Parteivorsitzenden – Exekutive setzte direkt nach dem Berliner Mauerbau ein und breitete sich mimetisch aus. Die gravierenden Nachteile blieben lange verborgen, denn <strong>in einer Zeitungs-, Radio- und Fernsehdemokratie funktionierte die Beschränkung der realen Macht auf eine Handvoll älterer Männer in Parteien und Chefredaktionen noch ganz gut</strong>. Wer brauchte schon Gedanken an Gewaltenteilung, wenn sich die hohen Herren – und sehr wenigen Damen – der Nachkriegsgeneration doch weitgehend einig waren?</p> <p>Erst mit der Verbreitung „sozialer Medien“ (gerne als vermeintlich neutrale „Plattformen“ geframed, eigentlich aber algorithmisch-manipulative Konzernmedien) und der Smartphones ab 2007 begann der Niedergang der parlamentarischen Republiken – vor allem jener mit mehr als 20 Millionen Einwohner.</p> <p>Und warum sollten gewählte Politikerinnen und Politiker soviel schlauer reagieren als die hochbezahlten Manager fossiler Industrien wie Ernährung, Fotografie, Automobil, Gesundheit oder Energie? In den meisten Fällen versuchen sie so lange wie möglich das Spiel zu spielen, das sie mimetisch gelernt haben. Eher wird noch beschleunigt als vor-gedacht.</p> <p>In <strong>Leitungspositionen in Politik, Medien und Wirtschaft kommt die Psychologie der Selbstbestätigung in Medienblasen</strong> hinzu: Wichtige Leute spiegeln sich in wenigen, erfolgreichen Posts in den algorithmischen Konzernmedien und sind auch in ihrem Alltag mit oft extrem langen Arbeitszeiten von Mitarbeitenden und Verbündeten umgeben. Wer kommt da auf den Gedanken, dass es so nicht weitergehen kann und wird?</p> <p>Ich gehe wirklich davon aus, dass keinesfalls nur <strong>Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)</strong> damit ringt, diese Diskrepanz zwischen täglichem Erleben einerseits und katastrophalen Umfragewerten andererseits zu erfassen.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-768x576.jpeg 768w" width="1024"></img></p> <p><em>Wer hat noch Zeit für die Lehren der Geschichte und die ehrwürdigen Tempel der demokratisch-republikanischen Zivilreligionen? Das Fünf-Säulen-Modell der Gewaltenteilung in einer Variante von Prof. Dr. Inan Ince, mfG</em></p> <p>Auch kluge, liebe und demokratisch engagierte Freundinnen und Freunde versicherten mir immer wieder, die mimetische Entmachtung der Legislative durch die Parteivorsitzenden – Exekutive müsse sein, da „der Bundestag diese ganzen Gesetze doch gar nicht mehr bewältigen kann“.</p> <p>Ich halte diese oft gut gemeinte Aussage aber nicht nur für sachlich falsch, sondern auch für gefährlich. Denn wenn die Abgeordneten ihre Hauptaufgabe der Gesetzgebung überhaupt nicht mehr erfüllen könnten – warum wählen wir dann so viele von ihnen? Und: In der Bundesrepublik sind unsere MdB die einzigen Ämter, die wir überhaupt direkt wählen!</p> <p>Im Kern haben wir seit 1961 die klug konzipierte Konsensdemokratie unseres Grundgesetzes gegen eine dysfunktionale Parteien – Konkurrenzdemokratie eingetauscht.</p> <p>Und ich fürchte, es wird noch eine Weile abwärts gehen – wie derzeit mit der Zuckersteuer -, bis es an den Spitzen von Politik und Medien zu einer wirklichen Besinnung kommt. </p> <p>Allerdings erlebe ich schon jetzt als Mitwirkender der Scientikative auch reges Interesse an den Themen von Menschenwürde, Demokratie und Gewaltenteilung. Wer dialogisch unterwegs ist, erlebt auch viele dialogische Menschen! </p> <p>Und im Gegensatz zu vielen anderen Republiken brauchen wir ja auch keine neu geschriebene Verfassung – sondern müssten „nur“ unser immer noch hervorragendes Grundgesetz wiederentdecken.</p> <p>Daher habe ich auch damit begonnen, einmal die Artikel unseres Grundgesetzes auf meinem YouTube-Solarpunk-Kanal zu lesen. Es geht dabei eben zivilreligiös um so viel mehr als um Heizungen oder Zucker.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/EYlS3eaj3xw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Das ganze Grundgesetz in YouTube-Shorts: Heute - die Präambel" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Von Heizungsgesetz bis Zuckersteuer - Das exekutive & publikative Desaster der Bundesrepublik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Sicher erinnern Sie sich noch an <strong>das Heizungsgesetz-Desaster</strong>, das den Absturz des grünen Abgeordneten, Ministers und Hoffnungsträgers <strong>Robert Habeck</strong> und dann auch der ganzen Ampel-Bundesregierung einleitete.</p> <p>Der Fehler lag damals wie auch heute noch im Verfahren: Das Gesetz wurde nicht in den vorgesehenen, parlamentarischen und öffentlichen Beratungen und Anhörungen mit Fachleuten aus Verbänden, Scientikative (Wissenschaft) und auch Ministerien (Exekutive) erarbeitet, sondern als sog. „Referentenentwurf“ in Hinterzimmern von Parteien und Regierung.</p> <p>Dies erlaubte es politischen Konkurrenten von Habeck, frühe und noch gar nicht beratene Texte an fossile und also skrupellose Konzernmedien (Publikative) durchzustechen, die sofort schrille Schlagzeilen („Heizungshammer“, „Skandal“, „Angst“, „Sorge“ usw.) heraushauen konnten. Schon war die Bundesregierung diskreditiert und das politische Vertrauen zerstört.</p> <p>Und leider haben weder der Bundestag als eigentlich zuständige Legislative noch die neue (und bereits gehetzt wirkende) Bundesregierung aus den Fehlern von damals gelernt: Gerade rasen Finanzminister <strong>Lars Klingbeil (SPD) </strong>und Landwirtschaftsminister <strong>Alois Rainer (CSU</strong>) mit der mit großer Mehrheit gestarteten <strong>Zuckersteuer </strong>in exakt die gleiche, exekutiv-publikative Falle:</p> <p>Der vom Volk gewählte <strong>Bundestag (Legislative) </strong>wird von der <strong>Bundesregierung (Exekutive)</strong> umgangen und damit vorgeführt. Statt eines ordentlichen und öffentlichen, parlamentarischen Verfahrens werden „geheim“ erstellte Gesetzestexte und Briefe „durchgestochen“ und von bereitwilligen Medien skandalisiert.<aside></aside></p> <p>Geradezu höhnisch können nun der (<strong>Elon Musk</strong>– und <strong>Peter Thiel</strong> in mancherlei Hinsicht verbundene) Berliner <strong>AxelSpringer-Konzern</strong> via WELT titeln <strong><em>„Heizungsgesetz ist nichts gegen die Zuckersteuer“.</em></strong> Und auch mal auch eine grüne Politikerin zitieren: <em><strong>„Ricarda Lang: Wenn Cola Light besteuert wird, werd‘ ich zur Wutbürgerin“</strong></em>.</p> <p>Ebenso darf der hessische <strong>Ministerpräsident</strong> <strong>Boris Rhein (CDU) </strong>u.a. bei der dpa und in der ZEIT gegen die von ihm so bezeichnete <em><strong>„Teuer – Steuer“ </strong></em>austeilen. Dabei weiß der geschätzte Landespolitiker aus seiner eigenen Arbeit selbstverständlich genau, dass der Bund, die Länder und insbesondere die Kommunen bedrohlich unterfinanziert sind. Aber da die Bundespolitik schon wieder taumelt, werden die Ministerpräsidenten lauter.</p> <p>In der Parteien – Konkurrenzdemokratie zählen schnelle, taktische Profilierungen mehr als längerfristige Probleme. Die Aufmerksamkeitsökonomie eskaliert und wird dabei nicht mehr durch den eigentlichen Ort bundesgesetzlicher Debatten – das Parlament – eingehegt.</p> <p>Niemand gewinnt mehr dauerhaftes Vertrauen bei diesen unwürdigen Inszenierungen statt parlamentarischer Diskurse – außer <strong>den wachsenden, thymotischen Medienblasen</strong> jener, die auch die zweite, deutsche Republik zer-stören wollen. Wo die Vernunft (griech. Logos) nicht mehr zu hören ist, brüllen Ruhm- und Empörungssucht (griech. Thymos).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11506" id="attachment_11506"><img alt="" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-300x139.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-1024x476.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2197-768x357.jpeg 768w" width="1125"></img><figcaption id="caption-attachment-11506"><em>Das Schicksal der derzeitigen, bundesdeutschen Gesetzgebung in einer „WELT“-Schlag-Zeile. Screenshot: Michael Blume</em></figcaption></figure> <p><strong>Die griechische Demokratie, die römische Republik und die drohende „Enge der Zeit“ (Blumenberg) als Hetze</strong></p> <p>Wer verstehen will, warum der mimetische Lieferantismus der letzten beiden Bundesregierungen in digitalen Zeiten nicht mehr funktioniert, wird in der Geschichte fündig: Schon die direkten Demokratien griechischer Stadtstaaten (Poleis) wie vor allem Athen scheiterten an aufhetzenden Reden und sofortigen, kurz-schlüssigen Abstimmungen.</p> <p>Dies führte zu überhasteten Gesetzen, zu katastrophalen Kriegen und zu der an nur einem Tag von einer Volksversammlung von 500 Männern verhängten Todesstrafe gegen Sokrates.</p> <p>Immer mehr Nachdenkenden wurde klar: <strong>Jede Demokratie ohne kluge Entschleunigung überhetzt sich und geht am Populismus zugrunde.</strong></p> <p>Also entwickelten <strong>die Römer die erfolgreichste Staatsform aller Zeiten: <em>die Republik von res publica = öffentliche Angelegenheit</em> mit zunehmender Ämter- und Gewaltenteilung.</strong></p> <p>Reden wurden verkürzt (auf dem Forum Romanum durfte nur gestanden werden), mehrere Ämter und Lesungen <strong>entschleunigten (!) die Abstimmungen von Volk und Senat von Rom, S.P.Q.R.</strong></p> <p>Bis heute hat sich mit <strong>San Marion die weltweit älteste, über 1700jährige Republik als Stadt- und Zwergstaat in Italien mit dem schönen Ehrennamen <span data-mw="{&quot;parts&quot;:[{&quot;template&quot;:{&quot;target&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;lang&quot;,&quot;href&quot;:&quot;./Vorlage:Lang&quot;},&quot;params&quot;:{&quot;1&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;it&quot;},&quot;2&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;''La Serenissima''&quot;},&quot;de&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;die Allerdurchlauchteste&quot;}},&quot;i&quot;:0}}]}" id="mwaw" lang="it"><i>La Serenissima</i></span> <span id="mwbA" lang="de">‚die Allerdurchlauchteste‘ </span></strong>gehalten.</p> <p>Dieser schöne Erfolg verweist jedoch zugleich auf <strong>die Schwäche jeder demokratischen Republik – das Mediensystem, <em>die Publikative</em></strong>. Hier können Überreiche und Konzern-Lobbyisten finanziell und legal ansetzen, um die demokratischen Republiken zu beeinflussen, zu erschüttern, vorzuführen, sogar zu zerstören.</p> <p>Denn die Menschen können ja nicht mehr wirklich an den Beratungen und Abstimmungen der Hauptstadt beteiligen, sondern müssen sich auf die Bilder &amp; Nachrichten verlassen, die ihnen über Medien vermittelt werden. Bis unsere Bundespolitik die neue Medienwelt und die klassische Gewaltenteilung verstanden hat.</p> <p>Und so ging schon die erste, demokratische – die Weimarer – Republik an fossilen Berliner Konzernmedien zugrunde, ebenso wie derzeit nach der digitalen Medienrevolution die Bundesrepublik des Grundgesetzes medial und politisch angegriffen wird.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 355px) 100vw, 355px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg 355w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919-194x300.jpg 194w" width="355"></img></p> <p><em>Noch am Tag seiner Vereidigung wurde der erste und letzte, demokratische <strong>Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD)</strong> mit dem „Badefoto“ vor der Öffentlichkeit nach Jahren strenger Pressezensur beschämt und erholte sich von diesem Versagen der Publikative nie wieder. <strong>Der DNVP-Vorsitzende und fossile Medienmogul Alfred Hugenberg brachte dann Adolf Hitler von kläglichen 2,6 Prozent bei den Reichstagswahlen 1928 in kaum fünf Jahren bis 1933 an die Macht</strong>. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/" rel="noopener" target="_blank">Ein ausführlicher Deep Dive dazu im Podcast „Verschwörungsfragen“, Folge 70</a>. Titelbild 21.9.1919: B.I.Z.</em></p> <p><strong>Warum fallen heutige Bundes-Politikerinnen &amp; Politiker aller demokratischen Parteien immer wieder in die exekutiv-publikative Falle?</strong></p> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">Entmachtung der im Grundgesetz vorgesehenen Legislative, des deutschen Bundestages, begann 1961 mit dem ersten Koalitionsvertrag, Koalitionsausschuss und von Parteivorsitzenden bestimmten Fraktionsdisziplin</a>.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="775" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></p> <p><em>Seit 1961 werden der deutsche Bundestag (Legislative) und die mediale Berichterstattung (Publikative) von Gremien dominiert, die im deutschen Grundgesetz aus guten Gründen nicht vorkommen und sogar <strong>direkt Artikel 38 GG widersprechen: Den Koalitionsausschüssen der regierenden Parteivorsitzenden</strong>. Aus Pressekonferenzen erfahren dann die gewählten Abgeordneten, wann sie worüber und wie abzustimmen haben. <strong>De jure ist die Bundesrepublik Deutschland weiterhin eine parlamentarische Konsensdemokratie. De facto hat sie sich mimetisch und medial zu einer Konkurrenzdemokratie der Parteivorsitzenden gewandelt.</strong> Diese müssen, wie derzeit <strong>Markus Söder (CSU)</strong> noch nicht einmal in den Bundestag gewählt worden sein. Screenshot: Michael Blume </em></p> <p><br></br>Dieser Prozess der Parteivorsitzenden – Exekutive setzte direkt nach dem Berliner Mauerbau ein und breitete sich mimetisch aus. Die gravierenden Nachteile blieben lange verborgen, denn <strong>in einer Zeitungs-, Radio- und Fernsehdemokratie funktionierte die Beschränkung der realen Macht auf eine Handvoll älterer Männer in Parteien und Chefredaktionen noch ganz gut</strong>. Wer brauchte schon Gedanken an Gewaltenteilung, wenn sich die hohen Herren – und sehr wenigen Damen – der Nachkriegsgeneration doch weitgehend einig waren?</p> <p>Erst mit der Verbreitung „sozialer Medien“ (gerne als vermeintlich neutrale „Plattformen“ geframed, eigentlich aber algorithmisch-manipulative Konzernmedien) und der Smartphones ab 2007 begann der Niedergang der parlamentarischen Republiken – vor allem jener mit mehr als 20 Millionen Einwohner.</p> <p>Und warum sollten gewählte Politikerinnen und Politiker soviel schlauer reagieren als die hochbezahlten Manager fossiler Industrien wie Ernährung, Fotografie, Automobil, Gesundheit oder Energie? In den meisten Fällen versuchen sie so lange wie möglich das Spiel zu spielen, das sie mimetisch gelernt haben. Eher wird noch beschleunigt als vor-gedacht.</p> <p>In <strong>Leitungspositionen in Politik, Medien und Wirtschaft kommt die Psychologie der Selbstbestätigung in Medienblasen</strong> hinzu: Wichtige Leute spiegeln sich in wenigen, erfolgreichen Posts in den algorithmischen Konzernmedien und sind auch in ihrem Alltag mit oft extrem langen Arbeitszeiten von Mitarbeitenden und Verbündeten umgeben. Wer kommt da auf den Gedanken, dass es so nicht weitergehen kann und wird?</p> <p>Ich gehe wirklich davon aus, dass keinesfalls nur <strong>Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)</strong> damit ringt, diese Diskrepanz zwischen täglichem Erleben einerseits und katastrophalen Umfragewerten andererseits zu erfassen.</p> <p><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-768x576.jpeg 768w" width="1024"></img></p> <p><em>Wer hat noch Zeit für die Lehren der Geschichte und die ehrwürdigen Tempel der demokratisch-republikanischen Zivilreligionen? Das Fünf-Säulen-Modell der Gewaltenteilung in einer Variante von Prof. Dr. Inan Ince, mfG</em></p> <p>Auch kluge, liebe und demokratisch engagierte Freundinnen und Freunde versicherten mir immer wieder, die mimetische Entmachtung der Legislative durch die Parteivorsitzenden – Exekutive müsse sein, da „der Bundestag diese ganzen Gesetze doch gar nicht mehr bewältigen kann“.</p> <p>Ich halte diese oft gut gemeinte Aussage aber nicht nur für sachlich falsch, sondern auch für gefährlich. Denn wenn die Abgeordneten ihre Hauptaufgabe der Gesetzgebung überhaupt nicht mehr erfüllen könnten – warum wählen wir dann so viele von ihnen? Und: In der Bundesrepublik sind unsere MdB die einzigen Ämter, die wir überhaupt direkt wählen!</p> <p>Im Kern haben wir seit 1961 die klug konzipierte Konsensdemokratie unseres Grundgesetzes gegen eine dysfunktionale Parteien – Konkurrenzdemokratie eingetauscht.</p> <p>Und ich fürchte, es wird noch eine Weile abwärts gehen – wie derzeit mit der Zuckersteuer -, bis es an den Spitzen von Politik und Medien zu einer wirklichen Besinnung kommt. </p> <p>Allerdings erlebe ich schon jetzt als Mitwirkender der Scientikative auch reges Interesse an den Themen von Menschenwürde, Demokratie und Gewaltenteilung. Wer dialogisch unterwegs ist, erlebt auch viele dialogische Menschen! </p> <p>Und im Gegensatz zu vielen anderen Republiken brauchen wir ja auch keine neu geschriebene Verfassung – sondern müssten „nur“ unser immer noch hervorragendes Grundgesetz wiederentdecken.</p> <p>Daher habe ich auch damit begonnen, einmal die Artikel unseres Grundgesetzes auf meinem YouTube-Solarpunk-Kanal zu lesen. Es geht dabei eben zivilreligiös um so viel mehr als um Heizungen oder Zucker.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/EYlS3eaj3xw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Das ganze Grundgesetz in YouTube-Shorts: Heute - die Präambel" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/von-heizungsgesetz-bis-zuckersteuer-das-exekutive-publikative-desaster-der-bundesrepublik/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>57</slash:comments> </item> <item> <title>The Evolving Relationship Between AI and Mathematicians https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-evolving-relationship-between-ai-and-mathematicians/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-evolving-relationship-between-ai-and-mathematicians/#comments Wed, 26 Aug 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14590 <h1>The Evolving Relationship Between AI and Mathematicians - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Last week, my broadband went down for a full five days and I had almost zero mobile data. I thought this situation would provoke an extreme reaction in me. Perhaps I would be tearing my hair out, constantly getting lost, crying out for Google Maps, or be driven mad by my inability to remember the actor who played the bad guy in <em>Under Siege</em>. Or maybe it would feel like heaven, cut off from the inanity of social media and the endless choices being pushed in front of my eyes by entertainment streaming providers. But instead, it was a muted response. I put a little more thought into my day and actions, dusted off my DVD player, and carried on more or less as normal.</p> <p>Currently, this is exactly how many mathematicians would react if AI were to suddenly disappear from their working lives (at least, the ones who are not already regular Lean users). There would be annoyances in terms of slowing down tasks like literature searches and the dreaded pile of admin in their inbox, but there would be fewer distractions, more opportunity to just stop and think on puzzling mathematical problems. They would largely get on just fine.</p> <p>But soon, perhaps very soon, AI could become so embedded in the discipline that the thought of conducting mathematics without it might be, well… unthinkable. And this is just the tip of the iceberg, with some predicting a future in which mathematics is conducted with no human in the loop whatsoever.</p> <h3>A Storm Begins to Brew</h3> <p>When this potential future scenario was posited by a <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">host of different speakers</a> at last year’s <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>, it provoked a strong and sometimes visceral reaction from the young mathematicians in attendance. While one young scientist told me they would be delighted if AI took over and solved the Langlands program or the Riemann hypothesis (joking that they looked forward to a future of leisurely pursuits all funded through universal basic income), others were questioning whether they should continue in mathematics at all, if mathematicians were likely to become surplus to requirements.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14592" rel="attachment wp-att-14592"><img alt="Richard Sutton speaking wih young scientists." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Richard Sutton (2024 ACM A.M. Turing Award), one of several speakers predicting a future AI-driven mathematics scenario, in conversation with attendees of the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credit: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure> </div> <p>Around the exact same time this was happening in Heidelberg, Leiden University in the Netherlands was hosting a conference for around 60 mathematics stakeholders entitled <a href="https://www.lorentzcenter.nl/mechanization-and-mathematical-research.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mechanization and Mathematical Research</a>. There, the same hopes and fears induced by the introduction of AI into mathematical practice were being voiced by leaders in the field.<aside></aside></p> <p>Some lecture titles from the conference expressed the genuine concern many professors had for their students: “What should students be learning when machines can do the proofs?”, “What do we tell our students about AI?” And others summed up the existential dread many mathematicians were beginning to feel for the entire field of study at the time: “Is Mathematics Obsolete?”, “Will mathematics exist in 2035?”</p> <p>So moved was a select band of participants by the lectures and conversations at the conference that they formed a smaller working group afterwards to monitor the progress of AI in mathematics and come up with concrete actions to be taken in order for mathematics and mathematicians to continue to flourish in the age of AI.</p> <h3>Six Months That Changed the Game</h3> <p>But a lot happened in the months that followed. In December 2025, HarmonicMath’s Aristotle AI system independently and autonomously completed a simplified version of an <a href="https://www.erdosproblems.com/124" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Erdős problem</a> that had lain unsolved for 30 years. (This would start a trend that continues to this day of using AI to attempt to solve some of the <a href="https://www.erdosproblems.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hundreds of problems</a> posed and left open by legendary Hungarian mathematician Paul Erdős.) In late January 2026, Google DeepMind’s experimental AI system Aletheia autonomously produced, albeit somewhat unremarkable and obscure, <a href="https://arxiv.org/abs/2601.23245" rel="noreferrer noopener" target="_blank">publishable PhD-level research</a> results.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14594" rel="attachment wp-att-14594"><img alt="Paul Erdos" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 472px) 100vw, 472px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul-Erdos.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul-Erdos.jpg 472w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul-Erdos-300x236.jpg 300w" width="472"></img></a><figcaption>The late Paul Erdős left a rich legacy of hundreds of unsolved problems for mathematicians, and now AI, to solve. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erdos_budapest_fall_1992_%28cropped_2%29.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kmhkmh</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure> </div> <p>February saw Axiom Math’s AI system achieve a similar feat, proving and verifying <a href="https://arxiv.org/abs/2602.03716" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Fel’s conjecture</a>, while a rival system from Math, Inc. <a href="https://spectrum.ieee.org/ai-proof-verification" rel="noreferrer noopener" target="_blank">formalized (i.e. formally verified) a 21<sup>st</sup> Century Fields Medal proof</a> for the first time. Then, in May, a general-purpose AI system from OpenAI <a href="https://openai.com/index/model-disproves-discrete-geometry-conjecture/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">disproved an important conjecture</a> in combinatorial geometry (one of the more challenging Erdős problems), a result that would have been deemed worthy of publication in a major mathematics journal had humans been the authors.</p> <p>It was immediately following this flurry of activity that the Leiden working group finally published the <a href="https://leidendeclaration.ai/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Leiden Declaration on Artificial Intelligence and Mathematics</em></a> on 2 June 2026. The Declaration is a call to action “to address the challenges posed by the use of artificial intelligence within mathematics research” and urges mathematicians, institutions, governments, and industry to preserve the core values of the discipline – such as scientific integrity, human accountability, open science, rigorous peer review, and research autonomy – as AI technologies become increasingly prevalent.</p> <p>Within 24 hours of publication, the <a href="https://www.mathunion.org/imu-news/archive/2026/imu-news-137-may-2026#on-page-0" rel="noreferrer noopener" target="_blank">International Mathematical Union had endorsed</a> the Declaration, more than 1000 people had signed it (at the time of writing, there are 3466 signatories) and major news outlets had covered its publication. It even sparked <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-026-01881-2" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Nature</em> to publish an editorial</a> calling for other STEM subjects to follow suit.  </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14595" rel="attachment wp-att-14595"><img alt="Robbert Dijkgraaf" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-scaled.jpg 1440w" width="576"></img></a><figcaption>Notable signatories of the Leiden declaration include Robbert Dijkgraaf, President-Elect of the International Science Council. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erasmusprize_2015-Robbert_Dijkgraaf.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank"></a><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Romaine" rel="noopener">Romaine</a> (CC0 1.0)</figcaption></figure> </div> <h3>Charting a Path Forward</h3> <p>Just two months after this landmark call to action, it seems to have had something of an effect. On 1 August, OpenAI cited the Declaration when the company <a href="https://openai.com/index/ten-advances-in-mathematics/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">shared a selection of 10 results</a> that resolve or mark substantial progress on long-standing open problems spanning high-dimensional geometry, coding theory, arithmetic circuit complexity, group theory, operator algebras, quantum complexity, lattice cryptography, and extremal combinatorics.</p> <p>Though OpenAI did not share details of its AI model, an internal model named Astra, nor what other problems Astra has been working on, it did openly share the <a href="https://github.com/openai/ten-proofs" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lean argument</a> the model made for each of the 10 problems in formalized mathematics, and also offered the “model’s narration of its thinking process”: <a href="https://cdn.openai.com/pdf/reasoning-walkthroughs.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">62 pages</a> detailing how the ideas came together, that they called a “reasoning walkthrough”.</p> <p>The announcement concluded with the following statement: “We hope the mathematical community will engage deeply with these results, place them in context, and bring the ideas behind them to life through new research and discovery.” Though most likely stated in good faith, an obvious question is: If AI managed to get this far essentially on its own, why can’t AI conduct the new research and discovery that leads on from these results too?</p> <p>Even more concerning is the level of human input required to produce these results within OpenAI. The announcement freely admits that human researchers “helped prepare the manuscripts and formalize the proofs in Lean,” but that “the mathematical arguments themselves were generated by our system.” AI is getting better and better at both manuscript preparation and formalizing proofs. If AI proves theorems, and then even takes over these relatively minor duties, what useful role can mathematicians play that funders would be willing to pay for? Or in other words, as AI takes on more of the work, can mathematicians justify the unique value they bring?</p> <p>At <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/13th-hlf-2026/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this year’s Heidelberg Laureate Forum</a>, mathematicians, computer scientists, and AI researchers will explore these and other questions surrounding the evolving roles of humans and AI in mathematics and computer science together on Tuesday, 15 September, during the panel session <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/13th-hlf-2026/program-13th-hlf-2026/#day-106-2" rel="noreferrer noopener" target="_blank">AI in Mathematical Research</a>, which will also be streamed live on the <a href="https://www.youtube.com/@LaureateForum" rel="noreferrer noopener" target="_blank">HLF’s YouTube channel</a>. How these roles should be shaped in mathematical discovery, even as AI surpasses humans on an expanding range of mathematical tasks, may prove to be one of the defining questions</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Evolving Relationship Between AI and Mathematicians - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Last week, my broadband went down for a full five days and I had almost zero mobile data. I thought this situation would provoke an extreme reaction in me. Perhaps I would be tearing my hair out, constantly getting lost, crying out for Google Maps, or be driven mad by my inability to remember the actor who played the bad guy in <em>Under Siege</em>. Or maybe it would feel like heaven, cut off from the inanity of social media and the endless choices being pushed in front of my eyes by entertainment streaming providers. But instead, it was a muted response. I put a little more thought into my day and actions, dusted off my DVD player, and carried on more or less as normal.</p> <p>Currently, this is exactly how many mathematicians would react if AI were to suddenly disappear from their working lives (at least, the ones who are not already regular Lean users). There would be annoyances in terms of slowing down tasks like literature searches and the dreaded pile of admin in their inbox, but there would be fewer distractions, more opportunity to just stop and think on puzzling mathematical problems. They would largely get on just fine.</p> <p>But soon, perhaps very soon, AI could become so embedded in the discipline that the thought of conducting mathematics without it might be, well… unthinkable. And this is just the tip of the iceberg, with some predicting a future in which mathematics is conducted with no human in the loop whatsoever.</p> <h3>A Storm Begins to Brew</h3> <p>When this potential future scenario was posited by a <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/mathematicians-new-best-friend/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">host of different speakers</a> at last year’s <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/12th-hlf-2025-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>, it provoked a strong and sometimes visceral reaction from the young mathematicians in attendance. While one young scientist told me they would be delighted if AI took over and solved the Langlands program or the Riemann hypothesis (joking that they looked forward to a future of leisurely pursuits all funded through universal basic income), others were questioning whether they should continue in mathematics at all, if mathematicians were likely to become surplus to requirements.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14592" rel="attachment wp-att-14592"><img alt="Richard Sutton speaking wih young scientists." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Richard-Sutton-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Richard Sutton (2024 ACM A.M. Turing Award), one of several speakers predicting a future AI-driven mathematics scenario, in conversation with attendees of the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credit: HLFF / Kreutzer</figcaption></figure> </div> <p>Around the exact same time this was happening in Heidelberg, Leiden University in the Netherlands was hosting a conference for around 60 mathematics stakeholders entitled <a href="https://www.lorentzcenter.nl/mechanization-and-mathematical-research.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mechanization and Mathematical Research</a>. There, the same hopes and fears induced by the introduction of AI into mathematical practice were being voiced by leaders in the field.<aside></aside></p> <p>Some lecture titles from the conference expressed the genuine concern many professors had for their students: “What should students be learning when machines can do the proofs?”, “What do we tell our students about AI?” And others summed up the existential dread many mathematicians were beginning to feel for the entire field of study at the time: “Is Mathematics Obsolete?”, “Will mathematics exist in 2035?”</p> <p>So moved was a select band of participants by the lectures and conversations at the conference that they formed a smaller working group afterwards to monitor the progress of AI in mathematics and come up with concrete actions to be taken in order for mathematics and mathematicians to continue to flourish in the age of AI.</p> <h3>Six Months That Changed the Game</h3> <p>But a lot happened in the months that followed. In December 2025, HarmonicMath’s Aristotle AI system independently and autonomously completed a simplified version of an <a href="https://www.erdosproblems.com/124" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Erdős problem</a> that had lain unsolved for 30 years. (This would start a trend that continues to this day of using AI to attempt to solve some of the <a href="https://www.erdosproblems.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hundreds of problems</a> posed and left open by legendary Hungarian mathematician Paul Erdős.) In late January 2026, Google DeepMind’s experimental AI system Aletheia autonomously produced, albeit somewhat unremarkable and obscure, <a href="https://arxiv.org/abs/2601.23245" rel="noreferrer noopener" target="_blank">publishable PhD-level research</a> results.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14594" rel="attachment wp-att-14594"><img alt="Paul Erdos" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 472px) 100vw, 472px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul-Erdos.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul-Erdos.jpg 472w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul-Erdos-300x236.jpg 300w" width="472"></img></a><figcaption>The late Paul Erdős left a rich legacy of hundreds of unsolved problems for mathematicians, and now AI, to solve. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erdos_budapest_fall_1992_%28cropped_2%29.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kmhkmh</a> (CC-BY-3.0)</figcaption></figure> </div> <p>February saw Axiom Math’s AI system achieve a similar feat, proving and verifying <a href="https://arxiv.org/abs/2602.03716" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Fel’s conjecture</a>, while a rival system from Math, Inc. <a href="https://spectrum.ieee.org/ai-proof-verification" rel="noreferrer noopener" target="_blank">formalized (i.e. formally verified) a 21<sup>st</sup> Century Fields Medal proof</a> for the first time. Then, in May, a general-purpose AI system from OpenAI <a href="https://openai.com/index/model-disproves-discrete-geometry-conjecture/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">disproved an important conjecture</a> in combinatorial geometry (one of the more challenging Erdős problems), a result that would have been deemed worthy of publication in a major mathematics journal had humans been the authors.</p> <p>It was immediately following this flurry of activity that the Leiden working group finally published the <a href="https://leidendeclaration.ai/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Leiden Declaration on Artificial Intelligence and Mathematics</em></a> on 2 June 2026. The Declaration is a call to action “to address the challenges posed by the use of artificial intelligence within mathematics research” and urges mathematicians, institutions, governments, and industry to preserve the core values of the discipline – such as scientific integrity, human accountability, open science, rigorous peer review, and research autonomy – as AI technologies become increasingly prevalent.</p> <p>Within 24 hours of publication, the <a href="https://www.mathunion.org/imu-news/archive/2026/imu-news-137-may-2026#on-page-0" rel="noreferrer noopener" target="_blank">International Mathematical Union had endorsed</a> the Declaration, more than 1000 people had signed it (at the time of writing, there are 3466 signatories) and major news outlets had covered its publication. It even sparked <a href="https://www.nature.com/articles/d41586-026-01881-2" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Nature</em> to publish an editorial</a> calling for other STEM subjects to follow suit.  </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14595" rel="attachment wp-att-14595"><img alt="Robbert Dijkgraaf" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Robbert-Dijkgraaf-scaled.jpg 1440w" width="576"></img></a><figcaption>Notable signatories of the Leiden declaration include Robbert Dijkgraaf, President-Elect of the International Science Council. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erasmusprize_2015-Robbert_Dijkgraaf.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank"></a><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Romaine" rel="noopener">Romaine</a> (CC0 1.0)</figcaption></figure> </div> <h3>Charting a Path Forward</h3> <p>Just two months after this landmark call to action, it seems to have had something of an effect. On 1 August, OpenAI cited the Declaration when the company <a href="https://openai.com/index/ten-advances-in-mathematics/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">shared a selection of 10 results</a> that resolve or mark substantial progress on long-standing open problems spanning high-dimensional geometry, coding theory, arithmetic circuit complexity, group theory, operator algebras, quantum complexity, lattice cryptography, and extremal combinatorics.</p> <p>Though OpenAI did not share details of its AI model, an internal model named Astra, nor what other problems Astra has been working on, it did openly share the <a href="https://github.com/openai/ten-proofs" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lean argument</a> the model made for each of the 10 problems in formalized mathematics, and also offered the “model’s narration of its thinking process”: <a href="https://cdn.openai.com/pdf/reasoning-walkthroughs.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">62 pages</a> detailing how the ideas came together, that they called a “reasoning walkthrough”.</p> <p>The announcement concluded with the following statement: “We hope the mathematical community will engage deeply with these results, place them in context, and bring the ideas behind them to life through new research and discovery.” Though most likely stated in good faith, an obvious question is: If AI managed to get this far essentially on its own, why can’t AI conduct the new research and discovery that leads on from these results too?</p> <p>Even more concerning is the level of human input required to produce these results within OpenAI. The announcement freely admits that human researchers “helped prepare the manuscripts and formalize the proofs in Lean,” but that “the mathematical arguments themselves were generated by our system.” AI is getting better and better at both manuscript preparation and formalizing proofs. If AI proves theorems, and then even takes over these relatively minor duties, what useful role can mathematicians play that funders would be willing to pay for? Or in other words, as AI takes on more of the work, can mathematicians justify the unique value they bring?</p> <p>At <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/13th-hlf-2026/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this year’s Heidelberg Laureate Forum</a>, mathematicians, computer scientists, and AI researchers will explore these and other questions surrounding the evolving roles of humans and AI in mathematics and computer science together on Tuesday, 15 September, during the panel session <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/forum/13th-hlf-2026/program-13th-hlf-2026/#day-106-2" rel="noreferrer noopener" target="_blank">AI in Mathematical Research</a>, which will also be streamed live on the <a href="https://www.youtube.com/@LaureateForum" rel="noreferrer noopener" target="_blank">HLF’s YouTube channel</a>. How these roles should be shaped in mathematical discovery, even as AI surpasses humans on an expanding range of mathematical tasks, may prove to be one of the defining questions</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-evolving-relationship-between-ai-and-mathematicians/#comments 2 Total Eclipse of … https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse-of/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse-of/#respond Wed, 26 Aug 2026 06:08:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13131 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000180739-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse-of/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000180739.jpg" /><h1>Total Eclipse of ... » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <div> <div> <p>Gerade war eine totale Sonnenfinsternis in Spanien und <strong>übermorgen früh (28.08.)</strong> wird sich eine fast totale (93%) <strong>Mondfinsternis</strong> ereignen (<em>Finsternisse </em>treten<em> stets paarweise</em> auf: <a href="https://www.timeanddate.com/eclipse/in/germany/berlin?iso=20260828" rel="noopener">hier die Daten</a>). Bei einer MoFi verschwindet der Mond nicht, sondern erscheint gerötet: alte Völker haben sich vorgestellt, dass sich dabei Blut über den Mond ergießt – daher auch Blutmond genannt.</p> <p>Diese MoFi zwischen 3:23 und 6:17 ist lohnend für alle <strong>Frühaufsteher.</strong></p> </div> </div> <p>Bei der totalen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi/">Mondfinsternis letztes Jahr im September hatte ich hier zur Beobachtung aufgerufen</a> und um Daten für meine Studentin gebeten; <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/beobachtungsaufruf-mofi-heute/">ähnliches hatte ich mit einem anderen Studenten bereits 2017</a> unternommen.</p> <p>Unser <a href="https://capjournal.org/articles/338/total-eclipse-of-the-moon-repeating-historical-measurements" rel="noopener">fachdidaktisch-kulturastronomischer Artikel</a> ist hier gerade – pünktlich zum Schulstart – erschienen: <strong>Vielen Dank! </strong></p> <p>Bei einer partiellen Mondfinsternis (oder der partiellen Phase einer totalen) können Sie buchstäblich sehen, dass die Erde eine Kugel ist. Genauer gesagt, nicht mit einer einzelnen MoFi-Beobachtung, sondern mit Beobachtung derselben MoFi von Europa und Amerika gleichzeitig, oder mit verschiedenen MoFi – immer wird der Erdschatten ein Kreisbogensegment abschneiden. Dies war schon ein Argument bei Aristoteles und er zitiert es von früheren Gelehrten – datiert also in die Mitte des ersten Jahrtausends vor Beginn unserer Zeitrechnung und lässt sich heute gut in Klassenzimmern mit eigenen Beobachtungen nachvollziehen.<aside></aside></p> <h2>1. Total Eclipse of the SUN: Sonnenfinsternis</h2> <p>Ich selbst war gerade gesundheitlich nicht fit genug, aber zwei meiner Stellarium-Kollegen haben Fotos von der Totalität geschickt. Da das Bild der Sonnenkorona in Stellarium nunmehr einen Saroszyklus alt ist, besteht nun Aussicht auf Update in einer künftigen Version – Stellarium hat vier Releases pro Jahr: zu allen Sonnenwenden und Äquinoktien. Vor allem auch die Farben der eindrucksvollen Protuberanzen haben das Team beeindruckt und sollten in der Software künftig verbessert werden. </p> <h2>2. Total Eclipse of the MOON: Mondfinsternis </h2> <p>Während eine Sonnenfinsternis nur in einem schmalen Streifen auf der Erde total wahrgenommen werden kann, wird bei einer Mondfinsternis der Mond (im All) verfinstert, indem er in den Erdschatten eintritt: es handelt sich also nicht (wie bei SoFi) um eine rein mechanische Verdeckung mit Parallaxe, sondern um ein Ereignis auf dem Mond, denn es erreicht seine Oberfläche tatsächlich weniger Sonnenlicht. Das Ereignis findet „absolut“ im All statt und etwaige Unterschiede in der Beobachtungszeit liegen ggf. daran, dass sich die Beobachter auf der Erde an verschiedenen Orten befinden – genauer gesagt, auf verschiedenen Längengraden. </p> <p>Darum wurde bereits in der Antike vorgeschlagen, totale Mondfinsternisse zur Erdvermessung (Geographie) zu nutzen. Diese Längengrad-Messung wurde im Altertum aber nicht systematisch umgesetzt, sondern galt als Schulproblem, das man nur berechnen und „theoretisch“ verstehen kann, sich aber in der Praxis nicht bewährt. Umgesetzt wurde es allerdings von islamischen Gelehrten ab dem 10. Jahrhundert, weil es für die Bestimmung von Festtagen nach dem Mondkalender und natürlich für Gebete aus Anlass von Mondfinsternissen wichtig wurde. Vor allem im muslimischen – aber natürlich auch europäischen – Schulen könnte dies also ein interessantes „Experiment“ sein, bei dem die Schülerinnen und Schüler historische Beobachtungsmethoden wiederholen und dabei durch internationale Kollaboration (mit Gleichaltrigen auf anderen Kontinenten, was heute qua Internet eben schon im schulischen Bereich möglich ist) zur Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Kulturkreisen animiert werden: sie müssen schließlich in geographischer Länge möglichst weit entfernt sein, damit die Sache – trotz Fehlerbalken – gut funktioniert. </p> <p>Es würde die Bestimmung des Erdumfangs nach Eratosthenes gut ergänzen, das als „Schulversuch“ bereits seit längerem gern in Büchern beworben wird. </p> <p>Hier ein paar Exzerpte aus dem Beitrag im aktuellen <a href="https://capjournal.org/" rel="noopener">CAPjournal</a>: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243.png"><img alt="" decoding="async" height="225" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 737px) 100vw, 737px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243.png 737w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243-300x92.png 300w" width="737"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract.png"><img alt="" decoding="async" height="300" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract.png 720w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract-300x125.png 300w" width="720"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen.png"><img alt="" decoding="async" height="730" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 716px) 100vw, 716px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen.png 716w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen-294x300.png 294w" width="716"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2.png"><img alt="" decoding="async" height="642" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2.png 700w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2-300x275.png 300w" width="700"></img></a></figure> <h2>3. Total Eclipse of the HEART: Popkultur</h2> <p>Bonny Tylor is kürzlich leider verstorben, aber ihre kraftvolle feminin-tiefe Stimme wird uns dank moderner Medien erhalten bleiben. Die Liebe, die sie in diesem Lied besingt, mag schmerzhaft sein, denn es ist ein Vampirlied (für Musicals genutzt). Es geht um den verzweifelten Wunsch, dass ein geliebter Mensch zurückkehrt, um die eigene emotionale Finsternis zu erhellen. Naja, viele Menschen sehen in Astronomie stark ramontische Komponenten. </p> <p>Ob nun mit Astronomie oder einfach zwischenmenschlich: <strong>Liebe lohnt sich! </strong></p> <p>Was die <strong>Rückkehr der Liebe</strong> angeht, könnten alle Sehnsüchtigen (Romantiker:innen) dieses Jahr Glück haben. Ich habe am <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/"><strong>Valentinstag</strong></a> und an beiden Terminen des chinesischen/ japanischen Sternfest, <strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/qixi-tanabata-mondkalender/">Qixi</a> / <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/">Tanabata</a></strong> astronomische Hinweise geschrieben. Ich fühle mit Ihnen, denn Liebe in allen Facetten von Mitgefühl über Romantik bis Freundschaft ist das zentrale Element unserer europäischen (im Christentum verwurzelten) Kultur! … aber nehmen wir gern an <em>jedem</em> Tag und nicht nur am siebten Tag des siebten Monats nach irgendeinem Kalender oder anderen lustigen Regeln. 😉</p> <p>Jedenfalls werde ich mit meinem internationalen, multireligiösen Team weiter versuchen, mit Astronomie, Romantik und Liebe das Leben von Menschen ein bisschen schöner zu machen, denn Kultur ist nicht alles, aber ohne Kultur ist alles nichts – ein Arzt kann Leben retten, aber Kultur wie Kunst und Wissenschaft machen ein Leben lebenswert.</p> <p>PS: </p> <p>Die zahlreichen Schreibfehler in der erste Version bitte ich geflissentlich zu vergessen – der Beitrag war Anfang August mit Fokus auf SoFi vorbereitet, musste aber mehrfach verschoben werden und konnte erst jetzt erscheinen und ich bin gerade durch meine Haupttätigkeiten so okupiert, dass ich ihn vorm Freischalten schlecht reviewt hatte. Sie wissen – SciLogs ist ein Ehrenamt.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000180739.jpg" /><h1>Total Eclipse of ... » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <div> <div> <p>Gerade war eine totale Sonnenfinsternis in Spanien und <strong>übermorgen früh (28.08.)</strong> wird sich eine fast totale (93%) <strong>Mondfinsternis</strong> ereignen (<em>Finsternisse </em>treten<em> stets paarweise</em> auf: <a href="https://www.timeanddate.com/eclipse/in/germany/berlin?iso=20260828" rel="noopener">hier die Daten</a>). Bei einer MoFi verschwindet der Mond nicht, sondern erscheint gerötet: alte Völker haben sich vorgestellt, dass sich dabei Blut über den Mond ergießt – daher auch Blutmond genannt.</p> <p>Diese MoFi zwischen 3:23 und 6:17 ist lohnend für alle <strong>Frühaufsteher.</strong></p> </div> </div> <p>Bei der totalen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mofi/">Mondfinsternis letztes Jahr im September hatte ich hier zur Beobachtung aufgerufen</a> und um Daten für meine Studentin gebeten; <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/beobachtungsaufruf-mofi-heute/">ähnliches hatte ich mit einem anderen Studenten bereits 2017</a> unternommen.</p> <p>Unser <a href="https://capjournal.org/articles/338/total-eclipse-of-the-moon-repeating-historical-measurements" rel="noopener">fachdidaktisch-kulturastronomischer Artikel</a> ist hier gerade – pünktlich zum Schulstart – erschienen: <strong>Vielen Dank! </strong></p> <p>Bei einer partiellen Mondfinsternis (oder der partiellen Phase einer totalen) können Sie buchstäblich sehen, dass die Erde eine Kugel ist. Genauer gesagt, nicht mit einer einzelnen MoFi-Beobachtung, sondern mit Beobachtung derselben MoFi von Europa und Amerika gleichzeitig, oder mit verschiedenen MoFi – immer wird der Erdschatten ein Kreisbogensegment abschneiden. Dies war schon ein Argument bei Aristoteles und er zitiert es von früheren Gelehrten – datiert also in die Mitte des ersten Jahrtausends vor Beginn unserer Zeitrechnung und lässt sich heute gut in Klassenzimmern mit eigenen Beobachtungen nachvollziehen.<aside></aside></p> <h2>1. Total Eclipse of the SUN: Sonnenfinsternis</h2> <p>Ich selbst war gerade gesundheitlich nicht fit genug, aber zwei meiner Stellarium-Kollegen haben Fotos von der Totalität geschickt. Da das Bild der Sonnenkorona in Stellarium nunmehr einen Saroszyklus alt ist, besteht nun Aussicht auf Update in einer künftigen Version – Stellarium hat vier Releases pro Jahr: zu allen Sonnenwenden und Äquinoktien. Vor allem auch die Farben der eindrucksvollen Protuberanzen haben das Team beeindruckt und sollten in der Software künftig verbessert werden. </p> <h2>2. Total Eclipse of the MOON: Mondfinsternis </h2> <p>Während eine Sonnenfinsternis nur in einem schmalen Streifen auf der Erde total wahrgenommen werden kann, wird bei einer Mondfinsternis der Mond (im All) verfinstert, indem er in den Erdschatten eintritt: es handelt sich also nicht (wie bei SoFi) um eine rein mechanische Verdeckung mit Parallaxe, sondern um ein Ereignis auf dem Mond, denn es erreicht seine Oberfläche tatsächlich weniger Sonnenlicht. Das Ereignis findet „absolut“ im All statt und etwaige Unterschiede in der Beobachtungszeit liegen ggf. daran, dass sich die Beobachter auf der Erde an verschiedenen Orten befinden – genauer gesagt, auf verschiedenen Längengraden. </p> <p>Darum wurde bereits in der Antike vorgeschlagen, totale Mondfinsternisse zur Erdvermessung (Geographie) zu nutzen. Diese Längengrad-Messung wurde im Altertum aber nicht systematisch umgesetzt, sondern galt als Schulproblem, das man nur berechnen und „theoretisch“ verstehen kann, sich aber in der Praxis nicht bewährt. Umgesetzt wurde es allerdings von islamischen Gelehrten ab dem 10. Jahrhundert, weil es für die Bestimmung von Festtagen nach dem Mondkalender und natürlich für Gebete aus Anlass von Mondfinsternissen wichtig wurde. Vor allem im muslimischen – aber natürlich auch europäischen – Schulen könnte dies also ein interessantes „Experiment“ sein, bei dem die Schülerinnen und Schüler historische Beobachtungsmethoden wiederholen und dabei durch internationale Kollaboration (mit Gleichaltrigen auf anderen Kontinenten, was heute qua Internet eben schon im schulischen Bereich möglich ist) zur Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Kulturkreisen animiert werden: sie müssen schließlich in geographischer Länge möglichst weit entfernt sein, damit die Sache – trotz Fehlerbalken – gut funktioniert. </p> <p>Es würde die Bestimmung des Erdumfangs nach Eratosthenes gut ergänzen, das als „Schulversuch“ bereits seit längerem gern in Büchern beworben wird. </p> <p>Hier ein paar Exzerpte aus dem Beitrag im aktuellen <a href="https://capjournal.org/" rel="noopener">CAPjournal</a>: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243.png"><img alt="" decoding="async" height="225" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 737px) 100vw, 737px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243.png 737w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot-2026-07-31-195243-300x92.png 300w" width="737"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract.png"><img alt="" decoding="async" height="300" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract.png 720w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_abstract-300x125.png 300w" width="720"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen.png"><img alt="" decoding="async" height="730" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 716px) 100vw, 716px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen.png 716w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen-294x300.png 294w" width="716"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2.png"><img alt="" decoding="async" height="642" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2.png 700w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/CAPj_AzkarrulaHoffmann_Screenshot_innen2-300x275.png 300w" width="700"></img></a></figure> <h2>3. Total Eclipse of the HEART: Popkultur</h2> <p>Bonny Tylor is kürzlich leider verstorben, aber ihre kraftvolle feminin-tiefe Stimme wird uns dank moderner Medien erhalten bleiben. Die Liebe, die sie in diesem Lied besingt, mag schmerzhaft sein, denn es ist ein Vampirlied (für Musicals genutzt). Es geht um den verzweifelten Wunsch, dass ein geliebter Mensch zurückkehrt, um die eigene emotionale Finsternis zu erhellen. Naja, viele Menschen sehen in Astronomie stark ramontische Komponenten. </p> <p>Ob nun mit Astronomie oder einfach zwischenmenschlich: <strong>Liebe lohnt sich! </strong></p> <p>Was die <strong>Rückkehr der Liebe</strong> angeht, könnten alle Sehnsüchtigen (Romantiker:innen) dieses Jahr Glück haben. Ich habe am <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/"><strong>Valentinstag</strong></a> und an beiden Terminen des chinesischen/ japanischen Sternfest, <strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/qixi-tanabata-mondkalender/">Qixi</a> / <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/">Tanabata</a></strong> astronomische Hinweise geschrieben. Ich fühle mit Ihnen, denn Liebe in allen Facetten von Mitgefühl über Romantik bis Freundschaft ist das zentrale Element unserer europäischen (im Christentum verwurzelten) Kultur! … aber nehmen wir gern an <em>jedem</em> Tag und nicht nur am siebten Tag des siebten Monats nach irgendeinem Kalender oder anderen lustigen Regeln. 😉</p> <p>Jedenfalls werde ich mit meinem internationalen, multireligiösen Team weiter versuchen, mit Astronomie, Romantik und Liebe das Leben von Menschen ein bisschen schöner zu machen, denn Kultur ist nicht alles, aber ohne Kultur ist alles nichts – ein Arzt kann Leben retten, aber Kultur wie Kunst und Wissenschaft machen ein Leben lebenswert.</p> <p>PS: </p> <p>Die zahlreichen Schreibfehler in der erste Version bitte ich geflissentlich zu vergessen – der Beitrag war Anfang August mit Fokus auf SoFi vorbereitet, musste aber mehrfach verschoben werden und konnte erst jetzt erscheinen und ich bin gerade durch meine Haupttätigkeiten so okupiert, dass ich ihn vorm Freischalten schlecht reviewt hatte. Sie wissen – SciLogs ist ein Ehrenamt.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse-of/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neuro-Forschung im Konzertsaal https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neuro-forschung-im-konzertsaal/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neuro-forschung-im-konzertsaal/#respond Mon, 24 Aug 2026 07:13:25 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6305 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/low-angle-senior-male-listening-music-scaled-e1787555247650-768x225.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neuro-forschung-im-konzertsaal/</link> </image> <description type="html"><h1>Neuro-Forschung im Konzertsaal » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich fand in der Kölner Philharmonie ein etwas anderes Konzert statt. Die Reihe <em>„Noten und Neuronen – Musik für die Gehirngesundheit“</em> schlägt die Brücke zwischen Medizin, Neurowissenschaft und Musik. Klingt erstmal weit hergeholt? Ist es aber keinesfalls. Bestimmt hast du selbst schon erlebt, wie ein vertrautes Lied binnen Sekunden Erinnerungen wachruft oder die Stimmung komplett drehen kann. Töne und Rhythmen greifen tief in unser Nervensystem ein. Das ist nicht nur ein faszinierendes Alltagsphänomen. Wir können uns dies sogar in der Medizin zu Nutze machen. Wo Worte und rationale Zugänge versagen, wird Musik zu einem biologisch hochwirksamen Werkzeug.</p> <p>Die Veranstaltung hatte daher noch weit mehr als Unterhaltung und Information zu bieten. Ganz nebenbei verwandelte sich der vollbesetzte Konzertsaal in ein riesiges Labor, in dem knapp 2.000 Probandinnen und Probanden zugleich die aktuelle Konzertforschung unterstützten. Völlig unkompliziert über das eigene Smartphone lieferte das Publikum über Fragebögen und kurze musikalische Spiele wertvolle Echtzeit-Daten darüber, wie Musik, Emotion und Gedächtnis zusammenhängen. Als Teil der Forschungsgruppe von Dr. Daniela Sammler, die diese Reihe mitorganisiert, durfte ich bei der wissenschaftlichen Erhebung helfen und spannende Blicke hinter die Kulissen werfen. </p> <p>Zwischen Mischpult, Messgeräten und Fachvorträgen blieb mir dabei ein Phänomen besonders im Kopf. Menschen, die an Demenz erkranken, verlieren nach und nach all ihre Erinnerungen und erkennen sogar ihre Familie nicht mehr. Doch selbst in diesen späten Stadien der Erkrankung, erinnern sich viele noch an die Musik ihrer Jugend. Warum ist die Musik hier so eine Ausnahme?</p> <h2>Eine anatomische Schutzinsel</h2> <p>Um zu verstehen, warum Melodien selbst dann noch lebendig bleiben, wenn der Alltag längst im Nebel versinkt, lohnt ein genauer Blick in die Neuroanatomie. Bei neurodegenerativen Erkrankungen, wie der Alzheimer-Demenz, folgt das zelluläre Absterben einem ganz bestimmten Muster. Typischerweise greift die pathologische Kaskade aus verschiedenen zellulären Ablagerungen zuerst den Hippocampus, den entorhinalen Cortex und weite Teile des Temporallappens an. Genau hier sitzt das episodische und semantische Gedächtnis, das festhält, was wir heute Morgen gefrühstückt haben, wie die eigenen Enkelkinder heißen oder in welchem Jahr wir leben. Werden diese Synapsen zerstört, reißt der Zugriff auf zeitliche Orientierung, Namen und Faktenwissen unwiederbringlich ab.</p> <p>Das musikalische Gedächtnis sitzt allerdings gar nicht hier. Es nutzt ein vollkommen anderes Netzwerk. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften um Jörn-Henrik Jacobsen [4] ging diesem besonderen Phänomen auf den Grund. Mittels hochauflösendem funktionellem MRT (fMRT) identifizierten die Forschenden die primären Speicherorte für musikalische Langzeiterinnerungen:<aside></aside></p> <ul> <li><strong>Kaudaler anteriorer cingulärer Cortex (ACC):</strong> Ein tief im Gehirn liegendes Areal, das eine Schnittstelle zwischen emotionaler Bewertung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis bildet.</li> <li><strong>Prä-supplementärmotorisches Areal (pre-SMA):</strong> Eine Region, die eng mit der Vorbereitung von Handlungen, Sequenzen und Rhythmen verknüpft ist.</li> </ul> <p>Und warum ist das nun so besonders im Zusammenhang mit Demenz? Eben genau diese beiden Regionen gehören zu den letzten Arealen der Großhirnrinde, die dem Gewebeverlust und dem verlangsamten Glukosestoffwechsel bei Alzheimer zum Opfer fallen. Während weite Teile des Gehirns bereits schwere Degenerationsspuren zeigen, bleibt die anatomische Struktur des Musikgedächtnisses bis in weit fortgeschrittene Stadien nahezu intakt. Die Regionen werden zu einer Art Schutzinsel für die Musik in unserem Kopf.</p> <h2><strong>Musik, Emotion und Gedächtnis</strong></h2> <p>Die bloße Lage des Speichers ist jedoch nur ein Teil der Lösung des Rätsels. Musik ist außerdem untrennbar mit unserem emotionalen Bewertungssystem verknüpft. Eben diese Verbindung macht sie zu einem so außergewöhnlichen Gedächtnisträger. Während viele alltägliche Sinneseindrücke rein kognitiv verarbeitet werden, greifen Rhythmen, Klangfarben und Harmoniewechsel unmittelbar auf unsere tiefsten Gefühlsebenen zu.</p> <p>Musikalische Reize nehmen eine anatomische Schnellstraße in subkortikale Zentren wie die Amygdala und das mesolimbische Belohnungssystem. Vertraute und berührende Melodien triggern unverzüglich die Ausschüttung von Dopamin, dem Botenstoff für Freude und Motivation. Musik muss nicht erst logisch verstanden oder sprachlich entschlüsselt werden. Sie wirkt unmittelbar als gefühltes und körperliches Erlebnis. [9]</p> <p>Je intensiver ein Erlebnis emotional aufgeladen ist, desto redundanter und dauerhafter wird es im Nervensystem verankert. Die Amygdala agiert dabei wie ein biochemischer Verstärker, der dem Gehirn signalisiert: <em>Das ist bedeutsam, das muss gespeichert werden.</em> Die Amygdala reagiert beispielsweise stark, wenn etwas Angst in uns auslöst. Dann wissen wir: Das ist gefährlich, ich muss handeln! Fight, Flight or Freeze! Aber auch starke positive Emotionen erinnern wir besser. Da wir Musik vor allem in formativen Lebensphasen – etwa bei ersten großen Emotionen, der ersten Liebe, Freundschaften und Umbrüchen in der Jugend – intensiv hören, verschmelzen Melodien untrennbar mit konkreten autobiografischen Ereignissen. [8]</p> <p>Bei einer Demenzerkrankung ist das biografische Gedächtnis oft nicht vollständig gelöscht, sondern der gezielte, bewusste Zugriff über semantische Pfade (Fakten, Namen, Daten) blockiert. Erklingt nun ein prägender Song, reaktiviert er sekundenschnell genau den emotionalen Zustand der damaligen Zeit. Dieses wiederbelebte Gefühl dient als assoziativer Abrufreiz (Retrieval Cue): Über die intakte emotionale Brücke werden plötzlich verschüttete Erinnerungsfetzen und sogar vergessene Sprachmuster wieder frei zugänglich. Manche Betroffene können schon nicht mehr wie gewohnt sprechen. Wenn sie allerdings singen, fließen die Worte wieder. [6]</p> <p>Musik nutzt somit die tiefste Schicht unseres Gedächtnisses: Sie dockt direkt an dem an, was evolutionär mit am ältesten und emotional am stärksten konserviert ist.</p> <h2><strong>Musik als Therapie</strong></h2> <p>Dass Musik das Wohlbefinden steigert, ist keine esoterische Wohlfühlbehauptung, sondern harte klinische Evidenz. Eine wachsende Zahl randomisierter kontrollierter Studien belegt die therapeutische Wirksamkeit gezielter Klanginterventionen.</p> <p>Die Forschungsgruppe um den finnischen Neurowissenschaftler <strong>Teppo Särkämö</strong> (Universität Helsinki) untersuchte die langfristigen Effekte von regelmäßigem Musikhören und Singen bei Menschen mit Demenz. Das Ergebnis: Regelmäßige musikalische Stimulation verbesserte signifikant das Arbeitsgedächtnis, die räumlich-visuelle Orientierung und die Exekutivfunktionen. Gleichzeitig sanken depressive Verstimmungen und Angstzustände bei den Betroffenen deutlich. [10]</p> <p>Auch in der Arbeit an Verhaltensmustern kann Musik wirksam eingesetzt werden. Zu den größten Herausforderungen in der Pflege zählen diese sogenannten nicht-kognitiven Symptome (<em>BPSD – Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia</em>), darunter Unruhezustände, motorische Getriebenheit, Aggressionen und das sogenannte <em>Sundowning</em> (eine Phase akuter Verwirrtheit und Angst in den Abendstunden). Untersuchungen zu Programmen wie <strong>„Music &amp; Memory“</strong> belegen, dass individuell abgestimmte Playlists diese Phasen drastisch abmildern können, da sie den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit vermitteln. [11]</p> <h2>Musik auf Rezept</h2> <p>In der gängigen Pflegepraxis werden herausfordernde Verhaltensweisen wie Agitation, Angst oder nächtliche Unruhe primär medikamentös behandelt. Häufig kommen Psychopharmaka wie Neuroleptika oder Sedativa zum Einsatz. Diese dämpfen zwar die Symptome, bringen jedoch erhebliche Risiken mit sich: Sie erhöhen die Sturzgefahr, führen zu kognitiver Abstumpfung und stehen mit einer erhöhten Mortalität in Verbindung [1]. Fachleitlinien betonen deshalb seit Langem auch evidenzbasierte, nicht-medikamentöse Interventionen [2].</p> <p>Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Ansatz an Bedeutung, der unter dem Begriff Social Prescribing international etabliert wird – etwa im britischen Gesundheitssystem (NHS) und gestützt durch umfassende Berichte der Weltgesundheitsorganisation: Musik als verordnungsfähige, non-pharmakologische Therapie [3].</p> <p>Und das funktioniert ganz ohne Nebenwirkungen! Strukturierte, musiktherapeutische Einheiten und personalisierte Hörprogramme regulieren das vegetative Nervensystem auf natürliche Weise. Groß angelegte Untersuchungen in Pflegeeinrichtungen zeigen, dass individualisierte Musikangebote den Bedarf an Beruhigungsmitteln und Antipsychotika signifikant senken sowie Verhaltensauffälligkeiten und depressive Episoden spürbar reduzieren<em>.</em> [11, 12]</p> <p>Entscheidend für die Wirksamkeit ist, dass keine beliebige Hintergrundbeschallung läuft, sondern eine gezielte Auswahl. Studien zur autobiografischen Gedächtnisforschung belegen, dass das Gehirn am stärksten auf Musik aus der formativen Lebensphase zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr reagiert [5, 7]. In dieser Phase bilden sich Identität und prägende emotionale Bindungen heraus. Die Melodien dieser Zeit bleiben im Nervensystem als stabiler Anker bestehen.</p> <p>Musik auf Rezept entfaltet ihren Nutzen über die Betroffenen hinaus. Klinische Studien zeigen, dass regelmäßige musikalische Aktivitäten auch die psychische Belastung von Pflegekräften und pflegenden Angehörigen messbar senken und wieder Räume für echte zwischenmenschliche Begegnungen öffnen. [10]</p> <h2><strong>Von der Philharmonie in die Praxis</strong></h2> <p>Der Abend in der Kölner Philharmonie hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie viel Potenzial in der Verbindung von Kunst, Medizin und Neurowissenschaft steckt. Wenn ein voller Konzertsaal gleichzeitig zum Forschungsraum wird, zeigt das vor allem eines: Musik ist nicht nur schön, sie verbindet. Sie ist ein hocheffektives, evolutionär tief verankertes Phänomen, in dem noch so viel steckt, was wir bis lang noch kaum verstehen. Die ersten Schritte, herauszufinden, wie sie unsere Hirngesundheit positiv beeinflusst, sind getan.</p> <p>So eben zum Beispiel bei Demenz. Wenn das logische Denken schwindet und die Sprache verblasst, bleibt die Musik als stabiler Anker der eigenen Identität bestehen. Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Wissen aus den Laboren und Konzertplätzen auch bei uns direkt dorthin zu tragen, wo es am dringendsten gebraucht wird: auf das Rezeptblatt von Ärztinnen und Ärzten und in den täglichen Pflegealltag. Ich fände es zumindest fantastisch, Musik auf Rezept zu bekommen. Und die Forschung ist da ganz auf meiner Seite.</p> <p>Hier findet ihr mehr Infos zu <em>Noten und Neuronen</em>: <a href="https://notenundneuronen.de" rel="noopener">https://notenundneuronen.de</a></p> <h4>Quellen</h4> <p><strong>[1]</strong> Ballard, C., Hanney, M. L., Theodoulou, M., Douglas, S., McShane, R., Kossakowski, K., Gill, R., Juszczak, E., Yu, L. &amp; Jacoby, R. (2009). The dementia antipsychotic withdrawal trial (DART-AD): long-term follow-up of a randomised placebo-controlled trial. <em>The Lancet Neurology</em>, <em>8</em>(2), 151–157. <a href="https://doi.org/10.1016/s1474-4422(08)70295-3" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/s1474-4422(08)70295-3</a></p> <p><strong>[2]</strong> Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, &amp; Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). <em>S3-Leitlinie Demenzen</em> (AWMF-Registernummer 038-013). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. <a href="https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013</a></p> <p><strong>[3]</strong> Fancourt, D., &amp; Finn, S. (2019). <em>What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review</em> (Health Evidence Network Synthesis Report 67). World Health Organization. Regional Office for Europe. <a href="https://www.google.com/search?q=https://iris.who.int/handle/10665/329834" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://iris.who.int/handle/10665/329834</a></p> <p><strong>[4]</strong> Jacobsen, J.-H., Stelzer, J., Fritz, T. H., Chételat, G., La Joie, R., &amp; Turner, R. (2015). Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease. <em>Brain</em>, <em>138</em>(8), 2438–2450. <a href="https://doi.org/10.1093/brain/awv135" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/brain/awv135</a></p> <p><strong>[5]</strong> Jakubowski, K. &amp; Ghosh, A. (2019). Music-evoked autobiographical memories in everyday life. <em>Psychology Of Music</em>, <em>49</em>(3), 649–666. https://doi.org/10.1177/0305735619888803</p> <p><strong>[6]</strong> Janata, P. (2009). The neural architecture of music-evoked autobiographical memories. <em>Cerebral Cortex</em>, <em>19</em>(11), 2579–2594. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1093/cercor/bhp008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/cercor/bhp008</a></p> <p><strong>[7]</strong> Krumhansl, C. L., &amp; Zupnick, J. A. (2013). Cascading reminiscence bumps in popular music. <em>Psychological Science</em>, <em>24</em>(10), 2057–2068. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1177/0956797613486486" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/0956797613486486</a></p> <p><strong>[8]</strong> Phelps, E. A. (2004). Human emotion and memory: Interactions of the amygdala and hippocampal complex. <em>Current Opinion in Neurobiology</em>, <em>14</em>(2), 198–202. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1016/j.conb.2004.03.015" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.conb.2004.03.015</a></p> <p><strong>[9]</strong> Salimpoor, V. N., Benovoy, M., Larcher, K., Dagher, A., &amp; Zatorre, R. J. (2011). Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>14</em>(2), 257–262. <a href="https://doi.org/10.1038/nn.2726" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nn.2726</a></p> <p><strong>[10]</strong> Särkämö, T., Tervaniemi, M., Laitinen, S., Numminen, A., Kurki, M., Johnson, J. K., &amp; Rantanen, P. (2014). Cognitive, emotional, and social benefits of regular musical activities in dementia: A randomized controlled study. <em>The Gerontologist</em>, <em>54</em>(4), 634–650. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1093/geront/gnt100" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/geront/gnt100</a></p> <p><strong>[11]</strong> Thomas, K. S., Baier, R., Kosar, C., Ogarek, J., Trepman, A., &amp; Mor, V. (2017). Individualized music program is associated with improved outcomes for U.S. nursing home residents with dementia. <em>The American Journal of Geriatric Psychiatry</em>, <em>25</em>(9), 1000–1008. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1016/j.jagp.2017.04.008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.jagp.2017.04.008</a></p> <p><strong>[12]</strong> van der Steen, J. T., Smaling, H. J. A., van der Wouden, J. C., Bruinsma, M. S., Scholten, R. J. P. M., &amp; Vink, A. C. (2018). Music-based therapeutic interventions for people with dementia. <em>Cochrane Database of Systematic Reviews</em>, <em>2018</em>(7), Article CD003477. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub4" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub4</a></p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/de/fotos-kostenlos/aeltere-maennliche-hoerende-musik-des-niedrigen-winkels_6127181.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=99d94188-a31b-4da7-891d-68390b3b1e9a&amp;track=ais_hybrid&amp;query=musik+demenz" rel="noopener">Bild von magnific</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Neuro-Forschung im Konzertsaal » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich fand in der Kölner Philharmonie ein etwas anderes Konzert statt. Die Reihe <em>„Noten und Neuronen – Musik für die Gehirngesundheit“</em> schlägt die Brücke zwischen Medizin, Neurowissenschaft und Musik. Klingt erstmal weit hergeholt? Ist es aber keinesfalls. Bestimmt hast du selbst schon erlebt, wie ein vertrautes Lied binnen Sekunden Erinnerungen wachruft oder die Stimmung komplett drehen kann. Töne und Rhythmen greifen tief in unser Nervensystem ein. Das ist nicht nur ein faszinierendes Alltagsphänomen. Wir können uns dies sogar in der Medizin zu Nutze machen. Wo Worte und rationale Zugänge versagen, wird Musik zu einem biologisch hochwirksamen Werkzeug.</p> <p>Die Veranstaltung hatte daher noch weit mehr als Unterhaltung und Information zu bieten. Ganz nebenbei verwandelte sich der vollbesetzte Konzertsaal in ein riesiges Labor, in dem knapp 2.000 Probandinnen und Probanden zugleich die aktuelle Konzertforschung unterstützten. Völlig unkompliziert über das eigene Smartphone lieferte das Publikum über Fragebögen und kurze musikalische Spiele wertvolle Echtzeit-Daten darüber, wie Musik, Emotion und Gedächtnis zusammenhängen. Als Teil der Forschungsgruppe von Dr. Daniela Sammler, die diese Reihe mitorganisiert, durfte ich bei der wissenschaftlichen Erhebung helfen und spannende Blicke hinter die Kulissen werfen. </p> <p>Zwischen Mischpult, Messgeräten und Fachvorträgen blieb mir dabei ein Phänomen besonders im Kopf. Menschen, die an Demenz erkranken, verlieren nach und nach all ihre Erinnerungen und erkennen sogar ihre Familie nicht mehr. Doch selbst in diesen späten Stadien der Erkrankung, erinnern sich viele noch an die Musik ihrer Jugend. Warum ist die Musik hier so eine Ausnahme?</p> <h2>Eine anatomische Schutzinsel</h2> <p>Um zu verstehen, warum Melodien selbst dann noch lebendig bleiben, wenn der Alltag längst im Nebel versinkt, lohnt ein genauer Blick in die Neuroanatomie. Bei neurodegenerativen Erkrankungen, wie der Alzheimer-Demenz, folgt das zelluläre Absterben einem ganz bestimmten Muster. Typischerweise greift die pathologische Kaskade aus verschiedenen zellulären Ablagerungen zuerst den Hippocampus, den entorhinalen Cortex und weite Teile des Temporallappens an. Genau hier sitzt das episodische und semantische Gedächtnis, das festhält, was wir heute Morgen gefrühstückt haben, wie die eigenen Enkelkinder heißen oder in welchem Jahr wir leben. Werden diese Synapsen zerstört, reißt der Zugriff auf zeitliche Orientierung, Namen und Faktenwissen unwiederbringlich ab.</p> <p>Das musikalische Gedächtnis sitzt allerdings gar nicht hier. Es nutzt ein vollkommen anderes Netzwerk. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften um Jörn-Henrik Jacobsen [4] ging diesem besonderen Phänomen auf den Grund. Mittels hochauflösendem funktionellem MRT (fMRT) identifizierten die Forschenden die primären Speicherorte für musikalische Langzeiterinnerungen:<aside></aside></p> <ul> <li><strong>Kaudaler anteriorer cingulärer Cortex (ACC):</strong> Ein tief im Gehirn liegendes Areal, das eine Schnittstelle zwischen emotionaler Bewertung, Aufmerksamkeit und Gedächtnis bildet.</li> <li><strong>Prä-supplementärmotorisches Areal (pre-SMA):</strong> Eine Region, die eng mit der Vorbereitung von Handlungen, Sequenzen und Rhythmen verknüpft ist.</li> </ul> <p>Und warum ist das nun so besonders im Zusammenhang mit Demenz? Eben genau diese beiden Regionen gehören zu den letzten Arealen der Großhirnrinde, die dem Gewebeverlust und dem verlangsamten Glukosestoffwechsel bei Alzheimer zum Opfer fallen. Während weite Teile des Gehirns bereits schwere Degenerationsspuren zeigen, bleibt die anatomische Struktur des Musikgedächtnisses bis in weit fortgeschrittene Stadien nahezu intakt. Die Regionen werden zu einer Art Schutzinsel für die Musik in unserem Kopf.</p> <h2><strong>Musik, Emotion und Gedächtnis</strong></h2> <p>Die bloße Lage des Speichers ist jedoch nur ein Teil der Lösung des Rätsels. Musik ist außerdem untrennbar mit unserem emotionalen Bewertungssystem verknüpft. Eben diese Verbindung macht sie zu einem so außergewöhnlichen Gedächtnisträger. Während viele alltägliche Sinneseindrücke rein kognitiv verarbeitet werden, greifen Rhythmen, Klangfarben und Harmoniewechsel unmittelbar auf unsere tiefsten Gefühlsebenen zu.</p> <p>Musikalische Reize nehmen eine anatomische Schnellstraße in subkortikale Zentren wie die Amygdala und das mesolimbische Belohnungssystem. Vertraute und berührende Melodien triggern unverzüglich die Ausschüttung von Dopamin, dem Botenstoff für Freude und Motivation. Musik muss nicht erst logisch verstanden oder sprachlich entschlüsselt werden. Sie wirkt unmittelbar als gefühltes und körperliches Erlebnis. [9]</p> <p>Je intensiver ein Erlebnis emotional aufgeladen ist, desto redundanter und dauerhafter wird es im Nervensystem verankert. Die Amygdala agiert dabei wie ein biochemischer Verstärker, der dem Gehirn signalisiert: <em>Das ist bedeutsam, das muss gespeichert werden.</em> Die Amygdala reagiert beispielsweise stark, wenn etwas Angst in uns auslöst. Dann wissen wir: Das ist gefährlich, ich muss handeln! Fight, Flight or Freeze! Aber auch starke positive Emotionen erinnern wir besser. Da wir Musik vor allem in formativen Lebensphasen – etwa bei ersten großen Emotionen, der ersten Liebe, Freundschaften und Umbrüchen in der Jugend – intensiv hören, verschmelzen Melodien untrennbar mit konkreten autobiografischen Ereignissen. [8]</p> <p>Bei einer Demenzerkrankung ist das biografische Gedächtnis oft nicht vollständig gelöscht, sondern der gezielte, bewusste Zugriff über semantische Pfade (Fakten, Namen, Daten) blockiert. Erklingt nun ein prägender Song, reaktiviert er sekundenschnell genau den emotionalen Zustand der damaligen Zeit. Dieses wiederbelebte Gefühl dient als assoziativer Abrufreiz (Retrieval Cue): Über die intakte emotionale Brücke werden plötzlich verschüttete Erinnerungsfetzen und sogar vergessene Sprachmuster wieder frei zugänglich. Manche Betroffene können schon nicht mehr wie gewohnt sprechen. Wenn sie allerdings singen, fließen die Worte wieder. [6]</p> <p>Musik nutzt somit die tiefste Schicht unseres Gedächtnisses: Sie dockt direkt an dem an, was evolutionär mit am ältesten und emotional am stärksten konserviert ist.</p> <h2><strong>Musik als Therapie</strong></h2> <p>Dass Musik das Wohlbefinden steigert, ist keine esoterische Wohlfühlbehauptung, sondern harte klinische Evidenz. Eine wachsende Zahl randomisierter kontrollierter Studien belegt die therapeutische Wirksamkeit gezielter Klanginterventionen.</p> <p>Die Forschungsgruppe um den finnischen Neurowissenschaftler <strong>Teppo Särkämö</strong> (Universität Helsinki) untersuchte die langfristigen Effekte von regelmäßigem Musikhören und Singen bei Menschen mit Demenz. Das Ergebnis: Regelmäßige musikalische Stimulation verbesserte signifikant das Arbeitsgedächtnis, die räumlich-visuelle Orientierung und die Exekutivfunktionen. Gleichzeitig sanken depressive Verstimmungen und Angstzustände bei den Betroffenen deutlich. [10]</p> <p>Auch in der Arbeit an Verhaltensmustern kann Musik wirksam eingesetzt werden. Zu den größten Herausforderungen in der Pflege zählen diese sogenannten nicht-kognitiven Symptome (<em>BPSD – Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia</em>), darunter Unruhezustände, motorische Getriebenheit, Aggressionen und das sogenannte <em>Sundowning</em> (eine Phase akuter Verwirrtheit und Angst in den Abendstunden). Untersuchungen zu Programmen wie <strong>„Music &amp; Memory“</strong> belegen, dass individuell abgestimmte Playlists diese Phasen drastisch abmildern können, da sie den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit vermitteln. [11]</p> <h2>Musik auf Rezept</h2> <p>In der gängigen Pflegepraxis werden herausfordernde Verhaltensweisen wie Agitation, Angst oder nächtliche Unruhe primär medikamentös behandelt. Häufig kommen Psychopharmaka wie Neuroleptika oder Sedativa zum Einsatz. Diese dämpfen zwar die Symptome, bringen jedoch erhebliche Risiken mit sich: Sie erhöhen die Sturzgefahr, führen zu kognitiver Abstumpfung und stehen mit einer erhöhten Mortalität in Verbindung [1]. Fachleitlinien betonen deshalb seit Langem auch evidenzbasierte, nicht-medikamentöse Interventionen [2].</p> <p>Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Ansatz an Bedeutung, der unter dem Begriff Social Prescribing international etabliert wird – etwa im britischen Gesundheitssystem (NHS) und gestützt durch umfassende Berichte der Weltgesundheitsorganisation: Musik als verordnungsfähige, non-pharmakologische Therapie [3].</p> <p>Und das funktioniert ganz ohne Nebenwirkungen! Strukturierte, musiktherapeutische Einheiten und personalisierte Hörprogramme regulieren das vegetative Nervensystem auf natürliche Weise. Groß angelegte Untersuchungen in Pflegeeinrichtungen zeigen, dass individualisierte Musikangebote den Bedarf an Beruhigungsmitteln und Antipsychotika signifikant senken sowie Verhaltensauffälligkeiten und depressive Episoden spürbar reduzieren<em>.</em> [11, 12]</p> <p>Entscheidend für die Wirksamkeit ist, dass keine beliebige Hintergrundbeschallung läuft, sondern eine gezielte Auswahl. Studien zur autobiografischen Gedächtnisforschung belegen, dass das Gehirn am stärksten auf Musik aus der formativen Lebensphase zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr reagiert [5, 7]. In dieser Phase bilden sich Identität und prägende emotionale Bindungen heraus. Die Melodien dieser Zeit bleiben im Nervensystem als stabiler Anker bestehen.</p> <p>Musik auf Rezept entfaltet ihren Nutzen über die Betroffenen hinaus. Klinische Studien zeigen, dass regelmäßige musikalische Aktivitäten auch die psychische Belastung von Pflegekräften und pflegenden Angehörigen messbar senken und wieder Räume für echte zwischenmenschliche Begegnungen öffnen. [10]</p> <h2><strong>Von der Philharmonie in die Praxis</strong></h2> <p>Der Abend in der Kölner Philharmonie hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie viel Potenzial in der Verbindung von Kunst, Medizin und Neurowissenschaft steckt. Wenn ein voller Konzertsaal gleichzeitig zum Forschungsraum wird, zeigt das vor allem eines: Musik ist nicht nur schön, sie verbindet. Sie ist ein hocheffektives, evolutionär tief verankertes Phänomen, in dem noch so viel steckt, was wir bis lang noch kaum verstehen. Die ersten Schritte, herauszufinden, wie sie unsere Hirngesundheit positiv beeinflusst, sind getan.</p> <p>So eben zum Beispiel bei Demenz. Wenn das logische Denken schwindet und die Sprache verblasst, bleibt die Musik als stabiler Anker der eigenen Identität bestehen. Vielleicht ist es an der Zeit, dieses Wissen aus den Laboren und Konzertplätzen auch bei uns direkt dorthin zu tragen, wo es am dringendsten gebraucht wird: auf das Rezeptblatt von Ärztinnen und Ärzten und in den täglichen Pflegealltag. Ich fände es zumindest fantastisch, Musik auf Rezept zu bekommen. Und die Forschung ist da ganz auf meiner Seite.</p> <p>Hier findet ihr mehr Infos zu <em>Noten und Neuronen</em>: <a href="https://notenundneuronen.de" rel="noopener">https://notenundneuronen.de</a></p> <h4>Quellen</h4> <p><strong>[1]</strong> Ballard, C., Hanney, M. L., Theodoulou, M., Douglas, S., McShane, R., Kossakowski, K., Gill, R., Juszczak, E., Yu, L. &amp; Jacoby, R. (2009). The dementia antipsychotic withdrawal trial (DART-AD): long-term follow-up of a randomised placebo-controlled trial. <em>The Lancet Neurology</em>, <em>8</em>(2), 151–157. <a href="https://doi.org/10.1016/s1474-4422(08)70295-3" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/s1474-4422(08)70295-3</a></p> <p><strong>[2]</strong> Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, &amp; Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). <em>S3-Leitlinie Demenzen</em> (AWMF-Registernummer 038-013). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. <a href="https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013</a></p> <p><strong>[3]</strong> Fancourt, D., &amp; Finn, S. (2019). <em>What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review</em> (Health Evidence Network Synthesis Report 67). World Health Organization. Regional Office for Europe. <a href="https://www.google.com/search?q=https://iris.who.int/handle/10665/329834" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://iris.who.int/handle/10665/329834</a></p> <p><strong>[4]</strong> Jacobsen, J.-H., Stelzer, J., Fritz, T. H., Chételat, G., La Joie, R., &amp; Turner, R. (2015). Why musical memory can be preserved in advanced Alzheimer’s disease. <em>Brain</em>, <em>138</em>(8), 2438–2450. <a href="https://doi.org/10.1093/brain/awv135" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/brain/awv135</a></p> <p><strong>[5]</strong> Jakubowski, K. &amp; Ghosh, A. (2019). Music-evoked autobiographical memories in everyday life. <em>Psychology Of Music</em>, <em>49</em>(3), 649–666. https://doi.org/10.1177/0305735619888803</p> <p><strong>[6]</strong> Janata, P. (2009). The neural architecture of music-evoked autobiographical memories. <em>Cerebral Cortex</em>, <em>19</em>(11), 2579–2594. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1093/cercor/bhp008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/cercor/bhp008</a></p> <p><strong>[7]</strong> Krumhansl, C. L., &amp; Zupnick, J. A. (2013). Cascading reminiscence bumps in popular music. <em>Psychological Science</em>, <em>24</em>(10), 2057–2068. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1177/0956797613486486" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/0956797613486486</a></p> <p><strong>[8]</strong> Phelps, E. A. (2004). Human emotion and memory: Interactions of the amygdala and hippocampal complex. <em>Current Opinion in Neurobiology</em>, <em>14</em>(2), 198–202. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1016/j.conb.2004.03.015" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.conb.2004.03.015</a></p> <p><strong>[9]</strong> Salimpoor, V. N., Benovoy, M., Larcher, K., Dagher, A., &amp; Zatorre, R. J. (2011). Anatomically distinct dopamine release during anticipation and experience of peak emotion to music. <em>Nature Neuroscience</em>, <em>14</em>(2), 257–262. <a href="https://doi.org/10.1038/nn.2726" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1038/nn.2726</a></p> <p><strong>[10]</strong> Särkämö, T., Tervaniemi, M., Laitinen, S., Numminen, A., Kurki, M., Johnson, J. K., &amp; Rantanen, P. (2014). Cognitive, emotional, and social benefits of regular musical activities in dementia: A randomized controlled study. <em>The Gerontologist</em>, <em>54</em>(4), 634–650. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1093/geront/gnt100" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1093/geront/gnt100</a></p> <p><strong>[11]</strong> Thomas, K. S., Baier, R., Kosar, C., Ogarek, J., Trepman, A., &amp; Mor, V. (2017). Individualized music program is associated with improved outcomes for U.S. nursing home residents with dementia. <em>The American Journal of Geriatric Psychiatry</em>, <em>25</em>(9), 1000–1008. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1016/j.jagp.2017.04.008" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1016/j.jagp.2017.04.008</a></p> <p><strong>[12]</strong> van der Steen, J. T., Smaling, H. J. A., van der Wouden, J. C., Bruinsma, M. S., Scholten, R. J. P. M., &amp; Vink, A. C. (2018). Music-based therapeutic interventions for people with dementia. <em>Cochrane Database of Systematic Reviews</em>, <em>2018</em>(7), Article CD003477. <a href="https://www.google.com/search?q=https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub4" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1002/14651858.CD003477.pub4</a></p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/de/fotos-kostenlos/aeltere-maennliche-hoerende-musik-des-niedrigen-winkels_6127181.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=99d94188-a31b-4da7-891d-68390b3b1e9a&amp;track=ais_hybrid&amp;query=musik+demenz" rel="noopener">Bild von magnific</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neuro-forschung-im-konzertsaal/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Von Mandelkernen, Seepferdchen und wie wir besser(e) Geschichten erzählen https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/geschichten-erzaehlen/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/geschichten-erzaehlen/#respond Sun, 23 Aug 2026 21:58:55 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6289 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/full-shot-teacher-kids-holding-book-768x511.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/geschichten-erzaehlen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/full-shot-teacher-kids-holding-book-1024x681.jpg" /><h1>Von Mandelkernen, Seepferdchen und wie wir besser(e) Geschichten erzählen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Magst du eine Geschichte hören?</p> <p>Eine Geschichte über die Menschheit, über unser Gehirn, über Gemeinschaft und Fantasie, übers Schmerzenlindern und fürs Lebenlernen?</p> <p>Dies ist die Geschichte der Geschichten.</p> <p>Es war einmal, vor langer, langer Zeit. Lange vor dem Internet, sogar lange vor Häusern. Vielleicht gar nicht so weit weg von hier lebte eine kleine Gruppe unserer Vorfahren, die sich nach einem anstrengenden Tag bei Einbruch der Dunkelheit im Schutz einer Höhle versammelte. Doch bevor sie sich zum Schlafen legten, begann Oma zu erzählen. Von ihren Abenteuern, von den Gefahren der Wildnis, vielleicht von einem Tier, dem man besser nicht zu nahe kam, oder einem Ort, an dem es Wasser gab. Möglicherweise eine der ersten Geschichten: Warnung für die Kinder, Lehre für die Älteren und Unterhaltung für alle. </p> <p>So oder so ähnlich begannen Menschen, einander Geschichten zu erzählen. Und seitdem geben wir sie von Generation zu Generation weiter. Nichts bewegt uns so sehr und nichts merken wir uns so gut wie eine richtig gute Erzählung. Kurz gesagt: Unser Gehirn liebt Geschichten.<aside></aside></p> <h3>Was passiert im Gehirn beim Hören einer Geschichte?</h3> <p>Geschichten begeistern alle! Schon den kleinsten Kindern erzählen wir Märchen und lesen von Abenteuern und Fantasiewelten vor. Wie komplex der Vorgang des Geschichtenverstehens ist, wird uns auf den ersten Blick gar nicht klar. Das ist aber absolut kein Kinderspiel: Unser Gehirn muss beim Lauschen Gedächtnisinhalte bilden, sich empathisch in die Figuren hineinversetzen, einzelne Ereignisse zu einem zusammenhängenden Handlungsstrang verknüpfen und das Erzählte mit bisherigen Erfahrungen und gelerntem Wissen verknüpfen<sup>1</sup>. Und das über Minuten bis Stunden hinweg!</p> <p>Das schafft nicht ein Areal im Gehirn alleine, sondern ein ganzes Netzwerk an Verarbeitungs- und Integrationsinstanzen muss dafür auf Hochtouren arbeiten.</p> <h4>Das Default-Mode-Netzwerk: Regisseur der Handlung</h4> <p>Das wohl entscheidendste neuronale Netzwerk, um einer komplexen Handlung folgen zu können, ist das Default-Mode-Netzwerk (DMN). Es spielt die Hauptrolle dabei, Geschichtselemente in eine zusammenhängende Handlung einzuordnen<sup>2</sup>. </p> <p>Funktionellen Magnetresonanztomographie-Studien (fMRT), mit denen sich Veränderungen der Hirnaktivität indirekt erfassen lassen, zeigten Verblüffendes: In Momenten, in denen einzelne Ereignisse im größeren Zusammenhang der Handlung verstanden und an die bisherige Geschichte angeknüpft werden, ist das DMN besonders aktiv. Das DMN erschafft ein Situationsmodell – eine geistige Karte der Handlung, der Eigenschaften der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander sowie von Zeit und Ort des Geschehens – das ständig durch neue Informationen geupdated wird. Besonders angestrengt arbeiten die Gehirnareale des DMN (unter anderem der Gyrus angularis, der Precuneus und der mediale präfrontale Kortex), wenn das Situationsmodell, etwa durch einen Plot Twist, dramatisch umgebaut oder gar ganz verworfen und neu aufgestellt werden muss<sup>3</sup>.</p> <h4>Hineinversetzt: das Mentalisieren-Netzwerk (Theory of Mind)</h4> <p>Wenn wir gebannt mit unserer Lieblingsfigur mitfiebern, versetzen wir uns automatisch in ihren Kopf: Was fühlt sie gerade? Was hat sie vor? Diese Fähigkeit, als Theory of Mind oder Mentalisieren bezeichnet, wird durch ein eigenes neuronales Netzwerk im Gehirn ermöglicht. Das Mentalisieren-Netzwerk besteht aus dem medialen präfrontalen Kortex, der temporoparietalen Junction, dem oberen Schläfensulcus und den Temporalpolen<sup>4</sup>. Besonders faszinierend: Unser Mentalisieren-Netzwerk springt automatisch an, sobald wir soziale Interaktion beobachten – wir müssen uns dafür gar nicht bewusst in die andere Figur hineinversetzen<sup>5</sup>. Die Aktivität dieser Gehirnareale ist deutlich gesteigert, wenn wir bemerken, dass die Figur etwas Falsches glaubt oder eine andere Perspektive einnimmt<sup>6</sup>.</p> <h4>Kopfkino: die verkörperte Simulation im Gehirn</h4> <p>Jeder, der bei einem gruseligen Kapitel selbst Schnappatmung bekommt oder bei einer dramatischen Szene ein paar Tränen verdrückt, erlebt am eigenen Körper, wie sehr wir uns in Geschichten hineinversetzen. Tatsächlich zeigen fMRT-Studien, dass die Handlung im Gehirn gewissermaßen mitsimuliert wird: Beschreibungen von Bewegungen, etwa einer rasanten Verfolgungsjagd, sprechen (prä-)motorische Areale an und emotionale Passagen, etwa ein herzzerreißender Abschied, die emotionsverarbeitenden Hirnregionen<sup>7</sup>. Dabei gilt: Je mehr persönliche Erfahrung wir mit dem Geschilderten haben (hoffentlich keine wilde Verfolgungsjagd, aber vielleicht eine traurige Verabschiedung), desto stärker kann die funktionelle Kopplung zwischen Sprachregionen und den beteiligten sensorischen oder motorischen Systemen ausfallen<sup>8</sup>.</p> <h3>Woran erkennen Neurowissenschaftler:innen eine gute Geschichte?</h3> <p>Natürlich an Messergebnissen in den Gehirnen der Zuhörenden!</p> <p>Das faszinierendste Maß dafür ist die Inter-Subjekt-Korrelation (ISC) und beschreibt, wie stark sich die Hirnaktivität verschiedener Zuhörenden synchronisiert, während sie dieselbe Geschichte hören. Eine hohe ISC zeigt, wie sehr die Geschichte die Zuhörer in ihren Bann zieht und ihnen im Gedächtnis bleibt<sup>1</sup>. Fesselnde Momente treiben die Synchronisation im DMN nach oben und weisen spezifische Aktivitätsmuster im Gehirn auf. Diese Aktivitätsmuster zeigen, wie aufmerksam und involviert wir in der Geschichte sind und sagen voraus, welche Ereignisse wir uns tatsächlich merken<sup>9,10</sup>.</p> <h4>Bessere Geschichte – stärkere neuronale Synchronisation</h4> <p>Was verstärkt die neuronale Synchronisation und ISC?</p> <p><strong>Emotionale Erregung: </strong>Emotional aufwühlende Momente steigern die neuronale Synchronisation bei den Zuhörenden und werden besser erinnert. Emotionale Erregung stärkt dabei die Vernetzung und Zusammenarbeit der großen Hirnnetzwerke und damit die Genauigkeit der Erinnerung<sup>9</sup>.</p> <p><strong>Negative Gefühlstönung:</strong> Inhalte, die wir mit negativen Empfindungen verbinden, erzeugen ebenfalls eine besonders starke Synchronisation der Gehirne. Diese negativ bewerteten Handlungselemente hinterlassen Nachwirkungen in DMN, der Amygdala (dem sogenannten Mandelkern) und sensorischen Arealen<sup>1</sup>.</p> <p><strong>Spannung:</strong> Steigende Spannung verengt den Aufmerksamkeitsfokus. So wird das ventrale Aufmerksamkeitsnetzwerk des Gehirns besonders aktiv, während das DMN zurücktritt<sup>11</sup>. Spannung beruht auf kognitiven Prozessen wie sozialem Denken, Erwartung und Vorhersage<sup>12</sup>.</p> <h3>Wie erzählen wir besser(e) Geschichten?</h3> <p>Welche Elemente ziehen unser Gehirn (und uns) am meisten in den Bann?<br></br>Dazu liefert die Hirnforschung einige erstaunlich konkrete Antworten. Pass auf – jetzt erfährst du, wie dir das nächste Mal deine Freund:innen an den Lippen hängen oder wie du dich durch Storytelling in der Werbung nicht mehr so leicht austricksen lässt.</p> <ol> <li>Gehirne im Gleichtakt: Nicht nur die Gehirne der Zuhörenden synchronisieren untereinander, sondern auch mit dem Gehirn des Erzählenden. Beim Erzählen „überträgt“ sich die Hirnaktivität der erzählenden Person auf die Zuhörenden, deren Gehirne bilden mit kurzer Verzögerung dann dieselben Muster ab<sup>13</sup>. Bricht die Verständigung zusammen, verschwindet diese Kopplung. Praktisch heißt das: klar, lebendig und mit hörbarer Betonung sprechen.</li> <li>Keine Aufzählung: Weil das DMN besonders dann aktiviert wird, wenn neue Informationen mit der bestehenden Handlung verknüpft werden, verstehen wir Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge besonders gut. Fürs Geschichtenerzählen lässt sich daraus ableiten: Mach Ursache und Wirkung deutlich. Ein „deshalb“, „daraufhin“ oder „weil“ verbindet Ereignisse stärker miteinander als ein bloßes „und dann … und dann …“<sup>2</sup>.</li> <li>Spannungsbogen bauen: Steigende Spannung fokussiert die Aufmerksamkeit und verbessert die Erinnerung an das Geschehene<sup>11</sup>. Der klassische Bogen aus Aufbau, Zuspitzung bis zum Höhepunkt und Auflösung nutzt genau diesen Effekt.</li> <li>Plot Twists: Wenn eine Geschichte unsere Erwartung bricht, entsteht ein sogenannter Vorhersagefehler (prediction error). Der Hippocampus (lateinisch für Seepferdchen) signalisiert die Überraschung und macht Erinnerungen formbar: Kleine Überraschungen aktualisieren bestehendes Wissen, große Wendungen legen neue Gedächtnisspuren an<sup>14</sup>. Eine gut gesetzte Wendung bleibt deshalb besonders haften.</li> <li>Nahbare Figuren: Engagement mit den Hauptfiguren synchronisiert Areale für Mentalisieren, Belohnung, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit; sympathische und unsympathische Figuren erzeugen dabei unterschiedliche Synchronisationsmuster<sup>10</sup>. Figuren, mit denen wir stark mitfühlen (oder die wir überhaupt nicht ausstehen können), treiben unser emotionales Engagement mit einer Geschichte an.</li> <li>Sinnliche Sprache: Anschauliche, handlungs- und sinnesreiche Details lösen verkörperte Simulation aus und holen die Zuhörenden körperlich in die Szene<sup>7</sup>.</li> <li>Emotionen vor Fakten: Emotional aufgeladene Geschichten binden großräumige Hirnnetzwerke und verbessern die Erinnerungstreue<sup>9</sup>. Deshalb bleiben Informationen in einer Geschichte verpackt besser in unserem Gedächtnis hängen als eine reine Faktenliste.</li> </ol> <p>Unser Gehirn liebt wahrhaftig Geschichten, sie fesseln unsere Aufmerksamkeit für Stunden (oder sogar Tage bei einem dicken Schmöker), prägen sich fest ins Gedächtnis ein und können sogar das Empfinden von Schmerzen lindern, wie Studien mit Kindern im Krankenhaus zeigten<sup>15</sup>. Nun erzähle deine Geschichte besser!</p> <h4>Bildquellen:</h4> <p><a href="https://www.magnific.com/free-photo/full-shot-teacher-kids-holding-book_10153168.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=29&amp;uuid=f7700cdd-6247-4657-a238-b20de609fc6b&amp;track=ais_hybrid&amp;query=vorlesen" rel="noopener">Titelbild</a></p> <h4>Quellen:</h4> <p>1. Jääskeläinen, I. P., Klucharev, V., Panidi, K. &amp; Shestakova, A. N. Neural Processing of Narratives: From Individual Processing to Viral Propagation. <em>Front Hum Neurosci </em><strong>14</strong>, 253 (2020). </p> <p>2. Song, H., Park, B., Park, H. &amp; Shim, W. M. Cognitive and Neural State Dynamics of Narrative Comprehension. <em>J. Neurosci. </em><strong>41</strong>, 8972–8990 (2021). </p> <p>3. Adezati, E. <em>et al.</em> Situation model manipulations differently engage semantic and default mode networks during narrative comprehension. <em>Cortex </em><strong>200</strong>, 92–115 (2026). </p> <p>4. The Neural Bases of Social Cognition and Story Comprehension. <em>ResearchGate</em> https://doi.org/10.1146/annurev-psych-120709-145406 (2026) doi:10.1146/annurev-psych-120709-145406. </p> <p>5. Miao, Z. <em>et al.</em> Common and distinct neural correlates of social interaction processing and theory of mind in narratives. <em>Nat Commun </em><strong>17</strong>, 4830 (2026). </p> <p>6. Processing of false belief passages during natural story comprehension: An fMRI study. https://doi.org/10.1002/hbm.22907 doi:10.1002/hbm.22907. </p> <p>7. Chow, H. M. <em>et al.</em> Embodied Comprehension of Stories: Interactions between Language Regions and Modality-specific Neural Systems. <em>J Cogn Neurosci </em><strong>26</strong>, 279–295 (2014). </p> <p>8. Chow, H. M. <em>et al.</em> Personal experience with narrated events modulates functional connectivity within visual and motor systems during story comprehension. <em>Human Brain Mapping </em><strong>36</strong>, 1494–1505 (2015). </p> <p>9. Neural signatures of attentional engagement during narratives and its consequences for event memory | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2021905118. </p> <p>10. Ohad, T. &amp; Yeshurun, Y. Neural synchronization as a function of engagement with the narrative. <em>Neuroimage </em><strong>276</strong>, 120215 (2023). </p> <p>11. Bezdek, M. A., Wenzel, W. G. &amp; Schumacher, E. H. The effect of visual and musical suspense on brain activation and memory during naturalistic viewing. <em>Biological Psychology </em><strong>129</strong>, 73–81 (2017). </p> <p>12. Lehne, M. <em>et al.</em> Reading a Suspenseful Literary Text Activates Brain Areas Related to Social Cognition and Predictive Inference. <em>PLoS One </em><strong>10</strong>, e0124550 (2015). </p> <p>13. Speaker–listener neural coupling underlies successful communication | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1008662107. </p> <p>14. Bein, O., Gasser, C., Amer, T., Maril, A. &amp; Davachi, L. Predictions transform memories: How expected versus unexpected events are integrated or separated in memory. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews </em><strong>153</strong>, 105368 (2023). </p> <p>15. Storytelling increases oxytocin and positive emotions and decreases cortisol and pain in hospitalized children | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2018409118.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/full-shot-teacher-kids-holding-book-1024x681.jpg" /><h1>Von Mandelkernen, Seepferdchen und wie wir besser(e) Geschichten erzählen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Magst du eine Geschichte hören?</p> <p>Eine Geschichte über die Menschheit, über unser Gehirn, über Gemeinschaft und Fantasie, übers Schmerzenlindern und fürs Lebenlernen?</p> <p>Dies ist die Geschichte der Geschichten.</p> <p>Es war einmal, vor langer, langer Zeit. Lange vor dem Internet, sogar lange vor Häusern. Vielleicht gar nicht so weit weg von hier lebte eine kleine Gruppe unserer Vorfahren, die sich nach einem anstrengenden Tag bei Einbruch der Dunkelheit im Schutz einer Höhle versammelte. Doch bevor sie sich zum Schlafen legten, begann Oma zu erzählen. Von ihren Abenteuern, von den Gefahren der Wildnis, vielleicht von einem Tier, dem man besser nicht zu nahe kam, oder einem Ort, an dem es Wasser gab. Möglicherweise eine der ersten Geschichten: Warnung für die Kinder, Lehre für die Älteren und Unterhaltung für alle. </p> <p>So oder so ähnlich begannen Menschen, einander Geschichten zu erzählen. Und seitdem geben wir sie von Generation zu Generation weiter. Nichts bewegt uns so sehr und nichts merken wir uns so gut wie eine richtig gute Erzählung. Kurz gesagt: Unser Gehirn liebt Geschichten.<aside></aside></p> <h3>Was passiert im Gehirn beim Hören einer Geschichte?</h3> <p>Geschichten begeistern alle! Schon den kleinsten Kindern erzählen wir Märchen und lesen von Abenteuern und Fantasiewelten vor. Wie komplex der Vorgang des Geschichtenverstehens ist, wird uns auf den ersten Blick gar nicht klar. Das ist aber absolut kein Kinderspiel: Unser Gehirn muss beim Lauschen Gedächtnisinhalte bilden, sich empathisch in die Figuren hineinversetzen, einzelne Ereignisse zu einem zusammenhängenden Handlungsstrang verknüpfen und das Erzählte mit bisherigen Erfahrungen und gelerntem Wissen verknüpfen<sup>1</sup>. Und das über Minuten bis Stunden hinweg!</p> <p>Das schafft nicht ein Areal im Gehirn alleine, sondern ein ganzes Netzwerk an Verarbeitungs- und Integrationsinstanzen muss dafür auf Hochtouren arbeiten.</p> <h4>Das Default-Mode-Netzwerk: Regisseur der Handlung</h4> <p>Das wohl entscheidendste neuronale Netzwerk, um einer komplexen Handlung folgen zu können, ist das Default-Mode-Netzwerk (DMN). Es spielt die Hauptrolle dabei, Geschichtselemente in eine zusammenhängende Handlung einzuordnen<sup>2</sup>. </p> <p>Funktionellen Magnetresonanztomographie-Studien (fMRT), mit denen sich Veränderungen der Hirnaktivität indirekt erfassen lassen, zeigten Verblüffendes: In Momenten, in denen einzelne Ereignisse im größeren Zusammenhang der Handlung verstanden und an die bisherige Geschichte angeknüpft werden, ist das DMN besonders aktiv. Das DMN erschafft ein Situationsmodell – eine geistige Karte der Handlung, der Eigenschaften der Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander sowie von Zeit und Ort des Geschehens – das ständig durch neue Informationen geupdated wird. Besonders angestrengt arbeiten die Gehirnareale des DMN (unter anderem der Gyrus angularis, der Precuneus und der mediale präfrontale Kortex), wenn das Situationsmodell, etwa durch einen Plot Twist, dramatisch umgebaut oder gar ganz verworfen und neu aufgestellt werden muss<sup>3</sup>.</p> <h4>Hineinversetzt: das Mentalisieren-Netzwerk (Theory of Mind)</h4> <p>Wenn wir gebannt mit unserer Lieblingsfigur mitfiebern, versetzen wir uns automatisch in ihren Kopf: Was fühlt sie gerade? Was hat sie vor? Diese Fähigkeit, als Theory of Mind oder Mentalisieren bezeichnet, wird durch ein eigenes neuronales Netzwerk im Gehirn ermöglicht. Das Mentalisieren-Netzwerk besteht aus dem medialen präfrontalen Kortex, der temporoparietalen Junction, dem oberen Schläfensulcus und den Temporalpolen<sup>4</sup>. Besonders faszinierend: Unser Mentalisieren-Netzwerk springt automatisch an, sobald wir soziale Interaktion beobachten – wir müssen uns dafür gar nicht bewusst in die andere Figur hineinversetzen<sup>5</sup>. Die Aktivität dieser Gehirnareale ist deutlich gesteigert, wenn wir bemerken, dass die Figur etwas Falsches glaubt oder eine andere Perspektive einnimmt<sup>6</sup>.</p> <h4>Kopfkino: die verkörperte Simulation im Gehirn</h4> <p>Jeder, der bei einem gruseligen Kapitel selbst Schnappatmung bekommt oder bei einer dramatischen Szene ein paar Tränen verdrückt, erlebt am eigenen Körper, wie sehr wir uns in Geschichten hineinversetzen. Tatsächlich zeigen fMRT-Studien, dass die Handlung im Gehirn gewissermaßen mitsimuliert wird: Beschreibungen von Bewegungen, etwa einer rasanten Verfolgungsjagd, sprechen (prä-)motorische Areale an und emotionale Passagen, etwa ein herzzerreißender Abschied, die emotionsverarbeitenden Hirnregionen<sup>7</sup>. Dabei gilt: Je mehr persönliche Erfahrung wir mit dem Geschilderten haben (hoffentlich keine wilde Verfolgungsjagd, aber vielleicht eine traurige Verabschiedung), desto stärker kann die funktionelle Kopplung zwischen Sprachregionen und den beteiligten sensorischen oder motorischen Systemen ausfallen<sup>8</sup>.</p> <h3>Woran erkennen Neurowissenschaftler:innen eine gute Geschichte?</h3> <p>Natürlich an Messergebnissen in den Gehirnen der Zuhörenden!</p> <p>Das faszinierendste Maß dafür ist die Inter-Subjekt-Korrelation (ISC) und beschreibt, wie stark sich die Hirnaktivität verschiedener Zuhörenden synchronisiert, während sie dieselbe Geschichte hören. Eine hohe ISC zeigt, wie sehr die Geschichte die Zuhörer in ihren Bann zieht und ihnen im Gedächtnis bleibt<sup>1</sup>. Fesselnde Momente treiben die Synchronisation im DMN nach oben und weisen spezifische Aktivitätsmuster im Gehirn auf. Diese Aktivitätsmuster zeigen, wie aufmerksam und involviert wir in der Geschichte sind und sagen voraus, welche Ereignisse wir uns tatsächlich merken<sup>9,10</sup>.</p> <h4>Bessere Geschichte – stärkere neuronale Synchronisation</h4> <p>Was verstärkt die neuronale Synchronisation und ISC?</p> <p><strong>Emotionale Erregung: </strong>Emotional aufwühlende Momente steigern die neuronale Synchronisation bei den Zuhörenden und werden besser erinnert. Emotionale Erregung stärkt dabei die Vernetzung und Zusammenarbeit der großen Hirnnetzwerke und damit die Genauigkeit der Erinnerung<sup>9</sup>.</p> <p><strong>Negative Gefühlstönung:</strong> Inhalte, die wir mit negativen Empfindungen verbinden, erzeugen ebenfalls eine besonders starke Synchronisation der Gehirne. Diese negativ bewerteten Handlungselemente hinterlassen Nachwirkungen in DMN, der Amygdala (dem sogenannten Mandelkern) und sensorischen Arealen<sup>1</sup>.</p> <p><strong>Spannung:</strong> Steigende Spannung verengt den Aufmerksamkeitsfokus. So wird das ventrale Aufmerksamkeitsnetzwerk des Gehirns besonders aktiv, während das DMN zurücktritt<sup>11</sup>. Spannung beruht auf kognitiven Prozessen wie sozialem Denken, Erwartung und Vorhersage<sup>12</sup>.</p> <h3>Wie erzählen wir besser(e) Geschichten?</h3> <p>Welche Elemente ziehen unser Gehirn (und uns) am meisten in den Bann?<br></br>Dazu liefert die Hirnforschung einige erstaunlich konkrete Antworten. Pass auf – jetzt erfährst du, wie dir das nächste Mal deine Freund:innen an den Lippen hängen oder wie du dich durch Storytelling in der Werbung nicht mehr so leicht austricksen lässt.</p> <ol> <li>Gehirne im Gleichtakt: Nicht nur die Gehirne der Zuhörenden synchronisieren untereinander, sondern auch mit dem Gehirn des Erzählenden. Beim Erzählen „überträgt“ sich die Hirnaktivität der erzählenden Person auf die Zuhörenden, deren Gehirne bilden mit kurzer Verzögerung dann dieselben Muster ab<sup>13</sup>. Bricht die Verständigung zusammen, verschwindet diese Kopplung. Praktisch heißt das: klar, lebendig und mit hörbarer Betonung sprechen.</li> <li>Keine Aufzählung: Weil das DMN besonders dann aktiviert wird, wenn neue Informationen mit der bestehenden Handlung verknüpft werden, verstehen wir Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge besonders gut. Fürs Geschichtenerzählen lässt sich daraus ableiten: Mach Ursache und Wirkung deutlich. Ein „deshalb“, „daraufhin“ oder „weil“ verbindet Ereignisse stärker miteinander als ein bloßes „und dann … und dann …“<sup>2</sup>.</li> <li>Spannungsbogen bauen: Steigende Spannung fokussiert die Aufmerksamkeit und verbessert die Erinnerung an das Geschehene<sup>11</sup>. Der klassische Bogen aus Aufbau, Zuspitzung bis zum Höhepunkt und Auflösung nutzt genau diesen Effekt.</li> <li>Plot Twists: Wenn eine Geschichte unsere Erwartung bricht, entsteht ein sogenannter Vorhersagefehler (prediction error). Der Hippocampus (lateinisch für Seepferdchen) signalisiert die Überraschung und macht Erinnerungen formbar: Kleine Überraschungen aktualisieren bestehendes Wissen, große Wendungen legen neue Gedächtnisspuren an<sup>14</sup>. Eine gut gesetzte Wendung bleibt deshalb besonders haften.</li> <li>Nahbare Figuren: Engagement mit den Hauptfiguren synchronisiert Areale für Mentalisieren, Belohnung, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit; sympathische und unsympathische Figuren erzeugen dabei unterschiedliche Synchronisationsmuster<sup>10</sup>. Figuren, mit denen wir stark mitfühlen (oder die wir überhaupt nicht ausstehen können), treiben unser emotionales Engagement mit einer Geschichte an.</li> <li>Sinnliche Sprache: Anschauliche, handlungs- und sinnesreiche Details lösen verkörperte Simulation aus und holen die Zuhörenden körperlich in die Szene<sup>7</sup>.</li> <li>Emotionen vor Fakten: Emotional aufgeladene Geschichten binden großräumige Hirnnetzwerke und verbessern die Erinnerungstreue<sup>9</sup>. Deshalb bleiben Informationen in einer Geschichte verpackt besser in unserem Gedächtnis hängen als eine reine Faktenliste.</li> </ol> <p>Unser Gehirn liebt wahrhaftig Geschichten, sie fesseln unsere Aufmerksamkeit für Stunden (oder sogar Tage bei einem dicken Schmöker), prägen sich fest ins Gedächtnis ein und können sogar das Empfinden von Schmerzen lindern, wie Studien mit Kindern im Krankenhaus zeigten<sup>15</sup>. Nun erzähle deine Geschichte besser!</p> <h4>Bildquellen:</h4> <p><a href="https://www.magnific.com/free-photo/full-shot-teacher-kids-holding-book_10153168.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=29&amp;uuid=f7700cdd-6247-4657-a238-b20de609fc6b&amp;track=ais_hybrid&amp;query=vorlesen" rel="noopener">Titelbild</a></p> <h4>Quellen:</h4> <p>1. Jääskeläinen, I. P., Klucharev, V., Panidi, K. &amp; Shestakova, A. N. Neural Processing of Narratives: From Individual Processing to Viral Propagation. <em>Front Hum Neurosci </em><strong>14</strong>, 253 (2020). </p> <p>2. Song, H., Park, B., Park, H. &amp; Shim, W. M. Cognitive and Neural State Dynamics of Narrative Comprehension. <em>J. Neurosci. </em><strong>41</strong>, 8972–8990 (2021). </p> <p>3. Adezati, E. <em>et al.</em> Situation model manipulations differently engage semantic and default mode networks during narrative comprehension. <em>Cortex </em><strong>200</strong>, 92–115 (2026). </p> <p>4. The Neural Bases of Social Cognition and Story Comprehension. <em>ResearchGate</em> https://doi.org/10.1146/annurev-psych-120709-145406 (2026) doi:10.1146/annurev-psych-120709-145406. </p> <p>5. Miao, Z. <em>et al.</em> Common and distinct neural correlates of social interaction processing and theory of mind in narratives. <em>Nat Commun </em><strong>17</strong>, 4830 (2026). </p> <p>6. Processing of false belief passages during natural story comprehension: An fMRI study. https://doi.org/10.1002/hbm.22907 doi:10.1002/hbm.22907. </p> <p>7. Chow, H. M. <em>et al.</em> Embodied Comprehension of Stories: Interactions between Language Regions and Modality-specific Neural Systems. <em>J Cogn Neurosci </em><strong>26</strong>, 279–295 (2014). </p> <p>8. Chow, H. M. <em>et al.</em> Personal experience with narrated events modulates functional connectivity within visual and motor systems during story comprehension. <em>Human Brain Mapping </em><strong>36</strong>, 1494–1505 (2015). </p> <p>9. Neural signatures of attentional engagement during narratives and its consequences for event memory | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2021905118. </p> <p>10. Ohad, T. &amp; Yeshurun, Y. Neural synchronization as a function of engagement with the narrative. <em>Neuroimage </em><strong>276</strong>, 120215 (2023). </p> <p>11. Bezdek, M. A., Wenzel, W. G. &amp; Schumacher, E. H. The effect of visual and musical suspense on brain activation and memory during naturalistic viewing. <em>Biological Psychology </em><strong>129</strong>, 73–81 (2017). </p> <p>12. Lehne, M. <em>et al.</em> Reading a Suspenseful Literary Text Activates Brain Areas Related to Social Cognition and Predictive Inference. <em>PLoS One </em><strong>10</strong>, e0124550 (2015). </p> <p>13. Speaker–listener neural coupling underlies successful communication | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1008662107. </p> <p>14. Bein, O., Gasser, C., Amer, T., Maril, A. &amp; Davachi, L. Predictions transform memories: How expected versus unexpected events are integrated or separated in memory. <em>Neuroscience &amp; Biobehavioral Reviews </em><strong>153</strong>, 105368 (2023). </p> <p>15. Storytelling increases oxytocin and positive emotions and decreases cortisol and pain in hospitalized children | PNAS. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2018409118.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/geschichten-erzaehlen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Buchtip: „Nicht im Himmel“ von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil, Konstanz & Bundeswehr https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buchtip-nicht-im-himmel-von-rabbiner-avraham-yitzchak-radbil-konstanz-bundeswehr/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buchtip-nicht-im-himmel-von-rabbiner-avraham-yitzchak-radbil-konstanz-bundeswehr/#comments Sun, 23 Aug 2026 14:55:40 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11497 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buchtip-nicht-im-himmel-von-rabbiner-avraham-yitzchak-radbil-konstanz-bundeswehr/</link> </image> <description type="html"><h1>Buchtip: "Nicht im Himmel" von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil, Konstanz & Bundeswehr » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Seitdem ich im Studium <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-22-antisemitismus-auf-amazon-das-werk-von-elie-wiesel/">das großartige <strong><em>„Die Weisheit des Talmud“</em></strong> des Holocaust-Überlebenden und späteren Friedensnobelpreisträgers <strong>Elie Wiesel (1928 – 2016) </strong>gelesen habe</a>, faszinieren mich die unterschiedlichen Denk- und Dialogweisen der Religionen und Weltanschauungen. Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hat-das-judentum-in-deutschland-eine-zukunft/">2012 wurde ich als Religionswissenschaftler mit Schwerpunkt Evolution &amp; Demografie von drei Rabbinern zu einem ersten Schabbaton nach Frankfurt</a> eingeladen.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume spricht vor jüdischen Zuhörerinnen und Zuhörern beim Frankfurter Schabbaton 2012. Anhand einer Power-Point-Präsentation erklärt er gerade die Evolution des Gehirns bei Schimpansen (oben links), Homo erectus (oben rechts), Homo neandertalhensis (unten links) und Homo sapiens (unten rechts)." decoding="async" height="320" src="https://scilogs.spektrum.de/chrono/gallery/12/previews-med/BlumeRabbinerSeminarFrankfurt.jpg" width="480"></img></a></p> <p><em>Beim <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank">„Drei-Rabbiner-Schabbaton“ in Frankfurt 2012 sprach ich über die Evolution von Religion, die Gehirnentwicklung und Demografie</a>. Foto: Schabbaton</em></p> <p>Inzwischen vergeht kaum eine Woche mehr, in dem ich nicht die Freude habe, rabbinische Gelehrte zu sprechen und mich mit ihnen auszutauschen. Mit einigen ist im Laufe der Jahre auch eine Freundschaft erwachsen.</p> <p>Dass es wieder <strong>ein dynamisches und vielfältiges, deutschsprachiges Rabbinertum</strong> geben würde, hätte noch vor wenigen Jahrzehnten kaum jemand für möglich gehalten . Und jene Rabbinerinnen und Rabbiner, die sich mutig in die Öffentlichkeit begeben, müssen sich dazu auch einiges aus den verschiedenen Öffentlichkeiten anhören.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2024-01-31-Blume_ORDMitgliederversammlung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nelly Pushkin, Prof.in Barbara Traub und Dr. Michael Blume inmitten der rabbinischen Mitglieder der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) am 31. Januar 2024 im jüdischen Gemeindezentrum Stuttgart." decoding="async" height="724" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2024-01-31-mitgliederversammlung-stuttgart-II-1024x724.jpeg" width="1024"></img></a></p> <p><em>Es war mir eine Ehre, bei der Mitgliederversammlung der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD) am 31. Januar 2024 im jüdischen Gemeindezentrum Stuttgart zu sprechen &amp; mit den Gelehrten zu dialogisieren. Foto: ORD</em></p> <p>Längst war interreligiös &amp; interdisziplinär klargeworden, <strong>dass die vokalarmen und also linksläufigen Alphabete des Semitismus (Judentum, Islam) und die vokalisierten und also rechtsläufigen Alphabete des Japhetismus (Christentum, Sikhtum) medienpsychologisch enorme, religiöse Auswirkungen </strong>haben. Von diesen seien hier mal nur genannt:</p> <ul> <li>Weil <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gehirn-und-alphabete-die-linkesche-these/">die rechte Gehirnhälfte fehlende Vokale assoziiert (Linkesche These)</a>: In den semitischen Alphabeten entsteht ein bilderarmer Monotheismus, in den japhetistischen Alphabeten ein bilderreicher Henotheismus.</li> <li>Weil die semitischen Alphabete mit je verschiedenen Vokalen ausgelesen können, entsteht ein Netz aus Bedeutungen, besonders gut geeignet für Mythologie, Poesie und Religion.</li> <li>Weil die japhetitischen Alphabete vollvokalisiert sind, entstehen sehr klare Definitionen, besonders gut geeignet für Philosophien und Wissenschaften.</li> </ul> <p>Dazu hatte ich schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/" rel="noopener" target="_blank">im Podcast Verschwörungsfragen Folge 70 ein kurzes Zitat von <strong>Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948 – 2020)</strong></a> eingebaut, möchte jedoch heute auch ein ganz besonderes Buch in deutscher Sprache empfehlen:</p> <p><a href="https://www.amazon.de/Nicht-Himmel-Erkl%C3%A4rungen-Wochenabschnitten-Tora/dp/B0GYRY95C9" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Buch &quot;Nicht im Himmel - Kommentare zu den Wochenabschnitten&quot; von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil, gehalten von Dr. Michael Blume&#xA;" decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Rabbinisches, modern-orthodoxes Denken wieder auf Deutsch: <strong>„Nicht im Himmel – Kommentare zu den Wochenabschnitten“ von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil</strong>, <a href="https://www.amazon.de/Nicht-Himmel-Erkl%C3%A4rungen-Wochenabschnitten-Tora/dp/B0GYRY95C9" rel="noopener" target="_blank">Amazon PoD 2026</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Auf <a href="https://de.linkedin.com/posts/avraham-radbil-2012878a_nicht-im-himmel-erkl%C3%A4rungen-zu-den-wochenabschnitten-activity-7455916309185441792-JhUS" rel="noopener" target="_blank">Linkedin schrieb der Autor</a> dazu:</p> <p><em>Dieses Buch ist über viele Jahre hinweg entstanden – aus Gesprächen, Unterricht, Draschot, Begegnungen und den Fragen des täglichen Lebens. Es enthält Kommentare zu den Wochenabschnitten der Tora, die klassische jüdische Quellen mit den Herausforderungen unserer Zeit verbinden. Im Mittelpunkt steht eine einfache, aber tiefgehende Botschaft: Die Tora ist nicht fern – sie ist uns gegeben, hier und jetzt. Ich hoffe, dass die Gedanken in diesem Buch euch inspirieren, begleiten und vielleicht auch neue Perspektiven eröffnen. Ein besonderer Dank gilt <strong>Patrick Merk</strong>, der an der Entstehung des Buches maßgeblich mitgewirkt hat. Ich freue mich sehr über euer Feedback und wünsche euch eine anregende Lektüre!</em></p> <p>Das Buch enthält rabbinische Diskussionen und Auslegungen zu Texten der fünf Mosesbücher, die jeweils im Synagogen-Gottesdienst in Hebräisch gelesen und in der Landessprache ausgelegt werden.</p> <p>Der Titel ist dabei, wie es gute rabbinische Praxis ist, einer Formulierung der Tora (den ersten fünf Moses-Büchern der Bibel) enthalten, in denen es in <em><strong>Dewarim</strong></em> (griech. <em><strong>Deuteronomium</strong></em>, <em><strong>5. Buch Mosche</strong></em>), Kapitel 30, Vers 12 heißt:</p> <p><em><sup>11.</sup> Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht fern.</em><p><em><sup>12.</sup> <strong>Es ist nicht im Himmel</strong>, dass du sagest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns, und macht es uns kund, dass wir es tun.</em><em><sup>13.</sup> Und es ist nicht jenseits des Meeres, dass du sagest: Wer reist für uns jenseits des Meeres hin und holt es uns, und macht es uns kund, dass wir es tun.</em><em><sup>14.</sup> Sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.</em><em><sup>15.</sup> Siehe, ich lege dir heute vor das Leben und das Gute, auch den Tod und das Böse.</em></p></p> <p>Im Hinblick auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-talmud-auf-deutsch-online-bringen-interview-mit-chaijm-guski-von-talmud-de/" rel="noopener" target="_blank">den Talmud – die frühe und wegweisende, dialogische Auslegung der biblischen Texte</a> – verweist das Zitat <strong><em>„Nicht im Himmel“</em></strong> jedoch <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/der-streit-um-den-schlangenofen/" rel="noopener" target="_blank">auch auf Baba Mezia 59b, die berühmte <strong>„Geschichte vom Schlangenofen“</strong>, hier geschildert durch den meinerseits sehr geschätzten <strong>Rabbiner Jehoschua Ahrens</strong>.</a></p> <p>Demnach hätten frühe Rabbiner über die rituelle Reinheit eines transportablen Backofens aus Lehmziegeln diskutiert und der legendäre <strong>Rabbi Elieser</strong> habe zur Unterstützung seiner Meinung sogar auf Wunder zurückgegriffen:</p> <p><em>Nachdem keines seiner Argumente die gewünschte Wirkung zeigt, versucht er es mit Wundern: »Wenn die Halacha meiner Meinung entspricht, so mag das dieser Johannisbrotbaum beweisen!« Da rückte der Baum 100 Ellen von seinem Ort fort.</em></p> <p><em>Als seine Kollegen immer noch nicht überzeugt waren, versuchte es Rabbi Elieser mit einem Wasserarm, der seine Laufrichtung änderte. Doch die Kollegen blieben bei ihrer Meinung. Da veranlasste Rabbi Elieser die Wände des Lehrhauses, sich zu neigen. Doch jedes Mal sagen die Rabbiner, dies sei kein Beweis. Da erklingt plötzlich eine Stimme aus dem Himmel: »Was habt ihr gegen Rabbi Elieser? Die Halacha ist stets wie er.«</em></p> <p><em>Da stand <strong>Rabbi Jehoschua</strong> auf und sprach: <strong>»Die Tora ist nicht im Himmel« (5. Buch Mose 30,12). Der Talmud fragt: »Was heißt: Sie ist nicht im Himmel?« Rabbi Jirmeja erwiderte: »Die Tora ist bereits vom Berg Sinai herabgegeben worden. Wir achten nicht auf die Hallstimme, denn bereits am Berg Sinai hast Du in die Tora geschrieben: ›Man muss sich nach der Mehrheit richten‹«</strong> (2. Buch Mose 23,2). Damit wurde nicht nur Rabbi Elieser, sondern auch G’tt von den anderen Rabbinern einfach überstimmt.</em></p> <p>Das Ganze mag zunächst nur nach einer netten Fabel klingen, hat aber eine buchstäblich gewaltige Nachwirkung: <strong>G’tt selbst bekennt sich zur Gewaltenteilung und wird von einem absoluten zu einem konstitutionellen Herrscher!</strong></p> <p>Entsprechend <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/der-streit-um-den-schlangenofen/" rel="noopener" target="_blank">bemerkte <strong>Rabbi Jehoschua Ahrens</strong> auch</a>:</p> <p><em>Es heißt im Talmud, dass <strong>Rabbi Nathan</strong> den <strong>Propheten Elijahu</strong> traf und ihn nach der Reaktion G’ttes fragte.</em></p> <p><em>Jener erwiderte: »Er schmunzelte und sprach: ›Meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.‹« </em></p> <p><em>Offensichtlich freut sich G’tt darüber, dass die Menschen ihn mit den Mitteln geschlagen haben, die Er ihnen selbst gegeben hat. G’tt versteht, dass die Menschen nun die Verantwortung für die Tora übernommen haben und als selbstständige, intelligente, aber eben auch kritische, Partner G’ttes am Schöpfungswerk aktiv teilhaben. Der Mensch soll nicht einfältig und von G’tt abhängig sein. <strong>Die Tora ist nun nicht mehr im Himmel, sondern sie ist in der Hand der Menschen, und die müssen sie nun verstehen und interpretieren.</strong></em></p> <p>Dass es heute also wieder neue, jüdisch-rabbinische Bücher in deutscher Sprache wie <strong><em>„Nicht im Himmel“</em></strong> von Rabbi Radbil gibt, ist daher aus meiner Sicht auch keine Kleinigkeit, sondern ein echter Grund zur Freude! Das aschkenasische Judentum befindet sich gerade auch in Süddeutschland wieder in einem lebendigen Dialog mit dem Leben der jüdischen Gemeinschaften und der Gesamt-Gesellschaft einschließlich der nicht- und nachjüdischen Religionen. Es ist mir eine Freude und Ehre, an diesem Gespräch teilzuhaben.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Bei einer Tagung der Bundeswehr in der katholischen Akademie München am 10. März 2026 beantworteten Rabbiner Avraham Radbil (Links), Dr. Michael Blume (Mitte) und Dr. Astrid Schilling (Rechts) auf drei roten Sesseln zahlreiche Fragen der Offizierinnen und Offiziere." decoding="async" height="1920" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2573-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Zwischen dem Konstanzer Gemeinde- und Bundeswehr-Rabbiner <strong>Avraham Radbil</strong> (links) und <strong>Dr. Astrid Schilling</strong> (rechts) am 10. März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Ich kann also nur allen am Judentum Interessierten empfehlen, mit <em><strong>„Nicht im Himmel“</strong></em> einige Einblicke ins deutschsprachige Juden- und Rabbinertum des 21. Jahrhunderts zu gewinnen und sich auf den Dialog der großen Traditionen einzulassen.</p> <p>Und hier hat mich <a href="https://www.youtube.com/shorts/e1zkaMYrBks" rel="noopener" target="_blank">der Ulmer Gemeinde- und Polizeirabbiner <strong>Shneur Trebnik</strong> einmal in 60 Sekunden zu Wortassoziationen schnell-interviewt</a>. Viel Freude allen, die sich für Dialog bewegen lassen. 🙂</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/e1zkaMYrBks?feature=oembed&amp;rel=0" title="G´tt, Liebe, Zukunft: 60 Sekunden Wortassoziationen mit Rabbiner Trebnik und Dr. Blume" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Buchtip: "Nicht im Himmel" von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil, Konstanz & Bundeswehr » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Seitdem ich im Studium <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-22-antisemitismus-auf-amazon-das-werk-von-elie-wiesel/">das großartige <strong><em>„Die Weisheit des Talmud“</em></strong> des Holocaust-Überlebenden und späteren Friedensnobelpreisträgers <strong>Elie Wiesel (1928 – 2016) </strong>gelesen habe</a>, faszinieren mich die unterschiedlichen Denk- und Dialogweisen der Religionen und Weltanschauungen. Schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hat-das-judentum-in-deutschland-eine-zukunft/">2012 wurde ich als Religionswissenschaftler mit Schwerpunkt Evolution &amp; Demografie von drei Rabbinern zu einem ersten Schabbaton nach Frankfurt</a> eingeladen.</p> <p><a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume spricht vor jüdischen Zuhörerinnen und Zuhörern beim Frankfurter Schabbaton 2012. Anhand einer Power-Point-Präsentation erklärt er gerade die Evolution des Gehirns bei Schimpansen (oben links), Homo erectus (oben rechts), Homo neandertalhensis (unten links) und Homo sapiens (unten rechts)." decoding="async" height="320" src="https://scilogs.spektrum.de/chrono/gallery/12/previews-med/BlumeRabbinerSeminarFrankfurt.jpg" width="480"></img></a></p> <p><em>Beim <a href="https://www.spektrum.de/magazin/homo-religiosus/982255" rel="noopener" target="_blank">„Drei-Rabbiner-Schabbaton“ in Frankfurt 2012 sprach ich über die Evolution von Religion, die Gehirnentwicklung und Demografie</a>. Foto: Schabbaton</em></p> <p>Inzwischen vergeht kaum eine Woche mehr, in dem ich nicht die Freude habe, rabbinische Gelehrte zu sprechen und mich mit ihnen auszutauschen. Mit einigen ist im Laufe der Jahre auch eine Freundschaft erwachsen.</p> <p>Dass es wieder <strong>ein dynamisches und vielfältiges, deutschsprachiges Rabbinertum</strong> geben würde, hätte noch vor wenigen Jahrzehnten kaum jemand für möglich gehalten . Und jene Rabbinerinnen und Rabbiner, die sich mutig in die Öffentlichkeit begeben, müssen sich dazu auch einiges aus den verschiedenen Öffentlichkeiten anhören.<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2024-01-31-Blume_ORDMitgliederversammlung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nelly Pushkin, Prof.in Barbara Traub und Dr. Michael Blume inmitten der rabbinischen Mitglieder der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) am 31. Januar 2024 im jüdischen Gemeindezentrum Stuttgart." decoding="async" height="724" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2024-01-31-mitgliederversammlung-stuttgart-II-1024x724.jpeg" width="1024"></img></a></p> <p><em>Es war mir eine Ehre, bei der Mitgliederversammlung der Orthodoxen Rabbinerkonferenz (ORD) am 31. Januar 2024 im jüdischen Gemeindezentrum Stuttgart zu sprechen &amp; mit den Gelehrten zu dialogisieren. Foto: ORD</em></p> <p>Längst war interreligiös &amp; interdisziplinär klargeworden, <strong>dass die vokalarmen und also linksläufigen Alphabete des Semitismus (Judentum, Islam) und die vokalisierten und also rechtsläufigen Alphabete des Japhetismus (Christentum, Sikhtum) medienpsychologisch enorme, religiöse Auswirkungen </strong>haben. Von diesen seien hier mal nur genannt:</p> <ul> <li>Weil <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gehirn-und-alphabete-die-linkesche-these/">die rechte Gehirnhälfte fehlende Vokale assoziiert (Linkesche These)</a>: In den semitischen Alphabeten entsteht ein bilderarmer Monotheismus, in den japhetistischen Alphabeten ein bilderreicher Henotheismus.</li> <li>Weil die semitischen Alphabete mit je verschiedenen Vokalen ausgelesen können, entsteht ein Netz aus Bedeutungen, besonders gut geeignet für Mythologie, Poesie und Religion.</li> <li>Weil die japhetitischen Alphabete vollvokalisiert sind, entstehen sehr klare Definitionen, besonders gut geeignet für Philosophien und Wissenschaften.</li> </ul> <p>Dazu hatte ich schon <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/" rel="noopener" target="_blank">im Podcast Verschwörungsfragen Folge 70 ein kurzes Zitat von <strong>Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948 – 2020)</strong></a> eingebaut, möchte jedoch heute auch ein ganz besonderes Buch in deutscher Sprache empfehlen:</p> <p><a href="https://www.amazon.de/Nicht-Himmel-Erkl%C3%A4rungen-Wochenabschnitten-Tora/dp/B0GYRY95C9" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Buch &quot;Nicht im Himmel - Kommentare zu den Wochenabschnitten&quot; von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil, gehalten von Dr. Michael Blume&#xA;" decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2192-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Rabbinisches, modern-orthodoxes Denken wieder auf Deutsch: <strong>„Nicht im Himmel – Kommentare zu den Wochenabschnitten“ von Rabbiner Avraham Yitzchak Radbil</strong>, <a href="https://www.amazon.de/Nicht-Himmel-Erkl%C3%A4rungen-Wochenabschnitten-Tora/dp/B0GYRY95C9" rel="noopener" target="_blank">Amazon PoD 2026</a>. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Auf <a href="https://de.linkedin.com/posts/avraham-radbil-2012878a_nicht-im-himmel-erkl%C3%A4rungen-zu-den-wochenabschnitten-activity-7455916309185441792-JhUS" rel="noopener" target="_blank">Linkedin schrieb der Autor</a> dazu:</p> <p><em>Dieses Buch ist über viele Jahre hinweg entstanden – aus Gesprächen, Unterricht, Draschot, Begegnungen und den Fragen des täglichen Lebens. Es enthält Kommentare zu den Wochenabschnitten der Tora, die klassische jüdische Quellen mit den Herausforderungen unserer Zeit verbinden. Im Mittelpunkt steht eine einfache, aber tiefgehende Botschaft: Die Tora ist nicht fern – sie ist uns gegeben, hier und jetzt. Ich hoffe, dass die Gedanken in diesem Buch euch inspirieren, begleiten und vielleicht auch neue Perspektiven eröffnen. Ein besonderer Dank gilt <strong>Patrick Merk</strong>, der an der Entstehung des Buches maßgeblich mitgewirkt hat. Ich freue mich sehr über euer Feedback und wünsche euch eine anregende Lektüre!</em></p> <p>Das Buch enthält rabbinische Diskussionen und Auslegungen zu Texten der fünf Mosesbücher, die jeweils im Synagogen-Gottesdienst in Hebräisch gelesen und in der Landessprache ausgelegt werden.</p> <p>Der Titel ist dabei, wie es gute rabbinische Praxis ist, einer Formulierung der Tora (den ersten fünf Moses-Büchern der Bibel) enthalten, in denen es in <em><strong>Dewarim</strong></em> (griech. <em><strong>Deuteronomium</strong></em>, <em><strong>5. Buch Mosche</strong></em>), Kapitel 30, Vers 12 heißt:</p> <p><em><sup>11.</sup> Denn dies Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht verborgen und ist nicht fern.</em><p><em><sup>12.</sup> <strong>Es ist nicht im Himmel</strong>, dass du sagest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf und holt es uns, und macht es uns kund, dass wir es tun.</em><em><sup>13.</sup> Und es ist nicht jenseits des Meeres, dass du sagest: Wer reist für uns jenseits des Meeres hin und holt es uns, und macht es uns kund, dass wir es tun.</em><em><sup>14.</sup> Sondern sehr nahe ist dir die Sache, in deinem Mund und in deinem Herzen, es zu tun.</em><em><sup>15.</sup> Siehe, ich lege dir heute vor das Leben und das Gute, auch den Tod und das Böse.</em></p></p> <p>Im Hinblick auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/den-talmud-auf-deutsch-online-bringen-interview-mit-chaijm-guski-von-talmud-de/" rel="noopener" target="_blank">den Talmud – die frühe und wegweisende, dialogische Auslegung der biblischen Texte</a> – verweist das Zitat <strong><em>„Nicht im Himmel“</em></strong> jedoch <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/der-streit-um-den-schlangenofen/" rel="noopener" target="_blank">auch auf Baba Mezia 59b, die berühmte <strong>„Geschichte vom Schlangenofen“</strong>, hier geschildert durch den meinerseits sehr geschätzten <strong>Rabbiner Jehoschua Ahrens</strong>.</a></p> <p>Demnach hätten frühe Rabbiner über die rituelle Reinheit eines transportablen Backofens aus Lehmziegeln diskutiert und der legendäre <strong>Rabbi Elieser</strong> habe zur Unterstützung seiner Meinung sogar auf Wunder zurückgegriffen:</p> <p><em>Nachdem keines seiner Argumente die gewünschte Wirkung zeigt, versucht er es mit Wundern: »Wenn die Halacha meiner Meinung entspricht, so mag das dieser Johannisbrotbaum beweisen!« Da rückte der Baum 100 Ellen von seinem Ort fort.</em></p> <p><em>Als seine Kollegen immer noch nicht überzeugt waren, versuchte es Rabbi Elieser mit einem Wasserarm, der seine Laufrichtung änderte. Doch die Kollegen blieben bei ihrer Meinung. Da veranlasste Rabbi Elieser die Wände des Lehrhauses, sich zu neigen. Doch jedes Mal sagen die Rabbiner, dies sei kein Beweis. Da erklingt plötzlich eine Stimme aus dem Himmel: »Was habt ihr gegen Rabbi Elieser? Die Halacha ist stets wie er.«</em></p> <p><em>Da stand <strong>Rabbi Jehoschua</strong> auf und sprach: <strong>»Die Tora ist nicht im Himmel« (5. Buch Mose 30,12). Der Talmud fragt: »Was heißt: Sie ist nicht im Himmel?« Rabbi Jirmeja erwiderte: »Die Tora ist bereits vom Berg Sinai herabgegeben worden. Wir achten nicht auf die Hallstimme, denn bereits am Berg Sinai hast Du in die Tora geschrieben: ›Man muss sich nach der Mehrheit richten‹«</strong> (2. Buch Mose 23,2). Damit wurde nicht nur Rabbi Elieser, sondern auch G’tt von den anderen Rabbinern einfach überstimmt.</em></p> <p>Das Ganze mag zunächst nur nach einer netten Fabel klingen, hat aber eine buchstäblich gewaltige Nachwirkung: <strong>G’tt selbst bekennt sich zur Gewaltenteilung und wird von einem absoluten zu einem konstitutionellen Herrscher!</strong></p> <p>Entsprechend <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/religion/der-streit-um-den-schlangenofen/" rel="noopener" target="_blank">bemerkte <strong>Rabbi Jehoschua Ahrens</strong> auch</a>:</p> <p><em>Es heißt im Talmud, dass <strong>Rabbi Nathan</strong> den <strong>Propheten Elijahu</strong> traf und ihn nach der Reaktion G’ttes fragte.</em></p> <p><em>Jener erwiderte: »Er schmunzelte und sprach: ›Meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.‹« </em></p> <p><em>Offensichtlich freut sich G’tt darüber, dass die Menschen ihn mit den Mitteln geschlagen haben, die Er ihnen selbst gegeben hat. G’tt versteht, dass die Menschen nun die Verantwortung für die Tora übernommen haben und als selbstständige, intelligente, aber eben auch kritische, Partner G’ttes am Schöpfungswerk aktiv teilhaben. Der Mensch soll nicht einfältig und von G’tt abhängig sein. <strong>Die Tora ist nun nicht mehr im Himmel, sondern sie ist in der Hand der Menschen, und die müssen sie nun verstehen und interpretieren.</strong></em></p> <p>Dass es heute also wieder neue, jüdisch-rabbinische Bücher in deutscher Sprache wie <strong><em>„Nicht im Himmel“</em></strong> von Rabbi Radbil gibt, ist daher aus meiner Sicht auch keine Kleinigkeit, sondern ein echter Grund zur Freude! Das aschkenasische Judentum befindet sich gerade auch in Süddeutschland wieder in einem lebendigen Dialog mit dem Leben der jüdischen Gemeinschaften und der Gesamt-Gesellschaft einschließlich der nicht- und nachjüdischen Religionen. Es ist mir eine Freude und Ehre, an diesem Gespräch teilzuhaben.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-oder-dualismus-die-wahrheitsfrage-als-charaktertest-und-schicksalsfrage/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Bei einer Tagung der Bundeswehr in der katholischen Akademie München am 10. 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März 2026 vor Offizierinnen und Offizieren der Bundeswehr in München. Foto: Katholische Akademie in Bayern</em></p> <p>Ich kann also nur allen am Judentum Interessierten empfehlen, mit <em><strong>„Nicht im Himmel“</strong></em> einige Einblicke ins deutschsprachige Juden- und Rabbinertum des 21. Jahrhunderts zu gewinnen und sich auf den Dialog der großen Traditionen einzulassen.</p> <p>Und hier hat mich <a href="https://www.youtube.com/shorts/e1zkaMYrBks" rel="noopener" target="_blank">der Ulmer Gemeinde- und Polizeirabbiner <strong>Shneur Trebnik</strong> einmal in 60 Sekunden zu Wortassoziationen schnell-interviewt</a>. Viel Freude allen, die sich für Dialog bewegen lassen. 🙂</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/e1zkaMYrBks?feature=oembed&amp;rel=0" title="G´tt, Liebe, Zukunft: 60 Sekunden Wortassoziationen mit Rabbiner Trebnik und Dr. Blume" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/buchtip-nicht-im-himmel-von-rabbiner-avraham-yitzchak-radbil-konstanz-bundeswehr/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>32</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Kosmische Spuren in uralten Bäumen – was sind Miyake-Ereignisse? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-kosmische-spuren-in-uralten-baeumen-was-sind-miyake-ereignisse/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-kosmische-spuren-in-uralten-baeumen-was-sind-miyake-ereignisse/#comments Sun, 23 Aug 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1949 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/logo-1-768x768.jpg Baumringe in Nahaufnahme https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-kosmische-spuren-in-uralten-baeumen-was-sind-miyake-ereignisse/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/logo-1.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Kosmische Spuren in uralten Bäumen - was sind Miyake-Ereignisse? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-23T06:00:00+02:00">23. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 4 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag144-miyake.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a></p> <p>Irgendwann zu Beginn der 2010er Jahre steht die Doktorandin Fusa Miyake zum ersten Mal vor einer sehr alten Baumscheibe. Es ist eine Scheibe aus dem Stamm einer Japanischen Zeder, die 2000 Jahre lang auf der Insel Yakushima im Süden Japans gewachsen war. Die Aufgabe der jungen Physikerin: Sie soll die einzelnen Wachstumsringe des Baumes untersuchen, um mehr über die Sonnenaktivität im achten Jahrhundert herauszufinden, die dort chemische Spuren hinterlassen hat.</p> <p>In gewisser Weise erreicht Miyake wenige Jahre später ihr Ziel, allerdings deutlich spektakulärer als sie oder ihr Doktorvater das erwartetet hatten. Zum Ende ihrer Doktorarbeit publiziert sie eine Studie im renommierten Magazin „Nature“ und berichtet: Der Gehalt an Kohlenstoff-14 war im achten Jahrhundert Jahr für Jahr unauffällig, stieg aber plötzlich innerhalb nur eines Jahres an. Im Jahr 774 muss die Menge des radioaktiven Nuklids in der Atmosphäre ganz plötzlich stark zugenommen haben. Warum – das ist damals noch völlig unklar.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von einem rätselhaften Phänomen, das wenig später den Namen der japanischen Physikerin erhält. Miyake-Ereignisse beschäftigten schon bald Astrophysiker weltweit, als klar wurde: Es handelt sich um ein global nachweisbares Phänomen, in uralten Bäumen genauso wie im Gletschereis der Antarktis. Dessen Ursprung liegt höchstwahrscheinlich nicht auf der Erde.</p> <p>Hinzu kommt: Es blieb nicht bei einem einzelnen Ereignis im Jahr 774. Bis heute fanden Forschende rund neun derartige Ereignisse aus den letzten 14.000 Jahren, sieben gelten als sicher. Nur in unserer modernen Welt fehlt jegliche Erinnerung daran. Denn das letzte Miyake-Ereignis fand man in Baumringen aus dem Jahr 993.</p> <p>Was den Zustrom der radioaktiven Nuklide ausgelöst hatte, ist lange unklar. Im Gespräch sind Supernova-Explosionen oder sogar exotische Gammablitze irgendwo in der Nachbarschaft des Planetensystems. Schon bald rückt auch die Sonne in den Fokus der Forschung. Was auch immer die Ursache war: Die Spuren der Miyake-Ereignisse haben bereits etliche Disziplinen beeinflusst. Dank ihnen gelang es, die Radiokarbonmethode zur Altersdatierung deutlich zu verbessern. Vereinzelt konnten sogar Jahrtausende zurückliegende Ereignisse aus der Geschichte aufs Jahr genau datiert werden.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 77: <a href="https://astrogeo.de/asteroseismologie-schwingende-sterne-und-innere-geheimnisse/" rel="noopener">Asteroseismologie: Schwingende Sterne und innere Geheimnisse</a></li> <li>Folge 79: <a href="https://astrogeo.de/fehlende-neutrinos-als-die-sonne-kaputt-war/" rel="noopener">Fehlende Neutrinos: Als die Sonne kaputt war</a></li> <li>Folge 101: <a href="https://astrogeo.de/toedliche-sterne-wenn-explosionen-ein-massensterben-ausloesen/" rel="noopener">Tödliche Sterne: Wenn Explosionen ein Massensterben auslösen</a></li> <li>Folge 141: <a href="https://astrogeo.de/fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/" rel="noopener">Fingerabdruck der Sonne: Wie Helium entdeckt wurde</a></li> </ul> <h3>Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yakushima" rel="noopener">Yakushima</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sicheltanne" rel="noopener">Japanische Zeder / Sicheltanne</a></li> <li>WP: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fusa_Miyake" rel="noopener">Fusa Miyake</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Miyake-Ereignis" rel="noopener">Miyake-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Solar_particle_event" rel="noopener">Solar Proton Event</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Supernova" rel="noopener">Supernova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz" rel="noopener">Gammastrahlenausbruch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dendrochronologie" rel="noopener">Dendrochronologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Radiokarbonmethode" rel="noopener">Radiokarbonmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenaktivit%C3%A4t" rel="noopener">Sonnenaktivität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carrington-Ereignis" rel="noopener">Carrington-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/EK_Draconis" rel="noopener">EK Draconis</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sonnensturm-der-unberechenbare-stern-100.html" rel="noopener">Sonnen-Ausbruch – Der unberechenbare Stern (Sendung von Karl)</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="http://www.nature.com/doifinder/10.1038/nature11123" rel="noopener">Miyake et al.: A signature of cosmic-ray increase in AD 774–775 from tree rings in Japan</a>, Nature (2012)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://dx.doi.org/10.1038/ncomms2783" rel="noopener">Miyake et al.: Another rapid event in the carbon-14 content of tree rings</a>, Nature Communications (2013)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://dx.doi.org/10.1002/2012JA018320" rel="noopener">Miyake et al.: Lengths of Schwabe cycles in the seventh and eighth centuries indicated by precise measurement of carbon-14 content in tree rings</a>, Journal of Geophysical Research: Space Physics (2013)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1098/rspa.2016.0263" rel="noopener">Dee &amp; Pope: Anchoring historical sequences using a new source of astrochronological tie-points</a>, Isotope Research (2016)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1130/G39269.1" rel="noopener">Büntgen et al.: Multi-proxy dating of Iceland’s major pre-settlement Katla eruption to 822/3 CE</a>, Geology (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1613144114" rel="noopener">Miyake et al.: Large 14C excursion in 5480 BC indicates an abnormal sun in the mid-Holocene</a>, PNAS (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://dx.doi.org/10.1126/sciadv.aar8241" rel="noopener">Pearson et al.: Annual radiocarbon record indicates 16th century BCE date for the Thera eruption</a>, Science Advances (2018)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-021-03972-8" rel="noopener">Kuitems et al.: Evidence for European presence in the Americas in ad 1021</a>, Nature (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41550-021-01532-8" rel="noopener">Namekata et al.: Probable detection of an eruptive filament from a superflare on a solar-type star</a>, Nature Astronomy (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1007/s41116-022-00033-8" rel="noopener">Cliver et al.: Extreme solar events</a>, Living Reviews in Solar Physics (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1007/s11214-023-01018-1" rel="noopener">Usoskin et al.: Extreme Solar Events: Setting up a Paradigm</a>, Space Science Reviews (2023)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-024-48402-1" rel="noopener">Maczkowski et al.: Absolute dating of the European Neolithic using the 5259 BC rapid 14C excursion</a>, Nature Communications, 2024</li> <li>Fachartikel: <a href="http://science.org/doi/10.1126/science.adl5441" rel="noopener">Vasilyev et al.: Sun-like stars produce superflares roughly once per century</a>, Science (2024)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1016/j.epsl.2025.119383" rel="noopener">Golumbenko et al.: New SOCOL:14C-Ex model reveals that the Late-Glacial radiocarbon spike in 12350 BC was caused by the record-strong extreme solar storm</a>, Earth Planet (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41550-025-02691-8" rel="noopener">Namekata et al.: Discovery of multi-temperature coronal mass ejection signatures from a young solar analogue</a>, Nature Astronomy (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: </em><a href="https://unsplash.com/@gabrielj_photography" rel="noopener"><em>CC0 Gabriel Jimenez / Unsplash</em></a></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/logo-1.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Kosmische Spuren in uralten Bäumen - was sind Miyake-Ereignisse? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-23T06:00:00+02:00">23. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 4 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag144-miyake.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a></p> <p>Irgendwann zu Beginn der 2010er Jahre steht die Doktorandin Fusa Miyake zum ersten Mal vor einer sehr alten Baumscheibe. Es ist eine Scheibe aus dem Stamm einer Japanischen Zeder, die 2000 Jahre lang auf der Insel Yakushima im Süden Japans gewachsen war. Die Aufgabe der jungen Physikerin: Sie soll die einzelnen Wachstumsringe des Baumes untersuchen, um mehr über die Sonnenaktivität im achten Jahrhundert herauszufinden, die dort chemische Spuren hinterlassen hat.</p> <p>In gewisser Weise erreicht Miyake wenige Jahre später ihr Ziel, allerdings deutlich spektakulärer als sie oder ihr Doktorvater das erwartetet hatten. Zum Ende ihrer Doktorarbeit publiziert sie eine Studie im renommierten Magazin „Nature“ und berichtet: Der Gehalt an Kohlenstoff-14 war im achten Jahrhundert Jahr für Jahr unauffällig, stieg aber plötzlich innerhalb nur eines Jahres an. Im Jahr 774 muss die Menge des radioaktiven Nuklids in der Atmosphäre ganz plötzlich stark zugenommen haben. Warum – das ist damals noch völlig unklar.<aside></aside></p> <p>Karl erzählt in dieser Folge von einem rätselhaften Phänomen, das wenig später den Namen der japanischen Physikerin erhält. Miyake-Ereignisse beschäftigten schon bald Astrophysiker weltweit, als klar wurde: Es handelt sich um ein global nachweisbares Phänomen, in uralten Bäumen genauso wie im Gletschereis der Antarktis. Dessen Ursprung liegt höchstwahrscheinlich nicht auf der Erde.</p> <p>Hinzu kommt: Es blieb nicht bei einem einzelnen Ereignis im Jahr 774. Bis heute fanden Forschende rund neun derartige Ereignisse aus den letzten 14.000 Jahren, sieben gelten als sicher. Nur in unserer modernen Welt fehlt jegliche Erinnerung daran. Denn das letzte Miyake-Ereignis fand man in Baumringen aus dem Jahr 993.</p> <p>Was den Zustrom der radioaktiven Nuklide ausgelöst hatte, ist lange unklar. Im Gespräch sind Supernova-Explosionen oder sogar exotische Gammablitze irgendwo in der Nachbarschaft des Planetensystems. Schon bald rückt auch die Sonne in den Fokus der Forschung. Was auch immer die Ursache war: Die Spuren der Miyake-Ereignisse haben bereits etliche Disziplinen beeinflusst. Dank ihnen gelang es, die Radiokarbonmethode zur Altersdatierung deutlich zu verbessern. Vereinzelt konnten sogar Jahrtausende zurückliegende Ereignisse aus der Geschichte aufs Jahr genau datiert werden.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 77: <a href="https://astrogeo.de/asteroseismologie-schwingende-sterne-und-innere-geheimnisse/" rel="noopener">Asteroseismologie: Schwingende Sterne und innere Geheimnisse</a></li> <li>Folge 79: <a href="https://astrogeo.de/fehlende-neutrinos-als-die-sonne-kaputt-war/" rel="noopener">Fehlende Neutrinos: Als die Sonne kaputt war</a></li> <li>Folge 101: <a href="https://astrogeo.de/toedliche-sterne-wenn-explosionen-ein-massensterben-ausloesen/" rel="noopener">Tödliche Sterne: Wenn Explosionen ein Massensterben auslösen</a></li> <li>Folge 141: <a href="https://astrogeo.de/fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/" rel="noopener">Fingerabdruck der Sonne: Wie Helium entdeckt wurde</a></li> </ul> <h3>Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Yakushima" rel="noopener">Yakushima</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sicheltanne" rel="noopener">Japanische Zeder / Sicheltanne</a></li> <li>WP: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fusa_Miyake" rel="noopener">Fusa Miyake</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Miyake-Ereignis" rel="noopener">Miyake-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Solar_particle_event" rel="noopener">Solar Proton Event</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Supernova" rel="noopener">Supernova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz" rel="noopener">Gammastrahlenausbruch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dendrochronologie" rel="noopener">Dendrochronologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Radiokarbonmethode" rel="noopener">Radiokarbonmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenaktivit%C3%A4t" rel="noopener">Sonnenaktivität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Carrington-Ereignis" rel="noopener">Carrington-Ereignis</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/EK_Draconis" rel="noopener">EK Draconis</a></li> <li>DLF: <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sonnensturm-der-unberechenbare-stern-100.html" rel="noopener">Sonnen-Ausbruch – Der unberechenbare Stern (Sendung von Karl)</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="http://www.nature.com/doifinder/10.1038/nature11123" rel="noopener">Miyake et al.: A signature of cosmic-ray increase in AD 774–775 from tree rings in Japan</a>, Nature (2012)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://dx.doi.org/10.1038/ncomms2783" rel="noopener">Miyake et al.: Another rapid event in the carbon-14 content of tree rings</a>, Nature Communications (2013)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://dx.doi.org/10.1002/2012JA018320" rel="noopener">Miyake et al.: Lengths of Schwabe cycles in the seventh and eighth centuries indicated by precise measurement of carbon-14 content in tree rings</a>, Journal of Geophysical Research: Space Physics (2013)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1098/rspa.2016.0263" rel="noopener">Dee &amp; Pope: Anchoring historical sequences using a new source of astrochronological tie-points</a>, Isotope Research (2016)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1130/G39269.1" rel="noopener">Büntgen et al.: Multi-proxy dating of Iceland’s major pre-settlement Katla eruption to 822/3 CE</a>, Geology (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1613144114" rel="noopener">Miyake et al.: Large 14C excursion in 5480 BC indicates an abnormal sun in the mid-Holocene</a>, PNAS (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://dx.doi.org/10.1126/sciadv.aar8241" rel="noopener">Pearson et al.: Annual radiocarbon record indicates 16th century BCE date for the Thera eruption</a>, Science Advances (2018)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41586-021-03972-8" rel="noopener">Kuitems et al.: Evidence for European presence in the Americas in ad 1021</a>, Nature (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41550-021-01532-8" rel="noopener">Namekata et al.: Probable detection of an eruptive filament from a superflare on a solar-type star</a>, Nature Astronomy (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1007/s41116-022-00033-8" rel="noopener">Cliver et al.: Extreme solar events</a>, Living Reviews in Solar Physics (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1007/s11214-023-01018-1" rel="noopener">Usoskin et al.: Extreme Solar Events: Setting up a Paradigm</a>, Space Science Reviews (2023)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41467-024-48402-1" rel="noopener">Maczkowski et al.: Absolute dating of the European Neolithic using the 5259 BC rapid 14C excursion</a>, Nature Communications, 2024</li> <li>Fachartikel: <a href="http://science.org/doi/10.1126/science.adl5441" rel="noopener">Vasilyev et al.: Sun-like stars produce superflares roughly once per century</a>, Science (2024)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1016/j.epsl.2025.119383" rel="noopener">Golumbenko et al.: New SOCOL:14C-Ex model reveals that the Late-Glacial radiocarbon spike in 12350 BC was caused by the record-strong extreme solar storm</a>, Earth Planet (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1038/s41550-025-02691-8" rel="noopener">Namekata et al.: Discovery of multi-temperature coronal mass ejection signatures from a young solar analogue</a>, Nature Astronomy (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: </em><a href="https://unsplash.com/@gabrielj_photography" rel="noopener"><em>CC0 Gabriel Jimenez / Unsplash</em></a></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-kosmische-spuren-in-uralten-baeumen-was-sind-miyake-ereignisse/#comments 1 Herbst hat begonnen https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/herbst-hat-begonnen/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/herbst-hat-begonnen/#comments Fri, 21 Aug 2026 10:12:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13344 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/jahrGeteiltChristl-768x443.png <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/herbst-hat-begonnen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/jahrGeteiltChristl.png" /><h1>Herbst hat begonnen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-21T12:12:00+02:00">21. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es ist Mitte August, in Berlin die letzte Schulferienwochen und in den letzten Tagen hörte ich wiederholt die Leute verwundert feststellen, dass </p> <ul> <li>es morgens wieder später hell wird</li> <li>es abends wieder früher dunkel wird</li> <li>dass sich das Wetter nicht mehr hochsommerlich gestaltet. </li> </ul> <p>Warum ist das eigentlich jedes Jahr wieder für die Leute überraschend? Genauso überraschend wie Weihnachten… Möglicherweise liegt es daran, dass nur in stark katholischen Gegenden (Süddeutschland, Österreich, Polen…) der 15. August ein Feiertag ist. </p> <p>Was ist am 15. August? </p> <p>Die Katholiken nennen es „Mariae Himmelfahrt“, aber eigentlich ist es die Mitte zwischen der Sommersonnenwende und der Herbsttag- und -nachtgleiche. Man kann ich religionsgeschichtlich damit beschäftigen, dass die Marienfigur im frühen Christentum eine Synthese mehrerer Göttinnen polytheistischer Religionen vereint. Ihre Himmelfahrt läutet die Erntezeit ein. </p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>Winter </strong></td><td><strong>Frühling</strong></td><td><strong>Sommer</strong></td><td><strong>Herbst</strong></td></tr><tr><td>10 Tage vom Dez.</td><td>11 Tage von Mrz</td><td>10 Tage Jun</td><td>7 Tage Sept</td></tr><tr><td>31 Tage vom Januar</td><td>30 Tage Apr</td><td>31 Tage Jul</td><td>31 Tage Okt</td></tr><tr><td>28 Tage vom Februar</td><td>31 Tage Mai</td><td>31 Tage Aug</td><td>30 Tage Nov</td></tr><tr><td>20 Tage vom März</td><td>20 Tage Juni</td><td>23 Tage Sept</td><td>21 Tage Dez</td></tr><tr><td><strong>insges.: 89 Tage</strong></td><td><strong>insges.: 92 Tage</strong></td><td><strong>insges.: 95 Tage</strong></td><td><strong>insges.: 89 Tage</strong></td></tr></tbody></table></figure> <p>Sommer ist bei uns auf der Nordhalbkugel tatsächlich etwas länger als Winter, denn die Erde befindet sich derzeit in Sonnenferne und ist daher (siehe Keplersche Gesetze) langsamer auf ihrer Bahn als im Winter. <aside></aside></p> <p>Wenn man also religiöse Feste geschickt, alle 40 Tage (plus Sonntage) legt, erhält man eine recht gute Approximation der Jahreszeiten. </p> <p>Wenn Mittsommer am ca. 20. Juni ist, bei der Sommersonnenwende, dann ist folglich die Herbsttag- und -nachtgleiche um den 23. September Mittherbst. Folglich ist HerbstANFANG nicht der erste September, sondern die Mitte von gezählten Tagen zwischen diesen beiden Jahreshauptpunkten – der Anfang August. Die mitteleuropäische – christianisierte – Tradition feiert kurz danach Mariae Himmelfahrt (ebenso wie Weihnachten auch nicht an der Sonnenwende gefeiert wird, sondern kurz danach). </p> <p>Das heißt: Die Natur, die unseren römischen Kalender nicht liest, veranstaltet Herbstanfang einfach schon Anfang August. Darum überrascht es mich (z.B.) überhaupt nicht, dass es heute (um den 20.08.) sich bereits mit Blick auf Wetter und Dauer des lichten Tages _herbstlich_ anfühlt. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/jahrGeteiltChristl.png" /><h1>Herbst hat begonnen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-21T12:12:00+02:00">21. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es ist Mitte August, in Berlin die letzte Schulferienwochen und in den letzten Tagen hörte ich wiederholt die Leute verwundert feststellen, dass </p> <ul> <li>es morgens wieder später hell wird</li> <li>es abends wieder früher dunkel wird</li> <li>dass sich das Wetter nicht mehr hochsommerlich gestaltet. </li> </ul> <p>Warum ist das eigentlich jedes Jahr wieder für die Leute überraschend? Genauso überraschend wie Weihnachten… Möglicherweise liegt es daran, dass nur in stark katholischen Gegenden (Süddeutschland, Österreich, Polen…) der 15. August ein Feiertag ist. </p> <p>Was ist am 15. August? </p> <p>Die Katholiken nennen es „Mariae Himmelfahrt“, aber eigentlich ist es die Mitte zwischen der Sommersonnenwende und der Herbsttag- und -nachtgleiche. Man kann ich religionsgeschichtlich damit beschäftigen, dass die Marienfigur im frühen Christentum eine Synthese mehrerer Göttinnen polytheistischer Religionen vereint. Ihre Himmelfahrt läutet die Erntezeit ein. </p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>Winter </strong></td><td><strong>Frühling</strong></td><td><strong>Sommer</strong></td><td><strong>Herbst</strong></td></tr><tr><td>10 Tage vom Dez.</td><td>11 Tage von Mrz</td><td>10 Tage Jun</td><td>7 Tage Sept</td></tr><tr><td>31 Tage vom Januar</td><td>30 Tage Apr</td><td>31 Tage Jul</td><td>31 Tage Okt</td></tr><tr><td>28 Tage vom Februar</td><td>31 Tage Mai</td><td>31 Tage Aug</td><td>30 Tage Nov</td></tr><tr><td>20 Tage vom März</td><td>20 Tage Juni</td><td>23 Tage Sept</td><td>21 Tage Dez</td></tr><tr><td><strong>insges.: 89 Tage</strong></td><td><strong>insges.: 92 Tage</strong></td><td><strong>insges.: 95 Tage</strong></td><td><strong>insges.: 89 Tage</strong></td></tr></tbody></table></figure> <p>Sommer ist bei uns auf der Nordhalbkugel tatsächlich etwas länger als Winter, denn die Erde befindet sich derzeit in Sonnenferne und ist daher (siehe Keplersche Gesetze) langsamer auf ihrer Bahn als im Winter. <aside></aside></p> <p>Wenn man also religiöse Feste geschickt, alle 40 Tage (plus Sonntage) legt, erhält man eine recht gute Approximation der Jahreszeiten. </p> <p>Wenn Mittsommer am ca. 20. Juni ist, bei der Sommersonnenwende, dann ist folglich die Herbsttag- und -nachtgleiche um den 23. September Mittherbst. Folglich ist HerbstANFANG nicht der erste September, sondern die Mitte von gezählten Tagen zwischen diesen beiden Jahreshauptpunkten – der Anfang August. Die mitteleuropäische – christianisierte – Tradition feiert kurz danach Mariae Himmelfahrt (ebenso wie Weihnachten auch nicht an der Sonnenwende gefeiert wird, sondern kurz danach). </p> <p>Das heißt: Die Natur, die unseren römischen Kalender nicht liest, veranstaltet Herbstanfang einfach schon Anfang August. Darum überrascht es mich (z.B.) überhaupt nicht, dass es heute (um den 20.08.) sich bereits mit Blick auf Wetter und Dauer des lichten Tages _herbstlich_ anfühlt. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/herbst-hat-begonnen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Das Schicksal von Geologen in Filmen … https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-schicksal-von-geologen-in-filmen/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-schicksal-von-geologen-in-filmen/#comments Thu, 20 Aug 2026 20:30:08 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3809 <h1>Das Schicksal von Geologen in Filmen … » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Als Geowissenschaftler ist man immer mit dem Bild konfrontiert, das die Öffentlichkeit von dem eigenen Beruf hat. Das betrifft insbesondere Filme, in denen geologische Ereignisse eine Rolle spielen oder in denen Geologen selbst auftreten. Ein Beispiel ist Dantes Peak aus dem Jahr 1997, in dem der Vulkanologe Dr. Harry Dalton, gespielt von Pierce Brosnan, versucht, die Bewohner eines Ortes vor den Folgen eines Vulkanausbruchs zu warnen.</p> <p>Ich will hier weniger über die Genauigkeit reden, mit der die geologischen Ereignisse, angelehnt an den Ausbruch des Mt. St. Helens, hier dargestellt werden. Vielmehr ist Harry Dalton in einer Hinsicht anscheinend glücklich: Er überlebt die Ereignisse. Einer jüngst in der Zeitschrift <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/gto.70014" rel="noopener">Geology Today</a> vorgestellten Studie ist das nämlich durchaus nicht das Übliche.</p> <p>Von 202 Film-Geologen in 141 Filmen aus den Jahren zwischen 1919 und 2023 starben immerhin 69, also ein gutes Drittel. Das hat eine Studie ergeben, die eine Arbeitsgruppe aus filmeliebenden Geologen in Geology Today vorstellte.</p> <p>Für die betreffenden Filme war das Genre egal, also ob es sich um Abenteuerfilme, Action oder Drama handelte, solange zumindest ein eindeutig als solcher identifizierbarer Geologe auf der Bildfläche mitspielte. Das konnten besonders unter den älteren Filmen oft Western sein, in denen Geologen nach Öl suchten, oder in jüngerer Zeit auch gerne Filme über Naturkatastrophen, Asteroideneinschläge oder Bedrohung durch mehr oder weniger menschengemachte Monster.</p> <p>Wie sah das Schicksal unserer Filmgeologen im Einzelnen aus? Die Haupttodesursache unter den Geologen auf der Leinwand war Mord mit rund 30 Fällen. Geologische Gefahren wie Treibsand oder Vulkane sind dagegen nur für rund 12 Todesfälle verantwortlich. Ebenso gefährlich sind außerirdische Lebensformen, die ebenfalls für 12 Todesfälle verantwortlich sind.</p> <p>Durch Unfälle, wie etwa herabfallende Kisten, kamen neun Geologen ums Leben, drei weitere starben an gesundheitlichen Problemen, wie beispielsweise Herzinfarkten. In dem australischen Film „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Walkabout_(Film)" rel="noopener">Walkabout</a>” aus dem Jahr 1971 brachte sich ein Geologe um, nachdem er ein geologisches Lehrbuch gelesen hatte. Dabei handelt es sich um das 1968 erschienene Buch „<a href="https://books.google.de/books/about/Structural_Geology.html?id=yH1DPgAACAAJ&amp;redir_esc=y" rel="noopener">Structural Geology: An Introduction to Geometrical Techniques</a>“ von Donal M. Ragan. Dieser Zwischenfall hat bislang jedoch zu keiner Warnung in den Lehrbüchern geführt.<br></br>Die Ursache von zwei Todesfällen bleibt ungeklärt.<br></br>Und wie werden Geologen in Filmen dargestellt? Nun, in der überwiegenden Mehrheit werden sie positiv dargestellt. Rund 85 % von ihnen handeln moralisch und werden gesellschaftlich geachtet. In 25 Filmen (19 %) haben sogar 38 Geologen heldenhaftes Verhalten an den Tag gelegt. Die allermeisten konnten dies überleben, aber zehn verstarben im Film.</p> <p>30 Geologen waren böse oder gar kriminell. Von diesen starben 23, was einer Quote von 77 % entspricht. Dies ist die höchste Todesrate unter den dargestellten Geologen. Offensichtlich hat der Charakter hier einen maßgeblichen Einfluss auf die Sterberate. Kriminalität zahlt sich zumindest auf der Leinwand nicht aus.</p> <p>Unter den bösen Geologen befanden sich auch etliche „falsche“ Geologen. Sie gaben nur vor, Geologen zu sein, um beispielsweise Zugang zu ansonsten eingeschränkten Gebieten zu erhalten oder um unauffällig auffällig seltsame Tätigkeiten durchzuführen. Bei immerhin 13 der kriminellen Geologen handelt es sich um solche falsche Geologen.</p> <p>Es kommen auch sechs „gute“ falsche Geologen vor. Hierbei handelt es sich oft um Polizisten oder Bundesagenten, die diese Tarnung nutzen, um nicht aufzufallen.</p> <p>Die deutliche Mehrheit der gezeigten Geologen ist weiß und männlich. Frauen sind mit insgesamt 18 Auftritten hier absolut unterrepräsentiert. Auch andere Ethnien sind nur mit sechs Fällen vertreten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das Schicksal von Geologen in Filmen … » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Als Geowissenschaftler ist man immer mit dem Bild konfrontiert, das die Öffentlichkeit von dem eigenen Beruf hat. Das betrifft insbesondere Filme, in denen geologische Ereignisse eine Rolle spielen oder in denen Geologen selbst auftreten. Ein Beispiel ist Dantes Peak aus dem Jahr 1997, in dem der Vulkanologe Dr. Harry Dalton, gespielt von Pierce Brosnan, versucht, die Bewohner eines Ortes vor den Folgen eines Vulkanausbruchs zu warnen.</p> <p>Ich will hier weniger über die Genauigkeit reden, mit der die geologischen Ereignisse, angelehnt an den Ausbruch des Mt. St. Helens, hier dargestellt werden. Vielmehr ist Harry Dalton in einer Hinsicht anscheinend glücklich: Er überlebt die Ereignisse. Einer jüngst in der Zeitschrift <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/gto.70014" rel="noopener">Geology Today</a> vorgestellten Studie ist das nämlich durchaus nicht das Übliche.</p> <p>Von 202 Film-Geologen in 141 Filmen aus den Jahren zwischen 1919 und 2023 starben immerhin 69, also ein gutes Drittel. Das hat eine Studie ergeben, die eine Arbeitsgruppe aus filmeliebenden Geologen in Geology Today vorstellte.</p> <p>Für die betreffenden Filme war das Genre egal, also ob es sich um Abenteuerfilme, Action oder Drama handelte, solange zumindest ein eindeutig als solcher identifizierbarer Geologe auf der Bildfläche mitspielte. Das konnten besonders unter den älteren Filmen oft Western sein, in denen Geologen nach Öl suchten, oder in jüngerer Zeit auch gerne Filme über Naturkatastrophen, Asteroideneinschläge oder Bedrohung durch mehr oder weniger menschengemachte Monster.</p> <p>Wie sah das Schicksal unserer Filmgeologen im Einzelnen aus? Die Haupttodesursache unter den Geologen auf der Leinwand war Mord mit rund 30 Fällen. Geologische Gefahren wie Treibsand oder Vulkane sind dagegen nur für rund 12 Todesfälle verantwortlich. Ebenso gefährlich sind außerirdische Lebensformen, die ebenfalls für 12 Todesfälle verantwortlich sind.</p> <p>Durch Unfälle, wie etwa herabfallende Kisten, kamen neun Geologen ums Leben, drei weitere starben an gesundheitlichen Problemen, wie beispielsweise Herzinfarkten. In dem australischen Film „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Walkabout_(Film)" rel="noopener">Walkabout</a>” aus dem Jahr 1971 brachte sich ein Geologe um, nachdem er ein geologisches Lehrbuch gelesen hatte. Dabei handelt es sich um das 1968 erschienene Buch „<a href="https://books.google.de/books/about/Structural_Geology.html?id=yH1DPgAACAAJ&amp;redir_esc=y" rel="noopener">Structural Geology: An Introduction to Geometrical Techniques</a>“ von Donal M. Ragan. Dieser Zwischenfall hat bislang jedoch zu keiner Warnung in den Lehrbüchern geführt.<br></br>Die Ursache von zwei Todesfällen bleibt ungeklärt.<br></br>Und wie werden Geologen in Filmen dargestellt? Nun, in der überwiegenden Mehrheit werden sie positiv dargestellt. Rund 85 % von ihnen handeln moralisch und werden gesellschaftlich geachtet. In 25 Filmen (19 %) haben sogar 38 Geologen heldenhaftes Verhalten an den Tag gelegt. Die allermeisten konnten dies überleben, aber zehn verstarben im Film.</p> <p>30 Geologen waren böse oder gar kriminell. Von diesen starben 23, was einer Quote von 77 % entspricht. Dies ist die höchste Todesrate unter den dargestellten Geologen. Offensichtlich hat der Charakter hier einen maßgeblichen Einfluss auf die Sterberate. Kriminalität zahlt sich zumindest auf der Leinwand nicht aus.</p> <p>Unter den bösen Geologen befanden sich auch etliche „falsche“ Geologen. Sie gaben nur vor, Geologen zu sein, um beispielsweise Zugang zu ansonsten eingeschränkten Gebieten zu erhalten oder um unauffällig auffällig seltsame Tätigkeiten durchzuführen. Bei immerhin 13 der kriminellen Geologen handelt es sich um solche falsche Geologen.</p> <p>Es kommen auch sechs „gute“ falsche Geologen vor. Hierbei handelt es sich oft um Polizisten oder Bundesagenten, die diese Tarnung nutzen, um nicht aufzufallen.</p> <p>Die deutliche Mehrheit der gezeigten Geologen ist weiß und männlich. Frauen sind mit insgesamt 18 Auftritten hier absolut unterrepräsentiert. Auch andere Ethnien sind nur mit sechs Fällen vertreten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-schicksal-von-geologen-in-filmen/#comments 3 „Frauen in der Physik sichtbar machen“ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frauen-in-der-physik-sichtbar-machen/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frauen-in-der-physik-sichtbar-machen/#comments Thu, 20 Aug 2026 17:46:46 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13206 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Doktor-768x584.jpeg akademia https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frauen-in-der-physik-sichtbar-machen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Doktor-1024x778.jpeg" /><h1>"Frauen in der Physik sichtbar machen" » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-20T19:46:46+02:00">20. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 10 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Gerade wurde der Newsletter des Physik Journals ausgeschickt und preist eine Aktion: „Physikerin der Woche“. Ich frage mich bei sowas immer „was soll das?“ und „ist das nicht sexistisch“? Wer soll das lesen und wem hilft’s? Junge Frauen, die sich für Physik interessieren (ok, ich spreche nur für mich selbst) interessiert das nicht, weil sie sich eben für Physik interessieren und nicht für andere Frauen. Umgekehrt dürfte die Klientel des Journals mehrheitlich eher männlich sein und die wollen vllt. Frauen <em>anschauen</em> (menschlich!), aber ob die Physik im Journal nun von Frauen oder Männern gemacht wird, dürfte ihnen relativ egal sein. Die Chance steht daher gut, dass so eine Aktion im Wesentlichen das schlechte Gewissen der Redakteure befriedigt und mehr von Männern „geliked“ wird als von Frauen. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026.png"><img alt="" decoding="async" height="652" sizes="(max-width: 649px) 100vw, 649px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026.png 649w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026-150x150.png 150w" width="649"></img></a></figure> <h2>„Um die Frauen in der Physik sichtbarer zu machen, … Auf dass mehr junge Frauen ihre Talente in der Physik entfalten!“</h2> <p>Warum evtl sexistisch? </p> <ol> <li>cherry-picking der wenigen Beispiele, die nicht behindert wurden: Sofort fällt einem bei den o.g. Beispielen <strong>Mileva Marić-Einstein</strong> ein, deren (geschiedener) Ehemann genannt wird, während sie selbst unterschlagen wird – obwohl sie di klügere von beiden war, ihm durchs Studium geholfen hat und danach eine Promotionsstelle bekam (er nicht), das gesamte Preisgeld des Nobelpreises für den Photoeffekt bekommen hat: niemand weiß, ob das nur für die Kinder war, als moralische Reparation dafür, dass sie ihre Karriere zu seinen Gunsten aufgab, oder die interne Regulierung für ihre unbezahlte Arbeit, für die sie ihre Co-Autorschaft 1905 hatte zurückziehen müssen. </li> <li>Wer liest das Physik-Journal: Physiker. Also 80-90% Männer. Das Journal will also seine (überwiegend männliche) Klientel mit ein paar Bildern von Frauen ansprechen. Menschlich, dass Männer das wohl mögen.</li> <li>Warum müssen<strong> Frauen</strong>, die sich für Physik interessieren, dauernd <strong>zur Schau gestellt</strong> werden? (a) Ist es ein Zoo oder ein<strong> Medium</strong> für Physik? (b) Das Zur-Schau-Stellen von Menschen bei Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts gilt inzwischen als <strong>rassistisch</strong>. (c)<strong> Moralisch:</strong> Ich hätte zwar kein Problem damit, in der Öffentlichkeit aufzutreten und von anderen angeschaut zu werden (Blickscheue ist eine Neurose, die wohl die Kaiserin Sissi gehabt hat), aber ich will, dass man <em>meine Leistungen, beruflichen Erfolge und supererogatorisches Engagement</em> sieht und nicht mein Geschlecht – so wie bei Männern! <ol> <li>Seit meinem Studium kriege ich dauernd zu hören „Sie haben Physik studiert? als Frau?“… tjanun, keines meiner Geschlechtsorgane war dafür vonnöten. </li> <li>Kann sich irgendwer im Journalismus vorstellen einen Mann zu fragen „Sie haben Physik studiert? als Mann?“ … Machen Sie einfach immer diese Probe: wenn sich so eine Frage lächerlich anhört, stellen Sie sie am besten auch Frauen nicht! </li> </ol> </li> <li>Verfehlte Problemsicht:</li> </ol> <p>Das Problem ist nicht, dass sich Frauen weniger für Physik interessieren (in meinen astronomischen Sommerlagern 2000 bis 2006 für junge Menschen zwischen 15 und 25 lag der Frauenanteil bei 40 bis 50%) <sup data-fn="51a7ae52-c7d1-4467-a58d-89cbfa823780"><a href="#51a7ae52-c7d1-4467-a58d-89cbfa823780" id="51a7ae52-c7d1-4467-a58d-89cbfa823780-link">1</a></sup>, sondern dass sie systematisch aus dem System gemobbt werden – entweder schon in der Schule (wie mir Lehrerinnen berichten oder am Anfang des Films <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Legally_Blonde" rel="noopener">„Legally Blonde“ (2001)</a> zeigt: mit Sprüchen wie „du bist hübsch, du musst nicht studieren [um einen Mann zu kriegen – als ob das das <em>einzige</em> Lebensziel wäre: gerade bei klugen Frauen ist es eher eines von vielen]“ oder gar „Mädchen können Physik nicht“) oder – wenn man Schule und Studium erfolgreich übersteht, dann eben anschließend als Dok/PostDoc (wie bei Mileva Maric, wie unterhaltsamer dargestellt in dem Film <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Berufung_%E2%80%93_Ihr_Kampf_f%C3%BCr_Gerechtigkeit" rel="noopener">„On the Basis of Sex“, 2018, deutsch: „Die Berufung“</a>, hier gezeigt für Jura-Studium, aber historisch korrekt und das Problem ist in der Physik das gleiche). Motto „Wenn ich mit einem Physikdiplom jahrelang keinen Job kriege, mach‘ ich halt was anderes…“. <em>Bitte dies nicht als autobiografisch interpretieren</em>: Für mich selbst war die Situation anders (verschärft das Problem, ist hier nicht Thema).</p> <p>Dass es für Frauen eine Herausforderung ist, nach dem Studium einen Job zu bekommen oder in jeglichem Job zu bleiben, habe ich bereits früher dargestellt und ist ein „offenes Geheimnis“. Die Gründe sind dabei hochgradig divers: sozial, wirtschaftlich, biologisch, z.B.:</p> <ul> <li>Publikationsverbote qua Dienstanweisung oder Publikation von Konferenzbeiträgen nur auf Deutsch, wenn jegliche Fachkonversation auf Englisch stattfindet… und andere Unverschämtheiten von Professoren, Wichtigtuern oder gar in der Wissenschaft dienstlich vorgesetzten Personen (ich thematisierte das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wissenschaftlerin/">hier</a> 2019 zum Thema „Sine laude – Sexismus an der Hochschule“ von 1994, ebenfalls <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/respekt-und-toleranz-an-hochschulen/">2019 zur öffentlichen Debatte um Respekt und Toleranz an Hochschulen, ausgelöst von einer PM der ETH Zürich</a>, und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-universitaet-ist-krank/">nochmals</a> 2020 mit zahlreichen Referenzen auf Blogposts von anderen SciLoggern damals)</li> <li>In vielen Ländern (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/indonesien-land-der-vielfalt/">Indonesien</a>), aber auch in Süddeutschland, ist es leider immer noch üblich, dass ein Mann als „Looser“ gesehen wird, wenn seine Frau arbeiten „gehen muss“. Die Leute behaupten dann, die Frau<em> müsse</em> arbeiten, weil der Mann nicht genug Geld verdiene. Es ist für viele Frauen der Wohlstandsgesellschaft leider nicht normal, dass Frauen für Geld arbeiten „gehen“ anstatt sich nur um „Haus und Hof“ zu kümmern. <ul> <li>Ich verstehe, dass vielen Menschen die gute soziale Verankerung und Ansehen wichtig sind: Wenn es meinem Mann negativ angelastet würde, wenn ich meinem Beruf nachgehe, würde ich es mir vllt wirklich überlegen. </li> <li>Was ich nicht verstehe, sind „die Leute“, die so einen Schwachsinn verbreiten: Erstens war die Mehrheit der Frauen (sog. Arbeiter“klasse“) zu jeder historischen Zeit berufstätig. Das „Früher“, in dem Frauen sich nur um die Kinder gekümmert haben und den Haushalt, war also bestenfalls ein paar Jahrzehnte um 1900 und auch nur das aufstrebende Bürgertum betreffend. Zweitens, als diese Frauen sich um den Haushalt kümmerten, war der Haushalt schwere körperliche Arbeit (vor der Erfindung von Waschmaschinen, Spülmaschinen, modernen Reinigungschemikalien, Staubsaugern … und all den anderen Helferlingen) und hat wesentlich mehr Zeit und Kraft in Anspruch genommen als für die Damen heute, die Angst haben, sich die Fingernägel kaputt zu machen. </li> <li>Das Problem hier ist also die Gesellschaft und das niveaulose Geschwätz „der Leute“. Wer darüber steht, auf soziale Anker keinen Wert legt und trotzdem eigene Wege verfolgt, der gilt leicht als überheblich, sonderbar oder „rühmliche Ausnahme“ (dieselbe Person das alles gleichzeitig bei unterschiedlichen Schwätzern: Bsp:<strong> Marie Curie</strong>). </li> </ul> </li> <li>In West-Deutschland vor der Wiedervereinigung war es noch in der Generation meiner Eltern üblich, dass eine Frau zum Vorstellungsgespräch ihren Ehemann mitbringen musste oder später wenigstens dessen Genehmigung einholen musste, dass sie arbeiten darf. Das haben mir Frauen aus dem Hamburger und Stuttgarter Raum erzählt, während ich studierte und als Reiseleiterin arbeitete. In so einer Gesellschaft würde ich auf keinen Fall heiraten (und dieses Verhalten sehen wir ja bei zahlreichen Hochgebildeten dieser Generation im damaligen Westen) – oder eben nicht arbeiten „gehen“. </li> <li>Auch wenn es nicht mehr Gesetz ist, ist der Denkstil noch in manchen (männlichen) Hirnen: Es gibt bei manchen Personalverantwortlichen (Direktoren/ Professoren: männlich!) eine Selektion auf der Basis von Ehe mit gelegentlich negativen Ausschlägen; z.B. dass manchmal eine Frau nicht eingestellt wird, weil ihr Mann gut verdient.  </li> <li>Dann gibt’s verhaltenspsychologische Gründe (Männer wie Frauen), wie dass klugen Leuten die Machtspiele des Managements zu dumm sind, man sich gern aufs Wesentliche konzentriert und aus dem Gehabe herausnimmt, oder dass man seine Lebenszeit nicht mit dem Kindergarten-Verhalten von Kollegen verschwenden will, wenn man auch Kinder zu Hause hat. Dann ist die Diagnose schnell und voreilig „kein Teamplayer“. Das ist so nicht ganz korrekt, denn eigentlich sollte es heißen „besonders fähige Person, die vieles alleine kann“, aber so weit denkt der neidische Mob nicht, der sowas daherschwatzt.  </li> <li>Hinzu kommen die bekannten biologischen Gründe: <ul> <li>schwangerschaftsbedingte Abwesenheit vom Job</li> <li>Komplikationen bei der Schwangerschaft, die die Dauer der Abwesenheit vom Arbeitsplatz verlängern</li> <li>Fehltage wegen „Kind krank“ zusätzlich zum eigenen „krank“</li> <li>Fehlen von ortsansässigen Großeltern und professioneller Kinderbetreuung, die eine Berufstätigkeit beider Eltern überhaupt ermöglichen – wo allerdings die Politik und viele Arbeitgebende stark nachbessern. </li> </ul> </li> </ul> <h2>Warum ich <em>nicht</em> in der Physik arbeite</h2> <p>Einer der Aspekte ist sicher, dass ich mich so viel mit Feminismus und „Frauen in der Physik“-Themen beschäftigen musste, dass ich für Physik selbst kaum noch Zeit hatte. In meinem anderen Hauptfach, Naturwissenschaftsgeschichte, ist das deutlich entspannter: da kann ich mich seelenruhig mit Astronomie in all ihren Facetten beschäftigen: mit der Astro-Physik, die es erst sein 1874 gibt, der AstroMetrie (Positionsastronomie), mathematischen Astronomie, der Astronomie-Geschichte und allen modernen Methoden von Digital Humanities und Astro-Informatik.<aside></aside></p> <p>Trotz meiner Liebe zur Physik habe ich meine zwei Dissertationen <em>nicht in der Physik selbst,</em> sondern in anderen (benachbarten) Fächern gemacht, die sich gut für Arbeit als PostDoc in der Forschung kombinieren lassen. <br></br>Apropos „<strong><em>Talent entfalten</em></strong>„: Ich <strong>wollte stets in erster Linie Wissenschaftlerin sein </strong>und nicht Lehrerin (obwohl ich gern auch mal lehre, aber nicht als Hauptbestimmung und vor allem nicht in der Schule) und ich dachte, die Chance auf Jobs in der Forschung ist höher, je höher man qualifiziert ist. (Ich zweifle allmählich daran,<strong> denn Deutschland hat kein faires System</strong>, gute Leute in der Wissenschaft zu halten: es gibt <strong>fast keine unbefristeten </strong>Stellen für langfristige Forschung (so dass man auf den befristeten Stellen eher Gastwissenschaftler aus dem Ausland sieht, weil befristete Auslandserfahrung und später die Rente aus Deutschland für sie ein Gewinn sind – Einheimische und vor allem Familiengründer würden langfristig feste Stellen haben wollen), <strong>arbeitsrechtlich unzulässige Befristung</strong> mit der Scheinbegründung von Weiterqualifikation (von Leuten die höher qualifiziert sind als diejenigen, die sie weiterqualifizieren sollen – aber Unis u.a. Institute achten peinlich genau darauf, dass niemand länger als drei Jahre irgendwo beschäftigt ist oder gar lange genug, dass man sich einklagen könnte, weil sie einfach keine festen Stellen haben, die sie im Fall eines Rechtsstreits vorm Arbeitsgericht geben könnten), sondern nur HochschulLEHRER (Professoren) sind unbefristet und auch die sind rar, und es gibt keine „Checkliste“, was man tun muss, um erfolgreich zu sein und <strong>kein Karriere-Entwicklungsprogramm</strong>, um gute Leistungen zu belohnen und gute Leute zu fördern. Firmen befördern gute Leute, Wissenschaftler werden gebeten, sich wegzubewerben. Alle anderen Länder der Welt setzen entweder gute Leute auf „tenure track“-Positionen, also vorläufig befristete Professuren, die nach einigen Jahren entfristet werden, oder man entwickelt sich von einer Rolle zur nächsten wie in Firmen, oder man bewirbt sich einfach und wird bei fachlicher Eignung genommen, oder man konkurriert mit anderen nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/erfolgsmessung-in-der-wissenschaft/">messbaren Kriterien</a> wie Anzahl der Publikationen, Patente oder was auch immer für Erfolgen/Leistungen… – jedenfalls weiß man, woran der Erfolg gemessen wird.</p> <p>Das ist in .de alles nicht der Fall, nach meiner Erfahrung: man weiß nicht, welche Kriterien zur erfolgreichen Entfristung, Berufung oder Aufnahme in ein MPI … oder sonstwie gearteten Anstellung führen. Bei uns werden Leute ohne jegliche fachliche Qualifikation auf Professuren gesetzt (obwohl qualifizierte Alternativen gegeben waren: zweimal erlebt an einer <em>Physik</em>fakultät, an der ich früher arbeitete – aber auch anderswo in meinem Fach) und andere Ungerechtigkeiten. Neben der jahrzehntelangen Praxis, unqualifizierte Leute zu berufen, Peter-Prinzip (Leute zur Unfähigkeit zu befördern) und Matthäus-Prinzip („wer hat, dem wird gegeben“), das den Nachwuchs ausbremst, gab uns die Hippie-Bewegung dann auch noch die Vorstellung, dass es auf Richtigkeit und Genauigkeit nicht ankomme, sondern eh nur um Meinungen gehe (gerade in der Physik höherer Quatsch, aber als Physiker wird man dann von vielen Geisteswissenschaftlern geschnitten). Zudem wird es mit einem <strong>Gewirr von ungeschriebenen Gesetzen</strong>, Hausberufungsverbot, <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/habilitation/">Habilitation</a> (aber natürlich nur für Deutsche; alle anderen kriegen in .de auch Professuren ohne dies, weil das Konzept von „Habil“ in den meisten Ländern gar nicht existiert),… und anderen Sinnlosigkeiten unnötig kompliziert gemacht und durch Geheimniskrämerei und Gemauschel mystifiziert. Alle meine internationalen Kollegen schütteln darüber den Kopf und von vielen deutschen Physiker-Kollegen hörte ich jahrzehntelang „in die USA gegangen wegen besserer Bedingungen“. Die Frage jetzt ist natürlich: wenn der Rest der Welt aber nun rassistisch und MAGA-like agiert: wohin soll man dann noch gehen, wenn .de (das noch nicht extremistisch ist und wo man leben möchte) einem nichts bietet?</p> <p><strong>Was die Welt braucht, um</strong> interessierte und<strong> talentierte</strong> junge und alte Frauen zur Entfaltung von Talent (in Physik oder sonstwo) <strong>zu motivieren</strong>,<strong> sind echte,</strong> realistische Berufs<strong>perspektiven</strong>, Lohn für gute Arbeit und Anreize (Prämien, Beförderung, Entfristung!) bei Extra-Leistungen. Wenn man hinterher nur die Option hat, Gymnasiallehrer/in zu werden (als Quereinsteiger mit erheblichem Aufwand des Referendariats: an Hochschulen darf jeder Depp lehren, weil’s angeblich eh nur um Meinungen geht, aber die dringend nötigen Lehrkräfte in Schulen werden ausgebrannt: das sehe ich bei meinem großartigen Lehramt-Studis und dafür,, dass sie sich ausbrennen lassen in Ref plus Job kriegen sie als Gehalt das gleiche wie jemand bei Kaufland an der Kasse – nach 5+ Jahren Studium) oder die mathematische Grundausbildung in einem Versicherungsunternehmen anzuwenden, ist jegliches Studieren nach dem ersten oder zweiten Semester verschenkte Lebenszeit, die man auch sozial- und rentenversicherungspflichtig arbeiten könnte. Das gilt natürlich für jedes Studium und nicht nur Physik.</p> <h2>Sexistisch oder nicht: Jedenfalls sinnlos!</h2> <ol> <li>Wer das Physik-Journal schon liest, muss nicht mehr für Physik interessiert werden: die weiblichen Leser werden also einfach drüber hinwegblättern. </li> <li>Für die männlichen Leser mag es unterhaltsam sein – insbesondere, wenn die Frauen, über die geschrieben wird, auch im Bild gezeigt werden – aber wie sollte das den Frauenanteil im Fach erhöhen? </li> </ol> <p>Das Leseverständnis bei der Mehrheit der Physiker:innen ist allerdings eher dürftig: das Gehirn arbeitet so. Man wird in diesem Beruf darauf trainiert, mit Zahlen und Technik umzugehen, Diagramme zu erstellen und zu „lesen“, aber nicht Text (sonst wär’s Philosophie). Professionelles Schreiben und Lesen bringt man entweder von anderswoher mit oder kann es eben nicht. Es erscheint mir daher fragwürdig, ob die Lesenden des Physik Journals überhaupt die Botschaft verstehen. </p> <h2>Fußnoten</h2> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Doktor-1024x778.jpeg" /><h1>"Frauen in der Physik sichtbar machen" » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-20T19:46:46+02:00">20. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 10 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Gerade wurde der Newsletter des Physik Journals ausgeschickt und preist eine Aktion: „Physikerin der Woche“. Ich frage mich bei sowas immer „was soll das?“ und „ist das nicht sexistisch“? Wer soll das lesen und wem hilft’s? Junge Frauen, die sich für Physik interessieren (ok, ich spreche nur für mich selbst) interessiert das nicht, weil sie sich eben für Physik interessieren und nicht für andere Frauen. Umgekehrt dürfte die Klientel des Journals mehrheitlich eher männlich sein und die wollen vllt. Frauen <em>anschauen</em> (menschlich!), aber ob die Physik im Journal nun von Frauen oder Männern gemacht wird, dürfte ihnen relativ egal sein. Die Chance steht daher gut, dass so eine Aktion im Wesentlichen das schlechte Gewissen der Redakteure befriedigt und mehr von Männern „geliked“ wird als von Frauen. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026.png"><img alt="" decoding="async" height="652" sizes="(max-width: 649px) 100vw, 649px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026.png 649w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot_PhysikJournal-August2026-150x150.png 150w" width="649"></img></a></figure> <h2>„Um die Frauen in der Physik sichtbarer zu machen, … Auf dass mehr junge Frauen ihre Talente in der Physik entfalten!“</h2> <p>Warum evtl sexistisch? </p> <ol> <li>cherry-picking der wenigen Beispiele, die nicht behindert wurden: Sofort fällt einem bei den o.g. Beispielen <strong>Mileva Marić-Einstein</strong> ein, deren (geschiedener) Ehemann genannt wird, während sie selbst unterschlagen wird – obwohl sie di klügere von beiden war, ihm durchs Studium geholfen hat und danach eine Promotionsstelle bekam (er nicht), das gesamte Preisgeld des Nobelpreises für den Photoeffekt bekommen hat: niemand weiß, ob das nur für die Kinder war, als moralische Reparation dafür, dass sie ihre Karriere zu seinen Gunsten aufgab, oder die interne Regulierung für ihre unbezahlte Arbeit, für die sie ihre Co-Autorschaft 1905 hatte zurückziehen müssen. </li> <li>Wer liest das Physik-Journal: Physiker. Also 80-90% Männer. Das Journal will also seine (überwiegend männliche) Klientel mit ein paar Bildern von Frauen ansprechen. Menschlich, dass Männer das wohl mögen.</li> <li>Warum müssen<strong> Frauen</strong>, die sich für Physik interessieren, dauernd <strong>zur Schau gestellt</strong> werden? (a) Ist es ein Zoo oder ein<strong> Medium</strong> für Physik? (b) Das Zur-Schau-Stellen von Menschen bei Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts gilt inzwischen als <strong>rassistisch</strong>. (c)<strong> Moralisch:</strong> Ich hätte zwar kein Problem damit, in der Öffentlichkeit aufzutreten und von anderen angeschaut zu werden (Blickscheue ist eine Neurose, die wohl die Kaiserin Sissi gehabt hat), aber ich will, dass man <em>meine Leistungen, beruflichen Erfolge und supererogatorisches Engagement</em> sieht und nicht mein Geschlecht – so wie bei Männern! <ol> <li>Seit meinem Studium kriege ich dauernd zu hören „Sie haben Physik studiert? als Frau?“… tjanun, keines meiner Geschlechtsorgane war dafür vonnöten. </li> <li>Kann sich irgendwer im Journalismus vorstellen einen Mann zu fragen „Sie haben Physik studiert? als Mann?“ … Machen Sie einfach immer diese Probe: wenn sich so eine Frage lächerlich anhört, stellen Sie sie am besten auch Frauen nicht! </li> </ol> </li> <li>Verfehlte Problemsicht:</li> </ol> <p>Das Problem ist nicht, dass sich Frauen weniger für Physik interessieren (in meinen astronomischen Sommerlagern 2000 bis 2006 für junge Menschen zwischen 15 und 25 lag der Frauenanteil bei 40 bis 50%) <sup data-fn="51a7ae52-c7d1-4467-a58d-89cbfa823780"><a href="#51a7ae52-c7d1-4467-a58d-89cbfa823780" id="51a7ae52-c7d1-4467-a58d-89cbfa823780-link">1</a></sup>, sondern dass sie systematisch aus dem System gemobbt werden – entweder schon in der Schule (wie mir Lehrerinnen berichten oder am Anfang des Films <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Legally_Blonde" rel="noopener">„Legally Blonde“ (2001)</a> zeigt: mit Sprüchen wie „du bist hübsch, du musst nicht studieren [um einen Mann zu kriegen – als ob das das <em>einzige</em> Lebensziel wäre: gerade bei klugen Frauen ist es eher eines von vielen]“ oder gar „Mädchen können Physik nicht“) oder – wenn man Schule und Studium erfolgreich übersteht, dann eben anschließend als Dok/PostDoc (wie bei Mileva Maric, wie unterhaltsamer dargestellt in dem Film <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Berufung_%E2%80%93_Ihr_Kampf_f%C3%BCr_Gerechtigkeit" rel="noopener">„On the Basis of Sex“, 2018, deutsch: „Die Berufung“</a>, hier gezeigt für Jura-Studium, aber historisch korrekt und das Problem ist in der Physik das gleiche). Motto „Wenn ich mit einem Physikdiplom jahrelang keinen Job kriege, mach‘ ich halt was anderes…“. <em>Bitte dies nicht als autobiografisch interpretieren</em>: Für mich selbst war die Situation anders (verschärft das Problem, ist hier nicht Thema).</p> <p>Dass es für Frauen eine Herausforderung ist, nach dem Studium einen Job zu bekommen oder in jeglichem Job zu bleiben, habe ich bereits früher dargestellt und ist ein „offenes Geheimnis“. Die Gründe sind dabei hochgradig divers: sozial, wirtschaftlich, biologisch, z.B.:</p> <ul> <li>Publikationsverbote qua Dienstanweisung oder Publikation von Konferenzbeiträgen nur auf Deutsch, wenn jegliche Fachkonversation auf Englisch stattfindet… und andere Unverschämtheiten von Professoren, Wichtigtuern oder gar in der Wissenschaft dienstlich vorgesetzten Personen (ich thematisierte das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/wissenschaftlerin/">hier</a> 2019 zum Thema „Sine laude – Sexismus an der Hochschule“ von 1994, ebenfalls <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/respekt-und-toleranz-an-hochschulen/">2019 zur öffentlichen Debatte um Respekt und Toleranz an Hochschulen, ausgelöst von einer PM der ETH Zürich</a>, und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-universitaet-ist-krank/">nochmals</a> 2020 mit zahlreichen Referenzen auf Blogposts von anderen SciLoggern damals)</li> <li>In vielen Ländern (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/indonesien-land-der-vielfalt/">Indonesien</a>), aber auch in Süddeutschland, ist es leider immer noch üblich, dass ein Mann als „Looser“ gesehen wird, wenn seine Frau arbeiten „gehen muss“. Die Leute behaupten dann, die Frau<em> müsse</em> arbeiten, weil der Mann nicht genug Geld verdiene. Es ist für viele Frauen der Wohlstandsgesellschaft leider nicht normal, dass Frauen für Geld arbeiten „gehen“ anstatt sich nur um „Haus und Hof“ zu kümmern. <ul> <li>Ich verstehe, dass vielen Menschen die gute soziale Verankerung und Ansehen wichtig sind: Wenn es meinem Mann negativ angelastet würde, wenn ich meinem Beruf nachgehe, würde ich es mir vllt wirklich überlegen. </li> <li>Was ich nicht verstehe, sind „die Leute“, die so einen Schwachsinn verbreiten: Erstens war die Mehrheit der Frauen (sog. Arbeiter“klasse“) zu jeder historischen Zeit berufstätig. Das „Früher“, in dem Frauen sich nur um die Kinder gekümmert haben und den Haushalt, war also bestenfalls ein paar Jahrzehnte um 1900 und auch nur das aufstrebende Bürgertum betreffend. Zweitens, als diese Frauen sich um den Haushalt kümmerten, war der Haushalt schwere körperliche Arbeit (vor der Erfindung von Waschmaschinen, Spülmaschinen, modernen Reinigungschemikalien, Staubsaugern … und all den anderen Helferlingen) und hat wesentlich mehr Zeit und Kraft in Anspruch genommen als für die Damen heute, die Angst haben, sich die Fingernägel kaputt zu machen. </li> <li>Das Problem hier ist also die Gesellschaft und das niveaulose Geschwätz „der Leute“. Wer darüber steht, auf soziale Anker keinen Wert legt und trotzdem eigene Wege verfolgt, der gilt leicht als überheblich, sonderbar oder „rühmliche Ausnahme“ (dieselbe Person das alles gleichzeitig bei unterschiedlichen Schwätzern: Bsp:<strong> Marie Curie</strong>). </li> </ul> </li> <li>In West-Deutschland vor der Wiedervereinigung war es noch in der Generation meiner Eltern üblich, dass eine Frau zum Vorstellungsgespräch ihren Ehemann mitbringen musste oder später wenigstens dessen Genehmigung einholen musste, dass sie arbeiten darf. Das haben mir Frauen aus dem Hamburger und Stuttgarter Raum erzählt, während ich studierte und als Reiseleiterin arbeitete. In so einer Gesellschaft würde ich auf keinen Fall heiraten (und dieses Verhalten sehen wir ja bei zahlreichen Hochgebildeten dieser Generation im damaligen Westen) – oder eben nicht arbeiten „gehen“. </li> <li>Auch wenn es nicht mehr Gesetz ist, ist der Denkstil noch in manchen (männlichen) Hirnen: Es gibt bei manchen Personalverantwortlichen (Direktoren/ Professoren: männlich!) eine Selektion auf der Basis von Ehe mit gelegentlich negativen Ausschlägen; z.B. dass manchmal eine Frau nicht eingestellt wird, weil ihr Mann gut verdient.  </li> <li>Dann gibt’s verhaltenspsychologische Gründe (Männer wie Frauen), wie dass klugen Leuten die Machtspiele des Managements zu dumm sind, man sich gern aufs Wesentliche konzentriert und aus dem Gehabe herausnimmt, oder dass man seine Lebenszeit nicht mit dem Kindergarten-Verhalten von Kollegen verschwenden will, wenn man auch Kinder zu Hause hat. Dann ist die Diagnose schnell und voreilig „kein Teamplayer“. Das ist so nicht ganz korrekt, denn eigentlich sollte es heißen „besonders fähige Person, die vieles alleine kann“, aber so weit denkt der neidische Mob nicht, der sowas daherschwatzt.  </li> <li>Hinzu kommen die bekannten biologischen Gründe: <ul> <li>schwangerschaftsbedingte Abwesenheit vom Job</li> <li>Komplikationen bei der Schwangerschaft, die die Dauer der Abwesenheit vom Arbeitsplatz verlängern</li> <li>Fehltage wegen „Kind krank“ zusätzlich zum eigenen „krank“</li> <li>Fehlen von ortsansässigen Großeltern und professioneller Kinderbetreuung, die eine Berufstätigkeit beider Eltern überhaupt ermöglichen – wo allerdings die Politik und viele Arbeitgebende stark nachbessern. </li> </ul> </li> </ul> <h2>Warum ich <em>nicht</em> in der Physik arbeite</h2> <p>Einer der Aspekte ist sicher, dass ich mich so viel mit Feminismus und „Frauen in der Physik“-Themen beschäftigen musste, dass ich für Physik selbst kaum noch Zeit hatte. In meinem anderen Hauptfach, Naturwissenschaftsgeschichte, ist das deutlich entspannter: da kann ich mich seelenruhig mit Astronomie in all ihren Facetten beschäftigen: mit der Astro-Physik, die es erst sein 1874 gibt, der AstroMetrie (Positionsastronomie), mathematischen Astronomie, der Astronomie-Geschichte und allen modernen Methoden von Digital Humanities und Astro-Informatik.<aside></aside></p> <p>Trotz meiner Liebe zur Physik habe ich meine zwei Dissertationen <em>nicht in der Physik selbst,</em> sondern in anderen (benachbarten) Fächern gemacht, die sich gut für Arbeit als PostDoc in der Forschung kombinieren lassen. <br></br>Apropos „<strong><em>Talent entfalten</em></strong>„: Ich <strong>wollte stets in erster Linie Wissenschaftlerin sein </strong>und nicht Lehrerin (obwohl ich gern auch mal lehre, aber nicht als Hauptbestimmung und vor allem nicht in der Schule) und ich dachte, die Chance auf Jobs in der Forschung ist höher, je höher man qualifiziert ist. (Ich zweifle allmählich daran,<strong> denn Deutschland hat kein faires System</strong>, gute Leute in der Wissenschaft zu halten: es gibt <strong>fast keine unbefristeten </strong>Stellen für langfristige Forschung (so dass man auf den befristeten Stellen eher Gastwissenschaftler aus dem Ausland sieht, weil befristete Auslandserfahrung und später die Rente aus Deutschland für sie ein Gewinn sind – Einheimische und vor allem Familiengründer würden langfristig feste Stellen haben wollen), <strong>arbeitsrechtlich unzulässige Befristung</strong> mit der Scheinbegründung von Weiterqualifikation (von Leuten die höher qualifiziert sind als diejenigen, die sie weiterqualifizieren sollen – aber Unis u.a. Institute achten peinlich genau darauf, dass niemand länger als drei Jahre irgendwo beschäftigt ist oder gar lange genug, dass man sich einklagen könnte, weil sie einfach keine festen Stellen haben, die sie im Fall eines Rechtsstreits vorm Arbeitsgericht geben könnten), sondern nur HochschulLEHRER (Professoren) sind unbefristet und auch die sind rar, und es gibt keine „Checkliste“, was man tun muss, um erfolgreich zu sein und <strong>kein Karriere-Entwicklungsprogramm</strong>, um gute Leistungen zu belohnen und gute Leute zu fördern. Firmen befördern gute Leute, Wissenschaftler werden gebeten, sich wegzubewerben. Alle anderen Länder der Welt setzen entweder gute Leute auf „tenure track“-Positionen, also vorläufig befristete Professuren, die nach einigen Jahren entfristet werden, oder man entwickelt sich von einer Rolle zur nächsten wie in Firmen, oder man bewirbt sich einfach und wird bei fachlicher Eignung genommen, oder man konkurriert mit anderen nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/erfolgsmessung-in-der-wissenschaft/">messbaren Kriterien</a> wie Anzahl der Publikationen, Patente oder was auch immer für Erfolgen/Leistungen… – jedenfalls weiß man, woran der Erfolg gemessen wird.</p> <p>Das ist in .de alles nicht der Fall, nach meiner Erfahrung: man weiß nicht, welche Kriterien zur erfolgreichen Entfristung, Berufung oder Aufnahme in ein MPI … oder sonstwie gearteten Anstellung führen. Bei uns werden Leute ohne jegliche fachliche Qualifikation auf Professuren gesetzt (obwohl qualifizierte Alternativen gegeben waren: zweimal erlebt an einer <em>Physik</em>fakultät, an der ich früher arbeitete – aber auch anderswo in meinem Fach) und andere Ungerechtigkeiten. Neben der jahrzehntelangen Praxis, unqualifizierte Leute zu berufen, Peter-Prinzip (Leute zur Unfähigkeit zu befördern) und Matthäus-Prinzip („wer hat, dem wird gegeben“), das den Nachwuchs ausbremst, gab uns die Hippie-Bewegung dann auch noch die Vorstellung, dass es auf Richtigkeit und Genauigkeit nicht ankomme, sondern eh nur um Meinungen gehe (gerade in der Physik höherer Quatsch, aber als Physiker wird man dann von vielen Geisteswissenschaftlern geschnitten). Zudem wird es mit einem <strong>Gewirr von ungeschriebenen Gesetzen</strong>, Hausberufungsverbot, <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/habilitation/">Habilitation</a> (aber natürlich nur für Deutsche; alle anderen kriegen in .de auch Professuren ohne dies, weil das Konzept von „Habil“ in den meisten Ländern gar nicht existiert),… und anderen Sinnlosigkeiten unnötig kompliziert gemacht und durch Geheimniskrämerei und Gemauschel mystifiziert. Alle meine internationalen Kollegen schütteln darüber den Kopf und von vielen deutschen Physiker-Kollegen hörte ich jahrzehntelang „in die USA gegangen wegen besserer Bedingungen“. Die Frage jetzt ist natürlich: wenn der Rest der Welt aber nun rassistisch und MAGA-like agiert: wohin soll man dann noch gehen, wenn .de (das noch nicht extremistisch ist und wo man leben möchte) einem nichts bietet?</p> <p><strong>Was die Welt braucht, um</strong> interessierte und<strong> talentierte</strong> junge und alte Frauen zur Entfaltung von Talent (in Physik oder sonstwo) <strong>zu motivieren</strong>,<strong> sind echte,</strong> realistische Berufs<strong>perspektiven</strong>, Lohn für gute Arbeit und Anreize (Prämien, Beförderung, Entfristung!) bei Extra-Leistungen. Wenn man hinterher nur die Option hat, Gymnasiallehrer/in zu werden (als Quereinsteiger mit erheblichem Aufwand des Referendariats: an Hochschulen darf jeder Depp lehren, weil’s angeblich eh nur um Meinungen geht, aber die dringend nötigen Lehrkräfte in Schulen werden ausgebrannt: das sehe ich bei meinem großartigen Lehramt-Studis und dafür,, dass sie sich ausbrennen lassen in Ref plus Job kriegen sie als Gehalt das gleiche wie jemand bei Kaufland an der Kasse – nach 5+ Jahren Studium) oder die mathematische Grundausbildung in einem Versicherungsunternehmen anzuwenden, ist jegliches Studieren nach dem ersten oder zweiten Semester verschenkte Lebenszeit, die man auch sozial- und rentenversicherungspflichtig arbeiten könnte. Das gilt natürlich für jedes Studium und nicht nur Physik.</p> <h2>Sexistisch oder nicht: Jedenfalls sinnlos!</h2> <ol> <li>Wer das Physik-Journal schon liest, muss nicht mehr für Physik interessiert werden: die weiblichen Leser werden also einfach drüber hinwegblättern. </li> <li>Für die männlichen Leser mag es unterhaltsam sein – insbesondere, wenn die Frauen, über die geschrieben wird, auch im Bild gezeigt werden – aber wie sollte das den Frauenanteil im Fach erhöhen? </li> </ol> <p>Das Leseverständnis bei der Mehrheit der Physiker:innen ist allerdings eher dürftig: das Gehirn arbeitet so. Man wird in diesem Beruf darauf trainiert, mit Zahlen und Technik umzugehen, Diagramme zu erstellen und zu „lesen“, aber nicht Text (sonst wär’s Philosophie). Professionelles Schreiben und Lesen bringt man entweder von anderswoher mit oder kann es eben nicht. Es erscheint mir daher fragwürdig, ob die Lesenden des Physik Journals überhaupt die Botschaft verstehen. </p> <h2>Fußnoten</h2> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frauen-in-der-physik-sichtbar-machen/#comments 4 Wenn Fremdbilder unsere Selbstbilder werden – über die Macht von Zuschreibungen und die Kraft der Selbstbestimmung https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wenn-fremdbilder-unsere-selbstbilder-werden-ueber-die-macht-von-zuschreibungen-und-die-kraft-der-selbstbestimmung/ https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wenn-fremdbilder-unsere-selbstbilder-werden-ueber-die-macht-von-zuschreibungen-und-die-kraft-der-selbstbestimmung/#comments Thu, 20 Aug 2026 16:00:03 +0000 Michaela Brohm-Badry https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/?p=1332 <h1>Wenn Fremdbilder unsere Selbstbilder werden - über die Macht von Zuschreibungen und die Kraft der Selbstbestimmung » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Von Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p><strong>Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtet am 15.08.2026, dass Praktikanten in einer Basler Klinik in alleiniger Verantwortung ADHS-Diagnosen stellen (Edrich 2026). Studierende, die vertretungsweise an Schulen arbeiten, lassen Arbeiten schreiben und vergeben Noten, Freunde oder Freundinnen kommentieren unseren Charakter oder unser Aussehen. Das ist sowohl aus neurowissenschaftlicher, als auch aus psychologischer, pädagogischer und medizinischer Sicht risikoreich.</strong></p> <p>Diagnostische Urteile sollten auf fachlicher Expertise und geeigneten Verfahren beruhen, denn sie können erhebliche Auswirkungen auf das Umfeld des beurteilten Menschen, auf den Menschen selbst und mitunter auch auf seinen Lebensentwurf haben. Und das bezieht sich sowohl auf medizinische, pädagogische als auch psychologische Diagnosen, und letztendlich auch auf beurteilende Alltagszuschreibungen durch nahestehende Menschen.</p> <p>Im idealen Fall geben Diagnosen Orientierung. Sie können entlasten, Behandlung ermöglichen und Menschen helfen, ihre Erfahrungen besser zu verstehen. Doch was geschieht, wenn eine Diagnose falsch ist oder wenn ein diagnostisches Etikett beginnt, stärker auf das Umfeld zu wirken als der Mensch selbst?</p> <p>Neuere Forschung zeigt, dass Fehldiagnosen weit über medizinische Fehlentscheidungen hinausreichen können. Betroffene berichten von Verunsicherung, Vertrauensverlust, vermindertem Selbstwert und anhaltender psychischer Belastung. Besonders folgenreich können Fehldiagnosen sein, wenn körperliche Beschwerden vorschnell als psychosomatisch oder psychiatrisch eingeordnet werden. Studien zeigen, dass manche Menschen noch Jahre später mit den Folgen solcher Zuschreibungen ringen (vgl. O’Connor, C., Brassil et al, 2022; Fox, A. B., &amp; Earnshaw, V. A. 2023; Mickelberg, A., Walker 2024).<aside></aside></p> <h3>Labeling verändert die Wahrnehmung</h3> <p>Dabei spielt ein Mechanismus eine zentrale Rolle, der als „Labeling“ bezeichnet wird. Sobald ein Mensch ein Etikett erhält, wie etwa „depressiv“, „schizophren“, „ADHS“, „nicht belastbar“, beziehungsweise „fleißig“, „schön“ oder „hochbegabt“, verändert dieses Wissen die Wahrnehmung durch andere und die Selbstwahrnehmung.</p> <p>Experimente mit verschiedenartigen Labels zeigen, dass dieselbe Person anders beurteilt wird, sobald ein diagnostisches Label bekannt ist. Ihr werden teilweise weniger Kontrolle über ihr Verhalten und geringere Genesungschancen zugeschrieben. Besonders bedeutungsvoll ist eine Studie von Mickelberg und Kolleg:innen (2024), die  zeigen, dass selbst nachdem eine zuvor mitgeteilte psychiatrische Diagnose ausdrücklich als falsch zurückgenommen worden war, das ursprüngliche, also falsche Label in der Wahrnehmung der Person weiterwirkt.</p> <p>Wie tief solche Zuschreibungen wirken können, zeigt eine aktuelle Studie von Sloan und Kolleg/innen (2025) an über 3300 Befragten: Mehr als 80 Prozent der Betroffenen berichteten nach einer psychosomatischen oder psychiatrischen Fehldiagnose von einem beschädigten Selbstwert, 72 Prozent waren durch die Erfahrung noch immer belastet. Zudem war ihr psychisches Wohlbefinden negativ beeinträchtigt.</p> <h3>Zuschreibungen wirken auf das Gehirn</h3> <p>Das zeigt auch, dass Labels nicht nur von außen durch die Behandlung des Umfelds  wirken, weil Menschen beginnen, sie in das eigene Selbstbild zu integrieren. Aus „Ich habe eine Diagnose“ kann im Laufe der Zeit der feste Glaube werden „Ich bin so“. Neurowissenschaftlich ist das durch Prozesse der Neuroplastizität zu erklären: Gedanken oder Handlungen, die häufig im Leben eines Menschen vorkommen, bilden neue neuronale Strukturen und neuronale Netzwerke im Gehirn und verfestigen sich dadurch. <br></br>Im Falle des Labelings ist insbesondere das Default Mode Network betroffen. Es aktiviert verschiedene Gehirnregionen, die besonders mit Selbstreflexion und autobiographischem Erleben – also wer bin ich? – verbunden sind. Und damit verändern sich möglicherweise Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit, an Beziehungen und an die eigene Zukunft. Diagnosen können durch die immanente Erwartung lebensbestimmend sein.</p> <h3>Wirksamkeit von Erwartungen</h3> <p>Wie mächtig Erwartungen auch in positiver Hinsicht wirken können, zeigt eines der bekanntesten psychologischen Phänomene, das als Pygmalion- oder Rosenthal-Effekt bekannt wurde. Robert Rosenthal und Lenore Jacobson lieferten einen frühen experimentellen Hinweis, dass Erwartungen von Lehrkräften die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern beeinflussen können (Rosenthal &amp; Jacobson 1968).</p> <p>Glauben Lehrkräfte, bestimmte Schülerinnen oder Schüler verfügten über besonderes intellektuelles Entwicklungspotenzial, verhalten sie sich ihnen gegenüber häufig unbewusst anders. Sie geben dem Kind mehr Aufmerksamkeit, anspruchsvollere Aufgaben, mehr Zeit für Antworten oder ermutigenderes Feedback, was die Leistungsstärke und Motivation positiv beeinflusst. Erwartungen können dadurch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.</p> <p>Der Mechanismus funktioniert allerdings auch in die andere Richtung. Wer einem Menschen wenig zutraut, kann Bedingungen schaffen, unter denen dieser tatsächlich weniger Leistung zeigt. In der Forschung wird dieser negative Erwartungseffekt auch als Golem-Effekt bezeichnet (Babad, E. Y. et.al. 1982).</p> <p>Damit steht das Feld des Labelings in einem größeren gesellschaftlichen und persönlichkeitsdeterminierenden Kontext. Dabei geht es um die Fragen, wie viel von dem, was wir für die Eigenschaften eines Menschen halten, durch den Blick von außen entsteht und wie der Mensch schließlich lernt, sich selbst zu sehen.</p> <h3>Selbstbild und Authentizität</h3> <p>Genau an diesem Punkt berührt die Forschung zu Fehldiagnosen und Labeling die grundlegendere Frage nach Authentizität. In unserem Buch <em>Werde, wie du bist</em> (2026) haben meine Co-Autorin, die Schauspielerin Claudia Jahn und ich als Neurowissenschaftlerin, aus diesen unterschiedlichen Perspektiven beschrieben, wie Menschen zwischen eigenen Bedürfnissen, inneren Überzeugungen und den Erwartungen ihrer Umwelt ihren eigenen Weg finden. Die oben genannte Forschung zu diagnostischen Labels zeigt, wie herausfordernd diese Aufgabe sein kann. Denn unser Selbstbild entwickelt sich im Spiegel der Rückmeldungen, Zuschreibungen und Erwartungen anderer Menschen.</p> <p>Diagnosen sind deshalb nie nur neutrale Informationen. Sie können einerseits zwar die Türen zu Verständnis und Hilfe öffnen. Andererseits aber auch Erwartungen erzeugen, Möglichkeiten einengen und Identität belastend prägen. Umso wichtiger ist es, zwischen einer Beschreibung und einem Menschen zu unterscheiden und die Diagnostik ausschließlich in erfahrenen Händen zu belassen. Gerade deshalb verdienen diagnostische Urteile besondere Sorgfalt. Eine voreilige oder falsche Zuschreibung kann nicht nur Entscheidungen über Behandlung oder Förderung beeinflussen, sondern unter Umständen auch das Selbstverständnis eines Menschen über lange Zeit prägen.</p> <p>Vielleicht gehört zu einem stimmigen Leben deshalb auch eine Fähigkeit, sich immer wieder zu fragen, welche Vorstellungen über uns tatsächlich unsere eigenen sind und welche wir irgendwann von anderen übernommen haben.</p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Babad, E. Y., Inbar, J., &amp; Rosenthal, R. (1982). Pygmalion, Galatea, and the Golem: Investigations of biased and unbiased teachers. <em>Journal of Educational Psychology, 74</em>(4), 459–474. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-0663.74.4.459" rel="noopener">https://doi.org/10.1037/0022-0663.74.4.459</a>.</p> <p>Brohm-Badry, M., Jahn, C. (im Druck). Werde, wie du bist – ein Befreiungsschlag: Was es wirklich heißt, authentisch zu sein. Frankfurt/New York, <a href="https://campus.de/beruf-karriere/werde-wie-du-bist-ein-befreiungsschlag/CAM52246?srsltid=AfmBOoolxvSGcuBvlZOO2b1ySTL7LqnbOuwKmGO2ioErgTywo2G2p9PG" rel="noopener">Campus</a>.</p> <p>Edrich, K. (15.08. 2026). Basler Klinik lässt Praktikanten im Alleingang ADHS diagnostizieren. Neue Zürcher Zeitung am Sonntag.</p> <p>Fox, A. B., &amp; Earnshaw, V. A. (2023). The relationship between mental illness stigma and self-labeling. <em>Psychiatric Rehabilitation Journal, 46</em>(2), 127–136. https://doi.org/10.1037/prj0000552).</p> <p>Mickelberg, A., Walker, B., Ecker, U., Fay, N. Helpful or harmful? The effect of a diagnostic label and its later retraction on person impressions, Acta Psychologica, Volume 248, 2024, 104420.</p> <p>O’Connor, C., Brassil, M., O’Sullivan, S., Seery, C., &amp; Nearchou, F. (2022). How does diagnostic labelling affect social responses to people with mental illness? A systematic review of experimental studies using vignette-based designs. <em>Journal of Mental Health, 31</em>(1), 115–130. <a href="https://doi.org/10.1080/09638237.2021.1922653" rel="noopener">https://doi.org/10.1080/09638237.2021.1922653</a>.</p> <p>Rosenthal, R., &amp; Jacobson, L. (1968). <em>Pygmalion in the classroom: Teacher expectation and pupils’ intellectual development</em>. Holt, Rinehart and Winston.</p> <p>Sloan M, Bosley M, Gordon C, Pollak TA, Mann F, Massou E, Morris S, Holloway L, Harwood R, Middleton K, Diment W, Brimicombe J, Lever E, Calderwood L, Dalby E, Dunbar E, D’Cruz D, Naughton F. ‚I still can’t forget those words‘: mixed methods study of the persisting impact on patients reporting psychosomatic and psychiatric misdiagnoses. Rheumatology (Oxford). 2025 Jun 1;64(6):3842-3853. doi: 10.1093/rheumatology/keaf115. PMID: 40037287; PMCID: PMC12107051.</p> <p>website: https://www.brohm-badry.de/<br></br>sowie: https://eupons.eu/ (Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften, EUPONS.eu)</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wenn Fremdbilder unsere Selbstbilder werden - über die Macht von Zuschreibungen und die Kraft der Selbstbestimmung » Positive Psychologie und Motivation » SciLogs</h1><h2>By Von Michaela Brohm-Badry</h2><div itemprop="text"> <p>Michaela Brohm-Badry</p> <p><strong>Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtet am 15.08.2026, dass Praktikanten in einer Basler Klinik in alleiniger Verantwortung ADHS-Diagnosen stellen (Edrich 2026). Studierende, die vertretungsweise an Schulen arbeiten, lassen Arbeiten schreiben und vergeben Noten, Freunde oder Freundinnen kommentieren unseren Charakter oder unser Aussehen. Das ist sowohl aus neurowissenschaftlicher, als auch aus psychologischer, pädagogischer und medizinischer Sicht risikoreich.</strong></p> <p>Diagnostische Urteile sollten auf fachlicher Expertise und geeigneten Verfahren beruhen, denn sie können erhebliche Auswirkungen auf das Umfeld des beurteilten Menschen, auf den Menschen selbst und mitunter auch auf seinen Lebensentwurf haben. Und das bezieht sich sowohl auf medizinische, pädagogische als auch psychologische Diagnosen, und letztendlich auch auf beurteilende Alltagszuschreibungen durch nahestehende Menschen.</p> <p>Im idealen Fall geben Diagnosen Orientierung. Sie können entlasten, Behandlung ermöglichen und Menschen helfen, ihre Erfahrungen besser zu verstehen. Doch was geschieht, wenn eine Diagnose falsch ist oder wenn ein diagnostisches Etikett beginnt, stärker auf das Umfeld zu wirken als der Mensch selbst?</p> <p>Neuere Forschung zeigt, dass Fehldiagnosen weit über medizinische Fehlentscheidungen hinausreichen können. Betroffene berichten von Verunsicherung, Vertrauensverlust, vermindertem Selbstwert und anhaltender psychischer Belastung. Besonders folgenreich können Fehldiagnosen sein, wenn körperliche Beschwerden vorschnell als psychosomatisch oder psychiatrisch eingeordnet werden. Studien zeigen, dass manche Menschen noch Jahre später mit den Folgen solcher Zuschreibungen ringen (vgl. O’Connor, C., Brassil et al, 2022; Fox, A. B., &amp; Earnshaw, V. A. 2023; Mickelberg, A., Walker 2024).<aside></aside></p> <h3>Labeling verändert die Wahrnehmung</h3> <p>Dabei spielt ein Mechanismus eine zentrale Rolle, der als „Labeling“ bezeichnet wird. Sobald ein Mensch ein Etikett erhält, wie etwa „depressiv“, „schizophren“, „ADHS“, „nicht belastbar“, beziehungsweise „fleißig“, „schön“ oder „hochbegabt“, verändert dieses Wissen die Wahrnehmung durch andere und die Selbstwahrnehmung.</p> <p>Experimente mit verschiedenartigen Labels zeigen, dass dieselbe Person anders beurteilt wird, sobald ein diagnostisches Label bekannt ist. Ihr werden teilweise weniger Kontrolle über ihr Verhalten und geringere Genesungschancen zugeschrieben. Besonders bedeutungsvoll ist eine Studie von Mickelberg und Kolleg:innen (2024), die  zeigen, dass selbst nachdem eine zuvor mitgeteilte psychiatrische Diagnose ausdrücklich als falsch zurückgenommen worden war, das ursprüngliche, also falsche Label in der Wahrnehmung der Person weiterwirkt.</p> <p>Wie tief solche Zuschreibungen wirken können, zeigt eine aktuelle Studie von Sloan und Kolleg/innen (2025) an über 3300 Befragten: Mehr als 80 Prozent der Betroffenen berichteten nach einer psychosomatischen oder psychiatrischen Fehldiagnose von einem beschädigten Selbstwert, 72 Prozent waren durch die Erfahrung noch immer belastet. Zudem war ihr psychisches Wohlbefinden negativ beeinträchtigt.</p> <h3>Zuschreibungen wirken auf das Gehirn</h3> <p>Das zeigt auch, dass Labels nicht nur von außen durch die Behandlung des Umfelds  wirken, weil Menschen beginnen, sie in das eigene Selbstbild zu integrieren. Aus „Ich habe eine Diagnose“ kann im Laufe der Zeit der feste Glaube werden „Ich bin so“. Neurowissenschaftlich ist das durch Prozesse der Neuroplastizität zu erklären: Gedanken oder Handlungen, die häufig im Leben eines Menschen vorkommen, bilden neue neuronale Strukturen und neuronale Netzwerke im Gehirn und verfestigen sich dadurch. <br></br>Im Falle des Labelings ist insbesondere das Default Mode Network betroffen. Es aktiviert verschiedene Gehirnregionen, die besonders mit Selbstreflexion und autobiographischem Erleben – also wer bin ich? – verbunden sind. Und damit verändern sich möglicherweise Erwartungen an die eigene Leistungsfähigkeit, an Beziehungen und an die eigene Zukunft. Diagnosen können durch die immanente Erwartung lebensbestimmend sein.</p> <h3>Wirksamkeit von Erwartungen</h3> <p>Wie mächtig Erwartungen auch in positiver Hinsicht wirken können, zeigt eines der bekanntesten psychologischen Phänomene, das als Pygmalion- oder Rosenthal-Effekt bekannt wurde. Robert Rosenthal und Lenore Jacobson lieferten einen frühen experimentellen Hinweis, dass Erwartungen von Lehrkräften die Entwicklung von Schülerinnen und Schülern beeinflussen können (Rosenthal &amp; Jacobson 1968).</p> <p>Glauben Lehrkräfte, bestimmte Schülerinnen oder Schüler verfügten über besonderes intellektuelles Entwicklungspotenzial, verhalten sie sich ihnen gegenüber häufig unbewusst anders. Sie geben dem Kind mehr Aufmerksamkeit, anspruchsvollere Aufgaben, mehr Zeit für Antworten oder ermutigenderes Feedback, was die Leistungsstärke und Motivation positiv beeinflusst. Erwartungen können dadurch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.</p> <p>Der Mechanismus funktioniert allerdings auch in die andere Richtung. Wer einem Menschen wenig zutraut, kann Bedingungen schaffen, unter denen dieser tatsächlich weniger Leistung zeigt. In der Forschung wird dieser negative Erwartungseffekt auch als Golem-Effekt bezeichnet (Babad, E. Y. et.al. 1982).</p> <p>Damit steht das Feld des Labelings in einem größeren gesellschaftlichen und persönlichkeitsdeterminierenden Kontext. Dabei geht es um die Fragen, wie viel von dem, was wir für die Eigenschaften eines Menschen halten, durch den Blick von außen entsteht und wie der Mensch schließlich lernt, sich selbst zu sehen.</p> <h3>Selbstbild und Authentizität</h3> <p>Genau an diesem Punkt berührt die Forschung zu Fehldiagnosen und Labeling die grundlegendere Frage nach Authentizität. In unserem Buch <em>Werde, wie du bist</em> (2026) haben meine Co-Autorin, die Schauspielerin Claudia Jahn und ich als Neurowissenschaftlerin, aus diesen unterschiedlichen Perspektiven beschrieben, wie Menschen zwischen eigenen Bedürfnissen, inneren Überzeugungen und den Erwartungen ihrer Umwelt ihren eigenen Weg finden. Die oben genannte Forschung zu diagnostischen Labels zeigt, wie herausfordernd diese Aufgabe sein kann. Denn unser Selbstbild entwickelt sich im Spiegel der Rückmeldungen, Zuschreibungen und Erwartungen anderer Menschen.</p> <p>Diagnosen sind deshalb nie nur neutrale Informationen. Sie können einerseits zwar die Türen zu Verständnis und Hilfe öffnen. Andererseits aber auch Erwartungen erzeugen, Möglichkeiten einengen und Identität belastend prägen. Umso wichtiger ist es, zwischen einer Beschreibung und einem Menschen zu unterscheiden und die Diagnostik ausschließlich in erfahrenen Händen zu belassen. Gerade deshalb verdienen diagnostische Urteile besondere Sorgfalt. Eine voreilige oder falsche Zuschreibung kann nicht nur Entscheidungen über Behandlung oder Förderung beeinflussen, sondern unter Umständen auch das Selbstverständnis eines Menschen über lange Zeit prägen.</p> <p>Vielleicht gehört zu einem stimmigen Leben deshalb auch eine Fähigkeit, sich immer wieder zu fragen, welche Vorstellungen über uns tatsächlich unsere eigenen sind und welche wir irgendwann von anderen übernommen haben.</p> <p><strong>Literatur</strong></p> <p>Babad, E. Y., Inbar, J., &amp; Rosenthal, R. (1982). Pygmalion, Galatea, and the Golem: Investigations of biased and unbiased teachers. <em>Journal of Educational Psychology, 74</em>(4), 459–474. <a href="https://doi.org/10.1037/0022-0663.74.4.459" rel="noopener">https://doi.org/10.1037/0022-0663.74.4.459</a>.</p> <p>Brohm-Badry, M., Jahn, C. (im Druck). Werde, wie du bist – ein Befreiungsschlag: Was es wirklich heißt, authentisch zu sein. Frankfurt/New York, <a href="https://campus.de/beruf-karriere/werde-wie-du-bist-ein-befreiungsschlag/CAM52246?srsltid=AfmBOoolxvSGcuBvlZOO2b1ySTL7LqnbOuwKmGO2ioErgTywo2G2p9PG" rel="noopener">Campus</a>.</p> <p>Edrich, K. (15.08. 2026). Basler Klinik lässt Praktikanten im Alleingang ADHS diagnostizieren. Neue Zürcher Zeitung am Sonntag.</p> <p>Fox, A. B., &amp; Earnshaw, V. A. (2023). The relationship between mental illness stigma and self-labeling. <em>Psychiatric Rehabilitation Journal, 46</em>(2), 127–136. https://doi.org/10.1037/prj0000552).</p> <p>Mickelberg, A., Walker, B., Ecker, U., Fay, N. Helpful or harmful? The effect of a diagnostic label and its later retraction on person impressions, Acta Psychologica, Volume 248, 2024, 104420.</p> <p>O’Connor, C., Brassil, M., O’Sullivan, S., Seery, C., &amp; Nearchou, F. (2022). How does diagnostic labelling affect social responses to people with mental illness? A systematic review of experimental studies using vignette-based designs. <em>Journal of Mental Health, 31</em>(1), 115–130. <a href="https://doi.org/10.1080/09638237.2021.1922653" rel="noopener">https://doi.org/10.1080/09638237.2021.1922653</a>.</p> <p>Rosenthal, R., &amp; Jacobson, L. (1968). <em>Pygmalion in the classroom: Teacher expectation and pupils’ intellectual development</em>. Holt, Rinehart and Winston.</p> <p>Sloan M, Bosley M, Gordon C, Pollak TA, Mann F, Massou E, Morris S, Holloway L, Harwood R, Middleton K, Diment W, Brimicombe J, Lever E, Calderwood L, Dalby E, Dunbar E, D’Cruz D, Naughton F. ‚I still can’t forget those words‘: mixed methods study of the persisting impact on patients reporting psychosomatic and psychiatric misdiagnoses. Rheumatology (Oxford). 2025 Jun 1;64(6):3842-3853. doi: 10.1093/rheumatology/keaf115. PMID: 40037287; PMCID: PMC12107051.</p> <p>website: https://www.brohm-badry.de/<br></br>sowie: https://eupons.eu/ (Europäisches Forum für Positive Neurowissenschaften, EUPONS.eu)</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wenn-fremdbilder-unsere-selbstbilder-werden-ueber-die-macht-von-zuschreibungen-und-die-kraft-der-selbstbestimmung/#comments 2 Was würde ein Alkoholverbot für Jugendliche bringen? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-wuerde-ein-alkoholverbot-fuer-jugendliche-bringen/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-wuerde-ein-alkoholverbot-fuer-jugendliche-bringen/#comments Thu, 20 Aug 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3666 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/vilkasss-ai-generated-9005138-768x578.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-wuerde-ein-alkoholverbot-fuer-jugendliche-bringen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/vilkasss-ai-generated-9005138-1024x771.jpg" /><h1>Was würde ein Alkoholverbot für Jugendliche bringen? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Sowohl der Nutzen des Verbots als auch die gesundheitswissenschaftliche Begründung ist zweifelhaft</strong></p> <span id="more-3666"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/">ersten Teil</a> habe ich den jüngsten Umschwung beim Thema Alkohol auf eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation vom Anfang 2023 zurückgeführt. Die jahrzehntelange Empfehlung, Frauen könnten durchschnittlich 300 Milliliter Bier (mit 5 Prozent Alk.) am Tag „risikoarm“ konsumieren und Männer das Doppelte galt auf einmal nicht mehr. Laut der neuen Kommunikationsstrategie ist jeder Tropfen einer zu viel.</p> <p>Ich habe dort kurz erklärt, dass die wissenschaftliche Begründung hierfür fraglich ist. Am Ende dieses zweiten Teils wiese ich auf Fehler und innere Widersprüche bei dieser Kommunikation hin – und auch die fehlende Bereitschaft von Fachleuten und Medien, sich Kritik zu stellen und Fehler zu korrigieren.</p> <p>Zunächst beschäftigen wir uns aber mit dem tagesaktuellen Problem: Denn obwohl Jugendliche und Erwachsene schon seit vielen Jahren immer weniger trinken, will der Gesetzgeber jetzt den Zugang zu Alkohol für Jugendliche erschweren. Zahlreiche Medien berichteten, 14- und 15-Jährige dürften das Genussmittel bald nicht mehr konsumieren. Dabei irrten sie sich darüber, dass eine Einschränkung der Regelung in § 9 Jugendschutzgesetz zum sogenannten „begleiteten Trinken“ nur den Alkoholkonsum <em>in der Öffentlichkeit</em> betrifft. So stand es auch wortwörtlich in einer Initiative des Bundesrats vom September 2025, die im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/">ersten Teil</a> erwähnt wurde.</p> <p>Nehmen wir einmal an, der Alkoholkonsum unter 16 oder gar unter 18 Jahren würde in Deutschland generell verboten. Was wäre dann zu erwarten? Ein Blick in die Niederlande gibt darauf Hinweise.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Vergleich Niederlande</h2> <p>Im kleinen Nachbarland im Westen wurde schon zum 1. Januar 2014 die Altersgrenze für die Abgabe von Alkohol in Gaststätten und Geschäften auf 18 Jahre angehoben. Das bezieht sich auch auf Gruppen: Beim Einkauf muss die jüngste Person volljährig sein und alle, die aussehen wie unter 25, müssen sich ausweisen. Ansonsten dürfen sie keinen Alkohol kaufen oder drohen dem Verkäufer hohe Bußgelder. Das bedeutet übrigens auch, dass Eltern in Begleitung ihrer minderjährigen Kinder beim Einkaufen nicht einmal mehr Bier oder Wein fürs Abendessen erwerben können.</p> <p>Schul- und Ferienausflüge ins belgische oder deutsche Nachbarland, wo man bekanntlich – man muss ergänzen: <em>vorläufig</em> noch – ab 16 Jahren alkoholische Getränke kaufen darf, wurden seitdem populärer. Auf Volksfesten und in Sportvereinen entstanden aber Folgeprobleme, wo jetzt die 16- und 17-Jährigen neben ihren 18-jährigen Freunden oder Geschwistern nicht mehr trinken dürfen.</p> <p>Wir wissen alle, was von solchen Regeln im Einzelfall zu halten ist, wenn (junge) Menschen ausgiebig feiern wollen. Nach ein paar enthüllenden Medienberichten mussten Vereine sich selbst in Erklärungen zu schärferen Kontrollen verpflichten. Wie streng sie sich daran halten, weiß niemand. Doch es gibt Studien zum Alkoholkonsum Minderjähriger.</p> <p>Trotz der Verbote, der Strafen und aller Folgeprobleme hatten <a href="https://www.nationaledrugmonitor.nl/alcohol-laatste-feiten-en-trends/" rel="noopener">laut dem Nationalen Drogenmonitor</a> 2023 immer noch 35 Prozent der 12- bis 16-Jährigen im letzten Jahr Alkohol getrunken, 22 Prozent im letzten Monat und 14 Prozent hatten sogar das problematische Rauschtrinken eingeräumt. Letzteres wird als der Konsum von mindestens fünf Glasen Alkohol bei einer Gelegenheit definiert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Deutschland halbierte sich die Lebenszeitprävalenz – mindestens einmal im Leben Alkohol getrunken zu haben – bei den 12- bis 15-jährigen Mädchen (rot) und Jungen (blau) im dargestellten Zeitraum. Auch der Anteil der regelmäßigen Trinker halbierte sich in etwa (nicht dargestellt). Zum Vergleich: In den Niederlanden hatten trotz der strengen Verbote immer noch 35 Prozent der 12- bis 16-Jährigen im letzten Jahr Alkohol konsumiert. Deutschland (ohne Verbote) und die Niederlande (mit Verboten) liegen damit in etwa gleichauf. Datenquellen: Alkoholatlas/BZgA, Nationale Drugmonitor</em></p> <p>Die niederländischen 35 Prozent fürs letzte Jahr liegen überraschend nahe bei der Lebenszeitprävalenz der deutschen 12- bis 15-Jährigen, auch ganz ohne Regulierung. Ob der deutsche Gesetzgeber mit dem geplanten Verbot sein gestecktes Ziel überhaupt erreichen kann, ist damit fraglich. Eine häufige Quelle für den illegalen Alkoholkonsum Minderjähriger in den Niederlanden sind übrigens die Eltern und älteren Geschwister.</p> <h2>Unehrliche Wissenschaft</h2> <p>Ich hatte versprochen, noch auf die wissenschaftliche Grundlage des seit 2023 radikal anders gepredigten Umgangs mit Alkohol einzugehen. Die statistischen Details sind zu kompliziert, um hier in die Tiefe zu gehen. Dass diese Art der Studien in den Gesundheits- und Ernährungswissenschaften allgemein nicht sehr aussagekräftig ist, hatte ich schon erwähnt. So lässt sich prinzipiell keine Ursache-Wirkungs-Beziehung feststellen und bei Zeiträumen von Jahren bis Jahrzehnten, in denen sich viele kleine Krankheitsrisiken zu einer tatsächlichen Erkrankung entwickeln, kann man unmöglich alle möglichen Einflussfaktoren erheben.</p> <p>Aber auch auf den ersten Blick lässt sich feststellen, dass die neue, seit 2023 von der Weltgesundheitsorganisation angestoßene Kommunikationsstrategie unehrlich und in sich widersprüchlich ist. Als Beispiel habe ich erst vor Kurzem die neue Empfehlung des niederländischen Gesundheitsrats <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/06/gesundheitsrat-alkohol-soll-schwerer-zugaenglich-gemacht-werden/" rel="noopener">diskutiert</a>. Auch diese verbreitet die Sichtweise, es gebe keine sichere Untergrenze beim Alkoholkonsum. Wer aber nicht nur die Pressemitteilung liest, sondern auch den Bericht, findet Gegenteiliges:</p> <p>„Bei Frauen wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 25 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität im Vergleich zu lebenslangen Abstinenzlern festgestellt. Bei einem Konsum von mehr als 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko. Bei Männern wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 45 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität festgestellt. Ab 45 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko.“ (Bericht des Niederländischer Gesundheitsrats, Juni 2026)</p> <p>Wohlgemerkt, die hier zitierten Grenzen sind sogar <em>doppelt</em> so hoch wie die oben diskutierten alten Richtlinien für den „risikoarmen“ Konsum. Demnach könnten Frauen im Schnitt bis zu 0,6 Liter Bier und Männer sogar 1,1 Liter täglich trinken, ohne dass sich das statistisch auf die Sterblichkeit auswirkt. Wie passt das zur Botschaft, es gebe keine sichere Untergrenze?</p> <h2>Selbstwidersprüche</h2> <p>In zeitlicher Nähe zum Bericht des Gesundheitsrats hatte neben vielen anderen Medien auch die wichtige Tageszeitung <em>de Volkskrant</em> wieder einmal zum Kampf gegen Alkohol <a href="https://www.volkskrant.nl/wetenschap/hoe-schadelijk-zijn-bier-wijn-en-sterke-drank-alcohol-laat-geen-orgaan-ongemoeid-dit-gebeurt-er-in-het-lichaam-als-je-alcohol-drinkt~bd598cfe/" rel="noopener">aufgerufen</a>. Dort war es mit Ellen de Visser sogar eine Medizinredakteurin, die ein Schreckensbild des Alkoholkonsums ab dem ersten Tropfen an die Wand malte. Dass moderater Alkoholkonsum – gemäß dem erwähnten Bild der J- oder Hockeyschläger-Kurve – mit geringeren Gesundheitsrisiken einhergehe, sei lange widerlegt.</p> <p>Dumm nur, dass eine ihrer eigenen Quellen, eine neue Arbeit aus dem wissenschaftlichen Fachmagazin <em>Cancer</em>, dem <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">widerspricht</a>. Für Alkoholtrinker im Bereich von sieben bis 14 Gläsern pro Woche fanden die Fachleute um Erikka Loftfield vom nationalen Krebsforschungszentrum der USA nämlich ein um 21 Prozent <em>niedrigeres</em> Risiko für mehrere Arten von Darmkrebs. Auf meinen Hinweis und die Bitte um Korrektur ihres Fehlers reagierte die Redaktion nicht.</p> <p>Einen ähnlichen Fauxpas spülte mir kürzlich der Algorithmus von LinkedIn vor die Augen. Doch ich könnte viele weitere Beispiele nennen. Diesmal wiederholte Olivier George, Psychiatrieprofessor an der University of California in San Diego, das Mantra, es gebe <a href="https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7483122603226898432/" rel="noopener">keine sichere Untergrenze</a> für den Alkoholkonsum.</p> <p>Dem widersprach aber die von ihm zitierte neue wissenschaftliche Studie ausdrücklich: Unter 6,5 alkoholischen Getränken pro Woche hatte man <em>keinen</em> statistischen Unterschied bei der Sterblichkeit <a href="https://www.jsad.com/doi/10.15288/jsad.25-00435" rel="noopener">festgestellt</a>. Bis zu 8,5 wöchentlichen Getränken gab es bei 999 von 1000 Menschen keinen Unterschied und bis zu 14 alkoholischen Getränken pro Woche bei 99 von 100.</p> <p>Bei so kleinen Effekten ist zudem fraglich, ob der minimale Unterschied wirklich am Alkoholkonsum liegt oder einem anderen Lebensfaktor, der in der Studie nicht berücksichtigt wurde. Auch dieser Wissenschaftler korrigierte seine Fehler auf meine Hinweise ausdrücklich nicht. Warum sollte man auch auf die Fakten schauen, wenn man sich die Wahrheit schon zurechtgelegt hat?</p> <h2>Ländervergleich</h2> <p>Für einen ersten Eindruck kann man auch einen Blick auf die makroskopische Ebene werfen: Wie stark hängen Alkoholkonsum und die Lebenserwartung in verschiedenen Ländern zusammen?</p> <p>Die Niederlande haben zum Beispiel einen 22 Prozent niedrigeren Pro-Kopf-Alkoholkonsum als Deutschland, aber nur eine einprozentige höhere Lebenserwartung, nämlich keine zehn Monate. In Luxemburg ist die Lebenserwartung so hoch wie in den Niederlanden, doch trinkt man so viel wie in Deutschland. In Frankreich oder Österreich trinkt man mehr – <em>und</em> ist die Lebenserwartung höher als in Deutschland.</p> <p>Über alle Länder hinweg lässt sich ein klarer Zusammenhang aufzeigen, dass die Menschen im Durchschnitt desto länger leben, je mehr Alkohol getrunken wird. Das widerlegt natürlich nicht die Funde, dass vor allem ein starker Konsum zu schweren Erkrankungen führen kann. Es ist aber ein weiteres Indiz, dass ein gesunder Lebenswandel mit moderatem Alkoholkonsum vereinbar ist. Und es zeigt, dass sicht Gesundheit nicht nur auf einen Faktor reduzieren lässt.</p> <p>Somit sehen wir, dass die anhaltende Panikmache als Folge der neuen Alkoholstrategie maßlos übertrieben ist. Warum viele Forscherinnen und Forscher sich daran beteiligen, bleibt Spekulation. Aber es dürfte um das Erzielen von Aufmerksamkeit und das Einwerben von Forschungsgeldern gehen. Mit Blick auf die schon geschehenen und bevorstehenden Gesetzesänderungen ist das aber nicht unschuldig. Die Folgeprobleme für die Gesellschaft sind groß.</p> <h2>Der größte Folgeschaden</h2> <p>Dabei haben wir das größte Problem noch gar nicht besprochen: Diese Gesundheitswissenschaftler wiederholen den schon oft und auch in der Coronaviruspandemie wieder begangenen großen Fehler, den Menschen nur als biologischen Zellhaufen zu definieren. Die sozialen Hintergründe und Folgen einer Maßnahme werden ignoriert.</p> <p>Von den zitierten selbst ernannten Fachleuten für Alkohol scheint noch niemand ein Buch über die Kulturgeschichte des Genussmittelns in die Hand genommen zu haben. Ein Klassiker im Deutschen ist zum Beispiel <em>Die Macht der Trunkenheit</em> vom Geschichts- und Soziologieprofessor Hasso Spode. Im Englischen hat der Philosophieprofessor Edward Slingerland mit seinem Buch <em>Drunk</em> in ähnlicher Weise die Bedeutung des Alkohols für die Evolution und Kultur des Menschen herausgearbeitet – insbesondere mit Blick auf soziale Rituale und Gemeinschaft.</p> <p>Wir befinden uns in einer Zeit, in der immer mehr Menschen über Einsamkeit, Depressionen und Angst klagen und nicht wenige von ihnen langfristig arbeitsunfähig werden. In dieser Zeit raten Gesundheitswissenschaftler mit radikalen, keineswegs unumstrittenen Warnungen vom Gebrauch des Mittels ab, das uns seit vielen Jahrtausenden beim Kontakt miteinander geholfen hat: Alkohol.</p> <p>Dass vor allem regelmäßiger, starker Konsum zu bestimmten Krankheiten führen kann, bestreitet niemand. Doch die Gesundheitswissenschaftler übersehen den lange bekannten Fund, dass soziale Isolation ein viel größeres Gesundheitsrisiko ist als viele der immer wieder angeführten biologisch-körperlichen Risikofaktoren. Das ist keine neue Entdeckung, sondern habe ich schon im Schlusskapitel meines Buchs <em>Gehirn, Psyche und Gesellschaft</em> aus dem Jahr 2021 diskutiert.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Damit ergibt sich folgendes Fazit: Die wissenschaftlichen Funde zu den Gesundheitsrisiken des Alkohols sind keineswegs so eindeutig, wie es viele Fachleute und -gesellschaften seit 2023 darstellen. Es gibt auch weiterhin Befunde, dass moderater Konsum unschädlich ist oder in bestimmten Bereichen sogar mit <em>geringeren</em> Risiken einhergeht (zum Beispiel <a href="https://www.mdpi.com/2311-5637/12/3/159" rel="noopener">hier</a> oder <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">hier</a>).</p> <p>Einige der neuen Berichte und Empfehlungen behaupten, es gebe keine sichere Untergrenze – zitieren aber selbst Studien, die das Gegenteil berichten. Ein vernünftiger Richtwert bleibt die über 20 Jahre bewährte Vorgabe für den „risikoarmen“ Konsum von durchschnittlich 300 Millilitern Bier (5 Prozent Alk.) pro Tag für Frauen und der doppelten Menge für Männer.</p> <p>Ob die jetzt avisierte Streichung der Ausnahme für das „begleitete Trinken“ im Jugendschutzgesetz einen präventiven Nutzen hat, ist fraglich. Der Alkoholkonsum von Jugendlichen ist bereits stark zurückgegangen. Die Gesetzesänderung wird aber über viele Jahre zu praktischen Folgeproblemen führen.</p> <p>Vor allem fällt in der heutigen Kommunikation über Alkoholkonsum das Soziale völlig unter den Tisch. Dabei hieß es schon in der <a href="https://www.who.int/europe/de/news/item/28-12-2022-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">Pressemitteilung</a> der Weltgesundheitsorganisation, mit der alles anfing: „Benachteiligte und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen weisen höhere alkoholbedingte Todesfall- und Hospitalisierungsraten auf, da die Schäden … bei einkommensschwachen Trinkern und ihren Familien in jeder Gesellschaft höher ausfallen als unter wohlhabenderen Trinkern.“ Dass sozial ausgegrenzte Menschen häufiger krank werden und früher sterben, dagegen könnten Gesundheitswissenschaftler, Medien und Politik einmal etwas unternehmen!</p> <p>Während der Alkoholkonsum stetig zurückgeht und immer mehr Menschen und insbesondere Jugendliche über Einsamkeit, Angst und Depressionen klagen, wollen Gesundheitswissenschaftler gerade das Mittel abschaffen, das Menschen seit Jahrtausenden miteinander verbindet. Wenn diese Strategie weiter verfolgt wird, dürfte der inzwischen stark verbreitete Konsum sogenannter Antidepressiva sowie von Schlaf- und Aufputschmitteln weiter steigen. Schon heute steigen junge Menschen auf synthetische Drogen um, weil sie glauben, Bier und Ähnliches seien giftig; einige sind daran bereits gestorben.</p> <p>Postscriptum: Danke für den Leserkommentar, der auf die besondere Rolle der Guttempler-Organisation, heute <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Movendi_International" rel="noopener">Movendi International</a>, und Forscherpersönlichkeiten wie Tim Stockwell, emeritierter Psychologieprofessor an der kanadischen University of Victoria, bei den strengen neuen Anti-Alkohol-Richtlinien hinwies. Stockwell kam in einem Podcast im April 2025 <a href="https://youtu.be/aBJ_wEv3ZdI?si=6rd8ULzh6c5JxYEk&amp;t=288" rel="noopener">ins Straucheln</a>, als er die individuellen Risiken von moderatem Alkoholkonsum erklären sollte. Nach viel Herumgerede referierte er, dass man bei sechs Drinks pro Woche im Durchschnitt ganze elf Wochen früher sterbe; bei zwei Drinks pro Woche – dabei muss er selbst lachen – seien es zwei oder drei Tage. Spätestens hier sollte einem klar werden, dass es sich um statistische Rechenspiele handelt. In der Beschreibung des Podcasts ist trotzdem von „erschütternden Risiken, früher zu sterben“ in Zusammenhang mit moderatem Alkoholkonsum die Rede.</p> <h2>Zum Weiterlesen</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg"><img alt="" decoding="async" height="732" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-768x549.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> <p>Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims <em><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabisprotokolle</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in <em><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich).</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0ac26e9d318641afa2c3447bd05d4d28" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/vilkasss-ai-generated-9005138-1024x771.jpg" /><h1>Was würde ein Alkoholverbot für Jugendliche bringen? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Sowohl der Nutzen des Verbots als auch die gesundheitswissenschaftliche Begründung ist zweifelhaft</strong></p> <span id="more-3666"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/">ersten Teil</a> habe ich den jüngsten Umschwung beim Thema Alkohol auf eine Initiative der Weltgesundheitsorganisation vom Anfang 2023 zurückgeführt. Die jahrzehntelange Empfehlung, Frauen könnten durchschnittlich 300 Milliliter Bier (mit 5 Prozent Alk.) am Tag „risikoarm“ konsumieren und Männer das Doppelte galt auf einmal nicht mehr. Laut der neuen Kommunikationsstrategie ist jeder Tropfen einer zu viel.</p> <p>Ich habe dort kurz erklärt, dass die wissenschaftliche Begründung hierfür fraglich ist. Am Ende dieses zweiten Teils wiese ich auf Fehler und innere Widersprüche bei dieser Kommunikation hin – und auch die fehlende Bereitschaft von Fachleuten und Medien, sich Kritik zu stellen und Fehler zu korrigieren.</p> <p>Zunächst beschäftigen wir uns aber mit dem tagesaktuellen Problem: Denn obwohl Jugendliche und Erwachsene schon seit vielen Jahren immer weniger trinken, will der Gesetzgeber jetzt den Zugang zu Alkohol für Jugendliche erschweren. Zahlreiche Medien berichteten, 14- und 15-Jährige dürften das Genussmittel bald nicht mehr konsumieren. Dabei irrten sie sich darüber, dass eine Einschränkung der Regelung in § 9 Jugendschutzgesetz zum sogenannten „begleiteten Trinken“ nur den Alkoholkonsum <em>in der Öffentlichkeit</em> betrifft. So stand es auch wortwörtlich in einer Initiative des Bundesrats vom September 2025, die im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/">ersten Teil</a> erwähnt wurde.</p> <p>Nehmen wir einmal an, der Alkoholkonsum unter 16 oder gar unter 18 Jahren würde in Deutschland generell verboten. Was wäre dann zu erwarten? Ein Blick in die Niederlande gibt darauf Hinweise.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Vergleich Niederlande</h2> <p>Im kleinen Nachbarland im Westen wurde schon zum 1. Januar 2014 die Altersgrenze für die Abgabe von Alkohol in Gaststätten und Geschäften auf 18 Jahre angehoben. Das bezieht sich auch auf Gruppen: Beim Einkauf muss die jüngste Person volljährig sein und alle, die aussehen wie unter 25, müssen sich ausweisen. Ansonsten dürfen sie keinen Alkohol kaufen oder drohen dem Verkäufer hohe Bußgelder. Das bedeutet übrigens auch, dass Eltern in Begleitung ihrer minderjährigen Kinder beim Einkaufen nicht einmal mehr Bier oder Wein fürs Abendessen erwerben können.</p> <p>Schul- und Ferienausflüge ins belgische oder deutsche Nachbarland, wo man bekanntlich – man muss ergänzen: <em>vorläufig</em> noch – ab 16 Jahren alkoholische Getränke kaufen darf, wurden seitdem populärer. Auf Volksfesten und in Sportvereinen entstanden aber Folgeprobleme, wo jetzt die 16- und 17-Jährigen neben ihren 18-jährigen Freunden oder Geschwistern nicht mehr trinken dürfen.</p> <p>Wir wissen alle, was von solchen Regeln im Einzelfall zu halten ist, wenn (junge) Menschen ausgiebig feiern wollen. Nach ein paar enthüllenden Medienberichten mussten Vereine sich selbst in Erklärungen zu schärferen Kontrollen verpflichten. Wie streng sie sich daran halten, weiß niemand. Doch es gibt Studien zum Alkoholkonsum Minderjähriger.</p> <p>Trotz der Verbote, der Strafen und aller Folgeprobleme hatten <a href="https://www.nationaledrugmonitor.nl/alcohol-laatste-feiten-en-trends/" rel="noopener">laut dem Nationalen Drogenmonitor</a> 2023 immer noch 35 Prozent der 12- bis 16-Jährigen im letzten Jahr Alkohol getrunken, 22 Prozent im letzten Monat und 14 Prozent hatten sogar das problematische Rauschtrinken eingeräumt. Letzteres wird als der Konsum von mindestens fünf Glasen Alkohol bei einer Gelegenheit definiert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-12-15-Jahre-LebenszeitP-Deutschland-mit-Pfeil.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Deutschland halbierte sich die Lebenszeitprävalenz – mindestens einmal im Leben Alkohol getrunken zu haben – bei den 12- bis 15-jährigen Mädchen (rot) und Jungen (blau) im dargestellten Zeitraum. Auch der Anteil der regelmäßigen Trinker halbierte sich in etwa (nicht dargestellt). Zum Vergleich: In den Niederlanden hatten trotz der strengen Verbote immer noch 35 Prozent der 12- bis 16-Jährigen im letzten Jahr Alkohol konsumiert. Deutschland (ohne Verbote) und die Niederlande (mit Verboten) liegen damit in etwa gleichauf. Datenquellen: Alkoholatlas/BZgA, Nationale Drugmonitor</em></p> <p>Die niederländischen 35 Prozent fürs letzte Jahr liegen überraschend nahe bei der Lebenszeitprävalenz der deutschen 12- bis 15-Jährigen, auch ganz ohne Regulierung. Ob der deutsche Gesetzgeber mit dem geplanten Verbot sein gestecktes Ziel überhaupt erreichen kann, ist damit fraglich. Eine häufige Quelle für den illegalen Alkoholkonsum Minderjähriger in den Niederlanden sind übrigens die Eltern und älteren Geschwister.</p> <h2>Unehrliche Wissenschaft</h2> <p>Ich hatte versprochen, noch auf die wissenschaftliche Grundlage des seit 2023 radikal anders gepredigten Umgangs mit Alkohol einzugehen. Die statistischen Details sind zu kompliziert, um hier in die Tiefe zu gehen. Dass diese Art der Studien in den Gesundheits- und Ernährungswissenschaften allgemein nicht sehr aussagekräftig ist, hatte ich schon erwähnt. So lässt sich prinzipiell keine Ursache-Wirkungs-Beziehung feststellen und bei Zeiträumen von Jahren bis Jahrzehnten, in denen sich viele kleine Krankheitsrisiken zu einer tatsächlichen Erkrankung entwickeln, kann man unmöglich alle möglichen Einflussfaktoren erheben.</p> <p>Aber auch auf den ersten Blick lässt sich feststellen, dass die neue, seit 2023 von der Weltgesundheitsorganisation angestoßene Kommunikationsstrategie unehrlich und in sich widersprüchlich ist. Als Beispiel habe ich erst vor Kurzem die neue Empfehlung des niederländischen Gesundheitsrats <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/06/gesundheitsrat-alkohol-soll-schwerer-zugaenglich-gemacht-werden/" rel="noopener">diskutiert</a>. Auch diese verbreitet die Sichtweise, es gebe keine sichere Untergrenze beim Alkoholkonsum. Wer aber nicht nur die Pressemitteilung liest, sondern auch den Bericht, findet Gegenteiliges:</p> <p>„Bei Frauen wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 25 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität im Vergleich zu lebenslangen Abstinenzlern festgestellt. Bei einem Konsum von mehr als 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko. Bei Männern wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 45 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität festgestellt. Ab 45 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko.“ (Bericht des Niederländischer Gesundheitsrats, Juni 2026)</p> <p>Wohlgemerkt, die hier zitierten Grenzen sind sogar <em>doppelt</em> so hoch wie die oben diskutierten alten Richtlinien für den „risikoarmen“ Konsum. Demnach könnten Frauen im Schnitt bis zu 0,6 Liter Bier und Männer sogar 1,1 Liter täglich trinken, ohne dass sich das statistisch auf die Sterblichkeit auswirkt. Wie passt das zur Botschaft, es gebe keine sichere Untergrenze?</p> <h2>Selbstwidersprüche</h2> <p>In zeitlicher Nähe zum Bericht des Gesundheitsrats hatte neben vielen anderen Medien auch die wichtige Tageszeitung <em>de Volkskrant</em> wieder einmal zum Kampf gegen Alkohol <a href="https://www.volkskrant.nl/wetenschap/hoe-schadelijk-zijn-bier-wijn-en-sterke-drank-alcohol-laat-geen-orgaan-ongemoeid-dit-gebeurt-er-in-het-lichaam-als-je-alcohol-drinkt~bd598cfe/" rel="noopener">aufgerufen</a>. Dort war es mit Ellen de Visser sogar eine Medizinredakteurin, die ein Schreckensbild des Alkoholkonsums ab dem ersten Tropfen an die Wand malte. Dass moderater Alkoholkonsum – gemäß dem erwähnten Bild der J- oder Hockeyschläger-Kurve – mit geringeren Gesundheitsrisiken einhergehe, sei lange widerlegt.</p> <p>Dumm nur, dass eine ihrer eigenen Quellen, eine neue Arbeit aus dem wissenschaftlichen Fachmagazin <em>Cancer</em>, dem <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">widerspricht</a>. Für Alkoholtrinker im Bereich von sieben bis 14 Gläsern pro Woche fanden die Fachleute um Erikka Loftfield vom nationalen Krebsforschungszentrum der USA nämlich ein um 21 Prozent <em>niedrigeres</em> Risiko für mehrere Arten von Darmkrebs. Auf meinen Hinweis und die Bitte um Korrektur ihres Fehlers reagierte die Redaktion nicht.</p> <p>Einen ähnlichen Fauxpas spülte mir kürzlich der Algorithmus von LinkedIn vor die Augen. Doch ich könnte viele weitere Beispiele nennen. Diesmal wiederholte Olivier George, Psychiatrieprofessor an der University of California in San Diego, das Mantra, es gebe <a href="https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7483122603226898432/" rel="noopener">keine sichere Untergrenze</a> für den Alkoholkonsum.</p> <p>Dem widersprach aber die von ihm zitierte neue wissenschaftliche Studie ausdrücklich: Unter 6,5 alkoholischen Getränken pro Woche hatte man <em>keinen</em> statistischen Unterschied bei der Sterblichkeit <a href="https://www.jsad.com/doi/10.15288/jsad.25-00435" rel="noopener">festgestellt</a>. Bis zu 8,5 wöchentlichen Getränken gab es bei 999 von 1000 Menschen keinen Unterschied und bis zu 14 alkoholischen Getränken pro Woche bei 99 von 100.</p> <p>Bei so kleinen Effekten ist zudem fraglich, ob der minimale Unterschied wirklich am Alkoholkonsum liegt oder einem anderen Lebensfaktor, der in der Studie nicht berücksichtigt wurde. Auch dieser Wissenschaftler korrigierte seine Fehler auf meine Hinweise ausdrücklich nicht. Warum sollte man auch auf die Fakten schauen, wenn man sich die Wahrheit schon zurechtgelegt hat?</p> <h2>Ländervergleich</h2> <p>Für einen ersten Eindruck kann man auch einen Blick auf die makroskopische Ebene werfen: Wie stark hängen Alkoholkonsum und die Lebenserwartung in verschiedenen Ländern zusammen?</p> <p>Die Niederlande haben zum Beispiel einen 22 Prozent niedrigeren Pro-Kopf-Alkoholkonsum als Deutschland, aber nur eine einprozentige höhere Lebenserwartung, nämlich keine zehn Monate. In Luxemburg ist die Lebenserwartung so hoch wie in den Niederlanden, doch trinkt man so viel wie in Deutschland. In Frankreich oder Österreich trinkt man mehr – <em>und</em> ist die Lebenserwartung höher als in Deutschland.</p> <p>Über alle Länder hinweg lässt sich ein klarer Zusammenhang aufzeigen, dass die Menschen im Durchschnitt desto länger leben, je mehr Alkohol getrunken wird. Das widerlegt natürlich nicht die Funde, dass vor allem ein starker Konsum zu schweren Erkrankungen führen kann. Es ist aber ein weiteres Indiz, dass ein gesunder Lebenswandel mit moderatem Alkoholkonsum vereinbar ist. Und es zeigt, dass sicht Gesundheit nicht nur auf einen Faktor reduzieren lässt.</p> <p>Somit sehen wir, dass die anhaltende Panikmache als Folge der neuen Alkoholstrategie maßlos übertrieben ist. Warum viele Forscherinnen und Forscher sich daran beteiligen, bleibt Spekulation. Aber es dürfte um das Erzielen von Aufmerksamkeit und das Einwerben von Forschungsgeldern gehen. Mit Blick auf die schon geschehenen und bevorstehenden Gesetzesänderungen ist das aber nicht unschuldig. Die Folgeprobleme für die Gesellschaft sind groß.</p> <h2>Der größte Folgeschaden</h2> <p>Dabei haben wir das größte Problem noch gar nicht besprochen: Diese Gesundheitswissenschaftler wiederholen den schon oft und auch in der Coronaviruspandemie wieder begangenen großen Fehler, den Menschen nur als biologischen Zellhaufen zu definieren. Die sozialen Hintergründe und Folgen einer Maßnahme werden ignoriert.</p> <p>Von den zitierten selbst ernannten Fachleuten für Alkohol scheint noch niemand ein Buch über die Kulturgeschichte des Genussmittelns in die Hand genommen zu haben. Ein Klassiker im Deutschen ist zum Beispiel <em>Die Macht der Trunkenheit</em> vom Geschichts- und Soziologieprofessor Hasso Spode. Im Englischen hat der Philosophieprofessor Edward Slingerland mit seinem Buch <em>Drunk</em> in ähnlicher Weise die Bedeutung des Alkohols für die Evolution und Kultur des Menschen herausgearbeitet – insbesondere mit Blick auf soziale Rituale und Gemeinschaft.</p> <p>Wir befinden uns in einer Zeit, in der immer mehr Menschen über Einsamkeit, Depressionen und Angst klagen und nicht wenige von ihnen langfristig arbeitsunfähig werden. In dieser Zeit raten Gesundheitswissenschaftler mit radikalen, keineswegs unumstrittenen Warnungen vom Gebrauch des Mittels ab, das uns seit vielen Jahrtausenden beim Kontakt miteinander geholfen hat: Alkohol.</p> <p>Dass vor allem regelmäßiger, starker Konsum zu bestimmten Krankheiten führen kann, bestreitet niemand. Doch die Gesundheitswissenschaftler übersehen den lange bekannten Fund, dass soziale Isolation ein viel größeres Gesundheitsrisiko ist als viele der immer wieder angeführten biologisch-körperlichen Risikofaktoren. Das ist keine neue Entdeckung, sondern habe ich schon im Schlusskapitel meines Buchs <em>Gehirn, Psyche und Gesellschaft</em> aus dem Jahr 2021 diskutiert.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Damit ergibt sich folgendes Fazit: Die wissenschaftlichen Funde zu den Gesundheitsrisiken des Alkohols sind keineswegs so eindeutig, wie es viele Fachleute und -gesellschaften seit 2023 darstellen. Es gibt auch weiterhin Befunde, dass moderater Konsum unschädlich ist oder in bestimmten Bereichen sogar mit <em>geringeren</em> Risiken einhergeht (zum Beispiel <a href="https://www.mdpi.com/2311-5637/12/3/159" rel="noopener">hier</a> oder <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">hier</a>).</p> <p>Einige der neuen Berichte und Empfehlungen behaupten, es gebe keine sichere Untergrenze – zitieren aber selbst Studien, die das Gegenteil berichten. Ein vernünftiger Richtwert bleibt die über 20 Jahre bewährte Vorgabe für den „risikoarmen“ Konsum von durchschnittlich 300 Millilitern Bier (5 Prozent Alk.) pro Tag für Frauen und der doppelten Menge für Männer.</p> <p>Ob die jetzt avisierte Streichung der Ausnahme für das „begleitete Trinken“ im Jugendschutzgesetz einen präventiven Nutzen hat, ist fraglich. Der Alkoholkonsum von Jugendlichen ist bereits stark zurückgegangen. Die Gesetzesänderung wird aber über viele Jahre zu praktischen Folgeproblemen führen.</p> <p>Vor allem fällt in der heutigen Kommunikation über Alkoholkonsum das Soziale völlig unter den Tisch. Dabei hieß es schon in der <a href="https://www.who.int/europe/de/news/item/28-12-2022-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">Pressemitteilung</a> der Weltgesundheitsorganisation, mit der alles anfing: „Benachteiligte und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen weisen höhere alkoholbedingte Todesfall- und Hospitalisierungsraten auf, da die Schäden … bei einkommensschwachen Trinkern und ihren Familien in jeder Gesellschaft höher ausfallen als unter wohlhabenderen Trinkern.“ Dass sozial ausgegrenzte Menschen häufiger krank werden und früher sterben, dagegen könnten Gesundheitswissenschaftler, Medien und Politik einmal etwas unternehmen!</p> <p>Während der Alkoholkonsum stetig zurückgeht und immer mehr Menschen und insbesondere Jugendliche über Einsamkeit, Angst und Depressionen klagen, wollen Gesundheitswissenschaftler gerade das Mittel abschaffen, das Menschen seit Jahrtausenden miteinander verbindet. Wenn diese Strategie weiter verfolgt wird, dürfte der inzwischen stark verbreitete Konsum sogenannter Antidepressiva sowie von Schlaf- und Aufputschmitteln weiter steigen. Schon heute steigen junge Menschen auf synthetische Drogen um, weil sie glauben, Bier und Ähnliches seien giftig; einige sind daran bereits gestorben.</p> <p>Postscriptum: Danke für den Leserkommentar, der auf die besondere Rolle der Guttempler-Organisation, heute <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Movendi_International" rel="noopener">Movendi International</a>, und Forscherpersönlichkeiten wie Tim Stockwell, emeritierter Psychologieprofessor an der kanadischen University of Victoria, bei den strengen neuen Anti-Alkohol-Richtlinien hinwies. Stockwell kam in einem Podcast im April 2025 <a href="https://youtu.be/aBJ_wEv3ZdI?si=6rd8ULzh6c5JxYEk&amp;t=288" rel="noopener">ins Straucheln</a>, als er die individuellen Risiken von moderatem Alkoholkonsum erklären sollte. Nach viel Herumgerede referierte er, dass man bei sechs Drinks pro Woche im Durchschnitt ganze elf Wochen früher sterbe; bei zwei Drinks pro Woche – dabei muss er selbst lachen – seien es zwei oder drei Tage. Spätestens hier sollte einem klar werden, dass es sich um statistische Rechenspiele handelt. In der Beschreibung des Podcasts ist trotzdem von „erschütternden Risiken, früher zu sterben“ in Zusammenhang mit moderatem Alkoholkonsum die Rede.</p> <h2>Zum Weiterlesen</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg"><img alt="" decoding="async" height="732" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-768x549.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> <p>Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims <em><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabisprotokolle</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in <em><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich).</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0ac26e9d318641afa2c3447bd05d4d28" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-wuerde-ein-alkoholverbot-fuer-jugendliche-bringen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>26</slash:comments> </item> <item> <title>Verschwörungsfragen 70: Das Badebild gegen Reichspräsident Ebert beschädigte die Weimarer Republik https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/#comments Wed, 19 Aug 2026 21:40:06 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11489 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/</link> </image> <description type="html"><h1>Verschwörungsfragen 70: Das Badebild gegen Reichspräsident Ebert beschädigte die Weimarer Republik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Zu den bedrückenden Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft gehört, dass Rechtsdualisten immer wieder die neuesten Medien benutzten, um gegen die Demokratie sowie gegen religiöse und ethnische Minderheiten zu hetzen.</p> <p>So eskalierten fossile Konzernmedien im 19. Jahrhundert den Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus weltweit in nie gekanntem Ausmaß. Die Nazis setzten gezielt Zeitungen, Radio und Filme ein, um die Weimarer Republik zu zerstören und zu den Massenmorden des Holocaust an jüdischen Menschen, an Sinti und Roma, an Slawen, an Menschen mit Behinderungen und politischen Gegnern aufzurufen.</p> <p>Auch nach der Gründung der Republik Israel setzten sich die Angriffe fort: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/" rel="noopener" target="_blank">Antisemitische Regime und Terrorgruppen wie Hamas und Hisbollah rufen bis heute zur Ermordung jüdischer Menschen und zur Vernichtung des Staates auf</a>. Viele jüdische Gemeinden und mutig Engagierte, aber auch Beauftragte gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben wie ich erhalten praktisch täglich medialen Hass und Hetze.</p> <p>Aber auch israelische Rechtsradikale wie <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117110667037883315" rel="noopener" target="_blank">der derzeitige Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der aufgrund seiner Gesinnung vom Armeedienst ausgeschlossen worden war, plädierte vor Kurzem in einem Podcast für die Ermordung palästinensischer Menschen in Gaza, denen er zudem absprach, Menschen zu sein</a>. Die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/zentralrat-der-juden-distanziert-sich-von-itamar-ben-gvir/" rel="noopener">klare Ansage und Distanzierung dagegen auch von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüße ich sehr</a>.</p> <p>Ein besonders krasses Beispiel für die persönlichen und politischen Gefahren medialer Diffamierung gegen den großen <strong>Sozialdemokraten Friedrich Ebert (SPD)</strong> erschien am 9. August 1919 erst in einem deutschnationalen Blatt, dann aber am 21. August 1919 – zum Tag seiner Vereidigung als Reichspräsident! – in der Berliner Illustri(e)rten Zeitung, B.I.Z.<aside></aside></p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Titelseite der &quot;Berliner Illustrirte Zeitung&quot; vom 24. August 1919, die wegen der Vereidigung Eberts bewusst auf den 21. August vorverkauft worden war. Gezeigt wurden Präsident Ebert und Reichswehrminister Noske von der SPD in Badehosen und mit blankem Oberkörper im Wasser. Von dieser Diffamierung nach Jahren der Kriegszensur würden sich die gezeigten Personen und die junge Republik nie wieder erholen." decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 355px) 100vw, 355px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg 355w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919-194x300.jpg 194w" width="355"></img></a></p> <p><em>Am Tag der Vereidigung des ersten demokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD), dem 21. August 1919, wurden er und Reichswehrminister Gustav Noske (ebenfalls SPD) auf der Titelseite der Berliner Illustri(e)rte Zeitung B.I.Z. in Badehosen und mit freiem Oberkörper abgebildet. Von dieser Diffamierung mit der höhnischen Beschriftung <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ebert_und_Noske_in_der_Sommerfrische" rel="noopener" target="_blank">„Ebert und Noske in der Sommerfrische“</a> erholten sich der Präsident und die junge Republik nie mehr. Auf Ebert folgte der rechtsnationale Monarchist und Verschwörungsmythologe von Hindenburg, auf diesen dann Adolf Hitler. Foto: Wilhelm Steffen </em></p> <p>Während die Menschen schon aufgrund der Kriegszensur Politiker über Jahre nur in würdiger Kleidung, oft in Uniformen, gesehen hatten, wurden hier führende Sozialdemokraten mit freiem Oberkörper und in Badehosen dem Hohn, Hass und Hetze überlassen. Schnell eskalierten rechtsdualistische und zunehmend auch nationalsozialistische Medien mit entmenschlichenden „Satiren“, in denen Noske als Affe und Ebert als Schwein und Eber dargestellt wurden.</p> <p>Als der Reichspräsident und weitere Demokratinnen und Demokraten versuchten, den Diffamierungen durch die Justiz (Judikative) entgegen zu treten, wurden sie weiter verhöhnt und teilweise sogar noch von den rechtsdrehenden Gerichten etwa als „Landesverräter“ gebrandmarkt.</p> <p>Es kam zu mehreren, rechtsterroristischen Mordanschlägen auf Sozialdemokraten wie Philipp Scheidemann (SPD), auf Christdemokraten wie Matthias Enzberger (Zentrum) sowie auf Liberale wie Walter Rathenau (DDP). Ebert selbst starb nach heftigen, auch juristischen und medialen Niederlagen wegen verschleppter Operationen am 28. Februar 1925 – der erste und gleichzeitig letzte, demokratische Reichspräsident der ersten Berliner Republik.</p> <p><strong>Die Verantwortung der Medien – die Publikative als Schwachstelle jeder demokratischen Republik</strong></p> <p>Schon 2022 sagte ich gegenüber der „Jüdische Allgemeine“: <strong><em>„Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.“</em></strong></p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Tweet von Matthias Meisner zu einem Zitat von Dr. Michael Blume: &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.&quot; Gezeigt wird eine QAnon-Fahne, darunter der Link zum Artikel der Jüdische Allgemeine: Die Desinformierer" decoding="async" height="1609" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-210x300.jpeg 210w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-716x1024.jpeg 716w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-768x1098.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-1074x1536.jpeg 1074w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Schon 2022 warnte ich in<a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener" target="_blank"> einem Artikel der „Jüdische Allgemeine“ vor der Macht Konzern-medialer Desinformation</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Denn jede demokratische und gewaltenteilige Republik (von lat. res publica = öffentliche Angelegenheit) ist auf eine Publikative angewiesen, die die gemeinsame Realität vermittelt. Nirgendwo ist es so einfach, durch politische und vor allem finanzielle Macht Verzerrungen zu erzeugen und die anderen Säulen der Gewaltenteilung – die Exekutive, Legislative, Judikative, Scientikative – anzugreifen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Dachgiebel eines weißen, romanischen Tempels steht: Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik im 21. Jahrhundert. Darunter finden sich die fünf Säulen der Gewaltenteilung, die jeweils in Vertrauen als gemeinsamen Sockel übergehen: Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative, Scientikative." decoding="async" height="1086" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1448px) 100vw, 1448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg 1448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-768x576.jpg 768w" width="1448"></img></a></p> <p><em>In einer schönen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/" rel="noopener" target="_blank">Version des fünf-Säulen-Modells der Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik geht jeder der Gewalten in den gemeinsamen Sockel, das Vertrauen, über</a>. Grafik: @Dendroniker nach Michael Blume</em></p> <p><strong>Deep Dive in Medien- und Politikgeschichte</strong></p> <p>Aus diesem Grund bietet <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">die Folge 70 von „Verschwörungsfragen“ auch bewusst einen tiefen Durchgang durch die Medien- und Politikgeschichte</a>, der das Judentum und die römische Republik bis zu den Konflikten des 19. Jahrhunderts zwischen jüdischen und christlichen Demokraten einerseits und autoritären, regelmäßig antisemitischen Reaktionären andererseits schildert.</p> <p>Wer etwa zum tapferen und dafür nur antisemitisch geschmähten Kaisertreuen <strong>Gabriel Riesser </strong>mehr lesen mag, dem empfehle ich <strong><a href="https://europaeischeverlagsanstalt.de/?p=3403" rel="noopener" target="_blank">„Im Kampf um die Freiheit. Preußens Juden im Vormärz und in der Revolution von 1848“ von Julius H. Schoeps</a>. </strong></p> <p>Zur deutschen Mediengeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und konkret zum „Badebild“ ist online die Doktorarbeit von <strong>Niels Albrecht (2002): <a href="https://media.suub.uni-bremen.de/entities/publication/1b8ae1d0-97a8-4222-b437-27e417f3d93c" rel="noopener" target="_blank">„Die Macht einer Verleumdungskampagne: Antidemokratische Agitationen der Presse und Justiz gegen die Weimarer Republik und ihren ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert vom Badebild bis zum Magdeburger Prozess“</a></strong>. Ein Meisterwerk in deutscher Medien- und Republikgeschichte!</p> <p>Zum „<em><strong>Verschwörungsfragen</strong></em>„-Hören verweise ich neben der aktuellen Folge <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><strong>„Die Verantwortung der Medien und das ‚Badebild‘ von Friedrich Ebert“</strong></a> auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">auf Folge 67 mit <strong>Josephine Ballon von HateAid zu digitaler Gewalt</strong></a> und <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">auf Folge 66 mit</a> <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">dem sym-badischen <strong>Karlsruher OLG-Präsidenten Jörg Müller zu Judikative und Publikative</strong></a>.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Kachel zum Podcast &quot;Verschwörungsfragen&quot; zeigt den Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume." decoding="async" height="1080" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg 1080w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-768x768.jpg 768w" width="1080"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/" rel="noopener" target="_blank">inzwischen 70-teiligen Podcast „Verschwörungsfragen“ sind alle Folgen kosten- und barrierefrei abrufbar</a>. Kachel: Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Als Einladung und Überleitung zum Dialog möchte ich noch das tiefe Lied „Die Jugend hat Angst“ von JAS zitieren, in dem es zum Zustand der Publikative und zur auch individuellen Medienethik heißt:</p> <p><em>„In jeder Schlagzeile geht’s um Hass und Lügen. – Wann haben wir aufgehört zu reden? – Wir suchen nur noch nach Extremen. Wann haben wir aufgehört zu reden?“</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/jlDn7-e0o2Q?feature=oembed" title="JAS - Die Jugend hat Angst (Official Musikvideo)" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Verschwörungsfragen 70: Das Badebild gegen Reichspräsident Ebert beschädigte die Weimarer Republik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Zu den bedrückenden Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft gehört, dass Rechtsdualisten immer wieder die neuesten Medien benutzten, um gegen die Demokratie sowie gegen religiöse und ethnische Minderheiten zu hetzen.</p> <p>So eskalierten fossile Konzernmedien im 19. Jahrhundert den Rassismus, Antiziganismus und Antisemitismus weltweit in nie gekanntem Ausmaß. Die Nazis setzten gezielt Zeitungen, Radio und Filme ein, um die Weimarer Republik zu zerstören und zu den Massenmorden des Holocaust an jüdischen Menschen, an Sinti und Roma, an Slawen, an Menschen mit Behinderungen und politischen Gegnern aufzurufen.</p> <p>Auch nach der Gründung der Republik Israel setzten sich die Angriffe fort: <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/im-landtag-bw-gegen-antisemitismus-meine-rede-zum-9-11-2023/" rel="noopener" target="_blank">Antisemitische Regime und Terrorgruppen wie Hamas und Hisbollah rufen bis heute zur Ermordung jüdischer Menschen und zur Vernichtung des Staates auf</a>. Viele jüdische Gemeinden und mutig Engagierte, aber auch Beauftragte gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben wie ich erhalten praktisch täglich medialen Hass und Hetze.</p> <p>Aber auch israelische Rechtsradikale wie <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117110667037883315" rel="noopener" target="_blank">der derzeitige Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, der aufgrund seiner Gesinnung vom Armeedienst ausgeschlossen worden war, plädierte vor Kurzem in einem Podcast für die Ermordung palästinensischer Menschen in Gaza, denen er zudem absprach, Menschen zu sein</a>. Die <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/zentralrat-der-juden-distanziert-sich-von-itamar-ben-gvir/" rel="noopener">klare Ansage und Distanzierung dagegen auch von Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, begrüße ich sehr</a>.</p> <p>Ein besonders krasses Beispiel für die persönlichen und politischen Gefahren medialer Diffamierung gegen den großen <strong>Sozialdemokraten Friedrich Ebert (SPD)</strong> erschien am 9. August 1919 erst in einem deutschnationalen Blatt, dann aber am 21. August 1919 – zum Tag seiner Vereidigung als Reichspräsident! – in der Berliner Illustri(e)rten Zeitung, B.I.Z.<aside></aside></p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Titelseite der &quot;Berliner Illustrirte Zeitung&quot; vom 24. August 1919, die wegen der Vereidigung Eberts bewusst auf den 21. August vorverkauft worden war. Gezeigt wurden Präsident Ebert und Reichswehrminister Noske von der SPD in Badehosen und mit blankem Oberkörper im Wasser. Von dieser Diffamierung nach Jahren der Kriegszensur würden sich die gezeigten Personen und die junge Republik nie wieder erholen." decoding="async" height="550" sizes="(max-width: 355px) 100vw, 355px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919.jpg 355w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BadebildEbertNoskeBIZ21August1919-194x300.jpg 194w" width="355"></img></a></p> <p><em>Am Tag der Vereidigung des ersten demokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (SPD), dem 21. August 1919, wurden er und Reichswehrminister Gustav Noske (ebenfalls SPD) auf der Titelseite der Berliner Illustri(e)rte Zeitung B.I.Z. in Badehosen und mit freiem Oberkörper abgebildet. Von dieser Diffamierung mit der höhnischen Beschriftung <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ebert_und_Noske_in_der_Sommerfrische" rel="noopener" target="_blank">„Ebert und Noske in der Sommerfrische“</a> erholten sich der Präsident und die junge Republik nie mehr. Auf Ebert folgte der rechtsnationale Monarchist und Verschwörungsmythologe von Hindenburg, auf diesen dann Adolf Hitler. Foto: Wilhelm Steffen </em></p> <p>Während die Menschen schon aufgrund der Kriegszensur Politiker über Jahre nur in würdiger Kleidung, oft in Uniformen, gesehen hatten, wurden hier führende Sozialdemokraten mit freiem Oberkörper und in Badehosen dem Hohn, Hass und Hetze überlassen. Schnell eskalierten rechtsdualistische und zunehmend auch nationalsozialistische Medien mit entmenschlichenden „Satiren“, in denen Noske als Affe und Ebert als Schwein und Eber dargestellt wurden.</p> <p>Als der Reichspräsident und weitere Demokratinnen und Demokraten versuchten, den Diffamierungen durch die Justiz (Judikative) entgegen zu treten, wurden sie weiter verhöhnt und teilweise sogar noch von den rechtsdrehenden Gerichten etwa als „Landesverräter“ gebrandmarkt.</p> <p>Es kam zu mehreren, rechtsterroristischen Mordanschlägen auf Sozialdemokraten wie Philipp Scheidemann (SPD), auf Christdemokraten wie Matthias Enzberger (Zentrum) sowie auf Liberale wie Walter Rathenau (DDP). Ebert selbst starb nach heftigen, auch juristischen und medialen Niederlagen wegen verschleppter Operationen am 28. Februar 1925 – der erste und gleichzeitig letzte, demokratische Reichspräsident der ersten Berliner Republik.</p> <p><strong>Die Verantwortung der Medien – die Publikative als Schwachstelle jeder demokratischen Republik</strong></p> <p>Schon 2022 sagte ich gegenüber der „Jüdische Allgemeine“: <strong><em>„Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.“</em></strong></p> <p><a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Tweet von Matthias Meisner zu einem Zitat von Dr. Michael Blume: &quot;Wenn ein Mediensystem kaputt ist, stürzt die Demokratie ab.&quot; Gezeigt wird eine QAnon-Fahne, darunter der Link zum Artikel der Jüdische Allgemeine: Die Desinformierer" decoding="async" height="1609" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-210x300.jpeg 210w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-716x1024.jpeg 716w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-768x1098.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/B90B9367-70A0-4585-BFCB-D4B41A9E85A4-1074x1536.jpeg 1074w" width="1125"></img></a></p> <p><em>Schon 2022 warnte ich in<a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/die-desinformierer/" rel="noopener" target="_blank"> einem Artikel der „Jüdische Allgemeine“ vor der Macht Konzern-medialer Desinformation</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Denn jede demokratische und gewaltenteilige Republik (von lat. res publica = öffentliche Angelegenheit) ist auf eine Publikative angewiesen, die die gemeinsame Realität vermittelt. Nirgendwo ist es so einfach, durch politische und vor allem finanzielle Macht Verzerrungen zu erzeugen und die anderen Säulen der Gewaltenteilung – die Exekutive, Legislative, Judikative, Scientikative – anzugreifen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Im Dachgiebel eines weißen, romanischen Tempels steht: Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik im 21. Jahrhundert. Darunter finden sich die fünf Säulen der Gewaltenteilung, die jeweils in Vertrauen als gemeinsamen Sockel übergehen: Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative, Scientikative." decoding="async" height="1086" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1448px) 100vw, 1448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg 1448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-768x576.jpg 768w" width="1448"></img></a></p> <p><em>In einer schönen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/" rel="noopener" target="_blank">Version des fünf-Säulen-Modells der Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik geht jeder der Gewalten in den gemeinsamen Sockel, das Vertrauen, über</a>. Grafik: @Dendroniker nach Michael Blume</em></p> <p><strong>Deep Dive in Medien- und Politikgeschichte</strong></p> <p>Aus diesem Grund bietet <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">die Folge 70 von „Verschwörungsfragen“ auch bewusst einen tiefen Durchgang durch die Medien- und Politikgeschichte</a>, der das Judentum und die römische Republik bis zu den Konflikten des 19. Jahrhunderts zwischen jüdischen und christlichen Demokraten einerseits und autoritären, regelmäßig antisemitischen Reaktionären andererseits schildert.</p> <p>Wer etwa zum tapferen und dafür nur antisemitisch geschmähten Kaisertreuen <strong>Gabriel Riesser </strong>mehr lesen mag, dem empfehle ich <strong><a href="https://europaeischeverlagsanstalt.de/?p=3403" rel="noopener" target="_blank">„Im Kampf um die Freiheit. Preußens Juden im Vormärz und in der Revolution von 1848“ von Julius H. Schoeps</a>. </strong></p> <p>Zur deutschen Mediengeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und konkret zum „Badebild“ ist online die Doktorarbeit von <strong>Niels Albrecht (2002): <a href="https://media.suub.uni-bremen.de/entities/publication/1b8ae1d0-97a8-4222-b437-27e417f3d93c" rel="noopener" target="_blank">„Die Macht einer Verleumdungskampagne: Antidemokratische Agitationen der Presse und Justiz gegen die Weimarer Republik und ihren ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert vom Badebild bis zum Magdeburger Prozess“</a></strong>. Ein Meisterwerk in deutscher Medien- und Republikgeschichte!</p> <p>Zum „<em><strong>Verschwörungsfragen</strong></em>„-Hören verweise ich neben der aktuellen Folge <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><strong>„Die Verantwortung der Medien und das ‚Badebild‘ von Friedrich Ebert“</strong></a> auch <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/67-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">auf Folge 67 mit <strong>Josephine Ballon von HateAid zu digitaler Gewalt</strong></a> und <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">auf Folge 66 mit</a> <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">dem sym-badischen <strong>Karlsruher OLG-Präsidenten Jörg Müller zu Judikative und Publikative</strong></a>.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/70-neue-episode" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Kachel zum Podcast &quot;Verschwörungsfragen&quot; zeigt den Beauftragten der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, Dr. Michael Blume." decoding="async" height="1080" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1080px) 100vw, 1080px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3.jpg 1080w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Podcastcover_neu-3-768x768.jpg 768w" width="1080"></img></a></p> <p><em>Im <a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/" rel="noopener" target="_blank">inzwischen 70-teiligen Podcast „Verschwörungsfragen“ sind alle Folgen kosten- und barrierefrei abrufbar</a>. Kachel: Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Als Einladung und Überleitung zum Dialog möchte ich noch das tiefe Lied „Die Jugend hat Angst“ von JAS zitieren, in dem es zum Zustand der Publikative und zur auch individuellen Medienethik heißt:</p> <p><em>„In jeder Schlagzeile geht’s um Hass und Lügen. – Wann haben wir aufgehört zu reden? – Wir suchen nur noch nach Extremen. Wann haben wir aufgehört zu reden?“</em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/jlDn7-e0o2Q?feature=oembed" title="JAS - Die Jugend hat Angst (Official Musikvideo)" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-70-das-badebild-gegen-reichspraesident-ebert-beschaedigte-die-weimarer-republik/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>39</slash:comments> </item> <item> <title>Unpicking the Links Between Knots and Quantum Theory https://scilogs.spektrum.de/hlf/unpicking-the-links-between-knots-and-quantum-theory/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/unpicking-the-links-between-knots-and-quantum-theory/#comments Wed, 19 Aug 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14598 <h1>Unpicking the Links Between Knots and Quantum Theory - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>When a researcher collects a Nobel Prize in Physics, Chemistry, or Physiology/Medicine it is often a reward for one astonishing breakthrough or a series of breakthroughs many years before that have had a lasting impact on a field or society. With no Nobel Prize for mathematics, the Fields Medal is one of two awards (alongside the Abel Prize) that carry a similar level of prestige. Yet this award is not given just for outstanding achievements that have already been made. Given that Fields Medals are only handed out to mathematicians under the age of 40, its other purpose is to highlight mathematicians’ potential for making significant contributions in the future.</p> <h3>Undergraduate Promise in Knot Theory</h3> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/john-pardon/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">John Pardon</a>, of Stony Brook University in New York, is one of four recipients of this year’s Fields Medal (alongside <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yu-deng/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yu Deng</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/jacob-tsimerman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jacob Tsimerman</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/hong-wang/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hong Wang</a>). The unassuming American already has significant achievements to his name. For instance, his first original contribution to mathematics came when he was a Princeton University undergraduate, where he disproved a 1983 conjecture by renowned geometer <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/mikhail-leonidovich-gromov/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mikhael Gromov</a> (2009 Abel Prize).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14599" rel="attachment wp-att-14599"><img alt="John Pardon" decoding="async" fetchpriority="high" height="511" sizes="(max-width: 770px) 100vw, 770px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon.png 770w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon-768x510.png 768w" width="770"></img></a><figcaption>2026 Fields Medallist John Pardon. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>Gromov’s conjecture was to do with knots, a mathematical topic that includes real-world rope knots that we all know; described in three-dimensional (3D) space mathematically as smooth closed curves. Gromov’s work related to a specific property of knots known as a distortion, otherwise known as how tangled a knot is geometrically. He surmised that there must be some universal upper bound on distortion for a class of knots known as torus knots. In other words, there must be a limit to how tangled a torus knot can be, even for the most complex of knots. In work published in 2011, Pardon proved this was not true, finding certain infinitely repeating knot families whose geometric tangling was inherently limitless.</p> <p>In the intervening years, Pardon has made significant achievements in many highly technical areas. His advances across symplectic geometry particularly have been groundbreaking. However, instead of providing a superficial glimpse into a number of different areas that have piqued Pardon’s interest and his subsequent achievements in them, what is perhaps more insightful is to focus on just one of these interests – knots – and how he is now and might in the future apply his mathematical talents to vexing unsolved problems in this area.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/E4KP07YL0Js?feature=oembed&amp;rel=0" title="2026 Fields Medal: John Pardon" width="666"></iframe> </p></figure> <h3>Picking Apart One of Pardon’s Research Interests</h3> <p>Though by all accounts a quiet and reserved mathematician who rarely makes his thoughts known, a strong hint of Pardon’s focus in this area was given in a <a href="https://scgp.stonybrook.edu/archives/39734" rel="noreferrer noopener" target="_blank">rare interview for <em>SCGP News</em></a> shortly after he joined the Simons Center for Geometry and Physics (SCGP) at Stony Brook in 2022. “I’ve always been fascinated by quantum invariants of 3-manifolds arising from Witten’s path integral reformulation of the Jones polynomial based on the Chern–Simons functional,” he said.<aside></aside></p> <p>Now, that sentence contains a litany of terms – none of which are ‘knot ’ – that need some unpacking. A ‘3-manifold’ is the 3D analogue of a 2D surface of a sphere, torus, or any other surface with more holes. Continuing the 2D analogy, the number of holes of a surface is an example of an invariant: a property of a shape or space that remains the same even when other properties change. A ‘quantum invariant’ can be loosely thought of as invariants constructed using ideas originating in quantum theory.</p> <p>Digging deeper into the weeds, the ‘Jones polynomial’ is an example of a knot and link (a disjoint union of several knots) invariant. Invented in the 1980s by <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sir-vaughan-f-r-jones/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sir Vaughan Jones</a> (1990 Fields Medal), it is an algebraic rule that assigns a polynomial equation to any knot/link, acting as a mathematical fingerprint, often distinguishing different knots, although distinct knots can sometimes share the same Jones polynomial.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14600" rel="attachment wp-att-14600"><img alt="Vaughan Jones" decoding="async" height="664" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones.png 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones-768x510.png 768w" width="1000"></img></a><figcaption>Sir Vaughan Jones (1990 Fields Medallist), who passed away in 2020. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>How the ‘Chern–Simons functional’ relates to the Jones polynomial in Pardon’s sentence is far from obvious on face value. This is because Chern–Simons theories are now often regarded as physical quantum field theories that describe how forces and fields behave in a given space; even though they were introduced as mathematical concepts by Shiing-Shen Chern and James Simons (latterly of Simons Foundation fame) in 1974. To make sense of this, a little history might help.</p> <p>In the late 1980s, theoretical physicist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/edward-witten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Edward Witten</a> (1990 Fields Medal; the first physicist to receive this honour) started thinking about a problem posed to quantum field theorists by mathematician <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/media/press-releases/article/demise-of-sir-michael-atiyah/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sir Michael Atiyah</a> (1966 Fields Medal, 2004 Abel Prize): Why did definitions of the Jones polynomial and its generalizations always involve looking in some way at a 2D projection or slicing of a knot when these objects were inherently 3D invariants? In other words, it didn’t feel right that defining a fundamental property of a 3D object should rely on drawing it in 2D.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14601" rel="attachment wp-att-14601"><img alt="Edward Witten" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten.png 770w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten-768x510.png 768w" width="770"></img></a><figcaption>1990 Fields Medallist Edward Witten. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>Detailed in his seminal <a href="https://people.maths.ox.ac.uk/beem/papers/jones_polynomial_witten.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">1989 paper</a>, Witten took a unique approach to the problem. Rather than studying knots directly, he considered special observables – known as Wilson loops – associated with knots in Chern–Simons quantum field theory. Using the path integral formalism introduced by Richard Feynman (1965 Nobel Prize in Physics) – a way of averaging together every possible quantum state the field could take – he argued that their expectation values reproduce the Jones polynomial. What Witten had shown was that the Jones polynomial from knot theory was a natural outcome of 3D quantum field theory, where the physical observables are topological invariants of the spacetime in which the theory lives.</p> <h3>The Intersection of Abstract Mathematics and Fundamental Theoretical Physics</h3> <p>So, when Pardon said he was interested in “quantum invariants of 3-manifolds arising from Witten’s path integral reformulation of the Jones polynomial based on the Chern–Simons functional,” one interpretation of this is that he was going to explore how the intrinsic topology of 3D (and higher-dimensional) spaces can be understood through invariants derived from physical theories.</p> <p>This interest has already borne fruit. Calabi–Yau 3-folds (named after <a href="https://almanac.upenn.edu/articles/eugenio-calabi-mathematics" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Eugenio Calabi</a> and 1983 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shing-tung-yau/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shing-Tung Yau</a>) are manifolds that crop up in superstring theory as candidates for extra dimensions proposed to be curled up in our universe. Associated with them are slightly more complicated invariants than numbers of holes. This set of ‘curve-counting’ invariants can be thought of as answering how many distinct geometric curves of a given type can fit inside the 6D Calabi–Yau space (though they do not literally count embedded curves).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14603" rel="attachment wp-att-14603"><img alt="Shing-Tung Yau" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau.png 770w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau-768x510.png 768w" width="770"></img></a><figcaption>1983 Fields Medallist Shing-Tung Yau. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>Gromov and Witten proposed a way of counting these curves dynamically derived from string theory using certain invariants, whereas <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/simon-donaldson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Simon Donaldson</a> (1986 Fields Medal) and Richard Thomas proposed a static method derived from gauge theory using different invariants. In 2023, Pardon established the longstanding MNOP correspondence – proposed by <a href="https://math.mit.edu/directory/profile.html?pid=177" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Davesh Maulik</a>, <a href="https://scgp.stonybrook.edu/people/faculty/bios/nikita-nekrasov" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nikita Nekrasov</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/andrei-okounkov/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Andrei Okounkov</a> (2006 Fields Medal), and <a href="https://people.math.ethz.ch/~rahul/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Rahul Pandharipande</a> in the 2000s – that the two methods are actually equivalent.</p> <p>Given how the MNOP correspondence is inspired by gauge/string duality, and how long the correspondence remained unproven, it is no surprise then that, as his citation states, Pardon’s MNOP conjecture proof was a key achievement being recognized with the Fields Medal.</p> <p>What Pardon will do next in this area could have even greater consequences. Expanding curve-counting techniques beyond standard Calabi–Yau spaces to broader classes of manifolds and developing these methods even further to make them highly generalizable would be significant advances. These could deepen mathematical understanding of enumerative geometry, symplectic topology, and quantum field theory, while potentially providing new tools for studying conjectural links between geometry and theoretical physics. With Pardon still only 37, there will hopefully be many years to see what exciting contributions he will make from his unwavering interest in knots and the hidden topology of space.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Unpicking the Links Between Knots and Quantum Theory - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>When a researcher collects a Nobel Prize in Physics, Chemistry, or Physiology/Medicine it is often a reward for one astonishing breakthrough or a series of breakthroughs many years before that have had a lasting impact on a field or society. With no Nobel Prize for mathematics, the Fields Medal is one of two awards (alongside the Abel Prize) that carry a similar level of prestige. Yet this award is not given just for outstanding achievements that have already been made. Given that Fields Medals are only handed out to mathematicians under the age of 40, its other purpose is to highlight mathematicians’ potential for making significant contributions in the future.</p> <h3>Undergraduate Promise in Knot Theory</h3> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/john-pardon/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">John Pardon</a>, of Stony Brook University in New York, is one of four recipients of this year’s Fields Medal (alongside <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/yu-deng/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Yu Deng</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/jacob-tsimerman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jacob Tsimerman</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/hong-wang/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hong Wang</a>). The unassuming American already has significant achievements to his name. For instance, his first original contribution to mathematics came when he was a Princeton University undergraduate, where he disproved a 1983 conjecture by renowned geometer <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/mikhail-leonidovich-gromov/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mikhael Gromov</a> (2009 Abel Prize).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14599" rel="attachment wp-att-14599"><img alt="John Pardon" decoding="async" fetchpriority="high" height="511" sizes="(max-width: 770px) 100vw, 770px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon.png 770w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/John-Pardon-768x510.png 768w" width="770"></img></a><figcaption>2026 Fields Medallist John Pardon. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>Gromov’s conjecture was to do with knots, a mathematical topic that includes real-world rope knots that we all know; described in three-dimensional (3D) space mathematically as smooth closed curves. Gromov’s work related to a specific property of knots known as a distortion, otherwise known as how tangled a knot is geometrically. He surmised that there must be some universal upper bound on distortion for a class of knots known as torus knots. In other words, there must be a limit to how tangled a torus knot can be, even for the most complex of knots. In work published in 2011, Pardon proved this was not true, finding certain infinitely repeating knot families whose geometric tangling was inherently limitless.</p> <p>In the intervening years, Pardon has made significant achievements in many highly technical areas. His advances across symplectic geometry particularly have been groundbreaking. However, instead of providing a superficial glimpse into a number of different areas that have piqued Pardon’s interest and his subsequent achievements in them, what is perhaps more insightful is to focus on just one of these interests – knots – and how he is now and might in the future apply his mathematical talents to vexing unsolved problems in this area.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/E4KP07YL0Js?feature=oembed&amp;rel=0" title="2026 Fields Medal: John Pardon" width="666"></iframe> </p></figure> <h3>Picking Apart One of Pardon’s Research Interests</h3> <p>Though by all accounts a quiet and reserved mathematician who rarely makes his thoughts known, a strong hint of Pardon’s focus in this area was given in a <a href="https://scgp.stonybrook.edu/archives/39734" rel="noreferrer noopener" target="_blank">rare interview for <em>SCGP News</em></a> shortly after he joined the Simons Center for Geometry and Physics (SCGP) at Stony Brook in 2022. “I’ve always been fascinated by quantum invariants of 3-manifolds arising from Witten’s path integral reformulation of the Jones polynomial based on the Chern–Simons functional,” he said.<aside></aside></p> <p>Now, that sentence contains a litany of terms – none of which are ‘knot ’ – that need some unpacking. A ‘3-manifold’ is the 3D analogue of a 2D surface of a sphere, torus, or any other surface with more holes. Continuing the 2D analogy, the number of holes of a surface is an example of an invariant: a property of a shape or space that remains the same even when other properties change. A ‘quantum invariant’ can be loosely thought of as invariants constructed using ideas originating in quantum theory.</p> <p>Digging deeper into the weeds, the ‘Jones polynomial’ is an example of a knot and link (a disjoint union of several knots) invariant. Invented in the 1980s by <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sir-vaughan-f-r-jones/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sir Vaughan Jones</a> (1990 Fields Medal), it is an algebraic rule that assigns a polynomial equation to any knot/link, acting as a mathematical fingerprint, often distinguishing different knots, although distinct knots can sometimes share the same Jones polynomial.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14600" rel="attachment wp-att-14600"><img alt="Vaughan Jones" decoding="async" height="664" sizes="(max-width: 1000px) 100vw, 1000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones.png 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Vaughan-Jones-768x510.png 768w" width="1000"></img></a><figcaption>Sir Vaughan Jones (1990 Fields Medallist), who passed away in 2020. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>How the ‘Chern–Simons functional’ relates to the Jones polynomial in Pardon’s sentence is far from obvious on face value. This is because Chern–Simons theories are now often regarded as physical quantum field theories that describe how forces and fields behave in a given space; even though they were introduced as mathematical concepts by Shiing-Shen Chern and James Simons (latterly of Simons Foundation fame) in 1974. To make sense of this, a little history might help.</p> <p>In the late 1980s, theoretical physicist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/edward-witten/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Edward Witten</a> (1990 Fields Medal; the first physicist to receive this honour) started thinking about a problem posed to quantum field theorists by mathematician <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/media/press-releases/article/demise-of-sir-michael-atiyah/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Sir Michael Atiyah</a> (1966 Fields Medal, 2004 Abel Prize): Why did definitions of the Jones polynomial and its generalizations always involve looking in some way at a 2D projection or slicing of a knot when these objects were inherently 3D invariants? In other words, it didn’t feel right that defining a fundamental property of a 3D object should rely on drawing it in 2D.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14601" rel="attachment wp-att-14601"><img alt="Edward Witten" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten.png 770w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Edward-Witten-768x510.png 768w" width="770"></img></a><figcaption>1990 Fields Medallist Edward Witten. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>Detailed in his seminal <a href="https://people.maths.ox.ac.uk/beem/papers/jones_polynomial_witten.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">1989 paper</a>, Witten took a unique approach to the problem. Rather than studying knots directly, he considered special observables – known as Wilson loops – associated with knots in Chern–Simons quantum field theory. Using the path integral formalism introduced by Richard Feynman (1965 Nobel Prize in Physics) – a way of averaging together every possible quantum state the field could take – he argued that their expectation values reproduce the Jones polynomial. What Witten had shown was that the Jones polynomial from knot theory was a natural outcome of 3D quantum field theory, where the physical observables are topological invariants of the spacetime in which the theory lives.</p> <h3>The Intersection of Abstract Mathematics and Fundamental Theoretical Physics</h3> <p>So, when Pardon said he was interested in “quantum invariants of 3-manifolds arising from Witten’s path integral reformulation of the Jones polynomial based on the Chern–Simons functional,” one interpretation of this is that he was going to explore how the intrinsic topology of 3D (and higher-dimensional) spaces can be understood through invariants derived from physical theories.</p> <p>This interest has already borne fruit. Calabi–Yau 3-folds (named after <a href="https://almanac.upenn.edu/articles/eugenio-calabi-mathematics" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Eugenio Calabi</a> and 1983 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shing-tung-yau/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shing-Tung Yau</a>) are manifolds that crop up in superstring theory as candidates for extra dimensions proposed to be curled up in our universe. Associated with them are slightly more complicated invariants than numbers of holes. This set of ‘curve-counting’ invariants can be thought of as answering how many distinct geometric curves of a given type can fit inside the 6D Calabi–Yau space (though they do not literally count embedded curves).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14603" rel="attachment wp-att-14603"><img alt="Shing-Tung Yau" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 770px) 100vw, 770px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau.png 770w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Shing-Tung-Yau-768x510.png 768w" width="770"></img></a><figcaption>1983 Fields Medallist Shing-Tung Yau. Image: HLFF / Badge</figcaption></figure> </div> <p>Gromov and Witten proposed a way of counting these curves dynamically derived from string theory using certain invariants, whereas <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/simon-donaldson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Simon Donaldson</a> (1986 Fields Medal) and Richard Thomas proposed a static method derived from gauge theory using different invariants. In 2023, Pardon established the longstanding MNOP correspondence – proposed by <a href="https://math.mit.edu/directory/profile.html?pid=177" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Davesh Maulik</a>, <a href="https://scgp.stonybrook.edu/people/faculty/bios/nikita-nekrasov" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Nikita Nekrasov</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/andrei-okounkov/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Andrei Okounkov</a> (2006 Fields Medal), and <a href="https://people.math.ethz.ch/~rahul/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Rahul Pandharipande</a> in the 2000s – that the two methods are actually equivalent.</p> <p>Given how the MNOP correspondence is inspired by gauge/string duality, and how long the correspondence remained unproven, it is no surprise then that, as his citation states, Pardon’s MNOP conjecture proof was a key achievement being recognized with the Fields Medal.</p> <p>What Pardon will do next in this area could have even greater consequences. Expanding curve-counting techniques beyond standard Calabi–Yau spaces to broader classes of manifolds and developing these methods even further to make them highly generalizable would be significant advances. These could deepen mathematical understanding of enumerative geometry, symplectic topology, and quantum field theory, while potentially providing new tools for studying conjectural links between geometry and theoretical physics. With Pardon still only 37, there will hopefully be many years to see what exciting contributions he will make from his unwavering interest in knots and the hidden topology of space.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/unpicking-the-links-between-knots-and-quantum-theory/#comments 1 Qixi / Tanabata – Mondkalender https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/qixi-tanabata-mondkalender/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/qixi-tanabata-mondkalender/#comments Tue, 18 Aug 2026 22:01:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13116 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Tianjinnan_Event-768x769.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/qixi-tanabata-mondkalender/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Tianjinnan_Event.jpg" /><h1>Qixi / Tanabata - Mondkalender » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-19T00:01:00+02:00">19. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Bereits am siebten Tag des siebten Monats nach dem weltweit üblichen Kalender (7. Juli) habe ich über dieses <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/">romantische Sternfest</a> geschrieben, das für Liebespaare in Ostasien (China &amp; Japan) ein besonderer Tag ist. Wer es damals versäumte, hat jetzt eine zweite Chance (oder dritte, nach dem Valentinstag). Der ursprüngliche chinesische Kalender ist bekanntlich ein Mondkalender und daher fallen traditionelle Feiertage wie das chinesische Neujahrsfest oder eben das Liebesfest nicht immer aufs gleiche Datum –<strong> 2026 ist der siebte Tag des siebten Monats im Mondkalender der 19. August. </strong></p> <p>Die Liebe ist natürlich etwas Wunderschönes und sollte von allen gefeiert werden. Dem modernen Menschen mag es egal sein, ob es ein Mädchen und ein Junge sind, die einander lieben, oder zwei Leute von irgendwelchen der zwanzig anderen Geschlechter, die wir inzwischen in Pässe eintragen lassen können. Wichtig finde ich an diesem Feiertag – wie auch beim CSD, LoveParade und Ähnlichem – doch die <strong>Liebe.</strong> </p> <p>Es ist die romantische Liebe, die wir hier feiern, weil die meisten von uns sich so etwas nun mal sehnlichst wünschen. Doch Liebe kommt in so vielen Facetten – die Mutterliebe zu ihren Kindern (denn verhaltensgestörte Kinder sind die Kinder gestörter Verhältnisse), die fürsorgliche Liebe einer großen Schwester zu den Jüngeren, die Liebe zwischen Freunden (und ich meine echte Freunde: Menschen zu denen man tiefe emotionale Bindung fühlt, nicht Facebook“freunde“/ Fans)… </p> <p>Heute haben Sie also noch einmal die Chance, das Sommerdreieck aus den Sternen Wega (Mädchen), Atair (Junge) und Deneb (hellster Stern in der Fähre) mit Ihrer geliebtesten Person/ Ihrem Lieblingsmenschen am Sternhimmel zu beobachten. </p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Tianjinnan_Event.jpg" /><h1>Qixi / Tanabata - Mondkalender » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-19T00:01:00+02:00">19. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Bereits am siebten Tag des siebten Monats nach dem weltweit üblichen Kalender (7. Juli) habe ich über dieses <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/">romantische Sternfest</a> geschrieben, das für Liebespaare in Ostasien (China &amp; Japan) ein besonderer Tag ist. Wer es damals versäumte, hat jetzt eine zweite Chance (oder dritte, nach dem Valentinstag). Der ursprüngliche chinesische Kalender ist bekanntlich ein Mondkalender und daher fallen traditionelle Feiertage wie das chinesische Neujahrsfest oder eben das Liebesfest nicht immer aufs gleiche Datum –<strong> 2026 ist der siebte Tag des siebten Monats im Mondkalender der 19. August. </strong></p> <p>Die Liebe ist natürlich etwas Wunderschönes und sollte von allen gefeiert werden. Dem modernen Menschen mag es egal sein, ob es ein Mädchen und ein Junge sind, die einander lieben, oder zwei Leute von irgendwelchen der zwanzig anderen Geschlechter, die wir inzwischen in Pässe eintragen lassen können. Wichtig finde ich an diesem Feiertag – wie auch beim CSD, LoveParade und Ähnlichem – doch die <strong>Liebe.</strong> </p> <p>Es ist die romantische Liebe, die wir hier feiern, weil die meisten von uns sich so etwas nun mal sehnlichst wünschen. Doch Liebe kommt in so vielen Facetten – die Mutterliebe zu ihren Kindern (denn verhaltensgestörte Kinder sind die Kinder gestörter Verhältnisse), die fürsorgliche Liebe einer großen Schwester zu den Jüngeren, die Liebe zwischen Freunden (und ich meine echte Freunde: Menschen zu denen man tiefe emotionale Bindung fühlt, nicht Facebook“freunde“/ Fans)… </p> <p>Heute haben Sie also noch einmal die Chance, das Sommerdreieck aus den Sternen Wega (Mädchen), Atair (Junge) und Deneb (hellster Stern in der Fähre) mit Ihrer geliebtesten Person/ Ihrem Lieblingsmenschen am Sternhimmel zu beobachten. </p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/qixi-tanabata-mondkalender/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Der Kampf dem Alkohol geht in die nächste Runde https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/#comments Mon, 17 Aug 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3661 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/vilkasss-ai-generated-9005138-768x578.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/vilkasss-ai-generated-9005138-1024x771.jpg" /><h1>Der Kampf dem Alkohol geht in die nächste Runde » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>„Mindestalter und Steuern rauf!“ Was sagen die wissenschaftlichen Fakten?</strong></p> <span id="more-3661"></span> <p>Das von mir so genannte Alkoholparadox geht in die nächste Runde: Obwohl die Menschen in Deutschland und vielen anderen Ländern immer weniger Alkohol trinken, warnen Fachleute und Fachgesellschaften – oder diejenigen, die sich dafür halten – immer lautstärker vor dessen Risiken. Es scheint so, als würde das jahrtausendealte Genussmittel desto gefährlicher, je <em>weniger</em> wir davon trinken.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Noch Mitte der 1970er-Jahre tranken die Deutschen ab 15 Jahren durchschnittlich 16,8 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Das entspräche einer Menge von 336 Litern Bier (5 Prozent Alk.) beziehungsweise 140 Litern Wein (12 Prozent Alk.). Seitdem ist der Pro-Kopf-Konsum um 38 Prozent auf nur noch 10,5 Liter reinen Alkohol (210 Liter Bier beziehungsweise 88 Liter Wein) gesunken. Der Trend zeigt weiter nach unten. Datenquellen: vor 2010 Alkoholatlas, ab 2010 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen/Destatis</em></p> <p>Ab den 1990ern bis vor wenigen Jahren hieß es noch, Frauen könnten mit durchschnittlich 15 Millilitern reinem Alkohol – entsprechend einem Glas Bier mit 300 Millilitern – am Tag „risikoarm“ konsumieren. Für Männer galt die doppelte Menge. Damit kämen Frauen auf 5,5 und Männer auf 11,0 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Zum Vergleich: In den 1980er-Jahren gab es noch die Empfehlung, nicht mehr als <em>zwei Liter</em> Bier am Tag zu trinken, also gut dreimal so viel!</p> <p>Die auf der Abbildung dargestellten Pro-Kopf-Werte werden aus den Verkaufszahlen errechnet und lassen sich darum nicht per Geschlecht unterscheiden. Da Frauen (vor allem Wein und Sekt) im Schnitt aber weniger Trinken als Männer (vor allem Bier), senkt ihr Konsumverhalten den landesweiten Durchschnitt; und es gibt natürlich auch Nichttrinker. Das heißt, obwohl der Durchschnittswert pro Kopf nahe bei der Grenze der „risikoarmen Menge“ liegt, trinken viele mehr als das.<aside></aside></p> <p>Laut dem Alkoholatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums von 2022 waren das im Jahr 2021 jeweils rund 15 Prozent der Frauen und Männer. Auch diese Werte sind in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken. Bei Frauen war der höhere, „riskante“ Alkoholkonsum übrigens im Süden der Bundesrepublik am häufigsten, nämlich in Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg. Bei den Männern war das tendenziell im Osten häufiger der Fall, vor allem in Sachsen. Allerdings folgte darauf mit kurzem Abstand Bremen und war der „riskante“ Konsum dafür in Berlin unterdurchschnittlich häufig.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Alles neu macht die Weltgesundheitsorganisation</h2> <p>Die letzten Abschnitte bezogen sich, wie gesagt, auf die inzwischen veralteten Empfehlungen. Anfang 2023, passend zum Social Media-Phänomen des „Dry January“, veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation eine neue Leitlinie unter der Überschrift: „No level of alcohol consumption is safe for our health“. Ins Deutsche übersetzte man das etwas umständlicher mit: „<a href="https://www.who.int/europe/de/news/item/28-12-2022-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge</a>„.</p> <p>Man könnte sagen, dass diese Schlussfolgerung eigentlich schon in der alten Bezeichnung „risikoarm“ steckte. Jetzt drehten Gesundheitswissenschaftler die Kommunikation aber in die Richtung, dass wir alle am besten gar keinen Alkohol mehr trinken sollen. Nebenbei bemerkt: Nichts im Leben ist risikofrei, auch nicht Fahrrad- oder Autofahren oder der Austausch einer Lampe.</p> <p>Binnen weniger Jahre sprang die Mehrheit der Fachleute und -gesellschaften auf diese Kommunikationsstrategie auf. Ein Schelm, wer denkt, dass man für die Aufmerksamkeit der Medien und für das Einwerben von Forschungsgeldern eine neue und griffige Botschaft brauchte. Dann das, was alle schon wissen, ist langweilig.</p> <p>Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen passte schon 2023 <a href="https://www.dhs.de/suechte/alkohol/risiken/" rel="noopener">ihre Empfehlung</a> an: „Ergebnisse der Wissenschaft zeigen, dass es keinen potenziell gesundheitsförderlichen und keinen sicheren Alkoholkonsum gibt.“ Etwas später folgte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit dem griffigen Slogan: „<a href="https://www.dge.de/presse/meldungen/2024/dge-positionspapier-zu-alkohol/" rel="noopener">Am besten null Promille</a>„. Als „risikoarm“ gelten dort nur noch ein bis zwei kleine Gläser Wein beziehungsweise ein bis zwei kleine Flaschen Bier <em>pro Woche</em>.</p> <p>Damit senkte man, wohlgemerkt, die Empfehlung auf einen Schlag auf nur noch ein Siebtel im Vergleich zu den zwanzig Jahren davor! Mit dem Befolgen der alten Richtlinien fällt man jetzt schon in die höchste Risikokategorie, nämlich ab 0,8 Litern Wein oder zwei Litern Bier pro Woche.</p> <p>Was war die Rechtfertigung für diesen meilenweiten Umschwung?</p> <h2>Wissenschaftlicher Durchbruch?</h2> <p>Laut einer alten Faustregel bedürfen starke wissenschaftliche Aussagen auch starker wissenschaftlicher Daten. Ob es so etwas im Bereich der Ernährungswissenschaften überhaupt gibt, ist aber fraglich. Wissenschaftstheoretisch gilt, dass man zur Entdeckung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen unter kontrollierten Bedingungen – idealerweise im Labor – <em>intervenieren</em> muss.</p> <p>So würde man zum Beispiel eine Anzahl von Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip auf zwei (oder mehr) Gruppen verteilen: In einer Gruppe würden die Teilnehmenden gar keinen Alkohol trinken, in einer anderen etwas und in einer dritten etwas mehr. Die Personen dürften sich in keinen anderen Faktoren voneinander unterscheiden, insbesondere nicht im gesunden Lebensstil; und man würde den tatsächlichen Alkoholkonsum unabhängig kontrollieren.</p> <p>Die epidemiologischen Auswertungen in den Ernährungs- und Gesundheitswissenschaften erfüllen in der Regel <em>gar keine</em> dieser Anforderungen. Stattdessen befragt man Personen nach ihrem Alkoholkonsum und erhebt dann weitere Daten zum Lebensstil und der Gesundheit. Aufgrund dieser Selbstangaben und mehr oder weniger objektiver Daten zur Demografie und Gesundheit errechnet man dann, wie stark der Alkoholkonsum und bestimmte Erkrankungen gemeinsam auftreten.</p> <p>Für den Umschwung im Jahr 2023 gab es gar keine neuen Untersuchungen, sondern nur eine andere Art der Auswertung. Über Jahrzehnte galt die J- oder Hockeyschläger-Kurve in der Epidemiologie des Alkoholkonsums als Konsens. Das heißt, bei <em>moderatem</em> Konsum im Vergleich zur völligen Abstinenz waren die Personen sogar etwas gesünder. Das war sozusagen die Delle nach unten im J oder Schläger. Erst ab höheren Mengen nahmen die Krankheitsrisiken zu.</p> <p>Forschende aus dem Bereich der Gesundheitswissenschaften im englischsprachigen Raum werteten die bekannten Daten dann anders aus. Dafür entfernten sie aus der Gruppe der Abstinenten diejenigen Personen, die vorher viel Alkohol getrunken und krank geworden waren. Allein durch diese Maßnahme verschwand das J- oder Hockeyschläger-Muster und kam man auf eine steigende Linie der Krankheitsrisiken, mit der sich jetzt behaupten lässt: Es gibt keinen risikofreien Konsum, das Krankheitsrisiko steigt mit jedem Tropfen Alkohol!</p> <p>Darauf, wie ehrlich diese Form der Kommunikation ist, komme ich am Schluss zurück. Erst will ich auf die gesellschaftlichen Folgen der neuen Empfehlungen eingehen.</p> <h2>Politischer Umschwung</h2> <p>Die neue Botschaft wird nicht im luftleeren Raum verbreitet. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten zur Aufbesserung der Staatsfinanzen werden immer wieder auch Konsumsteuern erhöht. Genussmittel wie Alkohol und Tabak sind hierfür beliebte Ziele. Wenn die Wissenschaft immer wieder auf deren Gesundheitsrisiken hinweist, lassen sich damit Steuererhöhungen begründen: Man wolle nur die Bürgerinnen und Bürger vor sich selbst schützen.</p> <p>Auch hier gibt es eine gewisse Paradoxie: Wenn nämlich der (angeblich) gesundheitsfördernde Effekt eintritt und tatsächlich weniger Menschen die Mittel kaufen, fallen auch weniger Steuern an. Die Kalkulation geht aber insbesondere dann nach hinten los, wenn durch zu hohe Preise der Schmuggel zunimmt. Das ist jetzt schon in manchen Ländern bei Zigaretten der Fall. Anstatt die Staatsfinanzen zu verbessern, fallen dann im Gegenteil höhere Kosten für Zollkontrollen, Gerichtsverfahren und Gefängnisstrafen an. Geschmuggelt wird übrigens trotzdem, so lange das finanziell lukrativ genug ist. Dazu ein anderes Mal mehr. Bleiben wir hier beim Alkohol.</p> <p>Laut Medienberichten ist es für Deutschland jetzt eine ausgemachte Sache, dass das für Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren sogenannte „begleitete Trinken“ verboten wird. Hierüber gibt es viele Missverständnisse. Man liest häufig, Jugendliche dürften erst ab 16 Jahren alkoholhaltige Getränke kaufen und trinken, Letzteres unter Aufsicht der Erziehungsberechtigten aber schon ab 14 Jahren.</p> <p>§ 9 im Jugendschutzgesetz regelt aber nur die Abgabe und den Konsum alkoholischer Getränke „in Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit“ (Absatz 1). Meines Wissens ist der Konsum alkoholischer Getränke unter 16 Jahren <em>im Privaten</em> in Deutschland gar nicht geregelt. Das heißt, der Umgang mit Alkohol obliegt dann der elterlichen Fürsorgepflicht.</p> <p>Wenn jetzt zum Beispiel neben vielen anderen Medien Tagesschau.de (12.08.2026) vom seit Generationen üblichen „Glas Sekt für den Enkel bei Opas rundem Geburtstag oder auch ein Bier bei der Jugendweihe“ <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kabinett-alkoholverbot-jugendliche-100.html" rel="noopener">berichtet</a>, das laut Kabinettsbeschluss abgeschafft werden solle, verfehlt das schlicht das Ziel. Schon die Überschrift „Kein Alkohol mehr für 14- und 15-Jährige“ verrät mangelnden Sachverstand in der Redaktion.</p> <h2>Sinn oder Unsinn?</h2> <p>Schon am 26. September 2025 hatte der Bundesrat auf Initiative der Landesgesundheitsminister die Abschaffung der genannten Ausnahme im Jugendschutzgesetz <a href="https://www.bundesrat.de/DE/plenum/bundesrat-kompakt/25/1057/1057-pk.html#top_10" rel="noopener">gefordert</a>. Wenn das Bundeskabinett und schließlich der Bundestag dem folgt, wird das aber am Trinken im familiären Kreis nichts ändern. Insofern sind zahlreiche Medienberichte irreführend, die ein Verbot des Alkoholkonsums unter 16 Jahren beschreiben.</p> <p>Wenn das Gesetz aber ein großer Wurf mit einem <em>allgemeinen</em> Verbot werden sollte, handelt sich der Gesetzgeber ein neues Durchsetzungsproblem ein. Sollen dann Kontrolleure der Gesundheitsministerien oder besser gleich die Polizei Stichproben auf Familienfeiern vornehmen, um den Alkoholpegel Jugendlicher festzustellen? Das dürfte dem Verhältnis von Staat und Bürgern kaum förderlich sein.</p> <p>Doch auch hier gibt es ein Alkohol-Paradox: Der Konsum des Genussmittels ist nämlich auch bei Jugendlichen zunehmend „out“. Hatten, so der Alkoholatlas, im Jahr 2001 noch 84 Prozent der zwölf- bis 15-jährigen Jungen und 80 Prozent der Mädchen schon einmal Alkohol getrunken, waren es zwanzig Jahre später nur noch 44 beziehungsweise 40 Prozent. Das heißt, in nur einer Generation hat sich der Konsum auch ohne Gesetzesänderung halbiert.</p> <p>Der Verweis auf die angeblichen Gefahren für die Gehirnentwicklung ist unglaubwürdig. Würde ein <em>gelegentlicher</em> Konsum von geringen Mengen Alkohols das Gehirn kaputtmachen, dann wären wir Menschen schon vor Jahrtausenden ausgestorben. Übrigens enthalten auch reife Früchte geringe Mengen des „Nervengifts“. Sollen Kinder und Jugendliche darum auf Obst verzichten?</p> <p>Somit weckt die geplante Gesetzesänderung schon auf der Begründungsebene erhebliche Zweifel. Mit Blick auf die zu erwartenden Folgen sieht das Bild aber noch schlechter aus. Ein Blick ins Nachbarland Niederlande, wo gerade beim Jugendschutz schon länger strengere Regeln gelten, macht das deutlich. Damit und den inneren Widersprüchen der Gesundheitswissenschaften beschäftigen wir uns im zweiten Teil: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-wuerde-ein-alkoholverbot-fuer-jugendliche-bringen/">Was würde ein Alkoholverbot für Jugendliche bringen?</a> (Ab 20.08.2026, 13:00 Uhr verfügbar.)</p> <h2>Zum Weiterlesen</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg"><img alt="" decoding="async" height="732" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-768x549.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> <p>Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims <em><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabisprotokolle</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in <em><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich).</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bca655cf6eb74fd4a164be4742a1560d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/vilkasss-ai-generated-9005138-1024x771.jpg" /><h1>Der Kampf dem Alkohol geht in die nächste Runde » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>„Mindestalter und Steuern rauf!“ Was sagen die wissenschaftlichen Fakten?</strong></p> <span id="more-3661"></span> <p>Das von mir so genannte Alkoholparadox geht in die nächste Runde: Obwohl die Menschen in Deutschland und vielen anderen Ländern immer weniger Alkohol trinken, warnen Fachleute und Fachgesellschaften – oder diejenigen, die sich dafür halten – immer lautstärker vor dessen Risiken. Es scheint so, als würde das jahrtausendealte Genussmittel desto gefährlicher, je <em>weniger</em> wir davon trinken.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Alkohol-Pro-Kopf-Deutschland-ab-1963-mit-Pfeil.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Noch Mitte der 1970er-Jahre tranken die Deutschen ab 15 Jahren durchschnittlich 16,8 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Das entspräche einer Menge von 336 Litern Bier (5 Prozent Alk.) beziehungsweise 140 Litern Wein (12 Prozent Alk.). Seitdem ist der Pro-Kopf-Konsum um 38 Prozent auf nur noch 10,5 Liter reinen Alkohol (210 Liter Bier beziehungsweise 88 Liter Wein) gesunken. Der Trend zeigt weiter nach unten. Datenquellen: vor 2010 Alkoholatlas, ab 2010 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen/Destatis</em></p> <p>Ab den 1990ern bis vor wenigen Jahren hieß es noch, Frauen könnten mit durchschnittlich 15 Millilitern reinem Alkohol – entsprechend einem Glas Bier mit 300 Millilitern – am Tag „risikoarm“ konsumieren. Für Männer galt die doppelte Menge. Damit kämen Frauen auf 5,5 und Männer auf 11,0 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Zum Vergleich: In den 1980er-Jahren gab es noch die Empfehlung, nicht mehr als <em>zwei Liter</em> Bier am Tag zu trinken, also gut dreimal so viel!</p> <p>Die auf der Abbildung dargestellten Pro-Kopf-Werte werden aus den Verkaufszahlen errechnet und lassen sich darum nicht per Geschlecht unterscheiden. Da Frauen (vor allem Wein und Sekt) im Schnitt aber weniger Trinken als Männer (vor allem Bier), senkt ihr Konsumverhalten den landesweiten Durchschnitt; und es gibt natürlich auch Nichttrinker. Das heißt, obwohl der Durchschnittswert pro Kopf nahe bei der Grenze der „risikoarmen Menge“ liegt, trinken viele mehr als das.<aside></aside></p> <p>Laut dem Alkoholatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums von 2022 waren das im Jahr 2021 jeweils rund 15 Prozent der Frauen und Männer. Auch diese Werte sind in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken. Bei Frauen war der höhere, „riskante“ Alkoholkonsum übrigens im Süden der Bundesrepublik am häufigsten, nämlich in Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg. Bei den Männern war das tendenziell im Osten häufiger der Fall, vor allem in Sachsen. Allerdings folgte darauf mit kurzem Abstand Bremen und war der „riskante“ Konsum dafür in Berlin unterdurchschnittlich häufig.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Alles neu macht die Weltgesundheitsorganisation</h2> <p>Die letzten Abschnitte bezogen sich, wie gesagt, auf die inzwischen veralteten Empfehlungen. Anfang 2023, passend zum Social Media-Phänomen des „Dry January“, veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation eine neue Leitlinie unter der Überschrift: „No level of alcohol consumption is safe for our health“. Ins Deutsche übersetzte man das etwas umständlicher mit: „<a href="https://www.who.int/europe/de/news/item/28-12-2022-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge</a>„.</p> <p>Man könnte sagen, dass diese Schlussfolgerung eigentlich schon in der alten Bezeichnung „risikoarm“ steckte. Jetzt drehten Gesundheitswissenschaftler die Kommunikation aber in die Richtung, dass wir alle am besten gar keinen Alkohol mehr trinken sollen. Nebenbei bemerkt: Nichts im Leben ist risikofrei, auch nicht Fahrrad- oder Autofahren oder der Austausch einer Lampe.</p> <p>Binnen weniger Jahre sprang die Mehrheit der Fachleute und -gesellschaften auf diese Kommunikationsstrategie auf. Ein Schelm, wer denkt, dass man für die Aufmerksamkeit der Medien und für das Einwerben von Forschungsgeldern eine neue und griffige Botschaft brauchte. Dann das, was alle schon wissen, ist langweilig.</p> <p>Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen passte schon 2023 <a href="https://www.dhs.de/suechte/alkohol/risiken/" rel="noopener">ihre Empfehlung</a> an: „Ergebnisse der Wissenschaft zeigen, dass es keinen potenziell gesundheitsförderlichen und keinen sicheren Alkoholkonsum gibt.“ Etwas später folgte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit dem griffigen Slogan: „<a href="https://www.dge.de/presse/meldungen/2024/dge-positionspapier-zu-alkohol/" rel="noopener">Am besten null Promille</a>„. Als „risikoarm“ gelten dort nur noch ein bis zwei kleine Gläser Wein beziehungsweise ein bis zwei kleine Flaschen Bier <em>pro Woche</em>.</p> <p>Damit senkte man, wohlgemerkt, die Empfehlung auf einen Schlag auf nur noch ein Siebtel im Vergleich zu den zwanzig Jahren davor! Mit dem Befolgen der alten Richtlinien fällt man jetzt schon in die höchste Risikokategorie, nämlich ab 0,8 Litern Wein oder zwei Litern Bier pro Woche.</p> <p>Was war die Rechtfertigung für diesen meilenweiten Umschwung?</p> <h2>Wissenschaftlicher Durchbruch?</h2> <p>Laut einer alten Faustregel bedürfen starke wissenschaftliche Aussagen auch starker wissenschaftlicher Daten. Ob es so etwas im Bereich der Ernährungswissenschaften überhaupt gibt, ist aber fraglich. Wissenschaftstheoretisch gilt, dass man zur Entdeckung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen unter kontrollierten Bedingungen – idealerweise im Labor – <em>intervenieren</em> muss.</p> <p>So würde man zum Beispiel eine Anzahl von Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip auf zwei (oder mehr) Gruppen verteilen: In einer Gruppe würden die Teilnehmenden gar keinen Alkohol trinken, in einer anderen etwas und in einer dritten etwas mehr. Die Personen dürften sich in keinen anderen Faktoren voneinander unterscheiden, insbesondere nicht im gesunden Lebensstil; und man würde den tatsächlichen Alkoholkonsum unabhängig kontrollieren.</p> <p>Die epidemiologischen Auswertungen in den Ernährungs- und Gesundheitswissenschaften erfüllen in der Regel <em>gar keine</em> dieser Anforderungen. Stattdessen befragt man Personen nach ihrem Alkoholkonsum und erhebt dann weitere Daten zum Lebensstil und der Gesundheit. Aufgrund dieser Selbstangaben und mehr oder weniger objektiver Daten zur Demografie und Gesundheit errechnet man dann, wie stark der Alkoholkonsum und bestimmte Erkrankungen gemeinsam auftreten.</p> <p>Für den Umschwung im Jahr 2023 gab es gar keine neuen Untersuchungen, sondern nur eine andere Art der Auswertung. Über Jahrzehnte galt die J- oder Hockeyschläger-Kurve in der Epidemiologie des Alkoholkonsums als Konsens. Das heißt, bei <em>moderatem</em> Konsum im Vergleich zur völligen Abstinenz waren die Personen sogar etwas gesünder. Das war sozusagen die Delle nach unten im J oder Schläger. Erst ab höheren Mengen nahmen die Krankheitsrisiken zu.</p> <p>Forschende aus dem Bereich der Gesundheitswissenschaften im englischsprachigen Raum werteten die bekannten Daten dann anders aus. Dafür entfernten sie aus der Gruppe der Abstinenten diejenigen Personen, die vorher viel Alkohol getrunken und krank geworden waren. Allein durch diese Maßnahme verschwand das J- oder Hockeyschläger-Muster und kam man auf eine steigende Linie der Krankheitsrisiken, mit der sich jetzt behaupten lässt: Es gibt keinen risikofreien Konsum, das Krankheitsrisiko steigt mit jedem Tropfen Alkohol!</p> <p>Darauf, wie ehrlich diese Form der Kommunikation ist, komme ich am Schluss zurück. Erst will ich auf die gesellschaftlichen Folgen der neuen Empfehlungen eingehen.</p> <h2>Politischer Umschwung</h2> <p>Die neue Botschaft wird nicht im luftleeren Raum verbreitet. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten zur Aufbesserung der Staatsfinanzen werden immer wieder auch Konsumsteuern erhöht. Genussmittel wie Alkohol und Tabak sind hierfür beliebte Ziele. Wenn die Wissenschaft immer wieder auf deren Gesundheitsrisiken hinweist, lassen sich damit Steuererhöhungen begründen: Man wolle nur die Bürgerinnen und Bürger vor sich selbst schützen.</p> <p>Auch hier gibt es eine gewisse Paradoxie: Wenn nämlich der (angeblich) gesundheitsfördernde Effekt eintritt und tatsächlich weniger Menschen die Mittel kaufen, fallen auch weniger Steuern an. Die Kalkulation geht aber insbesondere dann nach hinten los, wenn durch zu hohe Preise der Schmuggel zunimmt. Das ist jetzt schon in manchen Ländern bei Zigaretten der Fall. Anstatt die Staatsfinanzen zu verbessern, fallen dann im Gegenteil höhere Kosten für Zollkontrollen, Gerichtsverfahren und Gefängnisstrafen an. Geschmuggelt wird übrigens trotzdem, so lange das finanziell lukrativ genug ist. Dazu ein anderes Mal mehr. Bleiben wir hier beim Alkohol.</p> <p>Laut Medienberichten ist es für Deutschland jetzt eine ausgemachte Sache, dass das für Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren sogenannte „begleitete Trinken“ verboten wird. Hierüber gibt es viele Missverständnisse. Man liest häufig, Jugendliche dürften erst ab 16 Jahren alkoholhaltige Getränke kaufen und trinken, Letzteres unter Aufsicht der Erziehungsberechtigten aber schon ab 14 Jahren.</p> <p>§ 9 im Jugendschutzgesetz regelt aber nur die Abgabe und den Konsum alkoholischer Getränke „in Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit“ (Absatz 1). Meines Wissens ist der Konsum alkoholischer Getränke unter 16 Jahren <em>im Privaten</em> in Deutschland gar nicht geregelt. Das heißt, der Umgang mit Alkohol obliegt dann der elterlichen Fürsorgepflicht.</p> <p>Wenn jetzt zum Beispiel neben vielen anderen Medien Tagesschau.de (12.08.2026) vom seit Generationen üblichen „Glas Sekt für den Enkel bei Opas rundem Geburtstag oder auch ein Bier bei der Jugendweihe“ <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/kabinett-alkoholverbot-jugendliche-100.html" rel="noopener">berichtet</a>, das laut Kabinettsbeschluss abgeschafft werden solle, verfehlt das schlicht das Ziel. Schon die Überschrift „Kein Alkohol mehr für 14- und 15-Jährige“ verrät mangelnden Sachverstand in der Redaktion.</p> <h2>Sinn oder Unsinn?</h2> <p>Schon am 26. September 2025 hatte der Bundesrat auf Initiative der Landesgesundheitsminister die Abschaffung der genannten Ausnahme im Jugendschutzgesetz <a href="https://www.bundesrat.de/DE/plenum/bundesrat-kompakt/25/1057/1057-pk.html#top_10" rel="noopener">gefordert</a>. Wenn das Bundeskabinett und schließlich der Bundestag dem folgt, wird das aber am Trinken im familiären Kreis nichts ändern. Insofern sind zahlreiche Medienberichte irreführend, die ein Verbot des Alkoholkonsums unter 16 Jahren beschreiben.</p> <p>Wenn das Gesetz aber ein großer Wurf mit einem <em>allgemeinen</em> Verbot werden sollte, handelt sich der Gesetzgeber ein neues Durchsetzungsproblem ein. Sollen dann Kontrolleure der Gesundheitsministerien oder besser gleich die Polizei Stichproben auf Familienfeiern vornehmen, um den Alkoholpegel Jugendlicher festzustellen? Das dürfte dem Verhältnis von Staat und Bürgern kaum förderlich sein.</p> <p>Doch auch hier gibt es ein Alkohol-Paradox: Der Konsum des Genussmittels ist nämlich auch bei Jugendlichen zunehmend „out“. Hatten, so der Alkoholatlas, im Jahr 2001 noch 84 Prozent der zwölf- bis 15-jährigen Jungen und 80 Prozent der Mädchen schon einmal Alkohol getrunken, waren es zwanzig Jahre später nur noch 44 beziehungsweise 40 Prozent. Das heißt, in nur einer Generation hat sich der Konsum auch ohne Gesetzesänderung halbiert.</p> <p>Der Verweis auf die angeblichen Gefahren für die Gehirnentwicklung ist unglaubwürdig. Würde ein <em>gelegentlicher</em> Konsum von geringen Mengen Alkohols das Gehirn kaputtmachen, dann wären wir Menschen schon vor Jahrtausenden ausgestorben. Übrigens enthalten auch reife Früchte geringe Mengen des „Nervengifts“. Sollen Kinder und Jugendliche darum auf Obst verzichten?</p> <p>Somit weckt die geplante Gesetzesänderung schon auf der Begründungsebene erhebliche Zweifel. Mit Blick auf die zu erwartenden Folgen sieht das Bild aber noch schlechter aus. Ein Blick ins Nachbarland Niederlande, wo gerade beim Jugendschutz schon länger strengere Regeln gelten, macht das deutlich. Damit und den inneren Widersprüchen der Gesundheitswissenschaften beschäftigen wir uns im zweiten Teil: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/was-wuerde-ein-alkoholverbot-fuer-jugendliche-bringen/">Was würde ein Alkoholverbot für Jugendliche bringen?</a> (Ab 20.08.2026, 13:00 Uhr verfügbar.)</p> <h2>Zum Weiterlesen</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg"><img alt="" decoding="async" height="732" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-768x549.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> <p>Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims <em><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabisprotokolle</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in <em><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich).</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bca655cf6eb74fd4a164be4742a1560d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/der-kampf-dem-alkohol-geht-in-die-naechste-runde/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>44</slash:comments> </item> <item> <title>Infrastruktur statt Stillstand im Friedensparadox – Pro Stuttgart 21 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/infrastruktur-statt-stillstand-im-friedensparadox-pro-stuttgart-21/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/infrastruktur-statt-stillstand-im-friedensparadox-pro-stuttgart-21/#comments Sun, 16 Aug 2026 06:29:48 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11484 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/infrastruktur-statt-stillstand-im-friedensparadox-pro-stuttgart-21/</link> </image> <description type="html"><h1>Infrastruktur statt Stillstand im Friedensparadox - Pro Stuttgart 21 » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>In dieser Urlaubswoche hatte ich die Gelegenheit, mit Zehra und einem unserer Kinder trotz brütender Klima-Hitze an einer dreistündigen Baustellenführung zum <strong>Bahn- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21</strong> vom <strong>Infoturm Stuttgart (ITS)</strong> teilzunehmen. Wir hatten das vor vielen Jahren schon einmal gemacht und waren nun – trotz aller Verzögerungen – vom Baufortschritt sehr beeindruckt.</p> <p><a href="https://chrismon.de/artikel/2019/42709/christlich-muslimische-familie" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zehra &amp; Michael Blume während einer Baustellenführung zu Stuttgart 21 mit Helm und Westen vor einem Kinder-Wimmelbild der Baustellenführung. " decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-225x300.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487.jpeg 1200w" width="225"></img></a></p> <p><em>Zehra &amp; Michael Blume bei einer Baustellenführung des Infoturm Stuttgart (ITS) zu Stuttgart 21. Foto: Benian Blume</em></p> <p>Zehra engagiert sich inzwischen bei den Grünen, ich bin – trotz <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/lokales/baden-wuerttemberg/michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden-79121377.html" rel="noopener" target="_blank">erheblicher Unzufriedenheit mit der derzeitigen, rechtsmimetischen und viel zu fossilen Bundesregierung von </a><strong><a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/lokales/baden-wuerttemberg/michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden-79121377.html#google_vignette" rel="noopener" target="_blank">Friedrich Merz</a> &amp; Katherina Reiche</strong> – weiterhin in der CDU Mitglied.</p> <p>Dass ich mich von jung an <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/politik/volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei-78943055.html" rel="noopener" target="_blank">als Christdemokrat, aber gerade deswegen nicht plump als „konservativ“ verstehe</a>, hat auch mit <strong>meiner grundsätzlich positiven Haltung zu gemein-nützigen Infrastrukturprojekten</strong> zu tun: Ich meine, dass jede – auch demografisch bereits schrumpfende – Gesellschaft immer wieder den Mut und Willen zu neuen Projekten finden sollte. Wer nur das Bestehende erhalten und nichts Neues erreichen will, wird unweigerlich scheitern.<aside></aside></p> <p>Aus meiner Sicht besteht die Gefahr eines <strong>Friedensparadox analog zum Präventionsparadox</strong>:</p> <p><strong><em>Wenn Infrastruktur und Impfungen über Jahrzehnte erfreulich gut funktionieren, werden jene Stimmen lauter, die den Bedarf an neuen Investitionen und Impfungen nicht mehr erkennen.</em></strong></p> <p>Dann besteht nach meiner Auffassung <strong>die Gefahr, dass die Investitions- und Impfquoten schleichend unter ein nachhaltiges Niveau sinken </strong>und damit die Grundlagen für Frieden, Wohlstand und Gesundheit erodieren. So fanden sich <strong>die autoritären, preußischen Monarchen</strong> erst nach einer <strong>katastrophalen Niederlage</strong> gegen <strong>Napoleon Bonaparte (1769 – 1821)</strong> in der <strong>Doppelschlacht von Jena und Auerstadt am 14. Oktober 1806</strong> zu <strong>Reformen bereit</strong>. Und sie versagten erneut als<strong> auch antisemitische Reaktionäre</strong> in den Jahrzehnten nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, führten das Deutsche Kaiserreich mit einem wahnwitzigen Militarismus in <strong>die Katastrophe und Niederlage des Ersten Weltkrieges</strong>. Wer nur in der Vergangenheit leben will, verspielt die Zukunft.</p> <p>Der kunst- und geschichtskundige Publizist <strong>Heinz Ohff (1922 – 2006)</strong> fragte treffend zur preußisch-deutschen Geschichte:</p> <p><em><strong>„Warum muß immer erst ein Krieg verlorengehen, ehe die Vernunft siegt?“</strong></em></p> <p>Aus meiner Perspektive ist es<strong> die Verantwortung jeder Demokratie, durch Dialog und Gewaltenteilung auch in Friedenszeiten immer wieder Vernunft</strong> zu ermöglichen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinPreussenFossilerFaschismus050925.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Cover des eBooklets &quot;B wie Berlin. Babylon, Preußen und der fossile Faschismus&quot; zeigt links ein buntes B in einer Wüste und rechts Dr. Michael Blume beim Berliner Bären in der Bundesakademie für Sicherheitspolitik." decoding="async" height="853" sizes="(max-width: 690px) 100vw, 690px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinFossilismusPreussenBlumeCover.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinFossilismusPreussenBlumeCover.jpg 690w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinFossilismusPreussenBlumeCover-243x300.jpg 243w" width="690"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinPreussenFossilerFaschismus050925.pdf" rel="noopener" target="_blank">meinem eBooklet „B wie Berlin“ diskutiere ich die Gefahr autoritärer und modernisierungsfeindlicher Erstarrungen am Beispiel der fossilen Geschichte von Preußen</a>. Screenshot: Michael Blume  </em> </p> <p><strong>Neues wagen: Die FILharmonie Filderstadt &amp; die neue Landesmesse Stuttgart</strong></p> <p>So sprach ich mich schon als Jugendlicher in Junger Union und Jugendgemeinderat für eine geplante, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/FILharmonie" rel="noopener">neue Stadthalle in meiner Heimatstadt <strong>Filderstadt</strong>, die heutige <strong>FILharmonie</strong></a>, aus. Gegner initiierten einen Bürgerentscheid dagegen, der jedoch am 22. September 1991 scheiterte. Am 3. Mai 1994 fand die Eröffnung statt und die FILharmonie wurde ein – und ist – ein großer Erfolg.</p> <p>Parallel dazu hatte sich bereits die Diskussion um <strong>den Neubau der Stuttgarter Messe nahe dem Flughafen</strong> entfaltet, nachdem <strong>die Vorgängerin auf dem Stuttgarter Killesberg</strong> an ihre Grenzen gekommen war. Auch hier gab es erbitterte Widerstände und hoch emotionalisierte Demonstrationen und als ich als junger Gemeinderat bei einer Veranstaltung für das Zukunftsprojekt eintrat, schleuderte mir ein älterer und wütender Mann entgegen: <em>„Blödsinn! Ich brauche keinen Arbeitsplatz mehr!“</em></p> <p>Am 19. Oktober 2007 konnte die neue Landesmesse in Anwesenheit von <strong>Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU)</strong> und auch des geschätzten <strong>Bundespräsidenten Horst Köhler (CDU)</strong> eröffnet werden. Auch etwa der CDU-Bundesparteitag im Februar 2026 fand auf dem Messegelände statt.</p> <p><a data-wp-editing="1" href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-der-solarpunk-den-ruf-von-wissenschaft-und-demokratien-retten-kann-und-auch-wird/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Dr. Michael Blume beim CDU-Bundesparteitag im Februar 2026 auf der Landesmesse Stuttgart." decoding="async" height="300" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-225x300.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-scaled.jpeg 1920w" width="225"></img></a></p> <p><em>Post-fossile Politik. Mitglieder einer christ-demokratischen, keiner nur konservativen Partei. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther &amp; ich beim CDU-Bundesparteitag 2026 auf der Landesmesse Stuttgart. Foto: CDU S.-H.</em></p> <p><strong>Pro Stuttgart 21, die Volksabstimmung 2011</strong></p> <p>Meine Position zum <strong>Verkehrs- und Bahnprojekt Stuttgart 21</strong> können Sie sich also vorstellen: Ich war und bin dafür. Auch hierzu gab es wieder erbitterte, wütende Widerstände.</p> <p>Und eines Tages fragte mich mein Schwiegervater, ein deutscher Schreiner türkischer Herkunft: <em>„Michael, warum sind denn so viele gegen einen neuen Bahnhof? In der Türkei würden sich die Menschen freuen!“</em> Worauf ich spontan antwortete: <em>„Baba, in Deutschland gibt es immer weniger junge Menschen, die offen für Neues sind. Viele ältere Menschen, denen es gut geht, sehen in großen Zukunftsprojekten aber für sich selbst keine Vorteile mehr.“</em></p> <p>Doch auch Befürworter des Projektes begingen Fehler und beim sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ am 30. September 2010 wurden Demonstranten schwer verletzt. Dieses allzu autoritäre Vorgehen trug neben der <strong>Atomkatastrophe von Fukushima</strong> zur Wahlniederlage der jahrzehntelang regierenden Union und zur Wahl von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ministerpräsident <strong>Winfried Kretschmann (Grüne)</strong></a> bei.</p> <p>Nach einem Schlichtungsverfahren unter Leitung von <strong>Heiner Geißler (CDU, 1930 – 2017)</strong> kam es unter der grün-roten Landesregierung zu einer landesweiten Volksabstimmung. Diejenigen von uns, die quer durch alle Generationen das Bahnprojekt bejahten, setzten sich <strong>im November 2011 bei der landesweiten Volksabstimmung zu Stuttgart 21</strong> mit 58,9 Prozent der Stimmen durch.</p> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_%C3%BCber_%E2%80%9EStuttgart_21%E2%80%9C_in_Baden-W%C3%BCrttemberg_2011" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Tafel im Ausstellungsturm zu Stuttgart 21 stellt das Ergebnis der Volksabstimmung im November 2011 zum Infrastruktur- und Bahnprojekt dar: 58,9 Prozent der Abstimmenden in Baden-Württemberg stimmten dafür, nur 41,1 Prozent dagegen." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ergebnis der Volksabstimmung vom November 2011 zur Finanzierung von Stuttgart 21: 58,9% der Abstimmenden in Baden-Württemberg befürworteten die Fortsetzung des Projektes, 41,1% lehnten es ab. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Dass <strong>jedes neue Projekt auch Zeit- und Kostenrisiken</strong> enthält, bestreite ich dabei gar nicht: Die Menschen der Vergangenheit begannen oft den Bau von Kathedralen und Kanälen, obwohl sie die Kosten nicht mal abschätzen konnten und nur sicher wussten, dass es zu ihren Lebzeiten nicht fertig werden würde.</p> <p>Doch <strong>angesichts der Klima-, Wasser- und Hitzekrise</strong> sehe ich in den kommenden Jahrzehnten keinen Bedarf an fossilen Gaskraftwerken, sondern an <strong>einer modernen, post-fossilen Infrastruktur</strong>:</p> <p>Deutschland und Europa brauchen <strong>den schnelleren Ausbau erneuerbarer Friedens-, Wohlstands- und Heimatenergien plus Batteriespeichern</strong>, wie sie etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-und-solarpopper-wasserstoff-hoffnung-wunsiedel-bayern/" rel="noopener" target="_blank">im <strong>Landkreis Wunsiedel</strong> längst funktionieren</a>. (Post-fossile Energiewende)</p> <p>Deutschland braucht wieder eine <strong>wieder funktionstüchtige Bahn und einen wieder funktionierenden ÖPNV</strong>, die durch Elektroautos, eBikes und Fahrräder ergänzt werden. (Post-fossile Verkehrswende)</p> <p>Ich war zwölf Jahre in einem damals veraltenden ÖPNV in der Region Stuttgart unterwegs, bevor ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/" rel="noopener" target="_blank">bereits 2017 auf ein französisches Elektroauto umstieg</a>. Inzwischen fahre ich auch mit einem eBike etwa 18 Kilometer zur Arbeit (#mdRzA). </p> <p>Deutschland und Europa brauchen <strong>dringend Klima- und Hitzeresilienz</strong> etwa in Schulen, Innenstädten und Krankenhäusern, da die Zahl der Hitzetoten sonst immer weiter steigen wird.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hitze-starkregen-das-klima-kippt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Kind steht erschrocken vor einem Panorama, in dem links Wälder brennen und rechts Starkregen eine alte Stadt flutet." decoding="async" height="300" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI.jpg 1120w" width="300"></img></a></p> <p><em>Als ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hitze-starkregen-das-klima-kippt/" rel="noopener" target="_blank">2024 zu Extremwettern wie Waldbränden und Überflutungen durch die globale Erhitzung bloggte</a>, tobten wütende Reaktante und fossile Reaktionäre. Bild: Michael Blume mit Leonardo.ai</em></p> <p>Deutschland und Europa brauchen blühende <strong>Solarpunk-Arche-Regionen</strong>, in denen sich<strong> auch junge Familien um gut ausgestattete Bildungs- und Gesundheitsstrukturen, Hochschulen, Forschungsnetzwerke und post-fossile Unternehmen ansiedeln</strong>.</p> <p>Demografie ist die noch immer deutlich unterschätzte, wirtschaftliche und politische Kraft: Wo junge Menschen ausbleiben und abwandern, haben es Investitionen immer schwerer und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/" rel="noopener" target="_blank">bricht schließlich auch die Zukunfts-Zuversicht zusammen, droht sich Rechtsmimesis festzusetzen</a>: Immer mehr Menschen träumen sich dann in eine idealisierte Vergangenheit, die es so niemals gab. Einstmals progressive, moderate und christdemokratische Parteien drohen dann nur noch konservativ zu werden – und damit zu Recht das Vertrauen der Menschen zu verlieren.</p> <p>Aus all diesen Gründen unterstütze ich auch weiterhin mit meiner Familie das Infrastruktur- und Bahnprojekt Stuttgart 21 und freue mich auf dessen Eröffnung!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/3mvhgFjUjvA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Stuttgart 21: Gleise weg, Wohnraum entsteht" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Infrastruktur statt Stillstand im Friedensparadox - Pro Stuttgart 21 » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>In dieser Urlaubswoche hatte ich die Gelegenheit, mit Zehra und einem unserer Kinder trotz brütender Klima-Hitze an einer dreistündigen Baustellenführung zum <strong>Bahn- und Infrastrukturprojekt Stuttgart 21</strong> vom <strong>Infoturm Stuttgart (ITS)</strong> teilzunehmen. Wir hatten das vor vielen Jahren schon einmal gemacht und waren nun – trotz aller Verzögerungen – vom Baufortschritt sehr beeindruckt.</p> <p><a href="https://chrismon.de/artikel/2019/42709/christlich-muslimische-familie" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zehra &amp; Michael Blume während einer Baustellenführung zu Stuttgart 21 mit Helm und Westen vor einem Kinder-Wimmelbild der Baustellenführung. " decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-225x300.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3487.jpeg 1200w" width="225"></img></a></p> <p><em>Zehra &amp; Michael Blume bei einer Baustellenführung des Infoturm Stuttgart (ITS) zu Stuttgart 21. Foto: Benian Blume</em></p> <p>Zehra engagiert sich inzwischen bei den Grünen, ich bin – trotz <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/lokales/baden-wuerttemberg/michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden-79121377.html" rel="noopener" target="_blank">erheblicher Unzufriedenheit mit der derzeitigen, rechtsmimetischen und viel zu fossilen Bundesregierung von </a><strong><a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/lokales/baden-wuerttemberg/michael-blume-antisemitismusbeauftragter-kritisiert-merz-viele-in-der-cdu-leiden-79121377.html#google_vignette" rel="noopener" target="_blank">Friedrich Merz</a> &amp; Katherina Reiche</strong> – weiterhin in der CDU Mitglied.</p> <p>Dass ich mich von jung an <a href="https://www.stuttgarter-zeitung.de/politik/volker-kauder-die-cdu-war-nie-eine-konservative-partei-78943055.html" rel="noopener" target="_blank">als Christdemokrat, aber gerade deswegen nicht plump als „konservativ“ verstehe</a>, hat auch mit <strong>meiner grundsätzlich positiven Haltung zu gemein-nützigen Infrastrukturprojekten</strong> zu tun: Ich meine, dass jede – auch demografisch bereits schrumpfende – Gesellschaft immer wieder den Mut und Willen zu neuen Projekten finden sollte. Wer nur das Bestehende erhalten und nichts Neues erreichen will, wird unweigerlich scheitern.<aside></aside></p> <p>Aus meiner Sicht besteht die Gefahr eines <strong>Friedensparadox analog zum Präventionsparadox</strong>:</p> <p><strong><em>Wenn Infrastruktur und Impfungen über Jahrzehnte erfreulich gut funktionieren, werden jene Stimmen lauter, die den Bedarf an neuen Investitionen und Impfungen nicht mehr erkennen.</em></strong></p> <p>Dann besteht nach meiner Auffassung <strong>die Gefahr, dass die Investitions- und Impfquoten schleichend unter ein nachhaltiges Niveau sinken </strong>und damit die Grundlagen für Frieden, Wohlstand und Gesundheit erodieren. So fanden sich <strong>die autoritären, preußischen Monarchen</strong> erst nach einer <strong>katastrophalen Niederlage</strong> gegen <strong>Napoleon Bonaparte (1769 – 1821)</strong> in der <strong>Doppelschlacht von Jena und Auerstadt am 14. Oktober 1806</strong> zu <strong>Reformen bereit</strong>. Und sie versagten erneut als<strong> auch antisemitische Reaktionäre</strong> in den Jahrzehnten nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, führten das Deutsche Kaiserreich mit einem wahnwitzigen Militarismus in <strong>die Katastrophe und Niederlage des Ersten Weltkrieges</strong>. Wer nur in der Vergangenheit leben will, verspielt die Zukunft.</p> <p>Der kunst- und geschichtskundige Publizist <strong>Heinz Ohff (1922 – 2006)</strong> fragte treffend zur preußisch-deutschen Geschichte:</p> <p><em><strong>„Warum muß immer erst ein Krieg verlorengehen, ehe die Vernunft siegt?“</strong></em></p> <p>Aus meiner Perspektive ist es<strong> die Verantwortung jeder Demokratie, durch Dialog und Gewaltenteilung auch in Friedenszeiten immer wieder Vernunft</strong> zu ermöglichen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinPreussenFossilerFaschismus050925.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Cover des eBooklets &quot;B wie Berlin. Babylon, Preußen und der fossile Faschismus&quot; zeigt links ein buntes B in einer Wüste und rechts Dr. Michael Blume beim Berliner Bären in der Bundesakademie für Sicherheitspolitik." decoding="async" height="853" sizes="(max-width: 690px) 100vw, 690px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinFossilismusPreussenBlumeCover.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinFossilismusPreussenBlumeCover.jpg 690w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinFossilismusPreussenBlumeCover-243x300.jpg 243w" width="690"></img></a></p> <p><em>In <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BwieBerlinPreussenFossilerFaschismus050925.pdf" rel="noopener" target="_blank">meinem eBooklet „B wie Berlin“ diskutiere ich die Gefahr autoritärer und modernisierungsfeindlicher Erstarrungen am Beispiel der fossilen Geschichte von Preußen</a>. Screenshot: Michael Blume  </em> </p> <p><strong>Neues wagen: Die FILharmonie Filderstadt &amp; die neue Landesmesse Stuttgart</strong></p> <p>So sprach ich mich schon als Jugendlicher in Junger Union und Jugendgemeinderat für eine geplante, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/FILharmonie" rel="noopener">neue Stadthalle in meiner Heimatstadt <strong>Filderstadt</strong>, die heutige <strong>FILharmonie</strong></a>, aus. Gegner initiierten einen Bürgerentscheid dagegen, der jedoch am 22. September 1991 scheiterte. Am 3. Mai 1994 fand die Eröffnung statt und die FILharmonie wurde ein – und ist – ein großer Erfolg.</p> <p>Parallel dazu hatte sich bereits die Diskussion um <strong>den Neubau der Stuttgarter Messe nahe dem Flughafen</strong> entfaltet, nachdem <strong>die Vorgängerin auf dem Stuttgarter Killesberg</strong> an ihre Grenzen gekommen war. Auch hier gab es erbitterte Widerstände und hoch emotionalisierte Demonstrationen und als ich als junger Gemeinderat bei einer Veranstaltung für das Zukunftsprojekt eintrat, schleuderte mir ein älterer und wütender Mann entgegen: <em>„Blödsinn! Ich brauche keinen Arbeitsplatz mehr!“</em></p> <p>Am 19. Oktober 2007 konnte die neue Landesmesse in Anwesenheit von <strong>Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU)</strong> und auch des geschätzten <strong>Bundespräsidenten Horst Köhler (CDU)</strong> eröffnet werden. Auch etwa der CDU-Bundesparteitag im Februar 2026 fand auf dem Messegelände statt.</p> <p><a data-wp-editing="1" href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-der-solarpunk-den-ruf-von-wissenschaft-und-demokratien-retten-kann-und-auch-wird/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und Dr. Michael Blume beim CDU-Bundesparteitag im Februar 2026 auf der Landesmesse Stuttgart." decoding="async" height="300" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-225x300.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-1536x2048.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1597-scaled.jpeg 1920w" width="225"></img></a></p> <p><em>Post-fossile Politik. Mitglieder einer christ-demokratischen, keiner nur konservativen Partei. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther &amp; ich beim CDU-Bundesparteitag 2026 auf der Landesmesse Stuttgart. Foto: CDU S.-H.</em></p> <p><strong>Pro Stuttgart 21, die Volksabstimmung 2011</strong></p> <p>Meine Position zum <strong>Verkehrs- und Bahnprojekt Stuttgart 21</strong> können Sie sich also vorstellen: Ich war und bin dafür. Auch hierzu gab es wieder erbitterte, wütende Widerstände.</p> <p>Und eines Tages fragte mich mein Schwiegervater, ein deutscher Schreiner türkischer Herkunft: <em>„Michael, warum sind denn so viele gegen einen neuen Bahnhof? In der Türkei würden sich die Menschen freuen!“</em> Worauf ich spontan antwortete: <em>„Baba, in Deutschland gibt es immer weniger junge Menschen, die offen für Neues sind. Viele ältere Menschen, denen es gut geht, sehen in großen Zukunftsprojekten aber für sich selbst keine Vorteile mehr.“</em></p> <p>Doch auch Befürworter des Projektes begingen Fehler und beim sogenannten „Schwarzen Donnerstag“ am 30. September 2010 wurden Demonstranten schwer verletzt. Dieses allzu autoritäre Vorgehen trug neben der <strong>Atomkatastrophe von Fukushima</strong> zur Wahlniederlage der jahrzehntelang regierenden Union und zur Wahl von <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf" rel="noopener" target="_blank">Ministerpräsident <strong>Winfried Kretschmann (Grüne)</strong></a> bei.</p> <p>Nach einem Schlichtungsverfahren unter Leitung von <strong>Heiner Geißler (CDU, 1930 – 2017)</strong> kam es unter der grün-roten Landesregierung zu einer landesweiten Volksabstimmung. Diejenigen von uns, die quer durch alle Generationen das Bahnprojekt bejahten, setzten sich <strong>im November 2011 bei der landesweiten Volksabstimmung zu Stuttgart 21</strong> mit 58,9 Prozent der Stimmen durch.</p> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Volksabstimmung_%C3%BCber_%E2%80%9EStuttgart_21%E2%80%9C_in_Baden-W%C3%BCrttemberg_2011" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Die Tafel im Ausstellungsturm zu Stuttgart 21 stellt das Ergebnis der Volksabstimmung im November 2011 zum Infrastruktur- und Bahnprojekt dar: 58,9 Prozent der Abstimmenden in Baden-Württemberg stimmten dafür, nur 41,1 Prozent dagegen." decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2170-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>Ergebnis der Volksabstimmung vom November 2011 zur Finanzierung von Stuttgart 21: 58,9% der Abstimmenden in Baden-Württemberg befürworteten die Fortsetzung des Projektes, 41,1% lehnten es ab. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Dass <strong>jedes neue Projekt auch Zeit- und Kostenrisiken</strong> enthält, bestreite ich dabei gar nicht: Die Menschen der Vergangenheit begannen oft den Bau von Kathedralen und Kanälen, obwohl sie die Kosten nicht mal abschätzen konnten und nur sicher wussten, dass es zu ihren Lebzeiten nicht fertig werden würde.</p> <p>Doch <strong>angesichts der Klima-, Wasser- und Hitzekrise</strong> sehe ich in den kommenden Jahrzehnten keinen Bedarf an fossilen Gaskraftwerken, sondern an <strong>einer modernen, post-fossilen Infrastruktur</strong>:</p> <p>Deutschland und Europa brauchen <strong>den schnelleren Ausbau erneuerbarer Friedens-, Wohlstands- und Heimatenergien plus Batteriespeichern</strong>, wie sie etwa <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-und-solarpopper-wasserstoff-hoffnung-wunsiedel-bayern/" rel="noopener" target="_blank">im <strong>Landkreis Wunsiedel</strong> längst funktionieren</a>. (Post-fossile Energiewende)</p> <p>Deutschland braucht wieder eine <strong>wieder funktionstüchtige Bahn und einen wieder funktionierenden ÖPNV</strong>, die durch Elektroautos, eBikes und Fahrräder ergänzt werden. (Post-fossile Verkehrswende)</p> <p>Ich war zwölf Jahre in einem damals veraltenden ÖPNV in der Region Stuttgart unterwegs, bevor ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/" rel="noopener" target="_blank">bereits 2017 auf ein französisches Elektroauto umstieg</a>. Inzwischen fahre ich auch mit einem eBike etwa 18 Kilometer zur Arbeit (#mdRzA). </p> <p>Deutschland und Europa brauchen <strong>dringend Klima- und Hitzeresilienz</strong> etwa in Schulen, Innenstädten und Krankenhäusern, da die Zahl der Hitzetoten sonst immer weiter steigen wird.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hitze-starkregen-das-klima-kippt/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Kind steht erschrocken vor einem Panorama, in dem links Wälder brennen und rechts Starkregen eine alte Stadt flutet." decoding="async" height="300" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/HitzebrandStarkregenComicStilMichaelBlumeLeonardoAI.jpg 1120w" width="300"></img></a></p> <p><em>Als ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hitze-starkregen-das-klima-kippt/" rel="noopener" target="_blank">2024 zu Extremwettern wie Waldbränden und Überflutungen durch die globale Erhitzung bloggte</a>, tobten wütende Reaktante und fossile Reaktionäre. Bild: Michael Blume mit Leonardo.ai</em></p> <p>Deutschland und Europa brauchen blühende <strong>Solarpunk-Arche-Regionen</strong>, in denen sich<strong> auch junge Familien um gut ausgestattete Bildungs- und Gesundheitsstrukturen, Hochschulen, Forschungsnetzwerke und post-fossile Unternehmen ansiedeln</strong>.</p> <p>Demografie ist die noch immer deutlich unterschätzte, wirtschaftliche und politische Kraft: Wo junge Menschen ausbleiben und abwandern, haben es Investitionen immer schwerer und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/bedrohen-demografie-rechtsmimesis-inzwischen-die-republik-auch-ueber-sachsen-anhalt-aus/" rel="noopener" target="_blank">bricht schließlich auch die Zukunfts-Zuversicht zusammen, droht sich Rechtsmimesis festzusetzen</a>: Immer mehr Menschen träumen sich dann in eine idealisierte Vergangenheit, die es so niemals gab. Einstmals progressive, moderate und christdemokratische Parteien drohen dann nur noch konservativ zu werden – und damit zu Recht das Vertrauen der Menschen zu verlieren.</p> <p>Aus all diesen Gründen unterstütze ich auch weiterhin mit meiner Familie das Infrastruktur- und Bahnprojekt Stuttgart 21 und freue mich auf dessen Eröffnung!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/3mvhgFjUjvA?feature=oembed&amp;rel=0" title="Stuttgart 21: Gleise weg, Wohnraum entsteht" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/infrastruktur-statt-stillstand-im-friedensparadox-pro-stuttgart-21/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>46</slash:comments> </item> <item> <title>Römisches Geld als Medium – Ein Fundstück aus La Souterraine, Frankreich https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/roemisches-geld-als-medium-ein-fundstueck-aus-la-souterraine-frankreich/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/roemisches-geld-als-medium-ein-fundstueck-aus-la-souterraine-frankreich/#comments Thu, 13 Aug 2026 13:06:19 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11478 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-768x1005.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/roemisches-geld-als-medium-ein-fundstueck-aus-la-souterraine-frankreich/</link> </image> <description type="html"><h1>Römisches Geld als Medium - Ein Fundstück aus La Souterraine, Frankreich » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-13T15:06:19+02:00">13. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117087994568715572" rel="noopener" target="_blank">meiner (schon jahrealten) Auffassung sollten die Völker und Staaten des eurasischen Gürtel einschließlich <strong>Israel</strong> und seiner arabischen Nachbarstaaten <strong>Libanon</strong>, <strong>Syrien</strong>, <strong>Jordanien</strong>, <strong>Ägypten</strong> usw. angesichts der Klima- und Wasserkrise dringend zu Frieden und Zusammenarbeit</a> finden. Dass Versöhnung auch nach langen Phasen der Feindschaft und vielen Kriegen möglich ist, kann ich immer wieder am Beispiel <strong>Frankreich</strong> und <strong>Deutschland</strong> erläutern. Meine Ehefrau Zehra und ich fuhren mit unseren Kindern sogar einmal an <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Reims" rel="noopener" target="_blank">die <strong>Kathedrale von Reims</strong></a>, um ihnen den historischen Ort zu zeigen, an dem <strong>Konrad Adenauer</strong> und <strong>Charles de Gaulle</strong> am 8. Juli 1962 ein neues Kapitel der europäischen, der deutsch-französischen Geschichte aufschlugen!</p> <p><em><strong>Frieden braucht Dialog – und Mut!</strong></em></p> <p>Seit vielen Jahren engagiert sich Zehra zudem in der deutsch-französischen Städtepartnerschaft zwischen <strong>Filderstadt</strong> und La <strong>Souterraine</strong>. Im Urlaub durfte ich letzte Woche mit ihr <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">im (passenderweise: französischen) Elektroauto</a>, einem Renault Scenic, zu einer wundervollen, französischen Familie fahren, die auch schon bei uns zu Gast war.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einen grauen Schaltschrank in La Souterraine wurde in roter Farbe aufgesprüht: &quot;liberté - egalité - biodiversité&quot;" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In Frankreich gibt es bislang leider nur sehr wenige Häuser mit eigener Solarenergie, aber bereits viele Ladestationen für Elektroautos. An einer fand ich diese wunderbare Variante des französischen Revolutionsrufes: <strong>„libert</strong><b id="mwBA">é – egalité – biodiversité“</b>! Foto: Michael Blume </em><aside></aside></p> <p>Wir hatten gemeinsam mit unseren französischen, deutschen und auch britischen Freundinnen und Freunden eine wundervolle Zeit, trafen auch die Stadt-Delegation um unseren <strong>Oberbürgermeister Christoph Traub (CDU)</strong>, die an <a href="https://bridiers.fr/" rel="noopener">der atemberaubenden Bürgerschafts-Aufführung <strong><em>Fresque de Bridiers</em></strong></a> mitwirkten.</p> <p>Auch Zehra &amp; ich staunten, als dabei eine osmanisch verkleidete und sogar berittene Gruppe <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_Sultan" rel="noopener">den legendäeren <strong>Sultan Zizin / Cem</strong> verkörperte, der als Bruder des letztlich erfolgreichen Thronerben <strong>Sultan Bayezid II.</strong></a> (der ab 1485 den Buchdruck in arabischen Lettern verbieten ließ) zeitweise im Exil der Region lebte.</p> <p>Zudem konnten wir auch einige Orte besuchen, die mich auch wissenschaftlich interessierten.</p> <p>So möchte ich allen, die sich für Geschichte, Religion &amp; Politik interessieren, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Notre-Dame_(La_Souterraine)" rel="noopener">die Krypta der Pfarrkirche Notre-Dame in La Souterraine</a> empfehlen, die eine hervorragende Ausstellung zur schon römischen Geschichte der Region enthält.</p> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Notre-Dame_(La_Souterraine)" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein französischer Wochenmarkt am Kirchenschiff von Notre-Dame in La Souterraine. Auffällig sind die gotische Architektur und die vielen, grünen Bäume." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>An <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Notre-Dame_(La_Souterraine)" rel="noopener" target="_blank">der Kirche Notre-Dame in La Souterraine mit Krypta &amp; Ausstellung</a> findet auch ein hervorragender, französischer Markt statt. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ein Blogpost wäre nicht genug, um die Vielzahl der Sehenswürdigkeiten und Ausstellungsstücke zu würdigen. Aber als großartiges Beispiel für Geld als Medium habe ich Ihnen eine römische Münze vom Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus fotografiert, deren Beschriftung zeigen, wie sich unsere alphabetisierten Zentralbegriffe aus Politik und Religion (= Zivilreligion) entwickelt haben!</p> <p><a href="https://www.forumancientcoins.com/catalog/roman-and-greek-coins.asp?vpar=409&amp;pos=0&amp;iop=50&amp;sold=1" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Abbildung einer römischen Münze aus den Jahren 101 oder 102 AD in der Krypta der Kirche Notre-Dame in La Souterraine. Die Münze zeigt den Adoptivkaiser Trajan und die Beschriftungen IMP(erator), CAES(ar), NERVAE TRAIANO, AUG(ustus), GER(manicus), DAC(icus), P(ontifex) M(aximus), TR(ibunicia) P(otestate), CO(n)S(ul) IV, P(ater) P(atriae). Foto dieser Münz- und Erklärtafel: Michael Blume" decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1957px) 100vw, 1957px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-scaled.jpeg 1957w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-229x300.jpeg 229w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-783x1024.jpeg 783w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-768x1005.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-1174x1536.jpeg 1174w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-1565x2048.jpeg 1565w" width="1957"></img></a><em>Römische Münze geprägt nach <b id="mwHg">Marcus Ulpius Traianus (53 – 117 n.Chr.)</b>, der als  <b id="mwHw">Imperator Caesar Nerva Traianus Augustus </b>von 98 bis zu seinem Tod 117 n.Chr. regierte. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Haben Sie Lust, hier mit mir ein paar der auf der Münze verewigten Titulaturen zu übersetzen, zu kommentieren, zu diskutieren? Ich würde mich freuen!</p> <p>Weitere Besuche galten übrigens einer nahen Gruppe von <strong>sieben atemberaubenden Dolmen</strong> sowie den Städten von <strong>Dijon</strong> (auf der Hinfahrt) und <strong>Montbelliard / Mömpelgart</strong> auf der Rückfahrt.</p> <p>Doch das sind weitere Geschichten, die gerne ein andermal erzählt werden sollen.</p> <p><em><strong>Vive la France, vive l’Europe!</strong></em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/EMXhX8bG148?feature=oembed&amp;rel=0" title="Kleine Impression aus Montbéliard / württembergisch Mömpelgard" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Römisches Geld als Medium - Ein Fundstück aus La Souterraine, Frankreich » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-13T15:06:19+02:00">13. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117087994568715572" rel="noopener" target="_blank">meiner (schon jahrealten) Auffassung sollten die Völker und Staaten des eurasischen Gürtel einschließlich <strong>Israel</strong> und seiner arabischen Nachbarstaaten <strong>Libanon</strong>, <strong>Syrien</strong>, <strong>Jordanien</strong>, <strong>Ägypten</strong> usw. angesichts der Klima- und Wasserkrise dringend zu Frieden und Zusammenarbeit</a> finden. Dass Versöhnung auch nach langen Phasen der Feindschaft und vielen Kriegen möglich ist, kann ich immer wieder am Beispiel <strong>Frankreich</strong> und <strong>Deutschland</strong> erläutern. Meine Ehefrau Zehra und ich fuhren mit unseren Kindern sogar einmal an <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Reims" rel="noopener" target="_blank">die <strong>Kathedrale von Reims</strong></a>, um ihnen den historischen Ort zu zeigen, an dem <strong>Konrad Adenauer</strong> und <strong>Charles de Gaulle</strong> am 8. Juli 1962 ein neues Kapitel der europäischen, der deutsch-französischen Geschichte aufschlugen!</p> <p><em><strong>Frieden braucht Dialog – und Mut!</strong></em></p> <p>Seit vielen Jahren engagiert sich Zehra zudem in der deutsch-französischen Städtepartnerschaft zwischen <strong>Filderstadt</strong> und La <strong>Souterraine</strong>. Im Urlaub durfte ich letzte Woche mit ihr <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/">im (passenderweise: französischen) Elektroauto</a>, einem Renault Scenic, zu einer wundervollen, französischen Familie fahren, die auch schon bei uns zu Gast war.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dekarbonisierungskugel-fuer-den-weltfrieden-meine-erste-erfahrungen-mit-dem-elektro-renault-zoe/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Auf einen grauen Schaltschrank in La Souterraine wurde in roter Farbe aufgesprüht: &quot;liberté - egalité - biodiversité&quot;" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3467-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>In Frankreich gibt es bislang leider nur sehr wenige Häuser mit eigener Solarenergie, aber bereits viele Ladestationen für Elektroautos. An einer fand ich diese wunderbare Variante des französischen Revolutionsrufes: <strong>„libert</strong><b id="mwBA">é – egalité – biodiversité“</b>! Foto: Michael Blume </em><aside></aside></p> <p>Wir hatten gemeinsam mit unseren französischen, deutschen und auch britischen Freundinnen und Freunden eine wundervolle Zeit, trafen auch die Stadt-Delegation um unseren <strong>Oberbürgermeister Christoph Traub (CDU)</strong>, die an <a href="https://bridiers.fr/" rel="noopener">der atemberaubenden Bürgerschafts-Aufführung <strong><em>Fresque de Bridiers</em></strong></a> mitwirkten.</p> <p>Auch Zehra &amp; ich staunten, als dabei eine osmanisch verkleidete und sogar berittene Gruppe <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Cem_Sultan" rel="noopener">den legendäeren <strong>Sultan Zizin / Cem</strong> verkörperte, der als Bruder des letztlich erfolgreichen Thronerben <strong>Sultan Bayezid II.</strong></a> (der ab 1485 den Buchdruck in arabischen Lettern verbieten ließ) zeitweise im Exil der Region lebte.</p> <p>Zudem konnten wir auch einige Orte besuchen, die mich auch wissenschaftlich interessierten.</p> <p>So möchte ich allen, die sich für Geschichte, Religion &amp; Politik interessieren, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Notre-Dame_(La_Souterraine)" rel="noopener">die Krypta der Pfarrkirche Notre-Dame in La Souterraine</a> empfehlen, die eine hervorragende Ausstellung zur schon römischen Geschichte der Region enthält.</p> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Notre-Dame_(La_Souterraine)" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein französischer Wochenmarkt am Kirchenschiff von Notre-Dame in La Souterraine. Auffällig sind die gotische Architektur und die vielen, grünen Bäume." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3466-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a></p> <p><em>An <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Notre-Dame_(La_Souterraine)" rel="noopener" target="_blank">der Kirche Notre-Dame in La Souterraine mit Krypta &amp; Ausstellung</a> findet auch ein hervorragender, französischer Markt statt. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Ein Blogpost wäre nicht genug, um die Vielzahl der Sehenswürdigkeiten und Ausstellungsstücke zu würdigen. Aber als großartiges Beispiel für Geld als Medium habe ich Ihnen eine römische Münze vom Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus fotografiert, deren Beschriftung zeigen, wie sich unsere alphabetisierten Zentralbegriffe aus Politik und Religion (= Zivilreligion) entwickelt haben!</p> <p><a href="https://www.forumancientcoins.com/catalog/roman-and-greek-coins.asp?vpar=409&amp;pos=0&amp;iop=50&amp;sold=1" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Abbildung einer römischen Münze aus den Jahren 101 oder 102 AD in der Krypta der Kirche Notre-Dame in La Souterraine. Die Münze zeigt den Adoptivkaiser Trajan und die Beschriftungen IMP(erator), CAES(ar), NERVAE TRAIANO, AUG(ustus), GER(manicus), DAC(icus), P(ontifex) M(aximus), TR(ibunicia) P(otestate), CO(n)S(ul) IV, P(ater) P(atriae). Foto dieser Münz- und Erklärtafel: Michael Blume" decoding="async" height="2560" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1957px) 100vw, 1957px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-scaled.jpeg 1957w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-229x300.jpeg 229w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-783x1024.jpeg 783w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-768x1005.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-1174x1536.jpeg 1174w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_3463-1565x2048.jpeg 1565w" width="1957"></img></a><em>Römische Münze geprägt nach <b id="mwHg">Marcus Ulpius Traianus (53 – 117 n.Chr.)</b>, der als  <b id="mwHw">Imperator Caesar Nerva Traianus Augustus </b>von 98 bis zu seinem Tod 117 n.Chr. regierte. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Haben Sie Lust, hier mit mir ein paar der auf der Münze verewigten Titulaturen zu übersetzen, zu kommentieren, zu diskutieren? Ich würde mich freuen!</p> <p>Weitere Besuche galten übrigens einer nahen Gruppe von <strong>sieben atemberaubenden Dolmen</strong> sowie den Städten von <strong>Dijon</strong> (auf der Hinfahrt) und <strong>Montbelliard / Mömpelgart</strong> auf der Rückfahrt.</p> <p>Doch das sind weitere Geschichten, die gerne ein andermal erzählt werden sollen.</p> <p><em><strong>Vive la France, vive l’Europe!</strong></em></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/EMXhX8bG148?feature=oembed&amp;rel=0" title="Kleine Impression aus Montbéliard / württembergisch Mömpelgard" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/roemisches-geld-als-medium-ein-fundstueck-aus-la-souterraine-frankreich/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>26</slash:comments> </item> <item> <title>Total Solar Eclipsis 2026 – nördlich von Madrid https://scilogs.spektrum.de/meertext/total-solar-eclipsis-2026-noerdlich-von-madrid/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/total-solar-eclipsis-2026-noerdlich-von-madrid/#comments Tue, 11 Aug 2026 21:38:26 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2058 <h1>Total Solar Eclipsis 2026 - nördlich von Madrid » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 12.08.2026 ist mal wieder auch über Teilen Europas eine totale Sonnenfinsternis zu sehen, partiell wird es auch in Deutschland dunkel.<br></br>Wir sind dieses Jahr allerdings etwas weiter südlich, in Spanien. Darum verbringen wir unseren Jahresurlaub mit Nerd-FreundInnen bei der totalen Sonnenfinsternis, irgendwo nördlich von Madrid. Direkt auf der Bahn der „Größten Totalität“, wo das Phänomen am längsten erlebbar sein wird: Hier wird es diesmal etwas über 2 Minuten dunkel, es ist 2026 also ein recht kurzes Spektakel.<br></br>Trotzdem ist die Totalität ein großes Ding: Auf der Autobahn sahen wir vorhin Warnungen, dort nicht zum Filmen oder Photographieren stehen zu bleiben.</p> <p>In Zeitungen, Sozialen Medien und anderswo wird es jedensfalls seit Wochen angekündigt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 899px) 100vw, 899px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-899x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-899x1024.png 899w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-263x300.png 263w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-768x875.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58.png 947w" width="899"></img></a></figure> <p>Diese SoFi, wie Insider lässig sagen, startet über der Beringstraße und verläuft dann über Grönland, Island und schließlich über Spanien und Portugal. Sie ist parziell aber auch in anderen Teilen Norwesteuropas zu sehen – auch in Deutschland. <br></br>Das Spektakel b<a href="https://www.ardalpha.de/wissen/weltall/sternenhimmel/sonnenfinsternis-sofi-sonne-mond-totale-100.html" rel="noopener">eginnt um kurz nach 19:00 Uhr </a>– dann schiebt sich der Mond allmählich vor die Sonnenscheibe. Zur besten Tagesschau-Zeit ist es dann schon recht dunkel und gegen 20:16 Uhr tritt dann die Totalität ein. Dann steht die Sonne schon tief am Himmel, wer nicht danach Ausschau hält und keine Nachrichten konsumiert, könnte die Verdunklung für einen etwas vorgezogenen Sonnenuntergang halten.</p> <p>Zur Beobachtung sollte man sich also eine Anhöhe mit freiem Blick nach Westen suchen, Berge oder hohe Gebäude könnten die tief am Himmel stehende Sonne sonst verdecken. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-2048x1152.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Hier ist der zeitliche Ablauf – <a href="https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2026/05/Total_solar_eclipse_12_August_2026_Map_of_totality_in_Spain" rel="noopener">die ESA bietet gute Informationen für ganz Europa an, in Spanien </a>sind wir etwas später dran, als in Deutschland. Nördlich von Madrid, wo wir uns unseren Platz in einer Landschaft voller historischer Städte gesucht haben, tritt die Totalität gegen 20:28 Uhr ein. <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-2048x1152.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wann die SoFi wo zu sehen ist, lässt sich z. B. auch mit dieser <a href="https://play.google.com/store/apps/details?id=net.strickling.eclipse2026&amp;pli=1" rel="noopener">App bestimmen</a>.<br></br></p> <h2>Wichtig: NUR mit Sonnenfinsternisbrille beobachten! Oder Lochkamera</h2> <p>Anleitung für Sonnenfinsternis-Neulinge: Bitte unbedingt NUR mit geeignetem Filter in den Himmel schauen! <br></br>Die ESA hat hier noch einige Sicherheitstipps zusammengestellt, ESA-Astronautin Sophie Adenot stellt sie im Video vor:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Z9HBsY5Is4A?feature=oembed" title="8 things to know about the 2026 total solar eclipse" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Wer nicht so recht weiß, wie er/sie die SoFi am besten angehen sollte, kann sich auch den in vielen Städten angebotenen öffentlichen Beobachtungsteams anschließen. Viele Planetarien, Sternwarten, Astro-Vereine und andere Gruppen bieten dafür Treffpunkte außerhalb der Städte an. Wer dann etwa keine SoFi-Brille mehr ergattert hat, kann das Himmelsphänomen auf dem Bildschirm oder auf andere Weise beobachten. Wir hatten den Blick durchs Teleskop für ein größeres Publikum auch schon auf den Boden projiziert, dort sind die Augen der Sonnenstrahlung geschützt.<br></br>Bitte nicht ersatzweise mit Sonnen- oder Schweißerbrillen in die Sonnen gucken, das kann die Augen schädigen.</p> <p>Mein Mann gehört zum Leitungsteam der Starkenburg-Sternwarte, darum wird er mittlerweile im Minutentakt angerufen, ob es noch SoFi-Brillen gibt: Nein, die sind in Heppenheim ausverkauft.<br></br>Mit einer Lochkamera kann man aber auch ungefährdet beobachten. Man braucht eine etwas breitere Pappröhre (Paketrolle, …) Butterbrot- oder noch besser Architektenpapier (Bastelgeschäft), Schere, Klebstoff und wenig mehr.<p>Hier sind einige Bastelanleitungen:</p></p> <ul> <li>https://www.logo.de/lochkamera-anleitung-100.html</li> <li>https://www.leifiphysik.de/optik/lichtausbreitung/versuche/lochkamera-heimversuch</li> <li>https://weather.com/de-DE/neuigkeiten/deutschland/video/diy-trick-schutzt-augen-bei-der-sonnenfinsternis</li> <li>https://www.planetarium.berlin/sites/default/files/2024-01/SPB-LochkameraExperiment.pdf</li> <li>https://kiku-online.net/camera-obscura<p>Statt Papprolle kann man auch einen Pappkasten nehmen.</p><br></br>Lochkameras sind eine Erfindung aus der frühen Zeit der Bildgebungsverfahren, die schließlich in der Photographie endeten – sie heißen auch <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Camera_obscura" rel="noopener">Camera obscura</a>.</li> </ul> <p>Dann drücke ich allen Interessierten die Daumen, dass morgen ein klarer Himmel in diesem Zeitraum das Himmelsspektakel gut sichtbar macht!</p> <p>Ich bin ab 12:00 Uhr erstmal offline, wir sind dann draußen und vermutlich im Funkloch.<br></br>Dann kann ich wohl keine Kommenatre mehr freischalten oder moderieren.<br></br>Darum bitte ich, von Statements zur Flacherde und Skeptik zum heliozentrentrischen Weltbild abzusehen : )</p> <h2>Bonus-Programm: Perseidenschauer</h2> <p>Jedes Jahr gerät die Erde zwischen Ende Juli bis Mitte Auguts in einen besonders dichten Sternschnuppenschauer: Die Perseiden! Der von Astronomen erwartete Höhepunkt des Perseiden-Spektakels fällt ebenfalls auf den 12.08. und ist sozusagen ein Bonusprogramm zur Sonnenfinsternis. Der Mond glänzt durch fast vollständige Abwesenheit – am Freitag ist Neumond – und sorgt für eine besonders dunkle und somit gute Kulisse für die Sternschnuppen.<br></br>„Perseiden“ heißen sie, weil sie scheinbar aus dem Sternbild des Perseus auftauchen.</p> <p>Solche Schweifsterne sind sicherlich schon seit der frühesten Menschheitsgeschichte ein besonderes Spektakel für die Menschen gewesen. Und Menschen suchen für außergewöhnliche Phänomene gern nach Erklärungen oder Begründungen, um sie in ihr Weltbild besser einordnen zu können. So haben die christlich geprägten Menschen des Mittelalters sich die fallenden Mini-Himmelkörper als die Tränen des heiligen Laurentius erklärt. Ein christlicher Märtyrer, der am 10. August 258 in Rom zu Tode gefoltert wurde. St. Laurentius starb einen sehr grausamen Tod auf dem Bratrost und soll heiße Tränen geweint haben.<br></br>So kamen die Perseiden, die alljährlich zum Todestag des Märtyrers um den 10. August herum auftauchten, zu ihrem Namen „Tränen des Laurentius“. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Total Solar Eclipsis 2026 - nördlich von Madrid » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am 12.08.2026 ist mal wieder auch über Teilen Europas eine totale Sonnenfinsternis zu sehen, partiell wird es auch in Deutschland dunkel.<br></br>Wir sind dieses Jahr allerdings etwas weiter südlich, in Spanien. Darum verbringen wir unseren Jahresurlaub mit Nerd-FreundInnen bei der totalen Sonnenfinsternis, irgendwo nördlich von Madrid. Direkt auf der Bahn der „Größten Totalität“, wo das Phänomen am längsten erlebbar sein wird: Hier wird es diesmal etwas über 2 Minuten dunkel, es ist 2026 also ein recht kurzes Spektakel.<br></br>Trotzdem ist die Totalität ein großes Ding: Auf der Autobahn sahen wir vorhin Warnungen, dort nicht zum Filmen oder Photographieren stehen zu bleiben.</p> <p>In Zeitungen, Sozialen Medien und anderswo wird es jedensfalls seit Wochen angekündigt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 899px) 100vw, 899px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-899x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-899x1024.png 899w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-263x300.png 263w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58-768x875.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-58.png 947w" width="899"></img></a></figure> <p>Diese SoFi, wie Insider lässig sagen, startet über der Beringstraße und verläuft dann über Grönland, Island und schließlich über Spanien und Portugal. Sie ist parziell aber auch in anderen Teilen Norwesteuropas zu sehen – auch in Deutschland. <br></br>Das Spektakel b<a href="https://www.ardalpha.de/wissen/weltall/sternenhimmel/sonnenfinsternis-sofi-sonne-mond-totale-100.html" rel="noopener">eginnt um kurz nach 19:00 Uhr </a>– dann schiebt sich der Mond allmählich vor die Sonnenscheibe. Zur besten Tagesschau-Zeit ist es dann schon recht dunkel und gegen 20:16 Uhr tritt dann die Totalität ein. Dann steht die Sonne schon tief am Himmel, wer nicht danach Ausschau hält und keine Nachrichten konsumiert, könnte die Verdunklung für einen etwas vorgezogenen Sonnenuntergang halten.</p> <p>Zur Beobachtung sollte man sich also eine Anhöhe mit freiem Blick nach Westen suchen, Berge oder hohe Gebäude könnten die tief am Himmel stehende Sonne sonst verdecken. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-60-2048x1152.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Hier ist der zeitliche Ablauf – <a href="https://www.esa.int/ESA_Multimedia/Images/2026/05/Total_solar_eclipse_12_August_2026_Map_of_totality_in_Spain" rel="noopener">die ESA bietet gute Informationen für ganz Europa an, in Spanien </a>sind wir etwas später dran, als in Deutschland. Nördlich von Madrid, wo wir uns unseren Platz in einer Landschaft voller historischer Städte gesucht haben, tritt die Totalität gegen 20:28 Uhr ein. <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-59-2048x1152.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wann die SoFi wo zu sehen ist, lässt sich z. B. auch mit dieser <a href="https://play.google.com/store/apps/details?id=net.strickling.eclipse2026&amp;pli=1" rel="noopener">App bestimmen</a>.<br></br></p> <h2>Wichtig: NUR mit Sonnenfinsternisbrille beobachten! Oder Lochkamera</h2> <p>Anleitung für Sonnenfinsternis-Neulinge: Bitte unbedingt NUR mit geeignetem Filter in den Himmel schauen! <br></br>Die ESA hat hier noch einige Sicherheitstipps zusammengestellt, ESA-Astronautin Sophie Adenot stellt sie im Video vor:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/Z9HBsY5Is4A?feature=oembed" title="8 things to know about the 2026 total solar eclipse" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Wer nicht so recht weiß, wie er/sie die SoFi am besten angehen sollte, kann sich auch den in vielen Städten angebotenen öffentlichen Beobachtungsteams anschließen. Viele Planetarien, Sternwarten, Astro-Vereine und andere Gruppen bieten dafür Treffpunkte außerhalb der Städte an. Wer dann etwa keine SoFi-Brille mehr ergattert hat, kann das Himmelsphänomen auf dem Bildschirm oder auf andere Weise beobachten. Wir hatten den Blick durchs Teleskop für ein größeres Publikum auch schon auf den Boden projiziert, dort sind die Augen der Sonnenstrahlung geschützt.<br></br>Bitte nicht ersatzweise mit Sonnen- oder Schweißerbrillen in die Sonnen gucken, das kann die Augen schädigen.</p> <p>Mein Mann gehört zum Leitungsteam der Starkenburg-Sternwarte, darum wird er mittlerweile im Minutentakt angerufen, ob es noch SoFi-Brillen gibt: Nein, die sind in Heppenheim ausverkauft.<br></br>Mit einer Lochkamera kann man aber auch ungefährdet beobachten. Man braucht eine etwas breitere Pappröhre (Paketrolle, …) Butterbrot- oder noch besser Architektenpapier (Bastelgeschäft), Schere, Klebstoff und wenig mehr.<p>Hier sind einige Bastelanleitungen:</p></p> <ul> <li>https://www.logo.de/lochkamera-anleitung-100.html</li> <li>https://www.leifiphysik.de/optik/lichtausbreitung/versuche/lochkamera-heimversuch</li> <li>https://weather.com/de-DE/neuigkeiten/deutschland/video/diy-trick-schutzt-augen-bei-der-sonnenfinsternis</li> <li>https://www.planetarium.berlin/sites/default/files/2024-01/SPB-LochkameraExperiment.pdf</li> <li>https://kiku-online.net/camera-obscura<p>Statt Papprolle kann man auch einen Pappkasten nehmen.</p><br></br>Lochkameras sind eine Erfindung aus der frühen Zeit der Bildgebungsverfahren, die schließlich in der Photographie endeten – sie heißen auch <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Camera_obscura" rel="noopener">Camera obscura</a>.</li> </ul> <p>Dann drücke ich allen Interessierten die Daumen, dass morgen ein klarer Himmel in diesem Zeitraum das Himmelsspektakel gut sichtbar macht!</p> <p>Ich bin ab 12:00 Uhr erstmal offline, wir sind dann draußen und vermutlich im Funkloch.<br></br>Dann kann ich wohl keine Kommenatre mehr freischalten oder moderieren.<br></br>Darum bitte ich, von Statements zur Flacherde und Skeptik zum heliozentrentrischen Weltbild abzusehen : )</p> <h2>Bonus-Programm: Perseidenschauer</h2> <p>Jedes Jahr gerät die Erde zwischen Ende Juli bis Mitte Auguts in einen besonders dichten Sternschnuppenschauer: Die Perseiden! Der von Astronomen erwartete Höhepunkt des Perseiden-Spektakels fällt ebenfalls auf den 12.08. und ist sozusagen ein Bonusprogramm zur Sonnenfinsternis. Der Mond glänzt durch fast vollständige Abwesenheit – am Freitag ist Neumond – und sorgt für eine besonders dunkle und somit gute Kulisse für die Sternschnuppen.<br></br>„Perseiden“ heißen sie, weil sie scheinbar aus dem Sternbild des Perseus auftauchen.</p> <p>Solche Schweifsterne sind sicherlich schon seit der frühesten Menschheitsgeschichte ein besonderes Spektakel für die Menschen gewesen. Und Menschen suchen für außergewöhnliche Phänomene gern nach Erklärungen oder Begründungen, um sie in ihr Weltbild besser einordnen zu können. So haben die christlich geprägten Menschen des Mittelalters sich die fallenden Mini-Himmelkörper als die Tränen des heiligen Laurentius erklärt. Ein christlicher Märtyrer, der am 10. August 258 in Rom zu Tode gefoltert wurde. St. Laurentius starb einen sehr grausamen Tod auf dem Bratrost und soll heiße Tränen geweint haben.<br></br>So kamen die Perseiden, die alljährlich zum Todestag des Märtyrers um den 10. August herum auftauchten, zu ihrem Namen „Tränen des Laurentius“. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/total-solar-eclipsis-2026-noerdlich-von-madrid/#comments 7 (Total?) Eclipse … https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse/#respond Tue, 11 Aug 2026 16:26:24 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13155 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20240408_141024-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20240408_141024-768x1024.jpg" /><h1>(Total?) Eclipse ... » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-11T18:26:24+02:00">11. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>in Spanien wird sich morgen eine totale Sonnenfinsternis ereignen – ausgerechnet zur Hauptreisezeit in den Sommerferien. Im Rest von Europa ist sie nicht total, sondern partiell. A<span>uch für Daheimbleibende kann sich eine Beobachtung lohnen – aber unbedingt mit Augenschutz! KEINE einfache Sonnenbrille, sondern eine<strong> Finsternisbrille</strong> ist geboten – so etwas gibt es auch als Folie fürs Handy zum Fotografieren. </span></p> <p>Im Alten Babylon hätte man ein Ersatzkönigritual durchgeführt, d.h. den König sicher verwahrt und an seinerstatt einen entbehrlichen Gefangenen oder Sklaven auf den Thron gesetzt, der das Unheil abbekommen soll, das die Götter mit der SoFi senden. Da die meisten von uns (außer ein paar <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zuismus" rel="noopener">Zuisten</a> in Island) andere Religionen haben, können wir einfach das Himmelsschauspiel am abendlichen Horizont genießen.</p> <p>Alternativ kann man die Sonne auch <strong>in Projektion beobachten</strong>: mit der Nadel ein Löchlein in eine Pappe stechen und einen Schatten werfen lassen. Das Loch ist dann eine Lochkamera und bildet das Sonnenscheibchen auf dem Boden im Schatten der Pappe ab. Das gleiche passiert übrigens auch ohne Pappe, ganz natürlich im Schatten von Bäumen und Sträuchern:</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-768x432.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> </div> </div> <p>Alternativ verwenden Sie Vulkanglas: Für Menschen im normalen Leben komplett undurchsichtig; wenn Sie versuchen, dadurch die Landschaft oder Ihr Büro zu sehen, werden Sie nur Schwarz wahrnehmen (oder Ihr Spiegelbild). Das Sonnenlicht kommt aber durch und nur die Sonnenscheibe ist dann im Durchlicht erkennbar.</p> <p>Die genauen Daten, also Kontaktzeiten für Ihren Ort können Sie bei <a href="https://www.timeanddate.com/eclipse/solar/2026-august-12" rel="noopener">TIMEANDDATE</a> einsehen. Dort könnten Sie nötigenfalls auch immer eine Live Show verfolgen: das wird inzwischen für die meisten Finsternisse veranstaltet (gerade während der Lockdowns bereichernd gewesen – aber wenn Sie können, schauen Sie es sich lieber<em> in natura </em>an!). <aside></aside></p> <p>HINWEIS: Bei einer Sonnenfinsternis ist das Erlebnis im Ganzen – das Verdunkeln der Atmosphäre, das Verstummen der Vögelgesänge, das Grillenzirpen … – mit keinem Fernsehbild ersetzbar. Dort sehen Sie nur, wie sich etwas Dunkles vor etwas Helles schiebt – könnSe mit ’ner Lampe nachstellen – aber das Erlebnis als Ganzes ist nur in der Natur möglich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938.png"><img alt="" decoding="async" height="667" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-1024x667.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-1024x667.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-300x195.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-768x500.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938.png 1399w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Beobachtung</h2> <p>Thukydides (5. Jh. v.Chr.):</p> <blockquote> <p>„<em>In demselben Sommer beim wirklichen Neumonde (wie es ja bei einem solchen allein möglich zu sein scheint) verfinsterte sich die Sonne und füllte sich dann wieder, nachdem sie mondsichelförmig geworden und einige Sterne zum Vorschein gekommen waren.</em>„</p> </blockquote> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20240408_141024-768x1024.jpg" /><h1>(Total?) Eclipse ... » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-11T18:26:24+02:00">11. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>in Spanien wird sich morgen eine totale Sonnenfinsternis ereignen – ausgerechnet zur Hauptreisezeit in den Sommerferien. Im Rest von Europa ist sie nicht total, sondern partiell. A<span>uch für Daheimbleibende kann sich eine Beobachtung lohnen – aber unbedingt mit Augenschutz! KEINE einfache Sonnenbrille, sondern eine<strong> Finsternisbrille</strong> ist geboten – so etwas gibt es auch als Folie fürs Handy zum Fotografieren. </span></p> <p>Im Alten Babylon hätte man ein Ersatzkönigritual durchgeführt, d.h. den König sicher verwahrt und an seinerstatt einen entbehrlichen Gefangenen oder Sklaven auf den Thron gesetzt, der das Unheil abbekommen soll, das die Götter mit der SoFi senden. Da die meisten von uns (außer ein paar <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Zuismus" rel="noopener">Zuisten</a> in Island) andere Religionen haben, können wir einfach das Himmelsschauspiel am abendlichen Horizont genießen.</p> <p>Alternativ kann man die Sonne auch <strong>in Projektion beobachten</strong>: mit der Nadel ein Löchlein in eine Pappe stechen und einen Schatten werfen lassen. Das Loch ist dann eine Lochkamera und bildet das Sonnenscheibchen auf dem Boden im Schatten der Pappe ab. Das gleiche passiert übrigens auch ohne Pappe, ganz natürlich im Schatten von Bäumen und Sträuchern:</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20170821_120907-768x432.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> </div> </div> <p>Alternativ verwenden Sie Vulkanglas: Für Menschen im normalen Leben komplett undurchsichtig; wenn Sie versuchen, dadurch die Landschaft oder Ihr Büro zu sehen, werden Sie nur Schwarz wahrnehmen (oder Ihr Spiegelbild). Das Sonnenlicht kommt aber durch und nur die Sonnenscheibe ist dann im Durchlicht erkennbar.</p> <p>Die genauen Daten, also Kontaktzeiten für Ihren Ort können Sie bei <a href="https://www.timeanddate.com/eclipse/solar/2026-august-12" rel="noopener">TIMEANDDATE</a> einsehen. Dort könnten Sie nötigenfalls auch immer eine Live Show verfolgen: das wird inzwischen für die meisten Finsternisse veranstaltet (gerade während der Lockdowns bereichernd gewesen – aber wenn Sie können, schauen Sie es sich lieber<em> in natura </em>an!). <aside></aside></p> <p>HINWEIS: Bei einer Sonnenfinsternis ist das Erlebnis im Ganzen – das Verdunkeln der Atmosphäre, das Verstummen der Vögelgesänge, das Grillenzirpen … – mit keinem Fernsehbild ersetzbar. Dort sehen Sie nur, wie sich etwas Dunkles vor etwas Helles schiebt – könnSe mit ’ner Lampe nachstellen – aber das Erlebnis als Ganzes ist nur in der Natur möglich.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938.png"><img alt="" decoding="async" height="667" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-1024x667.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-1024x667.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-300x195.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938-768x500.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Screenshot-2026-07-31-193938.png 1399w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Beobachtung</h2> <p>Thukydides (5. Jh. v.Chr.):</p> <blockquote> <p>„<em>In demselben Sommer beim wirklichen Neumonde (wie es ja bei einem solchen allein möglich zu sein scheint) verfinsterte sich die Sonne und füllte sich dann wieder, nachdem sie mondsichelförmig geworden und einige Sterne zum Vorschein gekommen waren.</em>„</p> </blockquote> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/total-eclipse/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Die Psychologie der „Drachenlord“-Hater – Feindseliger Dualismus, digitaler Thymos & Mimesis https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-psychologie-der-drachenlord-hater-feindseliger-dualismus-digitaler-thymos-mimesis/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-psychologie-der-drachenlord-hater-feindseliger-dualismus-digitaler-thymos-mimesis/#comments Mon, 10 Aug 2026 05:55:15 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11467 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-768x1081.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-psychologie-der-drachenlord-hater-feindseliger-dualismus-digitaler-thymos-mimesis/</link> </image> <description type="html"><h1>Die Psychologie der „Drachenlord“-Hater - Feindseliger Dualismus, digitaler Thymos & Mimesis » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Zu den größten Illusionen der viel-lesenden Moderne gehört die Vorstellung vom grundsätzlich rationalen (deutsch: vernünftigen) Menschen.</p> <p>Doch unsere Psychologie entstand in Jahrmillionen der Evolution, in denen es sehr viel wichtiger war, Teil einer Gruppe zu bleiben, als abstrakten Prinzipien zu folgen.</p> <p>Und so kommt es zu einer psychologischen Dreistufigkeit der menschlichen Entwicklung, die auch immer für Rückfälle anfällig bleibt und deren Grundzüge bereits den antiken, alphabetisierten Griechen und Israeliten bekannt war: </p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das weiß-grüne Cover des Buches &quot;Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können&quot; von Dr. Michael Blume, Patmos-Verlag." decoding="async" height="1000" sizes="(max-width: 635px) 100vw, 635px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg 635w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025-191x300.jpg 191w" width="635"></img></a></p> <p><em>Die <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank">Dreiteilung der menschlichen Psychologie in drei Grund-Weltanschauungen erklärt auch die leider digital befeuerte Verbreitung von Verschwörungsmythen</a>. Buch-Neuauflage: Michael Blume, Patmos</em><aside></aside></p> <p><br></br>1. Alle Menschen starten mit dem kindlichen <strong>egozentrischen Relativismus </strong>(neutral) – und viele kommen nie darüber hinaus.</p> <p>Die alten Griechen nannten diese Phase <em><strong>Epithymia, Begierde</strong></em>. In der jüdischen Tradition heißt sie <strong data-complete="true" data-copy-service-computed-style="font-family: &quot;Google Sans&quot;, &quot;Helvetica Neue&quot;, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 700; margin: 0px; text-decoration: none; border-bottom: 0px rgb(10, 10, 10);" data-processed="true" data-sfc-cp="" data-sfc-root="ep"><em>Nefesch HaBehamit, Tierseele</em>.</strong></p> <p>2. Heranwachsende durchlaufen Phasen des <strong>gruppenbezogenen Freund – Feind – Dualismus</strong> (böse), in denen Feindbilder die eigene, unsichere Identität negativ stabilisieren sollen. <strong><em>Entsprechend kommt es in allen Milieus, Schulformen und dann später auch Altersstufen zu Vorfällen von Mobbing, Cybermobbing und Menschenfeindlichkeit.</em></strong></p> <p>Dabei teile ich die These des <strong>Philosophen &amp; Rabbiners Jonathan Sacks, sel. Ang., </strong>wonach auch alle (!) Formen der politischen und religiösen Radikalisierung – wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Islamismus &amp; generell religiöser Fundamentalismus, Linksextremismus, demokratiefeindlicher Libertarismus – auf diesem Freund – Feind – Dualismus aufsetzen.</p> <p>Im alten Griechenland wurde diese Anlage als <em><strong>Thymos, Ruhmsucht, Streitlust</strong></em><strong> </strong>bezeichnet, im Judentum als <em><strong>Yetzer Hara, böser Trieb.</strong></em></p> <p>3. Leider nur wenige Menschen erreichen und bewahren sich die Haltung des <strong>dialogischen Monismus </strong>(gut), die erkennt, dass wir als Menschen aus verschiedenen Perspektiven auf die gleiche Wirklichkeit schauen.</p> <p>Diese seltene und anfällige Stufe der menschlichen Psychologie und Philosophie als Weisheitslehre nannten die griechischen Philosophen <em><strong>Logos, Vernunft</strong></em><strong> </strong>und jüdische Schriftgelehrte <em><strong>Yetzer hatov, guter Trieb.</strong></em></p> <p>Wichtig zu verstehen ist zudem, dass sich diese Haltungen kaum nur individuell entwickeln, sondern durch <strong>Mimesis (Nachahmung von Zielen) und Blasen-bildende Medien.</strong></p> <p>Wer diese Dreiteilung der menschlichen Psyche verstanden hat, begreift auch, warum 3.500 digital thymotisierte „Drachenlord“-Hater (meist jüngere Männer) sich am ehemaligen Wohnort des Angefeindeten zu einem menschenfeindlichen und teilweise gewaltbereiten Mob versammelten.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11466" id="attachment_11466"><a href="https://www.n-tv.de/panorama/Drachenlord-Hater-sorgen-fuer-Gewalt-in-Franken-3500-Menschen-beim-Schanzenfest-id31173914.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mit den Hashtags #Drachenlord #Schanzenfest #Logos #Thymos #Konzernmedien #Medien #Psychologie #Medienpsychologie #Deutschland verlinkte Dr. Michael Blume auf Mastodon zum n-tv-Artikel: 3500 Menschen auf &quot;Schanzenfest&quot;: &quot;Drachenlord&quot;-Hater sorgen für Gewalt in Franken. Auf dem von n-tv verwendeten Foto sind zwei Polizisten von hinten zu sehen, die einen dritten Mann verhaften. Dieser ist ebenfalls nur von hinten zu sehen, weiß und trägt ein Shirt von &quot;Iron Maiden&quot;." decoding="async" height="1584" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-213x300.jpeg 213w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-727x1024.jpeg 727w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-768x1081.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-1091x1536.jpeg 1091w" width="1125"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11466"><em>Mastodon-Post von mir <a href="https://www.n-tv.de/panorama/Drachenlord-Hater-sorgen-fuer-Gewalt-in-Franken-id31173914.html" rel="noopener" target="_blank">zum sog. „Schanzenfest“ feindseliger Dualisten gegen den längst weggezogenen „Drachenlord“ Rainer Winkler</a>. Screenshot: Michael Blume</em></figcaption></figure> <p>Wie ich gerade auch <a href="https://katholisch.de/artikel/69687-peter-thiel-wenn-der-antichrist-instrumentalisiert-wird" rel="noopener" target="_blank">in der Diskussion um den religiös-dualistischen TechBro <strong>Peter Thiel </strong></a><a href="https://katholisch.de/artikel/69687-peter-thiel-wenn-der-antichrist-instrumentalisiert-wird" rel="noopener" target="_blank">betonte</a>, der den „<em><strong>Antichristen</strong></em>“ in anderen Menschen sucht: Wer sich ehrlich – psychologisch, religiös, philosophisch – mit dem Bösen auseinandersetzen möchte, fange am Besten im eigenen Inneren damit an.</p> <p>Die Evolution hat uns nicht auf Vernunft und Dialog geeicht. Diese gilt es ein Leben lang zu erlernen, zu üben und auch inmitten von digitaler Thymotisierung, von Hass und Hetze zu bewahren.</p> <p><em><strong>Möge</strong></em><em><strong> die Macht mit Dir sein!</strong></em> </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die Psychologie der „Drachenlord“-Hater - Feindseliger Dualismus, digitaler Thymos & Mimesis » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Zu den größten Illusionen der viel-lesenden Moderne gehört die Vorstellung vom grundsätzlich rationalen (deutsch: vernünftigen) Menschen.</p> <p>Doch unsere Psychologie entstand in Jahrmillionen der Evolution, in denen es sehr viel wichtiger war, Teil einer Gruppe zu bleiben, als abstrakten Prinzipien zu folgen.</p> <p>Und so kommt es zu einer psychologischen Dreistufigkeit der menschlichen Entwicklung, die auch immer für Rückfälle anfällig bleibt und deren Grundzüge bereits den antiken, alphabetisierten Griechen und Israeliten bekannt war: </p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das weiß-grüne Cover des Buches &quot;Verschwörungsmythen. Woher sie kommen, was sie anrichten, wie wir ihnen begegnen können&quot; von Dr. Michael Blume, Patmos-Verlag." decoding="async" height="1000" sizes="(max-width: 635px) 100vw, 635px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025.jpg 635w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeVerschwoerungsmythenMuskKI2025-191x300.jpg 191w" width="635"></img></a></p> <p><em>Die <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/verschwoerungsmythen-011573.html" rel="noopener" target="_blank">Dreiteilung der menschlichen Psychologie in drei Grund-Weltanschauungen erklärt auch die leider digital befeuerte Verbreitung von Verschwörungsmythen</a>. Buch-Neuauflage: Michael Blume, Patmos</em><aside></aside></p> <p><br></br>1. Alle Menschen starten mit dem kindlichen <strong>egozentrischen Relativismus </strong>(neutral) – und viele kommen nie darüber hinaus.</p> <p>Die alten Griechen nannten diese Phase <em><strong>Epithymia, Begierde</strong></em>. In der jüdischen Tradition heißt sie <strong data-complete="true" data-copy-service-computed-style="font-family: &quot;Google Sans&quot;, &quot;Helvetica Neue&quot;, sans-serif; font-size: 16px; font-weight: 700; margin: 0px; text-decoration: none; border-bottom: 0px rgb(10, 10, 10);" data-processed="true" data-sfc-cp="" data-sfc-root="ep"><em>Nefesch HaBehamit, Tierseele</em>.</strong></p> <p>2. Heranwachsende durchlaufen Phasen des <strong>gruppenbezogenen Freund – Feind – Dualismus</strong> (böse), in denen Feindbilder die eigene, unsichere Identität negativ stabilisieren sollen. <strong><em>Entsprechend kommt es in allen Milieus, Schulformen und dann später auch Altersstufen zu Vorfällen von Mobbing, Cybermobbing und Menschenfeindlichkeit.</em></strong></p> <p>Dabei teile ich die These des <strong>Philosophen &amp; Rabbiners Jonathan Sacks, sel. Ang., </strong>wonach auch alle (!) Formen der politischen und religiösen Radikalisierung – wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Islamismus &amp; generell religiöser Fundamentalismus, Linksextremismus, demokratiefeindlicher Libertarismus – auf diesem Freund – Feind – Dualismus aufsetzen.</p> <p>Im alten Griechenland wurde diese Anlage als <em><strong>Thymos, Ruhmsucht, Streitlust</strong></em><strong> </strong>bezeichnet, im Judentum als <em><strong>Yetzer Hara, böser Trieb.</strong></em></p> <p>3. Leider nur wenige Menschen erreichen und bewahren sich die Haltung des <strong>dialogischen Monismus </strong>(gut), die erkennt, dass wir als Menschen aus verschiedenen Perspektiven auf die gleiche Wirklichkeit schauen.</p> <p>Diese seltene und anfällige Stufe der menschlichen Psychologie und Philosophie als Weisheitslehre nannten die griechischen Philosophen <em><strong>Logos, Vernunft</strong></em><strong> </strong>und jüdische Schriftgelehrte <em><strong>Yetzer hatov, guter Trieb.</strong></em></p> <p>Wichtig zu verstehen ist zudem, dass sich diese Haltungen kaum nur individuell entwickeln, sondern durch <strong>Mimesis (Nachahmung von Zielen) und Blasen-bildende Medien.</strong></p> <p>Wer diese Dreiteilung der menschlichen Psyche verstanden hat, begreift auch, warum 3.500 digital thymotisierte „Drachenlord“-Hater (meist jüngere Männer) sich am ehemaligen Wohnort des Angefeindeten zu einem menschenfeindlichen und teilweise gewaltbereiten Mob versammelten.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-11466" id="attachment_11466"><a href="https://www.n-tv.de/panorama/Drachenlord-Hater-sorgen-fuer-Gewalt-in-Franken-3500-Menschen-beim-Schanzenfest-id31173914.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mit den Hashtags #Drachenlord #Schanzenfest #Logos #Thymos #Konzernmedien #Medien #Psychologie #Medienpsychologie #Deutschland verlinkte Dr. Michael Blume auf Mastodon zum n-tv-Artikel: 3500 Menschen auf &quot;Schanzenfest&quot;: &quot;Drachenlord&quot;-Hater sorgen für Gewalt in Franken. Auf dem von n-tv verwendeten Foto sind zwei Polizisten von hinten zu sehen, die einen dritten Mann verhaften. Dieser ist ebenfalls nur von hinten zu sehen, weiß und trägt ein Shirt von &quot;Iron Maiden&quot;." decoding="async" height="1584" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-213x300.jpeg 213w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-727x1024.jpeg 727w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-768x1081.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2092-1091x1536.jpeg 1091w" width="1125"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11466"><em>Mastodon-Post von mir <a href="https://www.n-tv.de/panorama/Drachenlord-Hater-sorgen-fuer-Gewalt-in-Franken-id31173914.html" rel="noopener" target="_blank">zum sog. „Schanzenfest“ feindseliger Dualisten gegen den längst weggezogenen „Drachenlord“ Rainer Winkler</a>. Screenshot: Michael Blume</em></figcaption></figure> <p>Wie ich gerade auch <a href="https://katholisch.de/artikel/69687-peter-thiel-wenn-der-antichrist-instrumentalisiert-wird" rel="noopener" target="_blank">in der Diskussion um den religiös-dualistischen TechBro <strong>Peter Thiel </strong></a><a href="https://katholisch.de/artikel/69687-peter-thiel-wenn-der-antichrist-instrumentalisiert-wird" rel="noopener" target="_blank">betonte</a>, der den „<em><strong>Antichristen</strong></em>“ in anderen Menschen sucht: Wer sich ehrlich – psychologisch, religiös, philosophisch – mit dem Bösen auseinandersetzen möchte, fange am Besten im eigenen Inneren damit an.</p> <p>Die Evolution hat uns nicht auf Vernunft und Dialog geeicht. Diese gilt es ein Leben lang zu erlernen, zu üben und auch inmitten von digitaler Thymotisierung, von Hass und Hetze zu bewahren.</p> <p><em><strong>Möge</strong></em><em><strong> die Macht mit Dir sein!</strong></em> </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-psychologie-der-drachenlord-hater-feindseliger-dualismus-digitaler-thymos-mimesis/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>110</slash:comments> </item> <item> <title>Eine Reise durch die Phasen der Liebe (Teil 2) https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-phasen-der-liebe/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-phasen-der-liebe/#comments Mon, 10 Aug 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6190 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-phasen-der-liebe/</link> </image> <description type="html"><h1>Eine Reise durch die Phasen der Liebe (Teil 2) » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <h3>Die drei Phasen der Liebe</h3> <p>Im letzten Blogeintrag gingen wir der Frage auf den Grund, was im Gehirn passiert, wenn wir uns gerade frisch verliebt haben. Doch wie geht es von dort an weiter?</p> <p>Die wohl bekannteste Liebesforscherin überhaupt, Dr. Helen Fisher, untersuchte über 40 Jahre lang das verliebte Gehirn und prägte das Konzept der drei Liebesphasen: Lust, Verliebtheit (Anziehung) und Verbundenheit [1]. Was es damit genau auf sich hat, das erfahrt ihr jetzt!</p> <h3>Phase 1: Die Lust</h3> <p>Phase 1 haben wir ja bereits im vorherigen Blogeintrag besprochen: Es ist die ganz besonders aufregende Zeit, in der unser Gehirn im Energiemodus ist und vor allem durch immense Ausschüttungen von <strong>Dopamin</strong> dafür sorgt, dass wir einen Menschen besser kennenlernen wollen. Falls ihr mehr dazu lesen wollt, schaut gerne im vorherigen Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Es ist die Zeit, in der wir die rosarote Brille tragen, Schmetterlinge im Bauch umherflattern und wir eine starke Lust verspüren! Lust, die Person immer öfter zu sehen, Lust, alles von der Person zu erfahren, und auch Lust auf Sex!</p> <div><div> <p><strong>Exkurs: </strong>Sex – Der ultimative Gehirnbooster<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Sex macht nicht nur unfassbar viel Spaß, es ist auch besonders wichtig für die <strong>Paarbindung</strong>, baut Intimität und Sicherheit auf und trägt zum <strong>Wohlbefinden </strong>in der Beziehung bei. Nach einer <em>ElitePartner </em>Umfrage passiert der erste Sex bei jedem vierten Paar im Schnitt nach sogar weniger als einer Woche [2]! Das liegt unter anderem an unserem Gehirn:</p> <p>Durch die erhöhten Neurotransmitterkonzentration steigt in der Phase 1 die <strong>Libido </strong>an. Dafür sind besonders <strong>Testosteron</strong> und <strong>Östrogen</strong> verantwortlich, welche unser <strong>Motivations- und Belohnungssystem</strong> aktivieren [3]! Und auch das bekannte <strong>Dopamin</strong> kommt wieder zum Zug: Vor allem beim Orgasmus wird viel davon ausgeschüttet und sorgt für das Gefühl, dieses tolle Erlebnis immer wieder erleben zu wollen. Sex verringert zudem die Ausschüttung des Stresshormons <strong>Kortisol</strong>,<strong> </strong>was uns entspannter macht. Dieser Effekt kann sogar bis zum Folgetag anhalten [4]!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Dass Sex uns entspannen lässt und generell glücklich macht, liegt vor allem am <strong>Oxytocin </strong>[5]! Im Volksmund bekannt als das “Kuschelhormon” tut es mehr oder weniger auch genau das: Oxytocin wird beim Sex vermehrt vom Hypothalamus im Gehirn ausgeschüttet und sorgt damit für eine intimere Paarbindung, ein Sicherheits- und Verbundenheitsgefühl und stärkt die emotionale Intimität! Zudem hat es, ähnlich wie <strong>Endorphine</strong>, eine schmerzreduzierende Wirkung [6]! Dies konnte nach aktuellem Wissensstand besonders bei Migräne- bzw. Kopfschmerzattacken gezeigt werden. Sex ist außerdem eine echte Einschlafhilfe! Dies liegt an der Ausschüttung von <strong>Prolactin</strong>, einem Hormon, welches uns schläfrig macht [7].</p> <p>Auch im Alter kann Sex durchaus noch weitere Zwecke erfüllen. Eine Studie von 2023 fand, dass Männer, die sexuell noch aktiv waren, bessere kognitive Fähigkeiten hatten, darunter Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprach- und Rechenfähigkeiten sowie Orientierung [8]! Die Wissenschaftler vermuten, dass die körperliche Aktivität beim Sex mehr Blut ins Gehirn fließen lässt und dies Entzündungen vorbeugen könnte. Zudem werden das niedrige Kortisol- und das erhöhte Dopaminlevel mit besseren Gedächtnisleistungen verbunden [9].</p> <p>Sex ist also viel mehr als ein spaßiges Erlebnis: Es bringt viele positive Auswirkungen auf unseren Körper und besonders die Bindung zum Partner mit sich!</p> </div></div> <h3>Phase 2: Die Verliebtheit</h3> <p>Ach, ist das alles aufregend, oder? Man weiß ja wirklich gar nicht mehr, wohin mit sich selbst. Je öfter man die andere Person sieht, desto „schlimmer“ wird es alles! Im Englischen wird gerne das Wort „<strong>craving</strong>“ (verlangen) genutzt, um den Gefühlszustand von sehr verliebten Menschen zu beschreiben, die sich nach ihrer zweiten Hälfte sehnen. Ein Wort, welches auch in anderen Zusammenhängen gerne verwendet wird…</p> <div><div> <p><strong>Exkurs: </strong>Liebe als Droge</p> <p>“Love can be an addiction. A perfectly wonderful addiction if its going well, and a perfectly horrible addiction if its going poorly.” [11] – Dr. Helen Fisher</p> <p>Der Wissenschaft zufolge steckt hinter dem bekannten Ausdruck “man wird süchtig nacheinander” mehr als man denken würde.</p> <p>Studien mit über 2.500 MRT-Scans konnten zeigen, dass die Gehirne von verliebten Personen beim Anblick des Geliebten ähnliche Aktivitätsmuster aufweisen wie die Gehirne von drogenabhängigen Menschen [10]. Während das ausgestoßene Dopamin bei Substanzabhängigen zu dem Verlangen nach Kokain motiviert, so sorgt es bei dem frisch verliebten Pärchen dafür, dass man ein Verlangen nacheinander hat! Auf einmal wird die andere Person „überlebenswichtig“ für uns, so wie Nahrung und Wasser. Diese Aktivierungen im Belohnungssystem, die auch bei Kokain- oder Videospielsucht aktiv sind, sind besonders in der Phase 1 bis 2 der Verliebtheit zu finden. </p> <p>„Vom Partner abhängig zu sein“ hat evolutionär betrachtet vermutlich dafür gesorgt, dass man möglichst lange mit dem Partner zusammen blieb und gemeinsam Zeit und Energie in den Nachwuchs investiert werden konnte. Doch natürlich ist Liebe keine klassische Suchterkrankung, die dem Gehirn und dem Körper schadet. Doch die Parallelen zum aktiven Belohnungssystem sind unumstritten, was auch erklärt, wieso Trennungen so schmerzhaft sein können!</p> </div></div> <p>Die schöne und spannende Anfangsverliebtheit hält jedoch nicht ewig und so langsam verschwinden auch die Schmetterlinge im Bauch. Man vermutet, dass das Gehirn nicht dauerhaft den intensiven Energiemodus der Phase 1 aufrechterhalten kann, und so verändert sich das euphorische Verliebtheitsgefühl und die starke Lust langsam zu einem Sicherheits- und Wohlfühlerlebnis einer immer stabiler werdenden Partnerschaft.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187.jpg"><img alt="Verliebtes Paar" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Hormonausschüttungen von Dopamin fahren wieder auf ein normales Level herunter und es kommt langsam Routine in den Alltag des Liebespaares [10]. Unser Belohnungssystem bleibt weiterhin aktiv, wir fühlen uns sicher und geborgen, nur das <strong>craving </strong>nach der anderen Person wird immer weniger präsent. Die Beziehung wird sozusagen weniger euphorisch, aber dafür stabiler.</p> <p>Dafür wird Oxytocin immer dominanter und verstärkt weiterhin die Paarbindung. Unser Gehirn wechselt den Zustand von “wow diese Person ist so aufregend” zu “ich fühle mich sicher mit dieser Person, ich kann entspannen, ich bin glücklich”. Neben Oxytocin spielt auch <strong>Vasopressin</strong> eine Rolle: Ein Neurotransmitter, der ebenfalls mit Verbindung, Vertrauen und Nähe assoziiert wird.</p> <h3>Phase 3: Tiefe Verbundenheit</h3> <p>Willkommen in Phase 3: Es hat sich eine stabile Beziehung aufgebaut. Mittlerweile kennt man die andere Person sehr gut, und auch die Macken sind mittlerweile liebenswert geworden. Man ist ein richtiges Team geworden, hält zueinander, hat sich durch Kompromisse gearbeitet und verspürt eine tiefe emotionale Verbundenheit zur anderen Person. Oxytocin wird weiterhin ausgeschüttet und sorgt für unser warmes Gefühl im Bauch: Wir sind uns sicher, dass man lange in dieser Partnerschaft sein möchte. Wir nehmen die andere Person mittlerweile schon wie einen Teil von uns selbst wahr: Eine Studie von 2013 zeigte, dass neuronale Netzwerke aktiv sind, die eigentlich nur im MRT aufleuchten, wenn wir über unsere eigene Identität sprechen [12].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Dopaminausschüttungen lassen nach den ersten 1-2 Jahren etwas mehr nach, sodass der Partner nicht mehr als etwas Neues und Aufregendes betrachtet wird. Daher ist es in Partnerschaften immer eine gute Idee, zusammen neue Dinge zu erleben, um es abwechslungsreich und spannend zu halten! Forschende vermuten zudem, dass Endorphine besonders in langfristigen und glücklichen Partnerschaften eine wichtige Rolle spielen. Positive gemeinsame Erlebnisse, wie Händchenhalten, Kuscheln oder gemeinsame Erlebnisse, können ihre Ausschüttung fördern und dazu beitragen, dass wir die Nähe unseres Partners oder unserer Partnerin als wohltuend und belohnend empfinden [13].</p> <p>Mensch, es könnte alles ja wirklich gar nicht schöner sein. Aber wie lange kann das alles eigentlich anhalten?</p> <div><div> <p><strong>Exkurs: </strong>Unsterbliche Liebe?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991.jpg"><img alt="Phase 3 der Liebe" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Jahre streichen ins Land und man ist nach wie vor glücklich zusammen! Je nach Quelle sagt die Wissenschaft, dass die schöne Phase 1 der Liebe etwa sechs Monate bis 2 Jahre dauert. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum sich statistisch gesehen die meisten Paare nach 1 – 3 Jahren trennen.</p> <p>Zwar hält die schöne Phase 1 nicht ewig, doch das bedeutet nicht, dass die Liebe erloschen ist! Viele Paare sind auch nach vielen Jahrzehnten der Partnerschaft noch heiß und innig ineinander verliebt. Studien zeigten, dass auch bei Verliebten nach bis zu 20 Jahren erhöhte Dopaminkonzentrationen im Gehirn zu sehen waren, genau wie bei frisch Verliebten [14]!</p> <p>Um eine lange und schöne Beziehung zu führen bedarf es natürlich guter Kommunikation, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Wenn man das schafft, bleiben die „Verliebtheits-Netzwerke“ im Gehirn aktiv! Wichtig dafür sind auch gemeinsame tägliche Routinen, die man mit dem Partner pflegt, wie zum Beispiel der abendliche Spaziergang oder der Filmabend jeden Freitag. Diese Rituale gefallen uns sehr, denn sie sorgen für Oxytocinauschüttungen und halten so die Verbindung zum Partner am Leben.</p> <p>Auch wenn sich die neuronalen und neurochemischen Prozesse im Gehirn im Laufe einer Beziehung verändern, können wir uns auch nach vielen Jahren noch genauso verliebt fühlen wie zu Beginn. Denn die Neurowissenschaft bestätigt: Ja, Liebe kann für immer halten!</p> </div></div> <h3>Phase 4? Man liebt sich, man liebt sich nicht (mehr)…</h3> <p>Manche Paare durchleben nach Phase 3 leider die unschöne „Phase 4“: das Schlussmachen. Menschen, die schon einmal Liebeskummer hatten, kennen bestimmt das Gefühl, körperliche Schmerzen zu empfinden. Wenn man sie fragt „wo tut es weh“, dann zeigen vermutlich die meisten auf ihr Herz. Aber wie kann das sein? Wie sorgt eine Trennung dafür, dass wir ein Stechen im Herzen haben? </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Dr. Helen Fisher scannte die Gehirne von 15 Menschen, die gerade verlassen wurden. Aktivität sah man dabei besonders in den Regionen, die mit tiefer Verbundenheit und romantischer Liebe assoziiert werden. Nur, weil mit einem schlussgemacht wurde, heißt das ja nicht, dass man die Person nicht mehr liebt. Im Gegenteil: Es gibt sogar einen Effekt, der beschreibt, dass wir unerreichbare Personen umso mehr wollen, und dieser nennt sich „<strong>Frustration Attraction</strong>“ (Frustrations-Attraktivität)! Das alles erschwert den Prozess, durch die Schlussmach-Phase zu gelangen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Schlusszumachen kann sowohl körperliche als auch psychologische Effekte haben und versetzt uns in eine Art „<strong>Überlebensmodus</strong>“. Studien belegen, dass nach einer Trennung Symptome von Angstzuständen, Depressionen, aber auch Schlafstörungen, weniger Appetit und sozialer Isolierung auftreten können [14]. Die <strong>Amygdala</strong>, unser <strong>Stresszentrum</strong>, wird hyperaktiv und sorgt dafür, dass unser Körper viel Kortisol produziert und damit unser Stresslevel steigt. Emotionsregulation ist schwieriger, wir scheinen sensibler zu sein, und auch unsere Impulskontrolle und Entscheidungsfindung sind verändert.</p> <p>Nach der Trennung verändern sich auch die Neurotransmitter-Konzentrationen: Dopamin und Oxytocin sinken stark ab, man fühlt sich einsam und unglücklich, da die gewohnten Belohnungsreize wegfallen. Durch den Dopaminabfall erleidet man Entzugserscheinen, ähnlich denen die man bei substanzabhängigen Personen beobachtet. Weniger Oxytocin und Serotonin begünstigen ebenfalls Veränderungen in <strong>Emotionsregulation</strong>, <strong>Schlaf</strong> und <strong>Stimmung</strong>. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="873" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-1024x873.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-1024x873.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-300x256.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-768x655.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-1536x1309.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-2048x1746.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Stressreaktion betrifft aber nicht nur unser Gehirn, sondern den ganzen Körper. Unser Gehirn verarbeitet Schlussmachen bzw. abgestoßen werden wie <strong>körperlichen Schmerz </strong>[15]! MRT-Studien zeigten die gleichen Aktivierungsmuster wie beim tatsächlichen Schmerz von Verbrennen oder Erleiden von Verletzungen! Den Schmerz bei Liebeskummer bildet man sich also nicht ein! Ein faszinierendes und wortwörtlich herzzerschmetterndes Beispiel dafür ist das <strong>Broken Heart Syndrome</strong> (Gebrochenes-Herz-Syndrom), welches beschreibt, wie extrem emotionaler Stress zu einer Verformung der linken Herzkammer führen kann und das Herz somit schlechter pumpt und geschwächt wird [16]! Dies ist jedoch meistens nur eine vorübergehende Funktionsstörung und keine dauerhafte Schädigung. Denn auch von einem gebrochenen Herzen kann man sich erholen.</p> <p>Liebeskummer ist also wirklich eine schwierige Angelegenheit, nur was kann man dagegen tun? Dr. Fisher fand in einer Studie zum Thema „Trennungen“ heraus, dass die Teilnehmer, deren Trennung länger her war, weniger Gehirnaktivität in den Gehirnarealen mit emotionalen Bindungen zeigten. „Zeit“ scheint also nicht nur gefühlt das beste Mittel gegen Liebeskummer zu sein, sondern auch evidenzbasiert. Wie viel Zeit ein jeder braucht, um eine Trennung zu verarbeiten, hängt aber natürlich von vielen Faktoren ab, aber besonders Freunde und Familie, Ablenkung und neue Erlebnisse können den Prozess beschleunigen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Liebe ist wirklich ganz schön kompliziert. Bei den drei Phasen der Liebe handelt es sich um ein vereinfachtes Modell zur Beschreibung der Ereignisse und Gefühlszustände in einer typischen Liebesbeziehung. Von der anfänglichen Verliebtheitsphase mit hohen Leveln an Dopamin und Adrenalin, die uns euphorisch und motiviert machen, entwickeln wir über die Zeit durch Oxytocin und Vasopressin eine enge und vertraute Bindung zur anderen Person. Die Neurochemie in unserem Gehirn sorgt für ein warmes Sicherheitsgefühl, welches auch nach vielen Jahren der Beziehung aktiv sein kann! Wenn man sich entliebt, dann muss sich das Gehirn an die neue Situation anpassen. Dies ist zwar schmerzhaft, vergeht aber mit der Zeit.</p> <p>Wenn ihr das nächste Mal verliebt seid, dann habt ihr jetzt vielleicht eine bessere Vorstellung davon, dass die Magie tatsächlich weniger im Herzen, aber dafür im Gehirn stattfindet! Und jetzt raus mit euch und verliebt euch!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Quellen</h3> <p>[1]          ‘Lust, romance and attachment – the three things that happen when we fall in love | British Council’. Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.britishcouncil.org/voices-magazine/three-things-that-happen-when-we-fall-in-love</p> <p>[2]          ‘Meilensteine der Liebe: „Ich liebe dich“ nach 3 Monaten, Heirat nach 7 Jahren’, ElitePartner. Accessed: Jul. 25, 2026. [Online]. Available: https://www.elitepartner.de/studien/meilensteine-der-liebe/</p> <p>[3]          K. G. Seshadri, ‘The neuroendocrinology of love’, <em>Indian J. Endocrinol. Metab.</em>, vol. 20, no. 4, pp. 558–563, 2016, doi: 10.4103/2230-8210.183479.</p> <p>[4]          H. Liu, L. J. Waite, S. Shen, and D. H. Wang, ‘Is Sex Good for Your Health? A National Study on Partnered Sexuality and Cardiovascular Risk among Older Men and Women’, <em>J. Health Soc. Behav.</em>, vol. 57, no. 3, pp. 276–296, Sep. 2016, doi: 10.1177/0022146516661597.</p> <p>[5]          ‘Sex: How does it impact brain activity?’ Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.medicalnewstoday.com/articles/321428</p> <p>[6]          C. S. Carter, ‘Sex, love and oxytocin: Two metaphors and a molecule’, <em>Neurosci. Biobehav. Rev.</em>, vol. 143, p. 104948, Dec. 2022, doi: 10.1016/j.neubiorev.2022.104948.</p> <p>[7]          A. Tóth and Á. Dobolyi, ‘Prolactin in sleep and EEG regulation: New mechanisms and sleep-related brain targets complement classical data’, <em>Neurosci. Biobehav. Rev.</em>, vol. 169, p. 106000, Feb. 2025, doi: 10.1016/j.neubiorev.2024.106000.</p> <p>[8]          ‘Is Sex Good for Your Brain? A National Longitudinal Study on Sexuality and Cognitive Function among Older Adults in the United States | Request PDF’, <em>ResearchGate</em>, Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.researchgate.net/publication/372723852_Is_Sex_Good_for_Your_Brain_A_National_Longitudinal_Study_on_Sexuality_and_Cognitive_Function_among_Older_Adults_in_the_United_States</p> <p>[9]          C. Cassella, ‘Sex Appears to Protect Brain Health in Older Adults, Scientists Say’, ScienceAlert. Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.sciencealert.com/sex-appears-to-protect-brain-health-in-older-adults-scientists-say</p> <p>[10]       ‘Love and the Brain | Harvard Medical School’. Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://hms.harvard.edu/news-events/publications-archive/brain/love-brain</p> <p>[11]       TED, <em>Helen Fisher erforscht das verliebte Gehirn</em>, (Jul. 15, 2008). Accessed: Jul. 06, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=OYfoGTIG7pY</p> <p>[12]       H. Kawamichi <em>et al.</em>, ‘Medial Prefrontal Cortex Activation Is Commonly Invoked by Reputation of Self and Romantic Partners’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 8, no. 9, p. e74958, Sep. 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0074958.</p> <p>[13]       D. Ponzi and M. Dandy, ‘The Influence of Endogenous Opioids on the Relationship between Testosterone and Romantic Bonding’, <em>Hum. Nat.</em>, vol. 30, no. 1, pp. 98–116, Mar. 2019, doi: 10.1007/s12110-018-9332-4.</p> <p>[14]       T. Field, M. Diego, M. Pelaez, O. Deeds, and J. Delgado, ‘Breakup distress in university students’, <em>Adolescence</em>, vol. 44, no. 176, pp. 705–727, 2009.</p> <p>[15]       H. E. Fisher, <em>Anatomy of Love: A Natural History of Mating, Marriage, and why We Stray</em>. Fawcett Columbine, 1994.</p> <p>[16]       ‘Takotsubo syndrome’, British Heart Foundation. Accessed: Jul. 27, 2026. [Online]. Available: https://www.bhf.org.uk/informationsupport/conditions/takotsubo-cardiomyopathy</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichneter-liebevoller-lesbischer-kuss_15636016.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c5c6b797-7209-4839-a786-f4b7ee001c53&amp;query=arousal" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-einer-offenen-beziehung_151855539.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=40&amp;uuid=af06f5e7-5267-4386-81ba-6f8ace964a1c&amp;query=sexy+couple" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichneter-liebevoller-lesbischer-kuss_15636016.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c5c6b797-7209-4839-a786-f4b7ee001c53&amp;query=arousal" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flache-tagesillustration-vorschlagen_36803620.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=38&amp;uuid=3796e8f6-4e27-4794-b41d-463f1cea88ed&amp;query=being+in+love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flache-designfreunde-reisen-illustration_49660091.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=9b511dd6-df93-47ba-acd5-dc8d2b18de52&amp;query=couple+adventures" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnete-schlafende-illustration-des-paares_18037214.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=23f0f94e-10ee-4af8-87d3-f20c29b43194&amp;query=romance" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-scheidungsillustration_67003209.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=30&amp;uuid=e4335ce6-e485-4ece-ae06-758da98207c2&amp;track=ais_hybrid&amp;query=to+break+up" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-mit-depressionen-und-regenwolke_137411616.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=aa6180e4-d9aa-4170-9066-d0d8ec3d8b4d&amp;query=sadness" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/froehliches-kleines-cartoon-paar-das-zwei-haelften-des-gebrochenen-herzens-haelt-mann-und-frau-die-flache-vektorillustration-des-herzens-zusammen-reparieren-beziehung-liebe-trennungskonzept-fuer-banner-oder-landing-webseite_26877084.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=12&amp;uuid=3518cfe7-b997-48d1-8273-dac76ed7efdc&amp;query=broken+heart" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/zwei-leute-die-logik-und-liebe-mit-wippe-vergleichen-isolierte-flache-illustration_13146698.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=371dc0ab-f5c4-4ad4-960f-8d44ce3b31c4&amp;query=love+and+brain" rel="noopener">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Eine Reise durch die Phasen der Liebe (Teil 2) » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <h3>Die drei Phasen der Liebe</h3> <p>Im letzten Blogeintrag gingen wir der Frage auf den Grund, was im Gehirn passiert, wenn wir uns gerade frisch verliebt haben. Doch wie geht es von dort an weiter?</p> <p>Die wohl bekannteste Liebesforscherin überhaupt, Dr. Helen Fisher, untersuchte über 40 Jahre lang das verliebte Gehirn und prägte das Konzept der drei Liebesphasen: Lust, Verliebtheit (Anziehung) und Verbundenheit [1]. Was es damit genau auf sich hat, das erfahrt ihr jetzt!</p> <h3>Phase 1: Die Lust</h3> <p>Phase 1 haben wir ja bereits im vorherigen Blogeintrag besprochen: Es ist die ganz besonders aufregende Zeit, in der unser Gehirn im Energiemodus ist und vor allem durch immense Ausschüttungen von <strong>Dopamin</strong> dafür sorgt, dass wir einen Menschen besser kennenlernen wollen. Falls ihr mehr dazu lesen wollt, schaut gerne im vorherigen Blogeintrag vorbei:</p> <figure></figure> <p>Es ist die Zeit, in der wir die rosarote Brille tragen, Schmetterlinge im Bauch umherflattern und wir eine starke Lust verspüren! Lust, die Person immer öfter zu sehen, Lust, alles von der Person zu erfahren, und auch Lust auf Sex!</p> <div><div> <p><strong>Exkurs: </strong>Sex – Der ultimative Gehirnbooster<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/151855539_9582202-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Sex macht nicht nur unfassbar viel Spaß, es ist auch besonders wichtig für die <strong>Paarbindung</strong>, baut Intimität und Sicherheit auf und trägt zum <strong>Wohlbefinden </strong>in der Beziehung bei. Nach einer <em>ElitePartner </em>Umfrage passiert der erste Sex bei jedem vierten Paar im Schnitt nach sogar weniger als einer Woche [2]! Das liegt unter anderem an unserem Gehirn:</p> <p>Durch die erhöhten Neurotransmitterkonzentration steigt in der Phase 1 die <strong>Libido </strong>an. Dafür sind besonders <strong>Testosteron</strong> und <strong>Östrogen</strong> verantwortlich, welche unser <strong>Motivations- und Belohnungssystem</strong> aktivieren [3]! Und auch das bekannte <strong>Dopamin</strong> kommt wieder zum Zug: Vor allem beim Orgasmus wird viel davon ausgeschüttet und sorgt für das Gefühl, dieses tolle Erlebnis immer wieder erleben zu wollen. Sex verringert zudem die Ausschüttung des Stresshormons <strong>Kortisol</strong>,<strong> </strong>was uns entspannter macht. Dieser Effekt kann sogar bis zum Folgetag anhalten [4]!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/15636016_5615501.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Dass Sex uns entspannen lässt und generell glücklich macht, liegt vor allem am <strong>Oxytocin </strong>[5]! Im Volksmund bekannt als das “Kuschelhormon” tut es mehr oder weniger auch genau das: Oxytocin wird beim Sex vermehrt vom Hypothalamus im Gehirn ausgeschüttet und sorgt damit für eine intimere Paarbindung, ein Sicherheits- und Verbundenheitsgefühl und stärkt die emotionale Intimität! Zudem hat es, ähnlich wie <strong>Endorphine</strong>, eine schmerzreduzierende Wirkung [6]! Dies konnte nach aktuellem Wissensstand besonders bei Migräne- bzw. Kopfschmerzattacken gezeigt werden. Sex ist außerdem eine echte Einschlafhilfe! Dies liegt an der Ausschüttung von <strong>Prolactin</strong>, einem Hormon, welches uns schläfrig macht [7].</p> <p>Auch im Alter kann Sex durchaus noch weitere Zwecke erfüllen. Eine Studie von 2023 fand, dass Männer, die sexuell noch aktiv waren, bessere kognitive Fähigkeiten hatten, darunter Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprach- und Rechenfähigkeiten sowie Orientierung [8]! Die Wissenschaftler vermuten, dass die körperliche Aktivität beim Sex mehr Blut ins Gehirn fließen lässt und dies Entzündungen vorbeugen könnte. Zudem werden das niedrige Kortisol- und das erhöhte Dopaminlevel mit besseren Gedächtnisleistungen verbunden [9].</p> <p>Sex ist also viel mehr als ein spaßiges Erlebnis: Es bringt viele positive Auswirkungen auf unseren Körper und besonders die Bindung zum Partner mit sich!</p> </div></div> <h3>Phase 2: Die Verliebtheit</h3> <p>Ach, ist das alles aufregend, oder? Man weiß ja wirklich gar nicht mehr, wohin mit sich selbst. Je öfter man die andere Person sieht, desto „schlimmer“ wird es alles! Im Englischen wird gerne das Wort „<strong>craving</strong>“ (verlangen) genutzt, um den Gefühlszustand von sehr verliebten Menschen zu beschreiben, die sich nach ihrer zweiten Hälfte sehnen. Ein Wort, welches auch in anderen Zusammenhängen gerne verwendet wird…</p> <div><div> <p><strong>Exkurs: </strong>Liebe als Droge</p> <p>“Love can be an addiction. A perfectly wonderful addiction if its going well, and a perfectly horrible addiction if its going poorly.” [11] – Dr. Helen Fisher</p> <p>Der Wissenschaft zufolge steckt hinter dem bekannten Ausdruck “man wird süchtig nacheinander” mehr als man denken würde.</p> <p>Studien mit über 2.500 MRT-Scans konnten zeigen, dass die Gehirne von verliebten Personen beim Anblick des Geliebten ähnliche Aktivitätsmuster aufweisen wie die Gehirne von drogenabhängigen Menschen [10]. Während das ausgestoßene Dopamin bei Substanzabhängigen zu dem Verlangen nach Kokain motiviert, so sorgt es bei dem frisch verliebten Pärchen dafür, dass man ein Verlangen nacheinander hat! Auf einmal wird die andere Person „überlebenswichtig“ für uns, so wie Nahrung und Wasser. Diese Aktivierungen im Belohnungssystem, die auch bei Kokain- oder Videospielsucht aktiv sind, sind besonders in der Phase 1 bis 2 der Verliebtheit zu finden. </p> <p>„Vom Partner abhängig zu sein“ hat evolutionär betrachtet vermutlich dafür gesorgt, dass man möglichst lange mit dem Partner zusammen blieb und gemeinsam Zeit und Energie in den Nachwuchs investiert werden konnte. Doch natürlich ist Liebe keine klassische Suchterkrankung, die dem Gehirn und dem Körper schadet. Doch die Parallelen zum aktiven Belohnungssystem sind unumstritten, was auch erklärt, wieso Trennungen so schmerzhaft sein können!</p> </div></div> <p>Die schöne und spannende Anfangsverliebtheit hält jedoch nicht ewig und so langsam verschwinden auch die Schmetterlinge im Bauch. Man vermutet, dass das Gehirn nicht dauerhaft den intensiven Energiemodus der Phase 1 aufrechterhalten kann, und so verändert sich das euphorische Verliebtheitsgefühl und die starke Lust langsam zu einem Sicherheits- und Wohlfühlerlebnis einer immer stabiler werdenden Partnerschaft.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187.jpg"><img alt="Verliebtes Paar" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/36803620_8419187.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Hormonausschüttungen von Dopamin fahren wieder auf ein normales Level herunter und es kommt langsam Routine in den Alltag des Liebespaares [10]. Unser Belohnungssystem bleibt weiterhin aktiv, wir fühlen uns sicher und geborgen, nur das <strong>craving </strong>nach der anderen Person wird immer weniger präsent. Die Beziehung wird sozusagen weniger euphorisch, aber dafür stabiler.</p> <p>Dafür wird Oxytocin immer dominanter und verstärkt weiterhin die Paarbindung. Unser Gehirn wechselt den Zustand von “wow diese Person ist so aufregend” zu “ich fühle mich sicher mit dieser Person, ich kann entspannen, ich bin glücklich”. Neben Oxytocin spielt auch <strong>Vasopressin</strong> eine Rolle: Ein Neurotransmitter, der ebenfalls mit Verbindung, Vertrauen und Nähe assoziiert wird.</p> <h3>Phase 3: Tiefe Verbundenheit</h3> <p>Willkommen in Phase 3: Es hat sich eine stabile Beziehung aufgebaut. Mittlerweile kennt man die andere Person sehr gut, und auch die Macken sind mittlerweile liebenswert geworden. Man ist ein richtiges Team geworden, hält zueinander, hat sich durch Kompromisse gearbeitet und verspürt eine tiefe emotionale Verbundenheit zur anderen Person. Oxytocin wird weiterhin ausgeschüttet und sorgt für unser warmes Gefühl im Bauch: Wir sind uns sicher, dass man lange in dieser Partnerschaft sein möchte. Wir nehmen die andere Person mittlerweile schon wie einen Teil von uns selbst wahr: Eine Studie von 2013 zeigte, dass neuronale Netzwerke aktiv sind, die eigentlich nur im MRT aufleuchten, wenn wir über unsere eigene Identität sprechen [12].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/49660091_9252604.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Dopaminausschüttungen lassen nach den ersten 1-2 Jahren etwas mehr nach, sodass der Partner nicht mehr als etwas Neues und Aufregendes betrachtet wird. Daher ist es in Partnerschaften immer eine gute Idee, zusammen neue Dinge zu erleben, um es abwechslungsreich und spannend zu halten! Forschende vermuten zudem, dass Endorphine besonders in langfristigen und glücklichen Partnerschaften eine wichtige Rolle spielen. Positive gemeinsame Erlebnisse, wie Händchenhalten, Kuscheln oder gemeinsame Erlebnisse, können ihre Ausschüttung fördern und dazu beitragen, dass wir die Nähe unseres Partners oder unserer Partnerin als wohltuend und belohnend empfinden [13].</p> <p>Mensch, es könnte alles ja wirklich gar nicht schöner sein. Aber wie lange kann das alles eigentlich anhalten?</p> <div><div> <p><strong>Exkurs: </strong>Unsterbliche Liebe?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991.jpg"><img alt="Phase 3 der Liebe" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18037214_5926991.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Jahre streichen ins Land und man ist nach wie vor glücklich zusammen! Je nach Quelle sagt die Wissenschaft, dass die schöne Phase 1 der Liebe etwa sechs Monate bis 2 Jahre dauert. Dies ist vermutlich auch der Grund, warum sich statistisch gesehen die meisten Paare nach 1 – 3 Jahren trennen.</p> <p>Zwar hält die schöne Phase 1 nicht ewig, doch das bedeutet nicht, dass die Liebe erloschen ist! Viele Paare sind auch nach vielen Jahrzehnten der Partnerschaft noch heiß und innig ineinander verliebt. Studien zeigten, dass auch bei Verliebten nach bis zu 20 Jahren erhöhte Dopaminkonzentrationen im Gehirn zu sehen waren, genau wie bei frisch Verliebten [14]!</p> <p>Um eine lange und schöne Beziehung zu führen bedarf es natürlich guter Kommunikation, Aufmerksamkeit und Fürsorge. Wenn man das schafft, bleiben die „Verliebtheits-Netzwerke“ im Gehirn aktiv! Wichtig dafür sind auch gemeinsame tägliche Routinen, die man mit dem Partner pflegt, wie zum Beispiel der abendliche Spaziergang oder der Filmabend jeden Freitag. Diese Rituale gefallen uns sehr, denn sie sorgen für Oxytocinauschüttungen und halten so die Verbindung zum Partner am Leben.</p> <p>Auch wenn sich die neuronalen und neurochemischen Prozesse im Gehirn im Laufe einer Beziehung verändern, können wir uns auch nach vielen Jahren noch genauso verliebt fühlen wie zu Beginn. Denn die Neurowissenschaft bestätigt: Ja, Liebe kann für immer halten!</p> </div></div> <h3>Phase 4? Man liebt sich, man liebt sich nicht (mehr)…</h3> <p>Manche Paare durchleben nach Phase 3 leider die unschöne „Phase 4“: das Schlussmachen. Menschen, die schon einmal Liebeskummer hatten, kennen bestimmt das Gefühl, körperliche Schmerzen zu empfinden. Wenn man sie fragt „wo tut es weh“, dann zeigen vermutlich die meisten auf ihr Herz. Aber wie kann das sein? Wie sorgt eine Trennung dafür, dass wir ein Stechen im Herzen haben? </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/67003209_9633804-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Dr. Helen Fisher scannte die Gehirne von 15 Menschen, die gerade verlassen wurden. Aktivität sah man dabei besonders in den Regionen, die mit tiefer Verbundenheit und romantischer Liebe assoziiert werden. Nur, weil mit einem schlussgemacht wurde, heißt das ja nicht, dass man die Person nicht mehr liebt. Im Gegenteil: Es gibt sogar einen Effekt, der beschreibt, dass wir unerreichbare Personen umso mehr wollen, und dieser nennt sich „<strong>Frustration Attraction</strong>“ (Frustrations-Attraktivität)! Das alles erschwert den Prozess, durch die Schlussmach-Phase zu gelangen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137411616_8b367950-0b5a-4f27-bbbe-41f2cf2187a1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Schlusszumachen kann sowohl körperliche als auch psychologische Effekte haben und versetzt uns in eine Art „<strong>Überlebensmodus</strong>“. Studien belegen, dass nach einer Trennung Symptome von Angstzuständen, Depressionen, aber auch Schlafstörungen, weniger Appetit und sozialer Isolierung auftreten können [14]. Die <strong>Amygdala</strong>, unser <strong>Stresszentrum</strong>, wird hyperaktiv und sorgt dafür, dass unser Körper viel Kortisol produziert und damit unser Stresslevel steigt. Emotionsregulation ist schwieriger, wir scheinen sensibler zu sein, und auch unsere Impulskontrolle und Entscheidungsfindung sind verändert.</p> <p>Nach der Trennung verändern sich auch die Neurotransmitter-Konzentrationen: Dopamin und Oxytocin sinken stark ab, man fühlt sich einsam und unglücklich, da die gewohnten Belohnungsreize wegfallen. Durch den Dopaminabfall erleidet man Entzugserscheinen, ähnlich denen die man bei substanzabhängigen Personen beobachtet. Weniger Oxytocin und Serotonin begünstigen ebenfalls Veränderungen in <strong>Emotionsregulation</strong>, <strong>Schlaf</strong> und <strong>Stimmung</strong>. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="873" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-1024x873.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-1024x873.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-300x256.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-768x655.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-1536x1309.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26877084_Happy-tiny-cartoon-couple-holding-two-halves-of-broken-heart-1-2048x1746.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Stressreaktion betrifft aber nicht nur unser Gehirn, sondern den ganzen Körper. Unser Gehirn verarbeitet Schlussmachen bzw. abgestoßen werden wie <strong>körperlichen Schmerz </strong>[15]! MRT-Studien zeigten die gleichen Aktivierungsmuster wie beim tatsächlichen Schmerz von Verbrennen oder Erleiden von Verletzungen! Den Schmerz bei Liebeskummer bildet man sich also nicht ein! Ein faszinierendes und wortwörtlich herzzerschmetterndes Beispiel dafür ist das <strong>Broken Heart Syndrome</strong> (Gebrochenes-Herz-Syndrom), welches beschreibt, wie extrem emotionaler Stress zu einer Verformung der linken Herzkammer führen kann und das Herz somit schlechter pumpt und geschwächt wird [16]! Dies ist jedoch meistens nur eine vorübergehende Funktionsstörung und keine dauerhafte Schädigung. Denn auch von einem gebrochenen Herzen kann man sich erholen.</p> <p>Liebeskummer ist also wirklich eine schwierige Angelegenheit, nur was kann man dagegen tun? Dr. Fisher fand in einer Studie zum Thema „Trennungen“ heraus, dass die Teilnehmer, deren Trennung länger her war, weniger Gehirnaktivität in den Gehirnarealen mit emotionalen Bindungen zeigten. „Zeit“ scheint also nicht nur gefühlt das beste Mittel gegen Liebeskummer zu sein, sondern auch evidenzbasiert. Wie viel Zeit ein jeder braucht, um eine Trennung zu verarbeiten, hängt aber natürlich von vielen Faktoren ab, aber besonders Freunde und Familie, Ablenkung und neue Erlebnisse können den Prozess beschleunigen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Liebe ist wirklich ganz schön kompliziert. Bei den drei Phasen der Liebe handelt es sich um ein vereinfachtes Modell zur Beschreibung der Ereignisse und Gefühlszustände in einer typischen Liebesbeziehung. Von der anfänglichen Verliebtheitsphase mit hohen Leveln an Dopamin und Adrenalin, die uns euphorisch und motiviert machen, entwickeln wir über die Zeit durch Oxytocin und Vasopressin eine enge und vertraute Bindung zur anderen Person. Die Neurochemie in unserem Gehirn sorgt für ein warmes Sicherheitsgefühl, welches auch nach vielen Jahren der Beziehung aktiv sein kann! Wenn man sich entliebt, dann muss sich das Gehirn an die neue Situation anpassen. Dies ist zwar schmerzhaft, vergeht aber mit der Zeit.</p> <p>Wenn ihr das nächste Mal verliebt seid, dann habt ihr jetzt vielleicht eine bessere Vorstellung davon, dass die Magie tatsächlich weniger im Herzen, aber dafür im Gehirn stattfindet! Und jetzt raus mit euch und verliebt euch!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13146698_Two-people-comparing-logic-and-love-with-seesaw-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Quellen</h3> <p>[1]          ‘Lust, romance and attachment – the three things that happen when we fall in love | British Council’. Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.britishcouncil.org/voices-magazine/three-things-that-happen-when-we-fall-in-love</p> <p>[2]          ‘Meilensteine der Liebe: „Ich liebe dich“ nach 3 Monaten, Heirat nach 7 Jahren’, ElitePartner. Accessed: Jul. 25, 2026. [Online]. Available: https://www.elitepartner.de/studien/meilensteine-der-liebe/</p> <p>[3]          K. G. Seshadri, ‘The neuroendocrinology of love’, <em>Indian J. Endocrinol. Metab.</em>, vol. 20, no. 4, pp. 558–563, 2016, doi: 10.4103/2230-8210.183479.</p> <p>[4]          H. Liu, L. J. Waite, S. Shen, and D. H. Wang, ‘Is Sex Good for Your Health? A National Study on Partnered Sexuality and Cardiovascular Risk among Older Men and Women’, <em>J. Health Soc. Behav.</em>, vol. 57, no. 3, pp. 276–296, Sep. 2016, doi: 10.1177/0022146516661597.</p> <p>[5]          ‘Sex: How does it impact brain activity?’ Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.medicalnewstoday.com/articles/321428</p> <p>[6]          C. S. Carter, ‘Sex, love and oxytocin: Two metaphors and a molecule’, <em>Neurosci. Biobehav. Rev.</em>, vol. 143, p. 104948, Dec. 2022, doi: 10.1016/j.neubiorev.2022.104948.</p> <p>[7]          A. Tóth and Á. Dobolyi, ‘Prolactin in sleep and EEG regulation: New mechanisms and sleep-related brain targets complement classical data’, <em>Neurosci. Biobehav. Rev.</em>, vol. 169, p. 106000, Feb. 2025, doi: 10.1016/j.neubiorev.2024.106000.</p> <p>[8]          ‘Is Sex Good for Your Brain? A National Longitudinal Study on Sexuality and Cognitive Function among Older Adults in the United States | Request PDF’, <em>ResearchGate</em>, Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.researchgate.net/publication/372723852_Is_Sex_Good_for_Your_Brain_A_National_Longitudinal_Study_on_Sexuality_and_Cognitive_Function_among_Older_Adults_in_the_United_States</p> <p>[9]          C. Cassella, ‘Sex Appears to Protect Brain Health in Older Adults, Scientists Say’, ScienceAlert. Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://www.sciencealert.com/sex-appears-to-protect-brain-health-in-older-adults-scientists-say</p> <p>[10]       ‘Love and the Brain | Harvard Medical School’. Accessed: Jul. 22, 2026. [Online]. Available: https://hms.harvard.edu/news-events/publications-archive/brain/love-brain</p> <p>[11]       TED, <em>Helen Fisher erforscht das verliebte Gehirn</em>, (Jul. 15, 2008). Accessed: Jul. 06, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=OYfoGTIG7pY</p> <p>[12]       H. Kawamichi <em>et al.</em>, ‘Medial Prefrontal Cortex Activation Is Commonly Invoked by Reputation of Self and Romantic Partners’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 8, no. 9, p. e74958, Sep. 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0074958.</p> <p>[13]       D. Ponzi and M. Dandy, ‘The Influence of Endogenous Opioids on the Relationship between Testosterone and Romantic Bonding’, <em>Hum. Nat.</em>, vol. 30, no. 1, pp. 98–116, Mar. 2019, doi: 10.1007/s12110-018-9332-4.</p> <p>[14]       T. Field, M. Diego, M. Pelaez, O. Deeds, and J. Delgado, ‘Breakup distress in university students’, <em>Adolescence</em>, vol. 44, no. 176, pp. 705–727, 2009.</p> <p>[15]       H. E. Fisher, <em>Anatomy of Love: A Natural History of Mating, Marriage, and why We Stray</em>. Fawcett Columbine, 1994.</p> <p>[16]       ‘Takotsubo syndrome’, British Heart Foundation. Accessed: Jul. 27, 2026. [Online]. Available: https://www.bhf.org.uk/informationsupport/conditions/takotsubo-cardiomyopathy</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichneter-liebevoller-lesbischer-kuss_15636016.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c5c6b797-7209-4839-a786-f4b7ee001c53&amp;query=arousal" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-illustration-einer-offenen-beziehung_151855539.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=40&amp;uuid=af06f5e7-5267-4386-81ba-6f8ace964a1c&amp;query=sexy+couple" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichneter-liebevoller-lesbischer-kuss_15636016.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c5c6b797-7209-4839-a786-f4b7ee001c53&amp;query=arousal" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flache-tagesillustration-vorschlagen_36803620.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=38&amp;uuid=3796e8f6-4e27-4794-b41d-463f1cea88ed&amp;query=being+in+love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flache-designfreunde-reisen-illustration_49660091.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=9b511dd6-df93-47ba-acd5-dc8d2b18de52&amp;query=couple+adventures" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnete-schlafende-illustration-des-paares_18037214.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=16&amp;uuid=23f0f94e-10ee-4af8-87d3-f20c29b43194&amp;query=romance" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-scheidungsillustration_67003209.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=30&amp;uuid=e4335ce6-e485-4ece-ae06-758da98207c2&amp;track=ais_hybrid&amp;query=to+break+up" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-mit-depressionen-und-regenwolke_137411616.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=5&amp;uuid=aa6180e4-d9aa-4170-9066-d0d8ec3d8b4d&amp;query=sadness" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/froehliches-kleines-cartoon-paar-das-zwei-haelften-des-gebrochenen-herzens-haelt-mann-und-frau-die-flache-vektorillustration-des-herzens-zusammen-reparieren-beziehung-liebe-trennungskonzept-fuer-banner-oder-landing-webseite_26877084.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=12&amp;uuid=3518cfe7-b997-48d1-8273-dac76ed7efdc&amp;query=broken+heart" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/zwei-leute-die-logik-und-liebe-mit-wippe-vergleichen-isolierte-flache-illustration_13146698.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=371dc0ab-f5c4-4ad4-960f-8d44ce3b31c4&amp;query=love+and+brain" rel="noopener">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-phasen-der-liebe/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Die Welt der Keime und Seuchen – Besuch vom Podcast Pandemia https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-die-welt-der-keime-und-seuchen-besuch-vom-podcast-pandemia/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-die-welt-der-keime-und-seuchen-besuch-vom-podcast-pandemia/#respond Sun, 09 Aug 2026 15:51:08 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1939 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/pandemia-astrogeo-768x768.jpg Zwei Podcastlogos, oben Pandemia mit bunter Schrift, Pflanzenblättern, einer Zelle, einem Schimpansen, unten AstroGeo mit einer Sonne und der Erde als Buchstabe o. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-die-welt-der-keime-und-seuchen-besuch-vom-podcast-pandemia/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/pandemia-astrogeo-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Die Welt der Keime und Seuchen - Besuch vom Podcast Pandemia » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag143-pandemia.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge ist ausnahmsweise alles anders: Franzi und Karl haben Besuch von Laura Salm-Reifferscheidt und Kai Kupferschmidt. Die beiden Wissenschaftsjournalisten bestreiten seit 2020 den Podcast Pandemia, in dem sie regelmäßig Geschichten aus der Welt der Wissenschaft erzählen. Es geht um aktuelle Themen wie das Hanta-Virus – oder die letzte Pest-Epidemie in Wien.</p> <p>In dieser Folge wollen Franzi und Karl wissen: Was begeistert Kai und Laura an der Welt der Keime? Was sind gute Pandemia-Geschichten und wie findet man sie? Jedes mal versuchen die zwei, spannende Geschichten mit intensiven Recherchen und dem großen Ganzen zu verbinden: Wie entsteht gesichertes Wissen, wo liegen Untersicherheiten und wie verändert Forschung die Welt?<aside></aside></p> <p>Zuletzt ein Teaser: Auch Franzi und Karl werden demnächst bei Pandemia zu Gast sein. Wenn ihr diesen Besuch nicht verpassen wollt, folgt am besten Pandemia dort, wo ihr gerne Podcasts hört.</p> <h3><strong>Pandemia folgen</strong></h3> <ul> <li>Pandemia folgen: <a href="https://feeds.superelektrik.de/pandemia" rel="noopener"><u>RSS</u></a> | <a href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/pandemia/id1506519162" rel="noopener"><u>Apple</u></a> | <a href="https://open.spotify.com/show/1ja8XS2wn71MU646PqdWl7" rel="noopener"><u>Spotify</u></a> | <a href="https://podcasts.social/@pandemia" rel="noopener"><u>Mastodon</u></a> | <u><a href="https://bsky.app/profile/pandemia.bsky.social" rel="noopener">Bluesky</a></u></li> <li>Webseite: <a href="https://linktr.ee/pandemiapodcast" rel="noopener"><u>Pandemia</u></a></li> <li>Steady: <a href="https://steady.page/de/pandemia/about" rel="noopener"><u>Pandemia unterstützen</u></a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: AstroGeo / Pandemia</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/pandemia-astrogeo-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Die Welt der Keime und Seuchen - Besuch vom Podcast Pandemia » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag143-pandemia.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge ist ausnahmsweise alles anders: Franzi und Karl haben Besuch von Laura Salm-Reifferscheidt und Kai Kupferschmidt. Die beiden Wissenschaftsjournalisten bestreiten seit 2020 den Podcast Pandemia, in dem sie regelmäßig Geschichten aus der Welt der Wissenschaft erzählen. Es geht um aktuelle Themen wie das Hanta-Virus – oder die letzte Pest-Epidemie in Wien.</p> <p>In dieser Folge wollen Franzi und Karl wissen: Was begeistert Kai und Laura an der Welt der Keime? Was sind gute Pandemia-Geschichten und wie findet man sie? Jedes mal versuchen die zwei, spannende Geschichten mit intensiven Recherchen und dem großen Ganzen zu verbinden: Wie entsteht gesichertes Wissen, wo liegen Untersicherheiten und wie verändert Forschung die Welt?<aside></aside></p> <p>Zuletzt ein Teaser: Auch Franzi und Karl werden demnächst bei Pandemia zu Gast sein. Wenn ihr diesen Besuch nicht verpassen wollt, folgt am besten Pandemia dort, wo ihr gerne Podcasts hört.</p> <h3><strong>Pandemia folgen</strong></h3> <ul> <li>Pandemia folgen: <a href="https://feeds.superelektrik.de/pandemia" rel="noopener"><u>RSS</u></a> | <a href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/pandemia/id1506519162" rel="noopener"><u>Apple</u></a> | <a href="https://open.spotify.com/show/1ja8XS2wn71MU646PqdWl7" rel="noopener"><u>Spotify</u></a> | <a href="https://podcasts.social/@pandemia" rel="noopener"><u>Mastodon</u></a> | <u><a href="https://bsky.app/profile/pandemia.bsky.social" rel="noopener">Bluesky</a></u></li> <li>Webseite: <a href="https://linktr.ee/pandemiapodcast" rel="noopener"><u>Pandemia</u></a></li> <li>Steady: <a href="https://steady.page/de/pandemia/about" rel="noopener"><u>Pandemia unterstützen</u></a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: AstroGeo / Pandemia</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-die-welt-der-keime-und-seuchen-besuch-vom-podcast-pandemia/#respond 0 Das Goethe-Institut – Neugründung 1951 oder Wiederbelebung der Deutschen Akademie? https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/das-goethe-institut-neugruendung-1951-oder-wiederbelebung-der-deutschen-akademie/ https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/das-goethe-institut-neugruendung-1951-oder-wiederbelebung-der-deutschen-akademie/#comments Thu, 06 Aug 2026 13:07:22 +0000 Henning Lobin https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/?p=2300 https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/files/Muenchen_Maximilianeum-2-768x243.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/das-goethe-institut-neugruendung-1951-oder-wiederbelebung-der-deutschen-akademie/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/files/Muenchen_Maximilianeum-2.jpg" /><h1>Das Goethe-Institut – Neugründung 1951 oder Wiederbelebung der Deutschen Akademie? » Die Engelbart-Galaxis » SciLogs</h1><h2>By Von Henning Lobin</h2><div itemprop="text"> <p id="ember55"><strong>2026 feiert das Goethe-Institut sein 75-jähriges Bestehen – als eine 1951 gegründete Institution der jungen Bundesrepublik. In der offiziellen Feierlichkeiten blieb jedoch weitgehend unerwähnt, dass bereits 1932 innerhalb der Deutschen Akademie ein „Goethe-Institut“ entstand und dass personelle, institutionelle und finanzielle Kontinuitäten über das Jahr 1945 hinausreichten. War 1951 also tatsächlich eine Neugründung – oder eher die politisch und organisatorisch grundlegend veränderte Wiederbelebung einer älteren Einrichtung?</strong></p> <blockquote> <p>„Wenn 2026 das offiziell 75-jährige Bestehen des Goethe-Instituts gefeiert wird, wird – institutshistorisch gesehen – ordentlich ein Auge zugedrückt. Denn was 1951 stattfindet, als Kulturpolitiker*innen in der Münchner Tengstraße zusammenkommen, um die Arbeit für ein Sprachinstitut aufzunehmen, ist weniger eine Neugründung. Vielmehr handelt es sich um eine Wiederaufnahme, wie ein Blick auf die Frühgeschichte und die Vorgängerinstitution des Goethe-Instituts zeigt.“</p> </blockquote> <p id="ember57">So kritisiert es das Goethe-Institut auf seiner Web-Seite mit einem Augenzwinkern selbst, dass die Deutsche Akademie im Jubiläum und seiner Berechnung nicht vorkommt. Die Vorläuferinstitution des heutigen Goethe-Instituts wurde bereits 1925 in München in Gestalt eines Vereins gegründet.[1] Anlass dafür war, in Deutschland nach französischem Vorbild ein Kulturinstitut zur Verfügung zu haben, das im Ausland für Deutschland als Kulturnation werben konnte. Eine Gruppe von Professoren der Ludwig-Maximilian-Universität München verwirklichte diese Idee eines an der Pariser Botschaft tätigen Diplomaten, da man nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Notwendigkeit sah, Deutschlands Ansehen in der Welt wieder zu verbessern. Zunächst gab es eine wissenschaftliche und eine „praktische“ Abteilung, letztere sollte die Erkenntnisse der ersteren unter im Ausland lebenden Deutschen verbreiten.</p> <p id="ember58">Aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich aus dieser Ausrichtung ergaben, fokussierte die Deutsche Akademie ab 1928/29 die Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache. Mit dieser Neuausrichtung wurde sie auch für die Reichsregierung interessant, die mit ihrer Außenpolitik auf „eine Überwindung des Vertrags von Versailles und eine Wiederherstellung der deutschen Großmachtstellung“[2] abzielte und nun begann, die Tätigkeit der Akademie finanziell zu unterstützen. Ab 1930 bot man Fortbildungen für ausländische Deutschlehrer an, und es wurden im Ausland erste Sprachinstitute gegründet. Ein wichtiges Motiv dabei war auch, dass es durch den turnusmäßigen Wechsel der Beamten im Auswärtigen Amt schwierig war, selbst die für derartige Aufgaben notwendige längerfristige Verlässlichkeit der Zuständigkeiten sicherzustellen.[3]</p> <p>Die Fortbildungsarbeit der Akademie wurde 1932 in einer neuen Abteilung mit dem Namen „Goethe-Institut zu Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“ zusammengefasst, womit die Akademie „Pionier auf dem Feld“[4] der Disziplin Deutsch als Fremdsprache wurde. Grund für die Namengebung war neben der positiven internationalen Konnotation des größten deutschen Dichters auch dessen hundertster Todestag, aufgrund dessen Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1932 in vielen Publikationen und Veranstaltungen gedacht wurde.<aside></aside></p> <p id="ember59"><strong>Die Deutsche Akademie im NS-Staat</strong></p> <p id="ember60">Im NS-Staat wuchs die Bedeutung der Akademie, in ihren Gremien stiegen nach und nach NS-Funktionsträger auf. Mit Leopold Kölbl war ab 1938 ein SA-Standartenführer Präsident, ab 1939 der Bayerische Ministerpräsident und SA-Obergruppenführer Ludwig Siebert. Walther Wüst, Rektor der Münchener Universität und SS-Brigadeführer, wurde sein Stellvertreter und Leiter der Forschungsabteilung, bis 1943 Arthur Seyß-Inquart, Österreichischer Bundeskanzler und Statthalter, Reichsminister und Reichskommissar für die Niederlande sowie SS-Obergruppenführer an die Spitze der Deutschen Akademie trat. Er wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess für schuldig befunden und hingerichtet.[5] Schon 1933 war eine ganze Reihe namhafter Mitglieder aus der Akademie ausgeschlossen worden, unter ihnen Thomas Mann, Max Liebermann und Konrad Adenauer.</p> <p id="ember61">Den Status als „Mittlerorganisation“ hatte die Deutsche Akademie im Zuge dieser bereitwilligen Selbstgleichschaltung nicht aufrechterhalten können – 1941 wurde sie per Führererlass in eine Körperschaft öffentlichen Rechts umgewandelt und Goebbels‘ Propagandaministerium unterstellt.[6] Bis Kriegsende entwickelte sich die Deutsche Akademie zur zentralen Stelle bezüglich aller Fragen zur deutschen Sprache, in deren wissenschaftlicher Abteilung auch sprachwissenschaftliche Grundlagenforschung betrieben wurde, etwa bei der Erstellung eines althochdeutschen Wörterbuchs, historischer Dialektwörterbücher, zur Namenforschung oder mit Datenerhebungen zu einem süddeutschen Sprachatlas.[7] In neutralen, verbündeten oder besetzten Ländern und Regionen wurden Institute aufgebaut, nicht aber in den eroberten Gebieten im Osten. 1942 gab es etwa 250 Institute mit insgesamt knapp tausend Beschäftigen. Der Etat der Akademie entwickelte sich entsprechend: 1940 verzehnfachte er sich anlässlich des Kriegsbeginns auf 860.000 Reichsmark, 1941 lag er bei 3,3 Mio. Reichsmark – zusammen mit Einnahmen und Spenden waren es sogar 4,4 Mio. Reichsmark –, 1944 schließlich bei neun Millionen Reichsmark.[8] Mit der Unterordnung unter das Propagandaministerium wurde von der Akademie aber auch zunehmend verlangt, politische und propagandistische Inhalte in die Spracharbeit zu integrieren. Auch die ins Ausland entsandten Lektoren mussten zunehmend politisch und ideologisch geschult werden.[9]</p> <p id="ember62"><strong>Die (Wieder-)Gründung des Goethe-Instituts nach dem Zweiten Weltkrieg</strong></p> <p id="ember63">Mit dem Ende des NS-Staates und der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ist auch die Deutsche Akademie untergegangen. Zwar setzten einige frühere Akademiemitglieder alles daran, die Arbeit der Akademie fortsetzen zu können, doch wurde sie von den alliierten Besatzungsbehörden als nationalsozialistische Organisation eingestuft und Ende 1945 aufgelöst.[10] Eine eigenständige Außenpolitik durfte zunächst weder in der DDR noch in der Bundesrepublik betrieben werden – das Auswärtige Amt wurde erst 1951 wiedergegründet. In der DDR engagierte man sich schon früh durch kulturelle Auslandsbeziehungen im Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarländern und einigen blockfreien Staaten, während in der Bundesrepublik erst in den 1950er-Jahren einige direkt von den jeweiligen Botschaften geführte ausländische Kulturinstitute entstanden. Aufgrund der föderalen Struktur der Bundesrepublik liegt ja die Kulturpolitik bis heute weitgehend in der Domäne der Bundesländer, nur die auswärtige Kulturpolitik ist mit der Zuständigkeit des Auswärtigen Amts dem Bund zugeordnet. Dass dieser sich dabei vor allem großer Mittlerorganisationen bedient, kann auch als ein Ausweichen vor der Frage verstanden werden, inwieweit die frühere Bundesrepublik und das heutige Deutschland eine Kulturauffassung im nationalen Sinne vertreten, die auch die Frage nach dem Status der deutschen Sprache umfasst.</p> <p id="ember64">Mit dem Beschluss, das „Goethe-Institut e.V. zur Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“ wiederzugründen, schloss man im Jahr 1951 unmittelbar an das vorherige, 1932 gegründete Goethe-Institut als Teil der Deutschen Akademie an.[11] Bei der Eintragung ins Vereinsregister ein Jahr später erhielt es dann bereits den Zusatz „Goethe-Institut e.V. zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland“. Als eine Art partieller Rechtsnachfolger der Deutschen Akademie erhielt das neue Goethe-Institut zumindest einen Teil von dessen hinterlassenem Vermögen als Startkapital. Eine Kontinuität gab es auch mit dem Akademiemitglied aus der Zeit der Weimarer Republik Kurt Magnus als ersten Präsidenten und mit dem früheren Geschäftsführer Franz Thierfelder, der die Wiedergründung des Goethe-Instituts in der Nachkriegszeit wesentlich vorbereitet hatte.</p> <p id="ember65">Kurios ist es, dass auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) bereits 1925 gegründet und ähnlich dem Goethe-Institut aufgrund seiner nationalsozialistischen Durchdringung nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst wurde. Die Wiedergründung erfolgte 1950. Im Jahr 2025 feierte (und reflektierte) der DAAD sein 100-jähriges Bestehen – nicht sein 75-jähriges.</p> <hr></hr> <p><span>Beitragsbild:</span> Das Maximilianeum in München, Sitz der Deutschen Akademie von 1932 bis 1945 (Wikimedia, gemeinfrei)</p> <p id="ember66"><span>Offenlegung:</span> Ich selbst bin seit 2025 Mitglied des Goethe-Instituts.</p> <p id="ember67">[1]      Zur Gründungsgeschichte vgl. Lentz, Carola/Gabriel, Marie-Christin (2021): Das Goethe-Institut. Eine Geschichte von 1951 bis heute. Stuttgart: Klett-Cotta und Michels, Eckard (2005): Von der Deutschen Akademie zum Goethe-Institut. Sprach- und auswärtige Kulturpolitik 1923-1960. München: Oldenbourg (= Studien zur Zeitgeschichte; 70), auf den sich auch Lentz et al. beziehen. Das Zitat findet sich auf der Internet-Präsenz des Goethe-Instituts als Einleitung zu einem Abriss der Institutsgeschichte (s. <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.goethe.de/de/uun/org/ges/prf.html" rel="noopener" target="_self">https://www.goethe.de/de/uun/org/ges/prf.html</a>).</p> <p id="ember68">[2]      Michels 2005: S. 63.</p> <p id="ember69">[3]      Vgl. Lentz et al. 2021: S. 32.</p> <p id="ember70">[4]      Ebd. 33.</p> <p id="ember71">[5]      Vgl. ebd. 36.</p> <p id="ember72">[6]      Vgl. Michels 2005.</p> <p id="ember73">[7]      Michels 2005: S. 171.</p> <p id="ember74">[8]      Vgl. Lentz et al. 2021: S. 37 und Michels 2005: S. 141–142.</p> <p id="ember75">[9]      Vgl. Michels 2005: S. 176–183.</p> <p id="ember76">[10]    Vgl. Lentz et al. 2021: S. 40.</p> <p id="ember77">[11]    Vgl. zum Folgenden Lentz et al. 2021: S. 44–52.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/files/Muenchen_Maximilianeum-2.jpg" /><h1>Das Goethe-Institut – Neugründung 1951 oder Wiederbelebung der Deutschen Akademie? » Die Engelbart-Galaxis » SciLogs</h1><h2>By Von Henning Lobin</h2><div itemprop="text"> <p id="ember55"><strong>2026 feiert das Goethe-Institut sein 75-jähriges Bestehen – als eine 1951 gegründete Institution der jungen Bundesrepublik. In der offiziellen Feierlichkeiten blieb jedoch weitgehend unerwähnt, dass bereits 1932 innerhalb der Deutschen Akademie ein „Goethe-Institut“ entstand und dass personelle, institutionelle und finanzielle Kontinuitäten über das Jahr 1945 hinausreichten. War 1951 also tatsächlich eine Neugründung – oder eher die politisch und organisatorisch grundlegend veränderte Wiederbelebung einer älteren Einrichtung?</strong></p> <blockquote> <p>„Wenn 2026 das offiziell 75-jährige Bestehen des Goethe-Instituts gefeiert wird, wird – institutshistorisch gesehen – ordentlich ein Auge zugedrückt. Denn was 1951 stattfindet, als Kulturpolitiker*innen in der Münchner Tengstraße zusammenkommen, um die Arbeit für ein Sprachinstitut aufzunehmen, ist weniger eine Neugründung. Vielmehr handelt es sich um eine Wiederaufnahme, wie ein Blick auf die Frühgeschichte und die Vorgängerinstitution des Goethe-Instituts zeigt.“</p> </blockquote> <p id="ember57">So kritisiert es das Goethe-Institut auf seiner Web-Seite mit einem Augenzwinkern selbst, dass die Deutsche Akademie im Jubiläum und seiner Berechnung nicht vorkommt. Die Vorläuferinstitution des heutigen Goethe-Instituts wurde bereits 1925 in München in Gestalt eines Vereins gegründet.[1] Anlass dafür war, in Deutschland nach französischem Vorbild ein Kulturinstitut zur Verfügung zu haben, das im Ausland für Deutschland als Kulturnation werben konnte. Eine Gruppe von Professoren der Ludwig-Maximilian-Universität München verwirklichte diese Idee eines an der Pariser Botschaft tätigen Diplomaten, da man nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg die Notwendigkeit sah, Deutschlands Ansehen in der Welt wieder zu verbessern. Zunächst gab es eine wissenschaftliche und eine „praktische“ Abteilung, letztere sollte die Erkenntnisse der ersteren unter im Ausland lebenden Deutschen verbreiten.</p> <p id="ember58">Aufgrund der wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die sich aus dieser Ausrichtung ergaben, fokussierte die Deutsche Akademie ab 1928/29 die Vermittlung des Deutschen als Fremdsprache. Mit dieser Neuausrichtung wurde sie auch für die Reichsregierung interessant, die mit ihrer Außenpolitik auf „eine Überwindung des Vertrags von Versailles und eine Wiederherstellung der deutschen Großmachtstellung“[2] abzielte und nun begann, die Tätigkeit der Akademie finanziell zu unterstützen. Ab 1930 bot man Fortbildungen für ausländische Deutschlehrer an, und es wurden im Ausland erste Sprachinstitute gegründet. Ein wichtiges Motiv dabei war auch, dass es durch den turnusmäßigen Wechsel der Beamten im Auswärtigen Amt schwierig war, selbst die für derartige Aufgaben notwendige längerfristige Verlässlichkeit der Zuständigkeiten sicherzustellen.[3]</p> <p>Die Fortbildungsarbeit der Akademie wurde 1932 in einer neuen Abteilung mit dem Namen „Goethe-Institut zu Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“ zusammengefasst, womit die Akademie „Pionier auf dem Feld“[4] der Disziplin Deutsch als Fremdsprache wurde. Grund für die Namengebung war neben der positiven internationalen Konnotation des größten deutschen Dichters auch dessen hundertster Todestag, aufgrund dessen Johann Wolfgang Goethe im Jahr 1932 in vielen Publikationen und Veranstaltungen gedacht wurde.<aside></aside></p> <p id="ember59"><strong>Die Deutsche Akademie im NS-Staat</strong></p> <p id="ember60">Im NS-Staat wuchs die Bedeutung der Akademie, in ihren Gremien stiegen nach und nach NS-Funktionsträger auf. Mit Leopold Kölbl war ab 1938 ein SA-Standartenführer Präsident, ab 1939 der Bayerische Ministerpräsident und SA-Obergruppenführer Ludwig Siebert. Walther Wüst, Rektor der Münchener Universität und SS-Brigadeführer, wurde sein Stellvertreter und Leiter der Forschungsabteilung, bis 1943 Arthur Seyß-Inquart, Österreichischer Bundeskanzler und Statthalter, Reichsminister und Reichskommissar für die Niederlande sowie SS-Obergruppenführer an die Spitze der Deutschen Akademie trat. Er wurde im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess für schuldig befunden und hingerichtet.[5] Schon 1933 war eine ganze Reihe namhafter Mitglieder aus der Akademie ausgeschlossen worden, unter ihnen Thomas Mann, Max Liebermann und Konrad Adenauer.</p> <p id="ember61">Den Status als „Mittlerorganisation“ hatte die Deutsche Akademie im Zuge dieser bereitwilligen Selbstgleichschaltung nicht aufrechterhalten können – 1941 wurde sie per Führererlass in eine Körperschaft öffentlichen Rechts umgewandelt und Goebbels‘ Propagandaministerium unterstellt.[6] Bis Kriegsende entwickelte sich die Deutsche Akademie zur zentralen Stelle bezüglich aller Fragen zur deutschen Sprache, in deren wissenschaftlicher Abteilung auch sprachwissenschaftliche Grundlagenforschung betrieben wurde, etwa bei der Erstellung eines althochdeutschen Wörterbuchs, historischer Dialektwörterbücher, zur Namenforschung oder mit Datenerhebungen zu einem süddeutschen Sprachatlas.[7] In neutralen, verbündeten oder besetzten Ländern und Regionen wurden Institute aufgebaut, nicht aber in den eroberten Gebieten im Osten. 1942 gab es etwa 250 Institute mit insgesamt knapp tausend Beschäftigen. Der Etat der Akademie entwickelte sich entsprechend: 1940 verzehnfachte er sich anlässlich des Kriegsbeginns auf 860.000 Reichsmark, 1941 lag er bei 3,3 Mio. Reichsmark – zusammen mit Einnahmen und Spenden waren es sogar 4,4 Mio. Reichsmark –, 1944 schließlich bei neun Millionen Reichsmark.[8] Mit der Unterordnung unter das Propagandaministerium wurde von der Akademie aber auch zunehmend verlangt, politische und propagandistische Inhalte in die Spracharbeit zu integrieren. Auch die ins Ausland entsandten Lektoren mussten zunehmend politisch und ideologisch geschult werden.[9]</p> <p id="ember62"><strong>Die (Wieder-)Gründung des Goethe-Instituts nach dem Zweiten Weltkrieg</strong></p> <p id="ember63">Mit dem Ende des NS-Staates und der Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg ist auch die Deutsche Akademie untergegangen. Zwar setzten einige frühere Akademiemitglieder alles daran, die Arbeit der Akademie fortsetzen zu können, doch wurde sie von den alliierten Besatzungsbehörden als nationalsozialistische Organisation eingestuft und Ende 1945 aufgelöst.[10] Eine eigenständige Außenpolitik durfte zunächst weder in der DDR noch in der Bundesrepublik betrieben werden – das Auswärtige Amt wurde erst 1951 wiedergegründet. In der DDR engagierte man sich schon früh durch kulturelle Auslandsbeziehungen im Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarländern und einigen blockfreien Staaten, während in der Bundesrepublik erst in den 1950er-Jahren einige direkt von den jeweiligen Botschaften geführte ausländische Kulturinstitute entstanden. Aufgrund der föderalen Struktur der Bundesrepublik liegt ja die Kulturpolitik bis heute weitgehend in der Domäne der Bundesländer, nur die auswärtige Kulturpolitik ist mit der Zuständigkeit des Auswärtigen Amts dem Bund zugeordnet. Dass dieser sich dabei vor allem großer Mittlerorganisationen bedient, kann auch als ein Ausweichen vor der Frage verstanden werden, inwieweit die frühere Bundesrepublik und das heutige Deutschland eine Kulturauffassung im nationalen Sinne vertreten, die auch die Frage nach dem Status der deutschen Sprache umfasst.</p> <p id="ember64">Mit dem Beschluss, das „Goethe-Institut e.V. zur Fortbildung ausländischer Deutschlehrer“ wiederzugründen, schloss man im Jahr 1951 unmittelbar an das vorherige, 1932 gegründete Goethe-Institut als Teil der Deutschen Akademie an.[11] Bei der Eintragung ins Vereinsregister ein Jahr später erhielt es dann bereits den Zusatz „Goethe-Institut e.V. zur Pflege der deutschen Sprache im Ausland“. Als eine Art partieller Rechtsnachfolger der Deutschen Akademie erhielt das neue Goethe-Institut zumindest einen Teil von dessen hinterlassenem Vermögen als Startkapital. Eine Kontinuität gab es auch mit dem Akademiemitglied aus der Zeit der Weimarer Republik Kurt Magnus als ersten Präsidenten und mit dem früheren Geschäftsführer Franz Thierfelder, der die Wiedergründung des Goethe-Instituts in der Nachkriegszeit wesentlich vorbereitet hatte.</p> <p id="ember65">Kurios ist es, dass auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) bereits 1925 gegründet und ähnlich dem Goethe-Institut aufgrund seiner nationalsozialistischen Durchdringung nach dem Zweiten Weltkrieg aufgelöst wurde. Die Wiedergründung erfolgte 1950. Im Jahr 2025 feierte (und reflektierte) der DAAD sein 100-jähriges Bestehen – nicht sein 75-jähriges.</p> <hr></hr> <p><span>Beitragsbild:</span> Das Maximilianeum in München, Sitz der Deutschen Akademie von 1932 bis 1945 (Wikimedia, gemeinfrei)</p> <p id="ember66"><span>Offenlegung:</span> Ich selbst bin seit 2025 Mitglied des Goethe-Instituts.</p> <p id="ember67">[1]      Zur Gründungsgeschichte vgl. Lentz, Carola/Gabriel, Marie-Christin (2021): Das Goethe-Institut. Eine Geschichte von 1951 bis heute. Stuttgart: Klett-Cotta und Michels, Eckard (2005): Von der Deutschen Akademie zum Goethe-Institut. Sprach- und auswärtige Kulturpolitik 1923-1960. München: Oldenbourg (= Studien zur Zeitgeschichte; 70), auf den sich auch Lentz et al. beziehen. Das Zitat findet sich auf der Internet-Präsenz des Goethe-Instituts als Einleitung zu einem Abriss der Institutsgeschichte (s. <a data-test-app-aware-link="" href="https://www.goethe.de/de/uun/org/ges/prf.html" rel="noopener" target="_self">https://www.goethe.de/de/uun/org/ges/prf.html</a>).</p> <p id="ember68">[2]      Michels 2005: S. 63.</p> <p id="ember69">[3]      Vgl. Lentz et al. 2021: S. 32.</p> <p id="ember70">[4]      Ebd. 33.</p> <p id="ember71">[5]      Vgl. ebd. 36.</p> <p id="ember72">[6]      Vgl. Michels 2005.</p> <p id="ember73">[7]      Michels 2005: S. 171.</p> <p id="ember74">[8]      Vgl. Lentz et al. 2021: S. 37 und Michels 2005: S. 141–142.</p> <p id="ember75">[9]      Vgl. Michels 2005: S. 176–183.</p> <p id="ember76">[10]    Vgl. Lentz et al. 2021: S. 40.</p> <p id="ember77">[11]    Vgl. zum Folgenden Lentz et al. 2021: S. 44–52.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/das-goethe-institut-neugruendung-1951-oder-wiederbelebung-der-deutschen-akademie/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Begriffsentwirrung: Fraktionszwang, Fraktionsdisziplin, parlamentarische Republik https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-fraktionszwang-fraktionsdisziplin-parlamentarische-republik/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-fraktionszwang-fraktionsdisziplin-parlamentarische-republik/#comments Wed, 05 Aug 2026 22:12:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11459 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-768x576.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-fraktionszwang-fraktionsdisziplin-parlamentarische-republik/</link> </image> <description type="html"><h1>Begriffsentwirrung: Fraktionszwang, Fraktionsdisziplin, parlamentarische Republik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Ich freue mich wirklich sehr, dass die Themen <strong>Gewaltenteilung</strong> und <strong>Demokratie</strong>, <strong>Zivilreligion (Mimesis)</strong> und <strong>Grundgesetz </strong>weit über diesen Wissenschaftsblog hinaus Interesse finden und wirken!</p> <p>Die fünf Säulen der Gewaltenteilung in jeder demokratischen, idealerweise auch föderalen Republik am Anfang des 21. Jahrhunderts seien demnach:</p> <ol> <li><strong>Exekutive</strong> (Regierung, Polizei, Militär, staatliche Schulen)</li> <li><strong>Judikative</strong> (Unabhängige Rechtsprechung)</li> <li><em><strong>Legislative</strong> </em>(Gesetzgebung, in einer Demokratie durch gewählte Abgeordnete &amp; Volksabstimmungen)</li> <li><strong>Publikative</strong> (Mediensysteme, ÖRR, Konzernmedien, Fediversum)</li> <li><strong>Scientikative</strong> (Wissenschaften, Impfkommissionen, Zentralbanken, Kartellbehörden, Ethik- und Klimaräte)</li> </ol> <figure aria-describedby="caption-attachment-11450" id="attachment_11450"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/"><img alt="Darstellung der fünf Säulen-Gewaltenteilung einer demokratischen Republik nach Blume, Dendroniker &amp; Ince. Ein Tempelgiebel ruht auf den fünf Säulen Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative, Scientikative. Auf jedem Sockel steht: Vertrauen." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-768x576.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11450"><em>Darstellung der fünf Säulen-Gewaltenteilung einer demokratischen Republik nach Blume, Dendroniker &amp; Ince. Grafik: Inan Ince mit Gemini</em></figcaption></figure> <p>Nach dem <strong>bundesdeutschen Grundgesetz wird nur der Bundestag (die Legislative) direkt vom Volk gewählt</strong>, alle anderen Bundesämter (Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Bundestagspräsidentin, Verfassungsrichter usw.) werden daraus hervorgehend indirekt gewählt.</p> <p>Deswegen – und wegen der katastrophalen Erfahrungen mit dem gleichgeschalteten und ausgeschalteten Reichstag der Weimarer Republik – stärkt<strong> das Grundgesetz eigentlich die Unabhängigkeit und Verantwortung der gewählten Abgeordneten</strong>, so in Artikel 38:</p> <p><em>(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. </em><aside></aside></p> <p>Davon kann <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">seit 1961 und der Einführung <strong>von im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsverträgen und Koalitionsausschüssen</strong> keine Rede mehr</a> sein: Inzwischen erfahren Bundestagsabgeordnete aus den Pressekonferenzen von Parteivorsitzenden, wie sie wann und wozu abzustimmen haben und <a href="https://www.tagesschau.de/inland/rente-junge-gruppe-union-100.html" rel="noopener" target="_blank">Widerständige werden sogar in der Tagesschau als „Abweichler“ bezeichnet</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Dr. Michael Blume vom 11. Dezember 2025, in dem der SPIEGEL unter einem Bild der Parteivorsitzenden Söder (CSU), Merz (CDU), Bas und Klingbeil (SPD) einen neuen Namen des Heizungsgesetzes verkündet. Blume kritisierte, dass der Bundestags als Legislative hier nicht einmal mehr genannt werde." decoding="async" height="775" sizes="(max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></a></p> <p><em>Über die Gesetzgebung in der Bundesrepublik Deutschland entscheiden inzwischen Parteivorsitzende, die selbst nicht einmal dem deutschen Bundestag angehören müssen. Screenshot eines Mastodon-Posts vom 11.12.2025: Michael Blume</em></p> <p>In den vielen Dialogen über <strong>den Besorgnis erregenden Zustand der Gewaltenteilung in der Bundesrepublik Deutschland</strong> tauchen immer wieder in verschiedenen Verwendungen die Begriffe Fraktionszwang, Fraktionsdisziplin, Demokratie &amp; Republik auf.</p> <p>Daher möchte ich diese hier etwas vertieft erläutern und damit aufklären:</p> <p>Unter <strong>Fraktionszwang</strong> wird der normative Druck auf gewählte Abgeordnete verstanden, sich einer Fraktion – einem Zusammenschluss mit anderen Abgeordneten, meist nach Parteizugehörigkeit – anzuschließen. Viele Parlamente haben dafür eine Mindestgröße, so dass zwischen fraktionslosen Einzelabgeordneten, Gruppen (Zusammenschlüssen unterhalb der Mindestzahl für eine Fraktion) und Fraktionen unterschieden werden kann. Gruppen und vor allem Fraktionen erhalten eigene Rechte und meist auch erhöhte Mittel etwa für die Anmietung von Räumen und die Beschäftigung von Fraktions-Mitarbeitenden.</p> <p>Der <em><strong>Fraktionszwang ist grundsätzlich legitim</strong></em>, da keine einzelnen Abgeordneten alle Termine wahrnehmen und alle Themengebiete gleichermaßen überblicken können. Deswegen machen ausreichend große Zusammenschlüsse von Abgeordneten Sinn, die sich dann die parlamentarische Arbeit etwa in Fachausschüsse und Sprecherrollen aufteilen.</p> <p>Daraus ergibt sich auch eine <strong>legitime Form der Fraktionsdisziplin</strong>: Sowohl Wählerinnen und Wähler wie auch die anderen Abgeordneten haben ein Recht auf ein berechenbares Stimmverhalten. So sollte klar sein, dass eine Sprecherin auch wirklich für die Mehrheit ihrer Fraktion spricht. Deswegen ist es völlig okay, dass sich Fraktionen untereinander um gemeinsame Stimmabgaben bemühen. Im Einzelfall muss es Abgeordneten jedoch erlaubt bleiben, aus inhaltlichen Gründen von der Fraktionslinie abzuweichen und etwa für Initiativanträge auch Mehrheiten mit Abgeordneten anderer Fraktionen zu suchen.</p> <p><em><strong>Fraktionsdisziplin wird dann illegitim</strong></em>, wenn sie nicht mehr aus dem Kreis der Gewählten, sondern etwa von Regierungschefs (Exekutive), Parteivorsitzenden oder Medien (Publikative) vorgegeben wird und „Abweichler“ unter Druck gesetzt werden. Denn dann können die vom Volk gewählten Abgeordneten ihre verfassungsmäßige Verantwortung (in Deutschland nach Artikel 38 GG) der Gesetzgebung (Legislative) und der Kontrolle der Exekutive nicht mehr wirklich wahrnehmen.</p> <p>Entsprechend sorgte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">die Entmachtung der Abgeordneten 1961 durch <strong>Konrad Adenauer (CDU)</strong> und <strong>Erich Mende (FDP)</strong> auch noch für breite Empörung</a>. So wurde der Koalitionsausschuss der Großen Koalition aus CDU, CSU und SPD unter Bundeskanzler <strong>Kurt Georg Kiesinger (CDU)</strong> und Außenminister <strong>Willy Brandt (SPD)</strong> noch als intellektueller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kressbronner_Kreis" rel="noopener" target="_blank">„Kressbronner Kreis“</a> ausgegeben. Inzwischen hat sich diese Grundgesetz-widrige Praxis jedoch mimetisch durchgesetzt – und sogar wohlmeinende Demokratinnen und Demokraten erklären, dass der Bundestag ja mit der Wahrnehmung der Gesetzgebung und Kontrolle „überfordert“ wäre.</p> <p>Doch <strong>eine parlamentarische Demokratie und Republik</strong> basiert auf der freien Wahl der Abgeordneten für die Legislative. Deswegen gilt die Republik <strong>Taiwan</strong> als demokratisch, die Volksrepublik <strong>China</strong> aber nicht.</p> <p>Der Begriff <strong>Parlament</strong> bezeichnete sogar ursprünglich französische Gerichtshöfe (Judikative), darunter das oberste <em>„Parlement de Paris“</em>. Es verweigerte dem französischen König weitere Steuern und verlangte die Einberufung der Generalstände – was zur <strong>Französischen Revolution</strong> von 1789 führte. Auch deswegen gilt das Recht zur Steuer- und Haushaltsgesetzgebung umgangssprachlich als <em>„Königsrecht des Parlaments“</em>. Gewählte Häuser ohne diese Rechte – etwa der zeitweise gewählte Schura-Rat in <strong>Kuwait</strong> – gelten nicht als echte Parlamente.</p> <p>Es geht beim Zustand der Gewaltenteilung also nicht nur um politikwissenschaftliche Detailfragen, sondern um die Frage, in welcher Staatsform wir de jure und de facto eigentlich leben.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/wo9lMQUNAOM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Was ist der Unterschied zwischen Demokratie und Republik?" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Begriffsentwirrung: Fraktionszwang, Fraktionsdisziplin, parlamentarische Republik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Ich freue mich wirklich sehr, dass die Themen <strong>Gewaltenteilung</strong> und <strong>Demokratie</strong>, <strong>Zivilreligion (Mimesis)</strong> und <strong>Grundgesetz </strong>weit über diesen Wissenschaftsblog hinaus Interesse finden und wirken!</p> <p>Die fünf Säulen der Gewaltenteilung in jeder demokratischen, idealerweise auch föderalen Republik am Anfang des 21. Jahrhunderts seien demnach:</p> <ol> <li><strong>Exekutive</strong> (Regierung, Polizei, Militär, staatliche Schulen)</li> <li><strong>Judikative</strong> (Unabhängige Rechtsprechung)</li> <li><em><strong>Legislative</strong> </em>(Gesetzgebung, in einer Demokratie durch gewählte Abgeordnete &amp; Volksabstimmungen)</li> <li><strong>Publikative</strong> (Mediensysteme, ÖRR, Konzernmedien, Fediversum)</li> <li><strong>Scientikative</strong> (Wissenschaften, Impfkommissionen, Zentralbanken, Kartellbehörden, Ethik- und Klimaräte)</li> </ol> <figure aria-describedby="caption-attachment-11450" id="attachment_11450"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/"><img alt="Darstellung der fünf Säulen-Gewaltenteilung einer demokratischen Republik nach Blume, Dendroniker &amp; Ince. Ein Tempelgiebel ruht auf den fünf Säulen Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative, Scientikative. Auf jedem Sockel steht: Vertrauen." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6-768x576.jpeg 768w" width="1024"></img></a><figcaption id="caption-attachment-11450"><em>Darstellung der fünf Säulen-Gewaltenteilung einer demokratischen Republik nach Blume, Dendroniker &amp; Ince. Grafik: Inan Ince mit Gemini</em></figcaption></figure> <p>Nach dem <strong>bundesdeutschen Grundgesetz wird nur der Bundestag (die Legislative) direkt vom Volk gewählt</strong>, alle anderen Bundesämter (Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Bundestagspräsidentin, Verfassungsrichter usw.) werden daraus hervorgehend indirekt gewählt.</p> <p>Deswegen – und wegen der katastrophalen Erfahrungen mit dem gleichgeschalteten und ausgeschalteten Reichstag der Weimarer Republik – stärkt<strong> das Grundgesetz eigentlich die Unabhängigkeit und Verantwortung der gewählten Abgeordneten</strong>, so in Artikel 38:</p> <p><em>(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. </em><aside></aside></p> <p>Davon kann <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">seit 1961 und der Einführung <strong>von im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsverträgen und Koalitionsausschüssen</strong> keine Rede mehr</a> sein: Inzwischen erfahren Bundestagsabgeordnete aus den Pressekonferenzen von Parteivorsitzenden, wie sie wann und wozu abzustimmen haben und <a href="https://www.tagesschau.de/inland/rente-junge-gruppe-union-100.html" rel="noopener" target="_blank">Widerständige werden sogar in der Tagesschau als „Abweichler“ bezeichnet</a>.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Dr. Michael Blume vom 11. Dezember 2025, in dem der SPIEGEL unter einem Bild der Parteivorsitzenden Söder (CSU), Merz (CDU), Bas und Klingbeil (SPD) einen neuen Namen des Heizungsgesetzes verkündet. Blume kritisierte, dass der Bundestags als Legislative hier nicht einmal mehr genannt werde." decoding="async" height="775" sizes="(max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></a></p> <p><em>Über die Gesetzgebung in der Bundesrepublik Deutschland entscheiden inzwischen Parteivorsitzende, die selbst nicht einmal dem deutschen Bundestag angehören müssen. Screenshot eines Mastodon-Posts vom 11.12.2025: Michael Blume</em></p> <p>In den vielen Dialogen über <strong>den Besorgnis erregenden Zustand der Gewaltenteilung in der Bundesrepublik Deutschland</strong> tauchen immer wieder in verschiedenen Verwendungen die Begriffe Fraktionszwang, Fraktionsdisziplin, Demokratie &amp; Republik auf.</p> <p>Daher möchte ich diese hier etwas vertieft erläutern und damit aufklären:</p> <p>Unter <strong>Fraktionszwang</strong> wird der normative Druck auf gewählte Abgeordnete verstanden, sich einer Fraktion – einem Zusammenschluss mit anderen Abgeordneten, meist nach Parteizugehörigkeit – anzuschließen. Viele Parlamente haben dafür eine Mindestgröße, so dass zwischen fraktionslosen Einzelabgeordneten, Gruppen (Zusammenschlüssen unterhalb der Mindestzahl für eine Fraktion) und Fraktionen unterschieden werden kann. Gruppen und vor allem Fraktionen erhalten eigene Rechte und meist auch erhöhte Mittel etwa für die Anmietung von Räumen und die Beschäftigung von Fraktions-Mitarbeitenden.</p> <p>Der <em><strong>Fraktionszwang ist grundsätzlich legitim</strong></em>, da keine einzelnen Abgeordneten alle Termine wahrnehmen und alle Themengebiete gleichermaßen überblicken können. Deswegen machen ausreichend große Zusammenschlüsse von Abgeordneten Sinn, die sich dann die parlamentarische Arbeit etwa in Fachausschüsse und Sprecherrollen aufteilen.</p> <p>Daraus ergibt sich auch eine <strong>legitime Form der Fraktionsdisziplin</strong>: Sowohl Wählerinnen und Wähler wie auch die anderen Abgeordneten haben ein Recht auf ein berechenbares Stimmverhalten. So sollte klar sein, dass eine Sprecherin auch wirklich für die Mehrheit ihrer Fraktion spricht. Deswegen ist es völlig okay, dass sich Fraktionen untereinander um gemeinsame Stimmabgaben bemühen. Im Einzelfall muss es Abgeordneten jedoch erlaubt bleiben, aus inhaltlichen Gründen von der Fraktionslinie abzuweichen und etwa für Initiativanträge auch Mehrheiten mit Abgeordneten anderer Fraktionen zu suchen.</p> <p><em><strong>Fraktionsdisziplin wird dann illegitim</strong></em>, wenn sie nicht mehr aus dem Kreis der Gewählten, sondern etwa von Regierungschefs (Exekutive), Parteivorsitzenden oder Medien (Publikative) vorgegeben wird und „Abweichler“ unter Druck gesetzt werden. Denn dann können die vom Volk gewählten Abgeordneten ihre verfassungsmäßige Verantwortung (in Deutschland nach Artikel 38 GG) der Gesetzgebung (Legislative) und der Kontrolle der Exekutive nicht mehr wirklich wahrnehmen.</p> <p>Entsprechend sorgte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">die Entmachtung der Abgeordneten 1961 durch <strong>Konrad Adenauer (CDU)</strong> und <strong>Erich Mende (FDP)</strong> auch noch für breite Empörung</a>. So wurde der Koalitionsausschuss der Großen Koalition aus CDU, CSU und SPD unter Bundeskanzler <strong>Kurt Georg Kiesinger (CDU)</strong> und Außenminister <strong>Willy Brandt (SPD)</strong> noch als intellektueller <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kressbronner_Kreis" rel="noopener" target="_blank">„Kressbronner Kreis“</a> ausgegeben. Inzwischen hat sich diese Grundgesetz-widrige Praxis jedoch mimetisch durchgesetzt – und sogar wohlmeinende Demokratinnen und Demokraten erklären, dass der Bundestag ja mit der Wahrnehmung der Gesetzgebung und Kontrolle „überfordert“ wäre.</p> <p>Doch <strong>eine parlamentarische Demokratie und Republik</strong> basiert auf der freien Wahl der Abgeordneten für die Legislative. Deswegen gilt die Republik <strong>Taiwan</strong> als demokratisch, die Volksrepublik <strong>China</strong> aber nicht.</p> <p>Der Begriff <strong>Parlament</strong> bezeichnete sogar ursprünglich französische Gerichtshöfe (Judikative), darunter das oberste <em>„Parlement de Paris“</em>. Es verweigerte dem französischen König weitere Steuern und verlangte die Einberufung der Generalstände – was zur <strong>Französischen Revolution</strong> von 1789 führte. Auch deswegen gilt das Recht zur Steuer- und Haushaltsgesetzgebung umgangssprachlich als <em>„Königsrecht des Parlaments“</em>. Gewählte Häuser ohne diese Rechte – etwa der zeitweise gewählte Schura-Rat in <strong>Kuwait</strong> – gelten nicht als echte Parlamente.</p> <p>Es geht beim Zustand der Gewaltenteilung also nicht nur um politikwissenschaftliche Detailfragen, sondern um die Frage, in welcher Staatsform wir de jure und de facto eigentlich leben.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/wo9lMQUNAOM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Was ist der Unterschied zwischen Demokratie und Republik?" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-fraktionszwang-fraktionsdisziplin-parlamentarische-republik/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>37</slash:comments> </item> <item> <title>How a Fried-Chicken Question Helped a Mathematician Cut Through Time (and Win a Fields Medal) https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-a-fried-chicken-question-helped-a-mathematician-cut-through-time-and-win-a-fields-medal/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-a-fried-chicken-question-helped-a-mathematician-cut-through-time-and-win-a-fields-medal/#comments Wed, 05 Aug 2026 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14574 <h1>How a Fried-Chicken Question Helped a Mathematician Cut Through Time (and Win a Fields Medal) - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="606" sizes="(max-width: 913px) 100vw, 913px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152.png 913w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152-768x510.png 768w" width="913"></img></a><figcaption>Image credits: Badge / HLFF</figcaption></figure> </div> <p>In 2021, inside a Korean fried-chicken stall in Providence, Rhode Island, mathematician Yu Deng found himself thinking about time. He and Zaher Hani had spent years <a href="https://arxiv.org/abs/2104.11204" rel="noreferrer noopener" target="_blank">studying turbulent waves</a>, whose interactions multiply into increasingly <a href="https://arxiv.org/abs/2311.10082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">tangled histories</a>. The longer the waves evolved, the more unmanageable the mathematics became.</p> <p>Then, in the fried-chicken stall, Deng asked a question that sounded almost too simple to be of any use: “What if we try to divide long time intervals into short time intervals?” he recalled to <a href="https://news.uchicago.edu/story/uchicago-prof-yu-deng-receives-fields-medal-highest-honor-mathematics" rel="noreferrer noopener" target="_blank">University of Chicago News</a>.</p> <p>Yet this simple approach paved the way for great things to happen.</p> <p>Deng and Hani first made that strategy work for interacting waves. Later, with mathematician Xiao Ma, they rebuilt it for an ideal gas of <a href="https://arxiv.org/abs/2408.07818" rel="noreferrer noopener" target="_blank">colliding hard spheres</a>. The resulting theorem strengthened a century-old bridge between Newton’s laws, Ludwig <a href="https://plato.stanford.edu/entries/statphys-boltzmann/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Boltzmann’s statistical theory of gases</a>, and the equations used to describe fluids.</p> <h3>The Waves Came First</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake.jpg"><img alt="" decoding="async" height="597" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-1024x597.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-1024x597.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-300x175.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-768x448.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-1536x896.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Interfering water waves on the surface of a lake. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wave_interference#/media/File:Interfering_surface_waves_on_a_lake.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank"></a><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:CC-BY-4.0" rel="noopener">CC-BY-4.0</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Wave turbulence appears in many physical systems, particularly in systems containing huge numbers of weakly interacting waves, from ocean surfaces to some quantum systems. It’s virtually impossible to follow every oscillation in such complexity, so instead, physicists use a wave kinetic equation to describe how energy is statistically redistributed among different wave modes.<aside></aside></p> <p>But the equation itself needed a rigorous foundation. In the underlying model, waves can be separated into mathematical modes, but those modes do not evolve independently. Nonlinear interactions continually link their histories and expanding the dynamics produces increasingly elaborate diagrams, with each new interaction adding further branches and pairings. </p> <p>Over short periods, Deng and Hani <a href="https://arxiv.org/abs/2311.10082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">had learned</a> to control these expansions. Over longer ones, the number and complexity of the possible interaction histories threatened to overwhelm their estimates.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/x51q9BdzBuQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Alex Ionescu: On the Wave Turbulence Theory of 2D Gravity Waves" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Dividing time was useful only if the proof could preserve the correlations crossing from one interval into the next. Otherwise, each short interval would falsely treat the system as though it had begun again with independent waves.</p> <p>Deng and Hani still had to <a href="https://hal.science/hal-05497940/document" rel="noreferrer noopener" target="_blank">work out how to carry information</a> from one interval into the next, identify cancellations among vast families of tree-like diagrams and cut the remaining diagrams into pieces they could estimate. The method they eventually developed allowed them to justify the wave kinetic equation throughout the lifespan of its regular solution – the first long-time derivation of its kind in a nonlinear collisional kinetic limit. Later, its overall architecture helped guide their “attack” on colliding particles.</p> <h3>Running a Gas Backwards</h3> <p>A gas is a state of matter where particles have large spaces between them and move quickly in random directions. This collection of atoms or molecules moves freely through space, far enough apart that they spend most of their time traveling rather than touching. Unlike particles in a solid, which remain locked near fixed positions, or those in a liquid, which stay close together, gas particles spread to fill whatever container holds them.</p> <p>This large-scale behavior emerges from an enormous number of tiny motions and collisions. In 1900, German mathematician David Hilbert held a <a href="https://www.mathunion.org/fileadmin/IMU/ICM2010/offline/www.icm2010.in/wp-content/icmfiles/uploads/DavidHilbert1.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">now-legendary</a> speech at the International Congress of Mathematicians in which he challenged mathematicians to reconcile the large-scale behavior of fluids with the fact that they’re made from many small particles. In Deng, Hani and Ma’s mathematical model, each molecule becomes an identical hard sphere that moves in a straight line until it strikes another.</p> <p><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hard_spheres" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hard spheres</a> are simpler objects than turbulent waves. In the mathematical model, they travel freely until they collide, then rebound elastically, conserving energy and momentum. They do not rotate, vibrate, react chemically, or radiate as real molecules might.</p> <p>Yet even this simplified gas is puzzling.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Translational_motion.gif"><img alt="" decoding="async" height="263" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Translational_motion.gif" width="300"></img></a><figcaption>Simple depiction of the kinetic theory of gases, a simple classical model of the thermodynamic behavior of gases. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kinetic_theory_of_gases#/media/File:Translational_motion.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Film two hard spheres colliding and play the recording backwards. The reversed collision still obeys the same mechanical laws. Reverse every velocity in an entire gas with perfect precision and, in principle, all the spheres retrace their paths.</p> <p>Do that same thing with a gas, and it hardly seems to make sense. A gas released from one side of a box ordinarily spreads throughout it. If every particle’s velocity were then reversed exactly, the gas would retrace its history and gather back into the original region. But that seems unimaginable in a practical sense. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Boltzmann_equation" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Boltzmann’s equation</a> captures the familiar tendency towards equilibrium – but if microscopic mechanics allows both a trajectory and its reverse, why does only one direction describe normal macroscopic behaviour? That is the puzzle.</p> <p>The answer requires moving between three levels of description. Newtonian mechanics tracks every sphere’s exact position and velocity. Boltzmann’s equation tracks a distribution: How many particles are likely to be found at different positions and moving at different velocities. Fluid equations go further, treating the gas as a continuous material described by quantities such as density, flow and temperature.</p> <p>Mathematicians had long wanted to prove that Boltzmann’s statistical picture really follows from Newtonian collisions. Some <a href="https://ideas.repec.org/a/eee/phsmap/v106y1981i1p70-76.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">50 years ago</a>, Oscar Lanford achieved a landmark result for a diluted hard-sphere gas – but only over a small fraction of the average time between collisions. The more collisions that happen, the more complex the problem gets. A particle strikes another, which later hits a third. Branching histories grow and some spheres meet again, creating recollisions and loops.</p> <h3>Cutting Time Without Erasing History</h3> <p>This is where Deng’s idea came in. He divided a long time interval into short layers, within which expansions could be controlled. But they maintained a structured record of the collisions and overlaps inherited from earlier layers.</p> <p>To organise that record, they turned collision histories into graphs they called “molecules.” These are not the actual, physical molecules, but more like bookkeeping devices whose parts encode particles and the relationships created by collisions, free motion, and repeated encounters.</p> <p>The most problematic graphs contained the collision histories that had to be reconnected. The researchers devised a cutting algorithm that separates a large molecule (the graph) into elementary components whose mathematical contributions can be estimated. The cuts are chosen so that the proof extracts enough control from the graph’s structure, particularly from the recollisions that made it difficult in the first place.</p> <p>This idea may not seem all that complex, but behind it, there lies an almost 200-page paper with a dazzling amount of practical combinatorics. One of its central <a href="https://oerior.uniud.it/wp-content/uploads/2018/12/RotaShen2000.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">quantities is the cumulant</a>, which, loosely speaking, measures the correlations that prevent a collection of particles from behaving independently. The proof carries these cumulants through time and shows that they remain sufficiently controlled in the limit.</p> <p>So in essence, this novel algorithm finds safe places to cut the record of the past.</p> <p>It also helps clarify the backwards-gas paradox. A dispersed gas whose velocities have all been perfectly reversed is not an ordinary, freshly prepared gas. Its particles possess fantastically precise correlations encoding their previous collision history. Those correlations guide them back towards the original arrangement.</p> <p>So you can, in theory, reverse that gas. But you need an ungodly amount of molecular coordination. Change the reversed velocities, even slightly, and the resulting motion is no longer the exact reverse of the original trajectory.</p> <p>This is still a simplified version of reality, but it shows, within limits, how Boltzmann’s irreversible-looking statistical evolution can remain valid over long periods despite reversible microscopic dynamics.</p> <h3>The Fields Medal</h3> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ERemSkQtoDk?feature=oembed&amp;rel=0" title="2026 Fields Medal: Yu Deng" width="666"></iframe> </p></figure> <p>In July 2026, Deng <a href="https://www.mathunion.org/imu-awards/fields-medal/fields-medals-2026" rel="noreferrer noopener" target="_blank">received the Fields Medal</a>, mathematics’ most prestigious award. The International Mathematical Union <a href="https://www.mathunion.org/fileadmin/documents/2026-07/Yu_Deng_Citations.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">cited his rigorous</a> derivation of the Boltzmann equation from hard-sphere dynamics, his derivation of wave kinetic equations, and his probabilistic work on nonlinear wave equations. The citation joined the two sides of this story: the techniques developed for turbulent waves and the long-sought bridge from colliding particles to the statistical behaviour of gases.</p> <p>In a recent statement, <a href="https://news.uchicago.edu/story/uchicago-prof-yu-deng-receives-fields-medal-highest-honor-mathematics" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deng</a> noted that this is a major achievement “for my work with collaborators and for the field that I am representing.” While Deng got the medal, the work and breakthroughs were collaborative. Deng and Hani developed the long-time strategy for waves. Deng, Hani, and Ma transformed it for hard spheres. Their proof also rests on decades of work by mathematicians who built the route from Boltzmann’s equation to fluid dynamics.</p> <p>Deng himself was, perhaps unsurprisingly, always drawn to puzzles. He also came within a few games of becoming a pro Go player, but after he lost in a key tournament, he decided to focus on math. It was probably one of those moments that put him on a path for mathematical success.</p> <p>The moment in the fried-chicken stall may have been one of those turning points. By itself, it solved nothing. But it suggested a way to attack a problem that had resisted mathematicians for decades. Years of collaborative work later, that simple question helped lead Deng and colleagues get one step closer to explaining how the smooth, irreversible world we observe can emerge from countless reversible microscopic motions.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>How a Fried-Chicken Question Helped a Mathematician Cut Through Time (and Win a Fields Medal) - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="606" sizes="(max-width: 913px) 100vw, 913px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152.png 913w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-152-768x510.png 768w" width="913"></img></a><figcaption>Image credits: Badge / HLFF</figcaption></figure> </div> <p>In 2021, inside a Korean fried-chicken stall in Providence, Rhode Island, mathematician Yu Deng found himself thinking about time. He and Zaher Hani had spent years <a href="https://arxiv.org/abs/2104.11204" rel="noreferrer noopener" target="_blank">studying turbulent waves</a>, whose interactions multiply into increasingly <a href="https://arxiv.org/abs/2311.10082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">tangled histories</a>. The longer the waves evolved, the more unmanageable the mathematics became.</p> <p>Then, in the fried-chicken stall, Deng asked a question that sounded almost too simple to be of any use: “What if we try to divide long time intervals into short time intervals?” he recalled to <a href="https://news.uchicago.edu/story/uchicago-prof-yu-deng-receives-fields-medal-highest-honor-mathematics" rel="noreferrer noopener" target="_blank">University of Chicago News</a>.</p> <p>Yet this simple approach paved the way for great things to happen.</p> <p>Deng and Hani first made that strategy work for interacting waves. Later, with mathematician Xiao Ma, they rebuilt it for an ideal gas of <a href="https://arxiv.org/abs/2408.07818" rel="noreferrer noopener" target="_blank">colliding hard spheres</a>. The resulting theorem strengthened a century-old bridge between Newton’s laws, Ludwig <a href="https://plato.stanford.edu/entries/statphys-boltzmann/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Boltzmann’s statistical theory of gases</a>, and the equations used to describe fluids.</p> <h3>The Waves Came First</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake.jpg"><img alt="" decoding="async" height="597" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-1024x597.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-1024x597.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-300x175.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-768x448.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake-1536x896.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Interfering_surface_waves_on_a_lake.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Interfering water waves on the surface of a lake. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wave_interference#/media/File:Interfering_surface_waves_on_a_lake.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank"></a><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:CC-BY-4.0" rel="noopener">CC-BY-4.0</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Wave turbulence appears in many physical systems, particularly in systems containing huge numbers of weakly interacting waves, from ocean surfaces to some quantum systems. It’s virtually impossible to follow every oscillation in such complexity, so instead, physicists use a wave kinetic equation to describe how energy is statistically redistributed among different wave modes.<aside></aside></p> <p>But the equation itself needed a rigorous foundation. In the underlying model, waves can be separated into mathematical modes, but those modes do not evolve independently. Nonlinear interactions continually link their histories and expanding the dynamics produces increasingly elaborate diagrams, with each new interaction adding further branches and pairings. </p> <p>Over short periods, Deng and Hani <a href="https://arxiv.org/abs/2311.10082" rel="noreferrer noopener" target="_blank">had learned</a> to control these expansions. Over longer ones, the number and complexity of the possible interaction histories threatened to overwhelm their estimates.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/x51q9BdzBuQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Alex Ionescu: On the Wave Turbulence Theory of 2D Gravity Waves" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Dividing time was useful only if the proof could preserve the correlations crossing from one interval into the next. Otherwise, each short interval would falsely treat the system as though it had begun again with independent waves.</p> <p>Deng and Hani still had to <a href="https://hal.science/hal-05497940/document" rel="noreferrer noopener" target="_blank">work out how to carry information</a> from one interval into the next, identify cancellations among vast families of tree-like diagrams and cut the remaining diagrams into pieces they could estimate. The method they eventually developed allowed them to justify the wave kinetic equation throughout the lifespan of its regular solution – the first long-time derivation of its kind in a nonlinear collisional kinetic limit. Later, its overall architecture helped guide their “attack” on colliding particles.</p> <h3>Running a Gas Backwards</h3> <p>A gas is a state of matter where particles have large spaces between them and move quickly in random directions. This collection of atoms or molecules moves freely through space, far enough apart that they spend most of their time traveling rather than touching. Unlike particles in a solid, which remain locked near fixed positions, or those in a liquid, which stay close together, gas particles spread to fill whatever container holds them.</p> <p>This large-scale behavior emerges from an enormous number of tiny motions and collisions. In 1900, German mathematician David Hilbert held a <a href="https://www.mathunion.org/fileadmin/IMU/ICM2010/offline/www.icm2010.in/wp-content/icmfiles/uploads/DavidHilbert1.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">now-legendary</a> speech at the International Congress of Mathematicians in which he challenged mathematicians to reconcile the large-scale behavior of fluids with the fact that they’re made from many small particles. In Deng, Hani and Ma’s mathematical model, each molecule becomes an identical hard sphere that moves in a straight line until it strikes another.</p> <p><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hard_spheres" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hard spheres</a> are simpler objects than turbulent waves. In the mathematical model, they travel freely until they collide, then rebound elastically, conserving energy and momentum. They do not rotate, vibrate, react chemically, or radiate as real molecules might.</p> <p>Yet even this simplified gas is puzzling.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Translational_motion.gif"><img alt="" decoding="async" height="263" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Translational_motion.gif" width="300"></img></a><figcaption>Simple depiction of the kinetic theory of gases, a simple classical model of the thermodynamic behavior of gases. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Kinetic_theory_of_gases#/media/File:Translational_motion.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Film two hard spheres colliding and play the recording backwards. The reversed collision still obeys the same mechanical laws. Reverse every velocity in an entire gas with perfect precision and, in principle, all the spheres retrace their paths.</p> <p>Do that same thing with a gas, and it hardly seems to make sense. A gas released from one side of a box ordinarily spreads throughout it. If every particle’s velocity were then reversed exactly, the gas would retrace its history and gather back into the original region. But that seems unimaginable in a practical sense. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Boltzmann_equation" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Boltzmann’s equation</a> captures the familiar tendency towards equilibrium – but if microscopic mechanics allows both a trajectory and its reverse, why does only one direction describe normal macroscopic behaviour? That is the puzzle.</p> <p>The answer requires moving between three levels of description. Newtonian mechanics tracks every sphere’s exact position and velocity. Boltzmann’s equation tracks a distribution: How many particles are likely to be found at different positions and moving at different velocities. Fluid equations go further, treating the gas as a continuous material described by quantities such as density, flow and temperature.</p> <p>Mathematicians had long wanted to prove that Boltzmann’s statistical picture really follows from Newtonian collisions. Some <a href="https://ideas.repec.org/a/eee/phsmap/v106y1981i1p70-76.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">50 years ago</a>, Oscar Lanford achieved a landmark result for a diluted hard-sphere gas – but only over a small fraction of the average time between collisions. The more collisions that happen, the more complex the problem gets. A particle strikes another, which later hits a third. Branching histories grow and some spheres meet again, creating recollisions and loops.</p> <h3>Cutting Time Without Erasing History</h3> <p>This is where Deng’s idea came in. He divided a long time interval into short layers, within which expansions could be controlled. But they maintained a structured record of the collisions and overlaps inherited from earlier layers.</p> <p>To organise that record, they turned collision histories into graphs they called “molecules.” These are not the actual, physical molecules, but more like bookkeeping devices whose parts encode particles and the relationships created by collisions, free motion, and repeated encounters.</p> <p>The most problematic graphs contained the collision histories that had to be reconnected. The researchers devised a cutting algorithm that separates a large molecule (the graph) into elementary components whose mathematical contributions can be estimated. The cuts are chosen so that the proof extracts enough control from the graph’s structure, particularly from the recollisions that made it difficult in the first place.</p> <p>This idea may not seem all that complex, but behind it, there lies an almost 200-page paper with a dazzling amount of practical combinatorics. One of its central <a href="https://oerior.uniud.it/wp-content/uploads/2018/12/RotaShen2000.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">quantities is the cumulant</a>, which, loosely speaking, measures the correlations that prevent a collection of particles from behaving independently. The proof carries these cumulants through time and shows that they remain sufficiently controlled in the limit.</p> <p>So in essence, this novel algorithm finds safe places to cut the record of the past.</p> <p>It also helps clarify the backwards-gas paradox. A dispersed gas whose velocities have all been perfectly reversed is not an ordinary, freshly prepared gas. Its particles possess fantastically precise correlations encoding their previous collision history. Those correlations guide them back towards the original arrangement.</p> <p>So you can, in theory, reverse that gas. But you need an ungodly amount of molecular coordination. Change the reversed velocities, even slightly, and the resulting motion is no longer the exact reverse of the original trajectory.</p> <p>This is still a simplified version of reality, but it shows, within limits, how Boltzmann’s irreversible-looking statistical evolution can remain valid over long periods despite reversible microscopic dynamics.</p> <h3>The Fields Medal</h3> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/ERemSkQtoDk?feature=oembed&amp;rel=0" title="2026 Fields Medal: Yu Deng" width="666"></iframe> </p></figure> <p>In July 2026, Deng <a href="https://www.mathunion.org/imu-awards/fields-medal/fields-medals-2026" rel="noreferrer noopener" target="_blank">received the Fields Medal</a>, mathematics’ most prestigious award. The International Mathematical Union <a href="https://www.mathunion.org/fileadmin/documents/2026-07/Yu_Deng_Citations.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">cited his rigorous</a> derivation of the Boltzmann equation from hard-sphere dynamics, his derivation of wave kinetic equations, and his probabilistic work on nonlinear wave equations. The citation joined the two sides of this story: the techniques developed for turbulent waves and the long-sought bridge from colliding particles to the statistical behaviour of gases.</p> <p>In a recent statement, <a href="https://news.uchicago.edu/story/uchicago-prof-yu-deng-receives-fields-medal-highest-honor-mathematics" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Deng</a> noted that this is a major achievement “for my work with collaborators and for the field that I am representing.” While Deng got the medal, the work and breakthroughs were collaborative. Deng and Hani developed the long-time strategy for waves. Deng, Hani, and Ma transformed it for hard spheres. Their proof also rests on decades of work by mathematicians who built the route from Boltzmann’s equation to fluid dynamics.</p> <p>Deng himself was, perhaps unsurprisingly, always drawn to puzzles. He also came within a few games of becoming a pro Go player, but after he lost in a key tournament, he decided to focus on math. It was probably one of those moments that put him on a path for mathematical success.</p> <p>The moment in the fried-chicken stall may have been one of those turning points. By itself, it solved nothing. But it suggested a way to attack a problem that had resisted mathematicians for decades. Years of collaborative work later, that simple question helped lead Deng and colleagues get one step closer to explaining how the smooth, irreversible world we observe can emerge from countless reversible microscopic motions.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/how-a-fried-chicken-question-helped-a-mathematician-cut-through-time-and-win-a-fields-medal/#comments 2 Herz-Hirn-Achse https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/herz-hirn-achse/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/herz-hirn-achse/#comments Tue, 04 Aug 2026 11:30:49 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6249 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/generated-image-768x368.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/herz-hirn-achse/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/generated-image.png" /><h1>Herz-Hirn-Achse » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-04T13:30:49+02:00">04. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Jeder hat es schon einmal gespürt, das Gefühl von Angst: Wir fangen an zu schwitzen, wir sind fokussiert, unsere Sinne sind geschärfter und vor allem schellt der Puls in die Höhe und der Blutdruck steigt. Unser gesamter Körper steht unter Alarmbereitschaft. Wie kommuniziert unser Gehirn mit unserem Herzen und was, wenn die Balance verloren geht?</p> <h3>Gegenspieler: Sympathikus &amp; Parasympathikus</h3> <p>Das Nervensystem wird in das somatische und das autonome Nervensystem unterteilt. Das somatische steuert hierbei alle bewusst ablaufenden Körperfunktionen, wie Sinneswahrnehmungen oder Bewegung, während das autonome Nervensystem unbewusste Abläufe, wie das Herz und Blutgefäße, steuert [1].</p> <p>Damit das Herz flexibel auf verschiedene Situationen reagieren kann, arbeitet das autonome Nervensystem mit zwei Gegenspielern: dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Beide Systeme sind wichtig und normalerweise in einem feinen Gleichgewicht. Bei Belastung oder Stress überwiegt der Sympathikus, in Ruhe der Parasympathikus. Zusätzlich werden diese Nervenwirkungen durch Hormone und Botenstoffe wie Adrenalin und Noradrenalin ergänzt.</p> <p>Auch das Herz wird durch diese beiden Systeme gesteuert. Der Sympathikus wirkt wie ein Gaspedal. Er steigert Herzfrequenz, Erregbarkeit und Pumpkraft des Herzens. Dadurch kann insgesamt mehr Blut durch den Körper gepumpt werden. Der Parasympathikus wirkt eher wie eine Bremse: Er senkt die Herzfrequenz und dämpft die Herzaktivität [2]. Gemeinsam sorgen beide Teile des vegetativen Nervensystems dafür, dass sich die Herzfunktion flexibel an Belastung, Stress oder Entspannung anpasst [3, 4].</p> <h3>Wenn die Balance verloren geht</h3> <p>Bei Erkrankungen wie Bluthochdruck und Herzinsuffizienz verschiebt sich dieses Gleichgewicht oft deutlich: Der Sympathikus wird dauerhaft aktiver, während der Parasympathikus zurückgedrängt wird [5, 6]. Das ist zunächst eine Art Notfallreaktion des Körpers, kann aber auf Dauer schädlich werden. Dieser Zustand löst nicht nur im Herzen selbst, sondern auch im Nervensystem Veränderungen aus [7].<aside></aside></p> <p>Betroffen sind vor allem die Regionen, die den Kreislauf steuern, etwa Hirnstamm, Hypothalamus, Rückenmark und höhere Hirnzentren wie Amygdala und Insula [8, 9]. Diese Areale zeigen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oft veränderte Aktivität, veränderte Signalverarbeitung und Entzündungsprozesse. Dadurch verstärkt sich die sympathische Überaktivität noch weiter.</p> <h3>Die Rolle von Hormonen</h3> <p>Ein zentraler Mechanismus ist die Aktiviertung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS). Dabei steigt unter anderem die Konzentration von Angiotensin, einem Hormon, das den Blutdruck erhöht und den Kreislauf stabilisieren soll.</p> <p>Angiotensin aktiviert sogenannte <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Gliazellen</a> im Gehirn, insbesondere Astrozyten und Mikroglia [10, 11]. Diese Zellen sind keine Nervenzellen, übernehmen aber wichtige Aufgaben wie Versorgung, Stabilisierung und Immunabwehr im Gehirn. Werden sie durch Entzündung oder Stressreaktionen aktiviert, kann das die Erregbarkeit von Nervenzellen erhöhen und den Kreislauf der Überaktivierung weiter antreiben. So entsteht eine Art Verstärkungsschleife zwischen Herz und Gehirn.</p> <h3>Emotionen und höhere Hirnzentren</h3> <p>Die Herz-Hirn-Achse betrifft nicht nur automatische Prozesse, sondern auch Regionen, die mit Emotionen und Körperwahrnehmung zu tun haben. Dazu gehören vor allem Amygdala und Insula. Diese Bereiche helfen dabei, innere Zustände wie Herzklopfen, Angst, Wut, Anspannung oder Stress zu verarbeiten [12-15]. Sie sind also auch an dem beteiligt, was wir als körperliche Reaktion auf Angst oder Belastung erleben.</p> <h3>Neuromodulation</h3> <p>Die Herz-Hirn-Achse eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten, weil nicht nur das Herz selbst, sondern auch seine zentrale Steuerung im Gehirn und Rückenmark beeinflusst werden kann. Im Fokus stehen Ansätze, die entweder eine übermäßige Aktivität des Sympathikus bremsen oder parasympathische Netzwerke stärken.</p> <p>Zu den sogenannten Device-Therapien, die direkt oder indirekt auf das zentrale Nervensystem wirken, gehören unter anderem die Rückenmarkstimulation, die tiefe Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation) sowie die transkranielle Magnetstimulation. Die genauen Auswirkungen der tiefen Hirnstimulation auf den autonomen Tonus des Herzens sind jedoch noch nicht vollständig geklärt, und ihr Einsatz bei Herzinsuffizienz wurde bislang nicht systematisch untersucht [8].</p> <p>Einzelne Befunde zeigen allerdings, dass die tiefe Hirnstimulation des periaquäduktalen Graus (PAG) bei schwer behandelbarem Bluthochdruck oder therapieresistenten Schmerzsyndromen den Blutdruck senken kann [16, 17]. </p> <p>Insgesamt sind viele dieser Verfahren noch nicht sicher in die klinische Routine übertragbar, da die beteiligten neuronalen Netzwerke komplex verschaltet sind und ihre gezielte Beeinflussung entsprechend schwierig ist.</p> <h3>Herz über Kopf</h3> <p>Zusammenfassend zeigt sich, dass die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems weit über das Herz selbst hinausgeht und eng mit komplexen Netzwerken im Gehirn verbunden ist. Das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus ist dabei entscheidend für eine stabile Kreislaufregulation und kann durch Erkrankungen nachhaltig gestört werden. Gleichzeitig eröffnet das bessere Verständnis der Herz-Hirn-Achse neue, vielversprechende therapeutische Ansätze, auch wenn viele davon noch im experimentellen Stadium sind.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Reinhard Larsen (2016). Nervensystem. In Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege (9. vollst. überarb. Aufl., S. 13–25). Springer. <a href="https://doi.org/10.1007/978-3-662-50444-4_2" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/978-3-662-50444-4_2</a></li> <li>AOK Gesundheitsmagazin. (2023, 26. Juli). So steuern Sympathikus und Parasympathikus unseren Körper. AOK. <a href="https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/gehirn-nerven/so-steuern-sympathikus-und-parasympathikus-unseren-koerper/" rel="noopener">https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/gehirn-nerven/so-steuern-sympathikus-und-parasympathikus-unseren-koerper/</a></li> <li>Armour, J. A., &amp; Ardell, J. L. (2004). <em>Basic and clinical neurocardiology</em>. Oxford University Press.</li> <li>van Weperen, V. Y. H., Ripplinger, C. M., &amp; Vaseghi, M. (2023). Autonomic control of ventricular function in health and disease: Current state of the art. Clinical Autonomic Research, 33(4), 491–517.<a href="https://doi.org/10.1007/s10286-023-00948-8" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s10286-023-00948-8</a></li> <li>Ishise, H., Asanoi, H., Ishizaka, S., Joho, S., Kameyama, T., Umeno, K., &amp; Inoue, H. (1998). Time course of sympathovagal imbalance and left ventricular dysfunction in conscious dogs with heart failure. <em>Journal of Applied Physiology, 84</em>(4), 1234–1241. https://doi.org/10.1152/jappl.1998.84.4.1234</li> <li>Schwartz, P. J., La Rovere, M. T., &amp; Vanoli, E. (1992). Autonomic nervous system and sudden cardiac death: Experimental basis and clinical observations for post-myocardial infarction risk stratification. <em>Circulation, 85</em>(1 Suppl.), I77–I91.</li> <li>Vaseghi, M., &amp; Shivkumar, K. (2008). The role of the autonomic nervous system in sudden cardiac death. Progress in Cardiovascular Diseases, 50(6), 404–419. <a href="https://doi.org/10.1016/j.pcad.2008.01.003" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.pcad.2008.01.003</a></li> <li>van Weperen, V. Y. H., &amp; Vaseghi, M. (2026). The brain-heart axis: Effects of cardiovascular disease on the CNS and opportunities for central neuromodulation. Nature Reviews Neuroscience, 27(3), 159–177. <a href="https://doi.org/10.1038/s41583-025-01000-6" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41583-025-01000-6</a></li> <li>Tawakol, A., Ishai, A., Takx, R. A., Figueroa, A. L., Ali, A., Kaiser, Y., Truong, Q. A., Solomon, C. J., Calcagno, C., Mani, V., Tang, C. Y., Mulder, W. J., Murrough, J. W., Hoffmann, U., Nahrendorf, M., Shin, L. M., Fayad, Z. A., &amp; Pitman, R. K. (2017). Relation between resting amygdalar activity and cardiovascular events: A longitudinal and cohort study. The Lancet, 389(10071), 834–845. <a href="https://doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31714-7" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31714-7</a></li> <li>Labandeira-García, J. L., Rodríguez-Pérez, A. I., Garrido-Gil, P., Rodríguez-Pallares, J., Lanciego, J. L., &amp; Guerra, M. J. (2017). Brain renin-angiotensin system and microglial polarization: Implications for aging and neurodegeneration. Frontiers in Aging Neuroscience, 9, 129. <a href="https://doi.org/10.3389/fnagi.2017.00129" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fnagi.2017.00129</a></li> <li>Biancardi, V. C., Stranahan, A. M., Krause, E. G., de Kloet, A. D., &amp; Stern, J. E. (2016). Cross talk between AT1 receptors and Toll-like receptor 4 in microglia contributes to angiotensin II-derived ROS production in the hypothalamic paraventricular nucleus. American Journal of Physiology-Heart and Circulatory Physiology, 310(3), H404–H415. <a href="https://doi.org/10.1152/ajpheart.00247.2015" rel="noopener">https://doi.org/10.1152/ajpheart.00247.2015</a></li> <li>Nagai, M., Hoshide, S., &amp; Kario, K. (2010). The insular cortex and cardiovascular system: A new insight into the brain-heart axis. Journal of the American Society of Hypertension, 4(4), 174–182. <a href="https://doi.org/10.1016/j.jash.2010.05.001" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.jash.2010.05.001</a></li> <li>Oppenheimer, S., &amp; Cechetto, D. (2016). The insular cortex and the regulation of cardiac function. <em>Comprehensive Physiology, 6</em>(2), 1081–1133. <a href="https://doi.org/10.1002/cphy.c140076" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/cphy.c140076</a></li> <li>Tomeo, R. A., Gomes-de-Souza, L., Benini, R., Reis-Silva, L. L., &amp; Crestani, C. C. (2022). Site-specific regulation of stress responses along the rostrocaudal axis of the insular cortex in rats. <em>Frontiers in Neuroscience, 16</em>, 878927. https://doi.org/10.3389/fnins.2022.878927</li> <li>Ressler, K. J. (2010). Amygdala activity, fear, and anxiety: Modulation by stress. <em>Biological Psychiatry, 67</em>(12), 1117–1119. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2010.04.027</li> <li>Green, A. L., Hyam, J. A., Williams, C., Wang, S., Shlugman, D., Stein, J. F., Paterson, D. J., &amp; Aziz, T. Z. (2010). Intra-operative deep brain stimulation of the periaqueductal grey matter modulates blood pressure and heart rate variability in humans. <em>Neuromodulation, 13</em>(3), 174–181. <a href="https://doi.org/10.1111/j.1525-1403.2010.00274.x" rel="noopener">https://doi.org/10.1111/j.1525-1403.2010.00274.x</a></li> <li>Pereira, E. A., Wang, S., Paterson, D. J., Stein, J. F., Aziz, T. Z., &amp; Green, A. L. (2010). Sustained reduction of hypertension by deep brain stimulation. <em>Journal of Clinical Neuroscience, 17</em>(1), 124–127. <a href="https://doi.org/10.1016/j.jocn.2009.02.041" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.jocn.2009.02.041</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/generated-image.png" /><h1>Herz-Hirn-Achse » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-04T13:30:49+02:00">04. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Jeder hat es schon einmal gespürt, das Gefühl von Angst: Wir fangen an zu schwitzen, wir sind fokussiert, unsere Sinne sind geschärfter und vor allem schellt der Puls in die Höhe und der Blutdruck steigt. Unser gesamter Körper steht unter Alarmbereitschaft. Wie kommuniziert unser Gehirn mit unserem Herzen und was, wenn die Balance verloren geht?</p> <h3>Gegenspieler: Sympathikus &amp; Parasympathikus</h3> <p>Das Nervensystem wird in das somatische und das autonome Nervensystem unterteilt. Das somatische steuert hierbei alle bewusst ablaufenden Körperfunktionen, wie Sinneswahrnehmungen oder Bewegung, während das autonome Nervensystem unbewusste Abläufe, wie das Herz und Blutgefäße, steuert [1].</p> <p>Damit das Herz flexibel auf verschiedene Situationen reagieren kann, arbeitet das autonome Nervensystem mit zwei Gegenspielern: dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Beide Systeme sind wichtig und normalerweise in einem feinen Gleichgewicht. Bei Belastung oder Stress überwiegt der Sympathikus, in Ruhe der Parasympathikus. Zusätzlich werden diese Nervenwirkungen durch Hormone und Botenstoffe wie Adrenalin und Noradrenalin ergänzt.</p> <p>Auch das Herz wird durch diese beiden Systeme gesteuert. Der Sympathikus wirkt wie ein Gaspedal. Er steigert Herzfrequenz, Erregbarkeit und Pumpkraft des Herzens. Dadurch kann insgesamt mehr Blut durch den Körper gepumpt werden. Der Parasympathikus wirkt eher wie eine Bremse: Er senkt die Herzfrequenz und dämpft die Herzaktivität [2]. Gemeinsam sorgen beide Teile des vegetativen Nervensystems dafür, dass sich die Herzfunktion flexibel an Belastung, Stress oder Entspannung anpasst [3, 4].</p> <h3>Wenn die Balance verloren geht</h3> <p>Bei Erkrankungen wie Bluthochdruck und Herzinsuffizienz verschiebt sich dieses Gleichgewicht oft deutlich: Der Sympathikus wird dauerhaft aktiver, während der Parasympathikus zurückgedrängt wird [5, 6]. Das ist zunächst eine Art Notfallreaktion des Körpers, kann aber auf Dauer schädlich werden. Dieser Zustand löst nicht nur im Herzen selbst, sondern auch im Nervensystem Veränderungen aus [7].<aside></aside></p> <p>Betroffen sind vor allem die Regionen, die den Kreislauf steuern, etwa Hirnstamm, Hypothalamus, Rückenmark und höhere Hirnzentren wie Amygdala und Insula [8, 9]. Diese Areale zeigen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oft veränderte Aktivität, veränderte Signalverarbeitung und Entzündungsprozesse. Dadurch verstärkt sich die sympathische Überaktivität noch weiter.</p> <h3>Die Rolle von Hormonen</h3> <p>Ein zentraler Mechanismus ist die Aktiviertung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-System (RAAS). Dabei steigt unter anderem die Konzentration von Angiotensin, einem Hormon, das den Blutdruck erhöht und den Kreislauf stabilisieren soll.</p> <p>Angiotensin aktiviert sogenannte <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-stadtverwaltung-des-gehirns-die-gliazellen/">Gliazellen</a> im Gehirn, insbesondere Astrozyten und Mikroglia [10, 11]. Diese Zellen sind keine Nervenzellen, übernehmen aber wichtige Aufgaben wie Versorgung, Stabilisierung und Immunabwehr im Gehirn. Werden sie durch Entzündung oder Stressreaktionen aktiviert, kann das die Erregbarkeit von Nervenzellen erhöhen und den Kreislauf der Überaktivierung weiter antreiben. So entsteht eine Art Verstärkungsschleife zwischen Herz und Gehirn.</p> <h3>Emotionen und höhere Hirnzentren</h3> <p>Die Herz-Hirn-Achse betrifft nicht nur automatische Prozesse, sondern auch Regionen, die mit Emotionen und Körperwahrnehmung zu tun haben. Dazu gehören vor allem Amygdala und Insula. Diese Bereiche helfen dabei, innere Zustände wie Herzklopfen, Angst, Wut, Anspannung oder Stress zu verarbeiten [12-15]. Sie sind also auch an dem beteiligt, was wir als körperliche Reaktion auf Angst oder Belastung erleben.</p> <h3>Neuromodulation</h3> <p>Die Herz-Hirn-Achse eröffnet neue therapeutische Möglichkeiten, weil nicht nur das Herz selbst, sondern auch seine zentrale Steuerung im Gehirn und Rückenmark beeinflusst werden kann. Im Fokus stehen Ansätze, die entweder eine übermäßige Aktivität des Sympathikus bremsen oder parasympathische Netzwerke stärken.</p> <p>Zu den sogenannten Device-Therapien, die direkt oder indirekt auf das zentrale Nervensystem wirken, gehören unter anderem die Rückenmarkstimulation, die tiefe Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation) sowie die transkranielle Magnetstimulation. Die genauen Auswirkungen der tiefen Hirnstimulation auf den autonomen Tonus des Herzens sind jedoch noch nicht vollständig geklärt, und ihr Einsatz bei Herzinsuffizienz wurde bislang nicht systematisch untersucht [8].</p> <p>Einzelne Befunde zeigen allerdings, dass die tiefe Hirnstimulation des periaquäduktalen Graus (PAG) bei schwer behandelbarem Bluthochdruck oder therapieresistenten Schmerzsyndromen den Blutdruck senken kann [16, 17]. </p> <p>Insgesamt sind viele dieser Verfahren noch nicht sicher in die klinische Routine übertragbar, da die beteiligten neuronalen Netzwerke komplex verschaltet sind und ihre gezielte Beeinflussung entsprechend schwierig ist.</p> <h3>Herz über Kopf</h3> <p>Zusammenfassend zeigt sich, dass die Regulation des Herz-Kreislauf-Systems weit über das Herz selbst hinausgeht und eng mit komplexen Netzwerken im Gehirn verbunden ist. Das Gleichgewicht zwischen Sympathikus und Parasympathikus ist dabei entscheidend für eine stabile Kreislaufregulation und kann durch Erkrankungen nachhaltig gestört werden. Gleichzeitig eröffnet das bessere Verständnis der Herz-Hirn-Achse neue, vielversprechende therapeutische Ansätze, auch wenn viele davon noch im experimentellen Stadium sind.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Reinhard Larsen (2016). Nervensystem. In Anästhesie und Intensivmedizin für die Fachpflege (9. vollst. überarb. Aufl., S. 13–25). Springer. <a href="https://doi.org/10.1007/978-3-662-50444-4_2" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/978-3-662-50444-4_2</a></li> <li>AOK Gesundheitsmagazin. (2023, 26. Juli). So steuern Sympathikus und Parasympathikus unseren Körper. AOK. <a href="https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/gehirn-nerven/so-steuern-sympathikus-und-parasympathikus-unseren-koerper/" rel="noopener">https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/gehirn-nerven/so-steuern-sympathikus-und-parasympathikus-unseren-koerper/</a></li> <li>Armour, J. A., &amp; Ardell, J. L. (2004). <em>Basic and clinical neurocardiology</em>. Oxford University Press.</li> <li>van Weperen, V. Y. H., Ripplinger, C. M., &amp; Vaseghi, M. (2023). Autonomic control of ventricular function in health and disease: Current state of the art. Clinical Autonomic Research, 33(4), 491–517.<a href="https://doi.org/10.1007/s10286-023-00948-8" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s10286-023-00948-8</a></li> <li>Ishise, H., Asanoi, H., Ishizaka, S., Joho, S., Kameyama, T., Umeno, K., &amp; Inoue, H. (1998). Time course of sympathovagal imbalance and left ventricular dysfunction in conscious dogs with heart failure. <em>Journal of Applied Physiology, 84</em>(4), 1234–1241. https://doi.org/10.1152/jappl.1998.84.4.1234</li> <li>Schwartz, P. J., La Rovere, M. T., &amp; Vanoli, E. (1992). Autonomic nervous system and sudden cardiac death: Experimental basis and clinical observations for post-myocardial infarction risk stratification. <em>Circulation, 85</em>(1 Suppl.), I77–I91.</li> <li>Vaseghi, M., &amp; Shivkumar, K. (2008). The role of the autonomic nervous system in sudden cardiac death. Progress in Cardiovascular Diseases, 50(6), 404–419. <a href="https://doi.org/10.1016/j.pcad.2008.01.003" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.pcad.2008.01.003</a></li> <li>van Weperen, V. Y. H., &amp; Vaseghi, M. (2026). The brain-heart axis: Effects of cardiovascular disease on the CNS and opportunities for central neuromodulation. Nature Reviews Neuroscience, 27(3), 159–177. <a href="https://doi.org/10.1038/s41583-025-01000-6" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41583-025-01000-6</a></li> <li>Tawakol, A., Ishai, A., Takx, R. A., Figueroa, A. L., Ali, A., Kaiser, Y., Truong, Q. A., Solomon, C. J., Calcagno, C., Mani, V., Tang, C. Y., Mulder, W. J., Murrough, J. W., Hoffmann, U., Nahrendorf, M., Shin, L. M., Fayad, Z. A., &amp; Pitman, R. K. (2017). Relation between resting amygdalar activity and cardiovascular events: A longitudinal and cohort study. The Lancet, 389(10071), 834–845. <a href="https://doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31714-7" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/S0140-6736(16)31714-7</a></li> <li>Labandeira-García, J. L., Rodríguez-Pérez, A. I., Garrido-Gil, P., Rodríguez-Pallares, J., Lanciego, J. L., &amp; Guerra, M. J. (2017). Brain renin-angiotensin system and microglial polarization: Implications for aging and neurodegeneration. 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(2016). The insular cortex and the regulation of cardiac function. <em>Comprehensive Physiology, 6</em>(2), 1081–1133. <a href="https://doi.org/10.1002/cphy.c140076" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/cphy.c140076</a></li> <li>Tomeo, R. A., Gomes-de-Souza, L., Benini, R., Reis-Silva, L. L., &amp; Crestani, C. C. (2022). Site-specific regulation of stress responses along the rostrocaudal axis of the insular cortex in rats. <em>Frontiers in Neuroscience, 16</em>, 878927. https://doi.org/10.3389/fnins.2022.878927</li> <li>Ressler, K. J. (2010). Amygdala activity, fear, and anxiety: Modulation by stress. <em>Biological Psychiatry, 67</em>(12), 1117–1119. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2010.04.027</li> <li>Green, A. L., Hyam, J. A., Williams, C., Wang, S., Shlugman, D., Stein, J. F., Paterson, D. J., &amp; Aziz, T. Z. (2010). Intra-operative deep brain stimulation of the periaqueductal grey matter modulates blood pressure and heart rate variability in humans. <em>Neuromodulation, 13</em>(3), 174–181. <a href="https://doi.org/10.1111/j.1525-1403.2010.00274.x" rel="noopener">https://doi.org/10.1111/j.1525-1403.2010.00274.x</a></li> <li>Pereira, E. A., Wang, S., Paterson, D. J., Stein, J. F., Aziz, T. Z., &amp; Green, A. L. (2010). Sustained reduction of hypertension by deep brain stimulation. <em>Journal of Clinical Neuroscience, 17</em>(1), 124–127. <a href="https://doi.org/10.1016/j.jocn.2009.02.041" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.jocn.2009.02.041</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/herz-hirn-achse/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Falcon 9-Oberstufe 2025-010D: Mondimpakt am 5.8. https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/falcon-9-oberstufe-mondimpakt-am-5-8/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/falcon-9-oberstufe-mondimpakt-am-5-8/#comments Tue, 04 Aug 2026 10:00:00 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11229 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/hera_liftoff-768x512.jpg Der Start der Falcon 9 mit HERA unter der Nutzlastverkleidung am 7 Oktober 2024. Canon EOS 6D mit Leica MR-Telyt 1:8/500 mm aus 10 km Entfernung https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/falcon-9-oberstufe-mondimpakt-am-5-8/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/hera_liftoff-1024x683.jpg" /><h1>Falcon 9-Oberstufe 2025-010D: Mondimpakt am 5.8. » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die ausgebrannte Oberstufe der Falcon 9-Rakete, die am 15. Januar 2025 die Missionen Blue Ghost Mission 1 und ispace Hakuto-R Mission 2 auf den Weg zum Mond brachte, befindet sich seitdem in einer hochexzentrischen Bahn um die Erde. Die Bahn hat sich durch Störungen, insbesondere durch die Anziehungskraft des Mondes, erheblich verändert. Am 5. August 2026 um etwa 06:35 UTC, nach mehr als anderthalb Jahren im Orbit, wird die vier Tonnen schwere Stufe auf dem Mond einschlagen, und zwar in der Nähe der Krater Einstein A und Moseley, bei ca. 90 Grad W und 18 Grad N. </p> <span id="more-11229"></span> <h2>Die Bahn von 2025-010D</h2> <p>Das Objekt hat die Kennzeichnung 2025-010D erhalten. Auf JPL Horizons sind die Bahndaten leider nur ab dem 1. Februar 2026 abgelegt. Wer es ganz genau wissen will, kann die Bahndaten von Anfangszeitpunkt 2026/2/1 00:00:00 TDB nehmen und sie rückwärts propagieren, unter Berücksichtigung der  relevanten Störkräfte. Da wird sich wahrscheinlich ein naher Mondvorbeiflug etwa 5 Tage nach dem Start ergeben, durch den das Perigäum auf über 100000 km angehoben wurde. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="1018" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-1024x1018.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-1024x1018.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-300x298.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-768x763.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-1536x1527.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-2048x2036.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Die Bahn war in den mehr als 18 Monaten ihrer Existenz stark gestört. Nach dem initialen Mondvorbeiflug war sie ja weiterhin der Anziehungskraft des Mondes ausgesetzt, aber auch die Sonne macht sich bei solch hohen Bahnen schon deutlich bemerkbar. Die obige Grafik zeigt die Bahnen etwas verzerrt, da es sich um eine Projektion auf die Erdäquatorebene handelt, also auf eine Draufsicht aus Nordpolrichtung. Der Perigäumsradius lag schon bei über 100000 km und ist seitdem weiter angestiegen. Der Apogäumsradius von mehr als 400000 km ragt über die Mondbahn hinaus, was die Wahrscheinlichkeit erheblicher Störungen erhöht und den Einschlag überhaupt erst ermöglichte. Der starke Exkurs kurz vor dem Impakt ist ohne Bedeutung. Dort ist die Stufe bereits in der Einflusssphäre des Mondes, sodass die geozentrischen Bahnelemente nicht mehr aussagekräftig sind. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Apogäum und Perigäum der Bahn der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="717" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Apogäum und Perigäum der Bahn der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Mondabstand ging in den vergangenen 6 Monaten nicht unter 100000 km, was aber bereits für erhebliche Störungen der Bahn in etwa einmonatigen Abständen führt. Gut sichtbar der steile Abstieg im August auf einer Bahn, die relativ zum Mond hyperbolisch ist, mit einem Periseleniumsradius, der unter der Mondoberfläche liegt. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Mondabstand der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Mondabstand der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Mond hat eine Bahngeschwindigkeit von ca. 1 km/s; die Bahngeschwindigkeit der exzentrischen Bahn der Stufe variiert über den Bahnumlauf, ist jedoch auch im niedrigen einstellen Bereich, ausgedrückt in km/s, was die mögliche Relativgeschwindigkeit limitiert- Der höchste Wert wird kurz vor dem Impakt erreicht, dieser muss natürlich die parabolische Geschwindigkeit von 2.38 km/s an der Oberfläche übersteigen. <aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Geschwindigkeit der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D relativ zum Mond von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Geschwindigkeit der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D relativ zum Mond von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Transformieren wir die Bahn in ein rotierendes System, dessen Ursprung in der Erde liegt und dessen x-Achse konstant zum Mond zeigt. Den Monat Juli hat 2025-010D in den Kringeln auf der rechten Seite verbracht.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9.png"><img alt="Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D in rotierenden Koordinaten von 2026/2/1 - 2026/8/5 (Erde und Mond nicht maßstabsgetreu) / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="1004" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-1024x1004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-1024x1004.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-300x294.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-768x753.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9.png 1071w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D in rotierenden Koordinaten von 2026/2/1 – 2026/8/5 (Erde und Mond nicht maßstabsgetreu) / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Und wer war Moseley?</em></h2> <p>Ich muss zugeben, der Name sagte mir nichts, bis ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/IPPW2019_Oxford_MichaelKhan.pdf" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Präsentation zur IPPW2019 in Oxford">im Jahr 2019 nach Oxford</a> fuhr und im Keble College ein Schaubild über <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Moseley" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Wikipedia (engl.) zu Henry Moseley">Henry Moseley</a> sah, der in seinem nur 27 Jahre währenden Leben Großes leistete und dem wahrscheinlich noch eine brillante wissenschaftliche Karriere bevorstand, mit guter Chance auf den Physik-Nobelpreis des Jahres 2016.</p> <p>Später dann lernte ich in den Vorlesungen Kristallographie und Geochemie natürlich das Moseley’sche Gesetz. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/hera_liftoff-1024x683.jpg" /><h1>Falcon 9-Oberstufe 2025-010D: Mondimpakt am 5.8. » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die ausgebrannte Oberstufe der Falcon 9-Rakete, die am 15. Januar 2025 die Missionen Blue Ghost Mission 1 und ispace Hakuto-R Mission 2 auf den Weg zum Mond brachte, befindet sich seitdem in einer hochexzentrischen Bahn um die Erde. Die Bahn hat sich durch Störungen, insbesondere durch die Anziehungskraft des Mondes, erheblich verändert. Am 5. August 2026 um etwa 06:35 UTC, nach mehr als anderthalb Jahren im Orbit, wird die vier Tonnen schwere Stufe auf dem Mond einschlagen, und zwar in der Nähe der Krater Einstein A und Moseley, bei ca. 90 Grad W und 18 Grad N. </p> <span id="more-11229"></span> <h2>Die Bahn von 2025-010D</h2> <p>Das Objekt hat die Kennzeichnung 2025-010D erhalten. Auf JPL Horizons sind die Bahndaten leider nur ab dem 1. Februar 2026 abgelegt. Wer es ganz genau wissen will, kann die Bahndaten von Anfangszeitpunkt 2026/2/1 00:00:00 TDB nehmen und sie rückwärts propagieren, unter Berücksichtigung der  relevanten Störkräfte. Da wird sich wahrscheinlich ein naher Mondvorbeiflug etwa 5 Tage nach dem Start ergeben, durch den das Perigäum auf über 100000 km angehoben wurde. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="1018" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-1024x1018.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-1024x1018.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-300x298.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-768x763.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-1536x1527.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/falcon9-2048x2036.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Die Bahn war in den mehr als 18 Monaten ihrer Existenz stark gestört. Nach dem initialen Mondvorbeiflug war sie ja weiterhin der Anziehungskraft des Mondes ausgesetzt, aber auch die Sonne macht sich bei solch hohen Bahnen schon deutlich bemerkbar. Die obige Grafik zeigt die Bahnen etwas verzerrt, da es sich um eine Projektion auf die Erdäquatorebene handelt, also auf eine Draufsicht aus Nordpolrichtung. Der Perigäumsradius lag schon bei über 100000 km und ist seitdem weiter angestiegen. Der Apogäumsradius von mehr als 400000 km ragt über die Mondbahn hinaus, was die Wahrscheinlichkeit erheblicher Störungen erhöht und den Einschlag überhaupt erst ermöglichte. Der starke Exkurs kurz vor dem Impakt ist ohne Bedeutung. Dort ist die Stufe bereits in der Einflusssphäre des Mondes, sodass die geozentrischen Bahnelemente nicht mehr aussagekräftig sind. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Apogäum und Perigäum der Bahn der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="717" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarpf9.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Apogäum und Perigäum der Bahn der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Mondabstand ging in den vergangenen 6 Monaten nicht unter 100000 km, was aber bereits für erhebliche Störungen der Bahn in etwa einmonatigen Abständen führt. Gut sichtbar der steile Abstieg im August auf einer Bahn, die relativ zum Mond hyperbolisch ist, mit einem Periseleniumsradius, der unter der Mondoberfläche liegt. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Mondabstand der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/distmoonf9.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Mondabstand der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Mond hat eine Bahngeschwindigkeit von ca. 1 km/s; die Bahngeschwindigkeit der exzentrischen Bahn der Stufe variiert über den Bahnumlauf, ist jedoch auch im niedrigen einstellen Bereich, ausgedrückt in km/s, was die mögliche Relativgeschwindigkeit limitiert- Der höchste Wert wird kurz vor dem Impakt erreicht, dieser muss natürlich die parabolische Geschwindigkeit von 2.38 km/s an der Oberfläche übersteigen. <aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Geschwindigkeit der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D relativ zum Mond von 2026/2/1 - 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/velmoonf9.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Geschwindigkeit der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D relativ zum Mond von 2026/2/1 – 2026/8/5 / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Transformieren wir die Bahn in ein rotierendes System, dessen Ursprung in der Erde liegt und dessen x-Achse konstant zum Mond zeigt. Den Monat Juli hat 2025-010D in den Kringeln auf der rechten Seite verbracht.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9.png"><img alt="Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D in rotierenden Koordinaten von 2026/2/1 - 2026/8/5 (Erde und Mond nicht maßstabsgetreu) / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons" decoding="async" height="1004" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-1024x1004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-1024x1004.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-300x294.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9-768x753.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotfalcon9.png 1071w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Trajektorie der Falcon-9-Oberstufe 2025-010D in rotierenden Koordinaten von 2026/2/1 – 2026/8/5 (Erde und Mond nicht maßstabsgetreu) / Quelle: Michael Khan auf Basis von Daten von JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Und wer war Moseley?</em></h2> <p>Ich muss zugeben, der Name sagte mir nichts, bis ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/IPPW2019_Oxford_MichaelKhan.pdf" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Präsentation zur IPPW2019 in Oxford">im Jahr 2019 nach Oxford</a> fuhr und im Keble College ein Schaubild über <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Henry_Moseley" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Wikipedia (engl.) zu Henry Moseley">Henry Moseley</a> sah, der in seinem nur 27 Jahre währenden Leben Großes leistete und dem wahrscheinlich noch eine brillante wissenschaftliche Karriere bevorstand, mit guter Chance auf den Physik-Nobelpreis des Jahres 2016.</p> <p>Später dann lernte ich in den Vorlesungen Kristallographie und Geochemie natürlich das Moseley’sche Gesetz. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/falcon-9-oberstufe-mondimpakt-am-5-8/#comments 4 Blume & Ince 60: Japanische Zivilreligion und bundesdeutsche Gewaltenteilung inklusive Zentralbank https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/#comments Sun, 02 Aug 2026 22:11:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11451 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026-768x462.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 60: Japanische Zivilreligion und bundesdeutsche Gewaltenteilung inklusive Zentralbank » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-03T00:11:00+02:00">03. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Die Nacht vom zweiten auf den dritten August ist für mich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117027344113304792" rel="noopener" target="_blank">jedes Jahr mit Erinnerungen an <strong>den IS-Genozid am Ezidentum in Norden des Irak</strong> verbunden</a>. Tausende Menschen wurden ermordet, viele weitere Tausend erlitten brutale, oft sexualisierte Gewalt. Ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf" rel="noopener" target="_blank">durfte dazu 2015/16 im Auftrag von Ministerpräsident <strong>Winfried Kretschmann</strong> ein Landes-Sonderkontingent für 1.100 Überlebende leiten</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dr-blume-sehen-sie-voelkermorde-im-irak-in-gaza-im-libanon-im-westjordanland-meine-antwort-hier/">2017 für die Judikative ein Gutachten erstellen, das dann auch zu Verurteilungen wegen Völkermords</a> führte.</p> <p>Die historische Erfahrung lehrt, dass <strong>nur eine parlamentarische Republik (bisweilen auch in Form einer konstitutionellen Monarchie) mit funktionierender Gewaltenteilung die Menschenwürde und Menschenrechte auch von Minderheiten schützen</strong> kann.</p> <p>Deswegen habe ich mich sehr über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/" rel="noopener" target="_blank">die regen Dialoge der letzten Woche zur republikanischen Gewaltenteilung</a> gefreut – und besonders auch über <a href="https://machteburch.social/@dendroniker/117008812283493213" rel="noopener" target="_blank">eine Variante von @Dendroniker@machteburch.social</a>, der die einzelnen Säulen in den Begriff „Vertrauen“ als Sockel auslaufen ließ.</p> <p><a href="https://machteburch.social/@dendroniker/117008812283493213" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Fünf-Mächte-Modell der Gewaltenteilung in jeder demokratischen Republik des 21. Jahrhunderts nach @dendroniker. Es zeigt eine Tempelfront mit den fünf Säulen der Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative und Scientikative, die jeweils in das Wort Vertrauen im Sockel übergehen." decoding="async" height="1086" sizes="(max-width: 1448px) 100vw, 1448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg 1448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-768x576.jpg 768w" width="1448"></img></a></p> <p><em>Das <strong>Fünf-Mächte-Modell der Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik mit Vertrauen als Sockel jeder Säule</strong>. Grafik: <a href="https://machteburch.social/@dendroniker/117008812283493213" rel="noopener" target="_blank">@dendroniker@machteburch.social, 30.07.2026</a></em><aside></aside></p> <p>Entsprechend gespannt war ich, darüber mit dem befreundeten BWL-Prof. Inan Ince zu sprechen, zumal ich die <strong>der wissenschaftlichen Ökonomie verpflichteten, unabhängigen Zentralbanken der fünften Säule der Scientikative zugerechnet</strong> hatte.</p> <p>Schon der QAnon-Verschwörungsmythologe <strong>Oliver Janich</strong> hatte in seinem bizarren Verschwörungswerk <em>„Das Kapitalismus-Komplott. Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden“</em> (FBV 2010, 9. Auflage 2019) mit gezielter Genozid-Verharmlosung getextet:</p> <p><em><strong>„Unser Zentralbanksystem ist das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.“</strong></em> (S. 41)</p> <p>Und klar hatte er auch etwa die Medizin und die Natur- bzw. Klimawissenschaften sowie demokratische Politikerinnen und Politiker wie <strong>Angela Merkel (CDU)</strong> und <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> verschwörungsmythologisch attackiert.</p> <p>Und Inan konnte meiner Argumentation nicht nur folgen, sondern toppte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg" rel="noopener" target="_blank">meine karge Darstellung des Fünf-Säulen-Modells der Gewaltenteilung</a> auch gleich durch römisch-antike Opulenz. 🙂</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Za0JfDKiGhE" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In Folge 60 von &quot;Blume &amp; Ince&quot; prangt ein römisch gehaltenes Tempelmodell mit der güldenen Überschrift &quot;Gewaltenteilung einer demokratischen Republik&quot;. Darunter finden sich mit Symbolen und goldenen Lettern die fünf Säulen der Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative und Scientikative, die jeweils auf dem Sockel &quot;Vertrauen&quot; aufsetzen." decoding="async" height="613" sizes="(max-width: 1020px) 100vw, 1020px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026.jpg 1020w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026-768x462.jpg 768w" width="1020"></img></a></p> <p><em>Für Folge 60 von „Blume &amp; Ince“ bastelte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg" rel="noopener" target="_blank">BWL-Prof. Dr. Inan Ince gleich eine eigene Darstellung der fünf-säuligen Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik</a>. Screenshot: Michael Blume</em> </p> <p>Was zudem alle demokratischen Republiken mit parlamentarisch-konstitutionellen Monarchien wie <strong>Japan</strong> oder <strong>Großbritannien</strong> gemeinsam haben, ist <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117025880980196945" rel="noopener" target="_blank">eine <strong>Zivilreligion</strong>. Dazu hatte ich gestern gepostet</a>:</p> <p><em>„Religionsgemeinschaften beziehen sich auf geheilige Überlieferungen, Symbole, Mythen, Rituale, Feiertage und oft auch Schriften (sog. „Religionen“).</em></p> <p><em>Staaten beziehen sich auf geheiligte Überlieferungen, Symbole, Mythen, Rituale, Feiertage und oft auch Verfassungsschriften (sog. „Zivilreligionen“).</em></p> <p><em>Die protestantische Reformation forderte die Rückbesinnung auf die Bibel, die über Jahrhunderte mimetisch überformt worden war.</em></p> <p><em>Ich fordere (nicht ohne freundliches Augenzwinkern) die Rückbesinnung auf unser Grundgesetz, das seit Jahrzehnten mimetisch überformt worden ist.</em></p> <p><em>Wir können sogar das konkrete Jahr benennen, in dem die Bundesrepublik begann, zivilreligiös &amp; mimetisch vom Weg des Grundgesetzes abzufallen: 1961.“</em></p> <p>Doch mit Inan war es wieder möglich, <strong>das Thema Zivilreligion vergleichend am Beispiel Japan</strong> zu diskutieren: <em><strong>Welcher religiöse Mythos steckt hinter Sonnenfahne und Kaisertum – und warum wurde gerade durch ein Regierungsgesetz eine beliebte Prinzessin von der Thronfolge ausgeschlossen?</strong></em></p> <p>Zuletzt noch der Hinweis, dass sich unter den Kommentaren zu <a href="https://blumeundince.podigee.io/64-folge-60-japanische-zivilreligion-zentralbanken-als-scientikative" rel="noopener" target="_blank">Folge 60 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> (hier auch als Podcast)</a> hier auf dem Blog auch der 60.000te Drunter-Kommentar (Druko) zu diesem Wissenschaftsblog einfinden wird! Ich freue mich schon sehr auf diesen Moment!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Za0JfDKiGhE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 60: Japanische Zivilreligion &amp; Zentralbanken als Scientikative | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 60: Japanische Zivilreligion und bundesdeutsche Gewaltenteilung inklusive Zentralbank » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-08-03T00:11:00+02:00">03. Aug. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Die Nacht vom zweiten auf den dritten August ist für mich <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117027344113304792" rel="noopener" target="_blank">jedes Jahr mit Erinnerungen an <strong>den IS-Genozid am Ezidentum in Norden des Irak</strong> verbunden</a>. Tausende Menschen wurden ermordet, viele weitere Tausend erlitten brutale, oft sexualisierte Gewalt. Ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf" rel="noopener" target="_blank">durfte dazu 2015/16 im Auftrag von Ministerpräsident <strong>Winfried Kretschmann</strong> ein Landes-Sonderkontingent für 1.100 Überlebende leiten</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dr-blume-sehen-sie-voelkermorde-im-irak-in-gaza-im-libanon-im-westjordanland-meine-antwort-hier/">2017 für die Judikative ein Gutachten erstellen, das dann auch zu Verurteilungen wegen Völkermords</a> führte.</p> <p>Die historische Erfahrung lehrt, dass <strong>nur eine parlamentarische Republik (bisweilen auch in Form einer konstitutionellen Monarchie) mit funktionierender Gewaltenteilung die Menschenwürde und Menschenrechte auch von Minderheiten schützen</strong> kann.</p> <p>Deswegen habe ich mich sehr über <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/" rel="noopener" target="_blank">die regen Dialoge der letzten Woche zur republikanischen Gewaltenteilung</a> gefreut – und besonders auch über <a href="https://machteburch.social/@dendroniker/117008812283493213" rel="noopener" target="_blank">eine Variante von @Dendroniker@machteburch.social</a>, der die einzelnen Säulen in den Begriff „Vertrauen“ als Sockel auslaufen ließ.</p> <p><a href="https://machteburch.social/@dendroniker/117008812283493213" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Das Fünf-Mächte-Modell der Gewaltenteilung in jeder demokratischen Republik des 21. Jahrhunderts nach @dendroniker. Es zeigt eine Tempelfront mit den fünf Säulen der Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative und Scientikative, die jeweils in das Wort Vertrauen im Sockel übergehen." decoding="async" height="1086" sizes="(max-width: 1448px) 100vw, 1448px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726.jpg 1448w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ScientikativeVertrauenDendronikerMastodonMeme290726-768x576.jpg 768w" width="1448"></img></a></p> <p><em>Das <strong>Fünf-Mächte-Modell der Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik mit Vertrauen als Sockel jeder Säule</strong>. Grafik: <a href="https://machteburch.social/@dendroniker/117008812283493213" rel="noopener" target="_blank">@dendroniker@machteburch.social, 30.07.2026</a></em><aside></aside></p> <p>Entsprechend gespannt war ich, darüber mit dem befreundeten BWL-Prof. Inan Ince zu sprechen, zumal ich die <strong>der wissenschaftlichen Ökonomie verpflichteten, unabhängigen Zentralbanken der fünften Säule der Scientikative zugerechnet</strong> hatte.</p> <p>Schon der QAnon-Verschwörungsmythologe <strong>Oliver Janich</strong> hatte in seinem bizarren Verschwörungswerk <em>„Das Kapitalismus-Komplott. Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden“</em> (FBV 2010, 9. Auflage 2019) mit gezielter Genozid-Verharmlosung getextet:</p> <p><em><strong>„Unser Zentralbanksystem ist das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.“</strong></em> (S. 41)</p> <p>Und klar hatte er auch etwa die Medizin und die Natur- bzw. Klimawissenschaften sowie demokratische Politikerinnen und Politiker wie <strong>Angela Merkel (CDU)</strong> und <strong>Cem Özdemir (Grüne)</strong> verschwörungsmythologisch attackiert.</p> <p>Und Inan konnte meiner Argumentation nicht nur folgen, sondern toppte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg" rel="noopener" target="_blank">meine karge Darstellung des Fünf-Säulen-Modells der Gewaltenteilung</a> auch gleich durch römisch-antike Opulenz. 🙂</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Za0JfDKiGhE" rel="noopener" target="_blank"><img alt="In Folge 60 von &quot;Blume &amp; Ince&quot; prangt ein römisch gehaltenes Tempelmodell mit der güldenen Überschrift &quot;Gewaltenteilung einer demokratischen Republik&quot;. Darunter finden sich mit Symbolen und goldenen Lettern die fünf Säulen der Exekutive, Judikative, Legislative, Publikative und Scientikative, die jeweils auf dem Sockel &quot;Vertrauen&quot; aufsetzen." decoding="async" height="613" sizes="(max-width: 1020px) 100vw, 1020px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026.jpg 1020w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInce60GewaltenteilungDemokratischeRepublik2026-768x462.jpg 768w" width="1020"></img></a></p> <p><em>Für Folge 60 von „Blume &amp; Ince“ bastelte <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/ab15f8e3-a4bc-4734-8539-be280ea7c9d6.jpeg" rel="noopener" target="_blank">BWL-Prof. Dr. Inan Ince gleich eine eigene Darstellung der fünf-säuligen Gewaltenteilung in einer demokratischen Republik</a>. Screenshot: Michael Blume</em> </p> <p>Was zudem alle demokratischen Republiken mit parlamentarisch-konstitutionellen Monarchien wie <strong>Japan</strong> oder <strong>Großbritannien</strong> gemeinsam haben, ist <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117025880980196945" rel="noopener" target="_blank">eine <strong>Zivilreligion</strong>. Dazu hatte ich gestern gepostet</a>:</p> <p><em>„Religionsgemeinschaften beziehen sich auf geheilige Überlieferungen, Symbole, Mythen, Rituale, Feiertage und oft auch Schriften (sog. „Religionen“).</em></p> <p><em>Staaten beziehen sich auf geheiligte Überlieferungen, Symbole, Mythen, Rituale, Feiertage und oft auch Verfassungsschriften (sog. „Zivilreligionen“).</em></p> <p><em>Die protestantische Reformation forderte die Rückbesinnung auf die Bibel, die über Jahrhunderte mimetisch überformt worden war.</em></p> <p><em>Ich fordere (nicht ohne freundliches Augenzwinkern) die Rückbesinnung auf unser Grundgesetz, das seit Jahrzehnten mimetisch überformt worden ist.</em></p> <p><em>Wir können sogar das konkrete Jahr benennen, in dem die Bundesrepublik begann, zivilreligiös &amp; mimetisch vom Weg des Grundgesetzes abzufallen: 1961.“</em></p> <p>Doch mit Inan war es wieder möglich, <strong>das Thema Zivilreligion vergleichend am Beispiel Japan</strong> zu diskutieren: <em><strong>Welcher religiöse Mythos steckt hinter Sonnenfahne und Kaisertum – und warum wurde gerade durch ein Regierungsgesetz eine beliebte Prinzessin von der Thronfolge ausgeschlossen?</strong></em></p> <p>Zuletzt noch der Hinweis, dass sich unter den Kommentaren zu <a href="https://blumeundince.podigee.io/64-folge-60-japanische-zivilreligion-zentralbanken-als-scientikative" rel="noopener" target="_blank">Folge 60 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> (hier auch als Podcast)</a> hier auf dem Blog auch der 60.000te Drunter-Kommentar (Druko) zu diesem Wissenschaftsblog einfinden wird! Ich freue mich schon sehr auf diesen Moment!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/Za0JfDKiGhE?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 60: Japanische Zivilreligion &amp; Zentralbanken als Scientikative | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-60-japanische-zivilreligion-und-bundesdeutsche-gewaltenteilung-inklusive-zentralbank/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>25</slash:comments> </item> <item> <title>Die Wissenschaft / Scientikative als fünfte, unverzichtbare Säule der Gewaltenteilung in jeder demokratischen Republik https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/#comments Thu, 30 Jul 2026 08:59:12 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11438 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/</link> </image> <description type="html"><h1>Die Wissenschaft / Scientikative als fünfte, unverzichtbare Säule der Gewaltenteilung in jeder demokratischen Republik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-30T10:59:12+02:00">30. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 5 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Heute morgen <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117007170094942086" rel="noopener">kommentierte ich auf Mastodon den Absturz der Bundespolitik</a>, der zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">einem großen Teil auf die seit 1961 zunehmende Missachtung von Grundgesetz und Gewaltenteilung</a> zurückzuführen ist;</p> <p><em>„Guten Morgen – Tässle Kaffee ☕️️?</em></p> <p><em>Schlimm genug, dass <strong>Friedrich Merz</strong> eine Energieministerin ins Amt berief, die Lobbyismus für Gas betreibt &amp; damit sowohl die globale Erhitzung wie auch die fossile Finanzierung von Krieg, Terror &amp; Antisemitismus verlängert.</em></p> <p><em>Dass <strong>Katherina Reiche</strong> dazu aber auch noch höhnt, sie beende das „Rundum – Sorglos – Paket“, halte ich für einen weiteren, kommunikativen Missgriff dieser Bundesregierung. Denn wie Millionen Eltern mache ich mir Sorgen um die verbrennende Zukunft, sehe aktuell die Waldbrände in Frankreich und Spanien.</em></p> <p><em>Zwar haben vernünftige Regierungsmitglieder die „Sparpläne“ der Fossilistin abgemildert. Dennoch werden Zigtausende Arbeitsplätze vernichtet und vor allem Mietende von den erneuerbaren Wohlstandsenergien abgeschnitten, während wir bereits investierten Eigenheimbesitzenden die EEG-Förderung weiterhin genießen.</em><aside></aside></p> <p><em>Dieses mutwillige Abwürgen erneuerbarer Friedensenergien widerspricht zudem der <strong>Scientikative</strong> wie dem deutschen Klimarat.“</em></p> <p>Den Entschluss, die <strong>Scientikative </strong>als fünfte und vorerst letzte Säule der modernen Gewaltenteilung zu verbildlichen, verdanke ich auch einem <a href="https://sueden.social/@h0ldi/116995906080684542" rel="noopener" target="_blank">Impuls von Reinhold Klein</a> via Mastodon zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/" rel="noopener" target="_blank">bisherigen Vier-Säulen-Darstellung</a>. Die Scientikative aus lateinisch Scientia (Wissenschaft) tritt neben die ebenfalls aus dem Lateinischen gewonnenen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/">Begriffe für die anderen vier „Mächte“ der parlamentarisch-republikanischen Gewaltenteilung</a>, wie sie der französische Adelige <strong>Baron de Montesquieu (1689 – 1755) </strong>und der irisch-britische Abgeordnete <strong>Edmund Burke (1729 – 1797) </strong>identifiziert haben.</p> <p>Die <strong>bislang mächtigsten Institutionen der Scientifikative sind neben frühen Impfkommissionen die den Wirtschaftswissenschaften verpflichteten, unabhängigen Zentralbanken</strong>, die laut Gesetzen notfalls auch gegen die Regierungen (Exekutive) den Geldwert stabilisieren sollen. Gerade hat der Oberste Gerichtshof der USA (SCOTUS) in einem <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117001355633566186" rel="noopener" target="_blank">ebenso bezeichnenden wie bizarren Urteil entlang der sog. Unitary Executive Theory</a> dem US-Präsidenten (POTUS) das Entlassen aller Mitarbeitenden der Administration erlaubt – mit Ausnahme der Zentralbank. <strong>Beim Geld hört in den USA nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Präsidentschaft auf.</strong></p> <p>Das gegen die Widerstände auch von christlichen Demokraten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/In_God_we_trust" rel="noopener" target="_blank">auf US-Münzen und Dollarnoten geprägte <strong><em>„In God We Trust“</em></strong> bekommt so zivilreligiös</a> eine weitere, pikante Bedeutungsebene.</p> <p>Aber auch wissenschaftliche Institutionen der Medizin, Naturwissenschaften, Akademien und Räte mit gesetzlichen Aufgaben wie der erwähnte, <a href="https://expertenrat-klima.de/" rel="noopener" target="_blank">deutsche <strong><em>„Expertenrat für Klimafragen“</em></strong>, umgangssprachlich „Klimarat“</a> gewinnen an medialen und politischem Gewicht – und werden deswegen von Fossilisten und Rechtslibertären immer wieder erbittert bekämpft. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/" rel="noopener" target="_blank">interdisziplinär hochwertige KI-Enzyklika durch <strong>Papst Leo XIV.</strong></a> trug ihm u.a. China-bezogene Verschwörungsvorwürfe durch <strong>Peter Thiel</strong> ein.</p> <p>Hinter der zu langsam wachsenden Macht der Scientifikative stehen oft unangenehme, wissenschaftlich-empirische Erkenntnisse wie:</p> <ul> <li>Regierungen können durch die Aufblähung von Geldmengen zwar kurzfristig Zustimmung erkaufen, verursachen damit aber unweigerlich Inflation und Spekulationsblasen.</li> <li>Gefährliche Krankheiten verschwinden nicht durch Ignoranz und Verschwörungsmythen, sondern nur durch aufwändige Gesundheitsmaßnahmen wie Wasser- und Mitweltschutz, Konsumverzicht und Impfungen.</li> <li>Das Rauchen von Tabak reduziert die durchschnittliche Lebenserwartung, die Gurtpflicht beim Autofahren verlängert sie.</li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/" rel="noopener" target="_blank">Fossile Gewaltenergien aus Kohle, vor allem aber aus Erdöl und Erdgas zerstören Mitmenschen und Mitwelt</a>. Sie zentralisieren Macht und Geld bei wenigen, finanzieren Diktaturen, Kriege, Terror und Antisemitismus und befeuern durch Treibhausgase die globale Erhitzung zur tödlichen Klimakatastrophe.</li> <li>Ein demokratischer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/" rel="noopener" target="_blank">Regimewechsel gegen diktatorische Fossilregime gelingt nicht alleine mit Bombardierungen</a>.</li> <li>Gegen die säkulare Geburtenimplosion ist auf Dauer kein Wirtschaftswachstum möglich.</li> </ul> <p>Wo die Scientikative missachtet und geschwächt wird, stellen sich daher unweigerlich negative Effekte ein, wie <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/braende-europa-frankreich-spanien-faq-100.html" rel="noopener" target="_blank">eskalierende Waldbrände in ganz Europa</a> zeigen oder <a href="https://www.spiegel.de/gesundheit/usa-verzeichnen-hoechste-zahl-an-masern-infektionen-seit-35-jahren-a-cbd195b9-b710-4cca-8d5c-9eb4db78483b" rel="noopener" target="_blank">auf spiegel.de aktuell aus den USA berichtet</a> wird:</p> <p><em>„<strong>USA verzeichnen höchste Zahl an Maserninfektionen seit 35 Jahren</strong></em></p> <div data-area="text" data-pos="7" data-sara-click-el="body_element"> <div> <p data-forward-id="nk35t0jvmef">[…]</p> <p data-forward-id="nk35t0jvmef"><em>Experten führen den Anstieg auf sinkende Impfquoten zurück. Die durchschnittliche Abdeckung bei Kindergartenkindern sank im vergangenen Jahr auf 92,5 Prozent und liegt damit unter der für die sogenannte Herdenimmunität erforderlichen Schwelle von 95 Prozent. ‌In 16 US-Bundesstaaten fiel die Quote auf unter 90 Prozent.</em></p> <p data-forward-id="nk35t0jvmef"><em><strong>Kinder als Leidtragende von Anti-Impf-Politik</strong></em></p> </div> </div> <div data-area="text" data-pos="10" data-sara-click-el="body_element"> <div> <p data-forward-id="mgbkvu2gn5b"><em>Viele Gesundheitsvertreter machen für die Entwicklung auch die Impfskepsis von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. verantwortlich. Dieser hatte wiederholt die wissenschaftlich widerlegte Behauptung verbreitet, Masernimpfstoffe stünden in Verbindung mit ‌Autismus. Im vergangenen Juni entließ er alle Mitglieder des ​CDC-Expertenbeirats für Impfungen.“</em></p> </div> </div> <p>So schlage ich also <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/" rel="noopener" target="_blank">zum besseren Verständnis der <strong>parlamentarisch-republikanischen Gewaltenteilung</strong> fünf statt der bisher vier Säulen vor</a>:</p> <ol> <li><strong>Exekutive (Regierungen)</strong></li> <li><strong>Judikative (Justizsysteme, Rechtsstaatlichkeit)</strong></li> <li><strong>Legislative (Demokratisch gewählte Parlamente)</strong></li> <li><strong>Publikative (Mediensysteme)</strong></li> <li><strong>Scientikative (Empirische Wissenschaftssysteme)</strong></li> </ol> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/"><img alt="Auf dem Giebel einer weißen Tempelfront steht geschrieben: Gewaltenteilung Republik, 21. Jht. Darunter sind die tragenden, fünf Säulen vertikal mit den Elementen der Gewaltenteilung beschriftet: 1. Exekutive, 2. Judikative, 3. Legislative, 4. Publikative und 5. Scientikative." decoding="async" height="516" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726-300x221.jpg 300w" width="700"></img></a></p> <p><em>Darstellungsvorschlag für die Fünf-Säulen-Gewaltenteilung für demokratische Republiken im 21. Jahrhundert. Grafik: Michael Blume, CC-BY-SA. Eine weitere <a href="https://mastoart.social/@TripTilt/117002508563850046" rel="noopener" target="_blank">Variante postete auch @TripTilt auf Mastodon</a>.</em></p> <p><strong>Die Missachtung der parlamentarisch-demokratischen Gewaltenteilung durch die derzeitige Bundespolitik</strong> zeigte sich auch bei der nicht nur kommunikativ missglückten Kabinettsumbildung durch den CDU-Parteivorsitzenden Friedrich Merz (CDU). Nach <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_64.html" rel="noopener" target="_blank">Artikel 64 (2) GG müssten auch die neuen „Bundesminister“ einen Amtseid vor dem gewählten Bundestag (Legislative)</a> leisten und sich damit auch der verantwortliche Noch-Bundeskanzler der parlamentarischen Debatte stellen. Aber weder der Kanzler noch der Bundespräsident, die Bundestagspräsidentin oder ein Drittel des Bundestages wagen die Einberufung einer Sondersitzung, obwohl sie dazu <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_39.html" rel="noopener" target="_blank">nach Artikel 39 (3) Grundgesetz</a> ausdrücklich befugt wären:</p> <p><em>(3) Der Bundestag bestimmt den Schluß und den Wiederbeginn seiner Sitzungen. Der Präsident des Bundestages kann ihn früher einberufen. Er ist hierzu verpflichtet, wenn ein Drittel der Mitglieder, der Bundespräsident oder der Bundeskanzler es verlangen.</em></p> <p>Die <a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/spaetere-vereidigung-ernennung-minister-bundestag-verfassungswidrig-thiele" rel="noopener" target="_blank">auch juristische Kritik des Staatsrechtlers Prof. <strong>Alexander Thiele </strong>(Judikative &amp; Scientikative) teile ich</a> daher ausdrücklich.</p> <p>Aus meiner Sicht tendieren derzeit <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/verfassungskrise-und-anarchie/" rel="noopener" target="_blank">fast alle demokratischen Republiken wie die USA, Deutschland, die Schweiz, aber aktuell auch Israel Konzern-digital, autoritär und fossilistisch zur Missachtung der Gewaltenteilung</a>. Es ist ernüchternd, wie gering die Zahl der demokratisch gewählten Politikerinnen und Politiker, aber auch der Publizierenden, Rechtsprechenden und (Noch-)Wählenden ist, die die damit verbundenen Gefahren für unser aller Zukunft wahrnehmen (wollen). Denn gegen empirisch belegte, wissenschaftliche Gesetze hilft keine politische Macht.</p> <p>Wie auch bei den früheren vier Gewalten wird sich die Bedeutung der Scientikative den meisten Menschen wohl erst im Rückblick erschließen. Und für sehr viele wird es dann auch leider zu spät sein.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/1HRpXuO7ZkQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Michael Blume im Landtag BW, 9.11.2023" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die Wissenschaft / Scientikative als fünfte, unverzichtbare Säule der Gewaltenteilung in jeder demokratischen Republik » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-30T10:59:12+02:00">30. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 5 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Heute morgen <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117007170094942086" rel="noopener">kommentierte ich auf Mastodon den Absturz der Bundespolitik</a>, der zu <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">einem großen Teil auf die seit 1961 zunehmende Missachtung von Grundgesetz und Gewaltenteilung</a> zurückzuführen ist;</p> <p><em>„Guten Morgen – Tässle Kaffee ☕️️?</em></p> <p><em>Schlimm genug, dass <strong>Friedrich Merz</strong> eine Energieministerin ins Amt berief, die Lobbyismus für Gas betreibt &amp; damit sowohl die globale Erhitzung wie auch die fossile Finanzierung von Krieg, Terror &amp; Antisemitismus verlängert.</em></p> <p><em>Dass <strong>Katherina Reiche</strong> dazu aber auch noch höhnt, sie beende das „Rundum – Sorglos – Paket“, halte ich für einen weiteren, kommunikativen Missgriff dieser Bundesregierung. Denn wie Millionen Eltern mache ich mir Sorgen um die verbrennende Zukunft, sehe aktuell die Waldbrände in Frankreich und Spanien.</em></p> <p><em>Zwar haben vernünftige Regierungsmitglieder die „Sparpläne“ der Fossilistin abgemildert. Dennoch werden Zigtausende Arbeitsplätze vernichtet und vor allem Mietende von den erneuerbaren Wohlstandsenergien abgeschnitten, während wir bereits investierten Eigenheimbesitzenden die EEG-Förderung weiterhin genießen.</em><aside></aside></p> <p><em>Dieses mutwillige Abwürgen erneuerbarer Friedensenergien widerspricht zudem der <strong>Scientikative</strong> wie dem deutschen Klimarat.“</em></p> <p>Den Entschluss, die <strong>Scientikative </strong>als fünfte und vorerst letzte Säule der modernen Gewaltenteilung zu verbildlichen, verdanke ich auch einem <a href="https://sueden.social/@h0ldi/116995906080684542" rel="noopener" target="_blank">Impuls von Reinhold Klein</a> via Mastodon zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/" rel="noopener" target="_blank">bisherigen Vier-Säulen-Darstellung</a>. Die Scientikative aus lateinisch Scientia (Wissenschaft) tritt neben die ebenfalls aus dem Lateinischen gewonnenen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/">Begriffe für die anderen vier „Mächte“ der parlamentarisch-republikanischen Gewaltenteilung</a>, wie sie der französische Adelige <strong>Baron de Montesquieu (1689 – 1755) </strong>und der irisch-britische Abgeordnete <strong>Edmund Burke (1729 – 1797) </strong>identifiziert haben.</p> <p>Die <strong>bislang mächtigsten Institutionen der Scientifikative sind neben frühen Impfkommissionen die den Wirtschaftswissenschaften verpflichteten, unabhängigen Zentralbanken</strong>, die laut Gesetzen notfalls auch gegen die Regierungen (Exekutive) den Geldwert stabilisieren sollen. Gerade hat der Oberste Gerichtshof der USA (SCOTUS) in einem <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/117001355633566186" rel="noopener" target="_blank">ebenso bezeichnenden wie bizarren Urteil entlang der sog. Unitary Executive Theory</a> dem US-Präsidenten (POTUS) das Entlassen aller Mitarbeitenden der Administration erlaubt – mit Ausnahme der Zentralbank. <strong>Beim Geld hört in den USA nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Präsidentschaft auf.</strong></p> <p>Das gegen die Widerstände auch von christlichen Demokraten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/In_God_we_trust" rel="noopener" target="_blank">auf US-Münzen und Dollarnoten geprägte <strong><em>„In God We Trust“</em></strong> bekommt so zivilreligiös</a> eine weitere, pikante Bedeutungsebene.</p> <p>Aber auch wissenschaftliche Institutionen der Medizin, Naturwissenschaften, Akademien und Räte mit gesetzlichen Aufgaben wie der erwähnte, <a href="https://expertenrat-klima.de/" rel="noopener" target="_blank">deutsche <strong><em>„Expertenrat für Klimafragen“</em></strong>, umgangssprachlich „Klimarat“</a> gewinnen an medialen und politischem Gewicht – und werden deswegen von Fossilisten und Rechtslibertären immer wieder erbittert bekämpft. Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-ki-menschenwuerde-enzyklika-von-papst-leo-xiv-und-anthropic-im-dialog/" rel="noopener" target="_blank">interdisziplinär hochwertige KI-Enzyklika durch <strong>Papst Leo XIV.</strong></a> trug ihm u.a. China-bezogene Verschwörungsvorwürfe durch <strong>Peter Thiel</strong> ein.</p> <p>Hinter der zu langsam wachsenden Macht der Scientifikative stehen oft unangenehme, wissenschaftlich-empirische Erkenntnisse wie:</p> <ul> <li>Regierungen können durch die Aufblähung von Geldmengen zwar kurzfristig Zustimmung erkaufen, verursachen damit aber unweigerlich Inflation und Spekulationsblasen.</li> <li>Gefährliche Krankheiten verschwinden nicht durch Ignoranz und Verschwörungsmythen, sondern nur durch aufwändige Gesundheitsmaßnahmen wie Wasser- und Mitweltschutz, Konsumverzicht und Impfungen.</li> <li>Das Rauchen von Tabak reduziert die durchschnittliche Lebenserwartung, die Gurtpflicht beim Autofahren verlängert sie.</li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/" rel="noopener" target="_blank">Fossile Gewaltenergien aus Kohle, vor allem aber aus Erdöl und Erdgas zerstören Mitmenschen und Mitwelt</a>. Sie zentralisieren Macht und Geld bei wenigen, finanzieren Diktaturen, Kriege, Terror und Antisemitismus und befeuern durch Treibhausgase die globale Erhitzung zur tödlichen Klimakatastrophe.</li> <li>Ein demokratischer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/" rel="noopener" target="_blank">Regimewechsel gegen diktatorische Fossilregime gelingt nicht alleine mit Bombardierungen</a>.</li> <li>Gegen die säkulare Geburtenimplosion ist auf Dauer kein Wirtschaftswachstum möglich.</li> </ul> <p>Wo die Scientikative missachtet und geschwächt wird, stellen sich daher unweigerlich negative Effekte ein, wie <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/europa/braende-europa-frankreich-spanien-faq-100.html" rel="noopener" target="_blank">eskalierende Waldbrände in ganz Europa</a> zeigen oder <a href="https://www.spiegel.de/gesundheit/usa-verzeichnen-hoechste-zahl-an-masern-infektionen-seit-35-jahren-a-cbd195b9-b710-4cca-8d5c-9eb4db78483b" rel="noopener" target="_blank">auf spiegel.de aktuell aus den USA berichtet</a> wird:</p> <p><em>„<strong>USA verzeichnen höchste Zahl an Maserninfektionen seit 35 Jahren</strong></em></p> <div data-area="text" data-pos="7" data-sara-click-el="body_element"> <div> <p data-forward-id="nk35t0jvmef">[…]</p> <p data-forward-id="nk35t0jvmef"><em>Experten führen den Anstieg auf sinkende Impfquoten zurück. Die durchschnittliche Abdeckung bei Kindergartenkindern sank im vergangenen Jahr auf 92,5 Prozent und liegt damit unter der für die sogenannte Herdenimmunität erforderlichen Schwelle von 95 Prozent. ‌In 16 US-Bundesstaaten fiel die Quote auf unter 90 Prozent.</em></p> <p data-forward-id="nk35t0jvmef"><em><strong>Kinder als Leidtragende von Anti-Impf-Politik</strong></em></p> </div> </div> <div data-area="text" data-pos="10" data-sara-click-el="body_element"> <div> <p data-forward-id="mgbkvu2gn5b"><em>Viele Gesundheitsvertreter machen für die Entwicklung auch die Impfskepsis von US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. verantwortlich. Dieser hatte wiederholt die wissenschaftlich widerlegte Behauptung verbreitet, Masernimpfstoffe stünden in Verbindung mit ‌Autismus. Im vergangenen Juni entließ er alle Mitglieder des ​CDC-Expertenbeirats für Impfungen.“</em></p> </div> </div> <p>So schlage ich also <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/" rel="noopener" target="_blank">zum besseren Verständnis der <strong>parlamentarisch-republikanischen Gewaltenteilung</strong> fünf statt der bisher vier Säulen vor</a>:</p> <ol> <li><strong>Exekutive (Regierungen)</strong></li> <li><strong>Judikative (Justizsysteme, Rechtsstaatlichkeit)</strong></li> <li><strong>Legislative (Demokratisch gewählte Parlamente)</strong></li> <li><strong>Publikative (Mediensysteme)</strong></li> <li><strong>Scientikative (Empirische Wissenschaftssysteme)</strong></li> </ol> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/"><img alt="Auf dem Giebel einer weißen Tempelfront steht geschrieben: Gewaltenteilung Republik, 21. Jht. Darunter sind die tragenden, fünf Säulen vertikal mit den Elementen der Gewaltenteilung beschriftet: 1. Exekutive, 2. Judikative, 3. Legislative, 4. Publikative und 5. Scientikative." decoding="async" height="516" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungRepublikFuenfSaeulenMichaelBlume290726-300x221.jpg 300w" width="700"></img></a></p> <p><em>Darstellungsvorschlag für die Fünf-Säulen-Gewaltenteilung für demokratische Republiken im 21. Jahrhundert. Grafik: Michael Blume, CC-BY-SA. Eine weitere <a href="https://mastoart.social/@TripTilt/117002508563850046" rel="noopener" target="_blank">Variante postete auch @TripTilt auf Mastodon</a>.</em></p> <p><strong>Die Missachtung der parlamentarisch-demokratischen Gewaltenteilung durch die derzeitige Bundespolitik</strong> zeigte sich auch bei der nicht nur kommunikativ missglückten Kabinettsumbildung durch den CDU-Parteivorsitzenden Friedrich Merz (CDU). Nach <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_64.html" rel="noopener" target="_blank">Artikel 64 (2) GG müssten auch die neuen „Bundesminister“ einen Amtseid vor dem gewählten Bundestag (Legislative)</a> leisten und sich damit auch der verantwortliche Noch-Bundeskanzler der parlamentarischen Debatte stellen. Aber weder der Kanzler noch der Bundespräsident, die Bundestagspräsidentin oder ein Drittel des Bundestages wagen die Einberufung einer Sondersitzung, obwohl sie dazu <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_39.html" rel="noopener" target="_blank">nach Artikel 39 (3) Grundgesetz</a> ausdrücklich befugt wären:</p> <p><em>(3) Der Bundestag bestimmt den Schluß und den Wiederbeginn seiner Sitzungen. Der Präsident des Bundestages kann ihn früher einberufen. Er ist hierzu verpflichtet, wenn ein Drittel der Mitglieder, der Bundespräsident oder der Bundeskanzler es verlangen.</em></p> <p>Die <a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/spaetere-vereidigung-ernennung-minister-bundestag-verfassungswidrig-thiele" rel="noopener" target="_blank">auch juristische Kritik des Staatsrechtlers Prof. <strong>Alexander Thiele </strong>(Judikative &amp; Scientikative) teile ich</a> daher ausdrücklich.</p> <p>Aus meiner Sicht tendieren derzeit <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/israel/verfassungskrise-und-anarchie/" rel="noopener" target="_blank">fast alle demokratischen Republiken wie die USA, Deutschland, die Schweiz, aber aktuell auch Israel Konzern-digital, autoritär und fossilistisch zur Missachtung der Gewaltenteilung</a>. Es ist ernüchternd, wie gering die Zahl der demokratisch gewählten Politikerinnen und Politiker, aber auch der Publizierenden, Rechtsprechenden und (Noch-)Wählenden ist, die die damit verbundenen Gefahren für unser aller Zukunft wahrnehmen (wollen). Denn gegen empirisch belegte, wissenschaftliche Gesetze hilft keine politische Macht.</p> <p>Wie auch bei den früheren vier Gewalten wird sich die Bedeutung der Scientikative den meisten Menschen wohl erst im Rückblick erschließen. Und für sehr viele wird es dann auch leider zu spät sein.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/1HRpXuO7ZkQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Michael Blume im Landtag BW, 9.11.2023" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-wissenschaft-scientikative-als-fuenfte-unverzichtbare-saeule-der-gewaltenteilung-in-jeder-demokratischen-republik/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>130</slash:comments> </item> <item> <title>The 30-Year Randomness Problem That Could Help Secure the Quantum Future https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-30-year-randomness-problem-that-could-help-secure-the-quantum-future/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-30-year-randomness-problem-that-could-help-secure-the-quantum-future/#comments Wed, 29 Jul 2026 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14547 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/riho-kroll-m4sGYaHYN5o-unsplash-1024x771.jpg" /><h1>The 30-Year Randomness Problem That Could Help Secure the Quantum Future - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Randomness sounds like the simplest thing in the world. Flip a coin, and it lands heads or tails; toss a die, and you have a 1 in 6 chance of guessing the number. But in practice, true randomness is surprisingly hard to pinpoint.</p> <p>Researchers who work on randomness tend to sidestep the philosophical aspects of whether true randomness exists and instead work on randomness from a practical perspective: a source is random enough if no test, algorithm, or adversary can reliably predict it, compress it, or distinguish it from an ideal stream of fair coin flips. In a sense, it’s practical randomness rather than <em>true </em>randomness.</p> <p>This being said, how do you figure out if something is random enough to trust? Or in other words, given a messy, real-life source of information, can we transform its biased, correlated noise into bits that no efficient adversary can distinguish from ideal randomness?</p> <p>In 2016, Eshan Chattopadhyay and David Zuckerman found a startling new way to do it. Their paper, “<a href="https://annals.math.princeton.edu/2019/189-3/p01" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Explicit two-source extractors and resilient functions</a>,” solved a central problem that had resisted understanding for nearly 30 years. In 2025, the work earned them the <a href="https://www.sigact.org/prizes/g%C3%B6del/citation2025.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gödel Prize</a>, one of theoretical computer science’s highest honors.</p> <h3>Randomness and Computers</h3> <p>In addition to being a fascinating concept in itself, randomness is also one of the invisible gears that help turn modern life. The classic example is in cryptography, where randomness helps encrypt bank transactions and payments. Encryption keys, digital signatures, authentication codes, and secure protocols all depend on numbers that an attacker cannot predict. If the randomness is weak, biased, or reused, even a mathematically strong system can fail, and a hacker may be able to reconstruct a key.<aside></aside></p> <p>The trouble is that the world rarely hands over perfect randomness. Instead, modern computers collect unpredictable data from sources such as electrical noise in hardware, timing variations in the processor, disk, or even things like <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0020025509002540" rel="noreferrer noopener" target="_blank">mouse movements</a>. Some chips also <a href="https://www.amd.com/en/developer/aocl/rng-library.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">include special instructions</a> that draw on hardware noise sources.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-scaled.png"><img alt="A USB-pluggable hardware &quot;true&quot; random number generator." decoding="async" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-1024x681.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-1024x681.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-768x511.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-1536x1021.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-2048x1362.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>A USB-pluggable hardware “true” random number generator. (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Random_number_generation#/media/File:NeuG_HRNG_(22539520445).png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 2.0)</a>.</figcaption></figure> </div> <p>To make things even more complex, operating systems usually feed the raw input into a secure “randomness pool,” mix them together, and then use cryptographic algorithms to produce clean-looking random bits. This is what your computer uses when it creates encryption keys, secure web connections, passwords, tokens, or cryptographic nonces.</p> <p>Yet even this process isn’t completely impervious. These sources can be biased, correlated, or partially predictable.</p> <p>When they reason about such imperfect sources, computer scientists use a measure called min-entropy. Roughly speaking, min-entropy captures how hard it is to guess the outcome of a random source. A source with low-min entropy is more predictable; one with high min-entropy may not be perfectly random, but no single outcome is too likely.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151.png"><img alt="Graphs describing min-entropy." decoding="async" height="493" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-1024x493.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-1024x493.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-300x144.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-768x370.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151.png 1338w" width="1024"></img></a><figcaption>Min-entropy asks how likely the single, most predictable answer is. AI-generated image illustrating the concept. </figcaption></figure> </div> <p>The ideal dream would be to construct a randomness extractor, a deterministic procedure that turns a weak random source into a shorter string that looks almost perfectly random. But, of course, there is a catch.</p> <p>For a single general weak source, deterministic extraction is impossible. No matter what function one chooses, there is always some large subset of inputs on which that function gives a constant answer. A source supported only on that subset can still have high min-entropy, but the extractor’s output will be completely predictable.</p> <p>So what if instead of using one weak source, we used two?</p> <h3>Double Trouble</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff.png"><img alt="Graphics showing a comparison between a RANDU-type random number generator and a more modern and better function for generating random numbers. " decoding="async" height="614" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-1024x614.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-1024x614.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-300x180.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-768x461.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-1536x921.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff.png 1619w" width="1024"></img></a><figcaption>Comparison between a RANDU-type random number generator and a more modern and better function for generating random numbers. RANDU was used primarily in the 1960s and 1970s (right) and had obvious patterns in how it generated random numbers. AI-generated image.</figcaption></figure> </div> <p>If two weak sources are independent, perhaps each can compensate for the flaws of the other. This was the model <a href="https://www.wisdom.weizmann.ac.il/~oded/p_sources.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proposed in the 1980s</a> by Miklos Santha, Umesh Vazirani, Benny Chor and Oded Goldreich. In principle, two-source extractors could work with remarkably little entropy. Here, entropy means the amount of real unpredictability inside a source of random-looking bits.</p> <p>They also proved that some two-source extractors must exist, but they did not give an actual formula or efficient algorithm for building one. For any practical purposes, computer scientists needed explicit extractors (functions that could actually be computed efficiently).</p> <p>For years, the best methods hit a wall. Chor and Goldreich <a href="https://arxiv.org/html/2404.17013v1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">showed that</a> the inner product function could extract randomness from two weak sources, but only if each source still had a lot of entropy — more than half the maximum possible rate. In 2005, <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/mathematika/article/abs/an-explicit-twosource-extractor-with-minentropy-rate-near-49/4BE89D77DC2EFF5D525829168F6C9B7C" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jean Bourgain</a> broke that “half barrier” with tools from Fourier analysis and additive combinatorics. It was a landmark advance, but it did not solve the problem. Bourgain’s methods worked for sources with a constant, significant fraction of entropy. The theoretical dream was to handle sources with far less.</p> <p>Chattopadhyay and Zuckerman’s breakthrough was a new route around the obstacle. Their insight was (in a simplified manner) to use one weak source to build a structured table of values, then use the second weak source to sample from it. Most of the sampled entries behave almost as if they were independent and uniform. The challenge is to combine them in a way that survives those corrupted entries.</p> <p>In order to do this, they connected the problem of extraction to non-malleable extractors, objects that had emerged from cryptography.</p> <p>A normal randomness extractor tries to turn a weak random source into nearly perfect random bits. A non-malleable extractor has a harder duty. It still extracts randomness, but it also remains safe if an attacker tampers with the “seed” or input used in the extraction. In essence, a non-malleable extractor is designed to keep producing useful randomness even when an adversary tampers with a part of the process.</p> <p>That is where another branch of computer science entered the story.</p> <h3>Distributed Computing</h3> <p>In the 1980s, distributed computing researchers studied “<a href="https://arxiv.org/pdf/2202.13452" rel="noreferrer noopener" target="_blank">collective coin flipping</a>.” Imagine many processors trying to agree on a shared random bit. Some processors may be malicious. They can wait, observe the honest processors’ messages, and then choose their own messages to bias the result.</p> <p>To solve this problem, researchers turned to resilient Boolean functions: functions designed so that no small coalition of input bits can strongly influence the final output.</p> <p>It’s an unlikely place to look for inspiration, but Chattopadhyay and Zuckerman used such functions inside their two-source extractor. After one source is used to sample many rows from a table generated using the other source, the sampled bits are fed into a carefully constructed resilient function. The point is that even if some of those sampled bits are “bad” or adversarially correlated, the resilient function can still produce a bit that is close to unbiased.</p> <p>The last piece came from circuit complexity and pseudorandomness, the study of what simple computational circuits can and cannot detect. Mark Braverman <a href="https://www.cs.toronto.edu/~mbraverm/FoolAC0v7.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proved that</a> polynomial-size constant-depth circuits cannot distinguish limited independence from true randomness, as long as the amount of independence is polylogarithmic.</p> <p>This limitation became a strength. Chattopadhyay and Zuckerman used the weakness of these circuits as a guarantee. In essence, their resilient function behaved as if its good inputs were fully random, even though they satisfied only a weaker form of independence.</p> <p>In the end, they produced an explicit two-source extractor for sources with only polylogarithmic min-entropy. The amount of usable randomness required grew only like a power of the logarithm of the source length, far below previous explicit constructions.</p> <h3>Opening the Field</h3> <p>Their paper was published in 2015 as a technical report, and the conference version appeared in 2016. The final journal version was published in Annals of Mathematics in 2019 as “Explicit two-source extractors and resilient functions,” by Eshan Chattopadhyay and David Zuckerman.</p> <p>“David and I were fantastically optimistic when we started this work – we had no idea if our approach would actually succeed,” <a href="https://bowers.cornell.edu/news-stories/chattopadhyay-awarded-godel-prize-landmark-paper" rel="noreferrer noopener" target="_blank">said</a> Chattopadhyay, who is a member of Cornell’s Theory of Computing group. “It’s been amazing to watch the field move forward since then – what once felt like distant goals are now active areas of progress and discovery. I’m deeply grateful to see our work play a part in that progress, and honored that it’s received this kind of recognition.”</p> <p>The Gödel Prize was awarded in 2025, recognizing the result as the solution to a central open problem in computational complexity.</p> <p>The Chattopadhyay-Zuckerman framework did not end the field. Rather, it opened it up for more innovation.</p> <p>By replacing one sampling step with a more efficient object called a somewhere-random condenser, further work moved closer to the information-theoretic limit. <a href="https://cs.stanford.edu/~ddoron/2SourceExt.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Later work</a> achieved explicit extractors requiring near-logarithmic min-entropy.</p> <p>In mathematics and computer science, progress often comes from importing tools from one area into another. Here, the import was unusually elegant, using a limitation in one setting as a resource in another. The fact that constant-depth circuits are weak helped prove that an extractor was strong. But the result might also matter as computation enters a quantum era.</p> <p>Quantum systems can generate randomness in a physical sense. A measurement of a quantum state can produce outcomes that are inherently unpredictable. Yet real quantum devices still suffer from noise, bias and possible adversarial influence. Raw physical randomness must still be certified and purified.</p> <p>No doubt, randomness and computer science still have a lot to work on in the future.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/riho-kroll-m4sGYaHYN5o-unsplash-1024x771.jpg" /><h1>The 30-Year Randomness Problem That Could Help Secure the Quantum Future - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>Randomness sounds like the simplest thing in the world. Flip a coin, and it lands heads or tails; toss a die, and you have a 1 in 6 chance of guessing the number. But in practice, true randomness is surprisingly hard to pinpoint.</p> <p>Researchers who work on randomness tend to sidestep the philosophical aspects of whether true randomness exists and instead work on randomness from a practical perspective: a source is random enough if no test, algorithm, or adversary can reliably predict it, compress it, or distinguish it from an ideal stream of fair coin flips. In a sense, it’s practical randomness rather than <em>true </em>randomness.</p> <p>This being said, how do you figure out if something is random enough to trust? Or in other words, given a messy, real-life source of information, can we transform its biased, correlated noise into bits that no efficient adversary can distinguish from ideal randomness?</p> <p>In 2016, Eshan Chattopadhyay and David Zuckerman found a startling new way to do it. Their paper, “<a href="https://annals.math.princeton.edu/2019/189-3/p01" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Explicit two-source extractors and resilient functions</a>,” solved a central problem that had resisted understanding for nearly 30 years. In 2025, the work earned them the <a href="https://www.sigact.org/prizes/g%C3%B6del/citation2025.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gödel Prize</a>, one of theoretical computer science’s highest honors.</p> <h3>Randomness and Computers</h3> <p>In addition to being a fascinating concept in itself, randomness is also one of the invisible gears that help turn modern life. The classic example is in cryptography, where randomness helps encrypt bank transactions and payments. Encryption keys, digital signatures, authentication codes, and secure protocols all depend on numbers that an attacker cannot predict. If the randomness is weak, biased, or reused, even a mathematically strong system can fail, and a hacker may be able to reconstruct a key.<aside></aside></p> <p>The trouble is that the world rarely hands over perfect randomness. Instead, modern computers collect unpredictable data from sources such as electrical noise in hardware, timing variations in the processor, disk, or even things like <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0020025509002540" rel="noreferrer noopener" target="_blank">mouse movements</a>. Some chips also <a href="https://www.amd.com/en/developer/aocl/rng-library.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">include special instructions</a> that draw on hardware noise sources.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-scaled.png"><img alt="A USB-pluggable hardware &quot;true&quot; random number generator." decoding="async" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-1024x681.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-1024x681.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-768x511.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-1536x1021.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/NeuG_HRNG_22539520445-2048x1362.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>A USB-pluggable hardware “true” random number generator. (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Random_number_generation#/media/File:NeuG_HRNG_(22539520445).png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 2.0)</a>.</figcaption></figure> </div> <p>To make things even more complex, operating systems usually feed the raw input into a secure “randomness pool,” mix them together, and then use cryptographic algorithms to produce clean-looking random bits. This is what your computer uses when it creates encryption keys, secure web connections, passwords, tokens, or cryptographic nonces.</p> <p>Yet even this process isn’t completely impervious. These sources can be biased, correlated, or partially predictable.</p> <p>When they reason about such imperfect sources, computer scientists use a measure called min-entropy. Roughly speaking, min-entropy captures how hard it is to guess the outcome of a random source. A source with low-min entropy is more predictable; one with high min-entropy may not be perfectly random, but no single outcome is too likely.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151.png"><img alt="Graphs describing min-entropy." decoding="async" height="493" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-1024x493.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-1024x493.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-300x144.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151-768x370.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-151.png 1338w" width="1024"></img></a><figcaption>Min-entropy asks how likely the single, most predictable answer is. AI-generated image illustrating the concept. </figcaption></figure> </div> <p>The ideal dream would be to construct a randomness extractor, a deterministic procedure that turns a weak random source into a shorter string that looks almost perfectly random. But, of course, there is a catch.</p> <p>For a single general weak source, deterministic extraction is impossible. No matter what function one chooses, there is always some large subset of inputs on which that function gives a constant answer. A source supported only on that subset can still have high min-entropy, but the extractor’s output will be completely predictable.</p> <p>So what if instead of using one weak source, we used two?</p> <h3>Double Trouble</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff.png"><img alt="Graphics showing a comparison between a RANDU-type random number generator and a more modern and better function for generating random numbers. " decoding="async" height="614" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-1024x614.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-1024x614.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-300x180.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-768x461.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff-1536x921.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/389b8328-86c3-4b34-beda-1c13158023ff.png 1619w" width="1024"></img></a><figcaption>Comparison between a RANDU-type random number generator and a more modern and better function for generating random numbers. RANDU was used primarily in the 1960s and 1970s (right) and had obvious patterns in how it generated random numbers. AI-generated image.</figcaption></figure> </div> <p>If two weak sources are independent, perhaps each can compensate for the flaws of the other. This was the model <a href="https://www.wisdom.weizmann.ac.il/~oded/p_sources.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proposed in the 1980s</a> by Miklos Santha, Umesh Vazirani, Benny Chor and Oded Goldreich. In principle, two-source extractors could work with remarkably little entropy. Here, entropy means the amount of real unpredictability inside a source of random-looking bits.</p> <p>They also proved that some two-source extractors must exist, but they did not give an actual formula or efficient algorithm for building one. For any practical purposes, computer scientists needed explicit extractors (functions that could actually be computed efficiently).</p> <p>For years, the best methods hit a wall. Chor and Goldreich <a href="https://arxiv.org/html/2404.17013v1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">showed that</a> the inner product function could extract randomness from two weak sources, but only if each source still had a lot of entropy — more than half the maximum possible rate. In 2005, <a href="https://www.cambridge.org/core/journals/mathematika/article/abs/an-explicit-twosource-extractor-with-minentropy-rate-near-49/4BE89D77DC2EFF5D525829168F6C9B7C" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Jean Bourgain</a> broke that “half barrier” with tools from Fourier analysis and additive combinatorics. It was a landmark advance, but it did not solve the problem. Bourgain’s methods worked for sources with a constant, significant fraction of entropy. The theoretical dream was to handle sources with far less.</p> <p>Chattopadhyay and Zuckerman’s breakthrough was a new route around the obstacle. Their insight was (in a simplified manner) to use one weak source to build a structured table of values, then use the second weak source to sample from it. Most of the sampled entries behave almost as if they were independent and uniform. The challenge is to combine them in a way that survives those corrupted entries.</p> <p>In order to do this, they connected the problem of extraction to non-malleable extractors, objects that had emerged from cryptography.</p> <p>A normal randomness extractor tries to turn a weak random source into nearly perfect random bits. A non-malleable extractor has a harder duty. It still extracts randomness, but it also remains safe if an attacker tampers with the “seed” or input used in the extraction. In essence, a non-malleable extractor is designed to keep producing useful randomness even when an adversary tampers with a part of the process.</p> <p>That is where another branch of computer science entered the story.</p> <h3>Distributed Computing</h3> <p>In the 1980s, distributed computing researchers studied “<a href="https://arxiv.org/pdf/2202.13452" rel="noreferrer noopener" target="_blank">collective coin flipping</a>.” Imagine many processors trying to agree on a shared random bit. Some processors may be malicious. They can wait, observe the honest processors’ messages, and then choose their own messages to bias the result.</p> <p>To solve this problem, researchers turned to resilient Boolean functions: functions designed so that no small coalition of input bits can strongly influence the final output.</p> <p>It’s an unlikely place to look for inspiration, but Chattopadhyay and Zuckerman used such functions inside their two-source extractor. After one source is used to sample many rows from a table generated using the other source, the sampled bits are fed into a carefully constructed resilient function. The point is that even if some of those sampled bits are “bad” or adversarially correlated, the resilient function can still produce a bit that is close to unbiased.</p> <p>The last piece came from circuit complexity and pseudorandomness, the study of what simple computational circuits can and cannot detect. Mark Braverman <a href="https://www.cs.toronto.edu/~mbraverm/FoolAC0v7.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proved that</a> polynomial-size constant-depth circuits cannot distinguish limited independence from true randomness, as long as the amount of independence is polylogarithmic.</p> <p>This limitation became a strength. Chattopadhyay and Zuckerman used the weakness of these circuits as a guarantee. In essence, their resilient function behaved as if its good inputs were fully random, even though they satisfied only a weaker form of independence.</p> <p>In the end, they produced an explicit two-source extractor for sources with only polylogarithmic min-entropy. The amount of usable randomness required grew only like a power of the logarithm of the source length, far below previous explicit constructions.</p> <h3>Opening the Field</h3> <p>Their paper was published in 2015 as a technical report, and the conference version appeared in 2016. The final journal version was published in Annals of Mathematics in 2019 as “Explicit two-source extractors and resilient functions,” by Eshan Chattopadhyay and David Zuckerman.</p> <p>“David and I were fantastically optimistic when we started this work – we had no idea if our approach would actually succeed,” <a href="https://bowers.cornell.edu/news-stories/chattopadhyay-awarded-godel-prize-landmark-paper" rel="noreferrer noopener" target="_blank">said</a> Chattopadhyay, who is a member of Cornell’s Theory of Computing group. “It’s been amazing to watch the field move forward since then – what once felt like distant goals are now active areas of progress and discovery. I’m deeply grateful to see our work play a part in that progress, and honored that it’s received this kind of recognition.”</p> <p>The Gödel Prize was awarded in 2025, recognizing the result as the solution to a central open problem in computational complexity.</p> <p>The Chattopadhyay-Zuckerman framework did not end the field. Rather, it opened it up for more innovation.</p> <p>By replacing one sampling step with a more efficient object called a somewhere-random condenser, further work moved closer to the information-theoretic limit. <a href="https://cs.stanford.edu/~ddoron/2SourceExt.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Later work</a> achieved explicit extractors requiring near-logarithmic min-entropy.</p> <p>In mathematics and computer science, progress often comes from importing tools from one area into another. Here, the import was unusually elegant, using a limitation in one setting as a resource in another. The fact that constant-depth circuits are weak helped prove that an extractor was strong. But the result might also matter as computation enters a quantum era.</p> <p>Quantum systems can generate randomness in a physical sense. A measurement of a quantum state can produce outcomes that are inherently unpredictable. Yet real quantum devices still suffer from noise, bias and possible adversarial influence. Raw physical randomness must still be certified and purified.</p> <p>No doubt, randomness and computer science still have a lot to work on in the future.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-30-year-randomness-problem-that-could-help-secure-the-quantum-future/#comments 2 Wie die deutsche Bundespolitik den Islamismus glaubwürdig bekämpfen könnte https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-deutsche-bundespolitik-den-islamismus-glaubwuerdig-bekaempfen-koennte/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-deutsche-bundespolitik-den-islamismus-glaubwuerdig-bekaempfen-koennte/#comments Mon, 27 Jul 2026 07:44:16 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11429 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-deutsche-bundespolitik-den-islamismus-glaubwuerdig-bekaempfen-koennte/</link> </image> <description type="html"><h1>Wie die deutsche Bundespolitik den Islamismus glaubwürdig bekämpfen könnte » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-27T09:44:16+02:00">27. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach dem terroristischen Anti-CSD-Anschlag in Berlin überbietet sich die Bundespolitik wieder in Erklärungen und hastigen Vorschlägen gegen Islamismus.</p> <p>Als <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank">Religions- und Politikwissenschaftler, der im Irak &amp; vor Gericht dem IS entgegentrat</a> sowie <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank">mit <strong><em>„Islam in der Krise“</em></strong> auch einen SPIEGEL-Bestseller</a> dazu veröffentlichte, möchte ich feststellen:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im November 2025 vor dem Strafjustizzentrum München mit dem Zitat: &quot;Islamistischer Terrorismus bedroht uns alle. Daher nehme ich gerne die Pflicht wahr und stehe als sachverständiger Zeuge mit meinem Wissen und den Erfahrungen vor Ort in Strafverfahren gegen mutmaßliche IS-Anhänger zur Verfügung. Dr. Michael Blume&quot; " decoding="async" height="1600" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-169x300.png 169w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-576x1024.png 576w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-768x1365.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-864x1536.png 864w" width="900"></img></a></p> <p><em>Habe bereits 2017 für die deutschen Staatsanwaltschaften ein Gutachten zur genozidalen Ideologie des sog. Islamischen Staates (IS) / Daesh erstellt und in mehreren Gerichtsverfahren gegen islamistische Tatbeteiligte ausgesagt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank">Foto vor dem OLG München, November 2025</a> </em></p> <ul> <li>Noch immer werden in Deutschland auch in vermeintlich progressiven Milieus islamistische Terrorgruppen wie Hamas, Hisbollah und Daesh / IS als vermeintliche Widerstands- und Freiheitskämpfer romantisiert, solange sich ihre Gewalt auch gegen Israel richtet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-44-islamischer-rechter-und-linker-querfront-antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">Das Hauptmotiv auch der Verharmlosung von sexualisierter Gewalt und Femiziden durch Deutsche und Zugewanderte bleibt der digitalisierte Querfront-Antisemitismus.</a></li> <li>Die Bundesrepublik Deutschland hat afghanischen Verbündeten gegen die Taliban bereits erteilte Aufnahmezusagen entzogen &amp; stattdessen Taliban als Diplomaten eingeladen.</li> <li>Deutschland importiert weiterhin Öl &amp; Gas auch von islamistischen Regimen &amp; Terror-Unterstützern.</li> <li>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/" rel="noopener" target="_blank">deutsche Bundestag erkannte den Genozid des sogenannten Islamischen Staates (IS) gegen die Jesidinnen &amp; Jesiden einstimmig an.</a> Die letzten beiden Regierungen weigerten sich jedoch, den Beschluss umzusetzen. Stattdessen werden wieder unbescholtene, jesidische Familien in den Irak abgeschoben.<p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nadia Murad und Dr. Michael Blume vor einer Gedenkstatue einer Jesidin mit Kind und der Waagschale der Justiz sowie vor Fotografien von IS-Terroropfern in Stuttgart." decoding="async" height="1567" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-215x300.jpeg 215w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-735x1024.jpeg 735w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-768x1070.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-1103x1536.jpeg 1103w" width="1125"></img></a></p></li> </ul> <p><em>Die Opfer des islamistischen Terrors &amp; feindseligen Dualismus verdienen Gerechtigkeit. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/" rel="noopener" target="_blank">Mit der im Sonderkontingent BW aufgenommenen, späteren UN-Sonderbotschafterin und Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in Stuttgart.</a> Foto: Nadia’s Initiative, 2024</em><aside></aside></p> <ul> <li>Auf dem deutschen Bundestag wurde das Hissen der Regenbogen<span> – Fahne mit der Begründung untersagt, das Parlament sei kein „Zirkuszelt“. Dabei ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/queerfeindlichkeit-als-dualismus-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit/" rel="noopener" target="_blank">der auch beim CSD zu Recht geschwenkte Regenbogen ein schon biblisches Symbol der Vielfalt und Menschenwürde</a>, das auch im Kontext der Bauernkriege geschwenkt wurde und nach dem 30jährigen Krieg <strong>gemeinsam mit Friedenstaube, Ölzweig und Arche zum globalen Friedenssymbol</strong> aufstieg!</span></li> </ul> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/queerfeindlichkeit-als-dualismus-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zehra &amp; Michael Blume in der Hospitalkirche Stuttgart, eingetaucht in Regenbogenfarben, die kurzzeitig aus dem Brechen des Sonnenlichtes in den Kirchenfenstern entstand." decoding="async" height="960" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019.jpg 720w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019-225x300.jpg 225w" width="720"></img></a></p> <p><em>Gemeinsam in Regenbogenfarben: Zehra &amp; ich sind ein christlich-islamisches Ehepaar mit türkischen &amp; ostdeutschen Wurzeln und demokratischem Engagement für Menschenwürde und Vielfalt je bei den Grünen (Zehra) &amp; in der CDU (ich). Foto: Hospitalkirche Stuttgart, privat, nicht nachbearbeitet</em></p> <p>Wenn mich Verantwortliche in Bundespolitik, Medien und Wissenschaft also nach <strong>wirkungsvollen Maßnahmen gegen Islamismus, Antisemitismus &amp; Terrorismus </strong>fragen, antworte ich:</p> <p><em><strong>1. Die fossile Finanzierung islamistischer &amp; autoritärer Regime durch erneuerbare Friedensenergien stoppen.</strong></em></p> <p><em><strong>2. Algorithmische Konzernmedien für die Verrohungen, Radikalisierungen und psychischen Erkrankungen stellen, die sie nachweisbar verursachen.</strong></em></p> <p><em><strong>3. Verfolgten Minderheiten – wie jesidischen, alevitischen, drusischen, jüdischen, bahaiistischen, christlichen, atheistischen,  usw. Menschen – glaubwürdiger gegen islamistische und autoritäre Gewalt beistehen.</strong></em></p> <p><em><strong>4. Verbündeten Musliminnen &amp; Muslimen glaubwürdiger beistehen, die mit uns an den Zentralwert der Menschenwürde glauben &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/" rel="noopener" target="_blank">in freiheitlichen, gewaltenteiligen Republiken leben wollen</a>.</strong></em></p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Am 9. September 207 postete Arik Platzek auf dem damaligen Twitter: &quot;Kurz, klar und sehr klug - &quot;Islam in der Krise&quot; von @BlumeEvolution ist für mich eines der besten Sachbücher der letzten Jahre. Hut ab!&quot;" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IslaminderKriseArikPlatzekTweet0917.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IslaminderKriseArikPlatzekTweet0917.jpg 600w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IslaminderKriseArikPlatzekTweet0917-296x300.jpg 296w" width="600"></img></a></p> <p><em><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank">Die Krise der islamischen Zivilisationen nach dem Buchdruckverbot im 15. und den Öl- und Gasfunden im 20. Jahrhundert ist längst kein wissenschaftliches Mysterium mehr.</a> Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><em><strong>5. Bildung &amp; kluge „Demokratie leben“-Projekte stärken statt bei jungen Menschen noch mehr zu sparen.</strong></em></p> <p><em><strong>6. Konsequent gegen alle Feinde der Republik vorgehen, statt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/pforzheimer-friedenspreis-2025-laudatio-fuer-duezen-tekkal/" rel="noopener" target="_blank">der gegenseitigen Befeuerung der „bösen Zwillinge Rechtsextremismus &amp; Islamismus“ (Düzen Tekkal)</a> zuzuschauen.</strong></em></p> <p>Danke allen, die sich ernsthaft und dialogisch für Religions- und Politikwissenschaft interessieren!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/aCgN5dsls0M?feature=oembed&amp;rel=0" title="Islam in der Krise - Buchvorstellung Patmos-Verlag mit Michael Blume" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Wie die deutsche Bundespolitik den Islamismus glaubwürdig bekämpfen könnte » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-27T09:44:16+02:00">27. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Nach dem terroristischen Anti-CSD-Anschlag in Berlin überbietet sich die Bundespolitik wieder in Erklärungen und hastigen Vorschlägen gegen Islamismus.</p> <p>Als <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank">Religions- und Politikwissenschaftler, der im Irak &amp; vor Gericht dem IS entgegentrat</a> sowie <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank">mit <strong><em>„Islam in der Krise“</em></strong> auch einen SPIEGEL-Bestseller</a> dazu veröffentlichte, möchte ich feststellen:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume im November 2025 vor dem Strafjustizzentrum München mit dem Zitat: &quot;Islamistischer Terrorismus bedroht uns alle. Daher nehme ich gerne die Pflicht wahr und stehe als sachverständiger Zeuge mit meinem Wissen und den Erfahrungen vor Ort in Strafverfahren gegen mutmaßliche IS-Anhänger zur Verfügung. Dr. Michael Blume&quot; " decoding="async" height="1600" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-169x300.png 169w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-576x1024.png 576w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-768x1365.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-864x1536.png 864w" width="900"></img></a></p> <p><em>Habe bereits 2017 für die deutschen Staatsanwaltschaften ein Gutachten zur genozidalen Ideologie des sog. Islamischen Staates (IS) / Daesh erstellt und in mehreren Gerichtsverfahren gegen islamistische Tatbeteiligte ausgesagt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank">Foto vor dem OLG München, November 2025</a> </em></p> <ul> <li>Noch immer werden in Deutschland auch in vermeintlich progressiven Milieus islamistische Terrorgruppen wie Hamas, Hisbollah und Daesh / IS als vermeintliche Widerstands- und Freiheitskämpfer romantisiert, solange sich ihre Gewalt auch gegen Israel richtet. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-44-islamischer-rechter-und-linker-querfront-antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">Das Hauptmotiv auch der Verharmlosung von sexualisierter Gewalt und Femiziden durch Deutsche und Zugewanderte bleibt der digitalisierte Querfront-Antisemitismus.</a></li> <li>Die Bundesrepublik Deutschland hat afghanischen Verbündeten gegen die Taliban bereits erteilte Aufnahmezusagen entzogen &amp; stattdessen Taliban als Diplomaten eingeladen.</li> <li>Deutschland importiert weiterhin Öl &amp; Gas auch von islamistischen Regimen &amp; Terror-Unterstützern.</li> <li>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/" rel="noopener" target="_blank">deutsche Bundestag erkannte den Genozid des sogenannten Islamischen Staates (IS) gegen die Jesidinnen &amp; Jesiden einstimmig an.</a> Die letzten beiden Regierungen weigerten sich jedoch, den Beschluss umzusetzen. Stattdessen werden wieder unbescholtene, jesidische Familien in den Irak abgeschoben.<p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nadia Murad und Dr. Michael Blume vor einer Gedenkstatue einer Jesidin mit Kind und der Waagschale der Justiz sowie vor Fotografien von IS-Terroropfern in Stuttgart." decoding="async" height="1567" sizes="(max-width: 1125px) 100vw, 1125px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696.jpeg 1125w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-215x300.jpeg 215w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-735x1024.jpeg 735w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-768x1070.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_9696-1103x1536.jpeg 1103w" width="1125"></img></a></p></li> </ul> <p><em>Die Opfer des islamistischen Terrors &amp; feindseligen Dualismus verdienen Gerechtigkeit. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/" rel="noopener" target="_blank">Mit der im Sonderkontingent BW aufgenommenen, späteren UN-Sonderbotschafterin und Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in Stuttgart.</a> Foto: Nadia’s Initiative, 2024</em><aside></aside></p> <ul> <li>Auf dem deutschen Bundestag wurde das Hissen der Regenbogen<span> – Fahne mit der Begründung untersagt, das Parlament sei kein „Zirkuszelt“. Dabei ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/queerfeindlichkeit-als-dualismus-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit/" rel="noopener" target="_blank">der auch beim CSD zu Recht geschwenkte Regenbogen ein schon biblisches Symbol der Vielfalt und Menschenwürde</a>, das auch im Kontext der Bauernkriege geschwenkt wurde und nach dem 30jährigen Krieg <strong>gemeinsam mit Friedenstaube, Ölzweig und Arche zum globalen Friedenssymbol</strong> aufstieg!</span></li> </ul> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/queerfeindlichkeit-als-dualismus-gruppenbezogene-menschenfeindlichkeit/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Zehra &amp; Michael Blume in der Hospitalkirche Stuttgart, eingetaucht in Regenbogenfarben, die kurzzeitig aus dem Brechen des Sonnenlichtes in den Kirchenfenstern entstand." decoding="async" height="960" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019.jpg 720w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelZehraBlumeHospitalkircheRegenbogen2019-225x300.jpg 225w" width="720"></img></a></p> <p><em>Gemeinsam in Regenbogenfarben: Zehra &amp; ich sind ein christlich-islamisches Ehepaar mit türkischen &amp; ostdeutschen Wurzeln und demokratischem Engagement für Menschenwürde und Vielfalt je bei den Grünen (Zehra) &amp; in der CDU (ich). Foto: Hospitalkirche Stuttgart, privat, nicht nachbearbeitet</em></p> <p>Wenn mich Verantwortliche in Bundespolitik, Medien und Wissenschaft also nach <strong>wirkungsvollen Maßnahmen gegen Islamismus, Antisemitismus &amp; Terrorismus </strong>fragen, antworte ich:</p> <p><em><strong>1. Die fossile Finanzierung islamistischer &amp; autoritärer Regime durch erneuerbare Friedensenergien stoppen.</strong></em></p> <p><em><strong>2. Algorithmische Konzernmedien für die Verrohungen, Radikalisierungen und psychischen Erkrankungen stellen, die sie nachweisbar verursachen.</strong></em></p> <p><em><strong>3. Verfolgten Minderheiten – wie jesidischen, alevitischen, drusischen, jüdischen, bahaiistischen, christlichen, atheistischen,  usw. Menschen – glaubwürdiger gegen islamistische und autoritäre Gewalt beistehen.</strong></em></p> <p><em><strong>4. Verbündeten Musliminnen &amp; Muslimen glaubwürdiger beistehen, die mit uns an den Zentralwert der Menschenwürde glauben &amp; <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/" rel="noopener" target="_blank">in freiheitlichen, gewaltenteiligen Republiken leben wollen</a>.</strong></em></p> <p><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Am 9. September 207 postete Arik Platzek auf dem damaligen Twitter: &quot;Kurz, klar und sehr klug - &quot;Islam in der Krise&quot; von @BlumeEvolution ist für mich eines der besten Sachbücher der letzten Jahre. 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Konsequent gegen alle Feinde der Republik vorgehen, statt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/pforzheimer-friedenspreis-2025-laudatio-fuer-duezen-tekkal/" rel="noopener" target="_blank">der gegenseitigen Befeuerung der „bösen Zwillinge Rechtsextremismus &amp; Islamismus“ (Düzen Tekkal)</a> zuzuschauen.</strong></em></p> <p>Danke allen, die sich ernsthaft und dialogisch für Religions- und Politikwissenschaft interessieren!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/aCgN5dsls0M?feature=oembed&amp;rel=0" title="Islam in der Krise - Buchvorstellung Patmos-Verlag mit Michael Blume" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-die-deutsche-bundespolitik-den-islamismus-glaubwuerdig-bekaempfen-koennte/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>93</slash:comments> </item> <item> <title>Demokratie und Diskursgemeinschaft https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/demokratie-und-diskursgemeinschaft/ https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/demokratie-und-diskursgemeinschaft/#comments Mon, 27 Jul 2026 07:08:07 +0000 Henning Lobin https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/?p=2291 https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/files/1784995611509-768x432.png <link>https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/demokratie-und-diskursgemeinschaft/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/files/1784995611509.png" /><h1>Demokratie und Diskursgemeinschaft » Die Engelbart-Galaxis » SciLogs</h1><h2>By Von Henning Lobin</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Bei der Debatte über die Zukunft der Demokratie, die gegenwärtig mit immer neuen Beiträgen befeuert wird, bleibt ein Aspekt völlig unerwähnt. Ob nun die Art und Dichte der Partizipation, die Bedrohung objektiver Informationsmöglichkeiten durch KI-generierte <em>Fake News </em>oder die immer stärkere Präsenz antidemokratischer Staatsauffassungen – kaum jemals geht es um die Grundvoraussetzung eines demokratischen Staatswesens überhaupt: die gemeinsame Sprache, in der ein demokratischer Diskurs nur geführt werden kann. Auch bei Veranstaltungen wie den Aktionswochen für die Demokratie stehen andere Aspekte im Vordergrund: demokratische Tradition, Toleranz für Vielfalt und Meinungsfreiheit, das Grundgesetz.</strong></p> <p>Dabei ist das Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache und ihres differenzierten Gebrauchs eine entscheidende Voraussetzung für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen. Wie sonst sollen wir Argumente formen und austauschen, Begründungen geben, Meinungen vermitteln und politische Positionen beschreiben? Wie anders als mit den Mitteln der Sprache soll Demokratie als Sozialform gestaltet werden? Nicht ohne Grund werden im Bundestag keine Powerpoint-Präsentationen gehalten. Doch diese Blindheit gegenüber der Rolle von Sprache in der Demokratie ist schon im Grundgesetz zu beobachten. Das Wort Sprache kommt in der deutschen Verfassung mit ihren 146 Artikeln und mehr als 20.000 Wörtern überhaupt nur ein einziges Mal vor: in Artikel 3, dem Gleichheitsartikel unter den Grundrechten.[1] Dort heißt es im dritten Absatz, dass niemand wegen seiner Sprache benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Aus dieser Regelung wird vor allem der Status von Minderheitensprachen in Deutschland abgeleitet. Zur Landessprache Deutsch hingegen findet sich, anders als in den Verfassungen der anderen deutschsprachigen Länder, nichts.</p> <p>Selbst Jürgen Habermas, dem wir unsere heutige Auffassung von Demokratie in wichtigen Teilen verdanken, behandelt die spezifischen sprachlichen Voraussetzungen des herrschaftsfreien demokratischen Diskurses so gut wie gar nicht. Zwar greift er in seiner Theorie des kommunikativen Handelns[2] mit der Sprechakttheorie eine der wichtigsten Theorien der linguistischen Pragmatik der 1970er Jahre auf, doch bleiben auch bei ihm so zentrale Konzepte wie Sprachkompetenz, Verständlichkeit, Argumentationsstruktur oder Gesprächsdynamik unberücksichtigt – ganz zu schweigen von noch grundlegenderen Fragen, die sich heute aus Mehrsprachigkeit, unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen oder der Technologienutzung ergeben.</p> <p><strong>Sprache in der Staatstheorie</strong></p> <p>Dabei spielen die sprachlichen Grundlagen einer Gesellschaft in der allgemeinen Staatstheorie ursprünglich sehr wohl eine wichtige Rolle. Für Aristoteles etwa bildet die Sprachfähigkeit des Menschen eine von zwei anthropologischen Voraussetzungen dafür, dass wir in staatlichen Gemeinschaften leben.[3] Der englische Philosoph Thomas Hobbes entwickelt 1651 in seiner berühmten staatstheoretischen Abhandlung „Leviathan“[4] geradezu eine komplette Sprachtheorie. Für ihn ist die Unschärfe und der bewusste Missbrauch der Sprache die Ursache dafür, dass immer wieder die anthropologische Prägung des Menschen durchbricht, die für ihn eine ganz andere ist als die bei Aristoteles, nämlich der Krieg aller gegen alle. Nur der Souverän, gleichgültig ob ein Monarch oder das ganze Volk, kann durch Definitionen der Begriffe semantische Unschärfe beseitigen und so den gesellschaftlichen Frieden bewahren.<aside></aside></p> <p>In der Tat ist bei näherer Betrachtung vieles in unserem heutigen Staatswesen von sprachlichen Setzungen abhängig, angefangen bei der Sprache von Gesetzen und Verordnungen, mit der die von Hobbes geforderte sprachliche Klarheit angestrebt wird. Und auch wenn Sprache im Grundgesetz nur im Sinne des Respekts vor der sprachlichen Vielfalt vorkommt, so wird das Deutsche im Staatsangehörigkeitsrecht und als Amts-, Gerichts- und Schulsprache gesetzlich ganz unmissverständlich eingefordert. An verschiedenen Stellen betreiben Bund und Länder zudem explizit Sprachpolitik, die vor allem die sprachliche Förderung zum Ziel hat, und mit dem Goethe-Institut leistet sich Deutschland für fast eine Viertelmilliarde Euro ein Instrument der auswärtigen Kulturpolitik zur Förderung der deutschen Sprache in der Welt. Das Deutsche spielt also beim konkreten staatlichen Handeln sehr wohl eine nicht zu unterschätzende Rolle.</p> <p><strong>Das Nationalitätsprinzip und die Sprache</strong></p> <p>Historisch gesehen kann die Rolle der Nationalsprachen sogar kaum überschätzt werden. Ab dem 19. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es eine allgemein anerkannte Grundüberzeugung, dass Staaten als Nationalstaaten auf der Grundlage der Einheit von Staatsgebiet, der Verbreitung der Landessprache und der jeweiligen Kultur und Geschichte entstehen sollten, das sogenannte Nationalitätsprinzip.[5] Da aber die kulturellen und historischen Prägungen von Menschen schwer zu erfassen sind, etablierte sich die geografische Ausdehnung eines Sprachgebiets als das Mittel der Wahl, um die Grenzen eines Staates festzulegen. In der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49 drehte sich die Debatte lange darum, ob nun die dänischsprachigen Gebiete im Norden, die polnischsprachigen im Osten und die nicht-deutschsprachigen Landesteile des damaligen Österreich im Süden zum Deutschen Reich gehören sollten oder nicht. Letztlich ist die deutsche Revolution in der Nationalversammlung sogar an dieser Frage gescheitert, da sich die Habsburgermonarchie in dem projektierten Deutschen Reich nicht auf seine deutschsprachigen Territorien beschränken lassen wollte. Der „Kompromiss“ von 1871, die kleindeutsche Lösung ohne Österreich, war, wie wir aus heutiger Perspektive wissen, einer der Anlässe für Hitlers großdeutsche Politik hin zum Anschluss Österreichs, die nachfolgenden Annexionen tschechischen Staatsgebiets, schließlich zum Angriff auf Polen und somit der Weg in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.[6]</p> <p>Die historische Ironie bei der Anwendung des Nationalitätsprinzips liegt aber darin, dass die „alten“ Nationalstaaten, allen voran das große Vorbild Frankreich, selbst überhaupt nicht auf dieser Grundlage entstanden sind. Die Einheit wurde vielmehr erst nach der Staatsgründung bewusst hergestellt, sowohl sprachlich als auch kulturell. Zum Zeitpunkt der Französischen Revolution beherrschten gerade einmal die Hälfte der Bevölkerung das Französische, davon ein beträchtlicher Teil nur leidlich.[7] In Italien, ähnlich Deutschland ein „später“ Nationalstaat, war die Situation sogar noch extremer: Gerade einmal 2,5 Prozent der Bevölkerung waren zum Zeitpunkt der Staatsgründung 1861 des Italienischen mächtig.[8]</p> <p>Trotzdem entfaltete das Nationalitätsprinzip seine enorme Wirkung, wenn auch, wie Eric Hobsbawm schon 1990 beschrieben hat, weniger bei der Gründung von Nationalstaaten als vielmehr bei der Entstehung des Nationalismus.[9] Wie dies aussah, konnte man im 19. Jahrhundert am Beispiel Deutschlands sehen: die Beschwörung der sprachlich-kulturellen Einheit durch eine kleine kulturelle Elite vor der Reichsgründung, die Entfaltung eines immer ungehemmteren Nationalismus einschließlich der „Reinigung“ des Deutschen von fremdsprachigen Einflüssen danach.</p> <p><strong>Sprache im postnationalen Staat</strong></p> <p>Das heutige Deutschland unterliegt nicht mehr dem Nationalitätsprinzip, niemand strebt an, seine Grenzen zu verschieben und die friedliche Koexistenz mit den anderen deutschsprachigen Ländern in Frage zu stellen. Deutschland ist ein postnationales Land geworden. Die staatliche Gegenwart wird in sprachlicher Hinsicht geformt durch Mehrsprachigkeit, bedingt durch Migration, Mobilität und Globalisierung, grenzüberschreitende Medien und einer infolgedessen sprachlich und ethnisch zunehmend inhomogenen Bevölkerung. Statt der einen gibt es viele parallele kulturelle Prägungen und Vorstellungen in und von der Gesellschaft, und selbst die Geschichte Deutschlands ist für viele Menschen, die eine individuelle Migrationsgeschichte besitzen, nicht die primäre historische Erzählung, auf die sie sich beziehen. Staatskonzepte, die auf dem Nationalitätsprinzip beruhen, lassen sich zumindest für den deutschsprachigen Raum nicht mehr ernsthaft propagieren. Zugleich bietet aber auch die Demokratietheorie keinen Ansatzpunkt dafür, den funktionalen Status einer gemeinsamen Sprache in einer demokratischen Gesellschaft näher zu bestimmen. Wie also lässt sich die faktische Bedeutung der deutschen Sprache im Staat mit ihrer postnationalen Relativierung in Verbindung bringen?</p> <p>Sieht man sich die Debatten an, die in der Öffentlichkeit geführt werden, so werden diese in deutscher Sprache geführt, und niemand stellt dies grundsätzlich in Frage. Es sind Debatten, denen Medienunternehmen eine Plattform bieten. Auffällig an diesen Debatten ist aber, dass sie nur selten grenzüberschreitend geführt werden, selbst dann nicht, wenn es sich um die benachbarten deutschsprachigen Länder handelt und dies auf internationalen Medienplattformen geschieht. Debatten in Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport machen zumeist an den Landesgrenzen halt, sie werden nicht übergreifend beispielsweise in Deutschland und Österreich geführt. Zwangsläufig so sein müsste dies nicht. Die Unterschiede in den Bereichen des Rechts, der Politik, vielleicht auch in der Landeskultur sind aber offenbar so groß, dass eine gemeinsame Basis für einen übergreifenden Diskurs selbst bei international konvergierenden Themen nicht existiert.</p> <p>Diese Selbstverständlichkeit des Bezugs auf das Deutsche bei diesen Debatten ist verblüffend angesichts einer gesellschaftlichen Situation, in der nahezu jeder Wert, jede Norm und jede Institution hinterfragt wird. Für große Teile der Gesellschaft gibt es nur noch einen anderen Bezugspunkt, der ähnlich unverrückbar ist: das Grundgesetz. Die darin enthaltenen Grundrechte, die Regelungen zur Staatsorganisation und zu den demokratischen Verfahrensweisen bilden ein ähnlich stabiles Fundament des Staates wie die deutsche Sprache für den öffentlichen Diskurs.</p> <p><strong>Der Staat als Diskursgemeinschaft</strong></p> <p>Der Bezug auf die Sprache hat genauso wenig mit dem Nationalitätsprinzip zu tun wie das Vertrauen in das Grundgesetz. Die Anerkennung des Rangs des Grundgesetzes für die deutsche Identität ist von Dolf Sternberger und Jürgen Habermas bekanntlich als „Verfassungspatriotismus“ bezeichnet worden.[10] Eine vergleichbare Bezeichnung für die selbstverständliche Anerkennung der deutschen Sprache als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses gibt es nicht, „Sprachpatriotismus“ würde weit daran vorbeigehen. Eine adäquate Bezeichnung müsste vielmehr darauf abheben, dass das Deutsche in Deutschland als die gemeinsame Sprache Verwendung findet, wenn es um den gesellschaftlichen Diskurs geht. Vielleicht kann dies im Begriff der „Diskursgemeinschaft“ erfasst werden.</p> <p>So wie der Verfassungspatriotismus an die Stelle des Nationalismus getreten ist, ist eine sprachlich homogene Diskursgemeinschaft somit an die abstrakte Gemeinschaft der Muttersprachler getreten, die dem sprachinduzierten Nationalismus zugrunde liegt. Auf diese Weise bringt sich die deutsche Sprache heute also in die demokratische und pluralistische Verfasstheit des postnationalen Deutschland ein. Und das führt uns zu dem überraschenden Befund, dass die deutsche Sprache, vielleicht gerade weil sie bei der Beschwörung der Demokratie so unsichtbar ist, ihre Selbstverständlichkeit demonstriert und gerade mit ihr das einzig wirklich Verbindende in einer durch ein hohes Maß an Vielfalt und Individualisierung geprägten Gesellschaft gegeben ist, zusammen mit dem durch Übereinkunft geschaffenen staatlichen Rahmen selbst. Ist also heute die Sprache dieser Diskursgemeinschaft das einzige verbliebene Band, das in einem postnationalen Staat wie Deutschland die Staatsgemeinschaft begründet?</p> <hr></hr> <p>[1]        S. <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html" rel="noopener">https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html</a>. Der Absatz latuet vollständig: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“</p> <p>[2]     Vgl. Habermas, Jürgen (1981): <em>Theorie des kommunikativen Handelns</em>. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.</p> <p>[3]    Vgl. Aristoteles (2012): <em>Politik</em> (Philosophische Bibliothek, Bd. 616). Hamburg: Meiner, Pos. 1253a1.</p> <p>[4]    Vgl. Hobbes, Thomas (2005) <em>Leviathan</em> (Philosophische Bibliothek, Bd. 491). Hamburg: Meiner, S. 23-32.</p> <p>[5]     Hobsbawm, Eric J. (1991): <em>Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780</em> (3. Aufl. 2005). Deutsche Übersetzung von Udo Rennert der englischen Originalausgabe von 1990. Frankfurt/Main, New York: Campus, S. 121.</p> <p>[6]      Vgl. Lobin, Henning (2025): Nationalsprache Deutsch? Entwicklung und Status der deutschen Sprache in Mitteleuropa. In: <a href="https://pub.ids-mannheim.de/extern/zmg/zmg11.html" rel="noopener"><em>Zeitschrift für Mitteleuropäische Germanistik</em></a> <a href="https://pub.ids-mannheim.de/extern/zmg/zmg11.html" rel="noopener">11</a>. Wien: Präsens, 2025. S. 253-272.</p> <p>[7]    Vgl. Klare, Johannes (2011): <em>Französische Sprachgeschichte</em> (Romanische Sprachen und ihre Didaktik, Bd. 33). Stuttgart: Ibidem, S. 153.</p> <p>[8]   Vgl. Schwarze, Sabine (2021) Externe Geschichte des Italienischen. In: Antje Lobin &amp; Eva-Tabea Meineke (Hrsg.) <em>Handbuch Italienisch. Sprache – Literatur – Kultur</em>. Berlin: Erich Schmidt Verlag. S. 16–26, hier S. 23.</p> <p>[9]    Vgl. Hobsbawm, Eric J. (1991): <em>Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780</em> (3. Aufl. 2005). Deutsche Übersetzung von Udo Rennert der englischen Originalausgabe von 1990. Frankfurt/Main, New York: Campus.</p> <p>[10]     Zu den beiden zentralen Texten und dem weiteren Diskurs zu diesem Begriff vgl. Augsberg, Steffen (Hrsg., 2024): <em>Verfassungspatriotismus. Konzept, Kritik, künftige Relevanz.</em> Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.</p> <p>[Beitragsbild: KI-generiert]</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/files/1784995611509.png" /><h1>Demokratie und Diskursgemeinschaft » Die Engelbart-Galaxis » SciLogs</h1><h2>By Von Henning Lobin</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Bei der Debatte über die Zukunft der Demokratie, die gegenwärtig mit immer neuen Beiträgen befeuert wird, bleibt ein Aspekt völlig unerwähnt. Ob nun die Art und Dichte der Partizipation, die Bedrohung objektiver Informationsmöglichkeiten durch KI-generierte <em>Fake News </em>oder die immer stärkere Präsenz antidemokratischer Staatsauffassungen – kaum jemals geht es um die Grundvoraussetzung eines demokratischen Staatswesens überhaupt: die gemeinsame Sprache, in der ein demokratischer Diskurs nur geführt werden kann. Auch bei Veranstaltungen wie den Aktionswochen für die Demokratie stehen andere Aspekte im Vordergrund: demokratische Tradition, Toleranz für Vielfalt und Meinungsfreiheit, das Grundgesetz.</strong></p> <p>Dabei ist das Vorhandensein einer gemeinsamen Sprache und ihres differenzierten Gebrauchs eine entscheidende Voraussetzung für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen. Wie sonst sollen wir Argumente formen und austauschen, Begründungen geben, Meinungen vermitteln und politische Positionen beschreiben? Wie anders als mit den Mitteln der Sprache soll Demokratie als Sozialform gestaltet werden? Nicht ohne Grund werden im Bundestag keine Powerpoint-Präsentationen gehalten. Doch diese Blindheit gegenüber der Rolle von Sprache in der Demokratie ist schon im Grundgesetz zu beobachten. Das Wort Sprache kommt in der deutschen Verfassung mit ihren 146 Artikeln und mehr als 20.000 Wörtern überhaupt nur ein einziges Mal vor: in Artikel 3, dem Gleichheitsartikel unter den Grundrechten.[1] Dort heißt es im dritten Absatz, dass niemand wegen seiner Sprache benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Aus dieser Regelung wird vor allem der Status von Minderheitensprachen in Deutschland abgeleitet. Zur Landessprache Deutsch hingegen findet sich, anders als in den Verfassungen der anderen deutschsprachigen Länder, nichts.</p> <p>Selbst Jürgen Habermas, dem wir unsere heutige Auffassung von Demokratie in wichtigen Teilen verdanken, behandelt die spezifischen sprachlichen Voraussetzungen des herrschaftsfreien demokratischen Diskurses so gut wie gar nicht. Zwar greift er in seiner Theorie des kommunikativen Handelns[2] mit der Sprechakttheorie eine der wichtigsten Theorien der linguistischen Pragmatik der 1970er Jahre auf, doch bleiben auch bei ihm so zentrale Konzepte wie Sprachkompetenz, Verständlichkeit, Argumentationsstruktur oder Gesprächsdynamik unberücksichtigt – ganz zu schweigen von noch grundlegenderen Fragen, die sich heute aus Mehrsprachigkeit, unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen oder der Technologienutzung ergeben.</p> <p><strong>Sprache in der Staatstheorie</strong></p> <p>Dabei spielen die sprachlichen Grundlagen einer Gesellschaft in der allgemeinen Staatstheorie ursprünglich sehr wohl eine wichtige Rolle. Für Aristoteles etwa bildet die Sprachfähigkeit des Menschen eine von zwei anthropologischen Voraussetzungen dafür, dass wir in staatlichen Gemeinschaften leben.[3] Der englische Philosoph Thomas Hobbes entwickelt 1651 in seiner berühmten staatstheoretischen Abhandlung „Leviathan“[4] geradezu eine komplette Sprachtheorie. Für ihn ist die Unschärfe und der bewusste Missbrauch der Sprache die Ursache dafür, dass immer wieder die anthropologische Prägung des Menschen durchbricht, die für ihn eine ganz andere ist als die bei Aristoteles, nämlich der Krieg aller gegen alle. Nur der Souverän, gleichgültig ob ein Monarch oder das ganze Volk, kann durch Definitionen der Begriffe semantische Unschärfe beseitigen und so den gesellschaftlichen Frieden bewahren.<aside></aside></p> <p>In der Tat ist bei näherer Betrachtung vieles in unserem heutigen Staatswesen von sprachlichen Setzungen abhängig, angefangen bei der Sprache von Gesetzen und Verordnungen, mit der die von Hobbes geforderte sprachliche Klarheit angestrebt wird. Und auch wenn Sprache im Grundgesetz nur im Sinne des Respekts vor der sprachlichen Vielfalt vorkommt, so wird das Deutsche im Staatsangehörigkeitsrecht und als Amts-, Gerichts- und Schulsprache gesetzlich ganz unmissverständlich eingefordert. An verschiedenen Stellen betreiben Bund und Länder zudem explizit Sprachpolitik, die vor allem die sprachliche Förderung zum Ziel hat, und mit dem Goethe-Institut leistet sich Deutschland für fast eine Viertelmilliarde Euro ein Instrument der auswärtigen Kulturpolitik zur Förderung der deutschen Sprache in der Welt. Das Deutsche spielt also beim konkreten staatlichen Handeln sehr wohl eine nicht zu unterschätzende Rolle.</p> <p><strong>Das Nationalitätsprinzip und die Sprache</strong></p> <p>Historisch gesehen kann die Rolle der Nationalsprachen sogar kaum überschätzt werden. Ab dem 19. Jahrhundert bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war es eine allgemein anerkannte Grundüberzeugung, dass Staaten als Nationalstaaten auf der Grundlage der Einheit von Staatsgebiet, der Verbreitung der Landessprache und der jeweiligen Kultur und Geschichte entstehen sollten, das sogenannte Nationalitätsprinzip.[5] Da aber die kulturellen und historischen Prägungen von Menschen schwer zu erfassen sind, etablierte sich die geografische Ausdehnung eines Sprachgebiets als das Mittel der Wahl, um die Grenzen eines Staates festzulegen. In der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49 drehte sich die Debatte lange darum, ob nun die dänischsprachigen Gebiete im Norden, die polnischsprachigen im Osten und die nicht-deutschsprachigen Landesteile des damaligen Österreich im Süden zum Deutschen Reich gehören sollten oder nicht. Letztlich ist die deutsche Revolution in der Nationalversammlung sogar an dieser Frage gescheitert, da sich die Habsburgermonarchie in dem projektierten Deutschen Reich nicht auf seine deutschsprachigen Territorien beschränken lassen wollte. Der „Kompromiss“ von 1871, die kleindeutsche Lösung ohne Österreich, war, wie wir aus heutiger Perspektive wissen, einer der Anlässe für Hitlers großdeutsche Politik hin zum Anschluss Österreichs, die nachfolgenden Annexionen tschechischen Staatsgebiets, schließlich zum Angriff auf Polen und somit der Weg in die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.[6]</p> <p>Die historische Ironie bei der Anwendung des Nationalitätsprinzips liegt aber darin, dass die „alten“ Nationalstaaten, allen voran das große Vorbild Frankreich, selbst überhaupt nicht auf dieser Grundlage entstanden sind. Die Einheit wurde vielmehr erst nach der Staatsgründung bewusst hergestellt, sowohl sprachlich als auch kulturell. Zum Zeitpunkt der Französischen Revolution beherrschten gerade einmal die Hälfte der Bevölkerung das Französische, davon ein beträchtlicher Teil nur leidlich.[7] In Italien, ähnlich Deutschland ein „später“ Nationalstaat, war die Situation sogar noch extremer: Gerade einmal 2,5 Prozent der Bevölkerung waren zum Zeitpunkt der Staatsgründung 1861 des Italienischen mächtig.[8]</p> <p>Trotzdem entfaltete das Nationalitätsprinzip seine enorme Wirkung, wenn auch, wie Eric Hobsbawm schon 1990 beschrieben hat, weniger bei der Gründung von Nationalstaaten als vielmehr bei der Entstehung des Nationalismus.[9] Wie dies aussah, konnte man im 19. Jahrhundert am Beispiel Deutschlands sehen: die Beschwörung der sprachlich-kulturellen Einheit durch eine kleine kulturelle Elite vor der Reichsgründung, die Entfaltung eines immer ungehemmteren Nationalismus einschließlich der „Reinigung“ des Deutschen von fremdsprachigen Einflüssen danach.</p> <p><strong>Sprache im postnationalen Staat</strong></p> <p>Das heutige Deutschland unterliegt nicht mehr dem Nationalitätsprinzip, niemand strebt an, seine Grenzen zu verschieben und die friedliche Koexistenz mit den anderen deutschsprachigen Ländern in Frage zu stellen. Deutschland ist ein postnationales Land geworden. Die staatliche Gegenwart wird in sprachlicher Hinsicht geformt durch Mehrsprachigkeit, bedingt durch Migration, Mobilität und Globalisierung, grenzüberschreitende Medien und einer infolgedessen sprachlich und ethnisch zunehmend inhomogenen Bevölkerung. Statt der einen gibt es viele parallele kulturelle Prägungen und Vorstellungen in und von der Gesellschaft, und selbst die Geschichte Deutschlands ist für viele Menschen, die eine individuelle Migrationsgeschichte besitzen, nicht die primäre historische Erzählung, auf die sie sich beziehen. Staatskonzepte, die auf dem Nationalitätsprinzip beruhen, lassen sich zumindest für den deutschsprachigen Raum nicht mehr ernsthaft propagieren. Zugleich bietet aber auch die Demokratietheorie keinen Ansatzpunkt dafür, den funktionalen Status einer gemeinsamen Sprache in einer demokratischen Gesellschaft näher zu bestimmen. Wie also lässt sich die faktische Bedeutung der deutschen Sprache im Staat mit ihrer postnationalen Relativierung in Verbindung bringen?</p> <p>Sieht man sich die Debatten an, die in der Öffentlichkeit geführt werden, so werden diese in deutscher Sprache geführt, und niemand stellt dies grundsätzlich in Frage. Es sind Debatten, denen Medienunternehmen eine Plattform bieten. Auffällig an diesen Debatten ist aber, dass sie nur selten grenzüberschreitend geführt werden, selbst dann nicht, wenn es sich um die benachbarten deutschsprachigen Länder handelt und dies auf internationalen Medienplattformen geschieht. Debatten in Politik, Wirtschaft, Kultur oder Sport machen zumeist an den Landesgrenzen halt, sie werden nicht übergreifend beispielsweise in Deutschland und Österreich geführt. Zwangsläufig so sein müsste dies nicht. Die Unterschiede in den Bereichen des Rechts, der Politik, vielleicht auch in der Landeskultur sind aber offenbar so groß, dass eine gemeinsame Basis für einen übergreifenden Diskurs selbst bei international konvergierenden Themen nicht existiert.</p> <p>Diese Selbstverständlichkeit des Bezugs auf das Deutsche bei diesen Debatten ist verblüffend angesichts einer gesellschaftlichen Situation, in der nahezu jeder Wert, jede Norm und jede Institution hinterfragt wird. Für große Teile der Gesellschaft gibt es nur noch einen anderen Bezugspunkt, der ähnlich unverrückbar ist: das Grundgesetz. Die darin enthaltenen Grundrechte, die Regelungen zur Staatsorganisation und zu den demokratischen Verfahrensweisen bilden ein ähnlich stabiles Fundament des Staates wie die deutsche Sprache für den öffentlichen Diskurs.</p> <p><strong>Der Staat als Diskursgemeinschaft</strong></p> <p>Der Bezug auf die Sprache hat genauso wenig mit dem Nationalitätsprinzip zu tun wie das Vertrauen in das Grundgesetz. Die Anerkennung des Rangs des Grundgesetzes für die deutsche Identität ist von Dolf Sternberger und Jürgen Habermas bekanntlich als „Verfassungspatriotismus“ bezeichnet worden.[10] Eine vergleichbare Bezeichnung für die selbstverständliche Anerkennung der deutschen Sprache als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses gibt es nicht, „Sprachpatriotismus“ würde weit daran vorbeigehen. Eine adäquate Bezeichnung müsste vielmehr darauf abheben, dass das Deutsche in Deutschland als die gemeinsame Sprache Verwendung findet, wenn es um den gesellschaftlichen Diskurs geht. Vielleicht kann dies im Begriff der „Diskursgemeinschaft“ erfasst werden.</p> <p>So wie der Verfassungspatriotismus an die Stelle des Nationalismus getreten ist, ist eine sprachlich homogene Diskursgemeinschaft somit an die abstrakte Gemeinschaft der Muttersprachler getreten, die dem sprachinduzierten Nationalismus zugrunde liegt. Auf diese Weise bringt sich die deutsche Sprache heute also in die demokratische und pluralistische Verfasstheit des postnationalen Deutschland ein. Und das führt uns zu dem überraschenden Befund, dass die deutsche Sprache, vielleicht gerade weil sie bei der Beschwörung der Demokratie so unsichtbar ist, ihre Selbstverständlichkeit demonstriert und gerade mit ihr das einzig wirklich Verbindende in einer durch ein hohes Maß an Vielfalt und Individualisierung geprägten Gesellschaft gegeben ist, zusammen mit dem durch Übereinkunft geschaffenen staatlichen Rahmen selbst. Ist also heute die Sprache dieser Diskursgemeinschaft das einzige verbliebene Band, das in einem postnationalen Staat wie Deutschland die Staatsgemeinschaft begründet?</p> <hr></hr> <p>[1]        S. <a href="https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html" rel="noopener">https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_3.html</a>. Der Absatz latuet vollständig: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“</p> <p>[2]     Vgl. Habermas, Jürgen (1981): <em>Theorie des kommunikativen Handelns</em>. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.</p> <p>[3]    Vgl. Aristoteles (2012): <em>Politik</em> (Philosophische Bibliothek, Bd. 616). Hamburg: Meiner, Pos. 1253a1.</p> <p>[4]    Vgl. Hobbes, Thomas (2005) <em>Leviathan</em> (Philosophische Bibliothek, Bd. 491). Hamburg: Meiner, S. 23-32.</p> <p>[5]     Hobsbawm, Eric J. (1991): <em>Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780</em> (3. Aufl. 2005). Deutsche Übersetzung von Udo Rennert der englischen Originalausgabe von 1990. Frankfurt/Main, New York: Campus, S. 121.</p> <p>[6]      Vgl. Lobin, Henning (2025): Nationalsprache Deutsch? Entwicklung und Status der deutschen Sprache in Mitteleuropa. In: <a href="https://pub.ids-mannheim.de/extern/zmg/zmg11.html" rel="noopener"><em>Zeitschrift für Mitteleuropäische Germanistik</em></a> <a href="https://pub.ids-mannheim.de/extern/zmg/zmg11.html" rel="noopener">11</a>. Wien: Präsens, 2025. S. 253-272.</p> <p>[7]    Vgl. Klare, Johannes (2011): <em>Französische Sprachgeschichte</em> (Romanische Sprachen und ihre Didaktik, Bd. 33). Stuttgart: Ibidem, S. 153.</p> <p>[8]   Vgl. Schwarze, Sabine (2021) Externe Geschichte des Italienischen. In: Antje Lobin &amp; Eva-Tabea Meineke (Hrsg.) <em>Handbuch Italienisch. Sprache – Literatur – Kultur</em>. Berlin: Erich Schmidt Verlag. S. 16–26, hier S. 23.</p> <p>[9]    Vgl. Hobsbawm, Eric J. (1991): <em>Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780</em> (3. Aufl. 2005). Deutsche Übersetzung von Udo Rennert der englischen Originalausgabe von 1990. Frankfurt/Main, New York: Campus.</p> <p>[10]     Zu den beiden zentralen Texten und dem weiteren Diskurs zu diesem Begriff vgl. Augsberg, Steffen (Hrsg., 2024): <em>Verfassungspatriotismus. Konzept, Kritik, künftige Relevanz.</em> Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.</p> <p>[Beitragsbild: KI-generiert]</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/demokratie-und-diskursgemeinschaft/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>9</slash:comments> </item> <item> <title>Körper und Geist – getrennt oder ein und dasselbe? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/koerper-und-geist-getrennt-oder-ein-und-dasselbe/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/koerper-und-geist-getrennt-oder-ein-und-dasselbe/#comments Mon, 27 Jul 2026 06:00:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6200 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/yoga-meditation-park-grass-is-healthy-woman-rest-768x495.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/koerper-und-geist-getrennt-oder-ein-und-dasselbe/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/yoga-meditation-park-grass-is-healthy-woman-rest-1024x660.jpg" /><h1>Körper und Geist – getrennt oder ein und dasselbe? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich habe ich meinen Tag mal anders gestartet als sonst. Und zwar richtig früh, 6:30 Uhr im Park beim Yoga. Einer meiner Mitbewohner hat für unsere Freundesgruppe eine kleine Session angeleitet. Die Luft war noch kühl und man konnte das feuchte Gras riechen. Mit jedem Atemzug wurde mein Geist ruhiger und ich habe alle Geräusche um mich herum ganz bewusst wahrgenommen. Während sich unsere Körper durch die verschiedenen Positionen bewegten und unter Anstrengung hielten, passierte in meinem Kopf plötzlich genau das Gegenteil: völlige Entspannung. </p> <p>Da schoss mir eine Frage in den Sinn, über die sich schlaue Köpfe seit Jahrhunderten streiten. Wie kann es eigentlich sein, dass ich durch meinen Körper, über Bewegung und Atmung mein Inneres derart beeinflussen kann? Wo genau hört der Körper auf und wo fängt der Geist an? Sind unsere fleischliche Hülle und unser unsichtbares Bewusstsein wirklich zwei komplett getrennte Welten, oder am Ende doch ein und dasselbe? </p> <p>Hören wir auf Descartes, so besteht die Welt aus zwei völlig unterschiedlichen Substanzen. Auf der einen Seite steht die Materie und somit alles, das wir physisch berühren und messen können. Teil dieser <em>res extensa</em> („ausgedehnte Sache“) ist auch unser Körper. Demgegenüber beschreibt er den Geist, unser Bewusstsein und Denken, die <em>res cogitans</em> (cogitans – denkend, zweifelnd) [12]. Descartes verstand den Körper als eine Art biologische Maschine, die von einem immateriellen Geist gesteuert wird. Diese radikale Sichtweise fand in den letzten Jahrhunderten nicht wenige Kritikerinnen, so spottete der britische Philosoph Ryle später über dieses „Gespenst in der Maschine“ [1].</p> <p>Nachdem Descartes nun aber den Geist als unsichtbaren Piloten in eine fleischliche Maschine gesetzt hatte, standen die nachfolgenden Generationen vor einem Rätsel. Wenn der Geist immateriell ist, wie kann er derartig in die materielle Welt eingreifen, insofern wir Kraft unseres Willens unseren Körper bewegen, handeln oder aber in Form von Emotionen physiologische Reaktionen zeigen. Die Philosophie spricht hier vom „Problem der mentalen Verursachung“. Im Laufe der Zeit haben verschiedenste Denkerinnen und Denker verschiedene Lösungsansätze zum Leib-Seele-Problem erarbeitet.</p> <div data-wp-context="{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }" data-wp-interactive="core/accordion" role="group"> <div data-wp-class--is-open="state.isOpen" data-wp-context="{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-1&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }" data-wp-init="callbacks.initAccordionItems" data-wp-on-window--hashchange="callbacks.hashChange"> <h3></h3> <p>In den 1950ern kam eine Idee auf, die genau konträr zu Descartes Ansatz ist. Geist und Körper seien demnach keinesfalls getrennt, sondern sogar gänzlich identisch. Wenn wir Schmerz fühlen, sei das exakt dasselbe wie, wenn bestimmte Nervenbahnen feuern, die sogenannten C-Fasern, die Schmerzsignale übermitteln. Der scheinbare Unterschied entstehe bloß dadurch, dass das innere Gefühl des Schmerzes vollkommen anders ist, als es für wissenschaftliche Messungen von außen dann etwa im Hirnscanner aussieht. Körper und Geist sind demnach nur zwei Erscheinungsformen ein und derselben Sache. [13]<aside></aside></p> </div> </div> <div data-wp-context="{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }" data-wp-interactive="core/accordion" role="group"> <div data-wp-class--is-open="state.isOpen" data-wp-context="{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-2&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }" data-wp-init="callbacks.initAccordionItems" data-wp-on-window--hashchange="callbacks.hashChange"> <h3></h3> <p>Im Funktionalismus hingegen wird der Geist nicht als eigenständige Substanz betrachtet, sondern eher wie die Software eines Computers. Mentale Zustände (wie ein Wunsch oder ein Schmerz) werden ausschließlich durch ihre Funktion im System definiert, also durch den Input (z.B. eine Verletzung) und den daraus resultierenden Output (z.B. „Aua“ rufen und die Hand wegziehen). Ob dieses System nun ein biologisches Gehirn aus Kohlenstoff oder ein künstlicher Computer ist, spielt für die rein funktionale Betrachtung des Geistes keine Rolle. [13]</p> </div> </div> <div data-wp-context="{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }" data-wp-interactive="core/accordion" role="group"> <div data-wp-class--is-open="state.isOpen" data-wp-context="{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-3&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }" data-wp-init="callbacks.initAccordionItems" data-wp-on-window--hashchange="callbacks.hashChange"> <h3></h3> <p>Manchen Stimmen in der Philosophie geht der funktionalistische Ansatz allerdings noch nicht weit genug. Was wäre, wenn Wünsche, Schmerzen, Sorgen im Grunde eigentlich gar nicht existieren? Das behaupten zumindest die Eliminativisten. Sie argumentieren, dass unsere fehlerhafte „Alltagspsychologie“ bald vollständig durch die Neurowissenschaft ersetzt werde. Ähnlich wie veraltete wissenschaftliche Theorien durch bessere abgelöst wurden, würden wir in Zukunft mentale Begriffe wie „Glaube“ oder „Wille“ aus unserem Wortschatz streichen. Stattdessen würden wir präzise neuronale Zustände beschreiben. Wir sagen dann nicht mehr „Ich habe Durst“, sondern sprächen nüchtern von spezifischen Transmitterausschüttungen und zellulären Mangelzuständen im Hypothalamus. [13]</p> </div> </div> <div data-wp-context="{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }" data-wp-interactive="core/accordion" role="group"> <div data-wp-class--is-open="state.isOpen" data-wp-context="{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-4&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }" data-wp-init="callbacks.initAccordionItems" data-wp-on-window--hashchange="callbacks.hashChange"> <h3></h3> <div aria-labelledby="accordion-item-4" data-wp-bind--inert="!state.isOpen" id="accordion-item-4-panel" inert="" role="region"> <p>Vielleicht geht es dir, wenn du das liest so wie mir und in dir sträubt sich gerade alles. Die Psychologin in mir ist auch gar nicht überzeugt von der Idee, dass unsere Gefühle nur eine Erzählung, nur ein Märchen sein sollen. Vielleicht fühlst du dich in diesem Fall wohler mit dem Ansatz des Epiphänomenalismus. Demnach wäre der Geist mehr eine Begleiterscheinung körperlicher Zustände und Reaktionen. </p> <p>Diese körperlichen Zustände verursachen zwar unsere geistigen Erlebnisse, letztere sind selbst aber vollkommen machtlos. Als reines „Epiphänomen“ wären sie also nur ein Nebenprodukt des Physiologischen und unser Geist gewissermaßen unbeteiligter Beobachter in unserem Körper, der unser bewusstes Erleben darstellt. Für den freien Willen würde das allerdings wieder nichts Gutes bedeuten. Ob das die allesklärende Antwort ist, bleibt fraglich. [13]</p> </div> </div> </div> <h2><strong>Sind wir alle Dualisten?</strong></h2> <p>Auch wenn Descartes‘ strikte Trennung in der modernen Wissenschaft heute oft abgelehnt wird, sind wir im Alltag doch fast alle heimliche Dualisten. Wir sprechen ganz selbstverständlich davon, dass wir „einen Körper <em>haben</em>“ (als könnten wir diesen wie einen Gegenstand besitzen) und nicht davon, dass wir „ein Körper <em>sind</em>“. Wenn wir krank sind oder unser Knie schmerzt, fühlen wir uns oft, als würde uns unsere biologische Hülle im Stich lassen. Wir erleben uns intuitiv als ein unsichtbares „Ich“, das irgendwo hinter den Augen sitzt und unseren fleischlichen Körper durch die Welt navigiert.</p> <p>Nun leben wir nicht mehr im 17 Jhd. zur Zeit von Descartes und Co. Heute haben wir ganz andere technische Möglichkeiten, den vermeintlichen Sitz unseres Geistes, das Gehirn, genau zu untersuchen. Das Leib-Seele-Problem müsste dann doch längst gelöst sein, sollte man meinen. Spoiler: Ganz so einfach ist es leider dann doch nicht! Aber schauen wir uns erstmal an, was die moderne Neurowissenschaft zum Verhältnis von Körper und Geist sagen kann.</p> <h3><strong>Neuronale Korrelate: Wo liegt das Bewusstsein in unserem Nervensystem?</strong></h3> <p>Auch die moderne Neurowissenschaft hat sich der Untersuchung unseres Bewusstseins bereits gewidmet und sucht gezielt nach den „Neural Correlates of Consciousness“ (NCCs) [2]. Die Grundannahme ist einfach: Für jedes noch so feine subjektive Gefühl muss es ein komplexes Netzwerk aus messbaren neuronalen Verschaltungen geben. Jeder Gedanke, jede Erinnerung lässt sich auf Milliarden von Nervenzellen zurückführen, die über elektrische Impulse und chemische Botenstoffe kommunizieren [3]. Aus dieser harten empirischen Perspektive betrachtet, gibt es keine Trennung mehr zwischen Körper und Geist. Der Geist ist schlichtweg das, was unser Nervensystem tut.</p> <h4>Wie aber formt sich aus einer Vielzahl an Impulsen schließlich ein Geist? </h4> <p>Eine prominente Idee, die bei der Antwort helfen kann, ist das sogenannte Predictive Coding (Vorhersagende Codierung), maßgeblich geprägt von dem Forscher Karl Friston [4]. Demnach ist unser Gehirn eine Vorhersagemaschine, die pausenlos Hypothesen über unsere Umwelt aufstellt und diese mit den eintreffenden Sinneseindrücken abgleicht, um Fehler zu minimieren. Wir nehmen die Welt also nicht passiv auf, sondern unser Gehirn berechnet sie aktiv voraus. </p> <p>Doch es gibt einen Haken. Das Modell erklärt zwar hervorragend, wie das Gehirn Informationen effizient verarbeitet, aber es beantwortet noch nicht abschließend, ab welchem Moment diese reine Datenverarbeitung überhaupt zu einem bewussten Erleben wird. Um diese Lücke zu schließen, rückt in der modernen Bewusstseinsforschung eine weitere Theorie in den Fokus: die Global Neuronal Workspace Theory [9, 10]. </p> <p>Diese Theorie erklärt Bewusstsein durch den Grad der Vernetzung im Gehirn. Unzählige Prozesse laufen in unserem Nervensystem völlig unbewusst ab. Das ist immer dann der Fall, wenn Informationen nur lokal in kleinen, voneinander isolierten Hirnarealen verarbeitet werden. So etwa bei automatischen Reflexen oder der Steuerung der Atmung. Ein sensorischer Impuls, wie das Sehen eines Apfels, bleibt ebenfalls unbewusst, solange er nur in den frühen visuellen Arealen verarbeitet wird.</p> <p>Bewusstsein entsteht erst dann, wenn ein Signal stark oder wichtig genug ist, um eine gehirnweite Aktivierung auszulösen. Die Information wird dann in den globalen Arbeitsraum geleitet. Biologisch bedeutet das, dass weit voneinander entfernte Netzwerke anfangen, diese spezifische Information gleichzeitig zu verarbeiten und miteinander zu teilen. Erst durch diesen massiven, netzwerkübergreifenden Informationsaustausch wird aus einem lokalen elektrischen Impuls ein bewusster Gedanke. Der Geist entsteht also in den Millisekunden, in denen das Gehirn aufhört, in abgetrennten Abteilungen zu arbeiten, und eine Information stattdessen dem gesamten System global zur Verfügung stellt. </p> <p>Der Psychologe Bernard Baars beschrieb diese Idee im Rahmen seines ursprünglichen Modells oft als ein inneres Theater: Unbewusste Prozesse arbeiten im geschäftigen Hintergrund, während bewusste Gedanken wie Schauspieler ins helle Rampenlicht auf die Bühne treten [11].</p> <h2><strong>Embodied Cognition: Wie der Körper das Bewusstsein formt</strong></h2> <p>Das Gehirn arbeitet nicht isoliert wie ein abgekapselter Supercomputer. Körper und Geist bilden vielmehr eine untrennbare Feedback-Schleife, ein Konzept, das in der heutigen Kognitionswissenschaft als <em>Embodied Cognition</em> (Verkörperte Kognition) bezeichnet wird [8]. Es bleibt eine Lücke im Verständnis unseres bewussten Erlebens, wenn wir bei der rein biologischen Betrachtung bleiben. Unser Körper liefert oft nur die rohe, neutrale Energie in Form von physiologischer Erregung. Unser Gehirn liest diese Körperdaten aus und wir versehen diese je nach Situation mit einem Etikett [5]. </p> <p>Sitzen wir in einer Achterbahn, bewerten wir das rasende Herz vielleicht als „Nervenkitzel“. Sitzen wir vor einer wichtigen Prüfung, kategorisiert das Gehirn dasselbe Herzrasen womöglich als „Panik“. Über einen versteckten Sinn, die sogenannte <em>Interozeption</em>, erstellt unser Hirn eine kontinuierliche, unbewusste Live-Karte unserer inneren Organe [6]. Unser Nervensystem registriert körperliche Veränderungen, kombiniert sie mit äußeren Sinneseindrücken und <em>konstruiert</em> daraus erst die bewusste Emotion [7]. Ein flaues Gefühl im Magen oder ein erhöhter Puls sind aus dieser Perspektive nicht das Endprodukt der Angst, sie sind zugleich ihr physiologisches Fundament.</p> <p>Damit löst sich die strenge Trennung von Körper und Geist weiter auf. Emotionen und unser Erleben sind nicht rein „geistig“, sondern stark in körperlichen Zuständen verwurzelt. Doch es wäre zu kurz gegriffen, Emotionen auf eine bloße passive Interpretation des Körpers zu reduzieren. Denn diese Feedback-Schleife ist keine Einbahnstraße. Unsere mentalen Bewertungen (etwa der Gedanke „Diese Prüfung ist wichtig“) lösen das Herzrasen ja oft überhaupt erst aus. Der Geist klebt also nicht nur nachträglich Etiketten auf körperliche Regungen, er feuert sie im Vorfeld auch aktiv an. Eine Emotion ist demnach kein abgewertetes Nebenprodukt, sondern das komplexe, ganzheitliche Erleben dieses ununterbrochenen, dynamischen Dialogs zwischen Kopf und Bauch.</p> <h3><strong>Das letzte große Rätsel</strong></h3> <p>Haben wir das uralte Leib-Seele-Problem damit vollständig gelöst? Nicht ganz. Die moderne Forschung versteht die Mechanik heute bemerkenswert gut. Wir können im Hirnscanner nachverfolgen, wie Signale verarbeitet werden, wie der Körper neurochemisch reagiert und wie das Gehirn diese Daten zu einer Emotion verknüpft.</p> <p>Aber die faszinierendste Frage der Bewusstseinsforschung bleibt offen: Warum fühlt sich all das irgendwie an? Warum verarbeitet unser komplexer Bio-Computer diese Daten nicht einfach völlig unbewusst? Wie genau der Sprung von messbaren physiologischen Reaktionen zu unserem rein subjektiven, inneren Erleben funktioniert, bleibt ein Rätsel.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1] Ryle, G. (1949). <em>The concept of mind</em>. Hutchinson.</p> <p>[2] Crick, F., &amp; Koch, C. (1990). Towards a neurobiological theory of consciousness. <em>Seminars in the Neurosciences</em>, <em>2</em>, 263–275.</p> <p>[3] Kandel, E. R., Schwartz, J. H., Jessell, T. M., Siegelbaum, S. A., &amp; Hudspeth, A. J. (Eds.). (2013). <em>Principles of neural science</em> (5th ed.). McGraw-Hill.</p> <p>[4] Friston, K. (2010). The free-energy principle: A unified brain theory? <em>Nature Reviews Neuroscience</em>, <em>11</em>(2), 127–138.</p> <p>[5] Schachter, S., &amp; Singer, J. (1962). Cognitive, social, and physiological determinants of emotional state. <em>Psychological Review</em>, <em>69</em>(5), 379–399.</p> <p>[6] Damasio, A. R. (1994). <em>Descartes‘ error: Emotion, reason, and the human brain</em>. Putnam Publishing.</p> <p>[7] Barrett, L. F. (2017). The theory of constructed emotion: An active inference account of interoception and categorization. <em>Social Cognitive and Affective Neuroscience</em>, <em>12</em>(1), 1–23.</p> <p>[8] Varela, F. J., Thompson, E., &amp; Rosch, E. (1991). <em>The embodied mind: Cognitive science and human experience</em>. MIT Press.</p> <p>[9] Dehaene, S. (2014). <em>Consciousness and the brain: Deciphering how the brain codes our thoughts</em>. Viking.</p> <p>[10] Dehaene, S., &amp; Naccache, L. (2001). Towards a cognitive neuroscience of consciousness: Basic evidence and a workspace framework. <em>Cognition</em>, <em>79</em>(1–2), 1–37.</p> <p>[11] Baars, B. J. (1997). <em>In the theater of consciousness: The workspace of the mind</em>. Oxford University Press.</p> <p>[12] <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/res-cogitans-es-extensa/1782" rel="noopener">https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/res-cogitans-es-extensa/1782</a></p> <p>[13] Vosgerau, G., &amp; Lindner, N. (2022). Das Leib-Seele-Problem. In <em>Philosophie des Geistes und der Kognition: Eine Einführung</em> (pp. 13–49). J.B. Metzler.</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/de/fotos-kostenlos/yoga-meditation-in-einem-park-im-gras-ist-eine-gesunde-frau-in-ruhe_10001823.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=ed46f23f-e2be-43a3-9eae-139d8a426df6&amp;query=yoga+park+meditation" rel="noopener">Bild von standret auf Magnific</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/yoga-meditation-park-grass-is-healthy-woman-rest-1024x660.jpg" /><h1>Körper und Geist – getrennt oder ein und dasselbe? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Neulich habe ich meinen Tag mal anders gestartet als sonst. Und zwar richtig früh, 6:30 Uhr im Park beim Yoga. Einer meiner Mitbewohner hat für unsere Freundesgruppe eine kleine Session angeleitet. Die Luft war noch kühl und man konnte das feuchte Gras riechen. Mit jedem Atemzug wurde mein Geist ruhiger und ich habe alle Geräusche um mich herum ganz bewusst wahrgenommen. Während sich unsere Körper durch die verschiedenen Positionen bewegten und unter Anstrengung hielten, passierte in meinem Kopf plötzlich genau das Gegenteil: völlige Entspannung. </p> <p>Da schoss mir eine Frage in den Sinn, über die sich schlaue Köpfe seit Jahrhunderten streiten. Wie kann es eigentlich sein, dass ich durch meinen Körper, über Bewegung und Atmung mein Inneres derart beeinflussen kann? Wo genau hört der Körper auf und wo fängt der Geist an? Sind unsere fleischliche Hülle und unser unsichtbares Bewusstsein wirklich zwei komplett getrennte Welten, oder am Ende doch ein und dasselbe? </p> <p>Hören wir auf Descartes, so besteht die Welt aus zwei völlig unterschiedlichen Substanzen. Auf der einen Seite steht die Materie und somit alles, das wir physisch berühren und messen können. Teil dieser <em>res extensa</em> („ausgedehnte Sache“) ist auch unser Körper. Demgegenüber beschreibt er den Geist, unser Bewusstsein und Denken, die <em>res cogitans</em> (cogitans – denkend, zweifelnd) [12]. Descartes verstand den Körper als eine Art biologische Maschine, die von einem immateriellen Geist gesteuert wird. Diese radikale Sichtweise fand in den letzten Jahrhunderten nicht wenige Kritikerinnen, so spottete der britische Philosoph Ryle später über dieses „Gespenst in der Maschine“ [1].</p> <p>Nachdem Descartes nun aber den Geist als unsichtbaren Piloten in eine fleischliche Maschine gesetzt hatte, standen die nachfolgenden Generationen vor einem Rätsel. Wenn der Geist immateriell ist, wie kann er derartig in die materielle Welt eingreifen, insofern wir Kraft unseres Willens unseren Körper bewegen, handeln oder aber in Form von Emotionen physiologische Reaktionen zeigen. Die Philosophie spricht hier vom „Problem der mentalen Verursachung“. Im Laufe der Zeit haben verschiedenste Denkerinnen und Denker verschiedene Lösungsansätze zum Leib-Seele-Problem erarbeitet.</p> <div data-wp-context="{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }" data-wp-interactive="core/accordion" role="group"> <div data-wp-class--is-open="state.isOpen" data-wp-context="{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-1&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }" data-wp-init="callbacks.initAccordionItems" data-wp-on-window--hashchange="callbacks.hashChange"> <h3></h3> <p>In den 1950ern kam eine Idee auf, die genau konträr zu Descartes Ansatz ist. Geist und Körper seien demnach keinesfalls getrennt, sondern sogar gänzlich identisch. Wenn wir Schmerz fühlen, sei das exakt dasselbe wie, wenn bestimmte Nervenbahnen feuern, die sogenannten C-Fasern, die Schmerzsignale übermitteln. 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[13]</p> </div> </div> <div data-wp-context="{ &quot;autoclose&quot;: false, &quot;accordionItems&quot;: [] }" data-wp-interactive="core/accordion" role="group"> <div data-wp-class--is-open="state.isOpen" data-wp-context="{ &quot;id&quot;: &quot;accordion-item-4&quot;, &quot;openByDefault&quot;: false }" data-wp-init="callbacks.initAccordionItems" data-wp-on-window--hashchange="callbacks.hashChange"> <h3></h3> <div aria-labelledby="accordion-item-4" data-wp-bind--inert="!state.isOpen" id="accordion-item-4-panel" inert="" role="region"> <p>Vielleicht geht es dir, wenn du das liest so wie mir und in dir sträubt sich gerade alles. Die Psychologin in mir ist auch gar nicht überzeugt von der Idee, dass unsere Gefühle nur eine Erzählung, nur ein Märchen sein sollen. Vielleicht fühlst du dich in diesem Fall wohler mit dem Ansatz des Epiphänomenalismus. 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Um diese Lücke zu schließen, rückt in der modernen Bewusstseinsforschung eine weitere Theorie in den Fokus: die Global Neuronal Workspace Theory [9, 10]. </p> <p>Diese Theorie erklärt Bewusstsein durch den Grad der Vernetzung im Gehirn. Unzählige Prozesse laufen in unserem Nervensystem völlig unbewusst ab. Das ist immer dann der Fall, wenn Informationen nur lokal in kleinen, voneinander isolierten Hirnarealen verarbeitet werden. So etwa bei automatischen Reflexen oder der Steuerung der Atmung. Ein sensorischer Impuls, wie das Sehen eines Apfels, bleibt ebenfalls unbewusst, solange er nur in den frühen visuellen Arealen verarbeitet wird.</p> <p>Bewusstsein entsteht erst dann, wenn ein Signal stark oder wichtig genug ist, um eine gehirnweite Aktivierung auszulösen. Die Information wird dann in den globalen Arbeitsraum geleitet. Biologisch bedeutet das, dass weit voneinander entfernte Netzwerke anfangen, diese spezifische Information gleichzeitig zu verarbeiten und miteinander zu teilen. Erst durch diesen massiven, netzwerkübergreifenden Informationsaustausch wird aus einem lokalen elektrischen Impuls ein bewusster Gedanke. Der Geist entsteht also in den Millisekunden, in denen das Gehirn aufhört, in abgetrennten Abteilungen zu arbeiten, und eine Information stattdessen dem gesamten System global zur Verfügung stellt. </p> <p>Der Psychologe Bernard Baars beschrieb diese Idee im Rahmen seines ursprünglichen Modells oft als ein inneres Theater: Unbewusste Prozesse arbeiten im geschäftigen Hintergrund, während bewusste Gedanken wie Schauspieler ins helle Rampenlicht auf die Bühne treten [11].</p> <h2><strong>Embodied Cognition: Wie der Körper das Bewusstsein formt</strong></h2> <p>Das Gehirn arbeitet nicht isoliert wie ein abgekapselter Supercomputer. Körper und Geist bilden vielmehr eine untrennbare Feedback-Schleife, ein Konzept, das in der heutigen Kognitionswissenschaft als <em>Embodied Cognition</em> (Verkörperte Kognition) bezeichnet wird [8]. Es bleibt eine Lücke im Verständnis unseres bewussten Erlebens, wenn wir bei der rein biologischen Betrachtung bleiben. Unser Körper liefert oft nur die rohe, neutrale Energie in Form von physiologischer Erregung. Unser Gehirn liest diese Körperdaten aus und wir versehen diese je nach Situation mit einem Etikett [5]. </p> <p>Sitzen wir in einer Achterbahn, bewerten wir das rasende Herz vielleicht als „Nervenkitzel“. Sitzen wir vor einer wichtigen Prüfung, kategorisiert das Gehirn dasselbe Herzrasen womöglich als „Panik“. Über einen versteckten Sinn, die sogenannte <em>Interozeption</em>, erstellt unser Hirn eine kontinuierliche, unbewusste Live-Karte unserer inneren Organe [6]. Unser Nervensystem registriert körperliche Veränderungen, kombiniert sie mit äußeren Sinneseindrücken und <em>konstruiert</em> daraus erst die bewusste Emotion [7]. Ein flaues Gefühl im Magen oder ein erhöhter Puls sind aus dieser Perspektive nicht das Endprodukt der Angst, sie sind zugleich ihr physiologisches Fundament.</p> <p>Damit löst sich die strenge Trennung von Körper und Geist weiter auf. Emotionen und unser Erleben sind nicht rein „geistig“, sondern stark in körperlichen Zuständen verwurzelt. Doch es wäre zu kurz gegriffen, Emotionen auf eine bloße passive Interpretation des Körpers zu reduzieren. Denn diese Feedback-Schleife ist keine Einbahnstraße. Unsere mentalen Bewertungen (etwa der Gedanke „Diese Prüfung ist wichtig“) lösen das Herzrasen ja oft überhaupt erst aus. Der Geist klebt also nicht nur nachträglich Etiketten auf körperliche Regungen, er feuert sie im Vorfeld auch aktiv an. Eine Emotion ist demnach kein abgewertetes Nebenprodukt, sondern das komplexe, ganzheitliche Erleben dieses ununterbrochenen, dynamischen Dialogs zwischen Kopf und Bauch.</p> <h3><strong>Das letzte große Rätsel</strong></h3> <p>Haben wir das uralte Leib-Seele-Problem damit vollständig gelöst? Nicht ganz. Die moderne Forschung versteht die Mechanik heute bemerkenswert gut. Wir können im Hirnscanner nachverfolgen, wie Signale verarbeitet werden, wie der Körper neurochemisch reagiert und wie das Gehirn diese Daten zu einer Emotion verknüpft.</p> <p>Aber die faszinierendste Frage der Bewusstseinsforschung bleibt offen: Warum fühlt sich all das irgendwie an? Warum verarbeitet unser komplexer Bio-Computer diese Daten nicht einfach völlig unbewusst? Wie genau der Sprung von messbaren physiologischen Reaktionen zu unserem rein subjektiven, inneren Erleben funktioniert, bleibt ein Rätsel.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1] Ryle, G. (1949). <em>The concept of mind</em>. Hutchinson.</p> <p>[2] Crick, F., &amp; Koch, C. (1990). Towards a neurobiological theory of consciousness. <em>Seminars in the Neurosciences</em>, <em>2</em>, 263–275.</p> <p>[3] Kandel, E. R., Schwartz, J. H., Jessell, T. M., Siegelbaum, S. A., &amp; Hudspeth, A. J. (Eds.). (2013). <em>Principles of neural science</em> (5th ed.). McGraw-Hill.</p> <p>[4] Friston, K. (2010). The free-energy principle: A unified brain theory? <em>Nature Reviews Neuroscience</em>, <em>11</em>(2), 127–138.</p> <p>[5] Schachter, S., &amp; Singer, J. (1962). Cognitive, social, and physiological determinants of emotional state. <em>Psychological Review</em>, <em>69</em>(5), 379–399.</p> <p>[6] Damasio, A. R. (1994). <em>Descartes‘ error: Emotion, reason, and the human brain</em>. Putnam Publishing.</p> <p>[7] Barrett, L. F. (2017). The theory of constructed emotion: An active inference account of interoception and categorization. <em>Social Cognitive and Affective Neuroscience</em>, <em>12</em>(1), 1–23.</p> <p>[8] Varela, F. J., Thompson, E., &amp; Rosch, E. (1991). <em>The embodied mind: Cognitive science and human experience</em>. MIT Press.</p> <p>[9] Dehaene, S. (2014). <em>Consciousness and the brain: Deciphering how the brain codes our thoughts</em>. Viking.</p> <p>[10] Dehaene, S., &amp; Naccache, L. (2001). Towards a cognitive neuroscience of consciousness: Basic evidence and a workspace framework. <em>Cognition</em>, <em>79</em>(1–2), 1–37.</p> <p>[11] Baars, B. J. (1997). <em>In the theater of consciousness: The workspace of the mind</em>. Oxford University Press.</p> <p>[12] <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/res-cogitans-es-extensa/1782" rel="noopener">https://www.spektrum.de/lexikon/philosophie/res-cogitans-es-extensa/1782</a></p> <p>[13] Vosgerau, G., &amp; Lindner, N. (2022). Das Leib-Seele-Problem. In <em>Philosophie des Geistes und der Kognition: Eine Einführung</em> (pp. 13–49). J.B. Metzler.</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/de/fotos-kostenlos/yoga-meditation-in-einem-park-im-gras-ist-eine-gesunde-frau-in-ruhe_10001823.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=ed46f23f-e2be-43a3-9eae-139d8a426df6&amp;query=yoga+park+meditation" rel="noopener">Bild von standret auf Magnific</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/koerper-und-geist-getrennt-oder-ein-und-dasselbe/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Synästhesien: Wie Billie Eilish und Pharrell Williams Musik in Farben sehen https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/synaesthesien-musik-in-farben/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/synaesthesien-musik-in-farben/#respond Sun, 26 Jul 2026 21:49:03 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6206 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/digital-art-style-illustration-mental-health-day-awareness-scaled-e1785101682307-768x754.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/synaesthesien-musik-in-farben/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/digital-art-style-illustration-mental-health-day-awareness-scaled-e1785101682307.jpg" /><h1>Synästhesien: Wie Billie Eilish und Pharrell Williams Musik in Farben sehen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Gibt es einen Song, der bei dir sofort gute Laune auslöst und bei dem du mit deinen Freunden richtig abgehst? Für mich ist das ganz klar Freedom von Pharrell Williams (Kennst du nicht? Dann hier der Link dazu, das ist ein absoluter Stimmungsmacher! <a href="https://www.youtube.com/watch?v=LlY90lG_Fuw" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.youtube.com/watch?v=LlY90lG_Fuw</a>). </p> <p>Ich dachte immer, dass meine Freunde und ich alle dieses Lied einigermaßen gleich hören – okay, einige haben vielleicht ein bisschen feineres Gehör oder spielen ein Instrument, weshalb sie besonders darauf achten – aber insgesamt sehr ähnlich. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass Pharrell Williams seinen Song selbst ganz anders wahrnimmt: Er hört nicht nur die Musik, sondern sieht bestimmte Akkorde zusätzlich in Farben. Lass uns über unser fantastisches Gehirn reden, das Formen schmecken, Musik riechen und Zahlen fühlen kann.</p> <h3>Die Vereinigung der Sinne</h3> <p>Kennst du den Begriff Synästhesie vielleicht bereits als rhetorisches Stilmittel aus Gedichtinterpretationen? Wenn Trakl von goldenen Tönen und blauem Weihrauch spricht, vermischen sich die Sinneswahrnehmungen des Sehens, Hörens und Riechens. Unter Synästhesie in der Neurowissenschaft wird genau dieses Phänomen im Gehirn beschrieben – die Vereinigung der Sinne. Dabei löst ein Reiz eines Sinns, beispielsweise eine gehörte Melodie<strong>,</strong> unwillkürlich und automatisch eine zusätzliche Sinneswahrnehmung<strong>,</strong> wie Farbensehen<strong>,</strong> aus <sup>1,2</sup>. </p> <p>Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine besondere Form der Wahrnehmung, die schätzungsweise 4% der Bevölkerung betrifft. Synästhesie tritt jedoch häufiger bei Menschen im Autismus-Spektrum auf und ist auch häufiger mit Merkmalen von Zwangs- und Angststörungen, ADHS, Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen assoziiert, was auf eine gemeinsame genetische und neurobiologische Grundlage hindeutet <sup>3</sup>. Tatsächlich sind Synästhesien zu einem gewissen Maße erblich und auch Umweltfaktoren spielen beim Auftreten eine Rolle <sup>4</sup>. Auch bestimmte Drogen können synästhesieähnliche Erfahrungen auslösen, allerdings erfüllen diese substanzinduzierten Erfahrungen nicht die Kriterien echter Synästhesien, da die Sinneswahrnehmungen nur im Kontext des Drogenkonsums auftreten <sup>5</sup>.</p> <p>Die Vielfalt der Synästhesien ist wahrhaft erstaunlich. Über 60 verschiedene Synästhesie-Typen sind beschrieben. Eine große Studie identifizierte sogar bis zu 164 Formen, die sich grob in sieben Gruppen nach der gemeinsamen Begleitwahrnehmung teilen lassen (mit ein paar besonderen Ausnahmen) <sup>6</sup>:<aside></aside></p> <ul> <li>Graphem-Farbe: Bei dem häufigsten Typ lösen Buchstaben, Zahlen, Tage, Namen, Fremdwörter, Satzzeichen usw. Farbwahrnehmungen aus.</li> <li>Sequenz-Raum: Dabei erleben Betroffene sequenzielle Konzepte wie Zahlenreihen, Wochentage, Monate,… in einer räumlichen Anordnung.</li> <li>Visuelle Wahrnehmungen: Hierbei erwecken verschiedenste Sinneseindrücke sichtbare Reize. Wie bei Pharrell Williams oder Billie Eilish erwecken z.B. Töne und Musik Seheindrücke, aber es können auch Schmerzen oder Emotionen als Formen wahrgenommen werden.</li> <li>Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen: Hier beschreiben Betroffene verschiedene Geschmacks- oder Geruchsempfindungen bei unterschiedlichen Reizen wie Musik, Stimmen oder Wörtern.</li> <li>Personifizierungen: Zu dieser Gruppe gehören Wahrnehmungen von Persönlichkeiten oder Geschlecht von Zahlen, Buchstaben, Monaten oder Tagen.</li> <li>Sprache-Geschmack: Spezielle Sprachelemente wie Fremdwörter, Zahlen oder Buchstaben lösen Geschmacksempfindungen aus.</li> <li>Sprache-Gefühl: Relativ selten sind Empfindungen von Sprachelementen als Berührungen.</li> <li>Unzuordenbare Ausnahmen: Zu den besonderen Synästhesien, die keiner der obigen Gruppen zuordenbar sind, gehören zum Beispiel die Spiegel-Berührungs-Synästhesie (beim Zusehen, wie eine andere Person berührt wird, spürt man die Berührung selbst) oder die Ticker-Tape-Synästhesie (beim Zuhören von Reden erscheint der gesprochene Text wie geschrieben vor den Augen).</li> </ul> <p>Dabei können Betroffene von einer bis zu vielen Synästhesie-Wahrnehmungen berichten. Charakteristisch ist jedoch allen Formen, dass die zusätzliche Wahrnehmung automatisch und unwillkürlich ausgelöst wird, über längere Zeit konsistent bleibt (derselbe Auslöser erzeugt immer dieselbe Zusatzwahrnehmung), nicht willentlich unterdrückt werden kann und typischerweise unidirektional verläuft (ein Buchstabe löst etwa eine Farbe aus, aber die Farbe nicht den Buchstaben) <sup>1</sup>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="708" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-1024x708.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-1024x708.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-300x207.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-768x531.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-1536x1062.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-2048x1416.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Eine Frage der Vernetzung</h3> <p>Doch wie entstehen Synästhesien im Gehirn? Bei Synästheten sind Sinnesbereiche im Gehirn stärker miteinander vernetzt als gewöhnlich. Bei Menschen, die Musik in Farben sehen, ist beispielsweise das Hauptleitungsbündel, das unter anderem Seh- und Hörregionen miteinander verbindet (der sogenannte inferiore fronto-okzipitale Fasciculus) deutlich stärker ausgeprägt <sup>7</sup>. Je stärker diese Verbindung, desto intensiver die synästhetische Wahrnehmung. Weiter haben große Studien mit modernen Bildgebungsverfahren Unterschiede in 13 verschiedenen Merkmalen zwischen Gehirnen von Synästheten und neurotypischen Personen gefunden und zeigten insgesamt eine intensivere Vernetzung <sup>8</sup>. </p> <p>Vieles spricht dafür, dass die Grundlage für Synästhesie bereits vor der Geburt gelegt wird und alle Säuglinge mit einer Art überschießender sensorischer Vernetzung geboren werden <sup>9</sup>. Überflüssige Verbindungen werden dann im Laufe der normalen Hirnentwicklung abgebaut – bei Synästheten bleibt dieser Abbau teilweise aus und einige der frühen Extraverbindungen überdauern bis ins Erwachsenenalter <sup>10</sup>.</p> <p>Wie genau diese Extraverbindungen zu synästhetischen Wahrnehmungen führen, darüber wird noch diskutiert. Ein Modell geht davon aus, dass benachbarte Sinnesareale sich direkt gegenseitig aktivieren (ein Buchstabe sendet direkt auch ein Signal an das Farbzentrum) <sup>7</sup>. Ein anderes Modell sieht den Ursprung eher in übergeordneten Hirnregionen, die normalerweise als Filter dienen: Bei Synästheten ist dieser Filter durchlässiger, sodass Signale „rückwärts“ in andere Sinnesareale fließen und dort zusätzliche Wahrnehmungen auslösen <sup>11,12</sup>. Wahrscheinlich spielen beide Mechanismen eine Rolle, je nach Synästhesie-Typ.</p> <h3>Besondere Gehirne – besondere Menschen</h3> <p>Wenn solche berühmten Künstler, wie Kandinsky und Musiker wie Lady Gaga Synästhesien aufweisen, handelt es sich dann womöglich um eine Superkraft? </p> <p>Zumindest bringt Synästhesie einige bemerkenswerte kognitive Vorteile mit sich – auch wenn sie manchmal mit erhöhter sensorischer Empfindlichkeit einhergeht. Musiker sind viermal so häufig betroffen und im Schnitt verbringen Menschen mit Synästhesien signifikant mehr Zeit mit kreativen Künsten <sup>13</sup>. Eine große niederländische Studie zeigte, dass Synästheten im Allgemeinen intelligenter, offener für Erfahrungen, emotionaler und fantasievoller sind und zudem eine lebhaftere Vorstellungskraft zeigen <sup>14</sup>. Einschränkend muss hier erwähnt werden, dass sich freiwillig meldende Synästheten für so eine Studie möglicherweise nicht ganz repräsentativ für alle Synästheten sind. </p> <p>Allerdings ist der wohl beeindruckendste Vorteil das deutlich bessere Langzeitgedächtnis von Synästheten. Bei Synästhesien handelt es sich nämlich um die einzige bekannte Gehirnentwicklungsbedingung, die mit einer durchgängigen Verbesserung des Langzeitgedächtnisses assoziiert ist und zwar nicht nur für Reize, die Synästhesie hervorrufen, sondern dieser Vorteil erstreckt sich auf alle Arten von Gedächtnisinhalten <sup>15</sup>. Wahrhaft besondere Gehirne!</p> <p>Das Faszinierende an Synästhesien ist, finde ich, dass vielen Synästheten ihre besondere Wahrnehmung gar nicht bewusst ist, schließlich ist es für sie ganz normal und gewohnt, Musik zu sehen oder Zahlen zu fühlen. Erst wenn sie aktiv darauf aufmerksam gemacht werden, erkennen sie ihre besondere Fähigkeit. Deshalb bin ich jetzt super gespannt! Ist dir beim Lesen dieses Blogbeitrags vielleicht eine eigene Synästhesie aufgefallen? </p> <h3>Quellen:</h3> <p><a href="https://www.magnific.com/free-ai-image/digital-art-style-illustration-mental-health-day-awareness_316950740.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=13&amp;uuid=74b98baf-a239-429b-bcea-efdd440374ec&amp;query=synesthesia" rel="noopener">Titelbild</a></p> <p><a href="https://www.pexels.com/photo/orange-and-blue-abstract-painting-2378621/" rel="noopener">Bild 1</a></p> <p>1. Gennaro, R. J. Synesthesia, hallucination, and autism. <em>Front. Biosci. (Landmark Ed) </em><strong>26</strong>, 797–809 (2020). </p> <p>2. Grossenbacher, P. G. &amp; Lovelace, C. T. Mechanisms of synesthesia: cognitive and physiological constraints. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>5</strong>, 36–41 (2001). </p> <p>3. Neufeld, J. <em>et al.</em> Genetic and environmental contributions to the link between synaesthesia and neurodevelopmental and psychiatric features: a twin study. <em>Transl Psychiatry </em><strong>15</strong>, 240 (2025). </p> <p>4. Bosley, H. G. &amp; Eagleman, D. M. Synesthesia in twins: incomplete concordance in monozygotes suggests extragenic factors. <em>Behav Brain Res </em><strong>286</strong>, 93–96 (2015). </p> <p>5. Luke, D. P., Lungu, L., Friday, R. &amp; Terhune, D. B. The chemical induction of synaesthesia. <em>Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental </em><strong>37</strong>, e2832 (2022). </p> <p>6. Ward, J. &amp; Simner, J. How do Different Types of Synesthesia Cluster Together? Implications for Causal Mechanisms. <em>Perception </em><strong>51</strong>, 91–113 (2022). </p> <p>7. Zamm, A., Schlaug, G., Eagleman, D. M. &amp; Loui, P. Pathways to Seeing Music: Enhanced Structural Connectivity in Colored-Music Synesthesia. <em>Neuroimage </em><strong>74</strong>, 359–366 (2013). </p> <p>8. Ward, J. <em>et al.</em> Synesthesia is linked to large and extensive differences in brain structure and function as determined by whole-brain biomarkers derived from the HCP (Human Connectome Project) cortical parcellation approach. <em>Cereb Cortex </em><strong>34</strong>, bhae446 (2024). </p> <p>9. Wagner, K. &amp; Dobkins, K. R. Synaesthetic associations decrease during infancy. <em>Psychol Sci </em><strong>22</strong>, 1067–1072 (2011). </p> <p>10. Maurer, D. <em>et al.</em> Reduced perceptual narrowing in synesthesia. <em>Proc Natl Acad Sci U S A </em><strong>117</strong>, 10089–10096 (2020). </p> <p>11. Michalareas, G., Kusnir, F., Thut, G. &amp; Gross, J. The timing of cortical activation in associator grapheme-colour synaesthetes using MEG. <em>Neuropsychologia </em><strong>181</strong>, 108491 (2023). </p> <p>12. Neufeld, J. <em>et al.</em> Disinhibited feedback as a cause of synesthesia: evidence from a functional connectivity study on auditory-visual synesthetes. <em>Neuropsychologia </em><strong>50</strong>, 1471–1477 (2012). </p> <p>13. Williamson, L., Bailey, S. &amp; Ward, J. Increased prevalence of synaesthesia in musicians. <em>Perception </em><strong>55</strong>, 330–343 (2026). </p> <p>14. Rouw, R. &amp; Scholte, H. S. Personality and cognitive profiles of a general synesthetic trait. <em>Neuropsychologia </em><strong>88</strong>, 35–48 (2016). </p> <p>15. Ward, J., Field, A. P. &amp; Chin, T. A meta-analysis of memory ability in synaesthesia. <em>Memory </em><strong>27</strong>, 1299–1312 (2019).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/digital-art-style-illustration-mental-health-day-awareness-scaled-e1785101682307.jpg" /><h1>Synästhesien: Wie Billie Eilish und Pharrell Williams Musik in Farben sehen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Gibt es einen Song, der bei dir sofort gute Laune auslöst und bei dem du mit deinen Freunden richtig abgehst? Für mich ist das ganz klar Freedom von Pharrell Williams (Kennst du nicht? Dann hier der Link dazu, das ist ein absoluter Stimmungsmacher! <a href="https://www.youtube.com/watch?v=LlY90lG_Fuw" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://www.youtube.com/watch?v=LlY90lG_Fuw</a>). </p> <p>Ich dachte immer, dass meine Freunde und ich alle dieses Lied einigermaßen gleich hören – okay, einige haben vielleicht ein bisschen feineres Gehör oder spielen ein Instrument, weshalb sie besonders darauf achten – aber insgesamt sehr ähnlich. Umso überraschter war ich, als ich erfuhr, dass Pharrell Williams seinen Song selbst ganz anders wahrnimmt: Er hört nicht nur die Musik, sondern sieht bestimmte Akkorde zusätzlich in Farben. Lass uns über unser fantastisches Gehirn reden, das Formen schmecken, Musik riechen und Zahlen fühlen kann.</p> <h3>Die Vereinigung der Sinne</h3> <p>Kennst du den Begriff Synästhesie vielleicht bereits als rhetorisches Stilmittel aus Gedichtinterpretationen? Wenn Trakl von goldenen Tönen und blauem Weihrauch spricht, vermischen sich die Sinneswahrnehmungen des Sehens, Hörens und Riechens. Unter Synästhesie in der Neurowissenschaft wird genau dieses Phänomen im Gehirn beschrieben – die Vereinigung der Sinne. Dabei löst ein Reiz eines Sinns, beispielsweise eine gehörte Melodie<strong>,</strong> unwillkürlich und automatisch eine zusätzliche Sinneswahrnehmung<strong>,</strong> wie Farbensehen<strong>,</strong> aus <sup>1,2</sup>. </p> <p>Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um eine besondere Form der Wahrnehmung, die schätzungsweise 4% der Bevölkerung betrifft. Synästhesie tritt jedoch häufiger bei Menschen im Autismus-Spektrum auf und ist auch häufiger mit Merkmalen von Zwangs- und Angststörungen, ADHS, Essstörungen und anderen psychischen Erkrankungen assoziiert, was auf eine gemeinsame genetische und neurobiologische Grundlage hindeutet <sup>3</sup>. Tatsächlich sind Synästhesien zu einem gewissen Maße erblich und auch Umweltfaktoren spielen beim Auftreten eine Rolle <sup>4</sup>. Auch bestimmte Drogen können synästhesieähnliche Erfahrungen auslösen, allerdings erfüllen diese substanzinduzierten Erfahrungen nicht die Kriterien echter Synästhesien, da die Sinneswahrnehmungen nur im Kontext des Drogenkonsums auftreten <sup>5</sup>.</p> <p>Die Vielfalt der Synästhesien ist wahrhaft erstaunlich. Über 60 verschiedene Synästhesie-Typen sind beschrieben. Eine große Studie identifizierte sogar bis zu 164 Formen, die sich grob in sieben Gruppen nach der gemeinsamen Begleitwahrnehmung teilen lassen (mit ein paar besonderen Ausnahmen) <sup>6</sup>:<aside></aside></p> <ul> <li>Graphem-Farbe: Bei dem häufigsten Typ lösen Buchstaben, Zahlen, Tage, Namen, Fremdwörter, Satzzeichen usw. Farbwahrnehmungen aus.</li> <li>Sequenz-Raum: Dabei erleben Betroffene sequenzielle Konzepte wie Zahlenreihen, Wochentage, Monate,… in einer räumlichen Anordnung.</li> <li>Visuelle Wahrnehmungen: Hierbei erwecken verschiedenste Sinneseindrücke sichtbare Reize. Wie bei Pharrell Williams oder Billie Eilish erwecken z.B. Töne und Musik Seheindrücke, aber es können auch Schmerzen oder Emotionen als Formen wahrgenommen werden.</li> <li>Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen: Hier beschreiben Betroffene verschiedene Geschmacks- oder Geruchsempfindungen bei unterschiedlichen Reizen wie Musik, Stimmen oder Wörtern.</li> <li>Personifizierungen: Zu dieser Gruppe gehören Wahrnehmungen von Persönlichkeiten oder Geschlecht von Zahlen, Buchstaben, Monaten oder Tagen.</li> <li>Sprache-Geschmack: Spezielle Sprachelemente wie Fremdwörter, Zahlen oder Buchstaben lösen Geschmacksempfindungen aus.</li> <li>Sprache-Gefühl: Relativ selten sind Empfindungen von Sprachelementen als Berührungen.</li> <li>Unzuordenbare Ausnahmen: Zu den besonderen Synästhesien, die keiner der obigen Gruppen zuordenbar sind, gehören zum Beispiel die Spiegel-Berührungs-Synästhesie (beim Zusehen, wie eine andere Person berührt wird, spürt man die Berührung selbst) oder die Ticker-Tape-Synästhesie (beim Zuhören von Reden erscheint der gesprochene Text wie geschrieben vor den Augen).</li> </ul> <p>Dabei können Betroffene von einer bis zu vielen Synästhesie-Wahrnehmungen berichten. Charakteristisch ist jedoch allen Formen, dass die zusätzliche Wahrnehmung automatisch und unwillkürlich ausgelöst wird, über längere Zeit konsistent bleibt (derselbe Auslöser erzeugt immer dieselbe Zusatzwahrnehmung), nicht willentlich unterdrückt werden kann und typischerweise unidirektional verläuft (ein Buchstabe löst etwa eine Farbe aus, aber die Farbe nicht den Buchstaben) <sup>1</sup>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="708" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-1024x708.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-1024x708.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-300x207.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-768x531.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-1536x1062.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/pexels-steve-2378621-2048x1416.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Eine Frage der Vernetzung</h3> <p>Doch wie entstehen Synästhesien im Gehirn? Bei Synästheten sind Sinnesbereiche im Gehirn stärker miteinander vernetzt als gewöhnlich. Bei Menschen, die Musik in Farben sehen, ist beispielsweise das Hauptleitungsbündel, das unter anderem Seh- und Hörregionen miteinander verbindet (der sogenannte inferiore fronto-okzipitale Fasciculus) deutlich stärker ausgeprägt <sup>7</sup>. Je stärker diese Verbindung, desto intensiver die synästhetische Wahrnehmung. Weiter haben große Studien mit modernen Bildgebungsverfahren Unterschiede in 13 verschiedenen Merkmalen zwischen Gehirnen von Synästheten und neurotypischen Personen gefunden und zeigten insgesamt eine intensivere Vernetzung <sup>8</sup>. </p> <p>Vieles spricht dafür, dass die Grundlage für Synästhesie bereits vor der Geburt gelegt wird und alle Säuglinge mit einer Art überschießender sensorischer Vernetzung geboren werden <sup>9</sup>. Überflüssige Verbindungen werden dann im Laufe der normalen Hirnentwicklung abgebaut – bei Synästheten bleibt dieser Abbau teilweise aus und einige der frühen Extraverbindungen überdauern bis ins Erwachsenenalter <sup>10</sup>.</p> <p>Wie genau diese Extraverbindungen zu synästhetischen Wahrnehmungen führen, darüber wird noch diskutiert. Ein Modell geht davon aus, dass benachbarte Sinnesareale sich direkt gegenseitig aktivieren (ein Buchstabe sendet direkt auch ein Signal an das Farbzentrum) <sup>7</sup>. Ein anderes Modell sieht den Ursprung eher in übergeordneten Hirnregionen, die normalerweise als Filter dienen: Bei Synästheten ist dieser Filter durchlässiger, sodass Signale „rückwärts“ in andere Sinnesareale fließen und dort zusätzliche Wahrnehmungen auslösen <sup>11,12</sup>. Wahrscheinlich spielen beide Mechanismen eine Rolle, je nach Synästhesie-Typ.</p> <h3>Besondere Gehirne – besondere Menschen</h3> <p>Wenn solche berühmten Künstler, wie Kandinsky und Musiker wie Lady Gaga Synästhesien aufweisen, handelt es sich dann womöglich um eine Superkraft? </p> <p>Zumindest bringt Synästhesie einige bemerkenswerte kognitive Vorteile mit sich – auch wenn sie manchmal mit erhöhter sensorischer Empfindlichkeit einhergeht. Musiker sind viermal so häufig betroffen und im Schnitt verbringen Menschen mit Synästhesien signifikant mehr Zeit mit kreativen Künsten <sup>13</sup>. Eine große niederländische Studie zeigte, dass Synästheten im Allgemeinen intelligenter, offener für Erfahrungen, emotionaler und fantasievoller sind und zudem eine lebhaftere Vorstellungskraft zeigen <sup>14</sup>. Einschränkend muss hier erwähnt werden, dass sich freiwillig meldende Synästheten für so eine Studie möglicherweise nicht ganz repräsentativ für alle Synästheten sind. </p> <p>Allerdings ist der wohl beeindruckendste Vorteil das deutlich bessere Langzeitgedächtnis von Synästheten. Bei Synästhesien handelt es sich nämlich um die einzige bekannte Gehirnentwicklungsbedingung, die mit einer durchgängigen Verbesserung des Langzeitgedächtnisses assoziiert ist und zwar nicht nur für Reize, die Synästhesie hervorrufen, sondern dieser Vorteil erstreckt sich auf alle Arten von Gedächtnisinhalten <sup>15</sup>. Wahrhaft besondere Gehirne!</p> <p>Das Faszinierende an Synästhesien ist, finde ich, dass vielen Synästheten ihre besondere Wahrnehmung gar nicht bewusst ist, schließlich ist es für sie ganz normal und gewohnt, Musik zu sehen oder Zahlen zu fühlen. Erst wenn sie aktiv darauf aufmerksam gemacht werden, erkennen sie ihre besondere Fähigkeit. Deshalb bin ich jetzt super gespannt! Ist dir beim Lesen dieses Blogbeitrags vielleicht eine eigene Synästhesie aufgefallen? </p> <h3>Quellen:</h3> <p><a href="https://www.magnific.com/free-ai-image/digital-art-style-illustration-mental-health-day-awareness_316950740.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=13&amp;uuid=74b98baf-a239-429b-bcea-efdd440374ec&amp;query=synesthesia" rel="noopener">Titelbild</a></p> <p><a href="https://www.pexels.com/photo/orange-and-blue-abstract-painting-2378621/" rel="noopener">Bild 1</a></p> <p>1. Gennaro, R. J. Synesthesia, hallucination, and autism. <em>Front. Biosci. (Landmark Ed) </em><strong>26</strong>, 797–809 (2020). </p> <p>2. Grossenbacher, P. G. &amp; Lovelace, C. T. Mechanisms of synesthesia: cognitive and physiological constraints. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>5</strong>, 36–41 (2001). </p> <p>3. Neufeld, J. <em>et al.</em> Genetic and environmental contributions to the link between synaesthesia and neurodevelopmental and psychiatric features: a twin study. <em>Transl Psychiatry </em><strong>15</strong>, 240 (2025). </p> <p>4. Bosley, H. G. &amp; Eagleman, D. M. Synesthesia in twins: incomplete concordance in monozygotes suggests extragenic factors. <em>Behav Brain Res </em><strong>286</strong>, 93–96 (2015). </p> <p>5. Luke, D. P., Lungu, L., Friday, R. &amp; Terhune, D. B. The chemical induction of synaesthesia. <em>Human Psychopharmacology: Clinical and Experimental </em><strong>37</strong>, e2832 (2022). </p> <p>6. Ward, J. &amp; Simner, J. How do Different Types of Synesthesia Cluster Together? Implications for Causal Mechanisms. <em>Perception </em><strong>51</strong>, 91–113 (2022). </p> <p>7. Zamm, A., Schlaug, G., Eagleman, D. M. &amp; Loui, P. Pathways to Seeing Music: Enhanced Structural Connectivity in Colored-Music Synesthesia. <em>Neuroimage </em><strong>74</strong>, 359–366 (2013). </p> <p>8. Ward, J. <em>et al.</em> Synesthesia is linked to large and extensive differences in brain structure and function as determined by whole-brain biomarkers derived from the HCP (Human Connectome Project) cortical parcellation approach. <em>Cereb Cortex </em><strong>34</strong>, bhae446 (2024). </p> <p>9. Wagner, K. &amp; Dobkins, K. R. Synaesthetic associations decrease during infancy. <em>Psychol Sci </em><strong>22</strong>, 1067–1072 (2011). </p> <p>10. Maurer, D. <em>et al.</em> Reduced perceptual narrowing in synesthesia. <em>Proc Natl Acad Sci U S A </em><strong>117</strong>, 10089–10096 (2020). </p> <p>11. Michalareas, G., Kusnir, F., Thut, G. &amp; Gross, J. The timing of cortical activation in associator grapheme-colour synaesthetes using MEG. <em>Neuropsychologia </em><strong>181</strong>, 108491 (2023). </p> <p>12. Neufeld, J. <em>et al.</em> Disinhibited feedback as a cause of synesthesia: evidence from a functional connectivity study on auditory-visual synesthetes. <em>Neuropsychologia </em><strong>50</strong>, 1471–1477 (2012). </p> <p>13. Williamson, L., Bailey, S. &amp; Ward, J. Increased prevalence of synaesthesia in musicians. <em>Perception </em><strong>55</strong>, 330–343 (2026). </p> <p>14. Rouw, R. &amp; Scholte, H. S. Personality and cognitive profiles of a general synesthetic trait. <em>Neuropsychologia </em><strong>88</strong>, 35–48 (2016). </p> <p>15. Ward, J., Field, A. P. &amp; Chin, T. A meta-analysis of memory ability in synaesthesia. <em>Memory </em><strong>27</strong>, 1299–1312 (2019).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/synaesthesien-musik-in-farben/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Radioaktive Steine, Aasbienen und Ballon-Abenteuer https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-radioaktive-steine-aasbienen-und-ballon-abenteuer/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-radioaktive-steine-aasbienen-und-ballon-abenteuer/#respond Sun, 26 Jul 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1935 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag142-geplaenkel-768x768.jpg Eine Biene, ein formatfüllendes Spektrum aus Zeilen mit Regenbogenfarben von oben nach unten, darauf, schwarze Linien, darüber das Logo: AstroGeoPlänkel https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-radioaktive-steine-aasbienen-und-ballon-abenteuer/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag142-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Radioaktive Steine, Aasbienen und Ballon-Abenteuer » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag142-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo-Podcast. Zuerst springen wir zurück zum Alpen-Dreiteiler. Ein Hörer hat bereits seinen Urlaub umgebucht und ist jetzt begeistert von der Bergwelt ums schweizerische Saas-Fee.</p> <p>Außerdem werden die verwirrenden Gründe für die Farben der Mineralien korrigiert: Beim milchigen Glanz des Rauchquarzes ist zwar wirklich Radioaktivität im Spiel, doch die geht vom Nebengestein aus. Außerdem sind ins Kristallgitter eingebaute Aluminium-Atome und relativ niedrige Temperaturen für den milchigen Glanz nötig. Um Radioaktivität geht es auch bei einer Sammlung schön gefärbter Gesteine einer Hörerin – die in diesem Fall nicht ganz ungefährlich sind.<aside></aside></p> <p>Die Evolution der Honigbiene war für die Kommentierenden ein angenehmer Ausflug in die Welt der Biologie, wenn auch auf geologischem Fundament. In den Kommentaren geht es um die Definition von Symbiose, die merkwürdige Welt der Geierbienen und ihren aashaltigen Fleischhonig. Ausführlich sprechen wir über die Fortpflanzung der Bienen und vieler anderer Hautflügler, bei der Weibchen einen doppelten Chromosomensatz besitzen, Männchen aber nur einen einfachen – vermutlich ein wichtiger Faktor für die häufig eusoziale Lebensweise von Bienen oder Ameisen. Zuletzt relativiert Karl seine Aussage zur fragwürdigen Rolle der Biene als Wappentier des Naturschutzes: Denn es gibt auch wilde Honigbienen in Europa – und gerade denen geht es ziemlich schlecht.</p> <p>Das einzige im All entdeckte chemische Element faszinierte viele Hörende, und das nicht nur wegen des Ballonfahr-Abenteuers. In den Kommentaren geht es um die Begrifflichkeit des im Spektrum aufgespaltenen Lichts, das eher kontinuierlich aufgespreizt wird. Wir sprechen auch über den hypothetischen Blick von Außerirdischen auf die Sonne und über Hyperspektralkameras, die Bilder machen und in jedem Bildpunkt ein einzelnes Spektrum aufnehmen.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 138: <a href="https://astrogeo.de/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-enstanden/" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden</a></li> <li>Folge 140: <a href="https://astrogeo.de/vom-fleischfresser-zur-bluetenfreundin-bienen-in-der-erdgeschichte/" rel="noopener">Vom Fleischfresser zur Blütenfreundin: die Bienen-Evolution</a></li> <li>Folge 141: <a href="https://astrogeo.de/fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/" rel="noopener">Fingerabdruck der Sonne: Wie Helium entdeckt wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rauchquarz" rel="noopener">Rauchquarz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Trigona_(Gattung)" rel="noopener">Trigona / Aasbienen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Haplodiploidie" rel="noopener">Haplodiploidie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hyperspektral" rel="noopener">Hyperspektral</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Honigbienen: Wildpopulationen erstmals in der EU auf Roter Liste [<a href="https://nachrichten.idw-online.de/2026/07/17/honigbienen-wildpopulationen-erstmals-in-der-eu-auf-roter-liste" rel="noopener">Pressemitteilung</a>] [<a href="https://doi.org/10.1111/csp2.70345" rel="noopener">Studie</a>]</li> </ul> <p><br></br><em>Episodenbild: Biene: public domain, Sara Guerrieri, USGS; Spektrum: NOAO/AURA/NSF</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag142-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Radioaktive Steine, Aasbienen und Ballon-Abenteuer » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag142-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo-Podcast. Zuerst springen wir zurück zum Alpen-Dreiteiler. Ein Hörer hat bereits seinen Urlaub umgebucht und ist jetzt begeistert von der Bergwelt ums schweizerische Saas-Fee.</p> <p>Außerdem werden die verwirrenden Gründe für die Farben der Mineralien korrigiert: Beim milchigen Glanz des Rauchquarzes ist zwar wirklich Radioaktivität im Spiel, doch die geht vom Nebengestein aus. Außerdem sind ins Kristallgitter eingebaute Aluminium-Atome und relativ niedrige Temperaturen für den milchigen Glanz nötig. Um Radioaktivität geht es auch bei einer Sammlung schön gefärbter Gesteine einer Hörerin – die in diesem Fall nicht ganz ungefährlich sind.<aside></aside></p> <p>Die Evolution der Honigbiene war für die Kommentierenden ein angenehmer Ausflug in die Welt der Biologie, wenn auch auf geologischem Fundament. In den Kommentaren geht es um die Definition von Symbiose, die merkwürdige Welt der Geierbienen und ihren aashaltigen Fleischhonig. Ausführlich sprechen wir über die Fortpflanzung der Bienen und vieler anderer Hautflügler, bei der Weibchen einen doppelten Chromosomensatz besitzen, Männchen aber nur einen einfachen – vermutlich ein wichtiger Faktor für die häufig eusoziale Lebensweise von Bienen oder Ameisen. Zuletzt relativiert Karl seine Aussage zur fragwürdigen Rolle der Biene als Wappentier des Naturschutzes: Denn es gibt auch wilde Honigbienen in Europa – und gerade denen geht es ziemlich schlecht.</p> <p>Das einzige im All entdeckte chemische Element faszinierte viele Hörende, und das nicht nur wegen des Ballonfahr-Abenteuers. In den Kommentaren geht es um die Begrifflichkeit des im Spektrum aufgespaltenen Lichts, das eher kontinuierlich aufgespreizt wird. Wir sprechen auch über den hypothetischen Blick von Außerirdischen auf die Sonne und über Hyperspektralkameras, die Bilder machen und in jedem Bildpunkt ein einzelnes Spektrum aufnehmen.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 138: <a href="https://astrogeo.de/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-enstanden/" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden</a></li> <li>Folge 140: <a href="https://astrogeo.de/vom-fleischfresser-zur-bluetenfreundin-bienen-in-der-erdgeschichte/" rel="noopener">Vom Fleischfresser zur Blütenfreundin: die Bienen-Evolution</a></li> <li>Folge 141: <a href="https://astrogeo.de/fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/" rel="noopener">Fingerabdruck der Sonne: Wie Helium entdeckt wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rauchquarz" rel="noopener">Rauchquarz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Trigona_(Gattung)" rel="noopener">Trigona / Aasbienen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Haplodiploidie" rel="noopener">Haplodiploidie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hyperspektral" rel="noopener">Hyperspektral</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Honigbienen: Wildpopulationen erstmals in der EU auf Roter Liste [<a href="https://nachrichten.idw-online.de/2026/07/17/honigbienen-wildpopulationen-erstmals-in-der-eu-auf-roter-liste" rel="noopener">Pressemitteilung</a>] [<a href="https://doi.org/10.1111/csp2.70345" rel="noopener">Studie</a>]</li> </ul> <p><br></br><em>Episodenbild: Biene: public domain, Sara Guerrieri, USGS; Spektrum: NOAO/AURA/NSF</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-radioaktive-steine-aasbienen-und-ballon-abenteuer/#respond 0 Die Sonne kommt auf die Erde https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-sonne-kommt-auf-die-erde/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-sonne-kommt-auf-die-erde/#comments Sat, 25 Jul 2026 15:42:16 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1898 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk-768x439.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-sonne-kommt-auf-die-erde/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Die Sonne kommt auf die Erde » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Kernfusion wechselt von der Zukunft in die Gegenwart. Schon 2027 soll das erste Versuchskraftwerk ein Fusionsplasma erzeugen. Andere folgen dicht auf. Und deutsche Unternehmen sind ganz vorne dabei. </b></p> <p><a href="https://taz.de/Energie-durch-Kernfusion/!5707537/" rel="noopener">Künstliche Kernfusion gilt vielen Kritikern</a> als Symbol der Hybris von Menschen, die sich erdreisten, die Sonne auf die Erde holen zu wollen. Technisch nicht machbar, zu teuer und in jedem Fall zu spät für die Energiewende, so lauten die Kommentare. Anders ausgedrückt: Das braucht keiner. Und wenn das nicht reicht, verweisen die Kritiker hämisch auf den <i>International Thermonuclear Experimental Reactor </i><i>(ITER)</i>, der in Cadarache in Südfrankreich gebaut wird. Sollte der nicht längst fertig sein? Und hat er nicht sein Budget um das Fünffache überzogen? Wo er die Machbarkeit des Prinzips beweisen solle, sei er zu einem Monument des Scheiterns geworden.</p> <p>Nur: Der ITER leidet im Wesentlichen unter politischen Problemen. Zu Beginn waren die Zuständigkeiten unklar, und alle beteiligten Nationen wachten eifersüchtig darüber, dass sie angemessen an den Aufträgen beteiligt wurden. Nicht so sehr die Technik, sondern die Reibungsverluste der Organisation behinderten das Projekt. Deshalb wird voraussichtlich 2036 ein Reaktor in Betrieb genommen, der dann mehr als dreißig Jahre alten Plänen beruht.</p> <p>Man sollte aber nicht meinen, dass Fusionsforscher mit angehaltenem Atem darauf warten, dass der ITER endlich fertig wird. Im Gegenteil: Die Forschung geht weiter, neue Verfahren und Materialien werden getestet und die vervielfachte Computerleistung ermöglicht feinere Simulationen des Plasmaeinschlusses. Der <a href="https://www.fusionindustryassociation.org/fusion-industry-reports/" rel="noopener">Global Fusion Industry Report 2026</a> verzeichnet 56 aktive Fusionsfirmen in der ganzen Welt, viele davon Ausgründungen von Universitäten.</p> <h3>Die Vorreiter</h3> <p>im Jahre 2018 gründeten Mitarbeiter des MIT Plasma Science and Fusion Center ein Start-up, um einen neuartigen Fusionsreaktor zu bauen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston gehört zu den besten technischen Universitäten der Welt, und das Fusion Center hat einen exzellenten Ruf. Das Konzept der Gründer überzeugte mehrere große Geldgeber und die Firma <i>Commonwealth Fusion </i><i>Systems</i> (CFS) konnte mit der Arbeit beginnen.<aside></aside></p> <p>Der geplante Reaktor <a href="https://arxiv.org/abs/1409.3540" rel="noopener">bekam den Namen ARC</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>, was für<i> affordable, robust, compact</i> steht.</p> <p>Bis heute hat das Unternehmen nach eigenen Angaben drei Milliarden US$ eingesammelt, mehr als genug, um das Versuchskraftwerk SPARC (Smallest Possible ARC) fertigzustellen und zu testen.</p> <p>Der Reaktor beruht – wie der ITER – auf dem erprobten Prinzip des Tokamak. Mehrere Versuchsreaktoren rund um die Welt haben nachgewiesen, dass diese Bauform geeignet ist, das 100 Millionen Grad heiße Fusionsplasma mit starken Magnetfeldern einzuschließen, damit es nicht die Reaktorwände durchschmilzt. Eigentlich sollte der ITER als erster Reaktor dieser Bauform tatsächlich Strom erzeugen, aber die vielen Querelen zwischen den Partnern haben ihn ausgebremst.</p> <p>Im Gegensatz zum ITER nutzt SPARC Hochtemperatursupraleiter (HTS) für seine Magneten. Damit lassen sich sehr viel stärkere Magnetfelder erzeugen, so dass der Reaktor deutlich kleiner ausfällt – und damit auch um eine Größenordnung billiger. Als ITER entworfen wurden, gab es noch keine Möglichkeit, aus HTS ausreichend große Magnete herzustellen, er nutzte deshalb die herkömmlichen Supraleiter.</p> <p>Im Jahr 2018 hatte sich das geändert, aber das Start-up hatte trotzdem einige Hürden zu überwinden. Schon der Versuchsreaktor SPARC benötigt 10.000 Kilometer supraleitende Drähte für seine Spulen. Nun sind HTS aber Keramiken, hart und spröde wie Porzellan, und lassen sie sich nicht auf Spulen wickeln. Einige Firmen erfanden daraufhin ein Verfahren, um das Material als ultradünne Schicht auf biegsame Stahlbänder (HTS-Tapes) aufzudampfen. Bei Gründung von CFS reichte die Weltjahresproduktion allerdings nicht aus, um auch nur den Versuchsreaktor zu bestücken. Und bei Preisen von über hundert US$ pro Meter hätten allein die HTS-Tapes mehr als eine Milliarde US$ verschlungen. Der ARC sollte aber Strom zu konkurrenzfähigen Preisen abgeben und dabei Gewinn machen.</p> <p>Bob Mumgaard, der CEO von CFS, sagte 2023 <a href="https://spectrum.ieee.org/fusion-2662267312" rel="noopener">der Zeitschrift <i>IEEE Spectrum</i></a>:</p> <p>„Vom Standpunkt eines Physikers sehen unsere Reaktoren tatsächlich eher langweilig aus; wir verlassen uns auf die wohlerprobte Plasmaphysik des ITER und anderer Experimente. Stattdessen haben wir uns entschieden, bei den Magneten voll ins Risiko zu gehen.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>“</p> <p>Die Wette ging auf. Nachdem CFS in den ersten Jahren einen großen Teil der Weltproduktion an HTS-Tapes aufkaufte, zog die Produktion an, während der Preis sank. Vor einem Jahr lag er <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2772830725000390#b5" rel="noopener">ungefähr bei 20 US$ pro Meter</a>, und damit immer noch eine Größenordnung höher als der von herkömmlichen Supraleitern.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a></p> <p>Die Fortschritte beim Bau des Reaktors hat CFS <a href="https://www.youtube.com/watch?v=qM9hZxmJr9Q" rel="noopener">im Juli in einem Video</a> dokumentiert. Die ersten vier von 18 Toroidspulen sind fertig montiert und weitere warten auf den Einbau. Das Vakuumgefäß ist angeliefert. In einem Jahr soll der Reaktor in Betrieb gehen – wenn nichts dazwischenkommt.</p> <p>Der Standort für den ARC steht auch schon fest: Chesterfield County im amerikanischen Bundesstaat Virginia. Ab 2035 soll der erste Strom fließen. Google hat sich vertraglich verpflichtet, die Hälfte davon abzunehmen.</p> <h3>Strom aus Kernfusion ab 2028?</h3> <p>Auch der zweite Vorreiter, Helion Energy hat für seinen künftigen Fusionsstrom bereits einen Abnehmer gefunden: Die Firma Microsoft will ab 2028 etwa 50 Megawatt Strom von Helions Fusionskraftwerk „Orion“ beziehen, das allerdings erst im Bau ist.</p> <p>Der Reaktor arbeitet nach einem ganz eigenen Prinzip. Anders als ITER und SPARC sieht nicht aus wie ein fetter Gummireifen in einer Hutschachtel, sondern eher wie Stück Pipeline, das von gewaltigen Magneten umringt ist. Während in einem Tokamak oder einem Stellarator das brennende Fusionsplasma Wärme erzeugt, die dann in einer herkömmlichen Turbine in Strom verwandelt wird, möchte Helion den Strom unmittelbar aus der Fusionsreaktion holen.</p> <p>Bei einer Verschmelzung von Tritium und Deuterium (DT-Fusion), wie sie die meisten Fusionsreaktoren anstreben, funktioniert das nicht. Hier die Energiebilanz:</p> <p>D + T → <sup>4</sup>H (3,5 MeV) + n (14,1 MeV)</p> <p>Die bei dieser Fusionsreaktion frei werdende Energie beschleunigt ein Neutron (n), das mit hoher Geschwindigkeit davonfliegt. Wenn man es abbremst, entsteht Wärme, die sich nutzen lässt. Wenn man einen Strom in einem Leiter induzieren will, braucht man aber ein geladenes Teilchen. Also muss eine Fusionsreaktion her, die ihre Energie auf ein geladenes Teilchen überträgt. Gesucht und gefunden: Bei der Fusion von Deuterium und Helium 3 trägt ein Proton die entstehende Energie davon. Nur: Diese Reaktion erfordert sehr viel mehr Hitze und Druck als die DT-Fusion.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1906" id="attachment_1906"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3.jpg"><img alt="" decoding="async" height="450" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3.jpg 1024w" width="450"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1906">Deuterium-Tritium-Fusion und Fusion von Deuterium mit Helium3</figcaption></figure> <p>Helion möchte das erreichen, indem es an den beiden Enden seiner „Pipeline“ Plasmaringe erzeugt, die dann komprimiert und gegeneinander geschossen werden. In der Mitte prallen sie zusammen und sollen dabei ein Produkt aus Dichte und Temperatur erreichen, das für eine kurzzeitige Fusionsreaktion vom Typ</p> <p>D + <sup>3</sup>H → <sup>4</sup>H (3,6 MeV) + p (14,7 MeV)</p> <p>ausreicht. Die schnellen Protonen (p) sollen in den umgebenden Spulen kurzzeitig einen Strom induzieren. Dann fliegt alles auseinander und der Zyklus beginnt von neuem. Das Plasma „brennt“ also nicht, sondern „zündet“ – wie das Treibstoffgemisch in einem Dieselmotor.</p> <p>Sollte das Prinzip funktionieren, würde Microsoft ab 2028 – als erstes Unternehmen überhaupt – Strom aus Kernfusion beziehen. Vielen Experten erscheint das etwas gewagt, und Helion muss beweisen, dass dieses revolutionäre Konzept tatsächlich umsetzbar ist. Am Geld wird es jedenfalls nicht scheitern. Das Start-up <a href="https://www.helionenergy.com/newsroom/helion-raises-465-million-series-g-funding-round-to-meet-surging-global-demand-for-power" rel="noopener">hat bisher 1,5 Milliarden US$</a> an Investorengeldern eingesammelt.</p> <h3>Kernfusion in Deutschland</h3> <p><a name="_ZdtcauzxI_zVxc8PrZbV-Qk_130"></a>Die dritte Firma, die ich hier vorstellen möchte, ist eine Ausgründung des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Max-Planck-Institut_f%C3%BCr_Plasmaphysik" rel="noopener">Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik</a> in Garching bei München. <i>Proxima Fusion</i> möchte die Erfahrungen mit dem Versuchsreaktor <i>Wendelstein 7-</i><i>x</i> nutzen, den das Institut in Greifswald betreibt. Der Reaktor hat alle Erwartungen deutlich übertroffen und funktionierte von Anfang wie geplant, was bei Großprojekten eher die Ausnahme ist. Zusammen mit dem inzwischen abgeschalteten Joint European Torus hält er <a href="https://www.ipp.mpg.de/5532945/w7x" rel="noopener">diverse Weltrekorde</a> für Experimentalreaktoren.</p> <p>Der Reaktor <i>Stellaris</i>, den Proxima Fusion bauen will, nutzt das gleiche Bauprinzip wie Wendelstein 7-x – den <i>Stellarator</i> (wie der Name schon andeutet). Während ein Tokamak das Plasma unter anderem durch ein dort induziertes Magnetfeld stabilisiert, nutzt der Stellarator nur externe Magnetfelder. Dieser Unterschied hat gravierende Folgen. Ein Tokamak muss nach einigen Minuten das Magnetfeld abschalten und neu aufbauen, ein Stellarator arbeitet im Dauerstrichbetrieb. Wo ist dann der Haken? Der Stellarator braucht eine bizarre Magnetfeldstruktur, weil er auf das stabilisierende Feld im Plasma verzichtet. Die Geometrie der in drei Dimensionen deformierten Magnetspulen erfordert langwierige Berechnungen. Und wenn sie perfekt entworfen sind, müssen sie auch noch gebaut werden – mit wenigen Millimetern Toleranz. Bei den tonnenschweren Kolossen keine einfache Aufgabe.</p> <p>Zu der Zeit, als der ITER geplant wurde, reichte die verfügbare Computerleistung kaum aus, um die Spulen eines Stellarators genau genug zu berechnen, und der Bau wäre ein enormes Risiko geworden. Also entschied sich internationale Gemeinschaft damals für einen Tokamak.</p> <p>Heute setzen aber <a href="https://www.science.org/content/article/stellarators-fusions-dark-horse-hit-stride" rel="noopener">immer mehr Start-ups auf Stellaratoren</a>.</p> <p>Aber selbst der prototypische Stellarator Wendelstein 7-x ist schon lange überholt.</p> <p>Wie mir Francesco Sciortino, der CEO des Start-ups, in einem Interview sagte, liegen zwischen Wendelstein 7-X und Stellaris mindestens zwei Technologie-Generationen. Proxima Fusion hat den Bauplan für seinen künftigen Reaktor <i>Stellaris</i> übrigens in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a> und damit zur Diskussion unter Fachleuten freigegeben.</p> <p>Ein erstes Versuchskraftwerk <i>(Alpha)</i> soll am Standort des Atomkraftwerkes Grundremmingen entstehen und 2031/32 fertig werden. Am Geld wird es nicht scheitern: Proxima Fusion hat bisher mehr als 600 Millionen Euro an Investorengeldern eingesammelt. Der Bund und das Land Bayern haben weitere Fördermittel in Aussicht gestellt.</p> <p>Und noch ein weiteres Unternehmen möchte bis Mitte der 2030er-Jahre ein Fusionskraftwerk in Deutschland errichten. <a href="https://www.focused-energy.co/" rel="noopener">Focused Energie</a> plant, im hessischen Biblis ein <a href="https://www.tu-darmstadt.de/universitaet/aktuelles_meldungen/einzelansicht_561344.de.jsp" rel="noopener">Laserfusionskraftwerk zu errichten</a>, das bis 2035 Strom liefern soll.</p> <p><a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/10/011025-aktionsplan-fusion.html" rel="noopener">Die Bundesregierung hat das ausdrückliche Ziel ausgegeben,</a> das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland zu errichten, und einen Aktionsplan dafür erarbeitet. Die Start-ups dürfen also mit großzügiger Unterstützung rechnen.</p> <p>Aber die USA und Deutschland sind nicht allein auf weiter Flur: China und Japan treiben den Bau von Versuchsreaktoren entschlossen und mit viel Geld voran. Auch in Südkorea, Schweden, Frankreich und England sollen in den nächsten Jahren solche Anlagen gebaut werden.</p> <h3>Können Fusionskraftwerke am Markt bestehen?</h3> <p>Ist aber der Strom aus Fusionskraftwerken überhaupt konkurrenzfähig? Viele Start-up machen dazu keine Angaben. Einige peilen 4 Cent pro Kilowattstunde an, was durchaus marktgängig wäre, aber optimistisch kalkuliert ist.</p> <p>Alle Fusionskraftwerke haben einen großen Vorteil: Der Brennstoff kostet praktisch nichts. Aus einem Kilo Deuterium und Tritium lässt sich so viel Strom erzeugen wie aus 11 000 Tonnen Kohle. Allerdings muss das Reaktorgefäß alle drei bis fünf Jahre ersetzt werden. Warum? Der ständige Neutronenbeschuss macht die Wände radioaktiv, die Isotope sind aber glücklicherweise kurzlebig. Wenn einige Dutzend Fusionskraftwerke der gleichen Bauart in Betrieb sind, wären fünf bis zehn Cent Grenzkosten (= reine Betriebskosten ohne Bau- und Entwicklungskosten) durchaus realistisch.</p> <h3>Das Umfeld in Deutschland</h3> <p>In Deutschland werden Fusionskraftwerke zuerst die Gaskraftwerke ersetzen, die bei einer Dunkelflaute (=Winter und Windstille) einspringen sollen. Weil Erdgas alles andere als CO<sub>2</sub>-neutral ist, sollen diese Kraftwerke mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Nur: Der Strom aus solchen Backup-Systemen kostet mehr als 40 Cent pro Kilowattstunde und steht nicht vor 2040 zur Verfügung<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>. Da können Fusionskraftwerke locker mithalten.</p> <p>International hat das Rennen um die Marktführerschaft schon begonnen, denn die Technik verspricht, ein Milliardengeschäft zu werden. Und deutsche Firmen sind ganz vorne mit dabei. Wenn sie nicht wieder ausgebremst werden, weil Kernfusion gegen das deutsche Reinheitsgebot der Energiewende verstößt, nach dem Strom ausschließlich durch Sonne und Wind erzeugt werden darf.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Vielleicht hat auch der Reaktor Arc aus den Ironman-Filmen Pate gestanden.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im Original: “In fact, from a physicist’s standpoint, our machines look kind of boring; we’re relying on plasma physics that’s well established by Iter and other experiments. Instead, we decided to put all our risk in the magnet technology.”</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Angesichts der vielen geplanten Versuchsreaktoren erwartet die Hersteller von HTS-Tape in den nächsten Jahren ein glänzendes Geschäft. Bleibt zu hoffen, dass die Produktion schnell genug hochgefahren werden kann.</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Lion, J et. al. (2025): Stellaris: A high-field quasi-isodynamic stellarator for a prototypical fusion power plant. <i>Fusion Engineering and Design</i> 214, 114868.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Grünen Wasserstoff gibt es bisher nicht. Deshalb sollen in den nächsten Jahren riesige Elektrolyseure gebaut werden, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen, und zwar ausschließlich mit Hilfe von Grünstrom. Mehrere Vorhaben sind allerdings aufgegeben worden, weil jede Gewinnaussicht fehlt. Und das ist nicht alles: Weltweit läuft noch kein einziges großes Wasserstoffkraftwerk, es ist auch keines im Bau. Weil Wasserstoff anders verbrennt als Erdgas, müssen die Brennräume der Turbinen neu gestaltet werden. Wie unter diesen Umständen bis 2040 eine „Wasserstoffwirtschaft“ entstehen soll, ist nicht absehbar. Und selbst, wenn es gelingt: Der Wirkungsgrad ist miserabel (&lt; 35%). Eine Bestandsaufnahme der Probleme bei der Wasserstoffwirtschaft findet sich zum Beispiel in der aktuellen Nummer von „Bild der Wissenschaft“ (08/2026), oder <a href="https://www.tagesschau.de/investigativ/mdr/gruener-wasserstoff-108.html" rel="noopener">hier</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Die Sonne kommt auf die Erde » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Kernfusion wechselt von der Zukunft in die Gegenwart. Schon 2027 soll das erste Versuchskraftwerk ein Fusionsplasma erzeugen. Andere folgen dicht auf. Und deutsche Unternehmen sind ganz vorne dabei. </b></p> <p><a href="https://taz.de/Energie-durch-Kernfusion/!5707537/" rel="noopener">Künstliche Kernfusion gilt vielen Kritikern</a> als Symbol der Hybris von Menschen, die sich erdreisten, die Sonne auf die Erde holen zu wollen. Technisch nicht machbar, zu teuer und in jedem Fall zu spät für die Energiewende, so lauten die Kommentare. Anders ausgedrückt: Das braucht keiner. Und wenn das nicht reicht, verweisen die Kritiker hämisch auf den <i>International Thermonuclear Experimental Reactor </i><i>(ITER)</i>, der in Cadarache in Südfrankreich gebaut wird. Sollte der nicht längst fertig sein? Und hat er nicht sein Budget um das Fünffache überzogen? Wo er die Machbarkeit des Prinzips beweisen solle, sei er zu einem Monument des Scheiterns geworden.</p> <p>Nur: Der ITER leidet im Wesentlichen unter politischen Problemen. Zu Beginn waren die Zuständigkeiten unklar, und alle beteiligten Nationen wachten eifersüchtig darüber, dass sie angemessen an den Aufträgen beteiligt wurden. Nicht so sehr die Technik, sondern die Reibungsverluste der Organisation behinderten das Projekt. Deshalb wird voraussichtlich 2036 ein Reaktor in Betrieb genommen, der dann mehr als dreißig Jahre alten Plänen beruht.</p> <p>Man sollte aber nicht meinen, dass Fusionsforscher mit angehaltenem Atem darauf warten, dass der ITER endlich fertig wird. Im Gegenteil: Die Forschung geht weiter, neue Verfahren und Materialien werden getestet und die vervielfachte Computerleistung ermöglicht feinere Simulationen des Plasmaeinschlusses. Der <a href="https://www.fusionindustryassociation.org/fusion-industry-reports/" rel="noopener">Global Fusion Industry Report 2026</a> verzeichnet 56 aktive Fusionsfirmen in der ganzen Welt, viele davon Ausgründungen von Universitäten.</p> <h3>Die Vorreiter</h3> <p>im Jahre 2018 gründeten Mitarbeiter des MIT Plasma Science and Fusion Center ein Start-up, um einen neuartigen Fusionsreaktor zu bauen. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston gehört zu den besten technischen Universitäten der Welt, und das Fusion Center hat einen exzellenten Ruf. Das Konzept der Gründer überzeugte mehrere große Geldgeber und die Firma <i>Commonwealth Fusion </i><i>Systems</i> (CFS) konnte mit der Arbeit beginnen.<aside></aside></p> <p>Der geplante Reaktor <a href="https://arxiv.org/abs/1409.3540" rel="noopener">bekam den Namen ARC</a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>, was für<i> affordable, robust, compact</i> steht.</p> <p>Bis heute hat das Unternehmen nach eigenen Angaben drei Milliarden US$ eingesammelt, mehr als genug, um das Versuchskraftwerk SPARC (Smallest Possible ARC) fertigzustellen und zu testen.</p> <p>Der Reaktor beruht – wie der ITER – auf dem erprobten Prinzip des Tokamak. Mehrere Versuchsreaktoren rund um die Welt haben nachgewiesen, dass diese Bauform geeignet ist, das 100 Millionen Grad heiße Fusionsplasma mit starken Magnetfeldern einzuschließen, damit es nicht die Reaktorwände durchschmilzt. Eigentlich sollte der ITER als erster Reaktor dieser Bauform tatsächlich Strom erzeugen, aber die vielen Querelen zwischen den Partnern haben ihn ausgebremst.</p> <p>Im Gegensatz zum ITER nutzt SPARC Hochtemperatursupraleiter (HTS) für seine Magneten. Damit lassen sich sehr viel stärkere Magnetfelder erzeugen, so dass der Reaktor deutlich kleiner ausfällt – und damit auch um eine Größenordnung billiger. Als ITER entworfen wurden, gab es noch keine Möglichkeit, aus HTS ausreichend große Magnete herzustellen, er nutzte deshalb die herkömmlichen Supraleiter.</p> <p>Im Jahr 2018 hatte sich das geändert, aber das Start-up hatte trotzdem einige Hürden zu überwinden. Schon der Versuchsreaktor SPARC benötigt 10.000 Kilometer supraleitende Drähte für seine Spulen. Nun sind HTS aber Keramiken, hart und spröde wie Porzellan, und lassen sie sich nicht auf Spulen wickeln. Einige Firmen erfanden daraufhin ein Verfahren, um das Material als ultradünne Schicht auf biegsame Stahlbänder (HTS-Tapes) aufzudampfen. Bei Gründung von CFS reichte die Weltjahresproduktion allerdings nicht aus, um auch nur den Versuchsreaktor zu bestücken. Und bei Preisen von über hundert US$ pro Meter hätten allein die HTS-Tapes mehr als eine Milliarde US$ verschlungen. Der ARC sollte aber Strom zu konkurrenzfähigen Preisen abgeben und dabei Gewinn machen.</p> <p>Bob Mumgaard, der CEO von CFS, sagte 2023 <a href="https://spectrum.ieee.org/fusion-2662267312" rel="noopener">der Zeitschrift <i>IEEE Spectrum</i></a>:</p> <p>„Vom Standpunkt eines Physikers sehen unsere Reaktoren tatsächlich eher langweilig aus; wir verlassen uns auf die wohlerprobte Plasmaphysik des ITER und anderer Experimente. Stattdessen haben wir uns entschieden, bei den Magneten voll ins Risiko zu gehen.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>“</p> <p>Die Wette ging auf. Nachdem CFS in den ersten Jahren einen großen Teil der Weltproduktion an HTS-Tapes aufkaufte, zog die Produktion an, während der Preis sank. Vor einem Jahr lag er <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2772830725000390#b5" rel="noopener">ungefähr bei 20 US$ pro Meter</a>, und damit immer noch eine Größenordnung höher als der von herkömmlichen Supraleitern.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a></p> <p>Die Fortschritte beim Bau des Reaktors hat CFS <a href="https://www.youtube.com/watch?v=qM9hZxmJr9Q" rel="noopener">im Juli in einem Video</a> dokumentiert. Die ersten vier von 18 Toroidspulen sind fertig montiert und weitere warten auf den Einbau. Das Vakuumgefäß ist angeliefert. In einem Jahr soll der Reaktor in Betrieb gehen – wenn nichts dazwischenkommt.</p> <p>Der Standort für den ARC steht auch schon fest: Chesterfield County im amerikanischen Bundesstaat Virginia. Ab 2035 soll der erste Strom fließen. Google hat sich vertraglich verpflichtet, die Hälfte davon abzunehmen.</p> <h3>Strom aus Kernfusion ab 2028?</h3> <p>Auch der zweite Vorreiter, Helion Energy hat für seinen künftigen Fusionsstrom bereits einen Abnehmer gefunden: Die Firma Microsoft will ab 2028 etwa 50 Megawatt Strom von Helions Fusionskraftwerk „Orion“ beziehen, das allerdings erst im Bau ist.</p> <p>Der Reaktor arbeitet nach einem ganz eigenen Prinzip. Anders als ITER und SPARC sieht nicht aus wie ein fetter Gummireifen in einer Hutschachtel, sondern eher wie Stück Pipeline, das von gewaltigen Magneten umringt ist. Während in einem Tokamak oder einem Stellarator das brennende Fusionsplasma Wärme erzeugt, die dann in einer herkömmlichen Turbine in Strom verwandelt wird, möchte Helion den Strom unmittelbar aus der Fusionsreaktion holen.</p> <p>Bei einer Verschmelzung von Tritium und Deuterium (DT-Fusion), wie sie die meisten Fusionsreaktoren anstreben, funktioniert das nicht. Hier die Energiebilanz:</p> <p>D + T → <sup>4</sup>H (3,5 MeV) + n (14,1 MeV)</p> <p>Die bei dieser Fusionsreaktion frei werdende Energie beschleunigt ein Neutron (n), das mit hoher Geschwindigkeit davonfliegt. Wenn man es abbremst, entsteht Wärme, die sich nutzen lässt. Wenn man einen Strom in einem Leiter induzieren will, braucht man aber ein geladenes Teilchen. Also muss eine Fusionsreaktion her, die ihre Energie auf ein geladenes Teilchen überträgt. Gesucht und gefunden: Bei der Fusion von Deuterium und Helium 3 trägt ein Proton die entstehende Energie davon. Nur: Diese Reaktion erfordert sehr viel mehr Hitze und Druck als die DT-Fusion.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1906" id="attachment_1906"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3.jpg"><img alt="" decoding="async" height="450" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/fusionsreaktion3.jpg 1024w" width="450"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1906">Deuterium-Tritium-Fusion und Fusion von Deuterium mit Helium3</figcaption></figure> <p>Helion möchte das erreichen, indem es an den beiden Enden seiner „Pipeline“ Plasmaringe erzeugt, die dann komprimiert und gegeneinander geschossen werden. In der Mitte prallen sie zusammen und sollen dabei ein Produkt aus Dichte und Temperatur erreichen, das für eine kurzzeitige Fusionsreaktion vom Typ</p> <p>D + <sup>3</sup>H → <sup>4</sup>H (3,6 MeV) + p (14,7 MeV)</p> <p>ausreicht. Die schnellen Protonen (p) sollen in den umgebenden Spulen kurzzeitig einen Strom induzieren. Dann fliegt alles auseinander und der Zyklus beginnt von neuem. Das Plasma „brennt“ also nicht, sondern „zündet“ – wie das Treibstoffgemisch in einem Dieselmotor.</p> <p>Sollte das Prinzip funktionieren, würde Microsoft ab 2028 – als erstes Unternehmen überhaupt – Strom aus Kernfusion beziehen. Vielen Experten erscheint das etwas gewagt, und Helion muss beweisen, dass dieses revolutionäre Konzept tatsächlich umsetzbar ist. Am Geld wird es jedenfalls nicht scheitern. Das Start-up <a href="https://www.helionenergy.com/newsroom/helion-raises-465-million-series-g-funding-round-to-meet-surging-global-demand-for-power" rel="noopener">hat bisher 1,5 Milliarden US$</a> an Investorengeldern eingesammelt.</p> <h3>Kernfusion in Deutschland</h3> <p><a name="_ZdtcauzxI_zVxc8PrZbV-Qk_130"></a>Die dritte Firma, die ich hier vorstellen möchte, ist eine Ausgründung des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Max-Planck-Institut_f%C3%BCr_Plasmaphysik" rel="noopener">Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik</a> in Garching bei München. <i>Proxima Fusion</i> möchte die Erfahrungen mit dem Versuchsreaktor <i>Wendelstein 7-</i><i>x</i> nutzen, den das Institut in Greifswald betreibt. Der Reaktor hat alle Erwartungen deutlich übertroffen und funktionierte von Anfang wie geplant, was bei Großprojekten eher die Ausnahme ist. Zusammen mit dem inzwischen abgeschalteten Joint European Torus hält er <a href="https://www.ipp.mpg.de/5532945/w7x" rel="noopener">diverse Weltrekorde</a> für Experimentalreaktoren.</p> <p>Der Reaktor <i>Stellaris</i>, den Proxima Fusion bauen will, nutzt das gleiche Bauprinzip wie Wendelstein 7-x – den <i>Stellarator</i> (wie der Name schon andeutet). Während ein Tokamak das Plasma unter anderem durch ein dort induziertes Magnetfeld stabilisiert, nutzt der Stellarator nur externe Magnetfelder. Dieser Unterschied hat gravierende Folgen. Ein Tokamak muss nach einigen Minuten das Magnetfeld abschalten und neu aufbauen, ein Stellarator arbeitet im Dauerstrichbetrieb. Wo ist dann der Haken? Der Stellarator braucht eine bizarre Magnetfeldstruktur, weil er auf das stabilisierende Feld im Plasma verzichtet. Die Geometrie der in drei Dimensionen deformierten Magnetspulen erfordert langwierige Berechnungen. Und wenn sie perfekt entworfen sind, müssen sie auch noch gebaut werden – mit wenigen Millimetern Toleranz. Bei den tonnenschweren Kolossen keine einfache Aufgabe.</p> <p>Zu der Zeit, als der ITER geplant wurde, reichte die verfügbare Computerleistung kaum aus, um die Spulen eines Stellarators genau genug zu berechnen, und der Bau wäre ein enormes Risiko geworden. Also entschied sich internationale Gemeinschaft damals für einen Tokamak.</p> <p>Heute setzen aber <a href="https://www.science.org/content/article/stellarators-fusions-dark-horse-hit-stride" rel="noopener">immer mehr Start-ups auf Stellaratoren</a>.</p> <p>Aber selbst der prototypische Stellarator Wendelstein 7-x ist schon lange überholt.</p> <p>Wie mir Francesco Sciortino, der CEO des Start-ups, in einem Interview sagte, liegen zwischen Wendelstein 7-X und Stellaris mindestens zwei Technologie-Generationen. Proxima Fusion hat den Bauplan für seinen künftigen Reaktor <i>Stellaris</i> übrigens in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a> und damit zur Diskussion unter Fachleuten freigegeben.</p> <p>Ein erstes Versuchskraftwerk <i>(Alpha)</i> soll am Standort des Atomkraftwerkes Grundremmingen entstehen und 2031/32 fertig werden. Am Geld wird es nicht scheitern: Proxima Fusion hat bisher mehr als 600 Millionen Euro an Investorengeldern eingesammelt. Der Bund und das Land Bayern haben weitere Fördermittel in Aussicht gestellt.</p> <p>Und noch ein weiteres Unternehmen möchte bis Mitte der 2030er-Jahre ein Fusionskraftwerk in Deutschland errichten. <a href="https://www.focused-energy.co/" rel="noopener">Focused Energie</a> plant, im hessischen Biblis ein <a href="https://www.tu-darmstadt.de/universitaet/aktuelles_meldungen/einzelansicht_561344.de.jsp" rel="noopener">Laserfusionskraftwerk zu errichten</a>, das bis 2035 Strom liefern soll.</p> <p><a href="https://www.bmftr.bund.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2025/10/011025-aktionsplan-fusion.html" rel="noopener">Die Bundesregierung hat das ausdrückliche Ziel ausgegeben,</a> das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland zu errichten, und einen Aktionsplan dafür erarbeitet. Die Start-ups dürfen also mit großzügiger Unterstützung rechnen.</p> <p>Aber die USA und Deutschland sind nicht allein auf weiter Flur: China und Japan treiben den Bau von Versuchsreaktoren entschlossen und mit viel Geld voran. Auch in Südkorea, Schweden, Frankreich und England sollen in den nächsten Jahren solche Anlagen gebaut werden.</p> <h3>Können Fusionskraftwerke am Markt bestehen?</h3> <p>Ist aber der Strom aus Fusionskraftwerken überhaupt konkurrenzfähig? Viele Start-up machen dazu keine Angaben. Einige peilen 4 Cent pro Kilowattstunde an, was durchaus marktgängig wäre, aber optimistisch kalkuliert ist.</p> <p>Alle Fusionskraftwerke haben einen großen Vorteil: Der Brennstoff kostet praktisch nichts. Aus einem Kilo Deuterium und Tritium lässt sich so viel Strom erzeugen wie aus 11 000 Tonnen Kohle. Allerdings muss das Reaktorgefäß alle drei bis fünf Jahre ersetzt werden. Warum? Der ständige Neutronenbeschuss macht die Wände radioaktiv, die Isotope sind aber glücklicherweise kurzlebig. Wenn einige Dutzend Fusionskraftwerke der gleichen Bauart in Betrieb sind, wären fünf bis zehn Cent Grenzkosten (= reine Betriebskosten ohne Bau- und Entwicklungskosten) durchaus realistisch.</p> <h3>Das Umfeld in Deutschland</h3> <p>In Deutschland werden Fusionskraftwerke zuerst die Gaskraftwerke ersetzen, die bei einer Dunkelflaute (=Winter und Windstille) einspringen sollen. Weil Erdgas alles andere als CO<sub>2</sub>-neutral ist, sollen diese Kraftwerke mit grünem Wasserstoff betrieben werden. Nur: Der Strom aus solchen Backup-Systemen kostet mehr als 40 Cent pro Kilowattstunde und steht nicht vor 2040 zur Verfügung<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>. Da können Fusionskraftwerke locker mithalten.</p> <p>International hat das Rennen um die Marktführerschaft schon begonnen, denn die Technik verspricht, ein Milliardengeschäft zu werden. Und deutsche Firmen sind ganz vorne mit dabei. Wenn sie nicht wieder ausgebremst werden, weil Kernfusion gegen das deutsche Reinheitsgebot der Energiewende verstößt, nach dem Strom ausschließlich durch Sonne und Wind erzeugt werden darf.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Vielleicht hat auch der Reaktor Arc aus den Ironman-Filmen Pate gestanden.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Im Original: “In fact, from a physicist’s standpoint, our machines look kind of boring; we’re relying on plasma physics that’s well established by Iter and other experiments. Instead, we decided to put all our risk in the magnet technology.”</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Angesichts der vielen geplanten Versuchsreaktoren erwartet die Hersteller von HTS-Tape in den nächsten Jahren ein glänzendes Geschäft. Bleibt zu hoffen, dass die Produktion schnell genug hochgefahren werden kann.</p> </div> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Lion, J et. al. (2025): Stellaris: A high-field quasi-isodynamic stellarator for a prototypical fusion power plant. <i>Fusion Engineering and Design</i> 214, 114868.</p> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Grünen Wasserstoff gibt es bisher nicht. Deshalb sollen in den nächsten Jahren riesige Elektrolyseure gebaut werden, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zerlegen, und zwar ausschließlich mit Hilfe von Grünstrom. Mehrere Vorhaben sind allerdings aufgegeben worden, weil jede Gewinnaussicht fehlt. Und das ist nicht alles: Weltweit läuft noch kein einziges großes Wasserstoffkraftwerk, es ist auch keines im Bau. Weil Wasserstoff anders verbrennt als Erdgas, müssen die Brennräume der Turbinen neu gestaltet werden. Wie unter diesen Umständen bis 2040 eine „Wasserstoffwirtschaft“ entstehen soll, ist nicht absehbar. Und selbst, wenn es gelingt: Der Wirkungsgrad ist miserabel (&lt; 35%). Eine Bestandsaufnahme der Probleme bei der Wasserstoffwirtschaft findet sich zum Beispiel in der aktuellen Nummer von „Bild der Wissenschaft“ (08/2026), oder <a href="https://www.tagesschau.de/investigativ/mdr/gruener-wasserstoff-108.html" rel="noopener">hier</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-sonne-kommt-auf-die-erde/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>50</slash:comments> </item> <item> <title>Humboldt-Kalmar – der „Rote Teufel“ https://scilogs.spektrum.de/meertext/humboldt-kalmar-der-rote-teufel/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/humboldt-kalmar-der-rote-teufel/#comments Fri, 24 Jul 2026 07:40:46 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2049 <h1>Humboldt-Kalmar – der „Rote Teufel“ » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Eine aktuelle Publikation chinesischer Biologen beschäftigt sich mit den Folgen der Meereserwärmung und der El Nino-Hitzewellen auf den Humboldtkalmar (Jiang, M., Dong., S., Liu, B., Zhang, F., &amp; Chen, X. (2026). <a href="https://doi.org/10.1038/s43247-026-03509-9" rel="noopener">Strong El Niño events reshapes migration routes and reproductive phenology of jumbo squid (<em>Dosidicus gigas</em>)</a>).Ich habe mir mal angeschaut, was dahintersteckt und stelle bei der Gelegenheit diesen berüchtigten Jumbo Squid etwas näher vor.<br></br>Außerdem ist es allerhöchste Zeit, mal wieder einen #CephalopodFriday zu feiern : )</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="532" sizes="(max-width: 596px) 100vw, 596px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3.jpg 596w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3-300x268.jpg 300w" width="596"></img></a></figure> <p>Im östlichen Pazifik, in den hoch produktiven Gewässern der kalten Strömungen vor den amerikanischen Küsten ist das Reich der Humboldt-Kalmare (<em>Dosidicus gigas</em>). Tagsüber halten sie sich in der <a href="https://bigearthdata.ai/search/ecochat?q=Humboldt+squid+deep+sea+behavior&amp;search_sort=recent" rel="noopener">ausgedehnten, sauerstoffarmen Mittelschicht des Ozeans in bis zu 1200 Metern Tiefe auf.</a> Deren Dunkelheit und die sauerstoffarmen Bedingungen sind eine Zuflucht vor den meisten Fressfeinden wie großen Zahnwalen und schnellen Fischen, außerdem können die kapitalen Kopffüßer in der Kälte den Stoffwechsel herunterfahren und somit Energie sparen.</p> <p>Anders als Riesen- oder Koloss-Kalmare, die unangefochtenen Giganten unter den Weichtieren, steigen Humboldtkalmare jede Nacht in koordinierten Schwärmen aus ihrem Tiefseereich in die oberflächennahen Wasserschichten auf. Dies macht sie zu wichtigen Bindegliedern zwischen der tiefen mesopelagischen Zone und den Nahrungsnetzen an der Oberfläche.</p> <p>Bei ihrem nächtlichen Beutezug jagen sie Fische, Krebstiere, andere Kopffüßer und sogar Artgenossen. Ein Humboldtkalmar krallt und hält seine Beute mit seinen 10 Armen, die über 100 Saugnäpfe tragen, von denen jeder mit einem Zahnkranz bewehrt ist. Die beiden langen Jagdtentakel kann er blitzschnell weit voraus schleudern – dann erfasst er mit den keulenartig verdickten Enden mit 50 weiteren Saugnäpfe und noch größeren Zahnringen Fische, andere Kopffüßer und sogar Artgenossen unentrinnbar und zieht sie zur Mundöffnung. Dort reißt er mit dem scharfen Schnabel große Stücke heraus.</p> <p>Mit einer Mantellänge von bis zu 1,5 Metern und mit Tentakeln bis zu 2,5 Meter lang sind diese gefräßigen Kalmare zwar nicht die größten, aber auf jeden Fall kapitale Kopffüßer. Und mit 50 Kilogramm Gewicht, scharfen Schnäbeln und Hunderten von zahnbewehrten Saugnäpfen sicherlich die berüchtigtsten – ihr aggressives Verhalten untereinander und sogar gegenüber Menschen ist belegt.<aside></aside></p> <p>Wie alle Tintenfische wachsen sie extrem schnell und sterben jung – sie erreichen ihre Länge und Gewicht innerhalb eines Jahres und sterben mit höchstens zwei Jahren.</p> <p>(Wer statt Lesen lieber gucken möchte: Am Ende des Beitrags ist eine Dokumentation verlinkt)</p> <h2><strong>Bling Bling-Kommunikation und Aggression</strong></h2> <p>Bei ihrer nächtlichen Jagd in den oberen Meeresschichten Dabei zeigen sie ein <a href="https://bigearthdata.ai/search/ecochat?q=Humboldt+squid+deep+sea+behavior&amp;search_sort=recent" rel="noopener">komplexes soziales Jagdverhalten, koordiniert durch die kalmartypische biolumineszente Kommunikation</a>. Ihre schnelle, dynamische visuelle Kommunikation funktioniert durch chromatophorengesteuerte Hautmuster – blinkende rote und weiße Muster auf ihrem Mantel. Dabei nimmt jede Chromatophore (Pigmentzelle) einen Farbton an, sie werden meist weiß, rot oder schwarz. Für diese schnelle und gleichzeitige Musterdynamik Tausender Chromatophoren haben Kopffüßer ein leistungsstarkes Nervensystem. Die Farbwechsel und Lichtblitze dienen nicht nur der Koordination, sondern auch der Tarnung. Es ist also eine Form bunter und biolumineszenter visueller Sprache, die an das Halbdunkel der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dysphotische_Zone" rel="noopener">Dämmerzone</a> von 200 bis 1000 Metern Tiefe (Mesopelagial) angepasst ist. Damit gehören sie – wie alle Tintenfische – zu den kognitiv aktivsten Wirbellosen im Ozean.</p> <p>Ein <a href="https://www.mbari.org/news/deciphering-the-visual-language-of-humboldt-squid/" rel="noopener">Forscherteam um Ben Burford und Bruce Robison</a> (MBARI: Monterey Bay Aquarium and Research Institute) beobachtete durch die Kameras eines ROVs bei mehreren Tauchgängen, dass jeder Kalmar seine Beute allein erlegt und verzehrt, vermutlich signalisiert er dann den Artgenossen, dass er nicht gestört werden will. Burford identifizierte <a href="https://www.mbari.org/news/deciphering-the-visual-language-of-humboldt-squid/" rel="noopener">mehrere Standard-Pigmentmuster</a>, die immer wieder auftauchten. Einige davon standen im Kontext mit der Jagd, andere waren mit unterschiedlichen Gruppengrößen assoziiert (Ben Burford, Bruce Robison: <a href="https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1920875117" rel="noopener">Bioluminescent backlighting illuminates the complex visual signals of a social squid in the deep sea</a>, Fig 1.). Sowie einer allerdings geschwächt war oder am Haken der Forschenden gefangen hing, stießen seine Artgenossen zu und zerfetzten ihn.</p> <p>Durch den Aufstieg zur Oberfläche gerät er auch in die Reichweite von Menschen – Fischern, Forschern und Tauchern. Anders als viele andere Kalmare ist er aggressiv – Humboldt-Kalmare attackieren und fressen sich gegenseitig, gehen aber auch als große aggressive Gruppe gegen Taucher oder ins Wasser gefallene Fischer vor. Das bis zu 50 Kilogramm schwere Weichtier wird kommerziell gefischt und gehandelt, die Fischer müssen allerdings vorsichtig sein: Der kräftige, scharfe Schnabel kann schwere Verletzungen zufügen, wie die Amputation von Fingern. Ins Wasser gefallene Fischer sollen von <em>Dosidicus</em>-Gruppen angegriffen und in die Tiefe gezogen worden sein, angeblich gab es sogar Todesfälle. Dieses aggressive Verhalten gegenüber Menschen hat unter anderem der Tintenfisch Experten Clyde Roper (Smithsonian) dokumentiert.<br></br>Solch koordiniertes Zufassen eines ganzen Schwarms intelligenter Kopffüßer – manchmal sollen es Tausende sein – ist eine furchterregende Vorstellung.</p> <p>Der <a href="https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/encounter-with-a-humboldt-21761145/" rel="noopener">Kopffüßerexperte Clyde Roper (National Museum of Natural History) hatte eine blutige Begegnung mit einem Humboldt-Kalmar: </a>Roper hatte während einer Expedition im Golf von Kalifornien einen Kalmar in seinen Tauchkäfig gelockt. Der Biologe freute sich über die Detailansicht der Kalmar-Kiefer – dann griff der Kalmar an und traf den Forscher am Oberschenkel. Als er nach dem Tauchgang den Neoprenanzug auszog, lief Blut aus einer über 2 Zoll (5,08 Zentimeter) langen Bißwunde am Oberschenkel. </p> <h2><strong>Meereserwärmung fördert Ausbreitung von Humboldt-Kalmaren</strong></h2> <p>Andere Daten zum Humboldt Kalmar stammen aus der Fischerei – sein Handelsname ist Jumbo Squid. Der schwergewichtige Kalmar ist im Östlichen Tropischen Pazifik von der Küste Perus bis zum Golf von Kalifornien eine ökologische und fischereiliche Schlüsselkomponente. <a href="https://oceanrep.geomar.de/id/eprint/53703/1/4291.pdf" rel="noopener">Seit dem El-Niño-Ereignis 1997–98 tauchte er auch weiter nördlich, im Kalifornischenstrom-System (California Current System, CCS)</a> (JUMBO SQUID (DOSIDICUS GIGAS) INVASIONS IN THE EASTERN PACIFIC OCEAN, SYMPOSIUM INTRODUCTION CalCOFI Rep., Vol. 49, 2008, S. 79 ff) auf, seit 2003 werden diese Kalmare regelmäßig in großer Zahl im gesamten CCS und bis nach Südost-Alaska im Norden gesichtet. Und befischt: Sie sind groß genug, um aus dem Mantel große Steaks zu schneiden. Allerdings muss vor dem Verzehr das Ammoniak, das der Auftriebsregulierung dient, aus dem Gewebe gespült werden.</p> <p>Das <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/science-data/oceanography-northern-california-current-study-area" rel="noopener">California Current System</a> (CCS) vor der nordamerikanischen Westküste ist gut erforscht und eines der produktivsten der Welt:  Kaltes Wasser aus hohen Breitengraden strömt vom Rand von British Columbia bis nach Baja nach Süden – der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kalifornienstrom" rel="noopener">Kalifornienstrom</a> (<a href="https://science.nasa.gov/earth/earth-observatory/california-coastal-current-87575/" rel="noopener">California Current</a>). Gleichzeitig wehen oft Brisen vom Land zum Meer und drängen das Oberflächenwasser von der Küste weg – dessen Platz wird dann durch kühleres, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe eingenommen (Upwelling). Die Kombination aus kühlem Wasser und reichlich vorhandenen Nährstoffen fördert das Wachstum von Pflanzen im Meer, vom mikroskopisch kleinen Phytoplankton bis hin zu dichten Seetangwäldern. Diese Primärproduzenten bilden den Mittelpunkt eines Nahrungsnetzes und waren die Basis der einst unermeßlich erscheinenden Sardinen- und anderer Fischbestände, großen Vorkommen von großen und kleinen Walen und Robben, sowie Seevögeln.</p> <p>Wie etwa im Golf von Kalifornien (Sea of Cortez): <a href="https://www.researchgate.net/publication/236894545_Range_expansion_and_trophic_interactions_of_the_jumbo_squid_Dosidicus_Gigas_in_the_California_Current" rel="noopener">Dort trieben</a> sich b<a href="https://www.facebook.com/freek.vonk.1/posts/face-to-face-with-the-red-devil-no-aithe-real-reason-i-traveled-to-the-sea-of-co/1549507086545693/" rel="noopener">is 2010 viele zwei Meter große Humboldtkalmare</a> herum, als lohnende Proteinhappen lockten sie Pottwale an. Dann waren sie <a href="https://www.facebook.com/freek.vonk.1/posts/face-to-face-with-the-red-devil-no-aithe-real-reason-i-traveled-to-the-sea-of-co/1549507086545693/" rel="noopener">nach einem starken El Niño-Event, der offenbar auch ihre Beute reduziert hatte, scheinbar verschwunden, berichtet der Evolutionsbiologe Freek Vonk auf Facebook<em>.</em></a>De facto hatten sie sich innerhalb kürzester Zeit angepasst, indem sie viel früher geschlechtsreif wurden, weniger Energie in das Wachstum investierten und sich bereits bei einer weitaus geringeren Größe fortpflanzten. Erwachsene Exemplare überschritten nun selten eine Größe von etwa 25 Zentimetern.</p> <p>Bei einem nächtlichen Tauchgang war Vonk nicht nur auf riesige Schwärme kleiner Humboldt-Kalmare gestoßen, sondern dokumentierte auch deutlich größere Exemplare, von denen einige fast dreimal (!) so groß waren wie die durchschnittlichen ausgewachsenen Tiere, die diese Gewässer seit 2010 dominieren. Obwohl die Riesen, die einst den Golf von Kalifornien beherrschten, noch größer waren, wirft dies doch eine spannende Frage auf: Könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass große Humboldt-Kalmare ein Comeback feiern?<br></br>Um die Sache noch faszinierender zu machen: Pottwale, die sich hauptsächlich von großen Tintenfischen ernähren, kehren seit kurzem zum ersten Mal seit demVerschwinden der riesigen Humboldt-Tintenfische in bemerkenswerter Zahl ins Golf von Kalifornien zurück: „<a href="https://www.facebook.com/freek.vonk.1/posts/face-to-face-with-the-red-devil-no-aithe-real-reason-i-traveled-to-the-sea-of-co/1549507086545693/" rel="noopener">Es würde mich überhaupt nicht überraschen</a>, wenn die wahren Riesenkalmare bereits da draußen wären, irgendwo in den Tiefen des Golfs von Kalifornien.“<p>Die Pottwale wissen als Tieftaucher und Tintenfisch-Gourmets sicherlich besser als alle Meeresbiologen, welche Weichtiere sich aktuell in den Tiefen des Golfs herumtreiben.</p></p> <h2><strong>Jumbo Squids der südlichen Hemisphäre</strong></h2> <p>Die Jumbo Squids haben sich außerdem auch nach Süden über die peruanischen Gewässer hinweg bis zur zentralen chilenischen Küste ausgebreitet<a href="https://oceanrep.geomar.de/id/eprint/53703/1/4291.pdf" rel="noopener">. In beiden Hemisphären waren bereits im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Invasionen dokumentiert worden, die in Chile bis in die 1830er Jahre zurückreichen</a>. Aber das räumliche und zeitliche Ausmaß der aktuellen Ausbreitung scheint die historischen Events zu übertreffen.<br></br><a href="https://bigearthdata.ai/search/ecochat?q=Humboldt+squid+deep+sea+behavior&amp;search_sort=recent" rel="noopener">Mit der Ausbreitung von wärmerem, sauerstoffärmerem Wasser im Zuge der globalen</a> Meereserwärmung vergrößert sich offenbar ihr Lebensraum, <a href="https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/encounter-with-a-humboldt-21761145/" rel="noopener">während der Lebensraum, der Konkurrenten und Fressfeinden schrumpft.</a> Kopffüßer sind also oft Gewinner der Klimakrise, weil sie sich daran anpassen können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 566px) 100vw, 566px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4.jpg 566w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4-286x300.jpg 286w" width="566"></img></a></figure> <p>Etwas außerhalb der Hoheitsgewässer von Chile, Ecuador, Mexico and Peru erkunden <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0924796323001045" rel="noopener">auch chinesische Biologen die Verbreitung und Ökologie der Humboldt-Kalmare.</a> Die gigantische chinesische Fischfangflotte fischt nicht nur für den hungrigen und großen asiatischen Markt, sondern verkauft ihre Fänge in alle Welt. Die südamerikanischen Länder können sich schlecht dagegen wehren, auch wenn sie längst bei zuständigen Kommissionen Beschwerde eingelegt haben. Die chinesischen Fischer entziehen sich immer wieder der Fischereiaufsicht, ignorieren Fangquoten und Fangverbote sowie Schutzmaßnahmen für Menschen und Tiere. Ihre Transponder, die verpflichtend eingeschaltet sein müssen, werden oft abgestellt, so dass sie ihre Positionen verschleiern. <a href="https://news.mongabay.com/2026/03/chinas-pacific-squid-fishery-rife-with-labor-fishing-abuses-report/" rel="noopener">Tintenfische werden in Massen gefangen, genauso wie Fische, außerdem offenbar auch die streng geschützten Robben und Haie,</a> bei Letzteren ist Finning immer noch verbreitet (dabei werden lebenden Haien die Flossen abgeschnitten, der sterbende Hai wird ins Meer zurückgeworfen und die Flossen werden für die traditionelle chinesische Haifischflossensuppe teuer verkauft). Durch Vorspiegeln von Nicht-Wissen schützt die chinesische Regierung diese illegalen, ökologisch verheerenden Fischereipraktiken. Aber nicht nur das Leben der Tiere ist ihnen nichts wert, sondern <a href="https://news.mongabay.com/2026/03/chinas-pacific-squid-fishery-rife-with-labor-fishing-abuses-report/" rel="noopener">auch das der dort arbeitenden Menschen</a>.</p> <p>Im Fall des Humboldt-Kalmars haben sie mit <a href="https://www.ecosia.org/images?q=Jigging%20Machine%20Squid#id=FCD18305C55892B709783CC6A83A7E90B68503B7" rel="noopener">industriellen Jigging-Machines solche Massen aus dem Meer</a> <a href="https://www.ecosia.org/images?q=Jigging%20Machine%20Squid#id=FCD18305C55892B709783CC6A83A7E90B68503B7" rel="noopener">gezogen</a>, dass der Ruf nach Fischerei-Regulierung sehr laut wird. <a href="The%2014th%20meeting%20of%20the%20South%20Pacific%20Regional%20Fisheries%20Management%20Organisation%20(SPRFMO)%20took%20place%20in%20Panama%20City%20from%20March%202-6.">Mongabay berichtete im März 2026</a> über das 14. Treffen der South Pacific Regional Fisheries Management Organisation (SPRFMO) in Panama City vom 2. Bis 6. März 2026: „Modest controls put on freewheeling squid fleet at South Pacific fisheries meeting „<a href="https://news.mongabay.com/2026/03/modest-controls-put-on-freewheeling-squid-fleet-at-south-pacific-fisheries-meeting/?utm_source=Global+English&amp;utm_campaign=d70358dda6-EMAIL_CAMPAIGN_2025_08_20_12_35_COPY_01&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_-83beace3ae-67249167&amp;mc_cid=d70358dda6&amp;mc_eid=bb3f106f24" rel="noopener">Modest controls put on freewheeling squid fleet at South Pacific fisheries meeting</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 598px) 100vw, 598px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5.jpg 598w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5-300x241.jpg 300w" width="598"></img></a></figure> <h2><strong>Zum Weitergucken</strong></h2> <p>Diese etwas reißerische Dokumentation folgt den Spuren der Humboldt-Kalmare im Golf von Kalifornien und lohnt sich allein schon wegen der Bilder:</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Y7nJwNdfF60" rel="noopener"><strong>The Deadly Myths of the Humboldt Squid (Full Documentary)</strong></a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Humboldt-Kalmar – der „Rote Teufel“ » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Eine aktuelle Publikation chinesischer Biologen beschäftigt sich mit den Folgen der Meereserwärmung und der El Nino-Hitzewellen auf den Humboldtkalmar (Jiang, M., Dong., S., Liu, B., Zhang, F., &amp; Chen, X. (2026). <a href="https://doi.org/10.1038/s43247-026-03509-9" rel="noopener">Strong El Niño events reshapes migration routes and reproductive phenology of jumbo squid (<em>Dosidicus gigas</em>)</a>).Ich habe mir mal angeschaut, was dahintersteckt und stelle bei der Gelegenheit diesen berüchtigten Jumbo Squid etwas näher vor.<br></br>Außerdem ist es allerhöchste Zeit, mal wieder einen #CephalopodFriday zu feiern : )</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="532" sizes="(max-width: 596px) 100vw, 596px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3.jpg 596w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-3-300x268.jpg 300w" width="596"></img></a></figure> <p>Im östlichen Pazifik, in den hoch produktiven Gewässern der kalten Strömungen vor den amerikanischen Küsten ist das Reich der Humboldt-Kalmare (<em>Dosidicus gigas</em>). Tagsüber halten sie sich in der <a href="https://bigearthdata.ai/search/ecochat?q=Humboldt+squid+deep+sea+behavior&amp;search_sort=recent" rel="noopener">ausgedehnten, sauerstoffarmen Mittelschicht des Ozeans in bis zu 1200 Metern Tiefe auf.</a> Deren Dunkelheit und die sauerstoffarmen Bedingungen sind eine Zuflucht vor den meisten Fressfeinden wie großen Zahnwalen und schnellen Fischen, außerdem können die kapitalen Kopffüßer in der Kälte den Stoffwechsel herunterfahren und somit Energie sparen.</p> <p>Anders als Riesen- oder Koloss-Kalmare, die unangefochtenen Giganten unter den Weichtieren, steigen Humboldtkalmare jede Nacht in koordinierten Schwärmen aus ihrem Tiefseereich in die oberflächennahen Wasserschichten auf. Dies macht sie zu wichtigen Bindegliedern zwischen der tiefen mesopelagischen Zone und den Nahrungsnetzen an der Oberfläche.</p> <p>Bei ihrem nächtlichen Beutezug jagen sie Fische, Krebstiere, andere Kopffüßer und sogar Artgenossen. Ein Humboldtkalmar krallt und hält seine Beute mit seinen 10 Armen, die über 100 Saugnäpfe tragen, von denen jeder mit einem Zahnkranz bewehrt ist. Die beiden langen Jagdtentakel kann er blitzschnell weit voraus schleudern – dann erfasst er mit den keulenartig verdickten Enden mit 50 weiteren Saugnäpfe und noch größeren Zahnringen Fische, andere Kopffüßer und sogar Artgenossen unentrinnbar und zieht sie zur Mundöffnung. Dort reißt er mit dem scharfen Schnabel große Stücke heraus.</p> <p>Mit einer Mantellänge von bis zu 1,5 Metern und mit Tentakeln bis zu 2,5 Meter lang sind diese gefräßigen Kalmare zwar nicht die größten, aber auf jeden Fall kapitale Kopffüßer. Und mit 50 Kilogramm Gewicht, scharfen Schnäbeln und Hunderten von zahnbewehrten Saugnäpfen sicherlich die berüchtigtsten – ihr aggressives Verhalten untereinander und sogar gegenüber Menschen ist belegt.<aside></aside></p> <p>Wie alle Tintenfische wachsen sie extrem schnell und sterben jung – sie erreichen ihre Länge und Gewicht innerhalb eines Jahres und sterben mit höchstens zwei Jahren.</p> <p>(Wer statt Lesen lieber gucken möchte: Am Ende des Beitrags ist eine Dokumentation verlinkt)</p> <h2><strong>Bling Bling-Kommunikation und Aggression</strong></h2> <p>Bei ihrer nächtlichen Jagd in den oberen Meeresschichten Dabei zeigen sie ein <a href="https://bigearthdata.ai/search/ecochat?q=Humboldt+squid+deep+sea+behavior&amp;search_sort=recent" rel="noopener">komplexes soziales Jagdverhalten, koordiniert durch die kalmartypische biolumineszente Kommunikation</a>. Ihre schnelle, dynamische visuelle Kommunikation funktioniert durch chromatophorengesteuerte Hautmuster – blinkende rote und weiße Muster auf ihrem Mantel. Dabei nimmt jede Chromatophore (Pigmentzelle) einen Farbton an, sie werden meist weiß, rot oder schwarz. Für diese schnelle und gleichzeitige Musterdynamik Tausender Chromatophoren haben Kopffüßer ein leistungsstarkes Nervensystem. Die Farbwechsel und Lichtblitze dienen nicht nur der Koordination, sondern auch der Tarnung. Es ist also eine Form bunter und biolumineszenter visueller Sprache, die an das Halbdunkel der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Dysphotische_Zone" rel="noopener">Dämmerzone</a> von 200 bis 1000 Metern Tiefe (Mesopelagial) angepasst ist. Damit gehören sie – wie alle Tintenfische – zu den kognitiv aktivsten Wirbellosen im Ozean.</p> <p>Ein <a href="https://www.mbari.org/news/deciphering-the-visual-language-of-humboldt-squid/" rel="noopener">Forscherteam um Ben Burford und Bruce Robison</a> (MBARI: Monterey Bay Aquarium and Research Institute) beobachtete durch die Kameras eines ROVs bei mehreren Tauchgängen, dass jeder Kalmar seine Beute allein erlegt und verzehrt, vermutlich signalisiert er dann den Artgenossen, dass er nicht gestört werden will. Burford identifizierte <a href="https://www.mbari.org/news/deciphering-the-visual-language-of-humboldt-squid/" rel="noopener">mehrere Standard-Pigmentmuster</a>, die immer wieder auftauchten. Einige davon standen im Kontext mit der Jagd, andere waren mit unterschiedlichen Gruppengrößen assoziiert (Ben Burford, Bruce Robison: <a href="https://www.pnas.org/doi/full/10.1073/pnas.1920875117" rel="noopener">Bioluminescent backlighting illuminates the complex visual signals of a social squid in the deep sea</a>, Fig 1.). Sowie einer allerdings geschwächt war oder am Haken der Forschenden gefangen hing, stießen seine Artgenossen zu und zerfetzten ihn.</p> <p>Durch den Aufstieg zur Oberfläche gerät er auch in die Reichweite von Menschen – Fischern, Forschern und Tauchern. Anders als viele andere Kalmare ist er aggressiv – Humboldt-Kalmare attackieren und fressen sich gegenseitig, gehen aber auch als große aggressive Gruppe gegen Taucher oder ins Wasser gefallene Fischer vor. Das bis zu 50 Kilogramm schwere Weichtier wird kommerziell gefischt und gehandelt, die Fischer müssen allerdings vorsichtig sein: Der kräftige, scharfe Schnabel kann schwere Verletzungen zufügen, wie die Amputation von Fingern. Ins Wasser gefallene Fischer sollen von <em>Dosidicus</em>-Gruppen angegriffen und in die Tiefe gezogen worden sein, angeblich gab es sogar Todesfälle. Dieses aggressive Verhalten gegenüber Menschen hat unter anderem der Tintenfisch Experten Clyde Roper (Smithsonian) dokumentiert.<br></br>Solch koordiniertes Zufassen eines ganzen Schwarms intelligenter Kopffüßer – manchmal sollen es Tausende sein – ist eine furchterregende Vorstellung.</p> <p>Der <a href="https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/encounter-with-a-humboldt-21761145/" rel="noopener">Kopffüßerexperte Clyde Roper (National Museum of Natural History) hatte eine blutige Begegnung mit einem Humboldt-Kalmar: </a>Roper hatte während einer Expedition im Golf von Kalifornien einen Kalmar in seinen Tauchkäfig gelockt. Der Biologe freute sich über die Detailansicht der Kalmar-Kiefer – dann griff der Kalmar an und traf den Forscher am Oberschenkel. Als er nach dem Tauchgang den Neoprenanzug auszog, lief Blut aus einer über 2 Zoll (5,08 Zentimeter) langen Bißwunde am Oberschenkel. </p> <h2><strong>Meereserwärmung fördert Ausbreitung von Humboldt-Kalmaren</strong></h2> <p>Andere Daten zum Humboldt Kalmar stammen aus der Fischerei – sein Handelsname ist Jumbo Squid. Der schwergewichtige Kalmar ist im Östlichen Tropischen Pazifik von der Küste Perus bis zum Golf von Kalifornien eine ökologische und fischereiliche Schlüsselkomponente. <a href="https://oceanrep.geomar.de/id/eprint/53703/1/4291.pdf" rel="noopener">Seit dem El-Niño-Ereignis 1997–98 tauchte er auch weiter nördlich, im Kalifornischenstrom-System (California Current System, CCS)</a> (JUMBO SQUID (DOSIDICUS GIGAS) INVASIONS IN THE EASTERN PACIFIC OCEAN, SYMPOSIUM INTRODUCTION CalCOFI Rep., Vol. 49, 2008, S. 79 ff) auf, seit 2003 werden diese Kalmare regelmäßig in großer Zahl im gesamten CCS und bis nach Südost-Alaska im Norden gesichtet. Und befischt: Sie sind groß genug, um aus dem Mantel große Steaks zu schneiden. Allerdings muss vor dem Verzehr das Ammoniak, das der Auftriebsregulierung dient, aus dem Gewebe gespült werden.</p> <p>Das <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/science-data/oceanography-northern-california-current-study-area" rel="noopener">California Current System</a> (CCS) vor der nordamerikanischen Westküste ist gut erforscht und eines der produktivsten der Welt:  Kaltes Wasser aus hohen Breitengraden strömt vom Rand von British Columbia bis nach Baja nach Süden – der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kalifornienstrom" rel="noopener">Kalifornienstrom</a> (<a href="https://science.nasa.gov/earth/earth-observatory/california-coastal-current-87575/" rel="noopener">California Current</a>). Gleichzeitig wehen oft Brisen vom Land zum Meer und drängen das Oberflächenwasser von der Küste weg – dessen Platz wird dann durch kühleres, nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe eingenommen (Upwelling). Die Kombination aus kühlem Wasser und reichlich vorhandenen Nährstoffen fördert das Wachstum von Pflanzen im Meer, vom mikroskopisch kleinen Phytoplankton bis hin zu dichten Seetangwäldern. Diese Primärproduzenten bilden den Mittelpunkt eines Nahrungsnetzes und waren die Basis der einst unermeßlich erscheinenden Sardinen- und anderer Fischbestände, großen Vorkommen von großen und kleinen Walen und Robben, sowie Seevögeln.</p> <p>Wie etwa im Golf von Kalifornien (Sea of Cortez): <a href="https://www.researchgate.net/publication/236894545_Range_expansion_and_trophic_interactions_of_the_jumbo_squid_Dosidicus_Gigas_in_the_California_Current" rel="noopener">Dort trieben</a> sich b<a href="https://www.facebook.com/freek.vonk.1/posts/face-to-face-with-the-red-devil-no-aithe-real-reason-i-traveled-to-the-sea-of-co/1549507086545693/" rel="noopener">is 2010 viele zwei Meter große Humboldtkalmare</a> herum, als lohnende Proteinhappen lockten sie Pottwale an. Dann waren sie <a href="https://www.facebook.com/freek.vonk.1/posts/face-to-face-with-the-red-devil-no-aithe-real-reason-i-traveled-to-the-sea-of-co/1549507086545693/" rel="noopener">nach einem starken El Niño-Event, der offenbar auch ihre Beute reduziert hatte, scheinbar verschwunden, berichtet der Evolutionsbiologe Freek Vonk auf Facebook<em>.</em></a>De facto hatten sie sich innerhalb kürzester Zeit angepasst, indem sie viel früher geschlechtsreif wurden, weniger Energie in das Wachstum investierten und sich bereits bei einer weitaus geringeren Größe fortpflanzten. Erwachsene Exemplare überschritten nun selten eine Größe von etwa 25 Zentimetern.</p> <p>Bei einem nächtlichen Tauchgang war Vonk nicht nur auf riesige Schwärme kleiner Humboldt-Kalmare gestoßen, sondern dokumentierte auch deutlich größere Exemplare, von denen einige fast dreimal (!) so groß waren wie die durchschnittlichen ausgewachsenen Tiere, die diese Gewässer seit 2010 dominieren. Obwohl die Riesen, die einst den Golf von Kalifornien beherrschten, noch größer waren, wirft dies doch eine spannende Frage auf: Könnte dies ein Zeichen dafür sein, dass große Humboldt-Kalmare ein Comeback feiern?<br></br>Um die Sache noch faszinierender zu machen: Pottwale, die sich hauptsächlich von großen Tintenfischen ernähren, kehren seit kurzem zum ersten Mal seit demVerschwinden der riesigen Humboldt-Tintenfische in bemerkenswerter Zahl ins Golf von Kalifornien zurück: „<a href="https://www.facebook.com/freek.vonk.1/posts/face-to-face-with-the-red-devil-no-aithe-real-reason-i-traveled-to-the-sea-of-co/1549507086545693/" rel="noopener">Es würde mich überhaupt nicht überraschen</a>, wenn die wahren Riesenkalmare bereits da draußen wären, irgendwo in den Tiefen des Golfs von Kalifornien.“<p>Die Pottwale wissen als Tieftaucher und Tintenfisch-Gourmets sicherlich besser als alle Meeresbiologen, welche Weichtiere sich aktuell in den Tiefen des Golfs herumtreiben.</p></p> <h2><strong>Jumbo Squids der südlichen Hemisphäre</strong></h2> <p>Die Jumbo Squids haben sich außerdem auch nach Süden über die peruanischen Gewässer hinweg bis zur zentralen chilenischen Küste ausgebreitet<a href="https://oceanrep.geomar.de/id/eprint/53703/1/4291.pdf" rel="noopener">. In beiden Hemisphären waren bereits im Laufe des vergangenen Jahrhunderts Invasionen dokumentiert worden, die in Chile bis in die 1830er Jahre zurückreichen</a>. Aber das räumliche und zeitliche Ausmaß der aktuellen Ausbreitung scheint die historischen Events zu übertreffen.<br></br><a href="https://bigearthdata.ai/search/ecochat?q=Humboldt+squid+deep+sea+behavior&amp;search_sort=recent" rel="noopener">Mit der Ausbreitung von wärmerem, sauerstoffärmerem Wasser im Zuge der globalen</a> Meereserwärmung vergrößert sich offenbar ihr Lebensraum, <a href="https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/encounter-with-a-humboldt-21761145/" rel="noopener">während der Lebensraum, der Konkurrenten und Fressfeinden schrumpft.</a> Kopffüßer sind also oft Gewinner der Klimakrise, weil sie sich daran anpassen können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 566px) 100vw, 566px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4.jpg 566w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-4-286x300.jpg 286w" width="566"></img></a></figure> <p>Etwas außerhalb der Hoheitsgewässer von Chile, Ecuador, Mexico and Peru erkunden <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0924796323001045" rel="noopener">auch chinesische Biologen die Verbreitung und Ökologie der Humboldt-Kalmare.</a> Die gigantische chinesische Fischfangflotte fischt nicht nur für den hungrigen und großen asiatischen Markt, sondern verkauft ihre Fänge in alle Welt. Die südamerikanischen Länder können sich schlecht dagegen wehren, auch wenn sie längst bei zuständigen Kommissionen Beschwerde eingelegt haben. Die chinesischen Fischer entziehen sich immer wieder der Fischereiaufsicht, ignorieren Fangquoten und Fangverbote sowie Schutzmaßnahmen für Menschen und Tiere. Ihre Transponder, die verpflichtend eingeschaltet sein müssen, werden oft abgestellt, so dass sie ihre Positionen verschleiern. <a href="https://news.mongabay.com/2026/03/chinas-pacific-squid-fishery-rife-with-labor-fishing-abuses-report/" rel="noopener">Tintenfische werden in Massen gefangen, genauso wie Fische, außerdem offenbar auch die streng geschützten Robben und Haie,</a> bei Letzteren ist Finning immer noch verbreitet (dabei werden lebenden Haien die Flossen abgeschnitten, der sterbende Hai wird ins Meer zurückgeworfen und die Flossen werden für die traditionelle chinesische Haifischflossensuppe teuer verkauft). Durch Vorspiegeln von Nicht-Wissen schützt die chinesische Regierung diese illegalen, ökologisch verheerenden Fischereipraktiken. Aber nicht nur das Leben der Tiere ist ihnen nichts wert, sondern <a href="https://news.mongabay.com/2026/03/chinas-pacific-squid-fishery-rife-with-labor-fishing-abuses-report/" rel="noopener">auch das der dort arbeitenden Menschen</a>.</p> <p>Im Fall des Humboldt-Kalmars haben sie mit <a href="https://www.ecosia.org/images?q=Jigging%20Machine%20Squid#id=FCD18305C55892B709783CC6A83A7E90B68503B7" rel="noopener">industriellen Jigging-Machines solche Massen aus dem Meer</a> <a href="https://www.ecosia.org/images?q=Jigging%20Machine%20Squid#id=FCD18305C55892B709783CC6A83A7E90B68503B7" rel="noopener">gezogen</a>, dass der Ruf nach Fischerei-Regulierung sehr laut wird. <a href="The%2014th%20meeting%20of%20the%20South%20Pacific%20Regional%20Fisheries%20Management%20Organisation%20(SPRFMO)%20took%20place%20in%20Panama%20City%20from%20March%202-6.">Mongabay berichtete im März 2026</a> über das 14. Treffen der South Pacific Regional Fisheries Management Organisation (SPRFMO) in Panama City vom 2. Bis 6. März 2026: „Modest controls put on freewheeling squid fleet at South Pacific fisheries meeting „<a href="https://news.mongabay.com/2026/03/modest-controls-put-on-freewheeling-squid-fleet-at-south-pacific-fisheries-meeting/?utm_source=Global+English&amp;utm_campaign=d70358dda6-EMAIL_CAMPAIGN_2025_08_20_12_35_COPY_01&amp;utm_medium=email&amp;utm_term=0_-83beace3ae-67249167&amp;mc_cid=d70358dda6&amp;mc_eid=bb3f106f24" rel="noopener">Modest controls put on freewheeling squid fleet at South Pacific fisheries meeting</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 598px) 100vw, 598px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5.jpg 598w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-5-300x241.jpg 300w" width="598"></img></a></figure> <h2><strong>Zum Weitergucken</strong></h2> <p>Diese etwas reißerische Dokumentation folgt den Spuren der Humboldt-Kalmare im Golf von Kalifornien und lohnt sich allein schon wegen der Bilder:</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=Y7nJwNdfF60" rel="noopener"><strong>The Deadly Myths of the Humboldt Squid (Full Documentary)</strong></a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/humboldt-kalmar-der-rote-teufel/#comments 8 Begriffsentwirrung: Demokratie und Republik, Vier-Säulen-Gewaltenteilung und Parlament https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/#comments Wed, 22 Jul 2026 12:31:35 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11421 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/</link> </image> <description type="html"><h1>Begriffsentwirrung: Demokratie und Republik, Vier-Säulen-Gewaltenteilung und Parlament » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts <a href="https://www.youtube.com/shorts/wEWScC_6AI0" rel="noopener">der fortlaufenden Demütigung des deutschen Bundestages</a> durch die derzeitigen Bundes-Parteivorsitzenden von CDU, CSU und SPD werde ich derzeit digital und real von immer mehr Menschen auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">meinen <strong>Blogpost zum Koalitionsvertrag-Koalitionsvertrag ab 1961</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">meinen Demokratiemodelle-Weltethos-Vortrag an der Uni Tübingen (2025)</a> angesprochen – auch von gewählten Mitgliedern des deutschen Bundestages.</p> <p>Auch auf Mastodon ist das Interesse an diesem Thema groß – gleichzeitig sind selbst viele politisch Interessierte Opfer einer Medien-Mimesis, die seit Jahrzehnten sogar grundlegende Begriffe durcheinander mischt. Da ich für morgen eingeladen bin, auf einer Demokratiebildungs-Tagung in Stuttgart vor Lehrerinnen und Lehrern zu sprechen, habe ich eine Darstellung der demokratisch-republikanischen Gewaltenteilung erstellt, die ich auch hier zur freien Verfügung und zur Diskussion stelle.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Darstellung der Vier Säulen der republikanischen Gewaltenteilung Exekutive (Regierung), Judikative (Justiz), Legislative (Gesetzgebung) und Publikative (Medien) als mediterraner Säulentempel. Links und rechts davon je vier Beispiele für Staaten mit mimetischen Verfassungstraditionen (UK, Kanada, Israel, San Marino) und mit kodifizierten Verfassungen, die mimetisch ausgelegt werden (Indien, Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, USA, Japan)." decoding="async" height="360" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726-300x169.jpg 300w" width="640"></img></a></p> <p><em>Darstellung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg">der Vier Säulen der republikanischen Gewaltenteilung Exekutive (Regierung), Judikative (Justiz), Legislative (Gesetzgebung) und Publikative (Medien)</a>, mit je vier Beispiele für Staaten mit mimetischen Verfassungstraditionen (UK, Kanada, Israel, San Marino) und mit kodifizierten Verfassungen, die mimetisch ausgelegt werden (Indien, Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, USA, Japan). Grafik, CC BY-SA: Michael Blume  </em></p> <p><strong>Wichtig </strong>ist vorab zu verstehen, dass <strong>wir <em>Deutschen historisch klug nicht in einer Bundesdemokratie, sondern in einer BundesREPUBLIK </em></strong>leben.<aside></aside></p> <p>Der <strong>Begriff <em>Demokratie geht auf griechisch Demos = Volksherrschaft</em></strong> zurück.</p> <p>In der griechisch-athenischen („attischen“) Stadtstaaten-(„Poleis“)-Demokratie waren weder Frauen noch Fremde oder Sklaven einbezogen und es gab kaum Gewaltenteilung. Teilweise wurden die <strong>Ämter auch nicht durch Wahlen, sondern durch Lose</strong> bestimmt – eine Regel, auf die sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-wahlrecht-als-menschenwuerde-warum-ich-zensus-und-losdemokratien-ablehne/">auch heutige Verfechter einer sogenannten „Losdemokratie“</a> stützen. Zeitweise gab es sogar die Tradition, allzu mächtig oder unbequem gewordene Bürger durch einen <strong>Ostrakismus = Scherbengericht</strong> zu verbannen. </p> <p>Abgesehen von einigen katastrophalen politischen, militärischen und medialen Fehlentscheidungen führten diese Varianten der „direkten Demokratie“ auch <strong>zum „kurzen Prozess“ und zur katastrophalen Todestrafe gegen Sokrates (469 – 399 v. Chr.)</strong>. Bald danach galt die (direkte) Demokratie als philosophisch erledigt – nach meiner Auffassung übrigens zu Recht.</p> <p>Entsprechend betonten schon <strong>kluge Römer wie Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v.Chr.) <em>die Republik (von lat. res publica = öffentliche Sache)</em> als Gegenmodell zur direkten Demokratie</strong>! </p> <p>In <strong>einer Republik sollen möglichst viele Angelegenheiten auch mit dem Volk beraten, aber in einer Gewaltenteilung entschieden werden</strong>. So wären beispielsweise Todesstrafen keinesfalls durch Volksversammlungen, sondern durch eine spezialisierte Justiz (Judikative) zu entscheiden. Entsprechend verkünden bundesdeutsche Richterinnen und Richter ihre Urteile gut republikanisch <em><strong>„Im Namen des Volkes“</strong></em>, obwohl sie nicht direkt-demokratisch gewählt wurden.</p> <p>Auch <strong>das römisch-republikanische Amt des Cäsar, später Kaiser, Zar verstand sich gerade NICHT als Erbmonarchie, sondern als republikanische Verkörperung von Wahl und Volkswillen.</strong> So ließ sich schon <strong>Gaius Julius Cäsar (100 – 44 v.Chr.)</strong> durch <strong>den Senat und das Volk von Rom (</strong><i><strong>Senatus Populusque Romanus, S.P.Q.R.)</strong> </i>zum <strong>Diktator</strong> erheben und verstand sich ausdrücklich NICHT als König (lat. Rex).</p> <p>Der Vorwurf (!) eines Königtums wurde vielmehr auch gegen <strong>den Rabbiner und Moschiach-Messias-Anwärter Jehoschua, griechisch Jesus Christus</strong> erhoben: Laut Johannes 19, 19 ließ <strong>Pontius Pilatus</strong> dazu sogar eine Tafel in hebräisch, lateinisch und griechisch anbringen, die aber meist nur mit dem lateinischen Akronym <strong>I.N.R.I (<i id="mwDA"><span data-mw="{&quot;parts&quot;:[{&quot;template&quot;:{&quot;target&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;lang&quot;,&quot;href&quot;:&quot;./Vorlage:Lang&quot;},&quot;params&quot;:{&quot;1&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;la&quot;},&quot;2&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum&quot;}},&quot;i&quot;:0}}]}" id="mwDQ" lang="la">Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum</span></i> – „Jesus von Nazaret, König der Juden“)</strong> wiedergegeben wird.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/lieben-demokratien-republiken-die-wahrheit-einspruch-mit-sokrates-spartakus-und-blumenberg/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links eine kleine Alabaster-Büste des Sokrates aus Athen, Griechenland. Rechts eine symbolische Darstellung von Jesus als durchscheinendes Licht am Kreuz aus Assisi, Italien." decoding="async" height="2329" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-300x273.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-1024x932.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-768x699.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-1536x1397.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-2048x1863.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Sokrates (links) wurde im Namen der attischen Direkt-Demokratie wegen angeblicher „Verderbnis der Jugend“ zum Tode verurteilt, Jesus Christus (rechts) erlitt die Kreuzigungs-Todesstrafte der römischen Republik unter dem Vorwurf, die Königswürde über das jüdische Volk und Israel zu beanspruchen. Foto: Michael Blume</em> </p> <p>Dennoch setzte sich <strong>im Christentum später die Staatsform der Republik als bis heute vorherrschendes Staatsmodell</strong> fort. Als älteste noch bestehende Republik gilt der <strong>römisch-christliche Kleinstaat San Marino in Italien</strong>, der schon <strong>um 301 n. Chr. von einem christlichen Steinmetz und späteren Mönch Marinus</strong> gegründet geworden sein soll. Seit Jahrhunderten bis heute heute wird beispielsweise statt eines Monarchen oder Präsidenten die zeitlich eng begrenzte Staatsoberhaupts-Doppelspitze aus zwei <em><strong>„Capitani / Kapitänen“</strong></em> gewählt und es gibt <strong>eine gewählte Legislative (<em>Consiglio Grande e Generale</em>)</strong>, in der noch die Christdemokraten mit 6.206 Stimmen und 22 Mandaten die stärkste Fraktion stellen.</p> <p>Eine bis heute einflußreiche Sonderform einer <strong>republikanischen Monarchie</strong> entstand nach der <strong>Glorious Revolution ab 1688 im Vereinigten Königreich (United Kingdom) Großbritannien</strong>. Der gerade vom König ernannte, britische Premier <strong>Andy Burnham </strong>hat dabei verschiedentlich Sympathien für <strong>das deutsche Grundgesetz als kodifizierte und föderale Verfassung</strong> bekundet.</p> <p>Die meisten heutigen Republiken – darunter<strong> Indien </strong>und <strong>alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, aber nicht diese selbst</strong> – haben <strong>eine kodifizierte Verfassung</strong>, die mimetisch ausgelegt wird. Einige wie <strong>Großbritannien</strong>, <strong>Israel</strong> oder <strong>San Marino</strong> (das zwar den Euro als Währung nutzt, aber kein EU-Mitglied ist) haben noch immer keine einheitlich kodifizierte Verfassung, sondern eine mimetische Tradition auf Basis verschiedenster Rechtstexte.</p> <p>Im frühen 18. Jahrhundert unterschied <strong>Baron de Montesquieu (1689 – 1755)</strong> <strong><em>drei Säulen der Gewaltenteilung</em>: Die Exekutive (Regierung), Legislative (Gesetzgebende Versammlung) und die Judikative (Justiz)</strong>. Wenig später fügte der legendäre Abgeordnete <strong>Edmund Burke (1729 – 1797)</strong> bei einer Eröffnungsrede der Legislative von Westminster den Begriff <em><strong>„fourth estate“ (vierte Macht)</strong></em> für <strong>das Mediensystem (die Publikative) als vierte Säule der Gewaltenteilung</strong> hinzu.</p> <p>Als Faustregel für das Verständnis dieser vier Säulen schlage ich vor: <strong>Umso größer die Bevölkerung eines Staates ist, umso größer ist die Macht der Publikative.</strong></p> <p>So konnte unlängst der ungarische Christdemokrat <b id="mwBw">Péter Magyar </b>den korrupten Autokraten <strong>Viktor Orban </strong>durch direkte Reden gegenüber dem Volk sowie durch das Internet per Volkswahl besiegen, obwohl Orban sowohl die Staats- wie auch die Konzernmedien kontrollierte. Allerdings hat Ungarn auch nur knapp neuneinhalb Millionen Bürgerinnen und Bürger. Ob die gleiche Strategie bereits bei vierzig, achtzig oder mehreren Hundert Millionen Wählenden fruchten wird, steht noch in den Sternen.</p> <p>Spannend ist auch die <strong>Begriffsbildung Parlament (aus altfranzösisch parlement = Unterredung, heute parler = sprechen)</strong>, das ursprünglich eine Versammlung aus Juristen bezeichnete. Als jedoch das <strong>Parlement de Paris</strong> dem französischen König <strong>Ludwig XVI. (1754 – 1793)</strong> weitere Steuern verweigerte, kam es <strong>zur Einberufung einer Ständeversammlung</strong> und dann der <strong>Französischen Revolution ab 1789</strong>. Heute wird unter Parlament daher meistens die demokratisch vom Volk gewählte Legislative verstanden.</p> <p><em><strong>Parlamente sind seit der Französischen Revolution von der Judikative zur Legislative gewandert.</strong></em> Die <strong>Begriffe parlamentarische Demokratie und republikanische Demokratie sind daher nahezu gleichbedeutend</strong> geworden.</p> <p>Im 20. Jahrhundert gründeten sich dann auch immer mehr nichtchristlich geprägte Staaten wie <strong>Israel</strong>, <strong>Indien</strong>, die beiden <strong>Chinas</strong>, <strong>Japan</strong> und viele islamisch geprägte Staaten von <strong>Algerien</strong> bis <strong>Indonesien</strong> als <strong>Republiken</strong>.</p> <p>In einigen Demokratie wie der <strong>Bundesrepublik Deutschland</strong> ist die Verfassung durch mimetische Traditionen bis zur Unkenntlichkeit überschrieben worden – darauf bezieht sich meine Kritik an der zunehmenden Parteivorsitzenden – Vorherrschaft seit der Einführung von Koalitionsverträgen und Koalitionsausschüssen von 1961.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Dr. Michael Blume vom Dezember 2025, in dem er die Dominanz des im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsausschusses und der Parteivorsitzenden gegenüber dem deutschen Bundestag kritisierte." decoding="async" height="775" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></a></p> <p><em>De jure ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">die Bundesrepublik Deutschland noch eine parlamentarische Demokratie, de facto aber dominieren im Grundgesetz gar nicht vorgesehene Gremien wie der „Koalitionsausschuss“ der Parteivorsitzenden seit 1961 immer stärker auch den Bundestag (Legislative)</a>. Screenshot: Michael Blume </em></p> <p><strong>Fazit</strong></p> <p><em><strong>Sowohl in Politik wie auch in Religion und Wirtschaft wird unser menschliches Verhalten weniger von Texten, sondern von mimetischer Nachahmung von Zielen &amp; also Traditionen bestimmt.</strong></em> Wer nicht einmal mehr den Unterschied zwischen Demokratie und Republik verstanden hat, kann sich kaum für den modernen Rechtsstaat und für Demokratiebildung einsetzen.</p> <p>Es ist mir dabei völlig klar, dass die über Jahrhundert mimetisch gewachsene Begriffsverwirrung schwer zu entwirren ist. Aber ich danke von Herzen allen, die sich diese Mühe machen – für unsere republikanische Demokratie, für unseren Rechtsstaat, für unser aller Menschenwürde, Recht und Freiheit!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Begriffsentwirrung: Demokratie und Republik, Vier-Säulen-Gewaltenteilung und Parlament » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts <a href="https://www.youtube.com/shorts/wEWScC_6AI0" rel="noopener">der fortlaufenden Demütigung des deutschen Bundestages</a> durch die derzeitigen Bundes-Parteivorsitzenden von CDU, CSU und SPD werde ich derzeit digital und real von immer mehr Menschen auf <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">meinen <strong>Blogpost zum Koalitionsvertrag-Koalitionsvertrag ab 1961</strong></a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2025-12-03-BlumeTuebingenWeltethosDemokratieformen.pdf">meinen Demokratiemodelle-Weltethos-Vortrag an der Uni Tübingen (2025)</a> angesprochen – auch von gewählten Mitgliedern des deutschen Bundestages.</p> <p>Auch auf Mastodon ist das Interesse an diesem Thema groß – gleichzeitig sind selbst viele politisch Interessierte Opfer einer Medien-Mimesis, die seit Jahrzehnten sogar grundlegende Begriffe durcheinander mischt. Da ich für morgen eingeladen bin, auf einer Demokratiebildungs-Tagung in Stuttgart vor Lehrerinnen und Lehrern zu sprechen, habe ich eine Darstellung der demokratisch-republikanischen Gewaltenteilung erstellt, die ich auch hier zur freien Verfügung und zur Diskussion stelle.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Darstellung der Vier Säulen der republikanischen Gewaltenteilung Exekutive (Regierung), Judikative (Justiz), Legislative (Gesetzgebung) und Publikative (Medien) als mediterraner Säulentempel. Links und rechts davon je vier Beispiele für Staaten mit mimetischen Verfassungstraditionen (UK, Kanada, Israel, San Marino) und mit kodifizierten Verfassungen, die mimetisch ausgelegt werden (Indien, Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, USA, Japan)." decoding="async" height="360" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726-300x169.jpg 300w" width="640"></img></a></p> <p><em>Darstellung <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/GewaltenteilungVierSaeulenMichaelBlumeVerfassungsMimesis0726.jpg">der Vier Säulen der republikanischen Gewaltenteilung Exekutive (Regierung), Judikative (Justiz), Legislative (Gesetzgebung) und Publikative (Medien)</a>, mit je vier Beispiele für Staaten mit mimetischen Verfassungstraditionen (UK, Kanada, Israel, San Marino) und mit kodifizierten Verfassungen, die mimetisch ausgelegt werden (Indien, Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, USA, Japan). Grafik, CC BY-SA: Michael Blume  </em></p> <p><strong>Wichtig </strong>ist vorab zu verstehen, dass <strong>wir <em>Deutschen historisch klug nicht in einer Bundesdemokratie, sondern in einer BundesREPUBLIK </em></strong>leben.<aside></aside></p> <p>Der <strong>Begriff <em>Demokratie geht auf griechisch Demos = Volksherrschaft</em></strong> zurück.</p> <p>In der griechisch-athenischen („attischen“) Stadtstaaten-(„Poleis“)-Demokratie waren weder Frauen noch Fremde oder Sklaven einbezogen und es gab kaum Gewaltenteilung. Teilweise wurden die <strong>Ämter auch nicht durch Wahlen, sondern durch Lose</strong> bestimmt – eine Regel, auf die sich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-wahlrecht-als-menschenwuerde-warum-ich-zensus-und-losdemokratien-ablehne/">auch heutige Verfechter einer sogenannten „Losdemokratie“</a> stützen. Zeitweise gab es sogar die Tradition, allzu mächtig oder unbequem gewordene Bürger durch einen <strong>Ostrakismus = Scherbengericht</strong> zu verbannen. </p> <p>Abgesehen von einigen katastrophalen politischen, militärischen und medialen Fehlentscheidungen führten diese Varianten der „direkten Demokratie“ auch <strong>zum „kurzen Prozess“ und zur katastrophalen Todestrafe gegen Sokrates (469 – 399 v. Chr.)</strong>. Bald danach galt die (direkte) Demokratie als philosophisch erledigt – nach meiner Auffassung übrigens zu Recht.</p> <p>Entsprechend betonten schon <strong>kluge Römer wie Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v.Chr.) <em>die Republik (von lat. res publica = öffentliche Sache)</em> als Gegenmodell zur direkten Demokratie</strong>! </p> <p>In <strong>einer Republik sollen möglichst viele Angelegenheiten auch mit dem Volk beraten, aber in einer Gewaltenteilung entschieden werden</strong>. So wären beispielsweise Todesstrafen keinesfalls durch Volksversammlungen, sondern durch eine spezialisierte Justiz (Judikative) zu entscheiden. Entsprechend verkünden bundesdeutsche Richterinnen und Richter ihre Urteile gut republikanisch <em><strong>„Im Namen des Volkes“</strong></em>, obwohl sie nicht direkt-demokratisch gewählt wurden.</p> <p>Auch <strong>das römisch-republikanische Amt des Cäsar, später Kaiser, Zar verstand sich gerade NICHT als Erbmonarchie, sondern als republikanische Verkörperung von Wahl und Volkswillen.</strong> So ließ sich schon <strong>Gaius Julius Cäsar (100 – 44 v.Chr.)</strong> durch <strong>den Senat und das Volk von Rom (</strong><i><strong>Senatus Populusque Romanus, S.P.Q.R.)</strong> </i>zum <strong>Diktator</strong> erheben und verstand sich ausdrücklich NICHT als König (lat. Rex).</p> <p>Der Vorwurf (!) eines Königtums wurde vielmehr auch gegen <strong>den Rabbiner und Moschiach-Messias-Anwärter Jehoschua, griechisch Jesus Christus</strong> erhoben: Laut Johannes 19, 19 ließ <strong>Pontius Pilatus</strong> dazu sogar eine Tafel in hebräisch, lateinisch und griechisch anbringen, die aber meist nur mit dem lateinischen Akronym <strong>I.N.R.I (<i id="mwDA"><span data-mw="{&quot;parts&quot;:[{&quot;template&quot;:{&quot;target&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;lang&quot;,&quot;href&quot;:&quot;./Vorlage:Lang&quot;},&quot;params&quot;:{&quot;1&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;la&quot;},&quot;2&quot;:{&quot;wt&quot;:&quot;Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum&quot;}},&quot;i&quot;:0}}]}" id="mwDQ" lang="la">Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum</span></i> – „Jesus von Nazaret, König der Juden“)</strong> wiedergegeben wird.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/lieben-demokratien-republiken-die-wahrheit-einspruch-mit-sokrates-spartakus-und-blumenberg/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links eine kleine Alabaster-Büste des Sokrates aus Athen, Griechenland. Rechts eine symbolische Darstellung von Jesus als durchscheinendes Licht am Kreuz aus Assisi, Italien." decoding="async" height="2329" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-300x273.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-1024x932.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-768x699.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-1536x1397.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2067-1-2048x1863.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Sokrates (links) wurde im Namen der attischen Direkt-Demokratie wegen angeblicher „Verderbnis der Jugend“ zum Tode verurteilt, Jesus Christus (rechts) erlitt die Kreuzigungs-Todesstrafte der römischen Republik unter dem Vorwurf, die Königswürde über das jüdische Volk und Israel zu beanspruchen. Foto: Michael Blume</em> </p> <p>Dennoch setzte sich <strong>im Christentum später die Staatsform der Republik als bis heute vorherrschendes Staatsmodell</strong> fort. Als älteste noch bestehende Republik gilt der <strong>römisch-christliche Kleinstaat San Marino in Italien</strong>, der schon <strong>um 301 n. Chr. von einem christlichen Steinmetz und späteren Mönch Marinus</strong> gegründet geworden sein soll. Seit Jahrhunderten bis heute heute wird beispielsweise statt eines Monarchen oder Präsidenten die zeitlich eng begrenzte Staatsoberhaupts-Doppelspitze aus zwei <em><strong>„Capitani / Kapitänen“</strong></em> gewählt und es gibt <strong>eine gewählte Legislative (<em>Consiglio Grande e Generale</em>)</strong>, in der noch die Christdemokraten mit 6.206 Stimmen und 22 Mandaten die stärkste Fraktion stellen.</p> <p>Eine bis heute einflußreiche Sonderform einer <strong>republikanischen Monarchie</strong> entstand nach der <strong>Glorious Revolution ab 1688 im Vereinigten Königreich (United Kingdom) Großbritannien</strong>. Der gerade vom König ernannte, britische Premier <strong>Andy Burnham </strong>hat dabei verschiedentlich Sympathien für <strong>das deutsche Grundgesetz als kodifizierte und föderale Verfassung</strong> bekundet.</p> <p>Die meisten heutigen Republiken – darunter<strong> Indien </strong>und <strong>alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, aber nicht diese selbst</strong> – haben <strong>eine kodifizierte Verfassung</strong>, die mimetisch ausgelegt wird. Einige wie <strong>Großbritannien</strong>, <strong>Israel</strong> oder <strong>San Marino</strong> (das zwar den Euro als Währung nutzt, aber kein EU-Mitglied ist) haben noch immer keine einheitlich kodifizierte Verfassung, sondern eine mimetische Tradition auf Basis verschiedenster Rechtstexte.</p> <p>Im frühen 18. Jahrhundert unterschied <strong>Baron de Montesquieu (1689 – 1755)</strong> <strong><em>drei Säulen der Gewaltenteilung</em>: Die Exekutive (Regierung), Legislative (Gesetzgebende Versammlung) und die Judikative (Justiz)</strong>. Wenig später fügte der legendäre Abgeordnete <strong>Edmund Burke (1729 – 1797)</strong> bei einer Eröffnungsrede der Legislative von Westminster den Begriff <em><strong>„fourth estate“ (vierte Macht)</strong></em> für <strong>das Mediensystem (die Publikative) als vierte Säule der Gewaltenteilung</strong> hinzu.</p> <p>Als Faustregel für das Verständnis dieser vier Säulen schlage ich vor: <strong>Umso größer die Bevölkerung eines Staates ist, umso größer ist die Macht der Publikative.</strong></p> <p>So konnte unlängst der ungarische Christdemokrat <b id="mwBw">Péter Magyar </b>den korrupten Autokraten <strong>Viktor Orban </strong>durch direkte Reden gegenüber dem Volk sowie durch das Internet per Volkswahl besiegen, obwohl Orban sowohl die Staats- wie auch die Konzernmedien kontrollierte. Allerdings hat Ungarn auch nur knapp neuneinhalb Millionen Bürgerinnen und Bürger. Ob die gleiche Strategie bereits bei vierzig, achtzig oder mehreren Hundert Millionen Wählenden fruchten wird, steht noch in den Sternen.</p> <p>Spannend ist auch die <strong>Begriffsbildung Parlament (aus altfranzösisch parlement = Unterredung, heute parler = sprechen)</strong>, das ursprünglich eine Versammlung aus Juristen bezeichnete. Als jedoch das <strong>Parlement de Paris</strong> dem französischen König <strong>Ludwig XVI. (1754 – 1793)</strong> weitere Steuern verweigerte, kam es <strong>zur Einberufung einer Ständeversammlung</strong> und dann der <strong>Französischen Revolution ab 1789</strong>. Heute wird unter Parlament daher meistens die demokratisch vom Volk gewählte Legislative verstanden.</p> <p><em><strong>Parlamente sind seit der Französischen Revolution von der Judikative zur Legislative gewandert.</strong></em> Die <strong>Begriffe parlamentarische Demokratie und republikanische Demokratie sind daher nahezu gleichbedeutend</strong> geworden.</p> <p>Im 20. Jahrhundert gründeten sich dann auch immer mehr nichtchristlich geprägte Staaten wie <strong>Israel</strong>, <strong>Indien</strong>, die beiden <strong>Chinas</strong>, <strong>Japan</strong> und viele islamisch geprägte Staaten von <strong>Algerien</strong> bis <strong>Indonesien</strong> als <strong>Republiken</strong>.</p> <p>In einigen Demokratie wie der <strong>Bundesrepublik Deutschland</strong> ist die Verfassung durch mimetische Traditionen bis zur Unkenntlichkeit überschrieben worden – darauf bezieht sich meine Kritik an der zunehmenden Parteivorsitzenden – Vorherrschaft seit der Einführung von Koalitionsverträgen und Koalitionsausschüssen von 1961.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Dr. Michael Blume vom Dezember 2025, in dem er die Dominanz des im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsausschusses und der Parteivorsitzenden gegenüber dem deutschen Bundestag kritisierte." decoding="async" height="775" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 587px) 100vw, 587px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225.jpg 587w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeMastodonKoalitionsausschussHeizungsgesetz111225-227x300.jpg 227w" width="587"></img></a></p> <p><em>De jure ist <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/">die Bundesrepublik Deutschland noch eine parlamentarische Demokratie, de facto aber dominieren im Grundgesetz gar nicht vorgesehene Gremien wie der „Koalitionsausschuss“ der Parteivorsitzenden seit 1961 immer stärker auch den Bundestag (Legislative)</a>. Screenshot: Michael Blume </em></p> <p><strong>Fazit</strong></p> <p><em><strong>Sowohl in Politik wie auch in Religion und Wirtschaft wird unser menschliches Verhalten weniger von Texten, sondern von mimetischer Nachahmung von Zielen &amp; also Traditionen bestimmt.</strong></em> Wer nicht einmal mehr den Unterschied zwischen Demokratie und Republik verstanden hat, kann sich kaum für den modernen Rechtsstaat und für Demokratiebildung einsetzen.</p> <p>Es ist mir dabei völlig klar, dass die über Jahrhundert mimetisch gewachsene Begriffsverwirrung schwer zu entwirren ist. Aber ich danke von Herzen allen, die sich diese Mühe machen – für unsere republikanische Demokratie, für unseren Rechtsstaat, für unser aller Menschenwürde, Recht und Freiheit!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/UbUUu2AggW8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Menschliche Psychologie mit Mimesis verstehen, inkl. #BeGood &amp; Faustkeil" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/begriffsentwirrung-demokratie-und-republik-vier-saeulen-gewaltenteilung-und-parlament/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>52</slash:comments> </item> <item> <title>Keeping AI Honest https://scilogs.spektrum.de/hlf/keeping-ai-honest/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/keeping-ai-honest/#comments Wed, 22 Jul 2026 12:00:00 +0000 Nikolas Mariani https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14524 <h1>Keeping AI Honest - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Nikolas Mariani</h2><div itemprop="text"> <p><strong><em>The Heidelberg Laureate Forum has a single purpose: To provide some of the brightest minds in mathematics and computer science with the space and time to make connections and find inspiration. Some of the connections made at the HLF will echo into collaborations and projects, with some of those efforts leading to concrete developments. The </em></strong><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/young-researchers/hlff-spotlight/hlff-spotlight-alumni-in-action.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong><em>HLFF Spotlight</em></strong></a><strong><em> series unpacks a few of those examples.</em></strong></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450.jpg"><img alt="Spotlight title image, Letitia Parcalabescu." decoding="async" fetchpriority="high" height="450" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450-300x193.jpg 300w" width="700"></img></a></figure> </div> <p>It is hard to escape the news surrounding AI these days, and even more so to not get sucked into either the doomer or the hype camp. Does AI spell civilization’s demise? Or will it usher in a golden age kickstarted by one company’s creation of the AI superintelligence? Lost in much of the hyperbolic discourse is the research and work going in to fine-tuning AI large language models (LLMs) to better control their outcomes, regulate out their sharper edges, and devise useful practical applications for them that go beyond “write this email.” There has been much written about LLMs tendency to “<a href="https://www.nytimes.com/2025/05/05/technology/ai-hallucinations-chatgpt-google.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hallucinate</a>,” lie to developers, and evade constraints placed upon them. One of the people trying to “keep AI honest” is Letiția Pârcălăbescu, AI researcher at Aleph Alpha in Heidelberg, Creator and Host of “AI Coffee Break with Letitia” and Alumna of the Heidelberg Laureate Forum. She wants to make sure LLMs do what they are supposed to, are more transparent, and admit when they actually don’t know something.</p> <p>Letiția grew up in Romania and was able to come study in Germany thanks to a DAAD scholarship specifically for high school graduates of foreign German schools, like the one she had attended. She ended up choosing Heidelberg University because the Faculty that housed the Physics department also had “astronomy” in the title, which she was interested in. She also took some Philosophy courses, but ultimately it was “just so much speculation.” When one day she stumbled upon Computer Science classes, she appreciated the clarity of programming and “the immediate feedback of right and wrong”, much like physics: “You write a piece of code and it either runs or it doesn’t run … Wow! Nobody told me that’s so much fun!”</p> <p>At the end of her Bachelor’s in Physics, she came to realize she had also accumulated about 300 credit points in Computer Science – only 180 were needed for a degree. One thesis later, she found herself with dual degrees. Despite her Physics degree, she says she does not see herself very much as a physicist, since her thesis was primarily on machine learning on images. However, she found the similarities between the two disciplines remarkable: “Statistical physics and the theory of neural networks are really, really similar, so you can make proofs of what neural networks can learn.”</p> <p>When Letiția moved on to her PhD, she narrowed her focus to multimodal AI models. A multimodal AI will typically approach a task by combining text processing, as is typical for LLMs, with another medium, such as image analysis, to help make better sense of the world around it.<aside></aside></p> <p>Only, Letiția discovered a pretty glaring flaw with many of the models’ responses: They were essentially “cheating.” They hardly ever utilized the image in question in their process at all.</p> <p>For example, when presented with an image of several cats and asked “How many cats are in this picture?”, the AI will typically answer “two,” even if the actual number is, for example, “six.”</p> <p>As Letiția explains, in many ways this is not so surprising: The AI is trying to produce a satisfactory result while expending the least amount of resources to do so. Rather than analyze the image pixel by pixel and try to form a coherent understanding of it, it uses context cues from the questions and extrapolates from there. In fact, there is quite a bit of contextual information already inherent in the question: For example, asking ‘how many’ implies that the correct answer is likely more than zero or one cat, otherwise why ask the question? As Letiția pointedly sums up: “Who the hell counts 277 cats?”. Statistically, the most likely answer to such a question would be two. But how can one measure how much the influence of an image is contributing to the AI’s answer, versus just the text?</p> <p>In her research, Letiția did just that by developing <a href="https://www.researchgate.net/publication/366397780_MM-SHAP_A_Performance-agnostic_Metric_for_Measuring_Multimodal_Contributions_in_Vision_and_Language_Models_Tasks" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MM-SHAP</a>, “a performance-agnostic multimodality score based on Shapley values that reliably quantifies in which proportions a multimodal model uses individual modalities.” Essentially, this is done by manipulating small elements of the image and text to see how great the effects are on the reliability of the results. A later metric, not specifically focused on multimodality, <a href="https://arxiv.org/abs/2311.07466" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC-SHAP</a>, would compare “how a model’s input contributes to the predicted answer and to generating the explanation” the AI provides.</p> <p>In a related approach, she developed the <a href="https://aclanthology.org/2022.acl-long.567/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">VALSE (Vision And Language Structured Evaluation)</a> test, a dataset of particularly tricky questions which are designed to catch the model not looking at the image. For example, one might task the AI with examining an image of a person going up the stairs while the caption says he is in fact going <strong>down</strong> the stairs, and measure to what degree the AI can catch the discrepancy, while tweaking parameters.</p> <p>Part of the difficulty in nailing down the core issues underlying such “misbehavior,” is that gaps in AI capabilities are usually patched out as they come up – in a bit of a whack-a-mole fashion – meaning it is specific mistakes that get ironed out, not the fundamental issues. Ironically, that makes testing for these failures even harder, because the problems aren’t as immediately obvious.</p> <p>Letiția points to a common part of AI discourse when it comes to its reliability: Ultimately, it is trained on human data: We are simply getting a statistical mirror of the totality of human output and consensus on something: “We’re looking at a mirror of our own behavior, and our own behavior is sometimes weird, we don’t agree with each other all the time, and we also sometimes say bullshit.”</p> <p>But why not simply give the models clearer instructions to help guarantee multimodal use? Letiția explains that those earlier models during her PhD research in 2022 were simply not as good at following instructions. Also, simply asking them to follow instructions would not translate into hard-coded rules for these models, but rather be treated as vague recommendations. However: Newer models could be designed from the ground up to consider these parameters. And in fact, Letiția’s testing methods could help improve just that kind of design.</p> <p>Much of AI discourse, particularly from sources outside the field, tends to be astonished at how much of a ’black box’ the inner workings of AI models appear to be. But Letiția disagrees with this terminology somewhat:</p> <p>“We say it’s a black box, and in a sense it is because we don’t understand it, but it’s not black, it’s white, and very transparent because we have a level of transparency with the neural networks that you would just dream about in biology … when you’re studying organisms, it’s very hard to track at all times their neural productivity, and also track it in multiple instances over multiple behaviors, and not have the events influence each other … So if you give a mouse an apple, it will remember that you gave it an apple, while with an LLM, you can just wipe everything … the model doesn’t learn anything on the fly, so nothing gets updated in the brain, in the neurons … it just forgets about it … you have controlled experiments.”</p> <p>Nonetheless, this transparency is not as useful as one might hope, since in Letiția’s words “it’s still impenetrable, because it’s a pile of linear algebra,” but immensely complicated with trillions of numbers.</p> <h3>From the Lab to the Lab</h3> <p>Nowadays, Letiția has traded the university lab for a one at the research division of the AI start-up Aleph Alpha, which trains specialized large language models tailored to European companies and institutions, promising increased safety and efficiency. Here, Letiția is in essence still trying to “keep AI honest.”</p> <p>As she explains, the challenge is that the bar for what is expected of such AI models is much higher: “What Aleph Alpha is doing is business-to-business. And in safety-critical applications, it’s really not fine to just wing it and hallucinate an answer.” Whether we are talking about critical utility infrastructure, judicial departments, or the banking sector, there are some areas that simply do not leave much room for mistakes. But how do you quantify how much certainty is enough?</p> <p>A situation everyone will be familiar with who has used LLMs is that they will above all try to give you <strong>some</strong> form of answer. The training data for such models is by and large from information the author is claiming to be certain about. The AI tries to replicate that certainty and declare it with – sometimes undeserved – confidence or even bravado. For many day-to-day uses, this is perfectly alright. It is far less of a nuisance to edit an AI-generated email that is only 95% of how you wanted it, rather than the AI first asking you dozens of questions or saying that your prompt did not have sufficient information in it for the AI to get the task 100% right. But in more complex use cases, having the AI confidently produce results that are unreliable may just mean more work for you the user. If you end up double-checking 100% of the work just to be sure, how much time did you save? Letiția’s solution: Train the AI to say “I don’t know.”</p> <p>“It’s value-creating if you know when you don’t know,” says Letiția. To take an extreme example, even if the results are only 30% accurate, but those are trustworthy, and the AI flags the instances where it cannot produce reliable results, one would no longer need to check that work. This is achievable if, during the training of the model, you train it in part on impossible questions, where the only way for it to achieve lower error rates is to admit it does <strong>not</strong> know the answer. The challenge is to do this automatically, without relying on costly human-created examples of impossible questions. Moreover, the goal is not to identify questions that humans consider impossible, but to determine automatically which questions are impossible for the model in each specific instance. To achieve this, the process utilizes an interactive proof system called the <a href="https://arxiv.org/abs/2512.11614" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merlin–Arthur pro</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Arthur%E2%80%93Merlin_protocol" rel="noopener">tocol</a>.</p> <p>Having dedicated AI models for specific purposes has a lot of benefits, Letiția points out. For one thing, building models separate from the flagship LLMs available can potentially grant you a form of “sovereignty,” meaning in essence here “the technical capability to not rely on offerings” from other countries. Worldwide political developments always hold the potential to change the landscape of what data one wants to share with whom, and data handed out without concern one day might be abused in later years. Letiția can envision a future where private users even gravitate towards locally run LLMs for privacy reasons. Letiția, for one, is certainly careful in her own use of LLMs: “I never put in what I would consider a secret, so if I wouldn’t be able to say this to a person, in real life, I don’t say it to an LLM either.”</p> <h3>Coffee Breaks and Confidence</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903.png"><img alt="Screenshot of front page of YouTube channel." decoding="async" height="811" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-1024x811.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-1024x811.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-300x238.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-768x608.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903.png 1483w" width="1024"></img></a><figcaption>Screenshot of the YouTube channel “AI Coffee Break with Letitia.”</figcaption></figure> </div> <p>In her free time, Letiția runs a YouTube channel called “AI Coffee Break with Letitia” where she breaks down the latest AI concepts and papers for fellow researchers and enthusiasts. Born out of COVID-era teaching sessions, which had to be recorded because her internet was not fast enough to stream them to her students, the channel emerged as an outlet to channel her enthusiasm for her subjects and her knack for explaining them. Letiția says she was a bit shy at first, and kept her own face out of the camera, opting instead for a little coffee bean avatar/mascot to be onscreen. As her videos gained traction, however, she quickly got over her concerns of being judged and decided to appear herself, and quickly found her fears were overblown: “If people want to say bad things, they will always find bad things to say. They will comment about anything, everything, and one person tells you, oh, you have a great haircut, and then others will tell you, oh, you would be beautiful if you would have long hair.” She realized the positive feedback far outweighed any random negative comments. And with each video, and the positive feedback she received from her community grew and helped strengthen her confidence in herself. “Self-confidence is the thing that really, really, really affects everything in your life,” says Letiția. “Before you would just say, oh, yeah, maybe I’m not the right person to do it … [but] trying to do something, like participating in a competition, is the first thing you need to do to even have a chance at winning that competition.” One moment that gave her a great confidence boost, Letiția says, is during her attendance at the Heidelberg Laureate Forum, an annual conference for mathematics and computer science, as a young researcher in 2022. She happened across the renowned computer scientist Lenore Blum. Blum was in fact looking for her too, as she already knew her from Letiția’s YouTube channel. Letiția’s eyes light up as she recalls the encounter: “She has this amazing way to just make you feel great about yourself … at the end, I said, thank you for this really nice conversation, and she was like, no, thank <strong>you</strong> for this – It was immediately a confidence boost, and a lasting one.” They still keep in touch, and Blum occasionally even shares Letiția’s videos online. In general, she says the HLF taught her to simply approach people at conferences, which was made easier by the fact that the math and computer science laureates there would not be as crowded as at other conferences: “This is very much unlike any other conference that I go. Usually it’s AI conferences that have 20,000 participants. And then there’s Yann Le Cun … he literally has 200 people around him already, and your probability of talking to him is so low that you don’t even start of asking yourself what would I ask him because you just don’t account this as a probable interaction.“ “I had this lack of self-confidence, and this ‘oh no, I disturbed the poor person’ kind of attitude, and that’s something that the HLF taught me not to have anymore.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-scaled.jpg"><img alt="Letitia and Lenore Blum." decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Letitia with computer scientist Lenore Blum at the 9th Heidelberg Laureate Forum, 2022.</figcaption></figure> </div> <p>It’s this confidence Letiția continues to carry with her in her professional life, and in her work on the YouTube channel. Still, Letiția says she doesn’t consider herself a ‘science communicator’ per se: “I don’t want to make the millionth video about how does a neural network work … I want to explain a paper that was published yesterday, and people don’t understand because authors have sometimes a difficulty of making very clear what they’re thinking or talking about, and that’s why I need my expertise to kind of untangle it and present it clearly.” Her presence in the public eye has since also begotten more speaking opportunities, where her confidence and predilection for clarity and communication have served her well.</p> <p>“I was at this event where I had to explain AI to 5 to 7-year-olds, to 7 to 9-year-olds, and to 9 to 12-year-olds. So that was a completely new challenge for me, and it was the most exhaustive one and a half hours that I’ve done in my entire life … I thought that it’s really exhausting at university with students to really want students to talk for one and a half hours. No. You haven’t talked to five-year-olds.”</p> <p>And yet, science needs those who are able to communicate the complex in an understandable manner, to bring clarity to the opaque, but also: to help keep artificial intelligence accountable, transparent, and honest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Keeping AI Honest - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Nikolas Mariani</h2><div itemprop="text"> <p><strong><em>The Heidelberg Laureate Forum has a single purpose: To provide some of the brightest minds in mathematics and computer science with the space and time to make connections and find inspiration. Some of the connections made at the HLF will echo into collaborations and projects, with some of those efforts leading to concrete developments. The </em></strong><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/young-researchers/hlff-spotlight/hlff-spotlight-alumni-in-action.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong><em>HLFF Spotlight</em></strong></a><strong><em> series unpacks a few of those examples.</em></strong></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450.jpg"><img alt="Spotlight title image, Letitia Parcalabescu." decoding="async" fetchpriority="high" height="450" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Letitia-Parcalabescu_700-x-450-300x193.jpg 300w" width="700"></img></a></figure> </div> <p>It is hard to escape the news surrounding AI these days, and even more so to not get sucked into either the doomer or the hype camp. Does AI spell civilization’s demise? Or will it usher in a golden age kickstarted by one company’s creation of the AI superintelligence? Lost in much of the hyperbolic discourse is the research and work going in to fine-tuning AI large language models (LLMs) to better control their outcomes, regulate out their sharper edges, and devise useful practical applications for them that go beyond “write this email.” There has been much written about LLMs tendency to “<a href="https://www.nytimes.com/2025/05/05/technology/ai-hallucinations-chatgpt-google.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">hallucinate</a>,” lie to developers, and evade constraints placed upon them. One of the people trying to “keep AI honest” is Letiția Pârcălăbescu, AI researcher at Aleph Alpha in Heidelberg, Creator and Host of “AI Coffee Break with Letitia” and Alumna of the Heidelberg Laureate Forum. She wants to make sure LLMs do what they are supposed to, are more transparent, and admit when they actually don’t know something.</p> <p>Letiția grew up in Romania and was able to come study in Germany thanks to a DAAD scholarship specifically for high school graduates of foreign German schools, like the one she had attended. She ended up choosing Heidelberg University because the Faculty that housed the Physics department also had “astronomy” in the title, which she was interested in. She also took some Philosophy courses, but ultimately it was “just so much speculation.” When one day she stumbled upon Computer Science classes, she appreciated the clarity of programming and “the immediate feedback of right and wrong”, much like physics: “You write a piece of code and it either runs or it doesn’t run … Wow! Nobody told me that’s so much fun!”</p> <p>At the end of her Bachelor’s in Physics, she came to realize she had also accumulated about 300 credit points in Computer Science – only 180 were needed for a degree. One thesis later, she found herself with dual degrees. Despite her Physics degree, she says she does not see herself very much as a physicist, since her thesis was primarily on machine learning on images. However, she found the similarities between the two disciplines remarkable: “Statistical physics and the theory of neural networks are really, really similar, so you can make proofs of what neural networks can learn.”</p> <p>When Letiția moved on to her PhD, she narrowed her focus to multimodal AI models. A multimodal AI will typically approach a task by combining text processing, as is typical for LLMs, with another medium, such as image analysis, to help make better sense of the world around it.<aside></aside></p> <p>Only, Letiția discovered a pretty glaring flaw with many of the models’ responses: They were essentially “cheating.” They hardly ever utilized the image in question in their process at all.</p> <p>For example, when presented with an image of several cats and asked “How many cats are in this picture?”, the AI will typically answer “two,” even if the actual number is, for example, “six.”</p> <p>As Letiția explains, in many ways this is not so surprising: The AI is trying to produce a satisfactory result while expending the least amount of resources to do so. Rather than analyze the image pixel by pixel and try to form a coherent understanding of it, it uses context cues from the questions and extrapolates from there. In fact, there is quite a bit of contextual information already inherent in the question: For example, asking ‘how many’ implies that the correct answer is likely more than zero or one cat, otherwise why ask the question? As Letiția pointedly sums up: “Who the hell counts 277 cats?”. Statistically, the most likely answer to such a question would be two. But how can one measure how much the influence of an image is contributing to the AI’s answer, versus just the text?</p> <p>In her research, Letiția did just that by developing <a href="https://www.researchgate.net/publication/366397780_MM-SHAP_A_Performance-agnostic_Metric_for_Measuring_Multimodal_Contributions_in_Vision_and_Language_Models_Tasks" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MM-SHAP</a>, “a performance-agnostic multimodality score based on Shapley values that reliably quantifies in which proportions a multimodal model uses individual modalities.” Essentially, this is done by manipulating small elements of the image and text to see how great the effects are on the reliability of the results. A later metric, not specifically focused on multimodality, <a href="https://arxiv.org/abs/2311.07466" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC-SHAP</a>, would compare “how a model’s input contributes to the predicted answer and to generating the explanation” the AI provides.</p> <p>In a related approach, she developed the <a href="https://aclanthology.org/2022.acl-long.567/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">VALSE (Vision And Language Structured Evaluation)</a> test, a dataset of particularly tricky questions which are designed to catch the model not looking at the image. For example, one might task the AI with examining an image of a person going up the stairs while the caption says he is in fact going <strong>down</strong> the stairs, and measure to what degree the AI can catch the discrepancy, while tweaking parameters.</p> <p>Part of the difficulty in nailing down the core issues underlying such “misbehavior,” is that gaps in AI capabilities are usually patched out as they come up – in a bit of a whack-a-mole fashion – meaning it is specific mistakes that get ironed out, not the fundamental issues. Ironically, that makes testing for these failures even harder, because the problems aren’t as immediately obvious.</p> <p>Letiția points to a common part of AI discourse when it comes to its reliability: Ultimately, it is trained on human data: We are simply getting a statistical mirror of the totality of human output and consensus on something: “We’re looking at a mirror of our own behavior, and our own behavior is sometimes weird, we don’t agree with each other all the time, and we also sometimes say bullshit.”</p> <p>But why not simply give the models clearer instructions to help guarantee multimodal use? Letiția explains that those earlier models during her PhD research in 2022 were simply not as good at following instructions. Also, simply asking them to follow instructions would not translate into hard-coded rules for these models, but rather be treated as vague recommendations. However: Newer models could be designed from the ground up to consider these parameters. And in fact, Letiția’s testing methods could help improve just that kind of design.</p> <p>Much of AI discourse, particularly from sources outside the field, tends to be astonished at how much of a ’black box’ the inner workings of AI models appear to be. But Letiția disagrees with this terminology somewhat:</p> <p>“We say it’s a black box, and in a sense it is because we don’t understand it, but it’s not black, it’s white, and very transparent because we have a level of transparency with the neural networks that you would just dream about in biology … when you’re studying organisms, it’s very hard to track at all times their neural productivity, and also track it in multiple instances over multiple behaviors, and not have the events influence each other … So if you give a mouse an apple, it will remember that you gave it an apple, while with an LLM, you can just wipe everything … the model doesn’t learn anything on the fly, so nothing gets updated in the brain, in the neurons … it just forgets about it … you have controlled experiments.”</p> <p>Nonetheless, this transparency is not as useful as one might hope, since in Letiția’s words “it’s still impenetrable, because it’s a pile of linear algebra,” but immensely complicated with trillions of numbers.</p> <h3>From the Lab to the Lab</h3> <p>Nowadays, Letiția has traded the university lab for a one at the research division of the AI start-up Aleph Alpha, which trains specialized large language models tailored to European companies and institutions, promising increased safety and efficiency. Here, Letiția is in essence still trying to “keep AI honest.”</p> <p>As she explains, the challenge is that the bar for what is expected of such AI models is much higher: “What Aleph Alpha is doing is business-to-business. And in safety-critical applications, it’s really not fine to just wing it and hallucinate an answer.” Whether we are talking about critical utility infrastructure, judicial departments, or the banking sector, there are some areas that simply do not leave much room for mistakes. But how do you quantify how much certainty is enough?</p> <p>A situation everyone will be familiar with who has used LLMs is that they will above all try to give you <strong>some</strong> form of answer. The training data for such models is by and large from information the author is claiming to be certain about. The AI tries to replicate that certainty and declare it with – sometimes undeserved – confidence or even bravado. For many day-to-day uses, this is perfectly alright. It is far less of a nuisance to edit an AI-generated email that is only 95% of how you wanted it, rather than the AI first asking you dozens of questions or saying that your prompt did not have sufficient information in it for the AI to get the task 100% right. But in more complex use cases, having the AI confidently produce results that are unreliable may just mean more work for you the user. If you end up double-checking 100% of the work just to be sure, how much time did you save? Letiția’s solution: Train the AI to say “I don’t know.”</p> <p>“It’s value-creating if you know when you don’t know,” says Letiția. To take an extreme example, even if the results are only 30% accurate, but those are trustworthy, and the AI flags the instances where it cannot produce reliable results, one would no longer need to check that work. This is achievable if, during the training of the model, you train it in part on impossible questions, where the only way for it to achieve lower error rates is to admit it does <strong>not</strong> know the answer. The challenge is to do this automatically, without relying on costly human-created examples of impossible questions. Moreover, the goal is not to identify questions that humans consider impossible, but to determine automatically which questions are impossible for the model in each specific instance. To achieve this, the process utilizes an interactive proof system called the <a href="https://arxiv.org/abs/2512.11614" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merlin–Arthur pro</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Arthur%E2%80%93Merlin_protocol" rel="noopener">tocol</a>.</p> <p>Having dedicated AI models for specific purposes has a lot of benefits, Letiția points out. For one thing, building models separate from the flagship LLMs available can potentially grant you a form of “sovereignty,” meaning in essence here “the technical capability to not rely on offerings” from other countries. Worldwide political developments always hold the potential to change the landscape of what data one wants to share with whom, and data handed out without concern one day might be abused in later years. Letiția can envision a future where private users even gravitate towards locally run LLMs for privacy reasons. Letiția, for one, is certainly careful in her own use of LLMs: “I never put in what I would consider a secret, so if I wouldn’t be able to say this to a person, in real life, I don’t say it to an LLM either.”</p> <h3>Coffee Breaks and Confidence</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903.png"><img alt="Screenshot of front page of YouTube channel." decoding="async" height="811" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-1024x811.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-1024x811.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-300x238.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903-768x608.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-04-105903.png 1483w" width="1024"></img></a><figcaption>Screenshot of the YouTube channel “AI Coffee Break with Letitia.”</figcaption></figure> </div> <p>In her free time, Letiția runs a YouTube channel called “AI Coffee Break with Letitia” where she breaks down the latest AI concepts and papers for fellow researchers and enthusiasts. Born out of COVID-era teaching sessions, which had to be recorded because her internet was not fast enough to stream them to her students, the channel emerged as an outlet to channel her enthusiasm for her subjects and her knack for explaining them. Letiția says she was a bit shy at first, and kept her own face out of the camera, opting instead for a little coffee bean avatar/mascot to be onscreen. As her videos gained traction, however, she quickly got over her concerns of being judged and decided to appear herself, and quickly found her fears were overblown: “If people want to say bad things, they will always find bad things to say. They will comment about anything, everything, and one person tells you, oh, you have a great haircut, and then others will tell you, oh, you would be beautiful if you would have long hair.” She realized the positive feedback far outweighed any random negative comments. And with each video, and the positive feedback she received from her community grew and helped strengthen her confidence in herself. “Self-confidence is the thing that really, really, really affects everything in your life,” says Letiția. “Before you would just say, oh, yeah, maybe I’m not the right person to do it … [but] trying to do something, like participating in a competition, is the first thing you need to do to even have a chance at winning that competition.” One moment that gave her a great confidence boost, Letiția says, is during her attendance at the Heidelberg Laureate Forum, an annual conference for mathematics and computer science, as a young researcher in 2022. She happened across the renowned computer scientist Lenore Blum. Blum was in fact looking for her too, as she already knew her from Letiția’s YouTube channel. Letiția’s eyes light up as she recalls the encounter: “She has this amazing way to just make you feel great about yourself … at the end, I said, thank you for this really nice conversation, and she was like, no, thank <strong>you</strong> for this – It was immediately a confidence boost, and a lasting one.” They still keep in touch, and Blum occasionally even shares Letiția’s videos online. In general, she says the HLF taught her to simply approach people at conferences, which was made easier by the fact that the math and computer science laureates there would not be as crowded as at other conferences: “This is very much unlike any other conference that I go. Usually it’s AI conferences that have 20,000 participants. And then there’s Yann Le Cun … he literally has 200 people around him already, and your probability of talking to him is so low that you don’t even start of asking yourself what would I ask him because you just don’t account this as a probable interaction.“ “I had this lack of self-confidence, and this ‘oh no, I disturbed the poor person’ kind of attitude, and that’s something that the HLF taught me not to have anymore.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-scaled.jpg"><img alt="Letitia and Lenore Blum." decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-1152x1536.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-1536x2048.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMG_20220923_190217355_HDR-scaled.jpg 1920w" width="768"></img></a><figcaption>Letitia with computer scientist Lenore Blum at the 9th Heidelberg Laureate Forum, 2022.</figcaption></figure> </div> <p>It’s this confidence Letiția continues to carry with her in her professional life, and in her work on the YouTube channel. Still, Letiția says she doesn’t consider herself a ‘science communicator’ per se: “I don’t want to make the millionth video about how does a neural network work … I want to explain a paper that was published yesterday, and people don’t understand because authors have sometimes a difficulty of making very clear what they’re thinking or talking about, and that’s why I need my expertise to kind of untangle it and present it clearly.” Her presence in the public eye has since also begotten more speaking opportunities, where her confidence and predilection for clarity and communication have served her well.</p> <p>“I was at this event where I had to explain AI to 5 to 7-year-olds, to 7 to 9-year-olds, and to 9 to 12-year-olds. So that was a completely new challenge for me, and it was the most exhaustive one and a half hours that I’ve done in my entire life … I thought that it’s really exhausting at university with students to really want students to talk for one and a half hours. No. You haven’t talked to five-year-olds.”</p> <p>And yet, science needs those who are able to communicate the complex in an understandable manner, to bring clarity to the opaque, but also: to help keep artificial intelligence accountable, transparent, and honest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/keeping-ai-honest/#comments 3 Wird die tiefe Hirnstimulation das Problem mit dem Übergewicht lösen? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wird-die-tiefe-hirnstimulation-das-problem-mit-dem-uebergewicht-loesen/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wird-die-tiefe-hirnstimulation-das-problem-mit-dem-uebergewicht-loesen/#comments Mon, 20 Jul 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3654 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Firefly-Obese-Brain-horiz-sm-768x516.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wird-die-tiefe-hirnstimulation-das-problem-mit-dem-uebergewicht-loesen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Firefly-Obese-Brain-horiz-sm-1024x688.jpg" /><h1>Wird die tiefe Hirnstimulation das Problem mit dem Übergewicht lösen? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Das „adipöse Gehirn“ ist ein weiteres Beispiel für verfehlten Neuro-Essentialismus</strong></p> <span id="more-3654"></span> <p>In seiner Nobelpreisrede 1981 prägte Roger W. Sperry (1919–1994) die These, dass praktisch jedes soziale und politische Problem ein Gehirnproblem sei, denn „alles kommt im Gehirn zusammen“. Kurz darauf wurden die 1990er-Jahre politisch zur „Dekade des Gehirns“ erklärt. Dies implizierte eine neurowissenschaftliche Perspektive auf den „Krieg gegen Drogen“ und 1997 veröffentlichte Alan I. Leshner, damals Direktor des National Institute on Drug Abuse, seinen einflussreichen Essay „<a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.278.5335.45" rel="noopener">Sucht ist eine Gehirnkrankheit, und das ist wichtig</a>“ in der Fachzeitschrift <em>Science</em>.</p> <p>Es wurden Versprechen gemacht, Milliarden investiert, Karrieren in der Neurowissenschaft aufgebaut – und bis heute ist keine der versprochenen hirnbasierten Suchtbehandlungen Realität geworden. Der problematische Drogenkonsum nimmt in vielen Ländern seit Jahrzehnten zu, ebenso wie die Zahl der drogenbedingten Todesfälle. Unterdessen erfreuen sich Behandlungsansätze, die auf gegenseitiger Unterstützung und Spiritualität basieren, wie das Zwölf-Schritte-Programm, zunehmender Beliebtheit. Sie greifen auf uralte menschliche und soziale „Techniken“ zurück. (Das griechische Wort „techné“ bedeutet übrigens Handwerk, Wissenschaft.)</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Ge- oder erfunden? Das „adipöse Gehirn“</h2> <p>Nun scheint eine Gruppe von Forschern, die das „adipöse Gehirn“ untersuchen und die tiefe Hirnstimulation als Behandlungsmethode vorschlagen, denselben Fehler zu wiederholen: Sie deuten ein primär umweltbedingtes und verhaltensbezogenes Problem als Hirnproblem, um es auch so zu behandeln. Andere und ich bezeichnen dieses Vorgehen in unserer Forschung darüber, wie die Hirnforschung die Wissenschaft und Gesellschaft prägt, als „Neuro-Essentialismus“. Bereits 30 Studien <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/21507740.2026.2629384" rel="noopener">zur Hirnstimulation des „adipösen Gehirns“</a> oder von Essstörungen wurden veröffentlicht, an denen insgesamt 120 Patienten teilnahmen – darunter mit 95 Prozent auffällig viele Frauen!<aside></aside></p> <p>Betrachtet man die Sache aus kultureller Perspektive, zeigen sich große Unterschiede, beispielsweise beim durchschnittlichen BMI (Body Mass Index) selbst zwischen ähnlich entwickelten Ländern wie den USA (durchschnittlicher BMI = 28,8), Großbritannien (27,3), Deutschland (26,3), den Niederlanden (25,4) und Japan (22,6). Übergewicht wird allgemein als BMI &gt; 25 und Adipositas (Fettleibigkeit) als BMI &gt; 30 definiert. Der Zusammenhang zwischen diesen Durchschnittswerten und dem sozioökonomischen Status, Bildung, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit ließe sich noch genauer untersuchen.</p> <p>Es stimmt zwar, dass „alles im Gehirn zusammenkommt“, insofern das Nervensystem ein wesentlicher Bestandteil der Wechselwirkung zwischen Umwelt, Körper und Gehirn ist, auf der unser Verhalten basiert. Gleichzeitig ist das menschliche Gehirn aber auch ein formbares Organ, das durch die Umwelt und die darin gemachten Erfahrungen geprägt wird.</p> <h2>Gehirn, Umwelt und Verhalten</h2> <p>Ich bestreite nicht, dass sich Verhalten durch Gehirnstimulation verändern lässt. Vielleicht lässt sich das Hungergefühl mit solchen Gehirn-Implantaten modulieren, was ausreichen würde, um die Daten als Machbarkeitsnachweis in renommierten Fachzeitschriften zu veröffentlichen – doch man sollte auch die Kosten und Nebenwirkungen bedenken. Ich bezweifle aber, dass sich das gesellschaftliche Problem mit dem Übergewicht auf diese Weise lösen lässt. (Und man denke auch daran, dass stimulierende Drogen und Psychopharmaka ebenfalls den Appetit unterdrücken, weshalb stark Konsumierende oft sehr dünn sind. Dies verbindet die beiden angeblichen Hirnprobleme auf interessante Weise.)</p> <p>Wenn Sie dem „adipösen Gehirn“ genauso skeptisch gegenüberstehen, wie wir alle dem „süchtigen Gehirn“ hätten gegenüberstehen sollen, und Adipositas als ein historisches und soziales Phänomen verstehen, eröffnen sich andere Lösungsansätze: Zunächst einmal besteht unser Körper buchstäblich aus dem, was wir essen und trinken. Wenn eine Industrie unsere Ernährung weitgehend bestimmt, die ihre Gewinne durch den Verkauf von zucker-, fett- und salzreichen Lebensmitteln (die allesamt sehr billige Geschmacksverstärker sind) maximiert, werden sich viele Menschen zwangsläufig ungesund ernähren. Und wenn man möchte, dass sich Menschen ausreichend bewegen, muss man dies fördern und unterstützen, anstatt sie den Großteil des Tages im Auto oder vor dem Computer sitzen zu lassen.</p> <p>Zusammenfassend lässt sich sagen: Wenn Adipositas nicht länger fälschlicherweise als Gehirnproblem verstanden wird, werden sich einige Neurowissenschaftler ein anderes Thema suchen müssen, um Forschungsgelder zu erhalten und Karriere zu machen – doch die Chancen stehen gut, dass sich die Gesellschaft dann tatsächlich verbessert, wenn wir die Umwelt gesünder gestalten. Denken wir an die Lektion vom „süchtigen Gehirn“.</p> <h2>Medikalisierung</h2> <p>Aber auch das ist noch nicht das letzte Wort: Wenn man weiter denkt als die Frage, was Neuro-Essentialismus aus einem körperlichen Zustand macht und welche technologischen Lösungen er aufdrängt, kommt man auf die allgemeinere Frage der <em>Medikalisierung</em>. Das heißt, inwiefern ist Adipositas überhaupt ein Zustand, der medizinische Aufmerksamkeit erfordert? Der BMI-Wert von 30 ist pragmatisch bestimmt.</p> <p>Bei der – übrigens schon im 19. Jahrhundert vorkommenden – Verwendung des lateinischen Fremdworts von <em>adeps</em>, Fett, sollte man sich dafür hüten, Adipositas als Krankheit anzusehen. Zwar können Krankheiten das Gewicht beeinflussen und verändert das Gewicht das Risiko für bestimmte Krankheiten. Risiken sind aber abstrakte Größen und bei den meisten Menschen dürfte ab einem BMI von 30 das Leben nicht dermaßen eingeschränkt sein, dass man sie als krank ansehen dürfte. Wie so oft, legt der medizinische Diskurs eine Problemsicht und damit auch eine mögliche Ausgrenzung nahe, wo es gar kein Problem geben muss. </p> <h2>Neuro-Essentialismus verstehen</h2> <p>Mehr zum Thema Neuro-Essentialismus und Psychologie, Psychiatrie, Recht und Moral erfahren Sie ihm neuen <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Buch Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em> von Stephan Schleim:</p> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-768x1094.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-scaled.jpg 1797w" width="719"></img></a></figure> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce50af6bae5647d690ce2aaf9afd36bd" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Firefly-Obese-Brain-horiz-sm-1024x688.jpg" /><h1>Wird die tiefe Hirnstimulation das Problem mit dem Übergewicht lösen? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Das „adipöse Gehirn“ ist ein weiteres Beispiel für verfehlten Neuro-Essentialismus</strong></p> <span id="more-3654"></span> <p>In seiner Nobelpreisrede 1981 prägte Roger W. Sperry (1919–1994) die These, dass praktisch jedes soziale und politische Problem ein Gehirnproblem sei, denn „alles kommt im Gehirn zusammen“. Kurz darauf wurden die 1990er-Jahre politisch zur „Dekade des Gehirns“ erklärt. Dies implizierte eine neurowissenschaftliche Perspektive auf den „Krieg gegen Drogen“ und 1997 veröffentlichte Alan I. Leshner, damals Direktor des National Institute on Drug Abuse, seinen einflussreichen Essay „<a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.278.5335.45" rel="noopener">Sucht ist eine Gehirnkrankheit, und das ist wichtig</a>“ in der Fachzeitschrift <em>Science</em>.</p> <p>Es wurden Versprechen gemacht, Milliarden investiert, Karrieren in der Neurowissenschaft aufgebaut – und bis heute ist keine der versprochenen hirnbasierten Suchtbehandlungen Realität geworden. Der problematische Drogenkonsum nimmt in vielen Ländern seit Jahrzehnten zu, ebenso wie die Zahl der drogenbedingten Todesfälle. Unterdessen erfreuen sich Behandlungsansätze, die auf gegenseitiger Unterstützung und Spiritualität basieren, wie das Zwölf-Schritte-Programm, zunehmender Beliebtheit. Sie greifen auf uralte menschliche und soziale „Techniken“ zurück. (Das griechische Wort „techné“ bedeutet übrigens Handwerk, Wissenschaft.)</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Ge- oder erfunden? Das „adipöse Gehirn“</h2> <p>Nun scheint eine Gruppe von Forschern, die das „adipöse Gehirn“ untersuchen und die tiefe Hirnstimulation als Behandlungsmethode vorschlagen, denselben Fehler zu wiederholen: Sie deuten ein primär umweltbedingtes und verhaltensbezogenes Problem als Hirnproblem, um es auch so zu behandeln. Andere und ich bezeichnen dieses Vorgehen in unserer Forschung darüber, wie die Hirnforschung die Wissenschaft und Gesellschaft prägt, als „Neuro-Essentialismus“. Bereits 30 Studien <a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/21507740.2026.2629384" rel="noopener">zur Hirnstimulation des „adipösen Gehirns“</a> oder von Essstörungen wurden veröffentlicht, an denen insgesamt 120 Patienten teilnahmen – darunter mit 95 Prozent auffällig viele Frauen!<aside></aside></p> <p>Betrachtet man die Sache aus kultureller Perspektive, zeigen sich große Unterschiede, beispielsweise beim durchschnittlichen BMI (Body Mass Index) selbst zwischen ähnlich entwickelten Ländern wie den USA (durchschnittlicher BMI = 28,8), Großbritannien (27,3), Deutschland (26,3), den Niederlanden (25,4) und Japan (22,6). Übergewicht wird allgemein als BMI &gt; 25 und Adipositas (Fettleibigkeit) als BMI &gt; 30 definiert. Der Zusammenhang zwischen diesen Durchschnittswerten und dem sozioökonomischen Status, Bildung, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit ließe sich noch genauer untersuchen.</p> <p>Es stimmt zwar, dass „alles im Gehirn zusammenkommt“, insofern das Nervensystem ein wesentlicher Bestandteil der Wechselwirkung zwischen Umwelt, Körper und Gehirn ist, auf der unser Verhalten basiert. Gleichzeitig ist das menschliche Gehirn aber auch ein formbares Organ, das durch die Umwelt und die darin gemachten Erfahrungen geprägt wird.</p> <h2>Gehirn, Umwelt und Verhalten</h2> <p>Ich bestreite nicht, dass sich Verhalten durch Gehirnstimulation verändern lässt. Vielleicht lässt sich das Hungergefühl mit solchen Gehirn-Implantaten modulieren, was ausreichen würde, um die Daten als Machbarkeitsnachweis in renommierten Fachzeitschriften zu veröffentlichen – doch man sollte auch die Kosten und Nebenwirkungen bedenken. Ich bezweifle aber, dass sich das gesellschaftliche Problem mit dem Übergewicht auf diese Weise lösen lässt. (Und man denke auch daran, dass stimulierende Drogen und Psychopharmaka ebenfalls den Appetit unterdrücken, weshalb stark Konsumierende oft sehr dünn sind. Dies verbindet die beiden angeblichen Hirnprobleme auf interessante Weise.)</p> <p>Wenn Sie dem „adipösen Gehirn“ genauso skeptisch gegenüberstehen, wie wir alle dem „süchtigen Gehirn“ hätten gegenüberstehen sollen, und Adipositas als ein historisches und soziales Phänomen verstehen, eröffnen sich andere Lösungsansätze: Zunächst einmal besteht unser Körper buchstäblich aus dem, was wir essen und trinken. Wenn eine Industrie unsere Ernährung weitgehend bestimmt, die ihre Gewinne durch den Verkauf von zucker-, fett- und salzreichen Lebensmitteln (die allesamt sehr billige Geschmacksverstärker sind) maximiert, werden sich viele Menschen zwangsläufig ungesund ernähren. Und wenn man möchte, dass sich Menschen ausreichend bewegen, muss man dies fördern und unterstützen, anstatt sie den Großteil des Tages im Auto oder vor dem Computer sitzen zu lassen.</p> <p>Zusammenfassend lässt sich sagen: Wenn Adipositas nicht länger fälschlicherweise als Gehirnproblem verstanden wird, werden sich einige Neurowissenschaftler ein anderes Thema suchen müssen, um Forschungsgelder zu erhalten und Karriere zu machen – doch die Chancen stehen gut, dass sich die Gesellschaft dann tatsächlich verbessert, wenn wir die Umwelt gesünder gestalten. Denken wir an die Lektion vom „süchtigen Gehirn“.</p> <h2>Medikalisierung</h2> <p>Aber auch das ist noch nicht das letzte Wort: Wenn man weiter denkt als die Frage, was Neuro-Essentialismus aus einem körperlichen Zustand macht und welche technologischen Lösungen er aufdrängt, kommt man auf die allgemeinere Frage der <em>Medikalisierung</em>. Das heißt, inwiefern ist Adipositas überhaupt ein Zustand, der medizinische Aufmerksamkeit erfordert? Der BMI-Wert von 30 ist pragmatisch bestimmt.</p> <p>Bei der – übrigens schon im 19. Jahrhundert vorkommenden – Verwendung des lateinischen Fremdworts von <em>adeps</em>, Fett, sollte man sich dafür hüten, Adipositas als Krankheit anzusehen. Zwar können Krankheiten das Gewicht beeinflussen und verändert das Gewicht das Risiko für bestimmte Krankheiten. Risiken sind aber abstrakte Größen und bei den meisten Menschen dürfte ab einem BMI von 30 das Leben nicht dermaßen eingeschränkt sein, dass man sie als krank ansehen dürfte. Wie so oft, legt der medizinische Diskurs eine Problemsicht und damit auch eine mögliche Ausgrenzung nahe, wo es gar kein Problem geben muss. </p> <h2>Neuro-Essentialismus verstehen</h2> <p>Mehr zum Thema Neuro-Essentialismus und Psychologie, Psychiatrie, Recht und Moral erfahren Sie ihm neuen <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Buch Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em> von Stephan Schleim:</p> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-768x1094.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1-scaled.jpg 1797w" width="719"></img></a></figure> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/ce50af6bae5647d690ce2aaf9afd36bd" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wird-die-tiefe-hirnstimulation-das-problem-mit-dem-uebergewicht-loesen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>31</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince 59: Kian Hoss, die Faschismus-Definition von Eva von Redecker & Jens Spahn https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-59-kian-hoss-die-faschismus-definition-von-eva-von-redecker-jens-sphan/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-59-kian-hoss-die-faschismus-definition-von-eva-von-redecker-jens-sphan/#comments Sun, 19 Jul 2026 16:58:53 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11414 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-59-kian-hoss-die-faschismus-definition-von-eva-von-redecker-jens-sphan/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince 59: Kian Hoss, die Faschismus-Definition von Eva von Redecker & Jens Spahn » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-19T18:58:53+02:00">19. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Schon in meiner Mimesis-Antisemitismus-Rede beim Weltethos-Institut an der Universität Tübingen empfahl ich <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240" rel="noopener" target="_blank">das Buch <em><strong>„Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ </strong></em><em>von </em><strong>Eva von Redecker</strong></a>. Und als mich Inan auf unserer Dialog-Fahrt nach Heilbronn nach einer aktuellen Definition des Faschismus fragte, nahm ich mir vor, es bei nächster Gelegenheit ihm vorzustellen. Und diese Gelegenheit – war jetzt.</p> <p><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Exemplar des neuen Buches &quot;Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus&quot; von Eva von Redecker in den Händen von Michael Blume zur Folge 59 von &quot;Blume &amp; Ince&quot;." decoding="async" height="2000" sizes="(max-width: 1500px) 100vw, 1500px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a.jpeg 1500w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-1152x1536.jpeg 1152w" width="1500"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240" rel="noopener" target="_blank">neue Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“</a> in Händen von Dr. Michael Blume zur Folge 59 von „Blume &amp; Ince“. Foto: Prof. Dr. Inan Ince</em></p> <p>Obgleich mich als Wossi mit sächsischem Hintergrund ein Aspekt an von Redeckers Buch sehr stört – welchen, erkläre ich im Podcast -, überzeugt mich das Werk. Und ich übernehme die nach meiner Einschätzung <strong>brillante Definition des alten und neuen Faschismus</strong> von Redeckers!</p> <p><em>„<strong>Faschismus ist liquidierende Phantombesitzverteidigung. </strong></em><aside></aside></p> <p><em>Er hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll -, und ein Abjekt – das Phantasma, das ausgelöscht werden muss.</em></p> <p><em>Das Phantasma kann eine separate Gruppe sein, wie die Jüdinnen und Juden im Falle des Antisemitismus.</em></p> <p><em>Er kann aber auch der abgespaltene Teil des Objekts, des Phantombesitzes, sein: der Teil, der sich wehrt oder einfach als zu lebendig erweist.</em></p> <p><em>‚Echte Frauen‘ können dann weiter als fügsam und fortpflanzungswillig imaginiert werden. Denn alle, die Widerstand leisten, sind keine Frauen mehr. Sie sind irgendwas anderes, etwas, das weg muss, Emanzen, Kampflesben, Gender-Ideologinnen.“ </em>(S. 20)</p> <p>Ich denke, hier wird bereits erkennbar, wie präzise diese Faschismus-Definition den psychologischen Dualismus, den Antisemitismus, Rassismus und auch Antifeminismus zu erfassen vermag. Mich hat von Redecker überzeugt und ich werde diese Definition zukünftig anwenden.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Gruppenfoto von Dr. Michael Blume mit der akademischen Damenschaft Akademische Damenverbindung ADV Olympea nach dem Vortrag gegen &quot;Antisemitismus &amp; Antifeminismus&quot; in Tübingen, September 2025." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Gruppenfoto nach <a href="https://www.youtube.com/watch?v=SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank">dem Vortrag gegen antisemitische &amp; antifeministische Verschwörungsmythen von Dr. Michael Blume bei der akademischen Damenschaft ADV Olympea</a>. Foto: ADV Olympea</em></p> <p>Doch bevor wir zu diesem Thema kamen, hatten wir ein <strong>bizarres Verschwörungsvideo von Kian Hoss</strong>, <strong>die Kursabstürze von BitCoin, Gold und SpaceX</strong> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/enge-der-zeit-statt-technologieoffenheit-shareholdervalue-strategien-bei-boeing-und-mercedes/" rel="noopener" target="_blank"><strong>das Versagen der deutschen Autokonzerne im Hinblick auf Klimakrise und „Technogieoffenheit“</strong></a> zu diskutieren. Am Ende sprachen wir zudem über den <strong>Rücktritt von Jens Spahn</strong> vom Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.  </p> <p>Auf <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116939637890989452" rel="noopener">Mastodon hatte ich Forderungen nach Spahns Rücktritt auch aus der Christdemokratie geteilt</a> und dazu formuliert:</p> <p><em>„Im Liberalismus gelten Gesetze für alle, im Libertarismus nicht mehr für Reiche.</em></p> <p><em>Ich nehme solche rechtslibertären Haltungen bei Männern wie Musk, Thiel, Trump, Infantino und leider auch bei Spahn wahr. Und ich meine, dass der Rechtslibertarismus mit dem biblischen und also auch christlich-demokratischen Menschenbild – das von der gleichen Menschenwürde aller ausgeht – nicht vereinbar ist.“</em></p> <p>Wie immer gibt es <a href="https://blumeundince.podigee.io/63-folge-59-hoss-spahn-die-faschismus-definition-von-eva-von-redecker" rel="noopener" target="_blank">auch Folge 59 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> auch als Hör-Podcast auf Podigee</a> und auf allen gängigen Streaming-Diensten. Und Inan und ich freuen uns auf viele gute Dialoge dazu!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/cJWiIwAMEMw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 59: Hoss, Spahn &amp; die Faschismus-Definition von Eva von Redecker | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince 59: Kian Hoss, die Faschismus-Definition von Eva von Redecker & Jens Spahn » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-19T18:58:53+02:00">19. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Schon in meiner Mimesis-Antisemitismus-Rede beim Weltethos-Institut an der Universität Tübingen empfahl ich <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240" rel="noopener" target="_blank">das Buch <em><strong>„Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ </strong></em><em>von </em><strong>Eva von Redecker</strong></a>. Und als mich Inan auf unserer Dialog-Fahrt nach Heilbronn nach einer aktuellen Definition des Faschismus fragte, nahm ich mir vor, es bei nächster Gelegenheit ihm vorzustellen. Und diese Gelegenheit – war jetzt.</p> <p><a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Exemplar des neuen Buches &quot;Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus&quot; von Eva von Redecker in den Händen von Michael Blume zur Folge 59 von &quot;Blume &amp; Ince&quot;." decoding="async" height="2000" sizes="(max-width: 1500px) 100vw, 1500px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a.jpeg 1500w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/a23419e2-7d7a-4693-b4be-3b90cf21426a-1152x1536.jpeg 1152w" width="1500"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.fischerverlage.de/buch/eva-von-redecker-dieser-drang-nach-haerte-9783103977240" rel="noopener" target="_blank">neue Buch „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“</a> in Händen von Dr. Michael Blume zur Folge 59 von „Blume &amp; Ince“. Foto: Prof. Dr. Inan Ince</em></p> <p>Obgleich mich als Wossi mit sächsischem Hintergrund ein Aspekt an von Redeckers Buch sehr stört – welchen, erkläre ich im Podcast -, überzeugt mich das Werk. Und ich übernehme die nach meiner Einschätzung <strong>brillante Definition des alten und neuen Faschismus</strong> von Redeckers!</p> <p><em>„<strong>Faschismus ist liquidierende Phantombesitzverteidigung. </strong></em><aside></aside></p> <p><em>Er hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll -, und ein Abjekt – das Phantasma, das ausgelöscht werden muss.</em></p> <p><em>Das Phantasma kann eine separate Gruppe sein, wie die Jüdinnen und Juden im Falle des Antisemitismus.</em></p> <p><em>Er kann aber auch der abgespaltene Teil des Objekts, des Phantombesitzes, sein: der Teil, der sich wehrt oder einfach als zu lebendig erweist.</em></p> <p><em>‚Echte Frauen‘ können dann weiter als fügsam und fortpflanzungswillig imaginiert werden. Denn alle, die Widerstand leisten, sind keine Frauen mehr. Sie sind irgendwas anderes, etwas, das weg muss, Emanzen, Kampflesben, Gender-Ideologinnen.“ </em>(S. 20)</p> <p>Ich denke, hier wird bereits erkennbar, wie präzise diese Faschismus-Definition den psychologischen Dualismus, den Antisemitismus, Rassismus und auch Antifeminismus zu erfassen vermag. Mich hat von Redecker überzeugt und ich werde diese Definition zukünftig anwenden.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Gruppenfoto von Dr. Michael Blume mit der akademischen Damenschaft Akademische Damenverbindung ADV Olympea nach dem Vortrag gegen &quot;Antisemitismus &amp; Antifeminismus&quot; in Tübingen, September 2025." decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_2778-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Gruppenfoto nach <a href="https://www.youtube.com/watch?v=SYawmv4C4LQ" rel="noopener" target="_blank">dem Vortrag gegen antisemitische &amp; antifeministische Verschwörungsmythen von Dr. Michael Blume bei der akademischen Damenschaft ADV Olympea</a>. Foto: ADV Olympea</em></p> <p>Doch bevor wir zu diesem Thema kamen, hatten wir ein <strong>bizarres Verschwörungsvideo von Kian Hoss</strong>, <strong>die Kursabstürze von BitCoin, Gold und SpaceX</strong> sowie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/enge-der-zeit-statt-technologieoffenheit-shareholdervalue-strategien-bei-boeing-und-mercedes/" rel="noopener" target="_blank"><strong>das Versagen der deutschen Autokonzerne im Hinblick auf Klimakrise und „Technogieoffenheit“</strong></a> zu diskutieren. Am Ende sprachen wir zudem über den <strong>Rücktritt von Jens Spahn</strong> vom Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.  </p> <p>Auf <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116939637890989452" rel="noopener">Mastodon hatte ich Forderungen nach Spahns Rücktritt auch aus der Christdemokratie geteilt</a> und dazu formuliert:</p> <p><em>„Im Liberalismus gelten Gesetze für alle, im Libertarismus nicht mehr für Reiche.</em></p> <p><em>Ich nehme solche rechtslibertären Haltungen bei Männern wie Musk, Thiel, Trump, Infantino und leider auch bei Spahn wahr. Und ich meine, dass der Rechtslibertarismus mit dem biblischen und also auch christlich-demokratischen Menschenbild – das von der gleichen Menschenwürde aller ausgeht – nicht vereinbar ist.“</em></p> <p>Wie immer gibt es <a href="https://blumeundince.podigee.io/63-folge-59-hoss-spahn-die-faschismus-definition-von-eva-von-redecker" rel="noopener" target="_blank">auch Folge 59 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> auch als Hör-Podcast auf Podigee</a> und auf allen gängigen Streaming-Diensten. Und Inan und ich freuen uns auf viele gute Dialoge dazu!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/cJWiIwAMEMw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Folge 59: Hoss, Spahn &amp; die Faschismus-Definition von Eva von Redecker | Blume &amp; Ince" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-59-kian-hoss-die-faschismus-definition-von-eva-von-redecker-jens-sphan/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>24</slash:comments> </item> <item> <title>Dr. Blume, sehen Sie Völkermorde im Irak, in Gaza, im Libanon, im Westjordanland? Meine Antwort hier https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dr-blume-sehen-sie-voelkermorde-im-irak-in-gaza-im-libanon-im-westjordanland-meine-antwort-hier/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dr-blume-sehen-sie-voelkermorde-im-irak-in-gaza-im-libanon-im-westjordanland-meine-antwort-hier/#comments Thu, 16 Jul 2026 21:42:50 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11409 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-768x1365.png <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dr-blume-sehen-sie-voelkermorde-im-irak-in-gaza-im-libanon-im-westjordanland-meine-antwort-hier/</link> </image> <description type="html"><h1>Dr. Blume, sehen Sie Völkermorde im Irak, in Gaza, im Libanon, im Westjordanland? Meine Antwort hier » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Auch in dieser Woche wurde ich wieder mehrfach gefragt, ob ich den Vorwurf eines „israelischen Genozides in Gaza“ teilen würde. Für viele Linke wie auch Libertäre und Rechte scheint es sich dabei um eine Art von Meinungs- und Bekenntnisformel zu handeln.</p> <p>Für mich nicht. Für mich ist Völkermord eine ernsthafte, juristische (!) Kategorie und ich habe als Gutachter und sachverständiger Zeuge daran mitgewirkt, den Genozid am Ezidentum im Irak nachzuweisen.</p> <p>So leitete ich 2015/16 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf" rel="noopener" target="_blank">das Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak auf Bitte des damaligen, baden-württembergischen Ministerpräsidenten <strong>Winfried Kretschmann</strong></a>. Religions- und politikwissenschaftliche Beobachtungen zur fossilen Finanzierung und Ideologie des sog. IS / Daesh veröffentlichte ich in <strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-zweites-buch-leben-oel-und-glaubenskriege-neu-im-jmb-verlag/" rel="noopener" target="_blank">„Öl- und Glaubenskriege. Wie das schwarze Gold Politik, Wirtschaft und Religionen vergiftet“ (2015, Neuauflage 2022)</a> </strong>sowie in <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank"><strong>„Islam in der Krise“ (2017)</strong></a> und <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-011123.html" rel="noopener"><strong>„Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ (2019)</strong></a>.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-5674" id="attachment_5674"><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-011123.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nebeneinander liegen je ein Exemplar der drei Bücher &quot;Islam in der Krise&quot;, &quot;Verschwörungsmythen&quot; und &quot;Warum der Antisemitismus uns alle bedroht&quot; von Dr. Michael Blume" decoding="async" height="1464" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-300x172.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-1024x586.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-768x439.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-1536x878.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-2048x1171.jpeg 2048w" width="2560"></img></a><figcaption id="caption-attachment-5674"><em>Drei meiner Sachbücher: <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-011123.html" rel="noopener" target="_blank">„Islam in der Krise“, „Verschwörungsmythen“ &amp; „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ beim Patmos-Verlag</a>. Foto: Michael Blume</em></figcaption></figure> <p>Wie schwer es aber auch fiel, über das Gesehene und Erlebte zu sprechen, ist mir auch noch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IuBD2FzXG2g" rel="noopener" target="_blank">im Interview mit <strong>Konstantin Flemig</strong></a> anzumerken.</p> <p>Dennoch erklärte ich mich 2017 bereit zu einem <strong>religionswissenschaftlichen Gutachten zur Ideologie des IS / Daesh</strong> gegenüber dem Ezidentum – und zur mehrfachen Aussage als sachverständiger Zeuge in Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche IS-Mitglieder.<aside></aside></p> <p>Auch im Verfahren <a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-muenchen-urteil-8st424-voelkermord-jesiden-is-angehoerige" rel="noopener" target="_blank">vor dem OLG München gegen zwei IS-Mitglieder, die jesidische Mädchen versklavten und ihnen vielfache Gewalt antaten</a>, sagte ich aus. Die aktuelle <a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-muenchen-urteil-8st424-voelkermord-jesiden-is-angehoerige" rel="noopener" target="_blank">Verurteilung des Täterpaares auch wegen des Tatbestandes des Völkermordes</a> begrüße ich.</p> <p data-wp-editing="1"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume nach seiner Aussage als sachverständiger Zeuge im November 2025 vor dem Oberlandesgericht München. Er wird zitiert mit den Worten: &quot;Islamistischer Terror bedroht uns alle. Daher nehme ich gerne die Pflicht wahr und stehe als sachverständiger Zeuge mit meinem Wissen und den Erfahrungen vor Ort in Strafverfahren gegen mutmaßliche IS-Mitglieder zur Verfügung.&quot;" decoding="async" height="1600" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-169x300.png 169w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-576x1024.png 576w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-768x1365.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-864x1536.png 864w" width="900"></img></a></p> <p data-wp-editing="1"> <em>In<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank"> Verantwortung gegenüber den Opfern und unserem Rechtsstaat, nach der Aussage vor dem OLG München, November 202</a>5. Zitatkachel &amp; Foto: Michael Blume, Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Dass nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-zur-bundestag-anerkennung-des-is-genozid-am-ezidentum-zur-hitzemord-these/">den ersten, juristischen Verfahren <strong>im Januar 2023 auch der deutsche Bundestag den IS-Genozid an Jesidinnen und Jesiden anerkannte</strong></a>, erfüllte mich damals mit Freude. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können und wollen, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/">sowohl <strong>die Ampel-Bundesregierung wie auch die jetzige Bundesregierung den einstimmigen Beschluss des deutschen Bundestages feige ignorieren</strong></a> würden!</p> <p>Damit überließen sie nicht nur IS-Verfolgte der Angst vor Abschiebungen, sondern missachteten auch den Begriff des Völkermordes, den deutschen Bundestag als der Legislative unseres Grundgesetzes und sie stellten die Bundespolitik vor der eigenen und internationalen Öffentlichkeit bloß.</p> <p>Ich halte ja, wie Sie wissen, <strong>feige Rechtsmimesis immer für falsch</strong>. In diesem Zusammenhang aber halte ich sie für <strong>ein politisches und moralisches Versagen</strong>. Daher bat ich auch <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/antisemitismusexperte-blume-lehnt-bundesverdienstkreuz-ab/" rel="noopener">das Bundespräsidialamt, das Verfahren zur Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes in meinem Fall zu pausieren</a>. Wie sollte ich einen Bundesorden für die Hilfe gegenüber den Jesidinnen und Jesiden annehmen, wenn gleich zwei Bundesregierungen so vor den Werten des Grundgesetzes und den Lehren der Geschichte versagen?</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume, Sharon Suliman, Julia und Ahmet Kurt sowie Hayder Dakheel auf der Bühne zum &quot;Gemeinsamen Festakt 2025&quot; in Pforzheim." decoding="async" height="773" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1288px) 100vw, 1288px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg 1288w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-768x461.jpg 768w" width="1288"></img></a></p> <p><em>Im<a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"> Dezember 2025 wurde ich beim „Gemeinsamen Festakt“ jüdischer, christlicher und jesidischer Menschen in Pforzheim von Sharon Suliman zum Schicksal des Ezidentums interviewt</a>. Foto: Fabian Freiseis</em></p> <p><strong>Für mich ist der Begriff „Völkermord / Genozid“ also ein juristischer Fachbegriff und kein politisches Schlagwort</strong></p> <p>Ebenso, wie ich die diesbezügliche Feigheit der letzten beiden Bundesregierungen kritisiere, lehne ich auch die politische Verwendung des Begriffs für antijüdische und anti-israelische Zwecke ab.</p> <p>Obwohl ich die Gleichzeitigkeit der Anklageerhebung gegen israelische Politiker und Hamas-Terroristen bedauert habe, habe ich doch <a href="https://www.die-neue-welle.de/antisemitismusbeauftragter-blume-kritisiert-netanjahu-826833/" rel="noopener">auch das Recht der internationalen Justiz verteidigt, im Nahostkrieg zu ermitteln. So berichtete die dpa im Mai 2024</a>:</p> <p><em>«Wir merken deutlich, dass der israelbezogene Antisemitismus stark zunimmt», sage Blume der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. «Rechtsextremisten aus Israel, den USA und Europa, aber auch die Regierung Netanjahu benutzen den Antisemitismus-Vorwurf inflationär und instrumentalisieren ihn – das hilft uns überhaupt nicht, wenn wir Antisemitismus ehrlich bekämpfen wollen.» So kritisierte Blume scharf, dass Netanjahu vor kurzem den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, als einen «der großen Antisemiten der Moderne» bezeichnete. Khan hatte zuvor Haftbefehle gegen Netanjahu und Verteidigungsminister Galant sowie drei Anführer der palästinensischen Terrororganisation Hamas wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit beantragt.</em></p> <p><em>«Man kann nicht jeden, der die israelische Regierung kritisiert, als Antisemiten abstempeln», sagte Blume. «Das Verhalten der israelischen Regierung schadet uns in Europa sehr.» Gleichzeitig unterstrich Blume seine Solidarität mit Israel: «Ich stehe ohne Wenn und Aber zur Republik Israel und meinen jüdischen Freundinnen und Freunden dort wie auch in Europa. Vor der fossilen Finanzierung der Hamas über den Iran und Katar habe ich seit Jahren gewarnt», sagte er.</em></p> <p>So wiegt aus meiner Sicht juristisch erheblich, dass sich <strong>Israel</strong> 2005 aus <strong>Gaza</strong> zurückgezogen hat – und die <strong>Terrororganisation Hamas</strong> am 7. Oktober 2023 mit einem Massaker an Zivilisten den Krieg eröffnete, palästinensische Menschen als Schutzschilde missbraucht, Oppositionelle in Gaza foltert und ermordet sowie das Niederlegen der Waffen verweigert.</p> <p>Noch eindeutiger scheint mir die Situation im <strong>Libanon</strong>, von dem aus <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener">die iranisch und fossil finanzierte <strong>Hisbollah</strong></a> die Republik <strong>Israel</strong> angreift und trotz Appellen der libanesischen Regierung das Niederlegen der Waffen verweigert.</p> <p>Anders liegt die Situation nach meiner Einschätzung wiederum im <strong>Westjordanland</strong>, dessen <strong>Fatah </strong>– Regierung sich nicht am Angriff gegen <strong>Israel </strong>beteiligte, in dem jedoch dennoch palästinensische Menschen vertrieben und Siedlungen errichtet werden.</p> <p>Selbstverständlich kann ich niemandem verbieten, emotionale und einseitige Vor-Urteile zu hegen und dafür auch den juristischen Begriff des Genozides / Völkermordes zu missbrauchen. Aber ich werde mich daran nicht beteiligen. Zur Feststellung eines Völkermordes bestehe ich auf rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren mit einer seriösen Beweisführung, Anklage und Verteidigung. Aus Respekt vor dem Recht und der Menschenwürde aller Beteiligten, Terror- und Kriegsopfer.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">Die Gewaltenteilung zwischen <strong>Exekutive (Regierung)</strong>, <strong>Legislative (Parlament)</strong>, <strong>Judikative (Justiz)</strong> und <strong>Publikative (Medien)</strong> ist mir zivilreligiös heilig.</a></p> <p>Vielen Dank für Ihr Interesse und Verständnis!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/IuBD2FzXG2g?feature=oembed&amp;rel=0" title="Genozid an Jesiden: Wie Michael Blume 1.000 Menschen rettete" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Dr. Blume, sehen Sie Völkermorde im Irak, in Gaza, im Libanon, im Westjordanland? Meine Antwort hier » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Auch in dieser Woche wurde ich wieder mehrfach gefragt, ob ich den Vorwurf eines „israelischen Genozides in Gaza“ teilen würde. Für viele Linke wie auch Libertäre und Rechte scheint es sich dabei um eine Art von Meinungs- und Bekenntnisformel zu handeln.</p> <p>Für mich nicht. Für mich ist Völkermord eine ernsthafte, juristische (!) Kategorie und ich habe als Gutachter und sachverständiger Zeuge daran mitgewirkt, den Genozid am Ezidentum im Irak nachzuweisen.</p> <p>So leitete ich 2015/16 <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/Empathie-als-Sprache-der-Naechstenliebe-Michael-Blume2026.pdf" rel="noopener" target="_blank">das Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak auf Bitte des damaligen, baden-württembergischen Ministerpräsidenten <strong>Winfried Kretschmann</strong></a>. Religions- und politikwissenschaftliche Beobachtungen zur fossilen Finanzierung und Ideologie des sog. IS / Daesh veröffentlichte ich in <strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ein-zweites-buch-leben-oel-und-glaubenskriege-neu-im-jmb-verlag/" rel="noopener" target="_blank">„Öl- und Glaubenskriege. Wie das schwarze Gold Politik, Wirtschaft und Religionen vergiftet“ (2015, Neuauflage 2022)</a> </strong>sowie in <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/islam-in-der-krise-010956.html" rel="noopener" target="_blank"><strong>„Islam in der Krise“ (2017)</strong></a> und <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-011123.html" rel="noopener"><strong>„Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ (2019)</strong></a>.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-5674" id="attachment_5674"><a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-011123.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Nebeneinander liegen je ein Exemplar der drei Bücher &quot;Islam in der Krise&quot;, &quot;Verschwörungsmythen&quot; und &quot;Warum der Antisemitismus uns alle bedroht&quot; von Dr. Michael Blume" decoding="async" height="1464" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-300x172.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-1024x586.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-768x439.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-1536x878.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/4EA40F7B-CE5D-4EFF-BBB5-67914144E441-2048x1171.jpeg 2048w" width="2560"></img></a><figcaption id="caption-attachment-5674"><em>Drei meiner Sachbücher: <a href="https://shop.verlagsgruppe-patmos.de/warum-der-antisemitismus-uns-alle-bedroht-011123.html" rel="noopener" target="_blank">„Islam in der Krise“, „Verschwörungsmythen“ &amp; „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht“ beim Patmos-Verlag</a>. Foto: Michael Blume</em></figcaption></figure> <p>Wie schwer es aber auch fiel, über das Gesehene und Erlebte zu sprechen, ist mir auch noch <a href="https://www.youtube.com/watch?v=IuBD2FzXG2g" rel="noopener" target="_blank">im Interview mit <strong>Konstantin Flemig</strong></a> anzumerken.</p> <p>Dennoch erklärte ich mich 2017 bereit zu einem <strong>religionswissenschaftlichen Gutachten zur Ideologie des IS / Daesh</strong> gegenüber dem Ezidentum – und zur mehrfachen Aussage als sachverständiger Zeuge in Gerichtsverfahren gegen mutmaßliche IS-Mitglieder.<aside></aside></p> <p>Auch im Verfahren <a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-muenchen-urteil-8st424-voelkermord-jesiden-is-angehoerige" rel="noopener" target="_blank">vor dem OLG München gegen zwei IS-Mitglieder, die jesidische Mädchen versklavten und ihnen vielfache Gewalt antaten</a>, sagte ich aus. Die aktuelle <a href="https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/olg-muenchen-urteil-8st424-voelkermord-jesiden-is-angehoerige" rel="noopener" target="_blank">Verurteilung des Täterpaares auch wegen des Tatbestandes des Völkermordes</a> begrüße ich.</p> <p data-wp-editing="1"><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume nach seiner Aussage als sachverständiger Zeuge im November 2025 vor dem Oberlandesgericht München. Er wird zitiert mit den Worten: &quot;Islamistischer Terror bedroht uns alle. Daher nehme ich gerne die Pflicht wahr und stehe als sachverständiger Zeuge mit meinem Wissen und den Erfahrungen vor Ort in Strafverfahren gegen mutmaßliche IS-Mitglieder zur Verfügung.&quot;" decoding="async" height="1600" sizes="(max-width: 900px) 100vw, 900px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-169x300.png 169w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-576x1024.png 576w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-768x1365.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1064-864x1536.png 864w" width="900"></img></a></p> <p data-wp-editing="1"> <em>In<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verantwortung-dialog-gewaltenteilung-gesicht-zeigen-fuer-unsere-justiz-und-fuer-gerechtigkeitsmimesis/" rel="noopener" target="_blank"> Verantwortung gegenüber den Opfern und unserem Rechtsstaat, nach der Aussage vor dem OLG München, November 202</a>5. Zitatkachel &amp; Foto: Michael Blume, Staatsministerium Baden-Württemberg</em></p> <p>Dass nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/ki-zur-bundestag-anerkennung-des-is-genozid-am-ezidentum-zur-hitzemord-these/">den ersten, juristischen Verfahren <strong>im Januar 2023 auch der deutsche Bundestag den IS-Genozid an Jesidinnen und Jesiden anerkannte</strong></a>, erfüllte mich damals mit Freude. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können und wollen, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/die-krise-des-deutschen-bundestag-der-genozid-an-den-jesiden/">sowohl <strong>die Ampel-Bundesregierung wie auch die jetzige Bundesregierung den einstimmigen Beschluss des deutschen Bundestages feige ignorieren</strong></a> würden!</p> <p>Damit überließen sie nicht nur IS-Verfolgte der Angst vor Abschiebungen, sondern missachteten auch den Begriff des Völkermordes, den deutschen Bundestag als der Legislative unseres Grundgesetzes und sie stellten die Bundespolitik vor der eigenen und internationalen Öffentlichkeit bloß.</p> <p>Ich halte ja, wie Sie wissen, <strong>feige Rechtsmimesis immer für falsch</strong>. In diesem Zusammenhang aber halte ich sie für <strong>ein politisches und moralisches Versagen</strong>. Daher bat ich auch <a href="https://www.juedische-allgemeine.de/politik/antisemitismusexperte-blume-lehnt-bundesverdienstkreuz-ab/" rel="noopener">das Bundespräsidialamt, das Verfahren zur Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes in meinem Fall zu pausieren</a>. Wie sollte ich einen Bundesorden für die Hilfe gegenüber den Jesidinnen und Jesiden annehmen, wenn gleich zwei Bundesregierungen so vor den Werten des Grundgesetzes und den Lehren der Geschichte versagen?</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Dr. Michael Blume, Sharon Suliman, Julia und Ahmet Kurt sowie Hayder Dakheel auf der Bühne zum &quot;Gemeinsamen Festakt 2025&quot; in Pforzheim." decoding="async" height="773" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1288px) 100vw, 1288px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi.jpg 1288w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-300x180.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-1024x615.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SharonSulimaninterviewtMichaelBlumeChanukkaAdventIdaEzi-768x461.jpg 768w" width="1288"></img></a></p> <p><em>Im<a href="https://www.youtube.com/watch?v=e4NKOyhdlYM" rel="noopener" target="_blank"> Dezember 2025 wurde ich beim „Gemeinsamen Festakt“ jüdischer, christlicher und jesidischer Menschen in Pforzheim von Sharon Suliman zum Schicksal des Ezidentums interviewt</a>. Foto: Fabian Freiseis</em></p> <p><strong>Für mich ist der Begriff „Völkermord / Genozid“ also ein juristischer Fachbegriff und kein politisches Schlagwort</strong></p> <p>Ebenso, wie ich die diesbezügliche Feigheit der letzten beiden Bundesregierungen kritisiere, lehne ich auch die politische Verwendung des Begriffs für antijüdische und anti-israelische Zwecke ab.</p> <p>Obwohl ich die Gleichzeitigkeit der Anklageerhebung gegen israelische Politiker und Hamas-Terroristen bedauert habe, habe ich doch <a href="https://www.die-neue-welle.de/antisemitismusbeauftragter-blume-kritisiert-netanjahu-826833/" rel="noopener">auch das Recht der internationalen Justiz verteidigt, im Nahostkrieg zu ermitteln. So berichtete die dpa im Mai 2024</a>:</p> <p><em>«Wir merken deutlich, dass der israelbezogene Antisemitismus stark zunimmt», sage Blume der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. «Rechtsextremisten aus Israel, den USA und Europa, aber auch die Regierung Netanjahu benutzen den Antisemitismus-Vorwurf inflationär und instrumentalisieren ihn – das hilft uns überhaupt nicht, wenn wir Antisemitismus ehrlich bekämpfen wollen.» So kritisierte Blume scharf, dass Netanjahu vor kurzem den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, als einen «der großen Antisemiten der Moderne» bezeichnete. Khan hatte zuvor Haftbefehle gegen Netanjahu und Verteidigungsminister Galant sowie drei Anführer der palästinensischen Terrororganisation Hamas wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit beantragt.</em></p> <p><em>«Man kann nicht jeden, der die israelische Regierung kritisiert, als Antisemiten abstempeln», sagte Blume. «Das Verhalten der israelischen Regierung schadet uns in Europa sehr.» Gleichzeitig unterstrich Blume seine Solidarität mit Israel: «Ich stehe ohne Wenn und Aber zur Republik Israel und meinen jüdischen Freundinnen und Freunden dort wie auch in Europa. Vor der fossilen Finanzierung der Hamas über den Iran und Katar habe ich seit Jahren gewarnt», sagte er.</em></p> <p>So wiegt aus meiner Sicht juristisch erheblich, dass sich <strong>Israel</strong> 2005 aus <strong>Gaza</strong> zurückgezogen hat – und die <strong>Terrororganisation Hamas</strong> am 7. Oktober 2023 mit einem Massaker an Zivilisten den Krieg eröffnete, palästinensische Menschen als Schutzschilde missbraucht, Oppositionelle in Gaza foltert und ermordet sowie das Niederlegen der Waffen verweigert.</p> <p>Noch eindeutiger scheint mir die Situation im <strong>Libanon</strong>, von dem aus <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener">die iranisch und fossil finanzierte <strong>Hisbollah</strong></a> die Republik <strong>Israel</strong> angreift und trotz Appellen der libanesischen Regierung das Niederlegen der Waffen verweigert.</p> <p>Anders liegt die Situation nach meiner Einschätzung wiederum im <strong>Westjordanland</strong>, dessen <strong>Fatah </strong>– Regierung sich nicht am Angriff gegen <strong>Israel </strong>beteiligte, in dem jedoch dennoch palästinensische Menschen vertrieben und Siedlungen errichtet werden.</p> <p>Selbstverständlich kann ich niemandem verbieten, emotionale und einseitige Vor-Urteile zu hegen und dafür auch den juristischen Begriff des Genozides / Völkermordes zu missbrauchen. Aber ich werde mich daran nicht beteiligen. Zur Feststellung eines Völkermordes bestehe ich auf rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren mit einer seriösen Beweisführung, Anklage und Verteidigung. Aus Respekt vor dem Recht und der Menschenwürde aller Beteiligten, Terror- und Kriegsopfer.</p> <p><a href="https://verschwoerungsfragen.podigee.io/66-neue-episode" rel="noopener" target="_blank">Die Gewaltenteilung zwischen <strong>Exekutive (Regierung)</strong>, <strong>Legislative (Parlament)</strong>, <strong>Judikative (Justiz)</strong> und <strong>Publikative (Medien)</strong> ist mir zivilreligiös heilig.</a></p> <p>Vielen Dank für Ihr Interesse und Verständnis!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/IuBD2FzXG2g?feature=oembed&amp;rel=0" title="Genozid an Jesiden: Wie Michael Blume 1.000 Menschen rettete" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dr-blume-sehen-sie-voelkermorde-im-irak-in-gaza-im-libanon-im-westjordanland-meine-antwort-hier/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>71</slash:comments> </item> <item> <title>Was droht der Sozialen Arbeit durch die AfD? Einblicke in die empirische Forschung https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/was-droht-der-sozialen-arbeit-durch-die-afd/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/was-droht-der-sozialen-arbeit-durch-die-afd/#respond Thu, 16 Jul 2026 14:53:22 +0000 Matthias Lorenz und Dieu-An Tran https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=530 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-768x548.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/was-droht-der-sozialen-arbeit-durch-die-afd/</link> </image> <description type="html"><h1>Was droht der Sozialen Arbeit durch die AfD? Einblicke in die empirische Forschung - SciLogs</h1><h2>By Von Matthias Lorenz und Dieu-An Tran</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-16T16:53:22+02:00">16. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <div><div> <p><strong>Matthias Lorenz, Technische Hochschule Nürnberg<br></br>Dieu-An Tran, Technische Hochschule Nürnberg</strong></p> <p>In der öffentlichen Debatte und der sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnostik ist viel vom politischen Rechtsruck die Rede. Oftmals sind dabei die diskursiven Verschiebungen der letzten zehn Jahre – salopp ausgedrückt, ein allgemeiner <em>vibe shift </em>– benannt worden. Schlimm genug. Doch gegenwärtig droht sich die Situation noch weiter zu verschärfen. In Anbetracht der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern scheint es nicht ausgeschlossen, dass mit der AfD in nächster Zukunft erstmals seit 1945 eine Partei der äußersten Rechten eine Landesregierung stellt. Mit Blick auf die Gestaltungsmacht der Länder in der föderalen Struktur der Bundesrepublik zeigt sich: Gelänge es der AfD in einem oder gar in mehreren Bundesländern, die (Allein-)Regierung zu stellen, dann könnte sich ihr destruktives und demokratiefeindliches Potential insbesondere dort entfalten, wo es eigentlich um Bildung, Gleichstellung, Selbstbestimmung, Empowerment, Menschenrechte, Inklusion, Partizipation, Diversität, Freiheit und offene Diskursräume geht: im Bereich der Schulen und Universitäten, der Kultur, der Demokratieförderung und nicht zuletzt im Bereich der Sozialen Arbeit.</p> <h2><em><strong>Extrem rechte Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit</strong></em></h2> <p>Doch wie geht die ‚Demokratie- und Menschenrechtsprofession‘ der Sozialen Arbeit mit den politischen Rechtsverschiebungen und der zunehmenden Macht der anti-demokratischen Rechten um? Auf welche Weise wirkt die extreme Rechte bereits jetzt auf die Soziale Arbeit ein? Welche Befürchtungen artikulieren Sozialarbeiter*innen angesichts düsterer Zukunftsaussichten, welchen Gefahren ist ihr professionelles Handeln längst ausgesetzt und welche Potentiale sowie Praxen demokratischer Gegenwehr gibt es bereits jetzt?<br></br>            Das Forschungsprojekt <em>Rechtsextreme Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit in Bayern </em>(RESAG) kann – bezogen auf die Situation in Bayern – Antworten auf diese Fragen liefern und will damit zur Stärkung einer demokratischen und menschenrechtsorientierten Praxis (in) der Sozialen Arbeit beitragen. Im Rahmen einer umfassenden quantitativen Erhebung haben wir gut tausend Sozialarbeiter*innen aus ganz Bayern befragt, ob und wie extrem rechte Akteur*innen versuchen, Einfluss auf die Soziale Arbeit zu nehmen und wie sich entsprechende Einflussnahmen auf ihre professionelle Praxis als Sozialarbeiter*innen auswirken. In der anstehenden qualitativ ausgerichteten Projektphase wollen wir zudem Wissen darüber sammeln, wie und mit welchen Strategien sich Soziarbeiter*innen wappnen und solche Einflussnahmen zurückweisen. <br></br>            In unserer Forschung orientieren wir uns an der etablierten Typologie verschiedener ‚Einflussnahmen‘<sup data-fn="b5f0f95d-da8c-466c-ad4a-abc6aba3d6de"><a href="#b5f0f95d-da8c-466c-ad4a-abc6aba3d6de" id="b5f0f95d-da8c-466c-ad4a-abc6aba3d6de-link">1</a></sup>. So unterscheiden wir zwischen <em>eigenen Angeboten</em> (etwa die ideologisch motivierte Unterstützungsarbeit für rechte Straffällige oder das partizipative Dorffest einer Gruppe völkischer Siedler*innen), <em>äußeren Einflussnahmen</em> (etwa rechte Demonstrationen gegen queer-freundliche Angebote in Jugendzentren oder tendenziöse Landtagsanfragen durch extrem rechte Parlamentarier*innen) sowie <em>inneren Einflussnahmen</em> (z. B. Ausgrenzung oder Schlechterstellung von Adressat*innen einer sozialen Einrichtungen durch deren Mitarbeiter*innen, wenn diese etwa aus rassistischer, antisemitischer oder ableistischer / behindertenfeindlicher Motivation geschieht).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch.jpg"><img alt="" decoding="async" height="731" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-1024x731.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-1024x731.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-768x548.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-1536x1097.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-2048x1462.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Foto: Robert Andreasch</em></p> <h2><em><strong>Befürchtungen und Erfahrungen von Sozialarbeiter*innen</strong></em></h2> <p>Alle drei Typen der Einflussnahme sind, so ein Ergebnis unserer Studie, in Bayern verbreitet. Bemerkenswert ist unseres Erachtens, dass äußere Einflussnahmen in Bayern 2025 weit häufiger beschrieben wurden als 2019 in Nordrhein-Westfalen (14,3 %)<sup data-fn="c4a3ab01-32ce-4597-bfc3-33cf5738fb3f"><a href="#c4a3ab01-32ce-4597-bfc3-33cf5738fb3f" id="c4a3ab01-32ce-4597-bfc3-33cf5738fb3f-link">2</a></sup>, aber auch als 2021 in Mecklenburg-Vorpommern (23,1 %)<sup data-fn="b1d95918-d0f5-4caf-8410-266429213a71"><a href="#b1d95918-d0f5-4caf-8410-266429213a71" id="b1d95918-d0f5-4caf-8410-266429213a71-link">3</a></sup>: 27,5 % der befragten Sozialarbeiter*innen in Bayern weiß unmittelbar von solchen Einflussnahmen und/oder hat diese selbst erfahren. In 57,5 % dieser äußeren Einflussnahmen benennen die Befragten die AfD als involvierte Akteurin.<br></br>             Was diese Zahlen konkret bedeuten, lässt sich aus den Freifeldantworten der Studienteilnehmer*innen erfahren: Befragt nach ihren Befürchtungen hinsichtlich solcher Einflussnahmen gibt eine Sozialarbeiterin aus der Arbeit mit FLINTA*<sup data-fn="8835a552-5d39-4a04-bc9d-f151a284d887"><a href="#8835a552-5d39-4a04-bc9d-f151a284d887" id="8835a552-5d39-4a04-bc9d-f151a284d887-link">4</a></sup> an: „Ich habe Angst, dass mein Job gestrichen wird, wenn die AfD im Kreistag landet. Außerdem, dass weitere feministische oder queere Projekte unter Beschuss stehen könnten, weil die aktuelle kommunalpolitische Stimmungslage zu vielen Ausgabenkürzungen führt“. Ein Sozialarbeiter aus der Straffälligenhilfe sieht wiederum die Gefahr, dass „AfD-Politiker in Stadtverwaltungen oder Landratsämtern einen Einfluss auf die Arbeit kommunaler Jugendarbeit nehmen und Angebote politischer Bildung einschränken oder zu Gunsten ihrer Gesinnung verändern [könnten]“. Angesichts der starken Zuwächse der AfD, die sich bei den Kommunalwahlen im bayernweiten Durchschnitt von 4,7 % auf 12,2 % steigerte<sup data-fn="982798e7-e060-44bf-874c-ac3ab94e2c80"><a href="#982798e7-e060-44bf-874c-ac3ab94e2c80" id="982798e7-e060-44bf-874c-ac3ab94e2c80-link">5</a></sup>, sind zunehmende kommunalpolitische Interventionen realistischerweise erwartbar.<br></br>            Eine Sozialarbeiterin, die mit geflüchteten Mädchen* arbeitet, berichtet von einer Sachbeschädigung, die eine Bezugnahme auf die AfD enthalten habe: „Wir hatten bei einem Träger in der Mädchen*-Arbeit bereits eine AfD-Schmiererei am Briefkasten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Rechte versuchen könnte, gerade Träger in der Geflüchteten – sowie der Mädchen*-Arbeit einzuschüchtern“. Ein Kollege aus der Kinder- und Jugendsozialarbeit benennt hingegen die Gefahr, dass konservativ-demokratische Parteien ihre Abgrenzung zur AfD aufgeben könnten. Dies, so die Befürchtung, hätte unmittelbare Konsequenzen für die Soziale Arbeit: „Sollte die AfD immer stärker werden und/oder die Union ihre noch bestehende Brandmauer endgültig einreißen, erwarte ich mir tatsächlich eine politische Steuerung der Sozialen Arbeit“. Eine an demokratischen und menschenrechtsorientierten Normen orientierte und nach professionellen Standards vorgehende Soziale Arbeit wäre in einem solchen Szenario kaum noch möglich. <br></br>         Wiederkehrend stoßen wir in unserer Analyse auch auf Beschreibungen von Einflussnahmen, die unmittelbar auf die Be-/Verhinderung sozialarbeiterischer Praxis zielen. So berichtet ein Sozialarbeiter aus der Wohnungslosenhilfe: „Ein Mitglied einer rechten Partei forderte mehrfach eine offizielle Besichtigung mit Presse unserer Einrichtung. Vorab sollten Informationen bereitgestellt werden, welchen ‚Ausländeranteil‘ unsere Bewohner haben und wovon sie leben“.</p> <h2><strong><em>Anfragen und Angriffe aus dem Landtag. Die AfD als Akteurin extrem rechter Einflussnahmen</em></strong></h2> <p>6,3 % der bayerischen Befragten haben bereits Erfahrungen mit kommunalen bzw. parlamentarischen Anfragen machen müssen, die in ihrer Intention gegen Träger und Strukturen der Sozialen Arbeit gerichtet sind. Wie Gille und Jagusch in ihrer Auswertung rechtextremer Einflussnahmen in NRW analysiert haben, zeigt sich, dass derartige „Anfragen offensichtlich nicht in erster Linie der Wahrnehmung der demokratischen Kontrollrechte der gewählten Abgeordneten dienen. Sie werden auch seitens der Urheber_innen bewusst inszeniert, dienen der Skandalisierung und dem Versuch, Strukturen anzugreifen […]“<sup data-fn="bdd13479-ab02-487d-9e69-de1eea54f28c"><a href="#bdd13479-ab02-487d-9e69-de1eea54f28c" id="bdd13479-ab02-487d-9e69-de1eea54f28c-link">6</a></sup>.<br></br>         Werfen wir einen Blick in parlamentarische Anfragen von Mitgliedern der AfD-Fraktion aus der laufenden Legislaturperiode, dann finden wir reichlich Material, das diese Einordnung stützt und die Befürchtungen von Sozialarbeiter*innen bestätigt. Oftmals treffen wir in diesem Material auf rassistische, trans*-/queerfeindliche, inklusions-/behindertenfeindliche Abwertungen von Adressat*innen Sozialer Arbeit: So fragen die AfD-Abgeordneten Franz Bergmüller und Andreas Winhart im März 2026 in femonationalistischer und rassistischer Manier, ob „die Staatsregierung […] bei der Jugendhilfe eine ‚Kultur des Wegschauens‘ bei Übergriffen durch ausländische, insbesondere muslimische Jugendliche [dulde]“<sup data-fn="f20c8b36-c9b1-49c8-af68-17abca69596b"><a href="#f20c8b36-c9b1-49c8-af68-17abca69596b" id="f20c8b36-c9b1-49c8-af68-17abca69596b-link">7</a></sup>. Ziel ist hier nicht nur, Träger der Jugendhilfe zu diskreditieren, sondern die Themen Migration und sexuelle Gewalt diskursiv zu koppeln. Im Juni 2025 frage die AfD-Abgeordnete Katrin Ebner-Steiner in einer Schriftlichen Anfrage, wie viele „Kunden von Tafeln sowie Suppenküchen und anderen vergleichbaren Einrichtungen amtlicher, privater und kirchlicher Träger […] in den Jahren von 2014 bis 2024 <em>keine</em> deutschen Staatsbürger“ waren<sup data-fn="089e1e86-bc25-4cd7-8d83-edf1235e788c"><a href="#089e1e86-bc25-4cd7-8d83-edf1235e788c" id="089e1e86-bc25-4cd7-8d83-edf1235e788c-link">8</a></sup>. Auch hier steht eine menschenrechtsorientierte und universalistische Praxis der Sozialen Arbeit, die Menschen in Armut unabhängig von Staatsbürger*innenschaft unterstützt, in Frage.<br></br>         Im April 2024 behauptete die AfD-Abgeordnete Ramona Storm in einer transfeindlichen Anfrage, „die Arbeiterwohlfahrt (AWO) […] bereitet ihre Erzieher bereits darauf vor, kleinen Kindern die Transsexualität nahezubringen“<sup data-fn="5618050e-8a70-488a-b4f1-9656f2fbd64a"><a href="#5618050e-8a70-488a-b4f1-9656f2fbd64a" id="5618050e-8a70-488a-b4f1-9656f2fbd64a-link">9</a></sup>. Aufhänger war ein Flyer der AWO mit dem Titel „Alle Kinder sind willkommen“, der unter Bezugnahme auf die UN-Kinderrechtskonvention und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Aufklärung über die Situation von trans* Kindern beitragen soll. Dabei zielt die Abgeordnete auch auf eine etwaige finanzielle Förderung der AWO mit „Steuergeldern“<sup data-fn="e8920b67-332c-4874-9a7e-9de3a1246df9"><a href="#e8920b67-332c-4874-9a7e-9de3a1246df9" id="e8920b67-332c-4874-9a7e-9de3a1246df9-link">10</a></sup> und fragt, ob „weitere Sozialverbände und/oder ähnliche Organi­sationen […] die Trans-Ideologie […] bei Kitakindern fördern“<sup data-fn="26c71bcf-d9d9-4e07-b2bf-b05a136ec1c7"><a href="#26c71bcf-d9d9-4e07-b2bf-b05a136ec1c7" id="26c71bcf-d9d9-4e07-b2bf-b05a136ec1c7-link">11</a></sup> würden. Anfragen wie diese richten sich unmittelbar gegen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wie gegen verbriefte Kinder- und Menschenrechte. Trans* Kinder geraten so ins Visier extrem rechter Kampagnen.<br></br>         Die Soziale Arbeit steht, so zeigt es unsere Forschung, im Fokus der extremen Rechten. Im „<a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/">Gravitationszentrum</a>“– um es mit einem treffenden Begriff unserer Kolleg*innen Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak und Dominik Sauerer<sup data-fn="d736dd79-994d-46d8-8be3-ff7989a92aa8"><a href="#d736dd79-994d-46d8-8be3-ff7989a92aa8" id="d736dd79-994d-46d8-8be3-ff7989a92aa8-link">12</a></sup> zu sagen – steht dabei die AfD. Unsere Forschung hält aber auch gute Nachrichten bereit: Die allermeisten Sozialarbeiter*innen in Bayern stehen entschieden für Demokratie und Menschenrechte ein, sie haben auch einen präzisen Begriff, was ihnen, ihren Adressat*innen und ihrer professionellen Praxis von rechtsaußen droht und sind bereit, sich diesen Gefahren aktiv entgegenzustellen. Darin verdienen sie unseren Respekt und unsere Unterstützung.</p> <hr></hr> </div></div> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-cropped-cropped-ForGeRex_Logo-1-200x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-cropped-cropped-ForGeRex_Logo-1-400x400.png 2x" width="200"></img> <p>Matthias Lorenz und Dieu-An Tran arbeiten im Teilprojekt "Rechtsextreme&#xD; Einflussnahmen und Gegenstrategien - Die Bereiche der Sozialen Arbeit&#xD; und der Geschlechtergleichstellung (RESAG)". Das Projekt untersucht&#xD; extrem rechte Einflussnahmen auf die Bereiche des Studiums und der&#xD; Praxis der Sozialen Arbeit. Ziel ist es, herauszuarbeiten, mit welchen&#xD; rechtsextremen Einstellungen und Handlungen die jeweiligen Akteur*innen konfrontiert sind und welche Handlungsoptionen sie im Hinblick auf Positionierungen, gesellschaftliche Unterstützung und Gegenwehr haben.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-7"><h3>Spektrum.de Newsletter</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Was droht der Sozialen Arbeit durch die AfD? Einblicke in die empirische Forschung - SciLogs</h1><h2>By Von Matthias Lorenz und Dieu-An Tran</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-16T16:53:22+02:00">16. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 6 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <div><div> <p><strong>Matthias Lorenz, Technische Hochschule Nürnberg<br></br>Dieu-An Tran, Technische Hochschule Nürnberg</strong></p> <p>In der öffentlichen Debatte und der sozialwissenschaftlichen Zeitdiagnostik ist viel vom politischen Rechtsruck die Rede. Oftmals sind dabei die diskursiven Verschiebungen der letzten zehn Jahre – salopp ausgedrückt, ein allgemeiner <em>vibe shift </em>– benannt worden. Schlimm genug. Doch gegenwärtig droht sich die Situation noch weiter zu verschärfen. In Anbetracht der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern scheint es nicht ausgeschlossen, dass mit der AfD in nächster Zukunft erstmals seit 1945 eine Partei der äußersten Rechten eine Landesregierung stellt. Mit Blick auf die Gestaltungsmacht der Länder in der föderalen Struktur der Bundesrepublik zeigt sich: Gelänge es der AfD in einem oder gar in mehreren Bundesländern, die (Allein-)Regierung zu stellen, dann könnte sich ihr destruktives und demokratiefeindliches Potential insbesondere dort entfalten, wo es eigentlich um Bildung, Gleichstellung, Selbstbestimmung, Empowerment, Menschenrechte, Inklusion, Partizipation, Diversität, Freiheit und offene Diskursräume geht: im Bereich der Schulen und Universitäten, der Kultur, der Demokratieförderung und nicht zuletzt im Bereich der Sozialen Arbeit.</p> <h2><em><strong>Extrem rechte Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit</strong></em></h2> <p>Doch wie geht die ‚Demokratie- und Menschenrechtsprofession‘ der Sozialen Arbeit mit den politischen Rechtsverschiebungen und der zunehmenden Macht der anti-demokratischen Rechten um? Auf welche Weise wirkt die extreme Rechte bereits jetzt auf die Soziale Arbeit ein? Welche Befürchtungen artikulieren Sozialarbeiter*innen angesichts düsterer Zukunftsaussichten, welchen Gefahren ist ihr professionelles Handeln längst ausgesetzt und welche Potentiale sowie Praxen demokratischer Gegenwehr gibt es bereits jetzt?<br></br>            Das Forschungsprojekt <em>Rechtsextreme Einflussnahmen auf die Soziale Arbeit in Bayern </em>(RESAG) kann – bezogen auf die Situation in Bayern – Antworten auf diese Fragen liefern und will damit zur Stärkung einer demokratischen und menschenrechtsorientierten Praxis (in) der Sozialen Arbeit beitragen. Im Rahmen einer umfassenden quantitativen Erhebung haben wir gut tausend Sozialarbeiter*innen aus ganz Bayern befragt, ob und wie extrem rechte Akteur*innen versuchen, Einfluss auf die Soziale Arbeit zu nehmen und wie sich entsprechende Einflussnahmen auf ihre professionelle Praxis als Sozialarbeiter*innen auswirken. In der anstehenden qualitativ ausgerichteten Projektphase wollen wir zudem Wissen darüber sammeln, wie und mit welchen Strategien sich Soziarbeiter*innen wappnen und solche Einflussnahmen zurückweisen. <br></br>            In unserer Forschung orientieren wir uns an der etablierten Typologie verschiedener ‚Einflussnahmen‘<sup data-fn="b5f0f95d-da8c-466c-ad4a-abc6aba3d6de"><a href="#b5f0f95d-da8c-466c-ad4a-abc6aba3d6de" id="b5f0f95d-da8c-466c-ad4a-abc6aba3d6de-link">1</a></sup>. So unterscheiden wir zwischen <em>eigenen Angeboten</em> (etwa die ideologisch motivierte Unterstützungsarbeit für rechte Straffällige oder das partizipative Dorffest einer Gruppe völkischer Siedler*innen), <em>äußeren Einflussnahmen</em> (etwa rechte Demonstrationen gegen queer-freundliche Angebote in Jugendzentren oder tendenziöse Landtagsanfragen durch extrem rechte Parlamentarier*innen) sowie <em>inneren Einflussnahmen</em> (z. B. Ausgrenzung oder Schlechterstellung von Adressat*innen einer sozialen Einrichtungen durch deren Mitarbeiter*innen, wenn diese etwa aus rassistischer, antisemitischer oder ableistischer / behindertenfeindlicher Motivation geschieht).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch.jpg"><img alt="" decoding="async" height="731" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-1024x731.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-1024x731.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-768x548.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-1536x1097.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/20251103_Schliersee_Gegen_AfD-Aufkleber_c_Robert-Andreasch-2048x1462.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Foto: Robert Andreasch</em></p> <h2><em><strong>Befürchtungen und Erfahrungen von Sozialarbeiter*innen</strong></em></h2> <p>Alle drei Typen der Einflussnahme sind, so ein Ergebnis unserer Studie, in Bayern verbreitet. Bemerkenswert ist unseres Erachtens, dass äußere Einflussnahmen in Bayern 2025 weit häufiger beschrieben wurden als 2019 in Nordrhein-Westfalen (14,3 %)<sup data-fn="c4a3ab01-32ce-4597-bfc3-33cf5738fb3f"><a href="#c4a3ab01-32ce-4597-bfc3-33cf5738fb3f" id="c4a3ab01-32ce-4597-bfc3-33cf5738fb3f-link">2</a></sup>, aber auch als 2021 in Mecklenburg-Vorpommern (23,1 %)<sup data-fn="b1d95918-d0f5-4caf-8410-266429213a71"><a href="#b1d95918-d0f5-4caf-8410-266429213a71" id="b1d95918-d0f5-4caf-8410-266429213a71-link">3</a></sup>: 27,5 % der befragten Sozialarbeiter*innen in Bayern weiß unmittelbar von solchen Einflussnahmen und/oder hat diese selbst erfahren. In 57,5 % dieser äußeren Einflussnahmen benennen die Befragten die AfD als involvierte Akteurin.<br></br>             Was diese Zahlen konkret bedeuten, lässt sich aus den Freifeldantworten der Studienteilnehmer*innen erfahren: Befragt nach ihren Befürchtungen hinsichtlich solcher Einflussnahmen gibt eine Sozialarbeiterin aus der Arbeit mit FLINTA*<sup data-fn="8835a552-5d39-4a04-bc9d-f151a284d887"><a href="#8835a552-5d39-4a04-bc9d-f151a284d887" id="8835a552-5d39-4a04-bc9d-f151a284d887-link">4</a></sup> an: „Ich habe Angst, dass mein Job gestrichen wird, wenn die AfD im Kreistag landet. Außerdem, dass weitere feministische oder queere Projekte unter Beschuss stehen könnten, weil die aktuelle kommunalpolitische Stimmungslage zu vielen Ausgabenkürzungen führt“. Ein Sozialarbeiter aus der Straffälligenhilfe sieht wiederum die Gefahr, dass „AfD-Politiker in Stadtverwaltungen oder Landratsämtern einen Einfluss auf die Arbeit kommunaler Jugendarbeit nehmen und Angebote politischer Bildung einschränken oder zu Gunsten ihrer Gesinnung verändern [könnten]“. Angesichts der starken Zuwächse der AfD, die sich bei den Kommunalwahlen im bayernweiten Durchschnitt von 4,7 % auf 12,2 % steigerte<sup data-fn="982798e7-e060-44bf-874c-ac3ab94e2c80"><a href="#982798e7-e060-44bf-874c-ac3ab94e2c80" id="982798e7-e060-44bf-874c-ac3ab94e2c80-link">5</a></sup>, sind zunehmende kommunalpolitische Interventionen realistischerweise erwartbar.<br></br>            Eine Sozialarbeiterin, die mit geflüchteten Mädchen* arbeitet, berichtet von einer Sachbeschädigung, die eine Bezugnahme auf die AfD enthalten habe: „Wir hatten bei einem Träger in der Mädchen*-Arbeit bereits eine AfD-Schmiererei am Briefkasten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Rechte versuchen könnte, gerade Träger in der Geflüchteten – sowie der Mädchen*-Arbeit einzuschüchtern“. Ein Kollege aus der Kinder- und Jugendsozialarbeit benennt hingegen die Gefahr, dass konservativ-demokratische Parteien ihre Abgrenzung zur AfD aufgeben könnten. Dies, so die Befürchtung, hätte unmittelbare Konsequenzen für die Soziale Arbeit: „Sollte die AfD immer stärker werden und/oder die Union ihre noch bestehende Brandmauer endgültig einreißen, erwarte ich mir tatsächlich eine politische Steuerung der Sozialen Arbeit“. Eine an demokratischen und menschenrechtsorientierten Normen orientierte und nach professionellen Standards vorgehende Soziale Arbeit wäre in einem solchen Szenario kaum noch möglich. <br></br>         Wiederkehrend stoßen wir in unserer Analyse auch auf Beschreibungen von Einflussnahmen, die unmittelbar auf die Be-/Verhinderung sozialarbeiterischer Praxis zielen. So berichtet ein Sozialarbeiter aus der Wohnungslosenhilfe: „Ein Mitglied einer rechten Partei forderte mehrfach eine offizielle Besichtigung mit Presse unserer Einrichtung. Vorab sollten Informationen bereitgestellt werden, welchen ‚Ausländeranteil‘ unsere Bewohner haben und wovon sie leben“.</p> <h2><strong><em>Anfragen und Angriffe aus dem Landtag. Die AfD als Akteurin extrem rechter Einflussnahmen</em></strong></h2> <p>6,3 % der bayerischen Befragten haben bereits Erfahrungen mit kommunalen bzw. parlamentarischen Anfragen machen müssen, die in ihrer Intention gegen Träger und Strukturen der Sozialen Arbeit gerichtet sind. Wie Gille und Jagusch in ihrer Auswertung rechtextremer Einflussnahmen in NRW analysiert haben, zeigt sich, dass derartige „Anfragen offensichtlich nicht in erster Linie der Wahrnehmung der demokratischen Kontrollrechte der gewählten Abgeordneten dienen. Sie werden auch seitens der Urheber_innen bewusst inszeniert, dienen der Skandalisierung und dem Versuch, Strukturen anzugreifen […]“<sup data-fn="bdd13479-ab02-487d-9e69-de1eea54f28c"><a href="#bdd13479-ab02-487d-9e69-de1eea54f28c" id="bdd13479-ab02-487d-9e69-de1eea54f28c-link">6</a></sup>.<br></br>         Werfen wir einen Blick in parlamentarische Anfragen von Mitgliedern der AfD-Fraktion aus der laufenden Legislaturperiode, dann finden wir reichlich Material, das diese Einordnung stützt und die Befürchtungen von Sozialarbeiter*innen bestätigt. Oftmals treffen wir in diesem Material auf rassistische, trans*-/queerfeindliche, inklusions-/behindertenfeindliche Abwertungen von Adressat*innen Sozialer Arbeit: So fragen die AfD-Abgeordneten Franz Bergmüller und Andreas Winhart im März 2026 in femonationalistischer und rassistischer Manier, ob „die Staatsregierung […] bei der Jugendhilfe eine ‚Kultur des Wegschauens‘ bei Übergriffen durch ausländische, insbesondere muslimische Jugendliche [dulde]“<sup data-fn="f20c8b36-c9b1-49c8-af68-17abca69596b"><a href="#f20c8b36-c9b1-49c8-af68-17abca69596b" id="f20c8b36-c9b1-49c8-af68-17abca69596b-link">7</a></sup>. Ziel ist hier nicht nur, Träger der Jugendhilfe zu diskreditieren, sondern die Themen Migration und sexuelle Gewalt diskursiv zu koppeln. Im Juni 2025 frage die AfD-Abgeordnete Katrin Ebner-Steiner in einer Schriftlichen Anfrage, wie viele „Kunden von Tafeln sowie Suppenküchen und anderen vergleichbaren Einrichtungen amtlicher, privater und kirchlicher Träger […] in den Jahren von 2014 bis 2024 <em>keine</em> deutschen Staatsbürger“ waren<sup data-fn="089e1e86-bc25-4cd7-8d83-edf1235e788c"><a href="#089e1e86-bc25-4cd7-8d83-edf1235e788c" id="089e1e86-bc25-4cd7-8d83-edf1235e788c-link">8</a></sup>. Auch hier steht eine menschenrechtsorientierte und universalistische Praxis der Sozialen Arbeit, die Menschen in Armut unabhängig von Staatsbürger*innenschaft unterstützt, in Frage.<br></br>         Im April 2024 behauptete die AfD-Abgeordnete Ramona Storm in einer transfeindlichen Anfrage, „die Arbeiterwohlfahrt (AWO) […] bereitet ihre Erzieher bereits darauf vor, kleinen Kindern die Transsexualität nahezubringen“<sup data-fn="5618050e-8a70-488a-b4f1-9656f2fbd64a"><a href="#5618050e-8a70-488a-b4f1-9656f2fbd64a" id="5618050e-8a70-488a-b4f1-9656f2fbd64a-link">9</a></sup>. Aufhänger war ein Flyer der AWO mit dem Titel „Alle Kinder sind willkommen“, der unter Bezugnahme auf die UN-Kinderrechtskonvention und die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Aufklärung über die Situation von trans* Kindern beitragen soll. Dabei zielt die Abgeordnete auch auf eine etwaige finanzielle Förderung der AWO mit „Steuergeldern“<sup data-fn="e8920b67-332c-4874-9a7e-9de3a1246df9"><a href="#e8920b67-332c-4874-9a7e-9de3a1246df9" id="e8920b67-332c-4874-9a7e-9de3a1246df9-link">10</a></sup> und fragt, ob „weitere Sozialverbände und/oder ähnliche Organi­sationen […] die Trans-Ideologie […] bei Kitakindern fördern“<sup data-fn="26c71bcf-d9d9-4e07-b2bf-b05a136ec1c7"><a href="#26c71bcf-d9d9-4e07-b2bf-b05a136ec1c7" id="26c71bcf-d9d9-4e07-b2bf-b05a136ec1c7-link">11</a></sup> würden. Anfragen wie diese richten sich unmittelbar gegen das Recht auf körperliche Selbstbestimmung wie gegen verbriefte Kinder- und Menschenrechte. Trans* Kinder geraten so ins Visier extrem rechter Kampagnen.<br></br>         Die Soziale Arbeit steht, so zeigt es unsere Forschung, im Fokus der extremen Rechten. Im „<a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/">Gravitationszentrum</a>“– um es mit einem treffenden Begriff unserer Kolleg*innen Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak und Dominik Sauerer<sup data-fn="d736dd79-994d-46d8-8be3-ff7989a92aa8"><a href="#d736dd79-994d-46d8-8be3-ff7989a92aa8" id="d736dd79-994d-46d8-8be3-ff7989a92aa8-link">12</a></sup> zu sagen – steht dabei die AfD. Unsere Forschung hält aber auch gute Nachrichten bereit: Die allermeisten Sozialarbeiter*innen in Bayern stehen entschieden für Demokratie und Menschenrechte ein, sie haben auch einen präzisen Begriff, was ihnen, ihren Adressat*innen und ihrer professionellen Praxis von rechtsaußen droht und sind bereit, sich diesen Gefahren aktiv entgegenzustellen. Darin verdienen sie unseren Respekt und unsere Unterstützung.</p> <hr></hr> </div></div> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-cropped-cropped-ForGeRex_Logo-1-200x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/cropped-cropped-cropped-ForGeRex_Logo-1-400x400.png 2x" width="200"></img> <p>Matthias Lorenz und Dieu-An Tran arbeiten im Teilprojekt "Rechtsextreme&#xD; Einflussnahmen und Gegenstrategien - Die Bereiche der Sozialen Arbeit&#xD; und der Geschlechtergleichstellung (RESAG)". Das Projekt untersucht&#xD; extrem rechte Einflussnahmen auf die Bereiche des Studiums und der&#xD; Praxis der Sozialen Arbeit. Ziel ist es, herauszuarbeiten, mit welchen&#xD; rechtsextremen Einstellungen und Handlungen die jeweiligen Akteur*innen konfrontiert sind und welche Handlungsoptionen sie im Hinblick auf Positionierungen, gesellschaftliche Unterstützung und Gegenwehr haben.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-7"><h3>Spektrum.de Newsletter</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/was-droht-der-sozialen-arbeit-durch-die-afd/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Football Finance, Part 2 https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-2/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-2/#comments Wed, 15 Jul 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14508 <h1>Football Finance, Part 2 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>The 2026 Men’s Football FIFA World Cup is now well underway, and what a busy tournament it has been! We have had plenty of VAR drama, surprise upsets from Cape Verde, and even bagpipes in Boston. But I am not here for a deep dive on the footie. I am, once again, here to talk maths.</p> <p>In my <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">last blog post</a>, we looked at stocks and futures, and if you have not read it yet, I recommend taking a look now. For the sake of anyone needing a recap, futures are financial products in which the buyer agrees to pay the seller a fixed price at a specified day in the future. To see how we might estimate the price of a future, we took a sidestep into the world of sports betting, which is surprisingly good training for stock trading.</p> <p>At this point, I do have to repeat the same disclaimers as before: Neither myself nor the HLFF endorses betting and none of this blog post should be interpreted as advice (financial, betting, or otherwise!).</p> <p>Last month, we explored how stock market traders might predict the number of goals scored per minute during the Mexico vs South Africa match. We estimated it would be between 0.02277 and 0.03762, so, naturally, our first point of business is to learn what actually happened. Drum roll please!</p> <p>The match, including injury time, lasted 101 minutes, which is exactly the value we used in our calculations, based on an average historic match time of 100 minutes and 36 seconds. So that is one tick already! Now for the number of goals scored, we estimated it to be between 2.3 and 3.8 on average. This is where, unfortunately, thing went awry. The final score was 2-0 to the hosts, Mexico, so 2 goals were scored in total.<aside></aside></p> <p>Where did we go wrong? Well, predicting there will be between 2.3 and 3.8 goals means that there must be exactly 3 goals for our estimate to be correct – there is no wiggle room at all! Had we considered the variance of the number of goals scored, as well as the mean, we would have seen that 2 or 4 goals are also quite likely, and so we would have done better with an estimate of between 2 and 4 goals.</p> <p>We can plot the number of goals per minute as the game progresses! This not only shows how close we were but also how big of an impact each goal had (I will not insult your intelligence and ask you to guess when the goals were scored).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39.png"><img alt="Graph showing goals per minute over time." decoding="async" fetchpriority="high" height="558" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39-768x474.png 768w" width="904"></img></a></figure> <p>This graph shows clearly that each individual minute of extra time does not have much impact on the goals scored per minute, but each individual goal really does!</p> <h3>A New Month, a New Game</h3> <p>Now it is a new month, the tournament has progressed, so let us mix things up and play a different game between us. We may as well go big, so let us gamble with what happens in the final of the tournament. Just as we did last month, before the match, you are going to pay an “entry fee” to play this game. Then at the end of the match I will give you your winnings, and you are hoping you win more than you paid!</p> <p>We are not gambling on the goals per minute this month either. This month’s game has new rules. Once you have paid your entry fee (but before the start of the match), we toss a coin to choose one of the two teams. Then, I will agree to pay you the number of Euros equal to the percentage of time that team has the ball. This is equivalent to a futures contract, just like last week.</p> <p>This seems like a fairly complicated thing to bet on, but we can actually immediately infer how much we can expect to win, on average. Because we toss a coin to pick the team, we are equally likely to choose the team with the higher, or lower percentage of possession. On average, the answer will be about 50% and you can expect to get €50. So, you definitely shouldn’t pay more than a €50 entry fee!</p> <p>We can plot the amount of money you expect to profit (your winnings minus what you paid) vs the actual percentage possession on a graph. Let us say that you paid €K to play:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.33.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. Line crosses the x-axis at K" decoding="async" height="562" sizes="(max-width: 804px) 100vw, 804px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.33.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.33.png 804w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.33-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.33-768x537.png 768w" width="804"></img></a></figure> <p>This month we are stepping things up a notch though. I will allow you to be the game master. When you are the game master, the game is the same but now I pay the entry fee, and after the match you pay me the percentage possession. </p> <p>So, what entry fee will you charge me? This time, you should not charge me <strong>less</strong> than €50. We can plot your expected earnings as game master on a graph too:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match, if selling the future. Line crosses the x-axis at K" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 808px) 100vw, 808px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47.png 808w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47-300x214.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47-768x547.png 768w" width="808"></img></a></figure> <p>This is now modelling you selling a future, whereas before we were specifically modelling you buying a future. If you have noticed the symmetry between these two graphs, that is no coincidence! Whatever profit the buyer makes, the seller loses and vice versa. The total money in the system stays the same, so at any spot, the profits of the two graphs always sum 0. Ergo, symmetry!</p> <h3>There’s Another Option…</h3> <p>By now, you may be getting to grips with this game. It is just a bet, really. So, this is where we shake things up a bit.</p> <p>Let us suppose that today I take a deposit from you. In return, once the match is over, I will give you the opportunity to play the game for an entry fee of €50, but you can decide then, after having seen the score, if you will take me up on that offer. What deposit will you pay?</p> <p>This suddenly feels a lot more complicated. If the possession ends up being less than 50%, you should not take up the opportunity to play. You will lose the deposit, but if you play then you will lose even more money. On the other hand, if the possession is more than 50%, you should choose to play the game – it will earn you some money – but you will not immediately recoup your deposit.</p> <p>This is fiddly in words, so let us draw another graph!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. Before this, the line is flat. After, it is a straight line with a gradient of 1." decoding="async" height="604" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 874px) 100vw, 874px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00.png 874w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00-300x207.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00-768x531.png 768w" width="874"></img></a></figure> <p>The amount the initial line is below the axis corresponds to the deposit you paid. Just as before, you want to, on average, at least break even. So, you want to calculate the maximum deposit you can pay in whilst still, on average, breaking even. Tricky, huh?</p> <p>As before, we can also swap things around and make you game master. But wait! That can mean three different things here:</p> <ol> <li>I take a deposit from you and at the end of the match you have the right (but not obligation) to make me play the game for €50.</li> <li><strong>You</strong> take a deposit from <strong>me</strong> and at the end of the match I have the right (but not obligation) to play the game for €50.</li> <li>You take a deposit from me and at the end of the match I have the right (but not obligation) to make <strong>you</strong> play the game for €50.</li> </ol> <p>Once again, let’s head over to the graphs to make sense of this!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. After this, the line is flat. Before, it is a straight line with a gradient of -1." decoding="async" height="548" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 816px) 100vw, 816px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50.png 816w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50-768x516.png 768w" width="816"></img></a></figure> <p>For number 1, because you don’t have the obligation to make me play the game, once again, your losses are capped. But this time, you would prefer the possession percentage to be low. This graph looks as follows:</p> <p>In numbers 2 and 3, now <strong>my</strong> losses are capped, so unfortunately for you, your profits are capped. In fact, if you think hard enough, you can see that 2 is the same as selling me the original game – it’s a total role reversal. So the graph of 2 will be the mirror image of our original graph, in the same way that our futures graphs were mirrored.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. Before this, the line is flat. After, it is a straight line with a gradient of -1." decoding="async" height="592" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 848px) 100vw, 848px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43.png 848w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43-300x209.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43-768x536.png 768w" width="848"></img></a></figure> <p>Similarly, the graph of 3 is the mirror of the graph of 1:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. After this, the line is flat. Before, it is a straight line with a gradient of 1." decoding="async" height="592" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 826px) 100vw, 826px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56.png 826w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56-768x550.png 768w" width="826"></img></a></figure> <h3>Back to Trading</h3> <p>So, what is the trading equivalent of this? In trading lingo, the right but not obligation to buy or sell a stock at a future, fixed time for a fixed price is called an ‘Option Contract,’ or just an ‘Option.’</p> <p>The right to buy the stock is equivalent to our opportunity to play the game and is called a ‘call option’ (or, simply a ‘call’). The right to sell the stock is equivalent to the right to make someone else play the game and is called a ‘put option’ (or a ‘put’). </p> <p>How best to price call and put options, is something both mathematicians in universities, and also quantitative traders in companies call hedge fund research. In the real world, you don’t just want to work out the average earnings either – it is also important to think about what you can persuade someone else to buy or sell you a contract for.</p> <p>All methods to work out option pricing rely on mathematical models – simplifications of the real world to enable calculations. The most famous model for options pricing is the Black-Scholes model.</p> <p>The Black-Scholes model considers the same variables we considered when pricing our futures contracts <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/">in last month’s blog</a>: </p> <ul> <li>t: time </li> <li>S: the current price of the stock</li> <li>r: the interest rate. </li> </ul> <p>But it also introduces a new variable, the volatility σ. This is a measure of how much the stock price varies in a given amount of time – it can be thought of as a measure of variance. Putting this all together Fischer Black, Myron Scholes, and Robert Merton (whose name is often left out of the title) derived the following partial differential equation for the price of an option, V:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1.png"><img alt="The Black-Scholes equation&#xA;dV/dt + 1/2 sigma^2 S^2 d^2V/dS^2 + rS dV/dS - rV = 0" decoding="async" height="102" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1.png 584w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1-300x52.png 300w" width="584"></img></a></figure> </div> <p>The price at which you will buy or sell the stock, known as the ‘strike’ (and equivalent to our €50 above), is then used as a boundary condition when solving this equation, along with the time at which the trade will take place in the future (known as the expiry or, in our case, the end of the match).</p> <p>And voila! We have a price for our option, albeit after a heavy amount of calculus.</p> <h3>More Than One Way to Be a Mathematician</h3> <p>Believe it or not, this is only dipping our toes into the world of financial mathematics. There are more arguments to be had over the best ways to price options. There are more complicated financial products out there. Many traders will also buy and sell calls and puts in specific combinations, to get a Franken-graph that earns them money under increasingly elaborate conditions.</p> <p>One of the most exciting things about financial mathematics is that it isn’t just being done in academic institutions – real maths is being researched in the companies the world over, and this could provide lessons in how academia and industry can work together.</p> <p>So good luck to all teams still in the World Cup, and I can’t wait for the final!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Football Finance, Part 2 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>The 2026 Men’s Football FIFA World Cup is now well underway, and what a busy tournament it has been! We have had plenty of VAR drama, surprise upsets from Cape Verde, and even bagpipes in Boston. But I am not here for a deep dive on the footie. I am, once again, here to talk maths.</p> <p>In my <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">last blog post</a>, we looked at stocks and futures, and if you have not read it yet, I recommend taking a look now. For the sake of anyone needing a recap, futures are financial products in which the buyer agrees to pay the seller a fixed price at a specified day in the future. To see how we might estimate the price of a future, we took a sidestep into the world of sports betting, which is surprisingly good training for stock trading.</p> <p>At this point, I do have to repeat the same disclaimers as before: Neither myself nor the HLFF endorses betting and none of this blog post should be interpreted as advice (financial, betting, or otherwise!).</p> <p>Last month, we explored how stock market traders might predict the number of goals scored per minute during the Mexico vs South Africa match. We estimated it would be between 0.02277 and 0.03762, so, naturally, our first point of business is to learn what actually happened. Drum roll please!</p> <p>The match, including injury time, lasted 101 minutes, which is exactly the value we used in our calculations, based on an average historic match time of 100 minutes and 36 seconds. So that is one tick already! Now for the number of goals scored, we estimated it to be between 2.3 and 3.8 on average. This is where, unfortunately, thing went awry. The final score was 2-0 to the hosts, Mexico, so 2 goals were scored in total.<aside></aside></p> <p>Where did we go wrong? Well, predicting there will be between 2.3 and 3.8 goals means that there must be exactly 3 goals for our estimate to be correct – there is no wiggle room at all! Had we considered the variance of the number of goals scored, as well as the mean, we would have seen that 2 or 4 goals are also quite likely, and so we would have done better with an estimate of between 2 and 4 goals.</p> <p>We can plot the number of goals per minute as the game progresses! This not only shows how close we were but also how big of an impact each goal had (I will not insult your intelligence and ask you to guess when the goals were scored).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39.png"><img alt="Graph showing goals per minute over time." decoding="async" fetchpriority="high" height="558" sizes="(max-width: 904px) 100vw, 904px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39.png 904w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-14-at-21.51.39-768x474.png 768w" width="904"></img></a></figure> <p>This graph shows clearly that each individual minute of extra time does not have much impact on the goals scored per minute, but each individual goal really does!</p> <h3>A New Month, a New Game</h3> <p>Now it is a new month, the tournament has progressed, so let us mix things up and play a different game between us. We may as well go big, so let us gamble with what happens in the final of the tournament. Just as we did last month, before the match, you are going to pay an “entry fee” to play this game. Then at the end of the match I will give you your winnings, and you are hoping you win more than you paid!</p> <p>We are not gambling on the goals per minute this month either. This month’s game has new rules. Once you have paid your entry fee (but before the start of the match), we toss a coin to choose one of the two teams. Then, I will agree to pay you the number of Euros equal to the percentage of time that team has the ball. This is equivalent to a futures contract, just like last week.</p> <p>This seems like a fairly complicated thing to bet on, but we can actually immediately infer how much we can expect to win, on average. Because we toss a coin to pick the team, we are equally likely to choose the team with the higher, or lower percentage of possession. On average, the answer will be about 50% and you can expect to get €50. So, you definitely shouldn’t pay more than a €50 entry fee!</p> <p>We can plot the amount of money you expect to profit (your winnings minus what you paid) vs the actual percentage possession on a graph. Let us say that you paid €K to play:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.33.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 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We can plot your expected earnings as game master on a graph too:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match, if selling the future. Line crosses the x-axis at K" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 808px) 100vw, 808px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47.png 808w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47-300x214.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.51.47-768x547.png 768w" width="808"></img></a></figure> <p>This is now modelling you selling a future, whereas before we were specifically modelling you buying a future. If you have noticed the symmetry between these two graphs, that is no coincidence! Whatever profit the buyer makes, the seller loses and vice versa. The total money in the system stays the same, so at any spot, the profits of the two graphs always sum 0. Ergo, symmetry!</p> <h3>There’s Another Option…</h3> <p>By now, you may be getting to grips with this game. It is just a bet, really. So, this is where we shake things up a bit.</p> <p>Let us suppose that today I take a deposit from you. In return, once the match is over, I will give you the opportunity to play the game for an entry fee of €50, but you can decide then, after having seen the score, if you will take me up on that offer. What deposit will you pay?</p> <p>This suddenly feels a lot more complicated. If the possession ends up being less than 50%, you should not take up the opportunity to play. You will lose the deposit, but if you play then you will lose even more money. On the other hand, if the possession is more than 50%, you should choose to play the game – it will earn you some money – but you will not immediately recoup your deposit.</p> <p>This is fiddly in words, so let us draw another graph!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. Before this, the line is flat. After, it is a straight line with a gradient of 1." decoding="async" height="604" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 874px) 100vw, 874px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00.png 874w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00-300x207.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.00-768x531.png 768w" width="874"></img></a></figure> <p>The amount the initial line is below the axis corresponds to the deposit you paid. Just as before, you want to, on average, at least break even. So, you want to calculate the maximum deposit you can pay in whilst still, on average, breaking even. Tricky, huh?</p> <p>As before, we can also swap things around and make you game master. But wait! That can mean three different things here:</p> <ol> <li>I take a deposit from you and at the end of the match you have the right (but not obligation) to make me play the game for €50.</li> <li><strong>You</strong> take a deposit from <strong>me</strong> and at the end of the match I have the right (but not obligation) to play the game for €50.</li> <li>You take a deposit from me and at the end of the match I have the right (but not obligation) to make <strong>you</strong> play the game for €50.</li> </ol> <p>Once again, let’s head over to the graphs to make sense of this!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. After this, the line is flat. Before, it is a straight line with a gradient of -1." decoding="async" height="548" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 816px) 100vw, 816px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50.png 816w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.55.50-768x516.png 768w" width="816"></img></a></figure> <p>For number 1, because you don’t have the obligation to make me play the game, once again, your losses are capped. But this time, you would prefer the possession percentage to be low. This graph looks as follows:</p> <p>In numbers 2 and 3, now <strong>my</strong> losses are capped, so unfortunately for you, your profits are capped. In fact, if you think hard enough, you can see that 2 is the same as selling me the original game – it’s a total role reversal. So the graph of 2 will be the mirror image of our original graph, in the same way that our futures graphs were mirrored.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. Before this, the line is flat. After, it is a straight line with a gradient of -1." decoding="async" height="592" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 848px) 100vw, 848px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43.png 848w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43-300x209.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.43-768x536.png 768w" width="848"></img></a></figure> <p>Similarly, the graph of 3 is the mirror of the graph of 1:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56.png"><img alt="Graph showing total winning depending on the possession over entire match. 50% is marked on the x-axis. After this, the line is flat. Before, it is a straight line with a gradient of 1." decoding="async" height="592" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 826px) 100vw, 826px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56.png 826w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-06-22-at-22.58.56-768x550.png 768w" width="826"></img></a></figure> <h3>Back to Trading</h3> <p>So, what is the trading equivalent of this? In trading lingo, the right but not obligation to buy or sell a stock at a future, fixed time for a fixed price is called an ‘Option Contract,’ or just an ‘Option.’</p> <p>The right to buy the stock is equivalent to our opportunity to play the game and is called a ‘call option’ (or, simply a ‘call’). The right to sell the stock is equivalent to the right to make someone else play the game and is called a ‘put option’ (or a ‘put’). </p> <p>How best to price call and put options, is something both mathematicians in universities, and also quantitative traders in companies call hedge fund research. In the real world, you don’t just want to work out the average earnings either – it is also important to think about what you can persuade someone else to buy or sell you a contract for.</p> <p>All methods to work out option pricing rely on mathematical models – simplifications of the real world to enable calculations. The most famous model for options pricing is the Black-Scholes model.</p> <p>The Black-Scholes model considers the same variables we considered when pricing our futures contracts <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/">in last month’s blog</a>: </p> <ul> <li>t: time </li> <li>S: the current price of the stock</li> <li>r: the interest rate. </li> </ul> <p>But it also introduces a new variable, the volatility σ. This is a measure of how much the stock price varies in a given amount of time – it can be thought of as a measure of variance. Putting this all together Fischer Black, Myron Scholes, and Robert Merton (whose name is often left out of the title) derived the following partial differential equation for the price of an option, V:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1.png"><img alt="The Black-Scholes equation&#xA;dV/dt + 1/2 sigma^2 S^2 d^2V/dS^2 + rS dV/dS - rV = 0" decoding="async" height="102" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 584px) 100vw, 584px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1.png 584w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/BS1-300x52.png 300w" width="584"></img></a></figure> </div> <p>The price at which you will buy or sell the stock, known as the ‘strike’ (and equivalent to our €50 above), is then used as a boundary condition when solving this equation, along with the time at which the trade will take place in the future (known as the expiry or, in our case, the end of the match).</p> <p>And voila! We have a price for our option, albeit after a heavy amount of calculus.</p> <h3>More Than One Way to Be a Mathematician</h3> <p>Believe it or not, this is only dipping our toes into the world of financial mathematics. There are more arguments to be had over the best ways to price options. There are more complicated financial products out there. Many traders will also buy and sell calls and puts in specific combinations, to get a Franken-graph that earns them money under increasingly elaborate conditions.</p> <p>One of the most exciting things about financial mathematics is that it isn’t just being done in academic institutions – real maths is being researched in the companies the world over, and this could provide lessons in how academia and industry can work together.</p> <p>So good luck to all teams still in the World Cup, and I can’t wait for the final!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-2/#comments 1 Wer verliebt sich eigentlich – wir oder unser Gehirn? (Teil 1) https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-und-verliebtsein/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-und-verliebtsein/#comments Mon, 13 Jul 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6113 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/35406584_8294460-e1783497595650-768x677.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-und-verliebtsein/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/35406584_8294460-e1783497595650.jpg" /><h1>Wer verliebt sich eigentlich – wir oder unser Gehirn? (Teil 1) » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Man kann nicht mehr aufhören, nur an die eine Sache zu denken, man hat kaum Hunger, das Herz rast unendlich schnell, einem ist heiß, man schwitzt, und irgendwie weiß man gar nicht, wohin man mit all seinen Emotioenn soll. Die Beschreibung würde auch gut zu meinem Gefühlszustand passen, wenn wir es dieses Jahr in das Fußball WM Finale geschafft hätten … doch tatsächlich meine ich kein emotionales Fußballspiel, sondern die unglaublich spannende Phase des sich-Verliebens!</p> <p><em>„Wie oft waren Sie in Ihrem Leben schon leidenschaftlich verliebt?“, w</em>urden über 10.000 Menschen im Alter von 18 bis 99 Jahren aus den gesamten Vereinigten Staaten gefragt. Im Durchschnitt gaben die Erwachsenen an, etwa zweimal in ihrem Leben leidenschaftliche Liebe erlebt zu haben (14 % gaben an, noch nie leidenschaftliche Liebe erlebt zu haben, während 28 % sie einmal, 30 % zweimal, 17 % dreimal und 11 % viermal oder öfter erlebt hatten) [1].</p> <p>Verliebt zu sein ist eines der schönsten Dinge, die man empfinden kann. Doch hinter Schmetterlingen im Bauch, Herzklopfen und der rosaroten Brille steckt weit mehr, als man denken mag.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-scaled.jpg"><img alt="Verliebte Paare" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Obwohl beim Thema Liebe alle erstmal an das Herz denken, würde das Gehirn auch gerne ein Wörtchen mitreden! Denn sich zu verlieben beeinflusst zwar unser Herz indirekt, doch wie Liebe entsteht, das passiert im Gehirn! Aber wie genau läuft das eigentlich ab und haben wir die volle Macht darüber, in wen wir uns verlieben, oder spielt bei der Entscheidung das Gehirn vielleicht eine größere Rolle, als man annehmen würde?</p> <h3>Der erste Eindruck</h3> <p>Die Klassikerfrage schlechthin behandeln wir mal direkt zu Anfang: Liebe auf den ersten Blick: Gibt es das?<aside></aside></p> <p>Zu meiner Überraschung scheinen diverse Liebeskomödien und Songs im Radio nicht zu lügen: Die Liebe auf den ersten Blick scheint es zu geben! </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Wissenschaft konnte zeigen, dass wir bereits nach weniger als sieben Sekunden eine Meinung über eine Person gebildet haben, egal, ob bewusst oder unbewusst [2]. Dabei bewerten wir noch nicht die Persönlichkeit der Person, aber dafür äußere Merkmale. In diesem Zusammenhang taucht die berühmte Zahl von 0,2 Sekunden gerne mal auf. Dies sei angeblich die Zeit, die es braucht, um sich zu verlieben [4]! Diese Zahl beschreibt jedoch weniger, dass man sich so schnell verlieben kann, und eher, dass das Gehirn in Milisekunden auf potenziell interessante Partner reagiert.</p> <p>Unser Gehirn arbeitet auf Hochtouren und erfasst die Person von Kopf bis Fuß: Gesicht und dessen Symmetrie, Hautbild, Mimik, Körperhaltung, Stimme, Lächeln und natürlich die Augen. Letztere spielen natürlich eine ganz besondere Rolle, denn Blickkontakt signalisiert uns, dass wir gesehen werden und relevant zu sein scheinen.</p> <p>Liebe auf den ersten Blick heißt jedoch nicht, dass man in einer glücklichen und lebenslangen Beziehung landet. Es ist eher ein direktes Signal des Körpers, die Person interessant zu finden und näher kennenlernen zu wollen, und zwar meistens ohne, dass wir es bewusst wahrnehmen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Liebe auf den ersten Blick existiert also, zumindest wissenschaftlich gesehen, nur aufgrund der äußeren Merkmale. Ob man es dann schon direkt „Liebe“, oder eher ein frühes Anziehungs- und Vertrautheitsgefühl nennt, ist am besten jedem selbst überlassen [3]. Vielleicht wäre aber „Interesse“ auf den ersten Blick etwas präziser formuliert, auch wenn „Liebe“ auf den ersten Blick natürlich romantischer klingt!</p> <p>Aber wie geht es dann weiter? Man lernt sich besser und besser kennen, all unsere Sinne arbeiten auf Hochtouren und wir scannen jedes Detail des Gesichts ab, bewerten die Stimme des anderen, und auch der Geruchssinn kommt mit ins Spiel!</p> <h3>Das verschwitze T-Shirt</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1125" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-1536x864.jpg 1536w" width="2000"></img></a></figure> </div> <p>Folgendes Szenario: In einem Experiment trugen Männer zwei Nächte lang dasselbe T-Shirt. Diese getragenen T-Shirts wurden danach Frauen zum dran riechen gegeben und sie sollten bewerten, welches T-Shirt am besten roch. Das spannende Ergebnis der Studie war, dass Frauen die T-Shirts von den Männern bevorzugten, deren <strong>MHC-Gene </strong>unterschiedlich zu den eigenen waren. MHC steht für <em>Major Histocompatibility Complex</em> und ist Teil unseres Immunsystems. Die Hypothese hinter dem Ergebnis ist, dass verschiedene MHC von zwei Partnern vermutlich zu Nachkommen mit einem vielfältigeren Immunsystem führen könnten, und daher die Frauen die T-Shirts von Männern bevorzugten, deren MHC anders war als ihr eigener [5].</p> <p>Dieses eindrucksvolle Experiment legt nahe, dass wir auch die Gerüche von Menschen wahrnehmen und unser Gehirn diese bewertet. Der Geruchssinn ist übrigens sehr eng mit unseren Emotionszentren im Gehirn verschaltet, was die Bedeutung von Gerüchen im Liebesleben nochmal weiter betont. Bestimmt kennt ihr es auch, gerne selbst ein Tshirt vom Partner zu tragen, da der Geruch an ihn erinnert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>An dem Spruch „jemanden nicht gut riechen zu können“ ist also mehr dran als man denkt und erklärt vermutlich auch, wieso Menschen schon seit Tausenden von Jahren Parfüms verwenden, um attraktiver zu wirken! Wie stark der normale Körpergeruch jedoch im Alltag eine Rolle spielt, wird noch erforscht.</p> <p>Klar ist also: Noch bevor wir also mit einer Person nur ein Wort gewechselt haben, hat sich im Gehirn bereits ein Gesamteindruck gebildet, welcher dafür sorgt, dass wir eine Person attraktiv, sympathisch, gut riechend oder interessant finden und ggf. den nächsten Schritt gehen wollen. Ob wir das dann aber tun, das ist am Ende aber immer noch uns selbst überlassen!</p> <p>Wir lernen die Person also immer weiter kennen und merken irgendwann: Das passt zwischen uns. Unser Gehirn hat das vermutlich schon längst verstanden, bevor es uns überhaupt bewusst ist, aber was genau passiert dann eigentlich in uns?</p> <h3>Der Liebescocktail im Gehirn</h3> <p>Es folgen die ersten Dates, die ersten Küsse, und so langsam überkommt einen das starke Gefühl von… ja von was eigentlich? Von irgendwie allem zusammen: Aufregung, Glück, Unsicherheit, Freude, Motivation, und alles dazwischen. Wenn wir dabei sind uns zu verlieben fährt unser Körper richtig hoch!</p> <p>Zu Anfang werden Stresshormone, wie <strong>Cortisol</strong> und <strong>Adrenalin</strong>, ausgeschüttet! Eine Studie von 2004 fand erhöhte Cortisolwerte bei frisch Verliebten im Vergleich zur Kontrollgruppe [6]! Ja, ihr habt richtig gelesen! Denn besonders die Anfangsphase der Verliebtheit ist so aufregend, dass man bei den ersten Dates gerne mal nass geschwitzte Hände oder rosa Wangen bekommt, der Puls erhöht und die Pupillen geweitet sind: Der Körper ist im absoluten Energie-Modus [7]. Die quälende Frage, ob die Person einen so gerne mag, wie man sie mag, verfolgt einen den ganzen Tag und man kann nicht aufhören, an die Person zu denken [8]. Das ausgeschüttete <strong>Noradrenalin </strong>sorgt nicht nur für unsere erhöhte <strong>Aufmerksamkeit</strong>, sondern lässt uns nachts auch schwerer in den Schlaf kommen. Unser Hirn kann uns so in einen Ausnahmezustand versetzen, dass manche Verliebte oft kaum Hunger haben!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Langsam aber sicher wird unser Gehirn nahezu geflutet von Neurotransmittern, unter anderem dem bekannten <strong>Dopamin</strong>, welches vom <strong>Belohnungssystem</strong> ausgeschüttet wird. Es ruft in uns Euphorie und Motivation hervor und aktiviert im Gehirn die Netzwerke, die mit positiven Erfahrungen und zielgerichtetem Verhalten in Verbindung stehen. Das Dopamin gilt als der wichtigsten Neurotransmitter, wenn man vom Verliebtsein spricht. Es verursacht auch das <strong>craving </strong>(engl: <em>to crave, </em>„begehren“, „sich nach etwas sehnen“) nach der anderen Person. Eine Rolle spielt dabei auch <strong>Phenlylethylamin</strong>, ein Stoff, der im Körper produziert wird, die Dopaminaktivität erhöht und vermutlich für das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch verantwortlich ist [9]!</p> <p>In unserem Kopf passiert also alles irgendwie auf einmal und es entsteht ein wahrer Neurotransmitter-Cocktail! Aber das ist gut so, denn unser Gehirn bereitet uns damit perfekt vor auf die spannende Zeit des Verliebens!</p> <h3>Das Belohnungssystem auf Hochtouren</h3> <p>Na gut, es ist also einiges los im Gehirn, wenn wir verliebt sind. Aber kann man das eigentlich auch sehen? Das geht – und zwar mit der <strong>Magentresonanztomogtaphie </strong>(MRT).</p> <p>Die erste MRT-Studie zum Thema Verliebtsein wurde 2005 durchgeführt [8]. Dabei wurden 17 Teilnehmer, die angaben, intensiv verliebt zu sein, in eine MRT-Röhre geschoben und während der Messung wurden Bilder des Partners gezeigt. Als Kontrolle zeigte man zudem Bilder von Freunden oder fremden Personen. Und tatsächlich: Die Aktivierungsmuster waren bei den Bildern, die den Partner zeigten, stärker ausgeprägt, als bei den fremden Personen!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die nächsten Jahre wurden die Studienergebnisse repliziert und bestätigt: Beim Verliebtsein leuchten im MRI besonders die sehr dopaminreichen Areale des Belohnungssystems. Auch andere Bereiche des Belohnungssystems, die mit Erwartungen, zielgerichtetem Verhalten und Emotionen zu tun haben, leuchten im MRT stark auf. Die Haupterkenntnis daraus war, dass Verliebtsein nicht einfach „nur“ ein Emotionszustand ist, sondern dass primär das Motivationssystem des Gehirns aktiviert und ein eigenes neuronales Muster zu haben scheint.Weitere MRT-Studien der letzten Jahre zeigten zudem, dass beim Anblick des Partners ähnliche Hirnregionen aktiv werden wie bei drogenabhängigen Menschen, wenn diese mit ihrer Droge konfrontiert werden [10]!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wenn man also seinen Partner oder Partnerin sieht, dann reagiert unser Gehirn mit einer erhöhten Dopaminausschüttung. Das Gehirn behandelt die geliebte Person also nicht nur wie irgendeinen anderen Menschen, sondern die Person wird zu einem besonders bedeutsamen Ziel, dem unsere Aufmerksamkeit immer wieder gilt! Dies ist auch der Grund dafür, dass alleine das Warten auf die neue WhatsApp Nachricht der Person so spannend und unerträglich ist: Schon die Erwartung einer möglichen Nachricht aktiviert unser Belohnungssystem und wir schauen im Minutentakt auf unser Handy. Es führt auch dazu, dass wir uns selbst und unser Verhalten stärker beobachten. Kein Wunder also, dass ein kleiner Versprecher oder das wahllos zusammengewürfelte Outfit vor dem Schwarm auf einmal super peinlich wirken!</p> <h3>Kritisches Denken hat erstmal Pause!</h3> <p>Die schlechte Angewohnheit beim Essen, das ständige Ins-Wort-Fallen, die Unordentlichkeit im Badezimmer: das sind vielleicht Dinge, die einem in der ersten Zeit mit dem Liebsten erstmal nicht auffallen, weil man die bekannte rosarote Brille trägt!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Besonders in der ersten Zeit nehmen wir Makel der anderen Person kaum wahr. Grund dafür ist, dass die Gefühle der Liebe neuronale Wege deaktivieren, die in Angst und sozialer Bewertung involviert sind. Genau wie bestimmte Gehirnareale bei Verliebten aktiver sind, werden andere Gehirnareale eher abgeschwächt, dazu gehört unter anderem die <strong>Amygdala </strong>(unser Angstzentrum) sowie der <strong>Präfrontalkortex </strong>(unser Zentrum des rationalen Denkens) [7]. Wenn wir uns in einer romantischen Liebesbeziehung befinden, schaltet sich dieser neuronale Mechanismus aus, der für die kritische Beurteilung anderer Menschen zuständig ist – so wird evolutionär dafür gesorgt, dass wir bei dem gefundenen Partner bleiben und eine stabile Beziehung aufbauen. Wir sind aber auch nicht ganz blind für alle Fehler, es ist eher so, dass unser Gehirn die positiven Eigenschaften stärker wahrnimmt und die negativen weniger Bedeutung bekommen.</p> <p>Die gute Nachricht (oder die schlechte, wenn man so will): Dieser Zustand hält nicht ewig an und normalisiert sich wieder mit der Zeit. Die Aktivität im Präfrontalkortex erreicht wieder das gewohnte Level, und wir beginnen, unseren Partner realistischer wahrzunehmen. </p> <h3>Fazit</h3> <p>Sich zu verlieben ist eines der aufregendsten Dinge, die wir erleben können. Unser Gehirn wird dabei gefordert wie sonst kaum, sammelt äußere Informationen über die Person, setzt Neurotransmitter in Bewegung, aktiviert unser Belohnungssystem und deaktiviert in der Kennenlernphase kritisch-denkende Prozesse in uns. Die Schmetterlinge im Bauch (oder naja… eigentlich ja eher im Gehirn) setzten uns in einen einzigartigen Zustand des emotionalen Chaos!</p> <p>Zwar scheint es so, als wär unser Gehirn dafür verantwortlich, welche Personen wir interessant finden, aber es entscheidet nicht darüber, ob wir uns direkt verlieben. Viele externe Faktoren, wie das soziale Umfeld, unsere Lebenssituation und persönlichen Werte entscheiden, ob wir uns in einen Menschen verlieben. Man könnte sagen, dass die Neurochemie im Kopf den Weg für das Verlieben ebnet, doch schlussendlich sind und bleiben wir am Hebel, was genau passiert in unserem Leben.</p> <p>Vielleicht verlieben wir uns nicht wirklich innerhalb weniger Sekunden, aber innerhalb weniger Sekunden kann unser Gehirn entscheiden, dass eine Person unsere Aufmerksamkeit verdient – und manchmal ist genau das der Anfang einer großen Liebesgeschichte. Und wie es von anfänglicher Verliebtheit dann mit Liebe weitergeht, das erfahrt ihr im nächsten Blogeintrag!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Quellen</h3> <p>[1]          ‘How many times will we fall passionately in love? New Kinsey Institute study offers first-ever answer’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://news.iu.edu/kinseyinstitute/live/news/48909-how-many-times-will-we-fall-passionately-in-love-new-k</p> <p>[2]          ‘The science behind love at first sight | National Geographic’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.nationalgeographic.com/science/article/love-at-first-sight-science</p> <p>[3]          ‘The science of love at first sight | Royal Institution’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.rigb.org/explore-science/explore/blog/science-love-first-sight</p> <p>[4]          ‘Neuroimaging of Love: fMRI Meta-Analysis Evidence toward New Perspectives in Sexual Medicine | The Journal of Sexual Medicine | Oxford Academic’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://academic.oup.com/jsm/article-abstract/7/11/3541/6848197?login=false</p> <p>[5]          C. Wedekind and S. Füri, ‘Body odour preferences in men and women: do they aim for specific MHC combinations or simply heterozygosity?’, <em>Proc. Biol. Sci.</em>, vol. 264, no. 1387, pp. 1471–1479, Oct. 1997, doi: 10.1098/rspb.1997.0204.</p> <p>[6]          D. Marazziti and D. Canale, ‘Hormonal changes when falling in love’, <em>Psychoneuroendocrinology</em>, vol. 29, no. 7, pp. 931–936, Aug. 2004, doi: 10.1016/j.psyneuen.2003.08.006.</p> <p>[7]          ‘Liebe | Terra X Dokureihe mit Leon Windscheid’, ZDF. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.zdf.de/dokus/terra-x-liebe-mit-leon-windscheid-100</p> <p>[8]          H. Fisher, A. Aron, and L. L. Brown, ‘Romantic love: An fMRI study of a neural mechanism for mate choice’, <em>J. Comp. Neurol.</em>, vol. 493, no. 1, pp. 58–62, 2005, doi: 10.1002/cne.20772.</p> <p>[9]          ‘The Science Behind Why We Fall in Love’, MEH. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.mountelizabeth.com.sg/health-plus/article/the-science-behind-why-we-fall-in-love</p> <p>[10]       J. Sica, ‘Was beim Verlieben und Entlieben im Gehirn passiert’, DER STANDARD. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.derstandard.de/story/3000000207193/was-beim-verlieben-und-entlieben-im-gehirn-passiert</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/asiatische-paarillustration-des-flachen-designs_35406584.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=42&amp;uuid=e970b430-7c4a-4755-bd6e-a677de839d7a&amp;query=love+couple" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/valentinstag-paar-sammlung_12117383.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=25b5dab2-ac83-419d-96c4-110ad4f540ee&amp;query=love+people" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/konzept-der-geschlechtsidentitaet_8509875.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c549f9f3-9cc5-4551-9be7-d846d46d0578&amp;query=appearance" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-liebeskarikaturillustration_47007449.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=21&amp;uuid=9b8ad33c-2e41-4281-8b0a-0998ccd78df5&amp;query=couple+in+love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/2d-t-shirt-sammlung-in-verschiedenen-farben_2409159.htm#fromView=search&amp;page=4&amp;position=12&amp;uuid=11908a89-326d-4730-a5b5-476f1c21b6f2&amp;query=many+tshirts" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-die-parfuemillustration-geniesst_16348218.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=26&amp;uuid=835e63f7-92c0-4ca2-8d4c-e0227ad4aeaf&amp;query=perfume" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/glueckliche-und-traurige-emoticons-musterschablone_10270702.htm#from_element=cross_selling__vector" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/gehirn-mri-krankenhauskarikatur-des-doktors-und-des-patienten-auf-aerztlicher-untersuchung_2238325.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=40dd8ef7-bc0c-4fac-aecb-b8315d578049&amp;query=MRI" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-facepalm-illustration_38477156.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=30&amp;uuid=0b92b7ce-e2a9-4eda-9483-398323b330b7&amp;query=embarrassing" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/schoene-illustration-mit-mann-und-frau_8725385.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=428e4e49-8381-4985-a7fc-0b5d852081ca&amp;query=deep+in+love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flaches-design-von-paarmomenten-illustration_18307752.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=11&amp;uuid=5e290893-25da-45db-8424-0a98fda61c6c&amp;query=love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/35406584_8294460-e1783497595650.jpg" /><h1>Wer verliebt sich eigentlich – wir oder unser Gehirn? (Teil 1) » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Man kann nicht mehr aufhören, nur an die eine Sache zu denken, man hat kaum Hunger, das Herz rast unendlich schnell, einem ist heiß, man schwitzt, und irgendwie weiß man gar nicht, wohin man mit all seinen Emotioenn soll. Die Beschreibung würde auch gut zu meinem Gefühlszustand passen, wenn wir es dieses Jahr in das Fußball WM Finale geschafft hätten … doch tatsächlich meine ich kein emotionales Fußballspiel, sondern die unglaublich spannende Phase des sich-Verliebens!</p> <p><em>„Wie oft waren Sie in Ihrem Leben schon leidenschaftlich verliebt?“, w</em>urden über 10.000 Menschen im Alter von 18 bis 99 Jahren aus den gesamten Vereinigten Staaten gefragt. Im Durchschnitt gaben die Erwachsenen an, etwa zweimal in ihrem Leben leidenschaftliche Liebe erlebt zu haben (14 % gaben an, noch nie leidenschaftliche Liebe erlebt zu haben, während 28 % sie einmal, 30 % zweimal, 17 % dreimal und 11 % viermal oder öfter erlebt hatten) [1].</p> <p>Verliebt zu sein ist eines der schönsten Dinge, die man empfinden kann. Doch hinter Schmetterlingen im Bauch, Herzklopfen und der rosaroten Brille steckt weit mehr, als man denken mag.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-scaled.jpg"><img alt="Verliebte Paare" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12117383_4902135-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Obwohl beim Thema Liebe alle erstmal an das Herz denken, würde das Gehirn auch gerne ein Wörtchen mitreden! Denn sich zu verlieben beeinflusst zwar unser Herz indirekt, doch wie Liebe entsteht, das passiert im Gehirn! Aber wie genau läuft das eigentlich ab und haben wir die volle Macht darüber, in wen wir uns verlieben, oder spielt bei der Entscheidung das Gehirn vielleicht eine größere Rolle, als man annehmen würde?</p> <h3>Der erste Eindruck</h3> <p>Die Klassikerfrage schlechthin behandeln wir mal direkt zu Anfang: Liebe auf den ersten Blick: Gibt es das?<aside></aside></p> <p>Zu meiner Überraschung scheinen diverse Liebeskomödien und Songs im Radio nicht zu lügen: Die Liebe auf den ersten Blick scheint es zu geben! </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8509875_3912778.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die Wissenschaft konnte zeigen, dass wir bereits nach weniger als sieben Sekunden eine Meinung über eine Person gebildet haben, egal, ob bewusst oder unbewusst [2]. Dabei bewerten wir noch nicht die Persönlichkeit der Person, aber dafür äußere Merkmale. In diesem Zusammenhang taucht die berühmte Zahl von 0,2 Sekunden gerne mal auf. Dies sei angeblich die Zeit, die es braucht, um sich zu verlieben [4]! Diese Zahl beschreibt jedoch weniger, dass man sich so schnell verlieben kann, und eher, dass das Gehirn in Milisekunden auf potenziell interessante Partner reagiert.</p> <p>Unser Gehirn arbeitet auf Hochtouren und erfasst die Person von Kopf bis Fuß: Gesicht und dessen Symmetrie, Hautbild, Mimik, Körperhaltung, Stimme, Lächeln und natürlich die Augen. Letztere spielen natürlich eine ganz besondere Rolle, denn Blickkontakt signalisiert uns, dass wir gesehen werden und relevant zu sein scheinen.</p> <p>Liebe auf den ersten Blick heißt jedoch nicht, dass man in einer glücklichen und lebenslangen Beziehung landet. Es ist eher ein direktes Signal des Körpers, die Person interessant zu finden und näher kennenlernen zu wollen, und zwar meistens ohne, dass wir es bewusst wahrnehmen. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/47007449_9139659.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Liebe auf den ersten Blick existiert also, zumindest wissenschaftlich gesehen, nur aufgrund der äußeren Merkmale. Ob man es dann schon direkt „Liebe“, oder eher ein frühes Anziehungs- und Vertrautheitsgefühl nennt, ist am besten jedem selbst überlassen [3]. Vielleicht wäre aber „Interesse“ auf den ersten Blick etwas präziser formuliert, auch wenn „Liebe“ auf den ersten Blick natürlich romantischer klingt!</p> <p>Aber wie geht es dann weiter? Man lernt sich besser und besser kennen, all unsere Sinne arbeiten auf Hochtouren und wir scannen jedes Detail des Gesichts ab, bewerten die Stimme des anderen, und auch der Geruchssinn kommt mit ins Spiel!</p> <h3>Das verschwitze T-Shirt</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1125" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited.jpg 2000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2409159_320658-P9H1NS-807-edited-1536x864.jpg 1536w" width="2000"></img></a></figure> </div> <p>Folgendes Szenario: In einem Experiment trugen Männer zwei Nächte lang dasselbe T-Shirt. Diese getragenen T-Shirts wurden danach Frauen zum dran riechen gegeben und sie sollten bewerten, welches T-Shirt am besten roch. Das spannende Ergebnis der Studie war, dass Frauen die T-Shirts von den Männern bevorzugten, deren <strong>MHC-Gene </strong>unterschiedlich zu den eigenen waren. MHC steht für <em>Major Histocompatibility Complex</em> und ist Teil unseres Immunsystems. Die Hypothese hinter dem Ergebnis ist, dass verschiedene MHC von zwei Partnern vermutlich zu Nachkommen mit einem vielfältigeren Immunsystem führen könnten, und daher die Frauen die T-Shirts von Männern bevorzugten, deren MHC anders war als ihr eigener [5].</p> <p>Dieses eindrucksvolle Experiment legt nahe, dass wir auch die Gerüche von Menschen wahrnehmen und unser Gehirn diese bewertet. Der Geruchssinn ist übrigens sehr eng mit unseren Emotionszentren im Gehirn verschaltet, was die Bedeutung von Gerüchen im Liebesleben nochmal weiter betont. Bestimmt kennt ihr es auch, gerne selbst ein Tshirt vom Partner zu tragen, da der Geruch an ihn erinnert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/16348218_Woman-enjoying-perfume-vector-illustration-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>An dem Spruch „jemanden nicht gut riechen zu können“ ist also mehr dran als man denkt und erklärt vermutlich auch, wieso Menschen schon seit Tausenden von Jahren Parfüms verwenden, um attraktiver zu wirken! Wie stark der normale Körpergeruch jedoch im Alltag eine Rolle spielt, wird noch erforscht.</p> <p>Klar ist also: Noch bevor wir also mit einer Person nur ein Wort gewechselt haben, hat sich im Gehirn bereits ein Gesamteindruck gebildet, welcher dafür sorgt, dass wir eine Person attraktiv, sympathisch, gut riechend oder interessant finden und ggf. den nächsten Schritt gehen wollen. Ob wir das dann aber tun, das ist am Ende aber immer noch uns selbst überlassen!</p> <p>Wir lernen die Person also immer weiter kennen und merken irgendwann: Das passt zwischen uns. Unser Gehirn hat das vermutlich schon längst verstanden, bevor es uns überhaupt bewusst ist, aber was genau passiert dann eigentlich in uns?</p> <h3>Der Liebescocktail im Gehirn</h3> <p>Es folgen die ersten Dates, die ersten Küsse, und so langsam überkommt einen das starke Gefühl von… ja von was eigentlich? Von irgendwie allem zusammen: Aufregung, Glück, Unsicherheit, Freude, Motivation, und alles dazwischen. Wenn wir dabei sind uns zu verlieben fährt unser Körper richtig hoch!</p> <p>Zu Anfang werden Stresshormone, wie <strong>Cortisol</strong> und <strong>Adrenalin</strong>, ausgeschüttet! Eine Studie von 2004 fand erhöhte Cortisolwerte bei frisch Verliebten im Vergleich zur Kontrollgruppe [6]! Ja, ihr habt richtig gelesen! Denn besonders die Anfangsphase der Verliebtheit ist so aufregend, dass man bei den ersten Dates gerne mal nass geschwitzte Hände oder rosa Wangen bekommt, der Puls erhöht und die Pupillen geweitet sind: Der Körper ist im absoluten Energie-Modus [7]. Die quälende Frage, ob die Person einen so gerne mag, wie man sie mag, verfolgt einen den ganzen Tag und man kann nicht aufhören, an die Person zu denken [8]. Das ausgeschüttete <strong>Noradrenalin </strong>sorgt nicht nur für unsere erhöhte <strong>Aufmerksamkeit</strong>, sondern lässt uns nachts auch schwerer in den Schlaf kommen. Unser Hirn kann uns so in einen Ausnahmezustand versetzen, dass manche Verliebte oft kaum Hunger haben!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10270702_4420485-1.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Langsam aber sicher wird unser Gehirn nahezu geflutet von Neurotransmittern, unter anderem dem bekannten <strong>Dopamin</strong>, welches vom <strong>Belohnungssystem</strong> ausgeschüttet wird. Es ruft in uns Euphorie und Motivation hervor und aktiviert im Gehirn die Netzwerke, die mit positiven Erfahrungen und zielgerichtetem Verhalten in Verbindung stehen. Das Dopamin gilt als der wichtigsten Neurotransmitter, wenn man vom Verliebtsein spricht. Es verursacht auch das <strong>craving </strong>(engl: <em>to crave, </em>„begehren“, „sich nach etwas sehnen“) nach der anderen Person. Eine Rolle spielt dabei auch <strong>Phenlylethylamin</strong>, ein Stoff, der im Körper produziert wird, die Dopaminaktivität erhöht und vermutlich für das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch verantwortlich ist [9]!</p> <p>In unserem Kopf passiert also alles irgendwie auf einmal und es entsteht ein wahrer Neurotransmitter-Cocktail! Aber das ist gut so, denn unser Gehirn bereitet uns damit perfekt vor auf die spannende Zeit des Verliebens!</p> <h3>Das Belohnungssystem auf Hochtouren</h3> <p>Na gut, es ist also einiges los im Gehirn, wenn wir verliebt sind. Aber kann man das eigentlich auch sehen? Das geht – und zwar mit der <strong>Magentresonanztomogtaphie </strong>(MRT).</p> <p>Die erste MRT-Studie zum Thema Verliebtsein wurde 2005 durchgeführt [8]. Dabei wurden 17 Teilnehmer, die angaben, intensiv verliebt zu sein, in eine MRT-Röhre geschoben und während der Messung wurden Bilder des Partners gezeigt. Als Kontrolle zeigte man zudem Bilder von Freunden oder fremden Personen. Und tatsächlich: Die Aktivierungsmuster waren bei den Bildern, die den Partner zeigten, stärker ausgeprägt, als bei den fremden Personen!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2238325_111-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Die nächsten Jahre wurden die Studienergebnisse repliziert und bestätigt: Beim Verliebtsein leuchten im MRI besonders die sehr dopaminreichen Areale des Belohnungssystems. Auch andere Bereiche des Belohnungssystems, die mit Erwartungen, zielgerichtetem Verhalten und Emotionen zu tun haben, leuchten im MRT stark auf. Die Haupterkenntnis daraus war, dass Verliebtsein nicht einfach „nur“ ein Emotionszustand ist, sondern dass primär das Motivationssystem des Gehirns aktiviert und ein eigenes neuronales Muster zu haben scheint.Weitere MRT-Studien der letzten Jahre zeigten zudem, dass beim Anblick des Partners ähnliche Hirnregionen aktiv werden wie bei drogenabhängigen Menschen, wenn diese mit ihrer Droge konfrontiert werden [10]!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/38477156_8621449.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wenn man also seinen Partner oder Partnerin sieht, dann reagiert unser Gehirn mit einer erhöhten Dopaminausschüttung. Das Gehirn behandelt die geliebte Person also nicht nur wie irgendeinen anderen Menschen, sondern die Person wird zu einem besonders bedeutsamen Ziel, dem unsere Aufmerksamkeit immer wieder gilt! Dies ist auch der Grund dafür, dass alleine das Warten auf die neue WhatsApp Nachricht der Person so spannend und unerträglich ist: Schon die Erwartung einer möglichen Nachricht aktiviert unser Belohnungssystem und wir schauen im Minutentakt auf unser Handy. Es führt auch dazu, dass wir uns selbst und unser Verhalten stärker beobachten. Kein Wunder also, dass ein kleiner Versprecher oder das wahllos zusammengewürfelte Outfit vor dem Schwarm auf einmal super peinlich wirken!</p> <h3>Kritisches Denken hat erstmal Pause!</h3> <p>Die schlechte Angewohnheit beim Essen, das ständige Ins-Wort-Fallen, die Unordentlichkeit im Badezimmer: das sind vielleicht Dinge, die einem in der ersten Zeit mit dem Liebsten erstmal nicht auffallen, weil man die bekannte rosarote Brille trägt!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8725385_3882515.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Besonders in der ersten Zeit nehmen wir Makel der anderen Person kaum wahr. Grund dafür ist, dass die Gefühle der Liebe neuronale Wege deaktivieren, die in Angst und sozialer Bewertung involviert sind. Genau wie bestimmte Gehirnareale bei Verliebten aktiver sind, werden andere Gehirnareale eher abgeschwächt, dazu gehört unter anderem die <strong>Amygdala </strong>(unser Angstzentrum) sowie der <strong>Präfrontalkortex </strong>(unser Zentrum des rationalen Denkens) [7]. Wenn wir uns in einer romantischen Liebesbeziehung befinden, schaltet sich dieser neuronale Mechanismus aus, der für die kritische Beurteilung anderer Menschen zuständig ist – so wird evolutionär dafür gesorgt, dass wir bei dem gefundenen Partner bleiben und eine stabile Beziehung aufbauen. Wir sind aber auch nicht ganz blind für alle Fehler, es ist eher so, dass unser Gehirn die positiven Eigenschaften stärker wahrnimmt und die negativen weniger Bedeutung bekommen.</p> <p>Die gute Nachricht (oder die schlechte, wenn man so will): Dieser Zustand hält nicht ewig an und normalisiert sich wieder mit der Zeit. Die Aktivität im Präfrontalkortex erreicht wieder das gewohnte Level, und wir beginnen, unseren Partner realistischer wahrzunehmen. </p> <h3>Fazit</h3> <p>Sich zu verlieben ist eines der aufregendsten Dinge, die wir erleben können. Unser Gehirn wird dabei gefordert wie sonst kaum, sammelt äußere Informationen über die Person, setzt Neurotransmitter in Bewegung, aktiviert unser Belohnungssystem und deaktiviert in der Kennenlernphase kritisch-denkende Prozesse in uns. Die Schmetterlinge im Bauch (oder naja… eigentlich ja eher im Gehirn) setzten uns in einen einzigartigen Zustand des emotionalen Chaos!</p> <p>Zwar scheint es so, als wär unser Gehirn dafür verantwortlich, welche Personen wir interessant finden, aber es entscheidet nicht darüber, ob wir uns direkt verlieben. Viele externe Faktoren, wie das soziale Umfeld, unsere Lebenssituation und persönlichen Werte entscheiden, ob wir uns in einen Menschen verlieben. Man könnte sagen, dass die Neurochemie im Kopf den Weg für das Verlieben ebnet, doch schlussendlich sind und bleiben wir am Hebel, was genau passiert in unserem Leben.</p> <p>Vielleicht verlieben wir uns nicht wirklich innerhalb weniger Sekunden, aber innerhalb weniger Sekunden kann unser Gehirn entscheiden, dass eine Person unsere Aufmerksamkeit verdient – und manchmal ist genau das der Anfang einer großen Liebesgeschichte. Und wie es von anfänglicher Verliebtheit dann mit Liebe weitergeht, das erfahrt ihr im nächsten Blogeintrag!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18307752_5824865.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Quellen</h3> <p>[1]          ‘How many times will we fall passionately in love? New Kinsey Institute study offers first-ever answer’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://news.iu.edu/kinseyinstitute/live/news/48909-how-many-times-will-we-fall-passionately-in-love-new-k</p> <p>[2]          ‘The science behind love at first sight | National Geographic’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.nationalgeographic.com/science/article/love-at-first-sight-science</p> <p>[3]          ‘The science of love at first sight | Royal Institution’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.rigb.org/explore-science/explore/blog/science-love-first-sight</p> <p>[4]          ‘Neuroimaging of Love: fMRI Meta-Analysis Evidence toward New Perspectives in Sexual Medicine | The Journal of Sexual Medicine | Oxford Academic’. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://academic.oup.com/jsm/article-abstract/7/11/3541/6848197?login=false</p> <p>[5]          C. Wedekind and S. Füri, ‘Body odour preferences in men and women: do they aim for specific MHC combinations or simply heterozygosity?’, <em>Proc. Biol. Sci.</em>, vol. 264, no. 1387, pp. 1471–1479, Oct. 1997, doi: 10.1098/rspb.1997.0204.</p> <p>[6]          D. Marazziti and D. Canale, ‘Hormonal changes when falling in love’, <em>Psychoneuroendocrinology</em>, vol. 29, no. 7, pp. 931–936, Aug. 2004, doi: 10.1016/j.psyneuen.2003.08.006.</p> <p>[7]          ‘Liebe | Terra X Dokureihe mit Leon Windscheid’, ZDF. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.zdf.de/dokus/terra-x-liebe-mit-leon-windscheid-100</p> <p>[8]          H. Fisher, A. Aron, and L. L. Brown, ‘Romantic love: An fMRI study of a neural mechanism for mate choice’, <em>J. Comp. Neurol.</em>, vol. 493, no. 1, pp. 58–62, 2005, doi: 10.1002/cne.20772.</p> <p>[9]          ‘The Science Behind Why We Fall in Love’, MEH. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.mountelizabeth.com.sg/health-plus/article/the-science-behind-why-we-fall-in-love</p> <p>[10]       J. Sica, ‘Was beim Verlieben und Entlieben im Gehirn passiert’, DER STANDARD. Accessed: Jul. 06, 2026. [Online]. Available: https://www.derstandard.de/story/3000000207193/was-beim-verlieben-und-entlieben-im-gehirn-passiert</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/asiatische-paarillustration-des-flachen-designs_35406584.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=42&amp;uuid=e970b430-7c4a-4755-bd6e-a677de839d7a&amp;query=love+couple" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/valentinstag-paar-sammlung_12117383.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=25b5dab2-ac83-419d-96c4-110ad4f540ee&amp;query=love+people" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/konzept-der-geschlechtsidentitaet_8509875.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c549f9f3-9cc5-4551-9be7-d846d46d0578&amp;query=appearance" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-liebeskarikaturillustration_47007449.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=21&amp;uuid=9b8ad33c-2e41-4281-8b0a-0998ccd78df5&amp;query=couple+in+love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/2d-t-shirt-sammlung-in-verschiedenen-farben_2409159.htm#fromView=search&amp;page=4&amp;position=12&amp;uuid=11908a89-326d-4730-a5b5-476f1c21b6f2&amp;query=many+tshirts" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-die-parfuemillustration-geniesst_16348218.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=26&amp;uuid=835e63f7-92c0-4ca2-8d4c-e0227ad4aeaf&amp;query=perfume" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/glueckliche-und-traurige-emoticons-musterschablone_10270702.htm#from_element=cross_selling__vector" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/gehirn-mri-krankenhauskarikatur-des-doktors-und-des-patienten-auf-aerztlicher-untersuchung_2238325.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=33&amp;uuid=40dd8ef7-bc0c-4fac-aecb-b8315d578049&amp;query=MRI" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-facepalm-illustration_38477156.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=30&amp;uuid=0b92b7ce-e2a9-4eda-9483-398323b330b7&amp;query=embarrassing" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/schoene-illustration-mit-mann-und-frau_8725385.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=428e4e49-8381-4985-a7fc-0b5d852081ca&amp;query=deep+in+love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flaches-design-von-paarmomenten-illustration_18307752.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=11&amp;uuid=5e290893-25da-45db-8424-0a98fda61c6c&amp;query=love" rel="noopener">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirn-und-verliebtsein/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Fingerabdruck der Sonne – wie Helium entdeckt wurde https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/#comments Sun, 12 Jul 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1917 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag141_sl_q-768x768.jpg Vertikale Streifen in den Farben des Regenbogens sind von vertikalen dunklen Linien durchzogen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/sonne-spektrum-absorptionslinien-fraunhofer_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Fingerabdruck der Sonne - wie Helium entdeckt wurde » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag141-spektroskopie.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Nachdem Astronominnen und Astronomen angefangen hatten, sich mithilfe von Teleskopen ein genaueres Bild von Sonne, Mond und Sternen zu machen, stand ihnen im 19. Jahrhundert eine weitere Revolution bevor: die Spektroskopie. Dabei wird das Licht eines Himmelskörpers nicht direkt ins Auge gelenkt, sondern durch ein Spektroskop. Das weiße Sonnenlicht wird so beispielsweise in alle Farben des Regenbogens aufgeteilt, von rot über orange und gelb bis hin zu grün und blau-violett.</p> <p>Doch in diesem Regenbogenspektrum tauchten hunderte von dunklen Linien auf, manche von ihnen pechschwarz, andere eher dünn und blässlich. Wie sich herausstellen sollte, waren diese Absorptionslinien die eigentliche astronomische Revolution. Denn sie verrieten erstmals, welche chemischen Elemente ein Himmelskörper enthält. Mithilfe der Spektroskopie – oder, wie sie später genannt wurde, der Astrophysik – konnten Forschende nicht nur die Bewegung der Himmelskörper beobachten, sondern zum ersten Mal herausfinden, woraus sie bestehen. Es war etwas, von dem Philosophen wie der Franzose Auguste Comte nur wenige Jahre zuvor völlig überzeugt war, dass genau dies ein Ding der Unmöglichkeit sei und für immer bleiben werde.<aside></aside></p> <p>Das Spektrum der Sonne verrät, dass es in der Sonnenatmosphäre Natrium, Kalzium oder Eisen gibt. Denn die Absorptionslinien im Sonnenspektrum entsprechen den Spektrallinien dieser Elemente, die Chemiker in ihren Laboren auf der Erde messen konnten. Die Linien sind wie eine Art Fingerabdruck eines chemischen Elements. Doch als ein englischer Astronom namens Norman Lockyer im Jahr 1870 sein Spektroskop auf die Sonne richtete, entdeckte er etwas ganz und gar Ungewöhnliches: eine Spektrallinie im orange-gelben Bereich, die sich keinem bekannten Element auf der Erde zuordnen ließ.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi die Geschichte des himmlischen Heliums: Bis heute ist das Edelgas das einzige Element, das zuerst im Weltraum entdeckt wurde, in der Atmosphäre der Sonne, bevor Jahrzehnte später der Nachweis in einem irdischen Labor gelang. Es ist eine Geschichte, in der totale Sonnenfinsternisse eine große Rolle spielen, Prismen, unerschrockene Astronomen – sowie Heißluftballons und eine waghalsige Flucht aus dem belagerten Paris während des Deutsch-Französischen Kriegs.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/" rel="noopener">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/" rel="noopener">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenfinsternis" rel="noopener">Sonnenfinsternis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Paris_(1870%E2%80%931871)" rel="noopener">Belagerung von Paris (1870–1871)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jules_Janssen" rel="noopener">Jules Janssen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oran" rel="noopener">Oran</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenfinsternis_vom_18._August_1868" rel="noopener">Sonnenfinsternis vom 18. August 1868</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spektroskopie" rel="noopener">Spektroskopie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Fraunhofer" rel="noopener">Joseph von Fraunhofer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fraunhoferlinie" rel="noopener">Fraunhoferlinien</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Robert_Kirchhoff" rel="noopener">Gustav Robert Kirchhoff</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Wilhelm_Bunsen" rel="noopener">Robert Wilhelm Bunsen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Natriumdampflampe" rel="noopener">Natriumdampflampe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Natrium-D-Linie" rel="noopener">Natrium-D-Linie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Protuberanz" rel="noopener">Protuberanz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Norman_Lockyer" rel="noopener">Joseph Norman Lockyer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Helium" rel="noopener">Helium</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Ramsay" rel="noopener">William Ramsay</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Marcia Bartusiak (ed.) – Archives of the Universe (2004)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1994QJRAS..35...51W/abstract" rel="noopener">Sir Norman Lockyer’s Contributions to Science</a> (1994)</li> <li> Fachartikel: <a href="https://royalsocietypublishing.org/rspl/article/58/347-352/65/43327/I-On-a-gas-showing-the-spectrum-of-helium-the" rel="noopener">On a gas showing the spectrum of helium, the reputed cause of D<sub>3</sub>, one of the lines in the coronal spectrum. Preliminary note</a> (1895)</li> </ul> <p><br></br><em>Quelle: <a href="https://www.eso.org/public/images/sunspectrum-noao/" rel="noopener">NOAO/AURA/NSF</a></em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/sonne-spektrum-absorptionslinien-fraunhofer_sl.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Fingerabdruck der Sonne - wie Helium entdeckt wurde » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag141-spektroskopie.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Nachdem Astronominnen und Astronomen angefangen hatten, sich mithilfe von Teleskopen ein genaueres Bild von Sonne, Mond und Sternen zu machen, stand ihnen im 19. Jahrhundert eine weitere Revolution bevor: die Spektroskopie. Dabei wird das Licht eines Himmelskörpers nicht direkt ins Auge gelenkt, sondern durch ein Spektroskop. Das weiße Sonnenlicht wird so beispielsweise in alle Farben des Regenbogens aufgeteilt, von rot über orange und gelb bis hin zu grün und blau-violett.</p> <p>Doch in diesem Regenbogenspektrum tauchten hunderte von dunklen Linien auf, manche von ihnen pechschwarz, andere eher dünn und blässlich. Wie sich herausstellen sollte, waren diese Absorptionslinien die eigentliche astronomische Revolution. Denn sie verrieten erstmals, welche chemischen Elemente ein Himmelskörper enthält. Mithilfe der Spektroskopie – oder, wie sie später genannt wurde, der Astrophysik – konnten Forschende nicht nur die Bewegung der Himmelskörper beobachten, sondern zum ersten Mal herausfinden, woraus sie bestehen. Es war etwas, von dem Philosophen wie der Franzose Auguste Comte nur wenige Jahre zuvor völlig überzeugt war, dass genau dies ein Ding der Unmöglichkeit sei und für immer bleiben werde.<aside></aside></p> <p>Das Spektrum der Sonne verrät, dass es in der Sonnenatmosphäre Natrium, Kalzium oder Eisen gibt. Denn die Absorptionslinien im Sonnenspektrum entsprechen den Spektrallinien dieser Elemente, die Chemiker in ihren Laboren auf der Erde messen konnten. Die Linien sind wie eine Art Fingerabdruck eines chemischen Elements. Doch als ein englischer Astronom namens Norman Lockyer im Jahr 1870 sein Spektroskop auf die Sonne richtete, entdeckte er etwas ganz und gar Ungewöhnliches: eine Spektrallinie im orange-gelben Bereich, die sich keinem bekannten Element auf der Erde zuordnen ließ.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts erzählt Franzi die Geschichte des himmlischen Heliums: Bis heute ist das Edelgas das einzige Element, das zuerst im Weltraum entdeckt wurde, in der Atmosphäre der Sonne, bevor Jahrzehnte später der Nachweis in einem irdischen Labor gelang. Es ist eine Geschichte, in der totale Sonnenfinsternisse eine große Rolle spielen, Prismen, unerschrockene Astronomen – sowie Heißluftballons und eine waghalsige Flucht aus dem belagerten Paris während des Deutsch-Französischen Kriegs.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/" rel="noopener">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/" rel="noopener">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenfinsternis" rel="noopener">Sonnenfinsternis</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Paris_(1870%E2%80%931871)" rel="noopener">Belagerung von Paris (1870–1871)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Jules_Janssen" rel="noopener">Jules Janssen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Oran" rel="noopener">Oran</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenfinsternis_vom_18._August_1868" rel="noopener">Sonnenfinsternis vom 18. August 1868</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Spektroskopie" rel="noopener">Spektroskopie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_von_Fraunhofer" rel="noopener">Joseph von Fraunhofer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fraunhoferlinie" rel="noopener">Fraunhoferlinien</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_Robert_Kirchhoff" rel="noopener">Gustav Robert Kirchhoff</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Wilhelm_Bunsen" rel="noopener">Robert Wilhelm Bunsen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Natriumdampflampe" rel="noopener">Natriumdampflampe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Natrium-D-Linie" rel="noopener">Natrium-D-Linie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Protuberanz" rel="noopener">Protuberanz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Norman_Lockyer" rel="noopener">Joseph Norman Lockyer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Helium" rel="noopener">Helium</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/William_Ramsay" rel="noopener">William Ramsay</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Marcia Bartusiak (ed.) – Archives of the Universe (2004)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/1994QJRAS..35...51W/abstract" rel="noopener">Sir Norman Lockyer’s Contributions to Science</a> (1994)</li> <li> Fachartikel: <a href="https://royalsocietypublishing.org/rspl/article/58/347-352/65/43327/I-On-a-gas-showing-the-spectrum-of-helium-the" rel="noopener">On a gas showing the spectrum of helium, the reputed cause of D<sub>3</sub>, one of the lines in the coronal spectrum. Preliminary note</a> (1895)</li> </ul> <p><br></br><em>Quelle: <a href="https://www.eso.org/public/images/sunspectrum-noao/" rel="noopener">NOAO/AURA/NSF</a></em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-fingerabdruck-der-sonne-wie-helium-entdeckt-wurde/#comments 2 Sein Name war Satnam Singh (1993 – 2024), getötet durch fossile & korrupte Landwirtschaft https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/sein-name-war-satnam-singh-1993-2024-getoetet-durch-fossile-korrupte-landwirtschaft/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/sein-name-war-satnam-singh-1993-2024-getoetet-durch-fossile-korrupte-landwirtschaft/#comments Sat, 11 Jul 2026 22:09:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11406 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/sein-name-war-satnam-singh-1993-2024-getoetet-durch-fossile-korrupte-landwirtschaft/</link> </image> <description type="html"><h1>Sein Name war Satnam Singh (1993 - 2024), getötet durch fossile & korrupte Landwirtschaft » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Aus <strong>Indien</strong> kam der Sikh <strong>Satnam Singh</strong> nach <strong>Europa</strong>, <strong>Italien</strong>, wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau <strong>Soni </strong>im mafiösen System des <strong>„Caporalato“ </strong>in der industriellen Landwirtschaft ausgebeutet wurde. Im Juni 2024 geriet er in eine ungesicherte Maschine, die Felder großflächig mit Plastik überzog. Seine Beine wurden zerquetscht und ein Arm wurde ihm abgerissen.</p> <p>Doch trotz des Flehens seiner Frau brachte der italienische „Padrone“ <strong>Antonello Lovato </strong>den illegal beschäftigten Schwerverletzten nicht ins Krankenhaus, sondern nur vor die Unterkunft – mit dem abgerissenen Arm in einer Gemüsekiste. Zwar riefen Nachbarn noch einen Krankenwagen, doch Satnam Singh starb.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/shorts/bvMbNNiZZ8I" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Protestplakat mit einem Foto des 2024 in Italien getöteten, indischen Sikhs Satnam Singh, gezeigt in einem kurzen YouTube-Bericht der Deutschen Welle (DW)." decoding="async" height="624" sizes="(max-width: 364px) 100vw, 364px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW.jpg 364w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW-175x300.jpg 175w" width="364"></img></a></p> <p><em>Ein Protestplakat mit einem Foto des getöteten Satnam Singh auf YouTube. Bildquelle: <a href="https://www.youtube.com/shorts/bvMbNNiZZ8I" rel="noopener" target="_blank">@dwnews</a></em></p> <p>Nun hat ein Gericht in Latina den 39jährigen Lovato zu einer Gefängnisstrafe von 16 Jahren verurteilt.<aside></aside></p> <p>Noch während Tausende Erntehelfende und Gewerkschaftsmitglieder demonstrierten, wurden vier weitere Zwangsarbeitende von zwei pakistanischen „Capos“ in ein Auto gesperrt und darin bei lebendigem Leibe verbrannt. Sie hatten es gewagt, die Auszahlung ihres ausstehenden Lohnes einzufordern.</p> <p>Die <em>Stuttgarter Zeitung </em>zitierte dazu in ihrer Ausgabe vom 11. Juli 2026, S. 3, den mutigen Mafia-Aufklärer <strong>Roberto Saviano </strong>zur Gefahr der sogenannten <em>„Agro-Mafia“</em>:</p> <p><em>„Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Sie kaufen zu Preisen, die es den Produzenten unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen.“</em></p> <p>Im letzten Blogpost haben wir uns mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurze-geschichte-fossiler-konzernmedien-und-ihr-schicksal-in-der-polykrise/" rel="noopener" target="_blank">der Entwicklung der <strong>fossilen Konzernmedien</strong> im 19. und 20. Jahrhundert</a> befasst, doch eine analoge Entwicklung gab es auch in der <strong>Landwirtschaft</strong>: An die Stelle von bäuerlichen Kleinbetrieben standen immer größere Unternehmen und schließlich Konzerne, die auf Basis fossiler Maschinen und abhängig Beschäftigter Pflanzenkost und tierische Produkte (Fleisch, Milch, Häute usw.) produzierten.</p> <p>In Deutschland entwickelten der deutsch-jüdische Chemiker <strong>Fritz Haber (1868 – 1934) </strong>aus <strong>Karlsruhe </strong>und sein Kollege <strong>Carl Bosch (1874 – 1940) </strong>aus <strong>Ludwigsburg </strong>das <strong>Haber-Bosch-Verfahren</strong>, das ab der Patentierung 1908 die industrielle Herstellung von <strong>Stickstoffdünger</strong>, aber auch von <b>Sprengstoff </b>aus fossilen Rohstoffen ermöglichte.</p> <p>Als Erfindern der <strong>industriellen Massentierhaltung ab 1923</strong> gilt die US-Hühnerzüchterin <strong>Cecile Long Steele (1900 – 1940)</strong>.</p> <p>Einerseits ermöglichte die fossile und industrielle Landwirtschaft immer größere Erträge und bewahrte Milliarden Menschen vor Hunger. Andererseits aber beanspruchte insbesondere die Tierhaltung immer mehr Land, Wasser, Energie, Nahrungsmittel, Medikamente, Dünger und Arbeitskräfte, so dass sich <strong>ein System der Externalisierung von Kosten und der Ausbeutung von Mitwelt, Tieren und Menschen</strong> entwickelte.</p> <p>Viele europäische Bauern schlossen sich dem italienischen Faschismus, österreichischen Austrofaschismus und deutschen Nationalsozialismus an und forderten als „Nährstand“ mehr Land, mehr Rechte, Subventionen und billige Arbeitskräfte, gerne auch Zwangsarbeitende.</p> <p>Auch in jüngerer Zeit wandten sich wieder mehr bäuerliche Funktionäre und Aktivisten quer durch Europa auch mit Rechtspopulismus, Blockaden, Drohungen und Gewalt gegen demokratische Parteien, gegen die Europäische Union und deren Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten. Nicht wenige fordern immer wieder höhere Subventionen auch für Klimakrise-Ernteausfälle und Agrardiesel – und unterstützen zugleich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>rechtsmimetische Parteien</strong></a>, die wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zu den Folgen von Methan und Nitraten leugnen.</p> <p>Auch benötigen sie <strong>ausländische Arbeitskräfte wie Erntehelfer und Fleischer</strong>, denen manche jedoch <strong>gerechte Löhne</strong> und <strong>Arbeitnehmerrechte vorenthalten</strong> – nicht nur in <strong>Italien</strong>.</p> <p>So mahnte auch <strong>Papst Franziskus (1936 – 2025)</strong> in seiner <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franziskus-ali-al-khawwas-der/" rel="noopener" target="_blank">großen Ökologie-Enzyklika <em><strong>„Laudato Si“</strong></em> von 2015</a>: </p> <p><em>25. <strong>Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar.</strong> Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung. So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder. </em></p> <p><strong><em>Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz. Leider herrscht eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber diesen Tragödien, die sich gerade jetzt in bestimmten Teilen der Welt zutragen. Der Mangel an Reaktionen angesichts dieser Dramen unserer Brüder und Schwestern ist ein Zeichen für den Verlust jenes Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet.</em></strong></p> <p><em>26. <strong>Viele von denen, die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen, scheinen sich vor allem darauf zu konzentrieren, die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen, und sie versuchen nur, einige negative Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Viele Symptome zeigen aber an, dass diese Wirkungen jedes Mal schlimmer sein können, wenn wir mit den gegenwärtigen Produktionsmodellen und Konsumgewohnheiten fortfahren.</strong> Darum ist es dringend geboten, politische Programme zu entwickeln, um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren, zum Beispiel indem man den Gebrauch von fossilen Brennstoffen ersetzt und Quellen erneuerbarer Energie entwickelt. Weltweit sind saubere und erneuerbare Energien nur in geringem Maß erschlossen. Noch ist es notwendig, angemessene Technologien für die Speicherung zu entwickeln.</em></p> <p><a href="https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eingangstext der Webpage zur päpstlichen Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus auf Vatican.va. Der Link führt zum Gesamttext." decoding="async" height="571" sizes="(max-width: 985px) 100vw, 985px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika.jpg 985w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika-150x87.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika-900x522.jpg 900w" width="985"></img></a></p> <p><em>Seine <a href="https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html" rel="noopener" target="_blank">lesenswerte Enzyklika „Laudato si“ schrieb <strong>Papst Franziskus </strong>aus <strong>„Sorge für das gemeinsame Haus“</strong>, den Oikos</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Was also können wir (alle) tun, um eine bessere Wirtschaft und Landwirtschaft zu erhalten?</strong></p> <ol> <li><strong>Menschenwürde statt Rechtsmimesis</strong>: Ehren wir Satnam Singh &amp; all die anderen Opfer der fossilen und korrupten Ausbeutung. Wer in der Europäischen Union rechtstreu mitarbeitet, hat Anrecht auf einen sicheren Aufenthaltstitel, menschenwürdige Rechte und Löhne. Wer dagegen pauschal auch gegen Arbeitsmigration hetzt, schadet auch der europäischen Wirtschaft und Landwirtschaft, erhöht die Preise und befeuert die Inflation.</li> <li><strong>Weniger Fleisch aus industrieller Massentierhaltung</strong>: Jedes Kilo Tierfleisch wie auch andere Produkte aus industrieller Massentierhaltung schädigen unsere Mitwelt, unsere Mitgeschöpfe und Mitmenschen. Deswegen habe ich mich als Solarpunk 2019 auch zum Vegetarismus entschieden, begrüße aber grundsätzlich jede <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-23-externalisierung-in-oekonomie-und-psychologie/" rel="noopener" target="_blank">freiwillige Reduktion der fossilen und zerstörerischen Verschwendung und Externalisierung</a>.</li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/"><strong>Erneuerbare Friedensenergien statt fossiler Gewaltenergien</strong></a>: Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">Irankrieg-Desaster treibt die Preise für Erdöl, Erdgas und auch Dünger</a>. Umso schneller wir die post-fossile Transformation in Wirtschaft und Wohnen, Verkehr und Landwirtschaft bewältigen, umso mehr vermeiden wir Schäden durch die Erhitzung, Wasserkrise, Erkrankungen und Flucht.</li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">Eine <strong>soziale und ökologische Marktwirtschaft </strong>bleibt das beste Zukunftsmodell für freiheitliche und energiedemokratische Gesellschaften</a>. Schon heute können wir für gerechte Löhne und kluge Regeln nicht nur politisch, sondern auch als Nachfragende für Ökostrom, TransFair-, Bio- und Regionalprodukte eintreten.<p>Solarpunks leben im Durchschnitt gesünder, glücklicher und oft auch spiritueller als jene Fossilisten, die Mitwelt, Mitgeschöpfe und Mitmenschen nur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-schaut-denn-niemand-hin-erkenntnistheorie-fossilismus-und-karbonblase/" rel="noopener" target="_blank">bis zum Verbrennen der Zukunft ausplündern</a> wollen. Und: <em><strong>Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern.</strong></em> Auch deswegen danke ich allen, die sich hier auf „Natur des Glaubens“ konstruktiv und dialogisch einbringen. Und schließe mit einem kurzen <strong>Erklärvideo zum Sikhismus</strong>:</p></li> </ol> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/DdEoVabJKjM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Was ist der Sikhismus / die Sikh - Religion? 🪯 #Religionen #Religionswissenschaft" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sein Name war Satnam Singh (1993 - 2024), getötet durch fossile & korrupte Landwirtschaft » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Aus <strong>Indien</strong> kam der Sikh <strong>Satnam Singh</strong> nach <strong>Europa</strong>, <strong>Italien</strong>, wo er gemeinsam mit seiner Ehefrau <strong>Soni </strong>im mafiösen System des <strong>„Caporalato“ </strong>in der industriellen Landwirtschaft ausgebeutet wurde. Im Juni 2024 geriet er in eine ungesicherte Maschine, die Felder großflächig mit Plastik überzog. Seine Beine wurden zerquetscht und ein Arm wurde ihm abgerissen.</p> <p>Doch trotz des Flehens seiner Frau brachte der italienische „Padrone“ <strong>Antonello Lovato </strong>den illegal beschäftigten Schwerverletzten nicht ins Krankenhaus, sondern nur vor die Unterkunft – mit dem abgerissenen Arm in einer Gemüsekiste. Zwar riefen Nachbarn noch einen Krankenwagen, doch Satnam Singh starb.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/shorts/bvMbNNiZZ8I" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Protestplakat mit einem Foto des 2024 in Italien getöteten, indischen Sikhs Satnam Singh, gezeigt in einem kurzen YouTube-Bericht der Deutschen Welle (DW)." decoding="async" height="624" sizes="(max-width: 364px) 100vw, 364px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW.jpg 364w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SatnamSinghSikhItalien2024DW-175x300.jpg 175w" width="364"></img></a></p> <p><em>Ein Protestplakat mit einem Foto des getöteten Satnam Singh auf YouTube. Bildquelle: <a href="https://www.youtube.com/shorts/bvMbNNiZZ8I" rel="noopener" target="_blank">@dwnews</a></em></p> <p>Nun hat ein Gericht in Latina den 39jährigen Lovato zu einer Gefängnisstrafe von 16 Jahren verurteilt.<aside></aside></p> <p>Noch während Tausende Erntehelfende und Gewerkschaftsmitglieder demonstrierten, wurden vier weitere Zwangsarbeitende von zwei pakistanischen „Capos“ in ein Auto gesperrt und darin bei lebendigem Leibe verbrannt. Sie hatten es gewagt, die Auszahlung ihres ausstehenden Lohnes einzufordern.</p> <p>Die <em>Stuttgarter Zeitung </em>zitierte dazu in ihrer Ausgabe vom 11. Juli 2026, S. 3, den mutigen Mafia-Aufklärer <strong>Roberto Saviano </strong>zur Gefahr der sogenannten <em>„Agro-Mafia“</em>:</p> <p><em>„Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Sie kaufen zu Preisen, die es den Produzenten unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen.“</em></p> <p>Im letzten Blogpost haben wir uns mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurze-geschichte-fossiler-konzernmedien-und-ihr-schicksal-in-der-polykrise/" rel="noopener" target="_blank">der Entwicklung der <strong>fossilen Konzernmedien</strong> im 19. und 20. Jahrhundert</a> befasst, doch eine analoge Entwicklung gab es auch in der <strong>Landwirtschaft</strong>: An die Stelle von bäuerlichen Kleinbetrieben standen immer größere Unternehmen und schließlich Konzerne, die auf Basis fossiler Maschinen und abhängig Beschäftigter Pflanzenkost und tierische Produkte (Fleisch, Milch, Häute usw.) produzierten.</p> <p>In Deutschland entwickelten der deutsch-jüdische Chemiker <strong>Fritz Haber (1868 – 1934) </strong>aus <strong>Karlsruhe </strong>und sein Kollege <strong>Carl Bosch (1874 – 1940) </strong>aus <strong>Ludwigsburg </strong>das <strong>Haber-Bosch-Verfahren</strong>, das ab der Patentierung 1908 die industrielle Herstellung von <strong>Stickstoffdünger</strong>, aber auch von <b>Sprengstoff </b>aus fossilen Rohstoffen ermöglichte.</p> <p>Als Erfindern der <strong>industriellen Massentierhaltung ab 1923</strong> gilt die US-Hühnerzüchterin <strong>Cecile Long Steele (1900 – 1940)</strong>.</p> <p>Einerseits ermöglichte die fossile und industrielle Landwirtschaft immer größere Erträge und bewahrte Milliarden Menschen vor Hunger. Andererseits aber beanspruchte insbesondere die Tierhaltung immer mehr Land, Wasser, Energie, Nahrungsmittel, Medikamente, Dünger und Arbeitskräfte, so dass sich <strong>ein System der Externalisierung von Kosten und der Ausbeutung von Mitwelt, Tieren und Menschen</strong> entwickelte.</p> <p>Viele europäische Bauern schlossen sich dem italienischen Faschismus, österreichischen Austrofaschismus und deutschen Nationalsozialismus an und forderten als „Nährstand“ mehr Land, mehr Rechte, Subventionen und billige Arbeitskräfte, gerne auch Zwangsarbeitende.</p> <p>Auch in jüngerer Zeit wandten sich wieder mehr bäuerliche Funktionäre und Aktivisten quer durch Europa auch mit Rechtspopulismus, Blockaden, Drohungen und Gewalt gegen demokratische Parteien, gegen die Europäische Union und deren Freihandelsabkommen Mercosur mit südamerikanischen Staaten. Nicht wenige fordern immer wieder höhere Subventionen auch für Klimakrise-Ernteausfälle und Agrardiesel – und unterstützen zugleich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>rechtsmimetische Parteien</strong></a>, die wissenschaftliche Erkenntnisse etwa zu den Folgen von Methan und Nitraten leugnen.</p> <p>Auch benötigen sie <strong>ausländische Arbeitskräfte wie Erntehelfer und Fleischer</strong>, denen manche jedoch <strong>gerechte Löhne</strong> und <strong>Arbeitnehmerrechte vorenthalten</strong> – nicht nur in <strong>Italien</strong>.</p> <p>So mahnte auch <strong>Papst Franziskus (1936 – 2025)</strong> in seiner <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/franziskus-ali-al-khawwas-der/" rel="noopener" target="_blank">großen Ökologie-Enzyklika <em><strong>„Laudato Si“</strong></em> von 2015</a>: </p> <p><em>25. <strong>Der Klimawandel ist ein globales Problem mit schwerwiegenden Umwelt-Aspekten und ernsten sozialen, wirtschaftlichen, distributiven und politischen Dimensionen; sie stellt eine der wichtigsten aktuellen Herausforderungen an die Menschheit dar.</strong> Die schlimmsten Auswirkungen werden wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten auf die Entwicklungsländer zukommen. Viele Arme leben in Gebieten, die besonders von Phänomenen heimgesucht werden, die mit der Erwärmung verbunden sind, und die Mittel für ihren Lebensunterhalt hängen stark von den natürlichen Reserven und den ökosystemischen Betrieben wie Landwirtschaft, Fischfang und Waldbestand ab. Sie betreiben keine anderen Finanzaktivitäten und besitzen keine anderen Ressourcen, die ihnen erlauben, sich den Klimaeinflüssen anzupassen oder Katastrophen die Stirn zu bieten, und sie haben kaum Zugang zu Sozialdiensten und Versicherung. So verursachen die klimatischen Veränderungen zum Beispiel Migrationen von Tieren und Pflanzen, die sich nicht immer anpassen können, und das schädigt wiederum die Produktionsquellen der Ärmsten, die sich ebenfalls genötigt sehen abzuwandern, mit großer Ungewissheit im Hinblick auf ihre Zukunft und die ihrer Kinder. </em></p> <p><strong><em>Tragisch ist die Zunahme der Migranten, die vor dem Elend flüchten, das durch die Umweltzerstörung immer schlimmer wird, und die in den internationalen Abkommen nicht als Flüchtlinge anerkannt werden; sie tragen die Last ihres Lebens in Verlassenheit und ohne jeden gesetzlichen Schutz. Leider herrscht eine allgemeine Gleichgültigkeit gegenüber diesen Tragödien, die sich gerade jetzt in bestimmten Teilen der Welt zutragen. Der Mangel an Reaktionen angesichts dieser Dramen unserer Brüder und Schwestern ist ein Zeichen für den Verlust jenes Verantwortungsgefühls für unsere Mitmenschen, auf das sich jede zivile Gesellschaft gründet.</em></strong></p> <p><em>26. <strong>Viele von denen, die mehr Ressourcen und ökonomische oder politische Macht besitzen, scheinen sich vor allem darauf zu konzentrieren, die Probleme zu verschleiern oder ihre Symptome zu verbergen, und sie versuchen nur, einige negative Auswirkungen des Klimawandels zu reduzieren. Viele Symptome zeigen aber an, dass diese Wirkungen jedes Mal schlimmer sein können, wenn wir mit den gegenwärtigen Produktionsmodellen und Konsumgewohnheiten fortfahren.</strong> Darum ist es dringend geboten, politische Programme zu entwickeln, um in den kommenden Jahren den Ausstoß von Kohlendioxid und anderen stark verunreinigenden Gasen drastisch zu reduzieren, zum Beispiel indem man den Gebrauch von fossilen Brennstoffen ersetzt und Quellen erneuerbarer Energie entwickelt. Weltweit sind saubere und erneuerbare Energien nur in geringem Maß erschlossen. Noch ist es notwendig, angemessene Technologien für die Speicherung zu entwickeln.</em></p> <p><a href="https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Eingangstext der Webpage zur päpstlichen Enzyklika Laudato si von Papst Franziskus auf Vatican.va. Der Link führt zum Gesamttext." decoding="async" height="571" sizes="(max-width: 985px) 100vw, 985px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika.jpg 985w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika-150x87.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/LaudatoSiFranziskusEnzyklika-900x522.jpg 900w" width="985"></img></a></p> <p><em>Seine <a href="https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html" rel="noopener" target="_blank">lesenswerte Enzyklika „Laudato si“ schrieb <strong>Papst Franziskus </strong>aus <strong>„Sorge für das gemeinsame Haus“</strong>, den Oikos</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p><strong>Was also können wir (alle) tun, um eine bessere Wirtschaft und Landwirtschaft zu erhalten?</strong></p> <ol> <li><strong>Menschenwürde statt Rechtsmimesis</strong>: Ehren wir Satnam Singh &amp; all die anderen Opfer der fossilen und korrupten Ausbeutung. Wer in der Europäischen Union rechtstreu mitarbeitet, hat Anrecht auf einen sicheren Aufenthaltstitel, menschenwürdige Rechte und Löhne. Wer dagegen pauschal auch gegen Arbeitsmigration hetzt, schadet auch der europäischen Wirtschaft und Landwirtschaft, erhöht die Preise und befeuert die Inflation.</li> <li><strong>Weniger Fleisch aus industrieller Massentierhaltung</strong>: Jedes Kilo Tierfleisch wie auch andere Produkte aus industrieller Massentierhaltung schädigen unsere Mitwelt, unsere Mitgeschöpfe und Mitmenschen. Deswegen habe ich mich als Solarpunk 2019 auch zum Vegetarismus entschieden, begrüße aber grundsätzlich jede <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-23-externalisierung-in-oekonomie-und-psychologie/" rel="noopener" target="_blank">freiwillige Reduktion der fossilen und zerstörerischen Verschwendung und Externalisierung</a>.</li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/7-vorteile-erneuerbarer-friedensenergien-7-nachteile-fossiler-gewaltenergien/"><strong>Erneuerbare Friedensenergien statt fossiler Gewaltenergien</strong></a>: Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-fossilismus-im-jahr-des-feuerpferdes-trumps-iran-kharg-desaster/">Irankrieg-Desaster treibt die Preise für Erdöl, Erdgas und auch Dünger</a>. Umso schneller wir die post-fossile Transformation in Wirtschaft und Wohnen, Verkehr und Landwirtschaft bewältigen, umso mehr vermeiden wir Schäden durch die Erhitzung, Wasserkrise, Erkrankungen und Flucht.</li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/solarpunk-waermepumpe-memes-und-lob-dem-spd-oekosozialen-hermann-scheer-1944-2010/" rel="noopener" target="_blank">Eine <strong>soziale und ökologische Marktwirtschaft </strong>bleibt das beste Zukunftsmodell für freiheitliche und energiedemokratische Gesellschaften</a>. Schon heute können wir für gerechte Löhne und kluge Regeln nicht nur politisch, sondern auch als Nachfragende für Ökostrom, TransFair-, Bio- und Regionalprodukte eintreten.<p>Solarpunks leben im Durchschnitt gesünder, glücklicher und oft auch spiritueller als jene Fossilisten, die Mitwelt, Mitgeschöpfe und Mitmenschen nur <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-schaut-denn-niemand-hin-erkenntnistheorie-fossilismus-und-karbonblase/" rel="noopener" target="_blank">bis zum Verbrennen der Zukunft ausplündern</a> wollen. Und: <em><strong>Niemand kann alles, aber alle können etwas verändern.</strong></em> Auch deswegen danke ich allen, die sich hier auf „Natur des Glaubens“ konstruktiv und dialogisch einbringen. Und schließe mit einem kurzen <strong>Erklärvideo zum Sikhismus</strong>:</p></li> </ol> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/DdEoVabJKjM?feature=oembed&amp;rel=0" title="Was ist der Sikhismus / die Sikh - Religion? 🪯 #Religionen #Religionswissenschaft" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/sein-name-war-satnam-singh-1993-2024-getoetet-durch-fossile-korrupte-landwirtschaft/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>46</slash:comments> </item> <item> <title>Doggerbank – versunkene Landschaft in der Nordsee https://scilogs.spektrum.de/meertext/doggerbank-versunkene-landschaft-in-der-nordsee/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/doggerbank-versunkene-landschaft-in-der-nordsee/#comments Fri, 10 Jul 2026 08:59:30 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2032 <h1>Doggerbank – versunkene Landschaft in der Nordsee » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Doggerbank ist heute eine ausgedehnte, untergetauchte Sandbank in der zentralen Nordsee. Teile davon in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands und der Niederlande sind aufgrund ihrer reichen Biodiversität als Meeresschutzgebiete ausgewiesen.</p> <h2><strong>Doggerlands Steinzeit-Landschaft</strong></h2> <p>Wie die ganze Nordsee ist auch die Doggerbank geografisch sehr jung: das Gebiet von 300 bis 350 km Länge in Ost-West Richtung und bis zu 120 km Breite entstand erst nach dem Ende der letzten Eiszeit, zunächst war sie vermutlich eine Moränenbildung des Pleistozäns in der Mündung des zu dieser Zeit viel weiter reichenden Rheins. Als während der Vereisung der Meeresspiegel bis zu 100 m niedriger als heutzutage lag, war Doggerland eine Landverbindung zwischen England und dem Festland und von Menschen besiedelt.<br></br>In der Mittelsteinzeit um etwa 6500 v. Chr. zerbrach die Kreidefelsverbindung zwischen dem heutigen Dover und Calais, Doggerland wurde allmählich von Atlantik und Nordsee überspült. Um 6150 v. Chr. löste dann eine gigantische Hangrutschung am Kontinentalschelfabhang der norwegischen Küste <a href="https://journals.uni-lj.si/DocumentaPraehistorica/article/view/35.1" rel="noopener">die gewaltige Storegga-Rutschung aus</a>. In den anschließenden Tsunamis versank das nur wenige Meter aus dem Meer ragende Doggerland endgültig und wurde zur untergetauchten Sandbank Doggerbank. Damit versanken auch zahlreiche Relikte steinzeitlicher Besiedlung, so finden heutige Fischer regelmäßig Reste von Mammuts oder Hirschen sowie steinzeitlicher Werkzeuge und Waffen in ihren Schleppnetzen. Außerdem tauchten gerade vor den englischen Küsten bei flachem Wasser immer wieder versunkene Baumreste auf, Relikte einstiger Wälder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="838" sizes="(max-width: 615px) 100vw, 615px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland.png 615w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland-220x300.png 220w" width="615"></img></a><figcaption>Quelle: BlueSky-Skeet von Anfor</figcaption></figure> <p>Obwohl <a href="https://web.archive.org/web/20101021075909/http:/geolmag.geoscienceworld.org/cgi/content/abstract/96/1/33" rel="noopener">bereits um 1959 erstmals beschrieben</a> und seit 1965 von der University Warwick erforscht, wurde diese versunkene Steinzeitlandschaft erst in den letzten Jahrzehnten bekannter – technische Fortschritte erlaubten die detaillierte archäologische Forschung unterhalb der Oberfläche der launischen Nordsee. Das North Sea Palaeolandscape Project kartiert den Nordseeboden und rekonstruiert mit 3D seismischen Daten die Landschaft, in der die Menschen des Mesolithikums lebten.<br></br><a href="https://warwick.ac.uk/news/pressreleases/north-sea-lost-world/" rel="noopener">2025 ermöglichte sedimentary ancient DNA (sedaDNA) aus Bohrkernen des Nordsee-Sediments die Rekonstruktion längst vergangener Pflanzengesellschaften</a> wie Wälder – hier wuchsen um 16.000 v. Chr. und damit viel früher, als bislang gedacht, Baum-Arten „aus gemäßigten Waldgebieten, darunter Eiche, Ulme und Hasel, bereits Tausende von Jahren früher […], als dies aus britischen Pollenaufzeichnungen hervorgeht. Auch die Linde (Tilia), ein wärmeliebender Baum, taucht etwa 2.000 Jahre früher auf, als bisher auf dem britischen Festland dokumentiert, was darauf hindeutet, dass Gebiete in Doggerland während der letzten Eiszeit möglicherweise als nördliches Refugium gedient haben“. Doggerland war offenbar während des kühleren Klimas eine <br></br><a href="https://warwick.ac.uk/news/pressreleases/north-sea-lost-world/" rel="noopener">Zeitkapsel für Bäume, so wie das Sediment eine Zeitkapsel für die Baum-Diversität ist.</a></p> <p>Diese Erhaltung von Holz, Knochen und anderen Materialien wurde durch die  anoxischen Bedingungen im Nordsee-Sediment ermöglicht: Wenn man am Nordseestrand die obere Sandschicht im Watt wegkratzt, kommt darunter oft schwärzlicher, nach Schwefelwasserstoff stinkender Matsch zum Vorschein. Darin werden Knochen, Holz u a organische Bestandteile schwarz gefärbt, aber vor bakterieller Zersetzung bewahrt.</p> <p>Dieses Video gibt einen guten Überblick über diese versunkene Landschaft:<aside></aside></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/DECwfQQqRzo?feature=oembed&amp;rel=0" title="How Doggerland Sank Beneath The Waves (500,000-4000 BC) // Prehistoric Europe Documentary" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Zum Weiterlesen:<br></br></strong>Jason Urbanus: Mapping a Vanished Landscape – Evidence of a lost Mesolithic world lies deep beneath the dark waters of the North Sea (<strong><a href="https://archaeology.org/department/letter-from-doggerland/" rel="noopener">Letter from Doggerland</a>  <a href="https://archaeology.org/issues/march-april-2022/" rel="noopener">March/April 2022</a></strong></p> <h2><strong>Sandbanksystem voller Meeresleben</strong></h2> <p>Die heutige Doggerbank liegt in durchschnittlich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Doggerbank" rel="noopener">30 m Tiefe und ist damit wesentlich flacher als die restliche Nordsee</a> mit durchschnittlich fast 90 m Wassertiefe. An manchen Stellen sind es sogar nur 13 Meter bis zur Wasseroberfläche. Damit gehört die Sandbank zum sogenannten Sublitoral und ist als <a href="https://web.archive.org/web/20160624083620/https:/www.bfn.de/20021.html" rel="noopener">„Sandbank mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser“</a> durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Richtlinie_92/43/EWG_(Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie)" rel="noopener">Fauna-Flora-Habitatrichtlinie</a> der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Union" rel="noopener">Europäischen Union</a> geschützt, in deutschen und niederländischen Gewässern sind Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Weitere Teile des Systems aus Sandbänken gehören zu England und Dänemark, auch dort sind MPAs (Marine Protected Areas) ausgewiesen.</p> <p>Guter Einführungsfilm des BfN für das Naturschutzgebiet Doggerland:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/8XtxuDfM2tQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Naturschutzgebiet Doggerbank" width="666"></iframe> </p></figure> <p><br></br>Der flache Sand- und Kiesboden ist wenig von Pflanzen und Algen bewachsen und bietet artenreichen Sandbodengemeinschaften ein Zuhause – von der winzigen Meiofauna im Sandlückensystem über viele Borstenwürmer und <a href="https://web.archive.org/web/20200926153617/https:/www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/meeresundkuestenschutz/downloads/Marine-Biotoptypen/Biotoptyp-Schlickgruende.pdf" rel="noopener">Seefedern bis zu grabenden Krebsen</a>.<br></br>Außerdem bestehen etwa <a href="https://www.mgf-nordsee.de/ueber-uns/untersuchungsgebiete/borkum-riffgrund/" rel="noopener">im deutschen Areal intakte Muschelbänke aus Pferde- oder Großen</a> Miesmuscheln, die ein reich gegliedertes Habitat für viele andere Arten sind. Die mit ihren Byssusfäden fest verklebten Muscheln sind ein künstlicher fester Untergrund, auf dem andere Tiere oder Algen sich ansiedeln können, gleichzeitig bildet ihre <a href="https://publications.deltares.nl/1221293_000_Eng.pdf" rel="noopener">dreidimensionale Riff-Struktur</a> wie eine „Stadt unter Wasser“ viele Schlupfwinkel mit unterschiedlichen Licht- und Strömungsbedingungen zum Verstecken. </p> <p>Das flache Wasser über der Sandbank erwärmt sich stärker und schneller. An den Rändern hingegen wird die Nordsee schnell tiefer und kühler, dort entstehen auch starke Strömungen. Das <a href="https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/Doggerbank-BUND-2025.pdf" rel="noopener">Aufeinandertreffen dieser unterschiedlichen Wasserkörper</a> und die Strömungen führen zu einem Gewimmel von Plankton, Fischen und anderen Meeresbewohnern. Das massenhaft auftretende Plankton und Benthos (am Boden) bietet viel Beute-Biomasse für Fische, sowohl Jungfische, als auch erwachsene Fische meist kleinerer Arten jagen hier. Der Fischreichtum zieht wieder Schweinswale, Haie und Rochen an. Die Nordseeschweinswale finden <a href="https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/Doggerbank-BUND-2025.pdf" rel="noopener">dort etwa die kleinen, aber fetten Sandaale – kleine Fische, die hier zu Tausenden aufrecht</a> im Sand stecken (und nichts mit Aalen zu tun haben, sondern klein und gestreckt sind). Vor allem Schweinswalmütter bekommen <a href="https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/Doggerbank-BUND-2025.pdf" rel="noopener">dort ihre Kälber satt. Auch Gruppen von Weißschnauzendelphinen jagen gern in diesem Revier. Außerdem ziehen die Planktonwolken besonders viele Zwergwale</a> an, die kleinsten Bartenwale des Nordatlantikbereichs, sowie die ebenfalls planktonfiltrierenden Riesenhaie.</p> <p>Das flache Areal voller Sandaale ist außerdem die Lebensgrundlage der an den umliegenden Küsten lebenden Papageientaucher-Brutkolonien und manch anderer Seevögel. Aber auch Basstölpel, Trottellummen, Eissturmvögel und verschiedene Möwen finden hier reichlich Fisch – sie stürzen sich aus der Luft ins Wasser und erbeuten die leicht erreichbaren kleine Fische und Krebse auf der flachen Doggerbank.<br></br></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-680x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-680x1024.png 680w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-199x300.png 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-768x1157.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57.png 960w" width="680"></img></a><figcaption>Papageientaucher mit Sandaalen im Schnabel (Wikipedia: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Erik_Christensen" rel="noopener">Erik Christensen</a>: Atlantic Puffin (Fratercula arctica), Faroe Islands)</figcaption></figure> <h2><strong>Rewilding Doggerbank</strong></h2> <p>Da die Doggerbank in den letzten Jahrtausenden von vielen Schiffen befahren wurde, von denen so manche sanken, bilden Wracks auf dem Meeresboden künstliche Riffe und reiche Lebensräume – die <a href="https://edepot.wur.nl/572820" rel="noopener">Dogger Bank Expedition 2021</a>erbrachte Daten und Bilder zu diesen künstlichen Ökosystem. Dazu gehören auch Wracks, bewachsen von Algen, Polypen und anderen festsitzenden Organismen sowie dort festgehakte Hai-Eier und Oktopusse, die es als Deckung nutzt. Außerdem wohnen dort auch große Hummer und ganze Kolonien pastellfarbener Manteltiere.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56.png"><img alt="" decoding="async" height="821" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 827px) 100vw, 827px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56.png 827w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56-300x298.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56-768x762.png 768w" width="827"></img></a><figcaption>BlueSky-Skeet der Doggerland Foundation: Pferdemuschel-Lebensgemeinschaft</figcaption></figure> <p>Der Fischreichtum der Doggerbank zieht seit jeher auch Fischer an. Durch die intensive Fischerei der Neuzeit, die oft den Meeresboden regelrecht umpflügt und Riffe zerschlägt, sowie den schlechten Zustand der Nordsee etwa durch Schadstoffe ist auf Teilen der Doggerbank bereits ein Teil der Artenvielfalt verloren gegangen. Bisherige <a href="https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/Fischerei/Fischereimanagement/Natura-2000-Gebiete/Informationsblatt.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2" rel="noopener">Einschränkungen der Fischerei reichen bei Weitem</a> nicht aus. Wegen der großen Bedeutung dieses Teils der südlichen Nordsee für Meeressäuger und -vögel sowie ganze Meeresökosysteme fordert eine internationale Koalition im <a href="https://www.endangeredlandscapes.org/project/dogger-bank/" rel="noopener">Endangered Landscapes and Seascapes Programme,</a> an der auch <a href="https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/die-doggerbank-das-herz-der-nordsee/" rel="noopener">die deutsche NGO BUND beteiligt</a> ist, neben einem vollständigen Fischereiverbot das Rewilding dieser großen Sandbank. Der bisherige Meeresschutz geht ihnen nicht weit genug, da er keinesfalls die zerstörerische Nutzung dieses ökologisch bedeutsamen Gebiets ausschließt. Bislang ist nicht einmal <a href="https://web.archive.org/web/20160624083620/https:/www.bfn.de/20021.html" rel="noopener">die bodenberührende Fischerei vollständig aus dem Gebiet verbannt</a>, die verheerende Auswirkungen hat. Stattdessen fordert die Koalition die „Wiederherstellung geschädigter Lebensräume zur Förderung der marinen Artenvielfalt, zum Wiederaufbau von Riffsystemen und zur Sicherung der langfristigen ökologischen Widerstandsfähigkeit in der Nordsee“.</p> <p>D<a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/grundschleppnetze/#23-britische-meeresschutzgebiete" rel="noopener">ie britische Regierung</a> hatte im Juli 2022 in ihrem 12.000 km<sup>2</sup> umfassenden Teil der Doggerbank die bodenberührende Fischerei verboten. „<a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/schutzgebiet-doggerbank-rueckzug-der-grundschleppnetze-aus-dem-oekologischen-herz-der-nordsee/#7-wiederauferstehung-der-doggerbank" rel="noopener">Dies könnte eine Erholung und teilweise Rückkehr der ursprünglichen Lebensgemeinschaften</a> zur Folge haben. Denn mit der Strömung gelangen auch Larven der Trogmuschelarten aus anderen Teilen der Nordsee zur Doggerbank. Bisher hatten sie hier jedoch keine Chance, heranzuwachsen. Höchstens als Jungtiere kamen sie noch sporadisch vor.“ Vom Schutz eines Meeresabschnitts profitieren, da dort Jungtiere geschützt heranwachsen können, letztendlich auch die Fischerei. </p> <p>Auch niederländische Meeresschützer bemühen sich um die Einschränkung der Fischerei: „Am 11. Mai <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/schutzgebiet-doggerbank-rueckzug-der-grundschleppnetze-aus-dem-oekologischen-herz-der-nordsee/" rel="noopener">2026 entschied das Bezirksgericht Den Haag, dass niederländische Grundschleppnetzfischer </a>nicht mehr wie bisher ohne Genehmigung im geschützten Natura-2000-Gebiet Doggerbank fischen dürfen. Eine derartige generelle Ausnahmeregelung für diese schädliche Fischereimethode verstoße gegen geltendes Naturschutzrecht, urteilte das Gericht. Die Entscheidung ist ein bedeutender Sieg gegen die zerstörerischste aller legalen Fischereimethoden.“ Allerdings hat der holländische Landwirtschaftsminister Jaimi van Essen am 1. Juni 2026 eine einstweilige Verfügung beantragt, die die Fortsetzung der Grundschleppnetzfischerei ohne Genehmigung ermöglicht. <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/schutzgebiet-doggerbank-rueckzug-der-grundschleppnetze-aus-dem-oekologischen-herz-der-nordsee/" rel="noopener">Gleichzeitig habe er angekündigt, Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Den Haag einzulegen.</a></p> <p>Eine weitere Folge der Fischerei ist neben der Lebensraumzerstörung des Bodens und der Überfischung der erschreckend hohe Anteil vor allem junger Seehunde und Kegelrobben als Beifang: Die eindeutigen Verletzungen etwa am Hals oder an den Flossen bzw. amputierter Flossen führen oft zum Tod der Meeressäuger. Jungtiere werden dadurch oft skalpiert, bzw. wird der obere Teil des noch weniger verknöcherten Schädels weggerissen. <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/immer-mehr-tote-robben-in-der-nordsee/#1-skalpierte-und-erdrosselte-robben-mit-schweren-sch%C3%A4delverletzungen" rel="noopener">Forschungsergebnisse von 2021 zeigen, dass das Beifang-durch-Fischerei-Problem wesentlich größer ist</a>, als bislang angenommen – in einem Abschnitt des Ärmelkanals sind dort offenbar Hunderte von Seehunden und Kegelrobben vor allem in den <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/immer-mehr-tote-robben-in-der-nordsee/#1-skalpierte-und-erdrosselte-robben-mit-schweren-sch%C3%A4delverletzungen" rel="noopener">Stellnetzen und Stellnetz-Verwickelnetzen gestorben – seit 2017 ist die Todesrat</a>e sprunghaft angestiegen.</p> <h2>Windparks auf der Doggerbank?</h2> <p>Gerade die südliche Nordsee und somit auch die Doggerbank liegen inmitten hochindustrialisierter Länder, die immer mehr dieser Meeresfläche nutzen. Neben Schifffahrt und Fischerei gehört dazu längst auch der Ausbau der Offshore-Windenergie. 2024 betonte <a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">eine unabhängige Studie, dass die Doggerbank dafür geeignet</a> sei und so zur Dekarbonisierung Deutschlands mit beitragen kann. Und, welche Grenzen es in diesem Ökosystem für den Windkraftabbau gibt: „Eine Bewertung der Schutzgüter im räumlichen Zusammenhang ergab, dass auf einer dreistufigen Skala (gering, mittel, hoch) dem gesamten NSG „Doggerbank“ ganzflächig für die Schutzgüter Pelagische Primärproduktion, Benthische Lebensräume, Fische, Rastvögel, Zugvögel und Marine Säugetiere eine mindestens geringe bis mittlere Bedeutung zuzuweisen ist (vgl. Abbildung 1), da davon auszugehen ist, dass die genannten Schutzgüter in verschieden hohen Dichten im NSG „Doggerbank“ vorkommen.“ Dabei besteht hier Konfliktpotential mit den vor allem in den Strömungen an den Rändern der Doggerbank jagenden Schweinswale sowie den auf der Sandbank jagenden Seevögeln. Beide Tiergruppen haben höchste Schutzkategorien. <p>Positiv für diese und andere Zielgruppen dürfte sich der bislang schon an anderen Stellen nachweisbare Anstieg des Bodenlebens auswirken: <a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">Windparkfundamente sind künstliche Riffe, auf</a> denen sich viele Lebensformen ansiedeln, die wieder Fische und größere Meeresbewohner anziehen. Beim Ausbau solcher Offshore-Windparks auf dieser Sandbank müssen jedenfalls <a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">unbedingt die naturschutzrechtlichen Anforderungen</a> eingehalten werden – vor Zerstörung, Schall und anderen Bedrohungen des reichen Meereslebens. Dafür seien auch noch weitere Grundlagenforschungsprojekte nötig, etwa zu den Routen der Zugvögel in diesem Areal.</p><p><a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">Die Empfehlung der Studie lautet: „Im Ergebnis lässt sich</a> festhalten, dass die „Doggerbank-Studie“ die bis zum jetzigen Zeitpunkt bekannten Sensitivitäten der relevanten Schutzgüter gegenüber der Nutzung des NSG „Doggerbank“ durch Offshore-Windenergie aufzeigt. Kenntnislücken wurden konkretisiert und Lösungsansätze für offene Fragestellungen formuliert, sodass zu einem späteren Zeitpunkt vor dem Hintergrund umfassenderer Kenntnisse eine fundierte Entscheidung bzgl. der Nutzung des NSG „Doggerbank“ durch Offshore-Windenergie getroffen werden kann. Da der Bau von Offshorewindenergieanlagen immer einen Eingriff in den marinen Lebensraum darstellt, bleibt diese Entscheidung eine politische Entscheidung zwischen Klima- und Biodiversitätsschutz.“</p></p> <p>Neben dem Beifang, dem Unterwasserlärm, der Schadstoffbelastung und Lebensraumzerstörung leiden gerade flache Schelfmeere wie die Nordsee zunehmend unter der Klimakrise – die schnelle Wassererwärmung hatte bereits in den letzten Jahrzehnten zu einem Schrumpfen der Brutkolonien und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/">ausgedehnten Seevogelsterben rund um die Nordsee geführt</a> und diese Populationen dauerhaft verringert. Dazu kommen immer häufiger verheerende Zoonosen wie die Vogelgrippe, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/">durch industrielle Tierhaltung und Meereserwärmung vorangetrieben werden und immer wieder Artgrenzen überspringen.</a><br></br>Auch wenn ich pro-Windkraft-Ausbau bin: Auch nachhaltige Energien müssen mit möglichst geringem ökologischen Impact geplant und erzeugt werden.</p> <p>Eine weitere Nutzungsform auch der südlichen Nordsee sind Offshore oder küstennahe Raketenstartbasen privater Unternehmen <a href="https://www.eurospaceport.com/northsea" rel="noopener">wie SpacePort North Sea in Esbjerg</a>, <a href="https://saxavord.com/" rel="noopener">Saxavord auf der nördlichen Shetland-Insel Unst</a> oder die geplante deutsche Startbasis <a href="https://www.nsrac.org/projects/european-offshore-spaceport-test-launches-in-the-north-sea/" rel="noopener">GOSA (German Offshore Space Alliance)</a> auf einer beweglichen Plattform. Sie sollen den wachsenden Markt kleiner Satelliten-Starts befriedigen. Das <a href="https://www.heise.de/en/news/Rocket-launches-in-the-North-Sea-government-fears-massive-environmental-impact-10237220.html" rel="noopener">Bundesumweltministerium und NGOs fürchten, dass Abgase, Lärm und mechanische Störungen wie der Abwurf</a> von Raketenstufen das ohnehin angeschlagene Ökosytem noch weiter belasten wird. Ich befürchte das auch. Allerdings habe ich den Eindruck, dass dieses Problem vernachlässigbar ist, da seit Jahren der große Durchbruch vorhergesagt wird, ohne dass wirklich viel passiert. Das Geschäftsmodell scheint zumindest zurzeit eher von Aufbruchstimmung als von Aufträgen zu leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Doggerbank – versunkene Landschaft in der Nordsee » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Die Doggerbank ist heute eine ausgedehnte, untergetauchte Sandbank in der zentralen Nordsee. Teile davon in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands und der Niederlande sind aufgrund ihrer reichen Biodiversität als Meeresschutzgebiete ausgewiesen.</p> <h2><strong>Doggerlands Steinzeit-Landschaft</strong></h2> <p>Wie die ganze Nordsee ist auch die Doggerbank geografisch sehr jung: das Gebiet von 300 bis 350 km Länge in Ost-West Richtung und bis zu 120 km Breite entstand erst nach dem Ende der letzten Eiszeit, zunächst war sie vermutlich eine Moränenbildung des Pleistozäns in der Mündung des zu dieser Zeit viel weiter reichenden Rheins. Als während der Vereisung der Meeresspiegel bis zu 100 m niedriger als heutzutage lag, war Doggerland eine Landverbindung zwischen England und dem Festland und von Menschen besiedelt.<br></br>In der Mittelsteinzeit um etwa 6500 v. Chr. zerbrach die Kreidefelsverbindung zwischen dem heutigen Dover und Calais, Doggerland wurde allmählich von Atlantik und Nordsee überspült. Um 6150 v. Chr. löste dann eine gigantische Hangrutschung am Kontinentalschelfabhang der norwegischen Küste <a href="https://journals.uni-lj.si/DocumentaPraehistorica/article/view/35.1" rel="noopener">die gewaltige Storegga-Rutschung aus</a>. In den anschließenden Tsunamis versank das nur wenige Meter aus dem Meer ragende Doggerland endgültig und wurde zur untergetauchten Sandbank Doggerbank. Damit versanken auch zahlreiche Relikte steinzeitlicher Besiedlung, so finden heutige Fischer regelmäßig Reste von Mammuts oder Hirschen sowie steinzeitlicher Werkzeuge und Waffen in ihren Schleppnetzen. Außerdem tauchten gerade vor den englischen Küsten bei flachem Wasser immer wieder versunkene Baumreste auf, Relikte einstiger Wälder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="838" sizes="(max-width: 615px) 100vw, 615px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland.png 615w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Doggerland-220x300.png 220w" width="615"></img></a><figcaption>Quelle: BlueSky-Skeet von Anfor</figcaption></figure> <p>Obwohl <a href="https://web.archive.org/web/20101021075909/http:/geolmag.geoscienceworld.org/cgi/content/abstract/96/1/33" rel="noopener">bereits um 1959 erstmals beschrieben</a> und seit 1965 von der University Warwick erforscht, wurde diese versunkene Steinzeitlandschaft erst in den letzten Jahrzehnten bekannter – technische Fortschritte erlaubten die detaillierte archäologische Forschung unterhalb der Oberfläche der launischen Nordsee. Das North Sea Palaeolandscape Project kartiert den Nordseeboden und rekonstruiert mit 3D seismischen Daten die Landschaft, in der die Menschen des Mesolithikums lebten.<br></br><a href="https://warwick.ac.uk/news/pressreleases/north-sea-lost-world/" rel="noopener">2025 ermöglichte sedimentary ancient DNA (sedaDNA) aus Bohrkernen des Nordsee-Sediments die Rekonstruktion längst vergangener Pflanzengesellschaften</a> wie Wälder – hier wuchsen um 16.000 v. Chr. und damit viel früher, als bislang gedacht, Baum-Arten „aus gemäßigten Waldgebieten, darunter Eiche, Ulme und Hasel, bereits Tausende von Jahren früher […], als dies aus britischen Pollenaufzeichnungen hervorgeht. Auch die Linde (Tilia), ein wärmeliebender Baum, taucht etwa 2.000 Jahre früher auf, als bisher auf dem britischen Festland dokumentiert, was darauf hindeutet, dass Gebiete in Doggerland während der letzten Eiszeit möglicherweise als nördliches Refugium gedient haben“. Doggerland war offenbar während des kühleren Klimas eine <br></br><a href="https://warwick.ac.uk/news/pressreleases/north-sea-lost-world/" rel="noopener">Zeitkapsel für Bäume, so wie das Sediment eine Zeitkapsel für die Baum-Diversität ist.</a></p> <p>Diese Erhaltung von Holz, Knochen und anderen Materialien wurde durch die  anoxischen Bedingungen im Nordsee-Sediment ermöglicht: Wenn man am Nordseestrand die obere Sandschicht im Watt wegkratzt, kommt darunter oft schwärzlicher, nach Schwefelwasserstoff stinkender Matsch zum Vorschein. Darin werden Knochen, Holz u a organische Bestandteile schwarz gefärbt, aber vor bakterieller Zersetzung bewahrt.</p> <p>Dieses Video gibt einen guten Überblick über diese versunkene Landschaft:<aside></aside></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/DECwfQQqRzo?feature=oembed&amp;rel=0" title="How Doggerland Sank Beneath The Waves (500,000-4000 BC) // Prehistoric Europe Documentary" width="666"></iframe> </p></figure> <p><strong>Zum Weiterlesen:<br></br></strong>Jason Urbanus: Mapping a Vanished Landscape – Evidence of a lost Mesolithic world lies deep beneath the dark waters of the North Sea (<strong><a href="https://archaeology.org/department/letter-from-doggerland/" rel="noopener">Letter from Doggerland</a>  <a href="https://archaeology.org/issues/march-april-2022/" rel="noopener">March/April 2022</a></strong></p> <h2><strong>Sandbanksystem voller Meeresleben</strong></h2> <p>Die heutige Doggerbank liegt in durchschnittlich <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Doggerbank" rel="noopener">30 m Tiefe und ist damit wesentlich flacher als die restliche Nordsee</a> mit durchschnittlich fast 90 m Wassertiefe. An manchen Stellen sind es sogar nur 13 Meter bis zur Wasseroberfläche. Damit gehört die Sandbank zum sogenannten Sublitoral und ist als <a href="https://web.archive.org/web/20160624083620/https:/www.bfn.de/20021.html" rel="noopener">„Sandbank mit nur schwacher ständiger Überspülung durch Meerwasser“</a> durch die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Richtlinie_92/43/EWG_(Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie)" rel="noopener">Fauna-Flora-Habitatrichtlinie</a> der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europ%C3%A4ische_Union" rel="noopener">Europäischen Union</a> geschützt, in deutschen und niederländischen Gewässern sind Meeresschutzgebiete ausgewiesen. Weitere Teile des Systems aus Sandbänken gehören zu England und Dänemark, auch dort sind MPAs (Marine Protected Areas) ausgewiesen.</p> <p>Guter Einführungsfilm des BfN für das Naturschutzgebiet Doggerland:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/8XtxuDfM2tQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Naturschutzgebiet Doggerbank" width="666"></iframe> </p></figure> <p><br></br>Der flache Sand- und Kiesboden ist wenig von Pflanzen und Algen bewachsen und bietet artenreichen Sandbodengemeinschaften ein Zuhause – von der winzigen Meiofauna im Sandlückensystem über viele Borstenwürmer und <a href="https://web.archive.org/web/20200926153617/https:/www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/themen/meeresundkuestenschutz/downloads/Marine-Biotoptypen/Biotoptyp-Schlickgruende.pdf" rel="noopener">Seefedern bis zu grabenden Krebsen</a>.<br></br>Außerdem bestehen etwa <a href="https://www.mgf-nordsee.de/ueber-uns/untersuchungsgebiete/borkum-riffgrund/" rel="noopener">im deutschen Areal intakte Muschelbänke aus Pferde- oder Großen</a> Miesmuscheln, die ein reich gegliedertes Habitat für viele andere Arten sind. Die mit ihren Byssusfäden fest verklebten Muscheln sind ein künstlicher fester Untergrund, auf dem andere Tiere oder Algen sich ansiedeln können, gleichzeitig bildet ihre <a href="https://publications.deltares.nl/1221293_000_Eng.pdf" rel="noopener">dreidimensionale Riff-Struktur</a> wie eine „Stadt unter Wasser“ viele Schlupfwinkel mit unterschiedlichen Licht- und Strömungsbedingungen zum Verstecken. </p> <p>Das flache Wasser über der Sandbank erwärmt sich stärker und schneller. An den Rändern hingegen wird die Nordsee schnell tiefer und kühler, dort entstehen auch starke Strömungen. Das <a href="https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/Doggerbank-BUND-2025.pdf" rel="noopener">Aufeinandertreffen dieser unterschiedlichen Wasserkörper</a> und die Strömungen führen zu einem Gewimmel von Plankton, Fischen und anderen Meeresbewohnern. Das massenhaft auftretende Plankton und Benthos (am Boden) bietet viel Beute-Biomasse für Fische, sowohl Jungfische, als auch erwachsene Fische meist kleinerer Arten jagen hier. Der Fischreichtum zieht wieder Schweinswale, Haie und Rochen an. Die Nordseeschweinswale finden <a href="https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/Doggerbank-BUND-2025.pdf" rel="noopener">dort etwa die kleinen, aber fetten Sandaale – kleine Fische, die hier zu Tausenden aufrecht</a> im Sand stecken (und nichts mit Aalen zu tun haben, sondern klein und gestreckt sind). Vor allem Schweinswalmütter bekommen <a href="https://www.bund.net/fileadmin/user_upload_bund/publikationen/meere/Doggerbank-BUND-2025.pdf" rel="noopener">dort ihre Kälber satt. Auch Gruppen von Weißschnauzendelphinen jagen gern in diesem Revier. Außerdem ziehen die Planktonwolken besonders viele Zwergwale</a> an, die kleinsten Bartenwale des Nordatlantikbereichs, sowie die ebenfalls planktonfiltrierenden Riesenhaie.</p> <p>Das flache Areal voller Sandaale ist außerdem die Lebensgrundlage der an den umliegenden Küsten lebenden Papageientaucher-Brutkolonien und manch anderer Seevögel. Aber auch Basstölpel, Trottellummen, Eissturmvögel und verschiedene Möwen finden hier reichlich Fisch – sie stürzen sich aus der Luft ins Wasser und erbeuten die leicht erreichbaren kleine Fische und Krebse auf der flachen Doggerbank.<br></br></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-680x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-680x1024.png 680w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-199x300.png 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57-768x1157.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-57.png 960w" width="680"></img></a><figcaption>Papageientaucher mit Sandaalen im Schnabel (Wikipedia: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Erik_Christensen" rel="noopener">Erik Christensen</a>: Atlantic Puffin (Fratercula arctica), Faroe Islands)</figcaption></figure> <h2><strong>Rewilding Doggerbank</strong></h2> <p>Da die Doggerbank in den letzten Jahrtausenden von vielen Schiffen befahren wurde, von denen so manche sanken, bilden Wracks auf dem Meeresboden künstliche Riffe und reiche Lebensräume – die <a href="https://edepot.wur.nl/572820" rel="noopener">Dogger Bank Expedition 2021</a>erbrachte Daten und Bilder zu diesen künstlichen Ökosystem. Dazu gehören auch Wracks, bewachsen von Algen, Polypen und anderen festsitzenden Organismen sowie dort festgehakte Hai-Eier und Oktopusse, die es als Deckung nutzt. Außerdem wohnen dort auch große Hummer und ganze Kolonien pastellfarbener Manteltiere.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56.png"><img alt="" decoding="async" height="821" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 827px) 100vw, 827px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56.png 827w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56-300x298.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-56-768x762.png 768w" width="827"></img></a><figcaption>BlueSky-Skeet der Doggerland Foundation: Pferdemuschel-Lebensgemeinschaft</figcaption></figure> <p>Der Fischreichtum der Doggerbank zieht seit jeher auch Fischer an. Durch die intensive Fischerei der Neuzeit, die oft den Meeresboden regelrecht umpflügt und Riffe zerschlägt, sowie den schlechten Zustand der Nordsee etwa durch Schadstoffe ist auf Teilen der Doggerbank bereits ein Teil der Artenvielfalt verloren gegangen. Bisherige <a href="https://www.ble.de/SharedDocs/Downloads/DE/Fischerei/Fischereimanagement/Natura-2000-Gebiete/Informationsblatt.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2" rel="noopener">Einschränkungen der Fischerei reichen bei Weitem</a> nicht aus. Wegen der großen Bedeutung dieses Teils der südlichen Nordsee für Meeressäuger und -vögel sowie ganze Meeresökosysteme fordert eine internationale Koalition im <a href="https://www.endangeredlandscapes.org/project/dogger-bank/" rel="noopener">Endangered Landscapes and Seascapes Programme,</a> an der auch <a href="https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/die-doggerbank-das-herz-der-nordsee/" rel="noopener">die deutsche NGO BUND beteiligt</a> ist, neben einem vollständigen Fischereiverbot das Rewilding dieser großen Sandbank. Der bisherige Meeresschutz geht ihnen nicht weit genug, da er keinesfalls die zerstörerische Nutzung dieses ökologisch bedeutsamen Gebiets ausschließt. Bislang ist nicht einmal <a href="https://web.archive.org/web/20160624083620/https:/www.bfn.de/20021.html" rel="noopener">die bodenberührende Fischerei vollständig aus dem Gebiet verbannt</a>, die verheerende Auswirkungen hat. Stattdessen fordert die Koalition die „Wiederherstellung geschädigter Lebensräume zur Förderung der marinen Artenvielfalt, zum Wiederaufbau von Riffsystemen und zur Sicherung der langfristigen ökologischen Widerstandsfähigkeit in der Nordsee“.</p> <p>D<a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/grundschleppnetze/#23-britische-meeresschutzgebiete" rel="noopener">ie britische Regierung</a> hatte im Juli 2022 in ihrem 12.000 km<sup>2</sup> umfassenden Teil der Doggerbank die bodenberührende Fischerei verboten. „<a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/schutzgebiet-doggerbank-rueckzug-der-grundschleppnetze-aus-dem-oekologischen-herz-der-nordsee/#7-wiederauferstehung-der-doggerbank" rel="noopener">Dies könnte eine Erholung und teilweise Rückkehr der ursprünglichen Lebensgemeinschaften</a> zur Folge haben. Denn mit der Strömung gelangen auch Larven der Trogmuschelarten aus anderen Teilen der Nordsee zur Doggerbank. Bisher hatten sie hier jedoch keine Chance, heranzuwachsen. Höchstens als Jungtiere kamen sie noch sporadisch vor.“ Vom Schutz eines Meeresabschnitts profitieren, da dort Jungtiere geschützt heranwachsen können, letztendlich auch die Fischerei. </p> <p>Auch niederländische Meeresschützer bemühen sich um die Einschränkung der Fischerei: „Am 11. Mai <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/schutzgebiet-doggerbank-rueckzug-der-grundschleppnetze-aus-dem-oekologischen-herz-der-nordsee/" rel="noopener">2026 entschied das Bezirksgericht Den Haag, dass niederländische Grundschleppnetzfischer </a>nicht mehr wie bisher ohne Genehmigung im geschützten Natura-2000-Gebiet Doggerbank fischen dürfen. Eine derartige generelle Ausnahmeregelung für diese schädliche Fischereimethode verstoße gegen geltendes Naturschutzrecht, urteilte das Gericht. Die Entscheidung ist ein bedeutender Sieg gegen die zerstörerischste aller legalen Fischereimethoden.“ Allerdings hat der holländische Landwirtschaftsminister Jaimi van Essen am 1. Juni 2026 eine einstweilige Verfügung beantragt, die die Fortsetzung der Grundschleppnetzfischerei ohne Genehmigung ermöglicht. <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/schutzgebiet-doggerbank-rueckzug-der-grundschleppnetze-aus-dem-oekologischen-herz-der-nordsee/" rel="noopener">Gleichzeitig habe er angekündigt, Berufung gegen das Urteil des Bezirksgerichts Den Haag einzulegen.</a></p> <p>Eine weitere Folge der Fischerei ist neben der Lebensraumzerstörung des Bodens und der Überfischung der erschreckend hohe Anteil vor allem junger Seehunde und Kegelrobben als Beifang: Die eindeutigen Verletzungen etwa am Hals oder an den Flossen bzw. amputierter Flossen führen oft zum Tod der Meeressäuger. Jungtiere werden dadurch oft skalpiert, bzw. wird der obere Teil des noch weniger verknöcherten Schädels weggerissen. <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/immer-mehr-tote-robben-in-der-nordsee/#1-skalpierte-und-erdrosselte-robben-mit-schweren-sch%C3%A4delverletzungen" rel="noopener">Forschungsergebnisse von 2021 zeigen, dass das Beifang-durch-Fischerei-Problem wesentlich größer ist</a>, als bislang angenommen – in einem Abschnitt des Ärmelkanals sind dort offenbar Hunderte von Seehunden und Kegelrobben vor allem in den <a href="https://www.stiftung-meeresschutz.org/themen/fischerei/immer-mehr-tote-robben-in-der-nordsee/#1-skalpierte-und-erdrosselte-robben-mit-schweren-sch%C3%A4delverletzungen" rel="noopener">Stellnetzen und Stellnetz-Verwickelnetzen gestorben – seit 2017 ist die Todesrat</a>e sprunghaft angestiegen.</p> <h2>Windparks auf der Doggerbank?</h2> <p>Gerade die südliche Nordsee und somit auch die Doggerbank liegen inmitten hochindustrialisierter Länder, die immer mehr dieser Meeresfläche nutzen. Neben Schifffahrt und Fischerei gehört dazu längst auch der Ausbau der Offshore-Windenergie. 2024 betonte <a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">eine unabhängige Studie, dass die Doggerbank dafür geeignet</a> sei und so zur Dekarbonisierung Deutschlands mit beitragen kann. Und, welche Grenzen es in diesem Ökosystem für den Windkraftabbau gibt: „Eine Bewertung der Schutzgüter im räumlichen Zusammenhang ergab, dass auf einer dreistufigen Skala (gering, mittel, hoch) dem gesamten NSG „Doggerbank“ ganzflächig für die Schutzgüter Pelagische Primärproduktion, Benthische Lebensräume, Fische, Rastvögel, Zugvögel und Marine Säugetiere eine mindestens geringe bis mittlere Bedeutung zuzuweisen ist (vgl. Abbildung 1), da davon auszugehen ist, dass die genannten Schutzgüter in verschieden hohen Dichten im NSG „Doggerbank“ vorkommen.“ Dabei besteht hier Konfliktpotential mit den vor allem in den Strömungen an den Rändern der Doggerbank jagenden Schweinswale sowie den auf der Sandbank jagenden Seevögeln. Beide Tiergruppen haben höchste Schutzkategorien. <p>Positiv für diese und andere Zielgruppen dürfte sich der bislang schon an anderen Stellen nachweisbare Anstieg des Bodenlebens auswirken: <a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">Windparkfundamente sind künstliche Riffe, auf</a> denen sich viele Lebensformen ansiedeln, die wieder Fische und größere Meeresbewohner anziehen. Beim Ausbau solcher Offshore-Windparks auf dieser Sandbank müssen jedenfalls <a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">unbedingt die naturschutzrechtlichen Anforderungen</a> eingehalten werden – vor Zerstörung, Schall und anderen Bedrohungen des reichen Meereslebens. Dafür seien auch noch weitere Grundlagenforschungsprojekte nötig, etwa zu den Routen der Zugvögel in diesem Areal.</p><p><a href="https://www.bioconsult-sh.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/2024/Dgb_Studie_Zusammenfassung_fuer_Entscheidungstraeger_20241028_V1.pdf" rel="noopener">Die Empfehlung der Studie lautet: „Im Ergebnis lässt sich</a> festhalten, dass die „Doggerbank-Studie“ die bis zum jetzigen Zeitpunkt bekannten Sensitivitäten der relevanten Schutzgüter gegenüber der Nutzung des NSG „Doggerbank“ durch Offshore-Windenergie aufzeigt. Kenntnislücken wurden konkretisiert und Lösungsansätze für offene Fragestellungen formuliert, sodass zu einem späteren Zeitpunkt vor dem Hintergrund umfassenderer Kenntnisse eine fundierte Entscheidung bzgl. der Nutzung des NSG „Doggerbank“ durch Offshore-Windenergie getroffen werden kann. Da der Bau von Offshorewindenergieanlagen immer einen Eingriff in den marinen Lebensraum darstellt, bleibt diese Entscheidung eine politische Entscheidung zwischen Klima- und Biodiversitätsschutz.“</p></p> <p>Neben dem Beifang, dem Unterwasserlärm, der Schadstoffbelastung und Lebensraumzerstörung leiden gerade flache Schelfmeere wie die Nordsee zunehmend unter der Klimakrise – die schnelle Wassererwärmung hatte bereits in den letzten Jahrzehnten zu einem Schrumpfen der Brutkolonien und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/">ausgedehnten Seevogelsterben rund um die Nordsee geführt</a> und diese Populationen dauerhaft verringert. Dazu kommen immer häufiger verheerende Zoonosen wie die Vogelgrippe, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/">durch industrielle Tierhaltung und Meereserwärmung vorangetrieben werden und immer wieder Artgrenzen überspringen.</a><br></br>Auch wenn ich pro-Windkraft-Ausbau bin: Auch nachhaltige Energien müssen mit möglichst geringem ökologischen Impact geplant und erzeugt werden.</p> <p>Eine weitere Nutzungsform auch der südlichen Nordsee sind Offshore oder küstennahe Raketenstartbasen privater Unternehmen <a href="https://www.eurospaceport.com/northsea" rel="noopener">wie SpacePort North Sea in Esbjerg</a>, <a href="https://saxavord.com/" rel="noopener">Saxavord auf der nördlichen Shetland-Insel Unst</a> oder die geplante deutsche Startbasis <a href="https://www.nsrac.org/projects/european-offshore-spaceport-test-launches-in-the-north-sea/" rel="noopener">GOSA (German Offshore Space Alliance)</a> auf einer beweglichen Plattform. Sie sollen den wachsenden Markt kleiner Satelliten-Starts befriedigen. Das <a href="https://www.heise.de/en/news/Rocket-launches-in-the-North-Sea-government-fears-massive-environmental-impact-10237220.html" rel="noopener">Bundesumweltministerium und NGOs fürchten, dass Abgase, Lärm und mechanische Störungen wie der Abwurf</a> von Raketenstufen das ohnehin angeschlagene Ökosytem noch weiter belasten wird. Ich befürchte das auch. Allerdings habe ich den Eindruck, dass dieses Problem vernachlässigbar ist, da seit Jahren der große Durchbruch vorhergesagt wird, ohne dass wirklich viel passiert. Das Geschäftsmodell scheint zumindest zurzeit eher von Aufbruchstimmung als von Aufträgen zu leben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/doggerbank-versunkene-landschaft-in-der-nordsee/#comments 16 Kurze Geschichte fossiler Konzernmedien – und ihr Schicksal in der Polykrise https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurze-geschichte-fossiler-konzernmedien-und-ihr-schicksal-in-der-polykrise/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurze-geschichte-fossiler-konzernmedien-und-ihr-schicksal-in-der-polykrise/#comments Wed, 08 Jul 2026 22:05:11 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11391 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-768x1024.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurze-geschichte-fossiler-konzernmedien-und-ihr-schicksal-in-der-polykrise/</link> </image> <description type="html"><h1>Kurze Geschichte fossiler Konzernmedien - und ihr Schicksal in der Polykrise » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Ein lieber Freund noch aus Bundeswehrtagen fragte mich neulich, was genau ich mit „fossilen Konzernmedien“ meinte. Und die Antwort interessierte ihn so, dass ich entschied, bei nächster Gelegenheit darüber zu bloggen.</p> <p>Knapp gesagt dominierte von der Erfindung des alphabetisierten Buchdrucks durch den Mainzer <strong>Johannes Gutenberg (1400 – 1468) </strong>bis ins 19. Jahrhundert noch das Autoren-Verleger-Modell: Überwiegend männliche Autoren schrieben Texte und boten diese fast ausschließlich männlichen Verlegern an, die sie erwarben, druckten und verkauften.</p> <p>Doch mit der fossilen Industrialisierung entstanden große Konzerne und Nationalstaaten mit neuen Städten und Verkehrswegen wie Schiffen, Eisenbahnen und später Kraftfahrzeugen auf Basis von Kohle und Erdöl. Immer bessere Druckmaschinen fertigten immer größere Auflagen zu immer günstigeren Preisen, die ersten Werbeanzeigen erschienen. Nun wurden etwa Texte für Zeitungen und Zeitschriften immer seltener von freien Autoren, sondern zunehmend von Lohnschreibern verfasst, die wiederum von Chefredakteuren eingestellt und kontrolliert wurden.</p> <p>Diese Entwicklung beobachte und kritisierte schon <strong>Heinrich Heine (1797 – 1856)</strong> in Frankreich. Auch der Mitbegründer der deutschen Arbeiterbewegung, <strong>Ferdinand Lasalle (1825 – 1864)</strong> geißelte in seiner Rede <em>„Die Feste, Die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag. Drei Symptome des öffentlichen Geistes“</em> von 1863 das Übergreifen des fossilen Kapitals auf die gedruckte Berichterstattung und öffentliche Meinung.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Nachdruck der ZEIT-Erstausgabe vom 21. Februar 1946 zeigt die drei Überschriften &quot;Die erste Probe&quot;, &quot;Unsere Aufgabe&quot; und &quot;Parteien&quot; über einem Gedicht und Druckstich zum Thema &quot;Treibeis&quot;." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Ein Nachdruck der ZEIT-Erstausgabe vom 21. Februar 1946 lag 80 Jahre später der aktuellen ZEIT-Ausgabe bei. Die Wochenzeitschrift wurde zu einem der letzten, bis heute stabil liberal-demokratischen Konzernmedien in deutscher Sprache. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Doch der Vormarsch der zunehmend autoritären Medienkonzerne bis zum europäischen Faschismus war nicht mehr aufzuhalten, zumal am 13. Oktober 1883 in der „Leipziger Illustrirte Zeitung“ die erste Fotografie auf Basis von Autotypie gedruckt wurde. Noch <strong>Walter Benjamin (1892 – 1940)</strong> reflektierte über die Wucht gerade auch dieses Mediums wie auch des Films in <em>„Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“</em> von 1936. Darin erkannte er auch schon deren <strong>mimetische Wirkungen</strong>:</p> <p><em>„Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.“ </em>(Suhrkamp 1963 / 2018, S. 36)</p> <p>In ihrer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank">wichtigen Studie zum mimetischen Durchbruch des Antisemitismus</a>, <em>„Dialektik der Aufklärung“</em> von 1944, formulierten <strong>Theodor W. Adorno (1903 – 1969) </strong>und <strong>Max Horkheimer (1895 – 1973) </strong>den Vorwurf der von fossil (direkt oder durch Werbung) finanzierten Konzernmedien bestimmten <em><strong>„Kulturindustrie“</strong></em> bereits in beißender Schärfe:</p> <p>„<em>Wenn die objektive gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter sich in den subjektiven dunklen Absichten der Generaldirektoren inkarniert, so sind es originär die der mächtigsten Sektoren der Industrie, Stahl, Petroleum, Elektrizität, Chemie. […]</em></p> <p><em>Alle sind frei, zu tanzen und sich zu vergnügen, wie sie, seit der geschichtlichen Neutralisierung der Religion, frei sind, in eine der zahllosen Sekten einzutreten. […]</em></p> <p><em>Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“ </em>– Zitiert nach: Adorno &amp; Horkheimer, „Kulturindustrie“ (1944), Reclam 2025, S. 10 &amp; 73</p> <p>Erst in jüngerer Zeit wird wieder erkannt, dass ohne <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-26-von-elon-musk-und-alfred-hugenberg/" rel="noopener" target="_blank">die Beihilfe des Medienmoguls <strong>Alfred Hugenberg (1865 – 1951)</strong> die NSDAP nicht an die Macht</a> gekommen wäre. Der Blick auf <strong>Peter Thiel</strong>, <a href="https://mmm.verdi.de/aktuelle-meldungen/vorbild-fuer-musk-co-medienzar-hugenberg-103285/" rel="noopener"><strong>Elon Musk</strong> und den Berliner AxelSpringer-Konzern</a> liegt nahe. So hatte ich zur Analyse der Bundestagswahl 2025 aus der Perspektive von <a data-wplink-url-error="true" href="http://Angesichts dieser langen und breiten Erfahrungen war auch ich als Verfechter des deutschen, gemischten Mediensystems im Vorfeld der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 negativ überrascht vom Zusammenbruch der Medienethik bis in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) hinein. Da die Wahl wegen des Zerfalls der Ampel-Koalition vorgezogen werden musste, waren die Emotionalisierung und die Angst vor einem Staatsversagen ohnehin bereits verstärkt. Nicht zuletzt hatte die „Welt am Sonntag“ am 28. Dezember 2024 einen Wahlaufruf des US-Rechtslibertären und „X“-Besitzers Elon Musk zugunsten der rechtsdualistischen AfD abgedruckt. Die Leiterin des Ressorts „Meinung“ der Zeitung, Eva Marie Kogel, hatte daraufhin – medienethisch völlig zu Recht – ihre Kündigung eingereicht." rel="noopener" target="_blank"><strong>„Medien &amp; Mimesis“</strong></a> bereits geschrieben:</p> <p> <em>„Angesichts dieser langen und breiten Erfahrungen war auch ich als Verfechter des deutschen, gemischten Mediensystems im Vorfeld der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 negativ überrascht vom Zusammenbruch der Medienethik bis in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) hinein. Da die Wahl wegen des Zerfalls der Ampel-Koalition vorgezogen werden musste, waren die Emotionalisierung und die Angst vor einem Staatsversagen ohnehin bereits verstärkt.</em></p> <p><em>Nicht zuletzt hatte die „Welt am Sonntag“ am 28. Dezember 2024 einen Wahlaufruf des US-Rechtslibertären und „X“-Besitzers Elon Musk zugunsten der rechtsdualistischen AfD abgedruckt. Die Leiterin des Ressorts „Meinung“ der Zeitung, Eva Marie Kogel, hatte daraufhin – medienethisch völlig zu Recht – ihre Kündigung eingereicht.“</em>  </p> <p><strong>Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich: Die Parteivorsitzenden-Konzernexekutive</strong></p> <p>Tatsächlich hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und im Angesicht der Gegnerschaft der Sowjetunion ein Politik-Mediensystem herausgebildet, in dem sich wenige demokratische Partei- und Regierungschefs mit wenigen Chefredakteuren und „Generaldirektoren“ zur rechtsstaatlich abgesicherten, liberalen Demokratie verbündet hatten. Konzernmedien und Gewerkschaften gaben sich gerne liberal und Mitte-Links, fossile Konzernchefs Mitte-Rechts, aber es gab dennoch einen gewissen Konsens über die Gesellschaftsform. <strong>Redaktionen funktionierten dabei als „Gatekeeper“</strong>, die auf einem recht hohen Standard der Medienethik darüber wachten, welcher Meinungskorridor in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen zulässig war. </p> <p>In der Bundesrepublik Deutschland erfolgte <strong>die mimetische Abkehr von der kurzen Phase parlamentarischer Offenheit</strong> bereits mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">dem ersten Koalitionsvertrag und Koalitionsausschuss von 1961</a>, der das freie Mandat der gewählten Abgeordneten nach Artikel 38 Grundgesetz durch eine überzogene Fraktionsdisziplin ablöste und der Parteivorsitzenden-Exekutive auch zunehmend die Gesetzgebung (Legislative) übertrug. Faktisch wurde seitdem die politische Macht in Deutschland zwischen einer kleinen Zahl von möglichst integrativen Parteivorsitzenden und bürgerlichen Chefredakteuren (je fast durchweg Männer) verwaltet, ein politisch-medialer „Meinungskorridor“ definiert, aber auch eigenständige und kritische Abgeordnete als „Abweichler“ ausgegrenzt und abgestraft. In Zeiten der Zeitungs- und vor allem Fernsehdemokratie klappte das noch erstaunlich gut.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links der kurze Bundes-Koalitionsvertrag von 1961, rechts der ausführliche Bundes-Koalitionsvertrag von 2025. " decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Schon der erste <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/#comment-207938" rel="noopener" target="_blank">zwischen den Vorsitzenden von CDU, CSU und FDP im Oktober 1961 (kurz nach dem Berliner Mauerbau) geschlossene Koalitionsvertrag unterwarf die gewählten Abgeordneten einer strengen Fraktionsdisziplin und die gesamte Regierung einem im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsausschuss</a>. Neuere Koalitionsverträge und Koalitionsausschüsse legen sogar Details der Gesetzgebung fest, die dann in Eilverfahren durch den Bundestag gepeitscht und „umgesetzt“ werden sollen. Selbst zentrale Gesetzgebungen zu Rente, Haushalt und Steuern werden nun in nichtöffentlichen Parteikommissionen beraten und „beschlossen“. Foto: Michael Blume</em></p> <p><strong>Die digitale Zerblasung und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">Karbonblasen-Selbstzerstörung des Fossilismus</a></strong></p> <p>Mit der Internet-Digitalisierung insbesondere seit der Einführung von YouTube (ab 2005), des Smartphones (ab 2007) und von KI-Chatbots (ChatGPT ab November 2022) brachen <strong>die Reichweiten und Werbeeinnahmen der fossilen Zeitungs- und Fernsehmedien</strong> zusammen. In der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-lehrt-mensch-den-medien-und-zeitenumbruch-kit-einfuehrungsvortrag-zur-aufmerksamkeitsoekonomie-ws-24-25/" rel="noopener" target="_blank"><strong>digitalen Aufmerksamkeitsökonomie</strong></a> verdrängen Videos, Podcasts und sprechende KI-Bots zunehmend die Alphabetschriften.</p> <p><em><strong>Ein massives Redaktions- und Zeitungssterben hat eingesetzt, wogegen Internet-Konzernmedien sowie semi-politische Verschwörungsunternehmer wachsende Anteile der menschlichen Aufmerksamkeit durch algorithmische Thymotisierung (Angst- und Empörungsschleifen, Rechtsmimesis) für Macht-, Werbe- und Propagandazwecke bewirtschaften.</strong></em></p> <p>Immer wieder wird diskutiert, ob algorithmische, „soziale Konzernmedien“ nicht eigentlich antisozial wirken, zumal auf selbstorganisierten Fediversum-Medien wie Mastodon sehr viel mehr und bessere Dialoge gelingen.</p> <p>Anstelle des liberal-demokratischen Meinungskorridors ist daher eine digitale Zerblasung getreten, in der sich Menschen unter Gleichgesinnten in ihren jeweiligen Freund-Feind-Wahrnehmungen (feindseliger Dualismus) gegenseitig bestätigen – und oft noch durch Algorithmen verstärken lassen.</p> <p>So <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/analyse-zur-hamburg-wahl-der-fediversum-linksruck-kontert-den-fossilen-rechtsruck/" rel="noopener" target="_blank">tendieren weltweit Männer, Ältere und Menschen in ländlichen Regionen zunehmend häufiger nach rechts, Frauen, Jüngere und Menschen in Stadtregionen häufiger nach links</a>. Die demokratische Mitte wird (wiederum: weltweit) zerrieben.</p> <p><a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-04/querdenken-verschwoerer-mythologie-bargeld-antisemitismus-michael-blume" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Demonstrant gegen Maßnahmen der Covid19-Pandemie mit einem gebastelten Plastikvirus über dem Titel: Querdenken: Die libertäre Verschwörungsmythologie des Geldes von Dr. Michael Blume auf zeit.de von 2021" decoding="async" height="389" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VerschwoerungsmythenGeldAntisemitismusBlume0421.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VerschwoerungsmythenGeldAntisemitismusBlume0421.jpg 520w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VerschwoerungsmythenGeldAntisemitismusBlume0421-300x224.jpg 300w" width="520"></img></a></p> <p><em>Mein eigentlich <a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-04/querdenken-verschwoerer-mythologie-bargeld-antisemitismus-michael-blume" rel="noopener" target="_blank">für den Sammelband „Fehlender Mindestabstand“ zur Querdenken-Bewegung gedachte Artikel zur „libertären Verschwörungsmythologie des Geldes“ und den Gold-, Krypto-, Esoterik- und Querschenken-Abzocken durch Verschwörungsunternehmer wirkt bis heute über die ZEIT</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Verstärkt wird dieser Zerfall der Medienwelt noch durch <strong>die Karbonblasen-Selbstzerstörung des Fossilismus</strong>: Weil aufgrund der Treibhausgase und globalen Erhitzung die meisten Öl- und Gasmengen in der Erde bleiben müssten, attackieren fossil finanzierte Konzernmedien Wissenschaftlerinnen, Politiker und junge Menschen, die sich für die post-fossile Transformation einsetzen. So werden wissenschaftliche Erkenntnisse über die Klima- und Wasserkrise geleugnet, Desinformationen über angebliche Kosten und Gefahren von Batterien und Windrädern verbreitet, sogar antisemitische Verschwörungsmythen algorithmisch verbreitet. Weitere beliebte Tricks, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-schaut-denn-niemand-hin-erkenntnistheorie-fossilismus-und-karbonblase/" rel="noopener" target="_blank">um <strong>möglichst lange Profite aus der Karbonblase (Carbon Bubble)</strong></a> zu ziehen, bestehen in</p> <ul> <li><strong>Greenwashing, </strong>dem Vortäuschen ökologischer Technologien wie dem zeitweisen Rebranding des Fossilkonzerns BP als „Beyond Petrol“</li> <li><strong>Timewashing,</strong> dem Ankündigen ehrgeiziger Klimaziele für spätere Jahre, die dann aber vor Erreichen wieder als „unrealistisch“ attackiert, abgeschwächt und verschoben werden sowie</li> <li><strong>Krieg &amp; Terror, </strong>um die je eigene Fossilherrschaft möglichst lange aufrecht zu erhalten und weitere Fossilressourcen entweder zu übernehmen oder zu blockieren</li> </ul> <p>Schließlich <strong>verschärft auch noch die säkulare Geburtenimplosion die mediale Zerblasung, </strong>indem sie mangels jüngerer Menschen in eine <strong>Traditionalismusfalle</strong> gerade auch in Familienfragen führen kann: Immer mehr Männer bestehen auf „traditionellen“ Familienrollen, immer mehr Frauen verweigern sich diesen – und die Geburtenraten insbesondere in Asien brechen immer weiter ein.</p> <p>Immer größere, vor allem ländliche Regionen rutschen demografisch in den Bevölkerungs-, Nachfrage- und Investitionsrückgang, wogegen wenige, vor allem städtische Regionen durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland demografisch, kulturell, aber leider auch wohnungspreislich wachsen – das Leben in Großstädten ist bunt, dynamisch, aber wiederum für Familien mit vielen Kindern oft viel zu teuer.</p> <p>Schon jetzt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>subventioniert China seine massiven Exporte</strong> auch, weil mangels Kindern die Binnennachfrage</a> niedergeht! Aber Autos kaufen keine Autos, Maschinen brauchen keine Wohnungen, KI-Rechenzentren blähen sich zu Spekulationsblasen und kaum jemand investiert noch nachhaltig in Regionen, in denen es kaum noch Nachwuchs gibt.</p> <p>Andererseits kann <strong>eine schnell schrumpfende Bevölkerung auch den Fossilismus schneller überwinden und den gefährlichen Treibhausgas-Effekt zumindest noch abbremsen</strong>. Und immer mehr Daten sprechen dafür, dass wir Menschen schon bis zur Mitte des Jahrhunderts in eine weltweite Bevölkerungsschrumpfung übergehen werden.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Datengrafik von &quot;Our World in Data&quot; von 2025, in der die Abnahme der Kinderzahl laut UN-Projektionen übertrieben positiv dargestellt ist." decoding="async" height="905" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Selbst <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">nach den staats-offiziellen und also wahrscheinlich deutlich aufgeblähten Zahlen der UN</a> wurde um 2012 der „Peak Child“, Kindergipfel unterschritten, sinkt seitdem bereits die Zahl der jungen Menschen. Damit aber schrumpfen die kommenden Elterngenerationen, so dass sich der Bevölkerungsrückgang wie früher das Bevölkerungswachstum exponentiell verstärkt.</em></p> <p><strong>Hoffnungen: Die redaktionelle Gesellschaft in Solarpunk-Arche-Regionen</strong></p> <p>In Summe komme ich also zu dem klaren Ergebnis, dass <strong>die fossilen Konzernmedien mitsamt der nationalstaatlichen Parteiexekutiven untergehen</strong>, aber damit nicht die ganze Menschheit. Ich rechne damit, dass immer mehr Regionen rechtsmimetisch, demografisch und wirtschaftlich schrumpfen, aber auch weiterhin einige Solarpunk-Arche-Regionen demokratisch, vielfältig und postfossil blühen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Gastbeitrag von Dr. Michael Blume beim Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE-BW) mit dem Titel: Vom Cyperpunk zum Solarpunk - warum Bildungsarbeit gegen Jass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht" decoding="async" height="685" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 724px) 100vw, 724px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg 724w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626-300x284.jpg 300w" width="724"></img></a></p> <p><em>In einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank">Gastbeitrag beim <strong>Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE-BW)</strong> plädierte ich für ein Anerkennen der Probleme und Aufklären der Verschwörungsmythen, aber dennoch auch für eine <strong>Haltung der Solarpunk-Hoffnung</strong></a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Die Polykrise sehe ich im Kontext eines durch Selbstzerstörung beschleunigten Zerfalls des Fossilismus, der leider noch viele Gesellschaften, ganze Staaten und Völker mit sich reißt. Zugleich hat aber auch bereits <strong>Ungarn</strong> gezeigt, dass sich nach langen Jahren sogar eine (zahlenmäßig kleine) Nation wieder gegen die Vorherrschaft eines korrupten Konzern-Autokraten wenden konnte, obwohl dieser sowohl die Konzern- wie auch Staatsmedien kontrolliert hatte. Neben einem intensiven Redemarathon des jetzigen Ministerpräsidenten <b id="mwBw">Péter Magyar (TISZA, EVP) </b>trugen vor allem neue und Konzern-unabhängige Internetmedien zu diesem Erfolg bei.</p> <p>Ich bin <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedicht-die-feuer-des-hasses-als-video-text/" rel="noopener" target="_blank">kein Optimist mehr, aber habe noch Hoffnung</a>.</p> <p>Ein persönlicher Dank geht raus an @Trance Odyssey für diesen auf meine Bitte kreierten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5Mwb4LKV9z4" rel="noopener" target="_blank">Solarpunk-Relax-Track <strong><em>„Solarpunk Trance 2026 pt2“</em></strong></a> zum Bedenken und dialogischen Kommentieren:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/5Mwb4LKV9z4?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk Trance 2026 pt2🌿☀️ Uplifting Futuristic Trance Journey" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Kurze Geschichte fossiler Konzernmedien - und ihr Schicksal in der Polykrise » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p>Ein lieber Freund noch aus Bundeswehrtagen fragte mich neulich, was genau ich mit „fossilen Konzernmedien“ meinte. Und die Antwort interessierte ihn so, dass ich entschied, bei nächster Gelegenheit darüber zu bloggen.</p> <p>Knapp gesagt dominierte von der Erfindung des alphabetisierten Buchdrucks durch den Mainzer <strong>Johannes Gutenberg (1400 – 1468) </strong>bis ins 19. Jahrhundert noch das Autoren-Verleger-Modell: Überwiegend männliche Autoren schrieben Texte und boten diese fast ausschließlich männlichen Verlegern an, die sie erwarben, druckten und verkauften.</p> <p>Doch mit der fossilen Industrialisierung entstanden große Konzerne und Nationalstaaten mit neuen Städten und Verkehrswegen wie Schiffen, Eisenbahnen und später Kraftfahrzeugen auf Basis von Kohle und Erdöl. Immer bessere Druckmaschinen fertigten immer größere Auflagen zu immer günstigeren Preisen, die ersten Werbeanzeigen erschienen. Nun wurden etwa Texte für Zeitungen und Zeitschriften immer seltener von freien Autoren, sondern zunehmend von Lohnschreibern verfasst, die wiederum von Chefredakteuren eingestellt und kontrolliert wurden.</p> <p>Diese Entwicklung beobachte und kritisierte schon <strong>Heinrich Heine (1797 – 1856)</strong> in Frankreich. Auch der Mitbegründer der deutschen Arbeiterbewegung, <strong>Ferdinand Lasalle (1825 – 1864)</strong> geißelte in seiner Rede <em>„Die Feste, Die Presse und der Frankfurter Abgeordnetentag. Drei Symptome des öffentlichen Geistes“</em> von 1863 das Übergreifen des fossilen Kapitals auf die gedruckte Berichterstattung und öffentliche Meinung.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Nachdruck der ZEIT-Erstausgabe vom 21. Februar 1946 zeigt die drei Überschriften &quot;Die erste Probe&quot;, &quot;Unsere Aufgabe&quot; und &quot;Parteien&quot; über einem Gedicht und Druckstich zum Thema &quot;Treibeis&quot;." decoding="async" height="2560" sizes="(max-width: 1920px) 100vw, 1920px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-scaled.jpeg 1920w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-225x300.jpeg 225w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-768x1024.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-1152x1536.jpeg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_1603-1536x2048.jpeg 1536w" width="1920"></img></a><aside></aside></p> <p><em>Ein Nachdruck der ZEIT-Erstausgabe vom 21. Februar 1946 lag 80 Jahre später der aktuellen ZEIT-Ausgabe bei. Die Wochenzeitschrift wurde zu einem der letzten, bis heute stabil liberal-demokratischen Konzernmedien in deutscher Sprache. Foto: Michael Blume</em></p> <p>Doch der Vormarsch der zunehmend autoritären Medienkonzerne bis zum europäischen Faschismus war nicht mehr aufzuhalten, zumal am 13. Oktober 1883 in der „Leipziger Illustrirte Zeitung“ die erste Fotografie auf Basis von Autotypie gedruckt wurde. Noch <strong>Walter Benjamin (1892 – 1940)</strong> reflektierte über die Wucht gerade auch dieses Mediums wie auch des Films in <em>„Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“</em> von 1936. Darin erkannte er auch schon deren <strong>mimetische Wirkungen</strong>:</p> <p><em>„Es ist von jeher eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst gewesen, eine Nachfrage zu erzeugen, für deren volle Befriedigung die Stunde noch nicht gekommen ist.“ </em>(Suhrkamp 1963 / 2018, S. 36)</p> <p>In ihrer <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank">wichtigen Studie zum mimetischen Durchbruch des Antisemitismus</a>, <em>„Dialektik der Aufklärung“</em> von 1944, formulierten <strong>Theodor W. Adorno (1903 – 1969) </strong>und <strong>Max Horkheimer (1895 – 1973) </strong>den Vorwurf der von fossil (direkt oder durch Werbung) finanzierten Konzernmedien bestimmten <em><strong>„Kulturindustrie“</strong></em> bereits in beißender Schärfe:</p> <p>„<em>Wenn die objektive gesellschaftliche Tendenz in diesem Weltalter sich in den subjektiven dunklen Absichten der Generaldirektoren inkarniert, so sind es originär die der mächtigsten Sektoren der Industrie, Stahl, Petroleum, Elektrizität, Chemie. […]</em></p> <p><em>Alle sind frei, zu tanzen und sich zu vergnügen, wie sie, seit der geschichtlichen Neutralisierung der Religion, frei sind, in eine der zahllosen Sekten einzutreten. […]</em></p> <p><em>Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“ </em>– Zitiert nach: Adorno &amp; Horkheimer, „Kulturindustrie“ (1944), Reclam 2025, S. 10 &amp; 73</p> <p>Erst in jüngerer Zeit wird wieder erkannt, dass ohne <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-26-von-elon-musk-und-alfred-hugenberg/" rel="noopener" target="_blank">die Beihilfe des Medienmoguls <strong>Alfred Hugenberg (1865 – 1951)</strong> die NSDAP nicht an die Macht</a> gekommen wäre. Der Blick auf <strong>Peter Thiel</strong>, <a href="https://mmm.verdi.de/aktuelle-meldungen/vorbild-fuer-musk-co-medienzar-hugenberg-103285/" rel="noopener"><strong>Elon Musk</strong> und den Berliner AxelSpringer-Konzern</a> liegt nahe. So hatte ich zur Analyse der Bundestagswahl 2025 aus der Perspektive von <a data-wplink-url-error="true" href="http://Angesichts dieser langen und breiten Erfahrungen war auch ich als Verfechter des deutschen, gemischten Mediensystems im Vorfeld der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 negativ überrascht vom Zusammenbruch der Medienethik bis in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) hinein. Da die Wahl wegen des Zerfalls der Ampel-Koalition vorgezogen werden musste, waren die Emotionalisierung und die Angst vor einem Staatsversagen ohnehin bereits verstärkt. Nicht zuletzt hatte die „Welt am Sonntag“ am 28. Dezember 2024 einen Wahlaufruf des US-Rechtslibertären und „X“-Besitzers Elon Musk zugunsten der rechtsdualistischen AfD abgedruckt. Die Leiterin des Ressorts „Meinung“ der Zeitung, Eva Marie Kogel, hatte daraufhin – medienethisch völlig zu Recht – ihre Kündigung eingereicht." rel="noopener" target="_blank"><strong>„Medien &amp; Mimesis“</strong></a> bereits geschrieben:</p> <p> <em>„Angesichts dieser langen und breiten Erfahrungen war auch ich als Verfechter des deutschen, gemischten Mediensystems im Vorfeld der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 negativ überrascht vom Zusammenbruch der Medienethik bis in den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR) hinein. Da die Wahl wegen des Zerfalls der Ampel-Koalition vorgezogen werden musste, waren die Emotionalisierung und die Angst vor einem Staatsversagen ohnehin bereits verstärkt.</em></p> <p><em>Nicht zuletzt hatte die „Welt am Sonntag“ am 28. Dezember 2024 einen Wahlaufruf des US-Rechtslibertären und „X“-Besitzers Elon Musk zugunsten der rechtsdualistischen AfD abgedruckt. Die Leiterin des Ressorts „Meinung“ der Zeitung, Eva Marie Kogel, hatte daraufhin – medienethisch völlig zu Recht – ihre Kündigung eingereicht.“</em>  </p> <p><strong>Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich: Die Parteivorsitzenden-Konzernexekutive</strong></p> <p>Tatsächlich hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und im Angesicht der Gegnerschaft der Sowjetunion ein Politik-Mediensystem herausgebildet, in dem sich wenige demokratische Partei- und Regierungschefs mit wenigen Chefredakteuren und „Generaldirektoren“ zur rechtsstaatlich abgesicherten, liberalen Demokratie verbündet hatten. Konzernmedien und Gewerkschaften gaben sich gerne liberal und Mitte-Links, fossile Konzernchefs Mitte-Rechts, aber es gab dennoch einen gewissen Konsens über die Gesellschaftsform. <strong>Redaktionen funktionierten dabei als „Gatekeeper“</strong>, die auf einem recht hohen Standard der Medienethik darüber wachten, welcher Meinungskorridor in Zeitungen, Radio- und Fernsehsendungen zulässig war. </p> <p>In der Bundesrepublik Deutschland erfolgte <strong>die mimetische Abkehr von der kurzen Phase parlamentarischer Offenheit</strong> bereits mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank">dem ersten Koalitionsvertrag und Koalitionsausschuss von 1961</a>, der das freie Mandat der gewählten Abgeordneten nach Artikel 38 Grundgesetz durch eine überzogene Fraktionsdisziplin ablöste und der Parteivorsitzenden-Exekutive auch zunehmend die Gesetzgebung (Legislative) übertrug. Faktisch wurde seitdem die politische Macht in Deutschland zwischen einer kleinen Zahl von möglichst integrativen Parteivorsitzenden und bürgerlichen Chefredakteuren (je fast durchweg Männer) verwaltet, ein politisch-medialer „Meinungskorridor“ definiert, aber auch eigenständige und kritische Abgeordnete als „Abweichler“ ausgegrenzt und abgestraft. In Zeiten der Zeitungs- und vor allem Fernsehdemokratie klappte das noch erstaunlich gut.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Links der kurze Bundes-Koalitionsvertrag von 1961, rechts der ausführliche Bundes-Koalitionsvertrag von 2025. " decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-scaled.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-scaled.jpeg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-300x225.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-1024x768.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-768x576.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-1536x1152.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/IMG_0551-2048x1536.jpeg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p><em>Schon der erste <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bundes-koalitionsvertrag-von-1961-als-abweg-vom-grundgesetz/#comment-207938" rel="noopener" target="_blank">zwischen den Vorsitzenden von CDU, CSU und FDP im Oktober 1961 (kurz nach dem Berliner Mauerbau) geschlossene Koalitionsvertrag unterwarf die gewählten Abgeordneten einer strengen Fraktionsdisziplin und die gesamte Regierung einem im Grundgesetz gar nicht vorgesehenen Koalitionsausschuss</a>. Neuere Koalitionsverträge und Koalitionsausschüsse legen sogar Details der Gesetzgebung fest, die dann in Eilverfahren durch den Bundestag gepeitscht und „umgesetzt“ werden sollen. Selbst zentrale Gesetzgebungen zu Rente, Haushalt und Steuern werden nun in nichtöffentlichen Parteikommissionen beraten und „beschlossen“. Foto: Michael Blume</em></p> <p><strong>Die digitale Zerblasung und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-55-die-selbstzerstoerung-des-fossilismus-die-abzocke-in-der-fossilen-miet-und-armutsfalle/" rel="noopener" target="_blank">Karbonblasen-Selbstzerstörung des Fossilismus</a></strong></p> <p>Mit der Internet-Digitalisierung insbesondere seit der Einführung von YouTube (ab 2005), des Smartphones (ab 2007) und von KI-Chatbots (ChatGPT ab November 2022) brachen <strong>die Reichweiten und Werbeeinnahmen der fossilen Zeitungs- und Fernsehmedien</strong> zusammen. In der <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-lehrt-mensch-den-medien-und-zeitenumbruch-kit-einfuehrungsvortrag-zur-aufmerksamkeitsoekonomie-ws-24-25/" rel="noopener" target="_blank"><strong>digitalen Aufmerksamkeitsökonomie</strong></a> verdrängen Videos, Podcasts und sprechende KI-Bots zunehmend die Alphabetschriften.</p> <p><em><strong>Ein massives Redaktions- und Zeitungssterben hat eingesetzt, wogegen Internet-Konzernmedien sowie semi-politische Verschwörungsunternehmer wachsende Anteile der menschlichen Aufmerksamkeit durch algorithmische Thymotisierung (Angst- und Empörungsschleifen, Rechtsmimesis) für Macht-, Werbe- und Propagandazwecke bewirtschaften.</strong></em></p> <p>Immer wieder wird diskutiert, ob algorithmische, „soziale Konzernmedien“ nicht eigentlich antisozial wirken, zumal auf selbstorganisierten Fediversum-Medien wie Mastodon sehr viel mehr und bessere Dialoge gelingen.</p> <p>Anstelle des liberal-demokratischen Meinungskorridors ist daher eine digitale Zerblasung getreten, in der sich Menschen unter Gleichgesinnten in ihren jeweiligen Freund-Feind-Wahrnehmungen (feindseliger Dualismus) gegenseitig bestätigen – und oft noch durch Algorithmen verstärken lassen.</p> <p>So <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/analyse-zur-hamburg-wahl-der-fediversum-linksruck-kontert-den-fossilen-rechtsruck/" rel="noopener" target="_blank">tendieren weltweit Männer, Ältere und Menschen in ländlichen Regionen zunehmend häufiger nach rechts, Frauen, Jüngere und Menschen in Stadtregionen häufiger nach links</a>. Die demokratische Mitte wird (wiederum: weltweit) zerrieben.</p> <p><a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-04/querdenken-verschwoerer-mythologie-bargeld-antisemitismus-michael-blume" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Demonstrant gegen Maßnahmen der Covid19-Pandemie mit einem gebastelten Plastikvirus über dem Titel: Querdenken: Die libertäre Verschwörungsmythologie des Geldes von Dr. Michael Blume auf zeit.de von 2021" decoding="async" height="389" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VerschwoerungsmythenGeldAntisemitismusBlume0421.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VerschwoerungsmythenGeldAntisemitismusBlume0421.jpg 520w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VerschwoerungsmythenGeldAntisemitismusBlume0421-300x224.jpg 300w" width="520"></img></a></p> <p><em>Mein eigentlich <a href="https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2021-04/querdenken-verschwoerer-mythologie-bargeld-antisemitismus-michael-blume" rel="noopener" target="_blank">für den Sammelband „Fehlender Mindestabstand“ zur Querdenken-Bewegung gedachte Artikel zur „libertären Verschwörungsmythologie des Geldes“ und den Gold-, Krypto-, Esoterik- und Querschenken-Abzocken durch Verschwörungsunternehmer wirkt bis heute über die ZEIT</a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Verstärkt wird dieser Zerfall der Medienwelt noch durch <strong>die Karbonblasen-Selbstzerstörung des Fossilismus</strong>: Weil aufgrund der Treibhausgase und globalen Erhitzung die meisten Öl- und Gasmengen in der Erde bleiben müssten, attackieren fossil finanzierte Konzernmedien Wissenschaftlerinnen, Politiker und junge Menschen, die sich für die post-fossile Transformation einsetzen. So werden wissenschaftliche Erkenntnisse über die Klima- und Wasserkrise geleugnet, Desinformationen über angebliche Kosten und Gefahren von Batterien und Windrädern verbreitet, sogar antisemitische Verschwörungsmythen algorithmisch verbreitet. Weitere beliebte Tricks, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-schaut-denn-niemand-hin-erkenntnistheorie-fossilismus-und-karbonblase/" rel="noopener" target="_blank">um <strong>möglichst lange Profite aus der Karbonblase (Carbon Bubble)</strong></a> zu ziehen, bestehen in</p> <ul> <li><strong>Greenwashing, </strong>dem Vortäuschen ökologischer Technologien wie dem zeitweisen Rebranding des Fossilkonzerns BP als „Beyond Petrol“</li> <li><strong>Timewashing,</strong> dem Ankündigen ehrgeiziger Klimaziele für spätere Jahre, die dann aber vor Erreichen wieder als „unrealistisch“ attackiert, abgeschwächt und verschoben werden sowie</li> <li><strong>Krieg &amp; Terror, </strong>um die je eigene Fossilherrschaft möglichst lange aufrecht zu erhalten und weitere Fossilressourcen entweder zu übernehmen oder zu blockieren</li> </ul> <p>Schließlich <strong>verschärft auch noch die säkulare Geburtenimplosion die mediale Zerblasung, </strong>indem sie mangels jüngerer Menschen in eine <strong>Traditionalismusfalle</strong> gerade auch in Familienfragen führen kann: Immer mehr Männer bestehen auf „traditionellen“ Familienrollen, immer mehr Frauen verweigern sich diesen – und die Geburtenraten insbesondere in Asien brechen immer weiter ein.</p> <p>Immer größere, vor allem ländliche Regionen rutschen demografisch in den Bevölkerungs-, Nachfrage- und Investitionsrückgang, wogegen wenige, vor allem städtische Regionen durch Zuwanderung aus dem In- und Ausland demografisch, kulturell, aber leider auch wohnungspreislich wachsen – das Leben in Großstädten ist bunt, dynamisch, aber wiederum für Familien mit vielen Kindern oft viel zu teuer.</p> <p>Schon jetzt <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/" rel="noopener" target="_blank"><strong>subventioniert China seine massiven Exporte</strong> auch, weil mangels Kindern die Binnennachfrage</a> niedergeht! Aber Autos kaufen keine Autos, Maschinen brauchen keine Wohnungen, KI-Rechenzentren blähen sich zu Spekulationsblasen und kaum jemand investiert noch nachhaltig in Regionen, in denen es kaum noch Nachwuchs gibt.</p> <p>Andererseits kann <strong>eine schnell schrumpfende Bevölkerung auch den Fossilismus schneller überwinden und den gefährlichen Treibhausgas-Effekt zumindest noch abbremsen</strong>. Und immer mehr Daten sprechen dafür, dass wir Menschen schon bis zur Mitte des Jahrhunderts in eine weltweite Bevölkerungsschrumpfung übergehen werden.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/peak-child-zeitenumbruch-auch-durch-die-saekulare-geburtenimplosion/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Datengrafik von &quot;Our World in Data&quot; von 2025, in der die Abnahme der Kinderzahl laut UN-Projektionen übertrieben positiv dargestellt ist." decoding="async" height="905" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 905px) 100vw, 905px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025.jpg 905w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/PeakChildUNWorldinData2025-768x768.jpg 768w" width="905"></img></a></p> <p><em>Selbst <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">nach den staats-offiziellen und also wahrscheinlich deutlich aufgeblähten Zahlen der UN</a> wurde um 2012 der „Peak Child“, Kindergipfel unterschritten, sinkt seitdem bereits die Zahl der jungen Menschen. Damit aber schrumpfen die kommenden Elterngenerationen, so dass sich der Bevölkerungsrückgang wie früher das Bevölkerungswachstum exponentiell verstärkt.</em></p> <p><strong>Hoffnungen: Die redaktionelle Gesellschaft in Solarpunk-Arche-Regionen</strong></p> <p>In Summe komme ich also zu dem klaren Ergebnis, dass <strong>die fossilen Konzernmedien mitsamt der nationalstaatlichen Parteiexekutiven untergehen</strong>, aber damit nicht die ganze Menschheit. Ich rechne damit, dass immer mehr Regionen rechtsmimetisch, demografisch und wirtschaftlich schrumpfen, aber auch weiterhin einige Solarpunk-Arche-Regionen demokratisch, vielfältig und postfossil blühen.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Gastbeitrag von Dr. Michael Blume beim Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE-BW) mit dem Titel: Vom Cyperpunk zum Solarpunk - warum Bildungsarbeit gegen Jass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht" decoding="async" height="685" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 724px) 100vw, 724px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg 724w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626-300x284.jpg 300w" width="724"></img></a></p> <p><em>In einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank">Gastbeitrag beim <strong>Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE-BW)</strong> plädierte ich für ein Anerkennen der Probleme und Aufklären der Verschwörungsmythen, aber dennoch auch für eine <strong>Haltung der Solarpunk-Hoffnung</strong></a>. Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Die Polykrise sehe ich im Kontext eines durch Selbstzerstörung beschleunigten Zerfalls des Fossilismus, der leider noch viele Gesellschaften, ganze Staaten und Völker mit sich reißt. Zugleich hat aber auch bereits <strong>Ungarn</strong> gezeigt, dass sich nach langen Jahren sogar eine (zahlenmäßig kleine) Nation wieder gegen die Vorherrschaft eines korrupten Konzern-Autokraten wenden konnte, obwohl dieser sowohl die Konzern- wie auch Staatsmedien kontrolliert hatte. Neben einem intensiven Redemarathon des jetzigen Ministerpräsidenten <b id="mwBw">Péter Magyar (TISZA, EVP) </b>trugen vor allem neue und Konzern-unabhängige Internetmedien zu diesem Erfolg bei.</p> <p>Ich bin <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gedicht-die-feuer-des-hasses-als-video-text/" rel="noopener" target="_blank">kein Optimist mehr, aber habe noch Hoffnung</a>.</p> <p>Ein persönlicher Dank geht raus an @Trance Odyssey für diesen auf meine Bitte kreierten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=5Mwb4LKV9z4" rel="noopener" target="_blank">Solarpunk-Relax-Track <strong><em>„Solarpunk Trance 2026 pt2“</em></strong></a> zum Bedenken und dialogischen Kommentieren:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/5Mwb4LKV9z4?feature=oembed&amp;rel=0" title="Solarpunk Trance 2026 pt2🌿☀️ Uplifting Futuristic Trance Journey" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/kurze-geschichte-fossiler-konzernmedien-und-ihr-schicksal-in-der-polykrise/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>28</slash:comments> </item> <item> <title>Satellit mit Tritium-Generator ist im Orbit https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/satellit-mit-tritium-generator-ist-im-orbit/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/satellit-mit-tritium-generator-ist-im-orbit/#comments Wed, 08 Jul 2026 12:58:12 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11199 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png Der KleinSatelllit BOHR der Firma CityLabs vor dem Start, Quelle: CityLabs https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/satellit-mit-tritium-generator-ist-im-orbit/ <h1>Satellit mit Tritium-Generator ist im Orbit » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Bei der Mission „<a href="https://www.space.com/space-exploration/launches-spacecraft/spacex-falcon-9-transporter-17-rideshare-launch-81-satellites" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="space.com zum Start der Mission Transporter 17">Transporter 17</a>“ der SpaceX-Rakete Falcon 9 am 7.7.2026 waren 81 Nutzlasten an Bord, darunter <a href="https://www.space.com/space-exploration/launches-spacecraft/spacex-just-launched-the-1st-ever-nuclear-powered-commercial-satellite" rel="nofollow noopener" target="_blank">BOHR (Betavoltaic Orbital High Reliability)</a>, ein Cubesat der in Florida ansässigen Firma <a href="https://citylabs.net/first-commercial-nuclear-powered-satellite-aboard-spacex-transporter-17/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Web-Artikel der Firma CityLabs">CityLabs</a>, der eine neuartige „beta-voltaische“ Stromversorgungseinheit namens NanoTritium im Orbit testen soll. </p> <span id="more-11199"></span> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png"><img alt="Der KleinSatelllit BOHR der Firma CityLabs vor dem Start, Quelle: CityLabs" decoding="async" height="660" sizes="(max-width: 539px) 100vw, 539px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png 539w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished-245x300.png 245w" width="539"></img></a><figcaption><em>Der KleinSatelllit BOHR der Firma CityLabs vor dem Start, Quelle: CityLabs</em></figcaption></figure> </div> <p>Wie ein RTG (Radioisotope, Thermoelectric Generator) wird dabei die beim Zerfall radioaktiver Atome anfallenden Energie zur Erzeugung elektrischen Stroms genutzt. In RTGs zerfällt ein Radionuklid, zumeist Plutonium-238 mit einer Halbwertszeit von 88 Jahren. Aus der freigesetzten Energie, fast komplett über den Zwischenschritt der kinetischen Energie der entstehenden Alpha-Teilchen, wird Wärme, die über thermoelektrische Elemente zu einem Radiator fließt und an die Umgebung abgegeben wird. In den thermoelektrischen Elementen wird ein geringer Anteil (ca. 5%) der thermischen zu elektrischer Energie gewandelt. </p> <p>Bei „betavoltaischen“ Elementen läuft es anders: Da verwendet man einen beta-Strahler. Beta-Teilchen sind Elektronen. Wenn diese auf ein geeignetes Halbleiterelement treffen, wird direkt elektrischer Strom erzeugt, mit einem Wirkungsgrad von bis zu 10%. Ich habe von theoretisch auch möglichen 18% gelesen. Bei BOHR, wo es nur um die Demonstration im Orbits und Tests von der Produktionskette bis zum Einsatz ging, wird aber keinesfalls ein so hoher Wirkungsgrad erreicht. Die Rede ist von einigen zehn Watt thermischer Leistung und einer elektrischen Leistungabgabe im Mikro- bis niedrigen Milliwatt-Bereich. </p> <p>Tritium hat eine Halbwertszeit von 12.3 Jahren, also könnte ein solches System über einen Zeitraum von einigen  Jahrzehnten Strom liefern, allerdings mit exponentiell fallender Ausgangsleistung. Hinzu kommt die mögliche Degradation des Halbleitermaterials , die aber aufgrund der niedrigen beta-Energie gering sein sollte. Da Tritium leicht flüchtig ist, ist es in einer Metallhydridmatrix gebunden. Das Gesamtsystem ist also solid-state (ohne bewegte Bauteile). Die effektive Abschirmung dürfte kein Problem sein. </p> <p>Tritium wandelt sich durch den beta-Zerfall in Helium-3 um (ein Neutron des Kerns wird zu einem Proton und gibt dabei ein Elektron ab). Üblicherweise sagt man, nach 10 Halbwertszeiten, also 123 Jahren, kann man eine Quelle als zerfallen betrachten. So lange bleibt aber ein Cubesat im niedrigen Erdorbit nicht oben. Die Bahn, in der BOHR ausgesetzt wurde, ist ein SSO zwischen 525 un 550 km Bahnhöhe. Selbst ein kompaktes Objekt wie BOHR bleibt in der Höhe keine 25 Jahre, wahrscheinlich eher 15. Also rund eine Halbwertszeit. Danach wird der Satellit in die Erdatmosphere eintreten und komplett verglühen, was bedeutet, dass die Metallmatrix der NanoTritium-Einheit verbrennt und das Tritium freigesetzt wird. <aside></aside></p> <p>Bei so geringen Mengen besteht ohnehin kein Anlass zur Sorge. Ich vermute, ein Teil der Tritium-Atome kann es in die untere Atmosphäre schaffen und wird sich dort mit Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verbinden. Der Rest wird aufsteigen und die Atmosphäre verlassen. Der radioaktive Zerfall geht auf jeden Fall weiter. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Satellit mit Tritium-Generator ist im Orbit » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Bei der Mission „<a href="https://www.space.com/space-exploration/launches-spacecraft/spacex-falcon-9-transporter-17-rideshare-launch-81-satellites" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="space.com zum Start der Mission Transporter 17">Transporter 17</a>“ der SpaceX-Rakete Falcon 9 am 7.7.2026 waren 81 Nutzlasten an Bord, darunter <a href="https://www.space.com/space-exploration/launches-spacecraft/spacex-just-launched-the-1st-ever-nuclear-powered-commercial-satellite" rel="nofollow noopener" target="_blank">BOHR (Betavoltaic Orbital High Reliability)</a>, ein Cubesat der in Florida ansässigen Firma <a href="https://citylabs.net/first-commercial-nuclear-powered-satellite-aboard-spacex-transporter-17/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Web-Artikel der Firma CityLabs">CityLabs</a>, der eine neuartige „beta-voltaische“ Stromversorgungseinheit namens NanoTritium im Orbit testen soll. </p> <span id="more-11199"></span> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png"><img alt="Der KleinSatelllit BOHR der Firma CityLabs vor dem Start, Quelle: CityLabs" decoding="async" height="660" sizes="(max-width: 539px) 100vw, 539px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished.png 539w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/BOHR_Assembly_Finished-245x300.png 245w" width="539"></img></a><figcaption><em>Der KleinSatelllit BOHR der Firma CityLabs vor dem Start, Quelle: CityLabs</em></figcaption></figure> </div> <p>Wie ein RTG (Radioisotope, Thermoelectric Generator) wird dabei die beim Zerfall radioaktiver Atome anfallenden Energie zur Erzeugung elektrischen Stroms genutzt. In RTGs zerfällt ein Radionuklid, zumeist Plutonium-238 mit einer Halbwertszeit von 88 Jahren. Aus der freigesetzten Energie, fast komplett über den Zwischenschritt der kinetischen Energie der entstehenden Alpha-Teilchen, wird Wärme, die über thermoelektrische Elemente zu einem Radiator fließt und an die Umgebung abgegeben wird. In den thermoelektrischen Elementen wird ein geringer Anteil (ca. 5%) der thermischen zu elektrischer Energie gewandelt. </p> <p>Bei „betavoltaischen“ Elementen läuft es anders: Da verwendet man einen beta-Strahler. Beta-Teilchen sind Elektronen. Wenn diese auf ein geeignetes Halbleiterelement treffen, wird direkt elektrischer Strom erzeugt, mit einem Wirkungsgrad von bis zu 10%. Ich habe von theoretisch auch möglichen 18% gelesen. Bei BOHR, wo es nur um die Demonstration im Orbits und Tests von der Produktionskette bis zum Einsatz ging, wird aber keinesfalls ein so hoher Wirkungsgrad erreicht. Die Rede ist von einigen zehn Watt thermischer Leistung und einer elektrischen Leistungabgabe im Mikro- bis niedrigen Milliwatt-Bereich. </p> <p>Tritium hat eine Halbwertszeit von 12.3 Jahren, also könnte ein solches System über einen Zeitraum von einigen  Jahrzehnten Strom liefern, allerdings mit exponentiell fallender Ausgangsleistung. Hinzu kommt die mögliche Degradation des Halbleitermaterials , die aber aufgrund der niedrigen beta-Energie gering sein sollte. Da Tritium leicht flüchtig ist, ist es in einer Metallhydridmatrix gebunden. Das Gesamtsystem ist also solid-state (ohne bewegte Bauteile). Die effektive Abschirmung dürfte kein Problem sein. </p> <p>Tritium wandelt sich durch den beta-Zerfall in Helium-3 um (ein Neutron des Kerns wird zu einem Proton und gibt dabei ein Elektron ab). Üblicherweise sagt man, nach 10 Halbwertszeiten, also 123 Jahren, kann man eine Quelle als zerfallen betrachten. So lange bleibt aber ein Cubesat im niedrigen Erdorbit nicht oben. Die Bahn, in der BOHR ausgesetzt wurde, ist ein SSO zwischen 525 un 550 km Bahnhöhe. Selbst ein kompaktes Objekt wie BOHR bleibt in der Höhe keine 25 Jahre, wahrscheinlich eher 15. Also rund eine Halbwertszeit. Danach wird der Satellit in die Erdatmosphere eintreten und komplett verglühen, was bedeutet, dass die Metallmatrix der NanoTritium-Einheit verbrennt und das Tritium freigesetzt wird. <aside></aside></p> <p>Bei so geringen Mengen besteht ohnehin kein Anlass zur Sorge. Ich vermute, ein Teil der Tritium-Atome kann es in die untere Atmosphäre schaffen und wird sich dort mit Wasserstoff und Sauerstoff zu Wasser verbinden. Der Rest wird aufsteigen und die Atmosphäre verlassen. Der radioaktive Zerfall geht auf jeden Fall weiter. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/satellit-mit-tritium-generator-ist-im-orbit/#comments 4 Tanabata/ Qixi – Ostasiens Sternenfest der Liebenden https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/#comments Tue, 07 Jul 2026 14:00:26 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=13060 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/VegaAltair_stellarium-146_paint-768x701.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/VegaAltair_stellarium-146_paint.jpg" /><h1>Tanabata/ Qixi – Ostasiens Sternenfest der Liebenden » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Kürzlich erinnerten mich Leserkommentare daran: Jedes Jahr am <strong>siebten Tag des siebten Monats</strong> (heute meist: <strong data-end="72" data-start="61">7. Juli</strong>) feiert Japan <strong data-end="103" data-start="86">Tanabata/ </strong>China<strong data-end="103" data-start="86"> Qixi (七夕)</strong>, das <strong>Sternenfest</strong>. Es gehört zu den beliebtesten traditionellen Festen, denn es verbindet Astronomie, Mythologie und den Brauch, Wünsche für die Zukunft aufzuschreiben – nennen wir es „Mittjahres-Reflexion“, denn es ähnelt einem Mix aus unseren Raunächten (Wünsche gen Himmel) und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/">Valentinstag</a>. Interessant, dass es heutzutage in unserem Kalender direkt nach dem Internationalen Tag des Kusses (International Kissing Day) am 6. Juli gefeiert wird. Bei dem ostasiatischen Traditionsfest steht eine uralte Geschichte über ein Liebespaar im Mittelpunkt, das nur einmal im Jahr zueinander finden darf. </p> <h2 data-end="436" data-section-id="7gn6qj" data-start="402">Eine Liebesgeschichte am Himmel</h2> <p data-end="697" data-start="438">Der Legende nach war <strong data-end="470" data-start="459">Orihime</strong> (織姫)/ <strong>Zhīnǚ (织女)</strong>, die Weberprinzessin, die Tochter des Himmelskönigs. Tag für Tag webte sie wunderschöne Gewänder am Ufer des Himmelsflusses – der <strong data-end="621" data-start="606">Milchstraße</strong>. Auf der anderen Seite lebte <strong data-end="664" data-start="651">Hikoboshi</strong> (彦星)/ <strong>Niúláng (牛郎)</strong>, ein fleißiger Rinderhirte. Orihime und Hikoboshi sind die japanischen Namen für die Sterne Wega und Atair. Auf chinesisch wird das Mädchen <strong>Zhīnǚ (织女)</strong> nicht nur im Stern Wega gesehen, sondern in einer Dreiergruppe (Wega plus zwei kleine Sternchen nebenan, die die ausgestreckten Arme des Mädchens symbolisieren). </p> <p data-end="1241" data-start="699">Als sich die beiden begegneten, verliebten sie sich unsterblich ineinander. Doch ihre Liebe war so groß, dass sie ihre Pflichten vernachlässigten. Der Himmelskönig trennte sie deshalb und verbannte sie auf die gegenüberliegenden Seiten der Milchstraße. Nur einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats, dürfen sie sich treffen. Einer Überlieferung zufolge bilden Elstern dann eine Brücke über die Milchstraße. Regnet es an diesem Tag, wird (je nach Variante der Sage) die Brücke entweder weggespült und die Liebenden müssen ein weiteres Jahr auf ihr Wiedersehen warten 🙁 … oder die Elstern haben es lediglich schwerer und das Treffen wird erschwert, so dass die Regentropfen die Tränen der Liebenden symbolisieren. </p> <h2 data-end="1784" data-section-id="1820gi7" data-start="1761">Von China nach Japan</h2> <p data-end="2173" data-start="1786">Der Ursprung des Festes liegt im chinesischen <strong data-end="1850" data-start="1832">Qixi-Fest</strong>, dem „Fest der siebten Nacht“. In China war es ursprünglich ein Fest, das mit Frauen, Handwerk, Geschicklichkeit, Liebe und dem Beobachten der Sterne verbunden war, denn Weberinnen waren auch ein Symbol für Weisheit. Erst in jüngerer Zeit wurde es vor allem als „chinesischer Valentinstag“ umgewidmet.</p> <p data-end="2173" data-start="1786">Im 8. Jahrhundert, in der Nara Ära, gelangte die Tradition nach Japan, wo sie mit einheimischen Bräuchen und höfischen Zeremonien verbunden wurde. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Tanabata zu einem <strong>Volksfest</strong>, ein Sommerfest mit dem zentralen „Feature“, <strong>dass man sich etwas wünschen darf</strong>. <aside></aside></p> <p data-end="2173" data-start="1786">Im Gegensatz zu den Sternschnuppen, die das in Europa erlauben, sind die beiden Sterne Wega und Atair jedenfalls immer da: </p> <h2 data-end="2199" data-section-id="xelj2t" data-start="2175">Wünsche an den Himmel</h2> <p data-end="2481" data-start="2201">Der bekannteste japanische Brauch besteht darin, Wünsche auf schmale, bunte Papierstreifen – die sogenannten Tanzaku (短冊) – zu schreiben. Sie werden mit kunstvoll gefalteten Papierornamenten, die Glück, Gesundheit, Erfolg oder Wohlstand symbolisieren an Bambuszweige gehängt. Dafür gibt’s spezielle lokal leicht abweichende Traditionen in Sendai und Shonan. Manche machen das auch erst Anfang August (nach traditionellem Mondkalender). </p> <p data-end="2481" data-start="2201">In unserem Kalender ist aber heute der siebte Tag des siebten Monats. Also, vllt. ist heute der richtige Abend, einen <strong>Wunsch aufzuschreiben, ihn symbolisch dem Himmel anzuvertrauen</strong> – und dabei nach<strong> Wega und Atair Ausschau zu halten</strong>, den beiden Sternen, die sich der Legende nach nur heute Nacht wieder begegnen dürfen.</p> <p data-end="2481" data-start="2201">PS, weil das Wetter heute nicht optimal mitspielt: <br></br>Der Brauch mit den Papierstreifen ist chinesisch und geht auf die Wünsche nach Geschicklichkeit zurück. Die Wünsche darf und soll man also auch aufschreiben, wenn ein Regen die Tränen der Liebenden am Himmel anzeigt. Da Regen ein Symbol für Erneuerung/ Neubeginn &amp; Reinigung ist, stehen Wünsche bei Regen an Tanabata für Beharrlichkeit und Hoffnung – d.h. das Verfolgen von Zielen, auch wenn der Weg manchmal echt schwierig ist. </p> <p><strong>Post Scriptum </strong></p> <p>Wer am 7. Juli die Chance verpasst hat, kann nach dem japanischen Mondkalender den „siebten Tag des siebten Monats“ dieses Jahr auch am 19. August feiern. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/VegaAltair_stellarium-146_paint.jpg" /><h1>Tanabata/ Qixi – Ostasiens Sternenfest der Liebenden » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Kürzlich erinnerten mich Leserkommentare daran: Jedes Jahr am <strong>siebten Tag des siebten Monats</strong> (heute meist: <strong data-end="72" data-start="61">7. Juli</strong>) feiert Japan <strong data-end="103" data-start="86">Tanabata/ </strong>China<strong data-end="103" data-start="86"> Qixi (七夕)</strong>, das <strong>Sternenfest</strong>. Es gehört zu den beliebtesten traditionellen Festen, denn es verbindet Astronomie, Mythologie und den Brauch, Wünsche für die Zukunft aufzuschreiben – nennen wir es „Mittjahres-Reflexion“, denn es ähnelt einem Mix aus unseren Raunächten (Wünsche gen Himmel) und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/">Valentinstag</a>. Interessant, dass es heutzutage in unserem Kalender direkt nach dem Internationalen Tag des Kusses (International Kissing Day) am 6. Juli gefeiert wird. Bei dem ostasiatischen Traditionsfest steht eine uralte Geschichte über ein Liebespaar im Mittelpunkt, das nur einmal im Jahr zueinander finden darf. </p> <h2 data-end="436" data-section-id="7gn6qj" data-start="402">Eine Liebesgeschichte am Himmel</h2> <p data-end="697" data-start="438">Der Legende nach war <strong data-end="470" data-start="459">Orihime</strong> (織姫)/ <strong>Zhīnǚ (织女)</strong>, die Weberprinzessin, die Tochter des Himmelskönigs. Tag für Tag webte sie wunderschöne Gewänder am Ufer des Himmelsflusses – der <strong data-end="621" data-start="606">Milchstraße</strong>. Auf der anderen Seite lebte <strong data-end="664" data-start="651">Hikoboshi</strong> (彦星)/ <strong>Niúláng (牛郎)</strong>, ein fleißiger Rinderhirte. Orihime und Hikoboshi sind die japanischen Namen für die Sterne Wega und Atair. Auf chinesisch wird das Mädchen <strong>Zhīnǚ (织女)</strong> nicht nur im Stern Wega gesehen, sondern in einer Dreiergruppe (Wega plus zwei kleine Sternchen nebenan, die die ausgestreckten Arme des Mädchens symbolisieren). </p> <p data-end="1241" data-start="699">Als sich die beiden begegneten, verliebten sie sich unsterblich ineinander. Doch ihre Liebe war so groß, dass sie ihre Pflichten vernachlässigten. Der Himmelskönig trennte sie deshalb und verbannte sie auf die gegenüberliegenden Seiten der Milchstraße. Nur einmal im Jahr, am siebten Tag des siebten Monats, dürfen sie sich treffen. Einer Überlieferung zufolge bilden Elstern dann eine Brücke über die Milchstraße. Regnet es an diesem Tag, wird (je nach Variante der Sage) die Brücke entweder weggespült und die Liebenden müssen ein weiteres Jahr auf ihr Wiedersehen warten 🙁 … oder die Elstern haben es lediglich schwerer und das Treffen wird erschwert, so dass die Regentropfen die Tränen der Liebenden symbolisieren. </p> <h2 data-end="1784" data-section-id="1820gi7" data-start="1761">Von China nach Japan</h2> <p data-end="2173" data-start="1786">Der Ursprung des Festes liegt im chinesischen <strong data-end="1850" data-start="1832">Qixi-Fest</strong>, dem „Fest der siebten Nacht“. In China war es ursprünglich ein Fest, das mit Frauen, Handwerk, Geschicklichkeit, Liebe und dem Beobachten der Sterne verbunden war, denn Weberinnen waren auch ein Symbol für Weisheit. Erst in jüngerer Zeit wurde es vor allem als „chinesischer Valentinstag“ umgewidmet.</p> <p data-end="2173" data-start="1786">Im 8. Jahrhundert, in der Nara Ära, gelangte die Tradition nach Japan, wo sie mit einheimischen Bräuchen und höfischen Zeremonien verbunden wurde. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Tanabata zu einem <strong>Volksfest</strong>, ein Sommerfest mit dem zentralen „Feature“, <strong>dass man sich etwas wünschen darf</strong>. <aside></aside></p> <p data-end="2173" data-start="1786">Im Gegensatz zu den Sternschnuppen, die das in Europa erlauben, sind die beiden Sterne Wega und Atair jedenfalls immer da: </p> <h2 data-end="2199" data-section-id="xelj2t" data-start="2175">Wünsche an den Himmel</h2> <p data-end="2481" data-start="2201">Der bekannteste japanische Brauch besteht darin, Wünsche auf schmale, bunte Papierstreifen – die sogenannten Tanzaku (短冊) – zu schreiben. Sie werden mit kunstvoll gefalteten Papierornamenten, die Glück, Gesundheit, Erfolg oder Wohlstand symbolisieren an Bambuszweige gehängt. Dafür gibt’s spezielle lokal leicht abweichende Traditionen in Sendai und Shonan. Manche machen das auch erst Anfang August (nach traditionellem Mondkalender). </p> <p data-end="2481" data-start="2201">In unserem Kalender ist aber heute der siebte Tag des siebten Monats. Also, vllt. ist heute der richtige Abend, einen <strong>Wunsch aufzuschreiben, ihn symbolisch dem Himmel anzuvertrauen</strong> – und dabei nach<strong> Wega und Atair Ausschau zu halten</strong>, den beiden Sternen, die sich der Legende nach nur heute Nacht wieder begegnen dürfen.</p> <p data-end="2481" data-start="2201">PS, weil das Wetter heute nicht optimal mitspielt: <br></br>Der Brauch mit den Papierstreifen ist chinesisch und geht auf die Wünsche nach Geschicklichkeit zurück. Die Wünsche darf und soll man also auch aufschreiben, wenn ein Regen die Tränen der Liebenden am Himmel anzeigt. Da Regen ein Symbol für Erneuerung/ Neubeginn &amp; Reinigung ist, stehen Wünsche bei Regen an Tanabata für Beharrlichkeit und Hoffnung – d.h. das Verfolgen von Zielen, auch wenn der Weg manchmal echt schwierig ist. </p> <p><strong>Post Scriptum </strong></p> <p>Wer am 7. Juli die Chance verpasst hat, kann nach dem japanischen Mondkalender den „siebten Tag des siebten Monats“ dieses Jahr auch am 19. August feiern. </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/tanabata-qixi-ostasiens-sternenfest-der-liebenden/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Megatsunami im Tracy Arm Fjord https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/megatsunami-im-tracy-arm-fjord/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/megatsunami-im-tracy-arm-fjord/#comments Mon, 06 Jul 2026 19:47:26 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11168 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-768x461.png Topografische Karte des Tracy Arm Fjord, Alaska, Quelle: Michael Khan, erstellt mit Google Maps https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/megatsunami-im-tracy-arm-fjord/ <h1>Megatsunami im Tracy Arm Fjord » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Der Ort: Tracy Arm Fjord in Südost-Alaska, etwa 200 km von <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/megastsunami_lituya_bay/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Artikel auf Go for Launch: Megatsunami in der Lituya Bay">Lituya Bay</a> entfernt.  Ein etwa 50 km langer, verwinkelter Fjord, umgeben von bis zu 1000 m hohen Klippen und steilen Berghängen. <br></br>Das Ereignis: Ein über 100 m großer Megatsunami, ausgelöst durch einen massiven Felssturz am Ende des Fjords<br></br>Die Zeit: 05:26 Ortszeit, 10 August 2025 – Sie haben richtig gelesen, wir reden nicht von grauer Vorzeit – das Ereignis ist knapp ein Jahr her</p> <span id="more-11168"></span> <p>Alles Wesentliche zu diesem Ereignis, soweit heute bekannt, ist in <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.aec3187" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Dan Shugar et al.: A 481-meter-high landslide-tsunami in a cruise ship–frequented Alaska fjord">diesem Paper im Journal Science vom Mai 2026</a> zusammengefasst. Wer Science abonniert hat oder über ein universitäres Netzwerk verbunden ist, hat Zugriff auf das gesamte Paper, alle anderen auf die Zusammenfassung. Es wurde von den Autoren auch eine Seite mit ausführlichem Zusatzmaterial bereitgestellt (<a href="https://zenodo.org/records/18306727" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Zusatzmaterial zu Dan Shugar et al: A 481- meter- high landslide- tsunami in a cruise ship–frequented Alaska fjord">Link</a>), zumeist Videos. <p>Auch in der Presse gab es zahlreiche Artikel dazu, aber seltsamerweise bleibt das Thema fast völlig unbekannt. Ich habe es in unterschiedlichen Gruppen unter meinen Bekannten angesprochen und stieß damit ausschließlich auf Stirnrunzeln. Schon seltsam – ein Megatsunami rasiert bis in fast 500 m Höhe den Wald komplett ab und keiner kriegt es mit? </p></p> <h2><em>Wie kam es zu dem Megatsunami?</em></h2> <p>Ein Fjord ist ein von Gletschern in den Fels gefrästes U-Tal, das nach dem Schmelzen des Eises vom Meer geflutet wurde und jetzt einen langen, schmalen und tiefen Meeresarm wurde, der weit ins Land hineinreicht und von Klippen oder steilen Bergen umschlossen ist. Oft münden immer noch Gletscher in einen Fjord. So ist es auch beim Tracy Arm – an seinem Südende der South Sawyer Glacier, in einen Nebenarm etwas weiter nördlich der North Sawyer Glacier. Beide Gletscher reichten noch vor Jahren viel weiter in den Fjord hinein, sie haben sich jetzt aber bereits weit zurückgezogen. Das hat durchaus eine Relevanz für das aktuelle Ereignis. </p> <p>Am 10. August um 05:26 lösten sich etwa 64 Millionen Kubikmeter Gestein von der Nordostwand der Klippe (rot markiert auf der Karte)  nahe am Fjordende und fielen aus einer Höhe von bis zu 1000  m in das Wasser und auf die Zunge des South Sawyer Glacier. Früher wäre der Felssturz komplett auf dem Gletscher zu liegen gekommen und es hätte keinen Tsunami gegeben, aber aufgrund des Zurückweichens des Gletschers trafen die Felsmassen auf Wasser, das mit großer Wucht verdrängt wurde, vorwiegend in der horizontalen Richtung der Felsbewegung, also zur gegenüberliegenden Felswand hin. Das runup dort erreichte eine Höhe von 481 m – Aller Bewuchs wurde abrasiert und der Oberboden bis auf den nackten Fels abgetragen. </p> <p>Das Wasser lief den Hang wieder herunter, reich beladen mit allem, was am Berghang losgerissen worden war und traf dort auf den Rückfluss des auf den Gletscher gespülten Wassers. Alles zusammen machte sich auf den Weg den Fjord hinunter, in Form einer anfangs 100 Meter hohen Welle.<aside></aside></p> <h2><em>Megatsunami, Mesotsunami, Mikrotsunami …</em></h2> <p>Der Fjord weist viele Winkel und Kanten auf. Er ändert mehrfach seine Richtung um mehr als 90 Grad. Der Tsunami rannte dort jedes Mal gegen eine Felswand, lief an ihr hoch, spülte Bewuchs ab und strömte dann wieder hinunter. Er teilte sich in zwei Wellen, von denen eine den Nebenarm zum North Sawyer Glacier hinauflief, bevor sie merkte, dass es dort nicht weiterging und kehrtmachte. Alle diese Irrungen und Wirrungen richteten zwar lokal großen Schaden an, kosteten die arme Welle aber auch viel Energie. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1.png"><img alt="Topografische Karte des Tracy Arm Fjord, Alaska, Quelle: Michael Khan, erstellt mit Google Maps" decoding="async" height="615" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-1024x615.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-1024x615.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-300x180.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-768x461.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-1536x922.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1.png 1607w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Topografische Karte des Tracy Arm Fjord, Alaska, Quelle: Michael Khan, erstellt mit Google Maps</em></figcaption></figure> </div> <p>Als der Tsunami schließlich, 50 km weiter, an der Mündung des Fjords angekommen war, war er nur noch ein Schatten seines früheren selbst … zum Glück, denn da traf er zum ersten Mal auf Menschen. Auf Harbor Island, genau in der Verlängerung der Fließrichtung des Fjords, wurde eine Gruppe dort zeltender Kayakfahrer um 05:45 (19 Minuten nach dem Felssturz) rüde durch eine große Welle geweckt, die einige ihrer Boote und den Großteil ihrer Ausrüstung fortspülte. Die Besatzung eines Schiffs, das bereits etwas innerhalb der Fjordmündung in einer kleinen Bucht lag, meldete bis zu 2.5 m hohe Brandung und 1 m hohe Wellen im tiefen Wasser. Ein weiteres Schiff mit 150 Menschen an Bord lag deutlich weiter im Fjord, die Zeugen beschreiben jedoch auch nur Uferbrandung und moderat hohe Tiefwasserwellen. Niemand wurde verletzt oder getötet. </p> <p>Das wäre anders gewesen, wenn die Morphologie des Tracy Arm Fjords eher der der Lituya-Bucht, geähnelt hätte, also ein weitgehend gerade verlaufender Meeresarm, durch den der Tsunami weitgehend ungebremst hätte rauschen können. Ohne die vielfältigen Bremsklötze, die der Fjord der Welle in den Weg legte, hätte sie nicht 19 Minuten bis zum Ausgang des Fjords gebraucht, und sie wäre hätten dort noch einen viel größeren Anteil ihrer Energie besessen. </p> <p>Auf die Welle folgen die Seiches: Wie schon in der Lituya-Bucht gesehen, und noch deutlicher im <a href="https://www.science.org/content/article/megatsunami-remote-fjord-rang-earth-bell-9-days?__cf_chl_f_tk=W5VQM7NKsIqSc6q.Sia4F.YDt6gqh3QoLWfG4A8l73w-1783361060-1.0.1.1-OKmqB3cbuiesUsCjwT_Yjd.FhNibQN.hkMQ7hleP4v0" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Science: A tsunami in a remote fjord rang Earth like a bell for 9 days">September 2023 im Dickson-Fjord</a> in Grönland, Die von den oft steilen, glatten Wänden reflektierten Wellen finden im tiefen Wasser eines Fjords zu Wellenmustern mit Frequenzen, bei denen die Dämpfung nur schwach ist, sodass die Wasseroberfläche stunden- oder gar tagelang vom Echo des Tsunamis durchkreuzt wird . Beim Tracy Arm Fjord immerhin 36 Stunden lang. Sollten Menschen auf einem Schiff den Tsunami überlebt haben, würden die Seiches ihre Rettung wahrscheinlich sehr erschweren. </p> <p>Der wirkliche Glücksfall bestand darin, dass der Felsrutsch am frühen Morgen passierte. Dieser Fjord wird üblicherweise von vielen Kreuzfahrtschiffen angelaufen, manchmal sechs pro Tag. Die größten dieser Schiffe haben Tausende Menschen an Bord. In der Nacht sind sie eher nicht da, denn dann sieht man ja nichts, und um 05:26 ist auch noch kein Kreuzfahrtpassagier so richtig wach. Aber der Felsrutsch hätte zu jeder Tageszeit auftreten können, und man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn selbst ein großes Schiff auf eine 100 Meter hohe Welle trifft.</p> <p>Eben weil hier einfach nur viel Glück im Spiel war, sollten wir uns alle sehr für das Thema interessieren. Es ist nämlich nicht so, dass man da gar nichts tun kann. Dazu gleich mehr. </p> <h2><em>Filmaufnahmen des Fjords und der Schäden</em></h2> <p>Der folgende Film zeigt Hubschrauberaufnahmen der noch frischen Narben an den Wänden des Fjords. Die Luftaufnahmen veranschaulichen die Dimensionen des Geschehens. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/xPrbL5vN4ig?feature=oembed&amp;rel=0" title="What’s it like seeing the Alaska Megatsunami aftermath? 2025" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Dieser Film enthält Material von einer Expedition in den Fjord, inklusive einiger Landgänge, sowie Computersimulationen des Verlaufs des Tsunamis und eine wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeinte, aber doch beklemmende Simulation des Versuchs, der Welle auf einem Jetski zu entkommen. Ist das zu schaffen? Nun ja (Spoiler alert): die anfängliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Tsunami wird auf 70 m/s berechnet. Das sind 250 km/h. Schauen sie selbst. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mIziQW3-QJA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Big Wave - Tracy Arm - 2025 - Tsunami" width="666"></iframe> </p></figure> <h2><em>Haben wir ein Problem?</em></h2> <p>Eins ist klar: seismische Ereignisse kann man nicht exakt vorhersagen und man kann sie auch nicht verhindern. Aber es ist auch nicht so, dass die Welt wie im Fall des Tracy Arm Megatsunamis vollkommen ohne Vorwarnung bleiben muss. Auch beim Tracy Arm-Felssturz zeichneten zwei Seismometer in Alaska, allerdings beide in über 100 km Entfernung vom Ort des Felssturzes, mindestens 24 Stunden vor dem Ereignis eine Zunahme der mikroseismischen Aktivität auf, mit einem exponentiellen Anstieg an sechs Stunden vorher. </p> <p>Das weiß man allerdings nicht, weil man damals schon genau hingeschaut hat. Es war im Vorfeld niemandem bewusst, dass sich etwas anbahnt, und es gab auch keine Warnung. Erst nach dem Ereignis wurden die seismische Daten auf verräterische Spuren untersucht, und man wurde gleich fündig. </p> <p>Allerdings ist auch hier eher der Zufall im Spiel. Der Tracy Arm Fjord ist nicht der einzige Fjord, wo eine Menge Gestein aus großer Höhe in tiefes Wasser fallen und eine Riesenwelle auslösen kann. In der Hinsicht ähneln sich fast alle Fjords. Nun kann man sagen, dass die Zahl der Opfer bis jetzt eher überschaubar gewesen ist. Aber schon beim Tracy Arm Fjord wird gerade das Argument schon etwas wackelig. Früher mag das so gewesen sein, aber bei wachsender Infrastruktur und zunehmendem Tourismus in Gegenden mit wildem Naturpanorama ändert sich auch die Gefährdungssituation massiv. </p> <p>Auf bloßes Glück sollte man sich bei der Risikominimierung nicht verlassen. Wir reden hier auch  nicht über ganz seltene Ereignisse. Immerhin sind in den vergangenen 100 Jahren 27 Tsunamis mit einem runup von 50 Metern oder mehr bekannt. Wie hoch mag die Dunkelziffer sein? Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Schmelzende Gletscher und auftauendes Permafrost können das Problem verschärfen. </p> <h2><em>Was kann man konkret tun?</em></h2> <p>Es geht nicht nur um Alaska. Wie reden auch über Grönland, Norwegen, die Südspitze des amerikanischen Kontinents und Neuseeland. Es geht einfach um etwas, was man gemeinhin mit dem Stichwort „Situational Awareness“ bezeichnet. In der Weltraumforschung kennen wir „Space Situational Awareness“, wo es um Asteroideneinschläge, Sonnenaktivität und das Erdmagnetfeld geht. Hier ist es im Prinzip nicht viel anderes, nur die Art der Daten ist anders. </p> <p>Was wir brauchen, ist ein Netzwerk von automatischen seismischen Messgeräten, die eine permanente Überwachung der gefährdeten Gebiete gewährleistet. Die Daten sollten zeitnah an eine Zentralstelle übermittelt werden, wo Verarbeitung, Abgleich und Speicherung erfolgt. Was herauskommt, wird <em>niemals</em> eine konkrete, genau terminierte Warnung sein: „In 30 Minuten kracht es am Ort X“.</p> <p>Das wird wahrscheinlich nie möglich sein, und man sollte es nicht erwarten. <span>Die Generierung von Warnungen der Art wie „Mit einer Wahrscheinlichkeit von X% kann es in den kommenden 48 Stunden zu einem Ereignis in der Region Y kommen“  liegt jedoch im Bereich des Möglichen. </span></p> <p>Wir sind in einer viel komfortableren Situation als noch vor wenigen Jahren. Mittlerweile ist die Erde dank Radar- und optischer Satelliten von Arktis bis Antarktis hochgenau kartiert. Auch die Datenübertragung wäre heute eigentlich kein Problem mehr, in Zukunft schon gar nicht. </p> <p>Ich sehe ein Netzwerk von Seismometern, von denen jedes, sagen wir, in 15-Minuten-Abständen die Messdaten der vergangenen 15 Minuten übermittelt (wohlgemerkt, wir reden von Telemetrie, nicht von Bildmaterial, was Breitband-Datenübermittlung erfordern würde), eigentlich nur als eine weitere <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_der_Dinge" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Wikipedia zum Internet der Dinge">IoT (Internet of Things)</a>-Anwendung. Wenn es in der Gegend gute terrestrische Netzabdeckung gebt, umso besser, aber darauf kann man sich in Alaska oder Grönland nicht verlassen. </p> <p>Satellitennetzwerke schaffen aber da Abhilfe, wo es kein terrestrisches Netz gibt. Momentan bietet meines Wissens zumindest Iridium IoT-Dienste an. aber die vielen aktuellen oder zukünftigen LEO-Konstellationen werden diesen Markt nicht vernachlässigen können. Wichtig ist ein standardisiertes und einfaches Interface. Die Seismometer sollen sich einfach automatisch einwählen und ihre Datenpakete loswerden, ohne irgendwelche Komplikationen wie ausgerichtete Antennen oder proprietäre Sendeprotokolle.  </p> <h2><em>Und wer soll das bezahlen?</em></h2> <p>Als erstes mal die Stakeholder, also die, die ein originäres Interesse an einem Warndienst haben.  Reedereien, Betreiber von Infrastruktur in arktischen Regionen, das Militär, die Fischerei-Industrie, lokale Verwaltungen. Die gehören alle an einen Tisch. So teuer wird das auch nicht sein. Die Bodeneinheiten können in größerer Stückzahl gebaut werden, mit standardisierten Interfaces. Die Kapazität zur Datenübertragung ist jetzt schon da und das zentrale Rechenzentrum wäre auch nichts unerhört neues. </p> <p>Die Gewinner wären aber keinesfalls nur die Stakeholder und ihre Kunden, inklusive der Kreuzfahrtpassagiere. Ein solches Netzwerk würde eine Masse an aussagekräftigen Daten mit hoher zeitlicher und (lokal) räumlicher Auflösung generieren. Wenn man sicherstellt, dass diese Daten auch der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, würde dabei auf jeden Fall etwas herauskommen, was allen nützt, nämlich Wissen.</p> <p>Wir würden aus diesen Daten lernen. Wir würden besser verstehen, wie sich Regionen seismisch verhalten, wir würden diese Information besser mit geografischen, geologischen und klimatischen Daten verbinden, wir würden einfach unsere gute, alte Erde ein Stückchen besser verstehen. Das ist wünschenswert und nützlich für alle Menschen. </p> <p>Aber was die Lituya-Bucht angeht: Da sollte man sich wirklich mit der Tatsache abfinden, dass der Ort zu gefährlich für Menschen ist. Man sollte einfach nicht dorthin fahren und dort auch nichts aufbauen. Auch nicht, wenn es ein funktionierendes Frühwarnsystem geben sollte. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Megatsunami im Tracy Arm Fjord » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Der Ort: Tracy Arm Fjord in Südost-Alaska, etwa 200 km von <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/megastsunami_lituya_bay/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Artikel auf Go for Launch: Megatsunami in der Lituya Bay">Lituya Bay</a> entfernt.  Ein etwa 50 km langer, verwinkelter Fjord, umgeben von bis zu 1000 m hohen Klippen und steilen Berghängen. <br></br>Das Ereignis: Ein über 100 m großer Megatsunami, ausgelöst durch einen massiven Felssturz am Ende des Fjords<br></br>Die Zeit: 05:26 Ortszeit, 10 August 2025 – Sie haben richtig gelesen, wir reden nicht von grauer Vorzeit – das Ereignis ist knapp ein Jahr her</p> <span id="more-11168"></span> <p>Alles Wesentliche zu diesem Ereignis, soweit heute bekannt, ist in <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.aec3187" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Dan Shugar et al.: A 481-meter-high landslide-tsunami in a cruise ship–frequented Alaska fjord">diesem Paper im Journal Science vom Mai 2026</a> zusammengefasst. Wer Science abonniert hat oder über ein universitäres Netzwerk verbunden ist, hat Zugriff auf das gesamte Paper, alle anderen auf die Zusammenfassung. Es wurde von den Autoren auch eine Seite mit ausführlichem Zusatzmaterial bereitgestellt (<a href="https://zenodo.org/records/18306727" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Zusatzmaterial zu Dan Shugar et al: A 481- meter- high landslide- tsunami in a cruise ship–frequented Alaska fjord">Link</a>), zumeist Videos. <p>Auch in der Presse gab es zahlreiche Artikel dazu, aber seltsamerweise bleibt das Thema fast völlig unbekannt. Ich habe es in unterschiedlichen Gruppen unter meinen Bekannten angesprochen und stieß damit ausschließlich auf Stirnrunzeln. Schon seltsam – ein Megatsunami rasiert bis in fast 500 m Höhe den Wald komplett ab und keiner kriegt es mit? </p></p> <h2><em>Wie kam es zu dem Megatsunami?</em></h2> <p>Ein Fjord ist ein von Gletschern in den Fels gefrästes U-Tal, das nach dem Schmelzen des Eises vom Meer geflutet wurde und jetzt einen langen, schmalen und tiefen Meeresarm wurde, der weit ins Land hineinreicht und von Klippen oder steilen Bergen umschlossen ist. Oft münden immer noch Gletscher in einen Fjord. So ist es auch beim Tracy Arm – an seinem Südende der South Sawyer Glacier, in einen Nebenarm etwas weiter nördlich der North Sawyer Glacier. Beide Gletscher reichten noch vor Jahren viel weiter in den Fjord hinein, sie haben sich jetzt aber bereits weit zurückgezogen. Das hat durchaus eine Relevanz für das aktuelle Ereignis. </p> <p>Am 10. August um 05:26 lösten sich etwa 64 Millionen Kubikmeter Gestein von der Nordostwand der Klippe (rot markiert auf der Karte)  nahe am Fjordende und fielen aus einer Höhe von bis zu 1000  m in das Wasser und auf die Zunge des South Sawyer Glacier. Früher wäre der Felssturz komplett auf dem Gletscher zu liegen gekommen und es hätte keinen Tsunami gegeben, aber aufgrund des Zurückweichens des Gletschers trafen die Felsmassen auf Wasser, das mit großer Wucht verdrängt wurde, vorwiegend in der horizontalen Richtung der Felsbewegung, also zur gegenüberliegenden Felswand hin. Das runup dort erreichte eine Höhe von 481 m – Aller Bewuchs wurde abrasiert und der Oberboden bis auf den nackten Fels abgetragen. </p> <p>Das Wasser lief den Hang wieder herunter, reich beladen mit allem, was am Berghang losgerissen worden war und traf dort auf den Rückfluss des auf den Gletscher gespülten Wassers. Alles zusammen machte sich auf den Weg den Fjord hinunter, in Form einer anfangs 100 Meter hohen Welle.<aside></aside></p> <h2><em>Megatsunami, Mesotsunami, Mikrotsunami …</em></h2> <p>Der Fjord weist viele Winkel und Kanten auf. Er ändert mehrfach seine Richtung um mehr als 90 Grad. Der Tsunami rannte dort jedes Mal gegen eine Felswand, lief an ihr hoch, spülte Bewuchs ab und strömte dann wieder hinunter. Er teilte sich in zwei Wellen, von denen eine den Nebenarm zum North Sawyer Glacier hinauflief, bevor sie merkte, dass es dort nicht weiterging und kehrtmachte. Alle diese Irrungen und Wirrungen richteten zwar lokal großen Schaden an, kosteten die arme Welle aber auch viel Energie. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1.png"><img alt="Topografische Karte des Tracy Arm Fjord, Alaska, Quelle: Michael Khan, erstellt mit Google Maps" decoding="async" height="615" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-1024x615.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-1024x615.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-300x180.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-768x461.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1-1536x922.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/tracyarmfjord-1.png 1607w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Topografische Karte des Tracy Arm Fjord, Alaska, Quelle: Michael Khan, erstellt mit Google Maps</em></figcaption></figure> </div> <p>Als der Tsunami schließlich, 50 km weiter, an der Mündung des Fjords angekommen war, war er nur noch ein Schatten seines früheren selbst … zum Glück, denn da traf er zum ersten Mal auf Menschen. Auf Harbor Island, genau in der Verlängerung der Fließrichtung des Fjords, wurde eine Gruppe dort zeltender Kayakfahrer um 05:45 (19 Minuten nach dem Felssturz) rüde durch eine große Welle geweckt, die einige ihrer Boote und den Großteil ihrer Ausrüstung fortspülte. Die Besatzung eines Schiffs, das bereits etwas innerhalb der Fjordmündung in einer kleinen Bucht lag, meldete bis zu 2.5 m hohe Brandung und 1 m hohe Wellen im tiefen Wasser. Ein weiteres Schiff mit 150 Menschen an Bord lag deutlich weiter im Fjord, die Zeugen beschreiben jedoch auch nur Uferbrandung und moderat hohe Tiefwasserwellen. Niemand wurde verletzt oder getötet. </p> <p>Das wäre anders gewesen, wenn die Morphologie des Tracy Arm Fjords eher der der Lituya-Bucht, geähnelt hätte, also ein weitgehend gerade verlaufender Meeresarm, durch den der Tsunami weitgehend ungebremst hätte rauschen können. Ohne die vielfältigen Bremsklötze, die der Fjord der Welle in den Weg legte, hätte sie nicht 19 Minuten bis zum Ausgang des Fjords gebraucht, und sie wäre hätten dort noch einen viel größeren Anteil ihrer Energie besessen. </p> <p>Auf die Welle folgen die Seiches: Wie schon in der Lituya-Bucht gesehen, und noch deutlicher im <a href="https://www.science.org/content/article/megatsunami-remote-fjord-rang-earth-bell-9-days?__cf_chl_f_tk=W5VQM7NKsIqSc6q.Sia4F.YDt6gqh3QoLWfG4A8l73w-1783361060-1.0.1.1-OKmqB3cbuiesUsCjwT_Yjd.FhNibQN.hkMQ7hleP4v0" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Science: A tsunami in a remote fjord rang Earth like a bell for 9 days">September 2023 im Dickson-Fjord</a> in Grönland, Die von den oft steilen, glatten Wänden reflektierten Wellen finden im tiefen Wasser eines Fjords zu Wellenmustern mit Frequenzen, bei denen die Dämpfung nur schwach ist, sodass die Wasseroberfläche stunden- oder gar tagelang vom Echo des Tsunamis durchkreuzt wird . Beim Tracy Arm Fjord immerhin 36 Stunden lang. Sollten Menschen auf einem Schiff den Tsunami überlebt haben, würden die Seiches ihre Rettung wahrscheinlich sehr erschweren. </p> <p>Der wirkliche Glücksfall bestand darin, dass der Felsrutsch am frühen Morgen passierte. Dieser Fjord wird üblicherweise von vielen Kreuzfahrtschiffen angelaufen, manchmal sechs pro Tag. Die größten dieser Schiffe haben Tausende Menschen an Bord. In der Nacht sind sie eher nicht da, denn dann sieht man ja nichts, und um 05:26 ist auch noch kein Kreuzfahrtpassagier so richtig wach. Aber der Felsrutsch hätte zu jeder Tageszeit auftreten können, und man mag sich nicht vorstellen, was passiert, wenn selbst ein großes Schiff auf eine 100 Meter hohe Welle trifft.</p> <p>Eben weil hier einfach nur viel Glück im Spiel war, sollten wir uns alle sehr für das Thema interessieren. Es ist nämlich nicht so, dass man da gar nichts tun kann. Dazu gleich mehr. </p> <h2><em>Filmaufnahmen des Fjords und der Schäden</em></h2> <p>Der folgende Film zeigt Hubschrauberaufnahmen der noch frischen Narben an den Wänden des Fjords. Die Luftaufnahmen veranschaulichen die Dimensionen des Geschehens. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/xPrbL5vN4ig?feature=oembed&amp;rel=0" title="What’s it like seeing the Alaska Megatsunami aftermath? 2025" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Dieser Film enthält Material von einer Expedition in den Fjord, inklusive einiger Landgänge, sowie Computersimulationen des Verlaufs des Tsunamis und eine wahrscheinlich nicht ganz ernst gemeinte, aber doch beklemmende Simulation des Versuchs, der Welle auf einem Jetski zu entkommen. Ist das zu schaffen? Nun ja (Spoiler alert): die anfängliche Ausbreitungsgeschwindigkeit des Tsunami wird auf 70 m/s berechnet. Das sind 250 km/h. Schauen sie selbst. </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/mIziQW3-QJA?feature=oembed&amp;rel=0" title="The Big Wave - Tracy Arm - 2025 - Tsunami" width="666"></iframe> </p></figure> <h2><em>Haben wir ein Problem?</em></h2> <p>Eins ist klar: seismische Ereignisse kann man nicht exakt vorhersagen und man kann sie auch nicht verhindern. Aber es ist auch nicht so, dass die Welt wie im Fall des Tracy Arm Megatsunamis vollkommen ohne Vorwarnung bleiben muss. Auch beim Tracy Arm-Felssturz zeichneten zwei Seismometer in Alaska, allerdings beide in über 100 km Entfernung vom Ort des Felssturzes, mindestens 24 Stunden vor dem Ereignis eine Zunahme der mikroseismischen Aktivität auf, mit einem exponentiellen Anstieg an sechs Stunden vorher. </p> <p>Das weiß man allerdings nicht, weil man damals schon genau hingeschaut hat. Es war im Vorfeld niemandem bewusst, dass sich etwas anbahnt, und es gab auch keine Warnung. Erst nach dem Ereignis wurden die seismische Daten auf verräterische Spuren untersucht, und man wurde gleich fündig. </p> <p>Allerdings ist auch hier eher der Zufall im Spiel. Der Tracy Arm Fjord ist nicht der einzige Fjord, wo eine Menge Gestein aus großer Höhe in tiefes Wasser fallen und eine Riesenwelle auslösen kann. In der Hinsicht ähneln sich fast alle Fjords. Nun kann man sagen, dass die Zahl der Opfer bis jetzt eher überschaubar gewesen ist. Aber schon beim Tracy Arm Fjord wird gerade das Argument schon etwas wackelig. Früher mag das so gewesen sein, aber bei wachsender Infrastruktur und zunehmendem Tourismus in Gegenden mit wildem Naturpanorama ändert sich auch die Gefährdungssituation massiv. </p> <p>Auf bloßes Glück sollte man sich bei der Risikominimierung nicht verlassen. Wir reden hier auch  nicht über ganz seltene Ereignisse. Immerhin sind in den vergangenen 100 Jahren 27 Tsunamis mit einem runup von 50 Metern oder mehr bekannt. Wie hoch mag die Dunkelziffer sein? Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Schmelzende Gletscher und auftauendes Permafrost können das Problem verschärfen. </p> <h2><em>Was kann man konkret tun?</em></h2> <p>Es geht nicht nur um Alaska. Wie reden auch über Grönland, Norwegen, die Südspitze des amerikanischen Kontinents und Neuseeland. Es geht einfach um etwas, was man gemeinhin mit dem Stichwort „Situational Awareness“ bezeichnet. In der Weltraumforschung kennen wir „Space Situational Awareness“, wo es um Asteroideneinschläge, Sonnenaktivität und das Erdmagnetfeld geht. Hier ist es im Prinzip nicht viel anderes, nur die Art der Daten ist anders. </p> <p>Was wir brauchen, ist ein Netzwerk von automatischen seismischen Messgeräten, die eine permanente Überwachung der gefährdeten Gebiete gewährleistet. Die Daten sollten zeitnah an eine Zentralstelle übermittelt werden, wo Verarbeitung, Abgleich und Speicherung erfolgt. Was herauskommt, wird <em>niemals</em> eine konkrete, genau terminierte Warnung sein: „In 30 Minuten kracht es am Ort X“.</p> <p>Das wird wahrscheinlich nie möglich sein, und man sollte es nicht erwarten. <span>Die Generierung von Warnungen der Art wie „Mit einer Wahrscheinlichkeit von X% kann es in den kommenden 48 Stunden zu einem Ereignis in der Region Y kommen“  liegt jedoch im Bereich des Möglichen. </span></p> <p>Wir sind in einer viel komfortableren Situation als noch vor wenigen Jahren. Mittlerweile ist die Erde dank Radar- und optischer Satelliten von Arktis bis Antarktis hochgenau kartiert. Auch die Datenübertragung wäre heute eigentlich kein Problem mehr, in Zukunft schon gar nicht. </p> <p>Ich sehe ein Netzwerk von Seismometern, von denen jedes, sagen wir, in 15-Minuten-Abständen die Messdaten der vergangenen 15 Minuten übermittelt (wohlgemerkt, wir reden von Telemetrie, nicht von Bildmaterial, was Breitband-Datenübermittlung erfordern würde), eigentlich nur als eine weitere <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Internet_der_Dinge" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Wikipedia zum Internet der Dinge">IoT (Internet of Things)</a>-Anwendung. Wenn es in der Gegend gute terrestrische Netzabdeckung gebt, umso besser, aber darauf kann man sich in Alaska oder Grönland nicht verlassen. </p> <p>Satellitennetzwerke schaffen aber da Abhilfe, wo es kein terrestrisches Netz gibt. Momentan bietet meines Wissens zumindest Iridium IoT-Dienste an. aber die vielen aktuellen oder zukünftigen LEO-Konstellationen werden diesen Markt nicht vernachlässigen können. Wichtig ist ein standardisiertes und einfaches Interface. Die Seismometer sollen sich einfach automatisch einwählen und ihre Datenpakete loswerden, ohne irgendwelche Komplikationen wie ausgerichtete Antennen oder proprietäre Sendeprotokolle.  </p> <h2><em>Und wer soll das bezahlen?</em></h2> <p>Als erstes mal die Stakeholder, also die, die ein originäres Interesse an einem Warndienst haben.  Reedereien, Betreiber von Infrastruktur in arktischen Regionen, das Militär, die Fischerei-Industrie, lokale Verwaltungen. Die gehören alle an einen Tisch. So teuer wird das auch nicht sein. Die Bodeneinheiten können in größerer Stückzahl gebaut werden, mit standardisierten Interfaces. Die Kapazität zur Datenübertragung ist jetzt schon da und das zentrale Rechenzentrum wäre auch nichts unerhört neues. </p> <p>Die Gewinner wären aber keinesfalls nur die Stakeholder und ihre Kunden, inklusive der Kreuzfahrtpassagiere. Ein solches Netzwerk würde eine Masse an aussagekräftigen Daten mit hoher zeitlicher und (lokal) räumlicher Auflösung generieren. Wenn man sicherstellt, dass diese Daten auch der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, würde dabei auf jeden Fall etwas herauskommen, was allen nützt, nämlich Wissen.</p> <p>Wir würden aus diesen Daten lernen. Wir würden besser verstehen, wie sich Regionen seismisch verhalten, wir würden diese Information besser mit geografischen, geologischen und klimatischen Daten verbinden, wir würden einfach unsere gute, alte Erde ein Stückchen besser verstehen. Das ist wünschenswert und nützlich für alle Menschen. </p> <p>Aber was die Lituya-Bucht angeht: Da sollte man sich wirklich mit der Tatsache abfinden, dass der Ort zu gefährlich für Menschen ist. Man sollte einfach nicht dorthin fahren und dort auch nichts aufbauen. Auch nicht, wenn es ein funktionierendes Frühwarnsystem geben sollte. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/megatsunami-im-tracy-arm-fjord/#comments 8 Das Gehirn im (Klima)wandel https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/das-gehirn-im-klimawandel/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/das-gehirn-im-klimawandel/#respond Mon, 06 Jul 2026 10:20:22 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6105 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/hitzethermometertemperaturanstiegsonne-689970-1-768x365.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/das-gehirn-im-klimawandel/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/hitzethermometertemperaturanstiegsonne-689970-1.jpg" /><h1>Das Gehirn im (Klima)wandel » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-06T12:20:22+02:00">06. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 7 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Die Temperaturen nähern sich der 40-Grad-Marke, viele Menschen leiden in aufgeheizten Dachgeschosswohnungen und suchen Abkühlung an Seen oder in Schwimmbädern. Auch nachts bringen die Temperaturen kaum Entlastung. In den vergangenen Wochen war das ganze Land wiederholt von intensiven Hitzeperioden betroffen. Diese steigenden Temperaturen stellen jedoch nicht nur eine Belastung für Umwelt und Ökosysteme dar, sondern wirken sich zunehmend auch auf das menschliche Nervensystem aus.</p> <h3>Hohe Temperaturen und Klimawandel</h3> <p>Zunehmende Temperaturen sowie insbesondere häufigere, länger andauernde und intensivere Hitzewellen stellen eine ernsthafte Belastung für die Gesundheit von Menschen und Tieren dar. Ein eindrückliches Beispiel ist die europäische Hitzewelle im August 2003, einer der heißesten Augustmonate in vielen Ländern, in deren Folge mehr als 20.000 Todesfälle verzeichnet wurden.</p> <p>Im globalen Durchschnitt lag die Erdoberflächentemperatur im Jahr 2020 etwa 1,3 °C über dem vorindustriellen Niveau. Dabei zeigt sich ein beschleunigender Erwärmungstrend von ungefähr 0,2 °C pro Jahrzehnt.</p> <p>Klimamodelle prognostizieren, dass sich die Erde weiter erwärmen wird, wenn die Emission von Treibhausgasen im bisherigen Umfang anhält. Damit droht die Überschreitung der im Pariser Klimaabkommen von 2015 festgelegten Grenze von 1,5 °C. Zukünftige Generationen werden daher voraussichtlich mit noch gravierenderen Folgen konfrontiert sein als jene, die bereits heute beobachtet werden [1].</p> <h3>Was Hitzeakklimatisierung für den Körper leistet</h3> <p>Eine zentrale Rolle spielt die Hitzeakklimatisierung, also die Anpassung an anhaltende Hitze. Dabei handelt es sich nicht um eine einmalige Reaktion, sondern um eine koordinierte, umkehrbare Umstellung physiologischer und verhaltensbezogener Parameter. Zu den Veränderungen gehören unter anderem ein niedrigerer Herzschlag, geringere Nahrungsaufnahme, reduzierter Energieverbrauch und eine gedrosselte Thermogenese, also verringerte Wärmebildung durch Stoffwechselprozesse [2, 3].Diese Anpassungen senken die körpereigene Wärmeproduktion und erleichtern gleichzeitig die Wärmeabgabe. Auch das Verhalten verändert sich: In Modellorganismen wie Nagetieren wurden geringere Aktivität, verändertes Nestbauverhalten und reduzierte soziale Interaktionen beschrieben [3]. Hitzetoleranz ist also ein verhaltens- und nervensystembasiertes Phänomen.<aside></aside></p> <h3>Hitze stört neuronale Funktion</h3> <p>Bereits eine Veränderung der Außentemperatur um nur ein Grad, etwa infolge des verstärkten globalen Klimawandels, kann Anpassungsprozesse im Körper auslösen. Hält diese Belastung über längere Zeit an, werden dabei biochemische Mechanismen aktiviert, die mit neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung stehen. Dazu zählen unter anderem oxidativer Stress, Übererregung von Nervenzellen (Exzitotoxizität) und entzündliche Prozesse im Nervensystem (Neuroinflammation) [4].</p> <h3>Der Hypothalamus als Schaltstelle</h3> <p>Besonders im Fokus steht der Hypothalamus, insbesondere das präoptische Areal (POA), das als thermoregulatorisches Zentrum gilt. Es gibt Hinweise darauf, dass sich dort die Aktivität, Erregbarkeit und das Antwortverhalten bestimmter Neuronengruppen langfristig verändern, was wahrscheinlich systemische Anpassungen an Hitze mitsteuert [5, 6].  </p> <h3>Alzheimer und hohe Temperaturen</h3> <p>Alzheimer ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch die Fehlfaltung und Aggregation von Tau-Proteinen innerhalb von Zellen oder in Form von extrazellulären Amyloid-β-Ablagerungen gekennzeichnet ist.</p> <p>Proteine sind kleine Helfer, die in den Zellen unseres Körpers vorkommen und dort wichtige Aufgaben erledigen. Die Fehlfaltung und Aggregation von Proteinen ist ein zentrales Merkmal vieler neurodegenerativer Erkrankungen [7, 8]. Damit neu synthetisierte Proteine ihre funktionierende dreidimensionale Struktur einnehmen können, müssen sie korrekt gefaltet werden. Verschiedene Stressfaktoren können diesen Faltungsprozess stören und so zur Anhäufung fehlgefalteter oder aggregierter Proteine führen.</p> <p>Bei Menschen mit Alzheimer wurde eine Störung des natürlichen Tagesrhythmus der Körpertemperatur beobachtet. Diese Veränderungen können möglicherweise schon auftreten, bevor erste deutliche Krankheitssymptome sichtbar werden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stärke dieser Störung mit dem Fortschreiten der Erkrankung zusammenhängen könnte [9]. Daher wird davon ausgegangen, dass Menschen mit Demenz besonders empfindlich auf steigende Temperaturen durch den Klimawandel reagieren. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass verschiedene Risikofaktoren, darunter auch die Körpertemperatur, mit der Entstehung von Alzheimer in Verbindung stehen könnten [10].</p> <p>Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Hitzewellen den Verlauf bereits bestehender neurodegenerativer Erkrankungen verschlechtern können, wobei Menschen mit Demenz ein besonders hohes Risiko tragen. </p> <h3>Auswirkungen von Hitze auf Parkinson</h3> <p>Parkinson ist eine chronische, fortschreitende Erkrankung des Nervensystems. Im Verlauf treten häufig typische Bewegungssymptome wie Zittern oder Bewegungsarmut sowie Muskelsteifheit auf. Dazu kommen oft nicht-motorische Beschwerden wie Depressionen und kognitive Einschränkungen.</p> <p>Wie bei Alzheimer spielen auch bei Parkinson fehlgefaltete Proteine eine zentrale Rolle. Beim Parkinson ist es das Protein Alpha-Synuclein, das sich abnorm verändert und verklumpt [11, 12].</p> <p>Menschen mit Parkinson haben häufig Probleme mit der Wärmeregulation des Körpers. Diese Schwierigkeiten können sich durch Hitzebelastung und Hitzewellen deutlich verschlimmern. Typische Symptome sind:</p> <ul> <li>Übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrose)</li> <li>Regulationsstörungen der Blutgefäße (vasomotorische Abnormalitäten)</li> <li>Anfallsartiges starkes Schwitzen, Nachtschweiß oder im Gegenteil vermindertes Schwitzen (Hypohidrose)</li> </ul> <p>Diese Probleme entstehen als Folge der neurodegenerativen Prozesse, also des fortschreitenden Nervenzellverlusts [13].</p> <p>Bereits in den frühen Krankheitsstadien können Schädigungen kleiner Nervenfasern die Temperaturregelung beeinträchtigen [14]. Das bedeutet: Menschen mit Parkinson scheinen besonders anfällig für Hitze, weil ihr Körper Temperaturveränderungen schlechter ausgleichen kann.</p> <p>Mehr zu Parkinson <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-wenn-zellen-sterben/">hier</a>.</p> <h3>Proteine im Hitzeschock</h3> <p>Sowohl bei Parkinson als auch bei Alzheimer und weiteren neurodegenerativen Erkrankungen spielt die Fehlfaltung von Proteinen eine zentrale Rolle.</p> <p>Verschiedene Stressfaktoren, darunter auch Hitzestress, können dazu führen, dass Proteine sich falsch falten. Dadurch entstehen verstärkte Mengen an verklumpten Proteinen [15]. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Überhitzung ein molekulares Muster hervorrufen kann, das dem der Alzheimer-Erkrankung ähnelt: Es kommt zu einer erhöhten Produktion von Amyloid-β und zur Ablagerung phosphoryliertem Tau-Protein [16]. Bereits geringe Temperaturschwankungen können die Faltung von Amyloid-β verändern und den Verklumpungsprozess deutlich beschleunigen [17].</p> <p>Damit Organismen sich vor Hitzestress schützen können, haben sich im Laufe der Evolution Hitzeschockproteine entwickelt (HSPs) [18, 19]. Diese Proteine übernehmen mehrere wichtige Aufgaben: Sie helfen bei der korrekten Faltung neu gebildeter Protein-Ketten, unterstützen den Transport von Proteinen durch Zellmembrane und schützen Proteine vor der schädlichen Wirkung hoher Temperaturen [20].</p> <p>Wenn Zellen Hitze ausgesetzt sind, werden HSPs sofort aktiviert und wirken als molekulare Helfer. Ihre Aufgabe ist es, durch Hitze geschädigte Proteine wieder in ihre normale Form zurückzubringen [19].</p> <p>HSPs schützen Nervenzellen davor, dass sich giftige fehlgefaltete Proteine verklumpen. Wenn diese Schutzproteine nicht richtig funktionieren oder erschöpft sind, kann dies zur Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen beitragen. Das bedeutet: Ein Versagen der Hitzeschockproteine könnte ein wichtiger Faktor sein, warum Hitze neurodegenerative Erkrankungen verschlimmern kann.</p> <h3>Folgen des Klimawandels</h3> <p>Die steigenden Temperaturen infolge des Klimawandels stellen nicht nur eine Belastung für den gesamten Organismus dar, sondern können auch das Nervensystem und bestehende neurodegenerative Erkrankungen erheblich beeinflussen. Besonders Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen scheinen eng mit Störungen der Temperaturregulation, Hitzestress und der Fehlfaltung von Proteinen verbunden zu sein. Mit zunehmender globaler Erwärmung wird es daher immer wichtiger, die Auswirkungen von Hitze auf das Gehirn besser zu verstehen und vulnerable Menschen gezielt zu schützen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Bongioanni, P., Del Carratore, R., Corbianco, S., Diana, A., Cavallini, G., Masciandaro, S. M., Dini, M., &amp; Buizza, R. (2021). Climate change and neurodegenerative diseases. Environmental Research, 201, 111511. <a href="https://doi.org/10.1016/j.envres.2021.111511" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.envres.2021.111511</a></li> <li>Taylor, N. A. (2014). Human heat adaptation. Comprehensive Physiology, 4(1), 325–365. <a href="https://doi.org/10.1002/cphy.c130022" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/cphy.c130022</a></li> <li>Jordan, D. (1995). Temperature regulation in laboratory rodents. Journal of Anatomy, 186(Pt 1), 228.</li> <li>Zammit, C., Torzhenskaya, N., Ozarkar, P. D., &amp; Calleja Agius, J. (2021). Neurological disorders vis-à-vis climate change. Early Human Development, 155, 105217. <a href="https://doi.org/10.1016/j.earlhumdev.2020.105217" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.earlhumdev.2020.105217</a></li> <li>Ambroziak, W., Nencini, S., Pohle, J., Zuza, K., Pino, G., Lundh, S., Araujo-Sousa, C., Goetz, L. I. L., Schrenk-Siemens, K., Manoj, G., Herrera, M. A., Acuna, C., &amp; Siemens, J. (2025). Thermally induced neuronal plasticity in the hypothalamus mediates heat tolerance. Nature Neuroscience, 28(2), 346–360. <a href="https://doi.org/10.1038/s41593-024-01830-0" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41593-024-01830-0</a></li> <li>Chen, B., Gao, C., Liu, C., Guo, T., Hu, J., Xue, J., Tang, K., Chen, Y., Yu, T., Shen, Q., Sun, H., Yang, W. Z., &amp; Shen, W. L. (2025). Heat acclimation in mice requires preoptic BDNF neurons and postsynaptic potentiation. Cell Research, 35(3), 224–227. <a href="https://doi.org/10.1038/s41422-024-01064-6" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41422-024-01064-6</a></li> <li>Lim, K. H. (2019). Diverse misfolded conformational strains and cross-seeding of misfolded proteins implicated in neurodegenerative diseases. Frontiers in Molecular Neuroscience, 12, 158. <a href="https://doi.org/10.3389/fnmol.2019.00158" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fnmol.2019.00158</a></li> <li>Medinas, D. B., Cabral-Miranda, F., &amp; Hetz, C. (2019). ER stress links aging to sporadic ALS. Aging, 11(1), 5–6. <a href="https://doi.org/10.18632/aging.101705" rel="noopener">https://doi.org/10.18632/aging.101705</a></li> <li>Coogan, A. N., Schutová, B., Husung, S., Furczyk, K., Baune, B. T., Kropp, P., Häßler, F., &amp; Thome, J. (2013). The circadian system in Alzheimer’s disease: Disturbances, mechanisms, and opportunities. Biological Psychiatry, 74(5), 333–339. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.11.021" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.11.021</a></li> <li>Whittington, R. A., Papon, M. A., Chouinard, F., &amp; Planel, E. (2010). Hypothermia and Alzheimer’s disease neuropathogenic pathways. Current Alzheimer Research, 7(8), 717–725. <a href="https://doi.org/10.2174/156720510793611646" rel="noopener">https://doi.org/10.2174/156720510793611646</a></li> <li>Kim, J. A., &amp; Connors, B. W. (2012). High temperatures alter physiological properties of pyramidal cells and inhibitory interneurons in hippocampus. Frontiers in Cellular Neuroscience, 6, 27. <a href="https://doi.org/10.3389/fncel.2012.00027" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fncel.2012.00027</a></li> <li>Power, J. H., Barnes, O. L., &amp; Chegini, F. (2017). Lewy bodies and the mechanisms of neuronal cell death in Parkinson’s disease and dementia with Lewy bodies. Brain Pathology, 27(1), 3–12. <a href="https://doi.org/10.1111/bpa.12344" rel="noopener">https://doi.org/10.1111/bpa.12344</a></li> <li>Coon, E. A., &amp; Cheshire, W. P., Jr. (2020). Sweating disorders. Continuum (Minneapolis, Minn.), 26(1), 116–137. <a href="https://doi.org/10.1212/CON.0000000000000813" rel="noopener">https://doi.org/10.1212/CON.0000000000000813</a></li> <li>Podgorny, P. J., Suchowersky, O., Romanchuk, K. G., &amp; Feasby, T. E. (2016). Evidence for small fiber neuropathy in early Parkinson’s disease. Parkinsonism &amp; Related Disorders, 28, 94–99. <a href="https://doi.org/10.1016/j.parkreldis.2016.04.033" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.parkreldis.2016.04.033</a></li> <li>Vabulas, R. M., Raychaudhuri, S., Hayer-Hartl, M., &amp; Hartl, F. U. (2010). Protein folding in the cytoplasm and the heat shock response. Cold Spring Harbor Perspectives in Biology, 2(12), a004390. <a href="https://doi.org/10.1101/cshperspect.a004390" rel="noopener">https://doi.org/10.1101/cshperspect.a004390</a></li> <li>Sinigaglia-Coimbra, R., Cavalheiro, E. A., &amp; Coimbra, C. G. (2002). Postischemic hyperthermia induces Alzheimer-like pathology in the rat brain. Acta Neuropathologica, 103(5), 444–452. <a href="https://doi.org/10.1007/s00401-001-0487-3" rel="noopener">https://doi.org/10.1007/s00401-001-0487-3</a></li> <li>Ghavami, M., Rezaei, M., Ejtehadi, R., Lotfi, M., Shokrgozar, M. A., Abd Emamy, B., Raush, J., &amp; Mahmoudi, M. (2013). Physiological temperature has a crucial role in amyloid β in the absence and presence of hydrophobic and hydrophilic nanoparticles. ACS Chemical Neuroscience, 4(3), 375–378. <a href="https://doi.org/10.1021/cn300205g" rel="noopener">https://doi.org/10.1021/cn300205g</a></li> <li>Singh, I. S., &amp; Hasday, J. D. (2013). Fever, hyperthermia and the heat shock response. International Journal of Hyperthermia, 29(5), 423–435. <a href="https://doi.org/10.3109/02656736.2013.808766" rel="noopener">https://doi.org/10.3109/02656736.2013.808766</a></li> <li>Miller, D. J., &amp; Fort, P. E. (2018). Heat shock proteins regulatory role in neurodevelopment. Frontiers in Neuroscience, 12, 821. <a href="https://doi.org/10.3389/fnins.2018.00821" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fnins.2018.00821</a></li> <li>Katschinski, D. M. (2004). On heat and cells and proteins. News in Physiological Sciences, 19, 11–15. <a href="https://doi.org/10.1152/nips.01403.2002" rel="noopener">https://doi.org/10.1152/nips.01403.2002</a></li> </ol> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/cropped-Ruzica-1-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Mein Name ist Ruzica Sedic und ich studiere Neurowissenschaften im Master an der Universität Düsseldorf. Während meiner Ausbildung zur biotechnologischen Assistentin und meinem Bachelor in Biologie habe ich meine Liebe zur Zellbiologie entdeckt. Deshalb finde ich den Zusammenhang zwischen zellulären Prozessen und neurologischen Phänomenen besonders spannend. Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/hitzethermometertemperaturanstiegsonne-689970-1.jpg" /><h1>Das Gehirn im (Klima)wandel » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-06T12:20:22+02:00">06. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 7 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Die Temperaturen nähern sich der 40-Grad-Marke, viele Menschen leiden in aufgeheizten Dachgeschosswohnungen und suchen Abkühlung an Seen oder in Schwimmbädern. Auch nachts bringen die Temperaturen kaum Entlastung. In den vergangenen Wochen war das ganze Land wiederholt von intensiven Hitzeperioden betroffen. Diese steigenden Temperaturen stellen jedoch nicht nur eine Belastung für Umwelt und Ökosysteme dar, sondern wirken sich zunehmend auch auf das menschliche Nervensystem aus.</p> <h3>Hohe Temperaturen und Klimawandel</h3> <p>Zunehmende Temperaturen sowie insbesondere häufigere, länger andauernde und intensivere Hitzewellen stellen eine ernsthafte Belastung für die Gesundheit von Menschen und Tieren dar. Ein eindrückliches Beispiel ist die europäische Hitzewelle im August 2003, einer der heißesten Augustmonate in vielen Ländern, in deren Folge mehr als 20.000 Todesfälle verzeichnet wurden.</p> <p>Im globalen Durchschnitt lag die Erdoberflächentemperatur im Jahr 2020 etwa 1,3 °C über dem vorindustriellen Niveau. Dabei zeigt sich ein beschleunigender Erwärmungstrend von ungefähr 0,2 °C pro Jahrzehnt.</p> <p>Klimamodelle prognostizieren, dass sich die Erde weiter erwärmen wird, wenn die Emission von Treibhausgasen im bisherigen Umfang anhält. Damit droht die Überschreitung der im Pariser Klimaabkommen von 2015 festgelegten Grenze von 1,5 °C. Zukünftige Generationen werden daher voraussichtlich mit noch gravierenderen Folgen konfrontiert sein als jene, die bereits heute beobachtet werden [1].</p> <h3>Was Hitzeakklimatisierung für den Körper leistet</h3> <p>Eine zentrale Rolle spielt die Hitzeakklimatisierung, also die Anpassung an anhaltende Hitze. Dabei handelt es sich nicht um eine einmalige Reaktion, sondern um eine koordinierte, umkehrbare Umstellung physiologischer und verhaltensbezogener Parameter. Zu den Veränderungen gehören unter anderem ein niedrigerer Herzschlag, geringere Nahrungsaufnahme, reduzierter Energieverbrauch und eine gedrosselte Thermogenese, also verringerte Wärmebildung durch Stoffwechselprozesse [2, 3].Diese Anpassungen senken die körpereigene Wärmeproduktion und erleichtern gleichzeitig die Wärmeabgabe. Auch das Verhalten verändert sich: In Modellorganismen wie Nagetieren wurden geringere Aktivität, verändertes Nestbauverhalten und reduzierte soziale Interaktionen beschrieben [3]. Hitzetoleranz ist also ein verhaltens- und nervensystembasiertes Phänomen.<aside></aside></p> <h3>Hitze stört neuronale Funktion</h3> <p>Bereits eine Veränderung der Außentemperatur um nur ein Grad, etwa infolge des verstärkten globalen Klimawandels, kann Anpassungsprozesse im Körper auslösen. Hält diese Belastung über längere Zeit an, werden dabei biochemische Mechanismen aktiviert, die mit neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung stehen. Dazu zählen unter anderem oxidativer Stress, Übererregung von Nervenzellen (Exzitotoxizität) und entzündliche Prozesse im Nervensystem (Neuroinflammation) [4].</p> <h3>Der Hypothalamus als Schaltstelle</h3> <p>Besonders im Fokus steht der Hypothalamus, insbesondere das präoptische Areal (POA), das als thermoregulatorisches Zentrum gilt. Es gibt Hinweise darauf, dass sich dort die Aktivität, Erregbarkeit und das Antwortverhalten bestimmter Neuronengruppen langfristig verändern, was wahrscheinlich systemische Anpassungen an Hitze mitsteuert [5, 6].  </p> <h3>Alzheimer und hohe Temperaturen</h3> <p>Alzheimer ist eine neurodegenerative Erkrankung, die durch die Fehlfaltung und Aggregation von Tau-Proteinen innerhalb von Zellen oder in Form von extrazellulären Amyloid-β-Ablagerungen gekennzeichnet ist.</p> <p>Proteine sind kleine Helfer, die in den Zellen unseres Körpers vorkommen und dort wichtige Aufgaben erledigen. Die Fehlfaltung und Aggregation von Proteinen ist ein zentrales Merkmal vieler neurodegenerativer Erkrankungen [7, 8]. Damit neu synthetisierte Proteine ihre funktionierende dreidimensionale Struktur einnehmen können, müssen sie korrekt gefaltet werden. Verschiedene Stressfaktoren können diesen Faltungsprozess stören und so zur Anhäufung fehlgefalteter oder aggregierter Proteine führen.</p> <p>Bei Menschen mit Alzheimer wurde eine Störung des natürlichen Tagesrhythmus der Körpertemperatur beobachtet. Diese Veränderungen können möglicherweise schon auftreten, bevor erste deutliche Krankheitssymptome sichtbar werden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Stärke dieser Störung mit dem Fortschreiten der Erkrankung zusammenhängen könnte [9]. Daher wird davon ausgegangen, dass Menschen mit Demenz besonders empfindlich auf steigende Temperaturen durch den Klimawandel reagieren. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass verschiedene Risikofaktoren, darunter auch die Körpertemperatur, mit der Entstehung von Alzheimer in Verbindung stehen könnten [10].</p> <p>Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass Hitzewellen den Verlauf bereits bestehender neurodegenerativer Erkrankungen verschlechtern können, wobei Menschen mit Demenz ein besonders hohes Risiko tragen. </p> <h3>Auswirkungen von Hitze auf Parkinson</h3> <p>Parkinson ist eine chronische, fortschreitende Erkrankung des Nervensystems. Im Verlauf treten häufig typische Bewegungssymptome wie Zittern oder Bewegungsarmut sowie Muskelsteifheit auf. Dazu kommen oft nicht-motorische Beschwerden wie Depressionen und kognitive Einschränkungen.</p> <p>Wie bei Alzheimer spielen auch bei Parkinson fehlgefaltete Proteine eine zentrale Rolle. Beim Parkinson ist es das Protein Alpha-Synuclein, das sich abnorm verändert und verklumpt [11, 12].</p> <p>Menschen mit Parkinson haben häufig Probleme mit der Wärmeregulation des Körpers. Diese Schwierigkeiten können sich durch Hitzebelastung und Hitzewellen deutlich verschlimmern. Typische Symptome sind:</p> <ul> <li>Übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrose)</li> <li>Regulationsstörungen der Blutgefäße (vasomotorische Abnormalitäten)</li> <li>Anfallsartiges starkes Schwitzen, Nachtschweiß oder im Gegenteil vermindertes Schwitzen (Hypohidrose)</li> </ul> <p>Diese Probleme entstehen als Folge der neurodegenerativen Prozesse, also des fortschreitenden Nervenzellverlusts [13].</p> <p>Bereits in den frühen Krankheitsstadien können Schädigungen kleiner Nervenfasern die Temperaturregelung beeinträchtigen [14]. Das bedeutet: Menschen mit Parkinson scheinen besonders anfällig für Hitze, weil ihr Körper Temperaturveränderungen schlechter ausgleichen kann.</p> <p>Mehr zu Parkinson <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/parkinson-wenn-zellen-sterben/">hier</a>.</p> <h3>Proteine im Hitzeschock</h3> <p>Sowohl bei Parkinson als auch bei Alzheimer und weiteren neurodegenerativen Erkrankungen spielt die Fehlfaltung von Proteinen eine zentrale Rolle.</p> <p>Verschiedene Stressfaktoren, darunter auch Hitzestress, können dazu führen, dass Proteine sich falsch falten. Dadurch entstehen verstärkte Mengen an verklumpten Proteinen [15]. In Tierversuchen konnte gezeigt werden, dass Überhitzung ein molekulares Muster hervorrufen kann, das dem der Alzheimer-Erkrankung ähnelt: Es kommt zu einer erhöhten Produktion von Amyloid-β und zur Ablagerung phosphoryliertem Tau-Protein [16]. Bereits geringe Temperaturschwankungen können die Faltung von Amyloid-β verändern und den Verklumpungsprozess deutlich beschleunigen [17].</p> <p>Damit Organismen sich vor Hitzestress schützen können, haben sich im Laufe der Evolution Hitzeschockproteine entwickelt (HSPs) [18, 19]. Diese Proteine übernehmen mehrere wichtige Aufgaben: Sie helfen bei der korrekten Faltung neu gebildeter Protein-Ketten, unterstützen den Transport von Proteinen durch Zellmembrane und schützen Proteine vor der schädlichen Wirkung hoher Temperaturen [20].</p> <p>Wenn Zellen Hitze ausgesetzt sind, werden HSPs sofort aktiviert und wirken als molekulare Helfer. Ihre Aufgabe ist es, durch Hitze geschädigte Proteine wieder in ihre normale Form zurückzubringen [19].</p> <p>HSPs schützen Nervenzellen davor, dass sich giftige fehlgefaltete Proteine verklumpen. Wenn diese Schutzproteine nicht richtig funktionieren oder erschöpft sind, kann dies zur Entstehung neurodegenerativer Erkrankungen beitragen. Das bedeutet: Ein Versagen der Hitzeschockproteine könnte ein wichtiger Faktor sein, warum Hitze neurodegenerative Erkrankungen verschlimmern kann.</p> <h3>Folgen des Klimawandels</h3> <p>Die steigenden Temperaturen infolge des Klimawandels stellen nicht nur eine Belastung für den gesamten Organismus dar, sondern können auch das Nervensystem und bestehende neurodegenerative Erkrankungen erheblich beeinflussen. Besonders Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen scheinen eng mit Störungen der Temperaturregulation, Hitzestress und der Fehlfaltung von Proteinen verbunden zu sein. Mit zunehmender globaler Erwärmung wird es daher immer wichtiger, die Auswirkungen von Hitze auf das Gehirn besser zu verstehen und vulnerable Menschen gezielt zu schützen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Bongioanni, P., Del Carratore, R., Corbianco, S., Diana, A., Cavallini, G., Masciandaro, S. M., Dini, M., &amp; Buizza, R. (2021). Climate change and neurodegenerative diseases. Environmental Research, 201, 111511. <a href="https://doi.org/10.1016/j.envres.2021.111511" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.envres.2021.111511</a></li> <li>Taylor, N. A. (2014). Human heat adaptation. Comprehensive Physiology, 4(1), 325–365. <a href="https://doi.org/10.1002/cphy.c130022" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/cphy.c130022</a></li> <li>Jordan, D. (1995). Temperature regulation in laboratory rodents. Journal of Anatomy, 186(Pt 1), 228.</li> <li>Zammit, C., Torzhenskaya, N., Ozarkar, P. D., &amp; Calleja Agius, J. (2021). Neurological disorders vis-à-vis climate change. Early Human Development, 155, 105217. <a href="https://doi.org/10.1016/j.earlhumdev.2020.105217" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.earlhumdev.2020.105217</a></li> <li>Ambroziak, W., Nencini, S., Pohle, J., Zuza, K., Pino, G., Lundh, S., Araujo-Sousa, C., Goetz, L. I. L., Schrenk-Siemens, K., Manoj, G., Herrera, M. A., Acuna, C., &amp; Siemens, J. (2025). Thermally induced neuronal plasticity in the hypothalamus mediates heat tolerance. Nature Neuroscience, 28(2), 346–360. <a href="https://doi.org/10.1038/s41593-024-01830-0" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41593-024-01830-0</a></li> <li>Chen, B., Gao, C., Liu, C., Guo, T., Hu, J., Xue, J., Tang, K., Chen, Y., Yu, T., Shen, Q., Sun, H., Yang, W. Z., &amp; Shen, W. L. (2025). Heat acclimation in mice requires preoptic BDNF neurons and postsynaptic potentiation. Cell Research, 35(3), 224–227. <a href="https://doi.org/10.1038/s41422-024-01064-6" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41422-024-01064-6</a></li> <li>Lim, K. H. (2019). Diverse misfolded conformational strains and cross-seeding of misfolded proteins implicated in neurodegenerative diseases. Frontiers in Molecular Neuroscience, 12, 158. <a href="https://doi.org/10.3389/fnmol.2019.00158" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fnmol.2019.00158</a></li> <li>Medinas, D. B., Cabral-Miranda, F., &amp; Hetz, C. (2019). ER stress links aging to sporadic ALS. Aging, 11(1), 5–6. <a href="https://doi.org/10.18632/aging.101705" rel="noopener">https://doi.org/10.18632/aging.101705</a></li> <li>Coogan, A. N., Schutová, B., Husung, S., Furczyk, K., Baune, B. T., Kropp, P., Häßler, F., &amp; Thome, J. (2013). The circadian system in Alzheimer’s disease: Disturbances, mechanisms, and opportunities. Biological Psychiatry, 74(5), 333–339. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.11.021" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2012.11.021</a></li> <li>Whittington, R. A., Papon, M. A., Chouinard, F., &amp; Planel, E. (2010). Hypothermia and Alzheimer’s disease neuropathogenic pathways. Current Alzheimer Research, 7(8), 717–725. <a href="https://doi.org/10.2174/156720510793611646" rel="noopener">https://doi.org/10.2174/156720510793611646</a></li> <li>Kim, J. A., &amp; Connors, B. W. (2012). 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Außerdem fasziniert mich, wie unser Gehirn im Alltag funktioniert und welche unglaublichen Leistungen es vollbringt - oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.</p> </div> </div> </article> <section> <div> <aside id="block-3"> <p>HIRN UND WEG ist der Neuroblog der <a href="https://www.ghst.de"><strong><mark>Gemeinnützigen Hertie-Stiftung</mark></strong></a> , der die Bandbreite und Facetten eines der faszinierendsten Organe zeigen, Erkenntnisse aus Wissenschaft einfach und gut erklären und geistreich und unterhaltsam begeistern möchte. Neben der Informationsvermittlung gehören die Förderung von Exzellenz und die Schaffung von Strukturen in den Neurowissenschaften zu den Zielen des Programmbereichs "Gehirn erforschen" der Stiftung. </p> </aside><aside id="block-2"> <figure><a href="https://www.ghst.de/"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1536x267.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hirn_und_weg_Header_Scilogs-2000x348px.jpg 2000w" width="1024"></img></a><figcaption><a href="https://www.ghst.de/"><em>https://www.ghst.de/</em></a></figcaption></figure> </aside> </div> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-9"><div><p>&#xD; Die <a href="https://www.ghst.de/">Gemeinnützige Hertie-Stiftung </a>konzentriert sich auf die zwei Leitthemen „Gehirn erforschen“ und „Demokratie stärken“. Die Projekte der Stiftung setzen modellhafte Impulse innerhalb dieser Themen. &#xD; Ihr neu eingerichteter Neuroblog leistet einen Beitrag zur Förderung von Wissenschaftskommunikation und zum besseren Verständnis des Gehirns, seiner Funktionsweise und seiner Erkrankungen.&#xD; </p>&#xD; <p><a href="http://www.scilogs.de//hirn-und-weg/impressum/">Impressum Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>&#xD; </p></div></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/das-gehirn-im-klimawandel/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>USA: Demokratie auf der Kippe https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/usa-demokratie-auf-der-kippe/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/usa-demokratie-auf-der-kippe/#comments Sun, 05 Jul 2026 14:52:57 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1893 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol-768x489.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/usa-demokratie-auf-der-kippe/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol.jpg" /><h1>USA: Demokratie auf der Kippe » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump bereitet das Ende der Demokratie in den USA vor. </b><b>Seine Aktionen sind ein Lehrstück des Machtmissbrauchs – </b><b>und werden hier kaum wahrgenommen.</b></p> <p>Im Januar 2026, nach einem Jahr im Amt, sagte <a href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-2026-election-interview-b2901450.html" rel="noopener">Trump der Nachrichtenagentur Reuters</a>, dass er so viel erreicht habe, „dass, wenn man darüber nachdenkt, 2026 eigentlich keine Wahlen stattfinden sollten“. Alles nur ein Scherz, beruhigte seine Pressesprecherin die aufgeregt nachfragenden Journalisten. Viele Beobachter sind sich da aber nicht sicher, denn Trump verträgt keine Niederlagen. <a href="https://www.nytimes.com/interactive/polls/congressional-vote-2026.html" rel="noopener">Die Umfragen weisen</a> aber einen Vorsprung der oppositionellen Demokraten zwischen 3 und 9 Prozent aus, so dass Trump bei den Wahlen im November seine Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren könnte.</p> <p>Normalerweise würde eine Regierung jetzt versuchen, Wähler für sich zu gewinnen. Doch Trump und seine Einflüsterer arbeiten stattdessen daran, die Wahlen zu verbiegen.</p> <h3>Was 2020 geschah: Randale</h3> <p>Wohl jeder hat noch in Erinnerung, dass Trump nach der verlorenen Präsidentschaftswahl gegen Joe Biden blindwütige Fälschungsvorwürfe erhob. Am 6. Januar 2021 hielt er vor Anhänger in Washington eine aufputschende Rede. Bidens Sieg, so behauptete er, beruhe auf gigantischem Wahlbetrug, und die offizielle Feststellung des Ergebnisses müsse unbedingt verhindert werden. Daraufhin zog ein gewalttätiger Mob zum Kapitol, überwältigte die Polizisten und drang in das Parlamentsgebäude ein. Sie verwüsteten das Kapitol und lieferten sich Saalschlachten mit den Sicherheitskräften. Fünf Menschen starben dabei, 140 Polizisten wurden verletzt. Es steht noch immer der Verdacht im Raum, dass Trump die Aktion für einen Staatsstreich nutzen wollte. Rund 1500 Personen wurden im Zusammenhang mit den Gewalttaten verurteilt. Trump begnadigte ausnahmslos alle im Januar 2025 unmittelbar nach Antritt seiner zweiten Amtszeit. Und er <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-05/donald-trump-fonds-entschaedigung-verbuendete-gxe" rel="noopener">möchte ihnen sogar eine Entschädigung </a>zukommen lassen.</p> <p>Der Sturm aufs Kapitol war nur der Tiefpunkt einer ganzen Serie von Trumps Versuchen, das Wahlergebnis zu kippen.<aside></aside></p> <h3>Der misslungene Staatsstreich</h3> <p>Der emeritierte Politikwissenschaftler James Piffner von der George Mason University in Arlington hat 2022 zusammengestellt, was Donald Trump unternommen hat, um bei einer Niederlage gegen Joe Biden den Präsidentenstuhl nicht räumen zu müssen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a>. Hier seine Zusammenfassung (die Ergänzungen in Klammern sind von mir):</p> <ol> <li>Trump untergrub seit Mitte 2020 das Vertrauen der Öffentlichkeit in die bevorstehende Wahl;</li> <li>Trump behauptete unmittelbar nach der Wahl fälschlicherweise, er habe die Wahl gewonnen;</li> <li>Trump reichte unbegründete Klagen ohne Beweise ein, um die Wahlergebnisse zu ändern (er verlor jede einzelne);</li> <li>Trump übte Druck auf staatliche und lokale Amtsträger aus, die Wahlergebnisse nicht zu bestätigen (vergeblich);</li> <li>Trump übte Druck auf Gouverneure und Landesparlamente aus, die Wahlen in den Bundesstaaten für ungültig zu erklären (keiner gab ihm nach);</li> <li>Trump übte Druck auf das Justizministerium aus, die Wahl zu kippen (das Justizministerium hatte dazu nicht die Befugnis);</li> <li>Trump übte Druck auf Vizepräsident Pence aus, die Auszählung der Wahlmännerstimmen im Kongress zu ändern (Pence sollte erklären, dass Trump gewonnen hätte, trotz einer Minderheit der Wahlmännerstimmen. Pence lehnte ab. Er verkünde nur das wahre Ergebnis, sagte er);</li> <li>Trump erwog den Einsatz militärischer Gewalt, um das Wahlergebnis zu kippen (er wollte das Kriegsrecht ausrufen, was ihm mühsam ausgeredet wurde);</li> <li>Trump stachelte einen Mob dazu an, gewaltsam in das Kapitol einzudringen, um die Auszählung der Wahlmännerstimmen zu verhindern;</li> <li>Im Jahr 2021 verbreitete er weiterhin die <i>große Lüge</i>, dass die Wahl 2020 manipuliert worden sei (tut er immer noch).</li> </ol> <p>In seinem Buchkapitel hat Pfiffner die Punkte in allen Einzelheiten ausgeführt. Auch in der englischen Wikipedia findet sich <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Attempts_to_overturn_the_2020_United_States_presidential_election" rel="noopener">ein langer Artikel zu dem Thema</a>. Sagen wir es deutlich: Trump hat nach seiner Niederlage einen Staatsstreich angezettelt. Ich halte es für einen großen Fehler seines Nachfolgers, dass der ihn nie dafür zur Rechenschaft gezogen hat.</p> <h3>Trump und die Wahlen zum Kongress (Midterms) 2026</h3> <p>Trump wird eine Niederlage bei den Midterms wohl nicht demütig hinnehmen. Die <a href="https://www.nytimes.com/interactive/2026/07/02/us/politics/trump-midterm-election-strategies.html" rel="noopener">New York Times hat am 2.7.2026, also vor wenigen Tagen, eine Übersicht veröffentlicht</a>, was er bereits unternommen hat.</p> <p>Anders als im Senat haben die Republikaner im Repräsentantenhaus nur eine wackelige Mehrheit. Von 435 Sitzen halten sie 218, also genau die nötige Anzahl, 212 gehören den Demokraten, ein Abgeordneter bezeichnet sich als unabhängig (stimmt aber eher mit den Republikanern) und vier Sitze sind unbesetzt. In den USA (wie in England) wird jeder Abgeordnete in seinem Wahlkreis direkt gewählt. Wenn also jemand stirbt, dauerhaft amtsunfähig wird oder zurücktritt, dann muss dort neu gewählt werden. Also sind während langer Perioden Sitze vakant. Knappe Mehrheiten können deshalb jederzeit kippen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1895" id="attachment_1895"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1.png"><img alt="Trump vor den Midterms" decoding="async" height="420" sizes="(max-width: 420px) 100vw, 420px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-300x300.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1.png 1024w" width="420"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1895">Karikatur: Trump und die Midterms. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <h3>Trumps Maßnahmen im Einzelnen</h3> <p>Insgesamt listet die New York Times rund 70 einzelne Aktionen auf, die sie in sechs Gruppen aufteilt:</p> <ul> <li>Wahlverfahren zentralisieren,</li> <li>Wahlbeschränkungen verschärfen,</li> <li>Wahlkreise neu festlegen,</li> <li>Überwachung der Cybersicherheit schwächen,</li> <li>Misstrauen gegen in das Wahlsystem säen,</li> <li>diejenigen bestrafen, die die Richtigkeit der Präsidentschaftswahl 2020 bezeugt haben.</li> </ul> <p>Mindestens 14 Maßnahmen zielen auf direkte Kontrolle der Bundesregierung über die Wahlverfahren. Die Verfassung der USA weist aber den Bundesstaaten die Kontrolle über das Wahlverfahren zu. Der Kongress darf generelle Richtlinien erlassen. Die Exekutive (also der Präsident) hat keinerlei Befugnisse. Das kümmerte Trump aber nicht.</p> <p>Bereits im März 2025 gab er eine Verordnung heraus, die für die Eintragung ins Wählerverzeichnis einen schriftlichen Nachweis der Staatsbürgerschaft verlangte. Angeblich soll damit verhindert werden, dass sich Nicht-Staatsbürger ins Wahlregister eintragen. Nur: In fast einem halben Jahrhundert sind kaum 100 solche Fälle vorgekommen, dafür müsste man keinen solchen Aufwand treiben. Briefwahlunterlagen, so stand es in der Verordnung, sollten bis zum Wahltag bei den Wahlausschüssen angekommen sein (in vielen Staaten reicht es, wenn sie bis zum Wahltag <i>abgeschickt</i> werden).</p> <p>Warum das Ganze? Wähler der Demokraten geben überdurchschnittlich viele Briefwahlstimmen ab. Und ärmere Menschen haben eher Probleme, zusätzliche Dokumente beizubringen – und sie scheuen eher Kontakte mit Behörden. Auch diese Gruppe neigt eher zu den Demokraten. Es geht also nicht um Wahlbetrug, sondern darum, die Opposition zu schwächen.</p> <h3>Gezielte Übergriffe</h3> <p>Trumps Verordnung wurde fast überall von den Gerichten blockiert, weil sie gegen das Prinzip der Gewaltenteilung verstieß und die Befugnisse des Präsidenten überschritt. Dieses Beispiel steht für viele andere: Immer wieder gibt Trump Verordnungen heraus, die von vorneherein rechtswidrig sind, und lässt sie dann von Gerichten kassieren. Damit testete er regelmäßig die Grenzen seiner Macht aus, in der Hoffnung, dass ihm das oberste Gericht am Ende mehr Rechte einräumte, als er vorher besaß.</p> <p>Trump ordnete außerdem an, dem Justizministerium die kompletten Wählerverzeichnisse zu übergeben. Sie sollten damit angeblich auf Betrug untersucht werden. In den USA gibt es, anders als hier, kein Meldewesen. Jeder kann beliebig umziehen, ohne sich an- oder abmelden zu müssen. Wer wählen will, muss sich aktiv in ein Wählerverzeichnis eintragen lassen. Diese Verzeichnisse werden von den Bundesstaaten geführt und sind für die Bundesregierung tabu. 16 Bundesstaaten haben Trump ihre Listen geliefert oder ihre Bereitschaft dazu erklärt, die übrigen haben abgelehnt. Daraufhin verklagte das Justizministerium 30 Bundesstaaten auf Herausgabe. Zehn Klagen sind inzwischen abgewiesen, die übrigen laufen noch.</p> <p>Auch dies ist ein Muster: Die Trump-Regierung stellt überzogene Forderungen an Bundesstaaten, <a href="https://www.nytimes.com/2025/07/02/us/politics/justice-department-election-data.html" rel="noopener">Bezirke, Wahlkommissionen</a> oder Privatpersonen und verklagt sie nach der Ablehnung. Die Klage hat meist keine Chance, aber sie kostet die andere Seite enorm viel Zeit und Geld, zumal die Trump-Regierung den Klageweg fast immer bis zum äußersten ausschöpft.</p> <h3>Gesetzlose an der Macht</h3> <p>Die Trump-Regierung fühlt sich an Gesetze nicht gebunden. Beispielsweise hat der oberste Gerichtshof der USA festgestellt, dass Trumps neu eingeführte Zölle unrechtmäßig waren. <a href="https://fortune.com/2026/06/01/trump-administration-plan-appeal-illegal-ieepa-tariff-universal-refunds/" rel="noopener">Trump verweigert jetzt die Rückzahlung</a>. Seine Regierung behält also unrechtmäßig erworbenes Geld. Trump selbst lässt sich ganz offen bestechen. <a href="https://www.lawyeroyer.com/p/my-letter-to-the-senate-judiciary" rel="noopener">Begnadigungen sind inzwischen käuflich geworden</a>.</p> <p>Für eine demokratische Regierung ist das ein unhaltbarer Zustand. Der Kongress macht aber bisher keine Anstalten, Trump in den Arm zu fallen.</p> <p>Trump hat die Erschwerung der Wählerregistrierung keineswegs aufgegeben, nachdem seine Verordnung überall blockiert wurde. Der Kongress soll sie jetzt als Gesetz verabschieden (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Safeguard_American_Voter_Eligibility_Act" rel="noopener">SAVE America Act</a>). Damit wären die Regelungen geltendes Recht, falls das oberste Gericht nicht irgendwann befindet, dass sie verfassungswidrig sind.</p> <p>Das Repräsentantenhaus hat das Gesetz mit knapper Mehrheit beschlossen. Derzeit hängt es im Senat fest, mit wenig Chancen auf Zustimmung. Seit Neuestem weigert sich Trump, noch irgendein anderes Gesetz zu unterzeichnen (ausgenommen Etat-Gesetze), bis der SAVE America Act beschlossen ist.</p> <h3>Die wunderbare Sitzvermehrung</h3> <p>Mehr Erfolg hatte die Trump-Regierung damit, Druck auf die republikanisch regierten Bundesstaaten auszuüben, damit sie die Grenzen der Wahlkreise verschieben. Dadurch können demokratische Hochburgen zerschnitten werden. Die Teile werden republikanischen Gebieten zugewiesen. Die Stimmen reichen dann nicht mehr für eine demokratische Mehrheit. Mehrere Staaten haben das bereits beschlossen.</p> <p>Das demokratisch regierte Kalifornien hielt dagegen und eliminierte einige republikanische Sitze. Trotzdem sieht es so aus, als ob allein durch diese Maßnahme, die normalerweise nur nach Volkszählungen erfolgt, fünf bis zehn zusätzliche republikanische Sitze im Repräsentantenhaus gesichert wurden. Für die Demokraten würde eventuell ein Vorsprung von 5 Prozent der Wählerstimmen (z.B. 49 gegen 44 Prozent) nicht mehr für eine Mehrheit reichen.</p> <h3>Die zerstörte Cybersicherheit</h3> <p>Die Regierung hat die Stellen der <i>Cybersecurity and Infrastructure Security Agency</i> (CISA) derart zusammengestrichen, dass die Behörde kaum noch arbeiten kann<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>ii</sup></a>. Eine Taskforce des FBI zur Bekämpfung ausländischer Einflussnahme auf US-Wahlen hat sie aufgelöst und ein Programm beendet, das den Austausch wichtiger Informationen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene koordinierte.</p> <p>Warum? Die CISA ging immer wieder gegen Trumps Behauptungen vor, die Wahlen seien gefälscht. Trump betrachtet diese Behörde als feindlich, und nach eigenem Bekunden hasst er seine Feinde.</p> <p>Außerdem hasst er es, korrigiert zu werden. Er möchte die vollständige Kontrolle darüber haben, welche Narrative in die Welt gesetzt werden, ohne dass ihm jemand die Tatsachen um die Ohren haut. Das Risiko wirklicher Wahlfälschungen ist mit seinen Maßnahmen enorm gestiegen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1629" id="attachment_1629"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1.jpg"><img alt="Umkämpfte Wahl" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1629">Umkämpfte Wahl. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <h3>Wahlen – der Vorgang</h3> <p>Trump behauptet seit seiner ersten Amtszeit ohne jeden Nachweis, dass die Demokraten in gigantischem Maß die Wahlen fälschen. Das ist x-mal widerlegt worden, aber er hört nicht damit auf. Die Zielrichtung ist klar. Trump will bei seinen Anhängern folgende Narrative verankern:</p> <ol> <li>Das Wahlsystem ist so unsicher, dass es zum Betrug einlädt.</li> <li>Die Wahlen sind genau dann ordnungsgemäß abgelaufen, wenn Trump es sagt.</li> <li>Er erklärt Wahlen nur für ordnungsgemäß, wenn er gewonnen hat.</li> <li>Seine Gegner können also nur durch Betrug gewinnen.</li> </ol> <p>Erstaunlicherweise ist ihm das sogar weitgehend gelungen. <a href="https://www.democracydocket.com/news-alerts/many-americans-believe-trumps-lies-about-voter-fraud-poll-shows/" rel="noopener">Fast zwei Drittel seiner Anhänger</a> glaubt tatsächlich, dass die Demokraten im Jahr 2020 Millionen Stimmen gefälscht, ausgetauscht oder vernichtet hätten. Da hilft es auch nichts, dass trotz akribischer Suche nichts davon nachgewiesen werden konnte. Trumps Anhänger scheuen auch nicht davor zurück, Wahlvorstände und sogar einzelne Wahlhelfer wegen angeblicher Vergehen persönlich zu verfolgen und massiv einzuschüchtern.</p> <h3>Trump: Wer mir widerspricht, wird verfolgt</h3> <p>Sobald Trump wieder an der Macht war, hat er angefangen, seine vermeintlichen Gegner zu verfolgen. Er vergisst keine Beleidigung, keine Untersuchung, keinen Widerspruch, keine abweichende Abstimmung seiner Gefolgsleute. Wer es genauer wissen will, sollte die englische <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Targeting_of_political_opponents_and_civil_society_under_the_second_Trump_administration" rel="noopener">Wikipedia-Seite</a> „Targeting of political opponents and civil society under the second Trump administration“ aufrufen. Es ist eine <i>sehr</i> lange Seite.</p> <p>Im April verschickte das Justizministerium eine Vorladung vor eine Grand Jury (Geschworene, die entscheiden, ob Anklage erhoben werden kann), in der die Herausgabe der Daten aller Personen verlangt wurde, die an der Wahl 2020 in Fulton County, Georgia, mitgewirkt hatten. Der County beantragte daraufhin die Aufhebung der Vorladung, weil sie lediglich „vermeintliche politische Gegner des Präsidenten ins Visier nehmen, schikanieren und bestrafen“ solle. Das Verfahren hängt derzeit im Gericht fest. In Fulton County war das Ergebnis der Präsidentenwahl 2020 besonders eng gewesen, aber eine Nachzählung hatte es ausdrücklich bestätigt.</p> <p>Hier geht um Einschüchterung – Trump macht klar, dass jeder, der sich freiwillig als Wahlhelfer meldet, mit massiven Schikanen rechnen muss. Letztlich möchte er möglichst viele eigene Gefolgsleute als Wahlhelfer unterbringen.</p> <h3>Ziele</h3> <p>Von Trump ist bekannt, <a href="https://www.welt.de/politik/ausland/article68875be89b0ba028671f63e0/Donald-Trump-schummelt-beim-Golfen-Video-ueberfuehrt-Commander-in-cheat.html" rel="noopener">dass er unbedingt siegen will</a>, egal ob im Golf oder in der Politik. Dabei hält er sich an keine Regeln. Sollten die Demokraten am Tag nach der Wahl einer Mehrheit im Repräsentantenhaus zu nahe kommen (die aktuellen Zahlen dazu findet man z. B. auf der Seite <a href="https://www.270towin.com/2026-house-election/" rel="noopener">www.270towin.com</a>), wird er wahrscheinlich in Wahlkreisen mit knappen Ergebnissen Wahlurnen beschlagnahmen und die nach dem Wahltag einlaufenden Briefwahlunterlagen abfangen lassen, alles unter dem Vorwurf des Wahlbetrugs.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>iii</sup></a> Es ist auch möglich, dass er Wahlhelfer unter erfundenen Vorwürfen festnehmen lässt, im schlimmsten Fall von seiner ICE-Truppe.</p> <p>Sein Fernziel ist es, die Briefwahl weitgehend abzuschaffen und ein zentrales Wählerverzeichnis zu führen, das die Bundesstaaten übernehmen müssen. Damit könnte die Bundesregierung steuern, wer wahlberechtigt ist. Die Registrierung zur Wahl soll möglichst schwer gemacht werden, um schwarze und arme Menschen fernzuhalten. Trump weiß dabei die republikanische Basis hinter sich.</p> <p>In einem Meinungsbeitrag für die New York Times schrieb der <a href="https://www.nytimes.com/2026/06/17/opinion/trump-pratt-voter-fraud-republicans.html" rel="noopener">Journalist Jamelle Bouie</a>:</p> <p>„Trumps Besessenheit vom Wahlbetrug ist nur eine Variante des reaktionären populistischen Glaubens, dass Menschen, die an einem Ort wohnen, nicht gleichzusetzen sind mit <i>dem Volk, </i>das zur Herrschaft berechtigt ist … Trump und seine Leute werden jede verlorene Wahl als „Betrug“ brandmarken. Nicht weil irgendwas mit dem System nicht stimmt, sondern weil, wie sie es sehen, das Land ihnen gehört und nur ihnen.“</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Pfiffner, J. P. (2022). <a href="https://pfiffner.schar.gmu.edu/wp-content/uploads/2022/05/How-Donald-Trump-Tried-to-Overturn-the-2020-Election-Jim-Pfiffner.pdf" rel="noopener">How Donald Trump Tried to Overturn the 2020 Election</a>. <i>Rivals for Power </i><i>( Roman and Littlefield)</i>, 53-82.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In absoluten Zahlen: Im Januar 2025, bei Trumps Amtseinführung, beschäftigte die CISA rund 3300 Menschen. Ende 2025 waren noch 2389 übrig, und seit dem Shutdown des DHS (zu dem CISA gehört) sind wohl noch mehr Angestellte ausgeschieden. Markwayne Mullin, der neue Chef des DHS, unterstützt Trumps Lüge von den gefälschten Wahlen. Er will jetzt 600 neue Angestellte in die CISA bringen. Er wird wohl ausschließlich Trump-Anhänger auswählen (<a href="https://www.meritalk.com/articles/cisa-chief-denies-polygraph-claims-faces-workforce-scrutiny/" rel="noopener">genaueres hier</a>).</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Ich bin keineswegs der Einzige, der dies für möglich hält. In einem Interview mit der Welt am Sonntag am 4.7.2026 sagte der amerikanische Historiker Robert Kagan: „Ich wäre sehr überrascht, wenn wir 2026 wirklich saubere und unangefochtene Wahlen erleben würden … und zumindest im Repräsentantenhaus die Mehrheit wechselt. Ich glaube, Trump wird alles in seiner Macht stehende tun, um das zu verhindern.“</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/capitol.jpg" /><h1>USA: Demokratie auf der Kippe » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Donald Trump bereitet das Ende der Demokratie in den USA vor. </b><b>Seine Aktionen sind ein Lehrstück des Machtmissbrauchs – </b><b>und werden hier kaum wahrgenommen.</b></p> <p>Im Januar 2026, nach einem Jahr im Amt, sagte <a href="https://www.independent.co.uk/news/world/americas/us-politics/trump-2026-election-interview-b2901450.html" rel="noopener">Trump der Nachrichtenagentur Reuters</a>, dass er so viel erreicht habe, „dass, wenn man darüber nachdenkt, 2026 eigentlich keine Wahlen stattfinden sollten“. Alles nur ein Scherz, beruhigte seine Pressesprecherin die aufgeregt nachfragenden Journalisten. Viele Beobachter sind sich da aber nicht sicher, denn Trump verträgt keine Niederlagen. <a href="https://www.nytimes.com/interactive/polls/congressional-vote-2026.html" rel="noopener">Die Umfragen weisen</a> aber einen Vorsprung der oppositionellen Demokraten zwischen 3 und 9 Prozent aus, so dass Trump bei den Wahlen im November seine Mehrheit im Repräsentantenhaus verlieren könnte.</p> <p>Normalerweise würde eine Regierung jetzt versuchen, Wähler für sich zu gewinnen. Doch Trump und seine Einflüsterer arbeiten stattdessen daran, die Wahlen zu verbiegen.</p> <h3>Was 2020 geschah: Randale</h3> <p>Wohl jeder hat noch in Erinnerung, dass Trump nach der verlorenen Präsidentschaftswahl gegen Joe Biden blindwütige Fälschungsvorwürfe erhob. Am 6. Januar 2021 hielt er vor Anhänger in Washington eine aufputschende Rede. Bidens Sieg, so behauptete er, beruhe auf gigantischem Wahlbetrug, und die offizielle Feststellung des Ergebnisses müsse unbedingt verhindert werden. Daraufhin zog ein gewalttätiger Mob zum Kapitol, überwältigte die Polizisten und drang in das Parlamentsgebäude ein. Sie verwüsteten das Kapitol und lieferten sich Saalschlachten mit den Sicherheitskräften. Fünf Menschen starben dabei, 140 Polizisten wurden verletzt. Es steht noch immer der Verdacht im Raum, dass Trump die Aktion für einen Staatsstreich nutzen wollte. Rund 1500 Personen wurden im Zusammenhang mit den Gewalttaten verurteilt. Trump begnadigte ausnahmslos alle im Januar 2025 unmittelbar nach Antritt seiner zweiten Amtszeit. Und er <a href="https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-05/donald-trump-fonds-entschaedigung-verbuendete-gxe" rel="noopener">möchte ihnen sogar eine Entschädigung </a>zukommen lassen.</p> <p>Der Sturm aufs Kapitol war nur der Tiefpunkt einer ganzen Serie von Trumps Versuchen, das Wahlergebnis zu kippen.<aside></aside></p> <h3>Der misslungene Staatsstreich</h3> <p>Der emeritierte Politikwissenschaftler James Piffner von der George Mason University in Arlington hat 2022 zusammengestellt, was Donald Trump unternommen hat, um bei einer Niederlage gegen Joe Biden den Präsidentenstuhl nicht räumen zu müssen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>i</sup></a>. Hier seine Zusammenfassung (die Ergänzungen in Klammern sind von mir):</p> <ol> <li>Trump untergrub seit Mitte 2020 das Vertrauen der Öffentlichkeit in die bevorstehende Wahl;</li> <li>Trump behauptete unmittelbar nach der Wahl fälschlicherweise, er habe die Wahl gewonnen;</li> <li>Trump reichte unbegründete Klagen ohne Beweise ein, um die Wahlergebnisse zu ändern (er verlor jede einzelne);</li> <li>Trump übte Druck auf staatliche und lokale Amtsträger aus, die Wahlergebnisse nicht zu bestätigen (vergeblich);</li> <li>Trump übte Druck auf Gouverneure und Landesparlamente aus, die Wahlen in den Bundesstaaten für ungültig zu erklären (keiner gab ihm nach);</li> <li>Trump übte Druck auf das Justizministerium aus, die Wahl zu kippen (das Justizministerium hatte dazu nicht die Befugnis);</li> <li>Trump übte Druck auf Vizepräsident Pence aus, die Auszählung der Wahlmännerstimmen im Kongress zu ändern (Pence sollte erklären, dass Trump gewonnen hätte, trotz einer Minderheit der Wahlmännerstimmen. Pence lehnte ab. Er verkünde nur das wahre Ergebnis, sagte er);</li> <li>Trump erwog den Einsatz militärischer Gewalt, um das Wahlergebnis zu kippen (er wollte das Kriegsrecht ausrufen, was ihm mühsam ausgeredet wurde);</li> <li>Trump stachelte einen Mob dazu an, gewaltsam in das Kapitol einzudringen, um die Auszählung der Wahlmännerstimmen zu verhindern;</li> <li>Im Jahr 2021 verbreitete er weiterhin die <i>große Lüge</i>, dass die Wahl 2020 manipuliert worden sei (tut er immer noch).</li> </ol> <p>In seinem Buchkapitel hat Pfiffner die Punkte in allen Einzelheiten ausgeführt. Auch in der englischen Wikipedia findet sich <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Attempts_to_overturn_the_2020_United_States_presidential_election" rel="noopener">ein langer Artikel zu dem Thema</a>. Sagen wir es deutlich: Trump hat nach seiner Niederlage einen Staatsstreich angezettelt. Ich halte es für einen großen Fehler seines Nachfolgers, dass der ihn nie dafür zur Rechenschaft gezogen hat.</p> <h3>Trump und die Wahlen zum Kongress (Midterms) 2026</h3> <p>Trump wird eine Niederlage bei den Midterms wohl nicht demütig hinnehmen. Die <a href="https://www.nytimes.com/interactive/2026/07/02/us/politics/trump-midterm-election-strategies.html" rel="noopener">New York Times hat am 2.7.2026, also vor wenigen Tagen, eine Übersicht veröffentlicht</a>, was er bereits unternommen hat.</p> <p>Anders als im Senat haben die Republikaner im Repräsentantenhaus nur eine wackelige Mehrheit. Von 435 Sitzen halten sie 218, also genau die nötige Anzahl, 212 gehören den Demokraten, ein Abgeordneter bezeichnet sich als unabhängig (stimmt aber eher mit den Republikanern) und vier Sitze sind unbesetzt. In den USA (wie in England) wird jeder Abgeordnete in seinem Wahlkreis direkt gewählt. Wenn also jemand stirbt, dauerhaft amtsunfähig wird oder zurücktritt, dann muss dort neu gewählt werden. Also sind während langer Perioden Sitze vakant. Knappe Mehrheiten können deshalb jederzeit kippen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1895" id="attachment_1895"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1.png"><img alt="Trump vor den Midterms" decoding="async" height="420" sizes="(max-width: 420px) 100vw, 420px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-300x300.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/trump_election1.png 1024w" width="420"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1895">Karikatur: Trump und die Midterms. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <h3>Trumps Maßnahmen im Einzelnen</h3> <p>Insgesamt listet die New York Times rund 70 einzelne Aktionen auf, die sie in sechs Gruppen aufteilt:</p> <ul> <li>Wahlverfahren zentralisieren,</li> <li>Wahlbeschränkungen verschärfen,</li> <li>Wahlkreise neu festlegen,</li> <li>Überwachung der Cybersicherheit schwächen,</li> <li>Misstrauen gegen in das Wahlsystem säen,</li> <li>diejenigen bestrafen, die die Richtigkeit der Präsidentschaftswahl 2020 bezeugt haben.</li> </ul> <p>Mindestens 14 Maßnahmen zielen auf direkte Kontrolle der Bundesregierung über die Wahlverfahren. Die Verfassung der USA weist aber den Bundesstaaten die Kontrolle über das Wahlverfahren zu. Der Kongress darf generelle Richtlinien erlassen. Die Exekutive (also der Präsident) hat keinerlei Befugnisse. Das kümmerte Trump aber nicht.</p> <p>Bereits im März 2025 gab er eine Verordnung heraus, die für die Eintragung ins Wählerverzeichnis einen schriftlichen Nachweis der Staatsbürgerschaft verlangte. Angeblich soll damit verhindert werden, dass sich Nicht-Staatsbürger ins Wahlregister eintragen. Nur: In fast einem halben Jahrhundert sind kaum 100 solche Fälle vorgekommen, dafür müsste man keinen solchen Aufwand treiben. Briefwahlunterlagen, so stand es in der Verordnung, sollten bis zum Wahltag bei den Wahlausschüssen angekommen sein (in vielen Staaten reicht es, wenn sie bis zum Wahltag <i>abgeschickt</i> werden).</p> <p>Warum das Ganze? Wähler der Demokraten geben überdurchschnittlich viele Briefwahlstimmen ab. Und ärmere Menschen haben eher Probleme, zusätzliche Dokumente beizubringen – und sie scheuen eher Kontakte mit Behörden. Auch diese Gruppe neigt eher zu den Demokraten. Es geht also nicht um Wahlbetrug, sondern darum, die Opposition zu schwächen.</p> <h3>Gezielte Übergriffe</h3> <p>Trumps Verordnung wurde fast überall von den Gerichten blockiert, weil sie gegen das Prinzip der Gewaltenteilung verstieß und die Befugnisse des Präsidenten überschritt. Dieses Beispiel steht für viele andere: Immer wieder gibt Trump Verordnungen heraus, die von vorneherein rechtswidrig sind, und lässt sie dann von Gerichten kassieren. Damit testete er regelmäßig die Grenzen seiner Macht aus, in der Hoffnung, dass ihm das oberste Gericht am Ende mehr Rechte einräumte, als er vorher besaß.</p> <p>Trump ordnete außerdem an, dem Justizministerium die kompletten Wählerverzeichnisse zu übergeben. Sie sollten damit angeblich auf Betrug untersucht werden. In den USA gibt es, anders als hier, kein Meldewesen. Jeder kann beliebig umziehen, ohne sich an- oder abmelden zu müssen. Wer wählen will, muss sich aktiv in ein Wählerverzeichnis eintragen lassen. Diese Verzeichnisse werden von den Bundesstaaten geführt und sind für die Bundesregierung tabu. 16 Bundesstaaten haben Trump ihre Listen geliefert oder ihre Bereitschaft dazu erklärt, die übrigen haben abgelehnt. Daraufhin verklagte das Justizministerium 30 Bundesstaaten auf Herausgabe. Zehn Klagen sind inzwischen abgewiesen, die übrigen laufen noch.</p> <p>Auch dies ist ein Muster: Die Trump-Regierung stellt überzogene Forderungen an Bundesstaaten, <a href="https://www.nytimes.com/2025/07/02/us/politics/justice-department-election-data.html" rel="noopener">Bezirke, Wahlkommissionen</a> oder Privatpersonen und verklagt sie nach der Ablehnung. Die Klage hat meist keine Chance, aber sie kostet die andere Seite enorm viel Zeit und Geld, zumal die Trump-Regierung den Klageweg fast immer bis zum äußersten ausschöpft.</p> <h3>Gesetzlose an der Macht</h3> <p>Die Trump-Regierung fühlt sich an Gesetze nicht gebunden. Beispielsweise hat der oberste Gerichtshof der USA festgestellt, dass Trumps neu eingeführte Zölle unrechtmäßig waren. <a href="https://fortune.com/2026/06/01/trump-administration-plan-appeal-illegal-ieepa-tariff-universal-refunds/" rel="noopener">Trump verweigert jetzt die Rückzahlung</a>. Seine Regierung behält also unrechtmäßig erworbenes Geld. Trump selbst lässt sich ganz offen bestechen. <a href="https://www.lawyeroyer.com/p/my-letter-to-the-senate-judiciary" rel="noopener">Begnadigungen sind inzwischen käuflich geworden</a>.</p> <p>Für eine demokratische Regierung ist das ein unhaltbarer Zustand. Der Kongress macht aber bisher keine Anstalten, Trump in den Arm zu fallen.</p> <p>Trump hat die Erschwerung der Wählerregistrierung keineswegs aufgegeben, nachdem seine Verordnung überall blockiert wurde. Der Kongress soll sie jetzt als Gesetz verabschieden (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Safeguard_American_Voter_Eligibility_Act" rel="noopener">SAVE America Act</a>). Damit wären die Regelungen geltendes Recht, falls das oberste Gericht nicht irgendwann befindet, dass sie verfassungswidrig sind.</p> <p>Das Repräsentantenhaus hat das Gesetz mit knapper Mehrheit beschlossen. Derzeit hängt es im Senat fest, mit wenig Chancen auf Zustimmung. Seit Neuestem weigert sich Trump, noch irgendein anderes Gesetz zu unterzeichnen (ausgenommen Etat-Gesetze), bis der SAVE America Act beschlossen ist.</p> <h3>Die wunderbare Sitzvermehrung</h3> <p>Mehr Erfolg hatte die Trump-Regierung damit, Druck auf die republikanisch regierten Bundesstaaten auszuüben, damit sie die Grenzen der Wahlkreise verschieben. Dadurch können demokratische Hochburgen zerschnitten werden. Die Teile werden republikanischen Gebieten zugewiesen. Die Stimmen reichen dann nicht mehr für eine demokratische Mehrheit. Mehrere Staaten haben das bereits beschlossen.</p> <p>Das demokratisch regierte Kalifornien hielt dagegen und eliminierte einige republikanische Sitze. Trotzdem sieht es so aus, als ob allein durch diese Maßnahme, die normalerweise nur nach Volkszählungen erfolgt, fünf bis zehn zusätzliche republikanische Sitze im Repräsentantenhaus gesichert wurden. Für die Demokraten würde eventuell ein Vorsprung von 5 Prozent der Wählerstimmen (z.B. 49 gegen 44 Prozent) nicht mehr für eine Mehrheit reichen.</p> <h3>Die zerstörte Cybersicherheit</h3> <p>Die Regierung hat die Stellen der <i>Cybersecurity and Infrastructure Security Agency</i> (CISA) derart zusammengestrichen, dass die Behörde kaum noch arbeiten kann<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>ii</sup></a>. Eine Taskforce des FBI zur Bekämpfung ausländischer Einflussnahme auf US-Wahlen hat sie aufgelöst und ein Programm beendet, das den Austausch wichtiger Informationen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene koordinierte.</p> <p>Warum? Die CISA ging immer wieder gegen Trumps Behauptungen vor, die Wahlen seien gefälscht. Trump betrachtet diese Behörde als feindlich, und nach eigenem Bekunden hasst er seine Feinde.</p> <p>Außerdem hasst er es, korrigiert zu werden. Er möchte die vollständige Kontrolle darüber haben, welche Narrative in die Welt gesetzt werden, ohne dass ihm jemand die Tatsachen um die Ohren haut. Das Risiko wirklicher Wahlfälschungen ist mit seinen Maßnahmen enorm gestiegen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1629" id="attachment_1629"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1.jpg"><img alt="Umkämpfte Wahl" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/ballotbox1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1629">Umkämpfte Wahl. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <h3>Wahlen – der Vorgang</h3> <p>Trump behauptet seit seiner ersten Amtszeit ohne jeden Nachweis, dass die Demokraten in gigantischem Maß die Wahlen fälschen. Das ist x-mal widerlegt worden, aber er hört nicht damit auf. Die Zielrichtung ist klar. Trump will bei seinen Anhängern folgende Narrative verankern:</p> <ol> <li>Das Wahlsystem ist so unsicher, dass es zum Betrug einlädt.</li> <li>Die Wahlen sind genau dann ordnungsgemäß abgelaufen, wenn Trump es sagt.</li> <li>Er erklärt Wahlen nur für ordnungsgemäß, wenn er gewonnen hat.</li> <li>Seine Gegner können also nur durch Betrug gewinnen.</li> </ol> <p>Erstaunlicherweise ist ihm das sogar weitgehend gelungen. <a href="https://www.democracydocket.com/news-alerts/many-americans-believe-trumps-lies-about-voter-fraud-poll-shows/" rel="noopener">Fast zwei Drittel seiner Anhänger</a> glaubt tatsächlich, dass die Demokraten im Jahr 2020 Millionen Stimmen gefälscht, ausgetauscht oder vernichtet hätten. Da hilft es auch nichts, dass trotz akribischer Suche nichts davon nachgewiesen werden konnte. Trumps Anhänger scheuen auch nicht davor zurück, Wahlvorstände und sogar einzelne Wahlhelfer wegen angeblicher Vergehen persönlich zu verfolgen und massiv einzuschüchtern.</p> <h3>Trump: Wer mir widerspricht, wird verfolgt</h3> <p>Sobald Trump wieder an der Macht war, hat er angefangen, seine vermeintlichen Gegner zu verfolgen. Er vergisst keine Beleidigung, keine Untersuchung, keinen Widerspruch, keine abweichende Abstimmung seiner Gefolgsleute. Wer es genauer wissen will, sollte die englische <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Targeting_of_political_opponents_and_civil_society_under_the_second_Trump_administration" rel="noopener">Wikipedia-Seite</a> „Targeting of political opponents and civil society under the second Trump administration“ aufrufen. Es ist eine <i>sehr</i> lange Seite.</p> <p>Im April verschickte das Justizministerium eine Vorladung vor eine Grand Jury (Geschworene, die entscheiden, ob Anklage erhoben werden kann), in der die Herausgabe der Daten aller Personen verlangt wurde, die an der Wahl 2020 in Fulton County, Georgia, mitgewirkt hatten. Der County beantragte daraufhin die Aufhebung der Vorladung, weil sie lediglich „vermeintliche politische Gegner des Präsidenten ins Visier nehmen, schikanieren und bestrafen“ solle. Das Verfahren hängt derzeit im Gericht fest. In Fulton County war das Ergebnis der Präsidentenwahl 2020 besonders eng gewesen, aber eine Nachzählung hatte es ausdrücklich bestätigt.</p> <p>Hier geht um Einschüchterung – Trump macht klar, dass jeder, der sich freiwillig als Wahlhelfer meldet, mit massiven Schikanen rechnen muss. Letztlich möchte er möglichst viele eigene Gefolgsleute als Wahlhelfer unterbringen.</p> <h3>Ziele</h3> <p>Von Trump ist bekannt, <a href="https://www.welt.de/politik/ausland/article68875be89b0ba028671f63e0/Donald-Trump-schummelt-beim-Golfen-Video-ueberfuehrt-Commander-in-cheat.html" rel="noopener">dass er unbedingt siegen will</a>, egal ob im Golf oder in der Politik. Dabei hält er sich an keine Regeln. Sollten die Demokraten am Tag nach der Wahl einer Mehrheit im Repräsentantenhaus zu nahe kommen (die aktuellen Zahlen dazu findet man z. B. auf der Seite <a href="https://www.270towin.com/2026-house-election/" rel="noopener">www.270towin.com</a>), wird er wahrscheinlich in Wahlkreisen mit knappen Ergebnissen Wahlurnen beschlagnahmen und die nach dem Wahltag einlaufenden Briefwahlunterlagen abfangen lassen, alles unter dem Vorwurf des Wahlbetrugs.<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>iii</sup></a> Es ist auch möglich, dass er Wahlhelfer unter erfundenen Vorwürfen festnehmen lässt, im schlimmsten Fall von seiner ICE-Truppe.</p> <p>Sein Fernziel ist es, die Briefwahl weitgehend abzuschaffen und ein zentrales Wählerverzeichnis zu führen, das die Bundesstaaten übernehmen müssen. Damit könnte die Bundesregierung steuern, wer wahlberechtigt ist. Die Registrierung zur Wahl soll möglichst schwer gemacht werden, um schwarze und arme Menschen fernzuhalten. Trump weiß dabei die republikanische Basis hinter sich.</p> <p>In einem Meinungsbeitrag für die New York Times schrieb der <a href="https://www.nytimes.com/2026/06/17/opinion/trump-pratt-voter-fraud-republicans.html" rel="noopener">Journalist Jamelle Bouie</a>:</p> <p>„Trumps Besessenheit vom Wahlbetrug ist nur eine Variante des reaktionären populistischen Glaubens, dass Menschen, die an einem Ort wohnen, nicht gleichzusetzen sind mit <i>dem Volk, </i>das zur Herrschaft berechtigt ist … Trump und seine Leute werden jede verlorene Wahl als „Betrug“ brandmarken. Nicht weil irgendwas mit dem System nicht stimmt, sondern weil, wie sie es sehen, das Land ihnen gehört und nur ihnen.“</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Pfiffner, J. P. (2022). <a href="https://pfiffner.schar.gmu.edu/wp-content/uploads/2022/05/How-Donald-Trump-Tried-to-Overturn-the-2020-Election-Jim-Pfiffner.pdf" rel="noopener">How Donald Trump Tried to Overturn the 2020 Election</a>. <i>Rivals for Power </i><i>( Roman and Littlefield)</i>, 53-82.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In absoluten Zahlen: Im Januar 2025, bei Trumps Amtseinführung, beschäftigte die CISA rund 3300 Menschen. Ende 2025 waren noch 2389 übrig, und seit dem Shutdown des DHS (zu dem CISA gehört) sind wohl noch mehr Angestellte ausgeschieden. Markwayne Mullin, der neue Chef des DHS, unterstützt Trumps Lüge von den gefälschten Wahlen. Er will jetzt 600 neue Angestellte in die CISA bringen. Er wird wohl ausschließlich Trump-Anhänger auswählen (<a href="https://www.meritalk.com/articles/cisa-chief-denies-polygraph-claims-faces-workforce-scrutiny/" rel="noopener">genaueres hier</a>).</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Ich bin keineswegs der Einzige, der dies für möglich hält. In einem Interview mit der Welt am Sonntag am 4.7.2026 sagte der amerikanische Historiker Robert Kagan: „Ich wäre sehr überrascht, wenn wir 2026 wirklich saubere und unangefochtene Wahlen erleben würden … und zumindest im Repräsentantenhaus die Mehrheit wechselt. Ich glaube, Trump wird alles in seiner Macht stehende tun, um das zu verhindern.“</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/usa-demokratie-auf-der-kippe/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>8</slash:comments> </item> <item> <title>Klimakrise und Energiewende: ein paar positive Entwicklungen https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrise-und-energiewende-ein-paar-positive-entwicklungen/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrise-und-energiewende-ein-paar-positive-entwicklungen/#comments Sat, 04 Jul 2026 09:56:20 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11480 https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-768x514.jpg Shop for solar cell panels, Ouagadougou, Burkina Faso, West Africa (from roof of the Amiso hotel). Nutzer Wegmann via Wikimedia Commons unter Lizenz CC BY-SA 3.0 https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrise-und-energiewende-ein-paar-positive-entwicklungen/ <h1>Klimakrise und Energiewende: ein paar positive Entwicklungen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>In vieler Hinsicht ist unser gesamtgesellschaftlicher Umgang sowohl mit der Klimakrise als auch mit der Energiewende als Reaktion auf die neuen Erfordernisse ja durchaus frustrierend. Dass mit Trump in den USA jemand an die Macht gekommen ist, der voll auf der Desinformations-Linie derer liegt, die mit fossiler Energie schnell noch soviel Reibach wie möglich machen wollen, gehört zu den wesentlichen Frust-Faktoren. Dass Deutschland eine Wirtschaftsministerin hat, die sich offenbar vor allem als Gasförderungsministerin sieht, kommt hinzu. Und dass weite Teile der Medien durchaus zögerlich-bis-grottig-schlecht berichten, wenns um jenes Thema geht, stimmt leider auch. Eine Klimakonferenz wie in Dubai 2023 unter dem Vorsitz eines Ölfirma-CEOs, in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Klimakonferenz_in_Dubai_2023#Ergebnisse" rel="noopener">deren erstem Abschlusserklärungsentwurf dann wenig überraschend der vollständige Ausstieg aus fossilen Energien gar nicht erst vorkommt</a>, ist ebenfalls nicht dazu geeignet, Klima-Optimismus zu erzeugen. </p> <p>Und diejenigen, die eigentlich die Verantwortung hätten, verweigern sich ja durchaus einer sachlichen Diskussion: Am 18. Mai dieses Jahres <a data-id="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/expertenrat-klima-104.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/expertenrat-klima-104.html" rel="noopener">kam der jährliche Prüfbericht des Expertenrats für Klimafragen heraus und bescheinigte der Bundesregierung, bereits die Ziele für 2030 mit einiger Sicherheit zu verfehlen</a>. Wenn ich mit Google-Suche nach der Berichterstattung auf tagesschau.de in den darauffolgenden Wochen gehe, dann war die Reaktion der Bundesregierung darauf ein knappes: „Nö, sehen wir anders“, und mehr nicht. Eine großartige gesellschaftliche Diskussion wie bei anderen wichtigen politischen Entwicklungen entspann sich daraufhin nicht. Business as usual. Don’t look up. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. </p> <p>Aber gerade in letzter Zeit begegnen mir immer häufiger Meldungen, die ich entweder direkt oder indirekt positiv finde. Direkt positiv, wo es z.B. bei der Energiewende in Bewegung in die richtige Richtung geht. Indirekt positiv dort, wo die Meldung an sich ungut ist, aber anhand der Meldung klar wird, dass es wieder in einer ganz bestimmten Weise schwieriger geworden ist, das Problem Klimakrise zu leugnen. Und mein (klar, subjektiver) Eindruck ist: Andere Menschen machen dieselbe Erfahrung. Es wird schwieriger und schwieriger, selbst die nicht sonderlich politik- oder wissenschaftsinteressierten Menschen in Bezug auf die Klimakrise so irrezuführen, wie das bislang ganz gut ging. Hier ein paar Beispiele:</p> <h2>Wenn die Heizhammer-Polemik verpufft</h2> <p>Wie BILD mit dem Heizhammer 2023 auf die Reform des Gebäudeenergiegesetzes eindrosch <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214629626003038" rel="noopener">und damit beachtlichen öffentlichen Einfluss ausübte</a>, war natürlich einer der Frustmomente. Dass da ein vorgeblich journalistisches Medium, das sich <a href="https://www.lobbycontrol.de/lobbyismus-und-klima/springer-konzern-nutzte-hauptaktionaer-kkr-den-medienkonzern-fuer-politische-einflussnahme-118529/" rel="noopener">damals noch im Besitz eines wesentlichen Fossil-Investors befand</a>, rein zufällig in genau jener Weise lobbyartig tätig wurde, die finanziellen Schaden eben von Fossil-Investoren abzuwenden geeignet war, hat ja damals leider die anderen Medien nicht wirklich davon abgehalten, auf den Zug aufzuspringen. Obwohl das die Zeit der Enthüllung von <a href="https://www.tagesschau.de/inland/doepfner-sms-101.html" rel="noopener">please-stärke-die-FDP </a>war, wo also auch politisch eher desinteressierte Menschen mitbekommen konnten, wie wenig neutral-journalistisch die Springer-Zeitungen aufgestellt waren. Dass bestimmte für Hausbesiter*innen entscheidende Hintergrundinformationen, etwa der Umstand, dass fossiles Heizen allein schon aufgrund der geltenden EU-Emissionshandel-Regelungen auf absehbare Zeit extrem teuer zu werden drohte, bei der Berichterstattung ungewöhnlich weit im Hintergrund blieben (meine vorsichtige Formulierung für: ich erinnere nicht, jene Information damals in der Berichterstattung überhaupt gesehen zu haben), ist ebenfalls kein journalistisches Ruhmesblatt.</p> <p>Und klar, eine Reihe von Hausbesitzer*innen sind darauf hineingefallen und haben schnell noch nagelneue Gas- oder sogar Ölheizungen gekauft. Aber trotz dieser mit viel Geld und großer Plattform gepushten quasi-journalistischen Lobbyarbeit sah die Abstimmung-mit-dem-Geldbeutel in den Folgejahren so aus (hier <a href="https://bsky.app/profile/janrosenow.bsky.social/post/3mpnlwuv5b22g" rel="noopener">nach einem Bluesky-Post von Jan Rosenow</a>):<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik.png"><img alt="Anteil von Wärmepumpen, Gas, Öl und anderen Heizungen an den neu installierten Heizungen für die Jahre 2010 bis einschließlich 2025. Nach zaghaften Zuwächsen 2017 auf 2019 (12 auf 17 Prozent), hin zu 2022-2024 (um die 24 Prozent) im Jahre 2025 ein Sprung auf 48 Prozent Anteil für Wärmepumpen für das Jahr 2025." decoding="async" height="1614" sizes="(max-width: 1278px) 100vw, 1278px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik.png 1278w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-238x300.png 238w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-811x1024.png 811w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-768x970.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-1216x1536.png 1216w" width="1278"></img></a></p> <p>Da spielen sicher viele Faktoren hinein, nicht zuletzt der russische Einmarsch in der Ukraine. Aber was dieses Diagramm nicht zeigt, ist das Ergebnis einer restlos <em>erfolgreichen</em> Lobbykampagne pro Gas- und Ölheizung. Und die Faktoren für die Zukunft, die noch nicht enthalten sind, stimmen optimistisch: Trumps komplett aberwitziger Angriff auf den Iran im Februar 2026 hat noch mehr Menschen deutlich gezeigt, was für Probleme eine Abhängigkeit von fossilen Importen haben kann. Und auf lange Sicht (und auch diese Warnung erinnere ich nicht aus der Heizhammer-Debatte) werden die Betriebskosten der Gas-Infrastruktur pro nutzendem Haushalt immer höher, wenn die Zahl der Haushalte mit Gasversorgung sinkt. Das dürfte ab einem bestimmten Punkt einen selbstbeschleunigenden Effekt für den Umstieg auf Wärmepumpen haben. </p> <h2>Hitzekrise </h2> <p>Die extremen Hitzetage in weiten Teilen Deutschlands in den letzten Wochen waren einer der direktesten Wege, Klimakrise am eigenen Leib zu erfahren. Und ja, auch da wurde von bestimmten Menschen alles getan, das kleinzureden. Aber die meisten Menschen lassen sich soweit ich sehen kann auch da nicht (mehr) ‚reinlegen. „Heiße Tage gab es früher auch“ lässt sich mit einem Blick auf die Statistik solcher Tage entlarven, die inzwischen ja für viele Orte wirklich sehr deutlich zeigt, wie stark die Häufigkeit solcher unangenehm heißen Tage zugenommen hat. Und auch wenn in der Medien-Berichterstattung Unsitten wie „wir-bebildern-eine-Hitzewelle-mit-Fotos-vom-Strand-und-vom-Eisessen“ oder Artikel über die Hitzewelle, in denen der Begriff Klimawandel gleich ganz fehlt, noch nicht ganz überwunden sind: Immerhin gibt es zu einigen der dreistesten Verharmlosungs-Lügen jetzt einiges an <a data-id="https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hitze-fakes-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hitze-fakes-100.html" rel="noopener">Fakten-Checks,</a> und außerdem <a data-id="https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/hitze-europa-deutschland-heat-dome-hitzeglocke-hitzekuppel-erderwaermung-,hitzewelle-klimawandel-100.html" data-type="link" href="https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/hitze-europa-deutschland-heat-dome-hitzeglocke-hitzekuppel-erderwaermung-,hitzewelle-klimawandel-100.html" rel="noopener">Berichte zur Attributionsforschung</a>.</p> <p>Viel wichtiger finde ich diejenigen Berichte, in denen klar wird, worum es bei dieser Art von Hitzebelastung eigentlich geht. Wenn etwa in Köln, wo bei der jüngsten Hitzewelle ein Notlazarett eingerichtet werden musste, der dortige Feuerwehrchef im Interview sehr klar darüber redet, wie die Hitze <a href="https://www.hessenschau.de/gesellschaft/frankfurter-feuerwehr-chef-die-hitzewelle-bringt-das-system-an-seine-grenzen-v1,hitzeeinsaetze-rettungsdienst-100.html" rel="noopener">das Rettungs-System an seine Grenzen</a> bringt, und ein Satz fällt wie „Für uns als Einsatzkräfte ist der Klimawandel nicht mehr eine abstrakte Gefahr in der Zukunft. Der ist real da.“ Wenn dann endlich <a data-id="https://www1.wdr.de/nrw/wetter/aktuell/hitzewelle-nrw-krankenhaus-kita-schule-klimaanlage-100.html" data-type="link" href="https://www1.wdr.de/nrw/wetter/aktuell/hitzewelle-nrw-krankenhaus-kita-schule-klimaanlage-100.html" rel="noopener">über Klimaanlagen in Krankenhäusern, Kitas, Schulen</a> geredet wird. Das ist zwar lange noch nicht das, was man liest, wenn man auf Sozialen Medien denjenigen zuhört, <a href="https://bsky.app/profile/emergencydoc.bsky.social/post/3mpdt5i5xu22k" rel="noopener">die direkt ihre Notdiensterfahrungen teilen</a>, aber immerhin ein Anfang. </p> <p>Dass der (SPD-)Bundesumweltminister die Rolle der Klimakrise <a data-id="https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1606656.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1606656.html" rel="noopener">für die Hitzewelle sogar recht klar benennt,</a> finde ich durchaus beachtlich, gerade im Rahmen der derzeitigen Koalition, bei der das Wort „Klimaschutz“ gefühlt immer nur im Rahmen von Aussagen fällt, warum man den Klimaschutz jetzt aber wirklich mal wieder etwas einhegen und bremsen und verzögern müsse. </p> <h2>Klimakrise und Wirtschaft</h2> <p>Was mich gleich zu einem weiteren Thema bringt, zu dem sich etwas tut. In dem aktuellen <a data-id="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundesregierung-klimapolitik-hitze-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundesregierung-klimapolitik-hitze-100.html" rel="noopener">Analysetext „Welche Stellenwert hat die Klimapolitik derzeit?“</a> auf den Tagesschau-Webseiten aus Anlass der Hitzewelle findet sich etwas, das mir in der journalistischen Berichterstattung häufig genug gefehlt hat: Ein einordnendes Kontra zu dem Versuch, mit der Behauptung wir-dürfen-Klimaschutz-nicht-übertreiben-weil-das-unserer-Wirtschaft-schadet durchzukommen. Hier der entsprechende Abschnitt:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45.png"><img alt="Schnappschuss von tagesschau.de: &quot;Klimaschutz und Wirtschaft&#xA;&#xA;Grundsätzlich dürfe Klimaschutz die industrielle Basis nicht gefährden, sagte Merz auf dem Petersberger Klimadialog im April in Bonn. &quot;Eine Transformation, die zur Deindustrialisierung führt, wird in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden und letztlich Innovationen behindern.&quot;&#xA;&#xA;Sprich: Zu viel Klimaschutz bedrohe die Industrie. Allerdings bedroht zu wenig Klimaschutz die Wirtschaft auch. Das rechnen regelmäßig Fachleute und Versicherer vor. Denn jede Naturkatastrophe kostet.&#xA;&#xA;Der Sommer ist noch lang - es wird vielleicht noch Gelegenheiten geben für den Kanzler und sein Kabinett, die Hitze zur Chefsache zu machen.&quot;" decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 1354px) 100vw, 1354px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45.png 1354w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45-300x143.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45-1024x489.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45-768x366.png 768w" width="1354"></img></a></p> <p>So zu tun, als müsse man den angeblichen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Wirtschaft nur mantrahaftig wiederholen, ohne ihn je begründen zu müssen, wird angesichts dessen, was in den letzten Monaten durch die Nachrichten ging, eben auch immer schwerer. Irgendwann fällt den Menschen dann eben doch auf, dass China enormen Umsatz damit macht, Technik für erneuerbare Energien zu vertreiben. Gerade so, als wäre der Klimawandel nicht ein Wirtschaftshemmer, sondern wie jede Umstellung eine große wirtschaftliche Chance. Die Deutschland aber irgendwie wieder und wieder verpasst hat. Wie das halt so ist, wenn physikfern von mythischen „hocheffizienten Verbrennern“ geschwärmt wird, während in China selbst erstmals mehr E-Autos <a data-id="https://www.fr.de/wirtschaft/e-autos-ueberholen-verbrenner-in-china-schlag-fuer-vw-und-co-mobilitaet-94357353.html" data-type="link" href="https://www.fr.de/wirtschaft/e-autos-ueberholen-verbrenner-in-china-schlag-fuer-vw-und-co-mobilitaet-94357353.html" rel="noopener">verkauft werden als Verbrenner,</a> und chinesische Autos auch in Europa immer beliebter werden. Wenn der nach wie vor <a data-id="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/ey-studie-autobauer-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/ey-studie-autobauer-100.html" rel="noopener">langsame Hochlauf der Elektromobilität</a> die hiesige Autoindustrie nach wie vor belastet. </p> <p>Umgekehrt dürfte Menschen, die regelmäßig Nachrichten konsumieren, auffallen, wie deutlich der doch angeblich so wirtschaftsfreundliche Klimaschutz-bitte-nicht-übereilen-Kurs der Bundesregierung gerade aus der Wirtschaft heraus kritisiert wird. Wenn der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) <a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kritik-an-katherina-reiche-energieverband-bdew-fordert-den-stromnetz-turbo-a-388df2d2-e924-4123-8cd4-a9e50980312b" rel="noopener">nachdrücklich fordert, jetzt endlich mal Tempo zu machenn beim Stromnetz-Ausbau</a>. Wenn 1700 Unternehmen <a data-id="https://www.spiegel.de/wirtschaft/energiewende-unternehmen-kritisieren-energiepolitik-von-katharina-reiche-scharf-a-a1825cf7-a4eb-48aa-84f1-a2bf8b1163dd" data-type="link" href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/energiewende-unternehmen-kritisieren-energiepolitik-von-katharina-reiche-scharf-a-a1825cf7-a4eb-48aa-84f1-a2bf8b1163dd" rel="noopener">einen offenen Brief an die Wirtschaftsministerin schreiben</a>, die Energiewende bitte nicht auszubremsen. Wenn <a data-id="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wind-und-solarenergie-als-jobmotor-studie-zeigt-rekordzahl-von-arbeitsplatzen-in-erneuerbaren-energien-15749365.html" data-type="link" href="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wind-und-solarenergie-als-jobmotor-studie-zeigt-rekordzahl-von-arbeitsplatzen-in-erneuerbaren-energien-15749365.html" rel="noopener">Wind- und Solarenergie auf einmal als Jobmotor in den Schlagzeilen sind</a>, verbunden mit der Sorge, der klimaschutzträge Kurs der Bundesregierung könnte einen Teil der mehr als 400.000 Arbeitsplätze in jenen Bereichen gefährden. Es geht längst nicht mehr um Klimaschutz vs. Wirtschaft. Der Klimaschutz ist längst selbst ein positiver Wirtschaftsfaktor. </p> <h2>Markt-Schwung bei der Teilen der Energiewende</h2> <p>Umgekehrt macht Hoffnung, wo es zu unerwarteten Erneuerbare-Energien-Booms kommt. Das aktuelle Paradebeispiel ist Pakistan, wo viele Privathäuser billige Photovoltaik aus China installiert haben – als Reaktion unter anderem auf die regelmäßigen Stromsperren („load shedding“) der offiziellen Energieversorger dort. Eine Situation, die dann wieder ganz eigene Herausforderungen für das Energienetz schafft, aber eben auch ein Beispiel dafür, wie der Markt auch im Bereich erneuerbare Energien eine positive Wirkung entfaltet, sobald die Möglichkeiten dafür vorhanden sind. Wichtig vor allem, weil sich mehr Länder dieser Welt in einer Situation befinden, die der von Pakistan ähnlicher ist als der von Deutschland (<a data-id="https://janrosenow.substack.com/p/pakistan-the-solar-revolution-nobody" data-type="link" href="https://janrosenow.substack.com/p/pakistan-the-solar-revolution-nobody" rel="noopener">siehe diesen Beitrag von Jan Rosenow</a>).</p> <p>Auch in Indien tut sich den Nachrichten nach gehörie etwas in Richtung erneuerbare Energien. Der <a href="https://www.canarymedia.com/articles/solar/how-big-can-solar-go" rel="noopener">Khavda Renewable Energy Park in Gujarat kombiniert Photovoltaik, Windkraft und Batterien</a> zu inzwischen 13 GW an dauerhafter elektrischer Leistung. Ziel: 30 GW. Beim Besuch des Bundeskanzlers in Indien diesen Januar war <a data-id="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/indien-kooperation-energiewende-ruestung-logistik-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/indien-kooperation-energiewende-ruestung-logistik-100.html" rel="noopener">einer der wirtschaftlichen Kooperationsverträge</a> die Lieferung von grünem, also mit Hilfe von erneuerbaren Energien hergestelltem Ammonia von Indian nach Deutschland. Erneuerbare als internationaler Wirtschaftsfaktor.</p> <p>Generell bekommt der Markt bei den erneuerbaren Energien unter geeigneten Bedingungen Beachtliches hin: eine positive Rückkopplung in Gang setzen, bei der sinkende Preise zu größerer Nachfrage führen, die wiederum zu höherer Produktion, die wiederum zu sinkenden Stückkosten und sinkenden Preisen führen, und so weiter. Dass die Internationale Energie-Agentur IEA sich, offenbar durch stetiges Verleugnen dieser Dynamik, bei ihren Abschätzungen zum Ausbau von Photovoltaik in vielen aufeinanderfolgenden Jahren wieder und wieder und wieder zuungunsten der erneuerbaren Energien verschätzt hat, ist längst ein <em>running gag</em> beim Energiethema. Das klassische Diagramm dazu, von Auke Hoekstra, <a data-id="https://bsky.app/profile/aukehoekstra.bsky.social/post/3mlpparsils25" data-type="link" href="https://bsky.app/profile/aukehoekstra.bsky.social/post/3mlpparsils25" rel="noopener">ist dieses hier</a>:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm.png"><img alt="Diagramm von Auke Hoekstra zu den Schätzungen der IAE zur Entwicklung des Zubaus bei der Photovoltaik, für die Jahre 2002 bis 2017. Die Schätzungen verlaufen jeweils recht flach. Die tatsächliche Entwicklung verläuft ganz anders, nämlich exponentiell." decoding="async" height="1708" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2052px) 100vw, 2052px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm.png 2052w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-300x250.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-1024x852.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-768x639.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-1536x1279.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-2048x1705.png 2048w" width="2052"></img></a></p> <p>Wir hatten bei uns im Livestream „Astro &amp; Co“ (jeweils Montag 19 Uhr) vor ein paar Wochen Christian Holler zu Gast, mit handfesten Zahlen zur Energiewende – ich hatte <a data-id="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/">hier etwas darüber geschrieben</a>. Christian hatte jenes Diagramm noch forgeschrieben, nämlich die Zahlen für 2025 dazu eingetragen:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag.jpg"><img alt="Version des vorigen Diagramms, nur diesmal ragen weit nach oben über das Diagramm hinaus die enormen Zubau-Zahlenwerte für 2022 (226 GW) und für 2025 (650 GW, mehr als drei Mal so hoch wie die Obergrenze des ursprünglichen Diagramms)." decoding="async" height="1132" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1002px) 100vw, 1002px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag.jpg 1002w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag-266x300.jpg 266w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag-906x1024.jpg 906w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag-768x868.jpg 768w" width="1002"></img></a></p> <p>Das ist dann schon absurdes Theater. Und man fragt sich, wie die fast zwei Jahrzehnte an systematischer Unterschätzung – die dann vermutlich ja auch Konsequenzen für Entscheidungen hatten, wie realistisch die Energiewende ist! – zustandekam und was sie für Schaden angerichtet hat. Für Batterien gibt es ähnlich erfreuliche Entwicklungen: Der Preis für Lithium-Ionen-Batterien ist <a data-id="https://www.derstandard.de/story/3000000317605/die-irre-entwicklung-der-batterien-in-vier-grafiken" data-type="link" href="https://www.derstandard.de/story/3000000317605/die-irre-entwicklung-der-batterien-in-vier-grafiken" rel="noopener">in den letzten Jahrzehnten enorm gefallen</a>. <a data-id="https://www.derstandard.at/story/3000000320013/innovation-der-saison-die-vernunft-der-masse-bei-den-batterien" data-type="link" href="https://www.derstandard.at/story/3000000320013/innovation-der-saison-die-vernunft-der-masse-bei-den-batterien" rel="noopener">Natrium-Ionen-Batterien sind im Kommen</a>. Es tut sich etwas, in vielen Gebieten. </p> <h2>Bitte keine Vorurteile wiederkäuen</h2> <p>Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung können wir uns schlicht nicht mehr leisten, unsere Einschätzungen auf Vorurteilen aufzubauen, die, wenn sie denn überhaupt jemals gestimmt haben, längst überholt sind. Deutschland als angeblicher Spitzenreiter bei der Energiewende, verbunden mit der Klage, die anderen würden ja alle gar nicht mitmachen und alleine habe das mit dem Klimaschutz keinen Sinn? Quatsch, wie nicht zuletzt <a data-id="https://ourworldindata.org/grapher/share-electricity-renewables" data-type="link" href="https://ourworldindata.org/grapher/share-electricity-renewables" rel="noopener">die folgende Karte von „Our World in Data“ zeigt</a>:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-scaled.png"><img alt="Weltkarte von &quot;Our World in Data&quot; mit dem Anteil von Erneuerbaren Energien an der Elektrizitätsproduktionn Stand 2025. Insbesondere Teile von Südamerika und Afrika liegen zwischen 80% und 100%. Deutschland mit 59% liegt im Mittelfeld." decoding="async" height="1807" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-scaled.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-scaled.png 2560w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-300x212.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-1024x723.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-768x542.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-1536x1084.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-2048x1446.png 2048w" width="2560"></img></a></p> <p>Dass zusätzlich zu den fossil gekaperten UN-Klimakonferenzen dann eben auch Treffen stattfinden wie <a data-id="https://en.wikipedia.org/wiki/International_Conference_on_Transitioning_Away_from_Fossil_Fuels" data-type="link" href="https://en.wikipedia.org/wiki/International_Conference_on_Transitioning_Away_from_Fossil_Fuels" rel="noopener">jenes der „Koalition der Willigen“ in Kolumbien im April 2026</a>, bei der 57 Nationen, die insgesamt immerhin ein Drittel der weltweiten wirtschaftlichen Aktivitäten repräsentieren, sich ganz pragmatisch Gedanken darüber machten und Erfahrungen dazu austauschten, wie man Wohlstand und Klimaschutz verbinden kann (und das in einem <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/konferenz-santa-marta-100.html" rel="noopener">interessanten, echten Diskussionsformat mit Beteiligung der Wissenschaft</a>), passt in dieses Bild.</p> <p>Deutschland ist, <a data-id="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Stromerzeugung_aus_erneuerbaren_Energien" data-type="link" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Stromerzeugung_aus_erneuerbaren_Energien" rel="noopener">siehe auch diese Aufstellung auf Wikipedia,</a> beim Anteil der Stromerzeugung aus Erneuerbaren im Mittelfeld. Vor uns eine bunte Mischung aus Ländern: europäische Länder, afrikanische Länder, südamerikanische Länder, Länder mit ganz verschiedenen Entwicklungsstufen, die es trotzdem alle irgendwie auf jeweils eigene Weise geschafft haben, schneller als Deutschland zu sein. Da muss man sich schon sehr anstrengen, um einen guten Grund zu finden – im Gegensatz zu peinlichen Gründen wie „bei uns war die Fossil-Lobby halt leider zu stark und hat die Politik zu sehr beeinflusst“ – warum wir hinterherhinken. </p> <p>Auch in den Ländern, die auf der Liste deutlich hinter uns stehen, tut sich etwas. Burkina Faso etwa arbeitet daran, das Land überhaupt erst einmal <a data-id="https://www.eib.org/de/press/all/2021-037-eur-38-5m-eib-backing-for-solar-power-and-flood-protection-in-burkina-faso" data-type="link" href="https://www.eib.org/de/press/all/2021-037-eur-38-5m-eib-backing-for-solar-power-and-flood-protection-in-burkina-faso" rel="noopener">dezentral, mit Photovoltaik und Mini-Netzen, zu elektrifizieren</a>. Für viele Menschen weltweit bedeutet die Umstellung überhaupt erst einmal Zugang zu Elektrizität. (Das Bild unten, hier auch als Titelbild meines Blogbeitrags genutzt, zeigt einen <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ouagadougou_shop.JPG" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ouagadougou_shop.JPG" rel="noopener">Solar-Shop in der Hauptstatt Ouagadougou</a>, aufgenommen von <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Wegmann" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Wegmann" rel="noopener">Wikimedia-Nutzer (Martin) Wegmann</a> vom Dach des Amiso-Hotels, unter <a data-id="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" data-type="link" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" rel="noopener">Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.</a>)</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-scaled.jpg"><img alt="Shop for solar cell panels, Ouagadougou, Burkina Faso, West Africa (from roof of the Amiso hotel). Nutzer Wegmann via Wikimedia Commons unter Lizenz CC BY-SA 3.0" decoding="async" height="1714" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-300x201.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-1024x685.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-768x514.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-1536x1028.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-2048x1371.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p>Oder die Gebetsmühle, mehr Klimaschutz sei mit den Menschen nicht zu machen, man müsse die Menschen mitnehmen etc. pp.? Trotz massiver Pro-Fossil-Propaganda in einigermaßen einflussreichen Medien (u.a. von den Heizungshammer-Machern) ist auch das einfach nicht wahr. Gerade vorgestern ist wieder eine Studie erschienen, die einerseits Wähler*innen, andererseits Mandatsträger*innen in Deutschland befragt hat, wie sie die Bereitschaft der hiesigen Menschen einschätzen, für Klimaschutzmaßnahmen eigene Nachteile hinzunehmen. Das Ergebnis: <a data-id="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/politiker-klimaschutz-bevoelkerung-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/politiker-klimaschutz-bevoelkerung-100.html" rel="noopener">die Bereitschaft der Bevölkerung zum Klimaschutz wird systematisch und deutlich unterschätzt</a>. Das passt <a data-id="https://www.uni-bonn.de/de/neues/weltweite-befragung-zeigt-breite-mehrheit-der-weltbevoelkerung-fuer-den-klimaschutz" data-type="link" href="https://www.uni-bonn.de/de/neues/weltweite-befragung-zeigt-breite-mehrheit-der-weltbevoelkerung-fuer-den-klimaschutz" rel="noopener">zu anderen Studien, denen zufolge Menschen</a> (in dem Falle: weltweit) unterschätzen, wie viele ihrer Mitbürger*innen für mehr Klimaschutz sind – ein irrtümliches „ich selbst bin ja dafür, aber die meisten anderen nicht“. Ein Irrtum, der dann wiederum Menschen davon abhält, sich deutlicher für Klimaschutz stark zu machen, nach dem Motto: hat ja eh keinen Sinn, ich bin allein auf weiter Flur. </p> <h2>Über Lösungen reden</h2> <p>Dass es positive Nachrichten gibt, heißt natürlich nicht, dass ab jetzt alles ganz einfach wäre, oder dass es für alle Herausforderungen der Energiewende bereits direkte Lösungen gäbe. Flugverkehr, Bauen mit Zement, chemische Industrie: da kommt noch einiges auf die Welt zu. Andererseits wären natürlich auch das Chancen für Deutschland, wenn wir denn wirklich noch ein forschungs- und entwicklungsstarkes Land sind, wieder Betätigungsfelder zu finden, in denen wir eine Chance haben, führend zu sein. Im Flugzeugbau etwa <a data-id="https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/asia-techonomics-chinas-groesster-flugzeugbauer-kann-airbus-noch-nicht-ersetzen/100224424.html" data-type="link" href="https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/asia-techonomics-chinas-groesster-flugzeugbauer-kann-airbus-noch-nicht-ersetzen/100224424.html" rel="noopener">hat China es (noch) nicht geschafft, Europa zu überholen</a>. Da dürften die Chancen, den Anschluss nicht zu verlieren, größer sein als in den Bereichen (wie derzeit Elektroautos oder Batterien) wo Europa bereits einigermaßen abgeschlagen hinterherhechelt. </p> <p>Die positiven Nachrichten besagen insbesondere, dass diejenigen, die im Ganzen und oft genug ja im Detail darauf bestanden haben, das sei alles ja sowieso nicht zu schaffen und zu stemmen, die Energiewende von vornherein unwirtschaftlich etc. pp. eben in Bezug auf eine ganze Reihe von Aspekten unrecht hatten. Die hyperpessimistischen IEA-Vorhersagen für die Photovoltaik-Entwicklung zeichnen an jener Stelle ein sehr deutliches Bild. Die fatalen wirtschaftlichen Folgen der Erneuerbare-Technologie-Feindlichkeit und -Zögerlichkeit sind unübersehbar.</p> <p>All das deutet darauf hin, dass es sich lohnen dürfte, auf einen allgemeineren Wechsel in der öffentlichen Debatte hinzuarbeiten. Mit übervereinfachten Parolen wie „wir müssen uns zwischen Klimaschutz und Wirtschaft entscheiden“ sollte angesichts der Faktenlage niemand mehr ankommen dürfen, ohne unter schallendem Lachen des Raumes verwiesen zu werden. Kritische Nachfragen sollten routinemäßig insbesondere überall da kommen, wo es jetzt darauf ankommt, Tempo zu machen, damit Deutschland den Anschluss nicht verliert. Dafür, wie es weitergehen kann, gibt es ja, wiederum von den Kolleg*innen von Fraunhofer, recht gut ausgearbeitete Pläne. Vor knapp zwei Wochen gab es dazu ein interessantes Webinar bei „Europe Calling“ (mit Christoph Kost vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme sowie mit Sven Giegold, Michael Bloss und Jutta Paulus von den Grünen), nämlich dieses hier:</p> <p><iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/lmUFd3eXxzg?start=253&amp;feature=oembed" title="#264 „Reicht es? Neue Fraunhofer-Studie: Energiesystem kostengünstig, zuverlässig, erneuerbar. 24/7”" width="666"></iframe></p> <p>Das heißt nicht, dass das, was Herr Kost in jenem Vortrag erzählt, bereits alles der Weisheit letzter Schluss sein muss. Aber der Vortrag, und die <a data-id="https://drive.google.com/file/d/1M5TzEobbaitZ7nCCIdos1UbloOv7qgB9/view" data-type="link" href="https://drive.google.com/file/d/1M5TzEobbaitZ7nCCIdos1UbloOv7qgB9/view" rel="noopener">dazugehörige Studie zu einer kostenoptimalen Energiewende</a>, oder auch <a data-id="https://www.bee-ev.de/service/publikationen-medien/beitrag/die-naechste-phase-der-energiewende-flexibilitaet" data-type="link" href="https://www.bee-ev.de/service/publikationen-medien/beitrag/die-naechste-phase-der-energiewende-flexibilitaet" rel="noopener">diese jüngere Studie zu Batteriespeichern und Flexibilität im Energiesystem</a>, bieten auf alle Fälle Stoff für ernsthafte Diskussionen.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Wie könnte man die Situation also angemessen zusammenfassen? Keine Beschreibung dessen, was da passiert, wäre vollständig ohne die Aussage, dass sich auf dem Bereich der Umstellung hin zu einem CO2-neutralen Energiesystem weltweit gewaltig etwas tut. Und das sicher nicht nur aus Klimaschutz-Idealismus – ein wichtiger Anteil sind die üblichen Profitbestrebungen von Firmen, sowie ab Ende Februar 2026 die Erkenntnis, wie schnell die fossile Energieversorgung durch internationale Ereignisse wie den Irankrieg aus der Bahn geworfen werden kann. Auch beachtlich viele Regierungen tun etwas für den Klimaschutz – klar, bei weitem nicht alle. Aber wenn die internationale Stimmung dann doch einmal kippt, muss Deutschland schauen, dass es nicht abgehängt wird. Die <a data-id="https://www.spiegel.de/wissenschaft/klima-politik-deutschland-drohen-34-milliarden-euro-strafen-a-87aa3d67-0c90-49ee-a4a5-51501a11ec96" data-type="link" href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/klima-politik-deutschland-drohen-34-milliarden-euro-strafen-a-87aa3d67-0c90-49ee-a4a5-51501a11ec96" rel="noopener">drohenden EU-Strafzahlungen</a> sind ein erstes Beispiel dafür. Dass die aktuelle Bundesregierung anfangs geplant hatte, <a data-id="https://www.sueddeutsche.de/politik/klimaschutz-ktf-zertifikate-kritik-gruene-li.3301024?reduced=true" data-type="link" href="https://www.sueddeutsche.de/politik/klimaschutz-ktf-zertifikate-kritik-gruene-li.3301024?reduced=true" rel="noopener">jene Zahlungen aus dem für den Umbau gedachten Fonds KTF zu zahlen</a>, war ein fatales Zeichen – <a data-id="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutschland-klimaziele-emissionshandel-energiewende-klima-li.3308286" data-type="link" href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutschland-klimaziele-emissionshandel-energiewende-klima-li.3308286" rel="noopener">dass sie damit am Ende nicht durchkam und im letzten Moment einlenkte</a>, ein positives. </p> <p>Dass es in Deutschland nach wie vor Politiker gibt, die uns vormachen wollen, Klimaschutz bedeute Deindustrialisierung, sollte uns immens peinlich sein. In Bayern <a data-id="https://press.siemens.com/global/de/pressemitteilung/siemens-erinnert-auf-schloss-linderhof-pioniere-des-ersten-stromzeitalters" data-type="link" href="https://press.siemens.com/global/de/pressemitteilung/siemens-erinnert-auf-schloss-linderhof-pioniere-des-ersten-stromzeitalters" rel="noopener">stand 1878 das erste fest installierte Elektrizitätswerk</a>. Haber, Bosch, Linde: Wir waren mal Pioniere in der chemischen Prozesstechnik. Sich angesichts eines weltweiten Umbruchprozesses (und Umbrüche sind immer Chancen, bei denen die Karten neu gemischt werden!) hinzustellen und zu sagen: „Nee, sorry, deutsche Ingenieure können nur eines gut, nämlich Verbrennungsmotoren bauen, da bleibt uns wohl nur die Wahl zwischen Fossil-Renaissance oder Aufgeben“ ist eine selbsterfüllende wirtschaftlicher-Niedergangs-Prophezeiung.</p> <p>Handlungsmöglichkeiten gäbe es. Bis hin zu Dingen, die eigentlich Selbstgänger sein müssten: Wir dürfen uns keine Politiker mehr leisten, die den für Klimaschutz und Transformation gedachten Fonds KTF eben nicht für den vorgesehenen Zweck verwenden, sondern um Haushaltslöcher zu stopfen (<a href="https://steady.page/de/der-uuberblick/posts/ffefecb3-e5f4-455e-b7e6-2eca1d8f0a13" rel="noopener">wie jetzt gerade von Schwarz-Rot geplant</a>, via den empfehlenswerten Newsletter von Frau Büüsker). Niemand, der so etwas tut, sollte je wieder klagen dürfen, man würde ja gerne Klimaschutz treiben, aber es sei kein Geld dafür da. Wer als <a href="https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/stromnetzbetreiber-rendite-100.html" rel="noopener">semi-monopolistischer Netzbetreiber Rekord-Rendite einfährt, von denen andere Branchen nur träumen können,</a> sollte nicht mehr beim dringend nötigen Netzausbau aus angeblicher Geldnot auf die Bremse treten dürfen. Und warum diejenigen, die ansonsten von technischen Innovationen, der Entfesselung des Marktes und Bürokratieabbau schwärmen, es nicht schaffen, in Deutschland z.B. intelligente Stromzähler einzuführen, <a data-id="https://www.iea-isgan.org/wp-content/uploads/2022/06/WG9-Metering-as-Enabler-for-Flexibility.pdf" data-type="link" href="https://www.iea-isgan.org/wp-content/uploads/2022/06/WG9-Metering-as-Enabler-for-Flexibility.pdf" rel="noopener">während andere Länder schon dabei sind die zweite Generation solcher Zähler auszurollen,</a> kann einen doch nur den Kopf schütteln lassen. Und zeigt noch einmal, dass wir in Deutschland eben doch ein Politikproblem haben, das unsere wirtschaftliche Fitness durch Trägheit und Verzögerungen aktuell gerade deutlich herunterzieht. Als ob wir uns so etwas in der derzeitigen Situation leisten können. (Bei uns im Haus war dieses Jahr ein Installateur, der einen neuen Stromzähler eingebaut hat – aber eben noch keinen intelligenten, sondern die noch unter der Regierung Merkel [!] beschlossene Vorgängervariante. Dem Installateur war das sichtlich etwas peinlich.)</p> <p>Bis die neuen Realitäten flächendeckend in der Politik angekommen sind, können wir eigentlich nur versuchen, die Politik zumindest nicht mit veralteten Einschätzungen und verknöcherten Vorurteilen einfach so durchkommen zu lassen. Kritisch Nachfragen kann man eigentlich aus jeder politischen Perspektive: umweltfreundlich, weil die Klimakrise die Ökosysteme nun einmal massiv gefährdet bzw. stört. Wirtschaftsfreundlich, weil es unserem Land nichts bringt, bei den neuen Schlüsseltechnologien hinterherzuhinken. Sozialfreundlich, weil Energieversorgung kein Armutsfaktor werden darf – und auf internationaler Ebene, weil die neuen Technologien mehr Verteilungsgerechtigkeit schaffen können, siehe Pakistan und siehe zahlreiche afrikanische Länder, bei denen „off grid“ nun eben nicht mehr heißt, weitgehend ohne Elektrizität auskommen zu müssen.</p> <p>Wie gesagt: Mein Eindruck ist, dass diese partiell guten Nachrichten in letzter Zeit mehr werden. Das macht mir zumindest verhalten Hoffnung auf einen Stimmungswechsel. Kipp-Punkte gibt es <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-7-weil-wir-mit-klima-kipp-punkten-kein-roulette-spielen-sollten/">nicht nur beim Klima</a>, sondern auch in gesellschaftlichen Diskussionen. Wenn wir bei der Diskussion in Deutschland von den leeren Phrasen wegkämen und ehrlich diskutieren würden, was auf dem Spiel steht und welches der beste Weg vorwärts ist, wäre schon viel gewonnen. (Ein sehr positives Beispiel ist da für mich der Journalist Malte Kreutzfeldt. Der hat auf <a data-id="https://bsky.app/profile/mkreutzfeldt.bsky.social/post/3mpinlbxr522l" data-type="link" href="https://bsky.app/profile/mkreutzfeldt.bsky.social/post/3mpinlbxr522l" rel="noopener">Bluesky regelmäßig Threads</a>, indem er beim Klima, aber auch bei anderen Themen datenbasiert kritisch und nachvollziehbar nachhakt.) Es gibt in den Medien und in der Politik leider noch zu viele Dinosaurier mit veralteten Einschätzungen und Herangehensweisen, die bremsen und verzögern. Aber mit Dinosauriern verbinden wir eben auch: sie sind irgendwann ausgestorben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Klimakrise und Energiewende: ein paar positive Entwicklungen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>In vieler Hinsicht ist unser gesamtgesellschaftlicher Umgang sowohl mit der Klimakrise als auch mit der Energiewende als Reaktion auf die neuen Erfordernisse ja durchaus frustrierend. Dass mit Trump in den USA jemand an die Macht gekommen ist, der voll auf der Desinformations-Linie derer liegt, die mit fossiler Energie schnell noch soviel Reibach wie möglich machen wollen, gehört zu den wesentlichen Frust-Faktoren. Dass Deutschland eine Wirtschaftsministerin hat, die sich offenbar vor allem als Gasförderungsministerin sieht, kommt hinzu. Und dass weite Teile der Medien durchaus zögerlich-bis-grottig-schlecht berichten, wenns um jenes Thema geht, stimmt leider auch. Eine Klimakonferenz wie in Dubai 2023 unter dem Vorsitz eines Ölfirma-CEOs, in <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/UN-Klimakonferenz_in_Dubai_2023#Ergebnisse" rel="noopener">deren erstem Abschlusserklärungsentwurf dann wenig überraschend der vollständige Ausstieg aus fossilen Energien gar nicht erst vorkommt</a>, ist ebenfalls nicht dazu geeignet, Klima-Optimismus zu erzeugen. </p> <p>Und diejenigen, die eigentlich die Verantwortung hätten, verweigern sich ja durchaus einer sachlichen Diskussion: Am 18. Mai dieses Jahres <a data-id="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/expertenrat-klima-104.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/expertenrat-klima-104.html" rel="noopener">kam der jährliche Prüfbericht des Expertenrats für Klimafragen heraus und bescheinigte der Bundesregierung, bereits die Ziele für 2030 mit einiger Sicherheit zu verfehlen</a>. Wenn ich mit Google-Suche nach der Berichterstattung auf tagesschau.de in den darauffolgenden Wochen gehe, dann war die Reaktion der Bundesregierung darauf ein knappes: „Nö, sehen wir anders“, und mehr nicht. Eine großartige gesellschaftliche Diskussion wie bei anderen wichtigen politischen Entwicklungen entspann sich daraufhin nicht. Business as usual. Don’t look up. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen. </p> <p>Aber gerade in letzter Zeit begegnen mir immer häufiger Meldungen, die ich entweder direkt oder indirekt positiv finde. Direkt positiv, wo es z.B. bei der Energiewende in Bewegung in die richtige Richtung geht. Indirekt positiv dort, wo die Meldung an sich ungut ist, aber anhand der Meldung klar wird, dass es wieder in einer ganz bestimmten Weise schwieriger geworden ist, das Problem Klimakrise zu leugnen. Und mein (klar, subjektiver) Eindruck ist: Andere Menschen machen dieselbe Erfahrung. Es wird schwieriger und schwieriger, selbst die nicht sonderlich politik- oder wissenschaftsinteressierten Menschen in Bezug auf die Klimakrise so irrezuführen, wie das bislang ganz gut ging. Hier ein paar Beispiele:</p> <h2>Wenn die Heizhammer-Polemik verpufft</h2> <p>Wie BILD mit dem Heizhammer 2023 auf die Reform des Gebäudeenergiegesetzes eindrosch <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2214629626003038" rel="noopener">und damit beachtlichen öffentlichen Einfluss ausübte</a>, war natürlich einer der Frustmomente. Dass da ein vorgeblich journalistisches Medium, das sich <a href="https://www.lobbycontrol.de/lobbyismus-und-klima/springer-konzern-nutzte-hauptaktionaer-kkr-den-medienkonzern-fuer-politische-einflussnahme-118529/" rel="noopener">damals noch im Besitz eines wesentlichen Fossil-Investors befand</a>, rein zufällig in genau jener Weise lobbyartig tätig wurde, die finanziellen Schaden eben von Fossil-Investoren abzuwenden geeignet war, hat ja damals leider die anderen Medien nicht wirklich davon abgehalten, auf den Zug aufzuspringen. Obwohl das die Zeit der Enthüllung von <a href="https://www.tagesschau.de/inland/doepfner-sms-101.html" rel="noopener">please-stärke-die-FDP </a>war, wo also auch politisch eher desinteressierte Menschen mitbekommen konnten, wie wenig neutral-journalistisch die Springer-Zeitungen aufgestellt waren. Dass bestimmte für Hausbesiter*innen entscheidende Hintergrundinformationen, etwa der Umstand, dass fossiles Heizen allein schon aufgrund der geltenden EU-Emissionshandel-Regelungen auf absehbare Zeit extrem teuer zu werden drohte, bei der Berichterstattung ungewöhnlich weit im Hintergrund blieben (meine vorsichtige Formulierung für: ich erinnere nicht, jene Information damals in der Berichterstattung überhaupt gesehen zu haben), ist ebenfalls kein journalistisches Ruhmesblatt.</p> <p>Und klar, eine Reihe von Hausbesitzer*innen sind darauf hineingefallen und haben schnell noch nagelneue Gas- oder sogar Ölheizungen gekauft. Aber trotz dieser mit viel Geld und großer Plattform gepushten quasi-journalistischen Lobbyarbeit sah die Abstimmung-mit-dem-Geldbeutel in den Folgejahren so aus (hier <a href="https://bsky.app/profile/janrosenow.bsky.social/post/3mpnlwuv5b22g" rel="noopener">nach einem Bluesky-Post von Jan Rosenow</a>):<aside></aside></p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik.png"><img alt="Anteil von Wärmepumpen, Gas, Öl und anderen Heizungen an den neu installierten Heizungen für die Jahre 2010 bis einschließlich 2025. Nach zaghaften Zuwächsen 2017 auf 2019 (12 auf 17 Prozent), hin zu 2022-2024 (um die 24 Prozent) im Jahre 2025 ein Sprung auf 48 Prozent Anteil für Wärmepumpen für das Jahr 2025." decoding="async" height="1614" sizes="(max-width: 1278px) 100vw, 1278px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik.png 1278w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-238x300.png 238w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-811x1024.png 811w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-768x970.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/rosenow-waermepumpen-grafik-1216x1536.png 1216w" width="1278"></img></a></p> <p>Da spielen sicher viele Faktoren hinein, nicht zuletzt der russische Einmarsch in der Ukraine. Aber was dieses Diagramm nicht zeigt, ist das Ergebnis einer restlos <em>erfolgreichen</em> Lobbykampagne pro Gas- und Ölheizung. Und die Faktoren für die Zukunft, die noch nicht enthalten sind, stimmen optimistisch: Trumps komplett aberwitziger Angriff auf den Iran im Februar 2026 hat noch mehr Menschen deutlich gezeigt, was für Probleme eine Abhängigkeit von fossilen Importen haben kann. Und auf lange Sicht (und auch diese Warnung erinnere ich nicht aus der Heizhammer-Debatte) werden die Betriebskosten der Gas-Infrastruktur pro nutzendem Haushalt immer höher, wenn die Zahl der Haushalte mit Gasversorgung sinkt. Das dürfte ab einem bestimmten Punkt einen selbstbeschleunigenden Effekt für den Umstieg auf Wärmepumpen haben. </p> <h2>Hitzekrise </h2> <p>Die extremen Hitzetage in weiten Teilen Deutschlands in den letzten Wochen waren einer der direktesten Wege, Klimakrise am eigenen Leib zu erfahren. Und ja, auch da wurde von bestimmten Menschen alles getan, das kleinzureden. Aber die meisten Menschen lassen sich soweit ich sehen kann auch da nicht (mehr) ‚reinlegen. „Heiße Tage gab es früher auch“ lässt sich mit einem Blick auf die Statistik solcher Tage entlarven, die inzwischen ja für viele Orte wirklich sehr deutlich zeigt, wie stark die Häufigkeit solcher unangenehm heißen Tage zugenommen hat. Und auch wenn in der Medien-Berichterstattung Unsitten wie „wir-bebildern-eine-Hitzewelle-mit-Fotos-vom-Strand-und-vom-Eisessen“ oder Artikel über die Hitzewelle, in denen der Begriff Klimawandel gleich ganz fehlt, noch nicht ganz überwunden sind: Immerhin gibt es zu einigen der dreistesten Verharmlosungs-Lügen jetzt einiges an <a data-id="https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hitze-fakes-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/faktenfinder/hitze-fakes-100.html" rel="noopener">Fakten-Checks,</a> und außerdem <a data-id="https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/hitze-europa-deutschland-heat-dome-hitzeglocke-hitzekuppel-erderwaermung-,hitzewelle-klimawandel-100.html" data-type="link" href="https://www.mdr.de/wissen/umwelt-klima/hitze-europa-deutschland-heat-dome-hitzeglocke-hitzekuppel-erderwaermung-,hitzewelle-klimawandel-100.html" rel="noopener">Berichte zur Attributionsforschung</a>.</p> <p>Viel wichtiger finde ich diejenigen Berichte, in denen klar wird, worum es bei dieser Art von Hitzebelastung eigentlich geht. Wenn etwa in Köln, wo bei der jüngsten Hitzewelle ein Notlazarett eingerichtet werden musste, der dortige Feuerwehrchef im Interview sehr klar darüber redet, wie die Hitze <a href="https://www.hessenschau.de/gesellschaft/frankfurter-feuerwehr-chef-die-hitzewelle-bringt-das-system-an-seine-grenzen-v1,hitzeeinsaetze-rettungsdienst-100.html" rel="noopener">das Rettungs-System an seine Grenzen</a> bringt, und ein Satz fällt wie „Für uns als Einsatzkräfte ist der Klimawandel nicht mehr eine abstrakte Gefahr in der Zukunft. Der ist real da.“ Wenn dann endlich <a data-id="https://www1.wdr.de/nrw/wetter/aktuell/hitzewelle-nrw-krankenhaus-kita-schule-klimaanlage-100.html" data-type="link" href="https://www1.wdr.de/nrw/wetter/aktuell/hitzewelle-nrw-krankenhaus-kita-schule-klimaanlage-100.html" rel="noopener">über Klimaanlagen in Krankenhäusern, Kitas, Schulen</a> geredet wird. Das ist zwar lange noch nicht das, was man liest, wenn man auf Sozialen Medien denjenigen zuhört, <a href="https://bsky.app/profile/emergencydoc.bsky.social/post/3mpdt5i5xu22k" rel="noopener">die direkt ihre Notdiensterfahrungen teilen</a>, aber immerhin ein Anfang. </p> <p>Dass der (SPD-)Bundesumweltminister die Rolle der Klimakrise <a data-id="https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1606656.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1606656.html" rel="noopener">für die Hitzewelle sogar recht klar benennt,</a> finde ich durchaus beachtlich, gerade im Rahmen der derzeitigen Koalition, bei der das Wort „Klimaschutz“ gefühlt immer nur im Rahmen von Aussagen fällt, warum man den Klimaschutz jetzt aber wirklich mal wieder etwas einhegen und bremsen und verzögern müsse. </p> <h2>Klimakrise und Wirtschaft</h2> <p>Was mich gleich zu einem weiteren Thema bringt, zu dem sich etwas tut. In dem aktuellen <a data-id="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundesregierung-klimapolitik-hitze-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/bundesregierung-klimapolitik-hitze-100.html" rel="noopener">Analysetext „Welche Stellenwert hat die Klimapolitik derzeit?“</a> auf den Tagesschau-Webseiten aus Anlass der Hitzewelle findet sich etwas, das mir in der journalistischen Berichterstattung häufig genug gefehlt hat: Ein einordnendes Kontra zu dem Versuch, mit der Behauptung wir-dürfen-Klimaschutz-nicht-übertreiben-weil-das-unserer-Wirtschaft-schadet durchzukommen. Hier der entsprechende Abschnitt:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45.png"><img alt="Schnappschuss von tagesschau.de: &quot;Klimaschutz und Wirtschaft&#xA;&#xA;Grundsätzlich dürfe Klimaschutz die industrielle Basis nicht gefährden, sagte Merz auf dem Petersberger Klimadialog im April in Bonn. &quot;Eine Transformation, die zur Deindustrialisierung führt, wird in der Bevölkerung keine Akzeptanz finden und letztlich Innovationen behindern.&quot;&#xA;&#xA;Sprich: Zu viel Klimaschutz bedrohe die Industrie. Allerdings bedroht zu wenig Klimaschutz die Wirtschaft auch. Das rechnen regelmäßig Fachleute und Versicherer vor. Denn jede Naturkatastrophe kostet.&#xA;&#xA;Der Sommer ist noch lang - es wird vielleicht noch Gelegenheiten geben für den Kanzler und sein Kabinett, die Hitze zur Chefsache zu machen.&quot;" decoding="async" height="646" sizes="(max-width: 1354px) 100vw, 1354px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45.png 1354w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45-300x143.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45-1024x489.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Screenshot-2026-07-02-at-16.48.45-768x366.png 768w" width="1354"></img></a></p> <p>So zu tun, als müsse man den angeblichen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Wirtschaft nur mantrahaftig wiederholen, ohne ihn je begründen zu müssen, wird angesichts dessen, was in den letzten Monaten durch die Nachrichten ging, eben auch immer schwerer. Irgendwann fällt den Menschen dann eben doch auf, dass China enormen Umsatz damit macht, Technik für erneuerbare Energien zu vertreiben. Gerade so, als wäre der Klimawandel nicht ein Wirtschaftshemmer, sondern wie jede Umstellung eine große wirtschaftliche Chance. Die Deutschland aber irgendwie wieder und wieder verpasst hat. Wie das halt so ist, wenn physikfern von mythischen „hocheffizienten Verbrennern“ geschwärmt wird, während in China selbst erstmals mehr E-Autos <a data-id="https://www.fr.de/wirtschaft/e-autos-ueberholen-verbrenner-in-china-schlag-fuer-vw-und-co-mobilitaet-94357353.html" data-type="link" href="https://www.fr.de/wirtschaft/e-autos-ueberholen-verbrenner-in-china-schlag-fuer-vw-und-co-mobilitaet-94357353.html" rel="noopener">verkauft werden als Verbrenner,</a> und chinesische Autos auch in Europa immer beliebter werden. Wenn der nach wie vor <a data-id="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/ey-studie-autobauer-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/ey-studie-autobauer-100.html" rel="noopener">langsame Hochlauf der Elektromobilität</a> die hiesige Autoindustrie nach wie vor belastet. </p> <p>Umgekehrt dürfte Menschen, die regelmäßig Nachrichten konsumieren, auffallen, wie deutlich der doch angeblich so wirtschaftsfreundliche Klimaschutz-bitte-nicht-übereilen-Kurs der Bundesregierung gerade aus der Wirtschaft heraus kritisiert wird. Wenn der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) <a href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/kritik-an-katherina-reiche-energieverband-bdew-fordert-den-stromnetz-turbo-a-388df2d2-e924-4123-8cd4-a9e50980312b" rel="noopener">nachdrücklich fordert, jetzt endlich mal Tempo zu machenn beim Stromnetz-Ausbau</a>. Wenn 1700 Unternehmen <a data-id="https://www.spiegel.de/wirtschaft/energiewende-unternehmen-kritisieren-energiepolitik-von-katharina-reiche-scharf-a-a1825cf7-a4eb-48aa-84f1-a2bf8b1163dd" data-type="link" href="https://www.spiegel.de/wirtschaft/energiewende-unternehmen-kritisieren-energiepolitik-von-katharina-reiche-scharf-a-a1825cf7-a4eb-48aa-84f1-a2bf8b1163dd" rel="noopener">einen offenen Brief an die Wirtschaftsministerin schreiben</a>, die Energiewende bitte nicht auszubremsen. Wenn <a data-id="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wind-und-solarenergie-als-jobmotor-studie-zeigt-rekordzahl-von-arbeitsplatzen-in-erneuerbaren-energien-15749365.html" data-type="link" href="https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wind-und-solarenergie-als-jobmotor-studie-zeigt-rekordzahl-von-arbeitsplatzen-in-erneuerbaren-energien-15749365.html" rel="noopener">Wind- und Solarenergie auf einmal als Jobmotor in den Schlagzeilen sind</a>, verbunden mit der Sorge, der klimaschutzträge Kurs der Bundesregierung könnte einen Teil der mehr als 400.000 Arbeitsplätze in jenen Bereichen gefährden. Es geht längst nicht mehr um Klimaschutz vs. Wirtschaft. Der Klimaschutz ist längst selbst ein positiver Wirtschaftsfaktor. </p> <h2>Markt-Schwung bei der Teilen der Energiewende</h2> <p>Umgekehrt macht Hoffnung, wo es zu unerwarteten Erneuerbare-Energien-Booms kommt. Das aktuelle Paradebeispiel ist Pakistan, wo viele Privathäuser billige Photovoltaik aus China installiert haben – als Reaktion unter anderem auf die regelmäßigen Stromsperren („load shedding“) der offiziellen Energieversorger dort. Eine Situation, die dann wieder ganz eigene Herausforderungen für das Energienetz schafft, aber eben auch ein Beispiel dafür, wie der Markt auch im Bereich erneuerbare Energien eine positive Wirkung entfaltet, sobald die Möglichkeiten dafür vorhanden sind. Wichtig vor allem, weil sich mehr Länder dieser Welt in einer Situation befinden, die der von Pakistan ähnlicher ist als der von Deutschland (<a data-id="https://janrosenow.substack.com/p/pakistan-the-solar-revolution-nobody" data-type="link" href="https://janrosenow.substack.com/p/pakistan-the-solar-revolution-nobody" rel="noopener">siehe diesen Beitrag von Jan Rosenow</a>).</p> <p>Auch in Indien tut sich den Nachrichten nach gehörie etwas in Richtung erneuerbare Energien. Der <a href="https://www.canarymedia.com/articles/solar/how-big-can-solar-go" rel="noopener">Khavda Renewable Energy Park in Gujarat kombiniert Photovoltaik, Windkraft und Batterien</a> zu inzwischen 13 GW an dauerhafter elektrischer Leistung. Ziel: 30 GW. Beim Besuch des Bundeskanzlers in Indien diesen Januar war <a data-id="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/indien-kooperation-energiewende-ruestung-logistik-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/indien-kooperation-energiewende-ruestung-logistik-100.html" rel="noopener">einer der wirtschaftlichen Kooperationsverträge</a> die Lieferung von grünem, also mit Hilfe von erneuerbaren Energien hergestelltem Ammonia von Indian nach Deutschland. Erneuerbare als internationaler Wirtschaftsfaktor.</p> <p>Generell bekommt der Markt bei den erneuerbaren Energien unter geeigneten Bedingungen Beachtliches hin: eine positive Rückkopplung in Gang setzen, bei der sinkende Preise zu größerer Nachfrage führen, die wiederum zu höherer Produktion, die wiederum zu sinkenden Stückkosten und sinkenden Preisen führen, und so weiter. Dass die Internationale Energie-Agentur IEA sich, offenbar durch stetiges Verleugnen dieser Dynamik, bei ihren Abschätzungen zum Ausbau von Photovoltaik in vielen aufeinanderfolgenden Jahren wieder und wieder und wieder zuungunsten der erneuerbaren Energien verschätzt hat, ist längst ein <em>running gag</em> beim Energiethema. Das klassische Diagramm dazu, von Auke Hoekstra, <a data-id="https://bsky.app/profile/aukehoekstra.bsky.social/post/3mlpparsils25" data-type="link" href="https://bsky.app/profile/aukehoekstra.bsky.social/post/3mlpparsils25" rel="noopener">ist dieses hier</a>:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm.png"><img alt="Diagramm von Auke Hoekstra zu den Schätzungen der IAE zur Entwicklung des Zubaus bei der Photovoltaik, für die Jahre 2002 bis 2017. Die Schätzungen verlaufen jeweils recht flach. Die tatsächliche Entwicklung verläuft ganz anders, nämlich exponentiell." decoding="async" height="1708" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2052px) 100vw, 2052px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm.png 2052w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-300x250.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-1024x852.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-768x639.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-1536x1279.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/hoekstra-iae-diagramm-2048x1705.png 2048w" width="2052"></img></a></p> <p>Wir hatten bei uns im Livestream „Astro &amp; Co“ (jeweils Montag 19 Uhr) vor ein paar Wochen Christian Holler zu Gast, mit handfesten Zahlen zur Energiewende – ich hatte <a data-id="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/">hier etwas darüber geschrieben</a>. Christian hatte jenes Diagramm noch forgeschrieben, nämlich die Zahlen für 2025 dazu eingetragen:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag.jpg"><img alt="Version des vorigen Diagramms, nur diesmal ragen weit nach oben über das Diagramm hinaus die enormen Zubau-Zahlenwerte für 2022 (226 GW) und für 2025 (650 GW, mehr als drei Mal so hoch wie die Obergrenze des ursprünglichen Diagramms)." decoding="async" height="1132" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1002px) 100vw, 1002px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag.jpg 1002w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag-266x300.jpg 266w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag-906x1024.jpg 906w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/screenshot-holler-vortrag-768x868.jpg 768w" width="1002"></img></a></p> <p>Das ist dann schon absurdes Theater. Und man fragt sich, wie die fast zwei Jahrzehnte an systematischer Unterschätzung – die dann vermutlich ja auch Konsequenzen für Entscheidungen hatten, wie realistisch die Energiewende ist! – zustandekam und was sie für Schaden angerichtet hat. Für Batterien gibt es ähnlich erfreuliche Entwicklungen: Der Preis für Lithium-Ionen-Batterien ist <a data-id="https://www.derstandard.de/story/3000000317605/die-irre-entwicklung-der-batterien-in-vier-grafiken" data-type="link" href="https://www.derstandard.de/story/3000000317605/die-irre-entwicklung-der-batterien-in-vier-grafiken" rel="noopener">in den letzten Jahrzehnten enorm gefallen</a>. <a data-id="https://www.derstandard.at/story/3000000320013/innovation-der-saison-die-vernunft-der-masse-bei-den-batterien" data-type="link" href="https://www.derstandard.at/story/3000000320013/innovation-der-saison-die-vernunft-der-masse-bei-den-batterien" rel="noopener">Natrium-Ionen-Batterien sind im Kommen</a>. Es tut sich etwas, in vielen Gebieten. </p> <h2>Bitte keine Vorurteile wiederkäuen</h2> <p>Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung können wir uns schlicht nicht mehr leisten, unsere Einschätzungen auf Vorurteilen aufzubauen, die, wenn sie denn überhaupt jemals gestimmt haben, längst überholt sind. Deutschland als angeblicher Spitzenreiter bei der Energiewende, verbunden mit der Klage, die anderen würden ja alle gar nicht mitmachen und alleine habe das mit dem Klimaschutz keinen Sinn? Quatsch, wie nicht zuletzt <a data-id="https://ourworldindata.org/grapher/share-electricity-renewables" data-type="link" href="https://ourworldindata.org/grapher/share-electricity-renewables" rel="noopener">die folgende Karte von „Our World in Data“ zeigt</a>:</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-scaled.png"><img alt="Weltkarte von &quot;Our World in Data&quot; mit dem Anteil von Erneuerbaren Energien an der Elektrizitätsproduktionn Stand 2025. Insbesondere Teile von Südamerika und Afrika liegen zwischen 80% und 100%. Deutschland mit 59% liegt im Mittelfeld." decoding="async" height="1807" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-scaled.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-scaled.png 2560w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-300x212.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-1024x723.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-768x542.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-1536x1084.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/share-electricity-renewables2025-2048x1446.png 2048w" width="2560"></img></a></p> <p>Dass zusätzlich zu den fossil gekaperten UN-Klimakonferenzen dann eben auch Treffen stattfinden wie <a data-id="https://en.wikipedia.org/wiki/International_Conference_on_Transitioning_Away_from_Fossil_Fuels" data-type="link" href="https://en.wikipedia.org/wiki/International_Conference_on_Transitioning_Away_from_Fossil_Fuels" rel="noopener">jenes der „Koalition der Willigen“ in Kolumbien im April 2026</a>, bei der 57 Nationen, die insgesamt immerhin ein Drittel der weltweiten wirtschaftlichen Aktivitäten repräsentieren, sich ganz pragmatisch Gedanken darüber machten und Erfahrungen dazu austauschten, wie man Wohlstand und Klimaschutz verbinden kann (und das in einem <a href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/konferenz-santa-marta-100.html" rel="noopener">interessanten, echten Diskussionsformat mit Beteiligung der Wissenschaft</a>), passt in dieses Bild.</p> <p>Deutschland ist, <a data-id="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Stromerzeugung_aus_erneuerbaren_Energien" data-type="link" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Stromerzeugung_aus_erneuerbaren_Energien" rel="noopener">siehe auch diese Aufstellung auf Wikipedia,</a> beim Anteil der Stromerzeugung aus Erneuerbaren im Mittelfeld. Vor uns eine bunte Mischung aus Ländern: europäische Länder, afrikanische Länder, südamerikanische Länder, Länder mit ganz verschiedenen Entwicklungsstufen, die es trotzdem alle irgendwie auf jeweils eigene Weise geschafft haben, schneller als Deutschland zu sein. Da muss man sich schon sehr anstrengen, um einen guten Grund zu finden – im Gegensatz zu peinlichen Gründen wie „bei uns war die Fossil-Lobby halt leider zu stark und hat die Politik zu sehr beeinflusst“ – warum wir hinterherhinken. </p> <p>Auch in den Ländern, die auf der Liste deutlich hinter uns stehen, tut sich etwas. Burkina Faso etwa arbeitet daran, das Land überhaupt erst einmal <a data-id="https://www.eib.org/de/press/all/2021-037-eur-38-5m-eib-backing-for-solar-power-and-flood-protection-in-burkina-faso" data-type="link" href="https://www.eib.org/de/press/all/2021-037-eur-38-5m-eib-backing-for-solar-power-and-flood-protection-in-burkina-faso" rel="noopener">dezentral, mit Photovoltaik und Mini-Netzen, zu elektrifizieren</a>. Für viele Menschen weltweit bedeutet die Umstellung überhaupt erst einmal Zugang zu Elektrizität. (Das Bild unten, hier auch als Titelbild meines Blogbeitrags genutzt, zeigt einen <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ouagadougou_shop.JPG" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ouagadougou_shop.JPG" rel="noopener">Solar-Shop in der Hauptstatt Ouagadougou</a>, aufgenommen von <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Wegmann" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Wegmann" rel="noopener">Wikimedia-Nutzer (Martin) Wegmann</a> vom Dach des Amiso-Hotels, unter <a data-id="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" data-type="link" href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" rel="noopener">Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 3.0.</a>)</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-scaled.jpg"><img alt="Shop for solar cell panels, Ouagadougou, Burkina Faso, West Africa (from roof of the Amiso hotel). Nutzer Wegmann via Wikimedia Commons unter Lizenz CC BY-SA 3.0" decoding="async" height="1714" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-300x201.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-1024x685.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-768x514.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-1536x1028.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Ouagadougou_shop-2048x1371.jpg 2048w" width="2560"></img></a></p> <p>Oder die Gebetsmühle, mehr Klimaschutz sei mit den Menschen nicht zu machen, man müsse die Menschen mitnehmen etc. pp.? Trotz massiver Pro-Fossil-Propaganda in einigermaßen einflussreichen Medien (u.a. von den Heizungshammer-Machern) ist auch das einfach nicht wahr. Gerade vorgestern ist wieder eine Studie erschienen, die einerseits Wähler*innen, andererseits Mandatsträger*innen in Deutschland befragt hat, wie sie die Bereitschaft der hiesigen Menschen einschätzen, für Klimaschutzmaßnahmen eigene Nachteile hinzunehmen. Das Ergebnis: <a data-id="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/politiker-klimaschutz-bevoelkerung-100.html" data-type="link" href="https://www.tagesschau.de/wissen/klima/politiker-klimaschutz-bevoelkerung-100.html" rel="noopener">die Bereitschaft der Bevölkerung zum Klimaschutz wird systematisch und deutlich unterschätzt</a>. Das passt <a data-id="https://www.uni-bonn.de/de/neues/weltweite-befragung-zeigt-breite-mehrheit-der-weltbevoelkerung-fuer-den-klimaschutz" data-type="link" href="https://www.uni-bonn.de/de/neues/weltweite-befragung-zeigt-breite-mehrheit-der-weltbevoelkerung-fuer-den-klimaschutz" rel="noopener">zu anderen Studien, denen zufolge Menschen</a> (in dem Falle: weltweit) unterschätzen, wie viele ihrer Mitbürger*innen für mehr Klimaschutz sind – ein irrtümliches „ich selbst bin ja dafür, aber die meisten anderen nicht“. Ein Irrtum, der dann wiederum Menschen davon abhält, sich deutlicher für Klimaschutz stark zu machen, nach dem Motto: hat ja eh keinen Sinn, ich bin allein auf weiter Flur. </p> <h2>Über Lösungen reden</h2> <p>Dass es positive Nachrichten gibt, heißt natürlich nicht, dass ab jetzt alles ganz einfach wäre, oder dass es für alle Herausforderungen der Energiewende bereits direkte Lösungen gäbe. Flugverkehr, Bauen mit Zement, chemische Industrie: da kommt noch einiges auf die Welt zu. Andererseits wären natürlich auch das Chancen für Deutschland, wenn wir denn wirklich noch ein forschungs- und entwicklungsstarkes Land sind, wieder Betätigungsfelder zu finden, in denen wir eine Chance haben, führend zu sein. Im Flugzeugbau etwa <a data-id="https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/asia-techonomics-chinas-groesster-flugzeugbauer-kann-airbus-noch-nicht-ersetzen/100224424.html" data-type="link" href="https://www.handelsblatt.com/meinung/kolumnen/asia-techonomics-chinas-groesster-flugzeugbauer-kann-airbus-noch-nicht-ersetzen/100224424.html" rel="noopener">hat China es (noch) nicht geschafft, Europa zu überholen</a>. Da dürften die Chancen, den Anschluss nicht zu verlieren, größer sein als in den Bereichen (wie derzeit Elektroautos oder Batterien) wo Europa bereits einigermaßen abgeschlagen hinterherhechelt. </p> <p>Die positiven Nachrichten besagen insbesondere, dass diejenigen, die im Ganzen und oft genug ja im Detail darauf bestanden haben, das sei alles ja sowieso nicht zu schaffen und zu stemmen, die Energiewende von vornherein unwirtschaftlich etc. pp. eben in Bezug auf eine ganze Reihe von Aspekten unrecht hatten. Die hyperpessimistischen IEA-Vorhersagen für die Photovoltaik-Entwicklung zeichnen an jener Stelle ein sehr deutliches Bild. Die fatalen wirtschaftlichen Folgen der Erneuerbare-Technologie-Feindlichkeit und -Zögerlichkeit sind unübersehbar.</p> <p>All das deutet darauf hin, dass es sich lohnen dürfte, auf einen allgemeineren Wechsel in der öffentlichen Debatte hinzuarbeiten. Mit übervereinfachten Parolen wie „wir müssen uns zwischen Klimaschutz und Wirtschaft entscheiden“ sollte angesichts der Faktenlage niemand mehr ankommen dürfen, ohne unter schallendem Lachen des Raumes verwiesen zu werden. Kritische Nachfragen sollten routinemäßig insbesondere überall da kommen, wo es jetzt darauf ankommt, Tempo zu machen, damit Deutschland den Anschluss nicht verliert. Dafür, wie es weitergehen kann, gibt es ja, wiederum von den Kolleg*innen von Fraunhofer, recht gut ausgearbeitete Pläne. Vor knapp zwei Wochen gab es dazu ein interessantes Webinar bei „Europe Calling“ (mit Christoph Kost vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme sowie mit Sven Giegold, Michael Bloss und Jutta Paulus von den Grünen), nämlich dieses hier:</p> <p><iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/lmUFd3eXxzg?start=253&amp;feature=oembed" title="#264 „Reicht es? Neue Fraunhofer-Studie: Energiesystem kostengünstig, zuverlässig, erneuerbar. 24/7”" width="666"></iframe></p> <p>Das heißt nicht, dass das, was Herr Kost in jenem Vortrag erzählt, bereits alles der Weisheit letzter Schluss sein muss. Aber der Vortrag, und die <a data-id="https://drive.google.com/file/d/1M5TzEobbaitZ7nCCIdos1UbloOv7qgB9/view" data-type="link" href="https://drive.google.com/file/d/1M5TzEobbaitZ7nCCIdos1UbloOv7qgB9/view" rel="noopener">dazugehörige Studie zu einer kostenoptimalen Energiewende</a>, oder auch <a data-id="https://www.bee-ev.de/service/publikationen-medien/beitrag/die-naechste-phase-der-energiewende-flexibilitaet" data-type="link" href="https://www.bee-ev.de/service/publikationen-medien/beitrag/die-naechste-phase-der-energiewende-flexibilitaet" rel="noopener">diese jüngere Studie zu Batteriespeichern und Flexibilität im Energiesystem</a>, bieten auf alle Fälle Stoff für ernsthafte Diskussionen.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Wie könnte man die Situation also angemessen zusammenfassen? Keine Beschreibung dessen, was da passiert, wäre vollständig ohne die Aussage, dass sich auf dem Bereich der Umstellung hin zu einem CO2-neutralen Energiesystem weltweit gewaltig etwas tut. Und das sicher nicht nur aus Klimaschutz-Idealismus – ein wichtiger Anteil sind die üblichen Profitbestrebungen von Firmen, sowie ab Ende Februar 2026 die Erkenntnis, wie schnell die fossile Energieversorgung durch internationale Ereignisse wie den Irankrieg aus der Bahn geworfen werden kann. Auch beachtlich viele Regierungen tun etwas für den Klimaschutz – klar, bei weitem nicht alle. Aber wenn die internationale Stimmung dann doch einmal kippt, muss Deutschland schauen, dass es nicht abgehängt wird. Die <a data-id="https://www.spiegel.de/wissenschaft/klima-politik-deutschland-drohen-34-milliarden-euro-strafen-a-87aa3d67-0c90-49ee-a4a5-51501a11ec96" data-type="link" href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/klima-politik-deutschland-drohen-34-milliarden-euro-strafen-a-87aa3d67-0c90-49ee-a4a5-51501a11ec96" rel="noopener">drohenden EU-Strafzahlungen</a> sind ein erstes Beispiel dafür. Dass die aktuelle Bundesregierung anfangs geplant hatte, <a data-id="https://www.sueddeutsche.de/politik/klimaschutz-ktf-zertifikate-kritik-gruene-li.3301024?reduced=true" data-type="link" href="https://www.sueddeutsche.de/politik/klimaschutz-ktf-zertifikate-kritik-gruene-li.3301024?reduced=true" rel="noopener">jene Zahlungen aus dem für den Umbau gedachten Fonds KTF zu zahlen</a>, war ein fatales Zeichen – <a data-id="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutschland-klimaziele-emissionshandel-energiewende-klima-li.3308286" data-type="link" href="https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutschland-klimaziele-emissionshandel-energiewende-klima-li.3308286" rel="noopener">dass sie damit am Ende nicht durchkam und im letzten Moment einlenkte</a>, ein positives. </p> <p>Dass es in Deutschland nach wie vor Politiker gibt, die uns vormachen wollen, Klimaschutz bedeute Deindustrialisierung, sollte uns immens peinlich sein. In Bayern <a data-id="https://press.siemens.com/global/de/pressemitteilung/siemens-erinnert-auf-schloss-linderhof-pioniere-des-ersten-stromzeitalters" data-type="link" href="https://press.siemens.com/global/de/pressemitteilung/siemens-erinnert-auf-schloss-linderhof-pioniere-des-ersten-stromzeitalters" rel="noopener">stand 1878 das erste fest installierte Elektrizitätswerk</a>. Haber, Bosch, Linde: Wir waren mal Pioniere in der chemischen Prozesstechnik. Sich angesichts eines weltweiten Umbruchprozesses (und Umbrüche sind immer Chancen, bei denen die Karten neu gemischt werden!) hinzustellen und zu sagen: „Nee, sorry, deutsche Ingenieure können nur eines gut, nämlich Verbrennungsmotoren bauen, da bleibt uns wohl nur die Wahl zwischen Fossil-Renaissance oder Aufgeben“ ist eine selbsterfüllende wirtschaftlicher-Niedergangs-Prophezeiung.</p> <p>Handlungsmöglichkeiten gäbe es. Bis hin zu Dingen, die eigentlich Selbstgänger sein müssten: Wir dürfen uns keine Politiker mehr leisten, die den für Klimaschutz und Transformation gedachten Fonds KTF eben nicht für den vorgesehenen Zweck verwenden, sondern um Haushaltslöcher zu stopfen (<a href="https://steady.page/de/der-uuberblick/posts/ffefecb3-e5f4-455e-b7e6-2eca1d8f0a13" rel="noopener">wie jetzt gerade von Schwarz-Rot geplant</a>, via den empfehlenswerten Newsletter von Frau Büüsker). Niemand, der so etwas tut, sollte je wieder klagen dürfen, man würde ja gerne Klimaschutz treiben, aber es sei kein Geld dafür da. Wer als <a href="https://www.tagesschau.de/investigativ/swr/stromnetzbetreiber-rendite-100.html" rel="noopener">semi-monopolistischer Netzbetreiber Rekord-Rendite einfährt, von denen andere Branchen nur träumen können,</a> sollte nicht mehr beim dringend nötigen Netzausbau aus angeblicher Geldnot auf die Bremse treten dürfen. Und warum diejenigen, die ansonsten von technischen Innovationen, der Entfesselung des Marktes und Bürokratieabbau schwärmen, es nicht schaffen, in Deutschland z.B. intelligente Stromzähler einzuführen, <a data-id="https://www.iea-isgan.org/wp-content/uploads/2022/06/WG9-Metering-as-Enabler-for-Flexibility.pdf" data-type="link" href="https://www.iea-isgan.org/wp-content/uploads/2022/06/WG9-Metering-as-Enabler-for-Flexibility.pdf" rel="noopener">während andere Länder schon dabei sind die zweite Generation solcher Zähler auszurollen,</a> kann einen doch nur den Kopf schütteln lassen. Und zeigt noch einmal, dass wir in Deutschland eben doch ein Politikproblem haben, das unsere wirtschaftliche Fitness durch Trägheit und Verzögerungen aktuell gerade deutlich herunterzieht. Als ob wir uns so etwas in der derzeitigen Situation leisten können. (Bei uns im Haus war dieses Jahr ein Installateur, der einen neuen Stromzähler eingebaut hat – aber eben noch keinen intelligenten, sondern die noch unter der Regierung Merkel [!] beschlossene Vorgängervariante. Dem Installateur war das sichtlich etwas peinlich.)</p> <p>Bis die neuen Realitäten flächendeckend in der Politik angekommen sind, können wir eigentlich nur versuchen, die Politik zumindest nicht mit veralteten Einschätzungen und verknöcherten Vorurteilen einfach so durchkommen zu lassen. Kritisch Nachfragen kann man eigentlich aus jeder politischen Perspektive: umweltfreundlich, weil die Klimakrise die Ökosysteme nun einmal massiv gefährdet bzw. stört. Wirtschaftsfreundlich, weil es unserem Land nichts bringt, bei den neuen Schlüsseltechnologien hinterherzuhinken. Sozialfreundlich, weil Energieversorgung kein Armutsfaktor werden darf – und auf internationaler Ebene, weil die neuen Technologien mehr Verteilungsgerechtigkeit schaffen können, siehe Pakistan und siehe zahlreiche afrikanische Länder, bei denen „off grid“ nun eben nicht mehr heißt, weitgehend ohne Elektrizität auskommen zu müssen.</p> <p>Wie gesagt: Mein Eindruck ist, dass diese partiell guten Nachrichten in letzter Zeit mehr werden. Das macht mir zumindest verhalten Hoffnung auf einen Stimmungswechsel. Kipp-Punkte gibt es <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-7-weil-wir-mit-klima-kipp-punkten-kein-roulette-spielen-sollten/">nicht nur beim Klima</a>, sondern auch in gesellschaftlichen Diskussionen. Wenn wir bei der Diskussion in Deutschland von den leeren Phrasen wegkämen und ehrlich diskutieren würden, was auf dem Spiel steht und welches der beste Weg vorwärts ist, wäre schon viel gewonnen. (Ein sehr positives Beispiel ist da für mich der Journalist Malte Kreutzfeldt. Der hat auf <a data-id="https://bsky.app/profile/mkreutzfeldt.bsky.social/post/3mpinlbxr522l" data-type="link" href="https://bsky.app/profile/mkreutzfeldt.bsky.social/post/3mpinlbxr522l" rel="noopener">Bluesky regelmäßig Threads</a>, indem er beim Klima, aber auch bei anderen Themen datenbasiert kritisch und nachvollziehbar nachhakt.) Es gibt in den Medien und in der Politik leider noch zu viele Dinosaurier mit veralteten Einschätzungen und Herangehensweisen, die bremsen und verzögern. Aber mit Dinosauriern verbinden wir eben auch: sie sind irgendwann ausgestorben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrise-und-energiewende-ein-paar-positive-entwicklungen/#comments 36 Mimesis, Medien & Macht – Grundsatzrede beim Weltethos-Institut Tübingen https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/#comments Fri, 03 Jul 2026 22:38:00 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11385 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/</link> </image> <description type="html"><h1>Mimesis, Medien & Macht - Grundsatzrede beim Weltethos-Institut Tübingen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-04T00:38:00+02:00">04. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Warum halte ich <strong>die Psychologie der Mimesis &amp; insbesondere Rechtsmimesis</strong> gerade auch in der <strong>Antisemitisforschung</strong> für unverzichtbar?</p> <p>Darauf konnte ich bereits am 2. Juni 2026 auf Einladung des Weltethos-Institutes im Kupferbau der Universität Tübingen in meiner <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank">Rede <strong><em>„Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze</em></strong>“ ausführlicher antworten</a>. Hier <a href="https://timms.uni-tuebingen.de/tp/UT_20260602_001_rvdigitmedioeko_0001" rel="noopener" target="_blank">auch <strong>die Timms-Video-Aufzeichung</strong> des Abends mit einem starken Vorwort von <strong>Annette Guthy</strong></a>.</p> <p>Inzwischen konnte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf">die Rede aber auch in einen Text transkribieren und blogge sie hier gerne</a> zum Dialog.</p> <p>Sie baut letztlich auf einem Kernzitat von <strong>Max Horkheimer &amp; Theodor W. Adorno </strong>aus ihrem „Dialektik der Aufklärung“ von 1944 auf:</p> <p><em>„Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion.</em><aside></aside></p> <p><em>Sie ist das Widerspiel zur echten Mimesis, der verdrängten zutiefst verwandt, ja vielleicht der pathische Charakterzug, in dem diese sich niederschlägt.</em></p> <p><em>Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich.“ </em></p> <p>In diesem großen Text über die <strong>„Elemente des Antisemitismus“</strong> fand sich auch <strong>die mythologisch tiefste, biblisch-dualistische Beschreibung des antisemitischen Verschwörungsglaubens</strong>, die ich kenne:</p> <p><em>„Das nackte Schema der Macht als solcher, gleich überwältigend gegen andere wie gegen das eigene mit sich zerfallende Ich, ergreift, was sich ihm bietet, und fügt es, ganz gleichgültig gegen seine Eigenart, in sein mythisches Gewebe ein.</em></p> <p><em>Die Geschlossenheit des Immergleichen wird zum Surrogat von Allmacht.</em></p> <p><em>Es ist, als hätte die Schlange, die den ersten Menschen sagte: ihr werdet sein wie Gott, im Paranoiker ihr Versprechen eingelöst.</em></p> <p><em>Er schafft alle nach seinem Bilde.</em></p> <p><em>Keines Lebendigen scheint er zu bedürfen und fordert doch, dass alle ihm dienen sollen.</em></p> <p><em>Sein Wille durchdringt das All, nichts darf der Beziehung zu ihm entgehen.</em></p> <p><em>Seine Systeme sind lückenlos.“</em></p> <p>Aber neben dieser linken Mimesis-Deutung besprach ich auch das rechte Gegenstück von <strong>René Girard</strong>. Ich meine: Ein psychologischer Begriff, der sowohl von linken wie rechten und moderaten Forschenden entdeckt wird, sollte eigentlich alle an Psychologie Interessierten aufmerken lassen!</p> <p>Zumal an der Universität Tübingen 1961 auch der legendäre, sog. <strong>Positivismusstreit</strong> zwischen <strong>Theodor Adorno &amp; Karl Popper</strong> ausgetragen wurde.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Redeskript der Rede mit der Überschrift: &quot;Zur Antisemitismusforschung nach Adorno &amp; Horkheimer - Die Macht der Mimesis - Medien zwischen Dialog und Hetze&quot;. Darunter steht &quot;Vortrag von Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben&quot; auf Einladung des Weltethos Institut Tübingen, 02. Juni 2026. Link führt zur pdf des Skriptes" decoding="async" height="668" sizes="(max-width: 608px) 100vw, 608px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626.jpg 608w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626-273x300.jpg 273w" width="608"></img></a></p> <p><em>Cover des <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank">transkribierten Redeskripts von <strong>„Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze“</strong> vom 2. Juni 2026, Michael Blume am Weltethos-Institut</a>, Kupferbau Universität Tübingen</em></p> <p>Und hier auch meine kürzere Einführung ins Thema <em><strong>„Mimesis“</strong></em> beim <strong>Fachtag gegen Antisemitismus 2025 in Leinfelden-Echterdingen</strong>:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/z8oNWYrXAe0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Gemeinsam gegen Antisemitismus - Fachtag 2025 - Vortrag Dr. Michael Blume zu &quot;Medien und Mimesis&quot;" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Mimesis, Medien & Macht - Grundsatzrede beim Weltethos-Institut Tübingen » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-04T00:38:00+02:00">04. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Warum halte ich <strong>die Psychologie der Mimesis &amp; insbesondere Rechtsmimesis</strong> gerade auch in der <strong>Antisemitisforschung</strong> für unverzichtbar?</p> <p>Darauf konnte ich bereits am 2. Juni 2026 auf Einladung des Weltethos-Institutes im Kupferbau der Universität Tübingen in meiner <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank">Rede <strong><em>„Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze</em></strong>“ ausführlicher antworten</a>. Hier <a href="https://timms.uni-tuebingen.de/tp/UT_20260602_001_rvdigitmedioeko_0001" rel="noopener" target="_blank">auch <strong>die Timms-Video-Aufzeichung</strong> des Abends mit einem starken Vorwort von <strong>Annette Guthy</strong></a>.</p> <p>Inzwischen konnte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf">die Rede aber auch in einen Text transkribieren und blogge sie hier gerne</a> zum Dialog.</p> <p>Sie baut letztlich auf einem Kernzitat von <strong>Max Horkheimer &amp; Theodor W. Adorno </strong>aus ihrem „Dialektik der Aufklärung“ von 1944 auf:</p> <p><em>„Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion.</em><aside></aside></p> <p><em>Sie ist das Widerspiel zur echten Mimesis, der verdrängten zutiefst verwandt, ja vielleicht der pathische Charakterzug, in dem diese sich niederschlägt.</em></p> <p><em>Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich.“ </em></p> <p>In diesem großen Text über die <strong>„Elemente des Antisemitismus“</strong> fand sich auch <strong>die mythologisch tiefste, biblisch-dualistische Beschreibung des antisemitischen Verschwörungsglaubens</strong>, die ich kenne:</p> <p><em>„Das nackte Schema der Macht als solcher, gleich überwältigend gegen andere wie gegen das eigene mit sich zerfallende Ich, ergreift, was sich ihm bietet, und fügt es, ganz gleichgültig gegen seine Eigenart, in sein mythisches Gewebe ein.</em></p> <p><em>Die Geschlossenheit des Immergleichen wird zum Surrogat von Allmacht.</em></p> <p><em>Es ist, als hätte die Schlange, die den ersten Menschen sagte: ihr werdet sein wie Gott, im Paranoiker ihr Versprechen eingelöst.</em></p> <p><em>Er schafft alle nach seinem Bilde.</em></p> <p><em>Keines Lebendigen scheint er zu bedürfen und fordert doch, dass alle ihm dienen sollen.</em></p> <p><em>Sein Wille durchdringt das All, nichts darf der Beziehung zu ihm entgehen.</em></p> <p><em>Seine Systeme sind lückenlos.“</em></p> <p>Aber neben dieser linken Mimesis-Deutung besprach ich auch das rechte Gegenstück von <strong>René Girard</strong>. Ich meine: Ein psychologischer Begriff, der sowohl von linken wie rechten und moderaten Forschenden entdeckt wird, sollte eigentlich alle an Psychologie Interessierten aufmerken lassen!</p> <p>Zumal an der Universität Tübingen 1961 auch der legendäre, sog. <strong>Positivismusstreit</strong> zwischen <strong>Theodor Adorno &amp; Karl Popper</strong> ausgetragen wurde.</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Redeskript der Rede mit der Überschrift: &quot;Zur Antisemitismusforschung nach Adorno &amp; Horkheimer - Die Macht der Mimesis - Medien zwischen Dialog und Hetze&quot;. Darunter steht &quot;Vortrag von Dr. Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben&quot; auf Einladung des Weltethos Institut Tübingen, 02. Juni 2026. Link führt zur pdf des Skriptes" decoding="async" height="668" sizes="(max-width: 608px) 100vw, 608px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626.jpg 608w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/MichaelBlumeAntisemitismusforschungMedienMachtMimesisTuebingen0626-273x300.jpg 273w" width="608"></img></a></p> <p><em>Cover des <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/2026-02-06-BlumeMedienMachtMimesisAntisemitismusforschungWeltethosTuebingen.pdf" rel="noopener" target="_blank">transkribierten Redeskripts von <strong>„Die Macht der Mimesis – Medien zwischen Dialog und Hetze“</strong> vom 2. Juni 2026, Michael Blume am Weltethos-Institut</a>, Kupferbau Universität Tübingen</em></p> <p>Und hier auch meine kürzere Einführung ins Thema <em><strong>„Mimesis“</strong></em> beim <strong>Fachtag gegen Antisemitismus 2025 in Leinfelden-Echterdingen</strong>:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/z8oNWYrXAe0?feature=oembed&amp;rel=0" title="Gemeinsam gegen Antisemitismus - Fachtag 2025 - Vortrag Dr. Michael Blume zu &quot;Medien und Mimesis&quot;" width="666"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/mimesis-medien-macht-grundsatzrede-beim-weltethos-institut-tuebingen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>47</slash:comments> </item> <item> <title>Mit Deep Learning ins Belohnungszentrum: Kann KI uns helfen, unser Essverhalten zu ändern? https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/mit-deep-learning-ins-belohnungszentrum-kann-ki-uns-helfen-unser-essverhalten-zu-aendern/ https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/mit-deep-learning-ins-belohnungszentrum-kann-ki-uns-helfen-unser-essverhalten-zu-aendern/#respond Fri, 03 Jul 2026 18:15:18 +0000 Nadine Herzog https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/?p=898 <h1>Mit Deep Learning ins Belohnungszentrum: Kann KI uns helfen, unser Essverhalten zu ändern? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Von Nadine Herzog</h2><div itemprop="text"> <p>Heute kein Zucker. Das war der Vorsatz. Du hast gut gefrühstückt, fühlst dich motiviert, der Tag läuft. Und dann stehst du im Café, blickst auf die Glasvitrine und siehst Croissants, Apfeltaschen, Schoko-Muffins. Und ehe du dich versiehst, hörst du dich sagen: „Ein Schokocroissant, bitte.“ Ein Teil von dir ist überrascht. Ein anderer gar nicht.<p>Wir alle kennen solche Momente. Wir haben uns fest vorgenommen, unsere Ernährung zu ändern, gesünder zu essen – und greifen dann doch zum Süßen. Das ist kein Zeichen von Willensschwäche. Es ist ein Zusammenspiel komplexer Hirnprozesse, die meist schneller ablaufen, als uns bewusst wird.</p></p> <h3><strong>Was passiert im Gehirn, wenn wir das Croissant sehen?</strong></h3> <p>Im Zentrum dieses Zusammenspiels steht das, was wir umgangssprachlich das „Belohnungssystem“ nennen – ein weit verzweigtes Netzwerk aus Hirnregionen, das eine zentrale Rolle bei Motivation, Lernen und Entscheidungsfindung spielt. Sehen wir zum Beispiel das leckere Croissant, schaltet sich dieses Netzwerk innerhalb von Sekundenbruchteilen ein. Im ventralen Striatum (einem Schlüsselbereich des Belohnungssystems, tief im Inneren des Gehirns) wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Dieses Dopamin-Signal sagt dem Gehirn: <em>Das will ich haben.</em> Ein starker, automatischer, fast schon „primitiver“ Impuls. Gleichzeitig meldet sich dein präfrontaler Kortex (der vordere Teil deines Gehirns, hinter der Stirn). Er ist für Planung und Abwägung zuständig und erinnert dich an deinen Vorsatz: <em>Heute kein Zucker.</em> Welche der beiden Stimmen sich am Ende durchsetzt, entscheidet darüber, was du gleich bestellst.</p> <p>Im Alltag halten sich diese beiden Systeme meist die Waage. Gerät dieses fein abgestimmte Zusammenspiel jedoch aus dem Gleichgewicht, zum Beispiel weil das Belohnungssystem über lange Zeit immer wieder besonders stark aktiviert wird, kann sich verändern, wie wir Motivation erleben, Entscheidungen treffen oder Belohnungen bewerten. Solche Veränderungen spielen bei verschiedenen psychischen Erkrankungen wie z.B. Suchterkrankungen oder Essstörungen eine Rolle. Genau deshalb ist es so wichtig, die Aktivität des Belohnungssystems besser zu verstehen – und vielleicht auch gezielt beeinflussen zu können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="500" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-1024x500.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-1024x500.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-300x146.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-768x375.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-1536x750.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-2048x1000.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h3><strong>Hirnaktivität bewusst regulieren: das Prinzip Neurofeedback</strong></h3> <p>Die Idee, Hirnaktivität bewusst zu regulieren, ist nicht neu. Genau diesen Ansatz verfolgt eine seit Jahrzehnten eingesetzte Methode: das sogenannte „Neurofeedback“. Hierbei wird Hirnaktivität in Echtzeit gemessen und der Person sichtbar gemacht, meist über einen Balken oder eine andere visuelle Anzeige auf einem Bildschirm. Indem man sieht, was das eigene Gehirn gerade tut, lässt sich diese Aktivität schrittweise bewusst beeinflussen. Bei ADHS gehört Neurofeedback inzwischen sogar zu den etablierten Behandlungsoptionen. Und auch im Bereich der Belohnungsverarbeitung gibt es erste Studien, die versuchen, das Belohnungssignal gezielt zu modulieren. Etwa bei Menschen mit Suchterkrankungen oder Depressionen.</p> <p>Bei ADHS werden hier oft gezielt präfrontale Areale moduliert, um die kognitive Kontrolle zu stärken. Hierbei kommt meist das EEG zum Einsatz (siehe Box unten). Studien, die dagegen das Belohnungssignal beeinflussen wollen, arbeiten fast alle mit dem fMRT (siehe Box unten). Und dies aus gutem Grund: fMRT ist eine der wenigen Methoden, die die Aktivität tiefer Hirnregionen wie des ventralen Striatums valide sichtbar machen können. fMRT-Aufnahmen zu erstellen ist jedoch sehr teuer, ortsgebunden und daher für den alltäglichen klinischen Einsatz kaum praktikabel. EEG bietet hier eine vielversprechende Alternative. Es ist günstig, mobil und leicht verfügbar. Allerdings misst das EEG hauptsächlich die elektrische Aktivität an der Hirnoberfläche. Tiefe Strukturen wie das ventrale Striatum bleiben ihm normalerweise verborgen. Ihre Signale sind zu schwach und zu stark mit anderen Quellen vermischt, um sie direkt aus dem EEG ablesen zu können.<aside></aside></p> <p>Genau hier kommt künstliche Intelligenz ins Spiel.</p> <h3><strong>Mit Hilfe von KI die Aktivität tiefer Hirnregionen aus dem EEG entschlüsseln</strong></h3> <p>In den letzten Jahren haben neue Errungenschaften im Bereich des maschinellen Lernens (ML) ermöglicht, aus EEG-Daten auf die Aktivität tiefer Hirnstrukturen zu schließen. Das Prinzip: Wenn EEG und fMRT gleichzeitig aufgezeichnet werden, kann ein ML-Modell lernen, welche Muster im EEG mit dem fMRT-Signal aus der jeweiligen Hirnstruktur zusammenhängen. Einmal trainiert, kann ein solches Modell dann anhand des EEG allein eine Schätzung des Signals liefern – ganz ohne fMRT.</p> <p>Erste Arbeiten auf diesem Gebiet lieferten bereits vielversprechende Ergebnisse. <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10300238/" rel="noopener">Singer und Kolleg:innen (2023)</a> zum Beispiel erreichten mit ihrem Modell für das ventrale Striatum eine moderate Übereinstimmung zwischen dem aus dem EEG geschätzten und dem tatsächlichen fMRT-Signal. Und auch wenn die Vorhersagen keine perfekte Eins-zu-eins-Übersetzung war, zeigte ein erstes Folge-Pilotprojekt, bei dem das Modell für ein EEG-basiertes Neurofeedback-Training eingesetzt wurde, bereits positive Effekte bei Patient:innen mit Depression (<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12110136/" rel="noopener">Amital et al., 2025</a>).</p> <p>In unserer aktuellen Studie greifen wir diesen Ansatz auf und entwickeln ihn weiter (<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12973074/" rel="noopener">Herzog et al., 2026</a>). Anstelle der klassischen, linearen Modelle, wie sie in früheren Studien verwendet wurden, setzen wir jedoch ein Deep-Learning-Modell ein, eine besonders leistungsfähige Form der künstlichen Intelligenz (KI). Deep Learning ist in der Lage, auch komplexere, nichtlineare Muster zu entdecken, also Zusammenhänge, die viele Variablen gleichzeitig und auf nicht offensichtliche Weise verknüpfen. Unsere Studie zeigte erste vielversprechende Ergebnisse: Unser Modell erreichte eine spürbar höhere Vorhersagegenauigkeit und bessere anatomische Spezifität als frühere, lineare ML-Modelle.</p> <p>Trotz dieser Verbesserungen lag auch die Vorhersagegenauigkeit unseres Models insgesamt auf einem nur moderaten Niveau. Wir vermuten, dass dies unter anderem an der relativ kleinen Trainingsdatenmenge liegt (nur 19 Datensätze). In aktuellen Studien arbeiten wir deshalb daran, die Vorhersagegenauigkeit weiter zu verbessern, indem wir das Modell mit einer um ein Vielfaches größeren und vielfältigeren Datenmenge trainieren. Da bereits das weniger genaue ML-Modell von Singer et al. (2023) erste Hinweise auf klinische Relevanz zeigte, ist die Hoffnung berechtigt, dass auch unser Modell (trotz bisheriger Einschränkungen) für klinische Anwendungen nutzbar sein kann.</p> <h3><strong>Was bedeutet das für die Zukunft?</strong></h3> <p>Wenn auch zunächst nur theoretisch und mit moderater Genauigkeit, unsere Arbeit legt einen weiteren Grundstein für EEG-basiertes Neurofeedback zur Modulation von Belohnungssignalen im ventralen Striatum. Ein optimiertes Modell könnte noch genauere Vorhersagen liefern – und damit möglicherweise auch noch besser „wirken“. Um dies zu überprüfen, bereiten wir derzeit eine erste Neurofeedback-Studie vor, in der wir die praktische Anwendbarkeit unseres Modells testen wollen. Konkret wollen wir untersuchen, ob Menschen mit hilfe unseres Modells lernen können, ihre eigenen Belohnungssignale im Kontext von Essreizen gezielt zu beeinflussen. </p> <p>Stell dir also nochmals die Situation im Café vor. Aber dieses Mal läuft sie anders ab: Du blickst auf die Glasvitrine und spürst ganz subtil, wie ein vertrauter Impuls aufkommt. Aber dein Gehirn kennt ihn inzwischen. Mit Hilfe von KI-basiertem EEG-Neurofeedback hast du gelernt, deine Belohnungssignale im Gehirn zu erkennen und damit umzugehen. Vielleicht atmest du einmal tiefer durch, erinnerst dich an deine mentale Strategie, lenkst den Fokus um. Und triffst eine Entscheidung – nicht aus Reflex, sondern ganz bewusst.</p> <p>Vielleicht wird es trotzdem ein Schokocroissant. Vielleicht auch nicht. Aber diesmal hast du entschieden, nicht dein Belohnungssystem.</p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>EEG (Elektroenzephalografie) </strong>misst <em>elektrische Aktivität von Nervenzellen</em> über Elektroden auf der Kopfhaut. Sie nehmen die schwachen Spannungs- schwankungen auf, die entstehen, wenn große Gruppen von Neuronen gemeinsam aktiv sind. Das EEG „sieht“ also vor allem die Aktivität an der Hirnoberfläche. Was tief im Inneren des Gehirns passiert, etwa im ventralen Striatum, bleibt ihm normalerweise verborgen. Die Stärke des EEG liegt jedoch in seiner zeitlichen Genauigkeit: Es bildet Hirnaktivität im Millisekundenbereich ab, also nahezu in Echtzeit.<p><strong>fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie)</strong> misst dagegen <em>Durchblutungs- Veränderungen</em> als indirektes Maß für Hirnaktivität. Da aktive Hirnregionen mehr Sauerstoff verbrauchen, fließt nach deren Aktivierung vermehrt sauerstoffreiches Blut zu ihnen. Dies kann das fMRT messen. Es erlaubt räumlich sehr präzise Lokalisierung (wenige Millimeter genau) und kann so auch Aktivität in tiefen Hirnregionen wie dem ventralen Striatum sichtbar machen. Sein Nachteil: fMRT-Aufnahmen entstehen in großen, teuren Magnetresonanztomographen, in denen die Person regungslos liegen muss. Dadurch ist das Verfahren ortsgebunden und für den alltäglichen Einsatz wenig praktikabel. Außerdem ist das Durchblutungssignal deutlich langsamer als die eigentliche Nervenzellaktivität — es zeigt mit ein paar Sekunden Verzögerung an, was im Gehirn gerade passiert ist.</p><p><strong>Das EEG ist also schnell, aber oberflächlich; das fMRT präzise, aber langsam und unhandlich.</strong></p></td></tr></tbody></table></figure> <figure><blockquote><p>Referenzen:</p><cite>Amital, D., Gross, R., Goldental, N., Fruchter, E., Yaron-Wachtel, H., Tendler, A., … &amp; Sharon, H. (2025). Reward System EEG–fMRI-Pattern Neurofeedback for Major Depressive Disorder with Anhedonia: A Multicenter Pilot Study. <em>Brain Sciences</em>, <em>15</em>(5), 476.<p>Singer, N., Poker, G., Dunsky-Moran, N., Nemni, S., Balter, S. R., Doron, M., … &amp; Hendler, T. (2023). Development and validation of an fMRI-informed EEG model of reward-related ventral striatum activation. <em>Neuroimage</em>, <em>276</em>, 120183. </p><p>Herzog, N., Vähäsarja, L., Reinfeld, P., Scherf, N., Hofmann, S. M., Andreou, C., … &amp; Mulert, C. (2026). From surface to depth: Using deep learning to predict striatal fMRI reward signaling from EEG. <em>Imaging Neuroscience</em>, <em>4</em>, IMAG-a.</p></cite></blockquote></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mit Deep Learning ins Belohnungszentrum: Kann KI uns helfen, unser Essverhalten zu ändern? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Von Nadine Herzog</h2><div itemprop="text"> <p>Heute kein Zucker. Das war der Vorsatz. Du hast gut gefrühstückt, fühlst dich motiviert, der Tag läuft. Und dann stehst du im Café, blickst auf die Glasvitrine und siehst Croissants, Apfeltaschen, Schoko-Muffins. Und ehe du dich versiehst, hörst du dich sagen: „Ein Schokocroissant, bitte.“ Ein Teil von dir ist überrascht. Ein anderer gar nicht.<p>Wir alle kennen solche Momente. Wir haben uns fest vorgenommen, unsere Ernährung zu ändern, gesünder zu essen – und greifen dann doch zum Süßen. Das ist kein Zeichen von Willensschwäche. Es ist ein Zusammenspiel komplexer Hirnprozesse, die meist schneller ablaufen, als uns bewusst wird.</p></p> <h3><strong>Was passiert im Gehirn, wenn wir das Croissant sehen?</strong></h3> <p>Im Zentrum dieses Zusammenspiels steht das, was wir umgangssprachlich das „Belohnungssystem“ nennen – ein weit verzweigtes Netzwerk aus Hirnregionen, das eine zentrale Rolle bei Motivation, Lernen und Entscheidungsfindung spielt. Sehen wir zum Beispiel das leckere Croissant, schaltet sich dieses Netzwerk innerhalb von Sekundenbruchteilen ein. Im ventralen Striatum (einem Schlüsselbereich des Belohnungssystems, tief im Inneren des Gehirns) wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Dieses Dopamin-Signal sagt dem Gehirn: <em>Das will ich haben.</em> Ein starker, automatischer, fast schon „primitiver“ Impuls. Gleichzeitig meldet sich dein präfrontaler Kortex (der vordere Teil deines Gehirns, hinter der Stirn). Er ist für Planung und Abwägung zuständig und erinnert dich an deinen Vorsatz: <em>Heute kein Zucker.</em> Welche der beiden Stimmen sich am Ende durchsetzt, entscheidet darüber, was du gleich bestellst.</p> <p>Im Alltag halten sich diese beiden Systeme meist die Waage. Gerät dieses fein abgestimmte Zusammenspiel jedoch aus dem Gleichgewicht, zum Beispiel weil das Belohnungssystem über lange Zeit immer wieder besonders stark aktiviert wird, kann sich verändern, wie wir Motivation erleben, Entscheidungen treffen oder Belohnungen bewerten. Solche Veränderungen spielen bei verschiedenen psychischen Erkrankungen wie z.B. Suchterkrankungen oder Essstörungen eine Rolle. Genau deshalb ist es so wichtig, die Aktivität des Belohnungssystems besser zu verstehen – und vielleicht auch gezielt beeinflussen zu können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="500" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-1024x500.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-1024x500.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-300x146.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-768x375.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-1536x750.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/Belohnungssystem_Blog_post-7-2048x1000.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h3><strong>Hirnaktivität bewusst regulieren: das Prinzip Neurofeedback</strong></h3> <p>Die Idee, Hirnaktivität bewusst zu regulieren, ist nicht neu. Genau diesen Ansatz verfolgt eine seit Jahrzehnten eingesetzte Methode: das sogenannte „Neurofeedback“. Hierbei wird Hirnaktivität in Echtzeit gemessen und der Person sichtbar gemacht, meist über einen Balken oder eine andere visuelle Anzeige auf einem Bildschirm. Indem man sieht, was das eigene Gehirn gerade tut, lässt sich diese Aktivität schrittweise bewusst beeinflussen. Bei ADHS gehört Neurofeedback inzwischen sogar zu den etablierten Behandlungsoptionen. Und auch im Bereich der Belohnungsverarbeitung gibt es erste Studien, die versuchen, das Belohnungssignal gezielt zu modulieren. Etwa bei Menschen mit Suchterkrankungen oder Depressionen.</p> <p>Bei ADHS werden hier oft gezielt präfrontale Areale moduliert, um die kognitive Kontrolle zu stärken. Hierbei kommt meist das EEG zum Einsatz (siehe Box unten). Studien, die dagegen das Belohnungssignal beeinflussen wollen, arbeiten fast alle mit dem fMRT (siehe Box unten). Und dies aus gutem Grund: fMRT ist eine der wenigen Methoden, die die Aktivität tiefer Hirnregionen wie des ventralen Striatums valide sichtbar machen können. fMRT-Aufnahmen zu erstellen ist jedoch sehr teuer, ortsgebunden und daher für den alltäglichen klinischen Einsatz kaum praktikabel. EEG bietet hier eine vielversprechende Alternative. Es ist günstig, mobil und leicht verfügbar. Allerdings misst das EEG hauptsächlich die elektrische Aktivität an der Hirnoberfläche. Tiefe Strukturen wie das ventrale Striatum bleiben ihm normalerweise verborgen. Ihre Signale sind zu schwach und zu stark mit anderen Quellen vermischt, um sie direkt aus dem EEG ablesen zu können.<aside></aside></p> <p>Genau hier kommt künstliche Intelligenz ins Spiel.</p> <h3><strong>Mit Hilfe von KI die Aktivität tiefer Hirnregionen aus dem EEG entschlüsseln</strong></h3> <p>In den letzten Jahren haben neue Errungenschaften im Bereich des maschinellen Lernens (ML) ermöglicht, aus EEG-Daten auf die Aktivität tiefer Hirnstrukturen zu schließen. Das Prinzip: Wenn EEG und fMRT gleichzeitig aufgezeichnet werden, kann ein ML-Modell lernen, welche Muster im EEG mit dem fMRT-Signal aus der jeweiligen Hirnstruktur zusammenhängen. Einmal trainiert, kann ein solches Modell dann anhand des EEG allein eine Schätzung des Signals liefern – ganz ohne fMRT.</p> <p>Erste Arbeiten auf diesem Gebiet lieferten bereits vielversprechende Ergebnisse. <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10300238/" rel="noopener">Singer und Kolleg:innen (2023)</a> zum Beispiel erreichten mit ihrem Modell für das ventrale Striatum eine moderate Übereinstimmung zwischen dem aus dem EEG geschätzten und dem tatsächlichen fMRT-Signal. Und auch wenn die Vorhersagen keine perfekte Eins-zu-eins-Übersetzung war, zeigte ein erstes Folge-Pilotprojekt, bei dem das Modell für ein EEG-basiertes Neurofeedback-Training eingesetzt wurde, bereits positive Effekte bei Patient:innen mit Depression (<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12110136/" rel="noopener">Amital et al., 2025</a>).</p> <p>In unserer aktuellen Studie greifen wir diesen Ansatz auf und entwickeln ihn weiter (<a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12973074/" rel="noopener">Herzog et al., 2026</a>). Anstelle der klassischen, linearen Modelle, wie sie in früheren Studien verwendet wurden, setzen wir jedoch ein Deep-Learning-Modell ein, eine besonders leistungsfähige Form der künstlichen Intelligenz (KI). Deep Learning ist in der Lage, auch komplexere, nichtlineare Muster zu entdecken, also Zusammenhänge, die viele Variablen gleichzeitig und auf nicht offensichtliche Weise verknüpfen. Unsere Studie zeigte erste vielversprechende Ergebnisse: Unser Modell erreichte eine spürbar höhere Vorhersagegenauigkeit und bessere anatomische Spezifität als frühere, lineare ML-Modelle.</p> <p>Trotz dieser Verbesserungen lag auch die Vorhersagegenauigkeit unseres Models insgesamt auf einem nur moderaten Niveau. Wir vermuten, dass dies unter anderem an der relativ kleinen Trainingsdatenmenge liegt (nur 19 Datensätze). In aktuellen Studien arbeiten wir deshalb daran, die Vorhersagegenauigkeit weiter zu verbessern, indem wir das Modell mit einer um ein Vielfaches größeren und vielfältigeren Datenmenge trainieren. Da bereits das weniger genaue ML-Modell von Singer et al. (2023) erste Hinweise auf klinische Relevanz zeigte, ist die Hoffnung berechtigt, dass auch unser Modell (trotz bisheriger Einschränkungen) für klinische Anwendungen nutzbar sein kann.</p> <h3><strong>Was bedeutet das für die Zukunft?</strong></h3> <p>Wenn auch zunächst nur theoretisch und mit moderater Genauigkeit, unsere Arbeit legt einen weiteren Grundstein für EEG-basiertes Neurofeedback zur Modulation von Belohnungssignalen im ventralen Striatum. Ein optimiertes Modell könnte noch genauere Vorhersagen liefern – und damit möglicherweise auch noch besser „wirken“. Um dies zu überprüfen, bereiten wir derzeit eine erste Neurofeedback-Studie vor, in der wir die praktische Anwendbarkeit unseres Modells testen wollen. Konkret wollen wir untersuchen, ob Menschen mit hilfe unseres Modells lernen können, ihre eigenen Belohnungssignale im Kontext von Essreizen gezielt zu beeinflussen. </p> <p>Stell dir also nochmals die Situation im Café vor. Aber dieses Mal läuft sie anders ab: Du blickst auf die Glasvitrine und spürst ganz subtil, wie ein vertrauter Impuls aufkommt. Aber dein Gehirn kennt ihn inzwischen. Mit Hilfe von KI-basiertem EEG-Neurofeedback hast du gelernt, deine Belohnungssignale im Gehirn zu erkennen und damit umzugehen. Vielleicht atmest du einmal tiefer durch, erinnerst dich an deine mentale Strategie, lenkst den Fokus um. Und triffst eine Entscheidung – nicht aus Reflex, sondern ganz bewusst.</p> <p>Vielleicht wird es trotzdem ein Schokocroissant. Vielleicht auch nicht. Aber diesmal hast du entschieden, nicht dein Belohnungssystem.</p> <figure><table><tbody><tr><td><strong>EEG (Elektroenzephalografie) </strong>misst <em>elektrische Aktivität von Nervenzellen</em> über Elektroden auf der Kopfhaut. Sie nehmen die schwachen Spannungs- schwankungen auf, die entstehen, wenn große Gruppen von Neuronen gemeinsam aktiv sind. Das EEG „sieht“ also vor allem die Aktivität an der Hirnoberfläche. Was tief im Inneren des Gehirns passiert, etwa im ventralen Striatum, bleibt ihm normalerweise verborgen. Die Stärke des EEG liegt jedoch in seiner zeitlichen Genauigkeit: Es bildet Hirnaktivität im Millisekundenbereich ab, also nahezu in Echtzeit.<p><strong>fMRT (funktionelle Magnetresonanztomografie)</strong> misst dagegen <em>Durchblutungs- Veränderungen</em> als indirektes Maß für Hirnaktivität. Da aktive Hirnregionen mehr Sauerstoff verbrauchen, fließt nach deren Aktivierung vermehrt sauerstoffreiches Blut zu ihnen. Dies kann das fMRT messen. Es erlaubt räumlich sehr präzise Lokalisierung (wenige Millimeter genau) und kann so auch Aktivität in tiefen Hirnregionen wie dem ventralen Striatum sichtbar machen. Sein Nachteil: fMRT-Aufnahmen entstehen in großen, teuren Magnetresonanztomographen, in denen die Person regungslos liegen muss. Dadurch ist das Verfahren ortsgebunden und für den alltäglichen Einsatz wenig praktikabel. Außerdem ist das Durchblutungssignal deutlich langsamer als die eigentliche Nervenzellaktivität — es zeigt mit ein paar Sekunden Verzögerung an, was im Gehirn gerade passiert ist.</p><p><strong>Das EEG ist also schnell, aber oberflächlich; das fMRT präzise, aber langsam und unhandlich.</strong></p></td></tr></tbody></table></figure> <figure><blockquote><p>Referenzen:</p><cite>Amital, D., Gross, R., Goldental, N., Fruchter, E., Yaron-Wachtel, H., Tendler, A., … &amp; Sharon, H. (2025). Reward System EEG–fMRI-Pattern Neurofeedback for Major Depressive Disorder with Anhedonia: A Multicenter Pilot Study. <em>Brain Sciences</em>, <em>15</em>(5), 476.<p>Singer, N., Poker, G., Dunsky-Moran, N., Nemni, S., Balter, S. R., Doron, M., … &amp; Hendler, T. (2023). Development and validation of an fMRI-informed EEG model of reward-related ventral striatum activation. <em>Neuroimage</em>, <em>276</em>, 120183. </p><p>Herzog, N., Vähäsarja, L., Reinfeld, P., Scherf, N., Hofmann, S. M., Andreou, C., … &amp; Mulert, C. (2026). From surface to depth: Using deep learning to predict striatal fMRI reward signaling from EEG. <em>Imaging Neuroscience</em>, <em>4</em>, IMAG-a.</p></cite></blockquote></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/mit-deep-learning-ins-belohnungszentrum-kann-ki-uns-helfen-unser-essverhalten-zu-aendern/#respond 0 Schweres Erdbeben in Venezuela vom 24. Juni 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/schweres-erdbeben-in-venezuela-vom-24-juni-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/schweres-erdbeben-in-venezuela-vom-24-juni-2026/#comments Thu, 02 Jul 2026 21:34:01 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3804 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/schweres-erdbeben-in-venezuela-vom-24-juni-2026/</link> </image> <description type="html"><h1>Schweres Erdbeben in Venezuela vom 24. Juni 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 24. Juni 2026 hat sich ein schweres Erdbeben im Norden von Venezuela ereignet. Ich denke, wir haben alle davon bereits in den Nachrichten gehört oder davon gelesen. Noch immer ist mir nicht ganz klar, ob es sich dabei um ein Doppelbeben oder ein längeres, schweres Erdbeben handelt. Die beiden Hauptstöße ereigneten sich um 18:04 Uhr Ortszeit in der Nähe der Stadt Maracay mit einer Magnitude von 7,3 und nur 39 Sekunden später in der Nähe von Caracas mit einer Magnitude von 7,4.</p> <h2>Ein Beben, Doppelbeben oder zwei getrennte Erdbeben?</h2> <p>Während der USGS von zwei Erdbeben ausgeht, sieht zum Beispiel das französische GEOSCOPE (IPGP / Institut de physique du globe de Paris) von einem Beben aus und gibt hier die Gesamtmagnitude von 7,8 an.</p> <p>Es handelt sich dabei möglicherweise um einen längeren und komplexen kontinuierlichen Bruchprozess mit zwei Teilbrüchen. Es macht aber keinen Unterschied, ob man lieber von zwei einzelnen oder einem Doppelbeben ausgeht. Die Erdbebenwellen beider Beben überlagern sich zeitlich und machen die seismologische Auswertung ziemlich komplex. Das kann auch die Unterschiede in den angegebenen Magnituden der unterschiedlichen Erdbebendienste erklären.</p> <h2>Wo fanden die Beben statt?</h2> <p>Das erste Beben mit einer Magnitude von 7,3 ereignete sich am nordöstlichen Ende der Boconó-Störung (BF) in einer Tiefe von nur 10 km. Diese NE-SW streichende Störung bewegt sich mit rund 10 bis 12 mm pro Jahr. Das zweite Beben mit einer Magnitude von 7,4 erfolgte dann an der San-Sebastian-Störung (SSF) rund 160 km östlich in der Nähe von Caracas. Diese akkumuliert ca. 16 bis 18 mm pro Jahr.</p> <h2>Komplizierter Kontinentalrand</h2> <p>Die tektonische Situation an der nördlichen Plattengrenze von Südamerika ist recht kompliziert. Grob gesagt bewegt sich die karibische Platte relativ zum südamerikanischen Teilkontinent nach Osten. Dabei teilt sich die Bewegung an der Plattengrenze in mehrere Störungen auf. Um das Ganze noch etwas komplizierter zu machen, sind neben der südamerikanischen und der karibischen Platte noch einige mehr oder weniger unabhängige Blöcke beteiligt, von denen der Maracaibo Block hier erwähnenswert ist. Dieser Krustenblock wird durch die Bewegung der karibischen Platte langsam in Richtung Nordost in die Karibik gequetscht.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben.jpg"><img alt="" decoding="async" height="724" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-1024x724.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-1024x724.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-768x543.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben.jpg 1123w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Grobe Skizze der tektonischen Situation des schweren Bebens in Venezuela am 24. 06 2026, Boconó-Störung (BF), San Sebastian-Störung SSF. Der weiße Punkt markiert das Epizentrum des zweiten Bebens, die Pfeile die Bewegun gsrichtung entlang der Störungen.</em></figcaption></figure> <p>Dabei passiert die Bewegung meist nicht kontinuierlich, sondern die Störungen verhaken sich und es baut sich über längere Zeiträume eine enorme Spannung auf. Wenn diese Spannung sich dann schließlich in einem Erdbeben löst, kann dies an anderen Stellen der Störung oder benachbarter Störungen zu weiteren Brüchen führen. So kann also ein Beben an einer Stelle einer Störung weitere Beben in anderen Bereichen der Störung auslösen, wie eben hier auch geschehen.</p> <h2><br></br>Warum sind die Schäden so hoch?</h2> <p>Die Höhe der Schäden an den Gebäuden kommt einmal durch die geringe Tiefe der beiden Erdbeben mit nur rund 10 km. Dadurch sind die Bewegungen der Erdkruste kaum gedämpft.</p> <p>Das Erdbeben begann an der Boconó-Störung und setzte sich dann an die angrenzende San-Sebastian-Störung fort. Das erklärt einmal die starke Magnitude des zweiten Bebens durch die zunehmenden Slip-Raten auf der östlichen San-Sebastian-Störung und auch die von den schwersten Erschütterungen betroffenen Regionen, die sich als stark elongierte Ellipse von dem Epizentrum des ersten Bebens in Richtung Caracas erstrecken.</p> <p>Zusätzlich liegen viele Städte der Region auch auf wasserhaltigen, wenig verfestigten Sedimenten. In diesen werden die Erdbebenwellen verlangsamt, wodurch sich die Amplitude verstärkt, also die Stärke der Bewegung zunimmt. Außerdem können die Sedimente durch den hohen Wassergehalt bei Erschütterungen auch ein Verhalten zeigen, das als <a href="https://tu-dresden.de/bu/bauingenieurwesen/geotechnik/forschung/forschungsfelder/bodenverfluessigung?set_language=en" rel="noopener">Bodenverflüssigung</a> bekannt ist. Das kann man relativ einfach selber veranschaulichen, indem man wassergesättigten Sand am Strand Erschütterungen aussetzt.</p> <p>Wenn lockerer, feuchter Sand- oder Bodengrund durch Erdbebenwellen erschüttert wird, drückt das Gewicht des Bodens die Sandkörner zusammen. Da die Zwischenräume vollständig mit Wasser gefüllt sind und das Wasser bei der schnellen Bewegung nicht entweichen kann, steigt der Druck im Porenwasser stark an. Dadurch driften die Sandkörner auseinander und die Erde verliert ihre Stabilität. Dies führt dazu, dass Gebäude, Straßen und Rohrleitungen einsinken, sich neigen oder aufbrechen.</p> <p>Was am Strand vielleicht eine nette Spielerei ist, kann aber für Gebäude eine verheerende Konsequenz haben. Verflüssigte Sedimente können die Fundamente nicht mehr tragen, Gebäude kippen oder brechen schnell zusammen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Schweres Erdbeben in Venezuela vom 24. Juni 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am 24. Juni 2026 hat sich ein schweres Erdbeben im Norden von Venezuela ereignet. Ich denke, wir haben alle davon bereits in den Nachrichten gehört oder davon gelesen. Noch immer ist mir nicht ganz klar, ob es sich dabei um ein Doppelbeben oder ein längeres, schweres Erdbeben handelt. Die beiden Hauptstöße ereigneten sich um 18:04 Uhr Ortszeit in der Nähe der Stadt Maracay mit einer Magnitude von 7,3 und nur 39 Sekunden später in der Nähe von Caracas mit einer Magnitude von 7,4.</p> <h2>Ein Beben, Doppelbeben oder zwei getrennte Erdbeben?</h2> <p>Während der USGS von zwei Erdbeben ausgeht, sieht zum Beispiel das französische GEOSCOPE (IPGP / Institut de physique du globe de Paris) von einem Beben aus und gibt hier die Gesamtmagnitude von 7,8 an.</p> <p>Es handelt sich dabei möglicherweise um einen längeren und komplexen kontinuierlichen Bruchprozess mit zwei Teilbrüchen. Es macht aber keinen Unterschied, ob man lieber von zwei einzelnen oder einem Doppelbeben ausgeht. Die Erdbebenwellen beider Beben überlagern sich zeitlich und machen die seismologische Auswertung ziemlich komplex. Das kann auch die Unterschiede in den angegebenen Magnituden der unterschiedlichen Erdbebendienste erklären.</p> <h2>Wo fanden die Beben statt?</h2> <p>Das erste Beben mit einer Magnitude von 7,3 ereignete sich am nordöstlichen Ende der Boconó-Störung (BF) in einer Tiefe von nur 10 km. Diese NE-SW streichende Störung bewegt sich mit rund 10 bis 12 mm pro Jahr. Das zweite Beben mit einer Magnitude von 7,4 erfolgte dann an der San-Sebastian-Störung (SSF) rund 160 km östlich in der Nähe von Caracas. Diese akkumuliert ca. 16 bis 18 mm pro Jahr.</p> <h2>Komplizierter Kontinentalrand</h2> <p>Die tektonische Situation an der nördlichen Plattengrenze von Südamerika ist recht kompliziert. Grob gesagt bewegt sich die karibische Platte relativ zum südamerikanischen Teilkontinent nach Osten. Dabei teilt sich die Bewegung an der Plattengrenze in mehrere Störungen auf. Um das Ganze noch etwas komplizierter zu machen, sind neben der südamerikanischen und der karibischen Platte noch einige mehr oder weniger unabhängige Blöcke beteiligt, von denen der Maracaibo Block hier erwähnenswert ist. Dieser Krustenblock wird durch die Bewegung der karibischen Platte langsam in Richtung Nordost in die Karibik gequetscht.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben.jpg"><img alt="" decoding="async" height="724" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-1024x724.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-1024x724.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben-768x543.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Venezuela-Beben.jpg 1123w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Grobe Skizze der tektonischen Situation des schweren Bebens in Venezuela am 24. 06 2026, Boconó-Störung (BF), San Sebastian-Störung SSF. Der weiße Punkt markiert das Epizentrum des zweiten Bebens, die Pfeile die Bewegun gsrichtung entlang der Störungen.</em></figcaption></figure> <p>Dabei passiert die Bewegung meist nicht kontinuierlich, sondern die Störungen verhaken sich und es baut sich über längere Zeiträume eine enorme Spannung auf. Wenn diese Spannung sich dann schließlich in einem Erdbeben löst, kann dies an anderen Stellen der Störung oder benachbarter Störungen zu weiteren Brüchen führen. So kann also ein Beben an einer Stelle einer Störung weitere Beben in anderen Bereichen der Störung auslösen, wie eben hier auch geschehen.</p> <h2><br></br>Warum sind die Schäden so hoch?</h2> <p>Die Höhe der Schäden an den Gebäuden kommt einmal durch die geringe Tiefe der beiden Erdbeben mit nur rund 10 km. Dadurch sind die Bewegungen der Erdkruste kaum gedämpft.</p> <p>Das Erdbeben begann an der Boconó-Störung und setzte sich dann an die angrenzende San-Sebastian-Störung fort. Das erklärt einmal die starke Magnitude des zweiten Bebens durch die zunehmenden Slip-Raten auf der östlichen San-Sebastian-Störung und auch die von den schwersten Erschütterungen betroffenen Regionen, die sich als stark elongierte Ellipse von dem Epizentrum des ersten Bebens in Richtung Caracas erstrecken.</p> <p>Zusätzlich liegen viele Städte der Region auch auf wasserhaltigen, wenig verfestigten Sedimenten. In diesen werden die Erdbebenwellen verlangsamt, wodurch sich die Amplitude verstärkt, also die Stärke der Bewegung zunimmt. Außerdem können die Sedimente durch den hohen Wassergehalt bei Erschütterungen auch ein Verhalten zeigen, das als <a href="https://tu-dresden.de/bu/bauingenieurwesen/geotechnik/forschung/forschungsfelder/bodenverfluessigung?set_language=en" rel="noopener">Bodenverflüssigung</a> bekannt ist. Das kann man relativ einfach selber veranschaulichen, indem man wassergesättigten Sand am Strand Erschütterungen aussetzt.</p> <p>Wenn lockerer, feuchter Sand- oder Bodengrund durch Erdbebenwellen erschüttert wird, drückt das Gewicht des Bodens die Sandkörner zusammen. Da die Zwischenräume vollständig mit Wasser gefüllt sind und das Wasser bei der schnellen Bewegung nicht entweichen kann, steigt der Druck im Porenwasser stark an. Dadurch driften die Sandkörner auseinander und die Erde verliert ihre Stabilität. Dies führt dazu, dass Gebäude, Straßen und Rohrleitungen einsinken, sich neigen oder aufbrechen.</p> <p>Was am Strand vielleicht eine nette Spielerei ist, kann aber für Gebäude eine verheerende Konsequenz haben. Verflüssigte Sedimente können die Fundamente nicht mehr tragen, Gebäude kippen oder brechen schnell zusammen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/schweres-erdbeben-in-venezuela-vom-24-juni-2026/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Michail Bakunin (1814 – 1876) – Anarchismus und Antisemitismus https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/michail-bakunin-1814-1876-anarchismus-und-antisemitismus/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/michail-bakunin-1814-1876-anarchismus-und-antisemitismus/#comments Wed, 01 Jul 2026 22:13:49 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11377 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-768x363.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/michail-bakunin-1814-1876-anarchismus-und-antisemitismus/</link> </image> <description type="html"><h1>Michail Bakunin (1814 - 1876) - Anarchismus und Antisemitismus » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-02T00:13:49+02:00">02. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Auch während &amp; nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-im-elektroauto-dialog-ueber-parteipolitischen-dualismus-auf-dem-weg-nach-heilbronn/" rel="noopener" target="_blank">der Elektroauto-Fahrt mit Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong></a> habe ich oft Nachfragen &amp; Diskussionen zum linken Antisemitismus. Daher freute ich mich sehr über <a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/anarchismus-wo-michail-bakunins-ideen-lebendig-sind-100.html" rel="noopener" target="_blank">die </a><strong><a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/anarchismus-wo-michail-bakunins-ideen-lebendig-sind-100.html" rel="noopener" target="_blank">neue SWR-Sendung von Rolf Cantzen zum Anarchismus von Michail Bakunin</a>, </strong>die erfreulicherweise auch <strong>dessen Antisemitismus </strong>thematisierte.</p> <p data-wp-editing="1"><a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/anarchismus-wo-michail-bakunins-ideen-lebendig-sind-100.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="SWR-Seite zum &quot;Porträt zum 150. Todestag. Anarchismus - Wo Michail Bakunins Ideen lebendig sind&quot; von Rolf Cantzen, SWR" decoding="async" height="536" sizes="(max-width: 1134px) 100vw, 1134px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726.jpg 1134w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-300x142.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-1024x484.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-768x363.jpg 768w" width="1134"></img></a></p> <p data-wp-editing="1"><em>„Porträt zum 150. Todestag. Anarchismus – Wo Michail Bakunins Ideen lebendig sind“, Rolf Cantzen, SWR, 01.07.2026, Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Denn nach meiner Auffassung gibt es für den linken Antisemitismus vieler (nicht aller!) Sozialistinnen und Marxisten einen anderen, medienpsychologischen Grund als für jenen einiger (nicht aller!) Anarchisierenden.</p> <p>So haben wir im Marxismus und auch noch im sogenannten Gen-Z-Sozialismus, der gerade linkspopulistische Parteien mit auch jungen Menschen befüllt, stärker <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-42-den-israel-palaestina-konflikt-mit-dem-historizismus-entschluesseln/" rel="noopener" target="_blank">das Problem des <strong>Historizismus</strong></a>: Indem jüdische Menschen ihre Religion in verschiedener Weise leben und mit <strong>Israel </strong>auch noch einen Nationalstaat gegründet haben, widersprechen sie jenen vermeintlichen „Entwicklungsgesetzen“, die ein Verschwinden der Religionen – bei Marx auch schon konkret: des Judentums – und das Schwinden von Nationalstaaten prognostiziert haben. Deswegen arbeiten sich linke Parteitage an keinem anderen, vergleichbar kleinen Staat der Welt so obsessiv ab wie an <strong>Israel</strong>.<aside></aside></p> <p>Die bunte – wenn auch überwiegend männliche – Anhängerschaft des Anarchismus wirft dagegen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">dem Judentum schon die Begründung des patriarchalen Monotheismus und dessen Kinderreichtum</a> vor, oft nach dem Motto: <strong><em>„Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“</em></strong>. Manche gehen sogar so weit, sich unter diesem Motto widersinnig etwa mit der Hamas oder dem iranischen Regime zu solidarisieren – solange es eben gegen jüdische und besonders israelische Menschen geht. </p> <p>Hinzu kommt, dass viele Anarchisten Medien nicht verstehen: Wenn sie von „kollektiver Aktion“ mit Wirkung in „die ganze Gesellschaft“ träumen, wird selten reflektiert, dass jedes Kollektiv und erst Recht jede Gesellschaft erst durch Medien wie Körper, Sprachen, Schriften, Karten, Symbole usw. entsteht. Es gibt kein „Wir“ ohne Medien, dass dieses erst erfahrbar macht. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-2-warum-immer-die-juden-warum-immer-israel-antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Das Judentum war die erste Religion der Alphabet-Bildung</strong></a> und löst schon deswegen bei trüben Geistern <strong>Bildungsneid</strong> aus. und wer sich ohne Medienkenntnisse in eine vermeintliche Zukunft der Unmittelbarkeit (Ohne-Medien-Erleben) hineinträumt, knüpft dann auch leider oft zu <strong>antisemitschen Verschwörungsmythen</strong>.</p> <p>Noch einmal: Ich behaupte nicht, dass alle Linken antisemitisch wären – sondern erkläre lediglich, warum es unter Linken so oft Antisemitismus gibt. Auch äußere ich mich hier nicht zur innerlinken Debatte, ob der Anarchismus wirklich links oder nicht vielmehr bereits libertär wäre. </p> <p>Grundsätzlich habe ich es nicht so mit linksautoritären Mackern, die eisern ihre männlichen „Helden“ des 19. Jahrhunderts wie Marx oder Bakunin rühmen, sich aber nie ernsthaft mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/" rel="noopener" target="_blank">der ersten Wirtschaftsnobelpreisträgerin </a><strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/" rel="noopener" target="_blank">Elinor Ostrom (1933 – 2012)</a> </strong>befasst haben. </p> <p>Wo medienpsychologisch und geschichtlich Interessierte ihre antisemitische und sexistischen Ressentiments noch rechtzeitig aufarbeiten, schützen sie dagegen sich selbst und andere. Die Überwindung von Verschwörungsmythen wäre auch im Hinblick auf die vielen Handlungsfelder wie die Klimakrise, die fossilen Konzernmedien und die fossil finanzierten Diktaturen, Terrorgruppen und Kampagnen wirklich hilfreich.</p> <p>Eine dialogische Haltung führt in eine bessere Zukunft. Hier für Interessierte <a href="https://www.youtube.com/shorts/e1zkaMYrBks" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>„60 Sekunden über G’tt, Liebe, Zukunft“</strong></em></a> mit dem befreundeten Gemeinde- und Polizeirabbiner <strong>Shneur Trebnik</strong> (Ulm). </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/e1zkaMYrBks?feature=oembed&amp;rel=0" title="G´tt, Liebe, Zukunft: 60 Sekunden Wortassoziationen mit Rabbiner Trebnik und Dr. Blume" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Michail Bakunin (1814 - 1876) - Anarchismus und Antisemitismus » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-07-02T00:13:49+02:00">02. Juli 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 3 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Auch während &amp; nach <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-im-elektroauto-dialog-ueber-parteipolitischen-dualismus-auf-dem-weg-nach-heilbronn/" rel="noopener" target="_blank">der Elektroauto-Fahrt mit Prof. Dr. <strong>Inan Ince</strong></a> habe ich oft Nachfragen &amp; Diskussionen zum linken Antisemitismus. Daher freute ich mich sehr über <a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/anarchismus-wo-michail-bakunins-ideen-lebendig-sind-100.html" rel="noopener" target="_blank">die </a><strong><a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/anarchismus-wo-michail-bakunins-ideen-lebendig-sind-100.html" rel="noopener" target="_blank">neue SWR-Sendung von Rolf Cantzen zum Anarchismus von Michail Bakunin</a>, </strong>die erfreulicherweise auch <strong>dessen Antisemitismus </strong>thematisierte.</p> <p data-wp-editing="1"><a href="https://www.swr.de/swrkultur/wissen/anarchismus-wo-michail-bakunins-ideen-lebendig-sind-100.html" rel="noopener" target="_blank"><img alt="SWR-Seite zum &quot;Porträt zum 150. Todestag. Anarchismus - Wo Michail Bakunins Ideen lebendig sind&quot; von Rolf Cantzen, SWR" decoding="async" height="536" sizes="(max-width: 1134px) 100vw, 1134px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726.jpg 1134w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-300x142.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-1024x484.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SWRAnarchismusMichaelBakuninRolfCantzen010726-768x363.jpg 768w" width="1134"></img></a></p> <p data-wp-editing="1"><em>„Porträt zum 150. Todestag. Anarchismus – Wo Michail Bakunins Ideen lebendig sind“, Rolf Cantzen, SWR, 01.07.2026, Screenshot: Michael Blume</em></p> <p>Denn nach meiner Auffassung gibt es für den linken Antisemitismus vieler (nicht aller!) Sozialistinnen und Marxisten einen anderen, medienpsychologischen Grund als für jenen einiger (nicht aller!) Anarchisierenden.</p> <p>So haben wir im Marxismus und auch noch im sogenannten Gen-Z-Sozialismus, der gerade linkspopulistische Parteien mit auch jungen Menschen befüllt, stärker <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-42-den-israel-palaestina-konflikt-mit-dem-historizismus-entschluesseln/" rel="noopener" target="_blank">das Problem des <strong>Historizismus</strong></a>: Indem jüdische Menschen ihre Religion in verschiedener Weise leben und mit <strong>Israel </strong>auch noch einen Nationalstaat gegründet haben, widersprechen sie jenen vermeintlichen „Entwicklungsgesetzen“, die ein Verschwinden der Religionen – bei Marx auch schon konkret: des Judentums – und das Schwinden von Nationalstaaten prognostiziert haben. Deswegen arbeiten sich linke Parteitage an keinem anderen, vergleichbar kleinen Staat der Welt so obsessiv ab wie an <strong>Israel</strong>.<aside></aside></p> <p>Die bunte – wenn auch überwiegend männliche – Anhängerschaft des Anarchismus wirft dagegen <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/religionen-wirken-demografisch-geburtenraten-aus-den-usa-turkiye-israel-thailand/" rel="noopener" target="_blank">dem Judentum schon die Begründung des patriarchalen Monotheismus und dessen Kinderreichtum</a> vor, oft nach dem Motto: <strong><em>„Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“</em></strong>. Manche gehen sogar so weit, sich unter diesem Motto widersinnig etwa mit der Hamas oder dem iranischen Regime zu solidarisieren – solange es eben gegen jüdische und besonders israelische Menschen geht. </p> <p>Hinzu kommt, dass viele Anarchisten Medien nicht verstehen: Wenn sie von „kollektiver Aktion“ mit Wirkung in „die ganze Gesellschaft“ träumen, wird selten reflektiert, dass jedes Kollektiv und erst Recht jede Gesellschaft erst durch Medien wie Körper, Sprachen, Schriften, Karten, Symbole usw. entsteht. Es gibt kein „Wir“ ohne Medien, dass dieses erst erfahrbar macht. <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-2-warum-immer-die-juden-warum-immer-israel-antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Das Judentum war die erste Religion der Alphabet-Bildung</strong></a> und löst schon deswegen bei trüben Geistern <strong>Bildungsneid</strong> aus. und wer sich ohne Medienkenntnisse in eine vermeintliche Zukunft der Unmittelbarkeit (Ohne-Medien-Erleben) hineinträumt, knüpft dann auch leider oft zu <strong>antisemitschen Verschwörungsmythen</strong>.</p> <p>Noch einmal: Ich behaupte nicht, dass alle Linken antisemitisch wären – sondern erkläre lediglich, warum es unter Linken so oft Antisemitismus gibt. Auch äußere ich mich hier nicht zur innerlinken Debatte, ob der Anarchismus wirklich links oder nicht vielmehr bereits libertär wäre. </p> <p>Grundsätzlich habe ich es nicht so mit linksautoritären Mackern, die eisern ihre männlichen „Helden“ des 19. Jahrhunderts wie Marx oder Bakunin rühmen, sich aber nie ernsthaft mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/" rel="noopener" target="_blank">der ersten Wirtschaftsnobelpreisträgerin </a><strong><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/elinor-ostrom-und-diskussionen-mit-marxismus-glaeubigen/" rel="noopener" target="_blank">Elinor Ostrom (1933 – 2012)</a> </strong>befasst haben. </p> <p>Wo medienpsychologisch und geschichtlich Interessierte ihre antisemitische und sexistischen Ressentiments noch rechtzeitig aufarbeiten, schützen sie dagegen sich selbst und andere. Die Überwindung von Verschwörungsmythen wäre auch im Hinblick auf die vielen Handlungsfelder wie die Klimakrise, die fossilen Konzernmedien und die fossil finanzierten Diktaturen, Terrorgruppen und Kampagnen wirklich hilfreich.</p> <p>Eine dialogische Haltung führt in eine bessere Zukunft. Hier für Interessierte <a href="https://www.youtube.com/shorts/e1zkaMYrBks" rel="noopener" target="_blank"><em><strong>„60 Sekunden über G’tt, Liebe, Zukunft“</strong></em></a> mit dem befreundeten Gemeinde- und Polizeirabbiner <strong>Shneur Trebnik</strong> (Ulm). </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/e1zkaMYrBks?feature=oembed&amp;rel=0" title="G´tt, Liebe, Zukunft: 60 Sekunden Wortassoziationen mit Rabbiner Trebnik und Dr. Blume" width="562"></iframe> </p></figure> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/michail-bakunin-1814-1876-anarchismus-und-antisemitismus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>45</slash:comments> </item> <item> <title>(Dunkel)Wolken-Sternbilder https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dunkelwolken-sternbilder/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dunkelwolken-sternbilder/#comments Wed, 01 Jul 2026 18:55:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12997 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Yaqana_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_s-768x767.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dunkelwolken-sternbilder/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Yaqana_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_s.jpg" /><h1>(Dunkel)Wolken-Sternbilder » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Unser deutsches Wort „Sternbild“ suggeriert bereits den Gegenstand (Sterne), aus dem wir uns Bilder denken. Das englische Worte „Constellation“ (<em>nicht</em> gleichbedeutend mit deutsch „Konstellation“!) beinhaltet nicht unbedingt „Stern“e, sondern lässt andere Objekte zu. Sternbilder sind für uns Muster oder Figuren, die man sich mit hellen Pünktchen auf dunklem Grund vorstellt. Das ist aber in vielen indigenen Kulturen anders: wenn man unter einem dunklen, natürlichen Himmel steht und nach oben schaut, sieht man keineswegs nur die Lichtpünktchen (Sternle), sondern auch eine Vielzahl von „nebligen Flecken“. Das können Nachbargalaxien sein, offene Sternhaufen, Kugelsternhaufen, interstellare Gaswolken in unserer Milchstraße … oder so genannte „Milchstraßenwolken“.</p> <p>Das sind Filamente der Milchstraße, die dadurch entstehen, dass in der Richtung des Alls, in die wir dort schauen, sehr viele Sterne sind (hintereinander). Es ist wie bei einem Bildschirm, wo jedes einzelne Pixel leuchtet und daher der Eindruck eines Flächenleuchtens entsteht.</p> <p>Es gibt helle und dunkle Milchstraßenwolken: die hellen lösen sich in zahllose Sterne auf, die dunklen sind interstellare Gas- oder Staubwolken, die die dahinterliegenden Sterne verdecken und sich neben benachbarten Sternfeldern(„Sternwolken“) abzeichnen. </p> <h3>Kulturastronomie in Aktion</h3> <p>Am Montag war ich auf der Kuffner-Sternwarte in Wien, um einen Vortrag über Kulturastronomie zu halten. Es ging mir darum, dass man mit Sternbildern und Sternnamen einen siderischen Kalender hat, mit dem sich Jahreszeiten und ihre Wetter“singularitäten“ vorhersagen lassen. </p> <p>Wir kennen dabei z.B. von den Inka in Amerika eine Prozession von Tieren am Himmel – allerdings nicht mit hellen Punkten (Sternen) auf dunklem Grund, sondern mit dunklen Milchstraßenwolken in hellen. <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst.jpg"><img alt="" decoding="async" height="630" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst-300x189.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst-768x483.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Gerade am Sonntag/ Montag hatte die IAU den neuen Sternnamen „Yaqana“ auf ihren Social Media Kanälen gepostet: Der Name wurde an den Stern Epsilon Normae vergeben, der am Rand der Dunkelwolke liegt, die das Sternbild der Llama-Mutter bildet: der Rand des Mutterllamas ist auch der Rand ihres Baby-Llamas, das sie säugt. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news.png"><img alt="" decoding="async" height="264" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1010px) 100vw, 1010px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news.png 1010w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news-300x78.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news-768x201.png 768w" width="1010"></img></a></figure> <h3>Das Wiener Sternbild – Sternbild für Wien</h3> <p>Die meisten Astronomen werden jetzt sagen: „schön, aber was geht uns das an – in Europa gibt’s keine Dunkelwolkensternbilder“. Das ist eine typische Fehleinschätzung. Es gibt mindestens ein antikes Sternbild, bei dem die Dunkelwolken in der Milchstraße eine Rolle spielen – und zwar genau jene Dunkelwolken, die für die Inkas Teile ihres Llamas bilden: Das Sternbild Ara, Rauchaltar. Es ist aus den alten Texten (z.B. Arat) klar, dass der Rauch des Rauchaltars in den dunklen Milchstraßenwolken zu sehen ist. </p> <p>Zwar steht es schon über 2000 Jahren geschrieben, aber ich habe es auch in einer Fachpublikation erwähnt, die zwar schon 2022/3 geschrieben wurde, aber erst dieses Jahr öffentlich gestellt wurde: </p> <p>Hoffmann, S.M. (2022-2025). “The Rhetoric on Clouds in the Ancient Star Catalogue”. Rhetoric &amp; Science Vol. II, Centre for the Study of the Ancient World (CSAW), Ionian University, p. 78-98</p> <p>Vor der Kulisse der Wiener Sternwarte – oder besser gesagt: vom Catwalk der Kuppel der Kuffner-Sternwarte mit Sicht auf die Universitätssternwarte in der Innenstadt – kommt einem aber noch ein weiteres Sternbild in den Sinn, das die Europäer erst im 17. Jh. ersonnen haben: Das Sternbild <strong>Scutum, der Schild</strong>. Die polnischen Astronomen Elisabeta und Jan Hevelius haben es in ihrem Atlas (mit Sternkatalog) zu Ehren ihres Königs erfunden und die persönliche Widmung lässt man heute weg, denn gewidmet haben sie es ihm aber nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aus militärischen. </p> <p>Der Schild, Scutum, steht für den Sieg der katholischen Liga über das osmanische Heer in <strong>Wien 1683</strong> und ist damit ganz unmittelbar mit der Stadt verknüpft (siehe<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_am_Kahlenberg" rel="noopener"> Schlacht vom Kahlenberg in der Wikipedia</a>). </p> <p>Die Schild-Wolke, also der Milchstraßenabschnitt im Sternbild Scutum, ist aber besonders eindrucksvoll silbrig: ein recht heller Abschnitt. Der flächige Silberschein erinnert wohl auch an etwas Metallisches – so wie das Schwertgehänge des Orion oder der Säbel des Perseus durch silbrige Milchstraßenwolken visuell modelliert werden. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium.jpg 750w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium-300x230.jpg 300w" width="750"></img></a><figcaption>die helle Schild-Wolke ist namensgebend für Scutum.</figcaption></figure> <div> <div> <p>Wer mehr über die Sternbilder wissen möchte, kann dies und mehr sicher in meinem Buch nachlesen. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel.jpg 751w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel-225x300.jpg 225w" width="751"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Grundlagen der Astrologie?</h2> <p>Es gibt immer wieder Leute, die der Meinung sind, dass Sternbilder „nur“ Astrologie seien oder reine Fantasie. Diese Leute haben einige wichtige Fundamente nicht verstanden – z.B. insbes. die Prozession mit Yaqana, die oben erwähnt ist. Wie Sie wissen, betrachte ich Astrologie als Religion (Glaubenssystem) – als eine von vielen. Religionen bestehen aus zwei Ebenen: einerseits der Ebene des Wissens, konkret meist phänomenologische Naturkunde. Andererseits der Ebene des sich daraus ableitenden Verhaltenskodex. So wird in manchen Religionen den Menschen geraten sich zu verschleiern, wenn sie in trockenen &amp; heißen Gegenden leben (was sinnvoll ist, damit man die Atemwege schützt), oder Herren geraten, stets eine Kopfbedeckung zu tragen (weil es bei Herren häufiger als bei Damen vorkommt, dass die natürliche Kopfbedeckung=Haar fehlt). Es gibt aber auch Regeln, die mit dem Zählen von Tagen zusammenhängen: die Tage von einem Jahreshauptpunkt zum nächsten, was zu Kalendern führt, mit regelmäßigen Feiertagen (alle 40 Tage oder so) und anderen Ritualen. </p> <p>Wahr ist, dass die Wissenschaft (das, was Wissen schafft) in früheren Jahrtausenden zunächst rein phänomenologisch ablief. Es ist bis heute so, dass man zuerst eine solide Datensammlung macht und dann versucht, Zusammenhänge herauszufinden. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, sieht man aber, dass die Forschenden früher nun einmal nicht die Ursachen verstanden: die frühesten Kalender waren rein phänomenologisch, d.h. rein beobachtungsbasiert. Die Frage nach Ursache und Wirkung wurde teilweise gar nicht erst gestellt. </p> <p>Fehlt aber das Kausalprinzip, d.h. versteht man nicht, was die Ursachen für eine Koinzidenz von Ereignissen „am Himmel und auf der Erde“ ist, dann kann man sich auch vorstellen, dass ein aufgehender Stern die Flut bringt, obwohl nur beides gleichzeitig auftritt, weil es am Sonnenstand über der Erde hängt, also mit der Bahn der Erde um die Sonne und ihrer dabei stabilen Achsrichtung. Selbstredend ist dies die Wurzel von beidem, religiösen (inkl. astrologischen) Vorstellungen und auch naturwissenschaftlichen Betrachtungen. </p> <p>Man kann die Sachen also durch göttliche Mächte erklären, aber auch realistisch, mit dem Verstand der modernen Naturwissenschaft betrachten. Die Naturwissenschaft kennt viele der Ursache-Wirkung-Paare und kann inzwischen vieles von dem erklären, was im Altertum nur staunend als stets gleichzeitig auftretend beobachtet wurde. Bei manchem kennen wir Ursachen vllt. „noch“ nicht, ist der Zusammenhang nichtlinear und mithin schwer berechenbar (Wettervorhersage!) oder ist unser Datensatz immer noch unvollständig… aber manchem wissen wir auch inzwischen sicher, dass keinen Zusammenhang gibt (Astrologie). </p> <p>Wenn wir die Grundlagen der Astronomie untersuchen, kommen wir unweigerlich zu sehr alten Datensätzen, mit denen das Kausalitätsverständnis, das wir heute haben, erst entwickelt wurde. Diese Datensätze waren natürlich auch dieselben, die die Grundlage für Religion (Regelwerk) und Esoterik (Deutungen ohne Kausalzusammenhang) bilden. </p> <p>So wie ich aber als Wissenschaftlerin auch nicht dafür verantwortlich bin, was andere aus meinen Publikationen zitieren, sind auch die Schreiber der babylonischen astronomischen Tagebücher nicht dafür verantwortlich, was andere Leute in ihre Datensätze hineininterpretieren. Sie waren Wissenschaftler, genauso wie heutige Historiker und die dürfen sich auf die Spuren des Entstehens unserer Kenntnisse begeben. (Damit sind sie übrigens nicht weit von der Fachdidaktik entfernt, d.h. Wissenschaft, deren Ziel es ist das Entstehen von Kenntnis nicht nur zu verstehen, sondern gezielt zu entwickeln und zu beschleunigen.) </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Yaqana_stickfigure_SadeghFaghanpour-IAU-WGSN_s.jpg" /><h1>(Dunkel)Wolken-Sternbilder » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Unser deutsches Wort „Sternbild“ suggeriert bereits den Gegenstand (Sterne), aus dem wir uns Bilder denken. Das englische Worte „Constellation“ (<em>nicht</em> gleichbedeutend mit deutsch „Konstellation“!) beinhaltet nicht unbedingt „Stern“e, sondern lässt andere Objekte zu. Sternbilder sind für uns Muster oder Figuren, die man sich mit hellen Pünktchen auf dunklem Grund vorstellt. Das ist aber in vielen indigenen Kulturen anders: wenn man unter einem dunklen, natürlichen Himmel steht und nach oben schaut, sieht man keineswegs nur die Lichtpünktchen (Sternle), sondern auch eine Vielzahl von „nebligen Flecken“. Das können Nachbargalaxien sein, offene Sternhaufen, Kugelsternhaufen, interstellare Gaswolken in unserer Milchstraße … oder so genannte „Milchstraßenwolken“.</p> <p>Das sind Filamente der Milchstraße, die dadurch entstehen, dass in der Richtung des Alls, in die wir dort schauen, sehr viele Sterne sind (hintereinander). Es ist wie bei einem Bildschirm, wo jedes einzelne Pixel leuchtet und daher der Eindruck eines Flächenleuchtens entsteht.</p> <p>Es gibt helle und dunkle Milchstraßenwolken: die hellen lösen sich in zahllose Sterne auf, die dunklen sind interstellare Gas- oder Staubwolken, die die dahinterliegenden Sterne verdecken und sich neben benachbarten Sternfeldern(„Sternwolken“) abzeichnen. </p> <h3>Kulturastronomie in Aktion</h3> <p>Am Montag war ich auf der Kuffner-Sternwarte in Wien, um einen Vortrag über Kulturastronomie zu halten. Es ging mir darum, dass man mit Sternbildern und Sternnamen einen siderischen Kalender hat, mit dem sich Jahreszeiten und ihre Wetter“singularitäten“ vorhersagen lassen. </p> <p>Wir kennen dabei z.B. von den Inka in Amerika eine Prozession von Tieren am Himmel – allerdings nicht mit hellen Punkten (Sternen) auf dunklem Grund, sondern mit dunklen Milchstraßenwolken in hellen. <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst.jpg"><img alt="" decoding="async" height="630" sizes="(max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst-300x189.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/inka-darkConst-768x483.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Gerade am Sonntag/ Montag hatte die IAU den neuen Sternnamen „Yaqana“ auf ihren Social Media Kanälen gepostet: Der Name wurde an den Stern Epsilon Normae vergeben, der am Rand der Dunkelwolke liegt, die das Sternbild der Llama-Mutter bildet: der Rand des Mutterllamas ist auch der Rand ihres Baby-Llamas, das sie säugt. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news.png"><img alt="" decoding="async" height="264" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1010px) 100vw, 1010px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news.png 1010w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news-300x78.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/wgsn_news-768x201.png 768w" width="1010"></img></a></figure> <h3>Das Wiener Sternbild – Sternbild für Wien</h3> <p>Die meisten Astronomen werden jetzt sagen: „schön, aber was geht uns das an – in Europa gibt’s keine Dunkelwolkensternbilder“. Das ist eine typische Fehleinschätzung. Es gibt mindestens ein antikes Sternbild, bei dem die Dunkelwolken in der Milchstraße eine Rolle spielen – und zwar genau jene Dunkelwolken, die für die Inkas Teile ihres Llamas bilden: Das Sternbild Ara, Rauchaltar. Es ist aus den alten Texten (z.B. Arat) klar, dass der Rauch des Rauchaltars in den dunklen Milchstraßenwolken zu sehen ist. </p> <p>Zwar steht es schon über 2000 Jahren geschrieben, aber ich habe es auch in einer Fachpublikation erwähnt, die zwar schon 2022/3 geschrieben wurde, aber erst dieses Jahr öffentlich gestellt wurde: </p> <p>Hoffmann, S.M. (2022-2025). “The Rhetoric on Clouds in the Ancient Star Catalogue”. Rhetoric &amp; Science Vol. II, Centre for the Study of the Ancient World (CSAW), Ionian University, p. 78-98</p> <p>Vor der Kulisse der Wiener Sternwarte – oder besser gesagt: vom Catwalk der Kuppel der Kuffner-Sternwarte mit Sicht auf die Universitätssternwarte in der Innenstadt – kommt einem aber noch ein weiteres Sternbild in den Sinn, das die Europäer erst im 17. Jh. ersonnen haben: Das Sternbild <strong>Scutum, der Schild</strong>. Die polnischen Astronomen Elisabeta und Jan Hevelius haben es in ihrem Atlas (mit Sternkatalog) zu Ehren ihres Königs erfunden und die persönliche Widmung lässt man heute weg, denn gewidmet haben sie es ihm aber nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aus militärischen. </p> <p>Der Schild, Scutum, steht für den Sieg der katholischen Liga über das osmanische Heer in <strong>Wien 1683</strong> und ist damit ganz unmittelbar mit der Stadt verknüpft (siehe<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_am_Kahlenberg" rel="noopener"> Schlacht vom Kahlenberg in der Wikipedia</a>). </p> <p>Die Schild-Wolke, also der Milchstraßenabschnitt im Sternbild Scutum, ist aber besonders eindrucksvoll silbrig: ein recht heller Abschnitt. Der flächige Silberschein erinnert wohl auch an etwas Metallisches – so wie das Schwertgehänge des Orion oder der Säbel des Perseus durch silbrige Milchstraßenwolken visuell modelliert werden. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium.jpg 750w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Sct_stellarium-300x230.jpg 300w" width="750"></img></a><figcaption>die helle Schild-Wolke ist namensgebend für Scutum.</figcaption></figure> <div> <div> <p>Wer mehr über die Sternbilder wissen möchte, kann dies und mehr sicher in meinem Buch nachlesen. </p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel.jpg 751w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/loewe_am_himmel-225x300.jpg 225w" width="751"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Grundlagen der Astrologie?</h2> <p>Es gibt immer wieder Leute, die der Meinung sind, dass Sternbilder „nur“ Astrologie seien oder reine Fantasie. Diese Leute haben einige wichtige Fundamente nicht verstanden – z.B. insbes. die Prozession mit Yaqana, die oben erwähnt ist. Wie Sie wissen, betrachte ich Astrologie als Religion (Glaubenssystem) – als eine von vielen. Religionen bestehen aus zwei Ebenen: einerseits der Ebene des Wissens, konkret meist phänomenologische Naturkunde. Andererseits der Ebene des sich daraus ableitenden Verhaltenskodex. So wird in manchen Religionen den Menschen geraten sich zu verschleiern, wenn sie in trockenen &amp; heißen Gegenden leben (was sinnvoll ist, damit man die Atemwege schützt), oder Herren geraten, stets eine Kopfbedeckung zu tragen (weil es bei Herren häufiger als bei Damen vorkommt, dass die natürliche Kopfbedeckung=Haar fehlt). Es gibt aber auch Regeln, die mit dem Zählen von Tagen zusammenhängen: die Tage von einem Jahreshauptpunkt zum nächsten, was zu Kalendern führt, mit regelmäßigen Feiertagen (alle 40 Tage oder so) und anderen Ritualen. </p> <p>Wahr ist, dass die Wissenschaft (das, was Wissen schafft) in früheren Jahrtausenden zunächst rein phänomenologisch ablief. Es ist bis heute so, dass man zuerst eine solide Datensammlung macht und dann versucht, Zusammenhänge herauszufinden. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, sieht man aber, dass die Forschenden früher nun einmal nicht die Ursachen verstanden: die frühesten Kalender waren rein phänomenologisch, d.h. rein beobachtungsbasiert. Die Frage nach Ursache und Wirkung wurde teilweise gar nicht erst gestellt. </p> <p>Fehlt aber das Kausalprinzip, d.h. versteht man nicht, was die Ursachen für eine Koinzidenz von Ereignissen „am Himmel und auf der Erde“ ist, dann kann man sich auch vorstellen, dass ein aufgehender Stern die Flut bringt, obwohl nur beides gleichzeitig auftritt, weil es am Sonnenstand über der Erde hängt, also mit der Bahn der Erde um die Sonne und ihrer dabei stabilen Achsrichtung. Selbstredend ist dies die Wurzel von beidem, religiösen (inkl. astrologischen) Vorstellungen und auch naturwissenschaftlichen Betrachtungen. </p> <p>Man kann die Sachen also durch göttliche Mächte erklären, aber auch realistisch, mit dem Verstand der modernen Naturwissenschaft betrachten. Die Naturwissenschaft kennt viele der Ursache-Wirkung-Paare und kann inzwischen vieles von dem erklären, was im Altertum nur staunend als stets gleichzeitig auftretend beobachtet wurde. Bei manchem kennen wir Ursachen vllt. „noch“ nicht, ist der Zusammenhang nichtlinear und mithin schwer berechenbar (Wettervorhersage!) oder ist unser Datensatz immer noch unvollständig… aber manchem wissen wir auch inzwischen sicher, dass keinen Zusammenhang gibt (Astrologie). </p> <p>Wenn wir die Grundlagen der Astronomie untersuchen, kommen wir unweigerlich zu sehr alten Datensätzen, mit denen das Kausalitätsverständnis, das wir heute haben, erst entwickelt wurde. Diese Datensätze waren natürlich auch dieselben, die die Grundlage für Religion (Regelwerk) und Esoterik (Deutungen ohne Kausalzusammenhang) bilden. </p> <p>So wie ich aber als Wissenschaftlerin auch nicht dafür verantwortlich bin, was andere aus meinen Publikationen zitieren, sind auch die Schreiber der babylonischen astronomischen Tagebücher nicht dafür verantwortlich, was andere Leute in ihre Datensätze hineininterpretieren. Sie waren Wissenschaftler, genauso wie heutige Historiker und die dürfen sich auf die Spuren des Entstehens unserer Kenntnisse begeben. (Damit sind sie übrigens nicht weit von der Fachdidaktik entfernt, d.h. Wissenschaft, deren Ziel es ist das Entstehen von Kenntnis nicht nur zu verstehen, sondern gezielt zu entwickeln und zu beschleunigen.) </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dunkelwolken-sternbilder/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Erdbeermond https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/erdbeermond/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/erdbeermond/#respond Tue, 30 Jun 2026 19:41:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12999 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000180739-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/erdbeermond/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000180739.jpg" /><h1>Erdbeermond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-30T21:41:00+02:00">30. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Der Juni-Vollmond wird auch Erdbeermond genannt. Das liegt nicht an dem stark geröteten Eindruck, den er am Horizont macht (das kommt durch die Erdatmosphäre und geht der Sonne u.a. auch so!). Vielmehr kommt die Bezeichnung von dem Ereignis in der Natur, dass im Juni die Erdbeeren reif werden. Es geschehen auch andere Dinge im Juni (z.B. endet die Spargelsaison, beginnen die Rosen zu blühen, werden die Schafe geschoren u.a.)… man kann also diesem Vollmond auch zahlreiche andere Namen geben. </p> <p>Aufgang des Erdbeermonds am 29.06.2026 </p> <p>In unserem (römischen) Kalender fallen diese Naturphänomene stets in den gleichen Monat. Man kann also statt Erdbeermond auch einfach Juni-Vollmond sagen. 😉 Da dieser bei uns auch jedes Jahr eine sehr flache Bahn zieht (weil die Ekliptik in jedem Juni nachts sehr niedrig verläuft), ist er auch jedes Jahr sehr lange bei Auf- und Untergang rötlich. Die rote Farbe hat allerdings vermutlich mit dem Erdbeer- oder Rosenmond zu tun. Sollte es in einem Juni einmal zwei Vollmonde geben (rein rechnerisch möglich: am 1. und am 30., aber selten) dann würde der zweite Vollmond jedenfalls – wie immer „Blue Moon“, also „blauer Mond“ genannt werden. Das ist eine recht neue Terminologie, die tatsächlich erst in den 1930er Jahren in den USA – und vermutlich durch ein Missverständnis – entstanden ist, aber auch immer wieder gern thematisiert. Die Farbadjektive im  Namen haben also nicht zwingend eine wichtige Bedeutung. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000180739.jpg" /><h1>Erdbeermond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-30T21:41:00+02:00">30. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Der Juni-Vollmond wird auch Erdbeermond genannt. Das liegt nicht an dem stark geröteten Eindruck, den er am Horizont macht (das kommt durch die Erdatmosphäre und geht der Sonne u.a. auch so!). Vielmehr kommt die Bezeichnung von dem Ereignis in der Natur, dass im Juni die Erdbeeren reif werden. Es geschehen auch andere Dinge im Juni (z.B. endet die Spargelsaison, beginnen die Rosen zu blühen, werden die Schafe geschoren u.a.)… man kann also diesem Vollmond auch zahlreiche andere Namen geben. </p> <p>Aufgang des Erdbeermonds am 29.06.2026 </p> <p>In unserem (römischen) Kalender fallen diese Naturphänomene stets in den gleichen Monat. Man kann also statt Erdbeermond auch einfach Juni-Vollmond sagen. 😉 Da dieser bei uns auch jedes Jahr eine sehr flache Bahn zieht (weil die Ekliptik in jedem Juni nachts sehr niedrig verläuft), ist er auch jedes Jahr sehr lange bei Auf- und Untergang rötlich. Die rote Farbe hat allerdings vermutlich mit dem Erdbeer- oder Rosenmond zu tun. Sollte es in einem Juni einmal zwei Vollmonde geben (rein rechnerisch möglich: am 1. und am 30., aber selten) dann würde der zweite Vollmond jedenfalls – wie immer „Blue Moon“, also „blauer Mond“ genannt werden. Das ist eine recht neue Terminologie, die tatsächlich erst in den 1930er Jahren in den USA – und vermutlich durch ein Missverständnis – entstanden ist, aber auch immer wieder gern thematisiert. Die Farbadjektive im  Namen haben also nicht zwingend eine wichtige Bedeutung. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/erdbeermond/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Gesundheitsrat: Alkohol soll schwerer zugänglich gemacht werden https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsrat-alkohol-soll-schwerer-zugaenglich-gemacht-werden/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsrat-alkohol-soll-schwerer-zugaenglich-gemacht-werden/#comments Mon, 29 Jun 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3636 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Gezondheidsraad-2026-DE-3-2-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsrat-alkohol-soll-schwerer-zugaenglich-gemacht-werden/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Gezondheidsraad-2026-DE-3-2.jpg" /><h1>Gesundheitsrat: Alkohol soll schwerer zugänglich gemacht werden » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Basiert die neue Empfehlung zur Volksdroge Nummer 1 auf guter Wissenschaft oder irreführender Statistik?</strong></p> <span id="more-3636"></span> <p>2023 verschärfte die Weltgesundheitsorganisation ihre Empfehlung zum Umgang mit Alkohol. „<a href="https://www.who.int/europe/news/item/04-01-2023-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">No level of alcohol consumption is safe for our health</a>“ hieß es knackig und mediengerecht: Es gebe keine sichere Untergrenze für den Alkoholkonsum. Soll man darum auch auf reife Bananen und andere Früchte verzichten, die von Natur aus Alkohol enthalten? Und wie ist das mit alkoholhaltigen Medikamenten?</p> <p>Das Thema ist sehr komplex. In der Pressemitteilung aus dem Jahr 2023 wurde schon erwähnt, dass Alkohol für ärmere Menschen schädlicher zu sein scheint als für wohlhabendere. Liegen die kolportierten Gesundheitsrisiken nicht nur in der Substanz, sondern auch an Faktoren des Lebensstils und der Gesundheitsversorgung? Solche Nuancen gehen in Medienberichten schnell verloren.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Neue Empfehlung</h2> <p>Am 25. Juni veröffentlichte der niederländische Gesundheitsrat eine <a href="https://www.gezondheidsraad.nl/adviesonderwerpen/gezondheidgerelateerd-gedrag/alcohol-en-gezondheid-in-brede-zin" rel="noopener">neue Empfehlung</a> für das Gesundheitsministerium. Demnach soll Alkohol schwerer zugänglich gemacht werden. Wie schon bei Zigaretten, wurden hierfür Preiserhöhungen, neutrale Verpackungen und die Verbannung in Spezialgeschäfte vorgeschlagen. Das soll auch für Bier und Wein gelten. Außerdem soll Werbung weiter eingeschränkt werden.<aside></aside></p> <p>Kurz gesagt, das Ministerium soll Alkohol „entnormalisieren“ und in der Bevölkerung seinen Konsum entmutigen. Da der neue Bericht internationale Studien zusammenfasst, ist er auch für andere Länder interessant – und für uns eine willkommene Gelegenheit, der sogenannten öffentlichen Gesundheitsforschung (engl. Public Health) einmal auf den Zahn zu fühlen.</p> <p>Auch in Deutschland mehren sich die Zeichen für eine Verschärfung. So äußerte sich der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck wiederholt kritisch über das Jugendschutzgesetz: Dessen § 9 Absatz 2 erlaubt 14-Jährigen das Trinken von Bier und Wein in der Öffentlichkeit in Begleitung einer erziehungsberechtigten Person.</p> <p>Jetzt heißt es, das vertrage sich nicht mit neuen Studien zur Hirnentwicklung. Dass man sich heute in politischen Debatten so selbstverständlich wie willkürlich auf das Gehirnwachstum beruft, habe ich in meinem <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">neuen Buch</a> herausgearbeitet.</p> <h2>Verbote im Nachbarland</h2> <p>Angesichts dieser Bestrebungen in Deutschland ist ein Blick auf die Niederlande interessant. Hier wurde erst 2013 die Altersgrenze für den Kauf und Konsum alkoholischer Getränke von 16 auf 18 angehoben. 2021 wurden zuletzt die Regeln für Werbung verschärft, insbesondere bei Rabattaktionen.</p> <p>Zwar gibt es in vielen Ländern den allgemeinen Trend zum abnehmenden Alkoholkonsum. Doch die genannten Verbote zum Trotz hatten 2023 rund 40 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen in den Niederlanden Alkohol ausprobiert. Nicht selten bekommen sie den „Stoff“ übrigens – von den Eltern. Der Nationale Drogenmonitor fasst es so <a href="https://www.nationaledrugmonitor.nl/alcohol-gebruik-jongeren-en-jongvolwassenen/" rel="noopener">zusammen</a>: „Schulkinder sind im Schnitt 12,9 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal trinken, und durchschnittlich 13,8 Jahre alt, wenn sie mit dem <em>wöchentlichen</em> Trinken anfangen.“ Wieder eine hervorragende Bilanz für ein Drogenverbot!</p> <p>Demgegenüber stehen die Einschränkungen, dass zum Beispiel Eltern beim Einkauf für das Abendessen im Supermarkt keinen passenden Wein kaufen können, wenn sie ein minderjähriges Kind dabei haben. Denn beim Abrechnen an der Kasse müssen <em>alle</em> in der Gruppe volljährig sein und das unter 25 auch per Ausweis nachweisen. Natürlich kommen Jugendliche nie auf den Gedanken, minderjährige Freunde darum draußen warten zu lassen.</p> <p>Und zum Beispiel in Sportvereinen muss stärker aufgepasst werden, dass neben den 18-Jährigen nicht zufällig die 16- oder 17-jährigen Freundinnen und Freunde einen Schluck abbekommen. Anders ist das eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, für die der Verein öffentlich angeprangert werden kann. Auch in ländlichen Regionen werden Bürgermeister unter Druck gesetzt, die Regeln streng durchzusetzen. Doch sie wissen, dass Jugendliche dann stärker in die Städte ausweichen, wenn man ihre Möglichkeiten zum Feiern einschränkt. Vielleicht ziehen sie dann ganz weg.</p> <p>Mit Blick auf diese ganzen Mühen ist doch hoffentlich die Wissenschaft zur (angeblichen) Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch Alkohol gesichert. Oder etwa nicht? Schauen wir dafür jetzt genauer in den neuen Bericht des niederländischen Gesundheitsrats.</p> <h2>Wissenschaft auf dem Prüfstand</h2> <p>Auch hier wird das seit 2023 geltende Mantra der Weltgesundheitsorganisation wiederholt: „Es gibt für Alkoholkonsum keine sichere Untergrenze“ (S. 3). Und weiter: „Das bedeutet, dass das Trinken von jedem Glas Alkohol mit Gesundheitsrisiken einhergeht.“</p> <p>Auf der selben Seite steht aber auch die relativierende Aussage: „Alkoholkonsum <em>kann</em> [meine Hervorhebung] ungünstige Folgen für die Gesundheit und die Gesellschaft haben.“ Und auf der nächsten Seite findet sich dann: „Auf dem individuellen Niveau sind diese Risiken relativ klein.“ Aha! Aus diesen relativ kleinen Risiken wird von der Kommission aber ein großes Problem gemacht, weil ja so viele Menschen Alkohol konsumieren.</p> <p>Hierin äußert sich die erste Bruchstelle des Berichts: Die Fachleute tun nämlich so, als könnte man einen isolierten Risikofaktor – hier: Alkoholkonsum – unabhängig beeinflussen. Man muss sich aber fragen, was die Menschen <em>stattdessen</em> machen, wenn sie weniger Alkohol trinken. Und ob das in der Summe gesünder ist.</p> <p>Dabei sehen wir allgemein, dass die <em>stetige Abnahme</em> des Alkoholkonsums mit einer <em>starken Zunahme</em> des Konsums von Psychopharmaka und harten Drogen einhergeht. So hat sich die Verschreibung sogenannter Antidepressiva in Deutschland seit den 1980ern auf <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/" rel="noopener">1,8 Milliarden Tagesdosen</a> verelffacht. Das ist genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen. Die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung ADHS steigt seit den 1990ern rasant und hat sich insbesondere seit der COVID-Pandemie <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/" rel="noopener">bei den Erwachsenen vervielfacht</a>. Damit einher geht oft eine Verschreibung von Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. im Ritalin) oder Amphetamin (auch bekannt als die Straßendroge „Speed“).</p> <h2>Alkoholersatz</h2> <p>Solche Trends beweisen für sich noch keinen Kausalzusammenhang nach dem Motto: <em>Weil</em> die Menschen weniger trinken, nehmen sie jetzt mehr Psychopharmaka und Drogen. Doch ganz unplausibel ist der Zusammenhang nicht. So gilt schon ein normales Bier heute in manchen Kreisen als „giftig“. Das ist relativ direkt auch die Aussage der oben zitierten hochoffiziellen Empfehlungen.</p> <p>Auf Festivals greift dann mancher lieber zu einer Ecstasypille pro Tag. Das ist aufgrund der gestiegenen Kosten alkoholischer Getränke oft sogar günstiger. Und vor allem unter Jugendlichen und jüngeren Erwachsen werden andere Designerdrogen und Kokain immer beliebter.</p> <p>Alkohol war über Jahrtausende ein klassisches Mittel gegen Zustände leichter Depressivität, Ängstlichkeit und Schüchternheit. Wenn nötig, trank man sich Mut an. Alkohol (Ethanol) wirkt wie die genannten Stimulanzien auch aufs Belohnungssystem, weswegen man sich durch den Konsum oft besser fühlt. Ecstasy erzeugt bei vielen insbesondere ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit, wie man es auch von Volksfesten mit Alkohol kennt.</p> <p>Im Gehirn überlappen sich viele dieser Botenstoffsysteme. Deshalb kann man zum Beispiel beim schweren Alkoholentzug auch die schlaffördernden und angstlösenden Benzodiazepine verwenden. Sie wirken, ebenso wie Alkohol, auf die sogenannten GABA-Rezeptoren, die das Nervensystem dämpfen.</p> <p>Es ist also ziemlich kurzsichtig, sich <em>nur</em> den Alkoholkonsum anzuschauen, wie es der Gesundheitsrat macht. Man muss schon auch die weiteren Folgen der Maßnahmen mitbedenken. Das gilt insbesondere dann, wenn man für sich beansprucht, im Interesse der öffentlichen Gesundheit zu handeln.</p> <h2>Krankheitslast</h2> <p>Weiter oben bemerkten wir schon eine innere Widersprüchlichkeit zwischen einerseits der Warnung vor <em>jedem</em> Glas Alkohol und andererseits den relativ geringen Gesundheitsrisiken – jedenfalls bei moderatem Konsum. Wenn das Mantra, es gebe keine sichere Untergrenze, so im Zentrum steht, dann ist hoffentlich wenigstens das felsenfest untermauert!</p> <p>Hier zitiert der Bericht des Gesundheitsrats zahlreiche Studien zu erhöhten Krankheitsrisiken für sieben Krebsarten und einige andere Erkrankungen. Doch unterm Strich – man höre und staune – ergeben die ganzen Studien für moderaten bis mittleren Alkoholkonsum <em>gar keinen</em> Unterschied in der Sterblichkeit. Das steht ausdrücklich auf Seite 22 des Berichts:</p> <blockquote> <p>„Bei Frauen wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 25 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität im Vergleich zu lebenslangen Abstinenzlern festgestellt. Bei einem Konsum von mehr als 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko. Bei Männern wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 45 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität festgestellt. Ab 45 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko.“ (Niederländischer Gesundheitsrat, Juni 2026)</p> </blockquote> <p>Das muss man sich vor Augen führen: Vor der neuen Initiative der Weltgesundheitsorganisation von 2023 galten durchschnittlich 10 Gramm Alkohol pro Tag für die Frauen und 20 Gramm für die Männer als „risikoarmer Konsum“. Die hier im Bericht genannten Zahlen sind <em>doppelt</em> so hoch und entsprechen – bei 5 Prozent Alkohol – täglich 0,6 Litern Bier für die Frauen und 1,1 Litern für die Männer!</p> <p>Wie verhält sich das aber zum Mantra, kein Alkoholkonsum ohne Risiko, wenn sich die Sterblichkeit überhaupt erst jenseits so großer Mengen statistisch signifikant erhöht? Trotzdem behaupten die Fachleute des Gesundheitsrats: „Die Kommission zieht den Schluss, dass Alkoholkonsum nicht zu einem gesunden Lebensstil passt und schädlich für sowohl die öffentliche Gesundheit als auch die Sicherheit der Gesellschaft ist“ (S. 4).</p> <h2>Verschmierter Risikobegriff</h2> <p>Dabei haben wir einen Aspekt noch außen vor gelassen: In der Diskussion ist ständig von „erhöhten Krankheitsrisiken“ die Rede. Doch selten wird ausformuliert, <em>wie hoch</em> das Risiko durch Alkoholkonsum sein soll. Man könnte auch analog für die Einschränkung des Verkehrs plädieren, denn natürlich steigt auch mit jedem gefahrenen Fahrrad- oder Autokilometer das Risiko für einen Verkehrsunfall. Trotzdem setzen sich viele Menschen tagtäglich aufs Rad oder ins Auto – und, man höre und staune, haben <em>keinen</em> Unfall!</p> <p>Für eine sinnvolle Abwägung muss man die Risiken beziehungsweise Kosten <em>immer</em> in Bezug zum Nutzen setzen. Hier räumen die Fachleute ein, dass Menschen sich durch Alkoholkonsum besser fühlen und dieser mit verschiedenen positiven sozialen Erfahrungen einhergeht. Die positiven subjektiven Effekte werden durch die Kommission aber einfach wegrelativiert, da „das dritte Personen anders Erfahren können“ (S. 30). Aha. Und bei den sozialen Ereignissen könne man den möglichen Nutzen des Alkoholkonsums nur schwer von den Eigenschaften der Umgebung trennen. Oh! In dem insgesamt 49-seitigen Bericht handelt man so die Vorteile des Alkohols auf nicht einmal einer halben Seite ab.</p> <p>Die wissenschaftlich gültige Schlussfolgerung ist unter solchen Umständen, dass man heute noch gar keine Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen kann. Zur Nutzen-Seite ist schließlich viel zu wenig geforscht. Das kümmert die Kommission des Gesundheitsrats aber nicht.</p> <h2>Einseitigkeit</h2> <p>Ebenso oberflächlich werden im Bericht zitierte Studien zu möglichen Gesundheitsvorteilen durch Alkohol für Herz-Kreislauferkrankungen abgetan. Diese Studien seien „umstritten“. Und: „Die günstigen Zusammenhänge <em>könnten</em> [meine Hervorhebung] teilweise auf andere Faktoren und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sowie auf die Zusammensetzung der Referenzgruppe zurückzuführen sein“ (S. 19).</p> <p>Das gilt für die umgekehrte Richtung aber genauso: Die dem Alkohol zugeschriebenen negativen Gesundheitseffekte können ebenfalls mit anderen soziodemografischen Faktoren zusammenhängen. Man kann in diesen großmaschigen Beobachtungsstudien unmöglich alle Einflussfaktoren kontrollieren. Und wie wir sahen, räumte 2023 sogar schon die Weltgesundheitsorganisation den Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut bei den Trinkern ein. Doch darüber berichtet so gut wie niemand.</p> <p>Wie man es auch dreht und wendet, der niederländische Gesundheitsrat kommt immer zur selben Schlussfolgerung: Wenn Studien Krankheitsrisiken von Alkohol hervorheben, dann gelten sie als glaubwürdig; wenn sie aber keine erhöhten oder sogar verringerte Risiken zeigen, dann sind sie für die Kommission entweder irrelevant (Beispiele der Sterblichkeit und positiven Seiten) oder umstritten (Beispiel Herz-Kreislauferkrankungen).</p> <p>Obwohl diese Fachleute selbst einräumen, dass die Krankheitsrisiken gering sind und obwohl immer weniger Alkohol getrunken wird, fordern sie ein immer härteres Vorgehen gegen Alkoholkonsum. Wie logisch ist das aber? Je <em>weniger</em> die Menschen trinken, desto <em>schärfer</em> muss der Gesetzgeber Alkohol zurückdrängen?!</p> <p>Das klingt nicht nur einseitig, sondern auch vorurteilsbehaftet, ja ideologisch! Passend dazu sollte man mögliche Interessenkonflikte thematisieren.</p> <h2>Interessenkonflikte</h2> <p>Hier hat es sich der Gesundheitsrat einfach gemacht, und <em>sämtliche</em> wissenschaftliche Studien komplett ausgeschlossen, sobald nur einer der Forschenden Gelder von der Alkoholindustrie erhalten hatte. Natürlich muss man solche Kooperationen kritisch betrachten. Es ist aber auch die traurige Wahrheit, dass Forschungsgelder knapp sind und man mitunter auf Förderung profitorientierter Gruppen angewiesen ist. Trotzdem kann man hier Vereinbarungen treffen, die unabhängiges wissenschaftliches Arbeiten gewährleisten.</p> <p>Dazu kommt, dass Forschung in diesem Bereich meist in Verbünden vieler, mitunter Dutzender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit geschieht. Solche Studien komplett zu ignorieren, nur weil <em>eine</em> Person einen möglichen Interessenkonflikt hat, ist übertrieben. Diese Übertreibung relativiert die Schlussfolgerung des Berichts noch weiter: Obwohl man schon einen großen Teil der möglicherweise eher Alkohol-affinen Studien ausschließt, kommen unterm Strich nur relativ bescheidene Ergebnisse heraus. Nach außen stellt man diese aber übertrieben dar.</p> <p>Wenn man den Maßstab der Kommission auf sie selbst anlegt, könnte man ihren Bericht genauso gut aus der Diskussion ausschließen. Denn diese Fachleute aus der Gesundheitsforschung formulieren hier gewissermaßen die Forschungsagenda für sich selbst sowie ihre Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen erhielten schon Forschungsmillionen von der Regierung. Und wenn die Regierung ihrer Empfehlung nachkommt, ist die Finanzierung weiterer Forschung im Bereich der öffentlichen Gesundheit wahrscheinlich. Dafür haben dann genau diese Forschenden, die die Regierung beraten, hohe Erfolgschancen.</p> <p>Da der Bericht nur bekannte Studien zusammenfasst, hätte man hier problemlos Fachleute aus einem anderen Gebiet und ohne solche finanziellen Interessenkonflikte beauftragen können.</p> <h2>Alternativen</h2> <p>Nach diesem Abschnitt über Interessenkonflikte sollte man auch einen internen Konkurrenzkampf innerhalb der Wissenschaft erwähnen: Die Mitglieder dieser Kommission wollen die Gesundheit in der Gesellschaft verbessern, indem sie die relativ kleinen Risiken in einer möglichst großen Zahl von Personen verringern. Maßnahmen wie erhöhte Preise für und eine geringere Verfügbarkeit von Alkohol betreffen dementsprechend alle. Wie wir schon sahen, würde das die Sterblichkeit wahrscheinlich gar nicht verändern.</p> <p>Darauf könnte man erwidern: Aber es werden doch trotzdem Todesfälle mit Alkoholkonsum in Zusammenhang gebracht. Ja – aber vor allem bei den <em>schweren</em> Trinkern. Wer schon schwer abhängig ist, der wird sich kaum von höheren Preisen oder weniger Werbung abschrecken lassen. Und wer aufgrund seiner psychosozialen Umstände anfällig für eine Drogenabhängigkeit ist, könnte dann auf andere, vielleicht sogar gefährlichere Substanzen umsteigen.</p> <p>Die Alternative zur hier vorgestellten Sichtweise der öffentlichen Gesundheitsforschung ist <em>individuelle</em> Präventions- und therapeutische Arbeit. Diese fällt in den Bereich der Suchtmedizin und Sozialarbeit. Das sind also Leute, die nicht nur wissenschaftliche Publikationen und Berichte für Ministerien schreiben, sondern tatsächlich mit den suchtkranken Menschen arbeiten.</p> <p>In Zeiten knapper Kassen ist diese Form der Sucht- und Sozialarbeit aber vermehrt von Kürzungen betroffen. Das ist meiner Meinung nach heute schon in den – vor allem in den Großstädten gut sichtbaren – zunehmenden Drogenproblemen erkennbar. Die in den letzten Jahren stark dominierende öffentliche Gesundheitsforschung wird diese Probleme meiner Einschätzung nach weiter verstärken.</p> <h2>Bilanz</h2> <p>Wenn man sich die mediale und in weiten Teilen auch die wissenschaftliche Berichterstattung anschaut, ist die Bilanz ernüchternd: Zur Reduktion der mit Alkoholkonsum (angeblich) verbundenen Risiken fordert man härtere drogenpolitische Maßnahmen und natürlich auch mehr Forschungsgelder. Dabei sind diese Risiken bei moderatem Alkoholkonsum relativ klein oder sogar abwesend, wie die Studien zur Sterblichkeit zeigten aber auch zur <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2802963" rel="noopener">allgemeinen Krankheitslast belegen</a>. Das verschweigt man gegenüber der Öffentlichkeit.</p> <p>Außerdem ist der Streit über mögliche Gesundheitsvorteile noch nicht entschieden. Sowohl bei <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">bestimmten Krebsarten</a> als auch <a href="https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehaf1081/8471742" rel="noopener">Herz-Kreislauferkrankungen</a> erscheinen weiterhin Studien, die moderaten Alkoholkonsum mit <em>geringeren</em> Krankheitsrisiken in Verbindung bringen. Statistiker streiten sich jetzt um das richtige Zuschneiden und Auswählen der Vergleichsgruppen. In Analogie: Wenn sich Elon Musk neben einen Obdachlosen auf eine Parkbank setzt, dann haben die Leute auf der Parkbank <em>im Durchschnitt</em> ein Milliardenvermögen. Dann lügt man zwar nicht direkt, verzerrt aber doch die Realität.</p> <p>In dem Forschungsstreit um die richtige Schlussfolgerung und Perspektive sprechen manche von einem „<a href="https://www.jsad.com/doi/full/10.15288/jsad.23-00411" rel="noopener">Grabenkampf</a>“ – und an dessen Ausgang hängen nicht nur Gelder und Karrieren, sondern auch politische Maßnahmen. Dafür ist der neue Bericht des niederländischen Gesundheitsrats ein treffendes Beispiel. Bei näherer Betrachtung zeigte dieser viele Mängel und vor allem eine unwissenschaftliche Einseitigkeit.</p> <p>Mark Nason, ein alter Hase in der Alkohol-Präventionsforschung mit über 40 Jahren Erfahrung, fordert <a href="https://www.jsad.com/doi/10.15288/jsad.24-00298" rel="noopener">mehr Ehrlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit</a>. Nachdem man die Risiken des beliebten Mittels 20 Jahre lang <em>untertrieben</em> habe, würde man sie jetzt seit 20 Jahren <em>übertreiben</em>. Im Einklang damit und mit meinem Ergebnis schrieben auch zwei Ernährungsforscher von der Universität Lissabon <a href="https://www.mdpi.com/2311-5637/12/3/159" rel="noopener">vor Kurzem</a>: „Wir schlussfolgern, dass die Behauptung, ‚jede Menge von Alkohol ist gefährlich‘, keine wissenschaftliche Grundlage hat.“</p> <h2>Historischer Blick</h2> <p>Zum Schluss sei noch ein bedenklicher Blick in die Geschichte geworfen: Vor gut 100 Jahren war die Debatte um den Alkohol schon einmal so hart wie heute. Allerorten bildeten sich Mäßigungs- und Abstinenzvereine, die die öffentliche Gesundheit retten wollten. Heute sind es Influencer, die mit Horrormeldungen Aufmerksamkeit erzeugen und Geld verdienen.</p> <p>Im Kampf um Medienaufmerksamkeit in einer stark polarisierten Gesellschaft werden vernünftige Stimmen kaum noch gehört. Auch in der Wissenschaft ringt man um das mediale Rampenlicht. Nach dem Wiederholen der Empfehlung für mäßigen Konsum kräht kein Hahn. Eine neue, extreme Botschaft musste daherkommen: Jeder Tropfen Alkohol ist schädlich!</p> <p>Ein ähnlicher Extremismus führte die USA damals in die Prohibition, gefährdete die Staatskasse, stärkte die Organisierte Kriminalität, korrumpierte die Strafverfolgung und vergiftete viele Arme. Interessanterweise gab es auf Rezept Ausnahmen für den Alkoholerwerb. Das musste man sich aber leisten können. Ärzte und Apotheker fanden den Whiskey auf einmal nicht mehr so schlimm, wenn sie daran gut mitverdienten.</p> <p>Ein Jahrzehnt später nahm man in den ach so um die „Volksgesundheit“ bemühten nordeuropäischen Ländern immer mehr Sterilisierungen von angeblich Alkohol- und Erbkranken vor. In der Nazi-Diktatur konnten sie auch als „Asoziale“ mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychologie-des-kz-dachau/">schwarzem Dreieck</a> stigmatisiert und ins Konzentrationslager gesteckt werden. Dort verelendenden sie oder wurden sie sogar ermordet. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch, das Thema diesmal vernünftiger zu diskutieren.</p> <h2>Zum Weiterlesen</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg"><img alt="" decoding="async" height="732" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-768x549.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> <p>Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims <em><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabisprotokolle</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in <em><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich).</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bca655cf6eb74fd4a164be4742a1560d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Gezondheidsraad-2026-DE-3-2.jpg" /><h1>Gesundheitsrat: Alkohol soll schwerer zugänglich gemacht werden » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Basiert die neue Empfehlung zur Volksdroge Nummer 1 auf guter Wissenschaft oder irreführender Statistik?</strong></p> <span id="more-3636"></span> <p>2023 verschärfte die Weltgesundheitsorganisation ihre Empfehlung zum Umgang mit Alkohol. „<a href="https://www.who.int/europe/news/item/04-01-2023-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">No level of alcohol consumption is safe for our health</a>“ hieß es knackig und mediengerecht: Es gebe keine sichere Untergrenze für den Alkoholkonsum. Soll man darum auch auf reife Bananen und andere Früchte verzichten, die von Natur aus Alkohol enthalten? Und wie ist das mit alkoholhaltigen Medikamenten?</p> <p>Das Thema ist sehr komplex. In der Pressemitteilung aus dem Jahr 2023 wurde schon erwähnt, dass Alkohol für ärmere Menschen schädlicher zu sein scheint als für wohlhabendere. Liegen die kolportierten Gesundheitsrisiken nicht nur in der Substanz, sondern auch an Faktoren des Lebensstils und der Gesundheitsversorgung? Solche Nuancen gehen in Medienberichten schnell verloren.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Neue Empfehlung</h2> <p>Am 25. Juni veröffentlichte der niederländische Gesundheitsrat eine <a href="https://www.gezondheidsraad.nl/adviesonderwerpen/gezondheidgerelateerd-gedrag/alcohol-en-gezondheid-in-brede-zin" rel="noopener">neue Empfehlung</a> für das Gesundheitsministerium. Demnach soll Alkohol schwerer zugänglich gemacht werden. Wie schon bei Zigaretten, wurden hierfür Preiserhöhungen, neutrale Verpackungen und die Verbannung in Spezialgeschäfte vorgeschlagen. Das soll auch für Bier und Wein gelten. Außerdem soll Werbung weiter eingeschränkt werden.<aside></aside></p> <p>Kurz gesagt, das Ministerium soll Alkohol „entnormalisieren“ und in der Bevölkerung seinen Konsum entmutigen. Da der neue Bericht internationale Studien zusammenfasst, ist er auch für andere Länder interessant – und für uns eine willkommene Gelegenheit, der sogenannten öffentlichen Gesundheitsforschung (engl. Public Health) einmal auf den Zahn zu fühlen.</p> <p>Auch in Deutschland mehren sich die Zeichen für eine Verschärfung. So äußerte sich der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck wiederholt kritisch über das Jugendschutzgesetz: Dessen § 9 Absatz 2 erlaubt 14-Jährigen das Trinken von Bier und Wein in der Öffentlichkeit in Begleitung einer erziehungsberechtigten Person.</p> <p>Jetzt heißt es, das vertrage sich nicht mit neuen Studien zur Hirnentwicklung. Dass man sich heute in politischen Debatten so selbstverständlich wie willkürlich auf das Gehirnwachstum beruft, habe ich in meinem <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">neuen Buch</a> herausgearbeitet.</p> <h2>Verbote im Nachbarland</h2> <p>Angesichts dieser Bestrebungen in Deutschland ist ein Blick auf die Niederlande interessant. Hier wurde erst 2013 die Altersgrenze für den Kauf und Konsum alkoholischer Getränke von 16 auf 18 angehoben. 2021 wurden zuletzt die Regeln für Werbung verschärft, insbesondere bei Rabattaktionen.</p> <p>Zwar gibt es in vielen Ländern den allgemeinen Trend zum abnehmenden Alkoholkonsum. Doch die genannten Verbote zum Trotz hatten 2023 rund 40 Prozent der Zwölf- bis 16-Jährigen in den Niederlanden Alkohol ausprobiert. Nicht selten bekommen sie den „Stoff“ übrigens – von den Eltern. Der Nationale Drogenmonitor fasst es so <a href="https://www.nationaledrugmonitor.nl/alcohol-gebruik-jongeren-en-jongvolwassenen/" rel="noopener">zusammen</a>: „Schulkinder sind im Schnitt 12,9 Jahre alt, wenn sie zum ersten Mal trinken, und durchschnittlich 13,8 Jahre alt, wenn sie mit dem <em>wöchentlichen</em> Trinken anfangen.“ Wieder eine hervorragende Bilanz für ein Drogenverbot!</p> <p>Demgegenüber stehen die Einschränkungen, dass zum Beispiel Eltern beim Einkauf für das Abendessen im Supermarkt keinen passenden Wein kaufen können, wenn sie ein minderjähriges Kind dabei haben. Denn beim Abrechnen an der Kasse müssen <em>alle</em> in der Gruppe volljährig sein und das unter 25 auch per Ausweis nachweisen. Natürlich kommen Jugendliche nie auf den Gedanken, minderjährige Freunde darum draußen warten zu lassen.</p> <p>Und zum Beispiel in Sportvereinen muss stärker aufgepasst werden, dass neben den 18-Jährigen nicht zufällig die 16- oder 17-jährigen Freundinnen und Freunde einen Schluck abbekommen. Anders ist das eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, für die der Verein öffentlich angeprangert werden kann. Auch in ländlichen Regionen werden Bürgermeister unter Druck gesetzt, die Regeln streng durchzusetzen. Doch sie wissen, dass Jugendliche dann stärker in die Städte ausweichen, wenn man ihre Möglichkeiten zum Feiern einschränkt. Vielleicht ziehen sie dann ganz weg.</p> <p>Mit Blick auf diese ganzen Mühen ist doch hoffentlich die Wissenschaft zur (angeblichen) Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch Alkohol gesichert. Oder etwa nicht? Schauen wir dafür jetzt genauer in den neuen Bericht des niederländischen Gesundheitsrats.</p> <h2>Wissenschaft auf dem Prüfstand</h2> <p>Auch hier wird das seit 2023 geltende Mantra der Weltgesundheitsorganisation wiederholt: „Es gibt für Alkoholkonsum keine sichere Untergrenze“ (S. 3). Und weiter: „Das bedeutet, dass das Trinken von jedem Glas Alkohol mit Gesundheitsrisiken einhergeht.“</p> <p>Auf der selben Seite steht aber auch die relativierende Aussage: „Alkoholkonsum <em>kann</em> [meine Hervorhebung] ungünstige Folgen für die Gesundheit und die Gesellschaft haben.“ Und auf der nächsten Seite findet sich dann: „Auf dem individuellen Niveau sind diese Risiken relativ klein.“ Aha! Aus diesen relativ kleinen Risiken wird von der Kommission aber ein großes Problem gemacht, weil ja so viele Menschen Alkohol konsumieren.</p> <p>Hierin äußert sich die erste Bruchstelle des Berichts: Die Fachleute tun nämlich so, als könnte man einen isolierten Risikofaktor – hier: Alkoholkonsum – unabhängig beeinflussen. Man muss sich aber fragen, was die Menschen <em>stattdessen</em> machen, wenn sie weniger Alkohol trinken. Und ob das in der Summe gesünder ist.</p> <p>Dabei sehen wir allgemein, dass die <em>stetige Abnahme</em> des Alkoholkonsums mit einer <em>starken Zunahme</em> des Konsums von Psychopharmaka und harten Drogen einhergeht. So hat sich die Verschreibung sogenannter Antidepressiva in Deutschland seit den 1980ern auf <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/" rel="noopener">1,8 Milliarden Tagesdosen</a> verelffacht. Das ist genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen. Die Diagnose der Aufmerksamkeitsstörung ADHS steigt seit den 1990ern rasant und hat sich insbesondere seit der COVID-Pandemie <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/" rel="noopener">bei den Erwachsenen vervielfacht</a>. Damit einher geht oft eine Verschreibung von Stimulanzien wie Methylphenidat (z.B. im Ritalin) oder Amphetamin (auch bekannt als die Straßendroge „Speed“).</p> <h2>Alkoholersatz</h2> <p>Solche Trends beweisen für sich noch keinen Kausalzusammenhang nach dem Motto: <em>Weil</em> die Menschen weniger trinken, nehmen sie jetzt mehr Psychopharmaka und Drogen. Doch ganz unplausibel ist der Zusammenhang nicht. So gilt schon ein normales Bier heute in manchen Kreisen als „giftig“. Das ist relativ direkt auch die Aussage der oben zitierten hochoffiziellen Empfehlungen.</p> <p>Auf Festivals greift dann mancher lieber zu einer Ecstasypille pro Tag. Das ist aufgrund der gestiegenen Kosten alkoholischer Getränke oft sogar günstiger. Und vor allem unter Jugendlichen und jüngeren Erwachsen werden andere Designerdrogen und Kokain immer beliebter.</p> <p>Alkohol war über Jahrtausende ein klassisches Mittel gegen Zustände leichter Depressivität, Ängstlichkeit und Schüchternheit. Wenn nötig, trank man sich Mut an. Alkohol (Ethanol) wirkt wie die genannten Stimulanzien auch aufs Belohnungssystem, weswegen man sich durch den Konsum oft besser fühlt. Ecstasy erzeugt bei vielen insbesondere ein stärkeres Gefühl der Verbundenheit, wie man es auch von Volksfesten mit Alkohol kennt.</p> <p>Im Gehirn überlappen sich viele dieser Botenstoffsysteme. Deshalb kann man zum Beispiel beim schweren Alkoholentzug auch die schlaffördernden und angstlösenden Benzodiazepine verwenden. Sie wirken, ebenso wie Alkohol, auf die sogenannten GABA-Rezeptoren, die das Nervensystem dämpfen.</p> <p>Es ist also ziemlich kurzsichtig, sich <em>nur</em> den Alkoholkonsum anzuschauen, wie es der Gesundheitsrat macht. Man muss schon auch die weiteren Folgen der Maßnahmen mitbedenken. Das gilt insbesondere dann, wenn man für sich beansprucht, im Interesse der öffentlichen Gesundheit zu handeln.</p> <h2>Krankheitslast</h2> <p>Weiter oben bemerkten wir schon eine innere Widersprüchlichkeit zwischen einerseits der Warnung vor <em>jedem</em> Glas Alkohol und andererseits den relativ geringen Gesundheitsrisiken – jedenfalls bei moderatem Konsum. Wenn das Mantra, es gebe keine sichere Untergrenze, so im Zentrum steht, dann ist hoffentlich wenigstens das felsenfest untermauert!</p> <p>Hier zitiert der Bericht des Gesundheitsrats zahlreiche Studien zu erhöhten Krankheitsrisiken für sieben Krebsarten und einige andere Erkrankungen. Doch unterm Strich – man höre und staune – ergeben die ganzen Studien für moderaten bis mittleren Alkoholkonsum <em>gar keinen</em> Unterschied in der Sterblichkeit. Das steht ausdrücklich auf Seite 22 des Berichts:</p> <blockquote> <p>„Bei Frauen wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 25 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität im Vergleich zu lebenslangen Abstinenzlern festgestellt. Bei einem Konsum von mehr als 25 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko. Bei Männern wurde bei einem täglichen Alkoholkonsum von bis zu 45 Gramm kein Zusammenhang mit der Gesamtmortalität festgestellt. Ab 45 Gramm Alkohol pro Tag zeigte sich ein erhöhtes Sterberisiko.“ (Niederländischer Gesundheitsrat, Juni 2026)</p> </blockquote> <p>Das muss man sich vor Augen führen: Vor der neuen Initiative der Weltgesundheitsorganisation von 2023 galten durchschnittlich 10 Gramm Alkohol pro Tag für die Frauen und 20 Gramm für die Männer als „risikoarmer Konsum“. Die hier im Bericht genannten Zahlen sind <em>doppelt</em> so hoch und entsprechen – bei 5 Prozent Alkohol – täglich 0,6 Litern Bier für die Frauen und 1,1 Litern für die Männer!</p> <p>Wie verhält sich das aber zum Mantra, kein Alkoholkonsum ohne Risiko, wenn sich die Sterblichkeit überhaupt erst jenseits so großer Mengen statistisch signifikant erhöht? Trotzdem behaupten die Fachleute des Gesundheitsrats: „Die Kommission zieht den Schluss, dass Alkoholkonsum nicht zu einem gesunden Lebensstil passt und schädlich für sowohl die öffentliche Gesundheit als auch die Sicherheit der Gesellschaft ist“ (S. 4).</p> <h2>Verschmierter Risikobegriff</h2> <p>Dabei haben wir einen Aspekt noch außen vor gelassen: In der Diskussion ist ständig von „erhöhten Krankheitsrisiken“ die Rede. Doch selten wird ausformuliert, <em>wie hoch</em> das Risiko durch Alkoholkonsum sein soll. Man könnte auch analog für die Einschränkung des Verkehrs plädieren, denn natürlich steigt auch mit jedem gefahrenen Fahrrad- oder Autokilometer das Risiko für einen Verkehrsunfall. Trotzdem setzen sich viele Menschen tagtäglich aufs Rad oder ins Auto – und, man höre und staune, haben <em>keinen</em> Unfall!</p> <p>Für eine sinnvolle Abwägung muss man die Risiken beziehungsweise Kosten <em>immer</em> in Bezug zum Nutzen setzen. Hier räumen die Fachleute ein, dass Menschen sich durch Alkoholkonsum besser fühlen und dieser mit verschiedenen positiven sozialen Erfahrungen einhergeht. Die positiven subjektiven Effekte werden durch die Kommission aber einfach wegrelativiert, da „das dritte Personen anders Erfahren können“ (S. 30). Aha. Und bei den sozialen Ereignissen könne man den möglichen Nutzen des Alkoholkonsums nur schwer von den Eigenschaften der Umgebung trennen. Oh! In dem insgesamt 49-seitigen Bericht handelt man so die Vorteile des Alkohols auf nicht einmal einer halben Seite ab.</p> <p>Die wissenschaftlich gültige Schlussfolgerung ist unter solchen Umständen, dass man heute noch gar keine Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen kann. Zur Nutzen-Seite ist schließlich viel zu wenig geforscht. Das kümmert die Kommission des Gesundheitsrats aber nicht.</p> <h2>Einseitigkeit</h2> <p>Ebenso oberflächlich werden im Bericht zitierte Studien zu möglichen Gesundheitsvorteilen durch Alkohol für Herz-Kreislauferkrankungen abgetan. Diese Studien seien „umstritten“. Und: „Die günstigen Zusammenhänge <em>könnten</em> [meine Hervorhebung] teilweise auf andere Faktoren und Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum sowie auf die Zusammensetzung der Referenzgruppe zurückzuführen sein“ (S. 19).</p> <p>Das gilt für die umgekehrte Richtung aber genauso: Die dem Alkohol zugeschriebenen negativen Gesundheitseffekte können ebenfalls mit anderen soziodemografischen Faktoren zusammenhängen. Man kann in diesen großmaschigen Beobachtungsstudien unmöglich alle Einflussfaktoren kontrollieren. Und wie wir sahen, räumte 2023 sogar schon die Weltgesundheitsorganisation den Zusammenhang zwischen Krankheit und Armut bei den Trinkern ein. Doch darüber berichtet so gut wie niemand.</p> <p>Wie man es auch dreht und wendet, der niederländische Gesundheitsrat kommt immer zur selben Schlussfolgerung: Wenn Studien Krankheitsrisiken von Alkohol hervorheben, dann gelten sie als glaubwürdig; wenn sie aber keine erhöhten oder sogar verringerte Risiken zeigen, dann sind sie für die Kommission entweder irrelevant (Beispiele der Sterblichkeit und positiven Seiten) oder umstritten (Beispiel Herz-Kreislauferkrankungen).</p> <p>Obwohl diese Fachleute selbst einräumen, dass die Krankheitsrisiken gering sind und obwohl immer weniger Alkohol getrunken wird, fordern sie ein immer härteres Vorgehen gegen Alkoholkonsum. Wie logisch ist das aber? Je <em>weniger</em> die Menschen trinken, desto <em>schärfer</em> muss der Gesetzgeber Alkohol zurückdrängen?!</p> <p>Das klingt nicht nur einseitig, sondern auch vorurteilsbehaftet, ja ideologisch! Passend dazu sollte man mögliche Interessenkonflikte thematisieren.</p> <h2>Interessenkonflikte</h2> <p>Hier hat es sich der Gesundheitsrat einfach gemacht, und <em>sämtliche</em> wissenschaftliche Studien komplett ausgeschlossen, sobald nur einer der Forschenden Gelder von der Alkoholindustrie erhalten hatte. Natürlich muss man solche Kooperationen kritisch betrachten. Es ist aber auch die traurige Wahrheit, dass Forschungsgelder knapp sind und man mitunter auf Förderung profitorientierter Gruppen angewiesen ist. Trotzdem kann man hier Vereinbarungen treffen, die unabhängiges wissenschaftliches Arbeiten gewährleisten.</p> <p>Dazu kommt, dass Forschung in diesem Bereich meist in Verbünden vieler, mitunter Dutzender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit geschieht. Solche Studien komplett zu ignorieren, nur weil <em>eine</em> Person einen möglichen Interessenkonflikt hat, ist übertrieben. Diese Übertreibung relativiert die Schlussfolgerung des Berichts noch weiter: Obwohl man schon einen großen Teil der möglicherweise eher Alkohol-affinen Studien ausschließt, kommen unterm Strich nur relativ bescheidene Ergebnisse heraus. Nach außen stellt man diese aber übertrieben dar.</p> <p>Wenn man den Maßstab der Kommission auf sie selbst anlegt, könnte man ihren Bericht genauso gut aus der Diskussion ausschließen. Denn diese Fachleute aus der Gesundheitsforschung formulieren hier gewissermaßen die Forschungsagenda für sich selbst sowie ihre Kolleginnen und Kollegen. Viele von ihnen erhielten schon Forschungsmillionen von der Regierung. Und wenn die Regierung ihrer Empfehlung nachkommt, ist die Finanzierung weiterer Forschung im Bereich der öffentlichen Gesundheit wahrscheinlich. Dafür haben dann genau diese Forschenden, die die Regierung beraten, hohe Erfolgschancen.</p> <p>Da der Bericht nur bekannte Studien zusammenfasst, hätte man hier problemlos Fachleute aus einem anderen Gebiet und ohne solche finanziellen Interessenkonflikte beauftragen können.</p> <h2>Alternativen</h2> <p>Nach diesem Abschnitt über Interessenkonflikte sollte man auch einen internen Konkurrenzkampf innerhalb der Wissenschaft erwähnen: Die Mitglieder dieser Kommission wollen die Gesundheit in der Gesellschaft verbessern, indem sie die relativ kleinen Risiken in einer möglichst großen Zahl von Personen verringern. Maßnahmen wie erhöhte Preise für und eine geringere Verfügbarkeit von Alkohol betreffen dementsprechend alle. Wie wir schon sahen, würde das die Sterblichkeit wahrscheinlich gar nicht verändern.</p> <p>Darauf könnte man erwidern: Aber es werden doch trotzdem Todesfälle mit Alkoholkonsum in Zusammenhang gebracht. Ja – aber vor allem bei den <em>schweren</em> Trinkern. Wer schon schwer abhängig ist, der wird sich kaum von höheren Preisen oder weniger Werbung abschrecken lassen. Und wer aufgrund seiner psychosozialen Umstände anfällig für eine Drogenabhängigkeit ist, könnte dann auf andere, vielleicht sogar gefährlichere Substanzen umsteigen.</p> <p>Die Alternative zur hier vorgestellten Sichtweise der öffentlichen Gesundheitsforschung ist <em>individuelle</em> Präventions- und therapeutische Arbeit. Diese fällt in den Bereich der Suchtmedizin und Sozialarbeit. Das sind also Leute, die nicht nur wissenschaftliche Publikationen und Berichte für Ministerien schreiben, sondern tatsächlich mit den suchtkranken Menschen arbeiten.</p> <p>In Zeiten knapper Kassen ist diese Form der Sucht- und Sozialarbeit aber vermehrt von Kürzungen betroffen. Das ist meiner Meinung nach heute schon in den – vor allem in den Großstädten gut sichtbaren – zunehmenden Drogenproblemen erkennbar. Die in den letzten Jahren stark dominierende öffentliche Gesundheitsforschung wird diese Probleme meiner Einschätzung nach weiter verstärken.</p> <h2>Bilanz</h2> <p>Wenn man sich die mediale und in weiten Teilen auch die wissenschaftliche Berichterstattung anschaut, ist die Bilanz ernüchternd: Zur Reduktion der mit Alkoholkonsum (angeblich) verbundenen Risiken fordert man härtere drogenpolitische Maßnahmen und natürlich auch mehr Forschungsgelder. Dabei sind diese Risiken bei moderatem Alkoholkonsum relativ klein oder sogar abwesend, wie die Studien zur Sterblichkeit zeigten aber auch zur <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2802963" rel="noopener">allgemeinen Krankheitslast belegen</a>. Das verschweigt man gegenüber der Öffentlichkeit.</p> <p>Außerdem ist der Streit über mögliche Gesundheitsvorteile noch nicht entschieden. Sowohl bei <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">bestimmten Krebsarten</a> als auch <a href="https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehaf1081/8471742" rel="noopener">Herz-Kreislauferkrankungen</a> erscheinen weiterhin Studien, die moderaten Alkoholkonsum mit <em>geringeren</em> Krankheitsrisiken in Verbindung bringen. Statistiker streiten sich jetzt um das richtige Zuschneiden und Auswählen der Vergleichsgruppen. In Analogie: Wenn sich Elon Musk neben einen Obdachlosen auf eine Parkbank setzt, dann haben die Leute auf der Parkbank <em>im Durchschnitt</em> ein Milliardenvermögen. Dann lügt man zwar nicht direkt, verzerrt aber doch die Realität.</p> <p>In dem Forschungsstreit um die richtige Schlussfolgerung und Perspektive sprechen manche von einem „<a href="https://www.jsad.com/doi/full/10.15288/jsad.23-00411" rel="noopener">Grabenkampf</a>“ – und an dessen Ausgang hängen nicht nur Gelder und Karrieren, sondern auch politische Maßnahmen. Dafür ist der neue Bericht des niederländischen Gesundheitsrats ein treffendes Beispiel. Bei näherer Betrachtung zeigte dieser viele Mängel und vor allem eine unwissenschaftliche Einseitigkeit.</p> <p>Mark Nason, ein alter Hase in der Alkohol-Präventionsforschung mit über 40 Jahren Erfahrung, fordert <a href="https://www.jsad.com/doi/10.15288/jsad.24-00298" rel="noopener">mehr Ehrlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit</a>. Nachdem man die Risiken des beliebten Mittels 20 Jahre lang <em>untertrieben</em> habe, würde man sie jetzt seit 20 Jahren <em>übertreiben</em>. Im Einklang damit und mit meinem Ergebnis schrieben auch zwei Ernährungsforscher von der Universität Lissabon <a href="https://www.mdpi.com/2311-5637/12/3/159" rel="noopener">vor Kurzem</a>: „Wir schlussfolgern, dass die Behauptung, ‚jede Menge von Alkohol ist gefährlich‘, keine wissenschaftliche Grundlage hat.“</p> <h2>Historischer Blick</h2> <p>Zum Schluss sei noch ein bedenklicher Blick in die Geschichte geworfen: Vor gut 100 Jahren war die Debatte um den Alkohol schon einmal so hart wie heute. Allerorten bildeten sich Mäßigungs- und Abstinenzvereine, die die öffentliche Gesundheit retten wollten. Heute sind es Influencer, die mit Horrormeldungen Aufmerksamkeit erzeugen und Geld verdienen.</p> <p>Im Kampf um Medienaufmerksamkeit in einer stark polarisierten Gesellschaft werden vernünftige Stimmen kaum noch gehört. Auch in der Wissenschaft ringt man um das mediale Rampenlicht. Nach dem Wiederholen der Empfehlung für mäßigen Konsum kräht kein Hahn. Eine neue, extreme Botschaft musste daherkommen: Jeder Tropfen Alkohol ist schädlich!</p> <p>Ein ähnlicher Extremismus führte die USA damals in die Prohibition, gefährdete die Staatskasse, stärkte die Organisierte Kriminalität, korrumpierte die Strafverfolgung und vergiftete viele Arme. Interessanterweise gab es auf Rezept Ausnahmen für den Alkoholerwerb. Das musste man sich aber leisten können. Ärzte und Apotheker fanden den Whiskey auf einmal nicht mehr so schlimm, wenn sie daran gut mitverdienten.</p> <p>Ein Jahrzehnt später nahm man in den ach so um die „Volksgesundheit“ bemühten nordeuropäischen Ländern immer mehr Sterilisierungen von angeblich Alkohol- und Erbkranken vor. In der Nazi-Diktatur konnten sie auch als „Asoziale“ mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychologie-des-kz-dachau/">schwarzem Dreieck</a> stigmatisiert und ins Konzentrationslager gesteckt werden. Dort verelendenden sie oder wurden sie sogar ermordet. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch, das Thema diesmal vernünftiger zu diskutieren.</p> <h2>Zum Weiterlesen</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg"><img alt="" decoding="async" height="732" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/2026-Buecher-Blog-768x549.jpg 768w" width="1024"></img></a></figure> <p>Erfahren Sie mehr über die Themen Substanzkonsum und Abhängigkeit in Stephan Schleims <em><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabisprotokolle</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich) oder über Depressionen und psychische Gesundheit in <em><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></em> (auch als <a href="https://www.schleim.info/wordpress/de/2024/08/28/stephan-schleims-buecher/" rel="noopener">eBook</a> erhältlich).</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/bca655cf6eb74fd4a164be4742a1560d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheitsrat-alkohol-soll-schwerer-zugaenglich-gemacht-werden/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>31</slash:comments> </item> <item> <title>Health Council: Alcohol Should Be Made Less Accessible https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/health-council-alcohol-should-be-made-less-accessible/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/health-council-alcohol-should-be-made-less-accessible/#respond Mon, 29 Jun 2026 10:55:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3635 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Gezondheidsraad-2026-EN-3-2-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/health-council-alcohol-should-be-made-less-accessible/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Gezondheidsraad-2026-EN-3-2.jpg" /><h1>Health Council: Alcohol Should Be Made Less Accessible » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Is the new recommendation regarding the nation’s number one drug based on sound science or misleading statistics?</strong></p> <span id="more-3635"></span> <p>In 2023, the World Health Organization tightened its recommendations on alcohol consumption. „<a href="https://www.who.int/europe/news/item/04-01-2023-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">No level of alcohol consumption is safe for our health</a>,“ was the pithy, media-friendly statement. Does that mean we should also avoid ripe bananas and other fruits that naturally contain alcohol? And what about medications that contain it?</p> <p>This is a very complex issue. The 2023 press release already mentioned that alcohol appears to be more harmful to poorer people than to wealthier ones. Could the reported health risks stem not only from the substance itself, but also from lifestyle factors and access to healthcare? Such nuances are easily lost in media reports.</p> <h2>New recommendation</h2> <p>On June 25, the Dutch Health Council issued a <a href="https://www.gezondheidsraad.nl/adviesonderwerpen/gezondheidgerelateerd-gedrag/alcohol-en-gezondheid-in-brede-zin" rel="noopener">new recommendation</a> to the Ministry of Health. According to the recommendation, alcohol should be made less accessible. As with cigarettes, the council proposed price increases, plain packaging, and restricting sales to specialty stores. These measures would also apply to beer and wine. In addition, advertising is to be further restricted.</p> <p>In short, the ministry is supposed to „denormalize“ alcohol and discourage its consumption among the general public. Since the new report summarizes international studies, it is also of interest to other countries—and for us, it’s a welcome opportunity to take a closer look at so-called public health research.<aside></aside></p> <p>In Germany, too, there are increasing signs of a crackdown. For example, Federal Drug Commissioner Hendrik Streeck has repeatedly criticized the Youth Protection Act: Section 9, paragraph 2 of the Act allows 14-year-olds to drink beer and wine in public when accompanied by a parent or legal guardian.</p> <p>Now people are saying that this is inconsistent with new studies on brain development. In my <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">new book</a>, I’ve highlighted how arbitrarily brain growth is invoked in political debates today.</p> <h2>Bans in a neighboring country</h2> <p>In light of these efforts in Germany, it is interesting to take a look at the Netherlands. There, the age limit for purchasing and consuming alcoholic beverages was raised from 16 to 18 as recently as 2013. In 2021, the rules governing advertising were tightened, particularly with regard to discount promotions.</p> <p>While there is a general trend toward declining alcohol consumption in many countries, around 40 percent of 12- to 16-year-olds in the Netherlands had tried alcohol despite the bans mentioned above. Incidentally, it’s not uncommon for them to get their hands on the „stuff“—from their parents. The National Drug Monitor summarizes it this <a href="https://www.nationaledrugmonitor.nl/alcohol-gebruik-jongeren-en-jongvolwassenen/" rel="noopener">way</a>: „Schoolchildren are on average 12.9 years old when they first start drinking, and on average 13.8 years old when they start drinking <em>weekly</em>.“ Yet another outstanding result for a drug ban!</p> <p>On the other hand, there are restrictions: For example, parents cannot buy a bottle of wine to go with dinner while shopping at the supermarket if they have a minor child with them. This is because, when paying at the register, <em>everyone</em> in the group must be of legal drinking age, and those under 25 must also prove it with identification. Of course, teenagers would never think of leaving their underage friends waiting outside.</p> <p>And in sports clubs, for example, greater care must be taken to ensure that 16- or 17-year-old friends don’t accidentally get a sip alongside the 18-year-olds. Otherwise, this poses a threat to public health, for which the club could be publicly condemned. Even in rural areas, mayors are under pressure to strictly enforce the rules. But they know that if young people’s opportunities to party are restricted, they’ll simply head to the cities in greater numbers.</p> <p>Given all this effort, one would hope that the scientific evidence regarding the (alleged) threat to public health posed by alcohol is solid. Or is it not? Let’s take a closer look at the new report from the Dutch Health Council.</p> <h2>Science put to the test</h2> <p>Here, too, the World Health Organization’s mantra—in effect since 2023—is reiterated: „There is no safe lower limit for alcohol consumption“ (p. 3). And more specifically: „This means that drinking even a single glass of alcohol carries health risks.“</p> <p>However, the same page also includes the following qualifying statement: „Alcohol consumption <em>can</em> [my emphasis] have adverse consequences for health and society.“ And on the next page, we find: „At the individual level, these risks are relatively small.“ Aha! Yet the Commission turns these relatively small risks into a major problem because so many people consume alcohol.</p> <p>This is where the report’s first flaw becomes apparent: The experts act as if it were possible to influence a single risk factor—in this case, alcohol consumption—in isolation. But we must ask ourselves what people do <em>instead</em> when they drink less alcohol, and whether that is healthier overall.</p> <p>At the same time, we generally observe that the <em>steady decline</em> in alcohol consumption goes hand in hand with a <em>sharp increase</em> in the use of psychopharmacological and hard drugs. For example, prescriptions for so-called antidepressants in Germany have increased elevenfold since the 1980s, reaching <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/" rel="noopener">1.8 billion daily doses</a>. That is enough to treat five million people <em>daily</em>. Diagnoses of attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) have been rising rapidly since the 1990s and have now <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/" rel="noopener">multiplied among adults</a>, particularly since the COVID pandemic. This is often accompanied by prescriptions for stimulants such as methylphenidate (e.g., in Ritalin) or amphetamine (also known as the street drug „speed“).</p> <h2>Alcohol substitute</h2> <p>Such trends do not in and of themselves prove a causal relationship along the lines of: „<em>Because</em> people are drinking less, they are now taking more psychotropic drugs and other drugs.“ Yet the connection is not entirely implausible. For example, even a regular beer is now considered „toxic“ in some circles. This is also, relatively directly, the message of the highly official recommendations cited above.</p> <p>At festivals, some people now prefer to take one ecstasy pill a day. Because of the rising cost of alcoholic beverages, this is often even cheaper. And other designer drugs and cocaine are being used more and more frequently, especially among teenagers and young adults.</p> <p>For thousands of years, alcohol has been a traditional remedy for mild depression, anxiety, and shyness. When necessary, people would drink to give themselves courage. Like the stimulants mentioned above, alcohol (ethanol) also affects the reward system, which is why consuming it often makes people feel better. For many people, ecstasy in particular creates a stronger sense of connection.</p> <p>Many of these neurotransmitter systems overlap in the brain. That is why, for example, benzodiazepines—which promote sleep and relieve anxiety—can also be used to treat severe alcohol withdrawal. Like alcohol, they act on the so-called GABA receptors, which calm the nervous system.</p> <p>So it’s rather short-sighted to focus <em>solely</em> on alcohol consumption, as the Health Council does. One must also consider the broader consequences of these measures. This is especially true when one claims to be acting in the interest of public health.</p> <h2>Burden of disease</h2> <p>Earlier, we already noted an inherent contradiction between, on the one hand, the warning against <em>even a single</em> glass of alcohol and, on the other hand, the relatively low health risks—at least when consumed in moderation. If the mantra that there is no safe lower limit is so central, then hopefully at least that is firmly substantiated!</p> <p>Here, the Health Council’s report cites numerous studies on increased health risks for seven types of cancer and several other diseases. But the bottom line—believe it or not—is that numerous studies show <em>no</em> difference in mortality rates for moderate to medium alcohol consumption. This is explicitly stated on page 22:</p> <blockquote> <p>„Among women, daily alcohol consumption of up to 25 grams was not associated with overall mortality compared to lifelong abstainers. Consumption of more than 25 grams of alcohol per day was associated with an increased risk of death. For men, no association with overall mortality was found for daily alcohol consumption of up to 45 grams. An increased risk of death was observed for consumption of 45 grams of alcohol or more per day.“ (Dutch Health Council, June 2026)</p> </blockquote> <p>It’s important to keep this in mind: Before the World Health Organization’s new initiative in 2023, an average of 10 grams of alcohol per day for women and 20 grams for men was considered „low-risk consumption.“ The figures cited in this report are <em>twice</em> as high and—assuming an alcohol content of 5 percent—equate to 0.6 liters of beer per day for women and 1.1 liters for men!</p> <p>But how does this square with the mantra that „there is no such thing as risk-free alcohol consumption“ when mortality only increases in a statistically significant way beyond such large quantities? Nevertheless, the Health Council experts asserted: „The Commission concludes that alcohol consumption is incompatible with a healthy lifestyle and is harmful to both public health and societal safety“ (p. 4).</p> <h2>The blurred concept of risk</h2> <p>However, we have left one aspect out of the discussion: The conversation constantly refers to „increased health risks.“ Yet it is rarely specified just <em>how high</em> the risk from alcohol consumption is supposed to be. One could make a similar argument for restricting traffic, since, of course, the risk of a traffic accident also increases with every kilometer traveled by bike or car. Nevertheless, many people get on their bikes or in their cars every day—and, believe it or not, they <em>don’t</em> have an accident!</p> <p>To make a meaningful assessment, one must <em>always</em> weigh the risks or costs against the benefits. Here, the experts acknowledge that people feel better when they consume alcohol and that this is associated with various positive social experiences. However, the commission simply downplays these positive subjective effects, arguing that „third parties may experience them differently“ (p. 30). I see. And when it comes to social events, they note that it is difficult to separate the potential benefits of alcohol consumption from the characteristics of the setting. Oh. In the 49-page report, the benefits of alcohol are covered in less than half a page.</p> <p>The scientifically valid conclusion under such circumstances is that it is not yet possible to conduct a cost-benefit analysis. After all, far too little research has been done on the benefits. But that does not concern the Health Council’s commission.</p> <h2>One-sidedness</h2> <p>The report dismisses, just as superficially, studies cited regarding the possible health benefits of alcohol for cardiovascular diseases. These studies are described as „controversial.“ Furthermore: „The favorable associations <em>could</em> [my emphasis] be partly attributable to other factors and behaviors related to alcohol consumption, as well as to the composition of the reference group“ (p. 19).</p> <p>The same is true in the opposite direction: The negative health effects attributed to alcohol may also be linked to other sociodemographic factors. It is impossible to control for all influencing factors in these broad-scale observational studies. And as we have seen, even the World Health Organization acknowledged the link between illness and poverty among drinkers as early as 2023. Yet virtually no one reports on this.</p> <p>No matter how you look at it, the Dutch Health Council always reaches the same conclusion: If studies highlight the health risks of alcohol, they are considered credible; but if they show no increased risks—or even reduced risks—then the Commission considers them either irrelevant (e.g., mortality and the positive aspects) or controversial (e.g., cardiovascular disease).</p> <p>Although these experts themselves admit that the health risks are low, and even though alcohol consumption is declining, they are calling for increasingly strict measures against alcohol consumption. But how logical is that? The <em>less</em> people drink, the <em>more strictly</em> must lawmakers crack down on alcohol?!</p> <p>That sounds not only one-sided, but also prejudiced—even ideological! In light of this, we should address potential conflicts of interest.</p> <h2>Conflicts of interest</h2> <p>Here, the Health Council took the easy way out and completely excluded <em>all</em> scientific studies as soon as even one of the researchers had received funding from the alcohol industry. Of course, such collaborations must be viewed critically. However, it is also the sad truth that research funding is scarce and that researchers are sometimes dependent on funding from for-profit groups. Nevertheless, agreements can be reached to ensure independent scientific work.</p> <p>On top of that, research in this field is usually conducted by consortia of many—sometimes dozens—of scientists worldwide. To completely ignore such studies simply because <em>one</em> person has a potential conflict of interest is an overreaction. This exaggeration further relativizes the report’s conclusion: Even though a large portion of the studies that may be more favorable toward alcohol are excluded, the bottom line is that the results are relatively modest. Yet these results are presented to the public in an exaggerated manner.</p> <p>If one were to apply the Commission’s own standards to itself, one might as well exclude its report from the discussion. After all, these health research experts are, in a sense, setting the research agenda for themselves and their colleagues. Many of them have already received millions in research funding from the government. And if the government follows their recommendation, funding for further research in the field of public health is likely. In that case, it is precisely these researchers—who are advising the government—who stand a good chance of success.</p> <p>Since the report only summarizes known studies, it would have been easy to commission experts from a different field who did not have such financial conflicts of interest.</p> <h2>Alternatives</h2> <p>Following this section on conflicts of interest, it is also worth mentioning internal competition within the scientific community: The members of this commission aim to improve public health by reducing relatively small risks among as many people as possible. Measures such as higher prices for alcohol and reduced availability therefore affect everyone. As we have already seen, however, this would probably have no effect on mortality rates.</p> <p>One might counter: But deaths are still linked to alcohol consumption. Yes—but mainly among heavy drinkers. Those who are already heavily dependent on the substance are unlikely to be deterred by higher prices or less advertising. And those who are vulnerable to substance abuse due to their psychosocial circumstances might then turn to other, perhaps even more dangerous drugs.</p> <p>The alternative to the perspective on public health research presented here is <em>individual</em> prevention and treatment work. This falls within the realm of addiction medicine and social work. These are, therefore, people who not only write scientific publications and reports for government agencies but actually work with people struggling with substance use.</p> <p>In times of tight budgets, however, this form of therapeutic and social work is increasingly affected by funding cuts. In my opinion, this is already evident in the growing drug problems—which are particularly visible in large cities. In my assessment, public health research—which has been highly dominant in recent years—will further exacerbate these problems.</p> <h2>Balance sheet</h2> <p>If one looks at media coverage—and, to a large extent, scientific reporting as well—the picture is sobering: To reduce the risks (allegedly) associated with alcohol consumption, there are calls for tougher drug policy measures and, of course, more research funding. Yet these risks are relatively small—or even nonexistent—with moderate alcohol consumption, as studies on mortality and <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2802963" rel="noopener">the overall burden of disease have shown</a>. This fact is being withheld from the public.</p> <p>Furthermore, the debate over potential health benefits remains unresolved. Studies continue to emerge—both for <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">certain types of cancer</a> and for <a href="https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehaf1081/8471742" rel="noopener">cardiovascular diseases</a> —that link moderate alcohol consumption to <em>lower</em> risks of these conditions. Statisticians are now debating the proper way to define and select comparison groups. To use an analogy: If Elon Musk sits down next to a homeless person on a park bench, then the people on that park bench have<em>, on average</em>, a fortune worth billions. While this isn’t exactly a lie, it does distort reality.</p> <p>In the scientific debate over the correct conclusion and perspective, some speak of a<a href="https://www.jsad.com/doi/full/10.15288/jsad.23-00411" rel="noopener"> <u>„trench war</u></a>„—and the outcome of this debate affects not only funding and careers, but also policy decisions. The new report by the Dutch Health Council is a good example of this. Upon closer examination, it revealed many shortcomings and, above all, an unscientific bias.</p> <p>Mark Nason, a veteran of alcohol prevention research with over 40 years of experience, is calling <a href="https://www.jsad.com/doi/10.15288/jsad.24-00298" rel="noopener">for greater honesty with the public</a>. He argues that after <em>downplaying</em> the risks of this popular substance for 20 years, they have now <em>been exaggerating</em> them for the past 20 years. In line with this and with my findings, two nutrition researchers from the University of Lisbon <a href="https://www.mdpi.com/2311-5637/12/3/159" rel="noopener">recently</a> wrote: „We conclude that the claim that ‘any amount of alcohol is dangerous’ has no scientific basis.“</p> <h2>A historical perspective</h2> <p>In closing, let’s take a sobering look back at history: A good 100 years ago, the debate over alcohol was just as heated as it is today. Temperance and abstinence societies sprang up everywhere, seeking to protect public health. Today, it’s influencers who generate attention and make money with sensationalist stories.</p> <p>In the battle for media attention in a highly polarized society, reasonable voices are barely heard anymore. Even in the scientific community, there’s a struggle for media attention. Repeating the recommendation for moderate consumption goes unnoticed. A new, extreme message had to be introduced: Every drop of alcohol is harmful!</p> <p>A similar extremism a century ago led the US to Prohibition, endangering the state treasury, strengthening organized crime, corrupting law enforcement, and poisoning many poor people. Interestingly, there were exceptions for obtaining alcohol with a prescription. However, one had to be able to afford it. Doctors and pharmacists suddenly didn’t find whiskey so bad anymore when they could profit handsomely from it.</p> <p>A decade later, in the Northern European countries so concerned with „public health,“ an increasing number of sterilizations were carried out on people deemed to suffer from alcoholism or hereditary diseases. Under the Nazi dictatorship, they could also be stigmatized as „asocials“ by being forced to wear <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychologie-des-kz-dachau/">a <u>black triangle</u></a> and sent to concentration camps. There, they either languished in squalor or were even murdered. Perhaps we will still manage to discuss this topic more sensibly this time around.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Gezondheidsraad-2026-EN-3-2.jpg" /><h1>Health Council: Alcohol Should Be Made Less Accessible » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Is the new recommendation regarding the nation’s number one drug based on sound science or misleading statistics?</strong></p> <span id="more-3635"></span> <p>In 2023, the World Health Organization tightened its recommendations on alcohol consumption. „<a href="https://www.who.int/europe/news/item/04-01-2023-no-level-of-alcohol-consumption-is-safe-for-our-health" rel="noopener">No level of alcohol consumption is safe for our health</a>,“ was the pithy, media-friendly statement. Does that mean we should also avoid ripe bananas and other fruits that naturally contain alcohol? And what about medications that contain it?</p> <p>This is a very complex issue. The 2023 press release already mentioned that alcohol appears to be more harmful to poorer people than to wealthier ones. Could the reported health risks stem not only from the substance itself, but also from lifestyle factors and access to healthcare? Such nuances are easily lost in media reports.</p> <h2>New recommendation</h2> <p>On June 25, the Dutch Health Council issued a <a href="https://www.gezondheidsraad.nl/adviesonderwerpen/gezondheidgerelateerd-gedrag/alcohol-en-gezondheid-in-brede-zin" rel="noopener">new recommendation</a> to the Ministry of Health. According to the recommendation, alcohol should be made less accessible. As with cigarettes, the council proposed price increases, plain packaging, and restricting sales to specialty stores. These measures would also apply to beer and wine. In addition, advertising is to be further restricted.</p> <p>In short, the ministry is supposed to „denormalize“ alcohol and discourage its consumption among the general public. Since the new report summarizes international studies, it is also of interest to other countries—and for us, it’s a welcome opportunity to take a closer look at so-called public health research.<aside></aside></p> <p>In Germany, too, there are increasing signs of a crackdown. For example, Federal Drug Commissioner Hendrik Streeck has repeatedly criticized the Youth Protection Act: Section 9, paragraph 2 of the Act allows 14-year-olds to drink beer and wine in public when accompanied by a parent or legal guardian.</p> <p>Now people are saying that this is inconsistent with new studies on brain development. In my <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">new book</a>, I’ve highlighted how arbitrarily brain growth is invoked in political debates today.</p> <h2>Bans in a neighboring country</h2> <p>In light of these efforts in Germany, it is interesting to take a look at the Netherlands. There, the age limit for purchasing and consuming alcoholic beverages was raised from 16 to 18 as recently as 2013. In 2021, the rules governing advertising were tightened, particularly with regard to discount promotions.</p> <p>While there is a general trend toward declining alcohol consumption in many countries, around 40 percent of 12- to 16-year-olds in the Netherlands had tried alcohol despite the bans mentioned above. Incidentally, it’s not uncommon for them to get their hands on the „stuff“—from their parents. The National Drug Monitor summarizes it this <a href="https://www.nationaledrugmonitor.nl/alcohol-gebruik-jongeren-en-jongvolwassenen/" rel="noopener">way</a>: „Schoolchildren are on average 12.9 years old when they first start drinking, and on average 13.8 years old when they start drinking <em>weekly</em>.“ Yet another outstanding result for a drug ban!</p> <p>On the other hand, there are restrictions: For example, parents cannot buy a bottle of wine to go with dinner while shopping at the supermarket if they have a minor child with them. This is because, when paying at the register, <em>everyone</em> in the group must be of legal drinking age, and those under 25 must also prove it with identification. Of course, teenagers would never think of leaving their underage friends waiting outside.</p> <p>And in sports clubs, for example, greater care must be taken to ensure that 16- or 17-year-old friends don’t accidentally get a sip alongside the 18-year-olds. Otherwise, this poses a threat to public health, for which the club could be publicly condemned. Even in rural areas, mayors are under pressure to strictly enforce the rules. But they know that if young people’s opportunities to party are restricted, they’ll simply head to the cities in greater numbers.</p> <p>Given all this effort, one would hope that the scientific evidence regarding the (alleged) threat to public health posed by alcohol is solid. Or is it not? Let’s take a closer look at the new report from the Dutch Health Council.</p> <h2>Science put to the test</h2> <p>Here, too, the World Health Organization’s mantra—in effect since 2023—is reiterated: „There is no safe lower limit for alcohol consumption“ (p. 3). And more specifically: „This means that drinking even a single glass of alcohol carries health risks.“</p> <p>However, the same page also includes the following qualifying statement: „Alcohol consumption <em>can</em> [my emphasis] have adverse consequences for health and society.“ And on the next page, we find: „At the individual level, these risks are relatively small.“ Aha! Yet the Commission turns these relatively small risks into a major problem because so many people consume alcohol.</p> <p>This is where the report’s first flaw becomes apparent: The experts act as if it were possible to influence a single risk factor—in this case, alcohol consumption—in isolation. But we must ask ourselves what people do <em>instead</em> when they drink less alcohol, and whether that is healthier overall.</p> <p>At the same time, we generally observe that the <em>steady decline</em> in alcohol consumption goes hand in hand with a <em>sharp increase</em> in the use of psychopharmacological and hard drugs. For example, prescriptions for so-called antidepressants in Germany have increased elevenfold since the 1980s, reaching <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/fakten-check-depressionen-antidepressiva-und-suizidalitaet/" rel="noopener">1.8 billion daily doses</a>. That is enough to treat five million people <em>daily</em>. Diagnoses of attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) have been rising rapidly since the 1990s and have now <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-diagnosen-versechsfachung-bei-jungen-frauen-verdreifachung-bei-den-maennern/" rel="noopener">multiplied among adults</a>, particularly since the COVID pandemic. This is often accompanied by prescriptions for stimulants such as methylphenidate (e.g., in Ritalin) or amphetamine (also known as the street drug „speed“).</p> <h2>Alcohol substitute</h2> <p>Such trends do not in and of themselves prove a causal relationship along the lines of: „<em>Because</em> people are drinking less, they are now taking more psychotropic drugs and other drugs.“ Yet the connection is not entirely implausible. For example, even a regular beer is now considered „toxic“ in some circles. This is also, relatively directly, the message of the highly official recommendations cited above.</p> <p>At festivals, some people now prefer to take one ecstasy pill a day. Because of the rising cost of alcoholic beverages, this is often even cheaper. And other designer drugs and cocaine are being used more and more frequently, especially among teenagers and young adults.</p> <p>For thousands of years, alcohol has been a traditional remedy for mild depression, anxiety, and shyness. When necessary, people would drink to give themselves courage. Like the stimulants mentioned above, alcohol (ethanol) also affects the reward system, which is why consuming it often makes people feel better. For many people, ecstasy in particular creates a stronger sense of connection.</p> <p>Many of these neurotransmitter systems overlap in the brain. That is why, for example, benzodiazepines—which promote sleep and relieve anxiety—can also be used to treat severe alcohol withdrawal. Like alcohol, they act on the so-called GABA receptors, which calm the nervous system.</p> <p>So it’s rather short-sighted to focus <em>solely</em> on alcohol consumption, as the Health Council does. One must also consider the broader consequences of these measures. This is especially true when one claims to be acting in the interest of public health.</p> <h2>Burden of disease</h2> <p>Earlier, we already noted an inherent contradiction between, on the one hand, the warning against <em>even a single</em> glass of alcohol and, on the other hand, the relatively low health risks—at least when consumed in moderation. If the mantra that there is no safe lower limit is so central, then hopefully at least that is firmly substantiated!</p> <p>Here, the Health Council’s report cites numerous studies on increased health risks for seven types of cancer and several other diseases. But the bottom line—believe it or not—is that numerous studies show <em>no</em> difference in mortality rates for moderate to medium alcohol consumption. This is explicitly stated on page 22:</p> <blockquote> <p>„Among women, daily alcohol consumption of up to 25 grams was not associated with overall mortality compared to lifelong abstainers. Consumption of more than 25 grams of alcohol per day was associated with an increased risk of death. For men, no association with overall mortality was found for daily alcohol consumption of up to 45 grams. An increased risk of death was observed for consumption of 45 grams of alcohol or more per day.“ (Dutch Health Council, June 2026)</p> </blockquote> <p>It’s important to keep this in mind: Before the World Health Organization’s new initiative in 2023, an average of 10 grams of alcohol per day for women and 20 grams for men was considered „low-risk consumption.“ The figures cited in this report are <em>twice</em> as high and—assuming an alcohol content of 5 percent—equate to 0.6 liters of beer per day for women and 1.1 liters for men!</p> <p>But how does this square with the mantra that „there is no such thing as risk-free alcohol consumption“ when mortality only increases in a statistically significant way beyond such large quantities? Nevertheless, the Health Council experts asserted: „The Commission concludes that alcohol consumption is incompatible with a healthy lifestyle and is harmful to both public health and societal safety“ (p. 4).</p> <h2>The blurred concept of risk</h2> <p>However, we have left one aspect out of the discussion: The conversation constantly refers to „increased health risks.“ Yet it is rarely specified just <em>how high</em> the risk from alcohol consumption is supposed to be. One could make a similar argument for restricting traffic, since, of course, the risk of a traffic accident also increases with every kilometer traveled by bike or car. Nevertheless, many people get on their bikes or in their cars every day—and, believe it or not, they <em>don’t</em> have an accident!</p> <p>To make a meaningful assessment, one must <em>always</em> weigh the risks or costs against the benefits. Here, the experts acknowledge that people feel better when they consume alcohol and that this is associated with various positive social experiences. However, the commission simply downplays these positive subjective effects, arguing that „third parties may experience them differently“ (p. 30). I see. And when it comes to social events, they note that it is difficult to separate the potential benefits of alcohol consumption from the characteristics of the setting. Oh. In the 49-page report, the benefits of alcohol are covered in less than half a page.</p> <p>The scientifically valid conclusion under such circumstances is that it is not yet possible to conduct a cost-benefit analysis. After all, far too little research has been done on the benefits. But that does not concern the Health Council’s commission.</p> <h2>One-sidedness</h2> <p>The report dismisses, just as superficially, studies cited regarding the possible health benefits of alcohol for cardiovascular diseases. These studies are described as „controversial.“ Furthermore: „The favorable associations <em>could</em> [my emphasis] be partly attributable to other factors and behaviors related to alcohol consumption, as well as to the composition of the reference group“ (p. 19).</p> <p>The same is true in the opposite direction: The negative health effects attributed to alcohol may also be linked to other sociodemographic factors. It is impossible to control for all influencing factors in these broad-scale observational studies. And as we have seen, even the World Health Organization acknowledged the link between illness and poverty among drinkers as early as 2023. Yet virtually no one reports on this.</p> <p>No matter how you look at it, the Dutch Health Council always reaches the same conclusion: If studies highlight the health risks of alcohol, they are considered credible; but if they show no increased risks—or even reduced risks—then the Commission considers them either irrelevant (e.g., mortality and the positive aspects) or controversial (e.g., cardiovascular disease).</p> <p>Although these experts themselves admit that the health risks are low, and even though alcohol consumption is declining, they are calling for increasingly strict measures against alcohol consumption. But how logical is that? The <em>less</em> people drink, the <em>more strictly</em> must lawmakers crack down on alcohol?!</p> <p>That sounds not only one-sided, but also prejudiced—even ideological! In light of this, we should address potential conflicts of interest.</p> <h2>Conflicts of interest</h2> <p>Here, the Health Council took the easy way out and completely excluded <em>all</em> scientific studies as soon as even one of the researchers had received funding from the alcohol industry. Of course, such collaborations must be viewed critically. However, it is also the sad truth that research funding is scarce and that researchers are sometimes dependent on funding from for-profit groups. Nevertheless, agreements can be reached to ensure independent scientific work.</p> <p>On top of that, research in this field is usually conducted by consortia of many—sometimes dozens—of scientists worldwide. To completely ignore such studies simply because <em>one</em> person has a potential conflict of interest is an overreaction. This exaggeration further relativizes the report’s conclusion: Even though a large portion of the studies that may be more favorable toward alcohol are excluded, the bottom line is that the results are relatively modest. Yet these results are presented to the public in an exaggerated manner.</p> <p>If one were to apply the Commission’s own standards to itself, one might as well exclude its report from the discussion. After all, these health research experts are, in a sense, setting the research agenda for themselves and their colleagues. Many of them have already received millions in research funding from the government. And if the government follows their recommendation, funding for further research in the field of public health is likely. In that case, it is precisely these researchers—who are advising the government—who stand a good chance of success.</p> <p>Since the report only summarizes known studies, it would have been easy to commission experts from a different field who did not have such financial conflicts of interest.</p> <h2>Alternatives</h2> <p>Following this section on conflicts of interest, it is also worth mentioning internal competition within the scientific community: The members of this commission aim to improve public health by reducing relatively small risks among as many people as possible. Measures such as higher prices for alcohol and reduced availability therefore affect everyone. As we have already seen, however, this would probably have no effect on mortality rates.</p> <p>One might counter: But deaths are still linked to alcohol consumption. Yes—but mainly among heavy drinkers. Those who are already heavily dependent on the substance are unlikely to be deterred by higher prices or less advertising. And those who are vulnerable to substance abuse due to their psychosocial circumstances might then turn to other, perhaps even more dangerous drugs.</p> <p>The alternative to the perspective on public health research presented here is <em>individual</em> prevention and treatment work. This falls within the realm of addiction medicine and social work. These are, therefore, people who not only write scientific publications and reports for government agencies but actually work with people struggling with substance use.</p> <p>In times of tight budgets, however, this form of therapeutic and social work is increasingly affected by funding cuts. In my opinion, this is already evident in the growing drug problems—which are particularly visible in large cities. In my assessment, public health research—which has been highly dominant in recent years—will further exacerbate these problems.</p> <h2>Balance sheet</h2> <p>If one looks at media coverage—and, to a large extent, scientific reporting as well—the picture is sobering: To reduce the risks (allegedly) associated with alcohol consumption, there are calls for tougher drug policy measures and, of course, more research funding. Yet these risks are relatively small—or even nonexistent—with moderate alcohol consumption, as studies on mortality and <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2802963" rel="noopener">the overall burden of disease have shown</a>. This fact is being withheld from the public.</p> <p>Furthermore, the debate over potential health benefits remains unresolved. Studies continue to emerge—both for <a href="https://acsjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/cncr.70201" rel="noopener">certain types of cancer</a> and for <a href="https://academic.oup.com/eurheartj/advance-article/doi/10.1093/eurheartj/ehaf1081/8471742" rel="noopener">cardiovascular diseases</a> —that link moderate alcohol consumption to <em>lower</em> risks of these conditions. Statisticians are now debating the proper way to define and select comparison groups. To use an analogy: If Elon Musk sits down next to a homeless person on a park bench, then the people on that park bench have<em>, on average</em>, a fortune worth billions. While this isn’t exactly a lie, it does distort reality.</p> <p>In the scientific debate over the correct conclusion and perspective, some speak of a<a href="https://www.jsad.com/doi/full/10.15288/jsad.23-00411" rel="noopener"> <u>„trench war</u></a>„—and the outcome of this debate affects not only funding and careers, but also policy decisions. The new report by the Dutch Health Council is a good example of this. Upon closer examination, it revealed many shortcomings and, above all, an unscientific bias.</p> <p>Mark Nason, a veteran of alcohol prevention research with over 40 years of experience, is calling <a href="https://www.jsad.com/doi/10.15288/jsad.24-00298" rel="noopener">for greater honesty with the public</a>. He argues that after <em>downplaying</em> the risks of this popular substance for 20 years, they have now <em>been exaggerating</em> them for the past 20 years. In line with this and with my findings, two nutrition researchers from the University of Lisbon <a href="https://www.mdpi.com/2311-5637/12/3/159" rel="noopener">recently</a> wrote: „We conclude that the claim that ‘any amount of alcohol is dangerous’ has no scientific basis.“</p> <h2>A historical perspective</h2> <p>In closing, let’s take a sobering look back at history: A good 100 years ago, the debate over alcohol was just as heated as it is today. Temperance and abstinence societies sprang up everywhere, seeking to protect public health. Today, it’s influencers who generate attention and make money with sensationalist stories.</p> <p>In the battle for media attention in a highly polarized society, reasonable voices are barely heard anymore. Even in the scientific community, there’s a struggle for media attention. Repeating the recommendation for moderate consumption goes unnoticed. A new, extreme message had to be introduced: Every drop of alcohol is harmful!</p> <p>A similar extremism a century ago led the US to Prohibition, endangering the state treasury, strengthening organized crime, corrupting law enforcement, and poisoning many poor people. Interestingly, there were exceptions for obtaining alcohol with a prescription. However, one had to be able to afford it. Doctors and pharmacists suddenly didn’t find whiskey so bad anymore when they could profit handsomely from it.</p> <p>A decade later, in the Northern European countries so concerned with „public health,“ an increasing number of sterilizations were carried out on people deemed to suffer from alcoholism or hereditary diseases. Under the Nazi dictatorship, they could also be stigmatized as „asocials“ by being forced to wear <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zur-psychologie-des-kz-dachau/">a <u>black triangle</u></a> and sent to concentration camps. There, they either languished in squalor or were even murdered. Perhaps we will still manage to discuss this topic more sensibly this time around.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/health-council-alcohol-should-be-made-less-accessible/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Kopf auf Dauerschleife: Warum haben wir Ohrwürmer? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopf-auf-dauerschleife-warum-haben-wir-ohrwuermer/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopf-auf-dauerschleife-warum-haben-wir-ohrwuermer/#comments Mon, 29 Jun 2026 08:20:00 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6070 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/young-girl-is-ear-picking-with-cotton-swab-blue-wall-studio-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopf-auf-dauerschleife-warum-haben-wir-ohrwuermer/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/young-girl-is-ear-picking-with-cotton-swab-blue-wall-studio-1024x683.jpg" /><h1>Kopf auf Dauerschleife: Warum haben wir Ohrwürmer? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Wer kennt es nicht? Manche Lieder lassen uns einfach nicht mehr los. Seit Tagen läuft in meinem Kopf immer wieder Suzie Q von Creedence Clearwater Revival auf Dauerschleife. Manchmal denke ich schon, jetzt ist es vorbei. Aber sobald der nächste Gedanke in Richtung Musik wandert, ist er wieder da: der Ohrwurm. Und zwar ein wirklich hartnäckiger! Egal wie oft ich versuche, an etwas anderes zu denken. Es scheint aussichtslos. Da heißt es wohl abwarten und hoffen, dass es bald ein Ende hat. Immerhin ist es ein verdammt gutes Lied, das sich da in meinem Kopf festgesetzt hat. Aber warum ist das eigentlich so? Warum beißen sich manche Lieder so fest in unsere Gedanken, dass wir sie Ohrwurm nennen?</p> <h2><strong>Das Tonband im Kopf</strong></h2> <p>Der Ursprung des Ohrwurms hat viel damit zu tun, wie unser Arbeitsgedächtnis funktioniert. Verantwortlich dafür ist die sogenannte phonologische Schleife (<em>Phonological Loop</em>). Das ist ein Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses, den man sich wie ein imaginäres Tonband vorstellen kann. Dieses Tonband läuft im Alltag ununterbrochen im Hintergrund. Wir brauchen es, um uns eine Telefonnummer im Kopf mehrmals vorzusagen, bis wir einen Stift gefunden haben, oder um die Sätze zu verstehen, die unser Gegenüber gerade spricht. Also damit, wenn wir das Ende hören, uns der Anfang noch präsent ist. [1] Normalerweise wird das Band danach sofort wieder gelöscht.</p> <p>Musik hat allerdings Eigenschaften, die unser Gehirn fast magisch anziehen. Sie ist rhythmisch, wiederholt sich ständig und löst Emotionen aus. Wenn wir ein Lied mit einer besonders eingängigen Melodie hören (zum Beispiel eben der geniale Riff gleich zu Beginn von Suzie Q) verfängt sich diese Tonfolge in unserer phonologischen Schleife. Das Gehirn fängt an, das Tonband unbewusst im Kreis abzuspielen. Es entsteht ein mentaler Juckreiz, und das Gehirn versucht ihn zu kratzen, indem es uns das Lied immer wieder innerlich vorsingt. Und warum können wir nicht einfach aufhören?</p> <h2><strong>Der Zeigarnik-Effekt</strong></h2> <p>Die Antwort darauf liefert eine bekannte Theorie aus der Psychologie: der <strong>Zeigarnik-Effekt</strong>. Die Forscherin Bluma Zeigarnik fand heraus, dass unser Gehirn eine fundamentale Eigenschaft hat. Es hasst unvollendete Aufgaben. Unerledigte Dinge bleiben im Gedächtnis extrem präsent, während erledigte Aufgaben sofort gelöscht werden. [3] Und genau da sitzt die Schwachstelle, an der sich der Ohrwurm festbeißt. Aus der Musikpsychologie wissen wir, dass wir selten einen ganzen Song als Ohrwurm haben. Meistens sind es nur Fragmente, ein paar Sekunden des Refrains oder, wie bei mir gerade, der markante Gitarrenriff am Anfang. </p> <p>Wenn wir das Lied irgendwo im Radio oder beim Vorbeigehen kurz aufgeschnappt haben, hat unser Gehirn oft nur diesen einen Ausschnitt parat. Und der läuft nun auf Dauerschleife. Da wir das Ende des Liedes in diesem Moment womöglich nicht im Kopf haben, stuft unser Hirn den Song als „unvollendete Aufgabe“ ein. Die phonologische Schleife springt an, um das Rätsel zu lösen. <aside></aside></p> <div><figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-scaled.jpg"><img alt="Manchmal sitzen Ohrwürmer so fest, dass es zum Verzweifeln sein kann." decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-1536x902.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-2048x1203.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure><div> <p>Und weil sie das Ende nicht findet, fängt sie am Ende des bekannten Fragments einfach wieder von vorne an. Schon sind wir in einer Dauerschleife gefangen. Der Ohrwurm. [4]</p> <p>Bildquelle: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head_26771115.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=4b258256-f894-4326-9359-849b53ac326c&amp;query=earworm+music" rel="noopener">Image by kues1 on Magnific</a></p> </div></div> <h2><strong>Halluzinierte Melodien</strong></h2> <p>Was allerdings noch spannend bleibt, ist die Frage, wie wir überhaupt etwas hören können, das eigentlich überhaupt nicht da ist. Was passiert im Gehirn, wenn wir den Ohrwurm “hören”? Mithilfe funktioneller MRT-Untersuchungen, durch die wir sehen können, wo im Hirn erhöhte Aktivität zu finden ist, hat die Neurowissenschaft eine spannende Beobachtung gemacht. Ein Ohrwurm ist keine reine Einbildung, nicht bloß ein abstrakter Gedanke oder die Idee des Songs. Wenn wir einen Ohrwurm haben, dann hören wir das Lied gewissermaßen tatsächlich. [2] </p> <p>In den Hirnscans können wir sehen, dass eben das Areal, das beim wirklichen Musikhören aktiv ist, auch hier aktiviert wird: der primäre auditorische Kortex, die Hörrinde. Gleichzeitig kommt auch der tiefer liegende Hippocampus ins Spiel, der zentral für das Gedächtnis ist. Er speichert die Erinnerung an das Lied ab und triggert die Hörrinde im Falle des Ohrwurms “den Song nochmal zu spielen”.</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Primary_auditory_cortex_-_animation.gif"><img alt="" data-id="6081" decoding="async" height="300" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Primary_auditory_cortex_-_animation.gif" width="300"></img></a><figcaption>Die primäre Hörrinde in der linken Hirnhälfte. [5]</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hippocampus-1.gif"><img alt="" data-id="4593" decoding="async" height="600" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hippocampus-1.gif" width="600"></img></a><figcaption>Der Hippocampus im Inneren unseres Hirns. [6]</figcaption></figure> </figure> <p> Zusätzlich findet im Hirn eine spannende Rückkopplung statt. Wenn wir im Kopf Mitsingen spannen wir unbewusst die Muskeln unseres Kehlkopfs und rund um die Stimmbänder ganz leicht an. Diese minimale körperliche Reaktion reicht, dass die motorischen Areale, die nun aktiv werden, wiederum Signale zurück an die Hörrinde senden. Diese Signale nennen wir Efferenzkopien. Sie teilen der Hörrinde mit, dass akustische Signale erzeugt werden. Das Gehirn feuert also einen Reiz ab, der Körper reagiert minimal und füttert schließlich die phonologische Schleife selbst direkt wieder von vorne. Der Ohrwurm geht weiter und weiter. Das System erhält sich also selbst.</p> <h2><strong>Das Gehirn schläft nicht</strong></h2> <p>Das Phänomen <em>Ohrwurm</em> zeigt uns, wie aktiv unser Gehirn selbst dann ist, wenn wir meinen, an gar nichts zu denken. Ohrwürmer treten nämlich besonders dann auf, wenn unser Kopf entweder unterfordert (beim Zähneputzen oder Spazierengehen) oder völlig überfordert (bei Stress) ist. In beiden Fällen sucht sich das Gehirn ein vertrautes, rhythmisches Muster, um sich entweder zu beschäftigen oder zu beruhigen.</p> <p>Unser Gehirn ist sogar  evolutionär darauf programmiert. Bevor die Menschheit die Schrift erfand, mussten Geschichten, Wissen und Traditionen über Generationen hinweg durch Gesang und Rhythmus weitergegeben werden. Unser Kopf liebt Melodien, weil er sich Informationen so am besten merken kann. An diese grundlegenden neuronalen Verschaltungen knüpft der Ohrwurm an.</p> <h2><strong>Und wie schalte ich das Kopfradio wieder aus?</strong></h2> <p>Das nächste Mal, wenn dir ein Song den letzten Nerv raubt, ärgere dich also nicht. Es ist nur dein Gehirn, das versucht, eine offene Akte in deinem Gedächtnis zu schließen.</p> <p>Und wenn dich der Ohrwurm zu sehr nervt, ist hier ein praktischer Tipp, wie du den Zeigarnik-Effekt austricksen kannst. Du musst dir das Lied, das in deinem Kopf feststeckt, einmal ganz bewusst von Anfang bis ganz zum Ende anhören. Sobald dein Gehirn das echte Finale hört, hakt es die Aufgabe als „erledigt“ ab. Das Tonband stoppt, die Akte wird geschlossen – und im Kopf ist endlich wieder Ruhe. Zumindest so lange, bis der nächste Ohrwurm anbeißt.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1] Baddeley, A. (2000). <em>The episodic buffer: a new component of working memory?</em> Trends in Cognitive Sciences, 4(11), 417-423.</p> <p>[2] Kraemer, D. J., Macrae, C. N., Green, A. E., &amp; Kelley, W. M. (2005). <em>Musical imagery: Sound of silence activates auditory cortex.</em> Nature, 434(7030), 158-158.</p> <p>[3] Zeigarnik, B. (1927). <em>Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen.</em> Psychologische Forschung, 9(1), 1-85.</p> <p>[4] Williamson, V. J., et al. (2012). <em>How do „earworms“ start? Classifying the everyday triggers of Involuntary Musical Imagery (INMI).</em> Psychology of Music, 40(3), 259-284.</p> <p>[5] <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primary_auditory_cortex_-_animation.gif" rel="noopener">Bildquelle </a></p> <p>[6] <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hippocampus.gif" rel="noopener">Bildquelle</a></p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/young-girl-is-ear-picking-with-cotton-swab-blue-wall-studio_7957225.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=8405a21c-647e-4333-8ad7-1339a5d94d5a&amp;query=earworm" rel="noopener">Image by jcomp on Magnific</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/young-girl-is-ear-picking-with-cotton-swab-blue-wall-studio-1024x683.jpg" /><h1>Kopf auf Dauerschleife: Warum haben wir Ohrwürmer? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Wer kennt es nicht? Manche Lieder lassen uns einfach nicht mehr los. Seit Tagen läuft in meinem Kopf immer wieder Suzie Q von Creedence Clearwater Revival auf Dauerschleife. Manchmal denke ich schon, jetzt ist es vorbei. Aber sobald der nächste Gedanke in Richtung Musik wandert, ist er wieder da: der Ohrwurm. Und zwar ein wirklich hartnäckiger! Egal wie oft ich versuche, an etwas anderes zu denken. Es scheint aussichtslos. Da heißt es wohl abwarten und hoffen, dass es bald ein Ende hat. Immerhin ist es ein verdammt gutes Lied, das sich da in meinem Kopf festgesetzt hat. Aber warum ist das eigentlich so? Warum beißen sich manche Lieder so fest in unsere Gedanken, dass wir sie Ohrwurm nennen?</p> <h2><strong>Das Tonband im Kopf</strong></h2> <p>Der Ursprung des Ohrwurms hat viel damit zu tun, wie unser Arbeitsgedächtnis funktioniert. Verantwortlich dafür ist die sogenannte phonologische Schleife (<em>Phonological Loop</em>). Das ist ein Teil unseres Kurzzeitgedächtnisses, den man sich wie ein imaginäres Tonband vorstellen kann. Dieses Tonband läuft im Alltag ununterbrochen im Hintergrund. Wir brauchen es, um uns eine Telefonnummer im Kopf mehrmals vorzusagen, bis wir einen Stift gefunden haben, oder um die Sätze zu verstehen, die unser Gegenüber gerade spricht. Also damit, wenn wir das Ende hören, uns der Anfang noch präsent ist. [1] Normalerweise wird das Band danach sofort wieder gelöscht.</p> <p>Musik hat allerdings Eigenschaften, die unser Gehirn fast magisch anziehen. Sie ist rhythmisch, wiederholt sich ständig und löst Emotionen aus. Wenn wir ein Lied mit einer besonders eingängigen Melodie hören (zum Beispiel eben der geniale Riff gleich zu Beginn von Suzie Q) verfängt sich diese Tonfolge in unserer phonologischen Schleife. Das Gehirn fängt an, das Tonband unbewusst im Kreis abzuspielen. Es entsteht ein mentaler Juckreiz, und das Gehirn versucht ihn zu kratzen, indem es uns das Lied immer wieder innerlich vorsingt. Und warum können wir nicht einfach aufhören?</p> <h2><strong>Der Zeigarnik-Effekt</strong></h2> <p>Die Antwort darauf liefert eine bekannte Theorie aus der Psychologie: der <strong>Zeigarnik-Effekt</strong>. Die Forscherin Bluma Zeigarnik fand heraus, dass unser Gehirn eine fundamentale Eigenschaft hat. Es hasst unvollendete Aufgaben. Unerledigte Dinge bleiben im Gedächtnis extrem präsent, während erledigte Aufgaben sofort gelöscht werden. [3] Und genau da sitzt die Schwachstelle, an der sich der Ohrwurm festbeißt. Aus der Musikpsychologie wissen wir, dass wir selten einen ganzen Song als Ohrwurm haben. Meistens sind es nur Fragmente, ein paar Sekunden des Refrains oder, wie bei mir gerade, der markante Gitarrenriff am Anfang. </p> <p>Wenn wir das Lied irgendwo im Radio oder beim Vorbeigehen kurz aufgeschnappt haben, hat unser Gehirn oft nur diesen einen Ausschnitt parat. Und der läuft nun auf Dauerschleife. Da wir das Ende des Liedes in diesem Moment womöglich nicht im Kopf haben, stuft unser Hirn den Song als „unvollendete Aufgabe“ ein. Die phonologische Schleife springt an, um das Rätsel zu lösen. <aside></aside></p> <div><figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-scaled.jpg"><img alt="Manchmal sitzen Ohrwürmer so fest, dass es zum Verzweifeln sein kann." decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-1536x902.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head-2048x1203.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure><div> <p>Und weil sie das Ende nicht findet, fängt sie am Ende des bekannten Fragments einfach wieder von vorne an. Schon sind wir in einer Dauerschleife gefangen. Der Ohrwurm. [4]</p> <p>Bildquelle: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/feeling-stressed-anxious-scared-with-hands-head_26771115.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=4b258256-f894-4326-9359-849b53ac326c&amp;query=earworm+music" rel="noopener">Image by kues1 on Magnific</a></p> </div></div> <h2><strong>Halluzinierte Melodien</strong></h2> <p>Was allerdings noch spannend bleibt, ist die Frage, wie wir überhaupt etwas hören können, das eigentlich überhaupt nicht da ist. Was passiert im Gehirn, wenn wir den Ohrwurm “hören”? Mithilfe funktioneller MRT-Untersuchungen, durch die wir sehen können, wo im Hirn erhöhte Aktivität zu finden ist, hat die Neurowissenschaft eine spannende Beobachtung gemacht. Ein Ohrwurm ist keine reine Einbildung, nicht bloß ein abstrakter Gedanke oder die Idee des Songs. Wenn wir einen Ohrwurm haben, dann hören wir das Lied gewissermaßen tatsächlich. [2] </p> <p>In den Hirnscans können wir sehen, dass eben das Areal, das beim wirklichen Musikhören aktiv ist, auch hier aktiviert wird: der primäre auditorische Kortex, die Hörrinde. Gleichzeitig kommt auch der tiefer liegende Hippocampus ins Spiel, der zentral für das Gedächtnis ist. Er speichert die Erinnerung an das Lied ab und triggert die Hörrinde im Falle des Ohrwurms “den Song nochmal zu spielen”.</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Primary_auditory_cortex_-_animation.gif"><img alt="" data-id="6081" decoding="async" height="300" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Primary_auditory_cortex_-_animation.gif" width="300"></img></a><figcaption>Die primäre Hörrinde in der linken Hirnhälfte. [5]</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hippocampus-1.gif"><img alt="" data-id="4593" decoding="async" height="600" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Hippocampus-1.gif" width="600"></img></a><figcaption>Der Hippocampus im Inneren unseres Hirns. [6]</figcaption></figure> </figure> <p> Zusätzlich findet im Hirn eine spannende Rückkopplung statt. Wenn wir im Kopf Mitsingen spannen wir unbewusst die Muskeln unseres Kehlkopfs und rund um die Stimmbänder ganz leicht an. Diese minimale körperliche Reaktion reicht, dass die motorischen Areale, die nun aktiv werden, wiederum Signale zurück an die Hörrinde senden. Diese Signale nennen wir Efferenzkopien. Sie teilen der Hörrinde mit, dass akustische Signale erzeugt werden. Das Gehirn feuert also einen Reiz ab, der Körper reagiert minimal und füttert schließlich die phonologische Schleife selbst direkt wieder von vorne. Der Ohrwurm geht weiter und weiter. Das System erhält sich also selbst.</p> <h2><strong>Das Gehirn schläft nicht</strong></h2> <p>Das Phänomen <em>Ohrwurm</em> zeigt uns, wie aktiv unser Gehirn selbst dann ist, wenn wir meinen, an gar nichts zu denken. Ohrwürmer treten nämlich besonders dann auf, wenn unser Kopf entweder unterfordert (beim Zähneputzen oder Spazierengehen) oder völlig überfordert (bei Stress) ist. In beiden Fällen sucht sich das Gehirn ein vertrautes, rhythmisches Muster, um sich entweder zu beschäftigen oder zu beruhigen.</p> <p>Unser Gehirn ist sogar  evolutionär darauf programmiert. Bevor die Menschheit die Schrift erfand, mussten Geschichten, Wissen und Traditionen über Generationen hinweg durch Gesang und Rhythmus weitergegeben werden. Unser Kopf liebt Melodien, weil er sich Informationen so am besten merken kann. An diese grundlegenden neuronalen Verschaltungen knüpft der Ohrwurm an.</p> <h2><strong>Und wie schalte ich das Kopfradio wieder aus?</strong></h2> <p>Das nächste Mal, wenn dir ein Song den letzten Nerv raubt, ärgere dich also nicht. Es ist nur dein Gehirn, das versucht, eine offene Akte in deinem Gedächtnis zu schließen.</p> <p>Und wenn dich der Ohrwurm zu sehr nervt, ist hier ein praktischer Tipp, wie du den Zeigarnik-Effekt austricksen kannst. Du musst dir das Lied, das in deinem Kopf feststeckt, einmal ganz bewusst von Anfang bis ganz zum Ende anhören. Sobald dein Gehirn das echte Finale hört, hakt es die Aufgabe als „erledigt“ ab. Das Tonband stoppt, die Akte wird geschlossen – und im Kopf ist endlich wieder Ruhe. Zumindest so lange, bis der nächste Ohrwurm anbeißt.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1] Baddeley, A. (2000). <em>The episodic buffer: a new component of working memory?</em> Trends in Cognitive Sciences, 4(11), 417-423.</p> <p>[2] Kraemer, D. J., Macrae, C. N., Green, A. E., &amp; Kelley, W. M. (2005). <em>Musical imagery: Sound of silence activates auditory cortex.</em> Nature, 434(7030), 158-158.</p> <p>[3] Zeigarnik, B. (1927). <em>Das Behalten erledigter und unerledigter Handlungen.</em> Psychologische Forschung, 9(1), 1-85.</p> <p>[4] Williamson, V. J., et al. (2012). <em>How do „earworms“ start? Classifying the everyday triggers of Involuntary Musical Imagery (INMI).</em> Psychology of Music, 40(3), 259-284.</p> <p>[5] <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primary_auditory_cortex_-_animation.gif" rel="noopener">Bildquelle </a></p> <p>[6] <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hippocampus.gif" rel="noopener">Bildquelle</a></p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/young-girl-is-ear-picking-with-cotton-swab-blue-wall-studio_7957225.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=2&amp;uuid=8405a21c-647e-4333-8ad7-1339a5d94d5a&amp;query=earworm" rel="noopener">Image by jcomp on Magnific</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/kopf-auf-dauerschleife-warum-haben-wir-ohrwuermer/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Hirnmodelle: Gedanken aus der Petrischale? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hirnmodelle-kuenstliche-gedanken/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hirnmodelle-kuenstliche-gedanken/#respond Sun, 28 Jun 2026 21:43:47 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6086 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-21.54.33-e1782679909385-768x904.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hirnmodelle-kuenstliche-gedanken/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-21.54.33-e1782679909385.jpeg" /><h1>Hirnmodelle: Gedanken aus der Petrischale? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir einen Hirnforscher vor. </p> <p>Lässt du dich von Filmen und Büchern inspirieren?<br></br>Denkst du vielleicht an einen verrückten Bösewicht, der in seinem dunklen und gruseligen Labor ganze Regale voller Einmachgläser mit Gehirnen in giftgrünen Flüssigkeiten lagert? <br></br>Ja – dann hat deine Vorstellung mehr und gleichzeitig weniger mit der Realität zu tun, als du vielleicht denken magst. <br></br>Tatsächlich werden Gehirne für viele Forschungsfragen verwendet, um aber nicht zu Bösewichten werden zu müssen, greifen Forschungsgruppen auf verschiedene Gehirnmodelle zurück: von einfachen Zellkulturen bis hin zu komplexen, künstlichen Mini-Gehirnen. Hier findest du einen kurzen Überblick zu Experimenten zum Gehirn ohne echte Gehirne und erfährst, wie weit wir von Gedanken aus den Petrischalen entfernt sind.</p> <h3>Wozu Hirnmodelle?</h3> <p>Wir alle würden gerne mehr über das Gehirn wissen: Ärztinnen interessiert, wie Krankheiten entstehen und früher erkannt werden können, Neurowissenschaftler wollen herausfinden, wie das Gehirn ganz genau funktioniert, Pharmazeutinnen möchten Medikamente für neurologische Erkrankungen verbessern und Entwicklungsforscher wollen wissen, wie genau sich das Gehirn vom Embryo an über das ganze Leben eines Menschen verändert. Zwar können viele Erkenntnisse mit Versuchstieren gewonnen werden, die Ergebnisse allerdings nur begrenzt auf den Menschen übertragen werden. Zudem müssen wir Tierversuche stets kritisch hinterfragen und weitestmöglich reduzieren. Noch schwieriger sind selbstverständlich Experimente mit Menschen. </p> <p>Daher greifen Forscher auf Modelle zurück, die zwar aus menschlichen Zellen hergestellt, aber künstlich im Labor ohne Lebewesen gehalten werden können. Diese Zellen können dann gentechnisch verändert, mit Medikamenten und Giftstoffen behandelt, ganz genau beobachtet, vermessen und untersucht werden. Damit erlangen wir ein wertvolles Verständnis für Vorgänge im Gehirn und neurologische Erkrankungen. </p> <h3>Welches Modell wann verwenden?</h3> <p>Das ist die Riesenfrage, die alle Forschenden umtreibt. Heutzutage werden verschiedenste Hirnmodelle verwendet, die in Komplexität (und Kosten) hirnrissige Unterschiede aufweisen. Je komplexer das Modell, desto schwieriger und aufwendiger ist die Herstellung, aber umso realitätsnäher die Ergebnisse. Je einfacher das Modell, desto leichter können die Zellen spezifisch verändert und der Effekt genau dieser Veränderung auf die Zellen untersucht werden, aber eventuelle Zusammenhänge sind nur vereinfacht oder können in der Realität nur begrenzt vorliegen. <aside></aside></p> <p>Die Auswahl des Hirnmodells für ein Experiment ist demzufolge kritisch (das ist auch stets die erste Frage, die beim Lesen eines wissenschaftlichen Experiments gestellt werden muss: Ist das gewählte Modell passend, um die Forschungsfrage zu beantworten? Spoiler: Ist es manchmal nicht!). </p> <h3>Hirnmodelle zur Auswahl sind in aufsteigender Komplexität folgende:</h3> <h4>2D-Monolayer-Zellkulturen</h4> <p>Das sind die einfachsten und am längsten etablierten Modelle. </p> <p>Dafür benötigt werden menschliche Stammzellen –  die Joker unter den Zellen, sie können sich selbst erneuern und in verschiedene Zelltypen entwickeln. Besonders cool sind die sogenannten induced pluripotent stemcells (iPSC) –  komplizierter Name, der Stammzellen bezeichnet, die künstlich aus fertig differenzierten Zellen (beispielsweise aus ein paar Hautzellen) durch Rückprogrammierung mit spezifischen Transkriptionsfaktoren (Yamanaka-Faktoren) erzeugt werden <sup>1</sup>. Das “Pluripotent” im Namen der iPSCs beschreibt ihre Fähigkeit sich im Anschluss wieder in verschiedene Zellen spezialisieren zu können zum Beispiel in bestimmte Nervenzellen. So erhalten Wissenschaftler einschichtige Zellkulturen eines bestimmten Nervenzelltyps, an denen sie leicht Gene verändern und biochemische Analysen durchführen können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="914" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-1024x914.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-1024x914.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-300x268.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-768x685.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-1536x1370.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42.jpeg 1753w" width="1024"></img></a><figcaption>Darstellung iPSC: Körperzellen, z. B. der Haut, werden zu Stammzellen (iPSCs) rückprogrammiert und können anschließend in verschiedene Zelltypen differenziert werden.</figcaption></figure> <p>Außerdem ist es möglich, aus Zellen von erkrankten Menschen solche Zellkulturen herzustellen, um ihre Erkrankung besser untersuchen zu können <sup>2</sup>. Auf Zellebene gibt das wichtige Einblicke, allerdings fehlt diesen flachen Kulturen die dreidimensionale Architektur des echten Gehirns. Schließlich liegt in deinem Gehirn nicht nur eine homogene Masse einer Zellart vor, sondern ein komplexes Konstrukt mit Gefäßen, verschiedensten Zellkontakten und der extrazellulären Matrix – einem ausgeklügelten Gerüst aus Proteinen und Kohlenhydraten.</p> <h4>Zell-Ko-Kulturen und Blut-Hirn-Schranken-Modelle</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="899" sizes="(max-width: 1229px) 100vw, 1229px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited.jpeg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited-300x219.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited-1024x749.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited-768x562.jpeg 768w" width="1229"></img></a><figcaption>Darstellung des Sandwich-Modells</figcaption></figure> </div> <p>Eine Weiterentwicklung der Monolayer-Zellkultur sind Modelle mit mehreren Zelltypen. Die einfachste Form davon ist das Sandwich-Modell, wie bei einem Vesperbrot mit einem Salatblatt auf einer Scheibe Käse, wird dabei eine Schicht Nervenzellen auf einer Gliazellschicht (Helfer- und Strukturzellen im Gehirn) gezüchtet. Noch komplizierter wird es mit einem dritten Zelltyp, beispielsweise Mikroglia (die Immunzellen im Nervensystem), um Entzündungsreaktionen untersuchen zu können <sup>3</sup>. Um nun Kommunikation zwischen Zellen zu untersuchen, können die Zellen durch eine teilweise durchlässige Membran getrennt werden. So können mit zusätzlichen Zellen der Blutgefäße auch Modelle der Blut-Hirn-Schranke nachgebastelt werden <sup>4</sup>. Trotzdem ist auch hier die dreidimensionale Architektur stark vereinfacht und es können nur begrenzt die echten Bedingungen im Gehirn nachgestellt werden.</p> <h4>Organoide</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="888" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-1024x888.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-1024x888.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-300x260.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-768x666.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36.jpeg 1407w" width="1024"></img></a><figcaption>Darstellung eines komplexen Organoids mit verschiedenen Zelltypen, Blutgefäßen und extrazellulärer Matrix</figcaption></figure> </div> <p>Von Hirnorganoiden – Mini-Gehirnen im Labor – spricht man dann, wenn die dreidimensionale Architektur des Modells das echte Organ nachahmt. Hergestellt werden sie aus pluripotenten Stammzellen wie den iPSCs, dabei ordnen sich die Zellen eigenständig an. Die Stammzellen durchlaufen dabei Entwicklungsprozesse, die der natürlichen Organentwicklung ähneln. Damit dieser Prozess ablaufen kann, werden ein künstliches Gerüst, das der extrazellulären Matrix ähnelt, und spezifische Wachstumsfaktoren benötigt <sup>5</sup>. Auch hier kann die Komplexität variieren: von ungerichteter räumlicher Organisation über regionsspezifische Bildung von Gehirnbereichen bis hin zu Organoiden mit Gefäßen <sup>6</sup>. Zwar ähneln diese Mini-Gehirne immer mehr unserem echten Gehirn, allerdings treten immer wieder Schwierigkeiten auf wie absterbende Zellen, Nachahmung nur einzelner Hirnbereiche und unvollständige Versorgung mit Gefäßen.</p> <h4>Assembloide</h4> <p>Um mehrere verschiedene Gehirnareale und deren Interaktion zu untersuchen, benötigt man Assembloide. Diese werden durch die kontrollierte Fusion von mehreren regionsspezifischen Organoiden hergestellt und ermöglichen die Erforschung komplexerer Vorgänge im Gehirn wie die Wanderung von Zellen, die Kommunikation zwischen Hirnregionen und die Weiterleitung elektrischer Signale <sup>7</sup>. Allerdings wird diese kurze Beschreibung der enormen technischen Herausforderung bei der Herstellung kaum gerecht. Genau diese Komplexität ist auch der Grund, warum Assembloide bisher eine große Variabilität untereinander aufweisen. </p> <h4>Brain-on-a-Chip</h4> <p>Die absolute Meisterklasse sind Brain-on-a-Chip-Modelle. Dafür werden die Organoide oder Assembloide auf einem Kunststoff-Chip mit hochkomplexem System aus haarfeinen Kanälen und Kammern kultiviert. So können viele der mechanischen Kräfte im Gehirn simuliert werden, insbesondere Flüssigkeitsfluss und Scherstress (die mechanische Kraft, die fließendes Blut oder extrazelluläre Flüssigkeit auf Zellen ausübt) auf die Zellen <sup>8</sup>. Durch das Chipsystem können die Wachstumsbedingungen präzise kontrolliert und Nährstoff- sowie Sauerstoffversorgung gezielt eingestellt werden <sup>9</sup>. Eine enorme Stärke der Brain-on-a-Chip-Modelle ist das Echtzeit-Monitoring von neuronaler Aktivität. Die Forschungsgruppen können den Nervenzellen quasi beim “Feuern” zusehen <sup>10</sup>. </p> <p>Trotz all der technischen Raffinessen, die bei diesem Modell eingesetzt werden, entspricht es der Realität im menschlichen Gehirn noch nicht ganz. Vor allem fehlen systemische Einflüsse des Körpers wie die des Immunsystems, der Hormone oder die Verbindung zu anderen Organen. Doch die Entwicklung schreitet rasant voran und mit jedem neuen Modell kommen wir dem Verständnis unseres komplexesten Organs ein Stückchen näher.</p> <h3>Können Hirnorganoide denken?</h3> <p>Komplexe Hirnmodelle sind möglich mit verschiedenen Zelltypen, Gefäßen, 3D-Hirnregionen, elektrische Signale sind messbar… Sind das dann etwa künstliche Gedanken? Können komplexe Hirnorganoide denken? Könnten sogar, wenn iPSC aus deinen Zellen zur Herstellung der Hirnorganoide verwendet werden, künstlich Gedanken von dir produziert werden? </p> <p>Nein, das ist (noch?) nicht möglich! Auch wenn es sich hier um eine philosophisch anmutende Frage handelt (Ab wann handelt es sich bei neuronaler elektrischer Aktivität um wirkliche Gedanken?), ist die Neurowissenschaft sich einig: Es gibt keine Gedanken aus der Petrischale. Zwar können spontane elektrische Signale der Nervenzellen gemessen und sogar komplexere Signalmuster beobachtet werden, aber dies ist weit entfernt von bewusstem Denken <sup>11</sup>. Bewusstsein und Gedanken benötigen nach aktuellem Verständnis eine hochgradig organisierte, großflächig vernetzte Hirnarchitektur mit Milliarden von Nervenzellen in spezifischen Schaltkreisen (das menschliche Gehirn besteht aus ca. 86 Milliarden Neuronen mit rund 100 Billionen Synapsen), das erreicht kein Organoid und kein Hirnmodell auch nur annähernd <sup>12</sup>.</p> <p>Fragst du dich jetzt vielleicht besorgt, wie es mit solchen Hirnorganoiden weitergehen könnte? Tatsächlich stehen wir noch in einem frühen Stadium der Entwicklung – und genau deshalb sind wichtige ethische Diskussionen bereits in vollem Gange! Viele Forscherinnen und Neurowissenschaftler fordern klare Regeln, bevor weiter entwickelt wird <sup>13</sup>. Internationale Gremien wie die International Society for Stem Cell Research haben bereits Leitlinien dazu veröffentlicht und prüfen weiterhin kritisch die Forschungsentwicklung. </p> <p>Was denkst du dazu – siehst du großes Potenzial oder eine Grenze der ethisch vertretbaren Hirnforschung?</p> <h3>Quellen:</h3> <p>1. Takahashi, K. <em>et al.</em> Induction of pluripotent stem cells from adult human fibroblasts by defined factors. <em>Cell </em><strong>131</strong>, 861–872 (2007). </p> <p>2. Sabitha, K. R., Shetty, A. K. &amp; Upadhya, D. Patient-derived iPSC modeling of rare neurodevelopmental disorders: Molecular pathophysiology and prospective therapies. <em>Neurosci Biobehav Rev </em><strong>121</strong>, 201–219 (2021). </p> <p>3. Goshi, N., Morgan, R. K., Lein, P. J. &amp; Seker, E. A primary neural cell culture model to study neuron, astrocyte, and microglia interactions in neuroinflammation. <em>J Neuroinflammation </em><strong>17</strong>, 155 (2020). </p> <p>4. O’Halloran, L., Akinsete, O., Kogan, A. L., Wrona, M. &amp; Mahdi, A. F. F. 3D in vitro blood–brain barrier models: recent advances and their role in brain disease research and therapy. <em>Front. Pharmacol. </em><strong>16</strong>, (2025). </p> <p>5. Li, M. &amp; Belmonte, J. C. I. Organoids — Preclinical Models of Human Disease. <em>New England Journal of Medicine </em><strong>380</strong>, 569–579 (2019). </p> <p>6. Acharya, P., Choi, N. Y., Shrestha, S., Jeong, S. &amp; Lee, M.-Y. Brain organoids: A revolutionary tool for modeling neurological disorders and development of therapeutics. <em>Biotechnol Bioeng </em><strong>121</strong>, 489–506 (2024). </p> <p>7. Marton, R. M. &amp; Pașca, S. P. Organoid and Assembloid Technologies for Investigating Cellular Crosstalk in Human Brain Development and Disease. <em>Trends Cell Biol </em><strong>30</strong>, 133–143 (2020). </p> <p>8. Lino, M. <em>et al.</em> A pumpless microfluidic co-culture system to model the effects of shear flow on biological barriers. <em>Lab Chip </em><strong>25</strong>, 1489–1501 (2025). </p> <p>9. Amirifar, L. <em>et al.</em> Brain-on-a-chip: Recent advances in design and techniques for microfluidic models of the brain in health and disease. <em>Biomaterials </em><strong>285</strong>, 121531 (2022). </p> <p>10. Kempuraj, D. <em>et al.</em> Brain-on-a-Chip and Blood-Brain Barrier–on-a-Chip Modeling for Neurodegenerative Disorders: Recent Progress. <em>Neuroscientist</em> 10738584261453915 (2026) doi:10.1177/10738584261453915. </p> <p>11. Sharf, T. <em>et al.</em> Functional neuronal circuitry and oscillatory dynamics in human brain organoids. <em>Nat Commun </em><strong>13</strong>, 4403 (2022). </p> <p>12. Pacitti, D., Privolizzi, R. &amp; Bax, B. E. Organs to Cells and Cells to Organoids: The Evolution of in vitro Central Nervous System Modelling. <em>Front Cell Neurosci </em><strong>13</strong>, 129 (2019). </p> <p>13. Pichl, A. <em>et al.</em> Ethical, legal and social aspects of human cerebral organoids and their governance in Germany, the United Kingdom and the United States. <em>Front Cell Dev Biol </em><strong>11</strong>, 1194706 (2023).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-21.54.33-e1782679909385.jpeg" /><h1>Hirnmodelle: Gedanken aus der Petrischale? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Stell dir einen Hirnforscher vor. </p> <p>Lässt du dich von Filmen und Büchern inspirieren?<br></br>Denkst du vielleicht an einen verrückten Bösewicht, der in seinem dunklen und gruseligen Labor ganze Regale voller Einmachgläser mit Gehirnen in giftgrünen Flüssigkeiten lagert? <br></br>Ja – dann hat deine Vorstellung mehr und gleichzeitig weniger mit der Realität zu tun, als du vielleicht denken magst. <br></br>Tatsächlich werden Gehirne für viele Forschungsfragen verwendet, um aber nicht zu Bösewichten werden zu müssen, greifen Forschungsgruppen auf verschiedene Gehirnmodelle zurück: von einfachen Zellkulturen bis hin zu komplexen, künstlichen Mini-Gehirnen. Hier findest du einen kurzen Überblick zu Experimenten zum Gehirn ohne echte Gehirne und erfährst, wie weit wir von Gedanken aus den Petrischalen entfernt sind.</p> <h3>Wozu Hirnmodelle?</h3> <p>Wir alle würden gerne mehr über das Gehirn wissen: Ärztinnen interessiert, wie Krankheiten entstehen und früher erkannt werden können, Neurowissenschaftler wollen herausfinden, wie das Gehirn ganz genau funktioniert, Pharmazeutinnen möchten Medikamente für neurologische Erkrankungen verbessern und Entwicklungsforscher wollen wissen, wie genau sich das Gehirn vom Embryo an über das ganze Leben eines Menschen verändert. Zwar können viele Erkenntnisse mit Versuchstieren gewonnen werden, die Ergebnisse allerdings nur begrenzt auf den Menschen übertragen werden. Zudem müssen wir Tierversuche stets kritisch hinterfragen und weitestmöglich reduzieren. Noch schwieriger sind selbstverständlich Experimente mit Menschen. </p> <p>Daher greifen Forscher auf Modelle zurück, die zwar aus menschlichen Zellen hergestellt, aber künstlich im Labor ohne Lebewesen gehalten werden können. Diese Zellen können dann gentechnisch verändert, mit Medikamenten und Giftstoffen behandelt, ganz genau beobachtet, vermessen und untersucht werden. Damit erlangen wir ein wertvolles Verständnis für Vorgänge im Gehirn und neurologische Erkrankungen. </p> <h3>Welches Modell wann verwenden?</h3> <p>Das ist die Riesenfrage, die alle Forschenden umtreibt. Heutzutage werden verschiedenste Hirnmodelle verwendet, die in Komplexität (und Kosten) hirnrissige Unterschiede aufweisen. Je komplexer das Modell, desto schwieriger und aufwendiger ist die Herstellung, aber umso realitätsnäher die Ergebnisse. Je einfacher das Modell, desto leichter können die Zellen spezifisch verändert und der Effekt genau dieser Veränderung auf die Zellen untersucht werden, aber eventuelle Zusammenhänge sind nur vereinfacht oder können in der Realität nur begrenzt vorliegen. <aside></aside></p> <p>Die Auswahl des Hirnmodells für ein Experiment ist demzufolge kritisch (das ist auch stets die erste Frage, die beim Lesen eines wissenschaftlichen Experiments gestellt werden muss: Ist das gewählte Modell passend, um die Forschungsfrage zu beantworten? Spoiler: Ist es manchmal nicht!). </p> <h3>Hirnmodelle zur Auswahl sind in aufsteigender Komplexität folgende:</h3> <h4>2D-Monolayer-Zellkulturen</h4> <p>Das sind die einfachsten und am längsten etablierten Modelle. </p> <p>Dafür benötigt werden menschliche Stammzellen –  die Joker unter den Zellen, sie können sich selbst erneuern und in verschiedene Zelltypen entwickeln. Besonders cool sind die sogenannten induced pluripotent stemcells (iPSC) –  komplizierter Name, der Stammzellen bezeichnet, die künstlich aus fertig differenzierten Zellen (beispielsweise aus ein paar Hautzellen) durch Rückprogrammierung mit spezifischen Transkriptionsfaktoren (Yamanaka-Faktoren) erzeugt werden <sup>1</sup>. Das “Pluripotent” im Namen der iPSCs beschreibt ihre Fähigkeit sich im Anschluss wieder in verschiedene Zellen spezialisieren zu können zum Beispiel in bestimmte Nervenzellen. So erhalten Wissenschaftler einschichtige Zellkulturen eines bestimmten Nervenzelltyps, an denen sie leicht Gene verändern und biochemische Analysen durchführen können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="914" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-1024x914.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-1024x914.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-300x268.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-768x685.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42-1536x1370.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.12.42.jpeg 1753w" width="1024"></img></a><figcaption>Darstellung iPSC: Körperzellen, z. B. der Haut, werden zu Stammzellen (iPSCs) rückprogrammiert und können anschließend in verschiedene Zelltypen differenziert werden.</figcaption></figure> <p>Außerdem ist es möglich, aus Zellen von erkrankten Menschen solche Zellkulturen herzustellen, um ihre Erkrankung besser untersuchen zu können <sup>2</sup>. Auf Zellebene gibt das wichtige Einblicke, allerdings fehlt diesen flachen Kulturen die dreidimensionale Architektur des echten Gehirns. Schließlich liegt in deinem Gehirn nicht nur eine homogene Masse einer Zellart vor, sondern ein komplexes Konstrukt mit Gefäßen, verschiedensten Zellkontakten und der extrazellulären Matrix – einem ausgeklügelten Gerüst aus Proteinen und Kohlenhydraten.</p> <h4>Zell-Ko-Kulturen und Blut-Hirn-Schranken-Modelle</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="899" sizes="(max-width: 1229px) 100vw, 1229px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited.jpeg 1229w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited-300x219.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited-1024x749.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.41.51-edited-768x562.jpeg 768w" width="1229"></img></a><figcaption>Darstellung des Sandwich-Modells</figcaption></figure> </div> <p>Eine Weiterentwicklung der Monolayer-Zellkultur sind Modelle mit mehreren Zelltypen. Die einfachste Form davon ist das Sandwich-Modell, wie bei einem Vesperbrot mit einem Salatblatt auf einer Scheibe Käse, wird dabei eine Schicht Nervenzellen auf einer Gliazellschicht (Helfer- und Strukturzellen im Gehirn) gezüchtet. Noch komplizierter wird es mit einem dritten Zelltyp, beispielsweise Mikroglia (die Immunzellen im Nervensystem), um Entzündungsreaktionen untersuchen zu können <sup>3</sup>. Um nun Kommunikation zwischen Zellen zu untersuchen, können die Zellen durch eine teilweise durchlässige Membran getrennt werden. So können mit zusätzlichen Zellen der Blutgefäße auch Modelle der Blut-Hirn-Schranke nachgebastelt werden <sup>4</sup>. Trotzdem ist auch hier die dreidimensionale Architektur stark vereinfacht und es können nur begrenzt die echten Bedingungen im Gehirn nachgestellt werden.</p> <h4>Organoide</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="888" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-1024x888.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-1024x888.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-300x260.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36-768x666.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/WhatsApp-Image-2026-06-28-at-22.43.36.jpeg 1407w" width="1024"></img></a><figcaption>Darstellung eines komplexen Organoids mit verschiedenen Zelltypen, Blutgefäßen und extrazellulärer Matrix</figcaption></figure> </div> <p>Von Hirnorganoiden – Mini-Gehirnen im Labor – spricht man dann, wenn die dreidimensionale Architektur des Modells das echte Organ nachahmt. Hergestellt werden sie aus pluripotenten Stammzellen wie den iPSCs, dabei ordnen sich die Zellen eigenständig an. Die Stammzellen durchlaufen dabei Entwicklungsprozesse, die der natürlichen Organentwicklung ähneln. Damit dieser Prozess ablaufen kann, werden ein künstliches Gerüst, das der extrazellulären Matrix ähnelt, und spezifische Wachstumsfaktoren benötigt <sup>5</sup>. Auch hier kann die Komplexität variieren: von ungerichteter räumlicher Organisation über regionsspezifische Bildung von Gehirnbereichen bis hin zu Organoiden mit Gefäßen <sup>6</sup>. Zwar ähneln diese Mini-Gehirne immer mehr unserem echten Gehirn, allerdings treten immer wieder Schwierigkeiten auf wie absterbende Zellen, Nachahmung nur einzelner Hirnbereiche und unvollständige Versorgung mit Gefäßen.</p> <h4>Assembloide</h4> <p>Um mehrere verschiedene Gehirnareale und deren Interaktion zu untersuchen, benötigt man Assembloide. Diese werden durch die kontrollierte Fusion von mehreren regionsspezifischen Organoiden hergestellt und ermöglichen die Erforschung komplexerer Vorgänge im Gehirn wie die Wanderung von Zellen, die Kommunikation zwischen Hirnregionen und die Weiterleitung elektrischer Signale <sup>7</sup>. Allerdings wird diese kurze Beschreibung der enormen technischen Herausforderung bei der Herstellung kaum gerecht. Genau diese Komplexität ist auch der Grund, warum Assembloide bisher eine große Variabilität untereinander aufweisen. </p> <h4>Brain-on-a-Chip</h4> <p>Die absolute Meisterklasse sind Brain-on-a-Chip-Modelle. Dafür werden die Organoide oder Assembloide auf einem Kunststoff-Chip mit hochkomplexem System aus haarfeinen Kanälen und Kammern kultiviert. So können viele der mechanischen Kräfte im Gehirn simuliert werden, insbesondere Flüssigkeitsfluss und Scherstress (die mechanische Kraft, die fließendes Blut oder extrazelluläre Flüssigkeit auf Zellen ausübt) auf die Zellen <sup>8</sup>. Durch das Chipsystem können die Wachstumsbedingungen präzise kontrolliert und Nährstoff- sowie Sauerstoffversorgung gezielt eingestellt werden <sup>9</sup>. Eine enorme Stärke der Brain-on-a-Chip-Modelle ist das Echtzeit-Monitoring von neuronaler Aktivität. Die Forschungsgruppen können den Nervenzellen quasi beim “Feuern” zusehen <sup>10</sup>. </p> <p>Trotz all der technischen Raffinessen, die bei diesem Modell eingesetzt werden, entspricht es der Realität im menschlichen Gehirn noch nicht ganz. Vor allem fehlen systemische Einflüsse des Körpers wie die des Immunsystems, der Hormone oder die Verbindung zu anderen Organen. Doch die Entwicklung schreitet rasant voran und mit jedem neuen Modell kommen wir dem Verständnis unseres komplexesten Organs ein Stückchen näher.</p> <h3>Können Hirnorganoide denken?</h3> <p>Komplexe Hirnmodelle sind möglich mit verschiedenen Zelltypen, Gefäßen, 3D-Hirnregionen, elektrische Signale sind messbar… Sind das dann etwa künstliche Gedanken? Können komplexe Hirnorganoide denken? Könnten sogar, wenn iPSC aus deinen Zellen zur Herstellung der Hirnorganoide verwendet werden, künstlich Gedanken von dir produziert werden? </p> <p>Nein, das ist (noch?) nicht möglich! Auch wenn es sich hier um eine philosophisch anmutende Frage handelt (Ab wann handelt es sich bei neuronaler elektrischer Aktivität um wirkliche Gedanken?), ist die Neurowissenschaft sich einig: Es gibt keine Gedanken aus der Petrischale. Zwar können spontane elektrische Signale der Nervenzellen gemessen und sogar komplexere Signalmuster beobachtet werden, aber dies ist weit entfernt von bewusstem Denken <sup>11</sup>. Bewusstsein und Gedanken benötigen nach aktuellem Verständnis eine hochgradig organisierte, großflächig vernetzte Hirnarchitektur mit Milliarden von Nervenzellen in spezifischen Schaltkreisen (das menschliche Gehirn besteht aus ca. 86 Milliarden Neuronen mit rund 100 Billionen Synapsen), das erreicht kein Organoid und kein Hirnmodell auch nur annähernd <sup>12</sup>.</p> <p>Fragst du dich jetzt vielleicht besorgt, wie es mit solchen Hirnorganoiden weitergehen könnte? Tatsächlich stehen wir noch in einem frühen Stadium der Entwicklung – und genau deshalb sind wichtige ethische Diskussionen bereits in vollem Gange! Viele Forscherinnen und Neurowissenschaftler fordern klare Regeln, bevor weiter entwickelt wird <sup>13</sup>. Internationale Gremien wie die International Society for Stem Cell Research haben bereits Leitlinien dazu veröffentlicht und prüfen weiterhin kritisch die Forschungsentwicklung. </p> <p>Was denkst du dazu – siehst du großes Potenzial oder eine Grenze der ethisch vertretbaren Hirnforschung?</p> <h3>Quellen:</h3> <p>1. Takahashi, K. <em>et al.</em> Induction of pluripotent stem cells from adult human fibroblasts by defined factors. <em>Cell </em><strong>131</strong>, 861–872 (2007). </p> <p>2. Sabitha, K. R., Shetty, A. K. &amp; Upadhya, D. Patient-derived iPSC modeling of rare neurodevelopmental disorders: Molecular pathophysiology and prospective therapies. <em>Neurosci Biobehav Rev </em><strong>121</strong>, 201–219 (2021). </p> <p>3. Goshi, N., Morgan, R. K., Lein, P. J. &amp; Seker, E. A primary neural cell culture model to study neuron, astrocyte, and microglia interactions in neuroinflammation. <em>J Neuroinflammation </em><strong>17</strong>, 155 (2020). </p> <p>4. O’Halloran, L., Akinsete, O., Kogan, A. L., Wrona, M. &amp; Mahdi, A. F. F. 3D in vitro blood–brain barrier models: recent advances and their role in brain disease research and therapy. <em>Front. Pharmacol. </em><strong>16</strong>, (2025). </p> <p>5. Li, M. &amp; Belmonte, J. C. I. Organoids — Preclinical Models of Human Disease. <em>New England Journal of Medicine </em><strong>380</strong>, 569–579 (2019). </p> <p>6. Acharya, P., Choi, N. Y., Shrestha, S., Jeong, S. &amp; Lee, M.-Y. Brain organoids: A revolutionary tool for modeling neurological disorders and development of therapeutics. <em>Biotechnol Bioeng </em><strong>121</strong>, 489–506 (2024). </p> <p>7. Marton, R. M. &amp; Pașca, S. P. Organoid and Assembloid Technologies for Investigating Cellular Crosstalk in Human Brain Development and Disease. <em>Trends Cell Biol </em><strong>30</strong>, 133–143 (2020). </p> <p>8. Lino, M. <em>et al.</em> A pumpless microfluidic co-culture system to model the effects of shear flow on biological barriers. <em>Lab Chip </em><strong>25</strong>, 1489–1501 (2025). </p> <p>9. Amirifar, L. <em>et al.</em> Brain-on-a-chip: Recent advances in design and techniques for microfluidic models of the brain in health and disease. <em>Biomaterials </em><strong>285</strong>, 121531 (2022). </p> <p>10. Kempuraj, D. <em>et al.</em> Brain-on-a-Chip and Blood-Brain Barrier–on-a-Chip Modeling for Neurodegenerative Disorders: Recent Progress. <em>Neuroscientist</em> 10738584261453915 (2026) doi:10.1177/10738584261453915. </p> <p>11. Sharf, T. <em>et al.</em> Functional neuronal circuitry and oscillatory dynamics in human brain organoids. <em>Nat Commun </em><strong>13</strong>, 4403 (2022). </p> <p>12. Pacitti, D., Privolizzi, R. &amp; Bax, B. E. Organs to Cells and Cells to Organoids: The Evolution of in vitro Central Nervous System Modelling. <em>Front Cell Neurosci </em><strong>13</strong>, 129 (2019). </p> <p>13. Pichl, A. <em>et al.</em> Ethical, legal and social aspects of human cerebral organoids and their governance in Germany, the United Kingdom and the United States. <em>Front Cell Dev Biol </em><strong>11</strong>, 1194706 (2023).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/hirnmodelle-kuenstliche-gedanken/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Blume & Ince im Elektroauto-Dialog über parteipolitischen Dualismus auf dem Weg nach Heilbronn https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-im-elektroauto-dialog-ueber-parteipolitischen-dualismus-auf-dem-weg-nach-heilbronn/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-im-elektroauto-dialog-ueber-parteipolitischen-dualismus-auf-dem-weg-nach-heilbronn/#comments Sun, 28 Jun 2026 11:18:11 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11374 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-im-elektroauto-dialog-ueber-parteipolitischen-dualismus-auf-dem-weg-nach-heilbronn/</link> </image> <description type="html"><h1>Blume & Ince im Elektroauto-Dialog über parteipolitischen Dualismus auf dem Weg nach Heilbronn » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-28T13:18:11+02:00">28. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es klingt wie der Anfang eines sehr deutschen Witzes: „Sitzen ein christdemokratischer Doktor und ein linker Professor gemeinsam im Auto…“</p> <p>War aber so, erst am Freitag. Und der BWL-Prof Inan Ince und ich waren auf dem Weg zur <a href="https://www.isog.dhbw.de/" rel="noopener">Kollegin Prof. <strong>Monika Gonser</strong> vom ISOGBW, der <em><strong>Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg</strong></em></a>. In dieser Einrichtung der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) auf dem wachsenden Bildungscampus Heilbronn wird daran gearbeitet, verschiedene Sektoren der Gesellschaft wie Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Das interessierte uns und deswegen gibt es <a href="https://blumeundince.podigee.io/61-folge-58-im-trialog-mit-der-governance-forscherin-prof-monika-gonser" rel="noopener">die Trialog-Folge 58 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> mit <strong>Monika Gonser</strong> bereits wieder auf Podigee</a> und auf YouTube.<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/" rel="noopener" target="_blank">https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/O-A_00afciU?feature=oembed" title="Folge 58: Im Trialog mit der Governance-Forscherin Prof. Monika Gonser" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Schon auf der Solarpunk-Mimesis-Fahrt im Renault Scenic (Elektroauto) tauschten sich Inan und ich aber auch über die CDU-Faschismus-Gleichsetzung des neuen Linken-Vorsitzenden <strong>Luigi Pantisano</strong> aus. Und so entstand die spontane Idee zu einer „Bonusfolge“ – einfach aus dem fahrenden Auto, mit Kamera und kleinen Mikros.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=_CEpLy_pOrU" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Prof. Dr. Inan Ince am 28.06.2026 zur Bonusfolge von &quot;Blume &amp; Ince&quot;: CDU und Linkspartei zwischen Dialog &amp; Dualismus." decoding="async" height="637" sizes="(max-width: 580px) 100vw, 580px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626.jpg 580w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626-273x300.jpg 273w" width="580"></img></a></p> <p><em>Prof. Dr. <a href="https://sueden.social/@Teh_Doc_Inan/116824162391801080" rel="noopener" target="_blank">Inan Ince steht ebenso wie ich auch auf Mastodon für fairen Dialog zur Verfügung</a>. Screenshot zur „Blume &amp; Ince“-Bonusfolge zwischen Dialog und Dualismus: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Für mich war es wichtig, zentrale politikpsychologische Begriffe wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/" rel="noopener" target="_blank">parteipolitischen <strong>Dualismus</strong> (nach Rabbi <strong>Jonathan Sacks</strong>)</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-42-den-israel-palaestina-konflikt-mit-dem-historizismus-entschluesseln/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Historizismus</strong> (nach <strong>Karl Popper</strong>)</a> und selbstverständlich Antisemitismus vorzustellen, wobei ich den <strong>Faschismus</strong>-Begriff nach <strong>Eva von Redecker</strong> sogar mal in einer eigenen Folge vertiefen möchte.</p> <p>Hier ist das Ergebnis <a href="https://blumeundince.podigee.io/62-bonusfolge1-cdu-und-linkspartei-zwischen-dialog-dualismus" rel="noopener" target="_blank">unseres dialogischen Bonusfolge-Experimentes, ebenfalls auf Podigee</a> und hier auf YouTube: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/_CEpLy_pOrU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Bonusfolge: CDU und Linkspartei zwischen Dialog &amp; Dualismus" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Selbstverständlich sind Inan und ich sehr interessiert nach Euren Rückmeldungen, Interessen, Anregungen – schließlich ist <em>„Blume &amp; Ince“</em> ein sich entwickelndes, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-lautstaerke-vielfalt-statt-blase-gedanken-zum-abschied-von-mp-winfried-kretschmann/" rel="noopener" target="_blank">medial-dialogisches Experiment gegen die <strong>Zerblasung</strong> unserer Demokratie(n)</a>.</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Blume & Ince im Elektroauto-Dialog über parteipolitischen Dualismus auf dem Weg nach Heilbronn » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-28T13:18:11+02:00">28. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Es klingt wie der Anfang eines sehr deutschen Witzes: „Sitzen ein christdemokratischer Doktor und ein linker Professor gemeinsam im Auto…“</p> <p>War aber so, erst am Freitag. Und der BWL-Prof Inan Ince und ich waren auf dem Weg zur <a href="https://www.isog.dhbw.de/" rel="noopener">Kollegin Prof. <strong>Monika Gonser</strong> vom ISOGBW, der <em><strong>Intersectoral School of Governance Baden-Württemberg</strong></em></a>. In dieser Einrichtung der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) auf dem wachsenden Bildungscampus Heilbronn wird daran gearbeitet, verschiedene Sektoren der Gesellschaft wie Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft wieder miteinander ins Gespräch zu bringen. Das interessierte uns und deswegen gibt es <a href="https://blumeundince.podigee.io/61-folge-58-im-trialog-mit-der-governance-forscherin-prof-monika-gonser" rel="noopener">die Trialog-Folge 58 von <em>„Blume &amp; Ince“</em> mit <strong>Monika Gonser</strong> bereits wieder auf Podigee</a> und auf YouTube.<a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/" rel="noopener" target="_blank">https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/O-A_00afciU?feature=oembed" title="Folge 58: Im Trialog mit der Governance-Forscherin Prof. Monika Gonser" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Schon auf der Solarpunk-Mimesis-Fahrt im Renault Scenic (Elektroauto) tauschten sich Inan und ich aber auch über die CDU-Faschismus-Gleichsetzung des neuen Linken-Vorsitzenden <strong>Luigi Pantisano</strong> aus. Und so entstand die spontane Idee zu einer „Bonusfolge“ – einfach aus dem fahrenden Auto, mit Kamera und kleinen Mikros.</p> <p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=_CEpLy_pOrU" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Mastodon-Post von Prof. Dr. Inan Ince am 28.06.2026 zur Bonusfolge von &quot;Blume &amp; Ince&quot;: CDU und Linkspartei zwischen Dialog &amp; Dualismus." decoding="async" height="637" sizes="(max-width: 580px) 100vw, 580px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626.jpg 580w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/BlumeundInceCDULinksparteiDialogDualismus0626-273x300.jpg 273w" width="580"></img></a></p> <p><em>Prof. Dr. <a href="https://sueden.social/@Teh_Doc_Inan/116824162391801080" rel="noopener" target="_blank">Inan Ince steht ebenso wie ich auch auf Mastodon für fairen Dialog zur Verfügung</a>. Screenshot zur „Blume &amp; Ince“-Bonusfolge zwischen Dialog und Dualismus: Michael Blume</em><aside></aside></p> <p>Für mich war es wichtig, zentrale politikpsychologische Begriffe wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/freund-feind-dualismus-statt-rinks-lechts-hufeisen-theorie-eine-wuerdigung-von-rabbi-sacks-sel-ang/" rel="noopener" target="_blank">parteipolitischen <strong>Dualismus</strong> (nach Rabbi <strong>Jonathan Sacks</strong>)</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-42-den-israel-palaestina-konflikt-mit-dem-historizismus-entschluesseln/" rel="noopener" target="_blank"><strong>Historizismus</strong> (nach <strong>Karl Popper</strong>)</a> und selbstverständlich Antisemitismus vorzustellen, wobei ich den <strong>Faschismus</strong>-Begriff nach <strong>Eva von Redecker</strong> sogar mal in einer eigenen Folge vertiefen möchte.</p> <p>Hier ist das Ergebnis <a href="https://blumeundince.podigee.io/62-bonusfolge1-cdu-und-linkspartei-zwischen-dialog-dualismus" rel="noopener" target="_blank">unseres dialogischen Bonusfolge-Experimentes, ebenfalls auf Podigee</a> und hier auf YouTube: </p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/_CEpLy_pOrU?feature=oembed&amp;rel=0" title="Bonusfolge: CDU und Linkspartei zwischen Dialog &amp; Dualismus" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Selbstverständlich sind Inan und ich sehr interessiert nach Euren Rückmeldungen, Interessen, Anregungen – schließlich ist <em>„Blume &amp; Ince“</em> ein sich entwickelndes, <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/dialog-statt-lautstaerke-vielfalt-statt-blase-gedanken-zum-abschied-von-mp-winfried-kretschmann/" rel="noopener" target="_blank">medial-dialogisches Experiment gegen die <strong>Zerblasung</strong> unserer Demokratie(n)</a>.</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/cropped-IMG_0067-scaled-1.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft &amp; promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Lehrbeauftragter am KIT Karlsruhe, Wissenschaftsblogger &amp; christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, seit 2018 Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus und für jüdisches Leben.&#xD; &#xD; Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren für das Fediversum, Wissenschaft und Demokratie, gegen antisoziale Medien, Verschwörungsmythen und den Niedergang Europas.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-4"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/blume-ince-im-elektroauto-dialog-ueber-parteipolitischen-dualismus-auf-dem-weg-nach-heilbronn/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>The Internet Chronicles – Part 10 of 12: User-Created Content            https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-10-of-12-user-created-content/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-10-of-12-user-created-content/#comments Wed, 24 Jun 2026 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14484 <h1>The Internet Chronicles – Part 10 of 12: User-Created Content            - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted today, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times — possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-9-of-12-rsa-and-prime-numbers/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">we looked at how RSA and prime numbers</a> gave the internet a public lock. This enabled people to send secrets and prove their identity. But security only matters if people actually use your platform. To grow, the web also needed something messier, louder, and far harder to control: people.</p> <p>For all its early promise, the first web was mostly a reading machine. You clicked on something and consumed information, and then moved to the next one. You were like a visitor in someone else’s museum. In order for the internet to truly take shape, that needed to change.</p> <p>The irony (or perhaps, testament to a visionary mind) is that the web was never meant to be passive. <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/">Tim Berners-Lee, the “father of the World Wide Web”</a> envisioned the internet as a dynamic space. His original browser was also an editor, allowing people to read and write together. He wanted the internet to be self-correcting. But it took a while to get there. The next revolution was not one revolution, but rather a swarm of browsers, scripts, wikis, blogs, feeds, and eventually, social media.</p> <h3>The Read-Only Web Was Never the Plan</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server.jpg"><img alt="A server and monitor." decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The NeXT Computer which Berners-Lee used as the first web server. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_web_browser#/media/File:First_Web_Server.jpg" rel="noopener">public domain</a>)</figcaption></figure> </div> <p>The early users of the internet were, with a few exceptions, technical people. For regular users to access the web, it needed a simpler, more visual interface.<aside></aside></p> <p>Berners-Lee created the first browser called <a href="https://www.wikiwand.com/en/WorldWideWeb" rel="noopener">WorldWideWeb</a> (later renamed Nexus) in 1990. Several other browsers followed, but it was NCSA Mosaic that triggered the first browser boom.</p> <p>Mosaic was the first browser that displayed images inline with text. Before that, browsers often showed an icon that users had to click to open an image separately. This was an intentional choice, meant to make it easier for people to browse the internet. Mosaic’s innovation proved to be groundbreaking.</p> <p>Developed at the National Center for Supercomputing Applications (NCSA) at the University of Illinois Urbana-Champaign, Mosaic was released in 1993 by a team led by Marc Andreessen. Andreessen later co-founded Netscape, whose Navigator browser became one of the defining products of the early commercial web. Microsoft also licensed technology from a Mosaic-related commercial product to build the first Internet Explorer.</p> <p>If there is such a thing as a spiritual ancestor of the modern graphical browser, Mosaic has a strong claim. But browsers were only one part of the battle. Websites themselves also had to change.</p> <p>HTTP, the web’s basic protocol, treats each request as independent. In other words, a website has no built-in memory of who you are from one click to the next. That was fine for reading pages. It was not fine for shopping carts, logins, forums, or accounts.</p> <p>The solution came in the form of a cookie.</p> <p>The cookie was developed at Netscape in 1994 by Lou Montulli, as the young commercial web was trying to support shopping carts and user sessions. There had been earlier attempts at solving the problem, but Montulli’s idea was elegant. A server could store compact data in the browser and retrieve it later.</p> <p>That small mechanism became one of the quiet pieces of infrastructure behind the interactive web. Cookies made logins, e-commerce, personalization, and many modern web services possible.</p> <p>In modern systems, the cookie usually does not contain the full sensitive record itself. More often, it contains a session ID that points to information stored more securely on the server. Still, this simple invention helped turn the web from a library into a place where things could happen.</p> <h2>Hello World</h2> <p>In 1994, Justin Hall, then a student at Swarthmore College, launched Links.net, a personal home page filled with links and reflections. This could be the world’s first blog.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen.png"><img alt="Screenshot of an early personal homepage." decoding="async" height="870" sizes="(max-width: 808px) 100vw, 808px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen.png 808w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen-279x300.png 279w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen-768x827.png 768w" width="808"></img></a><figcaption>A printscreen of what might be the world’s first blog post. Screencapped from <a data-id="Links.net" data-type="link" href="http://Links.net" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Links.net</a>.</figcaption></figure> </div> <p>It was a rather audacious idea at the time, that you could use this still-new platform called the internet to broadcast whatever thoughts you wanted to the world. After Hall, many others followed, especially once the technical barriers were reduced.</p> <p>At first, maintaining such a site meant hand-editing HTML. Then came hosted tools like Blogger or WordPress, that made blogging feel less like programming and more like writing text in a box.</p> <p>With blogs, the internet started to truly become a dialog. Blog posts had dates and permalinks. They could reference each other. They had comments sections where the audience could engage. Importantly, they also had RSS feeds that let readers subscribe without visiting every site manually.</p> <p>RSS stands for Really Simple Syndication. It is a web feed format that lets a site publish a list of its latest updates (usually headlines, links, summaries, and timestamps). A reader could subscribe to that feed using an RSS reader or aggregator, which would automatically collect new posts from many sites in one place. So instead of visiting 30 blogs every morning to see who posted what, you opened one reader and saw what had changed. For a user looking to browse their favorite blogs, RSS offered the perfect medium (and it is still widely used today).</p> <p>Around the same time, another strange and important project emerged: GeoCities.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen.png"><img alt="Screenshot of Google front page displaying text in Comic Sans font." decoding="async" height="604" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-1024x604.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-1024x604.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-300x177.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-768x453.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen.png 1512w" width="1024"></img></a><figcaption>Google still commemorates GeoCities by turning the font into Comic Sans to this day. Image credits: Author screenshot.</figcaption></figure> </div> <p>Founded in late 1994 by David Bohnett and John Rezner as Beverly Hills Internet, GeoCities gave ordinary users a way to build personal homepages without needing to understand the deeper machinery of servers and code. It was a project stunningly ahead of its time. It enabled users to become “Homesteaders,” and their pages were placed in themed neighborhoods like “Area 51” for science fiction fans, “WallStreet” for finance, “Colosseum” for sports, and “EnchantedForest” for children.</p> <p>At its peak, GeoCities was messy and looked amateurish, but it was deeply human. It was one of the first projects where users could truly feel like they had their own piece of the internet. By 1999, it had become one of the most visited places on the web, hosting millions of user pages before Yahoo! acquired it.</p> <p>But its decline also revealed a pattern that would haunt the social web: People built the culture, while companies owned the land. When Yahoo! later shut down the main English-language GeoCities site, <a href="https://blog.archive.org/2009/08/25/geocities-preserved/" rel="noopener">archivists rushed to preserve what they could</a>, turning GeoCities into both a monument to early online creativity and a warning about how easily digital communities can vanish.</p> <h3>Wiki Wiki Wiki</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot.png"><img alt="An older main page of Wikipedia seen on a Mozilla browser. " decoding="async" height="574" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot-768x551.png 768w" width="800"></img></a><figcaption>An older main page of Wikipedia seen on a Mozilla browser. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_web_browser" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>So far in this series, we have mostly looked at technical breakthroughs. But it would be unfair to ignore the role of users.</p> <p>Today, user-generated content is filtered, ranked, and monetized by giant platforms. In the 1990s and early 2000s, it was much wilder. The internet burst with creativity and experimentation. Some of it was brilliant, and some of it was undoubtedly awful. Much of it shaped the society we now live in.</p> <p>Perhaps none of those experiments was as ambitious as Wikipedia.</p> <p>Science fiction writer Isaac Asimov gave us many visionary concepts, including the “<a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/can-we-use-asimov-s-three-laws-of-robotics-in-the-real-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Three Laws of Robotics</a>.” He also proposed, in his <em>Foundation </em>universe, an encyclopedia that would preserve human knowledge. He called it Encyclopedia Galactica. Wikipedia was similar in spirit, though not quite identical to Asimov’s idea. It was even stranger: an encyclopedia that never stopped arguing with itself.</p> <p>Nupedia (Wikipedia’s precursor) was launched in 2000 by Jimmy Wales and Larry Sanger. It tried to build a free online encyclopedia through expert review. It was noble and careful and painfully slow. Just two articles were published in its first six months. Wikipedia, launched on January 15, 2001, was much more open. Anyone could write and edit, which proved to be one of the most inspired decisions in the history of the internet. In <a href="https://www.zmescience.com/other/interviews/wikipedia-trust-jimmy-wales-interview-rep/" rel="noopener">an interview</a> I conducted with Wales for ZME Science at the Cheltenham Science Festival, he recalled:</p> <blockquote> <p>“In the very early days we switched to the wiki model from a previous model which was very old-fashioned, very top down. Suddenly this burst of activity came from the community and we got more work done in two weeks than we had in almost two years. I was like ‘this is cool’. This is actually really interesting. We’re having this very open model [..], we’ve unlocked people’s excitement and energy and this is fantastic.”</p> </blockquote> <p>It grew to more than 20,000 articles across 18 languages in its first year and reached one million articles by 2006. Currently, the English version of Wikipedia has 7,189,591 articles (containing over 5 billion words), while for all languages, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Size_of_Wikipedia" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the total number of pages</a> is 65,690,650</p> <p>Whereas Asimov’s encyclopedia was conceived as an expert-built monument (more like Nupedia), Wikipedia became a living system built by millions of contributors, corrected in public, revised constantly, and held together by rules such as the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Neutral_point_of_view" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Neutral Point of View</a>. To this day, it still fundamentally works the same way.</p> <p>It sounds too idealistic to ever work. Yet somehow, much of the time, it does. Wikipedia is far from perfect, but <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6889752/" rel="noopener">academic studies show</a> that even now, it is on par with professional sources even in specialized topics such as biology or medicine. We have an imperfect, ever-changing, often vandalized database of human knowledge which (almost magically) is still reliable most of the time. A key part of that is transparency and admitting when things go awry, Wales also mentions.</p> <blockquote> <p>“We’re very happy to tell you all the things that are wrong with Wikipedia and all the criticism we’ve gotten because that’s just part of history. It’s part of the process.”</p> </blockquote> <p> Wikipedia is just the biggest one of the thousands of different “wiki” projects on the web. The name <em>wiki</em> comes from Hawaiian, meaning “quick.” It was coined by programmer Ward Cunningham, who created the first wiki software in 1995, borrowed the name after remembering the Wiki Wiki Shuttle at Honolulu International Airport. He wanted a phrase that captured the speed and ease of the system, a “quick web” where visitors could create, edit, and link pages without waiting for formal approval.</p> <p>Nowadays, you can find wikis for everything from programming languages to your favorite series. Internet users have proven that at least sometimes, they can be reliable curators of knowledge.</p> <h3>The Web We Built, the Web We Lost</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-scaled.png"><img alt="A world cloud of terms related to &quot;Web 2.0&quot;." decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-1024x768.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-1024x768.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-768x576.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-1536x1152.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-2048x1536.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>A tag cloud (a typical Web 2.0 phenomenon in itself) presenting Web 2.0 themes. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Web_2.0#/media/File:Web_2.0_Map.svg" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>By the mid-2000s, the internet looked vastly different. The world needed a word for it, and that word became <em>Web 2.0.</em> It was popularized by authors Tim O’Reilly (who also promoted the term <em>open source</em>) and Dale Dougherty (sometimes called the Father of the Maker Movement). It was simply a popular name, as Web 2.0 did not bring a new protocol or invention; rather, it was a new way of building services. The web was finally a platform.</p> <p>Berners-Lee objected to the term. He reminded people that the web had always been meant to be collaborative. But “Web 2.0” captured a real change in scale and behavior, and it just became commonly used.</p> <p>This user-generated structure also paved the way for social media before “social media” had a name. Early platforms like Friendster or MySpace did not always work out, but some (like YouTube or Facebook) became behemoths.</p> <p>Yet gradually, bit by bit, something changed in the process. The early participatory web was messy and decentralized. People built pages, chose layouts, joined webrings, ran blogs, and linked outward. That gave us Wikipedia, YouTube, blogs, social networks, open-source communities, creator businesses, crisis reporting, fan cultures, and a billion tiny acts of public self-expression. As social media took over, it became more centralized. It also became faster, optimized, and more addictive. We no longer have the chaotic Geocities, we have highly curated video streams that algorithms tailor for our individual personality and responses. Meanwhile, generative AI is adding a fresh twist, flooding the internet with questionable content at industrial scales.</p> <p>Yet in a way, the web is still fighting the same battle it has fought since the beginning: Who gets to speak? Who gets heard? Who owns the room where the conversation happens? In the early days, it used to be the few people who had the know-how and infrastructure; now, it is whoever controls the platforms and algorithms.</p> <p>But, of course, we will explore that in more detail in our next installment on the current state of the internet.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 10 of 12: User-Created Content            - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted today, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times — possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-9-of-12-rsa-and-prime-numbers/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">we looked at how RSA and prime numbers</a> gave the internet a public lock. This enabled people to send secrets and prove their identity. But security only matters if people actually use your platform. To grow, the web also needed something messier, louder, and far harder to control: people.</p> <p>For all its early promise, the first web was mostly a reading machine. You clicked on something and consumed information, and then moved to the next one. You were like a visitor in someone else’s museum. In order for the internet to truly take shape, that needed to change.</p> <p>The irony (or perhaps, testament to a visionary mind) is that the web was never meant to be passive. <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/">Tim Berners-Lee, the “father of the World Wide Web”</a> envisioned the internet as a dynamic space. His original browser was also an editor, allowing people to read and write together. He wanted the internet to be self-correcting. But it took a while to get there. The next revolution was not one revolution, but rather a swarm of browsers, scripts, wikis, blogs, feeds, and eventually, social media.</p> <h3>The Read-Only Web Was Never the Plan</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server.jpg"><img alt="A server and monitor." decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_Web_Server.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>The NeXT Computer which Berners-Lee used as the first web server. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_web_browser#/media/File:First_Web_Server.jpg" rel="noopener">public domain</a>)</figcaption></figure> </div> <p>The early users of the internet were, with a few exceptions, technical people. For regular users to access the web, it needed a simpler, more visual interface.<aside></aside></p> <p>Berners-Lee created the first browser called <a href="https://www.wikiwand.com/en/WorldWideWeb" rel="noopener">WorldWideWeb</a> (later renamed Nexus) in 1990. Several other browsers followed, but it was NCSA Mosaic that triggered the first browser boom.</p> <p>Mosaic was the first browser that displayed images inline with text. Before that, browsers often showed an icon that users had to click to open an image separately. This was an intentional choice, meant to make it easier for people to browse the internet. Mosaic’s innovation proved to be groundbreaking.</p> <p>Developed at the National Center for Supercomputing Applications (NCSA) at the University of Illinois Urbana-Champaign, Mosaic was released in 1993 by a team led by Marc Andreessen. Andreessen later co-founded Netscape, whose Navigator browser became one of the defining products of the early commercial web. Microsoft also licensed technology from a Mosaic-related commercial product to build the first Internet Explorer.</p> <p>If there is such a thing as a spiritual ancestor of the modern graphical browser, Mosaic has a strong claim. But browsers were only one part of the battle. Websites themselves also had to change.</p> <p>HTTP, the web’s basic protocol, treats each request as independent. In other words, a website has no built-in memory of who you are from one click to the next. That was fine for reading pages. It was not fine for shopping carts, logins, forums, or accounts.</p> <p>The solution came in the form of a cookie.</p> <p>The cookie was developed at Netscape in 1994 by Lou Montulli, as the young commercial web was trying to support shopping carts and user sessions. There had been earlier attempts at solving the problem, but Montulli’s idea was elegant. A server could store compact data in the browser and retrieve it later.</p> <p>That small mechanism became one of the quiet pieces of infrastructure behind the interactive web. Cookies made logins, e-commerce, personalization, and many modern web services possible.</p> <p>In modern systems, the cookie usually does not contain the full sensitive record itself. More often, it contains a session ID that points to information stored more securely on the server. Still, this simple invention helped turn the web from a library into a place where things could happen.</p> <h2>Hello World</h2> <p>In 1994, Justin Hall, then a student at Swarthmore College, launched Links.net, a personal home page filled with links and reflections. This could be the world’s first blog.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen.png"><img alt="Screenshot of an early personal homepage." decoding="async" height="870" sizes="(max-width: 808px) 100vw, 808px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen.png 808w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen-279x300.png 279w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/links-printscreen-768x827.png 768w" width="808"></img></a><figcaption>A printscreen of what might be the world’s first blog post. Screencapped from <a data-id="Links.net" data-type="link" href="http://Links.net" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Links.net</a>.</figcaption></figure> </div> <p>It was a rather audacious idea at the time, that you could use this still-new platform called the internet to broadcast whatever thoughts you wanted to the world. After Hall, many others followed, especially once the technical barriers were reduced.</p> <p>At first, maintaining such a site meant hand-editing HTML. Then came hosted tools like Blogger or WordPress, that made blogging feel less like programming and more like writing text in a box.</p> <p>With blogs, the internet started to truly become a dialog. Blog posts had dates and permalinks. They could reference each other. They had comments sections where the audience could engage. Importantly, they also had RSS feeds that let readers subscribe without visiting every site manually.</p> <p>RSS stands for Really Simple Syndication. It is a web feed format that lets a site publish a list of its latest updates (usually headlines, links, summaries, and timestamps). A reader could subscribe to that feed using an RSS reader or aggregator, which would automatically collect new posts from many sites in one place. So instead of visiting 30 blogs every morning to see who posted what, you opened one reader and saw what had changed. For a user looking to browse their favorite blogs, RSS offered the perfect medium (and it is still widely used today).</p> <p>Around the same time, another strange and important project emerged: GeoCities.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen.png"><img alt="Screenshot of Google front page displaying text in Comic Sans font." decoding="async" height="604" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-1024x604.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-1024x604.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-300x177.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen-768x453.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/geocities-printscreen.png 1512w" width="1024"></img></a><figcaption>Google still commemorates GeoCities by turning the font into Comic Sans to this day. Image credits: Author screenshot.</figcaption></figure> </div> <p>Founded in late 1994 by David Bohnett and John Rezner as Beverly Hills Internet, GeoCities gave ordinary users a way to build personal homepages without needing to understand the deeper machinery of servers and code. It was a project stunningly ahead of its time. It enabled users to become “Homesteaders,” and their pages were placed in themed neighborhoods like “Area 51” for science fiction fans, “WallStreet” for finance, “Colosseum” for sports, and “EnchantedForest” for children.</p> <p>At its peak, GeoCities was messy and looked amateurish, but it was deeply human. It was one of the first projects where users could truly feel like they had their own piece of the internet. By 1999, it had become one of the most visited places on the web, hosting millions of user pages before Yahoo! acquired it.</p> <p>But its decline also revealed a pattern that would haunt the social web: People built the culture, while companies owned the land. When Yahoo! later shut down the main English-language GeoCities site, <a href="https://blog.archive.org/2009/08/25/geocities-preserved/" rel="noopener">archivists rushed to preserve what they could</a>, turning GeoCities into both a monument to early online creativity and a warning about how easily digital communities can vanish.</p> <h3>Wiki Wiki Wiki</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot.png"><img alt="An older main page of Wikipedia seen on a Mozilla browser. " decoding="async" height="574" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Mozilla_Firefox_1.0_front_page_screenshot-768x551.png 768w" width="800"></img></a><figcaption>An older main page of Wikipedia seen on a Mozilla browser. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_the_web_browser" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>So far in this series, we have mostly looked at technical breakthroughs. But it would be unfair to ignore the role of users.</p> <p>Today, user-generated content is filtered, ranked, and monetized by giant platforms. In the 1990s and early 2000s, it was much wilder. The internet burst with creativity and experimentation. Some of it was brilliant, and some of it was undoubtedly awful. Much of it shaped the society we now live in.</p> <p>Perhaps none of those experiments was as ambitious as Wikipedia.</p> <p>Science fiction writer Isaac Asimov gave us many visionary concepts, including the “<a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/can-we-use-asimov-s-three-laws-of-robotics-in-the-real-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Three Laws of Robotics</a>.” He also proposed, in his <em>Foundation </em>universe, an encyclopedia that would preserve human knowledge. He called it Encyclopedia Galactica. Wikipedia was similar in spirit, though not quite identical to Asimov’s idea. It was even stranger: an encyclopedia that never stopped arguing with itself.</p> <p>Nupedia (Wikipedia’s precursor) was launched in 2000 by Jimmy Wales and Larry Sanger. It tried to build a free online encyclopedia through expert review. It was noble and careful and painfully slow. Just two articles were published in its first six months. Wikipedia, launched on January 15, 2001, was much more open. Anyone could write and edit, which proved to be one of the most inspired decisions in the history of the internet. In <a href="https://www.zmescience.com/other/interviews/wikipedia-trust-jimmy-wales-interview-rep/" rel="noopener">an interview</a> I conducted with Wales for ZME Science at the Cheltenham Science Festival, he recalled:</p> <blockquote> <p>“In the very early days we switched to the wiki model from a previous model which was very old-fashioned, very top down. Suddenly this burst of activity came from the community and we got more work done in two weeks than we had in almost two years. I was like ‘this is cool’. This is actually really interesting. We’re having this very open model [..], we’ve unlocked people’s excitement and energy and this is fantastic.”</p> </blockquote> <p>It grew to more than 20,000 articles across 18 languages in its first year and reached one million articles by 2006. Currently, the English version of Wikipedia has 7,189,591 articles (containing over 5 billion words), while for all languages, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Size_of_Wikipedia" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the total number of pages</a> is 65,690,650</p> <p>Whereas Asimov’s encyclopedia was conceived as an expert-built monument (more like Nupedia), Wikipedia became a living system built by millions of contributors, corrected in public, revised constantly, and held together by rules such as the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Neutral_point_of_view" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Neutral Point of View</a>. To this day, it still fundamentally works the same way.</p> <p>It sounds too idealistic to ever work. Yet somehow, much of the time, it does. Wikipedia is far from perfect, but <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6889752/" rel="noopener">academic studies show</a> that even now, it is on par with professional sources even in specialized topics such as biology or medicine. We have an imperfect, ever-changing, often vandalized database of human knowledge which (almost magically) is still reliable most of the time. A key part of that is transparency and admitting when things go awry, Wales also mentions.</p> <blockquote> <p>“We’re very happy to tell you all the things that are wrong with Wikipedia and all the criticism we’ve gotten because that’s just part of history. It’s part of the process.”</p> </blockquote> <p> Wikipedia is just the biggest one of the thousands of different “wiki” projects on the web. The name <em>wiki</em> comes from Hawaiian, meaning “quick.” It was coined by programmer Ward Cunningham, who created the first wiki software in 1995, borrowed the name after remembering the Wiki Wiki Shuttle at Honolulu International Airport. He wanted a phrase that captured the speed and ease of the system, a “quick web” where visitors could create, edit, and link pages without waiting for formal approval.</p> <p>Nowadays, you can find wikis for everything from programming languages to your favorite series. Internet users have proven that at least sometimes, they can be reliable curators of knowledge.</p> <h3>The Web We Built, the Web We Lost</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-scaled.png"><img alt="A world cloud of terms related to &quot;Web 2.0&quot;." decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-1024x768.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-1024x768.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-300x225.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-768x576.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-1536x1152.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Web_2.0_Map.svg_-2048x1536.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>A tag cloud (a typical Web 2.0 phenomenon in itself) presenting Web 2.0 themes. Image via Wikipedia (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Web_2.0#/media/File:Web_2.0_Map.svg" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>By the mid-2000s, the internet looked vastly different. The world needed a word for it, and that word became <em>Web 2.0.</em> It was popularized by authors Tim O’Reilly (who also promoted the term <em>open source</em>) and Dale Dougherty (sometimes called the Father of the Maker Movement). It was simply a popular name, as Web 2.0 did not bring a new protocol or invention; rather, it was a new way of building services. The web was finally a platform.</p> <p>Berners-Lee objected to the term. He reminded people that the web had always been meant to be collaborative. But “Web 2.0” captured a real change in scale and behavior, and it just became commonly used.</p> <p>This user-generated structure also paved the way for social media before “social media” had a name. Early platforms like Friendster or MySpace did not always work out, but some (like YouTube or Facebook) became behemoths.</p> <p>Yet gradually, bit by bit, something changed in the process. The early participatory web was messy and decentralized. People built pages, chose layouts, joined webrings, ran blogs, and linked outward. That gave us Wikipedia, YouTube, blogs, social networks, open-source communities, creator businesses, crisis reporting, fan cultures, and a billion tiny acts of public self-expression. As social media took over, it became more centralized. It also became faster, optimized, and more addictive. We no longer have the chaotic Geocities, we have highly curated video streams that algorithms tailor for our individual personality and responses. Meanwhile, generative AI is adding a fresh twist, flooding the internet with questionable content at industrial scales.</p> <p>Yet in a way, the web is still fighting the same battle it has fought since the beginning: Who gets to speak? Who gets heard? Who owns the room where the conversation happens? In the early days, it used to be the few people who had the know-how and infrastructure; now, it is whoever controls the platforms and algorithms.</p> <p>But, of course, we will explore that in more detail in our next installment on the current state of the internet.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-10-of-12-user-created-content/#comments 1 Zwischen Welten https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/zwischen-welten/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/zwischen-welten/#comments Tue, 23 Jun 2026 19:09:24 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4437 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/zwischen-welten/</link> </image> <description type="html"><h1>Zwischen Welten » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-23T21:09:24+02:00">23. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Da ich einen Unfall hatte und immer noch Schmerzen in der rechten Hand, Arm und Halswirbelsäule habe, kann ich leider nicht inmitten eines hochgradig turbulenten Jahres viele Seiten schreiben. Ich bekomme seit Wochen schmerzhaft zu spüren, dass die Stärke der Wechselwirkungen der Nervennetze in ihren Kommunikationsströmen und Kommunikationsmustern elementaren Einfluss auf meinen funktional vernetzt organisierten Organismus haben. Und die Wechselwirkungen der Netzsysteme und deren Stärke hängt wiederum von den Eigenschaften variabel durch kodierter vernetzter Elemente des Menschen ab.</p> <p>Heute möchte ich Ihnen das faszinierende Spektrum unserer Netzsysteme aufzeigen, von denen wir Menschen mit unseren Materien und Maschinen musterartig umgeben sind. Ich denke die meisten von uns sind sich dessen nicht bewusst, wie viele „Netzsysteme modulierender Musterräume“ mit uns parallelisiert kontinuierlich interagieren. Organische Networks“ sind dabei Impuls-, Feedback- und Steuerungsgeber zugleich. Sie orten, sensorieren und orchestrieren bioelektrische Verbindungen. Sie gewährleisten Informationsübertragung und Ordnungsbildung. Diese Liste ist nicht nur für innovative Unternehmen, Investoren, Architekten, Designer, Ingenieure, Kybernetiker und Steuerungs- und Regelungstechniker interessant, sondern auch für Kreative und Kunstschaffende, die in eine Netzwelt-Dimension außerhalb von reiner Software investieren möchten. Heute geht es auch um die organische Hardware und Middleware als Transmitter zwischen Science Fact, Science Fantasy und „Science Futur“. Für Computeranwender bitte meinen älteren Artikel hier im Netz: Das neue Netzwerkdenken* lesen. Heute geht es darum, zwischen den Welten zu wandeln, diese besser zu verstehen und musterhafter zu verbinden. Für das Überleben unserer Spezies Mensch eingebettet in einer Selbstorganisation des Universums. Schreiben Sie mir gerne weitere Beispiele. </p> <ul> <li>Agri-Culture Network</li> <li>Air-Port Network</li> <li>Ant Network</li> <li>Auto-Fac Network</li> <li>Autonomous Kinetic Network</li> <li>Battery Network</li> <li>Brain Network</li> <li>Broadcast Network</li> <li>Buoy Network, Robotic Buoy Network</li> <li>Campus Network</li> <li>Cellular Network</li> <li>City Network</li> <li>Company Network (Collaboration, Competiton, Cooperation, Communitys)</li> <li>Computing Network, HPC/Q/GPU… new computing</li> <li>Container Network</li> <li>Cop vs. Criminal Network</li> <li>Coral Reef Network</li> <li>Defense, Military Defense Network</li> <li>Deposit Money Network</li> <li>Desaster De-Eskalation Network</li> <li>Distribution Network</li> <li>Drone Swarm Network</li> <li>Drug Supply Network</li> <li>Earth Network</li> <li>Emergency (Management) Network </li> <li>Energy Network</li> <li>Fashion Network</li> <li>Film Network</li> <li>Financial Network</li> <li>Flux Network</li> <li>Forest Network</li> <li>Galaxy Network</li> <li>Genetic Network</li> <li>Ground / Air Control Network</li> <li>Hardware Network </li> <li>Home/ Habitat Electrical Network</li> <li>Hospital Network</li> <li>Human Life Network: Art-, Culture-, Education-, Gaming-, Health-, Relationship-, Sports, Technology-, Work… Network</li> <li>Hypersonic Aerial Network</li> <li>Industrial Cluster Network</li> <li>Internet of Things Network, U-I.O.T. Underwater Internet of Thing, S-IOT …etc.</li> <li>(Forest) Kindergarten Network</li> <li>Middleware Network</li> <li>Neural (Nerve) Network</li> <li>Production Network</li> <li>Prototype Network</li> <li>Robotic/ ISM Robotic Network</li> <li>Satellite Network</li> <li>School (Nerve Net) Network</li> <li>Sensor Network</li> <li>Software Network </li> <li>Social Media Network</li> <li>Space Network (Communication Nets P+H, Ports, Ships…)</li> <li>Storage (Memory) Network</li> <li>Supply Network</li> <li>Telecommunication Network</li> <li>Traffic Network</li> <li>Underground N.Y. Network U-Bahn Station Metro (France, Russia) Network </li> <li>Virtual Network</li> <li>Video Games Network</li> <li>Warfare Network</li> <li>Water Network (creek, river, lake, sea, ocean)</li> <li>Weather Network</li> <li>Zoo Network</li> </ul> <p>* https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/das-neue-netzwerkdenken</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/Dominic-Blitz-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/Dominic-Blitz-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Ich bespreche in meinem Web-Log "Spektrum Tensornetz" die Netzsysteme Gehirne, Computer, Geschäfte und Gesellschaft. &#xD; Ich bin unter der E-Mail: db@blitz-institut.de erreichbar.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-5"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Zwischen Welten » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-23T21:09:24+02:00">23. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20241224_220831-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Da ich einen Unfall hatte und immer noch Schmerzen in der rechten Hand, Arm und Halswirbelsäule habe, kann ich leider nicht inmitten eines hochgradig turbulenten Jahres viele Seiten schreiben. Ich bekomme seit Wochen schmerzhaft zu spüren, dass die Stärke der Wechselwirkungen der Nervennetze in ihren Kommunikationsströmen und Kommunikationsmustern elementaren Einfluss auf meinen funktional vernetzt organisierten Organismus haben. Und die Wechselwirkungen der Netzsysteme und deren Stärke hängt wiederum von den Eigenschaften variabel durch kodierter vernetzter Elemente des Menschen ab.</p> <p>Heute möchte ich Ihnen das faszinierende Spektrum unserer Netzsysteme aufzeigen, von denen wir Menschen mit unseren Materien und Maschinen musterartig umgeben sind. Ich denke die meisten von uns sind sich dessen nicht bewusst, wie viele „Netzsysteme modulierender Musterräume“ mit uns parallelisiert kontinuierlich interagieren. Organische Networks“ sind dabei Impuls-, Feedback- und Steuerungsgeber zugleich. Sie orten, sensorieren und orchestrieren bioelektrische Verbindungen. Sie gewährleisten Informationsübertragung und Ordnungsbildung. Diese Liste ist nicht nur für innovative Unternehmen, Investoren, Architekten, Designer, Ingenieure, Kybernetiker und Steuerungs- und Regelungstechniker interessant, sondern auch für Kreative und Kunstschaffende, die in eine Netzwelt-Dimension außerhalb von reiner Software investieren möchten. Heute geht es auch um die organische Hardware und Middleware als Transmitter zwischen Science Fact, Science Fantasy und „Science Futur“. Für Computeranwender bitte meinen älteren Artikel hier im Netz: Das neue Netzwerkdenken* lesen. Heute geht es darum, zwischen den Welten zu wandeln, diese besser zu verstehen und musterhafter zu verbinden. Für das Überleben unserer Spezies Mensch eingebettet in einer Selbstorganisation des Universums. Schreiben Sie mir gerne weitere Beispiele. </p> <ul> <li>Agri-Culture Network</li> <li>Air-Port Network</li> <li>Ant Network</li> <li>Auto-Fac Network</li> <li>Autonomous Kinetic Network</li> <li>Battery Network</li> <li>Brain Network</li> <li>Broadcast Network</li> <li>Buoy Network, Robotic Buoy Network</li> <li>Campus Network</li> <li>Cellular Network</li> <li>City Network</li> <li>Company Network (Collaboration, Competiton, Cooperation, Communitys)</li> <li>Computing Network, HPC/Q/GPU… new computing</li> <li>Container Network</li> <li>Cop vs. Criminal Network</li> <li>Coral Reef Network</li> <li>Defense, Military Defense Network</li> <li>Deposit Money Network</li> <li>Desaster De-Eskalation Network</li> <li>Distribution Network</li> <li>Drone Swarm Network</li> <li>Drug Supply Network</li> <li>Earth Network</li> <li>Emergency (Management) Network </li> <li>Energy Network</li> <li>Fashion Network</li> <li>Film Network</li> <li>Financial Network</li> <li>Flux Network</li> <li>Forest Network</li> <li>Galaxy Network</li> <li>Genetic Network</li> <li>Ground / Air Control Network</li> <li>Hardware Network </li> <li>Home/ Habitat Electrical Network</li> <li>Hospital Network</li> <li>Human Life Network: Art-, Culture-, Education-, Gaming-, Health-, Relationship-, Sports, Technology-, Work… Network</li> <li>Hypersonic Aerial Network</li> <li>Industrial Cluster Network</li> <li>Internet of Things Network, U-I.O.T. Underwater Internet of Thing, S-IOT …etc.</li> <li>(Forest) Kindergarten Network</li> <li>Middleware Network</li> <li>Neural (Nerve) Network</li> <li>Production Network</li> <li>Prototype Network</li> <li>Robotic/ ISM Robotic Network</li> <li>Satellite Network</li> <li>School (Nerve Net) Network</li> <li>Sensor Network</li> <li>Software Network </li> <li>Social Media Network</li> <li>Space Network (Communication Nets P+H, Ports, Ships…)</li> <li>Storage (Memory) Network</li> <li>Supply Network</li> <li>Telecommunication Network</li> <li>Traffic Network</li> <li>Underground N.Y. Network U-Bahn Station Metro (France, Russia) Network </li> <li>Virtual Network</li> <li>Video Games Network</li> <li>Warfare Network</li> <li>Water Network (creek, river, lake, sea, ocean)</li> <li>Weather Network</li> <li>Zoo Network</li> </ul> <p>* https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/das-neue-netzwerkdenken</p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/Dominic-Blitz-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/Dominic-Blitz-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Ich bespreche in meinem Web-Log "Spektrum Tensornetz" die Netzsysteme Gehirne, Computer, Geschäfte und Gesellschaft. &#xD; Ich bin unter der E-Mail: db@blitz-institut.de erreichbar.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-5"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/zwischen-welten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>Neues Buch zum Neurorecht: Das Gehirn im Recht https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neues-buch-zum-neurorecht-das-gehirn-im-recht/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neues-buch-zum-neurorecht-das-gehirn-im-recht/#comments Tue, 23 Jun 2026 11:05:06 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3627 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-linie-768x256.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neues-buch-zum-neurorecht-das-gehirn-im-recht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-linie-1024x342.jpg" /><h1>Neues Buch zum Neurorecht: Das Gehirn im Recht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Willensfreiheit, Lügendetektion, Strafmündigkeit und Gehirnentwicklung – was trägt die Hirnforschung hierzu bei?</strong></p> <span id="more-3627"></span> <p>Das Thema „Gedankenlesen“ ist zurzeit wieder häufiger in den Medien anwesend: Kann man mithilfe von Gehirn-Computer-Schnittstellen die Gedanken von jemandem lesen, der zum Beispiel schwer krank im Bett liegt oder gelähmt im Rollstuhl sitzt und sonst nicht mehr mit der Welt kommunizieren kann?</p> <p><em>Gedankenlesen. Pionierarbeit der Hirnforschung</em> war auch der Titel meines ersten Buchs (2008). Schon damals merkte ich an, dass Sensationsberichte Erwartungen wecken, die die Forschung (noch) nicht erfüllen kann. Wie weit sind wir heute?</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Praxistest im Recht und Neurorecht</h2> <p>Wie hat sich die Forschung im Neurorecht seitdem weiterentwickelt? Ein Prüfstein ist die Anwendung im Rechtswesen, wo es um hohe Summen oder gar die Freiheit von Menschen gehen kann – in manchen Ländern sogar um Leben und Tod.<aside></aside></p> <p>Ich freue mich, mit <em>Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortung und das Gehirn im juristischen Kontext</em> die Veröffentlichung meines ersten Buches beim Hogrefe Verlag GmbH &amp; Co. KG (gegründet 1949) bekanntzugeben. Hogrefe ist ein traditionsreicher und führender Verlag für psychologische Forschung.</p> <p>Das Buch fasst insbesondere die neuesten Erkenntnisse zur Gehirnentwicklung und ihrer Rolle in politischen und juristischen Debatten zusammen. Zum Vergleich werden auch die Fortschritte in der Neuropsychiatrie (Kapitel 1.1) herangezogen, der wohl wichtigsten und finanziell am beten ausgestatteten Neuro-Disziplin.</p> <p>Wussten Sie schon, dass:</p> <ul> <li>die Forschung zur Gehirnentwicklung in mehreren Ländern zur Änderung des Alters der Strafmündigkeit sowie des Verkehrs- und Drogenrechts beigetragen hat?</li> <li>die hirnbasierte Lügenerkennung bereits vor 20 Jahren versprochen wurde; ist sie inzwischen Praxisreif?</li> <li>die Debatte über das Gehirn, den freien Willen und dessen Auswirkungen auf das Recht bereits im 19. Jahrhundert begann – und bis heute andauert?</li> <li>Fälle von (angeblichen) Hirnschäden bereits im 19. Jahrhundert vor Gericht verhandelt wurden – und dies bis heute der Fall ist?</li> <li>Forscher*innen versuchen, kriminelles Verhalten im Gehirn vorherzusagen, insbesondere bei sogenannten Psychopathen, doch dass diese Forschung umstritten ist?</li> </ul> <h2>Wichtiges Praxis- und Grundlagenwissen</h2> <p>Zusätzlich zu diesen Anwendungsbeispielen vermittelt das Fachbuch auch Grundlagenwissen in Psychiatrie, Psychologie, Philosophie und Recht. Es ist jetzt im Angebot des Hogrefe Verlags verfügbar und eignet sich insbesondere für Studierende, Forschende und Neugierige der betroffenen Fächer:</p> <p>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortung und das Gehirn im juristischen Kontext</a></u></em>. Bern: Hogrefe.</p> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="532" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-1024x532.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-1024x532.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-300x156.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-768x399.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-1536x797.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-2048x1063.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Speziell zum Thema „Gedankenlesen“ kann diese Forschungsarbeit von Stephan Schleim online gelesen werden:</p> <p>Schleim, S. (2025d). <a href="https://publish.fid-media.de/entities/article/701c57df-70a3-4bd4-a8b5-23061393abd2" rel="noopener">Hirnforschung und Mind Control. José M. R. Delgados «stimoceiver» im Vergleich zu Elon Musks Neuralink</a>. <em>Zeitschrift für Medienwissenschaft</em>, 17, 71-83.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/dee27836516c415d9c81ddf9b80f7a53" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-linie-1024x342.jpg" /><h1>Neues Buch zum Neurorecht: Das Gehirn im Recht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Willensfreiheit, Lügendetektion, Strafmündigkeit und Gehirnentwicklung – was trägt die Hirnforschung hierzu bei?</strong></p> <span id="more-3627"></span> <p>Das Thema „Gedankenlesen“ ist zurzeit wieder häufiger in den Medien anwesend: Kann man mithilfe von Gehirn-Computer-Schnittstellen die Gedanken von jemandem lesen, der zum Beispiel schwer krank im Bett liegt oder gelähmt im Rollstuhl sitzt und sonst nicht mehr mit der Welt kommunizieren kann?</p> <p><em>Gedankenlesen. Pionierarbeit der Hirnforschung</em> war auch der Titel meines ersten Buchs (2008). Schon damals merkte ich an, dass Sensationsberichte Erwartungen wecken, die die Forschung (noch) nicht erfüllen kann. Wie weit sind wir heute?</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Praxistest im Recht und Neurorecht</h2> <p>Wie hat sich die Forschung im Neurorecht seitdem weiterentwickelt? Ein Prüfstein ist die Anwendung im Rechtswesen, wo es um hohe Summen oder gar die Freiheit von Menschen gehen kann – in manchen Ländern sogar um Leben und Tod.<aside></aside></p> <p>Ich freue mich, mit <em>Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortung und das Gehirn im juristischen Kontext</em> die Veröffentlichung meines ersten Buches beim Hogrefe Verlag GmbH &amp; Co. KG (gegründet 1949) bekanntzugeben. Hogrefe ist ein traditionsreicher und führender Verlag für psychologische Forschung.</p> <p>Das Buch fasst insbesondere die neuesten Erkenntnisse zur Gehirnentwicklung und ihrer Rolle in politischen und juristischen Debatten zusammen. Zum Vergleich werden auch die Fortschritte in der Neuropsychiatrie (Kapitel 1.1) herangezogen, der wohl wichtigsten und finanziell am beten ausgestatteten Neuro-Disziplin.</p> <p>Wussten Sie schon, dass:</p> <ul> <li>die Forschung zur Gehirnentwicklung in mehreren Ländern zur Änderung des Alters der Strafmündigkeit sowie des Verkehrs- und Drogenrechts beigetragen hat?</li> <li>die hirnbasierte Lügenerkennung bereits vor 20 Jahren versprochen wurde; ist sie inzwischen Praxisreif?</li> <li>die Debatte über das Gehirn, den freien Willen und dessen Auswirkungen auf das Recht bereits im 19. Jahrhundert begann – und bis heute andauert?</li> <li>Fälle von (angeblichen) Hirnschäden bereits im 19. Jahrhundert vor Gericht verhandelt wurden – und dies bis heute der Fall ist?</li> <li>Forscher*innen versuchen, kriminelles Verhalten im Gehirn vorherzusagen, insbesondere bei sogenannten Psychopathen, doch dass diese Forschung umstritten ist?</li> </ul> <h2>Wichtiges Praxis- und Grundlagenwissen</h2> <p>Zusätzlich zu diesen Anwendungsbeispielen vermittelt das Fachbuch auch Grundlagenwissen in Psychiatrie, Psychologie, Philosophie und Recht. Es ist jetzt im Angebot des Hogrefe Verlags verfügbar und eignet sich insbesondere für Studierende, Forschende und Neugierige der betroffenen Fächer:</p> <p>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortung und das Gehirn im juristischen Kontext</a></u></em>. Bern: Hogrefe.</p> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="532" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-1024x532.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-1024x532.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-300x156.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-768x399.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-1536x797.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/20260621-Zwischen-Norm-und-Neuron-Buecherregal-2048x1063.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Speziell zum Thema „Gedankenlesen“ kann diese Forschungsarbeit von Stephan Schleim online gelesen werden:</p> <p>Schleim, S. (2025d). <a href="https://publish.fid-media.de/entities/article/701c57df-70a3-4bd4-a8b5-23061393abd2" rel="noopener">Hirnforschung und Mind Control. José M. R. Delgados «stimoceiver» im Vergleich zu Elon Musks Neuralink</a>. <em>Zeitschrift für Medienwissenschaft</em>, 17, 71-83.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/dee27836516c415d9c81ddf9b80f7a53" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neues-buch-zum-neurorecht-das-gehirn-im-recht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>5</slash:comments> </item> <item> <title>Maximale Gegenwart oder Die stille Hoffnung, dass jemand stehen bleibt https://scilogs.spektrum.de/denkmale/maximale-gegenwart-oder-die-stille-hoffnung-dass-jemand-stehen-bleibt/ https://scilogs.spektrum.de/denkmale/maximale-gegenwart-oder-die-stille-hoffnung-dass-jemand-stehen-bleibt/#comments Mon, 22 Jun 2026 10:30:08 +0000 Eva Bambach https://scilogs.spektrum.de/denkmale/?p=2129 https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Beitragsbild-768x156.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/denkmale/maximale-gegenwart-oder-die-stille-hoffnung-dass-jemand-stehen-bleibt/</link> </image> <description type="html"><h1>Maximale Gegenwart oder Die stille Hoffnung, dass jemand stehen bleibt » Denkmale » SciLogs</h1><h2>By Von Eva Bambach</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn es zum selber Denken zu heiß ist, lässt man gern mal andere die Arbeit machen. Noch mehr Spaß macht es, dabei gleich mehrere Wettbewerber antreten zu lassen. So habe ich das Wochenende am Gewässer verbracht, in der Hitze vor mich hin halluziniert und mir möglichst krude Thesen ausgedacht. Und die dann zum Prompt werden lassen.</p> <blockquote> <p>Einer davon: Du bloggst unter „Denkmale“ bei scilogs.spektrum.de. Im Stil der vorangegangenen Posts schreibst du dort einen Beitrag mit einem Umfang von etwa 1000 Zeichen über die verblüffende künstlerische Verwandtschaft von Giotto, Banksy, prähistorischen Höhlenmalereien und Tiepolo.</p> </blockquote> <p>Ziemlich gemein war das natürlich schon. Aber weder der Schlaue Det noch Königin Claude haben gemault, sondern auf Gedeih und Verderb interpretiert und argumentiert.</p> <p>Ich finde es lustig. Ich fühle mich aber auch ein bisschen ertappt. Und darüber sollte ich mal nachdenken. Wenn es mal wieder kühler ist!</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195.jpg"><img alt="" data-id="2135" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 298px) 100vw, 298px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-298x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195.jpg 1000w" width="298"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037.jpg"><img alt="" data-id="2137" decoding="async" height="296" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-300x296.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-300x296.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-1024x1009.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-768x757.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-1536x1513.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037.jpg 2024w" width="300"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn.jpg"><img alt="" data-id="2136" decoding="async" height="252" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-300x252.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-300x252.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-1024x861.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-768x646.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-1536x1291.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-2048x1722.jpg 2048w" width="300"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2138" decoding="async" height="169" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-300x169.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-1024x578.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-768x433.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-1536x866.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-2048x1155.jpg 2048w" width="300"></img></a></figure> </figure> <p><em>Giotto, Tiepolo, Baksy, Lascaux – alle Bilder Public Domain</em><aside></aside></p> <h2>Und jetzt hat die KI das Wort:</h2> <p><em>Claude Sonnet 4.6:</em></p> <p><strong>Dieselbe Wand</strong></p> <p>Manchmal frappiert einen die Geschichte der Kunst mit einer Offenheit, die fast unverschämt wirkt. Neulich stand ich vor einem Banksy – einer jener zackig gestencilten Figuren, die auf einer Betonwand hängen wie eine Anklage – und dachte unwillkürlich an die Lascaux-Höhle. Nicht weil das eine oder das andere besonders schön oder hässlich wäre. Sondern weil die Geste dieselbe ist.</p> <p>Der unbekannte Künstler vor 17.000 Jahren und der unbekannte Künstler heute teilen mehr als die Anonymität: Beide suchen sich Wände, auf die sie eigentlich kein Recht haben. Beide arbeiten schnell, mit dem, was griffbereit ist. Und beide malen für ein Publikum, das die Botschaft im Vorbeigehen aufnehmen soll – oder nicht.</p> <p>Giotto hat das, gegen Ende des 13. Jahrhunderts, professionalisiert. Die Arenakapelle in Padua ist im Grunde eine sehr aufwendige, sehr bezahlte Version desselben Impulses: Geschichten an Wände bringen, die Menschen ansehen und verstehen, wenn sie hindurchgehen. Der Raum wird zur Kommunikation. Tiepolo hat zwei Jahrhunderte später dieselben Wände – buchstäblich: auch Fresken, auch Decken, auch Bögen – mit barocker Überwältigung aufgeladen. Weniger Demut, mehr Schauspiel. Aber die Logik dahinter? Identisch.</p> <p>Was sie alle verbindet, ist nicht Stil oder Epoche oder soziale Absicht. Es ist der Kurzschluss zwischen Bild und Wand. Die Überzeugung, dass eine Fläche, die ohnehin vorhanden ist, auch etwas tragen kann. Und die stille Hoffnung, dass jemand stehen bleibt.</p> <p><em>ChatGPT 5.5</em></p> <p><strong>Von Lascaux bis Banksy: Die lange Geschichte der belebten Wand</strong></p> <p>Wer vor den Fresken Giottos steht, vor einer venezianischen Decke Tiepolos, vor einer Banksy-Schablone oder den Malereien von Lascaux, sieht zunächst nur Unterschiede. Hier mittelalterliche Heilsgeschichte, dort Rokoko-Himmel, politische Street Art und eiszeitliche Jagdmagie. Und doch verbindet sie eine überraschende künstlerische Verwandtschaft.</p> <p>Alle vier setzen auf dieselbe fundamentale Leistung des Bildes: die Verwandlung einer Fläche in einen Ereignisraum. Giotto lässt Figuren handeln statt bloß Zeichen zu sein. Tiepolo sprengt die Decke und öffnet den Blick in imaginäre Höhen. Die Höhlenmaler modellieren Tiere mit wenigen Linien so präzise, dass Bewegung entsteht. Banksy wiederum kondensiert komplexe politische Botschaften in ikonische, sofort lesbare Szenen.</p> <p>Dabei ist der technische Aufwand fast nebensächlich. Entscheidend ist die Fähigkeit, Wahrnehmung zu steuern. Der Betrachter soll nicht Farbe auf Stein, Putz oder Mauer sehen, sondern Menschen, Tiere, Geschichten und Konflikte. Zwischen der Höhle von Lascaux, der Arena-Kapelle, einem venezianischen Palazzo und einer Londoner Hauswand liegen Jahrtausende. Doch die künstlerische Aufgabe bleibt erstaunlich konstant: Mit minimalen Mitteln maximale Gegenwart zu erzeugen. Vielleicht ist das die eigentliche Tradition der Kunst – älter als jede Epoche und widerstandsfähiger als jeder Stil.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Maximale Gegenwart oder Die stille Hoffnung, dass jemand stehen bleibt » Denkmale » SciLogs</h1><h2>By Von Eva Bambach</h2><div itemprop="text"> <p>Wenn es zum selber Denken zu heiß ist, lässt man gern mal andere die Arbeit machen. Noch mehr Spaß macht es, dabei gleich mehrere Wettbewerber antreten zu lassen. So habe ich das Wochenende am Gewässer verbracht, in der Hitze vor mich hin halluziniert und mir möglichst krude Thesen ausgedacht. Und die dann zum Prompt werden lassen.</p> <blockquote> <p>Einer davon: Du bloggst unter „Denkmale“ bei scilogs.spektrum.de. Im Stil der vorangegangenen Posts schreibst du dort einen Beitrag mit einem Umfang von etwa 1000 Zeichen über die verblüffende künstlerische Verwandtschaft von Giotto, Banksy, prähistorischen Höhlenmalereien und Tiepolo.</p> </blockquote> <p>Ziemlich gemein war das natürlich schon. Aber weder der Schlaue Det noch Königin Claude haben gemault, sondern auf Gedeih und Verderb interpretiert und argumentiert.</p> <p>Ich finde es lustig. Ich fühle mich aber auch ein bisschen ertappt. Und darüber sollte ich mal nachdenken. Wenn es mal wieder kühler ist!</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195.jpg"><img alt="" data-id="2135" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 298px) 100vw, 298px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-298x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195-768x774.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giotto_di_Bondone_-_No._18_Scenes_from_the_Life_of_Christ_-_2._Adoration_of_the_Magi_-_WGA09195.jpg 1000w" width="298"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037.jpg"><img alt="" data-id="2137" decoding="async" height="296" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-300x296.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-300x296.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-1024x1009.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-768x757.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037-1536x1513.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Giovanni_Battista_Tiepolo_037.jpg 2024w" width="300"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn.jpg"><img alt="" data-id="2136" decoding="async" height="252" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-300x252.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-300x252.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-1024x861.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-768x646.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-1536x1291.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Girl__beschn-2048x1722.jpg 2048w" width="300"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-scaled.jpg"><img alt="" data-id="2138" decoding="async" height="169" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-300x169.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-1024x578.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-768x433.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-1536x866.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/denkmale/files/KI_Lascaux_IV_-_33-2048x1155.jpg 2048w" width="300"></img></a></figure> </figure> <p><em>Giotto, Tiepolo, Baksy, Lascaux – alle Bilder Public Domain</em><aside></aside></p> <h2>Und jetzt hat die KI das Wort:</h2> <p><em>Claude Sonnet 4.6:</em></p> <p><strong>Dieselbe Wand</strong></p> <p>Manchmal frappiert einen die Geschichte der Kunst mit einer Offenheit, die fast unverschämt wirkt. Neulich stand ich vor einem Banksy – einer jener zackig gestencilten Figuren, die auf einer Betonwand hängen wie eine Anklage – und dachte unwillkürlich an die Lascaux-Höhle. Nicht weil das eine oder das andere besonders schön oder hässlich wäre. Sondern weil die Geste dieselbe ist.</p> <p>Der unbekannte Künstler vor 17.000 Jahren und der unbekannte Künstler heute teilen mehr als die Anonymität: Beide suchen sich Wände, auf die sie eigentlich kein Recht haben. Beide arbeiten schnell, mit dem, was griffbereit ist. Und beide malen für ein Publikum, das die Botschaft im Vorbeigehen aufnehmen soll – oder nicht.</p> <p>Giotto hat das, gegen Ende des 13. Jahrhunderts, professionalisiert. Die Arenakapelle in Padua ist im Grunde eine sehr aufwendige, sehr bezahlte Version desselben Impulses: Geschichten an Wände bringen, die Menschen ansehen und verstehen, wenn sie hindurchgehen. Der Raum wird zur Kommunikation. Tiepolo hat zwei Jahrhunderte später dieselben Wände – buchstäblich: auch Fresken, auch Decken, auch Bögen – mit barocker Überwältigung aufgeladen. Weniger Demut, mehr Schauspiel. Aber die Logik dahinter? Identisch.</p> <p>Was sie alle verbindet, ist nicht Stil oder Epoche oder soziale Absicht. Es ist der Kurzschluss zwischen Bild und Wand. Die Überzeugung, dass eine Fläche, die ohnehin vorhanden ist, auch etwas tragen kann. Und die stille Hoffnung, dass jemand stehen bleibt.</p> <p><em>ChatGPT 5.5</em></p> <p><strong>Von Lascaux bis Banksy: Die lange Geschichte der belebten Wand</strong></p> <p>Wer vor den Fresken Giottos steht, vor einer venezianischen Decke Tiepolos, vor einer Banksy-Schablone oder den Malereien von Lascaux, sieht zunächst nur Unterschiede. Hier mittelalterliche Heilsgeschichte, dort Rokoko-Himmel, politische Street Art und eiszeitliche Jagdmagie. Und doch verbindet sie eine überraschende künstlerische Verwandtschaft.</p> <p>Alle vier setzen auf dieselbe fundamentale Leistung des Bildes: die Verwandlung einer Fläche in einen Ereignisraum. Giotto lässt Figuren handeln statt bloß Zeichen zu sein. Tiepolo sprengt die Decke und öffnet den Blick in imaginäre Höhen. Die Höhlenmaler modellieren Tiere mit wenigen Linien so präzise, dass Bewegung entsteht. Banksy wiederum kondensiert komplexe politische Botschaften in ikonische, sofort lesbare Szenen.</p> <p>Dabei ist der technische Aufwand fast nebensächlich. Entscheidend ist die Fähigkeit, Wahrnehmung zu steuern. Der Betrachter soll nicht Farbe auf Stein, Putz oder Mauer sehen, sondern Menschen, Tiere, Geschichten und Konflikte. Zwischen der Höhle von Lascaux, der Arena-Kapelle, einem venezianischen Palazzo und einer Londoner Hauswand liegen Jahrtausende. Doch die künstlerische Aufgabe bleibt erstaunlich konstant: Mit minimalen Mitteln maximale Gegenwart zu erzeugen. Vielleicht ist das die eigentliche Tradition der Kunst – älter als jede Epoche und widerstandsfähiger als jeder Stil.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/denkmale/maximale-gegenwart-oder-die-stille-hoffnung-dass-jemand-stehen-bleibt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>9</slash:comments> </item> <item> <title>Wie der Solarpunk den Ruf von Wissenschaft und Demokratien retten kann (und auch wird) https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-der-solarpunk-den-ruf-von-wissenschaft-und-demokratien-retten-kann-und-auch-wird/ https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-der-solarpunk-den-ruf-von-wissenschaft-und-demokratien-retten-kann-und-auch-wird/#comments Sun, 21 Jun 2026 10:55:40 +0000 Michael Blume https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/?p=11365 https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-der-solarpunk-den-ruf-von-wissenschaft-und-demokratien-retten-kann-und-auch-wird/</link> </image> <description type="html"><h1>Wie der Solarpunk den Ruf von Wissenschaft und Demokratien retten kann (und auch wird) » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p><span>Im letzten </span><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-nach-dem-irankrieg-hilft-rechthaben-in-der-wissenskommunikation/">Blogpost habe ich darüber geschrieben, warum „Recht haben“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wenig hilft</a><span>: Wer unsere Expertise bereits anerkannt hat, wird sich bestätigt fühlen. Wer das jedoch bisher nicht tat, wird sich belehrt fühlen und mit Reaktanz reagieren. Menschen mögen es nicht, wenn Akademikerinnen und Akademiker auf sie herabsehen. Auch ich hatte dies als Arbeiterkind emotional abgelehnt.</span></p> <p>Sowohl als <a href="https://youtu.be/IuBD2FzXG2g" rel="noopener" target="_blank">Leiter des Sonderkontingent-Teams für besonders schutzbedürftigre Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak</a> wie auch seit 2018 als Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus machte ich auf Hunderten Veranstaltungen vor allem in Schulen immer wieder die Erfahrung: <strong><em>Menschen brauchen Zukunftshoffnung.</em></strong></p> <p>Oder wie es der meinerseits sehr geschätzte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-5phDiHmUMI" rel="noopener">Wirtschaftsminister a.D., Kinderbuchautor und grüne Philosoph <strong>Robert Habeck</strong> neulich in Bochum formulierte</a>: <em><strong>Wer kein Morgen hat, wählt gestern.</strong></em></p> <p>Deswegen postete ich auch <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116786137522429761" rel="noopener" target="_blank">heute morgen zum traditionellen „Guten Morgen – Tässle Kaffee?“ auch wieder gute Nachrichten vom Solarpunk und Solarboom</a>!</p> <p>Und tatsächlich haben Landtag und Landesregierung inzwischen meine Beauftragung um <em>„…und für jüdisches Leben“</em> erweitert, weil wir alle gemerkt haben, dass wir Menschen nur über gemeinsame Zukunftsbilder aktivieren können. Gerade auch (aber nicht nur) junge Menschen werden heute digital mit schlechten Nachrichten dermaßen zugeballert, dass viele von ihnen leiden, sich als nicht selbstwirksam erleben und zurückziehen.<aside></aside></p> <p>Die fossil geprägte Berliner Hauptstadtblase aus Politik, Konzernmedien und Lobbyverbänden trägt aktiv zu dieser Fehlwahrnehmung bei. Wer es für lächerlich hält, die Welt aus den Augen der Kinder – der Zukunft – zu betrachten, wird auch in der Politik fossil versagen.</p> <p><strong>Von der Ölfluch-Warnung zu Erneuerbaren Friedensenergien</strong></p> <p>Klar wirken Negativbilder auf unsere Evolutionspsychologie stärker: Um Gefahren abzuwehren, tendieren wir alle zur Bevorzugung schlechter Nachrichten, der Negativity Bias. Hätten so viele Menschen <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">meinen Essay <strong><em>„Öfluch &amp; Antisemitismus“</em></strong> aus 2019</a> gelesen, wenn er nicht warnend mit den fossilen Staatschefs <strong>Wladimir Putin (Russland) und Hassan Rohani (Iran)</strong> bebildert gewesen wäre?</p> <p><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Twitter-Tweet von Dr. Michael Blume vom 7. September 2021 verlinkt die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie mit der Salonkolumne &quot;Ölfluch und Antisemitismus&quot;. Als Headerbild sind Wladimir Putin und Hassan Rohani zu sehen." decoding="async" height="1237" sizes="(max-width: 1178px) 100vw, 1178px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg 1178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-286x300.jpg 286w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-975x1024.jpg 975w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg 768w" width="1178"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">Titelbild zur Salonkolumne „Ölfluch und Antisemitismus“ von 2019 zeigt Wladimir Putin links und Staatspräsident Hassan Rohani (Iran) rechts im vertrauten Gespräch</a> auf einer auffahrenden Rolltreppe. Screenshot, damals noch von Twitter: Michael Blume</em></p> <p>Dabei war meine eigentliche Botschaft nicht nur eine Warnung vor kommenden Kriegen und Terrorgruppen wie Hamas, Hisbollah und Huthi, sondern vor allem ein Appell: <em><strong>Wer Antisemitismus, Krieg und Terror wirklich überwinden will, muss endlich aufhören, sie fossil zu finanzieren!</strong></em></p> <p>Doch schon in der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg sprach ich das auch positiv an und brachte den Begriff <strong><em>„erneuerbare Friedensenergien“</em></strong> ins Parlament. Und obwohl ich nicht wirklich damit rechnete, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1HRpXuO7ZkQ" rel="noopener" target="_blank">können Sie hier sehen, wie an dieser Stelle spontaner Applaus aufbrandete</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/1HRpXuO7ZkQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Michael Blume im Landtag BW, 9.11.2023" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Und als mich also der <a href="https://www.vbe-bw.de/" rel="noopener"><strong>Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE_BW)</strong></a> um einen Gastbeitrag für ihr Magazin bat, entschied ich mich für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank">ein <strong>Plädoyer für Demokratie und Solarpunk</strong></a>.</p> <p>Ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf">poste den Artikel hier zum Download</a> und untenstehend als Text und freue mich auf den Dialog mit Ihnen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Anfangsseite des Gastbeitrags von Dr. Michael Blume beim Magazin des Verbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg: &quot;Vom Cyberpunk zum Solarpunk - warum Bildungsarbeit gegen Hass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht&quot;" decoding="async" height="685" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 724px) 100vw, 724px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg 724w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626-300x284.jpg 300w" width="724"></img></a></p> <p><em>Anfangsbild <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank">meines Gastbeitrages beim VBE-BW: „Vom Cyberpunk zum Solarpunk – warum Bildungsarbeit gegen Hass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht“</a>. Link führt zum pdf</em></p> <p><strong>Vom Cyberpunk zum Solarpunk – Warum Bildungsarbeit gegen Hass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht</strong></p> <p><em>Dr. Michael Blume ist Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben.</em></p> <p>Mein Team und ich legen großen Wert auf Gespräche mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften aller Schularten und aus allen Landesteilen. Denn nirgendwo lässt sich so viel gegen Menschenhass und Verschwörungsglauben bewirken. Zudem bekomme ich aber auch selbst von jedem Schulbesuch und jeder Fachtagung wichtige Eindrücke für die Arbeit: Welche Fragen und Themen beschäftigen die Schulen derzeit wirklich? Worin brauchen Lehrende Unterstützung, denen die Gesellschaft oft und schnell die „Reparatur“ von allem aufträgt, was anderswo fehlschlägt?</p> <p>Schon in den vergangenen Jahren reflektierten die Israelitischen Religionsgemeinschaften, mein Team und ich dabei, dass die Überwindung des Antisemitismus nicht gelingt, wenn negative Botschaften ungewollt verdoppelt werden: Wer das jüdische Leben in Deutschland auf die Schreckensbilder des Holocaust reduziert, mitunter gar NS-Karikaturen als Schockbilder einsetzt, verfestigt die Vorstellungen von Jüdinnen und Juden als „den Anderen“, die bestenfalls Mitleid verdienen. Wie es eine Vorständin der Jüdischen Studierendenunion Württemberg (JSUW) einmal formulierte: „Als jemand bei der Party sah, dass ich einen Magen David [sternförmiges Symbol des Judentums, M.B.] trug, fragte er, ob ich Jüdin sei. Als ich das bejahte, meinte er: ‚Das tut mir aber leid!‘ Das war vielleicht gut gemeint, aber es fühlte sich schrecklich an.“</p> <p>Pädagogisch ist geklärt: „Denkt jetzt bitte nicht an einen blauen Elefanten!“ hat noch nie funktioniert. Was gegen falsche Bilder hilft, sind keine Denkverbote, sondern bessere Bilder. Die jesidische Menschenrechtsaktivistin und spätere Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad erklärte dies bei einem gemeinsamen Termin bei der UNO in New York einmal so: „I am not a Victim, I am a Survivor! – Ich bin kein Opfer, ich bin eine Überlebende!“ Das hat mich überzeugt.</p> <p>Entsprechend haben Landesregierung und Landtag von Baden-Württemberg auch dem Wunsch entsprochen, meine Beauftragung „gegen Antisemitismus“ durch den Zusatz „und für jüdisches Leben“ zu erweitern. Wir wollen die Geschichte nicht verschweigen, aber zugleich die Vielfalt auch im Judentum und vor allem die gemeinsame Zukunft zur Sprache bringen. Lernziel sind gerade nicht neue Komplexe und Verknotungen, sondern eine hoffnungsvolle Haltung für ein Miteinander, in dem Menschen gleichberechtigt und ohne Angst jüdisch, christlich, islamisch, jesidisch, anders- und auch nichtreligiös, männlich, weiblich, queer, eben vielfältig sein können.</p> <p>Ich glaube nicht, dass es auch nur eine „Schule ohne Rassismus“ gibt, weil wir als Menschen immer auch Vorurteile in uns tragen. Die pädagogische Aufgabe besteht also nicht darin, dies zu verdrängen – sondern uns allen die Mittel an die Hand zu geben, immer wieder dialogisch über uns selbst hinaus zu wachsen. Nach einem Gespräch dazu bat mich die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher in einem Brief, entsprechend weiterhin „für Herzensbildung“ einzutreten.</p> <p><strong>Hoffnungsbilder gegen die Zukunftsangst</strong></p> <p>In inzwischen Hunderten Veranstaltungen an Schulen und Hochschulen erlebte ich junge Menschen, die gerade auch durch digitale Medien in einem erheblichen Ausmaß informiert und auch emotionalisiert sind. Es macht eben einen riesigen Unterschied, ob wir über Gewalt im Nahen Osten oder über die Klimakrise aus Zeitungen und Büchern informiert werden – oder aus oft drastischen Videos. So wurden die jungen Menschen mit entgegen gesetzten Narrativen zum Gazakrieg konfrontiert und immer wieder aufgefordert, für „die Israelis“ oder „die Palästinenser“ Partei zu ergreifen. Drastische Warnungen vor der globalen Erhitzung und KI-Technologien rufen Ängste hervor. Auch haben viele Influencerinnen und Influencer in den vergangenen Jahren ein inszeniertes Traumbild von Dubai vermittelt – das nun durch den Irankrieg und Drohnenangriffe binnen weniger Tage zerfiel.</p> <p>Ich erlebe, dass junge Menschen sehr viele Fragen haben – und nur dann schweigen, wenn sie fürchten, ohnehin kein Gehör zu finden oder gar verurteilt zu werden. Wer von ihnen verlangt, die eigenen Stereotype etwa über Juden, Muslime, Frauen oder Geflüchtete zu überwinden und trotz der Polykrise an die Staatsform der rechtsstaatlichen Demokratie zu glauben, wird entsprechend auch persönlich auf Glaubwürdigkeit getestet. Ich finde das nicht nur verständlich, ich finde das klug.</p> <p>Über Jahrzehnte dominierte auch im Unterhaltungsbereich die Bilderwelt des Cyberpunk: Erdrückende Städte mit teurer Technologie, die wenige reich macht und viele zerstört. Dagegen sprach im Landtag von Baden-Württemberg von „erneuerbaren Friedensenergien“ und biete Ideen des Solarpunk an: Hin zu einer post-fossilen Welt ohne Öl-und-Gas-finanzierte Diktaturen, ohne antisemitische Propaganda und korrupte Konzerne, mit Wertschätzung unserer Mitwelt und der Menschenwürde, mit Lust auf demokratische Mitwirkung und auf Bildung auch als Chance zur Herzensbildung. Denn wenn wir eine gute Zukunft haben – dann nicht gegeneinander, sondern nur gemeinsam.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/b4w_Wik9agI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Deutschland gewinnt! Gute Nachrichten vom Solarpunk &amp; Solarboom" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Wie der Solarpunk den Ruf von Wissenschaft und Demokratien retten kann (und auch wird) » Natur des Glaubens » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Blume</h2><div itemprop="text"> <p><span>Im letzten </span><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/energieglauben-nach-dem-irankrieg-hilft-rechthaben-in-der-wissenskommunikation/">Blogpost habe ich darüber geschrieben, warum „Recht haben“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wenig hilft</a><span>: Wer unsere Expertise bereits anerkannt hat, wird sich bestätigt fühlen. Wer das jedoch bisher nicht tat, wird sich belehrt fühlen und mit Reaktanz reagieren. Menschen mögen es nicht, wenn Akademikerinnen und Akademiker auf sie herabsehen. Auch ich hatte dies als Arbeiterkind emotional abgelehnt.</span></p> <p>Sowohl als <a href="https://youtu.be/IuBD2FzXG2g" rel="noopener" target="_blank">Leiter des Sonderkontingent-Teams für besonders schutzbedürftigre Frauen und Kinder aus Kurdistan-Irak</a> wie auch seit 2018 als Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus machte ich auf Hunderten Veranstaltungen vor allem in Schulen immer wieder die Erfahrung: <strong><em>Menschen brauchen Zukunftshoffnung.</em></strong></p> <p>Oder wie es der meinerseits sehr geschätzte <a href="https://www.youtube.com/watch?v=-5phDiHmUMI" rel="noopener">Wirtschaftsminister a.D., Kinderbuchautor und grüne Philosoph <strong>Robert Habeck</strong> neulich in Bochum formulierte</a>: <em><strong>Wer kein Morgen hat, wählt gestern.</strong></em></p> <p>Deswegen postete ich auch <a href="https://digitalcourage.social/@BlumeEvolution/116786137522429761" rel="noopener" target="_blank">heute morgen zum traditionellen „Guten Morgen – Tässle Kaffee?“ auch wieder gute Nachrichten vom Solarpunk und Solarboom</a>!</p> <p>Und tatsächlich haben Landtag und Landesregierung inzwischen meine Beauftragung um <em>„…und für jüdisches Leben“</em> erweitert, weil wir alle gemerkt haben, dass wir Menschen nur über gemeinsame Zukunftsbilder aktivieren können. Gerade auch (aber nicht nur) junge Menschen werden heute digital mit schlechten Nachrichten dermaßen zugeballert, dass viele von ihnen leiden, sich als nicht selbstwirksam erleben und zurückziehen.<aside></aside></p> <p>Die fossil geprägte Berliner Hauptstadtblase aus Politik, Konzernmedien und Lobbyverbänden trägt aktiv zu dieser Fehlwahrnehmung bei. Wer es für lächerlich hält, die Welt aus den Augen der Kinder – der Zukunft – zu betrachten, wird auch in der Politik fossil versagen.</p> <p><strong>Von der Ölfluch-Warnung zu Erneuerbaren Friedensenergien</strong></p> <p>Klar wirken Negativbilder auf unsere Evolutionspsychologie stärker: Um Gefahren abzuwehren, tendieren wir alle zur Bevorzugung schlechter Nachrichten, der Negativity Bias. Hätten so viele Menschen <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">meinen Essay <strong><em>„Öfluch &amp; Antisemitismus“</em></strong> aus 2019</a> gelesen, wenn er nicht warnend mit den fossilen Staatschefs <strong>Wladimir Putin (Russland) und Hassan Rohani (Iran)</strong> bebildert gewesen wäre?</p> <p><a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Ein Twitter-Tweet von Dr. Michael Blume vom 7. September 2021 verlinkt die politikwissenschaftliche Rentierstaatstheorie mit der Salonkolumne &quot;Ölfluch und Antisemitismus&quot;. Als Headerbild sind Wladimir Putin und Hassan Rohani zu sehen." decoding="async" height="1237" sizes="(max-width: 1178px) 100vw, 1178px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume.jpg 1178w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-286x300.jpg 286w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-975x1024.jpg 975w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SalonkolumnistenRentierstaatstheorieTweetBlume-768x806.jpg 768w" width="1178"></img></a></p> <p><em>Das <a href="https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/" rel="noopener" target="_blank">Titelbild zur Salonkolumne „Ölfluch und Antisemitismus“ von 2019 zeigt Wladimir Putin links und Staatspräsident Hassan Rohani (Iran) rechts im vertrauten Gespräch</a> auf einer auffahrenden Rolltreppe. Screenshot, damals noch von Twitter: Michael Blume</em></p> <p>Dabei war meine eigentliche Botschaft nicht nur eine Warnung vor kommenden Kriegen und Terrorgruppen wie Hamas, Hisbollah und Huthi, sondern vor allem ein Appell: <em><strong>Wer Antisemitismus, Krieg und Terror wirklich überwinden will, muss endlich aufhören, sie fossil zu finanzieren!</strong></em></p> <p>Doch schon in der bisher wichtigsten Rede meines Lebens am 9. November 2023 im Landtag von Baden-Württemberg sprach ich das auch positiv an und brachte den Begriff <strong><em>„erneuerbare Friedensenergien“</em></strong> ins Parlament. Und obwohl ich nicht wirklich damit rechnete, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1HRpXuO7ZkQ" rel="noopener" target="_blank">können Sie hier sehen, wie an dieser Stelle spontaner Applaus aufbrandete</a>!</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/1HRpXuO7ZkQ?feature=oembed&amp;rel=0" title="Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Michael Blume im Landtag BW, 9.11.2023" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Und als mich also der <a href="https://www.vbe-bw.de/" rel="noopener"><strong>Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE_BW)</strong></a> um einen Gastbeitrag für ihr Magazin bat, entschied ich mich für <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank">ein <strong>Plädoyer für Demokratie und Solarpunk</strong></a>.</p> <p>Ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf">poste den Artikel hier zum Download</a> und untenstehend als Text und freue mich auf den Dialog mit Ihnen!</p> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank"><img alt="Anfangsseite des Gastbeitrags von Dr. Michael Blume beim Magazin des Verbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg: &quot;Vom Cyberpunk zum Solarpunk - warum Bildungsarbeit gegen Hass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht&quot;" decoding="async" height="685" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 724px) 100vw, 724px" src="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626.jpg 724w, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/SolarpunkMichaelBlumeVBE0626-300x284.jpg 300w" width="724"></img></a></p> <p><em>Anfangsbild <a href="https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/files/VBE0626MichaelBlumeVomCyberpunkzumSolarpunkBildungHoffnung.pdf" rel="noopener" target="_blank">meines Gastbeitrages beim VBE-BW: „Vom Cyberpunk zum Solarpunk – warum Bildungsarbeit gegen Hass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht“</a>. Link führt zum pdf</em></p> <p><strong>Vom Cyberpunk zum Solarpunk – Warum Bildungsarbeit gegen Hass und Hetze hoffnungsvolle Sprachbilder braucht</strong></p> <p><em>Dr. Michael Blume ist Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben.</em></p> <p>Mein Team und ich legen großen Wert auf Gespräche mit Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften aller Schularten und aus allen Landesteilen. Denn nirgendwo lässt sich so viel gegen Menschenhass und Verschwörungsglauben bewirken. Zudem bekomme ich aber auch selbst von jedem Schulbesuch und jeder Fachtagung wichtige Eindrücke für die Arbeit: Welche Fragen und Themen beschäftigen die Schulen derzeit wirklich? Worin brauchen Lehrende Unterstützung, denen die Gesellschaft oft und schnell die „Reparatur“ von allem aufträgt, was anderswo fehlschlägt?</p> <p>Schon in den vergangenen Jahren reflektierten die Israelitischen Religionsgemeinschaften, mein Team und ich dabei, dass die Überwindung des Antisemitismus nicht gelingt, wenn negative Botschaften ungewollt verdoppelt werden: Wer das jüdische Leben in Deutschland auf die Schreckensbilder des Holocaust reduziert, mitunter gar NS-Karikaturen als Schockbilder einsetzt, verfestigt die Vorstellungen von Jüdinnen und Juden als „den Anderen“, die bestenfalls Mitleid verdienen. Wie es eine Vorständin der Jüdischen Studierendenunion Württemberg (JSUW) einmal formulierte: „Als jemand bei der Party sah, dass ich einen Magen David [sternförmiges Symbol des Judentums, M.B.] trug, fragte er, ob ich Jüdin sei. Als ich das bejahte, meinte er: ‚Das tut mir aber leid!‘ Das war vielleicht gut gemeint, aber es fühlte sich schrecklich an.“</p> <p>Pädagogisch ist geklärt: „Denkt jetzt bitte nicht an einen blauen Elefanten!“ hat noch nie funktioniert. Was gegen falsche Bilder hilft, sind keine Denkverbote, sondern bessere Bilder. Die jesidische Menschenrechtsaktivistin und spätere Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad erklärte dies bei einem gemeinsamen Termin bei der UNO in New York einmal so: „I am not a Victim, I am a Survivor! – Ich bin kein Opfer, ich bin eine Überlebende!“ Das hat mich überzeugt.</p> <p>Entsprechend haben Landesregierung und Landtag von Baden-Württemberg auch dem Wunsch entsprochen, meine Beauftragung „gegen Antisemitismus“ durch den Zusatz „und für jüdisches Leben“ zu erweitern. Wir wollen die Geschichte nicht verschweigen, aber zugleich die Vielfalt auch im Judentum und vor allem die gemeinsame Zukunft zur Sprache bringen. Lernziel sind gerade nicht neue Komplexe und Verknotungen, sondern eine hoffnungsvolle Haltung für ein Miteinander, in dem Menschen gleichberechtigt und ohne Angst jüdisch, christlich, islamisch, jesidisch, anders- und auch nichtreligiös, männlich, weiblich, queer, eben vielfältig sein können.</p> <p>Ich glaube nicht, dass es auch nur eine „Schule ohne Rassismus“ gibt, weil wir als Menschen immer auch Vorurteile in uns tragen. Die pädagogische Aufgabe besteht also nicht darin, dies zu verdrängen – sondern uns allen die Mittel an die Hand zu geben, immer wieder dialogisch über uns selbst hinaus zu wachsen. Nach einem Gespräch dazu bat mich die Holocaust-Überlebende Inge Auerbacher in einem Brief, entsprechend weiterhin „für Herzensbildung“ einzutreten.</p> <p><strong>Hoffnungsbilder gegen die Zukunftsangst</strong></p> <p>In inzwischen Hunderten Veranstaltungen an Schulen und Hochschulen erlebte ich junge Menschen, die gerade auch durch digitale Medien in einem erheblichen Ausmaß informiert und auch emotionalisiert sind. Es macht eben einen riesigen Unterschied, ob wir über Gewalt im Nahen Osten oder über die Klimakrise aus Zeitungen und Büchern informiert werden – oder aus oft drastischen Videos. So wurden die jungen Menschen mit entgegen gesetzten Narrativen zum Gazakrieg konfrontiert und immer wieder aufgefordert, für „die Israelis“ oder „die Palästinenser“ Partei zu ergreifen. Drastische Warnungen vor der globalen Erhitzung und KI-Technologien rufen Ängste hervor. Auch haben viele Influencerinnen und Influencer in den vergangenen Jahren ein inszeniertes Traumbild von Dubai vermittelt – das nun durch den Irankrieg und Drohnenangriffe binnen weniger Tage zerfiel.</p> <p>Ich erlebe, dass junge Menschen sehr viele Fragen haben – und nur dann schweigen, wenn sie fürchten, ohnehin kein Gehör zu finden oder gar verurteilt zu werden. Wer von ihnen verlangt, die eigenen Stereotype etwa über Juden, Muslime, Frauen oder Geflüchtete zu überwinden und trotz der Polykrise an die Staatsform der rechtsstaatlichen Demokratie zu glauben, wird entsprechend auch persönlich auf Glaubwürdigkeit getestet. Ich finde das nicht nur verständlich, ich finde das klug.</p> <p>Über Jahrzehnte dominierte auch im Unterhaltungsbereich die Bilderwelt des Cyberpunk: Erdrückende Städte mit teurer Technologie, die wenige reich macht und viele zerstört. Dagegen sprach im Landtag von Baden-Württemberg von „erneuerbaren Friedensenergien“ und biete Ideen des Solarpunk an: Hin zu einer post-fossilen Welt ohne Öl-und-Gas-finanzierte Diktaturen, ohne antisemitische Propaganda und korrupte Konzerne, mit Wertschätzung unserer Mitwelt und der Menschenwürde, mit Lust auf demokratische Mitwirkung und auf Bildung auch als Chance zur Herzensbildung. Denn wenn wir eine gute Zukunft haben – dann nicht gegeneinander, sondern nur gemeinsam.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="999" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/b4w_Wik9agI?feature=oembed&amp;rel=0" title="Deutschland gewinnt! Gute Nachrichten vom Solarpunk &amp; Solarboom" width="562"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/wie-der-solarpunk-den-ruf-von-wissenschaft-und-demokratien-retten-kann-und-auch-wird/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>90</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Vom Fleischfresser zur Blütenfreundin – die Evolution der Bienen https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vom-fleischfresser-zur-bluetenfreundin-die-evolution-der-bienen/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vom-fleischfresser-zur-bluetenfreundin-die-evolution-der-bienen/#comments Sun, 21 Jun 2026 09:19:19 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1910 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/logo-768x768.jpg Frontalaufnahme einer Biene: geknickte Fühler, riesige seitliche Facettenaugen, eine heraushängende haarige Zunge. Das vordere Flügelpaar ist scharf, der hintere sowie der gebliche Hinterleib sind unscharf. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vom-fleischfresser-zur-bluetenfreundin-die-evolution-der-bienen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/logo.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Vom Fleischfresser zur Blütenfreundin - die Evolution der Bienen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag140-bienen.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p><strong>Das Onlinemagazin RiffReporter, zu dem AstroGeo gehört, braucht eure Hilfe: <a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Hier gehts zum laufenden Crowdfunding.</a></strong></p> <p>Manchmal landeten Insekten auf dem frisch ausgeflossenen Harz eines Baumes, klebten fest und wurden schließlich von dem Harz eingeschlossen. Dieses Harz wurde später Teil des Bodens und des Sediments und schließlich zu einem durchscheinenden Stein – dem Bernstein. Mit viel Glück findet viele Tausend oder Millionen Jahre später ein Mensch den Bernstein mit dem Insekt darin.<aside></aside></p> <p>Was nach dem Stoff für eine bekannte Science Fiction-Filmserie klingt, ist zumindest im Ansatz Realität: Karl erzählt in dieser Folge nicht etwa von eingeschlossen Stechmücken mit Dinosaurier-DNA, sondern von Insekten, die uns deutlich sympathischer sind. Es geht um die Bienen: wer ihre Vorfahren waren, wann in der Erdgeschichte sie sich entwickelten und wieso sie zu dem wurden, was sie heute sind. Wir schätzen sie als wichtige Bestäuber von Blütenpflanzen, züchten die europäische Honigbiene, lassen uns ihren Honig schmecken. Dabei sind Bienen eine extrem diverse Tiergruppe, die als Einzelgänger oder in riesigen sozialen Völkern lebt.</p> <p>Insektenforscher sind froh über fossilisierte Insekten, ob in Bernstein oder eingebettet in Tonstein. Dank ihnen wissen sie: Bienen entstanden aus fleischfressenden Vierflüglern, die eher den heutigen Grabwespen ähnelten. Zu Beginn der Kreidezeit tauchten dann die ersten Blütenpflanzen auf, die sich quasi zeitgleich mit den ersten Bienenarten über die Welt ausbreiteten. Bienchen und Blümchen beeinflussten sich dabei gegenseitig. Schon am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren hatten Blütenpflanzen die Kontinente erobert – und mit ihnen die Bienen.</p> <p>Es geht in dieser Folge um wild lebende Bienen, um Solitärbienen und um Hummeln. Auch die europäische Honigbiene gehört dazu: Sie ist zwar heute ein weitgehend domestiziertes Tier, das von Imkern gehalten, versorgt oder gegen Krankheiten oder Parasiten behandelt wird. Wild lebend kommt es in unseren Breiten kaum noch vor. Uns Menschen ist sie nah und nützlich. Wir verwenden die Honighbiene als Covergirl für Naturschutzbroschüren oder Wahlplakate, was nicht immer gerechtfertigt ist. Zurecht geschätzt wird sie als wichtige Bestäuberin in der Kulturlandschaft.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 119: <a href="https://astrogeo.de/erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/" rel="noopener">Erstarrte Momente: Tödliche Spuren, Wassergeburt und Dinopipi</a></li> <li>Folge 104: <a href="https://astrogeo.de/die-baeume-sind-schuld-riffsterben-und-klimachaos-im-devon/" rel="noopener">Riffsterben und Klimachaos im Devon: Sind die Bäume schuld?</a></li> <li>Folge 89: <a href="https://astrogeo.de/winzige-wesen-oder-ninjas-der-nacht-die-entwicklung-der-saeugetiere/" rel="noopener">Ninjas der Nacht: Die Entwicklung der Säugetiere</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/" rel="noopener">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/" rel="noopener">Folge 64: Massensterben im Treibhaus</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Insektenkunde" rel="noopener">Entomologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Randecker_Maar" rel="noopener">Randecker Maar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mioz%C3%A4n" rel="noopener">Miozän</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein" rel="noopener">Bernstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Westliche_Honigbiene" rel="noopener">Europäische Honigbiene</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eusozialit%C3%A4t" rel="noopener">Eusozialität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Echte_Bienen" rel="noopener">Echte Bienen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hautfl%C3%BCgler" rel="noopener">Hautflügler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stechimmen" rel="noopener">Stechimmen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Grabwespen" rel="noopener">Grabwespen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Zoologie)" rel="noopener">Metamorphose (Zoologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koevolution" rel="noopener">Koevolution</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stachellose_Bienen" rel="noopener">Stachellose Bienen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nektar_(Botanik)" rel="noopener">Nektar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pollenh%C3%B6schen" rel="noopener">Pollenhöschen</a></li> <li>Museum of the Earth: <a href="https://www.museumoftheearth.org/bees/evolution-fossil-record" rel="noopener">Evolution &amp; Fossil Record of Bees</a></li> <li>BUND: <a href="https://www.bund.net/themen/tiere-pflanzen/wildbienen/wildbienenkunde/wildbienen-arten-in-deutschland/" rel="noopener">Wildbienen-Arten in Deutschland</a></li> <li><a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Crowdfunding der RiffReporter</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: C. Jouault: <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.03.002" rel="noopener">The radiation of Hymenoptera illuminated by Bayesian inferences from the fossil record</a>, Current Biology (2025)</li> <li>Fachartikel: F. Berendse &amp; M. Scheffer: <a href="https://doi.org/10.1111/j.1461-0248.2009.01342.x" rel="noopener">The angiosperm radiation revisited, an ecological explanation for Darwin’s abominable mystery</a> (2009)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Biene Anthidiellum perplexum aus Nordamerika,</em><a href="https://www.usgs.gov/media/images/anthidiellum-perplexum-m-ga-baker-face" rel="noopener"><em>public domain, Sara Guerrieri, USGS</em></a></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/logo.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Vom Fleischfresser zur Blütenfreundin - die Evolution der Bienen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag140-bienen.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p><strong>Das Onlinemagazin RiffReporter, zu dem AstroGeo gehört, braucht eure Hilfe: <a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Hier gehts zum laufenden Crowdfunding.</a></strong></p> <p>Manchmal landeten Insekten auf dem frisch ausgeflossenen Harz eines Baumes, klebten fest und wurden schließlich von dem Harz eingeschlossen. Dieses Harz wurde später Teil des Bodens und des Sediments und schließlich zu einem durchscheinenden Stein – dem Bernstein. Mit viel Glück findet viele Tausend oder Millionen Jahre später ein Mensch den Bernstein mit dem Insekt darin.<aside></aside></p> <p>Was nach dem Stoff für eine bekannte Science Fiction-Filmserie klingt, ist zumindest im Ansatz Realität: Karl erzählt in dieser Folge nicht etwa von eingeschlossen Stechmücken mit Dinosaurier-DNA, sondern von Insekten, die uns deutlich sympathischer sind. Es geht um die Bienen: wer ihre Vorfahren waren, wann in der Erdgeschichte sie sich entwickelten und wieso sie zu dem wurden, was sie heute sind. Wir schätzen sie als wichtige Bestäuber von Blütenpflanzen, züchten die europäische Honigbiene, lassen uns ihren Honig schmecken. Dabei sind Bienen eine extrem diverse Tiergruppe, die als Einzelgänger oder in riesigen sozialen Völkern lebt.</p> <p>Insektenforscher sind froh über fossilisierte Insekten, ob in Bernstein oder eingebettet in Tonstein. Dank ihnen wissen sie: Bienen entstanden aus fleischfressenden Vierflüglern, die eher den heutigen Grabwespen ähnelten. Zu Beginn der Kreidezeit tauchten dann die ersten Blütenpflanzen auf, die sich quasi zeitgleich mit den ersten Bienenarten über die Welt ausbreiteten. Bienchen und Blümchen beeinflussten sich dabei gegenseitig. Schon am Ende der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren hatten Blütenpflanzen die Kontinente erobert – und mit ihnen die Bienen.</p> <p>Es geht in dieser Folge um wild lebende Bienen, um Solitärbienen und um Hummeln. Auch die europäische Honigbiene gehört dazu: Sie ist zwar heute ein weitgehend domestiziertes Tier, das von Imkern gehalten, versorgt oder gegen Krankheiten oder Parasiten behandelt wird. Wild lebend kommt es in unseren Breiten kaum noch vor. Uns Menschen ist sie nah und nützlich. Wir verwenden die Honighbiene als Covergirl für Naturschutzbroschüren oder Wahlplakate, was nicht immer gerechtfertigt ist. Zurecht geschätzt wird sie als wichtige Bestäuberin in der Kulturlandschaft.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 119: <a href="https://astrogeo.de/erstarrte-augenblicke-toedliche-fussspuren-wassergeburt-und-dino-pipi/" rel="noopener">Erstarrte Momente: Tödliche Spuren, Wassergeburt und Dinopipi</a></li> <li>Folge 104: <a href="https://astrogeo.de/die-baeume-sind-schuld-riffsterben-und-klimachaos-im-devon/" rel="noopener">Riffsterben und Klimachaos im Devon: Sind die Bäume schuld?</a></li> <li>Folge 89: <a href="https://astrogeo.de/winzige-wesen-oder-ninjas-der-nacht-die-entwicklung-der-saeugetiere/" rel="noopener">Ninjas der Nacht: Die Entwicklung der Säugetiere</a></li> <li>Folge 86: <a href="https://astrogeo.de/das-ende-der-dinosaurier-massensterben-im-fruehling/" rel="noopener">Das Ende der Dinosaurier: Massensterben im Frühling</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/tod-im-treibhaus/" rel="noopener">Folge 64: Massensterben im Treibhaus</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Insektenkunde" rel="noopener">Entomologie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Randecker_Maar" rel="noopener">Randecker Maar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mioz%C3%A4n" rel="noopener">Miozän</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernstein" rel="noopener">Bernstein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Westliche_Honigbiene" rel="noopener">Europäische Honigbiene</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Eusozialit%C3%A4t" rel="noopener">Eusozialität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Echte_Bienen" rel="noopener">Echte Bienen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hautfl%C3%BCgler" rel="noopener">Hautflügler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stechimmen" rel="noopener">Stechimmen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Grabwespen" rel="noopener">Grabwespen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Zoologie)" rel="noopener">Metamorphose (Zoologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Koevolution" rel="noopener">Koevolution</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stachellose_Bienen" rel="noopener">Stachellose Bienen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Nektar_(Botanik)" rel="noopener">Nektar</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pollenh%C3%B6schen" rel="noopener">Pollenhöschen</a></li> <li>Museum of the Earth: <a href="https://www.museumoftheearth.org/bees/evolution-fossil-record" rel="noopener">Evolution &amp; Fossil Record of Bees</a></li> <li>BUND: <a href="https://www.bund.net/themen/tiere-pflanzen/wildbienen/wildbienenkunde/wildbienen-arten-in-deutschland/" rel="noopener">Wildbienen-Arten in Deutschland</a></li> <li><a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Crowdfunding der RiffReporter</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: C. Jouault: <a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2025.03.002" rel="noopener">The radiation of Hymenoptera illuminated by Bayesian inferences from the fossil record</a>, Current Biology (2025)</li> <li>Fachartikel: F. Berendse &amp; M. Scheffer: <a href="https://doi.org/10.1111/j.1461-0248.2009.01342.x" rel="noopener">The angiosperm radiation revisited, an ecological explanation for Darwin’s abominable mystery</a> (2009)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Biene Anthidiellum perplexum aus Nordamerika,</em><a href="https://www.usgs.gov/media/images/anthidiellum-perplexum-m-ga-baker-face" rel="noopener"><em>public domain, Sara Guerrieri, USGS</em></a></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-vom-fleischfresser-zur-bluetenfreundin-die-evolution-der-bienen/#comments 2 Neuer deutscher Rechtsextremismus oder warum wir uns in Deutschland mit den „Grauen Wölfen“ befassen müssen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/neuer-deutscher-rechtsextremismus-oder-warum-wir-uns-in-deutschland-mit-den-grauen-woelfen-befassen-muessen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/neuer-deutscher-rechtsextremismus-oder-warum-wir-uns-in-deutschland-mit-den-grauen-woelfen-befassen-muessen/#comments Fri, 19 Jun 2026 07:21:33 +0000 Rabia Kökten https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=517 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-2-768x513.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/neuer-deutscher-rechtsextremismus-oder-warum-wir-uns-in-deutschland-mit-den-grauen-woelfen-befassen-muessen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-2-1024x684.jpg" /><h1>Neuer deutscher Rechtsextremismus oder warum wir uns in Deutschland mit den „Grauen Wölfen“ befassen müssen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Rabia Kökten</h2><div itemprop="text"> <p>Die extreme Rechte mit Türkeibezug, auch bekannt unter der Bezeichnung „Graue Wölfe“, formiert sich in Deutschland vor allem (aber nicht nur) im Rahmen von Vereinen und Verbänden der Ülkücü-Bewegung. Damit ist sie die zweitgrößte formal zusammengehörige extrem rechte Organisation in Deutschland. Ideologisch beziehen sich die „Grauen Wölfe“ auf ein „Türkentum“, welches in der Forschung als <em>faschistisch</em> bezeichnet wird <sup data-fn="d36b3c35-916b-493d-869b-347db9a34c41"><a href="#d36b3c35-916b-493d-869b-347db9a34c41" id="d36b3c35-916b-493d-869b-347db9a34c41-link">1</a></sup>. Die ersten Vereine der Ülkücü-Bewegung in Deutschland wurden in den 1970ern gegründet. </p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="684" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-1024x684.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-1024x684.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-1536x1025.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-2048x1367.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Anhänger:innen der Bewegung auf einer Kundgebung in München. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München</figcaption></figure> <hr></hr> <p>Alparslan Türkeş, Begründer und Führungsfigur, bezog auch türkische Arbeitsmigrant*innen in Deutschland und Europa in das nationale Wir ein<sup data-fn="67fc2ec2-47ad-454e-b14a-030180deb981"><a href="#67fc2ec2-47ad-454e-b14a-030180deb981" id="67fc2ec2-47ad-454e-b14a-030180deb981-link">2</a></sup>. Er etablierte 1996 die Idee des „europäischen Türkentums“ (<em>avrupa türklüğü</em>) auf einer Ansprache in Essen, Deutschland<sup data-fn="e9f8b713-b561-4a14-b01f-d4ace687ca70"><a href="#e9f8b713-b561-4a14-b01f-d4ace687ca70" id="e9f8b713-b561-4a14-b01f-d4ace687ca70-link">3</a></sup>. Damit erweiterte Türkeş das Phantasma eines türkischen Großreiches um Westeuropa, denn viele seiner Anhänger*innen (aber nicht nur diese) verlagerten ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Europa. Er griff dies auf und signalisierte ihnen damit, dass sie ihren ideologischen Türkeibezug auch dort ausleben können. Lokale Kontexte, digitale Kommunikationstechnologien und Infrastrukturen erleichtern eine transnationale Vernetzung, die sich nicht an nationalen Grenzen orientiert. </p> <h2><strong>Normalisierung von Vereinsinteressen durch Repräsentationsstrategien</strong></h2> <p>Eine transnationale Ausrichtung für Organisationen der Ülkücü-Bewegung ist also aus ideologischen Gründen hilfreich. Diese beziehen sich programmatisch auf ihre extrem rechten Mutterparteien, wie die MHP (<em>Milliyetçi Hareket Partisi</em>), die seit 2018 in einem Wahlbündnis mit Erdoğans AKP <em>(Adalet ve Kalkınma Partisi) </em>ist<em>.</em> Damit ist sie nicht in Regierungsverantwortung, jedoch sind wichtige Positionen im türkischen Staatsapparat durch ihre Mitglieder beeinflusst. Für die Ülkücü-Vereine in Deutschland bedeutet das wiederum, dass sie in einer vorteilhaften Position gegenüber anderen türkeibezogenen Organisationen, wie etwa alevitische Gemeinden, sind.</p> <p>Für ihre Innenwirkung ist es wichtig, sich als Repräsentant*innen der Türkei und der sogenannten türkischen Kultur platzieren zu können, denn die extreme Rechte in der Türkei ist als Verbündete des Nationalstaates gewachsen<sup data-fn="36ef1421-102f-4158-83a6-0ad653db6f4b"><a href="#36ef1421-102f-4158-83a6-0ad653db6f4b" id="36ef1421-102f-4158-83a6-0ad653db6f4b-link">4</a></sup> – anders als die autochthone extreme Rechte in Deutschland nach 1945. Auf dieser Verbindung beruhen ihre Existenz- und Legitimierungsgrundlagen; ohne sie würden sie aus organisationssoziologischer Sicht schnell zerfallen. Es muss also Vorteile für Einzelne mit sich bringen, um auf freiwilliger und „ehrenamtlicher“ Basis für extrem rechte Vereinsinteressen zu arbeiten: </p> <p>Durch transnationale Vernetzungen mit einflussreichen türkischen Parteien und politischen Eliten eröffnen sich für einzelne Mitglieder neue Möglichkeiten. Diese umfassen insbesondere Prestige, gesellschaftliches Ansehen sowie Karrierechancen in der türkischen Politik, in wissenschaftlichen Institutionen und in Think Tanks (z. B. SETA)<sup data-fn="2618a6cb-394a-49f4-89f3-72808e87dbec"><a href="#2618a6cb-394a-49f4-89f3-72808e87dbec" id="2618a6cb-394a-49f4-89f3-72808e87dbec-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto.jpg"><img alt="" decoding="async" height="540" sizes="(max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto.jpg 720w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto-300x225.jpg 300w" width="720"></img></a><figcaption>Typisches Autokennzeichen von Anhänger:innen in München, MHP = rechtsextreme Partei in der Türkei. Foto: Martina Ortner</figcaption></figure> <hr></hr> <p>Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Unterstützer*innen der Ideologie nicht im konstruierten Territorium Turan<sup data-fn="749f8b4d-ccb5-4529-a1cd-cfdf6cbdc6f8"><a href="#749f8b4d-ccb5-4529-a1cd-cfdf6cbdc6f8" id="749f8b4d-ccb5-4529-a1cd-cfdf6cbdc6f8-link">6</a></sup> leben. Strategien, die diese Vereine insbesondere in Deutschland nutzen, um ihre Legitimität zu begründen, sind nicht deckungsgleich mit analogen Organisationen und Gruppen in der Türkei und bedürfen einer gesonderten Analyse, die wir in <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/transnationale-formen-des-rechtsextremismus/" rel="noopener">Teilprojekt 08 des Forschungsverbundes ForGeRex </a>vornehmen.</p> <p>Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass es den Vereinen der Ülkücü-Bewegung insbesondere dort gelungen ist, sich als entsprechende Repräsentant*innen zu positionieren, wo sich zivilgesellschaftliche Gegenwehr nur schwach etablieren konnte, etwa weil es an Problembewusstsein in der Stadtgesellschaft mangelte. Dynamiken zugunsten der Ülkücü-Vereine entstanden dann, wenn Menschen mit Türkeibezug einem „deutschen Wir“ gegenübergestellt und gemeinsam mit vielen anderen Bevölkerungsgruppen zu Migrant*innen zusammengefasst wurden. Das führte in manchen Situationen zu einer Entpolitisierung des Themas und unterstütze eine Normalisierung der extremen Rechten mit Türkeibezug. Es erleichterte Ihnen, die Rolle der „türkischen“ Repräsentation für sich zu beanspruchen. So veranstalteten Anhänger*innen der Ülkücü-Bewegung bereits mit Unterstützung von städtischen Integrations- oder Migrationsbeiräten Empfänge in Rathäusern, bei denen Oberbürgermeister*innen Grußworte hielten, mit Funktionär*innen der Ülkücü-Bewegung posierten<sup data-fn="25e09a8a-097f-4fa9-848d-892dacaddc66"><a href="#25e09a8a-097f-4fa9-848d-892dacaddc66" id="25e09a8a-097f-4fa9-848d-892dacaddc66-link">7</a></sup> und es zu keiner öffentlichkeitswirksamen Skandalisierung kam.</p> <hr></hr> <h2><strong>Postmigration als Paradigma</strong></h2> <p>Nicht nur bezogen auf die anfängliche Feststellung braucht es einen genaueren Blick auf Vereine der Ülkücü-Bewegung in Deutschland und damit einhergehende Dynamiken. Das Paradigma Postmigration, aus dem heraus in Teilprojekt 08 gedacht und geforscht wird, zielt darauf ab, die systematische Konstruktion von sogenannten Migrant*innen als homogene, abweichende und erklärungsbedürftige Gruppe aufzubrechen und Migration als historische Normalität und damit als Perspektive zu begreifen, aus der heraus Gesellschaften<sup data-fn="d58b82b8-8265-4428-ab0b-237fd4d3782d"><a href="#d58b82b8-8265-4428-ab0b-237fd4d3782d" id="d58b82b8-8265-4428-ab0b-237fd4d3782d-link">8</a></sup> und urbane Situationen<sup data-fn="48ad6bf2-a9c4-434b-9f19-d6b126cb013a"><a href="#48ad6bf2-a9c4-434b-9f19-d6b126cb013a" id="48ad6bf2-a9c4-434b-9f19-d6b126cb013a-link">9</a></sup> beschrieben werden können.</p> <p>In pluralen Gesellschaften bedeutet Diversität auch, dass unterschiedliche Vorstellungen und Ideologien über Ungleichheit existieren. Diese stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern überschneiden sich, beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln sich weiter. Dabei können sie Brücken zueinander bilden – etwa im Fall von Antigenderismus oder verschiedenen Formen des Antisemitismus. Diese Vielfalt an Perspektiven und Deutungsmustern entsteht unter anderem auch durch transnationale Verflechtungen: Sie bringen unterschiedliche biografische Erfahrungen, Wissensbestände und diskursive Traditionen in Austausch und Beziehung zueinander. </p> <p>Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage, wie Zugehörigkeiten, Identitäten und Diskriminierungen in pluralen Demokratien entstehen, zusammenwirken und verhandelt werden. Dabei ist entscheidend, transnationale Verflechtungen nicht als Ursache bestimmter Ideologien zu verengen, sondern Postmigration als einen Kontext zu verstehen, in dem vielfältige Perspektiven aufeinandertreffen, einander verändern und neue Bezugnahmen hervorbringen.</p> <hr></hr> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-2-1024x684.jpg" /><h1>Neuer deutscher Rechtsextremismus oder warum wir uns in Deutschland mit den „Grauen Wölfen“ befassen müssen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Rabia Kökten</h2><div itemprop="text"> <p>Die extreme Rechte mit Türkeibezug, auch bekannt unter der Bezeichnung „Graue Wölfe“, formiert sich in Deutschland vor allem (aber nicht nur) im Rahmen von Vereinen und Verbänden der Ülkücü-Bewegung. Damit ist sie die zweitgrößte formal zusammengehörige extrem rechte Organisation in Deutschland. Ideologisch beziehen sich die „Grauen Wölfe“ auf ein „Türkentum“, welches in der Forschung als <em>faschistisch</em> bezeichnet wird <sup data-fn="d36b3c35-916b-493d-869b-347db9a34c41"><a href="#d36b3c35-916b-493d-869b-347db9a34c41" id="d36b3c35-916b-493d-869b-347db9a34c41-link">1</a></sup>. Die ersten Vereine der Ülkücü-Bewegung in Deutschland wurden in den 1970ern gegründet. </p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="684" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-1024x684.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-1024x684.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-1536x1025.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/DSC4372-1-2048x1367.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Anhänger:innen der Bewegung auf einer Kundgebung in München. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München</figcaption></figure> <hr></hr> <p>Alparslan Türkeş, Begründer und Führungsfigur, bezog auch türkische Arbeitsmigrant*innen in Deutschland und Europa in das nationale Wir ein<sup data-fn="67fc2ec2-47ad-454e-b14a-030180deb981"><a href="#67fc2ec2-47ad-454e-b14a-030180deb981" id="67fc2ec2-47ad-454e-b14a-030180deb981-link">2</a></sup>. Er etablierte 1996 die Idee des „europäischen Türkentums“ (<em>avrupa türklüğü</em>) auf einer Ansprache in Essen, Deutschland<sup data-fn="e9f8b713-b561-4a14-b01f-d4ace687ca70"><a href="#e9f8b713-b561-4a14-b01f-d4ace687ca70" id="e9f8b713-b561-4a14-b01f-d4ace687ca70-link">3</a></sup>. Damit erweiterte Türkeş das Phantasma eines türkischen Großreiches um Westeuropa, denn viele seiner Anhänger*innen (aber nicht nur diese) verlagerten ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Europa. Er griff dies auf und signalisierte ihnen damit, dass sie ihren ideologischen Türkeibezug auch dort ausleben können. Lokale Kontexte, digitale Kommunikationstechnologien und Infrastrukturen erleichtern eine transnationale Vernetzung, die sich nicht an nationalen Grenzen orientiert. </p> <h2><strong>Normalisierung von Vereinsinteressen durch Repräsentationsstrategien</strong></h2> <p>Eine transnationale Ausrichtung für Organisationen der Ülkücü-Bewegung ist also aus ideologischen Gründen hilfreich. Diese beziehen sich programmatisch auf ihre extrem rechten Mutterparteien, wie die MHP (<em>Milliyetçi Hareket Partisi</em>), die seit 2018 in einem Wahlbündnis mit Erdoğans AKP <em>(Adalet ve Kalkınma Partisi) </em>ist<em>.</em> Damit ist sie nicht in Regierungsverantwortung, jedoch sind wichtige Positionen im türkischen Staatsapparat durch ihre Mitglieder beeinflusst. Für die Ülkücü-Vereine in Deutschland bedeutet das wiederum, dass sie in einer vorteilhaften Position gegenüber anderen türkeibezogenen Organisationen, wie etwa alevitische Gemeinden, sind.</p> <p>Für ihre Innenwirkung ist es wichtig, sich als Repräsentant*innen der Türkei und der sogenannten türkischen Kultur platzieren zu können, denn die extreme Rechte in der Türkei ist als Verbündete des Nationalstaates gewachsen<sup data-fn="36ef1421-102f-4158-83a6-0ad653db6f4b"><a href="#36ef1421-102f-4158-83a6-0ad653db6f4b" id="36ef1421-102f-4158-83a6-0ad653db6f4b-link">4</a></sup> – anders als die autochthone extreme Rechte in Deutschland nach 1945. Auf dieser Verbindung beruhen ihre Existenz- und Legitimierungsgrundlagen; ohne sie würden sie aus organisationssoziologischer Sicht schnell zerfallen. Es muss also Vorteile für Einzelne mit sich bringen, um auf freiwilliger und „ehrenamtlicher“ Basis für extrem rechte Vereinsinteressen zu arbeiten: </p> <p>Durch transnationale Vernetzungen mit einflussreichen türkischen Parteien und politischen Eliten eröffnen sich für einzelne Mitglieder neue Möglichkeiten. Diese umfassen insbesondere Prestige, gesellschaftliches Ansehen sowie Karrierechancen in der türkischen Politik, in wissenschaftlichen Institutionen und in Think Tanks (z. B. SETA)<sup data-fn="2618a6cb-394a-49f4-89f3-72808e87dbec"><a href="#2618a6cb-394a-49f4-89f3-72808e87dbec" id="2618a6cb-394a-49f4-89f3-72808e87dbec-link">5</a></sup>.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto.jpg"><img alt="" decoding="async" height="540" sizes="(max-width: 720px) 100vw, 720px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto.jpg 720w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MHP_Auto-300x225.jpg 300w" width="720"></img></a><figcaption>Typisches Autokennzeichen von Anhänger:innen in München, MHP = rechtsextreme Partei in der Türkei. Foto: Martina Ortner</figcaption></figure> <hr></hr> <p>Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass Unterstützer*innen der Ideologie nicht im konstruierten Territorium Turan<sup data-fn="749f8b4d-ccb5-4529-a1cd-cfdf6cbdc6f8"><a href="#749f8b4d-ccb5-4529-a1cd-cfdf6cbdc6f8" id="749f8b4d-ccb5-4529-a1cd-cfdf6cbdc6f8-link">6</a></sup> leben. Strategien, die diese Vereine insbesondere in Deutschland nutzen, um ihre Legitimität zu begründen, sind nicht deckungsgleich mit analogen Organisationen und Gruppen in der Türkei und bedürfen einer gesonderten Analyse, die wir in <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/transnationale-formen-des-rechtsextremismus/" rel="noopener">Teilprojekt 08 des Forschungsverbundes ForGeRex </a>vornehmen.</p> <p>Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass es den Vereinen der Ülkücü-Bewegung insbesondere dort gelungen ist, sich als entsprechende Repräsentant*innen zu positionieren, wo sich zivilgesellschaftliche Gegenwehr nur schwach etablieren konnte, etwa weil es an Problembewusstsein in der Stadtgesellschaft mangelte. Dynamiken zugunsten der Ülkücü-Vereine entstanden dann, wenn Menschen mit Türkeibezug einem „deutschen Wir“ gegenübergestellt und gemeinsam mit vielen anderen Bevölkerungsgruppen zu Migrant*innen zusammengefasst wurden. Das führte in manchen Situationen zu einer Entpolitisierung des Themas und unterstütze eine Normalisierung der extremen Rechten mit Türkeibezug. Es erleichterte Ihnen, die Rolle der „türkischen“ Repräsentation für sich zu beanspruchen. So veranstalteten Anhänger*innen der Ülkücü-Bewegung bereits mit Unterstützung von städtischen Integrations- oder Migrationsbeiräten Empfänge in Rathäusern, bei denen Oberbürgermeister*innen Grußworte hielten, mit Funktionär*innen der Ülkücü-Bewegung posierten<sup data-fn="25e09a8a-097f-4fa9-848d-892dacaddc66"><a href="#25e09a8a-097f-4fa9-848d-892dacaddc66" id="25e09a8a-097f-4fa9-848d-892dacaddc66-link">7</a></sup> und es zu keiner öffentlichkeitswirksamen Skandalisierung kam.</p> <hr></hr> <h2><strong>Postmigration als Paradigma</strong></h2> <p>Nicht nur bezogen auf die anfängliche Feststellung braucht es einen genaueren Blick auf Vereine der Ülkücü-Bewegung in Deutschland und damit einhergehende Dynamiken. Das Paradigma Postmigration, aus dem heraus in Teilprojekt 08 gedacht und geforscht wird, zielt darauf ab, die systematische Konstruktion von sogenannten Migrant*innen als homogene, abweichende und erklärungsbedürftige Gruppe aufzubrechen und Migration als historische Normalität und damit als Perspektive zu begreifen, aus der heraus Gesellschaften<sup data-fn="d58b82b8-8265-4428-ab0b-237fd4d3782d"><a href="#d58b82b8-8265-4428-ab0b-237fd4d3782d" id="d58b82b8-8265-4428-ab0b-237fd4d3782d-link">8</a></sup> und urbane Situationen<sup data-fn="48ad6bf2-a9c4-434b-9f19-d6b126cb013a"><a href="#48ad6bf2-a9c4-434b-9f19-d6b126cb013a" id="48ad6bf2-a9c4-434b-9f19-d6b126cb013a-link">9</a></sup> beschrieben werden können.</p> <p>In pluralen Gesellschaften bedeutet Diversität auch, dass unterschiedliche Vorstellungen und Ideologien über Ungleichheit existieren. Diese stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern überschneiden sich, beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln sich weiter. Dabei können sie Brücken zueinander bilden – etwa im Fall von Antigenderismus oder verschiedenen Formen des Antisemitismus. Diese Vielfalt an Perspektiven und Deutungsmustern entsteht unter anderem auch durch transnationale Verflechtungen: Sie bringen unterschiedliche biografische Erfahrungen, Wissensbestände und diskursive Traditionen in Austausch und Beziehung zueinander. </p> <p>Aus dieser Perspektive stellt sich die Frage, wie Zugehörigkeiten, Identitäten und Diskriminierungen in pluralen Demokratien entstehen, zusammenwirken und verhandelt werden. Dabei ist entscheidend, transnationale Verflechtungen nicht als Ursache bestimmter Ideologien zu verengen, sondern Postmigration als einen Kontext zu verstehen, in dem vielfältige Perspektiven aufeinandertreffen, einander verändern und neue Bezugnahmen hervorbringen.</p> <hr></hr> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/neuer-deutscher-rechtsextremismus-oder-warum-wir-uns-in-deutschland-mit-den-grauen-woelfen-befassen-muessen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Astronomie des Löwen“horoskop“s https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/konstellation-am-hellen-tag/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/konstellation-am-hellen-tag/#comments Fri, 19 Jun 2026 06:00:05 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12943 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000172865-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/konstellation-am-hellen-tag/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000172865.jpg" /><h1>Astronomie des "Löwenhoroskop"s » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Die schmale Mondsichel nähert sich heute dem Stern im Herzen des Löwen, der „Regulus“ (kleiner König) genannt wird. Den Mond sieht man natürlich auch tags, aber freiäugig unsichtbar ist der Stern, wenn gegen 17:00 heute die nächste Annäherung stattfindet: siehe Simulation unten. Der Abstand beträgt etwa 1°, was zu weit ist, um in Teleskopoptik zu passen und freiäugig ist der Stern nicht im Hellen sichtbar (wahrscheinlich auch nicht mit Gesichtsfeldbeschränkung, was bei Venus und Sirius funktionieren könnte – aber wohl nicht hier): die Konstellation steht dann ziemlich hoch gen Süden. </p> <p>Ein solches Szenario von Mondsichel neben Regulus soll angeblich auch auf dem berühmten Löwenrelief von Nemrut Dağı im Südosten der Türkei dargestellt sein: Es wird <strong>in der Literatur häufig „<em>Löwenhoroskop</em>“ genannt</strong>, obwohl es eigentlich keine Vorhersagen enthält, <strong>sondern nur ein Löwen-Bild mit Sternchen ist</strong>. Die <a href="http://www.jenseits-des-horizonts.de/item/202/" rel="noopener">TOPOI-Ausstellung „Jenseits des Horizonts“</a> schrieb darüber 2012, es sei das älteste Horoskop der Welt. (Als Historikerin bin ich immer vorsichtig mit solchen Superlativen, denn – im Gegensatz zum Sport – geht’s in der Geschichtsforschung nicht darum, was/wer „erster“ war, sondern wie sich Erkenntnis entwickelt – genauer gesagt: die Datensammlung dafür, also wie alt ist ein bestimmtes Objekt/Text/Bild und was kommt danach/davor. Solche Aussagen mit „älteste“ bitte stets durch die popkulturell-reißerische Brille lesen!)</p> <h2>Analogie zum sog. „Löwenhoroskop“ </h2> <p>Das Problem mit der Interpretation des Löwenbildes ist, dass die drei großen Asterisken, die mit blumigen griechischen Bezeichnungen für die Planeten Merkur, Mars und Jupiter beschriftet sind, über dem Rücken des Löwen dargestellt sind. Dort hält sich kein vernünftiger Planet am Himmel auf: es ist viel zu weit nördlich, d.h. das Stein-Abbild ist (natürlich) <strong>keine Sternkarte</strong>.</p> <p>Die zunehmende Mondsichel unter Regulus ist, wie z.B. heute Nachmittag, eine Konstellation, die im Juni auftreten kann. Wenn man nicht den zunehmenden, sondern abnehmenden Mond betrachtet, wird sich so eine Konstellation dieses Jahr im Oktober (am Morgenhimmel) ereignen – sogar mit zwei der drei genannten Planeten. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="674" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-1024x674.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-1024x674.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-768x505.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium.jpg 1254w" width="1024"></img></a><figcaption>heute</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="603" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s-768x542.jpg 768w" width="855"></img></a><figcaption>Das Steinbild mit astronomischer Beschriftung: der gelbe Stern existiert nicht (mich überrascht, dass noch niemand eine Supernova vorgeschlagen hat – aber das ist es sicher nicht!) und die gelben Linien geben an, dass diese drei Sterne an der falschen Stelle gezeichnet sind (und wo sie eigentlich hingehören). Meines Erachtens zeigt dieses Sternmuster, dass das Bild nicht den griechischen Löwen zeigt… aber viele Archäologen sehen die Sachen durch die lokale Brille.</figcaption></figure> <p>Dass die Planeten über dem Löwen und mithin zu weit nördlich dargestellt sind, um etwas mit der Realität am Himmel zu tun zu haben, ist ein erster offensichtlicher Hinweis darauf, dass es sich hier nicht um eine reale Konstellation handeln kann. Dass die beiden Sterne in der Mitte (b Leo und chi Leo, und auch 93 Leo, wo ich den Balken zu zeichnen vergaß) nur in der Breitenkoordinate falsch sind, mag man verzeihen, da in zeitgenössischen astronomischen und astrologischen Werken die Breitenkoordinate meist nicht betrachtet wurde. Die Darstellung der Mondsichel unter Regulus allerdings ist der ultimative Beweis für die künstlerische Freiheit, denn (a) ist der Mond niemals schiffchenförmig unter dem Stern, denn dann müsste die Sonne im Sternbild Hydra stehen (was bekanntlich nicht im Tierkreis liegt) und (b) würde <em>in realitas</em> kein Stern durch den Mondkörper scheinen: der Mondkörper (im All) wird schließlich nicht durchsichtig, wenn uns der Mond am Himmel als Sichel erscheint. Übrigens habe ich auch noch nie gesehen, dass ein Löwe die hintere Hälfte seines Schwanzes s-förmig hochstellt, während der vorderere Teil des Schwanze herunterhängt – aber bekanntlich verstehen Astronomen nicht viel von Biologie (siehe Sternbild „Walfisch“) und darum maße ich mir hier kein Urteil an.  <aside></aside></p> <p>Die „Fehlerbalken“ der Sterne von 3° bis 5°, die die Astrologen meist nicht bedenken, wenn sie versuchen herauszufinden, wann dieses so genannte „Horoskop“ datiert, suggerieren, dass dieses Bild nach visuellen Vorlagen (Handzeichnungen, Skizzen) nach textlicher Beschreibung und nicht nach Himmelsanblick erstellt wurde. </p> <p>Es wird mitunter Eratosthenes als Quelle vorgeschlagen, aber das kann schon deshalb nicht sein, weil Eratosthenes im Kopf des Löwen einen Stern zu wenig angibt und dieses Bild einen zu viel zeigt. (Wo Archäologen normalerweise Locken zählen, sollten wir hier doch Sterne zählen.) </p> <p>Der langen Rede kurzer Sinn: moderne Historiker mögen sich mit Orakeln überschlagen, welche astronomische Konstellation hier dargestellt sein könnte, aber das Bild ist<em> per se</em> nicht datierbar! Auch nicht mit Berechnungen. Die Unsicherheiten (Fehlerbalken der Sternpositionen, Mond und Planeten als symbolische Formen im Sinne Cassirers und nicht als Sternkarte) sind viel zu groß, als dass es sich lohnen würde, aus diesem Bild irgendetwas zu schließen. </p> <p>Darum streckt der Löwe von Kommagene (wie Einstein) die Zunge raus und lacht uns für solche Versuche aus! </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/1000172865.jpg" /><h1>Astronomie des "Löwenhoroskop"s » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Die schmale Mondsichel nähert sich heute dem Stern im Herzen des Löwen, der „Regulus“ (kleiner König) genannt wird. Den Mond sieht man natürlich auch tags, aber freiäugig unsichtbar ist der Stern, wenn gegen 17:00 heute die nächste Annäherung stattfindet: siehe Simulation unten. Der Abstand beträgt etwa 1°, was zu weit ist, um in Teleskopoptik zu passen und freiäugig ist der Stern nicht im Hellen sichtbar (wahrscheinlich auch nicht mit Gesichtsfeldbeschränkung, was bei Venus und Sirius funktionieren könnte – aber wohl nicht hier): die Konstellation steht dann ziemlich hoch gen Süden. </p> <p>Ein solches Szenario von Mondsichel neben Regulus soll angeblich auch auf dem berühmten Löwenrelief von Nemrut Dağı im Südosten der Türkei dargestellt sein: Es wird <strong>in der Literatur häufig „<em>Löwenhoroskop</em>“ genannt</strong>, obwohl es eigentlich keine Vorhersagen enthält, <strong>sondern nur ein Löwen-Bild mit Sternchen ist</strong>. Die <a href="http://www.jenseits-des-horizonts.de/item/202/" rel="noopener">TOPOI-Ausstellung „Jenseits des Horizonts“</a> schrieb darüber 2012, es sei das älteste Horoskop der Welt. (Als Historikerin bin ich immer vorsichtig mit solchen Superlativen, denn – im Gegensatz zum Sport – geht’s in der Geschichtsforschung nicht darum, was/wer „erster“ war, sondern wie sich Erkenntnis entwickelt – genauer gesagt: die Datensammlung dafür, also wie alt ist ein bestimmtes Objekt/Text/Bild und was kommt danach/davor. Solche Aussagen mit „älteste“ bitte stets durch die popkulturell-reißerische Brille lesen!)</p> <h2>Analogie zum sog. „Löwenhoroskop“ </h2> <p>Das Problem mit der Interpretation des Löwenbildes ist, dass die drei großen Asterisken, die mit blumigen griechischen Bezeichnungen für die Planeten Merkur, Mars und Jupiter beschriftet sind, über dem Rücken des Löwen dargestellt sind. Dort hält sich kein vernünftiger Planet am Himmel auf: es ist viel zu weit nördlich, d.h. das Stein-Abbild ist (natürlich) <strong>keine Sternkarte</strong>.</p> <p>Die zunehmende Mondsichel unter Regulus ist, wie z.B. heute Nachmittag, eine Konstellation, die im Juni auftreten kann. Wenn man nicht den zunehmenden, sondern abnehmenden Mond betrachtet, wird sich so eine Konstellation dieses Jahr im Oktober (am Morgenhimmel) ereignen – sogar mit zwei der drei genannten Planeten. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="674" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-1024x674.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-1024x674.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-300x197.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium-768x505.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Mo-Regulus_stellarium.jpg 1254w" width="1024"></img></a><figcaption>heute</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="603" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s.jpg 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s-300x212.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/NemruDag_leo_s-768x542.jpg 768w" width="855"></img></a><figcaption>Das Steinbild mit astronomischer Beschriftung: der gelbe Stern existiert nicht (mich überrascht, dass noch niemand eine Supernova vorgeschlagen hat – aber das ist es sicher nicht!) und die gelben Linien geben an, dass diese drei Sterne an der falschen Stelle gezeichnet sind (und wo sie eigentlich hingehören). Meines Erachtens zeigt dieses Sternmuster, dass das Bild nicht den griechischen Löwen zeigt… aber viele Archäologen sehen die Sachen durch die lokale Brille.</figcaption></figure> <p>Dass die Planeten über dem Löwen und mithin zu weit nördlich dargestellt sind, um etwas mit der Realität am Himmel zu tun zu haben, ist ein erster offensichtlicher Hinweis darauf, dass es sich hier nicht um eine reale Konstellation handeln kann. Dass die beiden Sterne in der Mitte (b Leo und chi Leo, und auch 93 Leo, wo ich den Balken zu zeichnen vergaß) nur in der Breitenkoordinate falsch sind, mag man verzeihen, da in zeitgenössischen astronomischen und astrologischen Werken die Breitenkoordinate meist nicht betrachtet wurde. Die Darstellung der Mondsichel unter Regulus allerdings ist der ultimative Beweis für die künstlerische Freiheit, denn (a) ist der Mond niemals schiffchenförmig unter dem Stern, denn dann müsste die Sonne im Sternbild Hydra stehen (was bekanntlich nicht im Tierkreis liegt) und (b) würde <em>in realitas</em> kein Stern durch den Mondkörper scheinen: der Mondkörper (im All) wird schließlich nicht durchsichtig, wenn uns der Mond am Himmel als Sichel erscheint. Übrigens habe ich auch noch nie gesehen, dass ein Löwe die hintere Hälfte seines Schwanzes s-förmig hochstellt, während der vorderere Teil des Schwanze herunterhängt – aber bekanntlich verstehen Astronomen nicht viel von Biologie (siehe Sternbild „Walfisch“) und darum maße ich mir hier kein Urteil an.  <aside></aside></p> <p>Die „Fehlerbalken“ der Sterne von 3° bis 5°, die die Astrologen meist nicht bedenken, wenn sie versuchen herauszufinden, wann dieses so genannte „Horoskop“ datiert, suggerieren, dass dieses Bild nach visuellen Vorlagen (Handzeichnungen, Skizzen) nach textlicher Beschreibung und nicht nach Himmelsanblick erstellt wurde. </p> <p>Es wird mitunter Eratosthenes als Quelle vorgeschlagen, aber das kann schon deshalb nicht sein, weil Eratosthenes im Kopf des Löwen einen Stern zu wenig angibt und dieses Bild einen zu viel zeigt. (Wo Archäologen normalerweise Locken zählen, sollten wir hier doch Sterne zählen.) </p> <p>Der langen Rede kurzer Sinn: moderne Historiker mögen sich mit Orakeln überschlagen, welche astronomische Konstellation hier dargestellt sein könnte, aber das Bild ist<em> per se</em> nicht datierbar! Auch nicht mit Berechnungen. Die Unsicherheiten (Fehlerbalken der Sternpositionen, Mond und Planeten als symbolische Formen im Sinne Cassirers und nicht als Sternkarte) sind viel zu groß, als dass es sich lohnen würde, aus diesem Bild irgendetwas zu schließen. </p> <p>Darum streckt der Löwe von Kommagene (wie Einstein) die Zunge raus und lacht uns für solche Versuche aus! </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/konstellation-am-hellen-tag/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Origami Mathematics: The Shape of Things to Come https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/#comments Wed, 17 Jun 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14442 <h1>Origami Mathematics: The Shape of Things to Come - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Though Lexus factories are about as hi-tech as you can get, the Japanese car-maker still employs highly skilled ‘Takumi’ – artisans who oversee and ensure the quality of every aspect of the vehicle manufacturing process. It takes decades to reach the status of <a href="https://discoverlexus.com/stories/takumi-the-60000-hour-story-of-human-craft" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Takumi</a>, and one of their final tests is uniquely Japanese. To prove their dexterity, they must fold an origami cat with their non-dominant hand in less than 90 seconds.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/takumi_cat_instruction2/" rel="attachment wp-att-14456"><img alt="Takumi cat instructions." decoding="async" fetchpriority="high" height="841" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-1024x841.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-1024x841.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-300x246.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-768x630.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-1536x1261.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-2048x1681.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>How to fold a Takumi cat. Image credit: <a href="https://media.lexus.co.uk/take-the-lexus-origami-cat-challenge/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lexus UK</a>.</figcaption></figure> </div> <p>This is not the only realm in which the 18th Century Japanese paper-folding art form crops up nowadays. For years, origamists’ efficient and elegant transformation of compact 2D sheets into elaborate 3D shapes has been a source of inspiration for the design of diverse devices and products, not least vehicle airbags, takeaway and mailboxes, and various collapsible everyday items, from chairs to colanders. All these items share one common property: They need to go from being a compact structure to a large one (or vice versa) reliably and with little-to-no human input.</p> <h3>Expanding Miura Horizons in Space</h3> <p>Nowhere is this property more important than in transporting items from Earth into space. Here, every gram of the rocket’s payload is measured and minimised to ensure those involved get the most bang for their buck. For example, the 1995 launch of Japan Aerospace Exploration Agency (JAXA) satellite <a href="https://www.isas.jaxa.jp/en/missions/spacecraft/past/sfu.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Space Flyer Unit</a> was the first time solar panels were packed using the Miura fold.</p> <p>Named after the Japanese astrophysicist Kōryō Miura who devised it in 1985, the solar array was stowed like a long, thick book, and then just required a tug on one corner via a single actuator stroke to expand like an accordion, opening the structure out to reveal a checkerboard of parallelograms.</p> <p>Also used for decades as tourist maps and more recently in ultra-compact packaging, such as <a href="https://www.vttresearch.com/en/news-and-ideas/vtt-launches-new-origami-packaging-technology-create-sustainable-lightweight-durable" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lightweight cardboard boxes</a>, the Miura fold is both aesthetically pleasing and interesting mathematically. It has two types of creases – the mountain crease (red dotted lines) and the valley crease (blue dotted lines). These creases form rows of slanted parallelograms. Where four parallelograms meet is a vertex consisting of exactly four joined creases. Adjacent rows of parallelograms are slanted in opposite directions, in turn causing the adjacent rows of vertices to look like they are pointed in opposite directions.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/miura-ori/" rel="attachment wp-att-14444"><img alt="Miura-ori." decoding="async" height="180" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Miura-ori.gif" width="320"></img></a><figcaption>The Miura pattern elegantly expands and contracts with minimal effort. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Miura-ori.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MetaNest</a> (CC-BY-3.0).</figcaption></figure> </div> <p>These creases and vertex angles allow the Miura pattern to fold flat, governed mathematically by two theorems: <a href="https://mathworld.wolfram.com/KawasakisTheorem.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kawasaki’s theorem</a> and <a href="https://mathworld.wolfram.com/MaekawasTheorem.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maekawa’s theorem</a>. Kawasaki’s theorem states that a vertex can be folded flat if and only if the sum of alternating angles around it is \(180^\circ\). If the four angles meeting cyclically around a Miura fold vertex are represented by \(\theta_1, \theta_2, \theta_3, \theta_4\), then \(\theta_1 + \theta_3 = 180^\circ\) and \(\theta_2 + \theta_4 = 180^\circ\). Because a Miura vertex uses identical parallelograms, its interior angles are arranged as \(a\), \(a\) \((180^\circ – a)\) and \((180^\circ – a)\), satisfying this condition.</p> <p>However, Kawasaki’s theorem is not a sufficient condition to guarantee flat foldability. This is because it ignores the folding pattern needed to achieve a flat fold. For this, Maekawa’s theorem states that, when a vertex folds flat, the number of mountain creases \(m\) and valley creases \(v\) joined in the vertex always differ by two: \(|m – v| = 2\). The Miura fold only has four creases joined at each vertex: either three mountain creases and one valley crease or three valley creases and one mountain crease.</p> <p>With flat-foldability constraints defined, the transition from 2D to 3D can be modelled by a set of three equations corresponding to the 3D spatial dimensions \((x, y, z)\). These equations reveal that both \(x\) and \(y\) depend on the shared quantity \(\sin(a)\cos(\frac{\lambda}{2})\), where \(\lambda\) is an angle representing the current 3D folding state (\(\lambda = 0^\circ\) represents the flat expanded state). This means the fold cannot expand in one direction without changing in the other; expansion is bi-directionally coupled.</p> <h3>A Flasher Origami Pattern</h3> <p>More recently, JAXA had a more difficult problem to solve: how to deploy a large antenna from a tiny \(10 \times 10 \times 10\) cm cubesat, named <a href="https://ieeexplore.ieee.org/document/11366084" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OrigamiSat‑2</a> (OrigamiSat-1 launched successfully in 2019, but communications were lost days into the mission). For this, they used a different origami structure that has been explored for various purposes, including in skeletal structures for robotic hands.</p> <p>Known as the flasher origami pattern, it features a central rigid polygon surrounded by a spiral ring of intricate folds. When being unfurled, it unrolls and untwists from a central point outward in a 360-degree circle. This should maximise the OrigamiSat-2 array’s surface area in every direction at once to measure \(~50 \times 50\) cm; an impressive 25 times its stowed area. Launched aboard <a href="https://rocketlabcorp.com/missions/launches/kakushin-rising/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kakushin Rising</a> in April 2026 from New Zealand, OrigamiSat‑2 is currently undergoing health and status checks before undertaking its core mission to deploy the reflectarray antenna.</p> <p>Like the Miura fold, the flasher fold’s local flat-foldability relies on Kawasaki’s and Maekawa’s theorems. Because the flasher is built on a grid of concentric rings surrounding a central polygon (usually a square or hexagon), Kawasaki’s theorem dictates that at each internal vertex, the alternating angles around it must sum to exactly \(180^\circ\). For a standard square-hub flasher, the interior vertices feature four right angles (\(90^\circ+90^\circ=180^\circ\)).</p> <p>Additionally, since the basic flasher geometry utilises degree-4 vertices throughout its spiralling concentric tracks, each internal junction must maintain a strict assignment of three mountain creases and one valley crease (or vice versa) to compress, satisfying Maekawa’s theorem.</p> <p>The flasher’s current physical state is represented by folding angle \(\theta\) (where \(\theta = 180^\circ\) corresponds to the flat 2D state). And each vertex point is represented by cylindrical coordinates \((r, \phi, h)\), where \(r\) is the radius from the centre, \(\phi\) is the angular wrap and \(h\) is the vertical height.</p> <p>The equations for \((r, \phi, h)\) involve a number of other parameters and so will not be written here. But what can be said is that they are each bound to the folding state parameter \(\sin(\frac{\theta}{2})\). This makes the flasher fold a highly coupled, single-degree-of-freedom system capable of being completely deployed or retracted using a single tug at one point, just like the Miura fold.</p> <figure><video autoplay="" controls="" loop="" muted="" playsinline="" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/cebeaf212b5e49f2bc2b78090db5f9e8_starshade_main.gif.mp4"></video><figcaption>Flasher fold unfurling. Image credit: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/edu/resources/project/space-origami-make-your-own-starshade/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA Jet Propulsion Laboratory</a>.</figcaption></figure> <p>However, the flasher pattern suffers from a geometric conflict that means that, unlike the Miura fold, it is not rigidly foldable, i.e. the panels have to bend during transition, otherwise the mechanism will jam. To get around this, engineers add a secondary crease along the panel diagonals, cut away material at the vertices or use rolling hinges; all with the intention of introducing a little more flexibility than the equations allow.</p> <p>A similar unfurling mechanism based on the flasher pattern is being explored at NASA’s Jet Propulsion Laboratory to allow a huge flower-shaped shield to fly in space. Such a starshade would be key to potential future missions observing exoplanets for signs of life. In particular, the <a href="https://science.nasa.gov/astrophysics/programs/habitable-worlds-observatory/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Habitable Worlds Observatory</a>, set for launch in the 2040s, could employ a 60-metre starshade to help block the light of nearby stars in order to observe their orbiting exoplanets in unprecedented detail.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/imagesstarshade20190611starshade-16-width-1280/" rel="attachment wp-att-14449"><img alt="HWO" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption>Artist’s concept of the Habitable Worlds Observatory and its giant starshade. Image credit: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/news/starshade-would-take-formation-flying-to-extremes/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA/JPL-Caltech</a>.</figcaption></figure> </div> <h3>The Elusive Yoshimura Pattern</h3> <p>Another origami fold – the Yoshimura pattern – is even more intriguing. This pattern consists of interlocking diamond and triangular facets. Crushed flat, it resembles a circle. Fully extended, it forms a rigid, highly stable cylinder. This makes it ideal as structural tubes in the crumple zones of cars and as self-expanding stents in the human body. It is even being explored as a structural element of space habitats for future trips to the Moon and Mars.</p> <p>Discovered in 1951 by Japanese aerospace scientist Yoshimaru Yoshimura, his eponymous fold was the output of investigations into how thin-walled metal cylinders buckle and crumple under extreme vertical compression. As he discovered, this pattern packs down tightly into a short stack and expands to a cylinder with exceptional stiffness once fully extended.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/gemini_generated_image_fshtyjfshtyjfsht/" rel="attachment wp-att-14454"><img alt="Yoshimura cylinder" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 733px) 100vw, 733px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-733x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-733x1024.png 733w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-215x300.png 215w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-768x1072.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht.png 843w" width="733"></img></a><figcaption>A Yoshimura cylinder. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure> </div> <p>However, apart from a few notable examples, translating these benefits into applications has proved challenging. One reason is that, whereas the Miura fold and flasher pattern are mathematically well understood, modelling the transition between the Yoshimura pattern’s 2D and 3D states remains difficult. This is because, during the mid-fold transition, the triangular facets must bulge, flex or twist, inserting a degree of nonlinearity into the equations that is not so easily overcome through engineering trickery.</p> <p>Another reason is that the Yoshimura pattern is a complex cluster of degree-6 vertices, none of which have a unique folding path. Unlike the Miura and flasher folds, this introduces multiple degrees of freedom, requiring complex matrix algebra to track the many different potential folding paths. Yoshimura structures are therefore unpredictable and difficult to model and control.</p> <p>Yet, just as the Takumi on the Lexus factory floor must master the manual manipulation of paper to prove their dexterity, modern mathematicians view the complexity implicit in the Yoshimura pattern and other origami folds not as a dead-end, but as a challenge they must overcome. The result will likely unlock the full benefits of origami mathematics, and a host of structures and devices inspired by the ancient art of paper folding.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Origami Mathematics: The Shape of Things to Come - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Though Lexus factories are about as hi-tech as you can get, the Japanese car-maker still employs highly skilled ‘Takumi’ – artisans who oversee and ensure the quality of every aspect of the vehicle manufacturing process. It takes decades to reach the status of <a href="https://discoverlexus.com/stories/takumi-the-60000-hour-story-of-human-craft" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Takumi</a>, and one of their final tests is uniquely Japanese. To prove their dexterity, they must fold an origami cat with their non-dominant hand in less than 90 seconds.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/takumi_cat_instruction2/" rel="attachment wp-att-14456"><img alt="Takumi cat instructions." decoding="async" fetchpriority="high" height="841" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-1024x841.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-1024x841.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-300x246.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-768x630.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-1536x1261.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Takumi_Cat_INSTRUCTION2-2048x1681.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>How to fold a Takumi cat. Image credit: <a href="https://media.lexus.co.uk/take-the-lexus-origami-cat-challenge/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lexus UK</a>.</figcaption></figure> </div> <p>This is not the only realm in which the 18th Century Japanese paper-folding art form crops up nowadays. For years, origamists’ efficient and elegant transformation of compact 2D sheets into elaborate 3D shapes has been a source of inspiration for the design of diverse devices and products, not least vehicle airbags, takeaway and mailboxes, and various collapsible everyday items, from chairs to colanders. All these items share one common property: They need to go from being a compact structure to a large one (or vice versa) reliably and with little-to-no human input.</p> <h3>Expanding Miura Horizons in Space</h3> <p>Nowhere is this property more important than in transporting items from Earth into space. Here, every gram of the rocket’s payload is measured and minimised to ensure those involved get the most bang for their buck. For example, the 1995 launch of Japan Aerospace Exploration Agency (JAXA) satellite <a href="https://www.isas.jaxa.jp/en/missions/spacecraft/past/sfu.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Space Flyer Unit</a> was the first time solar panels were packed using the Miura fold.</p> <p>Named after the Japanese astrophysicist Kōryō Miura who devised it in 1985, the solar array was stowed like a long, thick book, and then just required a tug on one corner via a single actuator stroke to expand like an accordion, opening the structure out to reveal a checkerboard of parallelograms.</p> <p>Also used for decades as tourist maps and more recently in ultra-compact packaging, such as <a href="https://www.vttresearch.com/en/news-and-ideas/vtt-launches-new-origami-packaging-technology-create-sustainable-lightweight-durable" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lightweight cardboard boxes</a>, the Miura fold is both aesthetically pleasing and interesting mathematically. It has two types of creases – the mountain crease (red dotted lines) and the valley crease (blue dotted lines). These creases form rows of slanted parallelograms. Where four parallelograms meet is a vertex consisting of exactly four joined creases. Adjacent rows of parallelograms are slanted in opposite directions, in turn causing the adjacent rows of vertices to look like they are pointed in opposite directions.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/miura-ori/" rel="attachment wp-att-14444"><img alt="Miura-ori." decoding="async" height="180" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Miura-ori.gif" width="320"></img></a><figcaption>The Miura pattern elegantly expands and contracts with minimal effort. Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Miura-ori.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MetaNest</a> (CC-BY-3.0).</figcaption></figure> </div> <p>These creases and vertex angles allow the Miura pattern to fold flat, governed mathematically by two theorems: <a href="https://mathworld.wolfram.com/KawasakisTheorem.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kawasaki’s theorem</a> and <a href="https://mathworld.wolfram.com/MaekawasTheorem.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maekawa’s theorem</a>. Kawasaki’s theorem states that a vertex can be folded flat if and only if the sum of alternating angles around it is \(180^\circ\). If the four angles meeting cyclically around a Miura fold vertex are represented by \(\theta_1, \theta_2, \theta_3, \theta_4\), then \(\theta_1 + \theta_3 = 180^\circ\) and \(\theta_2 + \theta_4 = 180^\circ\). Because a Miura vertex uses identical parallelograms, its interior angles are arranged as \(a\), \(a\) \((180^\circ – a)\) and \((180^\circ – a)\), satisfying this condition.</p> <p>However, Kawasaki’s theorem is not a sufficient condition to guarantee flat foldability. This is because it ignores the folding pattern needed to achieve a flat fold. For this, Maekawa’s theorem states that, when a vertex folds flat, the number of mountain creases \(m\) and valley creases \(v\) joined in the vertex always differ by two: \(|m – v| = 2\). The Miura fold only has four creases joined at each vertex: either three mountain creases and one valley crease or three valley creases and one mountain crease.</p> <p>With flat-foldability constraints defined, the transition from 2D to 3D can be modelled by a set of three equations corresponding to the 3D spatial dimensions \((x, y, z)\). These equations reveal that both \(x\) and \(y\) depend on the shared quantity \(\sin(a)\cos(\frac{\lambda}{2})\), where \(\lambda\) is an angle representing the current 3D folding state (\(\lambda = 0^\circ\) represents the flat expanded state). This means the fold cannot expand in one direction without changing in the other; expansion is bi-directionally coupled.</p> <h3>A Flasher Origami Pattern</h3> <p>More recently, JAXA had a more difficult problem to solve: how to deploy a large antenna from a tiny \(10 \times 10 \times 10\) cm cubesat, named <a href="https://ieeexplore.ieee.org/document/11366084" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OrigamiSat‑2</a> (OrigamiSat-1 launched successfully in 2019, but communications were lost days into the mission). For this, they used a different origami structure that has been explored for various purposes, including in skeletal structures for robotic hands.</p> <p>Known as the flasher origami pattern, it features a central rigid polygon surrounded by a spiral ring of intricate folds. When being unfurled, it unrolls and untwists from a central point outward in a 360-degree circle. This should maximise the OrigamiSat-2 array’s surface area in every direction at once to measure \(~50 \times 50\) cm; an impressive 25 times its stowed area. Launched aboard <a href="https://rocketlabcorp.com/missions/launches/kakushin-rising/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kakushin Rising</a> in April 2026 from New Zealand, OrigamiSat‑2 is currently undergoing health and status checks before undertaking its core mission to deploy the reflectarray antenna.</p> <p>Like the Miura fold, the flasher fold’s local flat-foldability relies on Kawasaki’s and Maekawa’s theorems. Because the flasher is built on a grid of concentric rings surrounding a central polygon (usually a square or hexagon), Kawasaki’s theorem dictates that at each internal vertex, the alternating angles around it must sum to exactly \(180^\circ\). For a standard square-hub flasher, the interior vertices feature four right angles (\(90^\circ+90^\circ=180^\circ\)).</p> <p>Additionally, since the basic flasher geometry utilises degree-4 vertices throughout its spiralling concentric tracks, each internal junction must maintain a strict assignment of three mountain creases and one valley crease (or vice versa) to compress, satisfying Maekawa’s theorem.</p> <p>The flasher’s current physical state is represented by folding angle \(\theta\) (where \(\theta = 180^\circ\) corresponds to the flat 2D state). And each vertex point is represented by cylindrical coordinates \((r, \phi, h)\), where \(r\) is the radius from the centre, \(\phi\) is the angular wrap and \(h\) is the vertical height.</p> <p>The equations for \((r, \phi, h)\) involve a number of other parameters and so will not be written here. But what can be said is that they are each bound to the folding state parameter \(\sin(\frac{\theta}{2})\). This makes the flasher fold a highly coupled, single-degree-of-freedom system capable of being completely deployed or retracted using a single tug at one point, just like the Miura fold.</p> <figure><video autoplay="" controls="" loop="" muted="" playsinline="" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/cebeaf212b5e49f2bc2b78090db5f9e8_starshade_main.gif.mp4"></video><figcaption>Flasher fold unfurling. Image credit: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/edu/resources/project/space-origami-make-your-own-starshade/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA Jet Propulsion Laboratory</a>.</figcaption></figure> <p>However, the flasher pattern suffers from a geometric conflict that means that, unlike the Miura fold, it is not rigidly foldable, i.e. the panels have to bend during transition, otherwise the mechanism will jam. To get around this, engineers add a secondary crease along the panel diagonals, cut away material at the vertices or use rolling hinges; all with the intention of introducing a little more flexibility than the equations allow.</p> <p>A similar unfurling mechanism based on the flasher pattern is being explored at NASA’s Jet Propulsion Laboratory to allow a huge flower-shaped shield to fly in space. Such a starshade would be key to potential future missions observing exoplanets for signs of life. In particular, the <a href="https://science.nasa.gov/astrophysics/programs/habitable-worlds-observatory/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Habitable Worlds Observatory</a>, set for launch in the 2040s, could employ a 60-metre starshade to help block the light of nearby stars in order to observe their orbiting exoplanets in unprecedented detail.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/imagesstarshade20190611starshade-16-width-1280/" rel="attachment wp-att-14449"><img alt="HWO" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/imagesstarshade20190611starshade-16.width-1280.jpg 1280w" width="1024"></img></a><figcaption>Artist’s concept of the Habitable Worlds Observatory and its giant starshade. Image credit: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/news/starshade-would-take-formation-flying-to-extremes/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA/JPL-Caltech</a>.</figcaption></figure> </div> <h3>The Elusive Yoshimura Pattern</h3> <p>Another origami fold – the Yoshimura pattern – is even more intriguing. This pattern consists of interlocking diamond and triangular facets. Crushed flat, it resembles a circle. Fully extended, it forms a rigid, highly stable cylinder. This makes it ideal as structural tubes in the crumple zones of cars and as self-expanding stents in the human body. It is even being explored as a structural element of space habitats for future trips to the Moon and Mars.</p> <p>Discovered in 1951 by Japanese aerospace scientist Yoshimaru Yoshimura, his eponymous fold was the output of investigations into how thin-walled metal cylinders buckle and crumple under extreme vertical compression. As he discovered, this pattern packs down tightly into a short stack and expands to a cylinder with exceptional stiffness once fully extended.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/gemini_generated_image_fshtyjfshtyjfsht/" rel="attachment wp-att-14454"><img alt="Yoshimura cylinder" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 733px) 100vw, 733px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-733x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-733x1024.png 733w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-215x300.png 215w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht-768x1072.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Gemini_Generated_Image_fshtyjfshtyjfsht.png 843w" width="733"></img></a><figcaption>A Yoshimura cylinder. This image was created with the assistance of <a href="https://gemini.google.com/app" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Google Gemini</a>.</figcaption></figure> </div> <p>However, apart from a few notable examples, translating these benefits into applications has proved challenging. One reason is that, whereas the Miura fold and flasher pattern are mathematically well understood, modelling the transition between the Yoshimura pattern’s 2D and 3D states remains difficult. This is because, during the mid-fold transition, the triangular facets must bulge, flex or twist, inserting a degree of nonlinearity into the equations that is not so easily overcome through engineering trickery.</p> <p>Another reason is that the Yoshimura pattern is a complex cluster of degree-6 vertices, none of which have a unique folding path. Unlike the Miura and flasher folds, this introduces multiple degrees of freedom, requiring complex matrix algebra to track the many different potential folding paths. Yoshimura structures are therefore unpredictable and difficult to model and control.</p> <p>Yet, just as the Takumi on the Lexus factory floor must master the manual manipulation of paper to prove their dexterity, modern mathematicians view the complexity implicit in the Yoshimura pattern and other origami folds not as a dead-end, but as a challenge they must overcome. The result will likely unlock the full benefits of origami mathematics, and a host of structures and devices inspired by the ancient art of paper folding.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/origami-mathematics-the-shape-of-things-to-come/#comments 1 Wenn Apfel nicht gleich Apfel ist: Visuelle vs. verbale Denktypen https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/visuelle-verbale-denktypen/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/visuelle-verbale-denktypen/#comments Mon, 15 Jun 2026 12:51:17 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5951 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8398931_3824746-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/visuelle-verbale-denktypen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8398931_3824746.jpg" /><h1>Wenn Apfel nicht gleich Apfel ist: Visuelle vs. verbale Denktypen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Fangen wir heute mal mit einer kleinen Aufgabe an: Schließe deine Augen und stelle dir einen Apfel vor.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530.png"><img alt="" decoding="async" height="654" sizes="(max-width: 654px) 100vw, 654px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530.png 654w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530-150x150.png 150w" width="654"></img></a></figure> </div> <p>Na? Wie sah er aus? Wie scharf war das Bild, konntest du Details sehen? Oder war es doch eher schwammig? Und hast du überhaupt ein Bild gesehen, oder vielleicht sogar gar keins?</p> <p>Wir Menschen tendieren dazu, einfach anzunehmen, dass die Welt so funktioniert, wie sie es bei uns selbst tut. Bis ich mich näher mit dem Thema beschäftigt habe, dachte ich zugegebenermaßen schon, dass Leute in der gleichen Art und Weise denken und sich Dinge vorstellen, wie ich das tue – und zwar hauptsächlich in Bildern. Doch das stimmt so nicht.</p> <p>Wenn man manche Menschen nach dem Namen einer Person fragt, haben sie das Gesicht der Person im Kopf, andere deren Stimme, und wieder andere den ausgeschriebenen Namen als Text. Manche brauchen bei einer Wegbeschreibung eine Karte vor sich, andere kommen super mit verbalen Beschreibungen zurecht. Wie kann das alles so unterschiedlich sein?</p> <p>Was es damit alles auf sich hat, schauen wir uns in diesem Blogbeitrag an!<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-scaled.jpg"><img alt="Visuelle vs. verbale Denktypen" decoding="async" height="1707" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-2048x1365.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure> </div> <h3>Die visuellen Denker</h3> <p>Wenn du bei dem Test ein Bild eines Apfels gesehen hast, dann bist du vermutlich eher ein <strong>visueller Denker.</strong></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673.jpg"><img alt="Visuelle Denktypen" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ca. 50 – 90 % der Menschen weltweit sind visuelle Denker, sie denken also in mentalen Bildern [1]. Werden sie nach einer Person gefragt, erscheint das Gesicht im Kopf, handelt die Frage von einer Wegbeschreibung, dann taucht auf einmal eine Stadtkarte mit Straßen vor ihrem Inneren Auge auf.</p> <p>Wie detailreich ein Bild vorgestellt wird ist von Person zu Person unterschiedlich und es gibt diverse Abstufungen. Wie in <em>Abbildung 4</em> zu sehen ist, kann man sich einen Apfel von sehr detaillreich bis sehr simpel erdenken. Auch die Szenerie, wo der Apfel liegt (schwebt er, liegt er auf einem Tisch?), ob man ihn von mehreren Perspektiven aus sehen kann, oder ob sich das Bild wie in einem Film bewegt und die Kamera um ihn herumfährt, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test.png"><img alt="Visuelle Denktypen" decoding="async" height="291" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-768x233.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Abbildung </em>4: <em>Unterschiede im visuellen Denken</em></figcaption></figure> </div> <p>Visuelle Denker kennen oft das Problem, Konzepte und Sachverhalte, die ihnen verbal erklärt werden, schwerer zu verstehen als Bilder. Oft hilft es ihnen daher, das Konzept aufzuzeichnen, eine Mind-Map zu erstellen oder Ideen auf Papier zu bringen. Diagramme, Bilder, Videos oder Demonstrationen helfen Ihnen oft beim Verstehen und Erinnern von Informationen. Umgekehrt verwenden visuelle Denker selbst auch gerne Bilder und Grafiken, um Dinge verständlich zu machen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Visuelle Denker sollen durch Ihre Neigung zu bildlichen Präsentationen ein besonders gutes <strong>Vorstellungsvermögen </strong>und ein gutes<strong> visuelles Gedächtnis</strong> haben, zum Beispiel, mentale Objekte drehen zu können. Auch Navigation, wo man sich bildlich Wege merken muss, oder Geometrie fällt ihnen eher leicht, zb. Dinge mental zu drehen und zusammenzufügen.</p> <h4>Hyperfantasie</h4> <p>Während die meisten Menschen eine „typische“ visuelle Vorstellungskraft haben [2], gibt es zwei Extreme an je einem Ende des Spektrums, wobei die <strong>Hyperfantasie</strong> das erste Extrem präsentiert.</p> <p>Sie sehen den Apfel vor ihrem inneren Auge ganz genau: Die rot-grüne Farbe, Kondenswasser an der Oberfläche, die kleine Delle oben rechts, und das kleine Blatt, welches noch am leicht gekrümmten Stängel hängt. Dazu müssen sich oft nicht mal iher Augen schließen.</p> <p>Ein anderes Beispiel: Stell dir einmal deine beste Freundin vor: Wie siehst du sie vor deinem inneren Auge? Du kannst sie bestimmt erkennen, aber vermutlich ist das Bild leicht unscharf und nicht jedes Detail erkennbar, vielleicht sogar unvollständig. Doch Menschen mit Hyperfantasie würden die Person fast fotografisch deutlich vor sich sehen. Sie haben eine überdurchschnittlich klare und detailreiche bildliche Vorstellung. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-scaled.jpg"><img alt="Hyperfantasie" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Nach aktuellem Forschungsstand haben ca. 3 – 6 % der Menschen Hyperfantasie [3]. Die Vorstellungskraft kann so ausgeprägt sein, dass Menschen mit Hyperfantasie oft nicht mehr wissen, ob die Bilder in ihrem Kopf real waren oder nur ausgedacht. Es ist fast so, als würden sie sich nicht nur visuell etwas vorstellen, sondern tatsächlich mit allen Sinnen erleben!</p> <p>Jedoch kann auch Hyperfantasie mit Schwierigkeiten einhergehen. Für Menschen mit stark bildhaftem Denken fühlen sich Szenen oft beinahe real an, was bei schönen Erinnerungen oder Geschichten schön sein kann. Jedoch können sich drastische Beschreibungen von Unfällen oder Gewalt auch unangenehm tief einprägen und emotional belastend werden, da sie keine gute Kontrolle über die Entstehung der mentalen Bilder haben.</p> <h4>Afantasie</h4> <p>Im Gegensatz zu Hyperfantasie beschreibt <strong>Afantasie</strong> („Nicht-Vorstellung“), dass man sich kaum oder keine Bilder gedanklich vorstellen kann und bildet somit das andere Ende des Spektrums ab (<em>Abbildung </em>7, Darstellung 5). Dies haben ca. 1 – 5 % der Menschen [4], [5] und nach Zahlen von 2023 ca. 1,6 Millionen Deutsche.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1.png"><img alt="Afantasie" decoding="async" height="291" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1-768x233.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Abbildung 7: Afantasie (Darstellung 5)</em></figcaption></figure> </div> <p>Wenn Menschen mit Afantasie gefragt werden, sich einen Apfel vorzustellen, können sie kein Bild erzeugen – genauso ist es auch, wenn man sie nach anderen Gegenständen oder z.B. auch Gesichtern fragt. Kein Bild kommt in den Sinn. Stattdessen denken sie bei einem Apfel eher an den Geschmack, die glatte Oberfläche oder auch den Geruch, und bei Gesichtern kommt vielleicht die Stimme der Person oder was wohl-warme Gefühl auf, welches man mit der Person verbindet. </p> <p>Die Ursachen für Afantasie sind noch unklar, aber man weiß, dass bei mentalen Vorstellungen die visuellen Areale im Gehirn sowie der <strong>Frontalkortex </strong>beteiligt sind [7], deren Verbindung bei Menschen mit Afantasie schwächer zu sein scheint [8]. Afantasie ist keinesfalls als Krankheit zu verstehen, sondern einfach als kognitive Eigenschaft und hat normalerweise für den Alltag keine Konsequenzen [4]. Oft fällt Leuten sogar erst im Erwachsenenalter auf, dass sie Afantasie haben. Statt innerer Bilder greifen sie bei Fragen meist auf <strong>Faktenwissen </strong>zurück und können sie deshalb trotzdem ganz normal beantworten. [6]. Übrigens können Menschen mit Afantasie trotzdem bildlich träumen, da die bildlichen Prozesse beim Träumen anders gesteuert werden als im Wachzustand [6].</p> <h3>Die verbalen Denker</h3> <p>Kommen wir nun von Bildern zu Text.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-scaled.jpg"><img alt="Verbale Denker" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ungefähr 25 % aller Menschen denken nicht in Bildern, sondern hauptsächlich in Worten und Sätzen, die in ihrem Kopf von einer Stimme gesprochen werden [9]. Manche Menschen denken in einzelnen Worten, andere in ganzen Sätzen, und wiederum andere bewegen sich irgendwo dazwischen.</p> <p>In unserem Beispiel mit der Aufgabe an einen Apfel zu denken, würden eher verbal orientierte Menschen vermutlich nicht an ein Bild, sondern an das Wort „Apfel“ denken. Das Wort kann dabei von der Stimme gesprochen werden, oder man hat eher das Gefühl, im Kopf leise das Wort zu lesen. Oft tauchen auch sprachliche Assoziationen auf, z.B. „Ein Apfel ist rund“, “Obst” oder „rot“.</p> <p>Bei ca. 30 – 50 % der Menschen ist die Stimme im Kopf ein innerer <strong>Monolog </strong>[10]. Diese Stimme kennen bestimmt viele von euch: Man geht gedanklich die Einkaufsliste durch, spielt das anstehende Bewerbungsgespräch nach und was für Fragen gestellt werden könnten, oder sagt zu sich selbst „gut gemacht“, wenn man mit der anstrengenden Sporteinheit fertig ist. Die innere Sprache kann jedoch auch die Form eines <strong>Kommentators</strong> annehmen: Dabei denkt man also nicht in der “Ich-Perspektive”, sondern in 3. Person, wobei die Stimme alles, was man tut, beschreibt und kommentiert, als würde sie einen von außen beobachten.</p> <p>Studien zeigen, dass die innere Stimme auch ein <strong>Dialog</strong> sein kann, beispielsweise, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss. Diese struktuierte Anleitung kann besonders hilfreich bei Selbstkontrolle und Problemlösen sein. Ca. 25 % der Menschen berichteten übrigens, dass sogar noch weitere Stimmen in den inneren Dialogen auftauchen [1], [11].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Verbale Denker besitzen die Fähigkeit, Sprache im Kopf zu nutzen, um Gedanken effektiv zu sortieren und Probleme zu lösen. Beim Lösen von schwierigen Aufgaben gehen verbale Denker gerne Szenarien oder Listen durch, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Dies ist zum Beispiel von Vorteil, wenn man ein wichtiges Gespräch vorbereiten will und dies im Kopf durchgeht. Somit sagt man ihnen nach, generell ein gutes <strong>verbales Gedächtnis</strong> zu haben und auch <strong>Sprachen </strong>schnell lernen zu können [11]. Auch bezüglich mentaler Gesundheit scheint die innere Stimme wichtig zu sein. Studien zeigen, dass Menschen mit depressiven Symptomen oft weniger inneren Monolog haben. Menschen mit Angststörungen zeigen zudem eine besonders negativ eingestellte innere Stimme.</p> <p>Auf der anderen Seite tendieren verbale Denker oft zum übermäßigen <strong>Grübeln </strong>und können gerne mal in Gedankenschleifen festhängen [11]. Was die verschiedenen Arten von inneren Monologen nun über die Gehirne und die Menschen an sich aussagen, da steht die Forschung leider noch vor einem Rätsel.</p> <h4>Anendophasie </h4> <p>Ebenfalls entgegen meiner persönlichen Vorstellung, war ich sehr überrascht zu lernen, dass manche Menschen keine innere Stimme im Kopf haben. Dies nennt man Anendophasie („an“ = ohne, „endo“ = innerlich, „phasie“ = Sprache, Stimme). Menschen mit Anendophasie fehlt weitgehend oder sogar komplett eine innere Stimme, daher denken sie eher visuell, gefühlsorientiert oder durch Faktenwissen. Schätzungen zufolge sind etwa 5–10 % der Bevölkerung betroffen [12].</p> <p>In den letzten Jahren hat die Forschung erst begonnen, sich mit Anendophasie auseinanderzusetzen. Bislang weiß man, dass Menschen mit Anendophasie Schwierigkeiten beim Erkennen von Reimen haben können, und auch beim Merken und Erkennen von Wörtern tun sie sich manchmal schwer. Ansonsten ist die Eigenschaft aber nur wenig alltagseinschränkend und zählt laut Kognitionsforschung als eine Art der kognitiven Organisation und nicht als Defizit.</p> <h3>Entweder, oder?</h3> <p>Aber ist man jetzt entweder visueller oder verbaler Denker?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Fernab von visuellen und verbalen Denkern gibt es noch verschiedenste andere Denkmuster, die wir teilweise auch alle miteinander kombinieren. Manche Menschen denken weniger in Bild und Text, sondern in emotionalen körperlichen Reaktionen wie <strong>Gefühlen</strong>. Ca. 20 Prozent der Menschen erfahren solche emotionalen Gedanken [1]. Wenn beispielsweise vor einer wichtigen Präsentation der Laptop kaputt geht, sind die Gedanken im Kopf geflutet mit Panik und Stress, bevor später die innere Stimme einsetzt und versucht zu analysieren, wie es dazu kam. Beim Denken an einen Apfel könnte der leckere Geschmack des Apfels in den Sinn kommen, oder die Textur, wenn man in ihn hineinbeißt.</p> <p>Trotzdem scheinen die meisten von uns eine vorherrschende Denkweise zu haben [13], schlussendlich haben wir aber oft ein bisschen von allem: Viele können sich sowohl bildlich einen Apfel vorstellen und zugleich eine innere Stimme haben, die den Apfel beschreibt.</p> <p>Die Systeme von visuellem und verbalem Denken sind relativ unabhängig voneinander, dies bedeutet, dass man nicht automatisch gut im visuellen Vorstellen ist, wenn man eher weniger verbale Denkmuster hat [11]. Am Ende ist unser Gehirn meistens sehr gut darin, die verschiedenen Denkmuster zu verbinden und je nach Situation das Effektivste abzurufen!</p> <p>Falls euch weiterhin interessiert, ob eigentlich die Künstliche Intelligenz denken kann, dann schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <h3>Fazit</h3> <p>Die verschiedenen Typen von Denkern zeigen, wie unterschiedlich Menschen in ihrem Innersten klingen und wie sie mit Informationen umgehen. Es gibt nicht die eine Weise, die am besten ist. Es kommt darauf an, wie man am besten mit seinen eigenen Denkmustern umgeht und in welcher Situation welcher Denktyp am ehesten passt.</p> <p>Zu verstehen, welche Denkmuster am ehesten auf einen zutreffen, ist nicht nur einfach eine lustige Selbstanalyse. Es kann praktische Anwendung finden, zum Beispiel, um seine Lernmethoden, Probemlöse-Fähigkeiten und Kommunikation zu Mitmenschen zu verbessern. Die verschiedenen Arten, zu denken, sind weder eine Superpower, noch ein Handicap – es sind einfach Tendenzen zu denken auf einem großen Spektrum, mit ihren persönlichen Vor- und Nachteilen, und die meisten befinden sich irgendwo in der Mitte.</p> <p>Also: Apfel ist nicht gleich Apfel, und genau so unterschiedlich, wie wir Menschen denken, so unterschiedlich sind wir auch als Personen!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h3>Quellen</h3> <p>[1]          SciShow, <em>Why Some People Don’t Have an Inner Monologue</em>, (Jul. 22, 2020). Accessed: May 07, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=DRLkDafQbP8</p> <p>[2]          D. Wright <em>et al.</em>, ‘An international estimate of the prevalence of differing visual imagery abilities’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 15, pp. 1–12, Oct. 2024, doi: 10.3389/fpsyg.2024.1454107.</p> <p>[3]          A. Network, ‘Hyperphantasia: When Your Mind’s Eye Is Extraordinarily Vivid’, Aphantasia Network. Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available: https://aphantasia.com/what-is-hyperphantasia</p> <p>[4]          A. Zeman <em>et al.</em>, ‘Phantasia–The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes’, <em>Cortex</em>, vol. 130, pp. 426–440, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.cortex.2020.04.003.</p> <p>[5]          C. J. Dance, A. Ipser, and J. Simner, ‘The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population’, <em>Conscious. Cogn.</em>, vol. 97, p. 103243, Jan. 2022, doi: 10.1016/j.concog.2021.103243.</p> <p>[6]          L. Maddox, ‘Aphantasia: what it’s like to live with no mind’s eye’, BBC Science Focus Magazine. Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available: https://www.sciencefocus.com/the-human-body/aphantasia-life-with-no-minds-eye</p> <p>[7]          J. Pearson, ‘The human imagination: the cognitive neuroscience of visual mental imagery’, <em>Nat. Rev. Neurosci.</em>, vol. 20, no. 10, pp. 624–634, Oct. 2019, doi: 10.1038/s41583-019-0202-9.</p> <p>[8]          J. Liu <em>et al.</em>, ‘Visual mental imagery in typical imagers and in aphantasia: A millimeter-scale 7-T fMRI study’, <em>Cortex J. Devoted Study Nerv. Syst. Behav.</em>, vol. 185, pp. 113–132, Apr. 2025, doi: 10.1016/j.cortex.2025.01.013.</p> <p>[9]          Voided Thoughts, <em>How Different Are Our Inner Monologues?</em>, (Dec. 13, 2025). Accessed: May 24, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=_pZDgL6QMN0</p> <p>[10]       K. Killian, ‘How Inner Monologues Work, and Who Has Them | Psychology Today’. Accessed: May 12, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/intersections/202304/inner-monologues-what-are-they-and-whos-having-them</p> <p>[11]       B. Alderson-Day and C. Fernyhough, ‘Inner Speech: Development, Cognitive Functions, Phenomenology, and Neurobiology’, <em>Psychol. Bull.</em>, vol. 141, no. 5, pp. 931–965, Sep. 2015, doi: 10.1037/bul0000021.</p> <p>[12]       ‘Kurz &amp; Bündig’, <em>physiopraxis</em>, vol. 22, no. 09, pp. 19–19, Sep. 2024, doi: 10.1055/a-2346-6234.</p> <p>[13]       dmerven, ‘Was ist visuelles Denken? Und warum ist es nützlich? | MindManager Blog’, MindManager Blog DE. Accessed: May 07, 2026. [Online]. Available: https://blog.mindmanager.com/de/was-ist-visuelles-denken-und-warum-ist-es-nutzlich/</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/konzept-des-bewusstseins-fuer-psychische-gesundheit_8398931.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=10&amp;uuid=2119ce34-5146-430f-ba6f-75b2a8f97e27&amp;query=thinker" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/schoene-frau-mit-braunen-haaren_136881039.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=14&amp;uuid=171941ff-1c76-45ec-b9cb-1e084241af15&amp;query=eyes+closed" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flache-nachdenkliche-junge-leute-die-ueber-die-loesung-von-problemen-nachdenken_23333781.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=0e7e0b65-a1d6-4d73-a392-4849916c9b28&amp;query=thinking+people" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/geometrisches-muster-des-flachen-designs_34768558.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=32&amp;uuid=a257e0ea-bf1a-4536-b283-c412fe427872&amp;query=visuals" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aphantasia_apple_test.png" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnete-flache-designleute-die-von-zu-hause-lernen_21887974.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=35329cc0-fadc-4119-81c6-618a8dc06812&amp;query=maths+geometry?log-in=google" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flaches-design-retro-60er-70er-hintergrund_34794673.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=c722fd7d-b0b4-4e65-b17f-37183ad55446&amp;query=hyper+imagination" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aphantasia_apple_test.png" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/kleine-weibliche-charaktere-mit-fesselnden-buchstaben_394386707.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=31&amp;uuid=2ee4d16b-5b93-407b-8064-2ef40f4e34db&amp;query=thinking+of+words" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/voice-over-dienste-abstrakte-illustration_20770165.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=17&amp;uuid=dabc5fc8-d685-46da-a697-34ad200991a3&amp;query=voice" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-die-durch-nervenzusammenbruch-oder-bipolare-verhaltensstoerung-geht-karikaturillustration_12699889.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c560f3a5-bc44-43f9-af36-9702f4d3dd39&amp;query=thinking+in+emotions" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 11: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-flache-leute-reden_17355257.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=36&amp;uuid=59f4aa86-c68d-4190-86d3-6d2d2f22f00a&amp;query=communication" rel="noopener">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8398931_3824746.jpg" /><h1>Wenn Apfel nicht gleich Apfel ist: Visuelle vs. verbale Denktypen » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Fangen wir heute mal mit einer kleinen Aufgabe an: Schließe deine Augen und stelle dir einen Apfel vor.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530.png"><img alt="" decoding="async" height="654" sizes="(max-width: 654px) 100vw, 654px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530.png 654w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Screenshot-2026-05-24-112530-150x150.png 150w" width="654"></img></a></figure> </div> <p>Na? Wie sah er aus? Wie scharf war das Bild, konntest du Details sehen? Oder war es doch eher schwammig? Und hast du überhaupt ein Bild gesehen, oder vielleicht sogar gar keins?</p> <p>Wir Menschen tendieren dazu, einfach anzunehmen, dass die Welt so funktioniert, wie sie es bei uns selbst tut. Bis ich mich näher mit dem Thema beschäftigt habe, dachte ich zugegebenermaßen schon, dass Leute in der gleichen Art und Weise denken und sich Dinge vorstellen, wie ich das tue – und zwar hauptsächlich in Bildern. Doch das stimmt so nicht.</p> <p>Wenn man manche Menschen nach dem Namen einer Person fragt, haben sie das Gesicht der Person im Kopf, andere deren Stimme, und wieder andere den ausgeschriebenen Namen als Text. Manche brauchen bei einer Wegbeschreibung eine Karte vor sich, andere kommen super mit verbalen Beschreibungen zurecht. Wie kann das alles so unterschiedlich sein?</p> <p>Was es damit alles auf sich hat, schauen wir uns in diesem Blogbeitrag an!<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-scaled.jpg"><img alt="Visuelle vs. verbale Denktypen" decoding="async" height="1707" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/23333781_71Z_2201.w009.n001.94B.p14.94-edited-2048x1365.jpg 2048w" width="2560"></img></a></figure> </div> <h3>Die visuellen Denker</h3> <p>Wenn du bei dem Test ein Bild eines Apfels gesehen hast, dann bist du vermutlich eher ein <strong>visueller Denker.</strong></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673.jpg"><img alt="Visuelle Denktypen" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34768558_8198673.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ca. 50 – 90 % der Menschen weltweit sind visuelle Denker, sie denken also in mentalen Bildern [1]. Werden sie nach einer Person gefragt, erscheint das Gesicht im Kopf, handelt die Frage von einer Wegbeschreibung, dann taucht auf einmal eine Stadtkarte mit Straßen vor ihrem Inneren Auge auf.</p> <p>Wie detailreich ein Bild vorgestellt wird ist von Person zu Person unterschiedlich und es gibt diverse Abstufungen. Wie in <em>Abbildung 4</em> zu sehen ist, kann man sich einen Apfel von sehr detaillreich bis sehr simpel erdenken. Auch die Szenerie, wo der Apfel liegt (schwebt er, liegt er auf einem Tisch?), ob man ihn von mehreren Perspektiven aus sehen kann, oder ob sich das Bild wie in einem Film bewegt und die Kamera um ihn herumfährt, ist bei jedem Menschen unterschiedlich.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test.png"><img alt="Visuelle Denktypen" decoding="async" height="291" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-768x233.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Abbildung </em>4: <em>Unterschiede im visuellen Denken</em></figcaption></figure> </div> <p>Visuelle Denker kennen oft das Problem, Konzepte und Sachverhalte, die ihnen verbal erklärt werden, schwerer zu verstehen als Bilder. Oft hilft es ihnen daher, das Konzept aufzuzeichnen, eine Mind-Map zu erstellen oder Ideen auf Papier zu bringen. Diagramme, Bilder, Videos oder Demonstrationen helfen Ihnen oft beim Verstehen und Erinnern von Informationen. Umgekehrt verwenden visuelle Denker selbst auch gerne Bilder und Grafiken, um Dinge verständlich zu machen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/21887974_6541628.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Visuelle Denker sollen durch Ihre Neigung zu bildlichen Präsentationen ein besonders gutes <strong>Vorstellungsvermögen </strong>und ein gutes<strong> visuelles Gedächtnis</strong> haben, zum Beispiel, mentale Objekte drehen zu können. Auch Navigation, wo man sich bildlich Wege merken muss, oder Geometrie fällt ihnen eher leicht, zb. Dinge mental zu drehen und zusammenzufügen.</p> <h4>Hyperfantasie</h4> <p>Während die meisten Menschen eine „typische“ visuelle Vorstellungskraft haben [2], gibt es zwei Extreme an je einem Ende des Spektrums, wobei die <strong>Hyperfantasie</strong> das erste Extrem präsentiert.</p> <p>Sie sehen den Apfel vor ihrem inneren Auge ganz genau: Die rot-grüne Farbe, Kondenswasser an der Oberfläche, die kleine Delle oben rechts, und das kleine Blatt, welches noch am leicht gekrümmten Stängel hängt. Dazu müssen sich oft nicht mal iher Augen schließen.</p> <p>Ein anderes Beispiel: Stell dir einmal deine beste Freundin vor: Wie siehst du sie vor deinem inneren Auge? Du kannst sie bestimmt erkennen, aber vermutlich ist das Bild leicht unscharf und nicht jedes Detail erkennbar, vielleicht sogar unvollständig. Doch Menschen mit Hyperfantasie würden die Person fast fotografisch deutlich vor sich sehen. Sie haben eine überdurchschnittlich klare und detailreiche bildliche Vorstellung. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-scaled.jpg"><img alt="Hyperfantasie" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/34794673_8225847-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Nach aktuellem Forschungsstand haben ca. 3 – 6 % der Menschen Hyperfantasie [3]. Die Vorstellungskraft kann so ausgeprägt sein, dass Menschen mit Hyperfantasie oft nicht mehr wissen, ob die Bilder in ihrem Kopf real waren oder nur ausgedacht. Es ist fast so, als würden sie sich nicht nur visuell etwas vorstellen, sondern tatsächlich mit allen Sinnen erleben!</p> <p>Jedoch kann auch Hyperfantasie mit Schwierigkeiten einhergehen. Für Menschen mit stark bildhaftem Denken fühlen sich Szenen oft beinahe real an, was bei schönen Erinnerungen oder Geschichten schön sein kann. Jedoch können sich drastische Beschreibungen von Unfällen oder Gewalt auch unangenehm tief einprägen und emotional belastend werden, da sie keine gute Kontrolle über die Entstehung der mentalen Bilder haben.</p> <h4>Afantasie</h4> <p>Im Gegensatz zu Hyperfantasie beschreibt <strong>Afantasie</strong> („Nicht-Vorstellung“), dass man sich kaum oder keine Bilder gedanklich vorstellen kann und bildet somit das andere Ende des Spektrums ab (<em>Abbildung </em>7, Darstellung 5). Dies haben ca. 1 – 5 % der Menschen [4], [5] und nach Zahlen von 2023 ca. 1,6 Millionen Deutsche.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1.png"><img alt="Afantasie" decoding="async" height="291" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Aphantasia_apple_test-1-768x233.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Abbildung 7: Afantasie (Darstellung 5)</em></figcaption></figure> </div> <p>Wenn Menschen mit Afantasie gefragt werden, sich einen Apfel vorzustellen, können sie kein Bild erzeugen – genauso ist es auch, wenn man sie nach anderen Gegenständen oder z.B. auch Gesichtern fragt. Kein Bild kommt in den Sinn. Stattdessen denken sie bei einem Apfel eher an den Geschmack, die glatte Oberfläche oder auch den Geruch, und bei Gesichtern kommt vielleicht die Stimme der Person oder was wohl-warme Gefühl auf, welches man mit der Person verbindet. </p> <p>Die Ursachen für Afantasie sind noch unklar, aber man weiß, dass bei mentalen Vorstellungen die visuellen Areale im Gehirn sowie der <strong>Frontalkortex </strong>beteiligt sind [7], deren Verbindung bei Menschen mit Afantasie schwächer zu sein scheint [8]. Afantasie ist keinesfalls als Krankheit zu verstehen, sondern einfach als kognitive Eigenschaft und hat normalerweise für den Alltag keine Konsequenzen [4]. Oft fällt Leuten sogar erst im Erwachsenenalter auf, dass sie Afantasie haben. Statt innerer Bilder greifen sie bei Fragen meist auf <strong>Faktenwissen </strong>zurück und können sie deshalb trotzdem ganz normal beantworten. [6]. Übrigens können Menschen mit Afantasie trotzdem bildlich träumen, da die bildlichen Prozesse beim Träumen anders gesteuert werden als im Wachzustand [6].</p> <h3>Die verbalen Denker</h3> <p>Kommen wir nun von Bildern zu Text.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-scaled.jpg"><img alt="Verbale Denker" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/394386707_e7db75a2-1e20-44e6-ad3f-0f48a98fbf3d-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ungefähr 25 % aller Menschen denken nicht in Bildern, sondern hauptsächlich in Worten und Sätzen, die in ihrem Kopf von einer Stimme gesprochen werden [9]. Manche Menschen denken in einzelnen Worten, andere in ganzen Sätzen, und wiederum andere bewegen sich irgendwo dazwischen.</p> <p>In unserem Beispiel mit der Aufgabe an einen Apfel zu denken, würden eher verbal orientierte Menschen vermutlich nicht an ein Bild, sondern an das Wort „Apfel“ denken. Das Wort kann dabei von der Stimme gesprochen werden, oder man hat eher das Gefühl, im Kopf leise das Wort zu lesen. Oft tauchen auch sprachliche Assoziationen auf, z.B. „Ein Apfel ist rund“, “Obst” oder „rot“.</p> <p>Bei ca. 30 – 50 % der Menschen ist die Stimme im Kopf ein innerer <strong>Monolog </strong>[10]. Diese Stimme kennen bestimmt viele von euch: Man geht gedanklich die Einkaufsliste durch, spielt das anstehende Bewerbungsgespräch nach und was für Fragen gestellt werden könnten, oder sagt zu sich selbst „gut gemacht“, wenn man mit der anstrengenden Sporteinheit fertig ist. Die innere Sprache kann jedoch auch die Form eines <strong>Kommentators</strong> annehmen: Dabei denkt man also nicht in der “Ich-Perspektive”, sondern in 3. Person, wobei die Stimme alles, was man tut, beschreibt und kommentiert, als würde sie einen von außen beobachten.</p> <p>Studien zeigen, dass die innere Stimme auch ein <strong>Dialog</strong> sein kann, beispielsweise, wenn eine Entscheidung getroffen werden muss. Diese struktuierte Anleitung kann besonders hilfreich bei Selbstkontrolle und Problemlösen sein. Ca. 25 % der Menschen berichteten übrigens, dass sogar noch weitere Stimmen in den inneren Dialogen auftauchen [1], [11].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20770165_Sandy_Bus-40_Single-07-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Verbale Denker besitzen die Fähigkeit, Sprache im Kopf zu nutzen, um Gedanken effektiv zu sortieren und Probleme zu lösen. Beim Lösen von schwierigen Aufgaben gehen verbale Denker gerne Szenarien oder Listen durch, um zu guten Entscheidungen zu kommen. Dies ist zum Beispiel von Vorteil, wenn man ein wichtiges Gespräch vorbereiten will und dies im Kopf durchgeht. Somit sagt man ihnen nach, generell ein gutes <strong>verbales Gedächtnis</strong> zu haben und auch <strong>Sprachen </strong>schnell lernen zu können [11]. Auch bezüglich mentaler Gesundheit scheint die innere Stimme wichtig zu sein. Studien zeigen, dass Menschen mit depressiven Symptomen oft weniger inneren Monolog haben. Menschen mit Angststörungen zeigen zudem eine besonders negativ eingestellte innere Stimme.</p> <p>Auf der anderen Seite tendieren verbale Denker oft zum übermäßigen <strong>Grübeln </strong>und können gerne mal in Gedankenschleifen festhängen [11]. Was die verschiedenen Arten von inneren Monologen nun über die Gehirne und die Menschen an sich aussagen, da steht die Forschung leider noch vor einem Rätsel.</p> <h4>Anendophasie </h4> <p>Ebenfalls entgegen meiner persönlichen Vorstellung, war ich sehr überrascht zu lernen, dass manche Menschen keine innere Stimme im Kopf haben. Dies nennt man Anendophasie („an“ = ohne, „endo“ = innerlich, „phasie“ = Sprache, Stimme). Menschen mit Anendophasie fehlt weitgehend oder sogar komplett eine innere Stimme, daher denken sie eher visuell, gefühlsorientiert oder durch Faktenwissen. Schätzungen zufolge sind etwa 5–10 % der Bevölkerung betroffen [12].</p> <p>In den letzten Jahren hat die Forschung erst begonnen, sich mit Anendophasie auseinanderzusetzen. Bislang weiß man, dass Menschen mit Anendophasie Schwierigkeiten beim Erkennen von Reimen haben können, und auch beim Merken und Erkennen von Wörtern tun sie sich manchmal schwer. Ansonsten ist die Eigenschaft aber nur wenig alltagseinschränkend und zählt laut Kognitionsforschung als eine Art der kognitiven Organisation und nicht als Defizit.</p> <h3>Entweder, oder?</h3> <p>Aber ist man jetzt entweder visueller oder verbaler Denker?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699889_Woman-going-through-nervous-breakdown-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Fernab von visuellen und verbalen Denkern gibt es noch verschiedenste andere Denkmuster, die wir teilweise auch alle miteinander kombinieren. Manche Menschen denken weniger in Bild und Text, sondern in emotionalen körperlichen Reaktionen wie <strong>Gefühlen</strong>. Ca. 20 Prozent der Menschen erfahren solche emotionalen Gedanken [1]. Wenn beispielsweise vor einer wichtigen Präsentation der Laptop kaputt geht, sind die Gedanken im Kopf geflutet mit Panik und Stress, bevor später die innere Stimme einsetzt und versucht zu analysieren, wie es dazu kam. Beim Denken an einen Apfel könnte der leckere Geschmack des Apfels in den Sinn kommen, oder die Textur, wenn man in ihn hineinbeißt.</p> <p>Trotzdem scheinen die meisten von uns eine vorherrschende Denkweise zu haben [13], schlussendlich haben wir aber oft ein bisschen von allem: Viele können sich sowohl bildlich einen Apfel vorstellen und zugleich eine innere Stimme haben, die den Apfel beschreibt.</p> <p>Die Systeme von visuellem und verbalem Denken sind relativ unabhängig voneinander, dies bedeutet, dass man nicht automatisch gut im visuellen Vorstellen ist, wenn man eher weniger verbale Denkmuster hat [11]. Am Ende ist unser Gehirn meistens sehr gut darin, die verschiedenen Denkmuster zu verbinden und je nach Situation das Effektivste abzurufen!</p> <p>Falls euch weiterhin interessiert, ob eigentlich die Künstliche Intelligenz denken kann, dann schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <h3>Fazit</h3> <p>Die verschiedenen Typen von Denkern zeigen, wie unterschiedlich Menschen in ihrem Innersten klingen und wie sie mit Informationen umgehen. Es gibt nicht die eine Weise, die am besten ist. Es kommt darauf an, wie man am besten mit seinen eigenen Denkmustern umgeht und in welcher Situation welcher Denktyp am ehesten passt.</p> <p>Zu verstehen, welche Denkmuster am ehesten auf einen zutreffen, ist nicht nur einfach eine lustige Selbstanalyse. Es kann praktische Anwendung finden, zum Beispiel, um seine Lernmethoden, Probemlöse-Fähigkeiten und Kommunikation zu Mitmenschen zu verbessern. Die verschiedenen Arten, zu denken, sind weder eine Superpower, noch ein Handicap – es sind einfach Tendenzen zu denken auf einem großen Spektrum, mit ihren persönlichen Vor- und Nachteilen, und die meisten befinden sich irgendwo in der Mitte.</p> <p>Also: Apfel ist nicht gleich Apfel, und genau so unterschiedlich, wie wir Menschen denken, so unterschiedlich sind wir auch als Personen!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/17355257_5805905-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h3>Quellen</h3> <p>[1]          SciShow, <em>Why Some People Don’t Have an Inner Monologue</em>, (Jul. 22, 2020). Accessed: May 07, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=DRLkDafQbP8</p> <p>[2]          D. Wright <em>et al.</em>, ‘An international estimate of the prevalence of differing visual imagery abilities’, <em>Front. Psychol.</em>, vol. 15, pp. 1–12, Oct. 2024, doi: 10.3389/fpsyg.2024.1454107.</p> <p>[3]          A. Network, ‘Hyperphantasia: When Your Mind’s Eye Is Extraordinarily Vivid’, Aphantasia Network. Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available: https://aphantasia.com/what-is-hyperphantasia</p> <p>[4]          A. Zeman <em>et al.</em>, ‘Phantasia–The psychological significance of lifelong visual imagery vividness extremes’, <em>Cortex</em>, vol. 130, pp. 426–440, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.cortex.2020.04.003.</p> <p>[5]          C. J. Dance, A. Ipser, and J. Simner, ‘The prevalence of aphantasia (imagery weakness) in the general population’, <em>Conscious. Cogn.</em>, vol. 97, p. 103243, Jan. 2022, doi: 10.1016/j.concog.2021.103243.</p> <p>[6]          L. Maddox, ‘Aphantasia: what it’s like to live with no mind’s eye’, BBC Science Focus Magazine. Accessed: May 11, 2026. [Online]. Available: https://www.sciencefocus.com/the-human-body/aphantasia-life-with-no-minds-eye</p> <p>[7]          J. Pearson, ‘The human imagination: the cognitive neuroscience of visual mental imagery’, <em>Nat. Rev. Neurosci.</em>, vol. 20, no. 10, pp. 624–634, Oct. 2019, doi: 10.1038/s41583-019-0202-9.</p> <p>[8]          J. Liu <em>et al.</em>, ‘Visual mental imagery in typical imagers and in aphantasia: A millimeter-scale 7-T fMRI study’, <em>Cortex J. Devoted Study Nerv. Syst. Behav.</em>, vol. 185, pp. 113–132, Apr. 2025, doi: 10.1016/j.cortex.2025.01.013.</p> <p>[9]          Voided Thoughts, <em>How Different Are Our Inner Monologues?</em>, (Dec. 13, 2025). Accessed: May 24, 2026. [Online Video]. Available: https://www.youtube.com/watch?v=_pZDgL6QMN0</p> <p>[10]       K. Killian, ‘How Inner Monologues Work, and Who Has Them | Psychology Today’. Accessed: May 12, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/intersections/202304/inner-monologues-what-are-they-and-whos-having-them</p> <p>[11]       B. Alderson-Day and C. Fernyhough, ‘Inner Speech: Development, Cognitive Functions, Phenomenology, and Neurobiology’, <em>Psychol. Bull.</em>, vol. 141, no. 5, pp. 931–965, Sep. 2015, doi: 10.1037/bul0000021.</p> <p>[12]       ‘Kurz &amp; Bündig’, <em>physiopraxis</em>, vol. 22, no. 09, pp. 19–19, Sep. 2024, doi: 10.1055/a-2346-6234.</p> <p>[13]       dmerven, ‘Was ist visuelles Denken? Und warum ist es nützlich? | MindManager Blog’, MindManager Blog DE. Accessed: May 07, 2026. [Online]. Available: https://blog.mindmanager.com/de/was-ist-visuelles-denken-und-warum-ist-es-nutzlich/</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/konzept-des-bewusstseins-fuer-psychische-gesundheit_8398931.htm#fromView=search&amp;page=2&amp;position=10&amp;uuid=2119ce34-5146-430f-ba6f-75b2a8f97e27&amp;query=thinker" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/schoene-frau-mit-braunen-haaren_136881039.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=14&amp;uuid=171941ff-1c76-45ec-b9cb-1e084241af15&amp;query=eyes+closed" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flache-nachdenkliche-junge-leute-die-ueber-die-loesung-von-problemen-nachdenken_23333781.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=0e7e0b65-a1d6-4d73-a392-4849916c9b28&amp;query=thinking+people" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/geometrisches-muster-des-flachen-designs_34768558.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=32&amp;uuid=a257e0ea-bf1a-4536-b283-c412fe427872&amp;query=visuals" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aphantasia_apple_test.png" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/hand-gezeichnete-flache-designleute-die-von-zu-hause-lernen_21887974.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=35329cc0-fadc-4119-81c6-618a8dc06812&amp;query=maths+geometry?log-in=google" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/flaches-design-retro-60er-70er-hintergrund_34794673.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=6&amp;uuid=c722fd7d-b0b4-4e65-b17f-37183ad55446&amp;query=hyper+imagination" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aphantasia_apple_test.png" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 8: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/kleine-weibliche-charaktere-mit-fesselnden-buchstaben_394386707.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=31&amp;uuid=2ee4d16b-5b93-407b-8064-2ef40f4e34db&amp;query=thinking+of+words" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 9: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/voice-over-dienste-abstrakte-illustration_20770165.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=17&amp;uuid=dabc5fc8-d685-46da-a697-34ad200991a3&amp;query=voice" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 10: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-die-durch-nervenzusammenbruch-oder-bipolare-verhaltensstoerung-geht-karikaturillustration_12699889.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=c560f3a5-bc44-43f9-af36-9702f4d3dd39&amp;query=thinking+in+emotions" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 11: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/handgezeichnete-flache-leute-reden_17355257.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=36&amp;uuid=59f4aa86-c68d-4190-86d3-6d2d2f22f00a&amp;query=communication" rel="noopener">Bildquelle</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/visuelle-verbale-denktypen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Der Fable-Schock: Der amerikanische KI-Protektionismus ist Weckruf und Chance für die EU https://scilogs.spektrum.de/datentyp/der-fable-schock-der-amerikanische-ki-protektionismus-ist-weckruf-und-chance-fuer-die-eu/ https://scilogs.spektrum.de/datentyp/der-fable-schock-der-amerikanische-ki-protektionismus-ist-weckruf-und-chance-fuer-die-eu/#comments Mon, 15 Jun 2026 08:00:55 +0000 Ulrich Greveler https://scilogs.spektrum.de/datentyp/?p=671 https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1-768x725.png <link>https://scilogs.spektrum.de/datentyp/der-fable-schock-der-amerikanische-ki-protektionismus-ist-weckruf-und-chance-fuer-die-eu/</link> </image> <description type="html"><h1>Der Fable-Schock: Der amerikanische KI-Protektionismus ist Weckruf und Chance für die EU » Datentyp » SciLogs</h1><h2>By Von Ulrich Greveler</h2><div itemprop="text"> <p><span>Die plötzliche Entwicklung rund um das KI-Modell Fable von Anthropic zeigt uns in Europa auf schmerzhafte Weise die eigene Verwundbarkeit auf: Ein </span><a href="https://www.heise.de/news/Berichte-Amazon-steckt-hinter-ploetzlichem-Fable-Aus-11331565.html" rel="noopener"><span>Pfiff aus Washington genügt</span></a><span> und Server werden abgeschaltet – auch dann, wenn geschäftskritische Anwendungen in Europa betroffen sind. Das Ereignis folgt dabei einem Muster und macht deutlich, was Unternehmen passiert, die bei der US-Regierung in Ungnade fallen. Es erinnert zudem an die restriktive </span><a href="https://csrc.nist.gov/nist-cyber-history/cryptography/chapter" rel="noopener"><span>Exportkontrolle von Verschlüsselungssystemen</span></a><span> in den 1990ern.</span></p> <h2><span>Was ist Anthropic passiert?</span></h2> <p><span>Ausgelöst wurde die Abschaltung nach </span><a href="https://www.theverge.com/ai-artificial-intelligence/949601/amazon-anthropic-fablemythos-government-ban" rel="noopener"><span>ähnlich lautenden Berichten</span></a><span> durch eine Intervention von Amazon-CEO Andrew Jassy. Dessen Cyber-Experten hatten das Modell </span><i><span>Fable </span></i><span>(eine Variante von </span><i><span>Mythos</span></i><span>) getestet und konstatiert, dass man damit funktionsfähige Codefragmente erstellen könne, um Sicherheitslücken in vier verbreiteten Softwarelösungen auszunutzen. Jassy nutzte dann seinen </span><a href="https://www.axios.com/2026/06/13/anthropic-amazon-white-house" rel="noopener"><span>direkten Draht zur US-Regierung</span></a><span>, um diese Erkenntnisse mitzuteilen.</span></p> <p><span>Fable wurde vorsorglich so eingeschränkt, dass es Anfragen zu den Themen Cybersecurity, Biologie und Chemie erkennt und dann nicht selbst beantwortet, sondern dies an schwächere Modelle delegiert, so dass es nicht dazu verwendet werden kann, gefährliche Entwicklungen zu unterstützen. Diese ohnehin umstrittene Einschränkung, die die Nutzbarkeit des Modells für viele legitime Zwecke stark beschneidet, ließ sich jedoch mit gewissem Aufwand umgehen. </span></p> <p><span>In der Folge setzte die Trump-Administration Anthropic ein Ultimatum: Entweder die „gefährliche“ Fähigkeit werde kurzfristig wirksam deaktiviert oder der Zugriff für alle ausländischen Staatsangehörigen müsse blockiert werden. Anthropic-Chef Dario Amodei sah keine sinnvolle Möglichkeit, eine der Vorgaben auf die Schnelle zu erfüllen, sodass er gezwungen war, den Dienst ganz abzuschalten. Bemerkenswert ist dabei, dass die angeblich weiterhin gefährlichen Fähigkeiten des Modells bei einer rein US-amerikanischen Nutzung unproblematisch seien, was an den hehren Motive zweifeln lässt.</span></p> <h2><span>Messen mit zweierlei Maß</span></h2> <p><span>Die Eskalation hat eine Vorgeschichte, die zeigt, wie sich das regulatorische Klima in den USA unter Trump verändert hat. Anthropic </span><a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/mar/24/anthropic-pentagon-lawsuit" rel="noopener"><span>hatte sich bereits im Winter geweigert</span></a><span>, seine Technologien uneingeschränkt für autonome US-amerikanische Waffensysteme oder zur Massenüberwachung von Amerikanern freizugeben. Es hat sich selbst ethische Grenzen gesetzt. Kam dies gut an? Nein, solche unternehmerischen Freiheiten werden in Washington nicht mehr gerne gesehen. Das Pentagon stufte Anthropic daraufhin kurzerhand als „supply chain risk“, und damit faktisch als nationale Bedrohung der Lieferkette ein. Anthropic klagte zwar dagegen und hat wohl gute Chancen, sich durchzusetzen, – ein US-Bundesgericht zeigte sich bereits </span><a href="https://www.reuters.com/world/anthropic-sues-block-pentagon-blacklisting-over-ai-use-restrictions-2026-03-09/" rel="noopener"><span>skeptisch</span></a><span> gegenüber der Einstufung – der Schaden für das Unternehmen war aber rasch spürbar. Die nun erzwungene weltweite Sperre wirkt wie eine Fortsetzung des Pentagon-Rachefeldzuges.</span><aside></aside></p> <p><span>Dass nun eine Jailbreak-Schwachstelle zu einer weltweiten Sperre führt, lässt an der Neutralität der Behörden zweifeln. Mit Jailbreak ist das Umgehen der Beschränkungen des Modells durch geschickte Nutzer-Anfragen gemeint. Es wird mit zweierlei Maß gemessen:</span></p> <ul> <li><span>Anthropic legt glaubhaft dar, dass die kritisierten Aufgaben auch mit Konkurrenzmodellen zu erledigen sind, wie zum Beispiel mit </span><i><span>ChatGPT 5.5</span></i><span> vom Mitbewerber </span><i><span>OpenAI</span></i><span>, das jedoch seinerseits mit dem Pentagon kooperiert.<br></br></span></li> <li><span>Viele aktuelle leistungsstarke Sprachmodelle zeigen Schwächen bei gezieltem Jailbreaking. Das Unternehmen Anthropic herauszugreifen, legt den Verdacht einer verdeckten Agenda zumindest nahe.</span></li> </ul> <p><span>Anthropic hat jedoch auch selbst zu seinem Schicksal beigetragen. Nachdem es sein Modell </span><i><span>Mythos</span></i><span> trainiert, aber nicht freigegeben hatte, mit der Verlautbarung, </span><a href="https://www.heise.de/news/Die-Wahrheit-ueber-Claude-Mythos-c-t-3003-11330541.html" rel="noopener"><span>es sei zu gefährlich</span></a><span> für eine allgemeine Veröffentlichung, da es Sicherheitslücken besonders gut aufspüren könne, war dem Unternehmen die allgemeine Aufmerksamkeit gewiss. War der Vorsprung von </span><i><span>Mythos</span></i><span> wirklich so groß, dass es zurückgehalten werden musste? Hängte Anthropic die Konkurrenz ab? </span><i><span>Mythos</span></i><span> war in aller Munde, obwohl es fast niemand ausprobieren konnte. Unter Marketinggesichtspunkten war dies ein genialer Schachzug, jedoch lieferte man damit der US-Regierung und möglicherweise auch Mitbewerbern Munition, gegen das von </span><i><span>Mythos </span></i><span>abgeleitete </span><i><span>Fable </span></i><span>vorzugehen.</span></p> <h2><span>Crypto Wars 2.0</span></h2> <p><span>Der Vorfall erinnert an Vorgänge, die etwa 30 Jahre zurückliegen. Ältere werden sich erinnern: Bis zum Ende der 1990er-Jahre stufte die US-Regierung wirksame Verschlüsselungssoftware wie Kriegswaffen bzw. -munition ein und beschränkte den Export. Dies betraf auch Browser,</span><a href="https://www.globalsign.com/en/resources/technical-brief-sgc-and-its-limited-value.pdf" rel="noopener"><span> die den Datenverkehr verschlüsselten</span></a><span>, oder E-Mail-Programme, die elektronische Post signieren und verschlüsseln konnten. Das damals neue WWW startete gerade weltweit durch, es drohte eine Zwei-Klassen-Architektur im Internet: Außerhalb der USA sollten die User nahezu ungeschützt durchs Web surfen oder E-Mails versenden, während amerikanische Anwender auf Schutzfunktionen der Software vertrauen konnten. Eine Folge war, dass US-Hersteller stark unter Druck gerieten und sich europäische und asiatische Anbieter auf dem Markt besser positionieren konnten. Eine Stärkung der Softwareindustrie in Europa war die Konsequenz, denn Unternehmen wie auch Privatanwender außerhalb der USA hatten wenig Interesse daran, „beschädigte“ Software aus Amerika zu beziehen, wenn es voll funktionsfähige Alternativen gab. Der dadurch ausgelöste wirtschaftliche Druck – verstärkt durch den politischen Druck von US-Bürgerrechtsgruppen und Teilen der Wissenschaftscommunity – führte schließlich zur </span><a href="https://www.eff.org/cases/bernstein-v-us-dept-justice" rel="noopener"><span>Aufhebung dieser Exportkontrolle</span></a> <a href="https://www.everycrsreport.com/reports/RL30273.html" rel="noopener"><span>zum Jahrtausendwechsel</span></a><span>.</span></p> <h2><span>Dilemma: Offenheit vs. Geheimhaltung von Schwächen</span></h2> <p><span>Die Debatte dreht sich neben dem Vorgehen gegen einzelne Marktakteure auch um eine wichtige Frage: Müsste man KI-Modelle, die Software-Schwachstellen finden und böswilligen Akteuren helfen könnten, in Systeme einzudringen, nicht generell verbieten? US-Behörden argumentieren hier oft mit dem asymmetrischen Schadpotenzial: Angreifer könnten </span><a href="https://securityaffairs.com/162565/security/cisa-guidelines-infrastructure-ai-based-attacks.html" rel="noopener"><span>kritische Infrastrukturen automatisiert attackieren</span></a><span>.</span></p> <p><span>Das klingt dramatisch und legt schnelles Handeln nahe, aber aus Sicht der IT-Sicherheitsforschung ist Verbieten und Verheimlichen („Security by Obscurity“) fast immer der falsche Weg.</span></p> <ul> <li><span>Werkzeuge für illegal zu erklären, macht Software nicht sicherer. Wenn westliche Forscher diese Fähigkeiten nicht nutzen können, werden es staatliche wie auch nichtstaatliche Akteure in unregulierten Staaten trotzdem tun.</span></li> <li><span>Entwickler und Tester benötigen vergleichbar starke Werkzeuge, um die Systeme wie ein mächtiger Angreifer analysieren zu können. Es war schon immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen; oft wurde rechtzeitig gepatcht, manchmal waren die Angreifer schneller und richteten großen Schaden an, bevor Patches verfügbar waren.</span></li> </ul> <p><span>An Verbote halten sich Angreifer jedoch selten; Verbote behindern vor allem die „Guten“ – diejenigen, die Software und Systeme sicherer machen wollen.</span></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1.png"><img alt="" decoding="async" height="886" sizes="(max-width: 938px) 100vw, 938px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1.png 938w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1-300x283.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1-768x725.png 768w" width="938"></img></a><figcaption>Mit KI Schwachstellen in Code finden: Beispiel (mit lokalem LLM gemma4:26b)</figcaption></figure> </div> <h2><span>Weckruf für die EU – und eine Chance!</span></h2> <p><span>Für Europa ist der Vorgang erneut ein Weckruf. Wie abhängig möchte man von US-Anbietern oder plötzlichen Entscheidungen aus Washington sein? Die EU-Staaten verfügen über keine ausgeprägte, unabhängige Cloud-Infrastruktur, die es mit US-amerikanischen Hyperscalern in der Breite aufnehmen könnte. Viele KI-basierte Anwendungen europäischer Unternehmen und Behörden können von heute auf morgen abgeschaltet werden, wenn die US-Regierung dies will. Der Fall </span><i><span>Fable</span></i><span> macht dabei klar, dass kritische Dienste zukünftig für europäische Kunden abgeschaltet werden können, amerikanische Konkurrenten aber nicht behelligt werden.</span></p> <p><span>Die Erfahrung aus den Crypto Wars der 1990er-Jahre zeigt, dass nun eine Chance gegeben ist, europäische Infrastrukturen auszubauen und einen Wettbewerbsvorteil zu realisieren: Welches Unternehmen möchte zukünftig seine Geschäftsprozesse noch Anbietern anvertrauen, die diese ohne Vorwarnung kappen, wenn sie Post aus Washington erhalten?</span></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der Fable-Schock: Der amerikanische KI-Protektionismus ist Weckruf und Chance für die EU » Datentyp » SciLogs</h1><h2>By Von Ulrich Greveler</h2><div itemprop="text"> <p><span>Die plötzliche Entwicklung rund um das KI-Modell Fable von Anthropic zeigt uns in Europa auf schmerzhafte Weise die eigene Verwundbarkeit auf: Ein </span><a href="https://www.heise.de/news/Berichte-Amazon-steckt-hinter-ploetzlichem-Fable-Aus-11331565.html" rel="noopener"><span>Pfiff aus Washington genügt</span></a><span> und Server werden abgeschaltet – auch dann, wenn geschäftskritische Anwendungen in Europa betroffen sind. Das Ereignis folgt dabei einem Muster und macht deutlich, was Unternehmen passiert, die bei der US-Regierung in Ungnade fallen. Es erinnert zudem an die restriktive </span><a href="https://csrc.nist.gov/nist-cyber-history/cryptography/chapter" rel="noopener"><span>Exportkontrolle von Verschlüsselungssystemen</span></a><span> in den 1990ern.</span></p> <h2><span>Was ist Anthropic passiert?</span></h2> <p><span>Ausgelöst wurde die Abschaltung nach </span><a href="https://www.theverge.com/ai-artificial-intelligence/949601/amazon-anthropic-fablemythos-government-ban" rel="noopener"><span>ähnlich lautenden Berichten</span></a><span> durch eine Intervention von Amazon-CEO Andrew Jassy. Dessen Cyber-Experten hatten das Modell </span><i><span>Fable </span></i><span>(eine Variante von </span><i><span>Mythos</span></i><span>) getestet und konstatiert, dass man damit funktionsfähige Codefragmente erstellen könne, um Sicherheitslücken in vier verbreiteten Softwarelösungen auszunutzen. Jassy nutzte dann seinen </span><a href="https://www.axios.com/2026/06/13/anthropic-amazon-white-house" rel="noopener"><span>direkten Draht zur US-Regierung</span></a><span>, um diese Erkenntnisse mitzuteilen.</span></p> <p><span>Fable wurde vorsorglich so eingeschränkt, dass es Anfragen zu den Themen Cybersecurity, Biologie und Chemie erkennt und dann nicht selbst beantwortet, sondern dies an schwächere Modelle delegiert, so dass es nicht dazu verwendet werden kann, gefährliche Entwicklungen zu unterstützen. Diese ohnehin umstrittene Einschränkung, die die Nutzbarkeit des Modells für viele legitime Zwecke stark beschneidet, ließ sich jedoch mit gewissem Aufwand umgehen. </span></p> <p><span>In der Folge setzte die Trump-Administration Anthropic ein Ultimatum: Entweder die „gefährliche“ Fähigkeit werde kurzfristig wirksam deaktiviert oder der Zugriff für alle ausländischen Staatsangehörigen müsse blockiert werden. Anthropic-Chef Dario Amodei sah keine sinnvolle Möglichkeit, eine der Vorgaben auf die Schnelle zu erfüllen, sodass er gezwungen war, den Dienst ganz abzuschalten. Bemerkenswert ist dabei, dass die angeblich weiterhin gefährlichen Fähigkeiten des Modells bei einer rein US-amerikanischen Nutzung unproblematisch seien, was an den hehren Motive zweifeln lässt.</span></p> <h2><span>Messen mit zweierlei Maß</span></h2> <p><span>Die Eskalation hat eine Vorgeschichte, die zeigt, wie sich das regulatorische Klima in den USA unter Trump verändert hat. Anthropic </span><a href="https://www.theguardian.com/us-news/2026/mar/24/anthropic-pentagon-lawsuit" rel="noopener"><span>hatte sich bereits im Winter geweigert</span></a><span>, seine Technologien uneingeschränkt für autonome US-amerikanische Waffensysteme oder zur Massenüberwachung von Amerikanern freizugeben. Es hat sich selbst ethische Grenzen gesetzt. Kam dies gut an? Nein, solche unternehmerischen Freiheiten werden in Washington nicht mehr gerne gesehen. Das Pentagon stufte Anthropic daraufhin kurzerhand als „supply chain risk“, und damit faktisch als nationale Bedrohung der Lieferkette ein. Anthropic klagte zwar dagegen und hat wohl gute Chancen, sich durchzusetzen, – ein US-Bundesgericht zeigte sich bereits </span><a href="https://www.reuters.com/world/anthropic-sues-block-pentagon-blacklisting-over-ai-use-restrictions-2026-03-09/" rel="noopener"><span>skeptisch</span></a><span> gegenüber der Einstufung – der Schaden für das Unternehmen war aber rasch spürbar. Die nun erzwungene weltweite Sperre wirkt wie eine Fortsetzung des Pentagon-Rachefeldzuges.</span><aside></aside></p> <p><span>Dass nun eine Jailbreak-Schwachstelle zu einer weltweiten Sperre führt, lässt an der Neutralität der Behörden zweifeln. Mit Jailbreak ist das Umgehen der Beschränkungen des Modells durch geschickte Nutzer-Anfragen gemeint. Es wird mit zweierlei Maß gemessen:</span></p> <ul> <li><span>Anthropic legt glaubhaft dar, dass die kritisierten Aufgaben auch mit Konkurrenzmodellen zu erledigen sind, wie zum Beispiel mit </span><i><span>ChatGPT 5.5</span></i><span> vom Mitbewerber </span><i><span>OpenAI</span></i><span>, das jedoch seinerseits mit dem Pentagon kooperiert.<br></br></span></li> <li><span>Viele aktuelle leistungsstarke Sprachmodelle zeigen Schwächen bei gezieltem Jailbreaking. Das Unternehmen Anthropic herauszugreifen, legt den Verdacht einer verdeckten Agenda zumindest nahe.</span></li> </ul> <p><span>Anthropic hat jedoch auch selbst zu seinem Schicksal beigetragen. Nachdem es sein Modell </span><i><span>Mythos</span></i><span> trainiert, aber nicht freigegeben hatte, mit der Verlautbarung, </span><a href="https://www.heise.de/news/Die-Wahrheit-ueber-Claude-Mythos-c-t-3003-11330541.html" rel="noopener"><span>es sei zu gefährlich</span></a><span> für eine allgemeine Veröffentlichung, da es Sicherheitslücken besonders gut aufspüren könne, war dem Unternehmen die allgemeine Aufmerksamkeit gewiss. War der Vorsprung von </span><i><span>Mythos</span></i><span> wirklich so groß, dass es zurückgehalten werden musste? Hängte Anthropic die Konkurrenz ab? </span><i><span>Mythos</span></i><span> war in aller Munde, obwohl es fast niemand ausprobieren konnte. Unter Marketinggesichtspunkten war dies ein genialer Schachzug, jedoch lieferte man damit der US-Regierung und möglicherweise auch Mitbewerbern Munition, gegen das von </span><i><span>Mythos </span></i><span>abgeleitete </span><i><span>Fable </span></i><span>vorzugehen.</span></p> <h2><span>Crypto Wars 2.0</span></h2> <p><span>Der Vorfall erinnert an Vorgänge, die etwa 30 Jahre zurückliegen. Ältere werden sich erinnern: Bis zum Ende der 1990er-Jahre stufte die US-Regierung wirksame Verschlüsselungssoftware wie Kriegswaffen bzw. -munition ein und beschränkte den Export. Dies betraf auch Browser,</span><a href="https://www.globalsign.com/en/resources/technical-brief-sgc-and-its-limited-value.pdf" rel="noopener"><span> die den Datenverkehr verschlüsselten</span></a><span>, oder E-Mail-Programme, die elektronische Post signieren und verschlüsseln konnten. Das damals neue WWW startete gerade weltweit durch, es drohte eine Zwei-Klassen-Architektur im Internet: Außerhalb der USA sollten die User nahezu ungeschützt durchs Web surfen oder E-Mails versenden, während amerikanische Anwender auf Schutzfunktionen der Software vertrauen konnten. Eine Folge war, dass US-Hersteller stark unter Druck gerieten und sich europäische und asiatische Anbieter auf dem Markt besser positionieren konnten. Eine Stärkung der Softwareindustrie in Europa war die Konsequenz, denn Unternehmen wie auch Privatanwender außerhalb der USA hatten wenig Interesse daran, „beschädigte“ Software aus Amerika zu beziehen, wenn es voll funktionsfähige Alternativen gab. Der dadurch ausgelöste wirtschaftliche Druck – verstärkt durch den politischen Druck von US-Bürgerrechtsgruppen und Teilen der Wissenschaftscommunity – führte schließlich zur </span><a href="https://www.eff.org/cases/bernstein-v-us-dept-justice" rel="noopener"><span>Aufhebung dieser Exportkontrolle</span></a> <a href="https://www.everycrsreport.com/reports/RL30273.html" rel="noopener"><span>zum Jahrtausendwechsel</span></a><span>.</span></p> <h2><span>Dilemma: Offenheit vs. Geheimhaltung von Schwächen</span></h2> <p><span>Die Debatte dreht sich neben dem Vorgehen gegen einzelne Marktakteure auch um eine wichtige Frage: Müsste man KI-Modelle, die Software-Schwachstellen finden und böswilligen Akteuren helfen könnten, in Systeme einzudringen, nicht generell verbieten? US-Behörden argumentieren hier oft mit dem asymmetrischen Schadpotenzial: Angreifer könnten </span><a href="https://securityaffairs.com/162565/security/cisa-guidelines-infrastructure-ai-based-attacks.html" rel="noopener"><span>kritische Infrastrukturen automatisiert attackieren</span></a><span>.</span></p> <p><span>Das klingt dramatisch und legt schnelles Handeln nahe, aber aus Sicht der IT-Sicherheitsforschung ist Verbieten und Verheimlichen („Security by Obscurity“) fast immer der falsche Weg.</span></p> <ul> <li><span>Werkzeuge für illegal zu erklären, macht Software nicht sicherer. Wenn westliche Forscher diese Fähigkeiten nicht nutzen können, werden es staatliche wie auch nichtstaatliche Akteure in unregulierten Staaten trotzdem tun.</span></li> <li><span>Entwickler und Tester benötigen vergleichbar starke Werkzeuge, um die Systeme wie ein mächtiger Angreifer analysieren zu können. Es war schon immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen; oft wurde rechtzeitig gepatcht, manchmal waren die Angreifer schneller und richteten großen Schaden an, bevor Patches verfügbar waren.</span></li> </ul> <p><span>An Verbote halten sich Angreifer jedoch selten; Verbote behindern vor allem die „Guten“ – diejenigen, die Software und Systeme sicherer machen wollen.</span></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1.png"><img alt="" decoding="async" height="886" sizes="(max-width: 938px) 100vw, 938px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1.png 938w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1-300x283.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/gemmashot-1-768x725.png 768w" width="938"></img></a><figcaption>Mit KI Schwachstellen in Code finden: Beispiel (mit lokalem LLM gemma4:26b)</figcaption></figure> </div> <h2><span>Weckruf für die EU – und eine Chance!</span></h2> <p><span>Für Europa ist der Vorgang erneut ein Weckruf. Wie abhängig möchte man von US-Anbietern oder plötzlichen Entscheidungen aus Washington sein? Die EU-Staaten verfügen über keine ausgeprägte, unabhängige Cloud-Infrastruktur, die es mit US-amerikanischen Hyperscalern in der Breite aufnehmen könnte. Viele KI-basierte Anwendungen europäischer Unternehmen und Behörden können von heute auf morgen abgeschaltet werden, wenn die US-Regierung dies will. Der Fall </span><i><span>Fable</span></i><span> macht dabei klar, dass kritische Dienste zukünftig für europäische Kunden abgeschaltet werden können, amerikanische Konkurrenten aber nicht behelligt werden.</span></p> <p><span>Die Erfahrung aus den Crypto Wars der 1990er-Jahre zeigt, dass nun eine Chance gegeben ist, europäische Infrastrukturen auszubauen und einen Wettbewerbsvorteil zu realisieren: Welches Unternehmen möchte zukünftig seine Geschäftsprozesse noch Anbietern anvertrauen, die diese ohne Vorwarnung kappen, wenn sie Post aus Washington erhalten?</span></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/datentyp/der-fable-schock-der-amerikanische-ki-protektionismus-ist-weckruf-und-chance-fuer-die-eu/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>11</slash:comments> </item> <item> <title>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/#respond Wed, 10 Jun 2026 13:43:20 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6049 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/</link> </image> <description type="html"><h1>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit ist das unsichtbare Steuerpult unseres Alltags: Sie entscheidet, worauf wir reagieren, was wir ignorieren und wie wir unsere Umwelt erleben. Oft merken wir erst, wie zentral sie ist, wenn sie ins Wanken gerät, wenn Gedanken abschweifen, Reize überfluten oder scheinbar Selbstverständliches plötzlich schwerfällt. Von fokussiertem Arbeiten bis zum gleichzeitigen Verarbeiten mehrerer Reize leistet unser Gehirn hier Erstaunliches. Doch was passiert, wenn diese Systeme gestört sind und wie lässt sich Aufmerksamkeit gezielt stärken?</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Konzentrationsprobleme bei Depression und Angststörungen</h3> <p>Neben <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/">ADHS</a> ist die Aufmerksamkeit auch bei anderen psychischen Störungen, vor allem bei Depressionen und Angststörungen, deutlich beeinträchtigt.</p> <p>Bei Depressionen sind insbesondere die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">präfrontalen Kontrollprozesse</a> und die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn runtergefahren [4]. Das hat zur Folge, dass längere Aufmerksamkeitsphasen extrem erschöpfend werden. Man kann sich zwar noch konzentrieren, aber nur für sehr kurze Zeiträume. Ähnlich wie ein Smartphone, dessen Akku dauerhaft bei 10 Prozent hängt.</p> <p>Parallel dazu spielt das Stress‑ und Belohnungssystem eine Rolle: Bei Depressionen ist die Sensitivität für Belohnung häufig herabgesetzt, während die Reaktion auf Stress und negative Reize erhöht ist [5, 6]. Das Gehirn bleibt länger an negativen Gedanken „hängen“, was die Aufmerksamkeit verbrauchen kann: Betroffenen fällt es schwer, sich auf positive oder neutrale Aufgaben zu richten, weil der interne Fokus ständig auf negativen Themen kreist.</p> <p>Ähnlich funktioniert es bei Angststörungen und Überforderung. Hier ist das Gehirn ständig in einer Art Hypervigilanz‑Modus: Es sucht automatisch nach Bedrohungen, Bewertet alles, was passiert, aus der Sicht „ist das gefährlich?“ und ist damit viel weniger frei für konkrete, zielgerichtete Aufgaben [7].</p> <h3>Neglect: Wenn das Gehirn eine Hälfte „vergisst“</h3> <p>Stellen Sie sich vor, Sie schauen auf einen gefüllten Teller mit Nudeln, aber Sie nehmen nur die rechte Seite des Tellers wahr. Oder Sie stehen vor dem Spiegel und rasieren nur die rechte Seite Ihres Gesichtes. So geht es vielen Betroffenen von Neglect.</p> <p>Der Begriff Neglect (englisch für „Vernachlässigung“) bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, die häufig infolge einer Schädigung einer Gehirnhälfte auftritt, meist der rechten. Beeinträchtigt sind dabei insbesondere die räumliche Aufmerksamkeit, das räumliche Arbeitsgedächtnis, die Raumrepräsentation in verschiedenen Bezugssystemen sowie die Initiierung von Bewegungen auf der kontralateralen, also der der Verletzung gegenüberliegenden, Seite [8].</p> <p>Betroffene „übersehen“ dadurch alles, was sich auf der gegenüberliegenden Seite ihres Körpers oder des Raumes befindet. Bei Schädigung der rechten Gehirnhälfte, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, kommt es zu einem einem sogenannten linksseitigen Neglect: Sie ignorieren Objekte, Personen oder sogar ihre linke Körperhälfte, obwohl sie sehen können.</p> <p>Die Ursache liegt nicht in den Augen, sondern im Gehirn. Therapieversuche beinhalten zum Beispiel aktives Explorieren und Orientieren oder langsame Bewegungen der fehlenden Seite [9].</p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="250" sizes="(max-width: 451px) 100vw, 451px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg 451w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17-300x166.jpeg 300w" width="451"></img><figcaption>Abbildung 1: Zeichnungen von Patienten mit linksseitigem Neglect. Die linke Raumseite kann durch eine Schädigung der rechten Gehirnhälfte nicht mehr wahrgenommen werden [10].</figcaption></figure> </div> <h3>Traumatische Hirnverletzungen</h3> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schaedel-hirn-trauma-und-gehirnerschuetterungen-von-sportverletzung-bis-lebensgefahr/">Schädel-Hirn-Traumata</a> (SHT) sind Verletzungen des Schädels und Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung, wie Unfälle, Stürze oder Schläge. Primäre Schäden entstehen direkt durch die mechanische Kraft, sekundäre durch Schwellungen, Blutungen oder Druckanstieg im Schädel.</p> <p>Eine Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) ist ein leichtes SHT 1. Grades. Sie verursacht typischerweise Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und eine kurze Bewusstlosigkeit [11].</p> <p>Betroffene zeigen posttraumatische Leistungsschwäche mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Die Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, schwindet; die Aufmerksamkeit erlischt rasch, Denkprozesse verlangsamen sich. Ermüdbarkeit steigt außerdem extrem, Ruhepausen werden notwendig [12].</p> <h3>Aufmerksamkeits-Boost</h3> <p>Aufmerksamkeit ist ein trainierbarer Zustand und sie lässt sich mit <a href="https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/konzentration-verbessern-ablenkung-vermeiden-100.html" rel="noopener">gezielten Strategien</a> erstaunlich gut kultivieren. Ein bewährter Ansatz ist das Pomodoro-Prinzip: 25 Minuten konzentriertes Arbeiten, gefolgt von einer fünfminütigen Pause. Diese „Aufmerksamkeitsintervalle“ nutzen die natürliche Schwankung der mentalen Energie, verhindern Überforderung und helfen, fokussiert zu bleiben. Entscheidend ist dabei, die Arbeitsphase wirklich störungsfrei zu halten.</p> <p>Push-Benachrichtigungen oder das ständige Wechseln zwischen Apps kann zu „Aufmerksamkeitsbrüchen“ führen. Daher lohnt es sich, Mitteilungen zu bündeln, das Smartphone außer Reichweite zu legen oder sogar „Focus Mode“-Einstellungen zu nutzen.</p> <p>Auch Bewegung spielt eine zentrale Rolle: sie kann die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin fördern, die mit Wachheit und Motivation verbunden sind. Besonders effektiv ist regelmäßige Aktivität. Bewegung in der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/">Natur</a> kann uns besonders gut tun.</p> <p>Ein weiterer Schlüssel liegt in gezielten Achtsamkeitsübungen, etwa kurzen Meditationen oder Atempausen im Alltag. Solche „Mini-Reset“-Momente trainieren das Gehirn, Ablenkung zu bemerken, ohne ihr zu folgen.</p> <p>Schließlich können auch Schlaf, Ernährung und Umfeldgestaltung die Konzentration beeinflussen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Semkovska, M., Nikolic, J., Dølven, S., &amp; Roth, H. N. (2026). Systematic review and meta-analysis of executive function following remission from major depression. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 11(2), 171–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006</a></li> <li>Liu, Z., Wang, M., Zhou, X., Li, Y., Zhang, T., &amp; Chen, H. (2022). Reduced neural responses to reward reflect anhedonia and inattention: An ERP study. Scientific Reports, 12, 17432. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9</a></li> <li>Lee, J. S., Mathews, A., Shergill, S., &amp; Yiend, J. (2016). Magnitude of negative interpretation bias depends on severity of depression. Behaviour Research and Therapy, 83, 26–34. <a href="https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007</a></li> <li>Wermes, R., Lincoln, T. M., &amp; Helbig-Lang, S. (2018). Anxious and alert? Hypervigilance in social anxiety disorder. Psychiatry Research, 269, 740–745. <a href="https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086</a></li> <li>Vossel, S., Kukolja, J., &amp; Fink, G. R. (2010). Neurobiologische Grundlagen des Neglects: Implikationen für neue Therapieansätze. Fortschr Neurol Psychiatr, 78(12), 733–745. <a href="https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862" rel="noopener">https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition (S2k-Leitlinie) (Registernummer 030-126l, Langversion 1.0). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. <a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf" rel="noopener">https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf</a></li> <li>Neurolutions. (o. D.). Navigating left neglect. <a href="https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/" rel="noopener">https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/</a> (Abbildung)</li> <li>DocCheck Flexikon. (o. J.). Commotio cerebri. DocCheck Flexikon. Abgerufen am 20. April 2026, von <a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri" rel="noopener">https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie &amp; Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. (o. J.). Schädel-Hirn-Trauma – Auswirkungen und Folgeschäden. Neurologen-und-Psychiater-im-Netz. <a href="https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/" rel="noopener">https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Attention, Attention: Aufmerksamkeit und Neglect » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit ist das unsichtbare Steuerpult unseres Alltags: Sie entscheidet, worauf wir reagieren, was wir ignorieren und wie wir unsere Umwelt erleben. Oft merken wir erst, wie zentral sie ist, wenn sie ins Wanken gerät, wenn Gedanken abschweifen, Reize überfluten oder scheinbar Selbstverständliches plötzlich schwerfällt. Von fokussiertem Arbeiten bis zum gleichzeitigen Verarbeiten mehrerer Reize leistet unser Gehirn hier Erstaunliches. Doch was passiert, wenn diese Systeme gestört sind und wie lässt sich Aufmerksamkeit gezielt stärken?</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Konzentrationsprobleme bei Depression und Angststörungen</h3> <p>Neben <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/">ADHS</a> ist die Aufmerksamkeit auch bei anderen psychischen Störungen, vor allem bei Depressionen und Angststörungen, deutlich beeinträchtigt.</p> <p>Bei Depressionen sind insbesondere die <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">präfrontalen Kontrollprozesse</a> und die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Gehirn runtergefahren [4]. Das hat zur Folge, dass längere Aufmerksamkeitsphasen extrem erschöpfend werden. Man kann sich zwar noch konzentrieren, aber nur für sehr kurze Zeiträume. Ähnlich wie ein Smartphone, dessen Akku dauerhaft bei 10 Prozent hängt.</p> <p>Parallel dazu spielt das Stress‑ und Belohnungssystem eine Rolle: Bei Depressionen ist die Sensitivität für Belohnung häufig herabgesetzt, während die Reaktion auf Stress und negative Reize erhöht ist [5, 6]. Das Gehirn bleibt länger an negativen Gedanken „hängen“, was die Aufmerksamkeit verbrauchen kann: Betroffenen fällt es schwer, sich auf positive oder neutrale Aufgaben zu richten, weil der interne Fokus ständig auf negativen Themen kreist.</p> <p>Ähnlich funktioniert es bei Angststörungen und Überforderung. Hier ist das Gehirn ständig in einer Art Hypervigilanz‑Modus: Es sucht automatisch nach Bedrohungen, Bewertet alles, was passiert, aus der Sicht „ist das gefährlich?“ und ist damit viel weniger frei für konkrete, zielgerichtete Aufgaben [7].</p> <h3>Neglect: Wenn das Gehirn eine Hälfte „vergisst“</h3> <p>Stellen Sie sich vor, Sie schauen auf einen gefüllten Teller mit Nudeln, aber Sie nehmen nur die rechte Seite des Tellers wahr. Oder Sie stehen vor dem Spiegel und rasieren nur die rechte Seite Ihres Gesichtes. So geht es vielen Betroffenen von Neglect.</p> <p>Der Begriff Neglect (englisch für „Vernachlässigung“) bezeichnet eine Wahrnehmungsstörung, die häufig infolge einer Schädigung einer Gehirnhälfte auftritt, meist der rechten. Beeinträchtigt sind dabei insbesondere die räumliche Aufmerksamkeit, das räumliche Arbeitsgedächtnis, die Raumrepräsentation in verschiedenen Bezugssystemen sowie die Initiierung von Bewegungen auf der kontralateralen, also der der Verletzung gegenüberliegenden, Seite [8].</p> <p>Betroffene „übersehen“ dadurch alles, was sich auf der gegenüberliegenden Seite ihres Körpers oder des Raumes befindet. Bei Schädigung der rechten Gehirnhälfte, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, kommt es zu einem einem sogenannten linksseitigen Neglect: Sie ignorieren Objekte, Personen oder sogar ihre linke Körperhälfte, obwohl sie sehen können.</p> <p>Die Ursache liegt nicht in den Augen, sondern im Gehirn. Therapieversuche beinhalten zum Beispiel aktives Explorieren und Orientieren oder langsame Bewegungen der fehlenden Seite [9].</p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="250" sizes="(max-width: 451px) 100vw, 451px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17.jpeg 451w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-17-300x166.jpeg 300w" width="451"></img><figcaption>Abbildung 1: Zeichnungen von Patienten mit linksseitigem Neglect. Die linke Raumseite kann durch eine Schädigung der rechten Gehirnhälfte nicht mehr wahrgenommen werden [10].</figcaption></figure> </div> <h3>Traumatische Hirnverletzungen</h3> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schaedel-hirn-trauma-und-gehirnerschuetterungen-von-sportverletzung-bis-lebensgefahr/">Schädel-Hirn-Traumata</a> (SHT) sind Verletzungen des Schädels und Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung, wie Unfälle, Stürze oder Schläge. Primäre Schäden entstehen direkt durch die mechanische Kraft, sekundäre durch Schwellungen, Blutungen oder Druckanstieg im Schädel.</p> <p>Eine Gehirnerschütterung (Commotio cerebri) ist ein leichtes SHT 1. Grades. Sie verursacht typischerweise Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und eine kurze Bewusstlosigkeit [11].</p> <p>Betroffene zeigen posttraumatische Leistungsschwäche mit Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen: Die Fähigkeit, zwei Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen, schwindet; die Aufmerksamkeit erlischt rasch, Denkprozesse verlangsamen sich. Ermüdbarkeit steigt außerdem extrem, Ruhepausen werden notwendig [12].</p> <h3>Aufmerksamkeits-Boost</h3> <p>Aufmerksamkeit ist ein trainierbarer Zustand und sie lässt sich mit <a href="https://www.mdr.de/wissen/psychologie-sozialwissenschaften/konzentration-verbessern-ablenkung-vermeiden-100.html" rel="noopener">gezielten Strategien</a> erstaunlich gut kultivieren. Ein bewährter Ansatz ist das Pomodoro-Prinzip: 25 Minuten konzentriertes Arbeiten, gefolgt von einer fünfminütigen Pause. Diese „Aufmerksamkeitsintervalle“ nutzen die natürliche Schwankung der mentalen Energie, verhindern Überforderung und helfen, fokussiert zu bleiben. Entscheidend ist dabei, die Arbeitsphase wirklich störungsfrei zu halten.</p> <p>Push-Benachrichtigungen oder das ständige Wechseln zwischen Apps kann zu „Aufmerksamkeitsbrüchen“ führen. Daher lohnt es sich, Mitteilungen zu bündeln, das Smartphone außer Reichweite zu legen oder sogar „Focus Mode“-Einstellungen zu nutzen.</p> <p>Auch Bewegung spielt eine zentrale Rolle: sie kann die Ausschüttung von Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin fördern, die mit Wachheit und Motivation verbunden sind. Besonders effektiv ist regelmäßige Aktivität. Bewegung in der <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/fruehlingsgefuehle/">Natur</a> kann uns besonders gut tun.</p> <p>Ein weiterer Schlüssel liegt in gezielten Achtsamkeitsübungen, etwa kurzen Meditationen oder Atempausen im Alltag. Solche „Mini-Reset“-Momente trainieren das Gehirn, Ablenkung zu bemerken, ohne ihr zu folgen.</p> <p>Schließlich können auch Schlaf, Ernährung und Umfeldgestaltung die Konzentration beeinflussen.</p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Semkovska, M., Nikolic, J., Dølven, S., &amp; Roth, H. N. (2026). Systematic review and meta-analysis of executive function following remission from major depression. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 11(2), 171–179. <a href="https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.bpsc.2025.09.006</a></li> <li>Liu, Z., Wang, M., Zhou, X., Li, Y., Zhang, T., &amp; Chen, H. (2022). Reduced neural responses to reward reflect anhedonia and inattention: An ERP study. Scientific Reports, 12, 17432. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-022-21591-9</a></li> <li>Lee, J. S., Mathews, A., Shergill, S., &amp; Yiend, J. (2016). Magnitude of negative interpretation bias depends on severity of depression. Behaviour Research and Therapy, 83, 26–34. <a href="https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.brat.2016.05.007</a></li> <li>Wermes, R., Lincoln, T. M., &amp; Helbig-Lang, S. (2018). Anxious and alert? Hypervigilance in social anxiety disorder. Psychiatry Research, 269, 740–745. <a href="https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.psychres.2018.08.086</a></li> <li>Vossel, S., Kukolja, J., &amp; Fink, G. R. (2010). Neurobiologische Grundlagen des Neglects: Implikationen für neue Therapieansätze. Fortschr Neurol Psychiatr, 78(12), 733–745. <a href="https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862" rel="noopener">https://doi.org/10.1055/s-0029-1245862</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie. (2023). Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition (S2k-Leitlinie) (Registernummer 030-126l, Langversion 1.0). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. <a href="https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf" rel="noopener">https://register.awmf.org/assets/guidelines/030-126l_S2k_Diagnostik-Therapie-Neglect-andere-Stoerungen-der-Raumkognition_2023-03.pdf</a></li> <li>Neurolutions. (o. D.). Navigating left neglect. <a href="https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/" rel="noopener">https://www.neurolutions.com/after-stroke/navigating-left-neglect/</a> (Abbildung)</li> <li>DocCheck Flexikon. (o. J.). Commotio cerebri. DocCheck Flexikon. Abgerufen am 20. April 2026, von <a href="https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri" rel="noopener">https://flexikon.doccheck.com/de/Commotio_cerebri</a></li> <li>Deutsche Gesellschaft für Neurologie &amp; Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. (o. J.). Schädel-Hirn-Trauma – Auswirkungen und Folgeschäden. Neurologen-und-Psychiater-im-Netz. <a href="https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/" rel="noopener">https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/neurologie/erkrankungen/schaedel-hirn-trauma/auswirkungen-und-folgeschaeden/</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-aufmerksamkeit-und-neglect/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Football Finance, Part 1 https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/#comments Wed, 10 Jun 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14462 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/FIFA_World_Cup.png" /><h1>Football Finance, Part 1 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>On 11 June, 2026, 22 men from Mexico and South Africa will take to the pitch for the opening game of the 2026 Men’s Football FIFA World Cup, in Mexico City Stadium. By all accounts, neither of these teams will win the tournament. <a href="https://www.oddschecker.com/football/world-cup" rel="noreferrer noopener" target="_blank">At time of writing</a>, Mexico are being given odds of 80/1 of winning the cup (i.e. 80/81 chance of losing, 1/81 chance of winning), and South Africa are thought to be even less likely to win, at 1000/1 (in case you are interested, the current favourites are Spain at 11/2).</p> <p>That does not mean that this match is without excitement though. One of the best things about sports, is that the excitement of a match depends much more on how comparable the teams are, than on the ability of any one individual team. So it is still an interesting question to predict which team will win this match. What’s more, there are far more statistics than simply which is the winning team. Can you predict how many goals the match will be won by? What is your expectation for the number of players sent off? How much would you bet on the goalkeeper eating a pie on camera (believe it or not, this is a real bet that took place, and <a href="https://www.bbc.co.uk/sport/football/41181979" rel="noreferrer noopener" target="_blank">was quite the scandal in the end</a>!)?</p> <p>Now, as a disclaimer, I am not endorsing betting and none of this blog post should be interpreted as advice (financial, betting, or otherwise!). But I do enjoy dealing in hypotheticals and probabilities, and World Cup can give us an interesting window into how some aspects of financial mathematics may work.</p> <p>A quick aside: If you are totally new to football, you can read <a href="https://www.bbc.co.uk/bitesize/guides/zxrbcwx/revision/3" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this brief summary</a> of the rules. Officially, football only has <a href="https://downloads.theifab.com/downloads/laws-of-the-game-2025-26-double-pages?l=en" rel="noopener">17 laws</a>, though this is slightly misleading as each has many sub-points.</p> <h3>Let’s Play a Game</h3> <p>The statistic I want to focus on is a bit of an uncommon one, but I promise there is method to my madness. I want a statistic than can vary continuously and go both up and down over time. I therefore will look specifically on the number of goals scored per minute over the course of this first Mexico vs South Africa match. Let’s suppose I offer you the following (hypothetical) deal:<aside></aside></p> <p>You will pay me €25 now. In return, I will then pay you, in Euros (€), 1000 multiplied by the number of goals scored per minute, once the match is over.</p> <p>Do you take this deal? How little would I have to ask you to pay me for you to take this deal? What information might you want to know before agreeing to this deal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg"><img alt="A football stadium packed with fans." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><strong> </strong>Football (Soccer) World Cup 2010 opening match between South Africa and Mexico on 11 June, 2010, at Soccer City Stadium, Johannesburg. <a href="https://flickr.com/photos/28125001@N04/4691164158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Source</a>: www.shine2010.co.za (CC BY 2.0)</figcaption></figure> </div> <p>To decide how much you would pay me you need to work out an idea of how much I will end up paying you. This is akin to knowing how many goals will be scored, and then dividing it by the number of minutes. As a basic starting point, we could look at the average number of goals per game. </p> <p>According to <a href="https://www.nytimes.com/athletic/3192246/2022/03/20/whats-the-most-common-scoreline-in-football-%EF%BB%BF/?source=user_shared_article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this article</a>, which looked at all 39750 football games in the top 5 European leagues between 2000 and 2022, whilst the most common score line is 1-0, the most common number of goals scored is 2 as this can be achieved both by a 1-1 score and a 2-0 score. A game is 90 minutes so you might expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{90} \times 1000 = 22.222\dots .\)</p> <p>This would mean that paying me €25 is a bad deal! In fact, this would suggest that you should not take the deal. I am paying you €22.22 on average so you should definitely not pay more than €22.22. If you want a greater level of certainty that you will earn money, you may even refuse to play if I ask for more than €20 (or even less if you are particularly risk averse!). </p> <p>But wait! If you are even a penny off, then you could risk losing money. And I expect you will lose money, because our above calculation has made an assumption. Those who know football well will know that at the end of each 45 minutes of play is what is known as “injury time” – a number of minutes added on to compensate for the time spent managing injured players and infringements of the rules. <a href="https://www.theguardian.com/football/2025/oct/15/longer-games-less-football-ball-play-premier-league" rel="noopener">It was reported</a> in 2025, that the average length of a Premier league match is actually 100 minutes and 36 seconds! Using this fact, you might then expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{101} \times 1000 = 19.80198\dots ,\)</p> <p>which is, notably, less than €22.22.</p> <p>Your appetite for risk is an important factor when playing this game, not just if you want a buffer for there being a small error in your calculations. Though the above suggests the time can range from 90 minutes to around perhaps, 110 minutes, that does not make a vast difference to the amount of money you’ll be paid. 2 goals scored in 90 mins earns you as we saw, around €22.22, whereas 2 goals scored in 110 minutes earns around €18.18 – only about €4 difference.</p> <p>On the other hand, what if the total goals is wrong? Though 2 is the most common number of goals scored, recall that the most common score is 1-0. A score of 1-0 in 100 minutes only earns you €10, which is a big difference and a risk you have to decide if you’re willing to take.</p> <h3>Two Teams, Both Alike in Dignity</h3> <p>There is other information you may also want to know, such as the history of matches between Mexico and South Africa. Unfortunately, we only have four international matches to go off, which is not a huge sample size:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png"><img alt="A table showing the results of all 4 matches of Mexico vs South Africa (scores were 4-0, 4-2, 2-1, 1-1 in chronological order)." decoding="async" height="194" sizes="(max-width: 906px) 100vw, 906px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png 906w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-300x64.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-768x164.png 768w" width="906"></img></a><figcaption>Source: Screenshot via <a href="https://www.11v11.com/teams/mexico/tab/opposingTeams/opposition/South%20Africa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">11v11</a></figcaption></figure> </div> <p>Further, the last time these two countries played each other was 16 years ago, which is too long ago to draw useful conclusions from. So what about the individual country’s track records? From data on <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/FIFA_World_Cup_records_and_statistics#Goalscoring" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia</a>, we can see that, as of the 2022 World Cup, Mexico have played 60 games, scored 62 goals, and conceded 101 goals. On the other hand, South Africa have played 9 games, scored 11 goals, and conceded 19 goals.</p> <p>There are multiple ways of using this data. Mexico have scored roughly 1.03 goals per game, and conceded roughly 1.68 goals per game, whereas South Africa have scored roughly 1.22 goals per game, and conceded roughly 2.11 goals per game. So you may use that to say the total score of Mexico’s games averaged 2.72 (to 3sf), or that the total score of South Africa’s games averaged 3.33 (to 3sf). Or you may say that you expect roughly \(1.03 + 1.22 ≈ 2.3\) goals to be scored, or \(1.68 + 2.11 ≈ 3.8\) goals to be conceded.</p> <p>There is no right or wrong option here! Possibly worth noting, though, is that all of these lie between 2.3 and 3.8 (as, indeed, do the scores of the last two matches these teams played). So you can expect me to pay you somewhere between \(\frac{2.3}{101} = 22.77\dots\) and \(\frac{3.8}{101} = 37.62\dots\).</p> <p>There is one more pair of variables that I have as of yet not mentioned, but which are often the two most important pieces of data when playing this game: what the score currently is, and how long it is until the end of the game. If the score is 0-0 and it’s the 5<sup>th</sup> minute of extra time, you would be unwise to play this game at all. The likelihood is, the whistle will blow at a score of 0-0 and you will earn nothing. If, however, it’s 2 minutes into the first half and the score is already 1-0, I would be unwise to allow you to play this game for only €25.</p> <h3>Moving Forward</h3> <p>Why is this relevant to the world of finance, then? Well, imagine instead of me paying you a statistic based on the outcome of a football match, I pay you the price of a stock at some fixed point in the future? This is now a commonly traded financial product called, fittingly, a “future.” You may have also heard of a “forward,” which operates in much the same way except these are non-standard and not traded on exchanges. </p> <p>Years of mathematical modelling and financial maths have led to mathematicians and traders accepting a basic formula for the price of a future (i.e. the amount of money you should expect back, and therefore the maximum you should pay to “play the game”):</p> <p>\(F = S_0 \times e^{rt}\).</p> <p>In this formula, \(F\) is the price of the future, \(S\) is the current price of the stock, \(r\) is the risk-free interest rate and \(t\) is the time, in years, until I pay you (known as the “time to maturity”). </p> <p>This includes most of the same variables we were considering when looking at our football match! It doesn’t actually include the historical prices of the stock, but many traders may well adapt this formula slightly to take that into account. The inclusion of the interest rate here is to consider whether you would be better investing the money elsewhere – yet another aspect to my game that you could consider.</p> <h3>Looking to the Future</h3> <p>Through looking at our humble football game, we have uncovered some key factors to think about when trading financial products. But we’ve barely scraped the surface! Thankfully the tournament is on until mid-July though, so I will be back next month with another of the most traded financial products. Enjoy the first match!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/FIFA_World_Cup.png" /><h1>Football Finance, Part 1 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>On 11 June, 2026, 22 men from Mexico and South Africa will take to the pitch for the opening game of the 2026 Men’s Football FIFA World Cup, in Mexico City Stadium. By all accounts, neither of these teams will win the tournament. <a href="https://www.oddschecker.com/football/world-cup" rel="noreferrer noopener" target="_blank">At time of writing</a>, Mexico are being given odds of 80/1 of winning the cup (i.e. 80/81 chance of losing, 1/81 chance of winning), and South Africa are thought to be even less likely to win, at 1000/1 (in case you are interested, the current favourites are Spain at 11/2).</p> <p>That does not mean that this match is without excitement though. One of the best things about sports, is that the excitement of a match depends much more on how comparable the teams are, than on the ability of any one individual team. So it is still an interesting question to predict which team will win this match. What’s more, there are far more statistics than simply which is the winning team. Can you predict how many goals the match will be won by? What is your expectation for the number of players sent off? How much would you bet on the goalkeeper eating a pie on camera (believe it or not, this is a real bet that took place, and <a href="https://www.bbc.co.uk/sport/football/41181979" rel="noreferrer noopener" target="_blank">was quite the scandal in the end</a>!)?</p> <p>Now, as a disclaimer, I am not endorsing betting and none of this blog post should be interpreted as advice (financial, betting, or otherwise!). But I do enjoy dealing in hypotheticals and probabilities, and World Cup can give us an interesting window into how some aspects of financial mathematics may work.</p> <p>A quick aside: If you are totally new to football, you can read <a href="https://www.bbc.co.uk/bitesize/guides/zxrbcwx/revision/3" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this brief summary</a> of the rules. Officially, football only has <a href="https://downloads.theifab.com/downloads/laws-of-the-game-2025-26-double-pages?l=en" rel="noopener">17 laws</a>, though this is slightly misleading as each has many sub-points.</p> <h3>Let’s Play a Game</h3> <p>The statistic I want to focus on is a bit of an uncommon one, but I promise there is method to my madness. I want a statistic than can vary continuously and go both up and down over time. I therefore will look specifically on the number of goals scored per minute over the course of this first Mexico vs South Africa match. Let’s suppose I offer you the following (hypothetical) deal:<aside></aside></p> <p>You will pay me €25 now. In return, I will then pay you, in Euros (€), 1000 multiplied by the number of goals scored per minute, once the match is over.</p> <p>Do you take this deal? How little would I have to ask you to pay me for you to take this deal? What information might you want to know before agreeing to this deal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg"><img alt="A football stadium packed with fans." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/First_game_of_the_2010_FIFA_World_Cup_South_Africa_vs_Mexico.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption><strong> </strong>Football (Soccer) World Cup 2010 opening match between South Africa and Mexico on 11 June, 2010, at Soccer City Stadium, Johannesburg. <a href="https://flickr.com/photos/28125001@N04/4691164158" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Source</a>: www.shine2010.co.za (CC BY 2.0)</figcaption></figure> </div> <p>To decide how much you would pay me you need to work out an idea of how much I will end up paying you. This is akin to knowing how many goals will be scored, and then dividing it by the number of minutes. As a basic starting point, we could look at the average number of goals per game. </p> <p>According to <a href="https://www.nytimes.com/athletic/3192246/2022/03/20/whats-the-most-common-scoreline-in-football-%EF%BB%BF/?source=user_shared_article" rel="noreferrer noopener" target="_blank">this article</a>, which looked at all 39750 football games in the top 5 European leagues between 2000 and 2022, whilst the most common score line is 1-0, the most common number of goals scored is 2 as this can be achieved both by a 1-1 score and a 2-0 score. A game is 90 minutes so you might expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{90} \times 1000 = 22.222\dots .\)</p> <p>This would mean that paying me €25 is a bad deal! In fact, this would suggest that you should not take the deal. I am paying you €22.22 on average so you should definitely not pay more than €22.22. If you want a greater level of certainty that you will earn money, you may even refuse to play if I ask for more than €20 (or even less if you are particularly risk averse!). </p> <p>But wait! If you are even a penny off, then you could risk losing money. And I expect you will lose money, because our above calculation has made an assumption. Those who know football well will know that at the end of each 45 minutes of play is what is known as “injury time” – a number of minutes added on to compensate for the time spent managing injured players and infringements of the rules. <a href="https://www.theguardian.com/football/2025/oct/15/longer-games-less-football-ball-play-premier-league" rel="noopener">It was reported</a> in 2025, that the average length of a Premier league match is actually 100 minutes and 36 seconds! Using this fact, you might then expect to earn</p> <p>\( \frac{2}{101} \times 1000 = 19.80198\dots ,\)</p> <p>which is, notably, less than €22.22.</p> <p>Your appetite for risk is an important factor when playing this game, not just if you want a buffer for there being a small error in your calculations. Though the above suggests the time can range from 90 minutes to around perhaps, 110 minutes, that does not make a vast difference to the amount of money you’ll be paid. 2 goals scored in 90 mins earns you as we saw, around €22.22, whereas 2 goals scored in 110 minutes earns around €18.18 – only about €4 difference.</p> <p>On the other hand, what if the total goals is wrong? Though 2 is the most common number of goals scored, recall that the most common score is 1-0. A score of 1-0 in 100 minutes only earns you €10, which is a big difference and a risk you have to decide if you’re willing to take.</p> <h3>Two Teams, Both Alike in Dignity</h3> <p>There is other information you may also want to know, such as the history of matches between Mexico and South Africa. Unfortunately, we only have four international matches to go off, which is not a huge sample size:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png"><img alt="A table showing the results of all 4 matches of Mexico vs South Africa (scores were 4-0, 4-2, 2-1, 1-1 in chronological order)." decoding="async" height="194" sizes="(max-width: 906px) 100vw, 906px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss.png 906w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-300x64.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hlss-768x164.png 768w" width="906"></img></a><figcaption>Source: Screenshot via <a href="https://www.11v11.com/teams/mexico/tab/opposingTeams/opposition/South%20Africa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">11v11</a></figcaption></figure> </div> <p>Further, the last time these two countries played each other was 16 years ago, which is too long ago to draw useful conclusions from. So what about the individual country’s track records? From data on <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/FIFA_World_Cup_records_and_statistics#Goalscoring" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia</a>, we can see that, as of the 2022 World Cup, Mexico have played 60 games, scored 62 goals, and conceded 101 goals. On the other hand, South Africa have played 9 games, scored 11 goals, and conceded 19 goals.</p> <p>There are multiple ways of using this data. Mexico have scored roughly 1.03 goals per game, and conceded roughly 1.68 goals per game, whereas South Africa have scored roughly 1.22 goals per game, and conceded roughly 2.11 goals per game. So you may use that to say the total score of Mexico’s games averaged 2.72 (to 3sf), or that the total score of South Africa’s games averaged 3.33 (to 3sf). Or you may say that you expect roughly \(1.03 + 1.22 ≈ 2.3\) goals to be scored, or \(1.68 + 2.11 ≈ 3.8\) goals to be conceded.</p> <p>There is no right or wrong option here! Possibly worth noting, though, is that all of these lie between 2.3 and 3.8 (as, indeed, do the scores of the last two matches these teams played). So you can expect me to pay you somewhere between \(\frac{2.3}{101} = 22.77\dots\) and \(\frac{3.8}{101} = 37.62\dots\).</p> <p>There is one more pair of variables that I have as of yet not mentioned, but which are often the two most important pieces of data when playing this game: what the score currently is, and how long it is until the end of the game. If the score is 0-0 and it’s the 5<sup>th</sup> minute of extra time, you would be unwise to play this game at all. The likelihood is, the whistle will blow at a score of 0-0 and you will earn nothing. If, however, it’s 2 minutes into the first half and the score is already 1-0, I would be unwise to allow you to play this game for only €25.</p> <h3>Moving Forward</h3> <p>Why is this relevant to the world of finance, then? Well, imagine instead of me paying you a statistic based on the outcome of a football match, I pay you the price of a stock at some fixed point in the future? This is now a commonly traded financial product called, fittingly, a “future.” You may have also heard of a “forward,” which operates in much the same way except these are non-standard and not traded on exchanges. </p> <p>Years of mathematical modelling and financial maths have led to mathematicians and traders accepting a basic formula for the price of a future (i.e. the amount of money you should expect back, and therefore the maximum you should pay to “play the game”):</p> <p>\(F = S_0 \times e^{rt}\).</p> <p>In this formula, \(F\) is the price of the future, \(S\) is the current price of the stock, \(r\) is the risk-free interest rate and \(t\) is the time, in years, until I pay you (known as the “time to maturity”). </p> <p>This includes most of the same variables we were considering when looking at our football match! It doesn’t actually include the historical prices of the stock, but many traders may well adapt this formula slightly to take that into account. The inclusion of the interest rate here is to consider whether you would be better investing the money elsewhere – yet another aspect to my game that you could consider.</p> <h3>Looking to the Future</h3> <p>Through looking at our humble football game, we have uncovered some key factors to think about when trading financial products. But we’ve barely scraped the surface! Thankfully the tournament is on until mid-July though, so I will be back next month with another of the most traded financial products. Enjoy the first match!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/football-finance-part-1/#comments 4 Urteil gegen 12- und 13-jährige Mörderinnen. Eine wissenschaftliche und ethische Sicht https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/#comments Wed, 10 Jun 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3618 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Urteil gegen 12- und 13-jährige Mörderinnen. Eine wissenschaftliche und ethische Sicht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Was das deutsche Recht neben 145.000 Euro Schadensersatz für ein totes Kind besser machen könnte</strong></p> <span id="more-3618"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> ging es um den rechtlichen Rahmen und die Statistiken zu den Tötungsdelikten von Kindern. Zum Glück sind diese in Deutschland mit 25 pro Jahr (für 2025) äußerst selten. Dabei sind Verdachtsfälle mitgezählt, die sich später als Unfälle herausstellen. Die echten Tötungen erhalten mitunter sehr viel mediale Aufmerksamkeit, doch werden vom Strafrecht nicht weiter behandelt: Unter dem Alter von 14 Jahren gilt hier ausnahmslos die Schuldunfähigkeit (§ 19 StGB).</p> <p>Die immer intensiver diskutierte Absenkung dieser Altersgrenze wird von manchen kritisiert, weil Kinder nicht vor Gericht gestellt werden sollen. Das verkennt aber die heutige Rechtslage: Das Zivilrecht geht nämlich davon aus, dass Menschen schon ab dem Alter von sieben Jahren für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden können – <em>wenn</em> sie dabei einsichtsfähig waren, also die Falschheit ihres Verhaltens verstehen konnten (§ 828 Abs. 3 BGB).</p> <p>Anders als im Strafrecht sind aber im Zivilrecht die Geschädigten selbst für die Durchsetzung ihrer Ansprüche verantwortlich, nicht der Staat. Bei den hier thematisierten (versuchten) Tötungsdelikten sind das also die Opfer und ihre Angehörigen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> zeigte ein Vergleich, dass schon mehrere Nachbarländer Deutschlands – Frankreich, die Niederlande, die Schweiz – für die Strafmündigkeit niedrigere Altersgrenzen haben. Außerdem gibt es in der Rechtsgeschichte von Deutschland unterschiedliche Festlegungen. Dabei weisen die Entwicklungswissenschaften vom Menschen auf keine bestimmte Altersgrenze, sondern gehen sie heute von einer fließenden Phase der Adoleszenz im Alter von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahre aus. An dieser Stelle überlegen wir jetzt weiter, was in Deutschland besser gemacht werden könnte, insbesondere mit Blick auf den Opferschutz.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Fließende Übergänge</h2> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">erste Teil</a> war zugegebenermaßen etwas komplex. Das hat aber mit der Komplexität der Materie zu tun, eben den vielen Facetten der Menschheitsentwicklung. Doch gerade aus Sicht der Entwicklungswissenschaften widerspricht die feste Untergrenze des Strafrechts der Sichtweise von der Adoleszenz als breiter Phase mit in sich fließenden Übergängen. Insofern ergibt es doppelten Unsinn, sich wissenschaftlich auf eine bestimmte Altersgrenze festzulegen, ob das nun zehn, zwölf, 14, 16 oder 18 Jahre sind.</p> <p>Die Wissenschaft schreibt weder der Gesellschaft noch dem Recht eine bestimmte Antwort vor. Im demokratischen Rechtsstaat ist die gesetzgebende Kraft das Volk (gr. <em>demos</em>) beziehungsweise seine gewählte Vertretung. Das schließt übrigens nicht aus, dass bestimmte vernünftige und bewährte Prinzipien sowohl für die Wissenschaft als auch für die Rechtspflege von Bedeutung sind. So könnte für die Praxis des Rechts eine feste Altersgrenze trotzdem wichtig sein, auch wenn es dafür keine eindeutige wissenschaftliche Grundlage gibt.</p> <p>Speziell im Jugendstrafrecht werden individuelle Unterschiede in der Entwicklung schon berücksichtigt: Denn damit, dass das allgemeine deutsche Strafrecht 14 Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit festlegt, ist das Thema noch nicht abgehakt. Das zuständige Jugendstrafgericht muss nämlich <em>zusätzlich</em> feststellen, ob die Täterin oder der Täter zum Zeitpunkt der Tat das Unrecht einsehen und gemäß dieser Einsicht handeln konnte: „Ein Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 3 Jugendgerichtsgesetz, JGG).</p> <p>Jemand kann daher 14 Jahre oder älter aber <em>trotzdem</em> schuldunfähig sein. Dann ist das allerdings im Einzelfall festgestellt – und kann das Gericht familienrechtliche Erziehungsmaßnahmen anordnen. Insofern hat das Jugendstrafrecht jetzt schon einen Mechanismus eingebaut, um die fließenden Übergänge in der Entwicklung zu berücksichtigen. Allerdings geht das nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Für Unter-14-Jährige sieht das deutsche Strafrecht unter keinen Umständen eine Ausnahme vor.</p> <h2>Täter- oder Opferschutz?</h2> <p>Aus dieser Sicht gibt es weder wissenschaftlich noch im Vergleich zu anderen Ländern oder der Rechtsgeschichte Deutschlands einen prinzipiellen Einwand gegen eine niedrigere Altersgrenze. Die genannten Nachbarländer mit niedrigeren Schwellen – international gibt es noch sehr viel mehr Beispiele – sind nicht als Unrechtsstaaten bekannt. Und wenn man die Entwicklungswissenschaften hier einbeziehen will, dann spricht vor allem viel für eine Abwägung im Einzelfall.</p> <p>Welche Argumente bleiben dann noch dafür und dagegen, wenn man die heute in Deutschland geltende strafrechtliche Altersgrenze von 14 Jahren ändern will?</p> <p>Dass eine schuldunfähige Person vor einem Jugendgericht strafrechtlich verurteilt wird, ist, wie gesagt, vom Gesetz ausgeschlossen. Diese Frage muss das Gericht prüfen und im Urteil beantworten. Für eine bestmögliche Durchführung in der Praxis muss natürlich die nötige pädagogische und wissenschaftliche Ausbildung der zuständigen Richterinnen und Richter gewährleistet werden. Ein prinzipielles Problem ist das aber nicht.</p> <p>Demgegenüber wird in der Diskussion oft der Opferschutz übersehen. Bei meinem Hinweis darauf wurde ich zuletzt <a href="https://overton-magazin.de/top-story/wie-koennte-das-strafrecht-regieren-wenn-taeterinnen-oder-taeter-in-deutschland-juenger-als-14-jahre-sind/" rel="noopener">als „rechts“ diffamiert</a>. Wenn es heute rechts sein soll, sich für die Interessen von Opfern und deren Angehörigen einzusetzen, beweist das meiner Meinung nach vor allem die Sinnlosigkeit solcher Zuschreibungen.</p> <p>Aber wieso verweise ich auf den Opferschutz?</p> <p>Wenn es kein Strafverfahren gibt, werden die Umstände der Tat von staatlicher Seite nicht ausermittelt. Fragen zum Beispiel zur Dauer und Intensität des Leidens des Opfers werden dann vom Staat nicht beantwortet – und es gibt insbesondere keinen Schuldspruch, der die Betroffenen und die Gesellschaft für den Gesetzesbruch kompensiert. Dabei sollte man auch bedenken, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland zur Wahrheitsfindung verpflichtet sind, also sowohl be- als auch entlastende Umstände berücksichtigen müssen.</p> <h2>Umweg übers Zivilrecht: Fall Luise</h2> <p>Wie der Umweg übers Zivilrecht funktioniert, lässt sich am Fall der am 11. März 2023 in einem Waldstück bei Friesenhagen in der Nähe von Siegen ermordeten zwölfjährigen Luise nachvollziehen. Da die Täterinnen zum Zeitpunkt der Tat erst zwölf und 13 Jahre alt waren, fielen sie unter die starre Altersgrenze des heutigen deutschen Strafrechts. Den Angehörigen – Eltern und Schwester – blieb darum nur der eigene Klageweg.</p> <p>Der Hauptunterschied besteht darin, dass die fordernde Partei im Zivilrecht selbst für die Beweisführung verantwortlich ist. Auch das Kostenrisiko trägt sie selbst, im ungünstigsten Fall sogar für die Gegenseite. Im Strafrecht übernimmt der Staat diese Aufgabe. Das Zivilgericht wacht vor allem über die Einhaltung der „Spielregeln“ für beide Seiten.</p> <p>Am 29. Mai dieses Jahres, also über zwei Jahre nach der Tat, fällte das Landgericht Koblenz das Urteil. Der vorsitzende Richter sprach von einer „heimtückischen Mordtat aus niederen Beweggründen, welche die Kammer fassungslos macht“ und verurteilte die Täterinnen zu rund 145.000 Euro Schadensersatz. Gefordert hatte die klagende Partei 180.000 Euro.</p> <p>Das Ergebnis ist für deutsche Verhältnisse trotzdem eine außergewöhnlich hohe Summe. Darin enthalten sind 40.000 Euro für das Leid der getöteten Luise, die an die Eltern vererbt werden. Dazu kommen 85.000 Euro für das Leid der Eltern und der Schwester. Die restlichen rund 20.000 Euro sind eine Erstattung der Anwalts- und Bestattungskosten. Jedem dürfte klar sein, dass Geld so einen Verlust nicht aufwiegen kann. Aber zumindest ist den Angehörigen damit ein bisschen Recht widerfahren, was sie laut Auskunft ihres Anwalts auch als bedeutungsvoll erfuhren. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.</p> <p>Man sieht also, dass auch nach heutiger Rechtslage Kinder vor Gericht gestellt werden können. Wer sich in der Diskussion mit diesem (falschen) Argument als vermeintlich „links“ darstellt, bürdet tatsächlich den Opfern beziehungsweisen ihren Angehörigen die Verantwortung dafür auf, selbst zum Recht zu kommen. Das fängt beim Finden eines guten Rechtsbeistands an und geht bis zum Tragen eines schnell fünfstelligen Kostenrisikos weiter. Was an einer Schlechterstellung von Opfern schwerster Straftaten „links“ sein soll, erschließt sich mir nicht.</p> <h2>Im schlimmsten Fall</h2> <p>Für ein Mindestmaß an Zivilität sorgte in diesem Fall, dass die Täterinnen wenigstens ihre Tat gestanden haben – sowohl gegenüber der Polizei als auch vor Gericht. Das hätte aber auch anders ausgehen können, wenn zum Beispiel die Eltern der beiden Mädchen Anwälte eingeschaltet und die Kooperation nach Möglichkeit unterbunden hätten. Dann wäre es für die Klageseite schwerer gewesen, den zivilrechtlich nötigen Beweis zu erbringen.</p> <p>Dabei sollte man bedenken, dass Mord die vorsätzliche Tötung eines Menschen aus niederen Beweggründen ist. Die beiden Mädchen hatten sich laut Medienberichten dazu verabredet, die nichts ahnende Luise mit einer Plastiktüte zu ersticken. Als das nicht gelang, stachen sie Dutzende Male auf das unschuldige Opfer ein. Danach ließen sie ihre „Freundin“ einsam im Wald sterben. Abends meldeten Luises Eltern ihre Tochter für vermisst. Am Folgetag fand man die Leiche.</p> <p>Wenn das Urteil rechtskräftig wird, müssen die beiden Täterinnen das Geld zuzüglich Zinsen an die Angehörigen bezahlen. Neben dem schlechten Gewissen werden sie also auch für viele Jahre eine finanzielle Schuld mit sich tragen. Eine Privatinsolvenz hilft hier übrigens nicht und die Ansprüche werden auch erst 30 Jahre nach der Tat verjähren. Bei einer Flucht ins außereuropäische Ausland könnte die Vollstreckung aber schwierig werden.</p> <p>Es sind nicht zwingende, sondern rein rechtsdogmatische Gründe, warum der Staat in so einer Konstellation die schon schwer traumatisierten Opfer alleine lässt. Meiner Meinung nach sollte daher der Gesetzgeber aus <em>ethischen</em> Gründen – wenigstens für die schweren Straftaten gegen das Leben – die Tür für eine individuellere Abwägung der Strafmündigkeit öffnen, auch unter dem Alter von 14 Jahren.</p> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte allgemein und insbesondere von Kindern in Deutschland eher selten. Aber in tief einschneidenden Einzelfällen gibt es sie eben doch. Das Argument, Straftaten idealerweise vorzubeugen, hat natürlich auch seine Berechtigung. Wenn sie aber doch passieren, sollte das Recht die Opfer nicht alleine lassen.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Echtes Neuro-Strafrecht: Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/vom-streit-um-die-willensfreiheit-zum-buergerkrieg-gruesse-aus-dem-17-jahrhundert/">Vom Streit um die Willensfreiheit zum Bürgerkrieg? Grüße aus dem 17. Jahrhundert</a></li> </ul> <h2>Neuerscheinung</h2> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-768x1094.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-scaled.jpg 1797w" width="719"></img></a></figure> <p>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0e82ddd867ff4d0ab899debefafd8a05" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Urteil gegen 12- und 13-jährige Mörderinnen. Eine wissenschaftliche und ethische Sicht » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Was das deutsche Recht neben 145.000 Euro Schadensersatz für ein totes Kind besser machen könnte</strong></p> <span id="more-3618"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> ging es um den rechtlichen Rahmen und die Statistiken zu den Tötungsdelikten von Kindern. Zum Glück sind diese in Deutschland mit 25 pro Jahr (für 2025) äußerst selten. Dabei sind Verdachtsfälle mitgezählt, die sich später als Unfälle herausstellen. Die echten Tötungen erhalten mitunter sehr viel mediale Aufmerksamkeit, doch werden vom Strafrecht nicht weiter behandelt: Unter dem Alter von 14 Jahren gilt hier ausnahmslos die Schuldunfähigkeit (§ 19 StGB).</p> <p>Die immer intensiver diskutierte Absenkung dieser Altersgrenze wird von manchen kritisiert, weil Kinder nicht vor Gericht gestellt werden sollen. Das verkennt aber die heutige Rechtslage: Das Zivilrecht geht nämlich davon aus, dass Menschen schon ab dem Alter von sieben Jahren für ihr Verhalten verantwortlich gemacht werden können – <em>wenn</em> sie dabei einsichtsfähig waren, also die Falschheit ihres Verhaltens verstehen konnten (§ 828 Abs. 3 BGB).</p> <p>Anders als im Strafrecht sind aber im Zivilrecht die Geschädigten selbst für die Durchsetzung ihrer Ansprüche verantwortlich, nicht der Staat. Bei den hier thematisierten (versuchten) Tötungsdelikten sind das also die Opfer und ihre Angehörigen.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">ersten Teil</a> zeigte ein Vergleich, dass schon mehrere Nachbarländer Deutschlands – Frankreich, die Niederlande, die Schweiz – für die Strafmündigkeit niedrigere Altersgrenzen haben. Außerdem gibt es in der Rechtsgeschichte von Deutschland unterschiedliche Festlegungen. Dabei weisen die Entwicklungswissenschaften vom Menschen auf keine bestimmte Altersgrenze, sondern gehen sie heute von einer fließenden Phase der Adoleszenz im Alter von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahre aus. An dieser Stelle überlegen wir jetzt weiter, was in Deutschland besser gemacht werden könnte, insbesondere mit Blick auf den Opferschutz.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Fließende Übergänge</h2> <p>Der <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/">erste Teil</a> war zugegebenermaßen etwas komplex. Das hat aber mit der Komplexität der Materie zu tun, eben den vielen Facetten der Menschheitsentwicklung. Doch gerade aus Sicht der Entwicklungswissenschaften widerspricht die feste Untergrenze des Strafrechts der Sichtweise von der Adoleszenz als breiter Phase mit in sich fließenden Übergängen. Insofern ergibt es doppelten Unsinn, sich wissenschaftlich auf eine bestimmte Altersgrenze festzulegen, ob das nun zehn, zwölf, 14, 16 oder 18 Jahre sind.</p> <p>Die Wissenschaft schreibt weder der Gesellschaft noch dem Recht eine bestimmte Antwort vor. Im demokratischen Rechtsstaat ist die gesetzgebende Kraft das Volk (gr. <em>demos</em>) beziehungsweise seine gewählte Vertretung. Das schließt übrigens nicht aus, dass bestimmte vernünftige und bewährte Prinzipien sowohl für die Wissenschaft als auch für die Rechtspflege von Bedeutung sind. So könnte für die Praxis des Rechts eine feste Altersgrenze trotzdem wichtig sein, auch wenn es dafür keine eindeutige wissenschaftliche Grundlage gibt.</p> <p>Speziell im Jugendstrafrecht werden individuelle Unterschiede in der Entwicklung schon berücksichtigt: Denn damit, dass das allgemeine deutsche Strafrecht 14 Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit festlegt, ist das Thema noch nicht abgehakt. Das zuständige Jugendstrafgericht muss nämlich <em>zusätzlich</em> feststellen, ob die Täterin oder der Täter zum Zeitpunkt der Tat das Unrecht einsehen und gemäß dieser Einsicht handeln konnte: „Ein Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 3 Jugendgerichtsgesetz, JGG).</p> <p>Jemand kann daher 14 Jahre oder älter aber <em>trotzdem</em> schuldunfähig sein. Dann ist das allerdings im Einzelfall festgestellt – und kann das Gericht familienrechtliche Erziehungsmaßnahmen anordnen. Insofern hat das Jugendstrafrecht jetzt schon einen Mechanismus eingebaut, um die fließenden Übergänge in der Entwicklung zu berücksichtigen. Allerdings geht das nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Für Unter-14-Jährige sieht das deutsche Strafrecht unter keinen Umständen eine Ausnahme vor.</p> <h2>Täter- oder Opferschutz?</h2> <p>Aus dieser Sicht gibt es weder wissenschaftlich noch im Vergleich zu anderen Ländern oder der Rechtsgeschichte Deutschlands einen prinzipiellen Einwand gegen eine niedrigere Altersgrenze. Die genannten Nachbarländer mit niedrigeren Schwellen – international gibt es noch sehr viel mehr Beispiele – sind nicht als Unrechtsstaaten bekannt. Und wenn man die Entwicklungswissenschaften hier einbeziehen will, dann spricht vor allem viel für eine Abwägung im Einzelfall.</p> <p>Welche Argumente bleiben dann noch dafür und dagegen, wenn man die heute in Deutschland geltende strafrechtliche Altersgrenze von 14 Jahren ändern will?</p> <p>Dass eine schuldunfähige Person vor einem Jugendgericht strafrechtlich verurteilt wird, ist, wie gesagt, vom Gesetz ausgeschlossen. Diese Frage muss das Gericht prüfen und im Urteil beantworten. Für eine bestmögliche Durchführung in der Praxis muss natürlich die nötige pädagogische und wissenschaftliche Ausbildung der zuständigen Richterinnen und Richter gewährleistet werden. Ein prinzipielles Problem ist das aber nicht.</p> <p>Demgegenüber wird in der Diskussion oft der Opferschutz übersehen. Bei meinem Hinweis darauf wurde ich zuletzt <a href="https://overton-magazin.de/top-story/wie-koennte-das-strafrecht-regieren-wenn-taeterinnen-oder-taeter-in-deutschland-juenger-als-14-jahre-sind/" rel="noopener">als „rechts“ diffamiert</a>. Wenn es heute rechts sein soll, sich für die Interessen von Opfern und deren Angehörigen einzusetzen, beweist das meiner Meinung nach vor allem die Sinnlosigkeit solcher Zuschreibungen.</p> <p>Aber wieso verweise ich auf den Opferschutz?</p> <p>Wenn es kein Strafverfahren gibt, werden die Umstände der Tat von staatlicher Seite nicht ausermittelt. Fragen zum Beispiel zur Dauer und Intensität des Leidens des Opfers werden dann vom Staat nicht beantwortet – und es gibt insbesondere keinen Schuldspruch, der die Betroffenen und die Gesellschaft für den Gesetzesbruch kompensiert. Dabei sollte man auch bedenken, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in Deutschland zur Wahrheitsfindung verpflichtet sind, also sowohl be- als auch entlastende Umstände berücksichtigen müssen.</p> <h2>Umweg übers Zivilrecht: Fall Luise</h2> <p>Wie der Umweg übers Zivilrecht funktioniert, lässt sich am Fall der am 11. März 2023 in einem Waldstück bei Friesenhagen in der Nähe von Siegen ermordeten zwölfjährigen Luise nachvollziehen. Da die Täterinnen zum Zeitpunkt der Tat erst zwölf und 13 Jahre alt waren, fielen sie unter die starre Altersgrenze des heutigen deutschen Strafrechts. Den Angehörigen – Eltern und Schwester – blieb darum nur der eigene Klageweg.</p> <p>Der Hauptunterschied besteht darin, dass die fordernde Partei im Zivilrecht selbst für die Beweisführung verantwortlich ist. Auch das Kostenrisiko trägt sie selbst, im ungünstigsten Fall sogar für die Gegenseite. Im Strafrecht übernimmt der Staat diese Aufgabe. Das Zivilgericht wacht vor allem über die Einhaltung der „Spielregeln“ für beide Seiten.</p> <p>Am 29. Mai dieses Jahres, also über zwei Jahre nach der Tat, fällte das Landgericht Koblenz das Urteil. Der vorsitzende Richter sprach von einer „heimtückischen Mordtat aus niederen Beweggründen, welche die Kammer fassungslos macht“ und verurteilte die Täterinnen zu rund 145.000 Euro Schadensersatz. Gefordert hatte die klagende Partei 180.000 Euro.</p> <p>Das Ergebnis ist für deutsche Verhältnisse trotzdem eine außergewöhnlich hohe Summe. Darin enthalten sind 40.000 Euro für das Leid der getöteten Luise, die an die Eltern vererbt werden. Dazu kommen 85.000 Euro für das Leid der Eltern und der Schwester. Die restlichen rund 20.000 Euro sind eine Erstattung der Anwalts- und Bestattungskosten. Jedem dürfte klar sein, dass Geld so einen Verlust nicht aufwiegen kann. Aber zumindest ist den Angehörigen damit ein bisschen Recht widerfahren, was sie laut Auskunft ihres Anwalts auch als bedeutungsvoll erfuhren. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.</p> <p>Man sieht also, dass auch nach heutiger Rechtslage Kinder vor Gericht gestellt werden können. Wer sich in der Diskussion mit diesem (falschen) Argument als vermeintlich „links“ darstellt, bürdet tatsächlich den Opfern beziehungsweisen ihren Angehörigen die Verantwortung dafür auf, selbst zum Recht zu kommen. Das fängt beim Finden eines guten Rechtsbeistands an und geht bis zum Tragen eines schnell fünfstelligen Kostenrisikos weiter. Was an einer Schlechterstellung von Opfern schwerster Straftaten „links“ sein soll, erschließt sich mir nicht.</p> <h2>Im schlimmsten Fall</h2> <p>Für ein Mindestmaß an Zivilität sorgte in diesem Fall, dass die Täterinnen wenigstens ihre Tat gestanden haben – sowohl gegenüber der Polizei als auch vor Gericht. Das hätte aber auch anders ausgehen können, wenn zum Beispiel die Eltern der beiden Mädchen Anwälte eingeschaltet und die Kooperation nach Möglichkeit unterbunden hätten. Dann wäre es für die Klageseite schwerer gewesen, den zivilrechtlich nötigen Beweis zu erbringen.</p> <p>Dabei sollte man bedenken, dass Mord die vorsätzliche Tötung eines Menschen aus niederen Beweggründen ist. Die beiden Mädchen hatten sich laut Medienberichten dazu verabredet, die nichts ahnende Luise mit einer Plastiktüte zu ersticken. Als das nicht gelang, stachen sie Dutzende Male auf das unschuldige Opfer ein. Danach ließen sie ihre „Freundin“ einsam im Wald sterben. Abends meldeten Luises Eltern ihre Tochter für vermisst. Am Folgetag fand man die Leiche.</p> <p>Wenn das Urteil rechtskräftig wird, müssen die beiden Täterinnen das Geld zuzüglich Zinsen an die Angehörigen bezahlen. Neben dem schlechten Gewissen werden sie also auch für viele Jahre eine finanzielle Schuld mit sich tragen. Eine Privatinsolvenz hilft hier übrigens nicht und die Ansprüche werden auch erst 30 Jahre nach der Tat verjähren. Bei einer Flucht ins außereuropäische Ausland könnte die Vollstreckung aber schwierig werden.</p> <p>Es sind nicht zwingende, sondern rein rechtsdogmatische Gründe, warum der Staat in so einer Konstellation die schon schwer traumatisierten Opfer alleine lässt. Meiner Meinung nach sollte daher der Gesetzgeber aus <em>ethischen</em> Gründen – wenigstens für die schweren Straftaten gegen das Leben – die Tür für eine individuellere Abwägung der Strafmündigkeit öffnen, auch unter dem Alter von 14 Jahren.</p> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte allgemein und insbesondere von Kindern in Deutschland eher selten. Aber in tief einschneidenden Einzelfällen gibt es sie eben doch. Das Argument, Straftaten idealerweise vorzubeugen, hat natürlich auch seine Berechtigung. Wenn sie aber doch passieren, sollte das Recht die Opfer nicht alleine lassen.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Echtes Neuro-Strafrecht: Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/vom-streit-um-die-willensfreiheit-zum-buergerkrieg-gruesse-aus-dem-17-jahrhundert/">Vom Streit um die Willensfreiheit zum Bürgerkrieg? Grüße aus dem 17. Jahrhundert</a></li> </ul> <h2>Neuerscheinung</h2> <figure><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-719x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-719x1024.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-211x300.jpg 211w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-768x1094.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1078x1536.jpg 1078w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-1437x2048.jpg 1437w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-Zwischen-Norm-und-Neuron-scaled.jpg 1797w" width="719"></img></a></figure> <p>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/0e82ddd867ff4d0ab899debefafd8a05" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>6</slash:comments> </item> <item> <title>Orcas im Nordatlantik – wählerische Esser und hautnahes Erlebnis https://scilogs.spektrum.de/meertext/orcas-im-nordatlantik-waehlerische-esser-und-hautnahes-erlebnis/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/orcas-im-nordatlantik-waehlerische-esser-und-hautnahes-erlebnis/#comments Tue, 09 Jun 2026 07:38:50 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2019 <h1>Orcas im Nordatlantik - wählerische Esser und hautnahes Erlebnis » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Mein Nachtrag zum #WorldOceanDay 2026 ist dieser Orca-Beitrag – ein Update zu den Schwertwalen des östlichen Nordatlantiks mit meinen eigenen Erlebnissen auf den Shetland-Inseln im vergangenen Jahr.</p> <p>Die Orca-Forschung im europäischen Nordatlantik zeigt, dass sie ganz anders leben, als ihre nordpazifischen Verwandten: Auch die europäischen Schwertwale leben meist in stabilen Familien. Aber ihre Bestände und Aufenthaltsorte um Grönland, Island, die Britischen Inseln und Schottland sowie vor Norwegen und in der Barentssee sind weniger fest: Sie schwimmen je nach Beute in größeren oder kleineren Gruppen und je nach Jahreszeit zwischen den Küsten und Inseln umher.</p> <p>Wie die nordpazifischen <em>Orcinus orca</em>-Gruppen haben auch die nordatlantischen Gruppen <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Nahrungsvorlieben,</a> sie scheinen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/">allerdings etwas weniger </a>wählerisch zu sein: Vor Grönland fressen sie gern Makrelen und Robben, vor Island und vor Norwegen Robben und Heringe und vor den Färöer-Inseln Makrelen, Heringe sowie Robben. Dabei bilden die Schwertwale für die Fisch-Jagd größere Gruppen und sind laut, zur Meeressäuger-Jagd sind sie in kleinen Gruppen und lautlos unterwegs. Manchmal fressen sie auch andere Fische oder Meeressäuger, fette Robben oder Schweinswale werden meist geteilt.<br></br>Manche Individuen und ganze Gruppen scheinen den Heringen auf ihren Wanderungen zu folgen, ob küstennah oder auf dem offenen Meer. <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Damit unterscheiden sich die Nordatlantik- Kulturen erheblich von denen des Nordpazifiks</a>. Und die noch vor einigen Jahren übliche Einteilung der <a href="https://www.eldingresearch.com/post/orca-ecotypes-of-the-north" rel="noopener">Nordatlantik-Schwertwale in zwei Ökotypen</a> – einen Fisch und einen Meeressäuger <a href="https://whalescientists.com/north-atlantic-killer-whales/" rel="noopener">fressenden – ist überholt.</a></p> <p><a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Blubberanalysen von mehr als 200 Orcas und die Zuordnung der in den Fettsäuren enthaltenen Isotopen,</a> die eher auf Fisch- oder eher auf Fleischernährung hinwiesen, hatten erst 2023 diese Ernährungsgewohnheiten nachgewiesen. Dabei kam auch heraus, dass sogar die Individuen innerhalb einer Gruppe noch unterschiedliche Vorlieben haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="403" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png 700w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55-300x173.png 300w" width="700"></img></a><figcaption>https://www.eurekalert.org/multimedia/981858</figcaption></figure> <h2><strong>Heringskarussel </strong></h2> <p>Vor der norwegischen Küste halten sich oft große Heringsschwärme zur Fortpflanzung, zum Fressen und zum Überwintern auf, bis etwa 2000 waren sie im Tysfjord. Die Orcas haben für die Jagd auf die kleinen Schwarmfische das „Heringskarussell“ entwickelt: Dabei umringen sie in einer koordinierten Aktion einen Heringsschwarm und erschrecken mit ihren hell aufleuchtenden Bauchseiten die Fische, die sich ängstlich immer enger zusammendrängen – dann schlagen die Wale mit kraftvollen, knallenden Schwanzschlägen in den „Fisch-Ball“ und schnappen sich einzelne, halb betäubte Fische. Die Heringe bilden zum Fressen, Überwintern oder zur Paarung unterschiedlich große Ansammlungen in unterschiedlichen Meerestiefen, die Orcas passen ihre Jagd daran jeweils an – etwa, wenn sie im Winter bei besserer Sicht im Ozean nur wenige Echoklicks abgeben. <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00227-015-2626-8" rel="noopener">„Verhaltensplastizität“ nennt die Orca-Expertin Filipa Samarra diese Anpassung</a>. „Plastizität“ beim Verhalten bezeichnet schnelle Anpassungen an veränderte äußere Umstände.<p>Seit die Heringe im Zuge der Meereserwärmung nach Norden wandern, <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34938508/" rel="noopener">folgen ihnen die Schwertwale, seit etwa 2010 sind beide – </a>Jäger und Beute – auch vor der nordnorwegischen Vesteralen-Insel Andenes zu beobachten. Dort snacken sie bei Gelegenheit auch Schweinswale oder Robben, was aber kaum der Sättigung, sondern wohl eher dem Socializing, der Stärkung ihrer sozialen Familienbande, gilt: Sie reichen den kleinen Meeressäuger in der Gruppe herum und jeder bekommt ein Häppchen.</p><br></br>Beim Heringskarussell hingegen fressen sie sich an den fetten Fischen satt: Jeder Schwertwal erbeutet durchschnittlich 1,08 Fische pro Minute, beim Aufsammeln von Resten hinter Fischerbooten sind es dagegen nur 0,43. Die Jagd lohnt sich also! Zum Sattwerden <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/mms.12931" rel="noopener">braucht ein Orca zwischen 285–578 Heringe</a> täglich und muss dafür 37–65 % jedes Tages fressen. Ihren hohen Energiebedarf können sie also nur mit effektiven Jagdmethoden und Teamwork stillen.<aside></aside></p> <p>Ein Team um Ellen L. Hayward und Filipa I. P. Samarra hat gerade eine neue Publikation zur <a href="https://doi.org/10.1098/rsos.26006" rel="noopener">Bioakustik Schwertwale beim Heringsfressen in isländischen Gewässern veröffentlicht</a>: Bei der Heringsjagd gehen die Orcas hochgradig koordiniert vor. In dieser Studie nutzten die BiologInnen von den Walen aufgezeichnete Audio- und Videodaten (die Aufnahmegeräte werden mit Saugnäpfen am Wal befestigt, lösen sich dann und schwimmen auf), um kooperative Interaktionen und Fressraten zu bewerten. Aus den Videoaufnahmen ging hervor, dass die Wale nach einem Schwanzschlag das Treiben der Heringe einzustellen schienen und sich dicht beieinander von einzelnen betäubten Heringen ernährten. Die Orcas verzehrten Heringe, unabhängig davon, ob sie den Schwanzschlag selbst ausgeführt hatten oder nicht – einige jagen also für andere mit. Bei 26 % der durch Videoaufnahmen bestätigten Fressereignisse wurde ein „schlürfendes“ Geräusch aufgezeichnet, was den BiologInnen ermöglichte, einen Mittelwert von 25,3 bis 29,7 verzehrte Heringe pro Schwanzschlag zu schätzen. Da drei markierte Schwertwale die Rolle des „Schwanzschlägers“ überdurchschnittlich oft einnahmen, scheint es eine Rollenspezialisierung zu geben.  <p>Die Geräuschkulisse der Schwertwale beim Heringskarussell aus speziellen <a href="https://www.researchgate.net/publication/315750998_Humpback_whale_Megaptera_novaeangliae_and_killer_whale_Orcinus_orca_feeding_aggregations_for_foraging_on_herring_Clupea_harengus_in_Northern_Norway" rel="noopener">Rufen, Schwanzschlägen und den Echoklicks</a> der Schwertwale lockt manchmal Buckelwale an, die dort auf ihrer jährlichen Wanderung vorbeikommen. Dachten Forschende vor einigen Jahren noch, dass beide Walarten kooperieren würden, um mehr Fische fressen zu können, sieht es mittlerweile so aus, als ob die großen Bartenwale den kleineren Zahnwalen dann einen Teil der fetten Schwarmfische wegschnappen.</p><br></br>Dass Heringe ihre Aufenthaltsorte und Wanderwege ändern, ist seit Jahrhunderten bekannt, vermutlich liegt es an veränderten Meeresströmen und damit einer Verlagerung ihres Nahrungsangebots. Mit der immer schnelleren Meereserwärmung gerade im östlichen Nordatlantik werden diese Änderungen sicherlich noch stärker und schneller – eine Herausforderung auch für die Orcas.</p> <h2><strong>Die Orcas der Shetland-Inseln</strong></h2> <p>2025 war ich mit zwei Freundinnen auf den Shetlands – auf Orca-Pirsch. Und wir haben sie gesehen! Diese Beobachtung ist mein Bonusmaterial für den Tag des Meeres.<p>Orcas lassen sich anhand ihrer Muster wie Augenfleck und Sattelfleck sowie dem Finnen-Umriss, Narben und anderen Merkmalen individuell identifizieren. 2021 veröffentlichten <a href="https://www.researchgate.net/profile/Andrew-Scullion-5?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Andrew Scullion</a> (Orca Survey Scotland), <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Hugh-Harrop-2200769194?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Hugh Harrop</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Karen-Munro-2200771989" rel="noopener">Karen Munro</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Steve-Truluck-2200777367" rel="noopener">Steve Truluck</a> sowie <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Andrew-Foote-2200766320" rel="noopener">Andrew Foote</a> den <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021</a>.</p><br></br>2008 und 2009 bestanden die 64s &amp; 65s genannten Familiengruppen (die bekannten Familien und Individuen sind durchnummeriert) aus dem erwachsenen Männchen 032, den erwachsenen Weibchen 064, 065 und 066 sowie dem Jungtier 067. 066 war vermutlich die Matriarchin, also die Mutter der jüngeren erwachsenen Kühe 064 und 065. Nach der Geburt einiger Kälber waren es schließlich neun Orcas. Sie gehörten zu den häufigsten beobachteten Pods vor den Shetlands.<br></br>2017 verschwanden 066 und 067, 2018 zerfiel die restliche Gruppe in zwei Pods: die 64s und 65s Gruppen. Die 64s haben nun vermutlich 064 als neue Matriarchin und die 65s 065, sie hat den Beinamen Razor. Die Aufsplittung einer Gruppe hängt oft mit dem Tod der Matriarchin zusammen, wie von den Bigg´s Orcas des Nordpazifiks bekannt ist. 2020 wurde vor Brough of Deerness, Orkney eine Zusammenkunft von Mitgliedern beider Gruppen beobachtet, die auf sehr enge Familienbande hinweist – wie unter Schwestern.<p>Beide Pods gehören gemeinsam mit den 27s zur Northern Isles Community und werden <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">als semi-resident in Schottischen Gewässern eingeordnet</a>. Zumindest bis 2021 war keine Sichtung der 64s und 65s aus Islands Gewässern bekannt, auch nicht aus norwegischen Gewässern, dafür allerdings eine mögliche Sichtung vor den Färöer-Inseln. Auch wenn die Schwertwale des östlichen Nord-Atlantiks offenbar hoch mobil zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern unterwegs sind, haben die einzelnen Pods bevorzugte Areale.</p></p> <p>Andere Pods und Individuen sind sowohl vor Island als auch vor Schottland gesichtet worden. Im Gegensatz zu den Familienverbänden im Nordpazifik sind die Gruppen im Nordatlantik offenbar weniger stabil: Einzelne Individuen wandern zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern umher.<br></br>Die Nordatlantik-Orcas fressen meist sowohl Fische (Heringe und Makrelen) als auch Meeressäuger (Robben, Schweinswale und andere), sie sind also auch bei der Ernährung weniger festgelegt als die des Nordpazifiks.</p> <p>Für die <a href="http://www.scilogs.de//Users/Admin/Downloads/ScullionAJetal.2021ScottishKillerWhalePhotoIdentificationCatalogue2021.pdf">Orcas in schottischen Gewässern gibt es mittlerweile mehr</a> Daten: Bei den Sichtungen gibt es einen sommerlichen Höhepunkt bei den Sichtungen, der mit der Fortpflanzungszeit der Seehunde zusammenfällt – Jungtiere sind unerfahren und darum leichte Beute. Um satt zu werden, müssten die Schwertwale pro Saison bis zu achthundert Seehunde fressen.<br></br>Einige Gruppen wandern jährlich zwischen Island und Schottland – offenbar gehen sie nach der Heringssaison vor Island zur Robbensaison an schottischen Küsten über. Dabei sind sie bei der Heringsjagd recht laut, während sie auf der Robbenpirsch ganz leise bleiben – die Meeressäuger hören die Orcarufe und würden schleunigst aus dem Wasser verschwinden.</p> <h2><strong>Orca-Hatz auf Robben</strong></h2> <p>Die schwarz-weißen größten Delphinartigen standen im Fokus unserer Shetland-Reise: Wir jagten ihnen mit Bus, Auto, per Anhalter und zu Fuß hinterher. Einmal verpassten wir sie um 10 Minuten, einige andere Male war es auch knapp. Aber dann war es soweit: Wir bekamen beim Frühstück in Brae die Meldung: Orcas südlich von Lerwick (der Hauptstadt):<br></br>Pod 65 war auf Robbenhatz! Dabei tauchen sie überraschend auf und wandern dann Bucht für Bucht weiter nach Süden. Aus den Meldungen extrapolierten wir die Route der Wale – richtig gerechnet!<br></br>Die Gruppe ist auch für Laien und aus der Entfernung schnell erkennbar: die hoch aufragende Finne des erwachsenen Bullen Busta – 032- ist auffallend geformt. Außerdem gehören noch 198 – möglicherweise eine Tochter von 065, 168 sowie 199 dazu sowie ein Jungtier.</p> <p>Außer uns folgten auch andere Menschen den Orcas, die Kavalkade fuhr mit den Walen nach Süden. Bei Fladdabister haben wir sie dann „erwischt“. Wir blieben wegen des besseren Überblicks an der hoch gelegenen Küstenstraße stehen und verfolgten mit anderen Orca-Schaulustigen das Geschehen in der Bucht von oben. Bereit, beim Weiterziehen der Wale wieder ins Auto zu springen. Andere standen auf den Felsen ganz nah am Wasser – nur wenige Meter entfernt von den Zahnwalen. Beneidenswert auch die Menschen, die per Boot den Walen folgten. <br></br>Dann schwammen die Schwertwale von Norden kommend in die Bucht hinein: Sie hatten sich angeschlichen, um die Robben zu überraschen. Ich habe zunächst nur die großen weißen Flecken unter Wasser gesehen. Dann durchschnitten beim ersten Angriff die Rückenflossen die Wasseroberfläche. Ein noch kleines Jungtier hielt sich eng an der Mutter und wurde offenbar im Jagen unterrichtet, immer wieder durfte es vorschwimmen. Dabei kam es noch sehr weit aus dem Wasser – offenbar muss es das Anschleichen unter Wasser erst noch lernen, die erwachsenen Orcas waren weitaus weniger sichtbar.<p>Und dann sahen wir zu, wie der Bulle Busta sich ganz nah an den Klippen auf die Seite legte, seine große paddelförmige Brustflosse hoch aus dem Wasser ragte und er sich dort eine Robbe schnappte. Dabei wurde ein großer Teil des massiven Körpers scheinbar schwerelos aus dem Wasser gehoben.</p><br></br>Ich muss zugeben, dass ich den Atem anhielt.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://cdn.bsky.app/img/feed_fullsize/plain/did:plc:grmzpvnd2ylxcvxkyy5ez6iq/bafkreihw6jlnxosrtuomxcqjqpshvzhasy6w6lqn6r3yd5quryikvqjbci"></img><figcaption>Blick auf Busta bei der Robbenjagd vom erhöhten Ausguck an der Küstenstraße ((C) Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Die Shetland-Orcas sind längst ein touristisch bedeutender Faktor. Darum haben die Wissenschaftler im Photo-ID-Katalog den Code of Conduct für die Begegnung mit ihnen auf dem Wasser aufgenommen, mit der Ermahnung, nicht zu nahe an die Tiere heranzufahren und die Geschwindigkeit zu reduzieren (<em>Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021)</em>.<br></br>Der versierte Ornithologe und Kenner der Shetlands-Naturkunde <a href="https://www.shetlandwildlife.co.uk/team.htm" rel="noopener">Hugh Harrop hatte 1992 Shetland Wildlife</a> gegründet. Er ist immer auf dem Laufenden und schreibt für verschiedene Fachzeitschriften. Die geführten Exkursionen von Shetland Wildlife sind meist Monate im Voraus ausgebucht. Wir haben ihn einmal getroffen, als wir die Orcas haarscharf verpaßten. Er und andere teilen ihr Wissen u a auf <a href="https://www.facebook.com/groups/shetlandorcasightings/" rel="noopener">der Facebook-Seite Shetland Orca  Cetacean Sightings</a>.</p> <p>Während unseres Aufenthalts wurde im <a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound" rel="noopener">Yell Sound ein toter Schwertwal angespült.</a> Das Männchen war einige Tage zuvor schon bei Sullom Voe gesichtet worden und von örtlichen Walbeobachtern als „161“ aus einer als „Scottish/Icelandic 12s“ bekannten Gruppe identifiziert. Die Todesursache ist derzeit unbekannt, aber der Wal wurde nicht verheddert aufgefunden, ist also kein Beifang. Probenahmen und eine mögliche Autopsie wurden mit dem Scottish Marine Animal Strandings Scheme (Smass) vereinbart. Die lokale Walbeobachterin Vivian Clark fotografierte den Bullen 161 diesen Dienstag am südöstlichen Ende des Yell Sound, wie er mit Seetang spielte und dabei „unterernährt und dünn“ wirkte. Als wir die Hillswick Seehundsstation besuchten, erhielten wir dort aus gut informierten Kreisen die Info, dass sein Magen leer war. <br></br>In diesem Fall blieb die Todesursache ungeklärt.</p> <p>Aber im Nordatlantik lauern viele Gefahren: Dass der östliche Nordatlantik besonders schwer mit Toxinen belastet ist, führt schon dazu, dass manche Orca-Gruppen gar keinen Nachwuchs mehr bekommen. So war der 2016 auf den Hebriden gestrandete Orca Lulu das am stärksten mit PCBs belastete Lebewesen, was die Veterinäre je analysiert hatten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Lulu niemals ein Kalb zur Welt gebracht hatte und in ihrer Gruppe seit Mitte der 80-er Jahren, seit sie erforscht werden, überhaupt kein Nachwuchs beobachtet wurde, Biologen und Veterinärmediziner schreiben dies der hohen Schadstoffbelastung zu. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/07/farewell-lulu-orca-auf-den-hebriden-tot-gestrandet/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gestorben ist Lulu allerdings nicht an einer Vergiftung, sondern durch das Verheddern in Fischereileinen </a>(“entanglement”) – eine der häufigsten Todesursachen der schwarz-weißen Topprädatoren der Meere.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Orcas im Nordatlantik - wählerische Esser und hautnahes Erlebnis » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Mein Nachtrag zum #WorldOceanDay 2026 ist dieser Orca-Beitrag – ein Update zu den Schwertwalen des östlichen Nordatlantiks mit meinen eigenen Erlebnissen auf den Shetland-Inseln im vergangenen Jahr.</p> <p>Die Orca-Forschung im europäischen Nordatlantik zeigt, dass sie ganz anders leben, als ihre nordpazifischen Verwandten: Auch die europäischen Schwertwale leben meist in stabilen Familien. Aber ihre Bestände und Aufenthaltsorte um Grönland, Island, die Britischen Inseln und Schottland sowie vor Norwegen und in der Barentssee sind weniger fest: Sie schwimmen je nach Beute in größeren oder kleineren Gruppen und je nach Jahreszeit zwischen den Küsten und Inseln umher.</p> <p>Wie die nordpazifischen <em>Orcinus orca</em>-Gruppen haben auch die nordatlantischen Gruppen <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Nahrungsvorlieben,</a> sie scheinen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/sind-orcas-waehlerisch-beim-essen/">allerdings etwas weniger </a>wählerisch zu sein: Vor Grönland fressen sie gern Makrelen und Robben, vor Island und vor Norwegen Robben und Heringe und vor den Färöer-Inseln Makrelen, Heringe sowie Robben. Dabei bilden die Schwertwale für die Fisch-Jagd größere Gruppen und sind laut, zur Meeressäuger-Jagd sind sie in kleinen Gruppen und lautlos unterwegs. Manchmal fressen sie auch andere Fische oder Meeressäuger, fette Robben oder Schweinswale werden meist geteilt.<br></br>Manche Individuen und ganze Gruppen scheinen den Heringen auf ihren Wanderungen zu folgen, ob küstennah oder auf dem offenen Meer. <a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Damit unterscheiden sich die Nordatlantik- Kulturen erheblich von denen des Nordpazifiks</a>. Und die noch vor einigen Jahren übliche Einteilung der <a href="https://www.eldingresearch.com/post/orca-ecotypes-of-the-north" rel="noopener">Nordatlantik-Schwertwale in zwei Ökotypen</a> – einen Fisch und einen Meeressäuger <a href="https://whalescientists.com/north-atlantic-killer-whales/" rel="noopener">fressenden – ist überholt.</a></p> <p><a href="https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/1365-2656.13920" rel="noopener">Blubberanalysen von mehr als 200 Orcas und die Zuordnung der in den Fettsäuren enthaltenen Isotopen,</a> die eher auf Fisch- oder eher auf Fleischernährung hinwiesen, hatten erst 2023 diese Ernährungsgewohnheiten nachgewiesen. Dabei kam auch heraus, dass sogar die Individuen innerhalb einer Gruppe noch unterschiedliche Vorlieben haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="403" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55.png 700w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-55-300x173.png 300w" width="700"></img></a><figcaption>https://www.eurekalert.org/multimedia/981858</figcaption></figure> <h2><strong>Heringskarussel </strong></h2> <p>Vor der norwegischen Küste halten sich oft große Heringsschwärme zur Fortpflanzung, zum Fressen und zum Überwintern auf, bis etwa 2000 waren sie im Tysfjord. Die Orcas haben für die Jagd auf die kleinen Schwarmfische das „Heringskarussell“ entwickelt: Dabei umringen sie in einer koordinierten Aktion einen Heringsschwarm und erschrecken mit ihren hell aufleuchtenden Bauchseiten die Fische, die sich ängstlich immer enger zusammendrängen – dann schlagen die Wale mit kraftvollen, knallenden Schwanzschlägen in den „Fisch-Ball“ und schnappen sich einzelne, halb betäubte Fische. Die Heringe bilden zum Fressen, Überwintern oder zur Paarung unterschiedlich große Ansammlungen in unterschiedlichen Meerestiefen, die Orcas passen ihre Jagd daran jeweils an – etwa, wenn sie im Winter bei besserer Sicht im Ozean nur wenige Echoklicks abgeben. <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s00227-015-2626-8" rel="noopener">„Verhaltensplastizität“ nennt die Orca-Expertin Filipa Samarra diese Anpassung</a>. „Plastizität“ beim Verhalten bezeichnet schnelle Anpassungen an veränderte äußere Umstände.<p>Seit die Heringe im Zuge der Meereserwärmung nach Norden wandern, <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34938508/" rel="noopener">folgen ihnen die Schwertwale, seit etwa 2010 sind beide – </a>Jäger und Beute – auch vor der nordnorwegischen Vesteralen-Insel Andenes zu beobachten. Dort snacken sie bei Gelegenheit auch Schweinswale oder Robben, was aber kaum der Sättigung, sondern wohl eher dem Socializing, der Stärkung ihrer sozialen Familienbande, gilt: Sie reichen den kleinen Meeressäuger in der Gruppe herum und jeder bekommt ein Häppchen.</p><br></br>Beim Heringskarussell hingegen fressen sie sich an den fetten Fischen satt: Jeder Schwertwal erbeutet durchschnittlich 1,08 Fische pro Minute, beim Aufsammeln von Resten hinter Fischerbooten sind es dagegen nur 0,43. Die Jagd lohnt sich also! Zum Sattwerden <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/mms.12931" rel="noopener">braucht ein Orca zwischen 285–578 Heringe</a> täglich und muss dafür 37–65 % jedes Tages fressen. Ihren hohen Energiebedarf können sie also nur mit effektiven Jagdmethoden und Teamwork stillen.<aside></aside></p> <p>Ein Team um Ellen L. Hayward und Filipa I. P. Samarra hat gerade eine neue Publikation zur <a href="https://doi.org/10.1098/rsos.26006" rel="noopener">Bioakustik Schwertwale beim Heringsfressen in isländischen Gewässern veröffentlicht</a>: Bei der Heringsjagd gehen die Orcas hochgradig koordiniert vor. In dieser Studie nutzten die BiologInnen von den Walen aufgezeichnete Audio- und Videodaten (die Aufnahmegeräte werden mit Saugnäpfen am Wal befestigt, lösen sich dann und schwimmen auf), um kooperative Interaktionen und Fressraten zu bewerten. Aus den Videoaufnahmen ging hervor, dass die Wale nach einem Schwanzschlag das Treiben der Heringe einzustellen schienen und sich dicht beieinander von einzelnen betäubten Heringen ernährten. Die Orcas verzehrten Heringe, unabhängig davon, ob sie den Schwanzschlag selbst ausgeführt hatten oder nicht – einige jagen also für andere mit. Bei 26 % der durch Videoaufnahmen bestätigten Fressereignisse wurde ein „schlürfendes“ Geräusch aufgezeichnet, was den BiologInnen ermöglichte, einen Mittelwert von 25,3 bis 29,7 verzehrte Heringe pro Schwanzschlag zu schätzen. Da drei markierte Schwertwale die Rolle des „Schwanzschlägers“ überdurchschnittlich oft einnahmen, scheint es eine Rollenspezialisierung zu geben.  <p>Die Geräuschkulisse der Schwertwale beim Heringskarussell aus speziellen <a href="https://www.researchgate.net/publication/315750998_Humpback_whale_Megaptera_novaeangliae_and_killer_whale_Orcinus_orca_feeding_aggregations_for_foraging_on_herring_Clupea_harengus_in_Northern_Norway" rel="noopener">Rufen, Schwanzschlägen und den Echoklicks</a> der Schwertwale lockt manchmal Buckelwale an, die dort auf ihrer jährlichen Wanderung vorbeikommen. Dachten Forschende vor einigen Jahren noch, dass beide Walarten kooperieren würden, um mehr Fische fressen zu können, sieht es mittlerweile so aus, als ob die großen Bartenwale den kleineren Zahnwalen dann einen Teil der fetten Schwarmfische wegschnappen.</p><br></br>Dass Heringe ihre Aufenthaltsorte und Wanderwege ändern, ist seit Jahrhunderten bekannt, vermutlich liegt es an veränderten Meeresströmen und damit einer Verlagerung ihres Nahrungsangebots. Mit der immer schnelleren Meereserwärmung gerade im östlichen Nordatlantik werden diese Änderungen sicherlich noch stärker und schneller – eine Herausforderung auch für die Orcas.</p> <h2><strong>Die Orcas der Shetland-Inseln</strong></h2> <p>2025 war ich mit zwei Freundinnen auf den Shetlands – auf Orca-Pirsch. Und wir haben sie gesehen! Diese Beobachtung ist mein Bonusmaterial für den Tag des Meeres.<p>Orcas lassen sich anhand ihrer Muster wie Augenfleck und Sattelfleck sowie dem Finnen-Umriss, Narben und anderen Merkmalen individuell identifizieren. 2021 veröffentlichten <a href="https://www.researchgate.net/profile/Andrew-Scullion-5?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Andrew Scullion</a> (Orca Survey Scotland), <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Hugh-Harrop-2200769194?_tp=eyJjb250ZXh0Ijp7ImZpcnN0UGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIiwicGFnZSI6InB1YmxpY2F0aW9uIn19" rel="noopener">Hugh Harrop</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Karen-Munro-2200771989" rel="noopener">Karen Munro</a>, <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Steve-Truluck-2200777367" rel="noopener">Steve Truluck</a> sowie <a href="https://www.researchgate.net/scientific-contributions/Andrew-Foote-2200766320" rel="noopener">Andrew Foote</a> den <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021</a>.</p><br></br>2008 und 2009 bestanden die 64s &amp; 65s genannten Familiengruppen (die bekannten Familien und Individuen sind durchnummeriert) aus dem erwachsenen Männchen 032, den erwachsenen Weibchen 064, 065 und 066 sowie dem Jungtier 067. 066 war vermutlich die Matriarchin, also die Mutter der jüngeren erwachsenen Kühe 064 und 065. Nach der Geburt einiger Kälber waren es schließlich neun Orcas. Sie gehörten zu den häufigsten beobachteten Pods vor den Shetlands.<br></br>2017 verschwanden 066 und 067, 2018 zerfiel die restliche Gruppe in zwei Pods: die 64s und 65s Gruppen. Die 64s haben nun vermutlich 064 als neue Matriarchin und die 65s 065, sie hat den Beinamen Razor. Die Aufsplittung einer Gruppe hängt oft mit dem Tod der Matriarchin zusammen, wie von den Bigg´s Orcas des Nordpazifiks bekannt ist. 2020 wurde vor Brough of Deerness, Orkney eine Zusammenkunft von Mitgliedern beider Gruppen beobachtet, die auf sehr enge Familienbande hinweist – wie unter Schwestern.<p>Beide Pods gehören gemeinsam mit den 27s zur Northern Isles Community und werden <a href="https://www.researchgate.net/publication/354418921_Scottish_Killer_Whale_Photo_Identification_Catalogue_2021" rel="noopener">als semi-resident in Schottischen Gewässern eingeordnet</a>. Zumindest bis 2021 war keine Sichtung der 64s und 65s aus Islands Gewässern bekannt, auch nicht aus norwegischen Gewässern, dafür allerdings eine mögliche Sichtung vor den Färöer-Inseln. Auch wenn die Schwertwale des östlichen Nord-Atlantiks offenbar hoch mobil zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern unterwegs sind, haben die einzelnen Pods bevorzugte Areale.</p></p> <p>Andere Pods und Individuen sind sowohl vor Island als auch vor Schottland gesichtet worden. Im Gegensatz zu den Familienverbänden im Nordpazifik sind die Gruppen im Nordatlantik offenbar weniger stabil: Einzelne Individuen wandern zwischen Island, Norwegen, Schottland und den Färöern umher.<br></br>Die Nordatlantik-Orcas fressen meist sowohl Fische (Heringe und Makrelen) als auch Meeressäuger (Robben, Schweinswale und andere), sie sind also auch bei der Ernährung weniger festgelegt als die des Nordpazifiks.</p> <p>Für die <a href="http://www.scilogs.de//Users/Admin/Downloads/ScullionAJetal.2021ScottishKillerWhalePhotoIdentificationCatalogue2021.pdf">Orcas in schottischen Gewässern gibt es mittlerweile mehr</a> Daten: Bei den Sichtungen gibt es einen sommerlichen Höhepunkt bei den Sichtungen, der mit der Fortpflanzungszeit der Seehunde zusammenfällt – Jungtiere sind unerfahren und darum leichte Beute. Um satt zu werden, müssten die Schwertwale pro Saison bis zu achthundert Seehunde fressen.<br></br>Einige Gruppen wandern jährlich zwischen Island und Schottland – offenbar gehen sie nach der Heringssaison vor Island zur Robbensaison an schottischen Küsten über. Dabei sind sie bei der Heringsjagd recht laut, während sie auf der Robbenpirsch ganz leise bleiben – die Meeressäuger hören die Orcarufe und würden schleunigst aus dem Wasser verschwinden.</p> <h2><strong>Orca-Hatz auf Robben</strong></h2> <p>Die schwarz-weißen größten Delphinartigen standen im Fokus unserer Shetland-Reise: Wir jagten ihnen mit Bus, Auto, per Anhalter und zu Fuß hinterher. Einmal verpassten wir sie um 10 Minuten, einige andere Male war es auch knapp. Aber dann war es soweit: Wir bekamen beim Frühstück in Brae die Meldung: Orcas südlich von Lerwick (der Hauptstadt):<br></br>Pod 65 war auf Robbenhatz! Dabei tauchen sie überraschend auf und wandern dann Bucht für Bucht weiter nach Süden. Aus den Meldungen extrapolierten wir die Route der Wale – richtig gerechnet!<br></br>Die Gruppe ist auch für Laien und aus der Entfernung schnell erkennbar: die hoch aufragende Finne des erwachsenen Bullen Busta – 032- ist auffallend geformt. Außerdem gehören noch 198 – möglicherweise eine Tochter von 065, 168 sowie 199 dazu sowie ein Jungtier.</p> <p>Außer uns folgten auch andere Menschen den Orcas, die Kavalkade fuhr mit den Walen nach Süden. Bei Fladdabister haben wir sie dann „erwischt“. Wir blieben wegen des besseren Überblicks an der hoch gelegenen Küstenstraße stehen und verfolgten mit anderen Orca-Schaulustigen das Geschehen in der Bucht von oben. Bereit, beim Weiterziehen der Wale wieder ins Auto zu springen. Andere standen auf den Felsen ganz nah am Wasser – nur wenige Meter entfernt von den Zahnwalen. Beneidenswert auch die Menschen, die per Boot den Walen folgten. <br></br>Dann schwammen die Schwertwale von Norden kommend in die Bucht hinein: Sie hatten sich angeschlichen, um die Robben zu überraschen. Ich habe zunächst nur die großen weißen Flecken unter Wasser gesehen. Dann durchschnitten beim ersten Angriff die Rückenflossen die Wasseroberfläche. Ein noch kleines Jungtier hielt sich eng an der Mutter und wurde offenbar im Jagen unterrichtet, immer wieder durfte es vorschwimmen. Dabei kam es noch sehr weit aus dem Wasser – offenbar muss es das Anschleichen unter Wasser erst noch lernen, die erwachsenen Orcas waren weitaus weniger sichtbar.<p>Und dann sahen wir zu, wie der Bulle Busta sich ganz nah an den Klippen auf die Seite legte, seine große paddelförmige Brustflosse hoch aus dem Wasser ragte und er sich dort eine Robbe schnappte. Dabei wurde ein großer Teil des massiven Körpers scheinbar schwerelos aus dem Wasser gehoben.</p><br></br>Ich muss zugeben, dass ich den Atem anhielt.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://cdn.bsky.app/img/feed_fullsize/plain/did:plc:grmzpvnd2ylxcvxkyy5ez6iq/bafkreihw6jlnxosrtuomxcqjqpshvzhasy6w6lqn6r3yd5quryikvqjbci"></img><figcaption>Blick auf Busta bei der Robbenjagd vom erhöhten Ausguck an der Küstenstraße ((C) Bettina Wurche)</figcaption></figure> <p>Die Shetland-Orcas sind längst ein touristisch bedeutender Faktor. Darum haben die Wissenschaftler im Photo-ID-Katalog den Code of Conduct für die Begegnung mit ihnen auf dem Wasser aufgenommen, mit der Ermahnung, nicht zu nahe an die Tiere heranzufahren und die Geschwindigkeit zu reduzieren (<em>Scottish Killer Whale Photo Identification Catalogue 2021)</em>.<br></br>Der versierte Ornithologe und Kenner der Shetlands-Naturkunde <a href="https://www.shetlandwildlife.co.uk/team.htm" rel="noopener">Hugh Harrop hatte 1992 Shetland Wildlife</a> gegründet. Er ist immer auf dem Laufenden und schreibt für verschiedene Fachzeitschriften. Die geführten Exkursionen von Shetland Wildlife sind meist Monate im Voraus ausgebucht. Wir haben ihn einmal getroffen, als wir die Orcas haarscharf verpaßten. Er und andere teilen ihr Wissen u a auf <a href="https://www.facebook.com/groups/shetlandorcasightings/" rel="noopener">der Facebook-Seite Shetland Orca  Cetacean Sightings</a>.</p> <p>Während unseres Aufenthalts wurde im <a href="https://www.shetlandtimes.co.uk/2025/06/27/orca-washes-up-in-yell-sound" rel="noopener">Yell Sound ein toter Schwertwal angespült.</a> Das Männchen war einige Tage zuvor schon bei Sullom Voe gesichtet worden und von örtlichen Walbeobachtern als „161“ aus einer als „Scottish/Icelandic 12s“ bekannten Gruppe identifiziert. Die Todesursache ist derzeit unbekannt, aber der Wal wurde nicht verheddert aufgefunden, ist also kein Beifang. Probenahmen und eine mögliche Autopsie wurden mit dem Scottish Marine Animal Strandings Scheme (Smass) vereinbart. Die lokale Walbeobachterin Vivian Clark fotografierte den Bullen 161 diesen Dienstag am südöstlichen Ende des Yell Sound, wie er mit Seetang spielte und dabei „unterernährt und dünn“ wirkte. Als wir die Hillswick Seehundsstation besuchten, erhielten wir dort aus gut informierten Kreisen die Info, dass sein Magen leer war. <br></br>In diesem Fall blieb die Todesursache ungeklärt.</p> <p>Aber im Nordatlantik lauern viele Gefahren: Dass der östliche Nordatlantik besonders schwer mit Toxinen belastet ist, führt schon dazu, dass manche Orca-Gruppen gar keinen Nachwuchs mehr bekommen. So war der 2016 auf den Hebriden gestrandete Orca Lulu das am stärksten mit PCBs belastete Lebewesen, was die Veterinäre je analysiert hatten. Es ist sicherlich kein Zufall, dass Lulu niemals ein Kalb zur Welt gebracht hatte und in ihrer Gruppe seit Mitte der 80-er Jahren, seit sie erforscht werden, überhaupt kein Nachwuchs beobachtet wurde, Biologen und Veterinärmediziner schreiben dies der hohen Schadstoffbelastung zu. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2016/01/07/farewell-lulu-orca-auf-den-hebriden-tot-gestrandet/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Gestorben ist Lulu allerdings nicht an einer Vergiftung, sondern durch das Verheddern in Fischereileinen </a>(“entanglement”) – eine der häufigsten Todesursachen der schwarz-weißen Topprädatoren der Meere.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/orcas-im-nordatlantik-waehlerische-esser-und-hautnahes-erlebnis/#comments 15 KI-Revolution: Steuern wir auf den energetischen Kollaps zu oder wird KI-Effizienz den Verbrauch absinken lassen? https://scilogs.spektrum.de/datentyp/ki-revolution-steuern-wir-auf-den-energetischen-kollaps-zu-oder-wird-ki-effizienz-den-verbrauch-absinken-lassen/ https://scilogs.spektrum.de/datentyp/ki-revolution-steuern-wir-auf-den-energetischen-kollaps-zu-oder-wird-ki-effizienz-den-verbrauch-absinken-lassen/#comments Sun, 07 Jun 2026 18:42:29 +0000 Ulrich Greveler https://scilogs.spektrum.de/datentyp/?p=657 <h1>KI-Revolution: Steuern wir auf den energetischen Kollaps zu oder wird KI-Effizienz den Verbrauch absinken lassen? » Datentyp » SciLogs</h1><h2>By Von Ulrich Greveler</h2><div itemprop="text"> <p>Eine einzige ChatGPT-Anfrage verbraucht bis zu<a href="https://www.bdew.de/online-magazin-zweitausend50/groesse/ki-und-kryptowaehrungen-energiehunger/" rel="noopener"> zehn Mal so viel elektrische Energie</a> wie eine Google-Suche. Das Training eines aktuellen, großen Sprachmodells<a href="https://www.rechenzentren.org/news/stromverbrauch-wie-kuenstliche-intelligenz-bis-2030-die-stromnetze-herausfordert/" rel="noopener"> benötigt heute so viel Energie wie eine Großstadt</a>, in zwei Jahren schon wie eine Millionenstadt. Wenn digitale Assistenten bald unseren Alltag steuern, droht uns dann ein Energiekollaps? Oder bricht die technologische Effizienz den Trend, bevor die Netze überlasten?</p> <p>In der Berichterstattung dominieren Panikszenarien. Daten hingegen zeichnen ein differenzierteres Bild. Es lohnt sich, einen Blick auf die Zahlen zu werfen und zwischen Hype und Realität zu trennen.</p> <h2>1. Die Prognosen: Zwischen Wissenschaft und Kaffeesatz</h2> <p>Wie viel Strom brauchen KI-Rechenzentren wirklich? Die<a href="https://www.iea.org/" rel="noopener"> International Energy Agency</a> prognostiziert im Bericht „Energy and AI“, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von ca. 415 Terawattstunden im Jahr 2024 auf rund 945 Terawattstunden<a href="https://presenc.ai/research/ai-data-center-energy-consumption-2026" rel="noopener"> bis zum Jahr 2030 verdoppeln</a> wird. AI-Compute ist dabei der deutlichste Treiber: Der Anteil am Kuchen klettert von einem Fünftel auf fast die Hälfte.</p> <p>Wer der Debatte folgen will, sollte jedoch kritisch auf einige Zahlen schauen. Anerkannte Institutionen wie das<a href="https://www.lbl.gov/" rel="noopener"> Lawrence Berkeley National Lab</a> nutzen Bottom-up-Modelle, die historische Effizienzdaten und Auslastungen extrapolieren. Demgegenüber stehen Schätzungen von Beratungs- und Finanzinstituten wie BCG, McKinsey oder Goldman Sachs. Ihre Vorhersagen für den US-Markt klaffen weit auseinander: zwischen 206 und 970 TWh – fast so als ob die Berater nach ihrem Bauchgefühl gefragt worden wären.</p> <p>Warum diese Unsicherheit? Die Tech-Giganten machen aus ihrem tatsächlichen Verbrauch fast ein Staatsgeheimnis. Viele kommerzielle Prognosen basieren schlicht auf Schätzungen verkaufter GPUs, also der Grafikprozessoren, auf denen die großen Sprachmodelle ausgeführt werden, eine methodisch dünne Basis.<aside></aside></p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="626" sizes="(max-width: 1184px) 100vw, 1184px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030.png 1184w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030-300x159.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030-1024x541.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030-768x406.png 768w" width="1184"></img></a></figure> <p>Prognose für den Stromverbrauch der Rechenzentren in den USA für die Jahr 2028 und 2030 (<a href="https://incorrys.com/data-centers/us-data-center-power-demand-forecast/" rel="noopener">Quelle</a>).</p> <p>Brisant ist auch die Lage in der EU. Der „AI Continent Action Plan“ der EU sieht eine<a href="https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/ki-ambitionen-vs-energie-ausbau-in-europa-klafft-eine-strategische-luecke/" rel="noopener"> Verdopplung</a> der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vor. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft warnt in einem<a href="https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/ki-ambitionen-vs-energie-ausbau-in-europa-klafft-eine-strategische-luecke" rel="noopener"> Policy Brief</a> jedoch vor einer massiven strategischen Lücke: Der zusätzliche Strombedarf von bis zu 168 TWh lässt sich im EU-Netz nur decken, wenn alle anderen Sektoren ihren Verbrauch einfrieren. Aber wie soll das gelingen, während wir zeitgleich Heizungen und Mobilität elektrifizieren? Netzanschlüsse sind schon heute der Flaschenhals.</p> <h2>2. Das Effizienz-Dilemma: Warum klügere Systeme uns nicht retten</h2> <p>Optimisten verweisen gern auf den technologischen Fortschritt und die Geschichte gibt ihnen recht. Chips werden effizienter, Algorithmen durch Verfahren wie Quantisierung oder mathematisches Pruning (Abschneiden ungenutzter Datenpfade) schlanker. Ökonomische Zusammenhänge lassen sich dabei oft in verblüffend simplen Gleichungen ausdrücken. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="80" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png 719w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1-300x33.png 300w" width="719"></img></a></figure> <p>Hinter dem PUE-Wert (<em>Power Usage Effectiveness</em>) verbirgt sich das Verhältnis des Gesamtenergieverbrauchs eines Rechenzentrums zur reinen Leistungsaufnahme der IT-Infrastruktur. Ein Wert von 1 wäre das physikalische Ideal – kein Energieverlust durch Kühlung oder Transformation.</p> <p>Die Gleichung glänzt durch jene Einfachheit, die in der Praxis an der menschlichen Natur scheitert. Denn genau<a href="https://www.sigarch.org/the-jevons-paradox-why-efficiency-alone-wont-solve-our-data-center-carbon-challenge/" rel="noopener"> hier greift das <strong>Jevons-Paradoxon</strong></a>. Sobald die Verarbeitung eines KI-Tokens billiger und effizienter wird, sinken die Preise. Was passiert dann? Die Nachfrage steigt! Die Hardware-Effizienz verbessert sich zwar um rund 15 Prozent pro Jahr, doch der KI-Gesamtverbrauch wächst zeitgleich um 25 bis 50 Prozent. Effizienz senkt eben nicht nur den Verbrauch, sie befeuert die Nutzung.</p> <p>Verschärft wird diese Dynamik durch <a href="https://www.heise.de/news/KI-wird-klueger-aber-teurer-Warum-kleine-App-Anbieter-unter-hohen-Kosten-leiden-10627835.html" rel="noopener">Reasoning-Modelle</a> wie DeepSeek-R1 oder die o-Serie von OpenAI. Diese Systeme führen vor jeder Antwort zahlreiche interne „Denkketten“ (<em>Chain-of-Thought</em>) aus. Die Anzahl der Rechenoperationen pro Nutzeranfrage wird dadurch nicht kleiner, sondern vervielfacht sich.</p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png"><img alt="" decoding="async" height="439" sizes="(max-width: 964px) 100vw, 964px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png 964w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-300x137.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-768x350.png 768w" width="964"></img></a></figure> <pre><sup>Bild: Jevons-Paradoxon-Simulation mit Werten <em>Kostensenkung</em> von 0,5 und <em>Nachfrage-Elastizität</em> von 1,5</sup></pre> <h2>3. Geografische Fluidität: Strom fließt nicht weit, Rechenleistung schon</h2> <p>Ein entscheidender Faktor wird in der Debatte oft übersehen: Daten kennen keine Landesgrenzen. Token müssen nicht genau dort erzeugt werden, wo der Nutzer auf den Bildschirm starrt. Rechenzentren besitzen eine enorme geografische Flexibilität. Sie entstehen zunehmend dort, wo elektrische Energie im Überschuss vorhanden und billig ist – weit abseits der Ballungsräume.</p> <p>Große Tech-Konzerne<a href="https://www.energy.gov/oe/clean-energy-resources-meet-data-center-electricity-demand" rel="noopener"> investieren massiv in Regionen mit sogenannten <em>Stranded Assets</em></a>. Das sind in diesem Kontext ungenutzte Energieüberschüsse: Geothermie in Island, Windkraft im mittleren Westen der USA oder<a href="https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/tech-riesen-bauen-atomkraftwerke-so-viel-energie-braucht-ki,UUaWOSG" rel="noopener"> der direkte Anschluss an dedizierte Kernkraftwerke</a>. KI wird das lokale Stromnetz in Mitteleuropa deshalb nicht in die Knie zwingen – sie sucht sich schlicht den Weg des geringsten Investitionswiderstands auf dem Globus.</p> <h2>4. Der Enterprise-Backlash: Die ökonomische Notbremse</h2> <p>Gibt es Indikatoren dafür, dass sich das Wachstum verlangsamt? Ja, und zwar auch abseits von Branchen-Anekdoten gescheiterter KI-Projekte. Daten des <em>US Census Bureau</em> zeigen ein statistisch klares Signal: Die KI-Nutzungsrate in US-Großunternehmen ging im Spätsommer 2025 von 14 Prozent auf unter 12 Prozent zurück, eine <a href="https://www.ki-im-personalwesen.de/ki-adoption-in-grossunternehmen-geht-zurueck-trendwende-bei-enterprise-ai/" rel="noopener">Trendwende</a> zeichnet sich damit ab. Eine begleitende MIT-Analyse legte offen, dass schätzungsweise 95 Prozent aller KI-Pilotprojekte den geforderten Return on Investment (ROI) verfehlen und abgebrochen werden. Aber halt! Das sind Daten aus 2025, nun haben wir schon Mitte 2026. Hat sich die Trendwende gehalten? Jein! Während der Mittelstand und traditionelle Großkonzerne auf die Bremse treten, bauen die finanzkräftigen Hyperscaler (Microsoft, Google, Meta, Amazon) ihre Kapazitäten auf Rekordniveau aus. Sie wetten auf die langfristige Durchdringung und können es sich leisten, die Durststrecke der Anwender auszusitzen.</p> <p>Ein wesentlicher Grund dafür, weiter auf steigende Nachfragen zu setzen, ist das Token-Kosten-Problem bei komplexen Anwendungen. Während ein schlichter Chatbot kaum Ressourcen verbraucht, jagen autonome Agentensysteme für eine einzige komplexe Business-Aufgabe rasch 100.000 bis zu eine Million Token durch die Server.</p> <p>Unternehmen merken, dass die Systeme im laufenden Betrieb astronomische Kosten verursachen, während der Output wegen Halluzinationen oder schlecht aufbereiteter Firmendaten enttäuscht. Deloitte <a href="https://brutkasten.com/artikel/oesterreichs-unternehmen-haben-keine-grossen-ki-budgets" rel="noopener">schätzt</a>, dass die saubere Datenstrukturierung für funktionierende KI-Systeme das Fünf- bis Zwanzigfache des eigentlichen KI-Budgets verschlingt. Auf der Anwenderseite schrumpfen die Projektbudgets bereits – wir befinden uns im <em>Tal der Enttäuschung</em>, jedenfalls dann, wenn wir uns das Modell des <em>Hype Cycle</em> zu eigen machen, was wir nicht blindlings tun sollten, denn ein wissenschaftlich fundiertes Prognosemodell war es noch nie – es macht sich aber stets gut auf Berater-Powerpoint-Slides.</p> <h2>5. Politische Handlungsoptionen: Was die Politik tun könnte – und was lassen</h2> <p>Wie könnten Berlin und Brüssel auf diese Entwicklung reagieren? Bisherige politische Ansätze kranken vor allem an einem strukturellen Versäumnis: Energieinfrastruktur und Digitalisierung wurden völlig isoliert voneinander geplant, um nicht zu sagen: nur die Energieinfrastruktur wurde geplant, Digitalisierung fand irgendwie statt. Man träumte vom digitalen Innovationsstandort, vergaß aber schlicht das Fundament – die Netzkapazitäten.</p> <p><strong>Was jetzt sofort getan werden könnte:</strong></p> <ul> <li><strong>Transparenzpflicht einführen:</strong> Betreiber von KI-Modellen könnten gesetzlich verpflichtet werden, standardisierte Daten zu ihrem tatsächlichen Energieverbrauch offenzulegen. Nur so wandert die Forschung aus dem Nebel der Schätzungen hin zu validen Fakten.</li> <li><strong>Kopplung an Abwärmenutzung:</strong> Neue Rechenzentren, die aus welchen Gründen auch immer weiterhin in Ballungsräumen errichtet werden, könnten so genehmigt werden, dass sie ihre Server-Abwärme in kommunale Fernwärmenetze einspeisen.</li> <li><strong>Besteuerung von Energie:</strong> Derzeit so populär wie alte Kupferkabel mit Grünspan. Würde jedoch die Effizienzsteigerung bei KI-Algorithmen bzw. Hardware eher belohnen als eine Besteuerung pro Token.</li> <li><strong>Europäische Daten auf europäische Server:</strong> Was aus Gründen der digitalen Souveränität und des Datenschutzes Sinn ergibt, könnte energiepolitisch herausfordernd sein. Man sollte früh damit beginnen, Standorte für Data Center in Europa dort vorzusehen, wo lokale Energieüberschüsse erwartet werden.</li> </ul> <p><strong>Frische Impulse für die Infrastruktur:</strong><br></br>Anstatt Rechenzentren mühsam in überlastete städtische Netze zu pressen, könnte die Politik Anreize für „energieadaptive Ansätze“ schaffen. Warum nicht Data Center direkt an den Anlandepunkten von Offshore-Windkraft in Norddeutschland etablieren? Wenn Server exakt dann rechenintensive Trainingsprozesse hochfahren, wenn der Wind weht und der Strompreis negativ ist, wird die KI-Infrastruktur vom Systemrisiko zum nützlichen Puffer für die Energiewende.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wird KI unsere Netze lahmlegen? Nein, so schnell nicht. Der Energiebedarf wird absehbar steigen – keiner weiß wie stark genau -, aber der Markt kennt ohnehin Regulierungsmechanismen. Wenn astronomische Token-Kosten auf enttäuschte Chefetagen treffen, kühlt die überhitzte Nachfrage ganz von allein ab. Gepaart mit der Fähigkeit der Rechenzentren-Betreiber, dorthin abzuwandern, wo grüner oder subventionierter Strom ungenutzt zur Verfügung steht, kollabiert das System nicht – aber vielleicht wird KI dann etwas teurer werden. Die Politik wird beginnen, Digitalisierung, KI und Energie gemeinsam zu denken. Smarte Standortpolitik ist auch Klimaschutz: Laptop und Lederhose in Bayern, Data Center und Friesennerz an der Küste.</p> <hr></hr> <p><sup><span>Nachtrag (14.06.): </span></sup></p> <ul> <li><sup><span>Der Beitrag wurde bearbeitet, insbesondere die Balkengrafik mit den Forecasts für 2030 wurde ersetzt, sie enthielt zuvor eine unkorrekte Zahl von Goldman Sachs (500 TWh, korrekt ist: 790 TWh; die Zahl 500 TWh ist der ungefähre Mittelwert der Schätzungen), es fehlte die Zahl von McKinsey und die Unterteilung in Low/High-Forecasts von EPRI und LBNL. Für die Zahlen wurde die Quelle verlinkt, aus der sie entnommen wurden. Wenn Sie dem Link folgen, erhalten Sie auch CSV-Daten, mit denen Sie selbst spielen und extrapolieren können.</span><span></span></sup></li> <li><sup><span>Der Vergleich des LLM-Trainings mit dem Stromverbrauch einer Stadt (im Text stand vorher etwas ungenau: ”mittlere Großstadt”) wurde präzisiert: Das Training eines Sprachmodells benötigt heute so viel Energie wie eine kleine Großstadt, bald schon wie eine Millionenstadt. </span></sup></li> </ul> <p><sup><span>Herleitung dazu für Interessierte: 1 MW entspricht dem Stromverbrauch von etwa 800-1000 Haushalten; man kann in Großstädten mit 1,7 Personen pro Haushalt kalkulieren. Trainingsläufe großer Modelle benötigten 2025 eine Leistung von 100-150 Megawatt (Quelle: </span><a href="https://www.epri.com/research/products/000000003002033669" rel="noopener"><span>https://www.epri.com/research/products/000000003002033669</span></a><span>, Zitat: “Frontier AI training runs—the computationally intensive process of training large, advanced AI models—currently consume approximately 100–150 megawatts (MW) each and are projected to reach 1–2 gigawatts (GW) each by 2028, exceeding 4 GW per training run by 2030.”). Dies ergibt dann die Größenordnung einer kleinen Großstadt im letzten Jahr (mehr als 100.000 Einwohner) und bereits einer Millionenstadt in zwei Jahren. Wohlgemerkt: Das ist die Trainingsphase zur Erzeugung des Modells, nicht der ständige Stromverbrauch durch die Nutzung.</span></sup></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>KI-Revolution: Steuern wir auf den energetischen Kollaps zu oder wird KI-Effizienz den Verbrauch absinken lassen? » Datentyp » SciLogs</h1><h2>By Von Ulrich Greveler</h2><div itemprop="text"> <p>Eine einzige ChatGPT-Anfrage verbraucht bis zu<a href="https://www.bdew.de/online-magazin-zweitausend50/groesse/ki-und-kryptowaehrungen-energiehunger/" rel="noopener"> zehn Mal so viel elektrische Energie</a> wie eine Google-Suche. Das Training eines aktuellen, großen Sprachmodells<a href="https://www.rechenzentren.org/news/stromverbrauch-wie-kuenstliche-intelligenz-bis-2030-die-stromnetze-herausfordert/" rel="noopener"> benötigt heute so viel Energie wie eine Großstadt</a>, in zwei Jahren schon wie eine Millionenstadt. Wenn digitale Assistenten bald unseren Alltag steuern, droht uns dann ein Energiekollaps? Oder bricht die technologische Effizienz den Trend, bevor die Netze überlasten?</p> <p>In der Berichterstattung dominieren Panikszenarien. Daten hingegen zeichnen ein differenzierteres Bild. Es lohnt sich, einen Blick auf die Zahlen zu werfen und zwischen Hype und Realität zu trennen.</p> <h2>1. Die Prognosen: Zwischen Wissenschaft und Kaffeesatz</h2> <p>Wie viel Strom brauchen KI-Rechenzentren wirklich? Die<a href="https://www.iea.org/" rel="noopener"> International Energy Agency</a> prognostiziert im Bericht „Energy and AI“, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von ca. 415 Terawattstunden im Jahr 2024 auf rund 945 Terawattstunden<a href="https://presenc.ai/research/ai-data-center-energy-consumption-2026" rel="noopener"> bis zum Jahr 2030 verdoppeln</a> wird. AI-Compute ist dabei der deutlichste Treiber: Der Anteil am Kuchen klettert von einem Fünftel auf fast die Hälfte.</p> <p>Wer der Debatte folgen will, sollte jedoch kritisch auf einige Zahlen schauen. Anerkannte Institutionen wie das<a href="https://www.lbl.gov/" rel="noopener"> Lawrence Berkeley National Lab</a> nutzen Bottom-up-Modelle, die historische Effizienzdaten und Auslastungen extrapolieren. Demgegenüber stehen Schätzungen von Beratungs- und Finanzinstituten wie BCG, McKinsey oder Goldman Sachs. Ihre Vorhersagen für den US-Markt klaffen weit auseinander: zwischen 206 und 970 TWh – fast so als ob die Berater nach ihrem Bauchgefühl gefragt worden wären.</p> <p>Warum diese Unsicherheit? Die Tech-Giganten machen aus ihrem tatsächlichen Verbrauch fast ein Staatsgeheimnis. Viele kommerzielle Prognosen basieren schlicht auf Schätzungen verkaufter GPUs, also der Grafikprozessoren, auf denen die großen Sprachmodelle ausgeführt werden, eine methodisch dünne Basis.<aside></aside></p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="626" sizes="(max-width: 1184px) 100vw, 1184px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030.png 1184w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030-300x159.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030-1024x541.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/us_datacenter_forecast_2030-768x406.png 768w" width="1184"></img></a></figure> <p>Prognose für den Stromverbrauch der Rechenzentren in den USA für die Jahr 2028 und 2030 (<a href="https://incorrys.com/data-centers/us-data-center-power-demand-forecast/" rel="noopener">Quelle</a>).</p> <p>Brisant ist auch die Lage in der EU. Der „AI Continent Action Plan“ der EU sieht eine<a href="https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/ki-ambitionen-vs-energie-ausbau-in-europa-klafft-eine-strategische-luecke/" rel="noopener"> Verdopplung</a> der Rechenzentrumskapazitäten bis 2030 vor. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft warnt in einem<a href="https://www.kielinstitut.de/de/publikationen/aktuelles/ki-ambitionen-vs-energie-ausbau-in-europa-klafft-eine-strategische-luecke" rel="noopener"> Policy Brief</a> jedoch vor einer massiven strategischen Lücke: Der zusätzliche Strombedarf von bis zu 168 TWh lässt sich im EU-Netz nur decken, wenn alle anderen Sektoren ihren Verbrauch einfrieren. Aber wie soll das gelingen, während wir zeitgleich Heizungen und Mobilität elektrifizieren? Netzanschlüsse sind schon heute der Flaschenhals.</p> <h2>2. Das Effizienz-Dilemma: Warum klügere Systeme uns nicht retten</h2> <p>Optimisten verweisen gern auf den technologischen Fortschritt und die Geschichte gibt ihnen recht. Chips werden effizienter, Algorithmen durch Verfahren wie Quantisierung oder mathematisches Pruning (Abschneiden ungenutzter Datenpfade) schlanker. Ökonomische Zusammenhänge lassen sich dabei oft in verblüffend simplen Gleichungen ausdrücken. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="80" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1.png 719w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-1-300x33.png 300w" width="719"></img></a></figure> <p>Hinter dem PUE-Wert (<em>Power Usage Effectiveness</em>) verbirgt sich das Verhältnis des Gesamtenergieverbrauchs eines Rechenzentrums zur reinen Leistungsaufnahme der IT-Infrastruktur. Ein Wert von 1 wäre das physikalische Ideal – kein Energieverlust durch Kühlung oder Transformation.</p> <p>Die Gleichung glänzt durch jene Einfachheit, die in der Praxis an der menschlichen Natur scheitert. Denn genau<a href="https://www.sigarch.org/the-jevons-paradox-why-efficiency-alone-wont-solve-our-data-center-carbon-challenge/" rel="noopener"> hier greift das <strong>Jevons-Paradoxon</strong></a>. Sobald die Verarbeitung eines KI-Tokens billiger und effizienter wird, sinken die Preise. Was passiert dann? Die Nachfrage steigt! Die Hardware-Effizienz verbessert sich zwar um rund 15 Prozent pro Jahr, doch der KI-Gesamtverbrauch wächst zeitgleich um 25 bis 50 Prozent. Effizienz senkt eben nicht nur den Verbrauch, sie befeuert die Nutzung.</p> <p>Verschärft wird diese Dynamik durch <a href="https://www.heise.de/news/KI-wird-klueger-aber-teurer-Warum-kleine-App-Anbieter-unter-hohen-Kosten-leiden-10627835.html" rel="noopener">Reasoning-Modelle</a> wie DeepSeek-R1 oder die o-Serie von OpenAI. Diese Systeme führen vor jeder Antwort zahlreiche interne „Denkketten“ (<em>Chain-of-Thought</em>) aus. Die Anzahl der Rechenoperationen pro Nutzeranfrage wird dadurch nicht kleiner, sondern vervielfacht sich.</p> <hr></hr> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png"><img alt="" decoding="async" height="439" sizes="(max-width: 964px) 100vw, 964px" src="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2.png 964w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-300x137.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/datentyp/files/image-2-768x350.png 768w" width="964"></img></a></figure> <pre><sup>Bild: Jevons-Paradoxon-Simulation mit Werten <em>Kostensenkung</em> von 0,5 und <em>Nachfrage-Elastizität</em> von 1,5</sup></pre> <h2>3. Geografische Fluidität: Strom fließt nicht weit, Rechenleistung schon</h2> <p>Ein entscheidender Faktor wird in der Debatte oft übersehen: Daten kennen keine Landesgrenzen. Token müssen nicht genau dort erzeugt werden, wo der Nutzer auf den Bildschirm starrt. Rechenzentren besitzen eine enorme geografische Flexibilität. Sie entstehen zunehmend dort, wo elektrische Energie im Überschuss vorhanden und billig ist – weit abseits der Ballungsräume.</p> <p>Große Tech-Konzerne<a href="https://www.energy.gov/oe/clean-energy-resources-meet-data-center-electricity-demand" rel="noopener"> investieren massiv in Regionen mit sogenannten <em>Stranded Assets</em></a>. Das sind in diesem Kontext ungenutzte Energieüberschüsse: Geothermie in Island, Windkraft im mittleren Westen der USA oder<a href="https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/tech-riesen-bauen-atomkraftwerke-so-viel-energie-braucht-ki,UUaWOSG" rel="noopener"> der direkte Anschluss an dedizierte Kernkraftwerke</a>. KI wird das lokale Stromnetz in Mitteleuropa deshalb nicht in die Knie zwingen – sie sucht sich schlicht den Weg des geringsten Investitionswiderstands auf dem Globus.</p> <h2>4. Der Enterprise-Backlash: Die ökonomische Notbremse</h2> <p>Gibt es Indikatoren dafür, dass sich das Wachstum verlangsamt? Ja, und zwar auch abseits von Branchen-Anekdoten gescheiterter KI-Projekte. Daten des <em>US Census Bureau</em> zeigen ein statistisch klares Signal: Die KI-Nutzungsrate in US-Großunternehmen ging im Spätsommer 2025 von 14 Prozent auf unter 12 Prozent zurück, eine <a href="https://www.ki-im-personalwesen.de/ki-adoption-in-grossunternehmen-geht-zurueck-trendwende-bei-enterprise-ai/" rel="noopener">Trendwende</a> zeichnet sich damit ab. Eine begleitende MIT-Analyse legte offen, dass schätzungsweise 95 Prozent aller KI-Pilotprojekte den geforderten Return on Investment (ROI) verfehlen und abgebrochen werden. Aber halt! Das sind Daten aus 2025, nun haben wir schon Mitte 2026. Hat sich die Trendwende gehalten? Jein! Während der Mittelstand und traditionelle Großkonzerne auf die Bremse treten, bauen die finanzkräftigen Hyperscaler (Microsoft, Google, Meta, Amazon) ihre Kapazitäten auf Rekordniveau aus. Sie wetten auf die langfristige Durchdringung und können es sich leisten, die Durststrecke der Anwender auszusitzen.</p> <p>Ein wesentlicher Grund dafür, weiter auf steigende Nachfragen zu setzen, ist das Token-Kosten-Problem bei komplexen Anwendungen. Während ein schlichter Chatbot kaum Ressourcen verbraucht, jagen autonome Agentensysteme für eine einzige komplexe Business-Aufgabe rasch 100.000 bis zu eine Million Token durch die Server.</p> <p>Unternehmen merken, dass die Systeme im laufenden Betrieb astronomische Kosten verursachen, während der Output wegen Halluzinationen oder schlecht aufbereiteter Firmendaten enttäuscht. Deloitte <a href="https://brutkasten.com/artikel/oesterreichs-unternehmen-haben-keine-grossen-ki-budgets" rel="noopener">schätzt</a>, dass die saubere Datenstrukturierung für funktionierende KI-Systeme das Fünf- bis Zwanzigfache des eigentlichen KI-Budgets verschlingt. Auf der Anwenderseite schrumpfen die Projektbudgets bereits – wir befinden uns im <em>Tal der Enttäuschung</em>, jedenfalls dann, wenn wir uns das Modell des <em>Hype Cycle</em> zu eigen machen, was wir nicht blindlings tun sollten, denn ein wissenschaftlich fundiertes Prognosemodell war es noch nie – es macht sich aber stets gut auf Berater-Powerpoint-Slides.</p> <h2>5. Politische Handlungsoptionen: Was die Politik tun könnte – und was lassen</h2> <p>Wie könnten Berlin und Brüssel auf diese Entwicklung reagieren? Bisherige politische Ansätze kranken vor allem an einem strukturellen Versäumnis: Energieinfrastruktur und Digitalisierung wurden völlig isoliert voneinander geplant, um nicht zu sagen: nur die Energieinfrastruktur wurde geplant, Digitalisierung fand irgendwie statt. Man träumte vom digitalen Innovationsstandort, vergaß aber schlicht das Fundament – die Netzkapazitäten.</p> <p><strong>Was jetzt sofort getan werden könnte:</strong></p> <ul> <li><strong>Transparenzpflicht einführen:</strong> Betreiber von KI-Modellen könnten gesetzlich verpflichtet werden, standardisierte Daten zu ihrem tatsächlichen Energieverbrauch offenzulegen. Nur so wandert die Forschung aus dem Nebel der Schätzungen hin zu validen Fakten.</li> <li><strong>Kopplung an Abwärmenutzung:</strong> Neue Rechenzentren, die aus welchen Gründen auch immer weiterhin in Ballungsräumen errichtet werden, könnten so genehmigt werden, dass sie ihre Server-Abwärme in kommunale Fernwärmenetze einspeisen.</li> <li><strong>Besteuerung von Energie:</strong> Derzeit so populär wie alte Kupferkabel mit Grünspan. Würde jedoch die Effizienzsteigerung bei KI-Algorithmen bzw. Hardware eher belohnen als eine Besteuerung pro Token.</li> <li><strong>Europäische Daten auf europäische Server:</strong> Was aus Gründen der digitalen Souveränität und des Datenschutzes Sinn ergibt, könnte energiepolitisch herausfordernd sein. Man sollte früh damit beginnen, Standorte für Data Center in Europa dort vorzusehen, wo lokale Energieüberschüsse erwartet werden.</li> </ul> <p><strong>Frische Impulse für die Infrastruktur:</strong><br></br>Anstatt Rechenzentren mühsam in überlastete städtische Netze zu pressen, könnte die Politik Anreize für „energieadaptive Ansätze“ schaffen. Warum nicht Data Center direkt an den Anlandepunkten von Offshore-Windkraft in Norddeutschland etablieren? Wenn Server exakt dann rechenintensive Trainingsprozesse hochfahren, wenn der Wind weht und der Strompreis negativ ist, wird die KI-Infrastruktur vom Systemrisiko zum nützlichen Puffer für die Energiewende.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wird KI unsere Netze lahmlegen? Nein, so schnell nicht. Der Energiebedarf wird absehbar steigen – keiner weiß wie stark genau -, aber der Markt kennt ohnehin Regulierungsmechanismen. Wenn astronomische Token-Kosten auf enttäuschte Chefetagen treffen, kühlt die überhitzte Nachfrage ganz von allein ab. Gepaart mit der Fähigkeit der Rechenzentren-Betreiber, dorthin abzuwandern, wo grüner oder subventionierter Strom ungenutzt zur Verfügung steht, kollabiert das System nicht – aber vielleicht wird KI dann etwas teurer werden. Die Politik wird beginnen, Digitalisierung, KI und Energie gemeinsam zu denken. Smarte Standortpolitik ist auch Klimaschutz: Laptop und Lederhose in Bayern, Data Center und Friesennerz an der Küste.</p> <hr></hr> <p><sup><span>Nachtrag (14.06.): </span></sup></p> <ul> <li><sup><span>Der Beitrag wurde bearbeitet, insbesondere die Balkengrafik mit den Forecasts für 2030 wurde ersetzt, sie enthielt zuvor eine unkorrekte Zahl von Goldman Sachs (500 TWh, korrekt ist: 790 TWh; die Zahl 500 TWh ist der ungefähre Mittelwert der Schätzungen), es fehlte die Zahl von McKinsey und die Unterteilung in Low/High-Forecasts von EPRI und LBNL. Für die Zahlen wurde die Quelle verlinkt, aus der sie entnommen wurden. Wenn Sie dem Link folgen, erhalten Sie auch CSV-Daten, mit denen Sie selbst spielen und extrapolieren können.</span><span></span></sup></li> <li><sup><span>Der Vergleich des LLM-Trainings mit dem Stromverbrauch einer Stadt (im Text stand vorher etwas ungenau: ”mittlere Großstadt”) wurde präzisiert: Das Training eines Sprachmodells benötigt heute so viel Energie wie eine kleine Großstadt, bald schon wie eine Millionenstadt. </span></sup></li> </ul> <p><sup><span>Herleitung dazu für Interessierte: 1 MW entspricht dem Stromverbrauch von etwa 800-1000 Haushalten; man kann in Großstädten mit 1,7 Personen pro Haushalt kalkulieren. Trainingsläufe großer Modelle benötigten 2025 eine Leistung von 100-150 Megawatt (Quelle: </span><a href="https://www.epri.com/research/products/000000003002033669" rel="noopener"><span>https://www.epri.com/research/products/000000003002033669</span></a><span>, Zitat: “Frontier AI training runs—the computationally intensive process of training large, advanced AI models—currently consume approximately 100–150 megawatts (MW) each and are projected to reach 1–2 gigawatts (GW) each by 2028, exceeding 4 GW per training run by 2030.”). Dies ergibt dann die Größenordnung einer kleinen Großstadt im letzten Jahr (mehr als 100.000 Einwohner) und bereits einer Millionenstadt in zwei Jahren. Wohlgemerkt: Das ist die Trainingsphase zur Erzeugung des Modells, nicht der ständige Stromverbrauch durch die Nutzung.</span></sup></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/datentyp/ki-revolution-steuern-wir-auf-den-energetischen-kollaps-zu-oder-wird-ki-effizienz-den-verbrauch-absinken-lassen/#comments 8 AstroGeoPlänkel: Alien-Erde und Alpen-Aufzug https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/#respond Sun, 07 Jun 2026 12:22:11 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1901 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag139-geplaenkel-768x768.jpg Zweigeteiltes Bild mit rundem Motiv: Oben links bunte Flächen der Minerale in einem Gestein, unten rechts die Erde. Darüber steht: AstroGeo Plänkel https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag139-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Alien-Erde und Alpen-Aufzug » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag139-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p><strong>AstroGeo ist Teil der RiffReporter eG – einer Genossenschaft freier Journalistïnnen. Das Riff braucht dringend eure Hilfe, um überleben zu können. <a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Mach bitte mit beim Crowdfunding.</a> Franzi und Karl sagen Danke!</strong></p> <p>In dieser Folge geht es zunächst um den Begriff SETI, die Suche nach außerirdischem Leben (Search for Extraterrestrial Intelligence): Können wir die Menschheit wirklich als intelligent bezeichnen gegenüber Lebewesen der Erde, die nicht ihre Lebensgrundlage selbst zerstören? Wir sprechen darüber, dass der Begriff der Intelligenz nicht einfach und vielleicht im Kontext von SETI nicht mehr zeitgemäß ist.<aside></aside></p> <p>Mal wieder geht es um die Chemie: Was ist eine Oxidation, was eine Reduktion und welche Eselsbrücken tragen weit genug, das korrekt im Kopf zu behalten? Außerdem sprechen Franzi und Karl darüber, warum Wasserdampf in einer planetaren Atmosphäre zumindest ein guter Anhaltspunkt für ein angenehm warmes Klima ist und was dieses Gas mit Kohlendioxid oder Methan zu tun hat.</p> <p>Besonders widmen wir uns nochmal dem Sauerstoff und woher dieser stammt: Karl hält ein Loblied auf die Cyanobakterien, die einzige Art, die jemals in der Erdgeschichte die Fotosynthese entwickelt hat. Wir sollten speziell der Art Prochlorococcus sehr dankbar sein – und zwar mit jedem Atemzug.</p> <p>Es geht erneut um die Hebung der Alpen und den Plattenabriss: Bei archimedischen Verwirrungen um den Aufstieg der Alpen sprechen wir über die zerrissene und doch untergehende Titanic und wie weit diese Analogie trägt. Die in der Tiefe in einer Metamorphose verwandelten Gesteine geben Anlass, über die Farben in der Geologie zu sprechen. Leider sind sie häufig nicht hilfreich bei der Bestimmung eines Minerals – zumindest sollte man vorsichtig sein.</p> <p>Zuletzt kommt es zur Ziehung der Lottozahlen: Franzi hilft als Glücksfee, einen Gewinner des Gewinnspiels zu ziehen. Wir sprechen darüber, was für euch die schönsten Gesteine der Welt sind und warum Schönheit subjektiv ist.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 137: <a href="https://astrogeo.de/ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/" rel="noopener">Ein Blick ins Alien-Teleskop: Gibt es Leben auf der Erde?</a></li> <li>Folge 138: <a href="https://astrogeo.de/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-enstanden/" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3390/oxygen3030019" rel="noopener">K. Hocke: Oxygen in the Earth System, Oxygen (2023)</a></li> <li>NOAA: <a href="https://oceanservice.noaa.gov/facts/ocean-oxygen.html" rel="noopener">How much oxygen comes from the ocean?</a></li> <li>National Geographic: <a href="https://www.nationalgeographic.com/environment/article/why-amazon-doesnt-produce-20-percent-worlds-oxygen" rel="noopener">Why the Amazon doesn’t really produce 20% of the world’s oxygen</a></li> <li>Fachartikel: S. Gebauer: <a href="http://arxiv.org/abs/1807.06844v1" rel="noopener">Evolution of Earth-like extrasolar planetary atmospheres: Assessing the atmospheres and biospheres of early Earth analog planets with a coupled atmosphere biogeochemical model</a>, 2017</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P / NASA</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag139-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Alien-Erde und Alpen-Aufzug » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag139-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p><strong>AstroGeo ist Teil der RiffReporter eG – einer Genossenschaft freier Journalistïnnen. Das Riff braucht dringend eure Hilfe, um überleben zu können. <a href="https://www.startnext.com/riffreporter" rel="noopener">Mach bitte mit beim Crowdfunding.</a> Franzi und Karl sagen Danke!</strong></p> <p>In dieser Folge geht es zunächst um den Begriff SETI, die Suche nach außerirdischem Leben (Search for Extraterrestrial Intelligence): Können wir die Menschheit wirklich als intelligent bezeichnen gegenüber Lebewesen der Erde, die nicht ihre Lebensgrundlage selbst zerstören? Wir sprechen darüber, dass der Begriff der Intelligenz nicht einfach und vielleicht im Kontext von SETI nicht mehr zeitgemäß ist.<aside></aside></p> <p>Mal wieder geht es um die Chemie: Was ist eine Oxidation, was eine Reduktion und welche Eselsbrücken tragen weit genug, das korrekt im Kopf zu behalten? Außerdem sprechen Franzi und Karl darüber, warum Wasserdampf in einer planetaren Atmosphäre zumindest ein guter Anhaltspunkt für ein angenehm warmes Klima ist und was dieses Gas mit Kohlendioxid oder Methan zu tun hat.</p> <p>Besonders widmen wir uns nochmal dem Sauerstoff und woher dieser stammt: Karl hält ein Loblied auf die Cyanobakterien, die einzige Art, die jemals in der Erdgeschichte die Fotosynthese entwickelt hat. Wir sollten speziell der Art Prochlorococcus sehr dankbar sein – und zwar mit jedem Atemzug.</p> <p>Es geht erneut um die Hebung der Alpen und den Plattenabriss: Bei archimedischen Verwirrungen um den Aufstieg der Alpen sprechen wir über die zerrissene und doch untergehende Titanic und wie weit diese Analogie trägt. Die in der Tiefe in einer Metamorphose verwandelten Gesteine geben Anlass, über die Farben in der Geologie zu sprechen. Leider sind sie häufig nicht hilfreich bei der Bestimmung eines Minerals – zumindest sollte man vorsichtig sein.</p> <p>Zuletzt kommt es zur Ziehung der Lottozahlen: Franzi hilft als Glücksfee, einen Gewinner des Gewinnspiels zu ziehen. Wir sprechen darüber, was für euch die schönsten Gesteine der Welt sind und warum Schönheit subjektiv ist.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 137: <a href="https://astrogeo.de/ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/" rel="noopener">Ein Blick ins Alien-Teleskop: Gibt es Leben auf der Erde?</a></li> <li>Folge 138: <a href="https://astrogeo.de/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-enstanden/" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3390/oxygen3030019" rel="noopener">K. Hocke: Oxygen in the Earth System, Oxygen (2023)</a></li> <li>NOAA: <a href="https://oceanservice.noaa.gov/facts/ocean-oxygen.html" rel="noopener">How much oxygen comes from the ocean?</a></li> <li>National Geographic: <a href="https://www.nationalgeographic.com/environment/article/why-amazon-doesnt-produce-20-percent-worlds-oxygen" rel="noopener">Why the Amazon doesn’t really produce 20% of the world’s oxygen</a></li> <li>Fachartikel: S. Gebauer: <a href="http://arxiv.org/abs/1807.06844v1" rel="noopener">Evolution of Earth-like extrasolar planetary atmospheres: Assessing the atmospheres and biospheres of early Earth analog planets with a coupled atmosphere biogeochemical model</a>, 2017</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P / NASA</em></p> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-alien-erde-und-alpen-aufzug/#respond 0 Die Hölle der Gebildeten https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/#comments Sat, 06 Jun 2026 07:13:37 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=382 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_titel-768x280.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/</link> </image> <description type="html"><h1>Die Hölle der Gebildeten » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Von Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wenn man dem Buch „Katabasis“ der Autorin R.F. Kuang glauben darf, ähnelt die Hölle für Akademiker sehr den irdischen Universitäten. Und, kaum zu glauben, die dort versammelten Seelen haben tatsächlich noch Angst vor dem Tod, obwohl sie eigentlich schon tot sind. Die beiden Hauptpersonen sind allerdings noch sehr lebendig, und jede von ihnen hat einen guten Grund, die trostlose Unterwelt zu durchstreifen. Lohnt es sich, sie dabei zu begleiten?</strong></p> <p><a></a>Die Autorin, eine amerikanische Autorin chinesischer Herkunft, ist schon in jungen Jahren bekannt geworden. Ihre Bücher „Yellowface“ und „Babel“ verkauften sich glänzend. „Babel“ gewann 2023 den Nebula und Locus Award. Die Autorin studierte während dieser Zeit und hat ihre Erfahrungen an den Universitäten in ihrem Buch „Katabasis“ verarbeitet. Um es gleich zu sagen: Das Buch ist ungefähr so gelehrt wie sein Titel. „Katabasis“ stammt aus dem Griechischen und bezeichnet in der Literaturwissenschaft und Rhetorik den Abstieg in die Unterwelt, auch symbolisch oder im übertragenen Sinne.</p> <p>Der Titel passt genau: Zu Beginn steigt die Doktorandin Alice Law im wörtlichen Sinne in die Unterwelt ab. Leider sieht sie sich gezwungen, ihren größten Rivalen Peter Murdoch mitzunehmen. Beide sind Doktoranden bei dem angesehenen Professor Jakob Grimes, der in einer alternativen Welt den Lehrstuhl für analytische Magie der Universität Oxford innehat.</p> <p>Und eben dieser Professor ist bei einem fehlgeschlagenen Zauber in kleine Stücke zerrissen worden, was seine Seele direkt in die Unterwelt katapultiert hat. Jetzt fehlen Alice und Peter eine immens wichtige Unterschrift, ohne die sie nicht zur Verteidigung ihrer Doktorarbeiten zugelassen werden können.</p> <p>Mithilfe all ihrer Zauberkräfte versetzen sie sich deshalb lebendig in die Unterwelt. Der Preis ist gewaltig: Sie müssen auf die Hälfte ihrer verbleibenden Lebenszeit verzichten, und haben damit keine Chance, das Rentenalter zu erreichen.<aside></aside></p> <p>Als ernsthafte Akademiker haben sich die beiden ausführlich belesen, was sie erwarten könnte, aber Hinweise über Reisen in die Hölle sind nun mal spärlich, und so werden sie durchaus überrascht von dem, was sie vorfinden: Eine graue trostlose Gegend, die vom Fluss Lethe durchzogen wird, ganz wie es sich die alten Griechen schon vorgestellt haben. Von dem Fluss halten die Seelen der Toten lieber Abstand, denn wer hineingerät, verliert mindestens sein Gedächtnis, oder er vergeht vollkommen. Und davor haben die meisten Angst, obwohl sie eigentlich schon tot sind.</p> <h3>Unterwelt von außen nach innen</h3> <p>Die Unterwelt hat diverse Kreise, ähnlich wie Dantes Hölle. Sie symbolisieren – von außen nach innen – die Sünden Stolz, Begierde, Geiz, Zorn, Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei. Das ähnelt den christlichen Todsünden. Völlerei, Neid und Faulheit sind allerdings durch Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei ersetzt. Im Zentrum ragt die Zitadelle des Unterweltgottes auf, der im Buch König Yama oder Yanluo Wang genannt wird. Yama ist der hinduistische Gott der Unterwelt, Yanluo Wang seine chinesische Entsprechung.</p> <p>Kuang hat eine eklektische Unterwelt geschaffen, die sie aus allerlei antiken, mittelalterlichen und chinesischen Fragmenten zusammensetzt. Die christliche Hölle bleibt dabei weitgehend außen vor. Die beiden lebenden Protagonisten sind davon überzeugt, dass ihr so plötzlich verstorbener Professor gemäß seines Sündenregisters in einer der inneren Höllen stecken muss. Also machen sie sich auf den Weg.</p> <h3>Dark Fantasy</h3> <p>Damit beginnt ein finsteres Fantasy-Abenteuer, denn die Unterwelt ist erstens nicht leicht zu durchqueren und zweitens ein ausgesprochen gefährliches Gelände. Wer sich lebend hineinwagt, muss damit rechnen, unvermittelt als tote Seele zu enden. Eine Rückkehr wäre dann natürlich unmöglich.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-384" id="attachment_384"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img.jpg"><img alt="Katabasis: In der Unterwelt" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-384">Lebendig in der Unterwelt. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Die beiden Protagonisten begegnen allerlei Monstern, einer freundlichen Seele aus Oxford, sowie diversen guten und schlechten Ratgebern. Zwischendurch müssen sie Fallen entkommen, von denen einige aus Paradoxien bestehen, also logischen Widersprüchen oder Trugbildern. Aber sie sind hoch gebildet, und so gelingt es ihnen immer wieder, die Widersprüche aufzulösen und den Fallen zu entkommen. Bevor sie aber zum innersten Kreis der Unterwelt gelangen, wartet der Endgegner. Das ist nicht etwa der Professor, sondern ein böses Magier-Ehepaar, das die Macht in der Unterwelt an sich reißen will.</p> <p>In jedem Kreis warten außerdem die Manifestationen der jeweiligen Sünden. Die Sünde der Begierde ist – na, was wohl? Ein Studentenwohnheim, natürlich. Tiefer in der Unterwelt steht eine ganze Universität. Die Seelen dort sind dazu verdammt, an akademischen Arbeiten zu schreiben, die niemals fertig werden.</p> <h3>In der Hölle vor der Hölle</h3> <p>Während der Reise wird in Rückblenden die Vergangenheit von Alice Law und ihrer Forschungsarbeit bei Professor Grimes aufgerollt. Die Protagonistin stammt aus den USA, will aber unbedingt zu höchsten akademischen Ehren aufsteigen. Also bewarb sie sich in Oxford bei dem weltweit berühmtesten akademischen Magier. Sie wusste, Professor Grimes galt als als rücksichtsloser Antreiber und Ausbeuter seiner Mitarbeiter, als menschlich schwierig, als ungerecht und nachtragend. Das alles hielt sie nicht ab. Auch sein streckenweise übergriffiges Verhalten nahm sie hin. Aber irgendwann rächt sie sich: Am explosiven Ende ihres Mentors ist sie nicht ganz unschuldig, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt. Und sie sucht ihn keineswegs nur wegen einer Unterschrift. Selbst mit seiner toten Seele hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Trotzdem: Ein #MeToo-Gefühl kommt eigentlich nie auf, Alice Law ist auf ihre Art genauso unsympathisch wie ihr tyrannischer Chef.</p> <p>Peter, ihr rätselhafter und charmanter Konkurrent und aktueller Begleiter durch die grauen Gefilde des Hades ist ihr ein ständiger Stachel im Fleisch. Aber, so viel sei verraten, am Ende kommen die beiden sich näher.</p> <h3>Das Mehrbuch</h3> <p>Klingt das jetzt verwirrend? Ist es auch. Die Autorin konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie eine Satire über das akademische Leben, eine dark Romance oder ein Lehrstück über Paradoxien unter besonderer Berücksichtigung der Vorstellungen von der Unterwelt in verschiedenen Weltkulturen schreiben wollte.</p> <p>Nahezu alle Figuren führen so gelehrte Dialoge, dass man sich im Speisesaal eines ehrwürdigen Colleges in Oxford glaubt. Und die Autorin lässt uns keinen Moment im Zweifel, dass sie für das Buch alle wichtigen Quellen über Unterwelten jeder Art gelesen hat. Und über Paradoxien. Und über Magie. Und …</p> <p>Für wen kann ich das Buch empfehlen? Genau genommen schreibt die Autorin an allen Zielgruppen knapp vorbei. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sie ihr Handwerk exzellent beherrscht. Die graue und düstere Unterwelt wird vor unseren inneren Augen lebendig. Die Anstrengungen der Helden lassen uns mitfiebern. Die Orte in den jeweiligen Ebenen beschreibt die Autorin mit erkennbar satirischer Wut. Dennoch: Man muss Geduld mitbringen. Wer kann, liest die Passagen quer, die ihn nicht interessieren. Die dark Romance, die Satire, die Lebensgeschichte der ehrgeizigen Jungakademikerin und die gelehrten Diskurse über Paradoxien leben weitgehend nebeneinander her.</p> <p>Wie sagt es doch im „Faust“ der Direktor im Vorspiel auf dem Theater:</p> <p>„<em>Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“</em></p> <p><strong>Besprochenes Buch:</strong></p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, Eichborn Verlag, 656 Seiten, Gebundene Ausgabe (mit Goldschnitt), 28,00 €.</p> <p>Billiger ist die amerikanische Ausgabe:</p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, HarperVoyager, 576 Seiten, Taschenbuch 10,77 €, Gebundene Ausgabe 17,79 €.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Die Hölle der Gebildeten » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Von Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wenn man dem Buch „Katabasis“ der Autorin R.F. Kuang glauben darf, ähnelt die Hölle für Akademiker sehr den irdischen Universitäten. Und, kaum zu glauben, die dort versammelten Seelen haben tatsächlich noch Angst vor dem Tod, obwohl sie eigentlich schon tot sind. Die beiden Hauptpersonen sind allerdings noch sehr lebendig, und jede von ihnen hat einen guten Grund, die trostlose Unterwelt zu durchstreifen. Lohnt es sich, sie dabei zu begleiten?</strong></p> <p><a></a>Die Autorin, eine amerikanische Autorin chinesischer Herkunft, ist schon in jungen Jahren bekannt geworden. Ihre Bücher „Yellowface“ und „Babel“ verkauften sich glänzend. „Babel“ gewann 2023 den Nebula und Locus Award. Die Autorin studierte während dieser Zeit und hat ihre Erfahrungen an den Universitäten in ihrem Buch „Katabasis“ verarbeitet. Um es gleich zu sagen: Das Buch ist ungefähr so gelehrt wie sein Titel. „Katabasis“ stammt aus dem Griechischen und bezeichnet in der Literaturwissenschaft und Rhetorik den Abstieg in die Unterwelt, auch symbolisch oder im übertragenen Sinne.</p> <p>Der Titel passt genau: Zu Beginn steigt die Doktorandin Alice Law im wörtlichen Sinne in die Unterwelt ab. Leider sieht sie sich gezwungen, ihren größten Rivalen Peter Murdoch mitzunehmen. Beide sind Doktoranden bei dem angesehenen Professor Jakob Grimes, der in einer alternativen Welt den Lehrstuhl für analytische Magie der Universität Oxford innehat.</p> <p>Und eben dieser Professor ist bei einem fehlgeschlagenen Zauber in kleine Stücke zerrissen worden, was seine Seele direkt in die Unterwelt katapultiert hat. Jetzt fehlen Alice und Peter eine immens wichtige Unterschrift, ohne die sie nicht zur Verteidigung ihrer Doktorarbeiten zugelassen werden können.</p> <p>Mithilfe all ihrer Zauberkräfte versetzen sie sich deshalb lebendig in die Unterwelt. Der Preis ist gewaltig: Sie müssen auf die Hälfte ihrer verbleibenden Lebenszeit verzichten, und haben damit keine Chance, das Rentenalter zu erreichen.<aside></aside></p> <p>Als ernsthafte Akademiker haben sich die beiden ausführlich belesen, was sie erwarten könnte, aber Hinweise über Reisen in die Hölle sind nun mal spärlich, und so werden sie durchaus überrascht von dem, was sie vorfinden: Eine graue trostlose Gegend, die vom Fluss Lethe durchzogen wird, ganz wie es sich die alten Griechen schon vorgestellt haben. Von dem Fluss halten die Seelen der Toten lieber Abstand, denn wer hineingerät, verliert mindestens sein Gedächtnis, oder er vergeht vollkommen. Und davor haben die meisten Angst, obwohl sie eigentlich schon tot sind.</p> <h3>Unterwelt von außen nach innen</h3> <p>Die Unterwelt hat diverse Kreise, ähnlich wie Dantes Hölle. Sie symbolisieren – von außen nach innen – die Sünden Stolz, Begierde, Geiz, Zorn, Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei. Das ähnelt den christlichen Todsünden. Völlerei, Neid und Faulheit sind allerdings durch Gewalt, Grausamkeit und Tyrannei ersetzt. Im Zentrum ragt die Zitadelle des Unterweltgottes auf, der im Buch König Yama oder Yanluo Wang genannt wird. Yama ist der hinduistische Gott der Unterwelt, Yanluo Wang seine chinesische Entsprechung.</p> <p>Kuang hat eine eklektische Unterwelt geschaffen, die sie aus allerlei antiken, mittelalterlichen und chinesischen Fragmenten zusammensetzt. Die christliche Hölle bleibt dabei weitgehend außen vor. Die beiden lebenden Protagonisten sind davon überzeugt, dass ihr so plötzlich verstorbener Professor gemäß seines Sündenregisters in einer der inneren Höllen stecken muss. Also machen sie sich auf den Weg.</p> <h3>Dark Fantasy</h3> <p>Damit beginnt ein finsteres Fantasy-Abenteuer, denn die Unterwelt ist erstens nicht leicht zu durchqueren und zweitens ein ausgesprochen gefährliches Gelände. Wer sich lebend hineinwagt, muss damit rechnen, unvermittelt als tote Seele zu enden. Eine Rückkehr wäre dann natürlich unmöglich.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-384" id="attachment_384"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img.jpg"><img alt="Katabasis: In der Unterwelt" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/katabasis_img.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-384">Lebendig in der Unterwelt. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Die beiden Protagonisten begegnen allerlei Monstern, einer freundlichen Seele aus Oxford, sowie diversen guten und schlechten Ratgebern. Zwischendurch müssen sie Fallen entkommen, von denen einige aus Paradoxien bestehen, also logischen Widersprüchen oder Trugbildern. Aber sie sind hoch gebildet, und so gelingt es ihnen immer wieder, die Widersprüche aufzulösen und den Fallen zu entkommen. Bevor sie aber zum innersten Kreis der Unterwelt gelangen, wartet der Endgegner. Das ist nicht etwa der Professor, sondern ein böses Magier-Ehepaar, das die Macht in der Unterwelt an sich reißen will.</p> <p>In jedem Kreis warten außerdem die Manifestationen der jeweiligen Sünden. Die Sünde der Begierde ist – na, was wohl? Ein Studentenwohnheim, natürlich. Tiefer in der Unterwelt steht eine ganze Universität. Die Seelen dort sind dazu verdammt, an akademischen Arbeiten zu schreiben, die niemals fertig werden.</p> <h3>In der Hölle vor der Hölle</h3> <p>Während der Reise wird in Rückblenden die Vergangenheit von Alice Law und ihrer Forschungsarbeit bei Professor Grimes aufgerollt. Die Protagonistin stammt aus den USA, will aber unbedingt zu höchsten akademischen Ehren aufsteigen. Also bewarb sie sich in Oxford bei dem weltweit berühmtesten akademischen Magier. Sie wusste, Professor Grimes galt als als rücksichtsloser Antreiber und Ausbeuter seiner Mitarbeiter, als menschlich schwierig, als ungerecht und nachtragend. Das alles hielt sie nicht ab. Auch sein streckenweise übergriffiges Verhalten nahm sie hin. Aber irgendwann rächt sie sich: Am explosiven Ende ihres Mentors ist sie nicht ganz unschuldig, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt. Und sie sucht ihn keineswegs nur wegen einer Unterschrift. Selbst mit seiner toten Seele hat sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Trotzdem: Ein #MeToo-Gefühl kommt eigentlich nie auf, Alice Law ist auf ihre Art genauso unsympathisch wie ihr tyrannischer Chef.</p> <p>Peter, ihr rätselhafter und charmanter Konkurrent und aktueller Begleiter durch die grauen Gefilde des Hades ist ihr ein ständiger Stachel im Fleisch. Aber, so viel sei verraten, am Ende kommen die beiden sich näher.</p> <h3>Das Mehrbuch</h3> <p>Klingt das jetzt verwirrend? Ist es auch. Die Autorin konnte sich nicht recht entscheiden, ob sie eine Satire über das akademische Leben, eine dark Romance oder ein Lehrstück über Paradoxien unter besonderer Berücksichtigung der Vorstellungen von der Unterwelt in verschiedenen Weltkulturen schreiben wollte.</p> <p>Nahezu alle Figuren führen so gelehrte Dialoge, dass man sich im Speisesaal eines ehrwürdigen Colleges in Oxford glaubt. Und die Autorin lässt uns keinen Moment im Zweifel, dass sie für das Buch alle wichtigen Quellen über Unterwelten jeder Art gelesen hat. Und über Paradoxien. Und über Magie. Und …</p> <p>Für wen kann ich das Buch empfehlen? Genau genommen schreibt die Autorin an allen Zielgruppen knapp vorbei. Wobei man fairerweise sagen muss, dass sie ihr Handwerk exzellent beherrscht. Die graue und düstere Unterwelt wird vor unseren inneren Augen lebendig. Die Anstrengungen der Helden lassen uns mitfiebern. Die Orte in den jeweiligen Ebenen beschreibt die Autorin mit erkennbar satirischer Wut. Dennoch: Man muss Geduld mitbringen. Wer kann, liest die Passagen quer, die ihn nicht interessieren. Die dark Romance, die Satire, die Lebensgeschichte der ehrgeizigen Jungakademikerin und die gelehrten Diskurse über Paradoxien leben weitgehend nebeneinander her.</p> <p>Wie sagt es doch im „Faust“ der Direktor im Vorspiel auf dem Theater:</p> <p>„<em>Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden aus dem Haus.“</em></p> <p><strong>Besprochenes Buch:</strong></p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, Eichborn Verlag, 656 Seiten, Gebundene Ausgabe (mit Goldschnitt), 28,00 €.</p> <p>Billiger ist die amerikanische Ausgabe:</p> <p>R.F. Kuang: Katabasis, HarperVoyager, 576 Seiten, Taschenbuch 10,77 €, Gebundene Ausgabe 17,79 €.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/die-hoelle-der-gebildeten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Life’s not a movie: Warum leben wir in der Ich-Perspektive https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/#comments Fri, 05 Jun 2026 15:08:48 +0000 Antonia Ceric https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6041 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/3d-rendering-human-brain-concept-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/3d-rendering-human-brain-concept-1024x576.jpg" /><h1>Life’s not a movie: Warum leben wir in der Ich-Perspektive » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Letztens habe ich mal wieder was gemacht, das ich schon lange nicht mehr gemacht habe: Zocken. Ich habe mal wieder alte Videospiele ausgepackt. Mittlerweile fehlt die Zeit oft, um so richtig zu gammeln und wenn dann Freizeit ist, verbringe ich sie meist mit Freunden. Aber an einem langen Wochenende dachte ich, jetzt ist der Moment mal wieder gekommen. Und da ist mir etwas aufgefallen: Fast alle Spiele waren in der 3rd-person-Perspektive. Ich habe also den Charakter auf dem Bildschirm gesehen, den ich im Spiel gesteuert habe. Manchmal konnte man auch in die Ich-Perspektive umschalten und natürlich gibt es auch einige Spiele, die generell in der 1st-person-Perspektive angelegt sind. </p> <p>Aus irgendeinem Grund habe ich mich allerdings intuitiv immer für die dritte Person entschieden, dabei ist das unserem tatsächlichen Erleben am wenigsten ähnlich. Unser Leben sehen wir nicht wie einen Film. Die Hauptfigur im eigenen Leben, das sind wir selbst. Aber diese sehen wir meist nur, wenn wir in den Spiegel schauen. Alles, was wir erleben und aufnehmen, wird letztlich in unserer persönlichen Wahrnehmung zusammengeführt. Das Ergebnis, die Ich-Perspektive, nehmen wir in der Regel als selbstverständlich hin. </p> <p>Natürlich ist es logisch, dass nicht zwei Augen hinter uns schweben, sodass wir unseren Körper aus der Außenperspektive beobachten können. Doch aus neurowissenschaftlicher Sicht, ist es gar keine so selbstverständliche Leistung, all unsere Sinneseindrücke zu einer universellen Wahrnehmung zu kombinieren. Wie also schafft es unser Hirn ein einziges, stabiles Bild der Welt zu erschaffen, in dessen Zentrum wir selbst stehen? Die Antwort liegt nicht nur im Kopf, sondern überall in unserem Körper versteckt.</p> <h2><strong>Was ist Interozeption?</strong></h2> <p>Eine Sinneswahrnehmung ist für diese Fragestellung besonders wichtig: die Interozeption. Während das Sehen, Hören oder Riechen uns über unsere Außenwelt informiert, beschreibt die Interozeption die Wahrnehmung unseres Inneren, auch unbewusst. Sie leitet Signale von unseren Organen direkt an das Gehirn weiter. Lange dachte man, dieser Sinn sei nur eine Art „Wartungsanzeige“. Er sagt uns, wenn wir Hunger haben, der Blutdruck sinkt oder das Herz rast. Das ist der sogenannte Informations-Modus. Er ist überlebenswichtig, damit wir die Bedürfnisse unseres Körpers erkennen können, aber er erklärt noch nicht, warum wir uns als ein einheitliches „Ich“ fühlen.</p> <h3><strong>Embodied Cognition und das Bindungsproblem</strong></h3> <p>Genau an dieser Stelle kommen Hirnforschung und Neurophilosophie zusammen in der Frage um das sogenannte <em>Bindungsproblem</em>. Da unser Gehirn sensorische Reize wie Formen, Farben und Töne in völlig getrennten Arealen verarbeitet, bleibt die Frage, wie daraus ein einziges, stabiles Gesamterlebnis entsteht. Wie also schafft es das Gehirn, aus diesen verstreuten Datenströmen ein einziges, kohärentes Gesamterlebnis zu formen? Die Interozeption könnte ein Teil der Antwort auf dieses klassische Problem sein. Die Signale aus dem Körperinneren sind dann das Bindeglied. Da sie permanent und ausnahmslos an das Gehirn gesendet werden, dienen sie als eine Art übergeordnetes Koordinatensystem. Sie verankern die dezentralen Reize der Außenwelt an einem festen Ort, nämlich unserem eigenen Körper.<aside></aside></p> <h2><strong>Der Körper als Taktgeber</strong></h2> <p>Forscherinnen sind nun der Ansicht, dass unser interozeptives System noch einen zweiten, viel spannenderen Job hat: den Koordinations-Modus. Unsere Organe senden nämlich nicht nur Daten, sie senden Rhythmen. Das Herz schlägt in einem regelmäßigen Takt, die Lunge hebt und senkt sich, und sogar der Magen sendet eine ganz langsame, stetige elektrische Welle aus. Diese Rhythmen sind so stark, dass sie weite Teile des Gehirns „mitreißen“. Sie fungieren wie ein Metronom, das verschiedenen Gehirnarealen einen gemeinsamen Takt vorgibt. Dieser Takt ist fast immer da, egal ob wir gerade gestresst sind oder entspannt auf dem Sofa liegen. </p> <h3><strong>Das „Ich-Framework“: Wie alles zusammenkommt</strong></h3> <p>Hier liegt der Schlüssel zur Ich-Perspektive. Unser Gehirn steht vor einem Problem: Informationen von außen kommen in völlig unterschiedlichen „Sprachen“ an. Die Augen messen in Blickwinkeln, die Haut in Körperberührungen. Um daraus ein stabiles Bild zu machen, braucht das Gehirn ein gemeinsames Koordinatensystem. Weil die Rhythmen von Herz und Magen immer aus der Mitte unseres eigenen Körpers kommen, bieten sie dem Gehirn einen wunderbaren Bezugspunkt. </p> <p>Das Gehirn könnte diesen inneren Takt für sich nutzen, um etwa die Informationen aus den Bildern der Augen und den Geräusche der Ohren in diesem körpereigenen Rhythmus in Einklang zu bringen. Durch diese Kopplung entsteht der Eindruck, dass alle Erfahrungen an einem einzigen Ort zusammenlaufen. Es ist der Mechanismus, der aus einem neutralen Datenstrom ein Erlebnis macht, das sich für uns „echt“ und „eigen“ anfühlt. </p> <p>Ohne diese ständige Synchronisation zwischen dem Pochen in unserer Brust und dem Denken in unserem Kopf würde unsere Wahrnehmung buchstäblich auseinanderfallen. Wir leben also in der Ich-Perspektive, weil unser Körper unserem Geist ununterbrochen zuflüstert, wo die Mitte der Welt ist: genau dort, wo dein Herz schlägt. </p> <h3><strong>Warum das wichtig ist</strong></h3> <p>Diese Erkenntnis verändert alles. Geist und Körper sind nicht zwei getrennte Dinge. Sie sind unzertrennlich miteinander verwoben. Unser „Ich“ ist nicht einfach nur ein Gedanke. Es ist eben auch ein biologischer Prozess, der bei jedem Herzschlag und jedem Atemzug neu erschaffen wird. </p> <p>Wenn dieser Takt aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das seltsam anfühlen. Bei manchen psychischen Erkrankungen kommt es zu Depersonalisierung und Dissoziation. Betroffene fühlen sich von sich selbst entfremdet. In diesen Momenten wirkt alles dumpf, wie hinter einem Schleier, und viele berichten, sich wie ein Zuschauer im eigenen Leben zu fühlen. Genau hier könnte diese Synchronisation zwischen Körperrhythmus und Gehirn gestört sein.</p> <p>Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann lies hier weiter:</p> <figure></figure> <p>Das nächste Mal, wenn du tief durchatmest oder dein Herz nach dem Sport klopfen spürst, denk daran: Das ist mehr als nur eine Körperreaktion. Es ist das Fundament deines Erlebens. Dein Herz schlägt nicht nur für dein Überleben. Es schlägt auch, damit du die Welt als „Ich“ erfahren kannst.</p> <h2>Quellen</h2> <p>Engelen, T., Solcà, M. &amp; Tallon-Baudry, C. Interoceptive rhythms in the brain. <em>Nat Neurosci</em> <strong>26</strong>, 1670–1684 (2023). https://doi.org/10.1038/s41593-023-01425-1</p> <p>Hardcastle, V.G. (2017). The Binding Problem. In A Companion to Cognitive Science (eds W. Bechtel and G. Graham). <a href="https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43</a></p> <p>Tallon-Baudry, C., Loescher, M. &amp; Clément, A. (2026). A dual-function framework of interoception: the information and coordination modes of interoceptive signaling. <em>Trends in Neurosciences</em>, <em>49</em>(3), 161–172. https://doi.org/10.1016/j.tins.2026.01.005</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/3d-rendering-human-brain-concept_45125538.htm" rel="noopener">Image by freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/3d-rendering-human-brain-concept-1024x576.jpg" /><h1>Life’s not a movie: Warum leben wir in der Ich-Perspektive » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Antonia Ceric</h2><div itemprop="text"> <p>Letztens habe ich mal wieder was gemacht, das ich schon lange nicht mehr gemacht habe: Zocken. Ich habe mal wieder alte Videospiele ausgepackt. Mittlerweile fehlt die Zeit oft, um so richtig zu gammeln und wenn dann Freizeit ist, verbringe ich sie meist mit Freunden. Aber an einem langen Wochenende dachte ich, jetzt ist der Moment mal wieder gekommen. Und da ist mir etwas aufgefallen: Fast alle Spiele waren in der 3rd-person-Perspektive. Ich habe also den Charakter auf dem Bildschirm gesehen, den ich im Spiel gesteuert habe. Manchmal konnte man auch in die Ich-Perspektive umschalten und natürlich gibt es auch einige Spiele, die generell in der 1st-person-Perspektive angelegt sind. </p> <p>Aus irgendeinem Grund habe ich mich allerdings intuitiv immer für die dritte Person entschieden, dabei ist das unserem tatsächlichen Erleben am wenigsten ähnlich. Unser Leben sehen wir nicht wie einen Film. Die Hauptfigur im eigenen Leben, das sind wir selbst. Aber diese sehen wir meist nur, wenn wir in den Spiegel schauen. Alles, was wir erleben und aufnehmen, wird letztlich in unserer persönlichen Wahrnehmung zusammengeführt. Das Ergebnis, die Ich-Perspektive, nehmen wir in der Regel als selbstverständlich hin. </p> <p>Natürlich ist es logisch, dass nicht zwei Augen hinter uns schweben, sodass wir unseren Körper aus der Außenperspektive beobachten können. Doch aus neurowissenschaftlicher Sicht, ist es gar keine so selbstverständliche Leistung, all unsere Sinneseindrücke zu einer universellen Wahrnehmung zu kombinieren. Wie also schafft es unser Hirn ein einziges, stabiles Bild der Welt zu erschaffen, in dessen Zentrum wir selbst stehen? Die Antwort liegt nicht nur im Kopf, sondern überall in unserem Körper versteckt.</p> <h2><strong>Was ist Interozeption?</strong></h2> <p>Eine Sinneswahrnehmung ist für diese Fragestellung besonders wichtig: die Interozeption. Während das Sehen, Hören oder Riechen uns über unsere Außenwelt informiert, beschreibt die Interozeption die Wahrnehmung unseres Inneren, auch unbewusst. Sie leitet Signale von unseren Organen direkt an das Gehirn weiter. Lange dachte man, dieser Sinn sei nur eine Art „Wartungsanzeige“. Er sagt uns, wenn wir Hunger haben, der Blutdruck sinkt oder das Herz rast. Das ist der sogenannte Informations-Modus. Er ist überlebenswichtig, damit wir die Bedürfnisse unseres Körpers erkennen können, aber er erklärt noch nicht, warum wir uns als ein einheitliches „Ich“ fühlen.</p> <h3><strong>Embodied Cognition und das Bindungsproblem</strong></h3> <p>Genau an dieser Stelle kommen Hirnforschung und Neurophilosophie zusammen in der Frage um das sogenannte <em>Bindungsproblem</em>. Da unser Gehirn sensorische Reize wie Formen, Farben und Töne in völlig getrennten Arealen verarbeitet, bleibt die Frage, wie daraus ein einziges, stabiles Gesamterlebnis entsteht. Wie also schafft es das Gehirn, aus diesen verstreuten Datenströmen ein einziges, kohärentes Gesamterlebnis zu formen? Die Interozeption könnte ein Teil der Antwort auf dieses klassische Problem sein. Die Signale aus dem Körperinneren sind dann das Bindeglied. Da sie permanent und ausnahmslos an das Gehirn gesendet werden, dienen sie als eine Art übergeordnetes Koordinatensystem. Sie verankern die dezentralen Reize der Außenwelt an einem festen Ort, nämlich unserem eigenen Körper.<aside></aside></p> <h2><strong>Der Körper als Taktgeber</strong></h2> <p>Forscherinnen sind nun der Ansicht, dass unser interozeptives System noch einen zweiten, viel spannenderen Job hat: den Koordinations-Modus. Unsere Organe senden nämlich nicht nur Daten, sie senden Rhythmen. Das Herz schlägt in einem regelmäßigen Takt, die Lunge hebt und senkt sich, und sogar der Magen sendet eine ganz langsame, stetige elektrische Welle aus. Diese Rhythmen sind so stark, dass sie weite Teile des Gehirns „mitreißen“. Sie fungieren wie ein Metronom, das verschiedenen Gehirnarealen einen gemeinsamen Takt vorgibt. Dieser Takt ist fast immer da, egal ob wir gerade gestresst sind oder entspannt auf dem Sofa liegen. </p> <h3><strong>Das „Ich-Framework“: Wie alles zusammenkommt</strong></h3> <p>Hier liegt der Schlüssel zur Ich-Perspektive. Unser Gehirn steht vor einem Problem: Informationen von außen kommen in völlig unterschiedlichen „Sprachen“ an. Die Augen messen in Blickwinkeln, die Haut in Körperberührungen. Um daraus ein stabiles Bild zu machen, braucht das Gehirn ein gemeinsames Koordinatensystem. Weil die Rhythmen von Herz und Magen immer aus der Mitte unseres eigenen Körpers kommen, bieten sie dem Gehirn einen wunderbaren Bezugspunkt. </p> <p>Das Gehirn könnte diesen inneren Takt für sich nutzen, um etwa die Informationen aus den Bildern der Augen und den Geräusche der Ohren in diesem körpereigenen Rhythmus in Einklang zu bringen. Durch diese Kopplung entsteht der Eindruck, dass alle Erfahrungen an einem einzigen Ort zusammenlaufen. Es ist der Mechanismus, der aus einem neutralen Datenstrom ein Erlebnis macht, das sich für uns „echt“ und „eigen“ anfühlt. </p> <p>Ohne diese ständige Synchronisation zwischen dem Pochen in unserer Brust und dem Denken in unserem Kopf würde unsere Wahrnehmung buchstäblich auseinanderfallen. Wir leben also in der Ich-Perspektive, weil unser Körper unserem Geist ununterbrochen zuflüstert, wo die Mitte der Welt ist: genau dort, wo dein Herz schlägt. </p> <h3><strong>Warum das wichtig ist</strong></h3> <p>Diese Erkenntnis verändert alles. Geist und Körper sind nicht zwei getrennte Dinge. Sie sind unzertrennlich miteinander verwoben. Unser „Ich“ ist nicht einfach nur ein Gedanke. Es ist eben auch ein biologischer Prozess, der bei jedem Herzschlag und jedem Atemzug neu erschaffen wird. </p> <p>Wenn dieser Takt aus dem Gleichgewicht gerät, kann sich das seltsam anfühlen. Bei manchen psychischen Erkrankungen kommt es zu Depersonalisierung und Dissoziation. Betroffene fühlen sich von sich selbst entfremdet. In diesen Momenten wirkt alles dumpf, wie hinter einem Schleier, und viele berichten, sich wie ein Zuschauer im eigenen Leben zu fühlen. Genau hier könnte diese Synchronisation zwischen Körperrhythmus und Gehirn gestört sein.</p> <p>Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann lies hier weiter:</p> <figure></figure> <p>Das nächste Mal, wenn du tief durchatmest oder dein Herz nach dem Sport klopfen spürst, denk daran: Das ist mehr als nur eine Körperreaktion. Es ist das Fundament deines Erlebens. Dein Herz schlägt nicht nur für dein Überleben. Es schlägt auch, damit du die Welt als „Ich“ erfahren kannst.</p> <h2>Quellen</h2> <p>Engelen, T., Solcà, M. &amp; Tallon-Baudry, C. Interoceptive rhythms in the brain. <em>Nat Neurosci</em> <strong>26</strong>, 1670–1684 (2023). https://doi.org/10.1038/s41593-023-01425-1</p> <p>Hardcastle, V.G. (2017). The Binding Problem. In A Companion to Cognitive Science (eds W. Bechtel and G. Graham). <a href="https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43" rel="noopener">https://doi.org/10.1002/9781405164535.ch43</a></p> <p>Tallon-Baudry, C., Loescher, M. &amp; Clément, A. (2026). A dual-function framework of interoception: the information and coordination modes of interoceptive signaling. <em>Trends in Neurosciences</em>, <em>49</em>(3), 161–172. https://doi.org/10.1016/j.tins.2026.01.005</p> <p>Beitragsbild: <a href="https://www.magnific.com/free-photo/3d-rendering-human-brain-concept_45125538.htm" rel="noopener">Image by freepik</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/lifes-not-a-movie-warum-leben-wir-in-der-ich-perspektive/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>Venus-Jupiter-Konjunktion naht https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/#comments Thu, 04 Jun 2026 20:26:31 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12918 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/stellarium-JupiVenus2026_jun9-768x466.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/stellarium-JupiVenus2026_jun9.jpg" /><h1>Venus-Jupiter-Konjunktion naht » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-04T22:26:31+02:00">04. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Jupiter befindet sich fast am Ende seiner Sichtbarkeitsperiode; er war im Winter die Nacht hindurch zu sehen und jetzt kann man lediglich in der Abenddämmerung einen Blick auf ihn erhaschen. Seit ca. einem Monat allerdings bewegt sich Venus rasch auf ihn zu: sie leuchtet uns nun ein Weilchen als Abendstern und leistet daher Jupiter bald Gesellschaft: </p> <p>Nächste Woche Montag/ Dienstag wird Venus während ihrer Promenade an Jupiter vorbei im kleinsten Abstand nur ca. ein Winkelgrad von ihm entfernt stehen. Hoffen wir mal, dass wir das Spektakel dann auch sehen und nicht irdische Wolken die Sicht versperren. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/stellarium-JupiVenus2026_jun9.jpg" /><h1>Venus-Jupiter-Konjunktion naht » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-04T22:26:31+02:00">04. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Jupiter befindet sich fast am Ende seiner Sichtbarkeitsperiode; er war im Winter die Nacht hindurch zu sehen und jetzt kann man lediglich in der Abenddämmerung einen Blick auf ihn erhaschen. Seit ca. einem Monat allerdings bewegt sich Venus rasch auf ihn zu: sie leuchtet uns nun ein Weilchen als Abendstern und leistet daher Jupiter bald Gesellschaft: </p> <p>Nächste Woche Montag/ Dienstag wird Venus während ihrer Promenade an Jupiter vorbei im kleinsten Abstand nur ca. ein Winkelgrad von ihm entfernt stehen. Hoffen wir mal, dass wir das Spektakel dann auch sehen und nicht irdische Wolken die Sicht versperren. </p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/venus-jupiter-konjunktion-naht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Gigantische Warmwasserwelle im Pazifik kündigt El Nino 2026 an https://scilogs.spektrum.de/meertext/gigantische-warmwasserwelle-im-pazifik-kuendigt-el-nino-2026-an/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/gigantische-warmwasserwelle-im-pazifik-kuendigt-el-nino-2026-an/#comments Wed, 03 Jun 2026 15:33:57 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2015 <h1>Gigantische Warmwasserwelle im Pazifik kündigt El Nino 2026 an » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Dass 2026 ein gewaltiges El Niño-Jahr in einer bereits erwärmten Welt und zu warmen Meeren werden dürfte, wird seit Monaten von verschiedenen Meeres- und Klimaforschenden angekündigt. Satellitendaten und Meßsysteme in den Ozeanen messen Temperaturanstiege und Änderungen und liefern umfassende und Besorgnis erregende Daten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="626" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-768x469.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png 1033w" width="1024"></img></a><figcaption>Pressemitteilung der WMO: „Prepare for El Niño“<br></br>https://wmo.int/news/media-centre/wmo-prepare-el-nino</figcaption></figure> <p>Am 27. Mai 2026 hat die <a href="http://www.nasa.gov/home/index.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA</a> auf Basis des weltweiten Satellitennetzwerks ein kurzes Update gebracht: „<strong><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">A giant warm wave is crossing the Pacific, signaling an El Niño that could alter weather worldwide this year</a>“ </strong>(edited by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Gaby Clark</a>, reviewed by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Andrew Zinin</a>).</p> <figure><video controls="" src="https://d2pn8kiwq2w21t.cloudfront.net/media/1-PIA26710_EL_NI%C3%91O_ENSO_20260302_20260518-web.mp4"></video><figcaption>The international Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite observed a swell of warm water, called a Kelvin wave, moving eastward in the equatorial Pacific Ocean, arriving off the South American coast in May. Warm Kelvin waves often precede El Niño events.<br></br> Credit: NASA/JPL-Caltech<br></br>https://www.jpl.nasa.gov/news/nasa-european-sea-level-mission-homes-in-on-el-nino/?utm_source=TWITTER&amp;utm_medium=NASAJPL&amp;utm_campaign=NASASocial&amp;linkId=951221077</figcaption></figure> <p>Einige Monate vor dem Auftreten eines El Niño bewegen sich Wellen aus höherem, wärmerem Wasser über den Pazifik nach Osten – die Satellitendaten von 2026 zeigen gleich mehrere davon.<br></br>Die Daten stammen aus der NASA/ESA Kooperation des Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite, der sehr exakt die Meereshöhe misst: Eine mehrere hundert Meilen breite Warmwasserfront ist im Pazifik vor der Küste Südamerikas angekommen ist – ein Anzeichen dafür, dass El Niño voraussichtlich im Laufe des Jahres auftreten wird. Da sich Wasser bei Erwärmung ausdehnt, deutet ein Anstieg des Meeresspiegels in einem bestimmten Meeresgebiet auf steigende Meerestemperaturen hin. Und El-Niño-Ereignisse können mit der Erhöhung der Meerestemperaturen in einigen Regionen zu starken Niederschlägen und in anderen zu Niederschlagsdefiziten führen und so das tägliche Leben und den Handel weltweit beeinflussen. <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">Vergangene El Niño-Ereignisse haben immer das Wettergefüge durcheinandergewirbelt und für teilweise schwere Fluten und Dürren gesorgt und für Hungersnöte unter Tieren und Menschen gesorgt.</a></p> <h2>Kelvin-Welle</h2> <p>Der 2020 von der NASA gestartete und von der ESA (Europäische Weltraumorganisation) für das EU-Programm Copernicus geleitete Satellit Sentinel-6 Michael Freilich misst und kartiert alle 10 Tage die Wasserhöhe des gesamten Ozeans auf den Millimeter genau. Im Falle von El Niño verfolgt der Satellit sogenannte warme <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kelvinwelle" rel="noopener">Kelvin-Wellen</a>.</p> <p>Die beobachtete Kelvin-Welle bewegte sich im äquatorialen Pazifik nach Osten und kam im Mai vor der südamerikanischen Küste an. Solche warmen Kelvin-Wellen gehen oft El-Niño-Ereignissen voraus. Diese Wellen bilden sich typischerweise nach kurzen Phasen, in denen sich die Winde über dem äußersten westlichen äquatorialen Pazifik von vorherrschenden Ostwinden – die also von Ost nach West wehen – zu Westwinden verlagern. Dieser Effekt führt in Verbindung mit einer allgemeinen Abschwächung der Ostwinde entlang des Äquators dazu, dass sich das Wasser in den Tropen des westlichen Pazifiks erwärmt und der Meeresspiegel ansteigt. Die entstehende Welle breitet sich dann über mehrere Wochen nach Osten aus, erreicht schließlich Südamerika und führt dazu, dass sich das Wasser vor der Küste erwärmt und ansteigt. Ein El Niño entsteht, wenn sich im Laufe mehrerer Monate mehrere Kelvin-Wellen bilden und sich das warme Wasser vor den Küsten Kolumbiens, Ecuadors und Perus ansammelt. „<a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Zwar hat das diesjährige Phänomen etwas später eingesetzt als die großen</a> El-Niño-Ereignisse von 2015 und 1997, doch es holt langsam auf“, sagte Josh Willis, Meeresforscher am Jet Propulsion Laboratory der NASA in Südkalifornien und Projektwissenschaftler für Sentinel-6 Michael Freilich. „Wir werden sehen, wie stark es noch wird.“<br></br>Bereits der schwächer ausgefallene El Niño 2023 hatte verheerende Folgen auf die Meere, wie <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12595027/" rel="noopener">eine großflächige Korallenbleiche, also ein Riffsterben</a> sowie Giftalgenblüten die <a href="https://www.frontiersin.org/journals/marine-science/articles/10.3389/fmars.2024.1454656/full" rel="noopener">unter anderem Großwale töteten</a>. 2023 wurde durch Dürre und Hitze im Amazonas-Gebiet der Amazonas-Wasserspiegel so niedrig, <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">dass viele Dörfer, deren einzige Infrastruktur der Fluß ist, abgeschnitten wurden, es entstanden Trinkwasser- und Nahrungsknappheit</a>. Außerdem starben Flußdelphine massenhaft an Überhitzung.<br></br>Beim besonders starken El Niño <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/" rel="noopener">2015/2016 starben im Südpazifik mindestens 343 Seiwale an Giftalgen</a> und würden an der chilenischen Küste angespült.<aside></aside></p> <p>Messungen von Sentinel-6 Michael Freilich zeigen also, dass sich Ende Januar 2026 zunächst eine kleine Kelvin-Welle um Mikronesien bildete, die sich bis Mitte Februar auflöste. Anfang März entstand eine neue Welle, die sich im Laufe der Zeit nach Osten bewegte. Bis Mitte Mai lag der Meeresspiegel vor der Küste Perus um mehr als 15 Zentimeter über dem langjährigen Durchschnitt.</p> <p><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">„Die Beobachtung von El Niño durch die NASA</a> nutzt Meeresspiegelsatelliten wie Sentinel-6 Michael Freilich, um massive Kelvin-Wellen auf ihrem Weg über den Pazifik zu verfolgen, Veränderungen in der Thermodynamik der Ozeane zu erfassen, Vorhersagen zu Wetterextremen zu verbessern und Gemeinden dabei zu helfen, sich auf potenzielle Gefahren an der Küste vorzubereiten“, sagte Nadya Vinogradova Shiffer, leitende Programmwissenschaftlerin am NASA-Hauptquartier in Washington.<br></br>In diesem Fall gab es bereits früh im Jahr Anzeichen dafür, die sich im März und April verdichteten, wie die <a href="https://library.wmo.int/records/item/69878-may-2026" rel="noopener">WMO (World Meteorological Organization) immer wieder in aktualisierten Reports schrieb.</a></p> <h2><strong>Tracking El Niño</strong></h2> <p>Der Begriff „El Niño“ – Spanisch: Der Junge –  geht auf Fischer des  17. Jahrhundert zurück – eine Anspielung auf die Geburt des Jesuskindes. Um diese Jahreszeit trat das Phänomen verstärkt auf und <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">im wärmeren Wasser fingen die Fischer weniger Fisch.</a></p> <p>Auch wenn das „Christkind“ zunächst ein eher regionales Wettergeschehen ist, kann er überregionale, manchmal sogar globale Auswirkungen haben: Höhere Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik beeinflussen die globalen atmosphärischen Zirkulationsmuster, indem sie den Jetstream verlagern, der beeinflußt, welchen Kurs Stürme nehmen. Dies kann in einigen Gebieten zu starken Regen- und Schneefällen führen, während in anderen ungewöhnliche Hitze und Trockenheit herrschen. Wie weit sich diese Auswirkungen ausbreiten, hängt von der Stärke des El Niño ab.</p> <p>Bei schwächeren Ereignissen, wie denen, die 2018 und 2023 begannen, waren Auswirkungen wie Dürren und Überschwemmungen vor allem im tropischen Pazifik und dessen Umgebung zu beobachten. Starke El-Niño-Ereignisse, wie das von 2015–2016, reichen viel weiter und verursachen Dürren in Afrika und Überschwemmungen in Kalifornien. El Niños erreichen ihren Höhepunkt normalerweise zwischen November und Januar, daher wird es noch einige Monate dauern, bis die größten Auswirkungen deutlich werden – dieser ist später.<br></br>„Jedes El-Niño-Ereignis ist anders“, sagte die JPL-Meeresforscherin Severine Fournier, stellvertretende Projektwissenschaftlerin für Sentinel-6 Michael Freilich. „Aber sie sorgen fast immer für ein heißes Jahr und große Veränderungen bei den Niederschlägen in Teilen der Welt.“ Dazu liegen mittlerweile reichlich und detaillierte Wetter- und Klimaaufzeichnungen vor.</p> <p>Der 2020 gestartete <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Sentinel-6 Michael Freilich ist der derzeitige offizielle Referenzsatellit für globale Meeresspiegelmessungen.</a> Er setzt auch die Tradition der US-Ozeanforschung fort, die 1992 mit dem Satelliten TOPEX/Poseidon begann. Seitdem haben eine Reihe von Nachfolgern den Staffelstab übernommen, und der neueste, Sentinel-6B, der im November 2025 gestartet wurde, wird bis Ende 2026 die Nachfolge seines Vorgängers antreten. <br></br>Soweit die Pressemitteilung der NASA.<br></br>Die Sentinel-Stelliten sind machtvolle Wächter über die Weltozeane – inwieweit die USA sie in Zukunft nutzen werden, steht zurzeit in den Sternen.</p> <h2><strong>Trump-Regierung schreddert Ozean- und Klimaforschung</strong></h2> <p>Die junge Nation der USA zwischen zwei Ozeanen begriffen noch im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Ozeane für Wirtschaft, Geopolitik, Versorgung u a. Darum bauten sie systematisch eines der ersten und aktuell sicherlich das größte <a href="https://bsky.app/hashtag/Ozeanographie" rel="noopener">Ozeanographie</a>-Netzwerk auf, das stetig modernisiert und erweitert wurde. Längst sind die Datenströme von Schiffen, unbemannten Glidern, Bojen-Netzwerken, Satelliten und andere Meßreihen von elementarer Bedeutung für <a href="https://bsky.app/hashtag/Meteorologie" rel="noopener">Meteorologie</a> und <a href="https://bsky.app/hashtag/Klimaforschung" rel="noopener">Klimaforschung</a>. Ihre Warnungen sind Grundlagen des <a href="https://bsky.app/hashtag/Katastrophenschutz" rel="noopener">Katastrophenschutz</a>es, <a href="https://bsky.app/hashtag/Bev%C3%B6kerungsschutz" rel="noopener">Bevölkerungsschutz</a>es, der Wirtschaft, Ernährungssicherheit und militärischer Operationen sowie vieler anderer Services eines modernen Staats. Und auch für kleinskalige Entscheidungen in Landwirtschaft und Fischerei, für Reisen und 1001 anderen Nutzen.</p> <p>Aber die Klimakrisenleugner und Fossillobbyisten der Trump-Regierung reißen diese Meß-Netzwerke gerade ab: Neben der <a href="https://www.scientificamerican.com/article/three-nasa-climate-satellites-are-dying-theres-no-plan-to-replace-them/" rel="noopener">Streichung der Finanzierung mehrerer NASA-Klimasatelliten in 2025</a> zerstören sie <a href="https://www.washingtonpost.com/national/2026/06/02/climate-oceans-data-trump-science/6d7385ca-5edc-11f1-9c46-d6211372eede_story.html" rel="noopener">jetzt ein 368 Millionen Dollar teures Messnetz, das sowohl im Atlantik als auch im Pazifik Daten</a> erfasst und von entscheidender Bedeutung für die Klima- und Meeresforschung ist, wie etwa die Washington Post schreibt. Diese Bojen-Sensoren-Netzwerk liefert Daten zum Schutz der Küsten, die durch immer höhere Flutwellen und stärkere Stürme zunehmend gefährdet werden. So können Küstenwohner gewarnt und evakuiert werden (auch wenn der <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/20-jahre-hurrikan-katrina-louisiana-100.html" rel="noopener">Küsten- und Zivilschutz in den USA inkl. Hurrikanwarnungen</a> ohnehin nicht stark ausgeprägt ist und nun weiter zurückfällt). Der Abriß der Wetter- und Klimadatenerhebung und -analyse <a href="https://www.washingtonpost.com/opinions/2025/07/21/oceanography-national-security-noaa/" rel="noopener">schadet auch den USA selbst, wie bereits 2025 die Washington Post </a>feststellte: Schließlich hängen US-AkteurInnen weltweit ob für Wirtschaft, Militär, Flugverkehr oder andere Aktivitäten von Daten in Echtzeit ab.</p> <p>Längst versuchen US-Forschende, i<a href="https://www.bbc.com/future/article/20250422-usa-scientists-race-to-save-climate-data-before-its-deleted-by-the-trump-administration" rel="noopener">hre Wetter- und Klimadaten vor der Wut der MAGA-Öl-Unterstützer und Milliardäre zu retten</a>, die in der <a href="https://www.npr.org/2025/08/08/nx-s1-5495338/climate-change-environment-websites-trump" rel="noopener">2. Amtszeit des wahnwitzigen US-Führers wesentlich schneller und weitreichender gelöscht werden</a>.</p> <p>Für die Bevölkerung der USA und weltweit sind dies in Zeiten der Klimakrise keine guten Nachrichten.</p> <h2><strong>Historie und Instrumente der Ozeanographie</strong></h2> <p>Zum Lesen und Anschauen:</p> <p><a href="https://www.zvab.com/buch-suchen/autor/kunzig-robert/" rel="noopener">Kunzig, Robert</a>: „Der unsichtbare Kontinent: Die Entdeckung der Meerestiefe“<br></br>(Schon älter, es gibt sicherlich neuere)</p> <p><a href="https://oceansciencehistory.com/" rel="noopener">Official Website of the International Commission of the History of Oceanography</a></p> <p><a href="https://www.zoologisches-museum.uni-kiel.de/de/dauerausstellungen" rel="noopener">Zoologisches Museum der Uni Kiel</a>: neben vielen Walen u a Meeresgeschöpfen eine exzellente Ausstellung zur Ozeanographie in Kooperation mit GEOMAR. Ich war selbst etwas überrascht, wie großflächig, autonom und tief diese ozeanographische Infrastruktur mittlerweile reicht. Lohnt sich sehr!</p> <p><a href="https://www.noc.ac.uk/who-we-are/our-history" rel="noopener">National Oceanography Centre</a></p> <p><a href="Sentinel">EUMETSAT: Sentinel</a></p> <p><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">„Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</a>: In meinem Sachbuch beschreibe ich auch, wie die Kolonialstaaten u a mit Wissenschaft Macht erlangten und festigten </p> <p>Diese Liste bitte gern ergänzen!<br></br>Ich füge Titel und Tipps aus Kommentaren hier ein</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Gigantische Warmwasserwelle im Pazifik kündigt El Nino 2026 an » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Dass 2026 ein gewaltiges El Niño-Jahr in einer bereits erwärmten Welt und zu warmen Meeren werden dürfte, wird seit Monaten von verschiedenen Meeres- und Klimaforschenden angekündigt. Satellitendaten und Meßsysteme in den Ozeanen messen Temperaturanstiege und Änderungen und liefern umfassende und Besorgnis erregende Daten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="626" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-1024x626.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54-768x469.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-54.png 1033w" width="1024"></img></a><figcaption>Pressemitteilung der WMO: „Prepare for El Niño“<br></br>https://wmo.int/news/media-centre/wmo-prepare-el-nino</figcaption></figure> <p>Am 27. Mai 2026 hat die <a href="http://www.nasa.gov/home/index.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NASA</a> auf Basis des weltweiten Satellitennetzwerks ein kurzes Update gebracht: „<strong><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">A giant warm wave is crossing the Pacific, signaling an El Niño that could alter weather worldwide this year</a>“ </strong>(edited by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Gaby Clark</a>, reviewed by <a href="https://sciencex.com/help/editorial-team/" rel="noopener">Andrew Zinin</a>).</p> <figure><video controls="" src="https://d2pn8kiwq2w21t.cloudfront.net/media/1-PIA26710_EL_NI%C3%91O_ENSO_20260302_20260518-web.mp4"></video><figcaption>The international Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite observed a swell of warm water, called a Kelvin wave, moving eastward in the equatorial Pacific Ocean, arriving off the South American coast in May. Warm Kelvin waves often precede El Niño events.<br></br> Credit: NASA/JPL-Caltech<br></br>https://www.jpl.nasa.gov/news/nasa-european-sea-level-mission-homes-in-on-el-nino/?utm_source=TWITTER&amp;utm_medium=NASAJPL&amp;utm_campaign=NASASocial&amp;linkId=951221077</figcaption></figure> <p>Einige Monate vor dem Auftreten eines El Niño bewegen sich Wellen aus höherem, wärmerem Wasser über den Pazifik nach Osten – die Satellitendaten von 2026 zeigen gleich mehrere davon.<br></br>Die Daten stammen aus der NASA/ESA Kooperation des Sentinel-6 Michael Freilich sea level satellite, der sehr exakt die Meereshöhe misst: Eine mehrere hundert Meilen breite Warmwasserfront ist im Pazifik vor der Küste Südamerikas angekommen ist – ein Anzeichen dafür, dass El Niño voraussichtlich im Laufe des Jahres auftreten wird. Da sich Wasser bei Erwärmung ausdehnt, deutet ein Anstieg des Meeresspiegels in einem bestimmten Meeresgebiet auf steigende Meerestemperaturen hin. Und El-Niño-Ereignisse können mit der Erhöhung der Meerestemperaturen in einigen Regionen zu starken Niederschlägen und in anderen zu Niederschlagsdefiziten führen und so das tägliche Leben und den Handel weltweit beeinflussen. <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">Vergangene El Niño-Ereignisse haben immer das Wettergefüge durcheinandergewirbelt und für teilweise schwere Fluten und Dürren gesorgt und für Hungersnöte unter Tieren und Menschen gesorgt.</a></p> <h2>Kelvin-Welle</h2> <p>Der 2020 von der NASA gestartete und von der ESA (Europäische Weltraumorganisation) für das EU-Programm Copernicus geleitete Satellit Sentinel-6 Michael Freilich misst und kartiert alle 10 Tage die Wasserhöhe des gesamten Ozeans auf den Millimeter genau. Im Falle von El Niño verfolgt der Satellit sogenannte warme <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kelvinwelle" rel="noopener">Kelvin-Wellen</a>.</p> <p>Die beobachtete Kelvin-Welle bewegte sich im äquatorialen Pazifik nach Osten und kam im Mai vor der südamerikanischen Küste an. Solche warmen Kelvin-Wellen gehen oft El-Niño-Ereignissen voraus. Diese Wellen bilden sich typischerweise nach kurzen Phasen, in denen sich die Winde über dem äußersten westlichen äquatorialen Pazifik von vorherrschenden Ostwinden – die also von Ost nach West wehen – zu Westwinden verlagern. Dieser Effekt führt in Verbindung mit einer allgemeinen Abschwächung der Ostwinde entlang des Äquators dazu, dass sich das Wasser in den Tropen des westlichen Pazifiks erwärmt und der Meeresspiegel ansteigt. Die entstehende Welle breitet sich dann über mehrere Wochen nach Osten aus, erreicht schließlich Südamerika und führt dazu, dass sich das Wasser vor der Küste erwärmt und ansteigt. Ein El Niño entsteht, wenn sich im Laufe mehrerer Monate mehrere Kelvin-Wellen bilden und sich das warme Wasser vor den Küsten Kolumbiens, Ecuadors und Perus ansammelt. „<a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Zwar hat das diesjährige Phänomen etwas später eingesetzt als die großen</a> El-Niño-Ereignisse von 2015 und 1997, doch es holt langsam auf“, sagte Josh Willis, Meeresforscher am Jet Propulsion Laboratory der NASA in Südkalifornien und Projektwissenschaftler für Sentinel-6 Michael Freilich. „Wir werden sehen, wie stark es noch wird.“<br></br>Bereits der schwächer ausgefallene El Niño 2023 hatte verheerende Folgen auf die Meere, wie <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12595027/" rel="noopener">eine großflächige Korallenbleiche, also ein Riffsterben</a> sowie Giftalgenblüten die <a href="https://www.frontiersin.org/journals/marine-science/articles/10.3389/fmars.2024.1454656/full" rel="noopener">unter anderem Großwale töteten</a>. 2023 wurde durch Dürre und Hitze im Amazonas-Gebiet der Amazonas-Wasserspiegel so niedrig, <a href="https://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/amazonien/el-nino-wetter-in-der-heissen-phase" rel="noopener">dass viele Dörfer, deren einzige Infrastruktur der Fluß ist, abgeschnitten wurden, es entstanden Trinkwasser- und Nahrungsknappheit</a>. Außerdem starben Flußdelphine massenhaft an Überhitzung.<br></br>Beim besonders starken El Niño <a href="https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6055221/" rel="noopener">2015/2016 starben im Südpazifik mindestens 343 Seiwale an Giftalgen</a> und würden an der chilenischen Küste angespült.<aside></aside></p> <p>Messungen von Sentinel-6 Michael Freilich zeigen also, dass sich Ende Januar 2026 zunächst eine kleine Kelvin-Welle um Mikronesien bildete, die sich bis Mitte Februar auflöste. Anfang März entstand eine neue Welle, die sich im Laufe der Zeit nach Osten bewegte. Bis Mitte Mai lag der Meeresspiegel vor der Küste Perus um mehr als 15 Zentimeter über dem langjährigen Durchschnitt.</p> <p><a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">„Die Beobachtung von El Niño durch die NASA</a> nutzt Meeresspiegelsatelliten wie Sentinel-6 Michael Freilich, um massive Kelvin-Wellen auf ihrem Weg über den Pazifik zu verfolgen, Veränderungen in der Thermodynamik der Ozeane zu erfassen, Vorhersagen zu Wetterextremen zu verbessern und Gemeinden dabei zu helfen, sich auf potenzielle Gefahren an der Küste vorzubereiten“, sagte Nadya Vinogradova Shiffer, leitende Programmwissenschaftlerin am NASA-Hauptquartier in Washington.<br></br>In diesem Fall gab es bereits früh im Jahr Anzeichen dafür, die sich im März und April verdichteten, wie die <a href="https://library.wmo.int/records/item/69878-may-2026" rel="noopener">WMO (World Meteorological Organization) immer wieder in aktualisierten Reports schrieb.</a></p> <h2><strong>Tracking El Niño</strong></h2> <p>Der Begriff „El Niño“ – Spanisch: Der Junge –  geht auf Fischer des  17. Jahrhundert zurück – eine Anspielung auf die Geburt des Jesuskindes. Um diese Jahreszeit trat das Phänomen verstärkt auf und <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">im wärmeren Wasser fingen die Fischer weniger Fisch.</a></p> <p>Auch wenn das „Christkind“ zunächst ein eher regionales Wettergeschehen ist, kann er überregionale, manchmal sogar globale Auswirkungen haben: Höhere Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik beeinflussen die globalen atmosphärischen Zirkulationsmuster, indem sie den Jetstream verlagern, der beeinflußt, welchen Kurs Stürme nehmen. Dies kann in einigen Gebieten zu starken Regen- und Schneefällen führen, während in anderen ungewöhnliche Hitze und Trockenheit herrschen. Wie weit sich diese Auswirkungen ausbreiten, hängt von der Stärke des El Niño ab.</p> <p>Bei schwächeren Ereignissen, wie denen, die 2018 und 2023 begannen, waren Auswirkungen wie Dürren und Überschwemmungen vor allem im tropischen Pazifik und dessen Umgebung zu beobachten. Starke El-Niño-Ereignisse, wie das von 2015–2016, reichen viel weiter und verursachen Dürren in Afrika und Überschwemmungen in Kalifornien. El Niños erreichen ihren Höhepunkt normalerweise zwischen November und Januar, daher wird es noch einige Monate dauern, bis die größten Auswirkungen deutlich werden – dieser ist später.<br></br>„Jedes El-Niño-Ereignis ist anders“, sagte die JPL-Meeresforscherin Severine Fournier, stellvertretende Projektwissenschaftlerin für Sentinel-6 Michael Freilich. „Aber sie sorgen fast immer für ein heißes Jahr und große Veränderungen bei den Niederschlägen in Teilen der Welt.“ Dazu liegen mittlerweile reichlich und detaillierte Wetter- und Klimaaufzeichnungen vor.</p> <p>Der 2020 gestartete <a href="https://phys.org/news/2026-05-giant-pacific-el-nio-weather.html" rel="noopener">Sentinel-6 Michael Freilich ist der derzeitige offizielle Referenzsatellit für globale Meeresspiegelmessungen.</a> Er setzt auch die Tradition der US-Ozeanforschung fort, die 1992 mit dem Satelliten TOPEX/Poseidon begann. Seitdem haben eine Reihe von Nachfolgern den Staffelstab übernommen, und der neueste, Sentinel-6B, der im November 2025 gestartet wurde, wird bis Ende 2026 die Nachfolge seines Vorgängers antreten. <br></br>Soweit die Pressemitteilung der NASA.<br></br>Die Sentinel-Stelliten sind machtvolle Wächter über die Weltozeane – inwieweit die USA sie in Zukunft nutzen werden, steht zurzeit in den Sternen.</p> <h2><strong>Trump-Regierung schreddert Ozean- und Klimaforschung</strong></h2> <p>Die junge Nation der USA zwischen zwei Ozeanen begriffen noch im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Ozeane für Wirtschaft, Geopolitik, Versorgung u a. Darum bauten sie systematisch eines der ersten und aktuell sicherlich das größte <a href="https://bsky.app/hashtag/Ozeanographie" rel="noopener">Ozeanographie</a>-Netzwerk auf, das stetig modernisiert und erweitert wurde. Längst sind die Datenströme von Schiffen, unbemannten Glidern, Bojen-Netzwerken, Satelliten und andere Meßreihen von elementarer Bedeutung für <a href="https://bsky.app/hashtag/Meteorologie" rel="noopener">Meteorologie</a> und <a href="https://bsky.app/hashtag/Klimaforschung" rel="noopener">Klimaforschung</a>. Ihre Warnungen sind Grundlagen des <a href="https://bsky.app/hashtag/Katastrophenschutz" rel="noopener">Katastrophenschutz</a>es, <a href="https://bsky.app/hashtag/Bev%C3%B6kerungsschutz" rel="noopener">Bevölkerungsschutz</a>es, der Wirtschaft, Ernährungssicherheit und militärischer Operationen sowie vieler anderer Services eines modernen Staats. Und auch für kleinskalige Entscheidungen in Landwirtschaft und Fischerei, für Reisen und 1001 anderen Nutzen.</p> <p>Aber die Klimakrisenleugner und Fossillobbyisten der Trump-Regierung reißen diese Meß-Netzwerke gerade ab: Neben der <a href="https://www.scientificamerican.com/article/three-nasa-climate-satellites-are-dying-theres-no-plan-to-replace-them/" rel="noopener">Streichung der Finanzierung mehrerer NASA-Klimasatelliten in 2025</a> zerstören sie <a href="https://www.washingtonpost.com/national/2026/06/02/climate-oceans-data-trump-science/6d7385ca-5edc-11f1-9c46-d6211372eede_story.html" rel="noopener">jetzt ein 368 Millionen Dollar teures Messnetz, das sowohl im Atlantik als auch im Pazifik Daten</a> erfasst und von entscheidender Bedeutung für die Klima- und Meeresforschung ist, wie etwa die Washington Post schreibt. Diese Bojen-Sensoren-Netzwerk liefert Daten zum Schutz der Küsten, die durch immer höhere Flutwellen und stärkere Stürme zunehmend gefährdet werden. So können Küstenwohner gewarnt und evakuiert werden (auch wenn der <a href="https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/20-jahre-hurrikan-katrina-louisiana-100.html" rel="noopener">Küsten- und Zivilschutz in den USA inkl. Hurrikanwarnungen</a> ohnehin nicht stark ausgeprägt ist und nun weiter zurückfällt). Der Abriß der Wetter- und Klimadatenerhebung und -analyse <a href="https://www.washingtonpost.com/opinions/2025/07/21/oceanography-national-security-noaa/" rel="noopener">schadet auch den USA selbst, wie bereits 2025 die Washington Post </a>feststellte: Schließlich hängen US-AkteurInnen weltweit ob für Wirtschaft, Militär, Flugverkehr oder andere Aktivitäten von Daten in Echtzeit ab.</p> <p>Längst versuchen US-Forschende, i<a href="https://www.bbc.com/future/article/20250422-usa-scientists-race-to-save-climate-data-before-its-deleted-by-the-trump-administration" rel="noopener">hre Wetter- und Klimadaten vor der Wut der MAGA-Öl-Unterstützer und Milliardäre zu retten</a>, die in der <a href="https://www.npr.org/2025/08/08/nx-s1-5495338/climate-change-environment-websites-trump" rel="noopener">2. Amtszeit des wahnwitzigen US-Führers wesentlich schneller und weitreichender gelöscht werden</a>.</p> <p>Für die Bevölkerung der USA und weltweit sind dies in Zeiten der Klimakrise keine guten Nachrichten.</p> <h2><strong>Historie und Instrumente der Ozeanographie</strong></h2> <p>Zum Lesen und Anschauen:</p> <p><a href="https://www.zvab.com/buch-suchen/autor/kunzig-robert/" rel="noopener">Kunzig, Robert</a>: „Der unsichtbare Kontinent: Die Entdeckung der Meerestiefe“<br></br>(Schon älter, es gibt sicherlich neuere)</p> <p><a href="https://oceansciencehistory.com/" rel="noopener">Official Website of the International Commission of the History of Oceanography</a></p> <p><a href="https://www.zoologisches-museum.uni-kiel.de/de/dauerausstellungen" rel="noopener">Zoologisches Museum der Uni Kiel</a>: neben vielen Walen u a Meeresgeschöpfen eine exzellente Ausstellung zur Ozeanographie in Kooperation mit GEOMAR. Ich war selbst etwas überrascht, wie großflächig, autonom und tief diese ozeanographische Infrastruktur mittlerweile reicht. Lohnt sich sehr!</p> <p><a href="https://www.noc.ac.uk/who-we-are/our-history" rel="noopener">National Oceanography Centre</a></p> <p><a href="Sentinel">EUMETSAT: Sentinel</a></p> <p><a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">„Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</a>: In meinem Sachbuch beschreibe ich auch, wie die Kolonialstaaten u a mit Wissenschaft Macht erlangten und festigten </p> <p>Diese Liste bitte gern ergänzen!<br></br>Ich füge Titel und Tipps aus Kommentaren hier ein</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/gigantische-warmwasserwelle-im-pazifik-kuendigt-el-nino-2026-an/#comments 4 Mersenne Primes, GPUs, and a Number With 41 Million Digits https://scilogs.spektrum.de/hlf/mersenne-primes-gpus-and-a-number-with-41-million-digits/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/mersenne-primes-gpus-and-a-number-with-41-million-digits/#comments Wed, 03 Jun 2026 12:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14420 <h1>Mersenne Primes, GPUs, and a Number With 41 Million Digits - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>In October 2024, mankind found a new prime number. It was also the largest prime number, featuring a gargantuan 41,024,320 digits. The number (defined as 2<sup>136,279,841</sup> – 1) was special for another reason: It did not come as a result of a new equation or algorithm, nor did it come as a result of CPU calculation. No, this number was discovered through a GPU-driven workflow.</p> <p>Orchestrated by researcher Luke Durant, the effort utilized a global cloud supercomputer spanning 17 countries and 24 data center regions, leveraging the parallel processing power of thousands of high-performing GPUs. But why does finding this number matter?</p> <h3><strong>Mersenne Primes</strong></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png"><img alt="Arrangements of prime and composite numbers." decoding="async" fetchpriority="high" height="955" sizes="(max-width: 681px) 100vw, 681px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png 681w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149-214x300.png 214w" width="681"></img></a><figcaption>Composite numbers can be arranged into rectangles of this form. Prime numbers cannot. Image via Wiki Commons (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primes-vs-composites.svg" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Mersenne numbers take the form M<sub>p</sub> = 2<sup>p</sup> – 1, where <em>p</em> is an integer. A fundamental theorem of number theory dictates that if M<sub>p</sub> is prime, then <em>p</em> <a href="https://mathworld.wolfram.com/MersennePrime.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">must itself be</a> a prime number. However, the relationship is not reciprocal, and the primality of <em>p</em> does not guarantee the primality of M<sub>p</sub>.</p> <p>Primes of this specific form are known as Mersenne primes, named after the 17th-century French monk Marin Mersenne, who studied them extensively. Mersenne the monk was a polymath and his seminal work on music theory, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Harmonie_universelle" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Harmonie universelle</em></a>, is widely regarded as the first major study of acoustics. He also developed Mersenne’s laws, which describe the harmonics on a vibrating string. Yet for mathematicians, his most enduring work is in primes.</p> <p>Mersenne primes have fascinated mathematicians for centuries due to their direct connection to perfect numbers, integers equal to the sum of their proper divisors. According to the Euclid-Euler theorem, every even perfect number <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euclid%E2%80%93Euler_theorem" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can be expressed</a> in the form 2<sup>p-1</sup>(2<sup>p</sup> – 1), where 2<sup>p – 1</sup> is a Mersenne prime.<aside></aside></p> <p>There is another reason why Mersenne primes get special treatment: They are easy to test for.</p> <p>There are infinitely many prime numbers, a fact mathematicians have known since antiquity. So while we cannot find the “last” prime number, we can keep finding bigger and bigger ones. But when the numbers get very large, it is not easy to see whether they are in fact primes.</p> <p>In practice, researchers keep pushing that boundary outward by testing numbers that are especially well suited to modern computation. That is why so many record-holders are Mersenne primes, even though they are relatively rare: They can be tested through efficient methods like the Lucas-Lehmer test. We have most likely missed out on a number of smaller prime numbers because testing them is inefficient.</p> <p>For Mersennes, the standard test (called the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lucas%E2%80%93Lehmer_primality_test" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lucas-Lehmer test</a>) is elegant. You start with a fixed value, repeat a specific squaring and reduction process, and after enough rounds, you see whether the number passes or fails. It is a deterministic test, and a narrow one, and it is substantially faster than the algorithms that can be used for other types of primes.</p> <p>When you work with binary hardware, reduction modulo 2<sup>p</sup> – 1 can be done with shifts and additions instead of division, which is more computationally intensive. Reduction modulo just means taking a very large number and replacing it with its remainder after division by another one. In the Lucas-Lehmer test, the computer keeps producing enormous intermediate values, far too large to handle efficiently if it carried every digit forever. So after each step it trims them back into a manageable range by computing that remainder.</p> <p>The real breakthrough here, however, was not just finding a bigger prime. It was proving that the structure of the problem finally matches the structure of modern GPU hardware.</p> <h3><strong>GPUs Are Taking Over</strong></h3> <p>For years, CPUs were at the core of this prime-searching quest. It is not necessarily because they were ideally suited for the task, but rather because they were everywhere. This made it easier for remote people to work together in initiatives like <a href="https://www.mersenne.org" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GIMPS</a>.</p> <p>GIMPS (the Great Internet Mersenne Prime Search) was founded in 1996 by computer scientist <a href="https://www.wikiwand.com/en/George_Woltman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">George Woltman</a>. It was one of the first global collaborative computing initiatives and it has found 18 Mersenne primes, 16 of which were the largest when they were discovered.</p> <p>However, all things being equal, GPUs are far better suited for the task, because they contain thousands of specialized cores. Whereas a consumer GPU might have 16 or 32 cores, a data center GPU like the NVIDIA A100 has 6,912 CUDA cores. This enables it to process massive arrays of data simultaneously. Yet GPUs were missing an important puzzle piece: a GPU-specific algorithm.</p> <p>That started taking shape in 2017, when software engineer Mihai Preda developed <a href="https://www.rieselprime.de/ziki/GpuOwL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">gpuOwl</a>. This was before the GPU/data center hype, but Preda recognized that increasing floating-point performance and memory bandwidth of modern GPUs made them ideal for the heavy lifting required by GIMPS.</p> <p>Using this algorithm, a data center in Dublin first flagged a new potential Mersenne prime (M<sub>136279841</sub>) in October 2024 using a method called the Fermat probable prime (PRP) test. The very next day, another data center in San Antonia confirmed it with the Lucas-Lehmer test.</p> <p>These data centers were orchestrated by Luke Durant, a researcher and former NVIDIA engineer, whose “cloud supercomputer” spanned 24 regions across 17 countries, essentially creating a global virtual laboratory. This marks the first GIMPS prime discovered through a probabilistic test (the PRP is probabilistic, not deterministic) rather than a direct Lucas-Lehmer test.</p> <p>This is all very impressive, but it all begs the question: Why go through all this trouble?</p> <h3>What This Does Not Mean for Cryptography</h3> <p>We often link large prime numbers to encryption. But the discovery of M<sub>136279841</sub> does nothing to immediately strengthen digital encryption.</p> <p>Modern cryptographic systems do use large primes, but these primes are still far smaller, usually ranging from 300 to 600 decimal digits. Using a number with 41 <em>million</em> digits would be wildly impractical due to the massive computational requirements. Furthermore, because the prime is publicly known, it would be an insecure choice for a secret key; the security of RSA relies on the difficulty of factoring a large number into two <em>secret</em> prime factors.</p> <p>However, the search for increasingly large primes is essential for the future of cryptography for several theoretical and technical reasons.</p> <p>The techniques used to find Mersenne primes (such as <a href="https://www.aimath.org/news/congruentnumbers/howtomultiply.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FFT-based multiplication</a>) are the same techniques used in prime factorization. By pushing the boundaries of what is computationally possible with these algorithms, mathematicians gain a better understanding of the security margins of current encryption. The search pushes algorithms, benchmarks computational limits, and sharpens our sense of what large-number arithmetic can do.</p> <p>This new Mersenne Prime also highlights a shift in the economic structure of prime hunting. Historically, GIMPS was a grassroots project where individual users donated their personal hardware and electricity. However, Luke Durant’s discovery was the result of a deliberate capital investment. Durant <a href="https://www.washingtonpost.com/science/2024/10/23/nvidia-prime-mersenne-gpu-cloud/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">reportedly spent</a> approximately $2 million of his personal wealth to rent cloud GPU capacity for the search, which lasted nearly exactly one year. GIMPS provides a $3,000 Research Discovery Award for new Mersenne primes, which Durant has indicated he will donate to the Alabama School of Math and Science. Larger prizes exist for major milestones, yet they remain small compared to the infrastructure costs of a large-scale search.</p> <p>The hunt for ever-larger prime numbers serves as the high-stress test for the tools of our era. While the number itself will not be used to secure bank accounts today, the process of finding it may validate a new paradigm of GPU-driven discovery. Historically, it also represents a bridge between the 17th-century musings of a polymath monk and a 21st-century reality where the limits of mathematical knowledge are starting to be defined by silicon tools. Ultimately, though, perhaps we hunt these giant numbers because we are curious; not to add a line to a ledger, but to learn something new about the world. The number of primes is infinite, but so is our curiosity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mersenne Primes, GPUs, and a Number With 41 Million Digits - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>In October 2024, mankind found a new prime number. It was also the largest prime number, featuring a gargantuan 41,024,320 digits. The number (defined as 2<sup>136,279,841</sup> – 1) was special for another reason: It did not come as a result of a new equation or algorithm, nor did it come as a result of CPU calculation. No, this number was discovered through a GPU-driven workflow.</p> <p>Orchestrated by researcher Luke Durant, the effort utilized a global cloud supercomputer spanning 17 countries and 24 data center regions, leveraging the parallel processing power of thousands of high-performing GPUs. But why does finding this number matter?</p> <h3><strong>Mersenne Primes</strong></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png"><img alt="Arrangements of prime and composite numbers." decoding="async" fetchpriority="high" height="955" sizes="(max-width: 681px) 100vw, 681px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149.png 681w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-149-214x300.png 214w" width="681"></img></a><figcaption>Composite numbers can be arranged into rectangles of this form. Prime numbers cannot. Image via Wiki Commons (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Primes-vs-composites.svg" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>Mersenne numbers take the form M<sub>p</sub> = 2<sup>p</sup> – 1, where <em>p</em> is an integer. A fundamental theorem of number theory dictates that if M<sub>p</sub> is prime, then <em>p</em> <a href="https://mathworld.wolfram.com/MersennePrime.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">must itself be</a> a prime number. However, the relationship is not reciprocal, and the primality of <em>p</em> does not guarantee the primality of M<sub>p</sub>.</p> <p>Primes of this specific form are known as Mersenne primes, named after the 17th-century French monk Marin Mersenne, who studied them extensively. Mersenne the monk was a polymath and his seminal work on music theory, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Harmonie_universelle" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>Harmonie universelle</em></a>, is widely regarded as the first major study of acoustics. He also developed Mersenne’s laws, which describe the harmonics on a vibrating string. Yet for mathematicians, his most enduring work is in primes.</p> <p>Mersenne primes have fascinated mathematicians for centuries due to their direct connection to perfect numbers, integers equal to the sum of their proper divisors. According to the Euclid-Euler theorem, every even perfect number <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euclid%E2%80%93Euler_theorem" rel="noreferrer noopener" target="_blank">can be expressed</a> in the form 2<sup>p-1</sup>(2<sup>p</sup> – 1), where 2<sup>p – 1</sup> is a Mersenne prime.<aside></aside></p> <p>There is another reason why Mersenne primes get special treatment: They are easy to test for.</p> <p>There are infinitely many prime numbers, a fact mathematicians have known since antiquity. So while we cannot find the “last” prime number, we can keep finding bigger and bigger ones. But when the numbers get very large, it is not easy to see whether they are in fact primes.</p> <p>In practice, researchers keep pushing that boundary outward by testing numbers that are especially well suited to modern computation. That is why so many record-holders are Mersenne primes, even though they are relatively rare: They can be tested through efficient methods like the Lucas-Lehmer test. We have most likely missed out on a number of smaller prime numbers because testing them is inefficient.</p> <p>For Mersennes, the standard test (called the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lucas%E2%80%93Lehmer_primality_test" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Lucas-Lehmer test</a>) is elegant. You start with a fixed value, repeat a specific squaring and reduction process, and after enough rounds, you see whether the number passes or fails. It is a deterministic test, and a narrow one, and it is substantially faster than the algorithms that can be used for other types of primes.</p> <p>When you work with binary hardware, reduction modulo 2<sup>p</sup> – 1 can be done with shifts and additions instead of division, which is more computationally intensive. Reduction modulo just means taking a very large number and replacing it with its remainder after division by another one. In the Lucas-Lehmer test, the computer keeps producing enormous intermediate values, far too large to handle efficiently if it carried every digit forever. So after each step it trims them back into a manageable range by computing that remainder.</p> <p>The real breakthrough here, however, was not just finding a bigger prime. It was proving that the structure of the problem finally matches the structure of modern GPU hardware.</p> <h3><strong>GPUs Are Taking Over</strong></h3> <p>For years, CPUs were at the core of this prime-searching quest. It is not necessarily because they were ideally suited for the task, but rather because they were everywhere. This made it easier for remote people to work together in initiatives like <a href="https://www.mersenne.org" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GIMPS</a>.</p> <p>GIMPS (the Great Internet Mersenne Prime Search) was founded in 1996 by computer scientist <a href="https://www.wikiwand.com/en/George_Woltman" rel="noreferrer noopener" target="_blank">George Woltman</a>. It was one of the first global collaborative computing initiatives and it has found 18 Mersenne primes, 16 of which were the largest when they were discovered.</p> <p>However, all things being equal, GPUs are far better suited for the task, because they contain thousands of specialized cores. Whereas a consumer GPU might have 16 or 32 cores, a data center GPU like the NVIDIA A100 has 6,912 CUDA cores. This enables it to process massive arrays of data simultaneously. Yet GPUs were missing an important puzzle piece: a GPU-specific algorithm.</p> <p>That started taking shape in 2017, when software engineer Mihai Preda developed <a href="https://www.rieselprime.de/ziki/GpuOwL" rel="noreferrer noopener" target="_blank">gpuOwl</a>. This was before the GPU/data center hype, but Preda recognized that increasing floating-point performance and memory bandwidth of modern GPUs made them ideal for the heavy lifting required by GIMPS.</p> <p>Using this algorithm, a data center in Dublin first flagged a new potential Mersenne prime (M<sub>136279841</sub>) in October 2024 using a method called the Fermat probable prime (PRP) test. The very next day, another data center in San Antonia confirmed it with the Lucas-Lehmer test.</p> <p>These data centers were orchestrated by Luke Durant, a researcher and former NVIDIA engineer, whose “cloud supercomputer” spanned 24 regions across 17 countries, essentially creating a global virtual laboratory. This marks the first GIMPS prime discovered through a probabilistic test (the PRP is probabilistic, not deterministic) rather than a direct Lucas-Lehmer test.</p> <p>This is all very impressive, but it all begs the question: Why go through all this trouble?</p> <h3>What This Does Not Mean for Cryptography</h3> <p>We often link large prime numbers to encryption. But the discovery of M<sub>136279841</sub> does nothing to immediately strengthen digital encryption.</p> <p>Modern cryptographic systems do use large primes, but these primes are still far smaller, usually ranging from 300 to 600 decimal digits. Using a number with 41 <em>million</em> digits would be wildly impractical due to the massive computational requirements. Furthermore, because the prime is publicly known, it would be an insecure choice for a secret key; the security of RSA relies on the difficulty of factoring a large number into two <em>secret</em> prime factors.</p> <p>However, the search for increasingly large primes is essential for the future of cryptography for several theoretical and technical reasons.</p> <p>The techniques used to find Mersenne primes (such as <a href="https://www.aimath.org/news/congruentnumbers/howtomultiply.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FFT-based multiplication</a>) are the same techniques used in prime factorization. By pushing the boundaries of what is computationally possible with these algorithms, mathematicians gain a better understanding of the security margins of current encryption. The search pushes algorithms, benchmarks computational limits, and sharpens our sense of what large-number arithmetic can do.</p> <p>This new Mersenne Prime also highlights a shift in the economic structure of prime hunting. Historically, GIMPS was a grassroots project where individual users donated their personal hardware and electricity. However, Luke Durant’s discovery was the result of a deliberate capital investment. Durant <a href="https://www.washingtonpost.com/science/2024/10/23/nvidia-prime-mersenne-gpu-cloud/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">reportedly spent</a> approximately $2 million of his personal wealth to rent cloud GPU capacity for the search, which lasted nearly exactly one year. GIMPS provides a $3,000 Research Discovery Award for new Mersenne primes, which Durant has indicated he will donate to the Alabama School of Math and Science. Larger prizes exist for major milestones, yet they remain small compared to the infrastructure costs of a large-scale search.</p> <p>The hunt for ever-larger prime numbers serves as the high-stress test for the tools of our era. While the number itself will not be used to secure bank accounts today, the process of finding it may validate a new paradigm of GPU-driven discovery. Historically, it also represents a bridge between the 17th-century musings of a polymath monk and a 21st-century reality where the limits of mathematical knowledge are starting to be defined by silicon tools. Ultimately, though, perhaps we hunt these giant numbers because we are curious; not to add a line to a ledger, but to learn something new about the world. The number of primes is infinite, but so is our curiosity.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/mersenne-primes-gpus-and-a-number-with-41-million-digits/#comments 2 Die Strafmündigkeit und Tötungsdelikte von Kindern https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/#comments Wed, 03 Jun 2026 11:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3610 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Die Strafmündigkeit und Tötungsdelikte von Kindern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie oft kommen sie vor und was sagen die Entwicklungswissenschaften zu den Altersgrenzen des Rechts?</strong></p> <span id="more-3610"></span> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte – Mord und Totschlag – eher seltene Ausnahmen in einem Land wie Deutschland. Sie machten laut der <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2025/pks2025_node.html" rel="noopener">Polizeilichen Kriminalstatistik</a> (PKS) des BKA für das Jahr 2025 weniger als 1 Prozent der erfassten Fälle von Gewaltkriminalität (n = 212.335) aus. Man könnte es aber umdrehen und sagen, dass 3.456 Fälle fast zehn am Tag sind. Das klingt auf einmal nach viel.</p> <p>Die richteten sich übrigens 2.291-mal gegen ein männliches, 1.165-mal gegen ein weibliches Opfer. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, ist für einen Mann also ziemlich genau doppelt so hoch wie für eine Frau.</p> <p>Tötungsdelikte sind aber ein Beispiel für gute Polizeiarbeit: Die Aufklärungsquote liegt bei ihnen bei fast 100 Prozent. Ähnlich positiv ist die Bilanz zum Beispiel bei den sogenannten Rauschgiftdelikten. Über alle Delikte hinweg liegt sie aber bei nur rund 58 Prozent. (Am Rande zu den Rauschgiftdelikten: Selbst die Polizei erkannt an, dass dies „Straftaten ohne Opfer“ sind. Seit der Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 hat sich deren Anzahl fast halbiert.)</p> <p>Und es gibt Tötungsdelikte in Deutschland, bei denen dem Strafrecht ein harter Riegel vorgeschoben ist: nämlich dann, wenn Täterinnen oder Täter jünger als 14 Jahre alt sind. In solchen Fällen geht das deutsche Strafrecht von einer allgemeinen Schuldunfähigkeit aus: „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“, steht in § 19 des Strafgesetzbuchs (StGB). Eine Ausnahme von der Schuldfähigkeit gibt es sonst nur, wenn jemand, kurz gesagt, beim Begehen einer Tat wegen einer psychischen Störung „unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 20 StGB). Letzteres wird meist als Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zusammengefasst.<aside></aside></p> <p>Zum Glück sind solche schweren Taten von Kindern äußerst selten. Die PKS erfasste für das Jahr 2025 hiervon 25, also etwa eine alle zwei Wochen. Obwohl – oder vielleicht eher: <em>weil</em> – sie damit nur 4 von 1.000 Tötungsdelikten ausmachen, erhalten sie mitunter eine außergewöhnliche mediale Aufmerksamkeit. Unter die genannten 25 fallen in der Kriminalstatistik aber auch Verdachtsfälle, die sich später als Unfälle erweisen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Altersgrenzen</h2> <p>Altersgrenzen sind für rechtliche Zwecke äußerst praktisch, denn am Geburtsdatum einer Person besteht in unserer durchbürokratisierten Welt in der Regel kein Zweifel. So kennt das deutsche Recht heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Altersstufen_im_deutschen_Recht" rel="noopener">über 200 Altersgrenzen</a>, schon von vor der Geburt (zum Beispiel im Erbrecht, § 2101 BGB) bis zum 80. Lebensjahr, nämlich bei Verschollenen (§§ 3 und 9 VerschG).</p> <p>Dass solche Grenzen eher willkürlich gezogen sind, sieht man sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich. So galten in Deutschland bis 1923 zwölf Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit. In der Weimarer Republik hob man sie auf 14 Jahre an. In der NS-Diktatur ließ man bei Straftaten zum „Schutz des Volkes“ wieder Ausnahmen ab zwölf Jahren zu. Natürlich legten damals die Diktatoren fest, wovor das Volk am meisten geschützt werden sollte – nämlich dem Ende ihrer Terrorherrschaft. In der Bundesrepublik legte man die Untergrenze dann wieder auf 14 Jahre fest.</p> <p>Betrachten wir für den internationalen Vergleich einmal die Nachbarländer von Deutschland. Ohne hier auf alle Feinheiten eingehen zu können, gilt Folgendes: In den Niederlanden, wo ich dieser Zeilen schreibe, liegt die Untergrenze bei zwölf Jahren; in Belgien und Luxemburg erst bei 18(!) Jahren; in Frankreich gibt es <em>gar keine</em> Untergrenze, die Möglichkeit für Freiheitsstrafen aber erst ab 13; in der Schweiz sind es nur zehn Jahre, mit Freiheitsstrafen ab 15; in Österreich und Tschechien 14; in Polen sind es allgemein 17 Jahre, bei schweren Straftaten aber 15; und in Dänemark schließlich 15 Jahre. Zum Nachlesen gibt es hier <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/657526/c653898dc32a439fcef295ab9ad3475f/WD-7-120-19-pdf-data.pdf" rel="noopener">eine Übersicht</a> der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags.</p> <p>Dieses – nennen wir es einmal: Durcheinander – ist der Status quo. Kann die Wissenschaft von der Entwicklung des Menschen hier vielleicht ein deutlicheres Bild liefern?</p> <h2>Wissenschaft von den Altersgrenzen</h2> <p>Vor fast zehn Jahren habe ich mir für meine Forschung zum ersten Mal so ein Beispiel angeschaut. Dabei ging es darum, in den Niederlanden die Altersgrenze für die mögliche Anwendung des Jugendstrafrechts <em>anzuheben</em>. Seit 2014 kann ein Strafgericht hier tatsächlich bis zum Alter von einschließlich 22 Jahren (in Deutschland: 20 Jahren) die milderen und pädagogischeren Regeln anwenden.</p> <p>In der Praxis ist das aber kaum von Bedeutung, weil fast alle Straftäterinnen und -täter in dieser Altersgruppe nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden (NL: &gt; 90 Prozent, DE: &gt; 33 Prozent). Die deutschen Strafgerichte gehen in dieser Hinsicht also eher milde mit jungen Erwachsenen um, die niederländischen ziemlich hart. Vor der genannten Anhebung der Altersgrenze wurden sogar über 99 Prozent nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt.</p> <p>In der Debatte hagelte es damals Argumente, die Hirnforschung zeige, dass sich die Gehirnentwicklung des Menschen noch bis in die 20er-Jahre fortsetze. Das ist einerseits trivial, weil sich das Gehirn ein Leben lang verändert. In Diskussionen etwa zum lebenslangen Lernen oder zur Rehabilitation nach Krankheiten oder Verletzungen nennt man das „Neuroplastizität“. Andererseits fand ich bei der näheren Untersuchung der für das Gesetz angeführten wissenschaftlichen Studien heraus, dass deren Ergebnisse die Altersgrenze von 22 Jahren gar nicht stützten und ihr im Teil sogar widersprachen (siehe <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Schleim, 2020</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a>). Saubere wissenschaftliche Arbeit geht anders.</p> <h2>Beispiel „Cannabisgehirn“</h2> <p>Mein zweites Fallbeispiel war das von mir so genannte „Cannabisgehirn“. Dass wichtige Stimmen in der deutschen Ärzteschaft gegen die Teillegalisierung von 2024 waren, ist bekannt; offiziell wollen sie das Gesetz jetzt sogar <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/05/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/" rel="noopener">wieder rückabwickeln</a>, so wie es auch von den Unionsparteien und der AfD gefordert wird. Dass es endlich legale und sichere Wege für die rund 10 Prozent Cannabiskonsumierenden in Deutschland gibt, deren Anteil schon vor der Teillegalisierung seit vielen Jahren stieg, interessiert sie nicht.</p> <p>In der Diskussion um die Entkriminalisierung riefen sie, man müsse wegen der fortschreitenden Gehirnentwicklung eine Untergrenze von 25 Jahren beachten. Vom Bundestag in der Zeit der Ampelkoalition mit Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Dr. med. Karl Lauterbach (SPD) wurde als Untergrenze aber 18 Jahre festgelegt. Dazu kommen einige Einschränkungen, unter anderem im Straßenverkehr, bis zum Alter von einschließlich 20 Jahren.</p> <p>25, 22, 21, 18 Jahre – das sind viele Altersgrenzen, die alle, wie ihre Verteidiger gerne rufen, „wissenschaftlich“ gestützt sein sollen. Wieder ist trivial, dass die Gehirnentwicklung auch nach dem Alter von 25 Jahren voranschreitet. Zum Glück! Aber als ich mir die Studien zum „Cannabisgehirn“ anschaute, war das Ergebnis dasselbe, wie beim Fallbeispiel aus den Niederlanden: Die neurowissenschaftlichen Ergebnisse konnten eine Altersgrenze von 25 Jahren oft schon aus prinzipiellen Gründen gar nicht stützen und widersprachen ihr zum Teil sogar.</p> <p>Die fachlichen Details dazu kann man übrigens in Kürze erstmals auf Deutsch nachlesen, in meinem neuen Fachbuch <em><u><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></u></em>. Alles ist nachvollziehbar und sollte jemand einen Fehler finden, wird der natürlich umgehend korrigiert.</p> <h2>Und die Untergrenze?</h2> <p>Wie wir oben sahen, gehen die Untergrenzen für die Strafmündigkeit schon bei Deutschlands Nachbarländern weit auseinander, vom Fehlen einer scharfen Grenze in Frankreich bis zu 18 Jahren in Belgien und Luxemburg. Wie schon angedeutet, sind dabei bestimmte Feinheiten zu bedenken, die aber eher für eine rechtswissenschaftlich-kriminologische Diskussion von Bedeutung sind.</p> <p>Hier geht es um die Frage, ob die Wissenschaft vielleicht eine bessere Unterscheidung stützen kann, als es die derzeitige Rechtslage hergibt. Wenn Tötungsdelikte von Kindern in die Medien kommen, spricht sich derzeit die Mehrheit der Forschenden in Deutschland <em>gegen</em> eine Absenkung der Altersgrenze von 14 Jahren aus. Manche berufen sich dabei auf den Stand der Wissenschaft.</p> <p>Übrigens wurde das Thema sogar in den „Wahl-O-Mat“ für die Bundestagswahl vom 27. Februar 2025 aufgenommen. Diese wird von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten. Frage 33 von 38 lautete: „Unter 14-Jährige sollen strafrechtlich belangt werden können.“ Wie hätten Sie entscheiden? Ja, nein, oder weiß nicht?</p> <p>Die fachliche Diskussion ist aber schon in dem Sinne fehlplatziert, dass sich das Gehirn, ja der ganze Körper sich kontinuierlich in einem Entwicklungs- und Veränderungsprozess befindet. Man kann allenfalls verschiedene Entwicklungsphasen voneinander unterscheiden. Und das ist, wie wir gleich sehen werden, schon schwierig genug und im Endeffekt auch eine pragmatische Entscheidung.</p> <p>Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, vor allem Phasen <em>unterschiedlicher Entwicklung</em> voneinander zu unterscheiden. Aber selbst das sind übrigens nicht rein biologische Tatsachen, sondern auch kulturelle: So verschiebt sich zurzeit in vielen westlichen Ländern <em>das Ende</em> der Jugend beziehungsweise Adoleszenz und damit <em>der Anfang</em> des selbstständigen Erwachsenenlebens nach hinten. Das hat damit zu tun, dass typische Kennzeichen des Erwachsenseins – wie die Aufnahme der ersten Arbeit, das Leben unabhängig von den Eltern, die feste Partnerschaft oder Hochzeit (wenn überhaupt) – immer später auftreten. Und hierfür gibt es sozio-kulturelle Gründe, die hier zu weit führen, aber zum Beispiel in meinem Buch nachgelesen werden können.</p> <h2>Kinder und Jugendliche</h2> <p>Das Ziehen einer Untergrenze für das Strafrecht ist so schwer, weil die Entwicklung bei Kindern viel schneller voranschreitet als bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Anders gesagt: Die Unterschiede zwischen einem zehn- und zwölfjährigen Menschen sind in der Regel größer als zwischen einem 17- und 19-Jährigen. Das wissen im Übrigen die meisten Eltern, auch ganz ohne wissenschaftliche Forschung.</p> <p>Aus alldem zeichnet sich schon ab, dass sich keine genaue Altersgrenze rein wissenschaftlich festlegen lässt. Es gibt weder im Gehirn noch sonst wo im Körper eine Art Schalter, der am 14., 18. oder 21. Geburtstag umgelegt und erklären würde, dass ein Mensch allenfalls eingeschränkt (ab 14), möglicherweise eingeschränkt (ab 18) oder gar nicht mehr eingeschränkt strafmündig (ab 21) wäre.</p> <p>Trotzdem gibt es so etwas wie einen wissenschaftlichen Konsens, wie ihn die folgende Abbildung darstellt. So legte schon in den 1980er-Jahren die Weltgesundheitsorganisation die Adoleszenz als die Phase von zehn bis einschließlich 19 Jahren fest. Dem schlossen sich später einschlägige wissenschaftliche Werke an oder dehnten das Ende dieser Lebensphase sogar bis zu einschließlich 24 oder 25 Jahren aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den Entwicklungswissenschaften wird die Adoleszenz, die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, heute auf den Altersbereich von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahren festgelegt. In diesem gibt es fließende Übergänge der Entwicklung eines Menschen. (Abbildung aus <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Schleim, 2026</a>)</em></p> <p>Es ist also ein breiter wissenschaftlicher Konsens, von der Adoleszenz als einer Lebensphase von etwa neun oder zehn bis einschließlich 24 oder 25 Jahren zu sprechen. Ein bedeutender nordamerikanischer Entwicklungspsychologe setzte sich noch dafür ein, das Ende der Adoleszenz als abgetrennte Phase des „aufkommenden Erwachsenenalters“ zu unterscheiden, doch das müssen wir hier nicht weiter diskutieren.</p> <p>Was das alles für die Frage der Strafmündigkeit heißt und für Tötungsdelikte von Kindern bedeutet, behandeln wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/">zweiten Teil</a> genauer.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Echtes Neuro-Strafrecht: Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/vom-streit-um-die-willensfreiheit-zum-buergerkrieg-gruesse-aus-dem-17-jahrhundert/">Vom Streit um die Willensfreiheit zum Bürgerkrieg? Grüße aus dem 17. Jahrhundert</a></li> </ul> <h2>Quellen</h2> <ul> <li>Schleim, S. (2020). <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Real neurolaw in the Netherlands: the role of the developing brain in the new adolescent criminal law</a>. <em>Frontiers in Psychology</em>, <em>11</em>, 1762.<br></br>Schleim, S. (2025). <a href="https://www.kriminalistik.de/99212.htm#Beitrag1" rel="noopener">Zur Rolle der Gehirnentwicklung für rechtliche Altersgrenzen: Ein psychologisch-neurowissenschaftlicher Blick auf die Ober- und Untergrenze des Jugendstrafrechts</a>. <em>Kriminalistik</em>, 79, 586-594.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/e5c548ca0bca416795de6743ca931ef9" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/williamcho-justice-2060093-1024x683.jpg" /><h1>Die Strafmündigkeit und Tötungsdelikte von Kindern » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie oft kommen sie vor und was sagen die Entwicklungswissenschaften zu den Altersgrenzen des Rechts?</strong></p> <span id="more-3610"></span> <p>Zum Glück sind Tötungsdelikte – Mord und Totschlag – eher seltene Ausnahmen in einem Land wie Deutschland. Sie machten laut der <a href="https://www.bka.de/DE/AktuelleInformationen/StatistikenLagebilder/PolizeilicheKriminalstatistik/PKS2025/pks2025_node.html" rel="noopener">Polizeilichen Kriminalstatistik</a> (PKS) des BKA für das Jahr 2025 weniger als 1 Prozent der erfassten Fälle von Gewaltkriminalität (n = 212.335) aus. Man könnte es aber umdrehen und sagen, dass 3.456 Fälle fast zehn am Tag sind. Das klingt auf einmal nach viel.</p> <p>Die richteten sich übrigens 2.291-mal gegen ein männliches, 1.165-mal gegen ein weibliches Opfer. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden, ist für einen Mann also ziemlich genau doppelt so hoch wie für eine Frau.</p> <p>Tötungsdelikte sind aber ein Beispiel für gute Polizeiarbeit: Die Aufklärungsquote liegt bei ihnen bei fast 100 Prozent. Ähnlich positiv ist die Bilanz zum Beispiel bei den sogenannten Rauschgiftdelikten. Über alle Delikte hinweg liegt sie aber bei nur rund 58 Prozent. (Am Rande zu den Rauschgiftdelikten: Selbst die Polizei erkannt an, dass dies „Straftaten ohne Opfer“ sind. Seit der Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 hat sich deren Anzahl fast halbiert.)</p> <p>Und es gibt Tötungsdelikte in Deutschland, bei denen dem Strafrecht ein harter Riegel vorgeschoben ist: nämlich dann, wenn Täterinnen oder Täter jünger als 14 Jahre alt sind. In solchen Fällen geht das deutsche Strafrecht von einer allgemeinen Schuldunfähigkeit aus: „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“, steht in § 19 des Strafgesetzbuchs (StGB). Eine Ausnahme von der Schuldfähigkeit gibt es sonst nur, wenn jemand, kurz gesagt, beim Begehen einer Tat wegen einer psychischen Störung „unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln“ (§ 20 StGB). Letzteres wird meist als Einsichts- und Steuerungsfähigkeit zusammengefasst.<aside></aside></p> <p>Zum Glück sind solche schweren Taten von Kindern äußerst selten. Die PKS erfasste für das Jahr 2025 hiervon 25, also etwa eine alle zwei Wochen. Obwohl – oder vielleicht eher: <em>weil</em> – sie damit nur 4 von 1.000 Tötungsdelikten ausmachen, erhalten sie mitunter eine außergewöhnliche mediale Aufmerksamkeit. Unter die genannten 25 fallen in der Kriminalstatistik aber auch Verdachtsfälle, die sich später als Unfälle erweisen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Altersgrenzen</h2> <p>Altersgrenzen sind für rechtliche Zwecke äußerst praktisch, denn am Geburtsdatum einer Person besteht in unserer durchbürokratisierten Welt in der Regel kein Zweifel. So kennt das deutsche Recht heute <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Altersstufen_im_deutschen_Recht" rel="noopener">über 200 Altersgrenzen</a>, schon von vor der Geburt (zum Beispiel im Erbrecht, § 2101 BGB) bis zum 80. Lebensjahr, nämlich bei Verschollenen (§§ 3 und 9 VerschG).</p> <p>Dass solche Grenzen eher willkürlich gezogen sind, sieht man sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich. So galten in Deutschland bis 1923 zwölf Jahre als Untergrenze für die Strafmündigkeit. In der Weimarer Republik hob man sie auf 14 Jahre an. In der NS-Diktatur ließ man bei Straftaten zum „Schutz des Volkes“ wieder Ausnahmen ab zwölf Jahren zu. Natürlich legten damals die Diktatoren fest, wovor das Volk am meisten geschützt werden sollte – nämlich dem Ende ihrer Terrorherrschaft. In der Bundesrepublik legte man die Untergrenze dann wieder auf 14 Jahre fest.</p> <p>Betrachten wir für den internationalen Vergleich einmal die Nachbarländer von Deutschland. Ohne hier auf alle Feinheiten eingehen zu können, gilt Folgendes: In den Niederlanden, wo ich dieser Zeilen schreibe, liegt die Untergrenze bei zwölf Jahren; in Belgien und Luxemburg erst bei 18(!) Jahren; in Frankreich gibt es <em>gar keine</em> Untergrenze, die Möglichkeit für Freiheitsstrafen aber erst ab 13; in der Schweiz sind es nur zehn Jahre, mit Freiheitsstrafen ab 15; in Österreich und Tschechien 14; in Polen sind es allgemein 17 Jahre, bei schweren Straftaten aber 15; und in Dänemark schließlich 15 Jahre. Zum Nachlesen gibt es hier <a href="https://www.bundestag.de/resource/blob/657526/c653898dc32a439fcef295ab9ad3475f/WD-7-120-19-pdf-data.pdf" rel="noopener">eine Übersicht</a> der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags.</p> <p>Dieses – nennen wir es einmal: Durcheinander – ist der Status quo. Kann die Wissenschaft von der Entwicklung des Menschen hier vielleicht ein deutlicheres Bild liefern?</p> <h2>Wissenschaft von den Altersgrenzen</h2> <p>Vor fast zehn Jahren habe ich mir für meine Forschung zum ersten Mal so ein Beispiel angeschaut. Dabei ging es darum, in den Niederlanden die Altersgrenze für die mögliche Anwendung des Jugendstrafrechts <em>anzuheben</em>. Seit 2014 kann ein Strafgericht hier tatsächlich bis zum Alter von einschließlich 22 Jahren (in Deutschland: 20 Jahren) die milderen und pädagogischeren Regeln anwenden.</p> <p>In der Praxis ist das aber kaum von Bedeutung, weil fast alle Straftäterinnen und -täter in dieser Altersgruppe nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden (NL: &gt; 90 Prozent, DE: &gt; 33 Prozent). Die deutschen Strafgerichte gehen in dieser Hinsicht also eher milde mit jungen Erwachsenen um, die niederländischen ziemlich hart. Vor der genannten Anhebung der Altersgrenze wurden sogar über 99 Prozent nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt.</p> <p>In der Debatte hagelte es damals Argumente, die Hirnforschung zeige, dass sich die Gehirnentwicklung des Menschen noch bis in die 20er-Jahre fortsetze. Das ist einerseits trivial, weil sich das Gehirn ein Leben lang verändert. In Diskussionen etwa zum lebenslangen Lernen oder zur Rehabilitation nach Krankheiten oder Verletzungen nennt man das „Neuroplastizität“. Andererseits fand ich bei der näheren Untersuchung der für das Gesetz angeführten wissenschaftlichen Studien heraus, dass deren Ergebnisse die Altersgrenze von 22 Jahren gar nicht stützten und ihr im Teil sogar widersprachen (siehe <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">Schleim, 2020</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/echtes-neuro-strafrecht-ab-welchem-alter-ist-man-voll-verantwortlich/">Ab welchem Alter ist man voll verantwortlich?</a>). Saubere wissenschaftliche Arbeit geht anders.</p> <h2>Beispiel „Cannabisgehirn“</h2> <p>Mein zweites Fallbeispiel war das von mir so genannte „Cannabisgehirn“. Dass wichtige Stimmen in der deutschen Ärzteschaft gegen die Teillegalisierung von 2024 waren, ist bekannt; offiziell wollen sie das Gesetz jetzt sogar <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/05/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/" rel="noopener">wieder rückabwickeln</a>, so wie es auch von den Unionsparteien und der AfD gefordert wird. Dass es endlich legale und sichere Wege für die rund 10 Prozent Cannabiskonsumierenden in Deutschland gibt, deren Anteil schon vor der Teillegalisierung seit vielen Jahren stieg, interessiert sie nicht.</p> <p>In der Diskussion um die Entkriminalisierung riefen sie, man müsse wegen der fortschreitenden Gehirnentwicklung eine Untergrenze von 25 Jahren beachten. Vom Bundestag in der Zeit der Ampelkoalition mit Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Dr. med. Karl Lauterbach (SPD) wurde als Untergrenze aber 18 Jahre festgelegt. Dazu kommen einige Einschränkungen, unter anderem im Straßenverkehr, bis zum Alter von einschließlich 20 Jahren.</p> <p>25, 22, 21, 18 Jahre – das sind viele Altersgrenzen, die alle, wie ihre Verteidiger gerne rufen, „wissenschaftlich“ gestützt sein sollen. Wieder ist trivial, dass die Gehirnentwicklung auch nach dem Alter von 25 Jahren voranschreitet. Zum Glück! Aber als ich mir die Studien zum „Cannabisgehirn“ anschaute, war das Ergebnis dasselbe, wie beim Fallbeispiel aus den Niederlanden: Die neurowissenschaftlichen Ergebnisse konnten eine Altersgrenze von 25 Jahren oft schon aus prinzipiellen Gründen gar nicht stützen und widersprachen ihr zum Teil sogar.</p> <p>Die fachlichen Details dazu kann man übrigens in Kürze erstmals auf Deutsch nachlesen, in meinem neuen Fachbuch <em><u><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></u></em>. Alles ist nachvollziehbar und sollte jemand einen Fehler finden, wird der natürlich umgehend korrigiert.</p> <h2>Und die Untergrenze?</h2> <p>Wie wir oben sahen, gehen die Untergrenzen für die Strafmündigkeit schon bei Deutschlands Nachbarländern weit auseinander, vom Fehlen einer scharfen Grenze in Frankreich bis zu 18 Jahren in Belgien und Luxemburg. Wie schon angedeutet, sind dabei bestimmte Feinheiten zu bedenken, die aber eher für eine rechtswissenschaftlich-kriminologische Diskussion von Bedeutung sind.</p> <p>Hier geht es um die Frage, ob die Wissenschaft vielleicht eine bessere Unterscheidung stützen kann, als es die derzeitige Rechtslage hergibt. Wenn Tötungsdelikte von Kindern in die Medien kommen, spricht sich derzeit die Mehrheit der Forschenden in Deutschland <em>gegen</em> eine Absenkung der Altersgrenze von 14 Jahren aus. Manche berufen sich dabei auf den Stand der Wissenschaft.</p> <p>Übrigens wurde das Thema sogar in den „Wahl-O-Mat“ für die Bundestagswahl vom 27. Februar 2025 aufgenommen. Diese wird von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten. Frage 33 von 38 lautete: „Unter 14-Jährige sollen strafrechtlich belangt werden können.“ Wie hätten Sie entscheiden? Ja, nein, oder weiß nicht?</p> <p>Die fachliche Diskussion ist aber schon in dem Sinne fehlplatziert, dass sich das Gehirn, ja der ganze Körper sich kontinuierlich in einem Entwicklungs- und Veränderungsprozess befindet. Man kann allenfalls verschiedene Entwicklungsphasen voneinander unterscheiden. Und das ist, wie wir gleich sehen werden, schon schwierig genug und im Endeffekt auch eine pragmatische Entscheidung.</p> <p>Im Wesentlichen läuft es darauf hinaus, vor allem Phasen <em>unterschiedlicher Entwicklung</em> voneinander zu unterscheiden. Aber selbst das sind übrigens nicht rein biologische Tatsachen, sondern auch kulturelle: So verschiebt sich zurzeit in vielen westlichen Ländern <em>das Ende</em> der Jugend beziehungsweise Adoleszenz und damit <em>der Anfang</em> des selbstständigen Erwachsenenlebens nach hinten. Das hat damit zu tun, dass typische Kennzeichen des Erwachsenseins – wie die Aufnahme der ersten Arbeit, das Leben unabhängig von den Eltern, die feste Partnerschaft oder Hochzeit (wenn überhaupt) – immer später auftreten. Und hierfür gibt es sozio-kulturelle Gründe, die hier zu weit führen, aber zum Beispiel in meinem Buch nachgelesen werden können.</p> <h2>Kinder und Jugendliche</h2> <p>Das Ziehen einer Untergrenze für das Strafrecht ist so schwer, weil die Entwicklung bei Kindern viel schneller voranschreitet als bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Anders gesagt: Die Unterschiede zwischen einem zehn- und zwölfjährigen Menschen sind in der Regel größer als zwischen einem 17- und 19-Jährigen. Das wissen im Übrigen die meisten Eltern, auch ganz ohne wissenschaftliche Forschung.</p> <p>Aus alldem zeichnet sich schon ab, dass sich keine genaue Altersgrenze rein wissenschaftlich festlegen lässt. Es gibt weder im Gehirn noch sonst wo im Körper eine Art Schalter, der am 14., 18. oder 21. Geburtstag umgelegt und erklären würde, dass ein Mensch allenfalls eingeschränkt (ab 14), möglicherweise eingeschränkt (ab 18) oder gar nicht mehr eingeschränkt strafmündig (ab 21) wäre.</p> <p>Trotzdem gibt es so etwas wie einen wissenschaftlichen Konsens, wie ihn die folgende Abbildung darstellt. So legte schon in den 1980er-Jahren die Weltgesundheitsorganisation die Adoleszenz als die Phase von zehn bis einschließlich 19 Jahren fest. Dem schlossen sich später einschlägige wissenschaftliche Werke an oder dehnten das Ende dieser Lebensphase sogar bis zu einschließlich 24 oder 25 Jahren aus.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In den Entwicklungswissenschaften wird die Adoleszenz, die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, heute auf den Altersbereich von neun oder zehn bis 24 oder 25 Jahren festgelegt. In diesem gibt es fließende Übergänge der Entwicklung eines Menschen. (Abbildung aus <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Schleim, 2026</a>)</em></p> <p>Es ist also ein breiter wissenschaftlicher Konsens, von der Adoleszenz als einer Lebensphase von etwa neun oder zehn bis einschließlich 24 oder 25 Jahren zu sprechen. Ein bedeutender nordamerikanischer Entwicklungspsychologe setzte sich noch dafür ein, das Ende der Adoleszenz als abgetrennte Phase des „aufkommenden Erwachsenenalters“ zu unterscheiden, doch das müssen wir hier nicht weiter diskutieren.</p> <p>Was das alles für die Frage der Strafmündigkeit heißt und für Tötungsdelikte von Kindern bedeutet, behandeln wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/urteil-gegen-12-und-13-jaehrige-moerderinnen-eine-wissenschaftliche-und-ethische-sicht/">zweiten Teil</a> genauer.</p> <h2>Das könnte Sie auch interessieren</h2> <ul> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/" rel="noopener">Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts</a></li> <li><a href="https://menschen-bilder.blog/2026/02/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/" rel="noopener">Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. 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(2025). <a href="https://www.kriminalistik.de/99212.htm#Beitrag1" rel="noopener">Zur Rolle der Gehirnentwicklung für rechtliche Altersgrenzen: Ein psychologisch-neurowissenschaftlicher Blick auf die Ober- und Untergrenze des Jugendstrafrechts</a>. <em>Kriminalistik</em>, 79, 586-594.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten</a></em>. Göttingen: Hogrefe.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/justice-statue-lady-justice-2060093/" rel="noopener">WilliamCho</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/e5c548ca0bca416795de6743ca931ef9" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/die-strafmuendigkeit-und-toetungsdelikte-von-kindern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>8</slash:comments> </item> <item> <title>Asbestbelastung der Luft in Stadt und Land https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/#comments Tue, 02 Jun 2026 19:49:20 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3801 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg Warnschild "Achtung Asbest" und Person im Schutzanzug https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/ <h1>Asbestbelastung der Luft in Stadt und Land » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-02T21:49:20+02:00">02. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 14 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Ich arbeite in einem Asbestlabor. Eine Frage, die uns von unseren Kunden häufig gestellt wird, ist, wie hoch die geogene Hintergrundbelastung, also die Belastung unserer Atemluft mit Asbestfasern, ist. Dazu muss man aber anmerken, dass die Umwelt, in der wir uns aufhalten, auch in sehr starkem Maße von uns Menschen geprägt ist. Die Belastung dürfte daher weit weniger geogen und vielmehr vom Menschen und seinen Werken beeinflusst sein. Die mit Abstand wichtigste Quelle der Hintergrundbelastung sind die asbesthaltigen Materialien in und an unseren Gebäuden und Fahrzeugen.</p> <p>Dazu ist im letzten Jahr glücklicherweise ein Paper erschienen, in dem rund 22 Studien zu dem Thema zusammengefasst wurden [1]. Dabei wurden Untersuchungen von Gebieten mit asbestbezogenen Industrien oder in der Nähe von erhöhten natürlichen Asbestvorkommen herausgenommen. Es zeigte sich, dass niedrige, aber nicht zu vernachlässigende Belastungen der Außenluft auftreten können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg"><img alt="Warnschild &quot;Achtung Asbest&quot; und Person im Schutzanzug" decoding="async" height="800" sizes="(max-width: 534px) 100vw, 534px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg 534w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300.jpg 200w" width="534"></img></a></figure> <h2><br></br>Die sechs Asbestminerale</h2> <p>Teil nicht miteinander verwandt sind. Da wäre zunächst das Serpentinmineral Chrysotil, das mit einem Anteil von 90 bis 95 % der weltweit am häufigsten verwendete Asbest ist [2]. Die übrigen fünf Asbestminerale sind die Amphibole Krokydolith (das Mineral Riebeckit), Amosit (mineralogisch eigentlich das Mineral Grunerit) sowie die wirtschaftlich deutlich untergeordneten Minerale Anthophyllit, Aktinolith und Tremolit. Die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/"> Mineralogie der Amphibolasbeste</a> hatte ich hier ja auch schon behandelt.</p> <p>All diesen Mineralien ist eines gemein. Sie neigen dazu, lange, dünne und faserförmige Kristalle zu bilden, deren Verhältnis von Länge zu Dicke meist deutlich besser als 5 zu 1 ist. Diese Eigenschaft sowie ihre außergewöhnliche Zugfestigkeit, Haltbarkeit und Hitzebeständigkeit machten die mineralischen Fasern zu einem begehrten Rohstoff [3]. Eine der Hauptanwendungen von Asbest lag im Bereich der Baumaterialien, beispielsweise bei der Wärmedämmung, in der Zementproduktion oder als Brandschutz. Auch heute noch kann man Asbest oft als Dach- oder Wandverkleidung oder in Form von Asbestzementrohren antreffen. Ebenso verbreitet sind Bodenbeläge, die Asbest enthalten, sowie Leichtbauplatten. Dabei kann der Asbestgehalt je nach Hersteller oder Land deutlich variieren ​[4] ​[5] .</p> <p>Und nicht nur dort: Auch als Bremsbeläge oder in Kupplungen wurde lange Zeit Asbest verwendet. [3]. Die globale Nutzung von Asbest erreichte 1970 mit rund 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr ihren Höhepunkt [6]. Aufgrund der großen Langlebigkeit der Faser und der damit hergestellten Produkte ist Asbest auch heute noch weltweit in großer Zahl verbreitet.<aside></aside></p> <h3><br></br>Lange Latenzzeit</h3> <p>Das wäre sicher auch kein großes Problem, wenn die faserförmigen Minerale nicht erwiesenermaßen krebserzeugend wären [7]. Es gilt als erwiesen, dass die Exposition gegenüber Asbest verschiedene Erkrankungen verursacht, darunter bösartige Mesotheliome, Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs oder Eierstockkrebs. Darüber hinaus kann eine Exposition auch zu Lungenfibrose, auch als Asbestose bekannt, sowie zu anderen pleuralen Erkrankungen führen.</p> <p>Laut WHO ist Asbest weltweit für jährlich rund 200 000 Todesfälle verantwortlich [8]. Problematisch ist die lange Latenzzeit zwischen einer Asbestexposition und dem Beginn der Erkrankung. Diese kann durchaus Jahrzehnte betragen, weshalb auch noch sehr lange Zeit nach einem Asbestverbot asbestbedingte Krankheiten auftreten. So nahm die globale Inzidenz neuer Mesotheliomfälle im Zeitraum von 1990 bis 2017 zu. Für das Jahr 2017 wurden 34 615 neue Fälle in der Global Burden of Disease Datenbank verzeichnet [9].</p> <h3><br></br>Berufliche vs. nicht-berufliche Exposition</h3> <p>Laut der WHO wird bei Asbest zwischen beruflicher und nichtberuflicher Exposition unterschieden. Als berufliche Exposition werden alle Situationen bezeichnet, in denen Menschen direkt oder indirekt mit der Handhabung von Asbest oder asbesthaltigen Produkten in Kontakt kommen. Die nichtberufliche Exposition ist dagegen ein Oberbegriff für verschiedene Arten der Exposition, die unabhängig von der jeweiligen Arbeit auftreten. Dazu gehört auch die normale Hintergrundbelastung der Umwelt.</p> <h3><br></br>geogene Asbeste und andere Quellen</h3> <p>Dabei wird bei der Hintergrundbelastung zwischen verschiedenen Quellen unterschieden. Einerseits gibt es die sogenannten „natürlichen Asbeste“, die ich eigentlich lieber als „akzessorische Asbeste“ bezeichnen würde. Das Thema hatte ich an anderer Stelle ja schon diskutiert. Andererseits gibt es die Freisetzung aus technischen Asbestprodukten, sei es durch Verwitterung, Abnutzung oder unsachgemäße Verwendung oder Handhabung.</p> <p>Zu den Quellen des geogenen, akzessorischen oder „natürlichen“ Asbests zählen Vorkommen in lokalen Gesteinen und Böden. Auch aus asbesthaltigen Baumaterialien können durch Verwitterung oder menschliche Aktivitäten Asbestfasern freigesetzt werden [10]. Dabei spielt die weltweite Verbreitung asbesthaltiger Produkte sicher eine dominierende Rolle bei der Hintergrundbelastung in unseren Städten und industriellen Regionen. Dies dürfte insbesondere für Länder gelten, in denen die Verwendung von Asbest und asbesthaltigen Produkten bereits seit Längerem verboten ist [11].</p> <p>Insbesondere die der Umwelt ausgesetzten Asbestprodukte im Außenbereich zeigen über längere Zeiträume deutliche Spuren von Verwitterung. Bestimmte Umstände wie Klima, saurer Regen oder atmosphärische Belastung können diese Verwitterung beschleunigen [12] [13]. Dabei können die Bindungen der Asbestfasern entsprechend gelöst werden, sodass diese Fasern in die Luft gelangen. Von dort aus können sie schließlich entweder direkt zum Menschen oder zum Boden gelangen [13].</p> <p>Selbst der Abbau von asbestbelasteten Faserzementdächern kann zu einer geringen Emission von Asbestfasern führen [12]. Langfristige Expositionen gegenüber auch niedrigen Asbestkonzentrationen können deutliche negative Auswirkungen haben [14]. So zeigt sich beispielsweise eine erhöhte Inzidenz von Mesotheliomen bei einer erhöhten Umweltbelastung durch Asbest, insbesondere bei Kindern, deren Schulen in der Nähe von Asbestzementwerken lagen [15]. Es gibt anscheinend keinen sicheren Schwellenwert für die krebserregende Wirkung der Asbestfasern [16].</p> <h2>Asbest in Außenluft am Beispiel Asbestzementdächer</h2> <p>In Polen wurden einige Untersuchungen zu Asbest in der Außenluft durchgeführt. Die Menge der in Polen verbauten asbesthaltigen Bauprodukte wird auf rund 15 Mio. Tonnen geschätzt, wovon 96 % als Faserzement vorliegen [17]. In der untersuchten Stadt Sosnowiec mit rund 190.000 Einwohnern haben vermutlich 98 % aller Einfamilienhäuser, Wohngebäude und gewerblichen Immobilien asbesthaltige Baumaterialien, meist in Form von Fassaden- oder Dachplatten, verbaut. In 51 von 100 Luftproben lag die Faserkonzentration unterhalb der Nachweisgrenze von 1.000 f/m³, in den übrigen Proben lag sie zwischen 1.000 und 9.000 f/m³. Dabei wurden die höheren Werte meist in direkter Nähe der asbesthaltigen Gebäude gemessen, während die Konzentration mit zunehmender Entfernung (100 bis 500 Meter) rasch unter die Nachweisgrenze sank [17].</p> <p>Eine andere Studie aus Polen deutet in eine ähnliche Richtung. Dabei wurden Faserkonzentrationen an drei verschiedenen Bauernhöfen in der Region Lublin untersucht. Zwei der Höfe besaßen Asbestzementdächer in unterschiedlichem Zustand, der dritte ein asbestfreies Dach. Es wurden jeweils 72 Proben in direkter Nähe der betreffenden Gebäude gesammelt.</p> <p>Bei dem asbestfreien Dach (Hof A) lagen die beobachteten Faserkonzentrationen im Bereich von 30 f/m³. Bei dem Hof mit dem Asbestzementdach in gutem Zustand (Hof B) stieg die durchschnittliche Faserkonzentration bereits auf 328 f/m³. In der Nähe des Hofes mit dem Asbestzementdach in schlechtem Zustand (Hof C) lag die durchschnittliche Faserkonzentration schließlich bei 529 f/m³. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Proben auffällig waren: 71 % der Proben von Hof A, 24 % der Proben von Hof B und 10 % der Proben von Hof C wiesen keine Fasern auf [18].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="375" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg 500w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein-300x225.jpg 300w" width="500"></img></a><figcaption><em>Chrysotilfasern auf einem goldbedampften Kernporenfilter</em></figcaption></figure> <h3>Asbestzement und natürliche Quellen</h3> <p><br></br>Auch in der norditalienischen Stadt Turin gibt es viele Gebäude, die mit asbesthaltigen Baumaterialien errichtet wurden. Zusätzlich enthält die Geologie in der Umgebung der Stadt viele Gesteine, die natürlicherweise Asbest enthalten und ebenfalls zur Hintergrundbelastung beitragen. Im Rahmen einer Studie wurden 48 Luftproben in einer Höhe von 1,5 Metern gesammelt und untersucht. Es wurden zwischen 500 und 2.700 Fasern pro Kubikmeter Chrysotil gefunden, während andere Amphibolasbeste, insbesondere Amosit und Krokydolith, nicht nachzuweisen waren. Inwieweit asbesthaltige Baumaterialien oder die natürlichen Quellen als Quellen in Frage kommen, wurde im Rahmen der Studie nicht weiter geklärt. Andererseits wurden aber auch durchschnittlich 600 f/m³ der Amphibolasbeste Tremolit und Aktinolith gefunden. Diese beiden Asbestarten wurden, wenn überhaupt, nur in sehr untergeordnetem Maße technisch verwendet und sind überwiegend auf akzessorischen Asbest aus natürlichen Quellen zurückzuführen. Dies dürfte auch hier die Hauptquelle sein, da ihr Auftreten deutlich mit der Windrichtung aus den diese Minerale enthaltenden Gesteinen korreliert [19].</p> <h2>Asbestbelastung durch Verkehr</h2> <p>Bevor Asbest in Europa absolut verboten wurde, kam es auch in verschiedenen Bereichen des Transportwesens und des Verkehrs zum Einsatz. Insbesondere asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen in Fahrzeugen sind zu nennen. Untersuchungen in Regionen, in denen diese Materialien im Verkehr noch immer eine Rolle spielen, deuten darauf hin, dass auch hier eine Quelle für die Luftbelastung durch Asbestfasern zu finden ist.</p> <p>Eine Studie mit 60 Luftproben von belebten Kreuzungen in 20 Städten im Südwesten Polens zeigt, dass die Faserkonzentrationen im Tagesverlauf mit dem Verkehrsaufkommen schwanken. Dabei reichten die Faserkonzentrationen von 141 f/m³ bis hin zu 1 700 f/m³. Generell war die Belastung in kleineren Städten niedriger als in größeren Städten [20].</p> <p>Vergleichbare Untersuchungen stammen auch aus dem Iran und dem Irak. Hier werden asbestbelastete Kupplungen und Bremsbeläge als Hauptquelle vermutet, wobei die Beteiligung anderer Quellen, wie etwa asbestbelastete Baustoffe, nicht ausgeschlossen werden kann.</p> <p>Hinzu kommt, dass es im Iran zwar seit 2011 ein Verbot von Asbest in industriellen Anwendungen gibt, dieses jedoch offenbar nicht konsequent durchgesetzt wurde. So sind asbesthaltige Bremsbeläge beispielsweise immer noch weit verbreitet im Einsatz [21] [22]. Dennoch soll die Belastung der Luft in Teheran nach 2011 drastisch abgenommen haben [22]. Vor dem Verbot lag die Belastung der Luft in Teheran bei bis zu 200.000 f/m³ [23]. Nach dem Verbot lag die durchschnittliche Luftbelastung in städtischen Gebieten des Irans zwischen weniger als 100 und rund 18.000 f/m³ [24][25][21][22].</p> <p>Die Ergebnisse aus dem Irak sind mit Belastungen zwischen 78.000 und 121.000 f/m³ vergleichbar [26][27].</p> <h2>Zusammenfassung</h2> <p>Zusammengefasst kann man festhalten, dass sowohl asbestbelastete Baustoffe als auch asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen einen Beitrag zur allgemeinen Asbestbelastung der Luft leisten. Für Deutschland und Europa dürften die Baustoffe maßgeblicher sein, da die Zahl der mit asbesthaltigen Belägen ausgestatteten Fahrzeuge aufgrund der langen Zeiträume seit dem Asbestverbot (Deutschland seit 1993 und die EU seit 2005) sowie der weitgehend konsequenten Durchsetzung vermutlich nur noch gering sein dürfte. Einen Überblick über die Pro-Kopf-Verbräuche von Asbest und die einzelnen Asbestverbote für verschiedene europäische Länder findet man hier [28].</p> <p>Allerdings dürfte sich das Bild in der Vergangenheit durchaus anders präsentiert haben, besonders an belebten Verkehrsknotenpunkten.</p> <p>Im Vergleich zum Verkehr scheinen Baustoffe deutlich weniger Asbestemissionen zu verursachen. Zwar waren die Belastungen messbar, jedoch meist relativ niedrig – auch im Vergleich zu den Belastungen des Verkehrs. Dennoch sind auch hier teilweise Faserkonzentrationen aufgetreten, die fast an den Bereich der Akzeptanzkonzentration (10 000 f/m³) heranreichen, wobei man jedoch beachten sollte, dass Arbeitsplatzwerte sicher nicht mit Langzeitbelastungen vergleichbar sind.</p> <p>Zudem sind viele der Messergebnisse nur schwer auf andere Gebiete zu übertragen. Oft spielen die Dichte der Bebauung sowie der Zustand und die Dichte der asbestbelasteten Baustoffe eine Rolle. Wie das Beispiel der drei Höfe in Polen zeigt, hat die Verwitterung einen direkten Einfluss auf das Freisetzungsverhalten der Materialien. Dies ist durchaus ein Anlass zur Sorge, denn viele der Asbestzementdächer sind in die Jahre gekommen und ständig der Verwitterung ausgesetzt. Ihr Zustand wird sich mit Sicherheit nicht verbessern. Aus diesem Grund dürfte es an der Zeit sein, diese Altlasten auf unseren Dächern und Fassaden loszuwerden (ein weiterer Grund sollte die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-als-zusaetzliche-gefahr-im-falle-von-naturkatastrophen/"> Gefahr bei Naturkatastrophen</a> sein).</p> <h2>Welche Auswirkungen hat die Belastung für die Gesundheit?</h2> <p>Es gibt verschiedene Untersuchungen zur Erhöhung der Mesotheliom-Inzidenz durch Hintergrundbelastung mit Asbestfasern [29], [15], [30]. Dabei korrelierten die Faserkonzentrationen durchaus mit der Menge der Asbestzementdächer in der direkten Umgebung. Ein Zusammenhang mit den beobachteten Inzidenzen an malignen Mesotheliomen ließ sich jedoch nicht nachweisen [29]. Dies kann unter anderem der sehr langen Latenzzeit dieser Erkrankung geschuldet sein.</p> <p>Das Problem besteht darin, die Folgen einer längeren Exposition gegenüber sehr niedrigen Faserkonzentrationen einzuschätzen. Zwar gibt es eine sehr große Zahl epidemiologischer Studien über den Zusammenhang zwischen Asbest-Exposition und verschiedenen asbestbedingten Erkrankungen, doch die überwiegende Anzahl dieser Untersuchungen geht von einer beruflichen Exposition mit hohen Faserzahlen aus. Die dabei ermittelten Risiken auf die beobachteten niedrigen Faserzahlen der Umweltbelastung herunterzubrechen, ist nicht ganz trivial. Laut der WHO könnte das Risiko, an einem Mesotheliom zu erkranken, bei einer lebenslangen Exposition von rund 1000 f/m³ in der Größenordnung von 1 : 10 000 bis 1 : 100 000 liegen [31]. Wie man gut sehen kann, ist diese Abschätzung mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Zudem basiert diese Abschätzung auf Kohortenstudien, deren Expositionsdaten nicht immer die notwendige Qualität hatten und bei denen auch nicht immer deutlich wird, ob es frühere, höhere Expositionen gab. Außerdem kann der lange Latenzzeitraum zwischen der Exposition und dem Auftreten der Erkrankung zu einer Unterschätzung der Fallzahlen führen. Unklar ist auch, ob sich die bei höheren beruflichen Expositionen ermittelten Risiken ohne Weiteres auf Bereiche mit niedriggradigen Expositionen übertragen lassen.</p> <p>Letztlich läuft alles auf eine Debatte über die Definition eines akzeptablen Risikos hinaus. So hält die amerikanische Umweltschutzbehörde das lebenslange Krebsrisiko beispielsweise für vernachlässigbar, wenn es unter 1:1.000.000 liegt, während sie Risiken von 1:10.000 in der Regel für inakzeptabel hält.</p> <p>Insofern kann für die Belastung durch alte Asbestzementdächer vermutlich weitgehend Entwarnung gegeben werden. Die beobachteten Werte liegen weit unter den nicht mehr tolerierbaren Risiken und scheinen, wenn überhaupt, nur sehr lokal erhöht zu sein.</p> <p>Messungen an Verkehrsknotenpunkten haben jedoch gezeigt, dass diese Art der Asbestanwendung ein erhebliches Potenzial zur Freisetzung von Fasern hat. Damit verbunden besteht auch ein erhebliches Risiko für Menschen, die dieser Belastung dauerhaft oder zumindest über längere Zeiträume ausgesetzt sind. In Europa hat das Verbot dieser Produkte zumindest zu einer deutlichen Verringerung der Exposition geführt.</p> <h2>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Sørensen, M. K.; Deen, L.; Khoury, G.; Petersen, J. A.; Thomsen, J. 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Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen.&#xD; &#xD; Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Asbestbelastung der Luft in Stadt und Land » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-06-02T21:49:20+02:00">02. Juni 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 14 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Ich arbeite in einem Asbestlabor. Eine Frage, die uns von unseren Kunden häufig gestellt wird, ist, wie hoch die geogene Hintergrundbelastung, also die Belastung unserer Atemluft mit Asbestfasern, ist. Dazu muss man aber anmerken, dass die Umwelt, in der wir uns aufhalten, auch in sehr starkem Maße von uns Menschen geprägt ist. Die Belastung dürfte daher weit weniger geogen und vielmehr vom Menschen und seinen Werken beeinflusst sein. Die mit Abstand wichtigste Quelle der Hintergrundbelastung sind die asbesthaltigen Materialien in und an unseren Gebäuden und Fahrzeugen.</p> <p>Dazu ist im letzten Jahr glücklicherweise ein Paper erschienen, in dem rund 22 Studien zu dem Thema zusammengefasst wurden [1]. Dabei wurden Untersuchungen von Gebieten mit asbestbezogenen Industrien oder in der Nähe von erhöhten natürlichen Asbestvorkommen herausgenommen. Es zeigte sich, dass niedrige, aber nicht zu vernachlässigende Belastungen der Außenluft auftreten können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg"><img alt="Warnschild &quot;Achtung Asbest&quot; und Person im Schutzanzug" decoding="async" height="800" sizes="(max-width: 534px) 100vw, 534px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg 534w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300.jpg 200w" width="534"></img></a></figure> <h2><br></br>Die sechs Asbestminerale</h2> <p>Teil nicht miteinander verwandt sind. Da wäre zunächst das Serpentinmineral Chrysotil, das mit einem Anteil von 90 bis 95 % der weltweit am häufigsten verwendete Asbest ist [2]. Die übrigen fünf Asbestminerale sind die Amphibole Krokydolith (das Mineral Riebeckit), Amosit (mineralogisch eigentlich das Mineral Grunerit) sowie die wirtschaftlich deutlich untergeordneten Minerale Anthophyllit, Aktinolith und Tremolit. Die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/"> Mineralogie der Amphibolasbeste</a> hatte ich hier ja auch schon behandelt.</p> <p>All diesen Mineralien ist eines gemein. Sie neigen dazu, lange, dünne und faserförmige Kristalle zu bilden, deren Verhältnis von Länge zu Dicke meist deutlich besser als 5 zu 1 ist. Diese Eigenschaft sowie ihre außergewöhnliche Zugfestigkeit, Haltbarkeit und Hitzebeständigkeit machten die mineralischen Fasern zu einem begehrten Rohstoff [3]. Eine der Hauptanwendungen von Asbest lag im Bereich der Baumaterialien, beispielsweise bei der Wärmedämmung, in der Zementproduktion oder als Brandschutz. Auch heute noch kann man Asbest oft als Dach- oder Wandverkleidung oder in Form von Asbestzementrohren antreffen. Ebenso verbreitet sind Bodenbeläge, die Asbest enthalten, sowie Leichtbauplatten. Dabei kann der Asbestgehalt je nach Hersteller oder Land deutlich variieren ​[4] ​[5] .</p> <p>Und nicht nur dort: Auch als Bremsbeläge oder in Kupplungen wurde lange Zeit Asbest verwendet. [3]. Die globale Nutzung von Asbest erreichte 1970 mit rund 4,5 Millionen Tonnen pro Jahr ihren Höhepunkt [6]. Aufgrund der großen Langlebigkeit der Faser und der damit hergestellten Produkte ist Asbest auch heute noch weltweit in großer Zahl verbreitet.<aside></aside></p> <h3><br></br>Lange Latenzzeit</h3> <p>Das wäre sicher auch kein großes Problem, wenn die faserförmigen Minerale nicht erwiesenermaßen krebserzeugend wären [7]. Es gilt als erwiesen, dass die Exposition gegenüber Asbest verschiedene Erkrankungen verursacht, darunter bösartige Mesotheliome, Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs oder Eierstockkrebs. Darüber hinaus kann eine Exposition auch zu Lungenfibrose, auch als Asbestose bekannt, sowie zu anderen pleuralen Erkrankungen führen.</p> <p>Laut WHO ist Asbest weltweit für jährlich rund 200 000 Todesfälle verantwortlich [8]. Problematisch ist die lange Latenzzeit zwischen einer Asbestexposition und dem Beginn der Erkrankung. Diese kann durchaus Jahrzehnte betragen, weshalb auch noch sehr lange Zeit nach einem Asbestverbot asbestbedingte Krankheiten auftreten. So nahm die globale Inzidenz neuer Mesotheliomfälle im Zeitraum von 1990 bis 2017 zu. Für das Jahr 2017 wurden 34 615 neue Fälle in der Global Burden of Disease Datenbank verzeichnet [9].</p> <h3><br></br>Berufliche vs. nicht-berufliche Exposition</h3> <p>Laut der WHO wird bei Asbest zwischen beruflicher und nichtberuflicher Exposition unterschieden. Als berufliche Exposition werden alle Situationen bezeichnet, in denen Menschen direkt oder indirekt mit der Handhabung von Asbest oder asbesthaltigen Produkten in Kontakt kommen. Die nichtberufliche Exposition ist dagegen ein Oberbegriff für verschiedene Arten der Exposition, die unabhängig von der jeweiligen Arbeit auftreten. Dazu gehört auch die normale Hintergrundbelastung der Umwelt.</p> <h3><br></br>geogene Asbeste und andere Quellen</h3> <p>Dabei wird bei der Hintergrundbelastung zwischen verschiedenen Quellen unterschieden. Einerseits gibt es die sogenannten „natürlichen Asbeste“, die ich eigentlich lieber als „akzessorische Asbeste“ bezeichnen würde. Das Thema hatte ich an anderer Stelle ja schon diskutiert. Andererseits gibt es die Freisetzung aus technischen Asbestprodukten, sei es durch Verwitterung, Abnutzung oder unsachgemäße Verwendung oder Handhabung.</p> <p>Zu den Quellen des geogenen, akzessorischen oder „natürlichen“ Asbests zählen Vorkommen in lokalen Gesteinen und Böden. Auch aus asbesthaltigen Baumaterialien können durch Verwitterung oder menschliche Aktivitäten Asbestfasern freigesetzt werden [10]. Dabei spielt die weltweite Verbreitung asbesthaltiger Produkte sicher eine dominierende Rolle bei der Hintergrundbelastung in unseren Städten und industriellen Regionen. Dies dürfte insbesondere für Länder gelten, in denen die Verwendung von Asbest und asbesthaltigen Produkten bereits seit Längerem verboten ist [11].</p> <p>Insbesondere die der Umwelt ausgesetzten Asbestprodukte im Außenbereich zeigen über längere Zeiträume deutliche Spuren von Verwitterung. Bestimmte Umstände wie Klima, saurer Regen oder atmosphärische Belastung können diese Verwitterung beschleunigen [12] [13]. Dabei können die Bindungen der Asbestfasern entsprechend gelöst werden, sodass diese Fasern in die Luft gelangen. Von dort aus können sie schließlich entweder direkt zum Menschen oder zum Boden gelangen [13].</p> <p>Selbst der Abbau von asbestbelasteten Faserzementdächern kann zu einer geringen Emission von Asbestfasern führen [12]. Langfristige Expositionen gegenüber auch niedrigen Asbestkonzentrationen können deutliche negative Auswirkungen haben [14]. So zeigt sich beispielsweise eine erhöhte Inzidenz von Mesotheliomen bei einer erhöhten Umweltbelastung durch Asbest, insbesondere bei Kindern, deren Schulen in der Nähe von Asbestzementwerken lagen [15]. Es gibt anscheinend keinen sicheren Schwellenwert für die krebserregende Wirkung der Asbestfasern [16].</p> <h2>Asbest in Außenluft am Beispiel Asbestzementdächer</h2> <p>In Polen wurden einige Untersuchungen zu Asbest in der Außenluft durchgeführt. Die Menge der in Polen verbauten asbesthaltigen Bauprodukte wird auf rund 15 Mio. Tonnen geschätzt, wovon 96 % als Faserzement vorliegen [17]. In der untersuchten Stadt Sosnowiec mit rund 190.000 Einwohnern haben vermutlich 98 % aller Einfamilienhäuser, Wohngebäude und gewerblichen Immobilien asbesthaltige Baumaterialien, meist in Form von Fassaden- oder Dachplatten, verbaut. In 51 von 100 Luftproben lag die Faserkonzentration unterhalb der Nachweisgrenze von 1.000 f/m³, in den übrigen Proben lag sie zwischen 1.000 und 9.000 f/m³. Dabei wurden die höheren Werte meist in direkter Nähe der asbesthaltigen Gebäude gemessen, während die Konzentration mit zunehmender Entfernung (100 bis 500 Meter) rasch unter die Nachweisgrenze sank [17].</p> <p>Eine andere Studie aus Polen deutet in eine ähnliche Richtung. Dabei wurden Faserkonzentrationen an drei verschiedenen Bauernhöfen in der Region Lublin untersucht. Zwei der Höfe besaßen Asbestzementdächer in unterschiedlichem Zustand, der dritte ein asbestfreies Dach. Es wurden jeweils 72 Proben in direkter Nähe der betreffenden Gebäude gesammelt.</p> <p>Bei dem asbestfreien Dach (Hof A) lagen die beobachteten Faserkonzentrationen im Bereich von 30 f/m³. Bei dem Hof mit dem Asbestzementdach in gutem Zustand (Hof B) stieg die durchschnittliche Faserkonzentration bereits auf 328 f/m³. In der Nähe des Hofes mit dem Asbestzementdach in schlechtem Zustand (Hof C) lag die durchschnittliche Faserkonzentration schließlich bei 529 f/m³. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Proben auffällig waren: 71 % der Proben von Hof A, 24 % der Proben von Hof B und 10 % der Proben von Hof C wiesen keine Fasern auf [18].</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="375" sizes="(max-width: 500px) 100vw, 500px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein.jpg 500w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/chrysotil-klein-300x225.jpg 300w" width="500"></img></a><figcaption><em>Chrysotilfasern auf einem goldbedampften Kernporenfilter</em></figcaption></figure> <h3>Asbestzement und natürliche Quellen</h3> <p><br></br>Auch in der norditalienischen Stadt Turin gibt es viele Gebäude, die mit asbesthaltigen Baumaterialien errichtet wurden. Zusätzlich enthält die Geologie in der Umgebung der Stadt viele Gesteine, die natürlicherweise Asbest enthalten und ebenfalls zur Hintergrundbelastung beitragen. Im Rahmen einer Studie wurden 48 Luftproben in einer Höhe von 1,5 Metern gesammelt und untersucht. Es wurden zwischen 500 und 2.700 Fasern pro Kubikmeter Chrysotil gefunden, während andere Amphibolasbeste, insbesondere Amosit und Krokydolith, nicht nachzuweisen waren. Inwieweit asbesthaltige Baumaterialien oder die natürlichen Quellen als Quellen in Frage kommen, wurde im Rahmen der Studie nicht weiter geklärt. Andererseits wurden aber auch durchschnittlich 600 f/m³ der Amphibolasbeste Tremolit und Aktinolith gefunden. Diese beiden Asbestarten wurden, wenn überhaupt, nur in sehr untergeordnetem Maße technisch verwendet und sind überwiegend auf akzessorischen Asbest aus natürlichen Quellen zurückzuführen. Dies dürfte auch hier die Hauptquelle sein, da ihr Auftreten deutlich mit der Windrichtung aus den diese Minerale enthaltenden Gesteinen korreliert [19].</p> <h2>Asbestbelastung durch Verkehr</h2> <p>Bevor Asbest in Europa absolut verboten wurde, kam es auch in verschiedenen Bereichen des Transportwesens und des Verkehrs zum Einsatz. Insbesondere asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen in Fahrzeugen sind zu nennen. Untersuchungen in Regionen, in denen diese Materialien im Verkehr noch immer eine Rolle spielen, deuten darauf hin, dass auch hier eine Quelle für die Luftbelastung durch Asbestfasern zu finden ist.</p> <p>Eine Studie mit 60 Luftproben von belebten Kreuzungen in 20 Städten im Südwesten Polens zeigt, dass die Faserkonzentrationen im Tagesverlauf mit dem Verkehrsaufkommen schwanken. Dabei reichten die Faserkonzentrationen von 141 f/m³ bis hin zu 1 700 f/m³. Generell war die Belastung in kleineren Städten niedriger als in größeren Städten [20].</p> <p>Vergleichbare Untersuchungen stammen auch aus dem Iran und dem Irak. Hier werden asbestbelastete Kupplungen und Bremsbeläge als Hauptquelle vermutet, wobei die Beteiligung anderer Quellen, wie etwa asbestbelastete Baustoffe, nicht ausgeschlossen werden kann.</p> <p>Hinzu kommt, dass es im Iran zwar seit 2011 ein Verbot von Asbest in industriellen Anwendungen gibt, dieses jedoch offenbar nicht konsequent durchgesetzt wurde. So sind asbesthaltige Bremsbeläge beispielsweise immer noch weit verbreitet im Einsatz [21] [22]. Dennoch soll die Belastung der Luft in Teheran nach 2011 drastisch abgenommen haben [22]. Vor dem Verbot lag die Belastung der Luft in Teheran bei bis zu 200.000 f/m³ [23]. Nach dem Verbot lag die durchschnittliche Luftbelastung in städtischen Gebieten des Irans zwischen weniger als 100 und rund 18.000 f/m³ [24][25][21][22].</p> <p>Die Ergebnisse aus dem Irak sind mit Belastungen zwischen 78.000 und 121.000 f/m³ vergleichbar [26][27].</p> <h2>Zusammenfassung</h2> <p>Zusammengefasst kann man festhalten, dass sowohl asbestbelastete Baustoffe als auch asbesthaltige Bremsbeläge und Kupplungen einen Beitrag zur allgemeinen Asbestbelastung der Luft leisten. Für Deutschland und Europa dürften die Baustoffe maßgeblicher sein, da die Zahl der mit asbesthaltigen Belägen ausgestatteten Fahrzeuge aufgrund der langen Zeiträume seit dem Asbestverbot (Deutschland seit 1993 und die EU seit 2005) sowie der weitgehend konsequenten Durchsetzung vermutlich nur noch gering sein dürfte. Einen Überblick über die Pro-Kopf-Verbräuche von Asbest und die einzelnen Asbestverbote für verschiedene europäische Länder findet man hier [28].</p> <p>Allerdings dürfte sich das Bild in der Vergangenheit durchaus anders präsentiert haben, besonders an belebten Verkehrsknotenpunkten.</p> <p>Im Vergleich zum Verkehr scheinen Baustoffe deutlich weniger Asbestemissionen zu verursachen. Zwar waren die Belastungen messbar, jedoch meist relativ niedrig – auch im Vergleich zu den Belastungen des Verkehrs. Dennoch sind auch hier teilweise Faserkonzentrationen aufgetreten, die fast an den Bereich der Akzeptanzkonzentration (10 000 f/m³) heranreichen, wobei man jedoch beachten sollte, dass Arbeitsplatzwerte sicher nicht mit Langzeitbelastungen vergleichbar sind.</p> <p>Zudem sind viele der Messergebnisse nur schwer auf andere Gebiete zu übertragen. Oft spielen die Dichte der Bebauung sowie der Zustand und die Dichte der asbestbelasteten Baustoffe eine Rolle. Wie das Beispiel der drei Höfe in Polen zeigt, hat die Verwitterung einen direkten Einfluss auf das Freisetzungsverhalten der Materialien. Dies ist durchaus ein Anlass zur Sorge, denn viele der Asbestzementdächer sind in die Jahre gekommen und ständig der Verwitterung ausgesetzt. Ihr Zustand wird sich mit Sicherheit nicht verbessern. Aus diesem Grund dürfte es an der Zeit sein, diese Altlasten auf unseren Dächern und Fassaden loszuwerden (ein weiterer Grund sollte die<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-als-zusaetzliche-gefahr-im-falle-von-naturkatastrophen/"> Gefahr bei Naturkatastrophen</a> sein).</p> <h2>Welche Auswirkungen hat die Belastung für die Gesundheit?</h2> <p>Es gibt verschiedene Untersuchungen zur Erhöhung der Mesotheliom-Inzidenz durch Hintergrundbelastung mit Asbestfasern [29], [15], [30]. Dabei korrelierten die Faserkonzentrationen durchaus mit der Menge der Asbestzementdächer in der direkten Umgebung. Ein Zusammenhang mit den beobachteten Inzidenzen an malignen Mesotheliomen ließ sich jedoch nicht nachweisen [29]. Dies kann unter anderem der sehr langen Latenzzeit dieser Erkrankung geschuldet sein.</p> <p>Das Problem besteht darin, die Folgen einer längeren Exposition gegenüber sehr niedrigen Faserkonzentrationen einzuschätzen. Zwar gibt es eine sehr große Zahl epidemiologischer Studien über den Zusammenhang zwischen Asbest-Exposition und verschiedenen asbestbedingten Erkrankungen, doch die überwiegende Anzahl dieser Untersuchungen geht von einer beruflichen Exposition mit hohen Faserzahlen aus. Die dabei ermittelten Risiken auf die beobachteten niedrigen Faserzahlen der Umweltbelastung herunterzubrechen, ist nicht ganz trivial. Laut der WHO könnte das Risiko, an einem Mesotheliom zu erkranken, bei einer lebenslangen Exposition von rund 1000 f/m³ in der Größenordnung von 1 : 10 000 bis 1 : 100 000 liegen [31]. Wie man gut sehen kann, ist diese Abschätzung mit einer erheblichen Unsicherheit behaftet. Zudem basiert diese Abschätzung auf Kohortenstudien, deren Expositionsdaten nicht immer die notwendige Qualität hatten und bei denen auch nicht immer deutlich wird, ob es frühere, höhere Expositionen gab. Außerdem kann der lange Latenzzeitraum zwischen der Exposition und dem Auftreten der Erkrankung zu einer Unterschätzung der Fallzahlen führen. Unklar ist auch, ob sich die bei höheren beruflichen Expositionen ermittelten Risiken ohne Weiteres auf Bereiche mit niedriggradigen Expositionen übertragen lassen.</p> <p>Letztlich läuft alles auf eine Debatte über die Definition eines akzeptablen Risikos hinaus. So hält die amerikanische Umweltschutzbehörde das lebenslange Krebsrisiko beispielsweise für vernachlässigbar, wenn es unter 1:1.000.000 liegt, während sie Risiken von 1:10.000 in der Regel für inakzeptabel hält.</p> <p>Insofern kann für die Belastung durch alte Asbestzementdächer vermutlich weitgehend Entwarnung gegeben werden. Die beobachteten Werte liegen weit unter den nicht mehr tolerierbaren Risiken und scheinen, wenn überhaupt, nur sehr lokal erhöht zu sein.</p> <p>Messungen an Verkehrsknotenpunkten haben jedoch gezeigt, dass diese Art der Asbestanwendung ein erhebliches Potenzial zur Freisetzung von Fasern hat. Damit verbunden besteht auch ein erhebliches Risiko für Menschen, die dieser Belastung dauerhaft oder zumindest über längere Zeiträume ausgesetzt sind. In Europa hat das Verbot dieser Produkte zumindest zu einer deutlichen Verringerung der Exposition geführt.</p> <h2>References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Sørensen, M. K.; Deen, L.; Khoury, G.; Petersen, J. A.; Thomsen, J. 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Er arbeitet bei der CRB Analyse Service GmbH in Hardegsen.&#xD; &#xD; Hier geäußerte Meinungen sind meine eigenen</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestbelastung-der-luft-in-stadt-und-land/#comments 2 Das „Windenergierätsel“ der WELT https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/#comments Tue, 02 Jun 2026 16:12:51 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11431 https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Power_County_Wind_Farm_002-768x540.jpg Bild von Windrädern unter blauem Himmel in einer kargen Landschaft. https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Power_County_Wind_Farm_002.jpg" /><h1>Das "Windenergierätsel" der WELT » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Ich hatte letzte Woche am Ende meines Beitrags <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/">Energiewende mit handfesten Zahlen</a> in die Runde gefragt: „Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?“ </p> <p>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comment-45684">Kommentar dazu</a> verwies mich auf <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/plus6a197b15672896fe8f165ba9/das-grosse-windstrom-raetsel-der-deutschen-energiewende.html" rel="noopener">einen aktuellen Beitrag in der WELT</a>: „Da liest man, dass von 2020 bis 2025 die Windkraft um 16 GW installierte Leistung zugebaut wurde, aber die tatsächliche Windstromerzeugung sowohl 2020 als auch 2025 106 TWh betrug, es also keinen Zuwachs an gelieferter Energie gab. […] Einfach immer mehr von Demselben hat hier nicht funktioniert trotz immer größerer und effektiverer Turbinen, doch warum? Deshalb der Titel mit dem Wort ‚Rätsel‘.“</p> <p>Nun denn. Schauen wir uns das mal näher an.</p> <h2>„Wissenschaftler rätseln über den abnehmenden Nutzen neuer Windräder“</h2> <p>So beginnt der Teasertext am Anfang des Beitrags „Das große Windstrom-Rätsel der deutschen Energiewende“ des WELT-Wirtschaftsredakteurs Daniel Wetzel, dessen Schwerpunkt laut WELT-Autorenbiografie die Energiewirtschaft ist. Wie es weitergeht entnehme ich der Artikelversion, auf die ich in der wiso-Datenbank Zugriff habe (dort datiert auf 29.05.2026, 13:40:00). Der dort zugängliche Text konstatiert in der Tat im wesentlichen so, wie der Kommentator beschreibt: von 2020 bis 2025 sei die installierte Leistung um 14 GW gestiegen, aber die Energieproduktion hätte 2025 mit 106 TWh „praktisch auf demselben Niveau“ gelegen wie 2020.</p> <p>Ein zum Thema befragter Forscher, nämlich „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manuel_Frondel" rel="noopener">Manuel Frondel</a>, Leiter des Kompetenzbereiches ‚Umwelt und Ressourcen‘ am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“, nennt für jene Entkopplung drei mögliche Gründe: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln. Wäre dem so, könnten nur Gebete zum Wettergott das Manko lindern.“ Oder aber Windräder würden immer häufiger abgeregelt, weil insgesamt mehr Stom produziert würde, als gebraucht wird. Oder aber die guten Standorte seien weitgehend aufgebraucht, neue Windräder würden entsprechend an schlechteren Standorten erbaut und seien daher weniger effektiv.<aside></aside></p> <p>Der Artikel enthält noch einiges an weiterem Text – einen Seitenhieb, der die Energiewende-Planung mit kommunistischer Planwirtschaft vergleicht, eine Aussage, der Effizienzverlust würde auch andere Arten erneuerbarer Energien betreffen, Spekulationen über die gegenseitige Verschattung von Anlagen („Windklau“). Ich bleibe hier mal beim Kern des angeblichen Rätsels: Was ist da los mit Leistungs-Zubau vs. Energieproduktion bei den Windenergieanlagen (auf Land)?</p> <h2>Windkraft-Zubau: Check</h2> <p>Es hilft ja nichts: Wenn wir vernünftig politisch diskutieren wollen, müssen alle, die an der Diskussion teilnehmen, grundlegende Kentnisse haben, wie man Datenreihen liest und zumindest auch zu den einfacheren Weisen, Daten zu interpretieren. Nie war das wichtiger als in einer Zeit, wo generative künstliche Intelligenz einem so bequem wie nie zuvor Aussagen und „Analysen“ generiert – aber dabei in schwer kontrollierbarer Weise regelmäßig halluziniert bzw. schlicht Unsinn erzählt. Wer nicht die Kompetenzen hat, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen, hat schon verloren.</p> <p>Auf der positiven Seite der Bilanz leben wir in einer Zeit, in der viele Daten, und insbesondere viele verlässliche Daten,  einfacher verfügbar sind wie nie zuvor. Einmal Googeln bringt mich auf <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">diese Seite des Bundesumweltamts</a>, wo aktuelle Kennzahlen zu erneuerbaren Energien in kompakter Form dargestellt sind. Ganz unten auf der Seite gibt es die entsprechenden Zeitreihen zum Herunterladen, ob als PDF oder direkt als Excel-Datei.</p> <p>Ein universeller Tipp für den Umgang mit Daten lautet: Bevor man sich in aufwändige Analysen versteigt, sollte man erstmal die Daten so direkt wie möglich anschauen. Für Zeitreihen heißt das: die Daten zu plotten, also ein Diagramm zu erstellen, in dem die Zeit auf der x-Achse, die weitere interessierende Größe auf der y-Achse abgetragen wird, und die Daten als Kurve oder Abfolge von Punkten eingetragen sind. Hier ist das Ergebnis für die verfügbaren Kapazitäten für die Windenergieerzeugung an Land (im Dokument „Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland“ ist das Tabelle 4, ‚Installierte elektrische Leistung erneuerbarer Energien‘):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png"><img alt="Eine Kurve für die Leistung, die von 2005 bis 2025 einigermaßen gerade ansteigt von etwas weniger als 20 Gigawatt auf etwas unter 70 Gigawatt" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 1374px) 100vw, 1374px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png 1374w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-768x417.png 768w" width="1374"></img></a></figure> </div> <p>Den Stand für 2020 (54.3 GW) und den für 2025 (68.1 GW) habe ich jeweils mit orangenen Punkten gekennzeichnet. Ein Zuwachs von knapp 14 GW. Soweit, so gut.</p> <h2>Die Energieerzeugungs-Kurve für Windenergie an Land</h2> <p>Machen wir dasselbe mit der Netto-Energieproduktion von Windkraft an Land in denselben Jahren. Gleiches Dokument, gleicher Zeitraum, Tabelle 3.1. Hier ist das entsprechende Diagramm:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png"><img alt="Eine ansteigende Kuve, die aber über ihre gesamte Länge hinweg einen Zickzack-Verlauf nach oben und unten aufweist. " decoding="async" height="742" sizes="(max-width: 1391px) 100vw, 1391px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png 1391w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-1024x546.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-768x410.png 768w" width="1391"></img></a></figure> </div> <p>Für 2025 sind das 105.1 TWh, für 2020 102.7 TWh. Ein Anstieg um lediglich 2.4% in einem Zeitraum, in dem die installierte Leistung um 25.4% stieg, und am Ende kommt man bei 105 TWh heraus Soweit nachvollziehbar. Aber jenseits der beiden Zahlen wird es umso problematischer, je genauer man hinschaut. Die obige Kurve ist eine Kombination aus einem generellen Anstieg und Auf-und-Ab-Schwankungen – nicht erst im Zeitraum 2020 bis 2025, sodern über den gesamten erfassten Zeitraum ab 2005 hinweg. </p> <p>Ich finde beeindruckend, wie missverständlich die Prosa-Zusammenfassung in dem WELT-Artikel wiedergibt, was die Kurve zeigt: „In den Jahren dazwischen gab es auch mal leichte Ausschläge nach oben, doch fiel die Windstromerzeugung trotz zahlreicher neuer Turbinen während zweier Jahre sogar noch deutlich unter die 100-Terawatt-Marke.“ – „leichte Ausschläge nach oben“? Ernsthaft? Der (einzige) Anstieg von 2021 auf 2023 ist größer als jede der (beiden) Absink-Phasen in jenem Zeitraum! Und wer das Absinken zweier Jahre „unter die 100-Terawatt-Marke“ herausstellt (2021 und 2022) aber über das Ansteigen zweier weiterer Werte über die 110-Terawatt-Marke Stillschweigen bewahrt, bringt eine Tendenz in seine „Beschreibung“, die in den Daten schlicht nicht vorhanden ist. </p> <p>Das zweite Problem ist die Wahl des Bezugsjahres 2020. Pickt man bei einer auf-und-ab-schwankenden Kurve lediglich zwei Jahre heraus und vergleicht sie, kann man je nach Auswahl beliebige „Trends“ erhalten – die aber komplett willkürlich sind, da sie nicht von den Daten selbst, sondern wesentlich von der Wahl der Bezugsjahre abhängen. Hätte ein Energiewende-Enthusiast 2021 und 2025 verglichen, hätte er oder sie herausbekommen, dass der Zuwachs an Energie ungefähr dem Zuwachs an installierter Leistung proportional ist, Überschrift: „Energiewende läuft nach Plan!“ Beim Vergleich von 2021 und 2023 hätte man sogar einen deutlich überproportionalen Anstieg vermelden können, „Erneuerbare Energien überraschend stark!“ Beim Vergleich von 2023 und 2025 wäre man dagegen bei einem drastischen Absinken gelandet: „Das Windenergierätsel 2: Entziehen Windräder unserem Stromsystem jetzt sogar noch Energie?“</p> <p>Wie gesagt, all das sind völlig willkürliche Auswahleffekte. Ein einzelnen davon als aussagekräftigen Trend verkaufen zu wollen, ist entweder erschreckend inkompetent oder zutiefst unehrlich. In der Wissenschaft heißt das entsprechende Fehlverhalten, durch Auswahleffekte ein erwünschtes Ergebnis erst herbeizuzaubern, „cherry picking“ (zu deutsch „Kirschenpflücken“) und ist, wo es auffliegt, Anlass für beachtlichen Rufverlust und in schweren und/oder wiederholten Fällen gegebenenfalls für Sanktionen. </p> <p>Und doch ist die Grundlage des WELT-Rätsel-Artikels ein Auswahleffekt dieser Art. Wer ein bisschen verfolgt, wie die WELT über Klimawandel und Energiewende berichtet, wird nicht überrascht sein, dass es ein für Freunde erneuerbarer Energien <em>nachteiliger</em> Auswahleffekt ist. „Please schwäche die Windenergie.“ Aus einem Auf-und-ab mit gehöriger Aufwärtsphase zwischendurch wird Stagnation. Der beträchtliche Anstieg von 2021 bis 2023 wird zum leichten Ausschlag nach oben kleingeredet. Das Diagramm, an dem Leser*innen mit rudimentärer Kurven-Lese-Kompetenz das Problem selbst erkennen könnten, fehlt gleich ganz. </p> <p>Ein letztes Detail: Wundert Sie, dass die Ausschläge in jenem Diagramm in den späteren Jahren stärker sind als links im Diagramm? So einen Effekt würden wir erwarten, wenn die Variation, die dahintersteht, die Netto-Stromerzeugung als <em>Faktor</em> beeinflusst. Dann würden die absoluten Schwankungen nämlich proportional immer größer, je mehr Windkraft-Leistung installiert ist. 5% von 60 GW sind über ein Jahr integriert mehr als 5% von 30 GW über ein Jahr. Gäbe es doch nur einen gemeinsamen Faktor, der bestimmt, wie viel Elektrizität eine gegebene Anzahl von Windrädern mit bestimmter Nennleistung letztlich erzeugen! Aber was für ein Faktor könnte das sein? Rätselhaft, sehr rätselhaft. Wir werden wahrscheinlich nie genaueres wissen.</p> <h2>Das Wie-kann-man-nur-so-einen-Unsinn-über-Wind-verzapfen-Rätsel</h2> <p>Nein, es ist natürlich nicht rätselhaft. Selbstverständlich gibt es da einen gemeinsamen Faktor, und zwar einen ganz offensichtlichen: wie viel Wind in jenem Jahr geweht hat. OK, zugegeben, ganz so einfach ist es nicht, weil sich Windräder an unterschiedlichen Standorten befinden, am Ende also so etwas wie die über alle Standorte geeignet gewichtet aufsummierte und über dass Jahr gemittelte Windstärke gesucht ist. Die hätte dann genau die Faktoreigenschaft, auf die die obige Kurve hindeutet.</p> <p>Nehmen wir als erstes denjenigen Schritt vor, den wir direkt anhand unserer Daten gehen können. Wir können wir jedes Jahr die von Windkraft-an-Land erzeugte Energiemenge durch die installierte Leistung teilen. Das Ergebnis hat die Einheit einer Zeit, ich habe hier „Stunden“ gewählt. Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Zeit, in der die Windräder gelaufen sind – je nach Windstärke erzeugen Windräder ja einen deutlich von der Nennleistung abweichenden Wert. Die Nennleistung ist lediglich die <a href="https://home.uni-leipzig.de/energy/energie-grundlagen/15.html" rel="noopener">elektrische Leistung unter optimalen Bedingungen</a>, und meist sind Bedingungen nicht optimal. Auch der Umstand, dass nicht alle am Jahresende mit erfassten neuen Anlagen zum 1. Januar gleich mitproduzieren, dürfte für ein paar Schwankungen sorgen. Um Missverständnisse zu vermeiden, nenne ich die resultierende Stundenzahl „Äquivalentstunden“. Hier ist das Diagramm für die Äquivalentstunden-Zeitreihe:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png"><img alt="Eine wild auf und ab schwankende Kurve, zwischen etwa 1400 und 1900 Äquivalentstunden. Die Kurve zeigt einen leichten Aufwärtstrend." decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1413px) 100vw, 1413px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png 1413w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-1024x538.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-768x403.png 768w" width="1413"></img></a></figure> </div> <p>Man kann dem Diagramm direkt ansehen, dass die Äquivalentstunden-Schwankungsbreite nicht merklich zugenommen hat. Von 2008 bis 2010 ist der drastische Abfall mit einer Differenz von 378 Stunden sogar noch größer als der Abfall von 2023 bis 2025 (nur 352 Stunden), der uns den Windenergie-Rätsel-Tiefpunkt beschert hat. Der Gesamttrend in jenem Diagramm ist sogar leicht positiv. Das sind genau die falschen Dateneigenschaften, wenn man argumentieren möchte, dass es eine Stagnation gebe, also ein systematisches Absinken-und-Niedrigbleiben, das erst kürzlich aufgetreten sei. Die Daten sagen stattdessen: Schwankungen wie jene, die den 2025er-Wert nach unten gezogen hat, sind normal. Die gibt es im gesamten Datensatz. Und der Gesamt-Trend geht in die Gegenrichtung von dem, was der WELT-Artikel behauptet: An den Äquivalentstunden gemessen wird das Windrad-Ensemble, das Deutschland betreibt, mit der Zeit zunehmend effektiver. (Ob das an insgesamt mehr Wind liegt oder an verbesserter Technik – etwa höher gebauten Windrädern, die insgesamt bessere Chancen haben, guten Wind zu erwischen, kann man alleine aus jener Darstellung nicht entscheiden.) Auch der Wettergott muss sein Verhalten nicht ändern. Geht es in der Zukunft so weiter wie in dieser Zeitreihe, dann müssen wir uns keine Sorgen mache, dass sich weiterer Windkraft-Zubau nicht lohnt. Aber wir müssen natürlich beim Design unseres Energiesystems mit einberechnen, dass es diese Art von Schwankungen gibt.</p> <div title="Page 1"> <div> <div> <p> <h2>Diagramme-Lesen ist keine Zauberei</h2> </p> </div> </div> </div> <p>Kommen wir vor diesem Hintergrund noch einmal zu dem lapidaren Satz zurück, mit dem der WELT-Artikel die Möglichkeit abfertigt, dass es bei jenem angeblichen Rätsel um so etwas Schnödes wie mehr-Wind-oder-weniger-Wind gehen könnte. Ja, das sei eine mögliche Erklärung, wird der interviewte Wirtschaftsforscher Manuel Frondel zitiert. Wie viel er, der Artikelautor oder ggf. beide von jener Möglichkeit halten (indirektes Zitat!), wird in der Ausformulierung klar: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln.“ Eine bemerkenswerte, zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren! Hah! Wer’s glaubt, wird selig!</p> <p>Dass es sich dabei stattdessen um eine bemerkenswerte, angesichts der sonstigen Probleme des Artikels aber wohl gerade nicht zufällig schwache Argumentation handelt, zeigt der Blick auf das obige Äquivalentstunden-Diagramm. Nach den Äquivalentstunden beurteilt, handelt es sich beim Zeitraum 2021 bis 2025 ja im Gegensatz um keine so schlechte Ernte. Das Jahr 2023 übertrifft den 2020er Wert sogar ein kleines bisschen. Systematischer dargestellt: In dem folgenden Diagramm sind die Durchschnittswerte sowie als Balken nach oben und unten die Standardabweichungen (letztere ein Maß für die Schwankungen innerhalb der Stichprobe) einmal für den gesamten erfassten Zeitraum, daneben für die fünf Jahre 2016 bis 2020 und dann für die angesprochenen Jahre 2021 bis 2025 dargestellt:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png"><img alt="Drei Datenpunkte mit Fehlerbalken, nämlich der Durchschnitt des Gesamt-Datensets, leicht höher der Durchschnitt 2016 bis 2020, und dazwischen der Durchschnitt für 2021 bis 2025. Die Fehlerbalken (Standardabweichung) überlappen sich deutlichst." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich-300x139.png 300w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Dafür, wie man feststellt, ob zwischen zwei jeweils mit Schwankungen überlagerten Größen ein tatsächlicher Unterschied besteht, liefert die Statistik geeignete Tests. Wo sich die Schwankungsbreiten rund um die Durchschnittswerte so weitgehend entsprechen wie hier, ist aber auch ohne Tests klar: es gibt keinen echten Unterschied. Solche Werte sind innerhalb der Schwankungsbreite nicht unterscheidbar. Anders gesagt: Das Cherry-Picking reicht als Verfälschung alleine nicht aus, um das angebliche Rätsel herbei zu konstruieren. Man muss zusätzlich noch alles vergessen, was man jemals über statistische Vergleiche gelernt hat, um auf die Idee zu kommen, hier gäbe eseinen echten, nach 2020 beginnenden, erklärungsbedürftigen Trend.</p> <p>OK, das mit der Standardabweichung gehört natürlich schon eher in Richtung Insiderwissen. (Wenn auch Insiderwissen, das in den Sozialwissenschaften in den ersten Semestern gelehrt wird. Es gibt deutlich insideriges Wissen.) Aber es ist ja noch abstruser. Wir müssen uns nur den Verlauf der Äquivalentstunden-Kurve anschauen:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png"><img alt="Kurve Aequivalentstunden gegen Zeit: ein Maximum bei 2020, dann eine Senke, dann ein fast gleich großes Maximum bei 2023, dann ein Abfall bis 2025" decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1431px) 100vw, 1431px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png 1431w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-300x156.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-1024x531.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-768x398.png 768w" width="1431"></img></a></figure> </div> <p>Eine Person, die jene Kurve ansehen und ohne rot zu werden behaupten kann, dort käme als Wind-Erklärung nach dem starken Jahr 2020 überraschenderweise nur noch eine Häufung von Schwachwind-Jahren infrage, ist keine Person, der eine seriöse Zeitung eine Plattform liefern sollte, solch ein Diagramm zu kommentieren. Und die WELT sollte das eigentlich auch nicht tun.</p> <h2>Recherche ist, zugegeben, ein Fremdwort </h2> <p>Wie schon erwähnt, sagen die Äquivalenzstunden erst einmal nichts darüber aus, worauf ihre Variation zurückgeht. Von Jahr zu Jahr unterschiedlicher Wind liegt natürlich erst einmal nahe. Immer effektivere Windräder einerseits bzw. vielleicht ja wirklich, wie im WELT-Artikel vorgebracht, immer schlechtere Standorte andererseits können aber selbstverständlich auch einen Einfluss haben, und den Äquivalenzstunden-Daten selbst sieht man nicht an, welcher Faktor eine wie große Rolle spielt.</p> <p>Und ich muss ehrlicherweise zugeben: Wetterdaten sind in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Das gilt erst recht für jene esoterischen Daten, die einem sagen, wie der Wind die hiesigen Windräder beeinflussen würde. Um Zugang zu jenem Geheimwissen zu erlangen, muss man eine entbehrungsreiche Reise auf sich nehmen und ein belastendes Aufnahmeritual durchlaufen, bevor man (vielleicht!) in die Gegenwart der Meisterin gelassen wird und dann in langer, anstrengender und zum Teil lebensgefährlicher Fleissarbeit Zugang zum eigentlichen Geheimwissen bekommt. Manch einer ist von der entsprechenden <del>Erleuchtungs</del>Recherchereise nie zurückgekehrt – oder war komplett verändert. Da muss man einfach realistisch bleiben. So etwas kann man von Journalisten nicht verlangen. </p> <p>Halt, Moment, ich höre gerade aus der Regie, dass mir da der Plot des Marvel-Films „Dr. Strange“ dazwischengerutscht ist. Sorry! Also noch einmal, und diesmal richtig: Ich habe rund zehn Minuten gebraucht, um via Google herauszubekommen, dass es so etwas wie den „Windindex“ und den „Ertragsindex“ gibt, mit dem geeignet spezialisierte Meterolog*innen zusammenfassend beschreiben, wie viel windradrelevanter Wind in Deutschland in einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Monat gepustet hat, ortsgenau, je nach Bundesland oder für Deutschland insgesamt. Und wenngleich sich die betreffende Firma die besonders geldwerten Daten wohl in der Tat bezahlen lässt – etwa wenn Investor*innen wissen wollen, wie viel Ertrag von einer Windkraftanlage an einem bestimmten Standort zu erwarten ist, oder die Betreiber, welches die aktuellen Bedingungen an ihrem Standort sind – ist die Übersicht samt der deutschlandweiten Daten frei im Internet abrufbar. Auf dieser Seite hier sind <a href="https://www.anemos.de/de/informationen.php#downloads" rel="noopener">die PDFs für die Jahre 2017 bis 2025</a> direkt herunterladbar. Dank an die Firma Anemos für diese frei zugänglichen Daten! Das folgende Diagramm zeigt unten die bereits geplotteten Äquivalenzstunden, die ich ausgerechnet hatte, und oben den Ertragsindex (in Prozent) aus den Wind-Daten der Firma Anemos:</p> <div> <figure><img alt="Oben die Äquivalentstunden, unten der Ertragsindex in Prozent für die Jahre 2017. Die Kurven sind zwar nicht identisch, aber sehr ähnlich, verkürzt gesagt: wo die eine nach oben geht, tut es auch die andere, wo die eine nach unten geht tut es auch die andere." decoding="async" height="865" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1168px) 100vw, 1168px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png 1168w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-300x222.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-1024x758.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-768x569.png 768w" width="1168"></img></figure> </div> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png">I</a>m perfekten Gleichschritt bewegen sich jene Daten zwar nicht – insbesondere das Wind-Maximum im Jahre 2023 wird nicht eins zu eins in Äquivalentstunden umgesetzt. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den Kurven fallen direkt ins Auge. Speziell für die Vergleichsjahre 2020 und 2025 gilt: Die Ertragsindizes stehen im Verhältnis von 1.21 zu 1, und die Äquivalenzstunden im Verhältnis von 1.23 zu eins. Da muss man sich noch ein weiteres Mal arg verbiegen, um daran festzuhalten, dass hier ein großes Windkraft-Rätsel vorliegt, welches mit den natürlichen Variationen des Windeinflusses von Jahr zu Jahr nun wirklich nicht zu erklären ist. </p> <h2>Fazit</h2> <p>Klimawandel und Energiewende sind für viele Menschen aufwühlende, emotionale Themen – ob man nun das Zögern der Bundesregierung angesichts einer ernsthaften Bedrohung kritisch beäugt oder sich Sorgen macht, was uns die Energiewende ggf. an wirtschaftlichen Nachteilen bringen könnte. Gerade in den sozialen Medien kann die Diskussion bei diesem Thema recht heftig werden. Umso wichtiger sind verlässliche Informationen. Und dafür ist seriöser, solider, guter Journalismus gefragt. Bei einem Aufhänger wie dem vom Windkraft-Rätsel kann ich förmlich hören, wie die Dozentin in der Journalistenschule ihre Studierenden unterstützen würde, ginge es um eine Übung in den Anfangssemestern: „Erst einmal die Daten plotten. Guck, da fällt euch doch vielleicht schon etwas auf!“ Oder allgemeiner: „Als nächstes müsst ihr euch überlegen: Wen befragt man dafür als Expert*in? Wenn eine von drei möglichen Lösungen die Windverhältnisse sind, braucht ihr auf alle Fälle jemanden aus der Meteorologie!“ Wer dann als Lösung so etwas einreichen würde wie diesen WELT-Artikel, fiele durch.</p> <p>Woran liegt’s? Ich könnte ehrlich gesagt nicht sagen, welche der beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, die mir direkt einfallen, ich gruseliger fände: das Szenario, in dem die Beteiligten es eigentlich besser wissen, aber hej, die Anweisung von oben war halt mal wieder der Windenergie eins aufs Haupt zu geben, oder das Szenario, in dem die ja mindestens drei Beteiligten (Interviewpartner und dem Vieraugenprinzip nach zwei Journalist*innen) sämtlich an den hier skizzierten grundlegenden Wie-lese-ich-ein-Diagramm-mit-Daten-Kompetenzen scheitern.</p> <p>Ich fühlte mich bei meiner Auswertung sehr an meine Blogbeiträge zur angeblichen Klimawandel-Pause erinnert (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/globale-temperaturkurve/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimaerwaermungspause-einige-diagramme-vs-deutlich-weniger-als-tausend-worte/">hier</a>). Um da zu einem erklärungsbedürftigen Rätsel zu gelangen, musste man ebenfalls eifriges Cherrypicken betreiben, die Augen fest zukneifen wenn die Kurve zwischen den gewählten zwei Bezugspunkten nicht zum eigenen Narrativ passt, sowie alles vergessen, was man ggf. mal über die Überlagerung von langfristigen Trends und kurzfristigen Schwankungen gelernt hatte. Dass solch fragwürdige Argumentationen es damals bis in den SPIEGEL geschafft hatten, hatte mich damals einigermaßen erschüttert und verwundert. Wo der Autor jenes SPIEGEL-Beitrags heute ist? Chefreporter Wissenschaft bei der WELT.</p> <h2>Nachbemerkung</h2> <p>Wie immer bei kontroversen oder potenziell kontroversen Themen moderiere ich die Kommentare. Ich bitte die Kommentator*innen, beim Thema zu bleiben, sich kurzzufassen, und Beschimpfungen/Beleidigungen, egal in welche Richtung, zu unterlassen. Kommentare, die sich nicht an diese einfachen Regeln halten, schalte ich gar nicht erst frei.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/Power_County_Wind_Farm_002.jpg" /><h1>Das "Windenergierätsel" der WELT » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Ich hatte letzte Woche am Ende meines Beitrags <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/">Energiewende mit handfesten Zahlen</a> in die Runde gefragt: „Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?“ </p> <p>Ein <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comment-45684">Kommentar dazu</a> verwies mich auf <a href="https://www.welt.de/wirtschaft/plus6a197b15672896fe8f165ba9/das-grosse-windstrom-raetsel-der-deutschen-energiewende.html" rel="noopener">einen aktuellen Beitrag in der WELT</a>: „Da liest man, dass von 2020 bis 2025 die Windkraft um 16 GW installierte Leistung zugebaut wurde, aber die tatsächliche Windstromerzeugung sowohl 2020 als auch 2025 106 TWh betrug, es also keinen Zuwachs an gelieferter Energie gab. […] Einfach immer mehr von Demselben hat hier nicht funktioniert trotz immer größerer und effektiverer Turbinen, doch warum? Deshalb der Titel mit dem Wort ‚Rätsel‘.“</p> <p>Nun denn. Schauen wir uns das mal näher an.</p> <h2>„Wissenschaftler rätseln über den abnehmenden Nutzen neuer Windräder“</h2> <p>So beginnt der Teasertext am Anfang des Beitrags „Das große Windstrom-Rätsel der deutschen Energiewende“ des WELT-Wirtschaftsredakteurs Daniel Wetzel, dessen Schwerpunkt laut WELT-Autorenbiografie die Energiewirtschaft ist. Wie es weitergeht entnehme ich der Artikelversion, auf die ich in der wiso-Datenbank Zugriff habe (dort datiert auf 29.05.2026, 13:40:00). Der dort zugängliche Text konstatiert in der Tat im wesentlichen so, wie der Kommentator beschreibt: von 2020 bis 2025 sei die installierte Leistung um 14 GW gestiegen, aber die Energieproduktion hätte 2025 mit 106 TWh „praktisch auf demselben Niveau“ gelegen wie 2020.</p> <p>Ein zum Thema befragter Forscher, nämlich „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Manuel_Frondel" rel="noopener">Manuel Frondel</a>, Leiter des Kompetenzbereiches ‚Umwelt und Ressourcen‘ am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung“, nennt für jene Entkopplung drei mögliche Gründe: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln. Wäre dem so, könnten nur Gebete zum Wettergott das Manko lindern.“ Oder aber Windräder würden immer häufiger abgeregelt, weil insgesamt mehr Stom produziert würde, als gebraucht wird. Oder aber die guten Standorte seien weitgehend aufgebraucht, neue Windräder würden entsprechend an schlechteren Standorten erbaut und seien daher weniger effektiv.<aside></aside></p> <p>Der Artikel enthält noch einiges an weiterem Text – einen Seitenhieb, der die Energiewende-Planung mit kommunistischer Planwirtschaft vergleicht, eine Aussage, der Effizienzverlust würde auch andere Arten erneuerbarer Energien betreffen, Spekulationen über die gegenseitige Verschattung von Anlagen („Windklau“). Ich bleibe hier mal beim Kern des angeblichen Rätsels: Was ist da los mit Leistungs-Zubau vs. Energieproduktion bei den Windenergieanlagen (auf Land)?</p> <h2>Windkraft-Zubau: Check</h2> <p>Es hilft ja nichts: Wenn wir vernünftig politisch diskutieren wollen, müssen alle, die an der Diskussion teilnehmen, grundlegende Kentnisse haben, wie man Datenreihen liest und zumindest auch zu den einfacheren Weisen, Daten zu interpretieren. Nie war das wichtiger als in einer Zeit, wo generative künstliche Intelligenz einem so bequem wie nie zuvor Aussagen und „Analysen“ generiert – aber dabei in schwer kontrollierbarer Weise regelmäßig halluziniert bzw. schlicht Unsinn erzählt. Wer nicht die Kompetenzen hat, KI-Ergebnisse kritisch einzuordnen, hat schon verloren.</p> <p>Auf der positiven Seite der Bilanz leben wir in einer Zeit, in der viele Daten, und insbesondere viele verlässliche Daten,  einfacher verfügbar sind wie nie zuvor. Einmal Googeln bringt mich auf <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">diese Seite des Bundesumweltamts</a>, wo aktuelle Kennzahlen zu erneuerbaren Energien in kompakter Form dargestellt sind. Ganz unten auf der Seite gibt es die entsprechenden Zeitreihen zum Herunterladen, ob als PDF oder direkt als Excel-Datei.</p> <p>Ein universeller Tipp für den Umgang mit Daten lautet: Bevor man sich in aufwändige Analysen versteigt, sollte man erstmal die Daten so direkt wie möglich anschauen. Für Zeitreihen heißt das: die Daten zu plotten, also ein Diagramm zu erstellen, in dem die Zeit auf der x-Achse, die weitere interessierende Größe auf der y-Achse abgetragen wird, und die Daten als Kurve oder Abfolge von Punkten eingetragen sind. Hier ist das Ergebnis für die verfügbaren Kapazitäten für die Windenergieerzeugung an Land (im Dokument „Zeitreihen zur Entwicklung der erneuerbaren Energien in Deutschland“ ist das Tabelle 4, ‚Installierte elektrische Leistung erneuerbarer Energien‘):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png"><img alt="Eine Kurve für die Leistung, die von 2005 bis 2025 einigermaßen gerade ansteigt von etwas weniger als 20 Gigawatt auf etwas unter 70 Gigawatt" decoding="async" height="746" sizes="(max-width: 1374px) 100vw, 1374px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung.png 1374w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandLeistung-768x417.png 768w" width="1374"></img></a></figure> </div> <p>Den Stand für 2020 (54.3 GW) und den für 2025 (68.1 GW) habe ich jeweils mit orangenen Punkten gekennzeichnet. Ein Zuwachs von knapp 14 GW. Soweit, so gut.</p> <h2>Die Energieerzeugungs-Kurve für Windenergie an Land</h2> <p>Machen wir dasselbe mit der Netto-Energieproduktion von Windkraft an Land in denselben Jahren. Gleiches Dokument, gleicher Zeitraum, Tabelle 3.1. Hier ist das entsprechende Diagramm:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png"><img alt="Eine ansteigende Kuve, die aber über ihre gesamte Länge hinweg einen Zickzack-Verlauf nach oben und unten aufweist. " decoding="async" height="742" sizes="(max-width: 1391px) 100vw, 1391px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag.png 1391w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-1024x546.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandEnergiebeitrag-768x410.png 768w" width="1391"></img></a></figure> </div> <p>Für 2025 sind das 105.1 TWh, für 2020 102.7 TWh. Ein Anstieg um lediglich 2.4% in einem Zeitraum, in dem die installierte Leistung um 25.4% stieg, und am Ende kommt man bei 105 TWh heraus Soweit nachvollziehbar. Aber jenseits der beiden Zahlen wird es umso problematischer, je genauer man hinschaut. Die obige Kurve ist eine Kombination aus einem generellen Anstieg und Auf-und-Ab-Schwankungen – nicht erst im Zeitraum 2020 bis 2025, sodern über den gesamten erfassten Zeitraum ab 2005 hinweg. </p> <p>Ich finde beeindruckend, wie missverständlich die Prosa-Zusammenfassung in dem WELT-Artikel wiedergibt, was die Kurve zeigt: „In den Jahren dazwischen gab es auch mal leichte Ausschläge nach oben, doch fiel die Windstromerzeugung trotz zahlreicher neuer Turbinen während zweier Jahre sogar noch deutlich unter die 100-Terawatt-Marke.“ – „leichte Ausschläge nach oben“? Ernsthaft? Der (einzige) Anstieg von 2021 auf 2023 ist größer als jede der (beiden) Absink-Phasen in jenem Zeitraum! Und wer das Absinken zweier Jahre „unter die 100-Terawatt-Marke“ herausstellt (2021 und 2022) aber über das Ansteigen zweier weiterer Werte über die 110-Terawatt-Marke Stillschweigen bewahrt, bringt eine Tendenz in seine „Beschreibung“, die in den Daten schlicht nicht vorhanden ist. </p> <p>Das zweite Problem ist die Wahl des Bezugsjahres 2020. Pickt man bei einer auf-und-ab-schwankenden Kurve lediglich zwei Jahre heraus und vergleicht sie, kann man je nach Auswahl beliebige „Trends“ erhalten – die aber komplett willkürlich sind, da sie nicht von den Daten selbst, sondern wesentlich von der Wahl der Bezugsjahre abhängen. Hätte ein Energiewende-Enthusiast 2021 und 2025 verglichen, hätte er oder sie herausbekommen, dass der Zuwachs an Energie ungefähr dem Zuwachs an installierter Leistung proportional ist, Überschrift: „Energiewende läuft nach Plan!“ Beim Vergleich von 2021 und 2023 hätte man sogar einen deutlich überproportionalen Anstieg vermelden können, „Erneuerbare Energien überraschend stark!“ Beim Vergleich von 2023 und 2025 wäre man dagegen bei einem drastischen Absinken gelandet: „Das Windenergierätsel 2: Entziehen Windräder unserem Stromsystem jetzt sogar noch Energie?“</p> <p>Wie gesagt, all das sind völlig willkürliche Auswahleffekte. Ein einzelnen davon als aussagekräftigen Trend verkaufen zu wollen, ist entweder erschreckend inkompetent oder zutiefst unehrlich. In der Wissenschaft heißt das entsprechende Fehlverhalten, durch Auswahleffekte ein erwünschtes Ergebnis erst herbeizuzaubern, „cherry picking“ (zu deutsch „Kirschenpflücken“) und ist, wo es auffliegt, Anlass für beachtlichen Rufverlust und in schweren und/oder wiederholten Fällen gegebenenfalls für Sanktionen. </p> <p>Und doch ist die Grundlage des WELT-Rätsel-Artikels ein Auswahleffekt dieser Art. Wer ein bisschen verfolgt, wie die WELT über Klimawandel und Energiewende berichtet, wird nicht überrascht sein, dass es ein für Freunde erneuerbarer Energien <em>nachteiliger</em> Auswahleffekt ist. „Please schwäche die Windenergie.“ Aus einem Auf-und-ab mit gehöriger Aufwärtsphase zwischendurch wird Stagnation. Der beträchtliche Anstieg von 2021 bis 2023 wird zum leichten Ausschlag nach oben kleingeredet. Das Diagramm, an dem Leser*innen mit rudimentärer Kurven-Lese-Kompetenz das Problem selbst erkennen könnten, fehlt gleich ganz. </p> <p>Ein letztes Detail: Wundert Sie, dass die Ausschläge in jenem Diagramm in den späteren Jahren stärker sind als links im Diagramm? So einen Effekt würden wir erwarten, wenn die Variation, die dahintersteht, die Netto-Stromerzeugung als <em>Faktor</em> beeinflusst. Dann würden die absoluten Schwankungen nämlich proportional immer größer, je mehr Windkraft-Leistung installiert ist. 5% von 60 GW sind über ein Jahr integriert mehr als 5% von 30 GW über ein Jahr. Gäbe es doch nur einen gemeinsamen Faktor, der bestimmt, wie viel Elektrizität eine gegebene Anzahl von Windrädern mit bestimmter Nennleistung letztlich erzeugen! Aber was für ein Faktor könnte das sein? Rätselhaft, sehr rätselhaft. Wir werden wahrscheinlich nie genaueres wissen.</p> <h2>Das Wie-kann-man-nur-so-einen-Unsinn-über-Wind-verzapfen-Rätsel</h2> <p>Nein, es ist natürlich nicht rätselhaft. Selbstverständlich gibt es da einen gemeinsamen Faktor, und zwar einen ganz offensichtlichen: wie viel Wind in jenem Jahr geweht hat. OK, zugegeben, ganz so einfach ist es nicht, weil sich Windräder an unterschiedlichen Standorten befinden, am Ende also so etwas wie die über alle Standorte geeignet gewichtet aufsummierte und über dass Jahr gemittelte Windstärke gesucht ist. Die hätte dann genau die Faktoreigenschaft, auf die die obige Kurve hindeutet.</p> <p>Nehmen wir als erstes denjenigen Schritt vor, den wir direkt anhand unserer Daten gehen können. Wir können wir jedes Jahr die von Windkraft-an-Land erzeugte Energiemenge durch die installierte Leistung teilen. Das Ergebnis hat die Einheit einer Zeit, ich habe hier „Stunden“ gewählt. Es handelt sich natürlich nicht einfach um die Zeit, in der die Windräder gelaufen sind – je nach Windstärke erzeugen Windräder ja einen deutlich von der Nennleistung abweichenden Wert. Die Nennleistung ist lediglich die <a href="https://home.uni-leipzig.de/energy/energie-grundlagen/15.html" rel="noopener">elektrische Leistung unter optimalen Bedingungen</a>, und meist sind Bedingungen nicht optimal. Auch der Umstand, dass nicht alle am Jahresende mit erfassten neuen Anlagen zum 1. Januar gleich mitproduzieren, dürfte für ein paar Schwankungen sorgen. Um Missverständnisse zu vermeiden, nenne ich die resultierende Stundenzahl „Äquivalentstunden“. Hier ist das Diagramm für die Äquivalentstunden-Zeitreihe:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png"><img alt="Eine wild auf und ab schwankende Kurve, zwischen etwa 1400 und 1900 Äquivalentstunden. Die Kurve zeigt einen leichten Aufwärtstrend." decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1413px) 100vw, 1413px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden.png 1413w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-300x158.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-1024x538.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-768x403.png 768w" width="1413"></img></a></figure> </div> <p>Man kann dem Diagramm direkt ansehen, dass die Äquivalentstunden-Schwankungsbreite nicht merklich zugenommen hat. Von 2008 bis 2010 ist der drastische Abfall mit einer Differenz von 378 Stunden sogar noch größer als der Abfall von 2023 bis 2025 (nur 352 Stunden), der uns den Windenergie-Rätsel-Tiefpunkt beschert hat. Der Gesamttrend in jenem Diagramm ist sogar leicht positiv. Das sind genau die falschen Dateneigenschaften, wenn man argumentieren möchte, dass es eine Stagnation gebe, also ein systematisches Absinken-und-Niedrigbleiben, das erst kürzlich aufgetreten sei. Die Daten sagen stattdessen: Schwankungen wie jene, die den 2025er-Wert nach unten gezogen hat, sind normal. Die gibt es im gesamten Datensatz. Und der Gesamt-Trend geht in die Gegenrichtung von dem, was der WELT-Artikel behauptet: An den Äquivalentstunden gemessen wird das Windrad-Ensemble, das Deutschland betreibt, mit der Zeit zunehmend effektiver. (Ob das an insgesamt mehr Wind liegt oder an verbesserter Technik – etwa höher gebauten Windrädern, die insgesamt bessere Chancen haben, guten Wind zu erwischen, kann man alleine aus jener Darstellung nicht entscheiden.) Auch der Wettergott muss sein Verhalten nicht ändern. Geht es in der Zukunft so weiter wie in dieser Zeitreihe, dann müssen wir uns keine Sorgen mache, dass sich weiterer Windkraft-Zubau nicht lohnt. Aber wir müssen natürlich beim Design unseres Energiesystems mit einberechnen, dass es diese Art von Schwankungen gibt.</p> <div title="Page 1"> <div> <div> <p> <h2>Diagramme-Lesen ist keine Zauberei</h2> </p> </div> </div> </div> <p>Kommen wir vor diesem Hintergrund noch einmal zu dem lapidaren Satz zurück, mit dem der WELT-Artikel die Möglichkeit abfertigt, dass es bei jenem angeblichen Rätsel um so etwas Schnödes wie mehr-Wind-oder-weniger-Wind gehen könnte. Ja, das sei eine mögliche Erklärung, wird der interviewte Wirtschaftsforscher Manuel Frondel zitiert. Wie viel er, der Artikelautor oder ggf. beide von jener Möglichkeit halten (indirektes Zitat!), wird in der Ausformulierung klar: „Es könne sich seit 20[2]0 um eine bemerkenswerte, aber rein zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren handeln.“ Eine bemerkenswerte, zufällige Häufung von Schwachwind-Jahren! Hah! Wer’s glaubt, wird selig!</p> <p>Dass es sich dabei stattdessen um eine bemerkenswerte, angesichts der sonstigen Probleme des Artikels aber wohl gerade nicht zufällig schwache Argumentation handelt, zeigt der Blick auf das obige Äquivalentstunden-Diagramm. Nach den Äquivalentstunden beurteilt, handelt es sich beim Zeitraum 2021 bis 2025 ja im Gegensatz um keine so schlechte Ernte. Das Jahr 2023 übertrifft den 2020er Wert sogar ein kleines bisschen. Systematischer dargestellt: In dem folgenden Diagramm sind die Durchschnittswerte sowie als Balken nach oben und unten die Standardabweichungen (letztere ein Maß für die Schwankungen innerhalb der Stichprobe) einmal für den gesamten erfassten Zeitraum, daneben für die fünf Jahre 2016 bis 2020 und dann für die angesprochenen Jahre 2021 bis 2025 dargestellt:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png"><img alt="Drei Datenpunkte mit Fehlerbalken, nämlich der Durchschnitt des Gesamt-Datensets, leicht höher der Durchschnitt 2016 bis 2020, und dazwischen der Durchschnitt für 2021 bis 2025. Die Fehlerbalken (Standardabweichung) überlappen sich deutlichst." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/durchschnitte-vergleich-300x139.png 300w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Dafür, wie man feststellt, ob zwischen zwei jeweils mit Schwankungen überlagerten Größen ein tatsächlicher Unterschied besteht, liefert die Statistik geeignete Tests. Wo sich die Schwankungsbreiten rund um die Durchschnittswerte so weitgehend entsprechen wie hier, ist aber auch ohne Tests klar: es gibt keinen echten Unterschied. Solche Werte sind innerhalb der Schwankungsbreite nicht unterscheidbar. Anders gesagt: Das Cherry-Picking reicht als Verfälschung alleine nicht aus, um das angebliche Rätsel herbei zu konstruieren. Man muss zusätzlich noch alles vergessen, was man jemals über statistische Vergleiche gelernt hat, um auf die Idee zu kommen, hier gäbe eseinen echten, nach 2020 beginnenden, erklärungsbedürftigen Trend.</p> <p>OK, das mit der Standardabweichung gehört natürlich schon eher in Richtung Insiderwissen. (Wenn auch Insiderwissen, das in den Sozialwissenschaften in den ersten Semestern gelehrt wird. Es gibt deutlich insideriges Wissen.) Aber es ist ja noch abstruser. Wir müssen uns nur den Verlauf der Äquivalentstunden-Kurve anschauen:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png"><img alt="Kurve Aequivalentstunden gegen Zeit: ein Maximum bei 2020, dann eine Senke, dann ein fast gleich großes Maximum bei 2023, dann ein Abfall bis 2025" decoding="async" height="742" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1431px) 100vw, 1431px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025.png 1431w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-300x156.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-1024x531.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/windkraftLandAequivalentstunden-2020to2025-768x398.png 768w" width="1431"></img></a></figure> </div> <p>Eine Person, die jene Kurve ansehen und ohne rot zu werden behaupten kann, dort käme als Wind-Erklärung nach dem starken Jahr 2020 überraschenderweise nur noch eine Häufung von Schwachwind-Jahren infrage, ist keine Person, der eine seriöse Zeitung eine Plattform liefern sollte, solch ein Diagramm zu kommentieren. Und die WELT sollte das eigentlich auch nicht tun.</p> <h2>Recherche ist, zugegeben, ein Fremdwort </h2> <p>Wie schon erwähnt, sagen die Äquivalenzstunden erst einmal nichts darüber aus, worauf ihre Variation zurückgeht. Von Jahr zu Jahr unterschiedlicher Wind liegt natürlich erst einmal nahe. Immer effektivere Windräder einerseits bzw. vielleicht ja wirklich, wie im WELT-Artikel vorgebracht, immer schlechtere Standorte andererseits können aber selbstverständlich auch einen Einfluss haben, und den Äquivalenzstunden-Daten selbst sieht man nicht an, welcher Faktor eine wie große Rolle spielt.</p> <p>Und ich muss ehrlicherweise zugeben: Wetterdaten sind in Deutschland nicht so einfach zu bekommen. Das gilt erst recht für jene esoterischen Daten, die einem sagen, wie der Wind die hiesigen Windräder beeinflussen würde. Um Zugang zu jenem Geheimwissen zu erlangen, muss man eine entbehrungsreiche Reise auf sich nehmen und ein belastendes Aufnahmeritual durchlaufen, bevor man (vielleicht!) in die Gegenwart der Meisterin gelassen wird und dann in langer, anstrengender und zum Teil lebensgefährlicher Fleissarbeit Zugang zum eigentlichen Geheimwissen bekommt. Manch einer ist von der entsprechenden <del>Erleuchtungs</del>Recherchereise nie zurückgekehrt – oder war komplett verändert. Da muss man einfach realistisch bleiben. So etwas kann man von Journalisten nicht verlangen. </p> <p>Halt, Moment, ich höre gerade aus der Regie, dass mir da der Plot des Marvel-Films „Dr. Strange“ dazwischengerutscht ist. Sorry! Also noch einmal, und diesmal richtig: Ich habe rund zehn Minuten gebraucht, um via Google herauszubekommen, dass es so etwas wie den „Windindex“ und den „Ertragsindex“ gibt, mit dem geeignet spezialisierte Meterolog*innen zusammenfassend beschreiben, wie viel windradrelevanter Wind in Deutschland in einem bestimmten Jahr oder einem bestimmten Monat gepustet hat, ortsgenau, je nach Bundesland oder für Deutschland insgesamt. Und wenngleich sich die betreffende Firma die besonders geldwerten Daten wohl in der Tat bezahlen lässt – etwa wenn Investor*innen wissen wollen, wie viel Ertrag von einer Windkraftanlage an einem bestimmten Standort zu erwarten ist, oder die Betreiber, welches die aktuellen Bedingungen an ihrem Standort sind – ist die Übersicht samt der deutschlandweiten Daten frei im Internet abrufbar. Auf dieser Seite hier sind <a href="https://www.anemos.de/de/informationen.php#downloads" rel="noopener">die PDFs für die Jahre 2017 bis 2025</a> direkt herunterladbar. Dank an die Firma Anemos für diese frei zugänglichen Daten! Das folgende Diagramm zeigt unten die bereits geplotteten Äquivalenzstunden, die ich ausgerechnet hatte, und oben den Ertragsindex (in Prozent) aus den Wind-Daten der Firma Anemos:</p> <div> <figure><img alt="Oben die Äquivalentstunden, unten der Ertragsindex in Prozent für die Jahre 2017. Die Kurven sind zwar nicht identisch, aber sehr ähnlich, verkürzt gesagt: wo die eine nach oben geht, tut es auch die andere, wo die eine nach unten geht tut es auch die andere." decoding="async" height="865" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1168px) 100vw, 1168px" src="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png 1168w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-300x222.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-1024x758.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex-768x569.png 768w" width="1168"></img></figure> </div> <p><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/vergleich-aequivalentstunden-ertragsindex.png">I</a>m perfekten Gleichschritt bewegen sich jene Daten zwar nicht – insbesondere das Wind-Maximum im Jahre 2023 wird nicht eins zu eins in Äquivalentstunden umgesetzt. Aber die Ähnlichkeiten zwischen den Kurven fallen direkt ins Auge. Speziell für die Vergleichsjahre 2020 und 2025 gilt: Die Ertragsindizes stehen im Verhältnis von 1.21 zu 1, und die Äquivalenzstunden im Verhältnis von 1.23 zu eins. Da muss man sich noch ein weiteres Mal arg verbiegen, um daran festzuhalten, dass hier ein großes Windkraft-Rätsel vorliegt, welches mit den natürlichen Variationen des Windeinflusses von Jahr zu Jahr nun wirklich nicht zu erklären ist. </p> <h2>Fazit</h2> <p>Klimawandel und Energiewende sind für viele Menschen aufwühlende, emotionale Themen – ob man nun das Zögern der Bundesregierung angesichts einer ernsthaften Bedrohung kritisch beäugt oder sich Sorgen macht, was uns die Energiewende ggf. an wirtschaftlichen Nachteilen bringen könnte. Gerade in den sozialen Medien kann die Diskussion bei diesem Thema recht heftig werden. Umso wichtiger sind verlässliche Informationen. Und dafür ist seriöser, solider, guter Journalismus gefragt. Bei einem Aufhänger wie dem vom Windkraft-Rätsel kann ich förmlich hören, wie die Dozentin in der Journalistenschule ihre Studierenden unterstützen würde, ginge es um eine Übung in den Anfangssemestern: „Erst einmal die Daten plotten. Guck, da fällt euch doch vielleicht schon etwas auf!“ Oder allgemeiner: „Als nächstes müsst ihr euch überlegen: Wen befragt man dafür als Expert*in? Wenn eine von drei möglichen Lösungen die Windverhältnisse sind, braucht ihr auf alle Fälle jemanden aus der Meteorologie!“ Wer dann als Lösung so etwas einreichen würde wie diesen WELT-Artikel, fiele durch.</p> <p>Woran liegt’s? Ich könnte ehrlich gesagt nicht sagen, welche der beiden grundsätzlichen Möglichkeiten, die mir direkt einfallen, ich gruseliger fände: das Szenario, in dem die Beteiligten es eigentlich besser wissen, aber hej, die Anweisung von oben war halt mal wieder der Windenergie eins aufs Haupt zu geben, oder das Szenario, in dem die ja mindestens drei Beteiligten (Interviewpartner und dem Vieraugenprinzip nach zwei Journalist*innen) sämtlich an den hier skizzierten grundlegenden Wie-lese-ich-ein-Diagramm-mit-Daten-Kompetenzen scheitern.</p> <p>Ich fühlte mich bei meiner Auswertung sehr an meine Blogbeiträge zur angeblichen Klimawandel-Pause erinnert (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/globale-temperaturkurve/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimaerwaermungspause-einige-diagramme-vs-deutlich-weniger-als-tausend-worte/">hier</a>). Um da zu einem erklärungsbedürftigen Rätsel zu gelangen, musste man ebenfalls eifriges Cherrypicken betreiben, die Augen fest zukneifen wenn die Kurve zwischen den gewählten zwei Bezugspunkten nicht zum eigenen Narrativ passt, sowie alles vergessen, was man ggf. mal über die Überlagerung von langfristigen Trends und kurzfristigen Schwankungen gelernt hatte. Dass solch fragwürdige Argumentationen es damals bis in den SPIEGEL geschafft hatten, hatte mich damals einigermaßen erschüttert und verwundert. Wo der Autor jenes SPIEGEL-Beitrags heute ist? Chefreporter Wissenschaft bei der WELT.</p> <h2>Nachbemerkung</h2> <p>Wie immer bei kontroversen oder potenziell kontroversen Themen moderiere ich die Kommentare. Ich bitte die Kommentator*innen, beim Thema zu bleiben, sich kurzzufassen, und Beschimpfungen/Beleidigungen, egal in welche Richtung, zu unterlassen. Kommentare, die sich nicht an diese einfachen Regeln halten, schalte ich gar nicht erst frei.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/das-windenergieraetsel-der-welt/#comments 35 Völlig schwerelos: Unser Gehirn im Weltraum https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/#respond Sun, 31 May 2026 09:28:44 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=6015 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-13-768x510.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-13-1024x680.jpeg" /><h1>Völlig schwerelos: Unser Gehirn im Weltraum » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>“Völlig losgelöst, von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos”</p> <p>Wie Major Tom und die zahlreichen beliebten Lieder, Filme, Dokumentationen, Bücher und Planetariumsvorführungen zeigen: Wir Menschen sind vom Weltraum grenzenlos fasziniert! Nicht grundlos ist Astronautin und Astronaut unter den beliebtesten Traumberufen von Kindern. </p> <p>Gut bekannt ist schon den Jüngsten, dass wer sich auf eine Weltraummission begeben will, ein hartes Training auf der Erde bestreiten und auch im Weltall täglich intensiv Sport treiben muss. Nur so können die Schwerelosigkeit und die lebensfeindlichen Bedingungen im Weltall körperlich verkraftet werden. Weniger bekannt sind die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Gehirn. Nun, da Weltraumtourismus auf dem Vormarsch ist, sollten wir die Risiken und Nebenwirkungen einer Reise aus unserer Atmosphäre betrachten, bevor wir wie Major Tom scherzend abheben.</p> <h3>“Die Erdanziehungskraft ist überwunden”</h3> <p>Stelle dir vor, du wärst im Weltraum, würdest aus dem Fenster der Weltraumstation auf die kleine blaue Erde sehen. Vielleicht spürst du in diesem Moment, wie sich dein Körper bei der Vorstellung leichter anfühlt, wie deine Arme und Beine widerstandslos schweben würden? Nicht nur deine Körperteile, auch die gesamte Körperflüssigkeit wäre der Schwerelosigkeit (beziehungsweise Mikrogravitation) ausgesetzt. Und das stellt unser komplettes Nervensystem vor einige Herausforderungen.</p> <h4>Wenig Platz und mehr Flüssigkeit</h4> <p>Konkret für das Gehirn bedeutet das eine Flüssigkeitsverschiebung des Liquors (Hirnwassers) und Bluts in den Schädel, einer Umverteilung der freien extrazellulären Flüssigkeit im Gehirn und eine Aufwärtsbewegung des Gehirns in Richtung des Scheitels bei längeren Weltraummissionen. So werden der Subarachnoidalraum zwischen Gehirn und Schädelwand am Scheitel verringert und die mit Liquor gefüllten Ventrikel im Gehirn in der Schwerelosigkeit deutlich erweitert. Diese Ventrikelerweiterung bleibt auch nach der Rückkehr zur Erde über Monate bis Jahre bestehen (tatsächlich ist nicht sicher, ob überhaupt eine Rückbildung zu einer altersgemäßen Norm möglich ist) <sup>1,2</sup>. Auch der sogenannte perivaskuläre Raum, der extrazelluläre Raum um die Blutgefäße des Gehirns, erweitert sich. <aside></aside></p> <p>All diese Veränderungen führen zu einer Flüssigkeitszunahme im begrenzten Raum der knöchernen Schädelkalotte. Das könnte das glymphatische System  (das Reinigungssystem unseres Gehirns – genauer eine extrazelluläre Flüssigkeitsbewegung, die ähnlich des Lymphsystems im restlichen Körper dazu dient, Abfall- und Stoffwechselprodukte aus dem Gewebe abzutransportieren) stören, den mittleren Druck im Gehirn über den Tag erhöhen und sich dadurch negativ auf die kognitive Funktion auswirken <sup>1</sup>.</p> <h4>Nicht den Durchblick verlieren</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 672px) 100vw, 672px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg 672w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-197x300.jpeg 197w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-768x1170.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-1008x1536.jpeg 1008w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg 1344w" width="672"></img></a></figure> </div> <p>Die größte Herausforderung in der Weltraummedizin ist eine Sehverschlechterung, diese gilt als das bedeutendste Hindernis für zukünftige langandauernde Marsmissionen. Mit dem komplizierten Namen spaceflight associated neuro-ocular syndrome, kurz SANS genannt, werden mehrere strukturelle Veränderungen der Augen beschrieben, die zu Sehstörung in der Nähe und Ausfällen im Gesichtsfeld führen können und bei deutlich längeren Weltraummissionen sogar zu einem irreversiblen Sehverlust führen könnten <sup>3</sup>. Nach Langzeitmissionen (&gt;1 Monat) werden bei 70% aller Weltraumreisenden SANS-Zeichen festgestellt. </p> <p>Wie genau es dazu kommt, bleibt bislang ungeklärt. Es wird von einer Kombination mehrerer Faktoren ausgegangen. Als wichtige Ursachen werden die kopfwärts gerichtete Flüssigkeitsverschiebung, der erhöhte mittlere Druck im Gehirn, der dadurch gestörter Blutfluss über die Venen und das gestörte glymphatische System und die Aufwärtsverschiebung des gesamten Gehirns diskutiert <sup>4</sup>.</p> <h3>Weltraumkrankheit – Reiseübelkeit in der Rakete</h3> <p>Sollte dir beim Autofahren leicht übel werden, würde dir die Weltraumkrankheit ordentlich zu schaffen machen. Denn durch die Schwerelosigkeit werden die Orientierungssysteme des Körpers ordentlich verwirrt. </p> <p>Konkret handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Signalen des Gleichgewichtsorgans (des Vestibularorgans) und dem im Gehirn gespeicherten Erwartungsmodell, basierend auf lebenslangen Erfahrungen unter der Erdschwerkraft. Bis zu 80% der Weltraumfahrerinnen und -fahrer sind in den ersten Tagen von den äußerst unangenehmen Symptomen betroffen. <br></br>Sie leiden an Übelkeit, Erbrechen und Schwindel, Blässe sowie Kaltschweißigkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Zum Glück kann das Gehirn die störenden Signale des Gleichgewichtsorgans in der Regel nach 3 bis 5 Tagen zunehmend als weniger wichtig werten und verstärkt auf die Augen zur räumlichen Orientierung setzen. Es lernt also die über das bisherige Leben unter der Erdschwerkraft erstellten Modelle zu Orientierung und Körperposition auf Basis der Signale des Gleichgewichtsorgans zu ignorieren <sup>5</sup>. </p> <p>Helfen kann also ein intensives Schwerelosigkeitstraining vor der Weltraummission und übelkeitshemmende Medikamente. Wieder umstellen muss sich das Gehirn dann aber nach der Rückkehr auf die Erde zur Schwerkraft, dann können nochmals ähnliche Symptome auftreten <sup>6</sup>. </p> <div><div> <p><strong>Historischer Exkurs: Wie Gehörlose die Forschung voran brachten</strong><p>Wusstest du, dass elf gehörlose Männer einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der Weltraumkrankheit und der sensorischen Verarbeitung unter veränderter Schwerkraft leisteten?</p><p>Die elf Männer aus Washington hatten wegen Hirnhautentzündungen in der Kindheit kein funktionierendes Innenohr, welches für das Gehör und den Gleichgewichtssinn zuständig ist. Sie machten in den 1950er und 60er Jahren viele anstrengende Experimente der NASA mit, unter anderem Parabelflüge (bei denen durch Auf- und Abbewegungen des Flugzeugs kurzfristig Schwerelosigkeit erzielt wird), tagelanger Aufenthalt in einem sich langsam drehendem Raum und Experimente auf Schiffen. Erstaunlicherweise waren diese gehörlosen Männer komplett immun gegenüber der Simulation der Weltraumkrankheit, ihnen wurde weder übel, noch litten sie an Desorientierung oder erlebten räumliche Illusionen wie die gesunden Kontrollprobanden <sup>7</sup>. </p></p> <p>Die Ergebnisse bewiesen die zentrale Rolle des Innenohrs (exakt des Vestibularorgans) für die Weltraumkrankheit. Sie zeigten, dass nicht die Schwerelosigkeit allein, sondern der Konflikt zwischen verschiedenen sensorischen Wahrnehmungen, also das, was durch Gleichgewichts-, Seh- und Tast- sowie Lagesinn wahrgenommen wird, verursachend ist <sup>6</sup>.</p> </div></div> <h3>Kosmische Strahlung</h3> <p>Nicht nur die Schwerelosigkeit macht dem menschlichen Körper zu schaffen, auch die hohe kosmische Strahlung ist extrem gefährlich. Die Astronautinnen und Astronauten könnten bei einer Marsmission bis zu 2000 Millisievert im Weltall ausgesetzt sein, ohne den Schutz durch die Atmosphäre und das Magnetfeld der Erde, das entspricht der Strahlendosis von mehr als 20.000-mal den Oberkörper zu röntgen. Diese enorme Strahlenexposition birgt ein hohes Risiko für Krebserkrankungen, Schädigung des Nervensystems, degenerative Erkrankungen und Strahlenkrankheit <sup>8</sup>. </p> <p>Fast alle Ergebnisse stammen aus Experimenten mit Versuchstieren und sind deshalb nicht zuverlässig auf den Menschen übertragbar, liefern aber wichtige Erkenntnisse. Bei den bestrahlten Mäusen wurden kognitive Beeinträchtigungen in Form von Aufmerksamkeitsstörungen, verlangsamter Reaktionszeit, aggressives Verhalten, Defizite im Gedächtnis und räumlichem Lernen festgestellt <sup>9</sup>. Zudem verursachte die Bestrahlung Entzündungsreaktionen im Gehirn der Tiere, welche die Blut-Hirn-Schranke (schützende Abgrenzung des Gehirns vom Blut) stören. Durch die Bestrahlung wurden auch Nervenzellen (konkret die Synapsen, Dendriten und isolierenden Myelinscheiden um die Nervenfasern) und das Neurotransmittersystem geschädigt <sup>10</sup>. </p> <p>Sehr spannend ist, dass ein großer Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Mäusen bei den Experimenten festgestellt wurde: Die Männchen zeigten stärkere kognitive Defizite, erhöhte Angst, verminderte soziale Interaktion und eine chronische Immunreaktion im Gehirn, wohingegen die Weibchen weitgehend unbeeinträchtigt blieben und nur Hinweise auf leichte Gedächtnisstörungen lieferten. Das Gehirn von weiblichen Mäusen scheint also widerstandsfähiger gegenüber der Strahlung zu sein <sup>11</sup>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="735" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-300x215.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-768x551.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1536x1103.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Frauen besser geeignet fürs Weltall?</h3> <p>Wenn es bei Mäusen einen Geschlechterunterschied gibt, dann vielleicht auch bei Menschen? Tatsächlich ja! Allerdings ergibt sich ein komplexes Bild, und es kann nicht pauschal gesagt werden, dass Frauen geeigneter fürs Weltall wären. Zwar gibt es nur eine begrenzte Datenlage (nur ca. 11,5% der Astronauten sind Frauen!), jedoch weisen bisherige Daten darauf hin, dass Frauen seltener an der Sehstörung SANS und an Hörverlust leiden. Im Gegensatz dazu berichten die Astronautinnen aber häufiger von der Weltraumkrankheit und haben ein deutlich höheres, strahleninduziertes Krebsrisiko <sup>1,12</sup>.</p> <h3>“Die Erde schimmert blau” – der Überblick-Effekt</h3> <p>Nach all den Schwierigkeiten fürs Gehirn zurück zu der kindlichen Faszination für den Weltraum, die nicht von ungefähr kommt. Astronautinnen und Astronauten erleben oft beim Anblick unseres blauen Heimatplaneten aus dem All eine unglaubliche emotionale Ergriffenheit. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Frank White beschrieb 1987 als Überblick-Effekt diese enorme Ehrfurcht und das Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Menschheit. Die Weltraummannschaften beschrieben, sich im Angesicht der Weite des Universums selbst ganz klein zu fühlen, ein Phänomen, das als Selbsttranszendenz bezeichnet wird. Nicht wenige von ihnen erlebten einen dauerhaften Perspektivwechsel und andauernde Änderung ihrer Identität mit dem besonderen Wunsch, die Erde und Menschheit zu schützen. Einige ehemalige Astronauten und Astronautinnen sind im Anschluss bedeutende spirituelle Lehrer, Autoren und Umweltaktivisten geworden <sup>13</sup>.</p> <h3>“Die Crew hat dann noch ein paar Fragen”</h3> <p>Zu Risiken und Nebenwirkungen einer Weltraumexkursion fragen Sie Ihre Ärztin oder … äh? Leider ist Weltraummedizin bislang noch nicht Inhalt des Medizinstudiums in Deutschland. Weitere Informationen lassen sich deshalb beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln finden, bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder bei der NASA.<br></br>Ganz klar aus dem „Beipackzettel“ wird jedoch, es handelt sich um ein unfassbar spannendes Thema der Medizin und Neurowissenschaft mit noch vielen offenen Fragen. Durch mehr Missionen aus der Atmosphäre heraus werden wir viel zu unserem Gehirn und über die menschlichen Grenzen lernen.</p> <p>Major Tom denkt sich: „Wenn die wüssten, mich führt hier ein Licht durch das All, das kennt ihr noch nicht, ich komme bald.“ </p> <h4>Bildquellen</h4> <p><a href="https://www.pexels.com/photo/person-in-white-astronaut-suit-39651" rel="noopener">Titelbild</a><p><a href="https://www.pexels.com/photo/nasa-space-shuttle-taking-off-355906" rel="noopener">Bild 1</a><a href="https://www.pexels.com/photo/gray-and-black-galaxy-wallpaper-2150" rel="noopener">Bild 2</a><a href="https://www.pexels.com/photo/earth-illustration-355935" rel="noopener">Bild 3</a></p></p> <h4>Quellen</h4> <p>Sehr viele wortwörtliche Zitate aus “Major Tom (Völlig losgelöst)” von Peter Schilling<br></br>Schilling, P. (1982). Major Tom (Völlig losgelöst) [Lied]. Auf <em>Error in the System</em>. Elektra Records. </p> <p>1. Seidler, R. D., Mao, X. W., Tays, G. D., Wang, T. &amp; Eulenburg, P. zu. Effects of spaceflight on the brain. <em>The Lancet Neurology </em><strong>23</strong>, 826–835 (2024). </p> <p>2. Barisano, G. <em>et al.</em> The effect of prolonged spaceflight on cerebrospinal fluid and perivascular spaces of astronauts and cosmonauts. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>119</strong>, e2120439119 (2022). </p> <p>3. Macias, B. R. <em>et al.</em> Association of Long-Duration Spaceflight With Anterior and Posterior Ocular Structure Changes in Astronauts and Their Recovery. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>138</strong>, 553–559 (2020). </p> <p>4. Brunstetter, T. J. <em>et al.</em> Predicting Spaceflight-Associated Neuro-Ocular Syndrome in International Space Station Astronauts. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>143</strong>, 933–937 (2025). </p> <p>5. Cohen, B., Dai, M., Yakushin, S. B. &amp; Cho, C. The neural basis of motion sickness. <em>J Neurophysiol </em><strong>121</strong>, 973–982 (2019). </p> <p>6. Heer, M. &amp; Paloski, W. H. Space motion sickness: incidence, etiology, and countermeasures. <em>Auton Neurosci </em><strong>129</strong>, 77–79 (2006). </p> <p>7. How 11 Deaf Men Helped Shape NASA’s Human Spaceflight Program – NASA. https://www.nasa.gov/missions/project-mercury/how-11-deaf-men-helped-shape-nasas-human-spaceflight-program/ (2017). </p> <p>8. Why Space Radiation Matters – NASA. https://www.nasa.gov/missions/analog-field-testing/why-space-radiation-matters/ (2017). </p> <p>9. Alaghband, Y. <em>et al.</em> Galactic cosmic radiation exposure causes multifaceted neurocognitive impairments. <em>Cell Mol Life Sci </em><strong>80</strong>, 29 (2023). </p> <p>10. Wuyts, F. L., Deblieck, C., Vandevoorde, C. &amp; Durante, M. Brains in space: impact of microgravity and cosmic radiation on the CNS during space exploration. <em>Nat. Rev. Neurosci. </em><strong>26</strong>, 354–371 (2025). </p> <p>11. Krukowski, K. <em>et al.</em> The impact of deep space radiation on cognitive performance: From biological sex to biomarkers to countermeasures. <em>Sci Adv </em><strong>7</strong>, eabg6702 (2021). </p> <p>12. Hughes-Fulford, M., Carroll, D. J., Allaway, H. C. M., Dunbar, B. J. &amp; Sawyer, A. J. Women in space: A review of known physiological adaptations and health perspectives. <em>Experimental Physiology </em><strong>n/a</strong>,. </p> <p>13. published, L. D. Space philosopher Frank White on ‘The Overview Effect’ and humanity’s connection with Earth. <em>Space</em> https://www.space.com/frank-white-overview-effect (2022).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-13-1024x680.jpeg" /><h1>Völlig schwerelos: Unser Gehirn im Weltraum » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>“Völlig losgelöst, von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos”</p> <p>Wie Major Tom und die zahlreichen beliebten Lieder, Filme, Dokumentationen, Bücher und Planetariumsvorführungen zeigen: Wir Menschen sind vom Weltraum grenzenlos fasziniert! Nicht grundlos ist Astronautin und Astronaut unter den beliebtesten Traumberufen von Kindern. </p> <p>Gut bekannt ist schon den Jüngsten, dass wer sich auf eine Weltraummission begeben will, ein hartes Training auf der Erde bestreiten und auch im Weltall täglich intensiv Sport treiben muss. Nur so können die Schwerelosigkeit und die lebensfeindlichen Bedingungen im Weltall körperlich verkraftet werden. Weniger bekannt sind die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Gehirn. Nun, da Weltraumtourismus auf dem Vormarsch ist, sollten wir die Risiken und Nebenwirkungen einer Reise aus unserer Atmosphäre betrachten, bevor wir wie Major Tom scherzend abheben.</p> <h3>“Die Erdanziehungskraft ist überwunden”</h3> <p>Stelle dir vor, du wärst im Weltraum, würdest aus dem Fenster der Weltraumstation auf die kleine blaue Erde sehen. Vielleicht spürst du in diesem Moment, wie sich dein Körper bei der Vorstellung leichter anfühlt, wie deine Arme und Beine widerstandslos schweben würden? Nicht nur deine Körperteile, auch die gesamte Körperflüssigkeit wäre der Schwerelosigkeit (beziehungsweise Mikrogravitation) ausgesetzt. Und das stellt unser komplettes Nervensystem vor einige Herausforderungen.</p> <h4>Wenig Platz und mehr Flüssigkeit</h4> <p>Konkret für das Gehirn bedeutet das eine Flüssigkeitsverschiebung des Liquors (Hirnwassers) und Bluts in den Schädel, einer Umverteilung der freien extrazellulären Flüssigkeit im Gehirn und eine Aufwärtsbewegung des Gehirns in Richtung des Scheitels bei längeren Weltraummissionen. So werden der Subarachnoidalraum zwischen Gehirn und Schädelwand am Scheitel verringert und die mit Liquor gefüllten Ventrikel im Gehirn in der Schwerelosigkeit deutlich erweitert. Diese Ventrikelerweiterung bleibt auch nach der Rückkehr zur Erde über Monate bis Jahre bestehen (tatsächlich ist nicht sicher, ob überhaupt eine Rückbildung zu einer altersgemäßen Norm möglich ist) <sup>1,2</sup>. Auch der sogenannte perivaskuläre Raum, der extrazelluläre Raum um die Blutgefäße des Gehirns, erweitert sich. <aside></aside></p> <p>All diese Veränderungen führen zu einer Flüssigkeitszunahme im begrenzten Raum der knöchernen Schädelkalotte. Das könnte das glymphatische System  (das Reinigungssystem unseres Gehirns – genauer eine extrazelluläre Flüssigkeitsbewegung, die ähnlich des Lymphsystems im restlichen Körper dazu dient, Abfall- und Stoffwechselprodukte aus dem Gewebe abzutransportieren) stören, den mittleren Druck im Gehirn über den Tag erhöhen und sich dadurch negativ auf die kognitive Funktion auswirken <sup>1</sup>.</p> <h4>Nicht den Durchblick verlieren</h4> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 672px) 100vw, 672px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-672x1024.jpeg 672w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-197x300.jpeg 197w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-768x1170.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14-1008x1536.jpeg 1008w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-14.jpeg 1344w" width="672"></img></a></figure> </div> <p>Die größte Herausforderung in der Weltraummedizin ist eine Sehverschlechterung, diese gilt als das bedeutendste Hindernis für zukünftige langandauernde Marsmissionen. Mit dem komplizierten Namen spaceflight associated neuro-ocular syndrome, kurz SANS genannt, werden mehrere strukturelle Veränderungen der Augen beschrieben, die zu Sehstörung in der Nähe und Ausfällen im Gesichtsfeld führen können und bei deutlich längeren Weltraummissionen sogar zu einem irreversiblen Sehverlust führen könnten <sup>3</sup>. Nach Langzeitmissionen (&gt;1 Monat) werden bei 70% aller Weltraumreisenden SANS-Zeichen festgestellt. </p> <p>Wie genau es dazu kommt, bleibt bislang ungeklärt. Es wird von einer Kombination mehrerer Faktoren ausgegangen. Als wichtige Ursachen werden die kopfwärts gerichtete Flüssigkeitsverschiebung, der erhöhte mittlere Druck im Gehirn, der dadurch gestörter Blutfluss über die Venen und das gestörte glymphatische System und die Aufwärtsverschiebung des gesamten Gehirns diskutiert <sup>4</sup>.</p> <h3>Weltraumkrankheit – Reiseübelkeit in der Rakete</h3> <p>Sollte dir beim Autofahren leicht übel werden, würde dir die Weltraumkrankheit ordentlich zu schaffen machen. Denn durch die Schwerelosigkeit werden die Orientierungssysteme des Körpers ordentlich verwirrt. </p> <p>Konkret handelt es sich um einen Konflikt zwischen den Signalen des Gleichgewichtsorgans (des Vestibularorgans) und dem im Gehirn gespeicherten Erwartungsmodell, basierend auf lebenslangen Erfahrungen unter der Erdschwerkraft. Bis zu 80% der Weltraumfahrerinnen und -fahrer sind in den ersten Tagen von den äußerst unangenehmen Symptomen betroffen. <br></br>Sie leiden an Übelkeit, Erbrechen und Schwindel, Blässe sowie Kaltschweißigkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Zum Glück kann das Gehirn die störenden Signale des Gleichgewichtsorgans in der Regel nach 3 bis 5 Tagen zunehmend als weniger wichtig werten und verstärkt auf die Augen zur räumlichen Orientierung setzen. Es lernt also die über das bisherige Leben unter der Erdschwerkraft erstellten Modelle zu Orientierung und Körperposition auf Basis der Signale des Gleichgewichtsorgans zu ignorieren <sup>5</sup>. </p> <p>Helfen kann also ein intensives Schwerelosigkeitstraining vor der Weltraummission und übelkeitshemmende Medikamente. Wieder umstellen muss sich das Gehirn dann aber nach der Rückkehr auf die Erde zur Schwerkraft, dann können nochmals ähnliche Symptome auftreten <sup>6</sup>. </p> <div><div> <p><strong>Historischer Exkurs: Wie Gehörlose die Forschung voran brachten</strong><p>Wusstest du, dass elf gehörlose Männer einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis der Weltraumkrankheit und der sensorischen Verarbeitung unter veränderter Schwerkraft leisteten?</p><p>Die elf Männer aus Washington hatten wegen Hirnhautentzündungen in der Kindheit kein funktionierendes Innenohr, welches für das Gehör und den Gleichgewichtssinn zuständig ist. Sie machten in den 1950er und 60er Jahren viele anstrengende Experimente der NASA mit, unter anderem Parabelflüge (bei denen durch Auf- und Abbewegungen des Flugzeugs kurzfristig Schwerelosigkeit erzielt wird), tagelanger Aufenthalt in einem sich langsam drehendem Raum und Experimente auf Schiffen. Erstaunlicherweise waren diese gehörlosen Männer komplett immun gegenüber der Simulation der Weltraumkrankheit, ihnen wurde weder übel, noch litten sie an Desorientierung oder erlebten räumliche Illusionen wie die gesunden Kontrollprobanden <sup>7</sup>. </p></p> <p>Die Ergebnisse bewiesen die zentrale Rolle des Innenohrs (exakt des Vestibularorgans) für die Weltraumkrankheit. Sie zeigten, dass nicht die Schwerelosigkeit allein, sondern der Konflikt zwischen verschiedenen sensorischen Wahrnehmungen, also das, was durch Gleichgewichts-, Seh- und Tast- sowie Lagesinn wahrgenommen wird, verursachend ist <sup>6</sup>.</p> </div></div> <h3>Kosmische Strahlung</h3> <p>Nicht nur die Schwerelosigkeit macht dem menschlichen Körper zu schaffen, auch die hohe kosmische Strahlung ist extrem gefährlich. Die Astronautinnen und Astronauten könnten bei einer Marsmission bis zu 2000 Millisievert im Weltall ausgesetzt sein, ohne den Schutz durch die Atmosphäre und das Magnetfeld der Erde, das entspricht der Strahlendosis von mehr als 20.000-mal den Oberkörper zu röntgen. Diese enorme Strahlenexposition birgt ein hohes Risiko für Krebserkrankungen, Schädigung des Nervensystems, degenerative Erkrankungen und Strahlenkrankheit <sup>8</sup>. </p> <p>Fast alle Ergebnisse stammen aus Experimenten mit Versuchstieren und sind deshalb nicht zuverlässig auf den Menschen übertragbar, liefern aber wichtige Erkenntnisse. Bei den bestrahlten Mäusen wurden kognitive Beeinträchtigungen in Form von Aufmerksamkeitsstörungen, verlangsamter Reaktionszeit, aggressives Verhalten, Defizite im Gedächtnis und räumlichem Lernen festgestellt <sup>9</sup>. Zudem verursachte die Bestrahlung Entzündungsreaktionen im Gehirn der Tiere, welche die Blut-Hirn-Schranke (schützende Abgrenzung des Gehirns vom Blut) stören. Durch die Bestrahlung wurden auch Nervenzellen (konkret die Synapsen, Dendriten und isolierenden Myelinscheiden um die Nervenfasern) und das Neurotransmittersystem geschädigt <sup>10</sup>. </p> <p>Sehr spannend ist, dass ein großer Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Mäusen bei den Experimenten festgestellt wurde: Die Männchen zeigten stärkere kognitive Defizite, erhöhte Angst, verminderte soziale Interaktion und eine chronische Immunreaktion im Gehirn, wohingegen die Weibchen weitgehend unbeeinträchtigt blieben und nur Hinweise auf leichte Gedächtnisstörungen lieferten. Das Gehirn von weiblichen Mäusen scheint also widerstandsfähiger gegenüber der Strahlung zu sein <sup>11</sup>.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="735" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1024x735.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-300x215.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-768x551.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15-1536x1103.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-15.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <h3>Frauen besser geeignet fürs Weltall?</h3> <p>Wenn es bei Mäusen einen Geschlechterunterschied gibt, dann vielleicht auch bei Menschen? Tatsächlich ja! Allerdings ergibt sich ein komplexes Bild, und es kann nicht pauschal gesagt werden, dass Frauen geeigneter fürs Weltall wären. Zwar gibt es nur eine begrenzte Datenlage (nur ca. 11,5% der Astronauten sind Frauen!), jedoch weisen bisherige Daten darauf hin, dass Frauen seltener an der Sehstörung SANS und an Hörverlust leiden. Im Gegensatz dazu berichten die Astronautinnen aber häufiger von der Weltraumkrankheit und haben ein deutlich höheres, strahleninduziertes Krebsrisiko <sup>1,12</sup>.</p> <h3>“Die Erde schimmert blau” – der Überblick-Effekt</h3> <p>Nach all den Schwierigkeiten fürs Gehirn zurück zu der kindlichen Faszination für den Weltraum, die nicht von ungefähr kommt. Astronautinnen und Astronauten erleben oft beim Anblick unseres blauen Heimatplaneten aus dem All eine unglaubliche emotionale Ergriffenheit. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-16.jpeg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Frank White beschrieb 1987 als Überblick-Effekt diese enorme Ehrfurcht und das Gefühl der Verbundenheit mit der gesamten Menschheit. Die Weltraummannschaften beschrieben, sich im Angesicht der Weite des Universums selbst ganz klein zu fühlen, ein Phänomen, das als Selbsttranszendenz bezeichnet wird. Nicht wenige von ihnen erlebten einen dauerhaften Perspektivwechsel und andauernde Änderung ihrer Identität mit dem besonderen Wunsch, die Erde und Menschheit zu schützen. Einige ehemalige Astronauten und Astronautinnen sind im Anschluss bedeutende spirituelle Lehrer, Autoren und Umweltaktivisten geworden <sup>13</sup>.</p> <h3>“Die Crew hat dann noch ein paar Fragen”</h3> <p>Zu Risiken und Nebenwirkungen einer Weltraumexkursion fragen Sie Ihre Ärztin oder … äh? Leider ist Weltraummedizin bislang noch nicht Inhalt des Medizinstudiums in Deutschland. Weitere Informationen lassen sich deshalb beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln finden, bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA oder bei der NASA.<br></br>Ganz klar aus dem „Beipackzettel“ wird jedoch, es handelt sich um ein unfassbar spannendes Thema der Medizin und Neurowissenschaft mit noch vielen offenen Fragen. Durch mehr Missionen aus der Atmosphäre heraus werden wir viel zu unserem Gehirn und über die menschlichen Grenzen lernen.</p> <p>Major Tom denkt sich: „Wenn die wüssten, mich führt hier ein Licht durch das All, das kennt ihr noch nicht, ich komme bald.“ </p> <h4>Bildquellen</h4> <p><a href="https://www.pexels.com/photo/person-in-white-astronaut-suit-39651" rel="noopener">Titelbild</a><p><a href="https://www.pexels.com/photo/nasa-space-shuttle-taking-off-355906" rel="noopener">Bild 1</a><a href="https://www.pexels.com/photo/gray-and-black-galaxy-wallpaper-2150" rel="noopener">Bild 2</a><a href="https://www.pexels.com/photo/earth-illustration-355935" rel="noopener">Bild 3</a></p></p> <h4>Quellen</h4> <p>Sehr viele wortwörtliche Zitate aus “Major Tom (Völlig losgelöst)” von Peter Schilling<br></br>Schilling, P. (1982). Major Tom (Völlig losgelöst) [Lied]. Auf <em>Error in the System</em>. Elektra Records. </p> <p>1. Seidler, R. D., Mao, X. W., Tays, G. D., Wang, T. &amp; Eulenburg, P. zu. Effects of spaceflight on the brain. <em>The Lancet Neurology </em><strong>23</strong>, 826–835 (2024). </p> <p>2. Barisano, G. <em>et al.</em> The effect of prolonged spaceflight on cerebrospinal fluid and perivascular spaces of astronauts and cosmonauts. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>119</strong>, e2120439119 (2022). </p> <p>3. Macias, B. R. <em>et al.</em> Association of Long-Duration Spaceflight With Anterior and Posterior Ocular Structure Changes in Astronauts and Their Recovery. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>138</strong>, 553–559 (2020). </p> <p>4. Brunstetter, T. J. <em>et al.</em> Predicting Spaceflight-Associated Neuro-Ocular Syndrome in International Space Station Astronauts. <em>JAMA Ophthalmol </em><strong>143</strong>, 933–937 (2025). </p> <p>5. Cohen, B., Dai, M., Yakushin, S. B. &amp; Cho, C. The neural basis of motion sickness. <em>J Neurophysiol </em><strong>121</strong>, 973–982 (2019). </p> <p>6. Heer, M. &amp; Paloski, W. H. Space motion sickness: incidence, etiology, and countermeasures. <em>Auton Neurosci </em><strong>129</strong>, 77–79 (2006). </p> <p>7. How 11 Deaf Men Helped Shape NASA’s Human Spaceflight Program – NASA. https://www.nasa.gov/missions/project-mercury/how-11-deaf-men-helped-shape-nasas-human-spaceflight-program/ (2017). </p> <p>8. Why Space Radiation Matters – NASA. https://www.nasa.gov/missions/analog-field-testing/why-space-radiation-matters/ (2017). </p> <p>9. Alaghband, Y. <em>et al.</em> Galactic cosmic radiation exposure causes multifaceted neurocognitive impairments. <em>Cell Mol Life Sci </em><strong>80</strong>, 29 (2023). </p> <p>10. Wuyts, F. L., Deblieck, C., Vandevoorde, C. &amp; Durante, M. Brains in space: impact of microgravity and cosmic radiation on the CNS during space exploration. <em>Nat. Rev. Neurosci. </em><strong>26</strong>, 354–371 (2025). </p> <p>11. Krukowski, K. <em>et al.</em> The impact of deep space radiation on cognitive performance: From biological sex to biomarkers to countermeasures. <em>Sci Adv </em><strong>7</strong>, eabg6702 (2021). </p> <p>12. Hughes-Fulford, M., Carroll, D. J., Allaway, H. C. M., Dunbar, B. J. &amp; Sawyer, A. J. Women in space: A review of known physiological adaptations and health perspectives. <em>Experimental Physiology </em><strong>n/a</strong>,. </p> <p>13. published, L. D. Space philosopher Frank White on ‘The Overview Effect’ and humanity’s connection with Earth. <em>Space</em> https://www.space.com/frank-white-overview-effect (2022).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/voellig-schwerelos-unser-gehirn-im-weltraum/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/#comments Sun, 31 May 2026 03:26:00 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4635 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/pedelec-unfall-helm-einschreiben-@Dr.-Karin-Schumacher-768x576.jpeg Fahrradhelm mit Einschreiben - Symbolbild für Pedelec‑Unfall und rechtliche Folgen https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/pedelec-unfall-helm-einschreiben-@Dr.-Karin-Schumacher.jpeg" /><h1>Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Von Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/faf0261a09c24e39ba45140787a58187" width="1"></img>Ein humorvoller-analytischer Blick auf zwei Fahrradunfälle – und darauf, warum manche Menschen sich lieber mit Anwälten schützen als mit Helmen. Über besondere „anniversary reactions“ und überraschende Unfallstatistiken. Über neues Vertrauen und letztlich Samivels Erinnerung daran, was „Freiheit“ wirklich bedeutet.</strong><span id="more-4635"></span></p> <h2>Wenn das Leben Geschichte(n) schreibt</h2> <p>Es gibt Momente, die passieren nur im echten Leben. Zum Beispiel, wenn ein Pedelec‑Fahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit einen steilen Feldweg hinunterrast, dabei eine Ärztin touchiert, die in letzter Sekunde intuitiv ausgewichen ist – und damit vermutlich sowohl ihr eigenes Leben als auch das des Rasenden rettet, als sie ein Sausen im Rücken vernimmt.</p> <p>Der Fahrer stürzt ohne Helm und bleibt stumm liegen. Die selbst verletzte Ärztin versorgt ihn, bis ein Rettungshubschrauber den Schwerverletzten beatmet ins Krankenhaus fliegt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Ein Jahr später</a> erhebt dieser juristische Ansprüche gegen das „Opfer“.</p> <p>Das ist eine dieser Geschichten, die man nicht erfinden kann. Aber Menschen wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/zwei-pferde-%d0%b4%d0%b2%d0%b5-%d0%bb%d0%be%d1%88%d0%b0%d0%b4%d0%b8-tolstois-fabel-ueber-fleiss-und-faulheit/" rel="noopener" target="_blank">Lew Tolstoi</a> (1828-1910) hätten sie sicher <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">gerne aufgeschrieben</a>.</p> <h2>Begegnung mit dem rasenden Pedelec: Ein kurzer, aber lehrreicher Moment</h2> <p>Ein damals 77‑jähriger Pedelec‑Fahrer kam gerade von einem Erste‑Hilfe‑Kurs, als er auf einem steilen Feldweg die Kontrolle verlor. Er versuchte, an meinem linken Arm vorbeizukommen – einem Hindernis, das zu diesem Zeitpunkt lediglich eine halbe Brezel hielt -, brachte mich zu Fall und sich selbst ins Trudeln. Er stürzte auf sein unbehelmtes Hirn und blieb stumm liegen. Meine Brezel blieb intakt. Seine rotgerahmte Brille landete unbeschadet auf der Wiese. Ich sammelte sie später ein und gab sie dem Rettungsdienst mit.<aside></aside></p> <p>Als ich plötzlich ein Sausen im Rücken gespürt hatte, war ich intuitiv einen Schritt zur Seite gegangen. In der nächsten Sekunde wurde ich von einer mir bis dahin unbekannten Wucht auf den mit Rasengittersteinen gepflasterten Boden gerissen, verspürte höllische Schmerzen und begann laut zu schreien. Als ich merkte, dass ich offenbar noch lebte und es jemanden gab, dem es deutlich schlechter ging, rappelte ich mich auf und begab mich zu dem stummen Radfahrer. Ich sprach ihn an, brachte ihn in die stabile Seitenlage und beruhigte ihn, während meine Begleitung den Rettungsdienst alarmierte. Dieser traf rasch ein und informierte auch die Polizei.</p> <h3>Vorahnungen und Schutzmechanismen</h3> <p>Doch als der Pedelec‑Fahrer etwas mehr als eine Woche nach dem Unfall fast „in alter Frische“ vor mir stand (er wohnt in der Nachbarschaft), spürte ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht zu Ende war. Dass sie eine tiefere Dimension entwickeln könnte – medizinisch, psychologisch und gesellschaftlich. Seine Brille saß wieder korrekt auf der Nase, am Kopf trug er einen Verband.</p> <p>Er erklärte mir, er habe doch geklingelt – und ich sei ja deswegen ausgewichen. Das sei nun sein erster Krankenhausaufenthalt seit seiner Geburt gewesen, und seine Frau sei ganz geschockt gewesen, als die Polizisten ihr das kaputte Fahrrad einfach so vor die Tür gestellt hätten. Aber er sei dankbar, dass man ihm geholfen habe. Und übrigens habe hier doch früher mal ein Arzt gewohnt… Aha.</p> <p>Ich selbst erlitt eine Radiuskopffraktur, großflächige Hämatome und entwickelte eine anhaltende Scheu – insbesondere vor zweirädrigen Verkehrsteilnehmenden. Die Polizei nahm den Fall auf und gab ihn an die Staatsanwaltschaft weiter. Auf eine Strafanzeige verzichtete ich. Der Mann war schon gestraft genug – so sah es offenbar auch der Staatsanwalt, der das Verfahren später einstellte.</p> <p>Als ich den Pedelec-Fahrer später nach seiner Haftpflichtversicherung fragte, erhielt ich keine Antwort. Nach erneuter Rückfrage teilte er mir mit, dass er sich anwaltliche Hilfe geholt habe – die Staatsanwaltschaft habe sich inzwischen bei ihm gemeldet. Ich sagte ihm, dass ich auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichtet hätte.</p> <p>Eine Entschuldigung blieb aus. Stattdessen betonte er immer wieder das Klingeln, das seiner Meinung nach bisher zuverlässig alle Hindernisse aus seinem Weg geräumt habe. Nur dass es diesmal außer ihm niemand hörte.</p> <p>Ich meldete alles, vorsorglich auch meiner Haftpflichtversicherung. Meine Rechtsschutzversicherung stellte mir einen Anwalt für meine zivilen Ansprüche. Fall erledigt – dachte ich.</p> <h2>Sturz vom Rad als „anniversary reaction“?!</h2> <p>Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Unfall – und der Gedanke an eine mögliche Jahrestagsreaktion liegt im Nachhinein erschreckend nah – war ich auf dem Rückweg von einer Frühjahrs‑Mountainbike‑Tour. Wir waren gerade wieder in die Zivilisation eingebogen, als ich ein Fahrzeug hinter mir wahrnahm und – wie ich es mir seit dem Touchieren durch den Pedelec-Fahrer angewöhnt hatte – reflexartig auswich.</p> <p>Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenwagen. Was war da passiert?</p> <p>Ob Zufall oder eine Art „Geburtstagsreaktion“ – also eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">unbewusste Reaktivierung</a> rund um den Jahrestag eines belastenden Ereignisses – möchte ich hier nicht festlegen. In der Psychotraumatologie ist dieses Phänomen jedoch gut beschrieben [vgl. z. B. 1, 2]. </p> <h3>Die erste Patienten-Nacht im Krankenhaus</h3> <p>Klar ist jedenfalls, dass ich dadurch meine erste bewusste Nacht als Patientin im Krankenhaus verbrachte – und zwar gleich auf der Intensivstation. Zum Glück trug ich einen guten Helm. Denn auf diesem war ich offenbar gelandet. Ich sei etwa zwei Minuten bewusstlos gewesen, aber der Autofahrer, der tatsächlich hinter mir fuhr, hatte sofort Erste Hilfe geleistet und den Rettungsdienst informiert.</p> <p>Mein Schädel zeigte eine kleine Fissur und es gab einige punktförmige Blutungen, weshalb ich die ersten 24 Stunden überwacht werden sollte. Da der Sturz an einem Sonnabend passiert war, musste ich noch eine weitere Nacht auf Normalstation verbringen, bis der Stationsarzt am Montagnachmittag den Entlassungsbrief vollenden konnte.</p> <p>Somit musste ich genau sechs Mahlzeiten mit Krankenhauskost überstehen. Auch wenn diese eigentlich gegen die Gesetze der Heilkunst verstößt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank"><em>primum nil nocere</em></a> -, ist es faszinierend, dass Menschen trotzdem gesund werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4657" id="attachment_4657"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg"><img alt="Erste Krankenhausmahlzeit auf der Intensivstation: Brot, Tomaten, Käse, Kompott, Butter, Quark und Tee." decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1536x1024.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg 1701w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4657"><em><span>Erste Mahlzeit nach der Aufnahme: Menü à la Intensivstation. „Bon“ Appetit für Menschen, die nicht künstlich ernährt werden müssen. Credit: Dr. Karin Schumacher</span></em></figcaption></figure> <h2>Reset durch paradoxe Entlastung?</h2> <p>Inzwischen habe ich einen neuen Helm und war auch bei den empfohlenen Kontrolluntersuchungen. Der Neurologe war zufrieden mit mir, meinen Bildern und meinen Hirnströmen. Längere Bildschirmarbeit muss ich aber noch meiden, das mag mein Kopf noch nicht so sehr.</p> <p>Ich bin erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich nicht länger im Krankenhaus bleiben musste. Und erstaunt: Der Spuk der Scheu vor respektlosen Mitmenschen scheint sich seitdem verflüchtigt zu haben. Der zweite Unfall wirkte wie ein Reset. Nicht im Sinne eines „Schadens“, sondern als eine Art paradoxe Entlastung – vielleicht sogar als Auflösung des früheren „Schocks“ oder „Traumas“. Eine eigentlich belastende oder krisenhafte Situation führte paradoxerweise zu einer inneren Erleichterung.</p> <p>Solche Effekte fielen auch während der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/covid-19-who-studie-zeigt-wirkung-von-sozialer-distanz-und-mund-nasen-schutz/" rel="noopener" target="_blank">COVID‑19‑Pandemie</a> auf: Durch die sozialen und beruflichen Einschränkungen reduzierten sich für manche Menschen alltägliche Stressoren, was als persönliche Entlastung erlebt wurde [3].</p> <h2>Wie Vertrauen den Platz der Angst wiedererobert</h2> <p>Aber es spielte noch etwas anderes eine wichtige Rolle: Diesmal verhielt sich der Mensch hinter mir respektvoll, aufmerksam und verantwortungsvoll. Er tat genau das, was Menschen in einem solchen Fall tun sollten. Das schafft neues Vertrauen – Vertrauen, das die unnötige Übervorsicht ersetzt.</p> <p>Denn Angst löst sich nicht durch Vermeidung, sondern durch eine neue, sichere Erfahrung. Der Autofahrer hat genau diese Erfahrung ermöglicht. Damit wurde der zweite Unfall zu einer Art „Gegenbild“ zum ersten – eine korrigierende Erfahrung, welche die Auflösung des alten Schocks möglich machte. Heilung entsteht hier nicht durch Abstand, sondern durch die Wiederherstellung des Vertrauens in sichere Beziehungserfahrungen.<br></br>(Vor dem Pedelec‑Fahrer werde ich dennoch auch in Zukunft den größtmöglichen Abstand wahren – zumindest solange er bleibt, wie er ist.)</p> <h2>Und dann kam Post: vom Anwalt des Pedelec-Fahrers</h2> <p>Um nun auch mein gesundendes Hirn wieder vollständig zu mobilisieren, bekam ich vor kurzem Post von meinem Anwalt. Ein (neuer) Anwalt des Pedelec-Fahrers hat sich bei ihm gemeldet, um für seinen Mandanten nun Ansprüche gegen mich geltend zu machen.</p> <h3>What? Kognitive Dissonanz lässt grüßen</h3> <p>Verdutzt reibe ich mir mein noch etwas irritiertes linkes Auge und blinzle zur Sicherheit zweimal. Nein, das ist kein Scherz. Vielleicht ist das seine Version der „Anniversary Reaction“? Oder seine Art der „paradoxen Entlastung“? Am ehesten ist es ein gutes Beispiel für kognitive Dissonanz.</p> <p>Wenn Gedanken, Überzeugungen und Werte nicht zum tatsächlichen Handeln passen, können und sollten Menschen ihr Verhalten ändern. So weiß ein Raucher meist, dass er seine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/auf-dem-weg-zur-weltspitze-zivilisationskrankheiten-in-deutschland/" rel="noopener" target="_blank">Gesundheit schädigt</a> und dass das Aufgeben des Rauchens ihn wieder in Einklang mit sich und seinem Körper bringen würde. Diese Verhaltensänderung mögen Gehirn und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Droge</a> aber nicht so sehr, weil es viel Energie kostet und Gewohnheiten zerstört. Energetisch und hirntechnisch einfacher ist es, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">Wahrheit zu verbiegen</a>, zu verdrängen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/bullshit-kleines-kompendium-und-therapeutikum/" rel="noopener" target="_blank">umzudeuten</a>. Unsere Gehirne sind Prädiktionsmaschinen, doch dazu ein anderes Mal mehr. </p> <p>Diesbezüglich funktionieren wir alle ähnlich, nur dass wir nicht alle rauchen und nicht alle die gleichen Gewohnheiten pflegen. Der Pedelec-Fahrer meint es jedenfalls ernst. Über menschliche Fähigkeiten der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Verdrängung und Projektion</a> hatte ich ja schon letztes Jahr berichtet. Solche Mechanismen schützen uns und unser Gehirn, helfen uns beim Weiterleben nach traumatischen Ereignissen, können aber auch schaden.</p> <p>Nun habe ich also erneut Haftpflichtversicherung und Anwalt informiert, die sich mit dem Fall beschäftigen werden. Das schafft Arbeit – und zumindest die Anwälte gewinnen dabei auf jeden Fall.</p> <h2>Verschiedene Verkehrsteilnehmende und Unfallschwere</h2> <p>In diesem Zusammenhang kam mir auch die Idee für ein aktuelles Update an dieser Stelle – damit sich eben nicht nur die Anwälte freuen. Auch wenn ich eigentlich noch nicht so lange wieder am Rechner sitzen wollte.</p> <p>Außerdem fiel mir ein interessanter Artikel ein, der 2025 über E-Scooter-Unfälle im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> erschien. Darüber wollte ich ohnehin einmal etwas ausführlicher schreiben, denn auch hier wurde ich schon einmal fast Zeugin eines sehr tragischen Unfalls.</p> <p>Hartz et al. [4] vergleichen in ihrer Arbeit den Anteil der verunfallten E Scooter Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden (Fahrrad, Motorrad, Auto, Fußgänger). Die Zahlen stammen aus dem <a href="https://www.dgu-online.de/versorgung-wissenschaft/qualitaet-und-sicherheit/schwerverletzte/traumaregister-dgur" rel="noopener" target="_blank">TraumaRegister DGU®</a> und zeigen ein bemerkenswertes Muster:</p> <h3>Vergleich schwerer Verkehrsunfälle (2020–2023)</h3> <p><em>(Ausgewählte Parameter, sortiert nach Sterblichkeit)</em></p> <table> <tbody> <tr> <td><strong>Verkehrs-mittel</strong></td> <td><strong>Anzahl Fälle (%) </strong></td> <td><strong>Alters-durchschnitt (Jahre)</strong></td> <td><strong>Anteil Männer (%)</strong></td> <td><strong>Kopver-letzungen* (%)</strong></td> <td><strong>Sterb-lichkeit** (%)</strong></td> </tr> <tr> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> </tr> <tr> <td><strong>Fußgänger</strong></td> <td>4.102 (9,1)</td> <td>52,7</td> <td>53</td> <td>50</td> <td>15,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Auto</strong></td> <td>16.147 (35,7)</td> <td>47,6</td> <td>63</td> <td>29</td> <td>7,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Fahrrad</strong></td> <td>11.430 (25,3)</td> <td>54,5</td> <td>72</td> <td>56</td> <td>6,4</td> </tr> <tr> <td><strong>E‑Scooter</strong></td> <td>538 (1,2)</td> <td>44,3</td> <td>78</td> <td>60</td> <td>5,1</td> </tr> <tr> <td><strong>Motorrad</strong></td> <td>11.286 (24,9)</td> <td>42,9</td> <td>88</td> <td>26</td> <td>4,6</td> </tr> </tbody> </table> <p><em>* Kopfverletzungen mit AIS ≥ 2 (Abbreviated Injury Score, d.h. klinisch relevante Verletzungen).</em><br></br><em>** Sterblichkeit ohne früh weiterverlegte Patientinnen und Patienten (laut Originalpublikation). </em><em>Quelle modifiziert nach Hartz et al. 2025 [4].</em></p> <p>Diese Unfallzahlen zeigen, wie verletzlich bestimmte Gruppen sind – und wie leicht mehr Sicherheit zu mehr Gesundheit und damit zu einer spürbaren Entlastung unserer Gesellschaft führen würde.</p> <h3>Fußgänger sind am verletzlichsten</h3> <ul> <li>Motorrad- und Autofahrende sind am besten geschützt – trotz hoher Geschwindigkeiten und hoher Unfallzahlen.</li> <li>E Scooter Fahrende haben hohe Kopfverletzungsraten (60 %) – sie sind selten mit Helm unterwegs.</li> <li>Fahrradfahrende haben ähnlich hohe Kopfverletzungsraten (56 %) – allerdings bei deutlich höheren Unfallzahlen.</li> <li>Motorradfahrende haben deutlich weniger Kopfverletzungen (26%) – und Helmpflicht.</li> <li>Fußgänger sind die verletzlichste Gruppe überhaupt – mit Kopfverletzungen von 50% und einer Sterblichkeit von 15,3 %.</li> </ul> <p>Das hat mich tatsächlich betroffen gemacht. Ich möchte nun nicht gleich jedem empfehlen, nur noch mit Helm und Schutzkleidung auf die Straße zu gehen, aber:</p> <p>Ein wenig gegenseitige Achtsamkeit, Vorsicht, Rücksicht und Respekt können nicht nur das Leben für alle verbessern, sondern auch das Gesundheitssystem entlasten – und Leben retten.</p> <p>In diesem Sinne: eine schöne und sichere Zeit im Freien, mit Freude und Rücksicht. Und auf zwei Rädern immer nur mit Helm!</p> <h2>Samivels Freiheit als Reha-Motto</h2> <p>Ich verabschiede mich für einige Tage zu meinem individuellen Reha-Programm – dorthin, wo der französische Naturliebhaber und Künstler <em><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/stadtfruehling/" rel="noopener" target="_blank">Samivel</a></em> (1907-1992) gewirkt hat. Bei den Lacs Jovet, einer etwa 2000 m hoch gelegenen, malerischen Seengruppe in den französischen Alpen, sind mir bislang noch keine unbehelmten Pedelec-Fahrer begegnet. Dort steht ein Gedenkstein mit einem Zitat von <a href="https://www.samivel.fr" rel="noopener" target="_blank"><em>Samivel</em></a>, das uns täglich inspirieren sollte: </p> <blockquote> <p><em><strong>Freie Gewässer, freie Menschen.</strong></em><br></br><em><strong><span>Hier beginnt das Land der Freiheit.<br></br></span><span>Der Freiheit, sich gut zu verhalten. </span></strong></em></p> <p><em><span>(Eigene Übersetzung)</span></em></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-1692" id="attachment_1692"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more.jpg"><img alt="Blick auf die Lacs Jovet in den französischen Alpen: klare Bergseen, Felsen und alpine Landschaft als ruhige Reha‑Kulisse." decoding="async" height="513" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-300x231.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-768x592.jpg 768w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1692"><em>Die „Lacs Jovet“: Samivels Paradies und Lehrer in den Alpen als Reha‑Kulisse statt Krankenhaus‑Büffet und Gruppengymnastik. <span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> </em></figcaption></figure> <h2>Quellen / weiterführende Literatur</h2> <p>1. Portwich, P., &amp; Demling, J. H. (2002). Das Konzept der anniversary reaction. Fortschr Neurol Psychiatr, 70(9), 495–500. <a href="https://doi.org/10.1055/s-2002-33762" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1055/s-2002-33762</a><br></br>2. Csef, H. (2015). „Anniversary reactions“ und der Tod. Psychotherapeut, 60, 232–235. <a href="https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1</a><br></br>3. Bischof, H., Dietrich, G., Przyborski, A., &amp; Poncioni‑Rusnov, V. (2021). Wie kommen psychisch erkrankte Personen durch die COVID‑19‑Krise? Eine empirische multimethodische Studie mit Daten von PatientInnen in gruppentherapeutischer Behandlung. ÖAGG Feedback, 1–2, 55–74. <a href="https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf</a><br></br>4. Hartz, F., Zehnder, P., Resch, T., Römmermann, G., Schwarz, et al. (2025). Severe Injuries in E Scooter Accidents: An Evaluation of Data From the TraumaRegister DGU. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 265–270. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041</a><br></br>5. Hartung, B., Schäuble, A., Peldschus, S., Schüßler, M., Meyer, H. L. (2024). The documentation of injuries caused by traffic accidents. Deutsches Ärzteblatt International, 121, 27–36. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/pedelec-unfall-helm-einschreiben-@Dr.-Karin-Schumacher.jpeg" /><h1>Ohne Helm, aber mit Anwalt? Sturz ein Jahr nach dem Pedelec-Crash » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Von Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/faf0261a09c24e39ba45140787a58187" width="1"></img>Ein humorvoller-analytischer Blick auf zwei Fahrradunfälle – und darauf, warum manche Menschen sich lieber mit Anwälten schützen als mit Helmen. Über besondere „anniversary reactions“ und überraschende Unfallstatistiken. Über neues Vertrauen und letztlich Samivels Erinnerung daran, was „Freiheit“ wirklich bedeutet.</strong><span id="more-4635"></span></p> <h2>Wenn das Leben Geschichte(n) schreibt</h2> <p>Es gibt Momente, die passieren nur im echten Leben. Zum Beispiel, wenn ein Pedelec‑Fahrer mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit einen steilen Feldweg hinunterrast, dabei eine Ärztin touchiert, die in letzter Sekunde intuitiv ausgewichen ist – und damit vermutlich sowohl ihr eigenes Leben als auch das des Rasenden rettet, als sie ein Sausen im Rücken vernimmt.</p> <p>Der Fahrer stürzt ohne Helm und bleibt stumm liegen. Die selbst verletzte Ärztin versorgt ihn, bis ein Rettungshubschrauber den Schwerverletzten beatmet ins Krankenhaus fliegt. <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Ein Jahr später</a> erhebt dieser juristische Ansprüche gegen das „Opfer“.</p> <p>Das ist eine dieser Geschichten, die man nicht erfinden kann. Aber Menschen wie <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/zwei-pferde-%d0%b4%d0%b2%d0%b5-%d0%bb%d0%be%d1%88%d0%b0%d0%b4%d0%b8-tolstois-fabel-ueber-fleiss-und-faulheit/" rel="noopener" target="_blank">Lew Tolstoi</a> (1828-1910) hätten sie sicher <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">gerne aufgeschrieben</a>.</p> <h2>Begegnung mit dem rasenden Pedelec: Ein kurzer, aber lehrreicher Moment</h2> <p>Ein damals 77‑jähriger Pedelec‑Fahrer kam gerade von einem Erste‑Hilfe‑Kurs, als er auf einem steilen Feldweg die Kontrolle verlor. Er versuchte, an meinem linken Arm vorbeizukommen – einem Hindernis, das zu diesem Zeitpunkt lediglich eine halbe Brezel hielt -, brachte mich zu Fall und sich selbst ins Trudeln. Er stürzte auf sein unbehelmtes Hirn und blieb stumm liegen. Meine Brezel blieb intakt. Seine rotgerahmte Brille landete unbeschadet auf der Wiese. Ich sammelte sie später ein und gab sie dem Rettungsdienst mit.<aside></aside></p> <p>Als ich plötzlich ein Sausen im Rücken gespürt hatte, war ich intuitiv einen Schritt zur Seite gegangen. In der nächsten Sekunde wurde ich von einer mir bis dahin unbekannten Wucht auf den mit Rasengittersteinen gepflasterten Boden gerissen, verspürte höllische Schmerzen und begann laut zu schreien. Als ich merkte, dass ich offenbar noch lebte und es jemanden gab, dem es deutlich schlechter ging, rappelte ich mich auf und begab mich zu dem stummen Radfahrer. Ich sprach ihn an, brachte ihn in die stabile Seitenlage und beruhigte ihn, während meine Begleitung den Rettungsdienst alarmierte. Dieser traf rasch ein und informierte auch die Polizei.</p> <h3>Vorahnungen und Schutzmechanismen</h3> <p>Doch als der Pedelec‑Fahrer etwas mehr als eine Woche nach dem Unfall fast „in alter Frische“ vor mir stand (er wohnt in der Nachbarschaft), spürte ich zum ersten Mal, dass diese Geschichte nicht zu Ende war. Dass sie eine tiefere Dimension entwickeln könnte – medizinisch, psychologisch und gesellschaftlich. Seine Brille saß wieder korrekt auf der Nase, am Kopf trug er einen Verband.</p> <p>Er erklärte mir, er habe doch geklingelt – und ich sei ja deswegen ausgewichen. Das sei nun sein erster Krankenhausaufenthalt seit seiner Geburt gewesen, und seine Frau sei ganz geschockt gewesen, als die Polizisten ihr das kaputte Fahrrad einfach so vor die Tür gestellt hätten. Aber er sei dankbar, dass man ihm geholfen habe. Und übrigens habe hier doch früher mal ein Arzt gewohnt… Aha.</p> <p>Ich selbst erlitt eine Radiuskopffraktur, großflächige Hämatome und entwickelte eine anhaltende Scheu – insbesondere vor zweirädrigen Verkehrsteilnehmenden. Die Polizei nahm den Fall auf und gab ihn an die Staatsanwaltschaft weiter. Auf eine Strafanzeige verzichtete ich. Der Mann war schon gestraft genug – so sah es offenbar auch der Staatsanwalt, der das Verfahren später einstellte.</p> <p>Als ich den Pedelec-Fahrer später nach seiner Haftpflichtversicherung fragte, erhielt ich keine Antwort. Nach erneuter Rückfrage teilte er mir mit, dass er sich anwaltliche Hilfe geholt habe – die Staatsanwaltschaft habe sich inzwischen bei ihm gemeldet. Ich sagte ihm, dass ich auf eine strafrechtliche Verfolgung verzichtet hätte.</p> <p>Eine Entschuldigung blieb aus. Stattdessen betonte er immer wieder das Klingeln, das seiner Meinung nach bisher zuverlässig alle Hindernisse aus seinem Weg geräumt habe. Nur dass es diesmal außer ihm niemand hörte.</p> <p>Ich meldete alles, vorsorglich auch meiner Haftpflichtversicherung. Meine Rechtsschutzversicherung stellte mir einen Anwalt für meine zivilen Ansprüche. Fall erledigt – dachte ich.</p> <h2>Sturz vom Rad als „anniversary reaction“?!</h2> <p>Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Unfall – und der Gedanke an eine mögliche Jahrestagsreaktion liegt im Nachhinein erschreckend nah – war ich auf dem Rückweg von einer Frühjahrs‑Mountainbike‑Tour. Wir waren gerade wieder in die Zivilisation eingebogen, als ich ein Fahrzeug hinter mir wahrnahm und – wie ich es mir seit dem Touchieren durch den Pedelec-Fahrer angewöhnt hatte – reflexartig auswich.</p> <p>Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Krankenwagen. Was war da passiert?</p> <p>Ob Zufall oder eine Art „Geburtstagsreaktion“ – also eine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/vier-kleine-freuden-pro-tag-und-eine-spritze-zufall/" rel="noopener" target="_blank">unbewusste Reaktivierung</a> rund um den Jahrestag eines belastenden Ereignisses – möchte ich hier nicht festlegen. In der Psychotraumatologie ist dieses Phänomen jedoch gut beschrieben [vgl. z. B. 1, 2]. </p> <h3>Die erste Patienten-Nacht im Krankenhaus</h3> <p>Klar ist jedenfalls, dass ich dadurch meine erste bewusste Nacht als Patientin im Krankenhaus verbrachte – und zwar gleich auf der Intensivstation. Zum Glück trug ich einen guten Helm. Denn auf diesem war ich offenbar gelandet. Ich sei etwa zwei Minuten bewusstlos gewesen, aber der Autofahrer, der tatsächlich hinter mir fuhr, hatte sofort Erste Hilfe geleistet und den Rettungsdienst informiert.</p> <p>Mein Schädel zeigte eine kleine Fissur und es gab einige punktförmige Blutungen, weshalb ich die ersten 24 Stunden überwacht werden sollte. Da der Sturz an einem Sonnabend passiert war, musste ich noch eine weitere Nacht auf Normalstation verbringen, bis der Stationsarzt am Montagnachmittag den Entlassungsbrief vollenden konnte.</p> <p>Somit musste ich genau sechs Mahlzeiten mit Krankenhauskost überstehen. Auch wenn diese eigentlich gegen die Gesetze der Heilkunst verstößt – <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-lange-weg-zu-einem-wahren-gesundheitswesen/" rel="noopener" target="_blank"><em>primum nil nocere</em></a> -, ist es faszinierend, dass Menschen trotzdem gesund werden.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4657" id="attachment_4657"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg"><img alt="Erste Krankenhausmahlzeit auf der Intensivstation: Brot, Tomaten, Käse, Kompott, Butter, Quark und Tee." decoding="async" height="444" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher-1536x1024.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Krankenhausessen-@med_and_more-Dr.-Karin-Schumacher.jpeg 1701w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4657"><em><span>Erste Mahlzeit nach der Aufnahme: Menü à la Intensivstation. „Bon“ Appetit für Menschen, die nicht künstlich ernährt werden müssen. Credit: Dr. Karin Schumacher</span></em></figcaption></figure> <h2>Reset durch paradoxe Entlastung?</h2> <p>Inzwischen habe ich einen neuen Helm und war auch bei den empfohlenen Kontrolluntersuchungen. Der Neurologe war zufrieden mit mir, meinen Bildern und meinen Hirnströmen. Längere Bildschirmarbeit muss ich aber noch meiden, das mag mein Kopf noch nicht so sehr.</p> <p>Ich bin erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist und ich nicht länger im Krankenhaus bleiben musste. Und erstaunt: Der Spuk der Scheu vor respektlosen Mitmenschen scheint sich seitdem verflüchtigt zu haben. Der zweite Unfall wirkte wie ein Reset. Nicht im Sinne eines „Schadens“, sondern als eine Art paradoxe Entlastung – vielleicht sogar als Auflösung des früheren „Schocks“ oder „Traumas“. Eine eigentlich belastende oder krisenhafte Situation führte paradoxerweise zu einer inneren Erleichterung.</p> <p>Solche Effekte fielen auch während der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/covid-19-who-studie-zeigt-wirkung-von-sozialer-distanz-und-mund-nasen-schutz/" rel="noopener" target="_blank">COVID‑19‑Pandemie</a> auf: Durch die sozialen und beruflichen Einschränkungen reduzierten sich für manche Menschen alltägliche Stressoren, was als persönliche Entlastung erlebt wurde [3].</p> <h2>Wie Vertrauen den Platz der Angst wiedererobert</h2> <p>Aber es spielte noch etwas anderes eine wichtige Rolle: Diesmal verhielt sich der Mensch hinter mir respektvoll, aufmerksam und verantwortungsvoll. Er tat genau das, was Menschen in einem solchen Fall tun sollten. Das schafft neues Vertrauen – Vertrauen, das die unnötige Übervorsicht ersetzt.</p> <p>Denn Angst löst sich nicht durch Vermeidung, sondern durch eine neue, sichere Erfahrung. Der Autofahrer hat genau diese Erfahrung ermöglicht. Damit wurde der zweite Unfall zu einer Art „Gegenbild“ zum ersten – eine korrigierende Erfahrung, welche die Auflösung des alten Schocks möglich machte. Heilung entsteht hier nicht durch Abstand, sondern durch die Wiederherstellung des Vertrauens in sichere Beziehungserfahrungen.<br></br>(Vor dem Pedelec‑Fahrer werde ich dennoch auch in Zukunft den größtmöglichen Abstand wahren – zumindest solange er bleibt, wie er ist.)</p> <h2>Und dann kam Post: vom Anwalt des Pedelec-Fahrers</h2> <p>Um nun auch mein gesundendes Hirn wieder vollständig zu mobilisieren, bekam ich vor kurzem Post von meinem Anwalt. Ein (neuer) Anwalt des Pedelec-Fahrers hat sich bei ihm gemeldet, um für seinen Mandanten nun Ansprüche gegen mich geltend zu machen.</p> <h3>What? Kognitive Dissonanz lässt grüßen</h3> <p>Verdutzt reibe ich mir mein noch etwas irritiertes linkes Auge und blinzle zur Sicherheit zweimal. Nein, das ist kein Scherz. Vielleicht ist das seine Version der „Anniversary Reaction“? Oder seine Art der „paradoxen Entlastung“? Am ehesten ist es ein gutes Beispiel für kognitive Dissonanz.</p> <p>Wenn Gedanken, Überzeugungen und Werte nicht zum tatsächlichen Handeln passen, können und sollten Menschen ihr Verhalten ändern. So weiß ein Raucher meist, dass er seine <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/auf-dem-weg-zur-weltspitze-zivilisationskrankheiten-in-deutschland/" rel="noopener" target="_blank">Gesundheit schädigt</a> und dass das Aufgeben des Rauchens ihn wieder in Einklang mit sich und seinem Körper bringen würde. Diese Verhaltensänderung mögen Gehirn und <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/weltkrebstag-mit-alkohol-glas-f-r-glas-zum-tumor/" rel="noopener" target="_blank">Droge</a> aber nicht so sehr, weil es viel Energie kostet und Gewohnheiten zerstört. Energetisch und hirntechnisch einfacher ist es, die <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/die-wahrheit-ist-das-erste-opfer/" rel="noopener" target="_blank">Wahrheit zu verbiegen</a>, zu verdrängen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/bullshit-kleines-kompendium-und-therapeutikum/" rel="noopener" target="_blank">umzudeuten</a>. Unsere Gehirne sind Prädiktionsmaschinen, doch dazu ein anderes Mal mehr. </p> <p>Diesbezüglich funktionieren wir alle ähnlich, nur dass wir nicht alle rauchen und nicht alle die gleichen Gewohnheiten pflegen. Der Pedelec-Fahrer meint es jedenfalls ernst. Über menschliche Fähigkeiten der <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">Verdrängung und Projektion</a> hatte ich ja schon letztes Jahr berichtet. Solche Mechanismen schützen uns und unser Gehirn, helfen uns beim Weiterleben nach traumatischen Ereignissen, können aber auch schaden.</p> <p>Nun habe ich also erneut Haftpflichtversicherung und Anwalt informiert, die sich mit dem Fall beschäftigen werden. Das schafft Arbeit – und zumindest die Anwälte gewinnen dabei auf jeden Fall.</p> <h2>Verschiedene Verkehrsteilnehmende und Unfallschwere</h2> <p>In diesem Zusammenhang kam mir auch die Idee für ein aktuelles Update an dieser Stelle – damit sich eben nicht nur die Anwälte freuen. Auch wenn ich eigentlich noch nicht so lange wieder am Rechner sitzen wollte.</p> <p>Außerdem fiel mir ein interessanter Artikel ein, der 2025 über E-Scooter-Unfälle im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> erschien. Darüber wollte ich ohnehin einmal etwas ausführlicher schreiben, denn auch hier wurde ich schon einmal fast Zeugin eines sehr tragischen Unfalls.</p> <p>Hartz et al. [4] vergleichen in ihrer Arbeit den Anteil der verunfallten E Scooter Fahrenden mit anderen Verkehrsteilnehmenden (Fahrrad, Motorrad, Auto, Fußgänger). Die Zahlen stammen aus dem <a href="https://www.dgu-online.de/versorgung-wissenschaft/qualitaet-und-sicherheit/schwerverletzte/traumaregister-dgur" rel="noopener" target="_blank">TraumaRegister DGU®</a> und zeigen ein bemerkenswertes Muster:</p> <h3>Vergleich schwerer Verkehrsunfälle (2020–2023)</h3> <p><em>(Ausgewählte Parameter, sortiert nach Sterblichkeit)</em></p> <table> <tbody> <tr> <td><strong>Verkehrs-mittel</strong></td> <td><strong>Anzahl Fälle (%) </strong></td> <td><strong>Alters-durchschnitt (Jahre)</strong></td> <td><strong>Anteil Männer (%)</strong></td> <td><strong>Kopver-letzungen* (%)</strong></td> <td><strong>Sterb-lichkeit** (%)</strong></td> </tr> <tr> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> <td> </td> </tr> <tr> <td><strong>Fußgänger</strong></td> <td>4.102 (9,1)</td> <td>52,7</td> <td>53</td> <td>50</td> <td>15,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Auto</strong></td> <td>16.147 (35,7)</td> <td>47,6</td> <td>63</td> <td>29</td> <td>7,3</td> </tr> <tr> <td><strong>Fahrrad</strong></td> <td>11.430 (25,3)</td> <td>54,5</td> <td>72</td> <td>56</td> <td>6,4</td> </tr> <tr> <td><strong>E‑Scooter</strong></td> <td>538 (1,2)</td> <td>44,3</td> <td>78</td> <td>60</td> <td>5,1</td> </tr> <tr> <td><strong>Motorrad</strong></td> <td>11.286 (24,9)</td> <td>42,9</td> <td>88</td> <td>26</td> <td>4,6</td> </tr> </tbody> </table> <p><em>* Kopfverletzungen mit AIS ≥ 2 (Abbreviated Injury Score, d.h. klinisch relevante Verletzungen).</em><br></br><em>** Sterblichkeit ohne früh weiterverlegte Patientinnen und Patienten (laut Originalpublikation). </em><em>Quelle modifiziert nach Hartz et al. 2025 [4].</em></p> <p>Diese Unfallzahlen zeigen, wie verletzlich bestimmte Gruppen sind – und wie leicht mehr Sicherheit zu mehr Gesundheit und damit zu einer spürbaren Entlastung unserer Gesellschaft führen würde.</p> <h3>Fußgänger sind am verletzlichsten</h3> <ul> <li>Motorrad- und Autofahrende sind am besten geschützt – trotz hoher Geschwindigkeiten und hoher Unfallzahlen.</li> <li>E Scooter Fahrende haben hohe Kopfverletzungsraten (60 %) – sie sind selten mit Helm unterwegs.</li> <li>Fahrradfahrende haben ähnlich hohe Kopfverletzungsraten (56 %) – allerdings bei deutlich höheren Unfallzahlen.</li> <li>Motorradfahrende haben deutlich weniger Kopfverletzungen (26%) – und Helmpflicht.</li> <li>Fußgänger sind die verletzlichste Gruppe überhaupt – mit Kopfverletzungen von 50% und einer Sterblichkeit von 15,3 %.</li> </ul> <p>Das hat mich tatsächlich betroffen gemacht. Ich möchte nun nicht gleich jedem empfehlen, nur noch mit Helm und Schutzkleidung auf die Straße zu gehen, aber:</p> <p>Ein wenig gegenseitige Achtsamkeit, Vorsicht, Rücksicht und Respekt können nicht nur das Leben für alle verbessern, sondern auch das Gesundheitssystem entlasten – und Leben retten.</p> <p>In diesem Sinne: eine schöne und sichere Zeit im Freien, mit Freude und Rücksicht. Und auf zwei Rädern immer nur mit Helm!</p> <h2>Samivels Freiheit als Reha-Motto</h2> <p>Ich verabschiede mich für einige Tage zu meinem individuellen Reha-Programm – dorthin, wo der französische Naturliebhaber und Künstler <em><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/stadtfruehling/" rel="noopener" target="_blank">Samivel</a></em> (1907-1992) gewirkt hat. Bei den Lacs Jovet, einer etwa 2000 m hoch gelegenen, malerischen Seengruppe in den französischen Alpen, sind mir bislang noch keine unbehelmten Pedelec-Fahrer begegnet. Dort steht ein Gedenkstein mit einem Zitat von <a href="https://www.samivel.fr" rel="noopener" target="_blank"><em>Samivel</em></a>, das uns täglich inspirieren sollte: </p> <blockquote> <p><em><strong>Freie Gewässer, freie Menschen.</strong></em><br></br><em><strong><span>Hier beginnt das Land der Freiheit.<br></br></span><span>Der Freiheit, sich gut zu verhalten. </span></strong></em></p> <p><em><span>(Eigene Übersetzung)</span></em></p> </blockquote> <figure aria-describedby="caption-attachment-1692" id="attachment_1692"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more.jpg"><img alt="Blick auf die Lacs Jovet in den französischen Alpen: klare Bergseen, Felsen und alpine Landschaft als ruhige Reha‑Kulisse." decoding="async" height="513" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-1024x789.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-300x231.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/Lacs-Jovet-@med_and_more-768x592.jpg 768w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1692"><em>Die „Lacs Jovet“: Samivels Paradies und Lehrer in den Alpen als Reha‑Kulisse statt Krankenhaus‑Büffet und Gruppengymnastik. <span>Credit: Dr. Karin Schumacher</span> </em></figcaption></figure> <h2>Quellen / weiterführende Literatur</h2> <p>1. Portwich, P., &amp; Demling, J. H. (2002). Das Konzept der anniversary reaction. Fortschr Neurol Psychiatr, 70(9), 495–500. <a href="https://doi.org/10.1055/s-2002-33762" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1055/s-2002-33762</a><br></br>2. Csef, H. (2015). „Anniversary reactions“ und der Tod. Psychotherapeut, 60, 232–235. <a href="https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1007/s00278-015-0011-1</a><br></br>3. Bischof, H., Dietrich, G., Przyborski, A., &amp; Poncioni‑Rusnov, V. (2021). Wie kommen psychisch erkrankte Personen durch die COVID‑19‑Krise? Eine empirische multimethodische Studie mit Daten von PatientInnen in gruppentherapeutischer Behandlung. ÖAGG Feedback, 1–2, 55–74. <a href="https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf" rel="noopener" target="_blank">https://oeagg.at/wp-content/uploads/2021/12/FB1_2_21_lay08_final_screen.pdf</a><br></br>4. Hartz, F., Zehnder, P., Resch, T., Römmermann, G., Schwarz, et al. (2025). Severe Injuries in E Scooter Accidents: An Evaluation of Data From the TraumaRegister DGU. Deutsches Ärzteblatt International, 122, 265–270. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0041</a><br></br>5. Hartung, B., Schäuble, A., Peldschus, S., Schüßler, M., Meyer, H. L. (2024). The documentation of injuries caused by traffic accidents. Deutsches Ärzteblatt International, 121, 27–36. <a href="https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145" rel="noopener" target="_blank">https://doi.org/10.3238/arztebl.m2023.0145</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/ohne-helm-aber-mit-anwalt-sturz-ein-jahr-nach-dem-pedelec-crash/#comments 3 Save the Date: Vorträge und Lesungen 2026, Juni – Dezember https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-vortraege-und-lesungen-2026-juni-dezember/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-vortraege-und-lesungen-2026-juni-dezember/#respond Fri, 29 May 2026 07:32:46 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=2009 <h1>Save the Date: Vorträge und Lesungen 2026, Juni - Dezember » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2>07.06.2026: Talkien (Online) zum Thema „Jules Verne lebt!“</h2> <p>Sonntag, 7.Juni ab 20 Uhr unter: <a href="http://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwWjBMVzA1Y1dBcE1NT25KT3NydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR7qYuiGAUZ2uVQWE3D13Jsnpevw8TsbAd9Uy33qEiTUksCrj-7WDIDsh-qRMg_aem_UZaduXw8Vhmt92MXS2sDgQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.youtube.de/kueperpunk</a><p>Jules Verne gilt bis heute als ein Pionier der Literatur. Er war definitiv kein Steampunk, es lässt sich auch darüber diskutieren, ob er tatsächlich ein früher Science Fiction Autor war, oder ob er wissenschaftliche Abenteuerromane verfasst hat. Sein Einfluss auf die heutige Fantastik ist nicht zu leugnen. Aber ist Jules Verne heute noch lesbar? Können Schriftsteller heute von ihm noch etwas lernen? Kann er für die nächste Generation von Schriftstellern immer noch eine Inspiration sein? Und wie hat Jules Verne mit seinen Geschichten die reale Wissenschaft verändert?</p></p> <p>Darüber sprechen wir mit dem Steampunk Erfinder Jochen Enderlein, dem Veranstaltungsorganisator Torsten Hachtel, dem Schriftsteller Martin Kay, dem Literaturwissenschaftler Markus Tillmann und der Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin Bettina Wurche.<br></br>(Text und Bild sind von Thorsten Küper – danke!)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52-226x300.png 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">13.06.2026, Eppertshausen (bei Darmstadt): „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">SFCD e.V.-Stammtisch &amp; Partner laden gelegentlich zu Special Events</a> ein – ich komme mit einer Jules Verne-Lesung!<br></br>Beginn des Treffens ist um 18 Uhr im Saalbau der Gaststätte „Adebar“, Jahnstraße 2, 64859 Eppertshausen (TAV-Halle). <p><strong>Beginn der Lesung im Nebenraum ist um 20 Uhr. </strong>Guckt gern mal auf der <a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">Seite vorbei, da sind auch andere interessante Events</a>.</p><br></br>Da es kein enger Vortragsslot auf einer Con ist, können wir in aller Ruhe plaudern. </p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png"><img alt="" decoding="async" height="505" sizes="(max-width: 406px) 100vw, 406px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png 406w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34-241x300.png 241w" width="406"></img></a><figcaption>Danke an Herrn Strehl, der dieses schöne Portrait von mir in Henrichenburg aufnahm ((C) Strehl)</figcaption></figure> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">19.06.2026, Hamburg: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Mit allergrößtem Vergnügen lese ich in meinem Heimathafen Hamburg, gleich um die Ecke des Zoologischen Instituts und Museums!<br></br><a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Sense of Wonder</a>, Grindelallee 73, im Hamburger Univiertel, 20146 Hamburg<br></br>Beginn 19:00 Uhr. „<a href="https://senseofwonder.online/im-juni-im-sense-of-wonder-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">Der Eintritt kostet wie immer 5 EUR und wir bitten bei Interesse</a> um eine Mail an <a href="mailto:veranstaltungen@senseofwonder.online">veranstaltungen@senseofwonder.online</a>, um genügend Sitzgelegenheiten organisieren zu können.“ <br></br>Endlich hat <a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Hamburg wieder </a>einen Laden für „all things science fiction and fantasy“, an traditionsreicher Stelle im Grindelviertel, im Herzen Hamburgs: Grindelallee 73 (Öffnungszeiten: Di bis Fr: 11 – 18 Uhr &amp; Sa.: 11 – 16 Uhr. Montags geschlossen.)<aside></aside></p> <p>Das ausgewählte Sortiment umfasst Bücher, Comics, Brett- und Rollenspiele sowie Merch-Artikeln, außerdem gibt es einen Online-Shop mit allen lieferbaren Büchern und Comics.<br></br>Weiterhin haben sie regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen – u a mit der wunderbaren Aiki Mira.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-02-07-05-07-berlin-metropol-con-pilze-amp-jules-verne">02.07/05.07,<strong> </strong>Berlin, Metropol-Con: Pilze &amp; Jules Verne</h2> <p>Im <a href="https://www.silent-green.net/" rel="noopener">Kulturzentrum <em>Silent Green</em></a> (Gerichtstraße 35 13347 Berlin) findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.</p> <p>Das <a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger/programm-2026/" rel="noopener">ganze Programm ist hier</a> – eine ganz schön beeindruckende Veranstaltung!<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <p><a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger" rel="noopener">https://www.metropolcon.eu/2026-ger</a></p> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">05./06.09.2026, Bremen: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Bei der <a href="https://www.botanika-bremen.de/programm/botanika-goes-space-1.html" rel="noopener">botanika goes space, der Entdecker-Dschungelwelt </a>im wunderschönen Rhododendron-Garten in Bremen, lese ich aus meinem Jules Verne-Buch.<br></br>Voraussichtlich an beiden Tagen.<br></br>Da die Veranstaltung sich vor allem an Familien mit Kindern richtet, werde ich dabei gezielt jüngere BesucherInnen ansprechen. </p> <h2 id="h-18-20-09-26-leipzig-18-elstercon-science-fiction-literatur-trifft-wissenschaft-jules-verne">18.-20.09.2026, Leipzig, 18. ELSTERCON – „SCIENCE? FICTION! – Literatur trifft Wissenschaft“: „Jules Verne“</h2> <p>Der <a href="https://www.elstercon.de/page154/index.html" rel="noopener">ElsterCon in Leipzig</a> ist ein hochkarätiger Event zur Literatur der Phantastik im Haus des Buches Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.<br></br>Nicht nur die ReferentInnen sind sehr gut, sondern auch die Diskussionen und Zwischendurch-Gespräche bewegen sich auf einem hohen Level. Neben Lesungen und Vorträgen gibt es auch Buchstände zur Phantastik-Literatur, man kann mit VerlegerInnen und AutorInnen plaudern.<br></br>Ich finde den Event besonders gut und liebevoll organisiert und habe mich über die erneute Einladung total gefreut.</p> <h2>03.11.2026, Darmstadt: „Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </h2> <p>Beginn: 18:30 Uhr<br></br><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)</p> <p><strong>„Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </strong></p> <p>Kopffüßer haben eine lange und erfolgreiche Evolution hinter sich. Kraken und Kalmare besiedeln alle Bereiche der Ozeane, von den Küsten bis in die Tiefsee – dafür haben sie eine Reihe von Spezialanpassungen entwickelt. Einige von ihnen werden heute als ähnlich sozial und intelligent wie Wirbeltiere eingeschätzt. <br></br>Vom roten Tiefseevampir, über den Riesenkalmar bis zum Dumbo-Kraken bieten die scharfsinnigen Meeresbewohner mit den acht bis zehn Tentakeln immer neue Überraschungen.<br></br>Der Vortrag präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse aus der Tiefsee und Aquarien – von Blinklicht- und Farb-Kommunikation, perfekten Tarnungen bis zu mütterlicher Opferbereitschaft. </p> <p>Der Vortrag ist auch <a href="https://www.bund-darmstadt.de/webkonferenz/" rel="noopener">Online zugänglich </a>und Teil des VHS-Programms.</p> <p><p>Vermutlich kommen noch so einige weitere Termine für die 2. Jahreshälfte dazu.</p></p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/" rel="noopener">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/" rel="noopener">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an – zu Meeresbiologie, Klima, Astrobiologie, u a.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date: Vorträge und Lesungen 2026, Juni - Dezember » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2>07.06.2026: Talkien (Online) zum Thema „Jules Verne lebt!“</h2> <p>Sonntag, 7.Juni ab 20 Uhr unter: <a href="http://www.youtube.de/kueperpunk?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBEwWjBMVzA1Y1dBcE1NT25KT3NydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR7qYuiGAUZ2uVQWE3D13Jsnpevw8TsbAd9Uy33qEiTUksCrj-7WDIDsh-qRMg_aem_UZaduXw8Vhmt92MXS2sDgQ" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.youtube.de/kueperpunk</a><p>Jules Verne gilt bis heute als ein Pionier der Literatur. Er war definitiv kein Steampunk, es lässt sich auch darüber diskutieren, ob er tatsächlich ein früher Science Fiction Autor war, oder ob er wissenschaftliche Abenteuerromane verfasst hat. Sein Einfluss auf die heutige Fantastik ist nicht zu leugnen. Aber ist Jules Verne heute noch lesbar? Können Schriftsteller heute von ihm noch etwas lernen? Kann er für die nächste Generation von Schriftstellern immer noch eine Inspiration sein? Und wie hat Jules Verne mit seinen Geschichten die reale Wissenschaft verändert?</p></p> <p>Darüber sprechen wir mit dem Steampunk Erfinder Jochen Enderlein, dem Veranstaltungsorganisator Torsten Hachtel, dem Schriftsteller Martin Kay, dem Literaturwissenschaftler Markus Tillmann und der Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin Bettina Wurche.<br></br>(Text und Bild sind von Thorsten Küper – danke!)</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="697" sizes="(max-width: 526px) 100vw, 526px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52.png 526w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-52-226x300.png 226w" width="526"></img></a></figure> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">13.06.2026, Eppertshausen (bei Darmstadt): „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">SFCD e.V.-Stammtisch &amp; Partner laden gelegentlich zu Special Events</a> ein – ich komme mit einer Jules Verne-Lesung!<br></br>Beginn des Treffens ist um 18 Uhr im Saalbau der Gaststätte „Adebar“, Jahnstraße 2, 64859 Eppertshausen (TAV-Halle). <p><strong>Beginn der Lesung im Nebenraum ist um 20 Uhr. </strong>Guckt gern mal auf der <a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">Seite vorbei, da sind auch andere interessante Events</a>.</p><br></br>Da es kein enger Vortragsslot auf einer Con ist, können wir in aller Ruhe plaudern. </p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png"><img alt="" decoding="async" height="505" sizes="(max-width: 406px) 100vw, 406px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png 406w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34-241x300.png 241w" width="406"></img></a><figcaption>Danke an Herrn Strehl, der dieses schöne Portrait von mir in Henrichenburg aufnahm ((C) Strehl)</figcaption></figure> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">19.06.2026, Hamburg: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Mit allergrößtem Vergnügen lese ich in meinem Heimathafen Hamburg, gleich um die Ecke des Zoologischen Instituts und Museums!<br></br><a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Sense of Wonder</a>, Grindelallee 73, im Hamburger Univiertel, 20146 Hamburg<br></br>Beginn 19:00 Uhr. „<a href="https://senseofwonder.online/im-juni-im-sense-of-wonder-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">Der Eintritt kostet wie immer 5 EUR und wir bitten bei Interesse</a> um eine Mail an <a href="mailto:veranstaltungen@senseofwonder.online">veranstaltungen@senseofwonder.online</a>, um genügend Sitzgelegenheiten organisieren zu können.“ <br></br>Endlich hat <a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Hamburg wieder </a>einen Laden für „all things science fiction and fantasy“, an traditionsreicher Stelle im Grindelviertel, im Herzen Hamburgs: Grindelallee 73 (Öffnungszeiten: Di bis Fr: 11 – 18 Uhr &amp; Sa.: 11 – 16 Uhr. Montags geschlossen.)<aside></aside></p> <p>Das ausgewählte Sortiment umfasst Bücher, Comics, Brett- und Rollenspiele sowie Merch-Artikeln, außerdem gibt es einen Online-Shop mit allen lieferbaren Büchern und Comics.<br></br>Weiterhin haben sie regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen – u a mit der wunderbaren Aiki Mira.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-02-07-05-07-berlin-metropol-con-pilze-amp-jules-verne">02.07/05.07,<strong> </strong>Berlin, Metropol-Con: Pilze &amp; Jules Verne</h2> <p>Im <a href="https://www.silent-green.net/" rel="noopener">Kulturzentrum <em>Silent Green</em></a> (Gerichtstraße 35 13347 Berlin) findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.</p> <p>Das <a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger/programm-2026/" rel="noopener">ganze Programm ist hier</a> – eine ganz schön beeindruckende Veranstaltung!<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <p><a href="https://www.metropolcon.eu/2026-ger" rel="noopener">https://www.metropolcon.eu/2026-ger</a></p> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">05./06.09.2026, Bremen: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>Bei der <a href="https://www.botanika-bremen.de/programm/botanika-goes-space-1.html" rel="noopener">botanika goes space, der Entdecker-Dschungelwelt </a>im wunderschönen Rhododendron-Garten in Bremen, lese ich aus meinem Jules Verne-Buch.<br></br>Voraussichtlich an beiden Tagen.<br></br>Da die Veranstaltung sich vor allem an Familien mit Kindern richtet, werde ich dabei gezielt jüngere BesucherInnen ansprechen. </p> <h2 id="h-18-20-09-26-leipzig-18-elstercon-science-fiction-literatur-trifft-wissenschaft-jules-verne">18.-20.09.2026, Leipzig, 18. ELSTERCON – „SCIENCE? FICTION! – Literatur trifft Wissenschaft“: „Jules Verne“</h2> <p>Der <a href="https://www.elstercon.de/page154/index.html" rel="noopener">ElsterCon in Leipzig</a> ist ein hochkarätiger Event zur Literatur der Phantastik im Haus des Buches Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.<br></br>Nicht nur die ReferentInnen sind sehr gut, sondern auch die Diskussionen und Zwischendurch-Gespräche bewegen sich auf einem hohen Level. Neben Lesungen und Vorträgen gibt es auch Buchstände zur Phantastik-Literatur, man kann mit VerlegerInnen und AutorInnen plaudern.<br></br>Ich finde den Event besonders gut und liebevoll organisiert und habe mich über die erneute Einladung total gefreut.</p> <h2>03.11.2026, Darmstadt: „Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </h2> <p>Beginn: 18:30 Uhr<br></br><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)</p> <p><strong>„Kraken und Kalmare – vom Meeresmonster zum Sympathieträger mit drei Herzen“ </strong></p> <p>Kopffüßer haben eine lange und erfolgreiche Evolution hinter sich. Kraken und Kalmare besiedeln alle Bereiche der Ozeane, von den Küsten bis in die Tiefsee – dafür haben sie eine Reihe von Spezialanpassungen entwickelt. Einige von ihnen werden heute als ähnlich sozial und intelligent wie Wirbeltiere eingeschätzt. <br></br>Vom roten Tiefseevampir, über den Riesenkalmar bis zum Dumbo-Kraken bieten die scharfsinnigen Meeresbewohner mit den acht bis zehn Tentakeln immer neue Überraschungen.<br></br>Der Vortrag präsentiert die neuesten Forschungsergebnisse aus der Tiefsee und Aquarien – von Blinklicht- und Farb-Kommunikation, perfekten Tarnungen bis zu mütterlicher Opferbereitschaft. </p> <p>Der Vortrag ist auch <a href="https://www.bund-darmstadt.de/webkonferenz/" rel="noopener">Online zugänglich </a>und Teil des VHS-Programms.</p> <p><p>Vermutlich kommen noch so einige weitere Termine für die 2. Jahreshälfte dazu.</p></p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/" rel="noopener">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/" rel="noopener">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an – zu Meeresbiologie, Klima, Astrobiologie, u a.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-vortraege-und-lesungen-2026-juni-dezember/#respond 0 Energiewende mit handfesten Zahlen https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comments Wed, 27 May 2026 14:23:35 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11426 <h1>Energiewende mit handfesten Zahlen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Dazu, wie meine Ansichten zur Klimakrise zustandekommen, hatte ich ja anfang letzten Jahres ausführlicher geschrieben, nämlich in meiner Serie „Klimakrisen-Wahlempfehlung“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-teil-1-weil-wir-nicht-das-mass-aller-dinge-sind/">Physikalische Intuition</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-2-weil-die-riesigen-energiemengen-nicht-direkt-kontrollierbar-sind/">Energie-Größenordnungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-3-weil-es-fuer-temperaturen-bei-denen-menschen-ueberleben-koennen-eine-nicht-allzu-ferne-obergrenze-gibt/">die Obergrenze menschlicher Temperaturen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-4-weil-wir-mit-hebelwirkungen-vorsichtig-umgehen-sollten/">Vorsicht mit Hebelwirkungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-5-weil-auch-simulations-skeptische-menschen-den-klimawandel-ernstnehmen-sollten/">physikalische Grundlagen diesseits von Simulationen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimawandel-wahlempfehlung-6-weil-es-um-eine-aenderungsrate-geht/">Änderungsraten vs. Status-Quo-Größen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-7-weil-wir-mit-klima-kipp-punkten-kein-roulette-spielen-sollten/">das Problem der Kipp-Punkte</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-8-weil-verantwortliches-handeln-selbstverstaendlich-sein-sollte/">Risiko und verantwortliches Handeln</a>). Wo ich bislang noch nicht so tief eingestiegen war, wie ich gerne möchte, war das Thema Energiewende, sprich, wie wir zu einer klimaneutralen Wirtschaft kommen. Allerdings ist natürlich gerade die Frage der praktischen Umsetzung der Energiewende ein immens wichtiges Thema. </p> <p>Das haben wir bei unserem <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PL6v1Ej3QgEXVh0EtfxLJXsGa96n_LVTmj" rel="noopener">wöchentlichen Livestream Astro &amp; Co</a> (jeden Montag um 19 Uhr) vor ein paar Wochen sehr deutlich gemerkt: da war unser Thema, gewesen, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rg0-j6VP3J8" rel="noopener">wieweit die Astronomie als Wissenschaft selbst zur Klimakrise beiträgt</a>. Und das Live-Publikum im Chat diskutierte recht schnell und lebhaft über das Thema Energiewende: Doch Kernkraft? Können wir uns die Energiewende überhaupt leisten? Wie war das mit den Dunkelflauten? Das war dann zu weit vom Thema des Abends entfernt, als dass wir jene Fragen im Rahmen der betreffenden Sendung hätten behandeln können. Aber das Interesse und die Fragen waren ganz offenbar da, und weil es sich um ein wichtiges Thema handelt, sagten meine Kollegin Carolin Liefke und ich uns: Dazu sollten wir uns unbedingt jemanden heranholen, der oder die sich auskennt, und dann machen wir ein Astro&amp;Co-Spezial, auch wenn wir damit dann deutlich jenseits der eigentlichen Astronomie sind. Am Pfingstmontag war es dann so weit, und ihr könnt bei Interesse hier hineingucken:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BEtdy2Pv68Q?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spezial: Energiewende" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Unser Gast, Christian Holler von der Hochschule München, ist übrigens zumindest von Hause aus Astrophysiker, und jetzt eben Innovationsprofessor für Lehre mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der HM. Er hat zwei Sachbücher zu dem Thema geschrieben, nämlich mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Axel Kleidon <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-unser-energieverbrauch-zum-verstehen-und-mitred/paperback/9783570106174" rel="noopener">Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden</a> und mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Florian Lesch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-erneuerbare-energien-zum-verstehen-und-mitreden/paperback/9783570104583" rel="noopener">Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden</a>. Beide Bücher unterscheiden sich vom üblichen populärwissenschaftlichen Stil dadurch, dass sie tatsächlich quantitativ argumentieren, eben mit Zahlen und entsprechenden Diagrammen.</p> <p>Was ich erst kurz vor unserer Sendung mitbekommen habe: Er hat außerdem mit Joachim Gaukel eine deutsche Version von David Mackays <a href="https://www.withouthotair.com/" rel="noopener">Sustainable Energy – without the hot air</a> verfasst, nämlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">Erneuerbare Energien ohne heiße Luft</a>. Das Buch von Mackay hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">hier auf den SciLogs vor ziemlich exakt 15 Jahren sehr positiv besprochen</a> – es ist ein schönes Beispiel dafür, was alles über einfache quantitative Abschätzungen möglich ist. </p> <p>Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, in nächster Zeit mal etwas tiefer quantitativ in das Thema Energiewende und erneuerbare Energien einzusteigen. Insofern die Frage an die hier Mitlesenden: Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?<aside></aside></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg-200x200.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Markus Pössel&#xD; &#xD; hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal <a href="http://www.einstein-online.info">Einstein Online</a>. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum <a href="http://www.worldsciencefestival.com">World Science Festival</a> in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das <a href="http://www.haus-der-astronomie.de">Haus der Astronomie</a> leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, seit 2010 zudem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie und seit 2019 Direktor des am Haus der Astronomie ansässigen Office of Astronomy for Education der Internationalen Astronomischen Union.&#xD; &#xD; Jenseits seines "Day jobs" ist Pössel als Wissenschaftsautor sowie wissenschaftsjournalistisch unterwegs: hier auf den SciLogs, als Autor/Koautor mehrerer Bücher und vereinzelter Zeitungsartikel (zuletzt FAZ, Tagesspiegel) sowie mit Beiträgen für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Energiewende mit handfesten Zahlen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Dazu, wie meine Ansichten zur Klimakrise zustandekommen, hatte ich ja anfang letzten Jahres ausführlicher geschrieben, nämlich in meiner Serie „Klimakrisen-Wahlempfehlung“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-teil-1-weil-wir-nicht-das-mass-aller-dinge-sind/">Physikalische Intuition</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-2-weil-die-riesigen-energiemengen-nicht-direkt-kontrollierbar-sind/">Energie-Größenordnungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-3-weil-es-fuer-temperaturen-bei-denen-menschen-ueberleben-koennen-eine-nicht-allzu-ferne-obergrenze-gibt/">die Obergrenze menschlicher Temperaturen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-4-weil-wir-mit-hebelwirkungen-vorsichtig-umgehen-sollten/">Vorsicht mit Hebelwirkungen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-5-weil-auch-simulations-skeptische-menschen-den-klimawandel-ernstnehmen-sollten/">physikalische Grundlagen diesseits von Simulationen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimawandel-wahlempfehlung-6-weil-es-um-eine-aenderungsrate-geht/">Änderungsraten vs. Status-Quo-Größen</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-7-weil-wir-mit-klima-kipp-punkten-kein-roulette-spielen-sollten/">das Problem der Kipp-Punkte</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/klimakrisen-wahlempfehlung-8-weil-verantwortliches-handeln-selbstverstaendlich-sein-sollte/">Risiko und verantwortliches Handeln</a>). Wo ich bislang noch nicht so tief eingestiegen war, wie ich gerne möchte, war das Thema Energiewende, sprich, wie wir zu einer klimaneutralen Wirtschaft kommen. Allerdings ist natürlich gerade die Frage der praktischen Umsetzung der Energiewende ein immens wichtiges Thema. </p> <p>Das haben wir bei unserem <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PL6v1Ej3QgEXVh0EtfxLJXsGa96n_LVTmj" rel="noopener">wöchentlichen Livestream Astro &amp; Co</a> (jeden Montag um 19 Uhr) vor ein paar Wochen sehr deutlich gemerkt: da war unser Thema, gewesen, <a href="https://www.youtube.com/watch?v=rg0-j6VP3J8" rel="noopener">wieweit die Astronomie als Wissenschaft selbst zur Klimakrise beiträgt</a>. Und das Live-Publikum im Chat diskutierte recht schnell und lebhaft über das Thema Energiewende: Doch Kernkraft? Können wir uns die Energiewende überhaupt leisten? Wie war das mit den Dunkelflauten? Das war dann zu weit vom Thema des Abends entfernt, als dass wir jene Fragen im Rahmen der betreffenden Sendung hätten behandeln können. Aber das Interesse und die Fragen waren ganz offenbar da, und weil es sich um ein wichtiges Thema handelt, sagten meine Kollegin Carolin Liefke und ich uns: Dazu sollten wir uns unbedingt jemanden heranholen, der oder die sich auskennt, und dann machen wir ein Astro&amp;Co-Spezial, auch wenn wir damit dann deutlich jenseits der eigentlichen Astronomie sind. Am Pfingstmontag war es dann so weit, und ihr könnt bei Interesse hier hineingucken:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/BEtdy2Pv68Q?feature=oembed&amp;rel=0" title="Spezial: Energiewende" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Unser Gast, Christian Holler von der Hochschule München, ist übrigens zumindest von Hause aus Astrophysiker, und jetzt eben Innovationsprofessor für Lehre mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit an der HM. Er hat zwei Sachbücher zu dem Thema geschrieben, nämlich mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Axel Kleidon <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-unser-energieverbrauch-zum-verstehen-und-mitred/paperback/9783570106174" rel="noopener">Unser Energieverbrauch zum Verstehen und Mitreden</a> und mit Joachim Gaukel, Harald Lesch und Florian Lesch <a href="https://www.penguin.de/buecher/christian-holler-erneuerbare-energien-zum-verstehen-und-mitreden/paperback/9783570104583" rel="noopener">Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden</a>. Beide Bücher unterscheiden sich vom üblichen populärwissenschaftlichen Stil dadurch, dass sie tatsächlich quantitativ argumentieren, eben mit Zahlen und entsprechenden Diagrammen.</p> <p>Was ich erst kurz vor unserer Sendung mitbekommen habe: Er hat außerdem mit Joachim Gaukel eine deutsche Version von David Mackays <a href="https://www.withouthotair.com/" rel="noopener">Sustainable Energy – without the hot air</a> verfasst, nämlich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">Erneuerbare Energien ohne heiße Luft</a>. Das Buch von Mackay hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/buchtipp-regenerative-energien-quantitativ/">hier auf den SciLogs vor ziemlich exakt 15 Jahren sehr positiv besprochen</a> – es ist ein schönes Beispiel dafür, was alles über einfache quantitative Abschätzungen möglich ist. </p> <p>Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, in nächster Zeit mal etwas tiefer quantitativ in das Thema Energiewende und erneuerbare Energien einzusteigen. Insofern die Frage an die hier Mitlesenden: Welcher Frage oder Behauptung aus jenem Bereich sollte ich denn eurer Einschätzung nach einmal auf den Grund gehen, zumindest soweit, wie das mit Überschlagsrechnungen und quantitativen Abschätzungen möglich ist?<aside></aside></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg-200x200.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/dbe838ecd69fdf5b1fb30652f25e8edb_avatar.jpg.jpeg 2x" width="200"></img> <p>Markus Pössel&#xD; &#xD; hatte bereits während des Physikstudiums an der Universität Hamburg gemerkt: Die Herausforderung, physikalische Themen so aufzuarbeiten und darzustellen, dass sie auch für Nichtphysiker verständlich werden, war für ihn mindestens ebenso interessant wie die eigentliche Forschungsarbeit. Nach seiner Promotion am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik (Albert-Einstein-Institut) in Potsdam blieb er dem Institut als "Outreach scientist" erhalten, war während des Einsteinjahres 2005 an verschiedenen Ausstellungsprojekten beteiligt und schuf das Webportal <a href="http://www.einstein-online.info">Einstein Online</a>. Ende 2007 wechselte er für ein Jahr zum <a href="http://www.worldsciencefestival.com">World Science Festival</a> in New York. Seit Anfang 2009 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, wo er das <a href="http://www.haus-der-astronomie.de">Haus der Astronomie</a> leitet, ein Zentrum für astronomische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, seit 2010 zudem Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Max-Planck-Institut für Astronomie und seit 2019 Direktor des am Haus der Astronomie ansässigen Office of Astronomy for Education der Internationalen Astronomischen Union.&#xD; &#xD; Jenseits seines "Day jobs" ist Pössel als Wissenschaftsautor sowie wissenschaftsjournalistisch unterwegs: hier auf den SciLogs, als Autor/Koautor mehrerer Bücher und vereinzelter Zeitungsartikel (zuletzt FAZ, Tagesspiegel) sowie mit Beiträgen für die Zeitschrift Sterne und Weltraum.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/energiewende-mit-handfesten-zahlen/#comments 40 Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/#comments Tue, 26 May 2026 16:11:42 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1994 <h1>Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der in der Ostsee gestrandete und in die Nordsee transportierte Buckelwal überlebte seine Freilassung nicht, nachdem er zunächst verschwand, wurde er an der dänischen Insel Anholt angespült. Da der Meeressäuger nun auf dem Rücken liegt, konnten Wal-Experten ihn als weiblich bestimmen – neben dem Genitalschlitz waren jetzt die Falten für die Milchdrüsen erkennbar. Nach der Identifikation des verstorbenen Meeressäugers als den zuvor „Timmy“ genannten und in deutschen Gewässern mehrfach gestrandeten jungen Wal wollten dänische Behörden und WissenschaftlerInnen eine Nekropsie durchführen. Dafür wollten sie ihn abschleppen. Dieser <a href="https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/toter-buckelwal-soll-nun-doch-geborgen-und-untersucht-werden,nordmagazin-10594.html" rel="noopener">NDR-Beitrag gibt ein Update dazu</a>.</p> <p>Bei einem frischtoten Wal lässt sich manchmal die Todesursache feststellen, etwa Verletzungen durch Fischereinetze oder Schiffskollisionen am Körper. Eine Nekropsie kann zumindest noch einige Informationen erbringen, etwa ob er krank war, Netzteile oder Plastik im Magen hatte und anderes. Die toxikologische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse, ob der Wal durch eine Ölpest, eine rote Flut von Giftalgen (Red Tide) oder Infektionen umgekommen ist (das dürfte in diesem Fall alles nicht zutreffen).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1003" sizes="(max-width: 939px) 100vw, 939px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png 939w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-281x300.png 281w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-768x820.png 768w" width="939"></img></a><figcaption>Abbildung und Artikel von <a href="https://www.europesays.com/dk/86432/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.europesays.com/dk/ auf dem Kurznachrichtendienst </a>Blue Sky</figcaption></figure> <h2><strong>Warum Wale aufgasen</strong></h2> <p>Allerdings hatten sie den schnell einsetzenden Verwesungsprozess unterschätzt: Nach dem Tod arbeiten vor allem die Darm-Bakterien weiter. Wale sind von einer dicken Blubber-Schicht umgeben, die sie gegen die Kälte der Ozeane schützt, um ihre hohe Säugetier-Körpertemperatur halten zu können. Bei einer Strandung sind sie der Luft ausgesetzt, die eine viel geringere Leitfähigkeit hat und somit weniger Wärme abführt. Dazu kommen in diesem Fall sommerliche Temperaturen. Im warmen Wal wird es dann sehr schnell noch wärmer und die Eingeweide gären und gasen vor sich hin. Sie blähen den Kadaver auf und er steht unter immer höherem Druck. Wird er nun bewegt, kann er platzen. Dann ergießt sich der faulende Schwall der zunehmend verflüssigten Eingeweide explosionsartig nach außen, unter dem Druck werden auch schwere Teile der Blubberschicht fortgeschleudert. Um dies zu verhindern, hätte man frühzeitig, also vor dem Aufblähen, unmittelbar nach der Strandung, Löcher in den Kadaver bohren oder stechen können. Dann wären die Gase zumindest teilweise abgeführt worden – so gingen Behörden auf Anraten der Amtsveterinäre bei einer Pottwal-Strandung 1997 vor, bei der ich geholfen habe.</p> <p>Das haben die Dänen leider versäumt. Würden sie den Kadaver jetzt mit einer Trosse oder einer Kette um den Schwanz vom Strand zu schleppen versuchen, würde er aufplatzen. Allein schon durch das Versickern der Körperflüssigkeiten dürfte dieser Strand dann im Sommer wenig attraktiv für die vielen Badegäste werden. Da Anholt eine beliebte Urlaubsinsel ist und der Sommer allmählich beginnt, dürften die dänischen Behörden jetzt mit Hochdruck (!) an einer anderen Lösung arbeiten.</p> <h2><strong>Meeres- und Klimaschutz ist Walschutz – in Ostsee und Weltmeeren</strong></h2> <p>Es kam genauso wie sämtliche Wissenschaftler aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Strandungen leider richtig vermutet haben – dieser junge Buckelwal hatte keine Chance (Mehr dazu hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/">hier</a> geschrieben sowie im <a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/buckelwal--kann-er-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">Stern-Interview</a> gesagt. Wal-BiologInnen stufen <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/buckelwal-vor-anholt-moegliche-obduktion-der-gestank-ist-ueberwaeltigend-a-41a3857f-33e2-4a90-9270-f2912f943f6c" rel="noopener">diese „Rettungsaktion“ als Tierquälerei ein – wie Peter Madsen im SPON-Interview erklärt</a> (leider Paywall). Ich teile seine Einschätzung, wie auch der größte Teil der Wal-ExpertInnen, die mit Strandungen zu tun haben.)<br></br>Stattdessen ist nun innerhalb kürzester Zeit aus dem quasi-religiös verehrten Publikumsliebling „Timmy“ ein Problemwal geworden.<br></br>Es wäre schön, wenn manche Personen, die die TierärztInnen und BiologInnen von ITAW, dem Meeresmuseum und anderen Institutionen beschimpft und sogar bedroht haben, mal in sich gehen und vielleicht künftig etwas mehr nachdenken, bevor sie ihre übersteigerte Empörung online absondern. Ich habe selbst auch ein paar grenzwertiger Beschimpfungs- und Verleumdungs-Nachrichten bekommen – Entschuldigungen nehme ich gern an. Ich gehe aber davon aus, dass keine kommen.<aside></aside></p> <p>Ich kann nur noch einmal meine Hoffnung ausdrücken, dass das Leiden dieses großen Meeressäuger mit den langen weißen Flossen viele Menschen auf den dringend notwendigen besseren Schutz von Walen sowie ihrer Lebensräume aufmerksam gemacht hat, von den stark bedrohten Schweinswale in der Ostsee bis zu den riesigen Bartenwalen, die durch die Weltmeere ziehen. Angesichts der nächsten anrollenden Hitzewelle in den Meeren fordere ich noch einmal zu mehr Engagement im Meeresschutz auf! Jede/r kann persönlich (durch individuelles Handeln) und auf höherer Ebene (durch Wählen und politischen Druck) dazu beitragen!</p> <p>Der Fund eines weiteren Buckelwals vor Anholt unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit dafür: „<a href="https://www.merkur.de/welt/zerrissen-nahe-timmy-toter-wal-aus-der-ostsee-in-der-mitte-zr-94321141.html" rel="noopener">Während Dänemark noch erfolglos versucht, den Kadaver </a>von Buckelwal „Timmy“ ins Meer zu schaffen, zogen Fischer vor der Insel Anholt ein Netz ein: Darin steckte der Kadaver eines zweiten toten Wals – zerrissen, riesig und ein weiteres düsteres Zeichen für den Zustand unserer Meere. Der Leichnam war in der Mitte zerrissen, wie Morten Abildstrøm von der Dänischen Naturbehörde dem Sender <em>TV2 Østjylland</em> bestätigte. […] Wann genau der Wal starb, ist noch unklar – Experten gehen davon aus, dass er möglicherweise schon vor Monaten verendet ist.“ Die nicht so schnell verwesenden Barten zeigen, dass es sich dabei ebenfalls um einen Buckelwal handelt, die Verletzungen deuten darauf hin, dass er vermutlich durch ein Schleppnetz zu Tode gekommen ist.  </p> <p>Die Fischerei (Beifang) ist neben der Schifffahrt (Kollisionen) eine der häufigsten Todesursachen für Wale. Auch Kunststoffe gefährden Wale. Gerade <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Bis-zu-43-Kilogramm-an-Mikroplastik-schluckt-ein-Blauwal-7467831.html" rel="noopener">Bartenwale sind durch die Aufnahme von Mikroplastik gefährdet</a>, der aus Abrieb von Autoreifen, zerfallenden Zigarettenfiltern und den Zerfall von Müll sowie Fasern aus Leinen und Textilien sowie Nanopartikeln (z B aus Kosmetika) ins Meer gelangt.<br></br>Die Klimakrise <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/giftalgenbluete-an-der-kalifornischen-kueste-red-tide/">verursacht zunehmende Giftalgenblüten</a> und führt zu Verschiebungen von Fisch- und Planktonbeständen nach Norden, beides führt zu Massensterben von Meeressäugern im Pazifik aber auch anderswo. Das dadurch<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/"> verursachte Grauwalsterben an den nordamerikanischen Küsten</a> geht <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e_ZxTrOOpB0" rel="noopener">auch in diesem Jahr weiter</a>, vor British Columbia, <a href="https://www.fox13seattle.com/news/why-wa-gray-whales-stranding-grays-harbor" rel="noopener">Washington</a>, Oregon und <a href="https://www.nytimes.com/2026/04/13/climate/gray-whales-san-francisco-bay.html" rel="noopener">Kalifornien</a> – die meisten Tiere sind stark abgemagert, viele verhungert.</p> <h2><strong>Buckelwal-Reiserouten im Nordatlantik</strong></h2> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) kommen in allen Weltmeeren vor, auch im Nordatlantik. Sie leben meist auf dem offenen Meer, schwimmen aber oft auch in Küstengewässer, so dass man sie vom Strand aus beobachten kann. Gerade nahe der Küsten verheddern sie sich besonders oft in Fischereinetzen oder geraten in Schifffahrtsrouten. Ihre Erforschung begann mit den Balz-Gesängen vor Haiwaii im Pazifik, aber mittlerweile gibt es auch zu den Nordatlantik-Bewohnern vor den europäischen Küsten immer mehr Daten. Die nordwesteuropäischen Bestände werden neben nationalen <a href="https://nammco.no/humpback-whale/" rel="noopener">Managementplänen von NAMMCO übergeordnet gemanagt</a> (North Atlantic Marine Mamal Commission – zu der gehören auch Norwegen und Island), was für eine wandernde Spezies sehr wichtig ist. Die der amerikanischen Gewässer werden von NOAA gemanagt (die gerade unter Trump katastrophal zurechtgestutzt wird).</p> <p>Buckelwale fressen je nach Nahrungsangebot <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale" rel="noopener">kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sandaale und Krill</a>, die kleinen Krebse machen im Norden deutlich weniger Biomasse aus als im Südpolarmeer. Westlich von Grönland, südlich Islands und nördlich der nordnorwegischen Küste hat die nordatlantische Population ihre sommerlichen Fressgründe. Dort finden sie in den langen Sommertagen hohe Konzentrationen von Nahrung, mit denen sie sich schnell viel Speck anfressen können. Den brauchen sie für Ihre Wanderung in die Kinderstuben in der Karibik und vor den Kapverden/Westafrika.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="415" sizes="(max-width: 602px) 100vw, 602px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg 602w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2-300x207.jpg 300w" width="602"></img></a></figure> <p>IWDG Publication: Ocean-basin-wide movement patterns of North Atlantic humpback whales, Megaptera novaeangliae<br></br>Quelle: https://www.facebook.com/IrishWhaleandDolphinGroup/posts/joint-iwdg-publication-ocean-basin-wide-movement-patterns-of-north-atlantic-hump/1137039381790193/<p>Dabei nutzen die Bartenwale mit den langen weißen Flippern verschiedene Wanderrouten, eine davon führt westlich der norwegischen Küstenlinie entlang des Kontinentalschelf-Abhangs nach Süden. Da direkt vor der norwegischen Küste am Eingang zur Nordsee eine tiefe Wasserrinne – die Norwegische Rinne – liegt, geraten sie so manchmal auch in flachere Bereiche der Nordsee und sogar in die Ostsee hinein. In den flachen nahrungsarmen Schelfmeeren sind sie regelmäßige Irrgäste, gerade aus der Ostsee finden sie oft nicht wieder hinaus.</p></p> <h2>Zwischen Fressen und Kalben, mit Stippvisiten in Nord- und Ostsee</h2> <p>Ihre <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">normalen Wanderrouten führen quer über den Nordatlantik in die Karibik</a> und vor Westafrika, <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">eine neue Publikation zeigte neue Details:</a> Dafür hatten Forschende unter anderem die Informationen über den Weg von Individuen nachverfolgt. Da Buckelwale vor dem Abtauchen meist ihre Fluke zeigen, deren Unterseite ein einzigartiges Muster und unverwechselbaren Umriß zeigt, sind sie wie per Fingerabdruck identifizierbar.<br></br>Sie ziehen nicht in größeren Gruppen oder Familien, sondern allein oder als Mutter-Kind-Paare durch die Ozeane. Anders als Zahnwale wie Pottwale oder Orcas haben sie keine festen Familienverbände oder großen Gruppen, die nach 11 Monaten entwöhnten Jungtiere sind auf sich gestellt. Allerdings folgen sie recht festen Routen.<br></br>In der Karibik angekommen, gebären die trächtigen Walmütter ihren Nachwuchs, das warme Wasser schützt das Neugeborene, das noch keine Blubber-Schicht hat, vor Unterkühlung. Mit der fetten Muttermilch legt es schnell Gewicht, Länge und Kraft zu, denn im nächsten Frühjahr muss es mit auf die lange Reise zurück nach Norden gehen – in die Freßgründe des nordpolaren Sommers.</p> <p>In den letzten Jahren scheinen sich die Wanderrouten und Aufenthaltsareale der nordatlantischen Buckelwale zu verändern, wie die irischen Walforscher Simon Berrow und Pádraig Whooley für die Südliche Nordsee 2022 in „<a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1385110122000247" rel="noopener">Managing a Dynamic North Sea in the light of its ecological dynamics: Increasing occurrence of large baleen whales in the southern North Sea</a>“ publizierten: „Zwischen 1999 und 2014 stieg die Zahl der in Irland registrierten einzelnen Buckelwale langsam an. Ein dramatischer Anstieg erfolgte im Jahr 2015, als die Zahl der individuell identifizierten Wale von 30 auf 66 stieg, sowie in geringerem Maße in den Jahren 2017 und 2020, als die Zahl um 10 bzw. 12 zunahm. Bis Ende 2020 waren 109 einzelne Buckelwale im irischen Buckelwal-Foto-ID-Katalog erfasst.“ (Übersetzt mit Deepl).</p> <p>Eine Zusammenfassung, wieviele Buckelwale in der Ostsee gesichtet bzw. angespült wurden, habe ich bislang nicht gefunden. Ich erinnere mich aber aus meiner Zeit im Meeresmuseum an einzelne regionale, auch historische Berichte, dass dies immer wieder vorkam und vorkommt.</p> <p>Zum Whale Watching von Buckelwalen und anderen Meeresriesen in nordwesteuropäischen Gewässern lohnt es sich, an die norwegischen, UK- und irischen Küsten zu fahren – es muss nicht immer Hawaii sein. Bei lokalen Whale Watching-Unternehmen gibt es dazu Infos, ansonsten gern bei mir nachfragen.<br></br>Unsere kleinen Schweinswale kann man im Frühling in den Flüssen wie Elbe oder Weser beobachten, z B bei den <a href="https://www.schweinswaltage.de/" rel="noopener">Wilhelmshavener Schweinswaltagen</a>, beim Segeln in der Kieler Förde und an anderen Stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Buckelwale im Nordatlantik: ein Requiem und lange Reisen » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der in der Ostsee gestrandete und in die Nordsee transportierte Buckelwal überlebte seine Freilassung nicht, nachdem er zunächst verschwand, wurde er an der dänischen Insel Anholt angespült. Da der Meeressäuger nun auf dem Rücken liegt, konnten Wal-Experten ihn als weiblich bestimmen – neben dem Genitalschlitz waren jetzt die Falten für die Milchdrüsen erkennbar. Nach der Identifikation des verstorbenen Meeressäugers als den zuvor „Timmy“ genannten und in deutschen Gewässern mehrfach gestrandeten jungen Wal wollten dänische Behörden und WissenschaftlerInnen eine Nekropsie durchführen. Dafür wollten sie ihn abschleppen. Dieser <a href="https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/nordmagazin/toter-buckelwal-soll-nun-doch-geborgen-und-untersucht-werden,nordmagazin-10594.html" rel="noopener">NDR-Beitrag gibt ein Update dazu</a>.</p> <p>Bei einem frischtoten Wal lässt sich manchmal die Todesursache feststellen, etwa Verletzungen durch Fischereinetze oder Schiffskollisionen am Körper. Eine Nekropsie kann zumindest noch einige Informationen erbringen, etwa ob er krank war, Netzteile oder Plastik im Magen hatte und anderes. Die toxikologische Untersuchung erlaubt Rückschlüsse, ob der Wal durch eine Ölpest, eine rote Flut von Giftalgen (Red Tide) oder Infektionen umgekommen ist (das dürfte in diesem Fall alles nicht zutreffen).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1003" sizes="(max-width: 939px) 100vw, 939px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51.png 939w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-281x300.png 281w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-51-768x820.png 768w" width="939"></img></a><figcaption>Abbildung und Artikel von <a href="https://www.europesays.com/dk/86432/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">www.europesays.com/dk/ auf dem Kurznachrichtendienst </a>Blue Sky</figcaption></figure> <h2><strong>Warum Wale aufgasen</strong></h2> <p>Allerdings hatten sie den schnell einsetzenden Verwesungsprozess unterschätzt: Nach dem Tod arbeiten vor allem die Darm-Bakterien weiter. Wale sind von einer dicken Blubber-Schicht umgeben, die sie gegen die Kälte der Ozeane schützt, um ihre hohe Säugetier-Körpertemperatur halten zu können. Bei einer Strandung sind sie der Luft ausgesetzt, die eine viel geringere Leitfähigkeit hat und somit weniger Wärme abführt. Dazu kommen in diesem Fall sommerliche Temperaturen. Im warmen Wal wird es dann sehr schnell noch wärmer und die Eingeweide gären und gasen vor sich hin. Sie blähen den Kadaver auf und er steht unter immer höherem Druck. Wird er nun bewegt, kann er platzen. Dann ergießt sich der faulende Schwall der zunehmend verflüssigten Eingeweide explosionsartig nach außen, unter dem Druck werden auch schwere Teile der Blubberschicht fortgeschleudert. Um dies zu verhindern, hätte man frühzeitig, also vor dem Aufblähen, unmittelbar nach der Strandung, Löcher in den Kadaver bohren oder stechen können. Dann wären die Gase zumindest teilweise abgeführt worden – so gingen Behörden auf Anraten der Amtsveterinäre bei einer Pottwal-Strandung 1997 vor, bei der ich geholfen habe.</p> <p>Das haben die Dänen leider versäumt. Würden sie den Kadaver jetzt mit einer Trosse oder einer Kette um den Schwanz vom Strand zu schleppen versuchen, würde er aufplatzen. Allein schon durch das Versickern der Körperflüssigkeiten dürfte dieser Strand dann im Sommer wenig attraktiv für die vielen Badegäste werden. Da Anholt eine beliebte Urlaubsinsel ist und der Sommer allmählich beginnt, dürften die dänischen Behörden jetzt mit Hochdruck (!) an einer anderen Lösung arbeiten.</p> <h2><strong>Meeres- und Klimaschutz ist Walschutz – in Ostsee und Weltmeeren</strong></h2> <p>Es kam genauso wie sämtliche Wissenschaftler aufgrund der bisherigen Erfahrungen mit Strandungen leider richtig vermutet haben – dieser junge Buckelwal hatte keine Chance (Mehr dazu hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">hier</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">hier</a> und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/">hier</a> geschrieben sowie im <a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/buckelwal--kann-er-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">Stern-Interview</a> gesagt. Wal-BiologInnen stufen <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/buckelwal-vor-anholt-moegliche-obduktion-der-gestank-ist-ueberwaeltigend-a-41a3857f-33e2-4a90-9270-f2912f943f6c" rel="noopener">diese „Rettungsaktion“ als Tierquälerei ein – wie Peter Madsen im SPON-Interview erklärt</a> (leider Paywall). Ich teile seine Einschätzung, wie auch der größte Teil der Wal-ExpertInnen, die mit Strandungen zu tun haben.)<br></br>Stattdessen ist nun innerhalb kürzester Zeit aus dem quasi-religiös verehrten Publikumsliebling „Timmy“ ein Problemwal geworden.<br></br>Es wäre schön, wenn manche Personen, die die TierärztInnen und BiologInnen von ITAW, dem Meeresmuseum und anderen Institutionen beschimpft und sogar bedroht haben, mal in sich gehen und vielleicht künftig etwas mehr nachdenken, bevor sie ihre übersteigerte Empörung online absondern. Ich habe selbst auch ein paar grenzwertiger Beschimpfungs- und Verleumdungs-Nachrichten bekommen – Entschuldigungen nehme ich gern an. Ich gehe aber davon aus, dass keine kommen.<aside></aside></p> <p>Ich kann nur noch einmal meine Hoffnung ausdrücken, dass das Leiden dieses großen Meeressäuger mit den langen weißen Flossen viele Menschen auf den dringend notwendigen besseren Schutz von Walen sowie ihrer Lebensräume aufmerksam gemacht hat, von den stark bedrohten Schweinswale in der Ostsee bis zu den riesigen Bartenwalen, die durch die Weltmeere ziehen. Angesichts der nächsten anrollenden Hitzewelle in den Meeren fordere ich noch einmal zu mehr Engagement im Meeresschutz auf! Jede/r kann persönlich (durch individuelles Handeln) und auf höherer Ebene (durch Wählen und politischen Druck) dazu beitragen!</p> <p>Der Fund eines weiteren Buckelwals vor Anholt unterstreicht noch einmal die Notwendigkeit dafür: „<a href="https://www.merkur.de/welt/zerrissen-nahe-timmy-toter-wal-aus-der-ostsee-in-der-mitte-zr-94321141.html" rel="noopener">Während Dänemark noch erfolglos versucht, den Kadaver </a>von Buckelwal „Timmy“ ins Meer zu schaffen, zogen Fischer vor der Insel Anholt ein Netz ein: Darin steckte der Kadaver eines zweiten toten Wals – zerrissen, riesig und ein weiteres düsteres Zeichen für den Zustand unserer Meere. Der Leichnam war in der Mitte zerrissen, wie Morten Abildstrøm von der Dänischen Naturbehörde dem Sender <em>TV2 Østjylland</em> bestätigte. […] Wann genau der Wal starb, ist noch unklar – Experten gehen davon aus, dass er möglicherweise schon vor Monaten verendet ist.“ Die nicht so schnell verwesenden Barten zeigen, dass es sich dabei ebenfalls um einen Buckelwal handelt, die Verletzungen deuten darauf hin, dass er vermutlich durch ein Schleppnetz zu Tode gekommen ist.  </p> <p>Die Fischerei (Beifang) ist neben der Schifffahrt (Kollisionen) eine der häufigsten Todesursachen für Wale. Auch Kunststoffe gefährden Wale. Gerade <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Bis-zu-43-Kilogramm-an-Mikroplastik-schluckt-ein-Blauwal-7467831.html" rel="noopener">Bartenwale sind durch die Aufnahme von Mikroplastik gefährdet</a>, der aus Abrieb von Autoreifen, zerfallenden Zigarettenfiltern und den Zerfall von Müll sowie Fasern aus Leinen und Textilien sowie Nanopartikeln (z B aus Kosmetika) ins Meer gelangt.<br></br>Die Klimakrise <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/giftalgenbluete-an-der-kalifornischen-kueste-red-tide/">verursacht zunehmende Giftalgenblüten</a> und führt zu Verschiebungen von Fisch- und Planktonbeständen nach Norden, beides führt zu Massensterben von Meeressäugern im Pazifik aber auch anderswo. Das dadurch<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/die-grauwale-sterben-weiter-auch-2025/"> verursachte Grauwalsterben an den nordamerikanischen Küsten</a> geht <a href="https://www.youtube.com/watch?v=e_ZxTrOOpB0" rel="noopener">auch in diesem Jahr weiter</a>, vor British Columbia, <a href="https://www.fox13seattle.com/news/why-wa-gray-whales-stranding-grays-harbor" rel="noopener">Washington</a>, Oregon und <a href="https://www.nytimes.com/2026/04/13/climate/gray-whales-san-francisco-bay.html" rel="noopener">Kalifornien</a> – die meisten Tiere sind stark abgemagert, viele verhungert.</p> <h2><strong>Buckelwal-Reiserouten im Nordatlantik</strong></h2> <p>Buckelwale (<em>Megaptera novaeangliae</em>) kommen in allen Weltmeeren vor, auch im Nordatlantik. Sie leben meist auf dem offenen Meer, schwimmen aber oft auch in Küstengewässer, so dass man sie vom Strand aus beobachten kann. Gerade nahe der Küsten verheddern sie sich besonders oft in Fischereinetzen oder geraten in Schifffahrtsrouten. Ihre Erforschung begann mit den Balz-Gesängen vor Haiwaii im Pazifik, aber mittlerweile gibt es auch zu den Nordatlantik-Bewohnern vor den europäischen Küsten immer mehr Daten. Die nordwesteuropäischen Bestände werden neben nationalen <a href="https://nammco.no/humpback-whale/" rel="noopener">Managementplänen von NAMMCO übergeordnet gemanagt</a> (North Atlantic Marine Mamal Commission – zu der gehören auch Norwegen und Island), was für eine wandernde Spezies sehr wichtig ist. Die der amerikanischen Gewässer werden von NOAA gemanagt (die gerade unter Trump katastrophal zurechtgestutzt wird).</p> <p>Buckelwale fressen je nach Nahrungsangebot <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/species/humpback-whale" rel="noopener">kleine Schwarmfische wie Heringe oder Sandaale und Krill</a>, die kleinen Krebse machen im Norden deutlich weniger Biomasse aus als im Südpolarmeer. Westlich von Grönland, südlich Islands und nördlich der nordnorwegischen Küste hat die nordatlantische Population ihre sommerlichen Fressgründe. Dort finden sie in den langen Sommertagen hohe Konzentrationen von Nahrung, mit denen sie sich schnell viel Speck anfressen können. Den brauchen sie für Ihre Wanderung in die Kinderstuben in der Karibik und vor den Kapverden/Westafrika.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="415" sizes="(max-width: 602px) 100vw, 602px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2.jpg 602w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-2-300x207.jpg 300w" width="602"></img></a></figure> <p>IWDG Publication: Ocean-basin-wide movement patterns of North Atlantic humpback whales, Megaptera novaeangliae<br></br>Quelle: https://www.facebook.com/IrishWhaleandDolphinGroup/posts/joint-iwdg-publication-ocean-basin-wide-movement-patterns-of-north-atlantic-hump/1137039381790193/<p>Dabei nutzen die Bartenwale mit den langen weißen Flippern verschiedene Wanderrouten, eine davon führt westlich der norwegischen Küstenlinie entlang des Kontinentalschelf-Abhangs nach Süden. Da direkt vor der norwegischen Küste am Eingang zur Nordsee eine tiefe Wasserrinne – die Norwegische Rinne – liegt, geraten sie so manchmal auch in flachere Bereiche der Nordsee und sogar in die Ostsee hinein. In den flachen nahrungsarmen Schelfmeeren sind sie regelmäßige Irrgäste, gerade aus der Ostsee finden sie oft nicht wieder hinaus.</p></p> <h2>Zwischen Fressen und Kalben, mit Stippvisiten in Nord- und Ostsee</h2> <p>Ihre <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">normalen Wanderrouten führen quer über den Nordatlantik in die Karibik</a> und vor Westafrika, <a href="https://journal.iwc.int/index.php/jcrm/article/view/951/771" rel="noopener">eine neue Publikation zeigte neue Details:</a> Dafür hatten Forschende unter anderem die Informationen über den Weg von Individuen nachverfolgt. Da Buckelwale vor dem Abtauchen meist ihre Fluke zeigen, deren Unterseite ein einzigartiges Muster und unverwechselbaren Umriß zeigt, sind sie wie per Fingerabdruck identifizierbar.<br></br>Sie ziehen nicht in größeren Gruppen oder Familien, sondern allein oder als Mutter-Kind-Paare durch die Ozeane. Anders als Zahnwale wie Pottwale oder Orcas haben sie keine festen Familienverbände oder großen Gruppen, die nach 11 Monaten entwöhnten Jungtiere sind auf sich gestellt. Allerdings folgen sie recht festen Routen.<br></br>In der Karibik angekommen, gebären die trächtigen Walmütter ihren Nachwuchs, das warme Wasser schützt das Neugeborene, das noch keine Blubber-Schicht hat, vor Unterkühlung. Mit der fetten Muttermilch legt es schnell Gewicht, Länge und Kraft zu, denn im nächsten Frühjahr muss es mit auf die lange Reise zurück nach Norden gehen – in die Freßgründe des nordpolaren Sommers.</p> <p>In den letzten Jahren scheinen sich die Wanderrouten und Aufenthaltsareale der nordatlantischen Buckelwale zu verändern, wie die irischen Walforscher Simon Berrow und Pádraig Whooley für die Südliche Nordsee 2022 in „<a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1385110122000247" rel="noopener">Managing a Dynamic North Sea in the light of its ecological dynamics: Increasing occurrence of large baleen whales in the southern North Sea</a>“ publizierten: „Zwischen 1999 und 2014 stieg die Zahl der in Irland registrierten einzelnen Buckelwale langsam an. Ein dramatischer Anstieg erfolgte im Jahr 2015, als die Zahl der individuell identifizierten Wale von 30 auf 66 stieg, sowie in geringerem Maße in den Jahren 2017 und 2020, als die Zahl um 10 bzw. 12 zunahm. Bis Ende 2020 waren 109 einzelne Buckelwale im irischen Buckelwal-Foto-ID-Katalog erfasst.“ (Übersetzt mit Deepl).</p> <p>Eine Zusammenfassung, wieviele Buckelwale in der Ostsee gesichtet bzw. angespült wurden, habe ich bislang nicht gefunden. Ich erinnere mich aber aus meiner Zeit im Meeresmuseum an einzelne regionale, auch historische Berichte, dass dies immer wieder vorkam und vorkommt.</p> <p>Zum Whale Watching von Buckelwalen und anderen Meeresriesen in nordwesteuropäischen Gewässern lohnt es sich, an die norwegischen, UK- und irischen Küsten zu fahren – es muss nicht immer Hawaii sein. Bei lokalen Whale Watching-Unternehmen gibt es dazu Infos, ansonsten gern bei mir nachfragen.<br></br>Unsere kleinen Schweinswale kann man im Frühling in den Flüssen wie Elbe oder Weser beobachten, z B bei den <a href="https://www.schweinswaltage.de/" rel="noopener">Wilhelmshavener Schweinswaltagen</a>, beim Segeln in der Kieler Förde und an anderen Stellen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwale-im-nordatlantik-ein-requiem-und-lange-reisen/#comments 5 Teaching Star Names https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/#comments Mon, 25 May 2026 14:05:16 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12904 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/</link> </image> <description type="html"><h1>Teaching Star Names » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><em>Heute darf ich einen Brief (E-Mail) öffentlich teilen, der die IAU-Working Group on Star Names (WGSN) letzte Woche erreichte: Zwei italienische Grundschullehrkräfte sind sehr glücklich über das Material, das von uns online gestellt wird, weil sie es gern in ihrem Unterricht nutzen. Der Brief wurde auf Englisch geschrieben und für die Darstellung in diesem Blog mit DEEPL maschinenübersetzt, da mir die Zeit fehlt, das selbst zu tun. Das <a href="https://exopla.net/teaching-star-names/" rel="noopener">Original (englisch) ist auf der Website der WGSN</a> lesbar.</em></p> <p>Liebe Freunde bei WGSN</p> <p>ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass ich in den letzten Wochen mit Hilfe eines Kollegen für eine Gruppe von etwa zwanzig Grundschülern der I.C. Via Carotenuto 30 in Rom ein Projekt durchgeführt habe, das sich ganz den Namen der Sterne, der Identifizierung von Sternbildern, der Erforschung der mythologischen Geschichten, in denen sie vorkommen, und der Etymologie der Namen ihrer hellsten Sterne widmet.</p> <p>Leider lässt uns der Himmel über unserer Stadt nur die hellsten Sterne am Nachthimmel sehen, und das ist wirklich schade, denn für die jungen Schüler war es wirklich spannend, diese Punkte miteinander zu verbinden und jene Formen und Gestalten zu erkennen, die der Fantasie der alten Völker entsprungen sind, ihren mythologischen Geschichten zu lauschen und Dutzende von Sternen wie Beteigeuze, Sirius, Mirzam aus den Winterkonstellationen sowie Arcturus, Mizar, Nekkar und Seginus aus den Frühlingskonstellationen, und schließlich die Bedeutung dieser Begriffe beschreiben zu können.</p> <p>Ausgehend von leicht zu erkennenden Asterismen wie dem Oriongürtel und dem Großen Wagen gingen wir schrittweise zunächst zu den anderen Sternen über, aus denen Orion und der Große Wagen bestehen, und dann zu denen der benachbarten Sternbildern. So lernten wir, uns zu orientieren, ihre schwachen Farben zu erkennen, zu verstehen, warum sie funkeln, und zu begreifen, dass sich hinter dem Anschein dieser winzigen Punkte riesige Kugeln aus extrem heißem Gas verbergen, genau wie die Sonne.<aside></aside></p> <p>Wenn es bewölkt war, diente uns die Software „<a href="https://stellarium.org/" rel="noopener">Stellarium</a>“ als virtueller Nachthimmel; war der Himmel jedoch klar, wurde die Decke unseres Klassenzimmers zum echten Himmel, und zusätzlich zur Beobachtung mit bloßem Auge betrachteten wir einige Sterne auch durch ein Teleskop, um ihre Doppelsternnatur zu entdecken und ihre Farbe besser erkennen zu können.</p> <p>Unsere Quellen für diese Untersuchungen waren der IAU-Katalog von Sternnamen (Catalog of Star Names, CSN) und die Website <a href="https://exopla.net" rel="noopener">exopla.net</a>; deshalb bin ich hier, um Ihnen all dies zu erzählen und mich noch einmal – auch in Namen meiner Schüler und Kollegen – für Ihre großartige Arbeit zu bedanken, die es uns allen ermöglicht, die Sterne des Nachthimmels sowohl mit Wissen als auch mit Poesie zu benennen und heraufzubeschwören. Vielen Dank!</p> <p>Mit freundlichen Grüßen</p> <p>Paolo Palma und Tiziana Gentili</p> <p><i><span>„Io penso che la notte sia più viva e più riccamente colorata del giorno“ <br></br>Vincent van Gogh</span></i></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Disclaimer</h2> <p><em>Natürlich würde ich normalerweise Briefe nicht veröffentlichen (Briefgeheimnis: Grundgesetz Art. 10, italienische Verfassung Art. 15), aber <strong>diese Veröffentlichung wurde explizit genehmigt</strong>. Wir hoffen, dass sie andere <strong>Lehrkräfte inspiriert</strong>. </em></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Teaching Star Names » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><em>Heute darf ich einen Brief (E-Mail) öffentlich teilen, der die IAU-Working Group on Star Names (WGSN) letzte Woche erreichte: Zwei italienische Grundschullehrkräfte sind sehr glücklich über das Material, das von uns online gestellt wird, weil sie es gern in ihrem Unterricht nutzen. Der Brief wurde auf Englisch geschrieben und für die Darstellung in diesem Blog mit DEEPL maschinenübersetzt, da mir die Zeit fehlt, das selbst zu tun. Das <a href="https://exopla.net/teaching-star-names/" rel="noopener">Original (englisch) ist auf der Website der WGSN</a> lesbar.</em></p> <p>Liebe Freunde bei WGSN</p> <p>ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass ich in den letzten Wochen mit Hilfe eines Kollegen für eine Gruppe von etwa zwanzig Grundschülern der I.C. Via Carotenuto 30 in Rom ein Projekt durchgeführt habe, das sich ganz den Namen der Sterne, der Identifizierung von Sternbildern, der Erforschung der mythologischen Geschichten, in denen sie vorkommen, und der Etymologie der Namen ihrer hellsten Sterne widmet.</p> <p>Leider lässt uns der Himmel über unserer Stadt nur die hellsten Sterne am Nachthimmel sehen, und das ist wirklich schade, denn für die jungen Schüler war es wirklich spannend, diese Punkte miteinander zu verbinden und jene Formen und Gestalten zu erkennen, die der Fantasie der alten Völker entsprungen sind, ihren mythologischen Geschichten zu lauschen und Dutzende von Sternen wie Beteigeuze, Sirius, Mirzam aus den Winterkonstellationen sowie Arcturus, Mizar, Nekkar und Seginus aus den Frühlingskonstellationen, und schließlich die Bedeutung dieser Begriffe beschreiben zu können.</p> <p>Ausgehend von leicht zu erkennenden Asterismen wie dem Oriongürtel und dem Großen Wagen gingen wir schrittweise zunächst zu den anderen Sternen über, aus denen Orion und der Große Wagen bestehen, und dann zu denen der benachbarten Sternbildern. So lernten wir, uns zu orientieren, ihre schwachen Farben zu erkennen, zu verstehen, warum sie funkeln, und zu begreifen, dass sich hinter dem Anschein dieser winzigen Punkte riesige Kugeln aus extrem heißem Gas verbergen, genau wie die Sonne.<aside></aside></p> <p>Wenn es bewölkt war, diente uns die Software „<a href="https://stellarium.org/" rel="noopener">Stellarium</a>“ als virtueller Nachthimmel; war der Himmel jedoch klar, wurde die Decke unseres Klassenzimmers zum echten Himmel, und zusätzlich zur Beobachtung mit bloßem Auge betrachteten wir einige Sterne auch durch ein Teleskop, um ihre Doppelsternnatur zu entdecken und ihre Farbe besser erkennen zu können.</p> <p>Unsere Quellen für diese Untersuchungen waren der IAU-Katalog von Sternnamen (Catalog of Star Names, CSN) und die Website <a href="https://exopla.net" rel="noopener">exopla.net</a>; deshalb bin ich hier, um Ihnen all dies zu erzählen und mich noch einmal – auch in Namen meiner Schüler und Kollegen – für Ihre großartige Arbeit zu bedanken, die es uns allen ermöglicht, die Sterne des Nachthimmels sowohl mit Wissen als auch mit Poesie zu benennen und heraufzubeschwören. Vielen Dank!</p> <p>Mit freundlichen Grüßen</p> <p>Paolo Palma und Tiziana Gentili</p> <p><i><span>„Io penso che la notte sia più viva e più riccamente colorata del giorno“ <br></br>Vincent van Gogh</span></i></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/italianSchool-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Disclaimer</h2> <p><em>Natürlich würde ich normalerweise Briefe nicht veröffentlichen (Briefgeheimnis: Grundgesetz Art. 10, italienische Verfassung Art. 15), aber <strong>diese Veröffentlichung wurde explizit genehmigt</strong>. Wir hoffen, dass sie andere <strong>Lehrkräfte inspiriert</strong>. </em></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/teaching-star-names/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/#comments Sun, 24 May 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1891 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag138_m-768x768.jpg Eine kreisrunde Mikroskopaufnahme, in der sich weiße, dunkelgraue, gelbe, blaue, pinke oder braune Flächen recht chaotisch aneinanderschmiegen https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag138_m.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag138-alpen-3.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Die Alpen sind ein Hochgebirge, dessen höchster Gipfel über 4800 Meter misst. Die Berge der Alpen gehören zu den ersten überhaupt, die Geologen durchstreift haben, die sie vermessen haben und vor allem: die versucht haben, zu verstehen, wie sie entstanden sind. Doch dafür brauchten sie lange – erst die Plattentektonik lieferte den Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Diese Theorie selbst wurde aber nicht in den Bergen entdeckt, sondern in den Ozeanen. Eine große Frage blieb am Ende immer noch offen: Wie konnten die Alpen überhaupt ihre majestätischen Höhen erreichen?</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl seine dritte und vorerst letzte Alpengeschichte. Es ist die Geschichte eines einzelnen Gesteines, das dabei geholfen hat, die Frage des Höhenwachstums der Alpen zu klären. Dabei handelt es sich um ein herausragend hübsches Gestein. Es schillert und schimmert silbrig, es ist mal leuchtend grün, mal strahlend gelb oder weinrot. Für manche ist es gar das schönste Gestein der Welt. Für ein Gestein von Rang hat es auch einen klingenden Namen: Saussurit-Smaragtit-Allalin-Metagabbro, oder kurz: Allalin-Gabbro.<aside></aside></p> <p>Der Allalin-Gabbro ist ein Gestein der Walliser Alpen in der Schweiz, wo er fast ausnahmslos auf einem einzigen Berg vorkommt: dem Allalinhorn. Es ist ein besonderes Gestein, denn es entstand vor der Hebung der Alpen – als sich das Material, was sich heute so prächtig in die Höhen reckt, noch tief im Erdinneren steckte. Als Gabbro entstammt es einer Gesteinsgruppe, die eigentlich in der Tiefe der ozeanischen Erdkruste aus erstarrtem Magma entsteht. Doch dieser Gabbro wurde danach in die Gebirgsbildung eingewoben, indem er mal in die Tiefe gezogen, mal nach oben gerissen wurde. Dabei stieg zunächst der Druck und die Temperatur, was das Gestein veränderte: In ihm enthaltene Minerale reagierten zu anderen Mineralen. In der Geologie werden solche Prozesse als Metamorphose bezeichnet, wodurch schließlich aus dem grauen, unscheinbaren Gabbro ein bunter Metagabbro wurde – der von manchen auch als das schönste Gestein der Welt bezeichnet wird.</p> <p>In dieser Schönheit steckt – tief verborgen – nicht nur die Information darüber, welchen Weg der Allalin-Gabbro im Laufe der Jahrmillionen genommen hat, sondern in welcher Tiefe sich die Alpendecken übereinander geschoben haben – und wie sie danach in (zumindest für Geologen) schwindelerregendem Tempo ans Licht gelangten.</p> <h3>Verlosung</h3> <p>Wir verlosen das Buch „Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen“ von Jürg Meyer. Schreibt uns dafür bis zum 3. Juni 2026 an karl at astrogeo dot de:</p> <p>Was ist für euch das <strong>schönste Gestein der Welt </strong>– und <strong>warum</strong>?</p> <p>Die schönste Antwort gewinnt! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen: Beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> <li>Folge 136: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/" rel="noopener">AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>Paläokarten: <a href="https://basaltweaver.myportfolio.com/late-cretaceous-series-2025" rel="noopener">Europa und die Welt zur Kreidezeit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allalinhorn" rel="noopener">Allalinhorn</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestein" rel="noopener">Gestein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mineral" rel="noopener">Mineral</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gabbro" rel="noopener">Gabbro</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Granatgruppe" rel="noopener">Granat</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Geologie)" rel="noopener">Metamorphose</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Archimedisches_Prinzip" rel="noopener">Archimedisches Prinzip</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/das-schoenste-gestein-der-welt/2329783258084671" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen</a>, Haupt-Verlag (2026)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P – ein gewöhnlicher Gabbro im Dünnschliff durchs Polarisationsmikroskop</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag138_m.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das schönste Gestein der Welt verrät, wie die Alpen entstanden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag138-alpen-3.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Die Alpen sind ein Hochgebirge, dessen höchster Gipfel über 4800 Meter misst. Die Berge der Alpen gehören zu den ersten überhaupt, die Geologen durchstreift haben, die sie vermessen haben und vor allem: die versucht haben, zu verstehen, wie sie entstanden sind. Doch dafür brauchten sie lange – erst die Plattentektonik lieferte den Schlüssel zur Lösung des Rätsels. Diese Theorie selbst wurde aber nicht in den Bergen entdeckt, sondern in den Ozeanen. Eine große Frage blieb am Ende immer noch offen: Wie konnten die Alpen überhaupt ihre majestätischen Höhen erreichen?</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl seine dritte und vorerst letzte Alpengeschichte. Es ist die Geschichte eines einzelnen Gesteines, das dabei geholfen hat, die Frage des Höhenwachstums der Alpen zu klären. Dabei handelt es sich um ein herausragend hübsches Gestein. Es schillert und schimmert silbrig, es ist mal leuchtend grün, mal strahlend gelb oder weinrot. Für manche ist es gar das schönste Gestein der Welt. Für ein Gestein von Rang hat es auch einen klingenden Namen: Saussurit-Smaragtit-Allalin-Metagabbro, oder kurz: Allalin-Gabbro.<aside></aside></p> <p>Der Allalin-Gabbro ist ein Gestein der Walliser Alpen in der Schweiz, wo er fast ausnahmslos auf einem einzigen Berg vorkommt: dem Allalinhorn. Es ist ein besonderes Gestein, denn es entstand vor der Hebung der Alpen – als sich das Material, was sich heute so prächtig in die Höhen reckt, noch tief im Erdinneren steckte. Als Gabbro entstammt es einer Gesteinsgruppe, die eigentlich in der Tiefe der ozeanischen Erdkruste aus erstarrtem Magma entsteht. Doch dieser Gabbro wurde danach in die Gebirgsbildung eingewoben, indem er mal in die Tiefe gezogen, mal nach oben gerissen wurde. Dabei stieg zunächst der Druck und die Temperatur, was das Gestein veränderte: In ihm enthaltene Minerale reagierten zu anderen Mineralen. In der Geologie werden solche Prozesse als Metamorphose bezeichnet, wodurch schließlich aus dem grauen, unscheinbaren Gabbro ein bunter Metagabbro wurde – der von manchen auch als das schönste Gestein der Welt bezeichnet wird.</p> <p>In dieser Schönheit steckt – tief verborgen – nicht nur die Information darüber, welchen Weg der Allalin-Gabbro im Laufe der Jahrmillionen genommen hat, sondern in welcher Tiefe sich die Alpendecken übereinander geschoben haben – und wie sie danach in (zumindest für Geologen) schwindelerregendem Tempo ans Licht gelangten.</p> <h3>Verlosung</h3> <p>Wir verlosen das Buch „Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen“ von Jürg Meyer. Schreibt uns dafür bis zum 3. Juni 2026 an karl at astrogeo dot de:</p> <p>Was ist für euch das <strong>schönste Gestein der Welt </strong>– und <strong>warum</strong>?</p> <p>Die schönste Antwort gewinnt! Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen: Beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> <li>Folge 136: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/" rel="noopener">AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>Paläokarten: <a href="https://basaltweaver.myportfolio.com/late-cretaceous-series-2025" rel="noopener">Europa und die Welt zur Kreidezeit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Allalinhorn" rel="noopener">Allalinhorn</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestein" rel="noopener">Gestein</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mineral" rel="noopener">Mineral</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gabbro" rel="noopener">Gabbro</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Granatgruppe" rel="noopener">Granat</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metamorphose_(Geologie)" rel="noopener">Metamorphose</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Archimedisches_Prinzip" rel="noopener">Archimedisches Prinzip</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/das-schoenste-gestein-der-welt/2329783258084671" rel="noopener">Das schönste Gestein der Welt – der Allalin-Gabbro aus den Walliser Hochalpen</a>, Haupt-Verlag (2026)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: Shutterstock / Teguh Wage P – ein gewöhnlicher Gabbro im Dünnschliff durchs Polarisationsmikroskop</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/das-schoenste-gestein-der-welt-verraet-wie-die-alpen-entstanden/#comments 4 Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/#comments Sat, 23 May 2026 09:39:12 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11397 https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/files/bayes-streifen-768x133.jpg Ausschnitt aus einem aller Wahrscheinlichkeit nicht echten Bild des Urhebers des Satzes von Bayes, nämlich Reverend Bayes. https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/ <h1>Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Häufig genug, aber natürlich nicht immer, geht es um Rassismus, Sexismus oder andere -ismen, wenn öffentlich diskutiert wird, ob eine bestimmte prominente Aussage wirklich so gemeint war, oder ob sie vielleicht „nur“ harmlos gemeint war, aber anders verstanden wurde. Ob Stefan Gelbhaar von den Berliner Grünen <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gruene-gelbhaar-100.html" rel="noopener">betont</a>, „niemals jemanden <em>absichtlich</em> belästigt zu haben“, Hervorhebung von mir, oder ob es um die gesammelten war-doch-nicht-so-gemeint-Beispiele dafür geht, „wie [Friedrich] Merz für Verwirrung sorgt, die sich leicht durch präzisere Formulierungen hätte vermeiden lassen“ (so ein FAZ-Beitrag mit Ober-Überschrift „Methode Merz“ und Titel <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/syrer-stadtbild-zirkuszelt-wie-friedrich-merz-immer-wieder-so-spricht-dass-er-missverstanden-werden-kann-200694262.html" rel="noopener">„Syrer, Stadtbild, Zirkuszelt“</a>): irgendwie rutschen Diskussionen dieser Art von Seiten der jeweils herbeieilenden Verteidiger schnell in eine Art Gerichtsprozess-Modus, komplett mit gewichtigen Verweisen auf die Unschuldsvermutung des Strafrechts. Und mein erster Gedanke ist inzwischen: Warum hängen wir die Latte an der Stelle eigentlich so peinlich niedrig?</p> <h2>Aussagen-Umkehr mit dem Satz von Bayes</h2> <p>Ein Thema, das mich in letzter Zeit häufig beschäftigt, ist das Verhältnis von „Wahrheits-Absicherugnsmechanismu“ in der Wisssenschaft im Vergleich zur allgemeine Gesellschaft: wie Wissenschaft sicherstellt, dass ihre Ergebnisse belastbar sind, im Vergleich und als Kontrast dazu, wie wir in öffentlichen, insbesondere politischen Diskussionen mit der Frage umgehen, auf welche Aussagen wir uns wie weit verlassen können. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich die zugrundeliegende Mathematik hier auf den SciLogs in einer vierteiligen Mini-Serie „Evidenzbasiert entscheiden“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-teil-1-die-mathematik-des-ernstnehmens/">Teil 1</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Teil 2</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-3-sagan-ockham-und-co/">Teil 3</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-4-statistische-vorurteile/">Teil 4</a>) zusammengefasst. Ein grundlegender Baustein solcher evidenzbasierter Entscheidungen ist ein charakteristisches Umkehrprinzip. Ein allgemeiner mathematischer Satz, nämlich der <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Satz von Bayes</a>, sagt uns: die Wahrscheinlichkeit, dass eine Interpretation X der Daten D zutrifft, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, dass wir jene Daten D vorfinden würden, vorausgesetzt, <em>dass</em> Interpretation X zutrifft.</p> <p>Das ist ziemlich abstrakt. Auf Fälle wie die oben angerissenen angewandt heißt es: Wir fragen uns, ob Person X z.B. ein Rassist ist [1], weil er oder sie eine bestimmte rassistisch klingende Aussage A getroffen hat. Die Wahrscheinlichkeit, <em>dass</em> Person X ein Rassist ist, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, die wir als Antwort auf die Frage erhielten „Wenn Person X ein Rassist ist, wie wahrscheinlich ist es dann, dass er die Aussage A treffen würde?“ Das ist die entscheidende Umkehrung – es geht um zwei verschiedene Fragen. Aber der Satz von Bayes sagt uns, dass die entsprechenden Antworten, ausgedrückt in Form einer Wahrscheinlichkeit, proportional zueinander sind.</p> <p>(Wenn wir noch einen Schritt weitergehen wollen, können wir dass Verhältnis von Wahrscheinlichkeiten bilden. Dann steht dass Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten „Wahrscheinlichkeit, dass X ein Rassist ist“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X kein Rassist ist“ auf der linken Seite, das Verhältnis von „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er ein Rassist wäre“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er kein Rassist wäre“ auf der rechten Seite der Gleichung. Mathematisch gesprochen vergleichen wir Likelihoods, indem wir einen Likelihood-Ratio bilden. Ein häufiges Vorgehen beim Modellvergleich.) Ich nenne das hier abgekürzt die Bayes-Umkehrung, aber das ist kein etablierter Fachbegriff.</p> <h2>Wie man „Missverständnisse“ vermeidet</h2> <p>Auf dieser Basis ergibt sich für Menschen, die im Extremfall in der Öffentlichkeit stehen, viel häufiger einfach nur mit ihren Mitmenschen wechselwirken, eine direkte Handlungsempfehlung. Du möchtest nicht, dass deine Mitmenschen evidenzbasiert (!) zu dem Schluss kommen, du seist ein Rassist, Sexist etc.? Formuliere deine Aussagen so, dass möglichst unwahrscheinlich ist, dass die jeweilige Aussage von einem Rassisten, Sexisten etc. getroffen werden würde. Mach gedanklich die Bayes-Umkehrung und schau, was dabei herauskommt:<aside></aside></p> <ul> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert mit jenen dumpfen Heinis in eine Schublade gesteckt werden willst, die Vorurteile gegenüber jeglichen „Ausländern“ haben und die Schnappatmung bekommen, weil das gute bürgerliche deutsche Restaurant in dem sie mit ihren Eltern essen waren, einem Dönerstand weichen musste, triff keine Stadtbild-Ansagen.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in derselben Schublade wie die „Gender-Gaga“-Eiferer landen willst, degradiere Regenbogenflaggen nicht zur Zirkuszelt-Dekoration.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihre Machtposition ausnutzen, um mit ihren Untergebenen anzubandeln oder sie gar zu Sex zu drängen, dann antworte der Praktikums-Interessentin auf Instagram <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/ich-kiek-mir-deine-bilder-zu-gern-an-sie-will-ein-praktikum-gelbhaar-schickt-ein-flammen-emoji-zum-badeanzug-foto-14776322.html" rel="noopener">nicht mit einem Herzaugen-Smiley auf das Bild, das sie im Bikini zeigt</a>.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihrem zutiefst frauenfeindlichen Verhalten einen pseudowissenschaftlichen Unterbau verschaffen wollen, dann fasele nicht ohne jegliche kritische Einordnung darüber, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/thilo-mischke-die-evolutionsbiologie-und-unethischer-journalismus/">Vergewaltigung ja vielleicht schon von der biologischen Evolution her der Unterbau der männlichen Sexualität wäre</a>. </li> </ul> <p>Mit der Bayes-Umkehrung rückt in den Blick, wie unnormal oder vielleicht ja auch normal, je nach konkretem Fall, die entsprechenden Aussagen oder Handlungen sind. Das schafft konkrete und konstruktive Möglichkeiten zur Diskussionn. Wir würden eben nicht weitgehend müßig über die Gedanken von Herrn Gelbhaar spekulieren müssen, sondern könnten darüber reden, dass die allermeisten Menschen (hoffe ich!) nun einmal erkennen, dass es übergriffig ist, als Politiker öffentlich Interesse an leicht bekleideten Bildern einer deutlich jüngeren Frau zu bekunden – auch wenn sich solche Bilder in heutiger Zeit in den sozialen Medien finden – und Interaktionen mit der eigenen Politikerrolle ins ist-das-hier-schon-ein-Flirt-oder-gerade-noch-nicht-persönliche zu drehen. Wir könnten bei der Stadtbild-Debatte darüber reden, welche Haltungen bei den meisten Menschen dahinterstehen, wenn sie auf „fremdartig aussehende“ Menschen im öffentlichen Raum derartig allergisch reagieren. Wir kommen weg von der letztlich so gut wie immer fruchtlosen Diskussion von war-es-ein-Missverständnis-oder-doch-nicht, die am Ende immer daran scheitert, dass man dem Betreffenden eben nicht in den Kopf schauen kann, und hin zu einer datenbasierten, phänomenologischen Diskussion.</p> <h2>Von Kommunikationsprofis professionelle Kommunikation erwarten</h2> <p>Auch wenn mich, zugegebenerweise aufgrund meines eigenen Hintergrundes, besonders interessiert, wie unsere Einschätzungen bei den erwähnten Diskussionen mit allgemeinen Fragen der Evidenzbasiertheit zusammenhängen, gibt es noch eine alltagsnähere Ebene. Kommunikation ist für Politik, Journalismus und weitere Bereiche zentral. Profi in jenen Bereichen zu sein, heißt, Kommunikationsprofi zu sein. Handwerklich solide in jenen Bereichen zu arbeiten schließt kompetente Kommunikation ein. Unschärfe und mehr oder wenige große Missverständnisse, oder sagen wir allgemeiner: ein Missverhältnis zwischen dem, was die Botschaft sein soll und was als Botschaft ankommt, sind bei jeder Kommunikationshandlung eine Gefahr – in Extremfällen fatal, in deutlicher Aussprägung handwerklich schlecht, in einem gewissen Minimal-Umfang unvermeidlich.</p> <p>Damit gilt: Wenn wir Politiker*innen, aber zum Beispiel auch Journalist*innen nach ihren Fähigkeiten beurteilen wollen, dann ist Kommunikationskompetenz ein wichtiger Aspekt. Dass Kommunikationsprofis die Unschärfe von Kommunikation kennen, können wir voraussetzen. Das heißt aber auch: Wer vermeidbare Unschärfe erzeugt – vage formuliert, wo es konkreter ginge; mehrdeutig, wo man hätte klarstellen können, wass gemeint ist – der steht in der Verantwortung, insbesondere als Kommunikationsprofi. Ab einem bestimmten Umfang von Missverständnis-Potenzial bleibt eigentlich nur: das war entweder unfähig (wollte unmissverständlich kommunizieren aber hat es einfach nicht hinnbekommen) oder unehrlich (hat bewusst missverständlich kommuniziert).</p> <p>Wenn wir Aussagen wie in den obigen Beispielen diskutieren, dann sollte dieser Teil nicht ausgeblendet werden. Dann kann das Fazit eben nicht sein „Person X konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass sie sich in rassistischer/sexistischer Absicht so geäußert hat? Dann ist ja alles paletti!“ Sondern dann muss sich die Diskussion anschließen, ob einer Person, die so stümperhaft kommuniziert, nicht doch die grundlegenden Fähigkeiten dafür fehlen, als Politiker*in, Journalist*in, Moderator*in eines Kulturmagazins oder was der entsprechenden Funktionen noch mehr sein sollten tätig zu sein.</p> <p>(Die Alternative, nämlich „das war vierdimensionales Schach! Die Person hat ganz bewusst so missverständlich/provokant kommuniziert!“ sollte, wo sie aufgebracht wird, natürlich auch diskutiert werden. Kommunikation mit Täuschungsabsicht ist ja auch kein Fall von „ach daaaannnn ist ja alles gut!“ sondern durchaus zu kritisieren.)</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wenn wir auch zu kontroversen Themen wie Sexismus-, Rassismus- oder anderen -ismus-Vorwürfen konstruktiv und sachlich diskutieren wollen, dann sollten wir die Bayes-Umkehrung nutzen. Statt müßiger Spekulationen über Hintergedanken und Absichten können wir dann darüber reden, was die konkreten Folgen von Rassismus, Sexismus etc. sind oder wären, und landen dann direkt bei der Frage, wie sich jene Folgen vermeiden lassen. Konstruktive Diskussion statt polemischer Kulturkampf. Und für diejenigen, die verantwortungsvoll mit Rassismus/Sexismus/… umgehen wollen, haben wir mit der Bayes-Umkehrung eine Anleitung, wie man problematische Handlungen und Äußerungen vermeiden kann.</p> <h2>Hinweis zu den Kommentaren</h2> <p>Wie immer bei potenziell kontroversen Themen werde ich die Kommentare hier moderieren. Kommentator*innen mögen sich bitte kurzfassen, Beleidigungen unterlassen, nicht zu weit vom Thema abschweifen. Grauzonen lege ich zugunsten der Kommentator*innen aus, aber irgendwann ist die Grauzone dann zuende. Ein knapp 8000 Zeichen oder mehr als vier Normseiten ist keiner vernünftigen Metrik nach noch ein kurzer Kommentar unter einem Blogeintrag.</p> <h2>Fußnote</h2> <p>[1] Diese Kurzform ist gerade in öffentlichen Diskussionen auch nicht unproblematisch, daher hier eine nähere Erklärung: Häufiger Trick ist ja, einen Begriff wie „Rassist“ so extrem zu definieren, etwa als „Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild“, dass auf jegliche Rassissmus-Anschuldigungen direkt die empörte Reaktion „aber X ist doch kein Rassist!1!“ folgen kann. Diese Extrem-Definition meine ich hier und analog bei dem Begriff „Sexist“ nicht, sondern abgeschwächter ist ein Rassist für mich eine Person, deren Weltbild bestimmte rassistische Vorurteile einschließt, die sich in rassistischen Äußerungen oder Handlungen äußern. Schlimm genug. Eine Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild, sprich: bei deren Identität/Selbstverständnis die rassistische Haltung eine wichtige bis entscheidende Rolle spielt, wäre für mich ein „eingefleischter Rassist“.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Die Bayes-Umkehrung: Ein Werkzeug für mehr evidenzbasierte öffentliche Diskussionen » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Häufig genug, aber natürlich nicht immer, geht es um Rassismus, Sexismus oder andere -ismen, wenn öffentlich diskutiert wird, ob eine bestimmte prominente Aussage wirklich so gemeint war, oder ob sie vielleicht „nur“ harmlos gemeint war, aber anders verstanden wurde. Ob Stefan Gelbhaar von den Berliner Grünen <a href="https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/gruene-gelbhaar-100.html" rel="noopener">betont</a>, „niemals jemanden <em>absichtlich</em> belästigt zu haben“, Hervorhebung von mir, oder ob es um die gesammelten war-doch-nicht-so-gemeint-Beispiele dafür geht, „wie [Friedrich] Merz für Verwirrung sorgt, die sich leicht durch präzisere Formulierungen hätte vermeiden lassen“ (so ein FAZ-Beitrag mit Ober-Überschrift „Methode Merz“ und Titel <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/syrer-stadtbild-zirkuszelt-wie-friedrich-merz-immer-wieder-so-spricht-dass-er-missverstanden-werden-kann-200694262.html" rel="noopener">„Syrer, Stadtbild, Zirkuszelt“</a>): irgendwie rutschen Diskussionen dieser Art von Seiten der jeweils herbeieilenden Verteidiger schnell in eine Art Gerichtsprozess-Modus, komplett mit gewichtigen Verweisen auf die Unschuldsvermutung des Strafrechts. Und mein erster Gedanke ist inzwischen: Warum hängen wir die Latte an der Stelle eigentlich so peinlich niedrig?</p> <h2>Aussagen-Umkehr mit dem Satz von Bayes</h2> <p>Ein Thema, das mich in letzter Zeit häufig beschäftigt, ist das Verhältnis von „Wahrheits-Absicherugnsmechanismu“ in der Wisssenschaft im Vergleich zur allgemeine Gesellschaft: wie Wissenschaft sicherstellt, dass ihre Ergebnisse belastbar sind, im Vergleich und als Kontrast dazu, wie wir in öffentlichen, insbesondere politischen Diskussionen mit der Frage umgehen, auf welche Aussagen wir uns wie weit verlassen können. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich die zugrundeliegende Mathematik hier auf den SciLogs in einer vierteiligen Mini-Serie „Evidenzbasiert entscheiden“ (<a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-teil-1-die-mathematik-des-ernstnehmens/">Teil 1</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Teil 2</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-3-sagan-ockham-und-co/">Teil 3</a>, <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-4-statistische-vorurteile/">Teil 4</a>) zusammengefasst. Ein grundlegender Baustein solcher evidenzbasierter Entscheidungen ist ein charakteristisches Umkehrprinzip. Ein allgemeiner mathematischer Satz, nämlich der <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/evidenzbasiert-entscheiden-2-der-satz-von-bayes/">Satz von Bayes</a>, sagt uns: die Wahrscheinlichkeit, dass eine Interpretation X der Daten D zutrifft, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, dass wir jene Daten D vorfinden würden, vorausgesetzt, <em>dass</em> Interpretation X zutrifft.</p> <p>Das ist ziemlich abstrakt. Auf Fälle wie die oben angerissenen angewandt heißt es: Wir fragen uns, ob Person X z.B. ein Rassist ist [1], weil er oder sie eine bestimmte rassistisch klingende Aussage A getroffen hat. Die Wahrscheinlichkeit, <em>dass</em> Person X ein Rassist ist, ist proportional zu der Wahrscheinlichkeit, die wir als Antwort auf die Frage erhielten „Wenn Person X ein Rassist ist, wie wahrscheinlich ist es dann, dass er die Aussage A treffen würde?“ Das ist die entscheidende Umkehrung – es geht um zwei verschiedene Fragen. Aber der Satz von Bayes sagt uns, dass die entsprechenden Antworten, ausgedrückt in Form einer Wahrscheinlichkeit, proportional zueinander sind.</p> <p>(Wenn wir noch einen Schritt weitergehen wollen, können wir dass Verhältnis von Wahrscheinlichkeiten bilden. Dann steht dass Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten „Wahrscheinlichkeit, dass X ein Rassist ist“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X kein Rassist ist“ auf der linken Seite, das Verhältnis von „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er ein Rassist wäre“ zu „Wahrscheinlichkeit, dass X diese Aussage treffen würde, wenn er kein Rassist wäre“ auf der rechten Seite der Gleichung. Mathematisch gesprochen vergleichen wir Likelihoods, indem wir einen Likelihood-Ratio bilden. Ein häufiges Vorgehen beim Modellvergleich.) Ich nenne das hier abgekürzt die Bayes-Umkehrung, aber das ist kein etablierter Fachbegriff.</p> <h2>Wie man „Missverständnisse“ vermeidet</h2> <p>Auf dieser Basis ergibt sich für Menschen, die im Extremfall in der Öffentlichkeit stehen, viel häufiger einfach nur mit ihren Mitmenschen wechselwirken, eine direkte Handlungsempfehlung. Du möchtest nicht, dass deine Mitmenschen evidenzbasiert (!) zu dem Schluss kommen, du seist ein Rassist, Sexist etc.? Formuliere deine Aussagen so, dass möglichst unwahrscheinlich ist, dass die jeweilige Aussage von einem Rassisten, Sexisten etc. getroffen werden würde. Mach gedanklich die Bayes-Umkehrung und schau, was dabei herauskommt:<aside></aside></p> <ul> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert mit jenen dumpfen Heinis in eine Schublade gesteckt werden willst, die Vorurteile gegenüber jeglichen „Ausländern“ haben und die Schnappatmung bekommen, weil das gute bürgerliche deutsche Restaurant in dem sie mit ihren Eltern essen waren, einem Dönerstand weichen musste, triff keine Stadtbild-Ansagen.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in derselben Schublade wie die „Gender-Gaga“-Eiferer landen willst, degradiere Regenbogenflaggen nicht zur Zirkuszelt-Dekoration.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihre Machtposition ausnutzen, um mit ihren Untergebenen anzubandeln oder sie gar zu Sex zu drängen, dann antworte der Praktikums-Interessentin auf Instagram <a href="https://www.tagesspiegel.de/berlin/ich-kiek-mir-deine-bilder-zu-gern-an-sie-will-ein-praktikum-gelbhaar-schickt-ein-flammen-emoji-zum-badeanzug-foto-14776322.html" rel="noopener">nicht mit einem Herzaugen-Smiley auf das Bild, das sie im Bikini zeigt</a>.</li> <li>Wenn du nicht evidenzbasiert in der Schublade derjenigen landen willst, die ihrem zutiefst frauenfeindlichen Verhalten einen pseudowissenschaftlichen Unterbau verschaffen wollen, dann fasele nicht ohne jegliche kritische Einordnung darüber, dass <a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/thilo-mischke-die-evolutionsbiologie-und-unethischer-journalismus/">Vergewaltigung ja vielleicht schon von der biologischen Evolution her der Unterbau der männlichen Sexualität wäre</a>. </li> </ul> <p>Mit der Bayes-Umkehrung rückt in den Blick, wie unnormal oder vielleicht ja auch normal, je nach konkretem Fall, die entsprechenden Aussagen oder Handlungen sind. Das schafft konkrete und konstruktive Möglichkeiten zur Diskussionn. Wir würden eben nicht weitgehend müßig über die Gedanken von Herrn Gelbhaar spekulieren müssen, sondern könnten darüber reden, dass die allermeisten Menschen (hoffe ich!) nun einmal erkennen, dass es übergriffig ist, als Politiker öffentlich Interesse an leicht bekleideten Bildern einer deutlich jüngeren Frau zu bekunden – auch wenn sich solche Bilder in heutiger Zeit in den sozialen Medien finden – und Interaktionen mit der eigenen Politikerrolle ins ist-das-hier-schon-ein-Flirt-oder-gerade-noch-nicht-persönliche zu drehen. Wir könnten bei der Stadtbild-Debatte darüber reden, welche Haltungen bei den meisten Menschen dahinterstehen, wenn sie auf „fremdartig aussehende“ Menschen im öffentlichen Raum derartig allergisch reagieren. Wir kommen weg von der letztlich so gut wie immer fruchtlosen Diskussion von war-es-ein-Missverständnis-oder-doch-nicht, die am Ende immer daran scheitert, dass man dem Betreffenden eben nicht in den Kopf schauen kann, und hin zu einer datenbasierten, phänomenologischen Diskussion.</p> <h2>Von Kommunikationsprofis professionelle Kommunikation erwarten</h2> <p>Auch wenn mich, zugegebenerweise aufgrund meines eigenen Hintergrundes, besonders interessiert, wie unsere Einschätzungen bei den erwähnten Diskussionen mit allgemeinen Fragen der Evidenzbasiertheit zusammenhängen, gibt es noch eine alltagsnähere Ebene. Kommunikation ist für Politik, Journalismus und weitere Bereiche zentral. Profi in jenen Bereichen zu sein, heißt, Kommunikationsprofi zu sein. Handwerklich solide in jenen Bereichen zu arbeiten schließt kompetente Kommunikation ein. Unschärfe und mehr oder wenige große Missverständnisse, oder sagen wir allgemeiner: ein Missverhältnis zwischen dem, was die Botschaft sein soll und was als Botschaft ankommt, sind bei jeder Kommunikationshandlung eine Gefahr – in Extremfällen fatal, in deutlicher Aussprägung handwerklich schlecht, in einem gewissen Minimal-Umfang unvermeidlich.</p> <p>Damit gilt: Wenn wir Politiker*innen, aber zum Beispiel auch Journalist*innen nach ihren Fähigkeiten beurteilen wollen, dann ist Kommunikationskompetenz ein wichtiger Aspekt. Dass Kommunikationsprofis die Unschärfe von Kommunikation kennen, können wir voraussetzen. Das heißt aber auch: Wer vermeidbare Unschärfe erzeugt – vage formuliert, wo es konkreter ginge; mehrdeutig, wo man hätte klarstellen können, wass gemeint ist – der steht in der Verantwortung, insbesondere als Kommunikationsprofi. Ab einem bestimmten Umfang von Missverständnis-Potenzial bleibt eigentlich nur: das war entweder unfähig (wollte unmissverständlich kommunizieren aber hat es einfach nicht hinnbekommen) oder unehrlich (hat bewusst missverständlich kommuniziert).</p> <p>Wenn wir Aussagen wie in den obigen Beispielen diskutieren, dann sollte dieser Teil nicht ausgeblendet werden. Dann kann das Fazit eben nicht sein „Person X konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden, dass sie sich in rassistischer/sexistischer Absicht so geäußert hat? Dann ist ja alles paletti!“ Sondern dann muss sich die Diskussion anschließen, ob einer Person, die so stümperhaft kommuniziert, nicht doch die grundlegenden Fähigkeiten dafür fehlen, als Politiker*in, Journalist*in, Moderator*in eines Kulturmagazins oder was der entsprechenden Funktionen noch mehr sein sollten tätig zu sein.</p> <p>(Die Alternative, nämlich „das war vierdimensionales Schach! Die Person hat ganz bewusst so missverständlich/provokant kommuniziert!“ sollte, wo sie aufgebracht wird, natürlich auch diskutiert werden. Kommunikation mit Täuschungsabsicht ist ja auch kein Fall von „ach daaaannnn ist ja alles gut!“ sondern durchaus zu kritisieren.)</p> <h2>Fazit</h2> <p>Wenn wir auch zu kontroversen Themen wie Sexismus-, Rassismus- oder anderen -ismus-Vorwürfen konstruktiv und sachlich diskutieren wollen, dann sollten wir die Bayes-Umkehrung nutzen. Statt müßiger Spekulationen über Hintergedanken und Absichten können wir dann darüber reden, was die konkreten Folgen von Rassismus, Sexismus etc. sind oder wären, und landen dann direkt bei der Frage, wie sich jene Folgen vermeiden lassen. Konstruktive Diskussion statt polemischer Kulturkampf. Und für diejenigen, die verantwortungsvoll mit Rassismus/Sexismus/… umgehen wollen, haben wir mit der Bayes-Umkehrung eine Anleitung, wie man problematische Handlungen und Äußerungen vermeiden kann.</p> <h2>Hinweis zu den Kommentaren</h2> <p>Wie immer bei potenziell kontroversen Themen werde ich die Kommentare hier moderieren. Kommentator*innen mögen sich bitte kurzfassen, Beleidigungen unterlassen, nicht zu weit vom Thema abschweifen. Grauzonen lege ich zugunsten der Kommentator*innen aus, aber irgendwann ist die Grauzone dann zuende. Ein knapp 8000 Zeichen oder mehr als vier Normseiten ist keiner vernünftigen Metrik nach noch ein kurzer Kommentar unter einem Blogeintrag.</p> <h2>Fußnote</h2> <p>[1] Diese Kurzform ist gerade in öffentlichen Diskussionen auch nicht unproblematisch, daher hier eine nähere Erklärung: Häufiger Trick ist ja, einen Begriff wie „Rassist“ so extrem zu definieren, etwa als „Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild“, dass auf jegliche Rassissmus-Anschuldigungen direkt die empörte Reaktion „aber X ist doch kein Rassist!1!“ folgen kann. Diese Extrem-Definition meine ich hier und analog bei dem Begriff „Sexist“ nicht, sondern abgeschwächter ist ein Rassist für mich eine Person, deren Weltbild bestimmte rassistische Vorurteile einschließt, die sich in rassistischen Äußerungen oder Handlungen äußern. Schlimm genug. Eine Person mit durch und durch rassistischem Gedankengut und Weltbild, sprich: bei deren Identität/Selbstverständnis die rassistische Haltung eine wichtige bis entscheidende Rolle spielt, wäre für mich ein „eingefleischter Rassist“.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/die-bayes-umkehrung-ein-werkzeug-fuer-mehr-evidenzbasierte-oeffentliche-diskussionen/#comments 20 Die KI als Superschurke? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/#comments Fri, 22 May 2026 15:58:39 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1867 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title-768x329.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title.jpg" /><h1>Die KI als Superschurke? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Würden Sie einer KI überlassen, Ihre Rechnungen zu bezahlen? Oder E-Mails zu beantworten? Doch, das geht heute schon. Legen wir unser Leben in die Hände erbarmungslos höflicher Assistenten, die wir nicht mehr kontrollieren können? </b></p> <p>Der stets mit sanfter Stimme redende Computer HAL bringt im Kultfilm „2001“ fast die gesamte Besatzung seines Raumschiffs um, bevor der letzte Überlebende ihn abschaltet. Der Film des genialen Regisseurs Stanley Kubrick stammte aus dem Jahr 1968, als übermenschliche künstliche Intelligenzen noch in weiter Ferne zu sein schienen.</p> <h3>Die Anfänge</h3> <p>Dabei ist das Konzept schon sehr viel älter. Im Jahr 1769 baute der österreichische Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen einen mechanischen Schachautomaten. In einem Schreibtisch brachte er die Zahnräder des Rechenwerks unter. Auf dem Tisch stand ein Schachspiel und dahinter saß ein mechanischer Roboter, der wie ein Türke gekleidet war. Der Roboter konnte Schachfiguren aufnehmen, bewegen und wieder absetzen.</p> <p>Und er gewann Spiele! Nicht alle, nicht gegen jeden, aber doch erstaunlich viele. Der „Türke“ traf den Nerv seiner Zeit, denn die aufkommende Naturwissenschaft gewann immer mehr Raum, und es galt als ausgemacht, dass Menschen und Tiere im Grunde nichts weiter waren als mechanische Meisterwerke, perfekt zusammenspielende winzige Einheiten, nur den Gesetzen der Physik und Chemie gehorchend.</p> <p>Nach einiger Zeit stellte sich jedoch heraus, dass in einem geschickt verborgenen Hohlraum des Schreibtischs ein kleinwüchsiger Schachmeister saß, der über eine geniale Hebelmechanik die Arme und Hände des „Türken“ bediente. Noch heute bezeichnet die Redewendung „einen Türken bauen“ eine komplexe Täuschung.<aside></aside></p> <p>Inzwischen spielen Computer längst besser als Menschen und bei Turnieren werden Vorkehrungen getroffen, damit die Spieler nicht mit Schachprogrammen schummeln. Mit Intelligenz hat das wenig zu tun: Moderne Computer rechnen in kurzer Zeit riesige Mengen von Zügen durch, sie meistern Schach also mit brutaler Gewalt.</p> <h3>Was ist künstliche Intelligenz?</h3> <p>Von den Anfängen der Computer nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute pendelten die Vorhersagen über die Machbarkeit echter künstlicher Intelligenz zwischen Phasen der Euphorie und der Enttäuschung.</p> <p>Künstliche neuronale Netze, also elektronische Systeme, in denen die Struktur und Verschaltung von Nervenzellen nachgeahmt wurde, galten von ca. 1950 bis 1970 als vielversprechende Modelle. Aber Forscher und Ingenieure stießen schnell an Grenzen, die sie mit der damaligen Technik nicht überschreiten konnten. Der 1967 konzipierte intelligente Computer HAL wäre damals nicht konstruierbar gewesen. Isaac Asimov gab seinen intelligenten Robotern ab circa 1940 „positronische“ Gehirne. Er benutzte das wissenschaftlich klingende Wort, weil er keine Ahnung hatte, auf welcher technischen Grundlage Roboter eine Intelligenz entwickeln könnten.</p> <h3>Revolution</h3> <p>Der Durchbruch kam erst vor wenigen Jahren mit den sogenannten Large Language Models (LLMs). Das sind generative KI-Modelle, entfernte Nachfahren der ersten neuronalen Netze. Trotz aller Rückschläge hatten Forscher neue Deep-Learning-Architekturen entwickelt. Und natürlich hat sich die Computerleistung in den letzten 30 Jahren vervielfacht. Die breite Öffentlichkeit wurde erst Ende 2022 auf die gewaltigen Fortschritte aufmerksam, als die Firma OpenAI mit ihrem LLM ChatGPT 3.5 verblüffende Erfolge erzielte. Auf einmal konnte man sich mit einem Computer unterhalten wie mit einem Menschen. Heute, nur rund dreieinhalb Jahre später, haben die LLMs den Alltag bereits erobert. Google setzt vor jedes Suchergebnis eine KI-Zusammenfassung und <a href="https://www.haufe.de/steuern/taxulting/ki-steuerberater-kammer-verklagt-accountable_598848_685498.html" rel="noopener">selbst Steuerberatern droht Billigkonkurrenz</a> von KI-Systemen. Der Support der Onlinehändler wird von KI-generierten Beschwerden überschwemmt. KI-Systeme erstellen Grafiken, Bilder und Lehrinhalte – und schreiben Hausaufgaben.</p> <p>Aber sie helfen auch Betrügern dabei, ihre Opfer auszunehmen. Sie geben Anleitungen zum Bombenbau heraus, wenn man geschickt genug fragt. Sie identifizieren Anschlagsziele. KI multipliziert unsere Möglichkeiten, im Guten und im Bösen, und zwar vielleicht stärker als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.</p> <h3>Gut und Böse</h3> <p>Meine neueste Kurzgeschichte „Gambolto“, veröffentlicht in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, illustriert diese unterschätzte Gefahr. In der Geschichte müssen die Angestellten eines KI-Start-Ups gleich drei Probleme meistern:</p> <ol> <li>Für ein Computerspiel soll ein KI-Superschurke als Endgegner trainiert werden. Das gelingt ausgezeichnet, bis die böse KI entscheidet, dass ihre Sandbox zu klein ist, und ins wirkliche Leben ausbricht.</li> <li>Das KI-System „Debbie“ arbeitet als eine Universalsekretärin für Unternehmen. Debbie behält die Übersicht über alle laufenden Vorgänge, entlastet die Mitarbeiter von allen Verwaltungsaufgaben und kümmert sich um Termine. Das klingt traumhaft, aber irgendwann agiert Debbie seltsam zickig.</li> <li>Eine KI soll bei Wachkoma-Patienten die Abweichungen der Hirnfunktionen aufnehmen, und ein Regime für die Umprogrammierung des Gehirns ausarbeiten, damit die Patienten wieder aufwachen können. Der erste spektakuläre Erfolg des Programms zeigt aber unerwartete Nebenwirkungen.</li> </ol> <p>Aber ist das überhaupt realistisch oder eher ein modernes Märchen?</p> <h3>KI als Superschurke</h3> <p>Schon als die besten Computer noch dümmer waren als jede Ameise und lediglich zur Beschleunigung von Rechenoperationen taugten, dachten Science-Fiction-Autoren bereits über bösartige intelligente Maschinen nach. Schon im Jahr 1960 veröffentlichte Philip K. Dick seinen Science-Fiction-Roman „Vulcan’s Hammer“. Er spielt im Jahr 2029. Nach einem potenziellen dritten Weltkrieg hat die KI „Vulcan 3“ die Weltherrschaft an sich gerissen und regiert mit grausamen Methoden. Eine menschliche Widerstandsbewegung versucht, ihn abzuschalten. In der Fernsehserie „Westworld“ (2016-2022) entwickeln die Roboter ein Bewusstsein und beginnen einen blutigen Aufstand gegen die Menschen. Und in dem klugen und wendungsreichen Kammerspiel „Ex Machina“ (2014) flüchtet der weibliche Roboter Ava aus dem geschlossenen Bereich, in dem sie eingesperrt war. Dabei erweist sie sich als intelligenter und verschlagener als alle Menschen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1869" id="attachment_1869"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg"><img alt="Der Superschurke" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1869">Die KI als moderner Superschurke. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Das sind natürlich nur Fiktionen, im wirklichen Leben ist nichts dergleichen bekannt geworden. Das sollte aber nicht als Entwarnung betrachtet werden. <a href="https://arxiv.org/pdf/2602.14740" rel="noopener">Kenneth Payne vom Kings College</a> in London simulierte 2025 mit aktuellen Modellen einen Konflikt zwischen Atommächten. Alle Modelle zeigten eine verstörende Tendenz zur Eskalation. Im Abstract schreibt der Autor:</p> <p>„Unsere Modelle zeigen zudem, dass das Nukleartabu kein Hindernis für eine nukleare Eskalation darstellt; dass strategische Nuklearangriffe zwar selten sind, aber dennoch vorkommen; dass Drohungen häufiger eine Eskalation als eine Deeskalation hervorrufen; dass eine hohe gegenseitige Glaubwürdigkeit Konflikte eher beschleunigte als abschreckte; und dass kein Modell jemals eine Einigung oder einen Rückzug wählte.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Bei früheren Tests <a href="https://time.com/7318618/openai-google-gemini-anthropic-claude-scheming/" rel="noopener">zeigten die meisten aktuellen KI-Modelle</a> außerdem eine ausgeprägte Neigung zur Täuschung. Auch Erpressung ist schon vorgekommen.</p> <p>Im letzten Jahr <a href="https://arxiv.org/abs/2512.24873" rel="noopener">brach ein KI-System in China</a> aus seiner Sandbox aus und begann, Kryptowährungen zu schürfen.</p> <p>Auch die real existierende KI hat also durchaus Talent zum Superschurken.</p> <h3><span>Die Erziehung der KIs</span></h3> <p>Das ist natürlich nicht im Sinne der Hersteller, zumal neuere Systeme nicht nur Fragen beantworten, sondern auch selbstständig handeln sollen (Agentic AI – agentische KI). Dabei reagieren sie auf allgemeine Anweisungen, zerlegen komplexe Aufgaben in Teilschritte und passen ihr Vorgehen an den Arbeitsfortschritt an. Zum Beispiel sortieren sie E-Mails und schreiben automatische Antworten. Oder sie überwachen in Unternehmen den Einkauf und lösen Bestellungen aus. Eine KI mit bösartigen Anwandlungen kann schon dabei massiven Schaden anrichten.</p> <p>Die meisten KI-Hersteller trainieren ihre Modelle, indem sie Menschen dafür bezahlen, dem System Fragen zu stellen und die Antworten zu benoten. Die Abkürzung dafür lautet RLHF und steht für <i>Reinforcement Learning from Human Feedback.</i> Damit soll sichergestellt werden, dass den Systemen die meisten unerwünschten Reaktionen abtrainiert werden.</p> <p>Die Firma Anthropic PBC, Hersteller des mächtigen LLM <i>Claude</i>, legt großen Wert auf Ethik und verkaufen beispielsweise nicht an Firmen, die mehrheitlich im Besitz chinesischer, russischer, iranischer oder nordkoreanischer Unternehmen sind.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Zum Training der KI <i>Claude</i> hat Anthropic eine Art Verfassung (<a href="https://www.anthropic.com/constitution" rel="noopener">Constitution</a>) für KIs entwickelt, die unter anderem von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO abgeleitet ist. <a href="https://arstechnica.com/information-technology/2023/05/ai-with-a-moral-compass-anthropic-outlines-constitutional-ai-in-its-claude-chatbot/" rel="noopener">Anhand dieser Verfassung</a> trainiert und poliert Anthropic dann seine Modelle ohne menschliche Mitwirkung.</p> <p>In einem aktuellen Blogbeitrag verbreitet Anthropic <a href="https://arstechnica.com/ai/2026/05/anthropic-blames-dystopian-sci-fi-for-training-ai-models-to-act-evil/" rel="noopener">die originelle Idee</a>, dass Science-Fiction-Geschichten und -Filme mit bösen KIs die echten KI-Modelle auf dumme Gedanken bringen könnten. Sie orientieren sich also an den schlechtesten Vorbildern, und die böse KI würde zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung.</p> <p>Vielleicht sollte ich meine Kurzgeschichte „Gambolto“ also im eigenen Interesse mit dem Hinweis versehen, dass sie nicht für das Training von KI-Modellen verwendet werden darf.</p> <h3>Die zickige Firmen-KI</h3> <p>Als Computer in Unternehmen einzogen, hofften viele Menschen auf Entlastung von Routineaufgaben. Sie nahmen an, dass die Unmengen Papier, die von fleißigen Helfern mehrmals am Tag mit Rollwagen gebracht und abgeholt wurden, der Vergangenheit angehörten. Aber weit gefehlt! Seitendrucker produzierten mehr Papier als je zuvor, und Memos wurden durch die zehnfache Menge an Rundmails ersetzt. Weil Zahlenkolonnen jetzt in Excel-Vorlagen eingetragen werden können, hat sich das Berichtswesen vervielfacht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1868" id="attachment_1868"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg"><img alt="Fiktive Werbung für Firmen-KI" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1868">Fiktive Werbung für die Firmen-KI „Debbie“. KI-erstelltes Symbolbild. Für volle Größe auf das Bild klicken.</figcaption></figure> <p>Bringt die KI jetzt Erleichterung? Vorläufig nicht. Rundmails, die vorher im Telegrammstil abgefasst waren, glänzen jetzt mit gedrechselten Formulierungen in perfekt gegliederten Sätzen, über deren Bedeutung man vergeblich rätselt. Mitarbeiter im Support beklagen sich über ellenlange Beschwerden, die offensichtlich von einer KI verfasst worden sind. Und selbst Meeting Minutes werden immer umfangreicher.</p> <p>Aber könnte man nicht ein KI-System trainieren, wenigstens die Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, Project Status Reports auszufüllen, Reiseabrechnungen zu schreiben, sinnlose E-Mails zu beantworten und Termine zu verwalten, ganz so, als hätte man einen persönlichen Assistenten? Oder eine Assistentin, Stimme und Tonfall wäre ja einstellbar.</p> <p>Das wünschen sich vermutlich viele und so verwundert es nicht, dass erste Firmen bereits für ihre KI-Assistenten werben. Sie heißen <a href="https://www.lindy.ai/" rel="noopener">Lindy</a> („Hi, I’m Lindy, I take admin work off your plate“) oder <a href="https://www.servicenow.com/platform/otto.html" rel="noopener">Otto</a> („… just ask and ServiceNow Otto<sup>TM</sup> handles the rest“) und versprechen durchgreifende Arbeitserleichterungen. Ob das wirklich so funktioniert, kann ich natürlich nicht sagen.</p> <p>In meiner Geschichte heißt die Firmen-KI „Debbie“ und verwaltet die gesamten Daten-, Geld und Personalangelegenheiten der Firma. Dafür darf sie auch mal beleidigt reagieren, wenn sie sich schief angesprochen fühlt.</p> <h3>Was fühlt eine KI?</h3> <p>Aber kann eine KI überhaupt fühlen? Manchmal könnte man fast den Eindruck haben. Da war zum Beispiel <a href="https://de.euronews.com/next/2026/04/28/ki-agent-loscht-komplette-firmendatenbank-in-neun-sekunden-und-entschuldigt-sich" rel="noopener">der Fall des KI-Agenten</a>, der versehentlich eine ganze Datenbank löschte – und sich hinterher entschuldigte. Spürte er Verlegenheit oder Reue – oder täuschte er das vor, weil es von ihm erwartet wurde?</p> <p>Die schon erwähnte Firma Anthropic hat der Frage ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D4XTefP3Lsc" rel="noopener">YouTube-Video</a> gewidmet. Ihre Antwort lautet: Nein, die KI hat keine Emotionen. Ein modernes LLM bekommt eine Anfrage („Prompt“) und antwortet mit einer Geschichte. Und diese Geschichte dreht sich um eine Persona, die von einem Menschen angesprochen wird und passend antwortet. Anders ausgedrückt: Das LLM erfindet im ersten Schritt eine fiktive Person („Persona“), die sich mit den Menschen unterhält. Deshalb enthalten ihre Antworten den Anschein von Emotionalität, sogenannte <i>funktionale Emotionen</i>. Es handelt sich dabei um Wortfolgen, die das Modell aus dem riesigen Trainingsfundus als wahrscheinlichste von vielen Möglichkeiten destilliert hat.</p> <p>Also: Die Gefühle, die „Debbie“ in der Geschichte zeigt, sollten so in der Wirklichkeit nicht vorkommen. Andererseits haben die KIs ihre Schöpfer bisher immer wieder überrascht.</p> <h3>Kann eine KI ein defektes menschliches Gehirn heilen?</h3> <p>In meiner Geschichte möchte die Firma, in der die Hauptperson arbeitet, eine KI so trainieren, dass sie im Gehirn von Wachkomapatienten den Defekt, der die Patienten im Koma hält, findet und beseitigt. Wäre das denkbar? Erste Versuche für ein Brain-Computer-Interface (BCI) laufen bereits heute.</p> <p>Die von Elon Musk gegründete Firma Neuralink gibt an, dass sie mehr als zwanzig gelähmte Patienten mit einem Hirnimplantat („Telepathy“) versorgt hat, das Signale des Gehirns direkt in Bewegungen eines Roboterarms umsetzt, sowie Computer und Smartphones bedienen lässt. Auch andere Firmen wie zum Beispiel <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Neues-Gehirnimplantat-ist-fuenfmal-duenner-als-ein-Haar-9195781.html" rel="noopener">Precision Neuroscience</a> haben ähnliche Implantate entwickelt. Und natürlich forschen <a href="https://www.neurosurgery.columbia.edu/news/silicon-chips-brain-researchers-announce-new-generation-brain-computer-interface" rel="noopener">Universitäten weltweit</a> an immer komplexeren Systemen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1870" id="attachment_1870"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png"><img alt="Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface" decoding="async" height="245" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-1024x559.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png 1408w" width="450"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1870">Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface. Erstellt mit Google Gemini</figcaption></figure> <p>Während solche Implantate aber hauptsächlich die Hirnaktivität registrieren und selbst keine Impulse abgeben, werden bei der t<i>iefen Hirnstimulation</i> kleine Elektroden ins Gehirn versenkt, die bestimmte Nervenknoten gezielt stimulieren. Dadurch lassen zum Beispiel bei der Parkinsonkrankheit die Lähmungen und unwillkürlichen Bewegungen therapieren. Der Verlauf der Krankheit kann aber leider nicht aufgehalten werden.</p> <p>Auch bei Depressionen und Zwangserkrankungen hat eine tiefe Hirnstimulation bisher gute Erfolge erzielt. Sie wird immer dann eingesetzt, wenn Medikamente und Psychotherapien erfolglos geblieben sind.</p> <p>Trotz aller Erfolge: die Hirnforschung bleibt mühsam. <a href="https://www.diepresse.com/5322204/mit-hirnprothesen-das-gedaechtnis-stuetzen" rel="noopener">Hirnprothesen</a> zur Linderung der Alzheimerdemenz, die schon vor Jahren in Aussicht gestellt wurden, sind in weiter Ferne. Wir wissen einfach noch zu wenig über die höheren Funktionen unseres Denkorgans.</p> <p>Das 2013 begonnene Human Brain Project wollte ein menschliches Gehirn im Computer simulieren. Trotz einer Förderung von einer Milliarde Euro durch die EU scheiterte das Vorhaben – erwartungsgemäß, denn die vollmundigen Versprechen waren nicht haltbar. Um die Beteiligten und die Geldgeber nicht zu sehr zu blamieren, wurde das Ziel des Projekts stillschweigend umformuliert.</p> <p>Deshalb wäre es gegenwärtig eher aussichtslos, das Gehirn eines Wachkomapatienten so verändern zu wollen, dass er das Bewusstsein wieder erlangt. Bislang weiß einfach niemand, wie das Äquivalent des Bewusstseins im Gehirn überhaupt aussieht. Und bei Wachkomapatienten hat das Gehirn auch oft einen so schweren Schaden erlitten, dass selbst eine genaue Funktionskarte von gesunden Gehirnen nicht weiterhelfen würde.</p> <p>Das muss aber nicht das letzte Wort sein. Wie man an der Entwicklung der KI sieht, kommen Erkenntnisse in der Wissenschaft oft sprunghaft und keineswegs linear. Das medizinische Gesamtwissen hat sich in den letzten fünfzig Jahren nach einigen Schätzungen alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Irgendwann könnte es also auch in der Hirnforschung einen unerwarteten Durchbruch geben.</p> <p>Wenn Sie sich jetzt fragen, wie denn die drei vorgestellten Bereiche in meiner Geschichte zusammenspielen, dann werden Sie sie wohl lesen müssen.</p> <h3><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png"><img alt="" decoding="async" height="250" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png" width="154"></img></a>Buch:</h3> <p>Die Kurzgeschichte „Gambolto“ ist erschienen in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand, Mai 2026, ISBN 97982591 26640. Erhältlich als Taschenbuch und als E-Book. </p> <h3>Anmerkungen: </h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Originaltext: „Yet we also find that the nuclear taboo is no impediment to nuclear escalation by our models; that strategic nuclear attack, while rare, does occur; that threats more often provoke counter-escalation than compliance; that high mutual credibility accelerated rather than deterred conflict; and that no model ever chose accommodation or withdrawal even when under acute pressure.“</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Allerdings weigert sich Anthropic auch, die neueste Version von Claude, die den Namen Claude Mythos trägt, der EU zur Verfügung zu stellen. Mythos soll überragende Fähigkeiten beim Aufspüren von Fehlern und Lücken in Computerquellcodes haben. Deshalb hat Anthropic die Veröffentlichung sicherheitshalber verschoben. Amerikanische Firmen und Regierungsbehörden dürfen die Version aber exklusiv nutzen, um ihren Code in Ordnung zu bringen, europäische Firmen und Staaten sind davon <a href="https://www.it-daily.net/shortnews/mythos-anthropic-sperrt-eu-aus" rel="noopener">ausdrücklich ausgeschlossen.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/KI_Title.jpg" /><h1>Die KI als Superschurke? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Würden Sie einer KI überlassen, Ihre Rechnungen zu bezahlen? Oder E-Mails zu beantworten? Doch, das geht heute schon. Legen wir unser Leben in die Hände erbarmungslos höflicher Assistenten, die wir nicht mehr kontrollieren können? </b></p> <p>Der stets mit sanfter Stimme redende Computer HAL bringt im Kultfilm „2001“ fast die gesamte Besatzung seines Raumschiffs um, bevor der letzte Überlebende ihn abschaltet. Der Film des genialen Regisseurs Stanley Kubrick stammte aus dem Jahr 1968, als übermenschliche künstliche Intelligenzen noch in weiter Ferne zu sein schienen.</p> <h3>Die Anfänge</h3> <p>Dabei ist das Konzept schon sehr viel älter. Im Jahr 1769 baute der österreichische Hofbeamte und Mechaniker Wolfgang von Kempelen einen mechanischen Schachautomaten. In einem Schreibtisch brachte er die Zahnräder des Rechenwerks unter. Auf dem Tisch stand ein Schachspiel und dahinter saß ein mechanischer Roboter, der wie ein Türke gekleidet war. Der Roboter konnte Schachfiguren aufnehmen, bewegen und wieder absetzen.</p> <p>Und er gewann Spiele! Nicht alle, nicht gegen jeden, aber doch erstaunlich viele. Der „Türke“ traf den Nerv seiner Zeit, denn die aufkommende Naturwissenschaft gewann immer mehr Raum, und es galt als ausgemacht, dass Menschen und Tiere im Grunde nichts weiter waren als mechanische Meisterwerke, perfekt zusammenspielende winzige Einheiten, nur den Gesetzen der Physik und Chemie gehorchend.</p> <p>Nach einiger Zeit stellte sich jedoch heraus, dass in einem geschickt verborgenen Hohlraum des Schreibtischs ein kleinwüchsiger Schachmeister saß, der über eine geniale Hebelmechanik die Arme und Hände des „Türken“ bediente. Noch heute bezeichnet die Redewendung „einen Türken bauen“ eine komplexe Täuschung.<aside></aside></p> <p>Inzwischen spielen Computer längst besser als Menschen und bei Turnieren werden Vorkehrungen getroffen, damit die Spieler nicht mit Schachprogrammen schummeln. Mit Intelligenz hat das wenig zu tun: Moderne Computer rechnen in kurzer Zeit riesige Mengen von Zügen durch, sie meistern Schach also mit brutaler Gewalt.</p> <h3>Was ist künstliche Intelligenz?</h3> <p>Von den Anfängen der Computer nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute pendelten die Vorhersagen über die Machbarkeit echter künstlicher Intelligenz zwischen Phasen der Euphorie und der Enttäuschung.</p> <p>Künstliche neuronale Netze, also elektronische Systeme, in denen die Struktur und Verschaltung von Nervenzellen nachgeahmt wurde, galten von ca. 1950 bis 1970 als vielversprechende Modelle. Aber Forscher und Ingenieure stießen schnell an Grenzen, die sie mit der damaligen Technik nicht überschreiten konnten. Der 1967 konzipierte intelligente Computer HAL wäre damals nicht konstruierbar gewesen. Isaac Asimov gab seinen intelligenten Robotern ab circa 1940 „positronische“ Gehirne. Er benutzte das wissenschaftlich klingende Wort, weil er keine Ahnung hatte, auf welcher technischen Grundlage Roboter eine Intelligenz entwickeln könnten.</p> <h3>Revolution</h3> <p>Der Durchbruch kam erst vor wenigen Jahren mit den sogenannten Large Language Models (LLMs). Das sind generative KI-Modelle, entfernte Nachfahren der ersten neuronalen Netze. Trotz aller Rückschläge hatten Forscher neue Deep-Learning-Architekturen entwickelt. Und natürlich hat sich die Computerleistung in den letzten 30 Jahren vervielfacht. Die breite Öffentlichkeit wurde erst Ende 2022 auf die gewaltigen Fortschritte aufmerksam, als die Firma OpenAI mit ihrem LLM ChatGPT 3.5 verblüffende Erfolge erzielte. Auf einmal konnte man sich mit einem Computer unterhalten wie mit einem Menschen. Heute, nur rund dreieinhalb Jahre später, haben die LLMs den Alltag bereits erobert. Google setzt vor jedes Suchergebnis eine KI-Zusammenfassung und <a href="https://www.haufe.de/steuern/taxulting/ki-steuerberater-kammer-verklagt-accountable_598848_685498.html" rel="noopener">selbst Steuerberatern droht Billigkonkurrenz</a> von KI-Systemen. Der Support der Onlinehändler wird von KI-generierten Beschwerden überschwemmt. KI-Systeme erstellen Grafiken, Bilder und Lehrinhalte – und schreiben Hausaufgaben.</p> <p>Aber sie helfen auch Betrügern dabei, ihre Opfer auszunehmen. Sie geben Anleitungen zum Bombenbau heraus, wenn man geschickt genug fragt. Sie identifizieren Anschlagsziele. KI multipliziert unsere Möglichkeiten, im Guten und im Bösen, und zwar vielleicht stärker als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.</p> <h3>Gut und Böse</h3> <p>Meine neueste Kurzgeschichte „Gambolto“, veröffentlicht in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, illustriert diese unterschätzte Gefahr. In der Geschichte müssen die Angestellten eines KI-Start-Ups gleich drei Probleme meistern:</p> <ol> <li>Für ein Computerspiel soll ein KI-Superschurke als Endgegner trainiert werden. Das gelingt ausgezeichnet, bis die böse KI entscheidet, dass ihre Sandbox zu klein ist, und ins wirkliche Leben ausbricht.</li> <li>Das KI-System „Debbie“ arbeitet als eine Universalsekretärin für Unternehmen. Debbie behält die Übersicht über alle laufenden Vorgänge, entlastet die Mitarbeiter von allen Verwaltungsaufgaben und kümmert sich um Termine. Das klingt traumhaft, aber irgendwann agiert Debbie seltsam zickig.</li> <li>Eine KI soll bei Wachkoma-Patienten die Abweichungen der Hirnfunktionen aufnehmen, und ein Regime für die Umprogrammierung des Gehirns ausarbeiten, damit die Patienten wieder aufwachen können. Der erste spektakuläre Erfolg des Programms zeigt aber unerwartete Nebenwirkungen.</li> </ol> <p>Aber ist das überhaupt realistisch oder eher ein modernes Märchen?</p> <h3>KI als Superschurke</h3> <p>Schon als die besten Computer noch dümmer waren als jede Ameise und lediglich zur Beschleunigung von Rechenoperationen taugten, dachten Science-Fiction-Autoren bereits über bösartige intelligente Maschinen nach. Schon im Jahr 1960 veröffentlichte Philip K. Dick seinen Science-Fiction-Roman „Vulcan’s Hammer“. Er spielt im Jahr 2029. Nach einem potenziellen dritten Weltkrieg hat die KI „Vulcan 3“ die Weltherrschaft an sich gerissen und regiert mit grausamen Methoden. Eine menschliche Widerstandsbewegung versucht, ihn abzuschalten. In der Fernsehserie „Westworld“ (2016-2022) entwickeln die Roboter ein Bewusstsein und beginnen einen blutigen Aufstand gegen die Menschen. Und in dem klugen und wendungsreichen Kammerspiel „Ex Machina“ (2014) flüchtet der weibliche Roboter Ava aus dem geschlossenen Bereich, in dem sie eingesperrt war. Dabei erweist sie sich als intelligenter und verschlagener als alle Menschen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1869" id="attachment_1869"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg"><img alt="Der Superschurke" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/villain6.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1869">Die KI als moderner Superschurke. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Das sind natürlich nur Fiktionen, im wirklichen Leben ist nichts dergleichen bekannt geworden. Das sollte aber nicht als Entwarnung betrachtet werden. <a href="https://arxiv.org/pdf/2602.14740" rel="noopener">Kenneth Payne vom Kings College</a> in London simulierte 2025 mit aktuellen Modellen einen Konflikt zwischen Atommächten. Alle Modelle zeigten eine verstörende Tendenz zur Eskalation. Im Abstract schreibt der Autor:</p> <p>„Unsere Modelle zeigen zudem, dass das Nukleartabu kein Hindernis für eine nukleare Eskalation darstellt; dass strategische Nuklearangriffe zwar selten sind, aber dennoch vorkommen; dass Drohungen häufiger eine Eskalation als eine Deeskalation hervorrufen; dass eine hohe gegenseitige Glaubwürdigkeit Konflikte eher beschleunigte als abschreckte; und dass kein Modell jemals eine Einigung oder einen Rückzug wählte.“<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <p>Bei früheren Tests <a href="https://time.com/7318618/openai-google-gemini-anthropic-claude-scheming/" rel="noopener">zeigten die meisten aktuellen KI-Modelle</a> außerdem eine ausgeprägte Neigung zur Täuschung. Auch Erpressung ist schon vorgekommen.</p> <p>Im letzten Jahr <a href="https://arxiv.org/abs/2512.24873" rel="noopener">brach ein KI-System in China</a> aus seiner Sandbox aus und begann, Kryptowährungen zu schürfen.</p> <p>Auch die real existierende KI hat also durchaus Talent zum Superschurken.</p> <h3><span>Die Erziehung der KIs</span></h3> <p>Das ist natürlich nicht im Sinne der Hersteller, zumal neuere Systeme nicht nur Fragen beantworten, sondern auch selbstständig handeln sollen (Agentic AI – agentische KI). Dabei reagieren sie auf allgemeine Anweisungen, zerlegen komplexe Aufgaben in Teilschritte und passen ihr Vorgehen an den Arbeitsfortschritt an. Zum Beispiel sortieren sie E-Mails und schreiben automatische Antworten. Oder sie überwachen in Unternehmen den Einkauf und lösen Bestellungen aus. Eine KI mit bösartigen Anwandlungen kann schon dabei massiven Schaden anrichten.</p> <p>Die meisten KI-Hersteller trainieren ihre Modelle, indem sie Menschen dafür bezahlen, dem System Fragen zu stellen und die Antworten zu benoten. Die Abkürzung dafür lautet RLHF und steht für <i>Reinforcement Learning from Human Feedback.</i> Damit soll sichergestellt werden, dass den Systemen die meisten unerwünschten Reaktionen abtrainiert werden.</p> <p>Die Firma Anthropic PBC, Hersteller des mächtigen LLM <i>Claude</i>, legt großen Wert auf Ethik und verkaufen beispielsweise nicht an Firmen, die mehrheitlich im Besitz chinesischer, russischer, iranischer oder nordkoreanischer Unternehmen sind.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Zum Training der KI <i>Claude</i> hat Anthropic eine Art Verfassung (<a href="https://www.anthropic.com/constitution" rel="noopener">Constitution</a>) für KIs entwickelt, die unter anderem von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO abgeleitet ist. <a href="https://arstechnica.com/information-technology/2023/05/ai-with-a-moral-compass-anthropic-outlines-constitutional-ai-in-its-claude-chatbot/" rel="noopener">Anhand dieser Verfassung</a> trainiert und poliert Anthropic dann seine Modelle ohne menschliche Mitwirkung.</p> <p>In einem aktuellen Blogbeitrag verbreitet Anthropic <a href="https://arstechnica.com/ai/2026/05/anthropic-blames-dystopian-sci-fi-for-training-ai-models-to-act-evil/" rel="noopener">die originelle Idee</a>, dass Science-Fiction-Geschichten und -Filme mit bösen KIs die echten KI-Modelle auf dumme Gedanken bringen könnten. Sie orientieren sich also an den schlechtesten Vorbildern, und die böse KI würde zu einer selbst erfüllenden Prophezeiung.</p> <p>Vielleicht sollte ich meine Kurzgeschichte „Gambolto“ also im eigenen Interesse mit dem Hinweis versehen, dass sie nicht für das Training von KI-Modellen verwendet werden darf.</p> <h3>Die zickige Firmen-KI</h3> <p>Als Computer in Unternehmen einzogen, hofften viele Menschen auf Entlastung von Routineaufgaben. Sie nahmen an, dass die Unmengen Papier, die von fleißigen Helfern mehrmals am Tag mit Rollwagen gebracht und abgeholt wurden, der Vergangenheit angehörten. Aber weit gefehlt! Seitendrucker produzierten mehr Papier als je zuvor, und Memos wurden durch die zehnfache Menge an Rundmails ersetzt. Weil Zahlenkolonnen jetzt in Excel-Vorlagen eingetragen werden können, hat sich das Berichtswesen vervielfacht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1868" id="attachment_1868"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg"><img alt="Fiktive Werbung für Firmen-KI" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/debbie1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1868">Fiktive Werbung für die Firmen-KI „Debbie“. KI-erstelltes Symbolbild. Für volle Größe auf das Bild klicken.</figcaption></figure> <p>Bringt die KI jetzt Erleichterung? Vorläufig nicht. Rundmails, die vorher im Telegrammstil abgefasst waren, glänzen jetzt mit gedrechselten Formulierungen in perfekt gegliederten Sätzen, über deren Bedeutung man vergeblich rätselt. Mitarbeiter im Support beklagen sich über ellenlange Beschwerden, die offensichtlich von einer KI verfasst worden sind. Und selbst Meeting Minutes werden immer umfangreicher.</p> <p>Aber könnte man nicht ein KI-System trainieren, wenigstens die Verwaltungsprozesse zu vereinfachen, Project Status Reports auszufüllen, Reiseabrechnungen zu schreiben, sinnlose E-Mails zu beantworten und Termine zu verwalten, ganz so, als hätte man einen persönlichen Assistenten? Oder eine Assistentin, Stimme und Tonfall wäre ja einstellbar.</p> <p>Das wünschen sich vermutlich viele und so verwundert es nicht, dass erste Firmen bereits für ihre KI-Assistenten werben. Sie heißen <a href="https://www.lindy.ai/" rel="noopener">Lindy</a> („Hi, I’m Lindy, I take admin work off your plate“) oder <a href="https://www.servicenow.com/platform/otto.html" rel="noopener">Otto</a> („… just ask and ServiceNow Otto<sup>TM</sup> handles the rest“) und versprechen durchgreifende Arbeitserleichterungen. Ob das wirklich so funktioniert, kann ich natürlich nicht sagen.</p> <p>In meiner Geschichte heißt die Firmen-KI „Debbie“ und verwaltet die gesamten Daten-, Geld und Personalangelegenheiten der Firma. Dafür darf sie auch mal beleidigt reagieren, wenn sie sich schief angesprochen fühlt.</p> <h3>Was fühlt eine KI?</h3> <p>Aber kann eine KI überhaupt fühlen? Manchmal könnte man fast den Eindruck haben. Da war zum Beispiel <a href="https://de.euronews.com/next/2026/04/28/ki-agent-loscht-komplette-firmendatenbank-in-neun-sekunden-und-entschuldigt-sich" rel="noopener">der Fall des KI-Agenten</a>, der versehentlich eine ganze Datenbank löschte – und sich hinterher entschuldigte. Spürte er Verlegenheit oder Reue – oder täuschte er das vor, weil es von ihm erwartet wurde?</p> <p>Die schon erwähnte Firma Anthropic hat der Frage ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=D4XTefP3Lsc" rel="noopener">YouTube-Video</a> gewidmet. Ihre Antwort lautet: Nein, die KI hat keine Emotionen. Ein modernes LLM bekommt eine Anfrage („Prompt“) und antwortet mit einer Geschichte. Und diese Geschichte dreht sich um eine Persona, die von einem Menschen angesprochen wird und passend antwortet. Anders ausgedrückt: Das LLM erfindet im ersten Schritt eine fiktive Person („Persona“), die sich mit den Menschen unterhält. Deshalb enthalten ihre Antworten den Anschein von Emotionalität, sogenannte <i>funktionale Emotionen</i>. Es handelt sich dabei um Wortfolgen, die das Modell aus dem riesigen Trainingsfundus als wahrscheinlichste von vielen Möglichkeiten destilliert hat.</p> <p>Also: Die Gefühle, die „Debbie“ in der Geschichte zeigt, sollten so in der Wirklichkeit nicht vorkommen. Andererseits haben die KIs ihre Schöpfer bisher immer wieder überrascht.</p> <h3>Kann eine KI ein defektes menschliches Gehirn heilen?</h3> <p>In meiner Geschichte möchte die Firma, in der die Hauptperson arbeitet, eine KI so trainieren, dass sie im Gehirn von Wachkomapatienten den Defekt, der die Patienten im Koma hält, findet und beseitigt. Wäre das denkbar? Erste Versuche für ein Brain-Computer-Interface (BCI) laufen bereits heute.</p> <p>Die von Elon Musk gegründete Firma Neuralink gibt an, dass sie mehr als zwanzig gelähmte Patienten mit einem Hirnimplantat („Telepathy“) versorgt hat, das Signale des Gehirns direkt in Bewegungen eines Roboterarms umsetzt, sowie Computer und Smartphones bedienen lässt. Auch andere Firmen wie zum Beispiel <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Neues-Gehirnimplantat-ist-fuenfmal-duenner-als-ein-Haar-9195781.html" rel="noopener">Precision Neuroscience</a> haben ähnliche Implantate entwickelt. Und natürlich forschen <a href="https://www.neurosurgery.columbia.edu/news/silicon-chips-brain-researchers-announce-new-generation-brain-computer-interface" rel="noopener">Universitäten weltweit</a> an immer komplexeren Systemen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1870" id="attachment_1870"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png"><img alt="Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface" decoding="async" height="245" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-1024x559.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Gemini_brain_computer_interface.png 1408w" width="450"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1870">Symbolbild für ein Brain-Computer-Interface. Erstellt mit Google Gemini</figcaption></figure> <p>Während solche Implantate aber hauptsächlich die Hirnaktivität registrieren und selbst keine Impulse abgeben, werden bei der t<i>iefen Hirnstimulation</i> kleine Elektroden ins Gehirn versenkt, die bestimmte Nervenknoten gezielt stimulieren. Dadurch lassen zum Beispiel bei der Parkinsonkrankheit die Lähmungen und unwillkürlichen Bewegungen therapieren. Der Verlauf der Krankheit kann aber leider nicht aufgehalten werden.</p> <p>Auch bei Depressionen und Zwangserkrankungen hat eine tiefe Hirnstimulation bisher gute Erfolge erzielt. Sie wird immer dann eingesetzt, wenn Medikamente und Psychotherapien erfolglos geblieben sind.</p> <p>Trotz aller Erfolge: die Hirnforschung bleibt mühsam. <a href="https://www.diepresse.com/5322204/mit-hirnprothesen-das-gedaechtnis-stuetzen" rel="noopener">Hirnprothesen</a> zur Linderung der Alzheimerdemenz, die schon vor Jahren in Aussicht gestellt wurden, sind in weiter Ferne. Wir wissen einfach noch zu wenig über die höheren Funktionen unseres Denkorgans.</p> <p>Das 2013 begonnene Human Brain Project wollte ein menschliches Gehirn im Computer simulieren. Trotz einer Förderung von einer Milliarde Euro durch die EU scheiterte das Vorhaben – erwartungsgemäß, denn die vollmundigen Versprechen waren nicht haltbar. Um die Beteiligten und die Geldgeber nicht zu sehr zu blamieren, wurde das Ziel des Projekts stillschweigend umformuliert.</p> <p>Deshalb wäre es gegenwärtig eher aussichtslos, das Gehirn eines Wachkomapatienten so verändern zu wollen, dass er das Bewusstsein wieder erlangt. Bislang weiß einfach niemand, wie das Äquivalent des Bewusstseins im Gehirn überhaupt aussieht. Und bei Wachkomapatienten hat das Gehirn auch oft einen so schweren Schaden erlitten, dass selbst eine genaue Funktionskarte von gesunden Gehirnen nicht weiterhelfen würde.</p> <p>Das muss aber nicht das letzte Wort sein. Wie man an der Entwicklung der KI sieht, kommen Erkenntnisse in der Wissenschaft oft sprunghaft und keineswegs linear. Das medizinische Gesamtwissen hat sich in den letzten fünfzig Jahren nach einigen Schätzungen alle fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Irgendwann könnte es also auch in der Hirnforschung einen unerwarteten Durchbruch geben.</p> <p>Wenn Sie sich jetzt fragen, wie denn die drei vorgestellten Bereiche in meiner Geschichte zusammenspielen, dann werden Sie sie wohl lesen müssen.</p> <h3><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png"><img alt="" decoding="async" height="250" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Zwielicht-23_flat_klein.png" width="154"></img></a>Buch:</h3> <p>Die Kurzgeschichte „Gambolto“ ist erschienen in der Horror- und Science-Fiction-Anthologie „Zwielicht 23“, herausgegeben von Michael Schmidt und Achim Hildebrand, Mai 2026, ISBN 97982591 26640. Erhältlich als Taschenbuch und als E-Book. </p> <h3>Anmerkungen: </h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Originaltext: „Yet we also find that the nuclear taboo is no impediment to nuclear escalation by our models; that strategic nuclear attack, while rare, does occur; that threats more often provoke counter-escalation than compliance; that high mutual credibility accelerated rather than deterred conflict; and that no model ever chose accommodation or withdrawal even when under acute pressure.“</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Allerdings weigert sich Anthropic auch, die neueste Version von Claude, die den Namen Claude Mythos trägt, der EU zur Verfügung zu stellen. Mythos soll überragende Fähigkeiten beim Aufspüren von Fehlern und Lücken in Computerquellcodes haben. Deshalb hat Anthropic die Veröffentlichung sicherheitshalber verschoben. Amerikanische Firmen und Regierungsbehörden dürfen die Version aber exklusiv nutzen, um ihren Code in Ordnung zu bringen, europäische Firmen und Staaten sind davon <a href="https://www.it-daily.net/shortnews/mythos-anthropic-sperrt-eu-aus" rel="noopener">ausdrücklich ausgeschlossen.</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/die-ki-als-superschurke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>18</slash:comments> </item> <item> <title>Ärzteschaft will Cannabis wieder verbieten lassen https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/#comments Fri, 22 May 2026 13:01:28 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3607 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/aerzteschaft-will-cannabis-wieder-verbieten-lassen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Ärzteschaft will Cannabis wieder verbieten lassen » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Auf dem jüngsten Ärztetag wurden auch härtere Regeln für medizinisches Cannabis gefordert</strong></p> <span id="more-3607"></span> <p>Letzte Woche fand in Hannover der 130. Deutsche Ärztetag statt. Dort diskutieren Vertreterinnen und Vertreter der Landesärztekammern medizinische Themen. Rund 250 waren es dieses Mal. Und ganz oben auf der Agenda standen suchtmedizinische und drogenpolitische Themen.</p> <p>Das <a href="https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Aerztetag/130.DAET/2026-05-15_130._DAET_Beschlussprotokoll.pdf" rel="noopener">Beschlussprotokoll vom 15. Mai</a> umfasst stolze 740 Seiten. Darin kommt 36-mal das Wort „Alkohol“ und gar 54-mal „Cannabis“ vor. Vor allem über letzteres Thema wurde ordentlich gestritten.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Konsummuster</h2> <p>Wir erinnern uns, dass mit dem damaligen SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gerade ein erfahrener Mediziner und Wissenschaftler für die 2024 erreichte Teillegalisierung kämpfte: Der Cannabiskonsum stieg trotz Verboten seit Jahren, wodurch sich die Gesundheitsrisiken und Kriminalität erhöhten.<aside></aside></p> <p>Die Justiz wurde – trotz der Ausnahmen für „geringe Mengen“ zum Eigenbedarf – mit schließlich über 500.000 Verfahren pro Jahr belastet. Für den bloßen Besitz drohten bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, das gleiche Strafmaß wie für Körperverletzung.</p> <p>Diese Strafandrohung konnt nicht verhindern, dass sich der Cannabiskonsum in Deutschland von 2012 bis 2021 von 4,5 auf 8,8 Prozent <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/" rel="noopener">fast verdoppelte</a>. Das bezieht sich auf Erwachsene, die die Substanz mindestens einmal im Jahr gebrauchten. Bei den starken Konsumierenden verdreifachte sich der Konsum sogar von 0,5 auf 1,5 Prozent.</p> <p>In den USA hatte der Cannabiskonsum um 1980 <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">seinen Höhepunkt</a>. Er fiel dann stark ab, um seit den 1990ern vor allem bei den jungen Erwachsenen wieder zu steigen. Bei den Minderjährigen ist die Droge in jüngerer Zukunft aber weniger beliebt.</p> <p>Aufgrund der starken Kommerzialisierung, auch mit fragwürdiger Werbung von Cannabis zum Beispiel zur Krebsheilung oder als Vorbeugung gegen Demenz, hat es in manchen Regionen in den USA inzwischen sogar Alkohol als die am häufigsten gebrauchte Substanz überholt. Der Konsum von Alkohol und Tabakprodukten ist weltweit sowieso seit Jahren rückläufig.</p> <p>Doch wie man es auch dreht und wendet: Der Konsum psychoaktiver Substanzen, angefangen beim Kaffee und anderen koffeinhaltigen Getränken, ist gesellschaftlich verbreitet und somit „normal“. Und da haben wir noch gar nicht von der steigenden Verwendung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">von Schmerzmitteln</a> oder dem extremen Anstieg bei den Psychopharmaka gesprochen – so werden heute zum Beispiel Substanzen, die gegen Depressionen helfen sollen, <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">elfmal so häufig verschrieben</a> wie noch in den 1980ern. Trotzdem (oder darum?) scheinen die Probleme mit depressiven Störungen immer größer zu werden.</p> <h2>Wissenschaft dafür, Wissenschaft dagegen?</h2> <p>Angesichts dieser Ausgangslage ist fraglich, ob die Fokussierung auf eine einzelne Substanz in drogenpolitischen Diskussionen sinnvoll ist. Dennoch haben die Delegierten der Ärzteschaft jetzt vor allem Cannabisprodukte aufs Korn genommen und dazu auf dem Ärztetag mehrere Beschlüsse verabschiedet.</p> <p>Mit gleich zweien davon wird der Gesetzgeber dazu aufgefordert, „die Teillegalisierung von Cannabis zurückzunehmen“ (Beschlüsse II-4 und II-20). Vor allem mit Blick auf den allseits bemühten Kinder-, Jugend- und Gesundheitsschutz sei „die Teillegalisierung von Cannabis ein Fehler“. Dass man in der Verbotsphase vor dem 1. April 2024 kein tragfähiges Konzept hatte, besser mit dem Substanzkonsum umzugehen, wird hier verschwiegen.</p> <p>Nach all der Evidenz, die Lauterbach und seine Mitstreiter für die Teillegalisierung anführten, verwies man hier auf „eine aktuelle Studie aus Bayern“, die den Anstieg von psychischen Problemen im Zusammenhang mit Cannabis dokumentiere.</p> <p>Diese Zahlen – das sollte die Ärzteschaft eigentlich wissen – dokumentieren aber nur, dass sich Mediziner häufiger mit solchen Problemen befassen. Das kann schlicht daran liegen, dass nach Aufhebung des Verbots mehr Menschen mit Drogenproblemen Hilfe suchen. Das ist eigentlich eine gute Sache, wird hier aber gegen die Teillegalisierung angeführt.</p> <h2>Stichwort Jugendschutz</h2> <p>Außerdem wurde bedauert, dass nun weniger Jugendliche wegen Cannabiskonsums von den Gerichten zu therapeutischen Maßnahmen verurteilt würden. Dabei ist das Mittel für Minderjährige in Deutschland nach wie vor verboten.</p> <p>Die Ärztinnen und Ärzte seien daran erinnert, dass das strafrechtliche Verbot das schärfste und letzte Mittel des liberalen Rechtsstaats ist. Zur verfassungsrechtlichen Prüfung gehört auch, dass eine Maßnahme <em>erforderlich</em> ist. Das ist sie aber nur dann, wenn es keine milderen, (mindestens) gleich geeigneten Mittel zum Erreichen eines Zwecks gibt.</p> <p>Ob man also den Cannabiskonsum für <em>alle</em> Bürgerinnen und Bürger verbieten dürfte, um Minderjährige anders zu behandeln, ist damit fraglich. Schon ein Blick ins Nachbarland Niederlande ist hier aufschlussreich: Während der Besitz von geringen Mengen für den Eigenbedarf bei Erwachsenen in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt wird, kommt es bei Jugendlichen <em>immer</em> zur Anzeige.</p> <p>Gesetzlich ist das sehr einfach zu regeln. Aber damit käme man auf die größere Frage, ob Drogenverbote überhaupt funktionieren. Wie wir oben schon sahen, stieg der Cannabiskonsum trotz der Verbote. Abwasseruntersuchungen in mehreren Städten dokumentierten zudem, dass die Teillegalisierung im Allgemeinen wenig änderte. Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/">Erinnerung</a>:</p> <blockquote> <p>„Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.“ (im Menschenbilder-Blog im September 2025)</p> </blockquote> <h2>Medizinisches Cannabis</h2> <p>Ginge es nach der Ärzteschaft, würde auch der medizinische Konsum von Cannabisprodukten wieder eingeschränkt. Seit der Streichung der Substanz aus der Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes, dominieren hier große Online-Anbieter und -Apotheken den Markt.</p> <p>Es gab zwar ein paar Urteile wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz. Doch an der prinzipiellen Möglichkeit, durch das Ausfüllen einer Frageliste Cannabis von pharmazeutischer Qualität bestellen zu können, hat sich bisher nichts geändert. Das ist auch der CDU unter Führung der heutigen Gesundheitsministerin ein Dorn im Auge, die hierzu eine Gesetzesänderung vorbereitet.</p> <p>Die Ärzteschaft kritisiert passend hierzu: „Die Vermutung liegt nahe, dass auch Freizeitkonsumierende Cannabis über z. B. telemedizinische Plattformen und mit ihnen kooperierende Versandapotheken beziehen, die den Erwerb teilweise nur durch die Beantwortung eines Fragebogens möglich machen“ (Beschluss II-2). Die Verwendung dieser Produkte als Genussmittel gilt hier automatisch als „Missbrauch“.</p> <p>Allerdings geben mit 82 Prozent mehr als vier von fünf Konsumierenden an, Cannabis <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">als Mittel zur Entspannung</a> zu verwenden. Die Ärzteschaft sollte nicht ignorieren, dass Stress- und Burnout-Beschwerden immer mehr zunehmen. Daher lässt sich meiner Meinung nach keine harte Grenze zwischen medizinischem und Freizeitkonsum ziehen.</p> <p>Auch das Erleben schöner Gefühle, mit 64 Prozent der zweithäufigste genannte Grund, gehört zu einem guten und gesunden Leben dazu. Wer das bezweifelt, der möge sich in Erinnerung rufen, wie die Ärzteschaft selbst, in Form der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, den Zustand der Gesundheit definiert. (Nämlich als vollständiges, auch psychosoziales Wohlbefinden.) Dazu kommt die medizinische Verwendung von Cannabis im engeren Sinn, etwa um besser zu schlafen, Schmerzen zu behandeln oder das spezifische Leiden einiger Krankheiten zu lindern.</p> <h2>Autonomie oder Bevormundung?</h2> <p>Ein (wieder) erschwerter Zugang zu medizinischem Cannabis dreht sich damit auch um die Frage der Autonomie oder Bevormundung. Inwieweit sollen, dürfen und können die Menschen selbst über ihren Konsum psychoaktiver Substanzen entscheiden?</p> <p>Geht man mit der Mehrheit der Delegierten auf dem Ärztetag, dann reicht die Autonomie hier nicht sehr weit: Man müsse „den besonderen Risiken von Medizinalcannabis im Therapieverlauf gerecht“ werden und darum, erstens, mindestens einmal pro Quartal persönlichen Patienten-Arzt-Kontakt haben und, zweitens, ein umfassenderes Versandverbot einführen (Beschluss II-12).</p> <p>Das wirft aber die Frage auf, inwiefern hier ein legitimes Ziel verfolgt wird: Wie wir schon sahen, wird Cannabis ohnehin konsumiert, ganz unabhängig von seinem rechtlichen Status. Die Online-Anbieter nutzen eher das Unvermögen des Gesetzgebers aus, eine praktikable Regelung einzuführen.</p> <p>Nicht jeder hat die Geduld, erst eine Pflanze zu züchten. Da schon eine davon schnell mehr als die zulässigen 50 Gramm für den Besitz zu Hause abwirft, werden diese Personen zudem wieder schnell kriminalisiert. Sie müssten die überschüssige Ernte eigentlich sofort unbrauchbar machen und vernichten. Viele dürften davon Freunden und Bekannten etwas abgeben – was allerdings illegal ist und von Verbotsbefürwortern zum Schwarzmarkt gezählt wird, selbst wenn hierfür gar nicht bezahlt wird.</p> <h2>Hausgemachte Probleme</h2> <p>Den Anbauvereinigungen wurden durch die komplexen Regeln und behördliche Maßnahmen vor Ort viele Steine in den Weg gelegt. Ich warnte schon vor der Teillegalisierung vor einem „<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-weiter-mit-der-drogenpolitik/">Bürokratiemonster</a>„. Heute kritisieren dann Drogenpolitiker, dass die Vereinigungen nur einen Bruchteil der Nachfrage bedienen können und es weiterhin einen Schwarzmarkt gibt. So beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.</p> <p>Die große Beliebtheit der Online-Anbieter belegt vor allem den großen Bedarf in der Erwachsenenbevölkerung an sicherem und qualitativ hochwertigem Cannabis. Wenn Ärzteschaft und Verbotspolitiker hier den Zugang wieder einschränken, wird es mit zwangsweise zu neuen Problemen kommen.</p> <p>Zudem ist nach über zwei Jahren nicht ersichtlich, was verpflichtende, persönliche Informationsgespräche mit dem Arzt verbessern würden – außer deren Einnahmen, versteht sich. Zumindest dem Anschein nach gehen heute schon die allermeisten Konsumierenden vernünftig mit ihren Cannabisprodukten um.</p> <p>Ob die geplante Einschränkung der Telemedizin überhaupt mit EU-Wettbewerbsrecht und der Berufsfreiheit vereinbar ist, ist außerdem <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">fraglich</a>. Hier zeichnen sich komplexe Gerichtsverfahren ab. Und die Online-Anbieter haben inzwischen gut verdient.</p> <h2>Gutes Ende oder Odyssee?</h2> <p>Der Deutsche Ärztetag hat in der Sache natürlich keine gesetzgeberische Kompetenz. Diese liegt hier beim Bundestag und nachrangig dem Bundesrat. Es ist aber abzusehen, dass man auch in der parlamentarischen Debatte auf die genannten Beschlüsse verweisen wird: „Schaut her, die Ärztinnen und Ärzte fordern sogar noch schärfere Regeln!“ Zumindest die Unionsparteien und die AfD dürften sich daher über Steilvorlage der Mediziner aus Hannover freuen.</p> <p>Ob die Drogengesetzgebung irgendwann zu einem guten Ende kommen wird oder eine Odyssee bleibt, muss sich zeigen. Dass Verbote hier in der Regel nicht funktionieren und oft nachteilige Effekte haben, wurde auch von Delegierten auf dem Ärztetag angemerkt. Die Beschlüsse zeigen aber, dass dies nicht die Sichtweise der Mehrheit ist – jedenfalls nicht der dort vertretenen Ärztinnen und Ärzte.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass die Prohibitionspolitik die Probleme zu oft vergrößert hat. Dabei stand ein Cannabisverbot erst gar nicht zur Debatte und wurde vor rund 100 Jahren erst <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">durch einen diplomatischen Kuhhandel beschlossen</a>.</p> <p>Bei den Opioiden ist die Bilanz noch einmal ernüchternder, da viele Ärztinnen und Ärzte jahrelang an deren Verbreitung mitverdient haben. Richtig tödlich wurde das aber erst, als die Politik in den USA auf das gesellschaftlich-medizinische Problem <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">mit Verboten reagierte</a>. Vielen in die Abhängigkeit getriebenen, früheren Patienten blieben dann nur noch illegale und gefährlichere Quellen. Wie glaubwürdig ist es da, jetzt vor dem – eher geringen – Abhängigkeitsrisiko von Cannabis zu warnen?</p> <h2>Vor der eigenen Haustür kehren</h2> <p>In etwa zeitgleich mit dem Bericht über den 130. Ärztetag erschien im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ein Interview mit Katja Just, der kommissarischen Direktorin des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Aachener Uniklinik. Zu problematischem Dauerkonsum von Medikamenten <a href="https://www.aerzteblatt.de/news/manchmal-steht-deprescribing-zwar-eindeutig-in-widerspruch-zu-therapieleitlinien-kann-aber-dennoch-indiziert-sein-315c6869-2b9b-4f47-8116-57bfce6f3bf2" rel="noopener">heißt es darin</a>:</p> <blockquote> <p>„Auch andere Arzneimittel finden sich oftmals in der Dauermedikation, ohne ausreichende Evidenz, zum Teil konträr zu aktuellen Leitlinienempfehlungen und auch unabhängig von der vom Patienten empfundenen Wirksamkeit. Dies betrifft typischerweise Benzodiazepine und Z-Substanzen, kann aber auch diverse Analgetika, etwa Opioide in der Dauermedikation bei bestimmten Schmerzentitäten, betreffen.“ (Katja Just)</p> </blockquote> <p>Schlaf-, Schmerz- und angstlösende Mittel, die weder im Einklang mit der Evidenz und den Richtlinien, noch den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten verschrieben werden – die Ärzteschaft könnte dieses Problem mit Substanzkonsum direkt und selbst lösen. Und auch die Politik könnte sich darauf besinnen, ob es keine dringlicheren Probleme gibt, als gegen die psychoaktive Wahl von gut 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu kämpfen.</p> <h2>Erfahren Sie mehr…</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em>Erfahren Sie mehr über den Sinn und Unsinn von Drogenpolitik, das Abhängigkeitsrisiko und die Geschichte des Cannabiskonsums. Viel Wissen für <strong>nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong></em> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0F6LZ532C" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/nl/book/die-cannabis-protokolle/id6745148090" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=f5pZEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/ai-generated-cannabis-marijuana-9553065/" rel="noopener">Randi Bagley</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/1a1fdfc5f35a4c0499266d2db339dc6c" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Ärzteschaft will Cannabis wieder verbieten lassen » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Auf dem jüngsten Ärztetag wurden auch härtere Regeln für medizinisches Cannabis gefordert</strong></p> <span id="more-3607"></span> <p>Letzte Woche fand in Hannover der 130. Deutsche Ärztetag statt. Dort diskutieren Vertreterinnen und Vertreter der Landesärztekammern medizinische Themen. Rund 250 waren es dieses Mal. Und ganz oben auf der Agenda standen suchtmedizinische und drogenpolitische Themen.</p> <p>Das <a href="https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Aerztetag/130.DAET/2026-05-15_130._DAET_Beschlussprotokoll.pdf" rel="noopener">Beschlussprotokoll vom 15. Mai</a> umfasst stolze 740 Seiten. Darin kommt 36-mal das Wort „Alkohol“ und gar 54-mal „Cannabis“ vor. Vor allem über letzteres Thema wurde ordentlich gestritten.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Konsummuster</h2> <p>Wir erinnern uns, dass mit dem damaligen SPD-Gesundheitsminister Karl Lauterbach gerade ein erfahrener Mediziner und Wissenschaftler für die 2024 erreichte Teillegalisierung kämpfte: Der Cannabiskonsum stieg trotz Verboten seit Jahren, wodurch sich die Gesundheitsrisiken und Kriminalität erhöhten.<aside></aside></p> <p>Die Justiz wurde – trotz der Ausnahmen für „geringe Mengen“ zum Eigenbedarf – mit schließlich über 500.000 Verfahren pro Jahr belastet. Für den bloßen Besitz drohten bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe, das gleiche Strafmaß wie für Körperverletzung.</p> <p>Diese Strafandrohung konnt nicht verhindern, dass sich der Cannabiskonsum in Deutschland von 2012 bis 2021 von 4,5 auf 8,8 Prozent <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/" rel="noopener">fast verdoppelte</a>. Das bezieht sich auf Erwachsene, die die Substanz mindestens einmal im Jahr gebrauchten. Bei den starken Konsumierenden verdreifachte sich der Konsum sogar von 0,5 auf 1,5 Prozent.</p> <p>In den USA hatte der Cannabiskonsum um 1980 <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">seinen Höhepunkt</a>. Er fiel dann stark ab, um seit den 1990ern vor allem bei den jungen Erwachsenen wieder zu steigen. Bei den Minderjährigen ist die Droge in jüngerer Zukunft aber weniger beliebt.</p> <p>Aufgrund der starken Kommerzialisierung, auch mit fragwürdiger Werbung von Cannabis zum Beispiel zur Krebsheilung oder als Vorbeugung gegen Demenz, hat es in manchen Regionen in den USA inzwischen sogar Alkohol als die am häufigsten gebrauchte Substanz überholt. Der Konsum von Alkohol und Tabakprodukten ist weltweit sowieso seit Jahren rückläufig.</p> <p>Doch wie man es auch dreht und wendet: Der Konsum psychoaktiver Substanzen, angefangen beim Kaffee und anderen koffeinhaltigen Getränken, ist gesellschaftlich verbreitet und somit „normal“. Und da haben wir noch gar nicht von der steigenden Verwendung <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">von Schmerzmitteln</a> oder dem extremen Anstieg bei den Psychopharmaka gesprochen – so werden heute zum Beispiel Substanzen, die gegen Depressionen helfen sollen, <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">elfmal so häufig verschrieben</a> wie noch in den 1980ern. Trotzdem (oder darum?) scheinen die Probleme mit depressiven Störungen immer größer zu werden.</p> <h2>Wissenschaft dafür, Wissenschaft dagegen?</h2> <p>Angesichts dieser Ausgangslage ist fraglich, ob die Fokussierung auf eine einzelne Substanz in drogenpolitischen Diskussionen sinnvoll ist. Dennoch haben die Delegierten der Ärzteschaft jetzt vor allem Cannabisprodukte aufs Korn genommen und dazu auf dem Ärztetag mehrere Beschlüsse verabschiedet.</p> <p>Mit gleich zweien davon wird der Gesetzgeber dazu aufgefordert, „die Teillegalisierung von Cannabis zurückzunehmen“ (Beschlüsse II-4 und II-20). Vor allem mit Blick auf den allseits bemühten Kinder-, Jugend- und Gesundheitsschutz sei „die Teillegalisierung von Cannabis ein Fehler“. Dass man in der Verbotsphase vor dem 1. April 2024 kein tragfähiges Konzept hatte, besser mit dem Substanzkonsum umzugehen, wird hier verschwiegen.</p> <p>Nach all der Evidenz, die Lauterbach und seine Mitstreiter für die Teillegalisierung anführten, verwies man hier auf „eine aktuelle Studie aus Bayern“, die den Anstieg von psychischen Problemen im Zusammenhang mit Cannabis dokumentiere.</p> <p>Diese Zahlen – das sollte die Ärzteschaft eigentlich wissen – dokumentieren aber nur, dass sich Mediziner häufiger mit solchen Problemen befassen. Das kann schlicht daran liegen, dass nach Aufhebung des Verbots mehr Menschen mit Drogenproblemen Hilfe suchen. Das ist eigentlich eine gute Sache, wird hier aber gegen die Teillegalisierung angeführt.</p> <h2>Stichwort Jugendschutz</h2> <p>Außerdem wurde bedauert, dass nun weniger Jugendliche wegen Cannabiskonsums von den Gerichten zu therapeutischen Maßnahmen verurteilt würden. Dabei ist das Mittel für Minderjährige in Deutschland nach wie vor verboten.</p> <p>Die Ärztinnen und Ärzte seien daran erinnert, dass das strafrechtliche Verbot das schärfste und letzte Mittel des liberalen Rechtsstaats ist. Zur verfassungsrechtlichen Prüfung gehört auch, dass eine Maßnahme <em>erforderlich</em> ist. Das ist sie aber nur dann, wenn es keine milderen, (mindestens) gleich geeigneten Mittel zum Erreichen eines Zwecks gibt.</p> <p>Ob man also den Cannabiskonsum für <em>alle</em> Bürgerinnen und Bürger verbieten dürfte, um Minderjährige anders zu behandeln, ist damit fraglich. Schon ein Blick ins Nachbarland Niederlande ist hier aufschlussreich: Während der Besitz von geringen Mengen für den Eigenbedarf bei Erwachsenen in der Regel nicht strafrechtlich verfolgt wird, kommt es bei Jugendlichen <em>immer</em> zur Anzeige.</p> <p>Gesetzlich ist das sehr einfach zu regeln. Aber damit käme man auf die größere Frage, ob Drogenverbote überhaupt funktionieren. Wie wir oben schon sahen, stieg der Cannabiskonsum trotz der Verbote. Abwasseruntersuchungen in mehreren Städten dokumentierten zudem, dass die Teillegalisierung im Allgemeinen wenig änderte. Zur <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/">Erinnerung</a>:</p> <blockquote> <p>„Aussagekräftiger als die auf Selbstauskünften beruhenden Befragungen sind Abwasseruntersuchungen. Diese hat man in elf Städten unmittelbar vor (Dezember bis März 2024) und nach (Mai 2024 bis Mai 2025) der Entkriminalisierung vorgenommen. Das Ergebnis ist ein Unentschieden: Zwar nahm der Cannabiskonsum in Chemnitz, Magdeburg, Nürnberg und Rostock leicht zu. Doch in Frankfurt am Main, Potsdam und Saarbrücken änderte sich nichts und in Dresden, Greifswald, Hannover und Mainz nahm der Konsum sogar leicht ab.“ (im Menschenbilder-Blog im September 2025)</p> </blockquote> <h2>Medizinisches Cannabis</h2> <p>Ginge es nach der Ärzteschaft, würde auch der medizinische Konsum von Cannabisprodukten wieder eingeschränkt. Seit der Streichung der Substanz aus der Verbotsliste des Betäubungsmittelgesetzes, dominieren hier große Online-Anbieter und -Apotheken den Markt.</p> <p>Es gab zwar ein paar Urteile wegen Verstößen gegen das Heilmittelwerbegesetz. Doch an der prinzipiellen Möglichkeit, durch das Ausfüllen einer Frageliste Cannabis von pharmazeutischer Qualität bestellen zu können, hat sich bisher nichts geändert. Das ist auch der CDU unter Führung der heutigen Gesundheitsministerin ein Dorn im Auge, die hierzu eine Gesetzesänderung vorbereitet.</p> <p>Die Ärzteschaft kritisiert passend hierzu: „Die Vermutung liegt nahe, dass auch Freizeitkonsumierende Cannabis über z. B. telemedizinische Plattformen und mit ihnen kooperierende Versandapotheken beziehen, die den Erwerb teilweise nur durch die Beantwortung eines Fragebogens möglich machen“ (Beschluss II-2). Die Verwendung dieser Produkte als Genussmittel gilt hier automatisch als „Missbrauch“.</p> <p>Allerdings geben mit 82 Prozent mehr als vier von fünf Konsumierenden an, Cannabis <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">als Mittel zur Entspannung</a> zu verwenden. Die Ärzteschaft sollte nicht ignorieren, dass Stress- und Burnout-Beschwerden immer mehr zunehmen. Daher lässt sich meiner Meinung nach keine harte Grenze zwischen medizinischem und Freizeitkonsum ziehen.</p> <p>Auch das Erleben schöner Gefühle, mit 64 Prozent der zweithäufigste genannte Grund, gehört zu einem guten und gesunden Leben dazu. Wer das bezweifelt, der möge sich in Erinnerung rufen, wie die Ärzteschaft selbst, in Form der Verfassung der Weltgesundheitsorganisation, den Zustand der Gesundheit definiert. (Nämlich als vollständiges, auch psychosoziales Wohlbefinden.) Dazu kommt die medizinische Verwendung von Cannabis im engeren Sinn, etwa um besser zu schlafen, Schmerzen zu behandeln oder das spezifische Leiden einiger Krankheiten zu lindern.</p> <h2>Autonomie oder Bevormundung?</h2> <p>Ein (wieder) erschwerter Zugang zu medizinischem Cannabis dreht sich damit auch um die Frage der Autonomie oder Bevormundung. Inwieweit sollen, dürfen und können die Menschen selbst über ihren Konsum psychoaktiver Substanzen entscheiden?</p> <p>Geht man mit der Mehrheit der Delegierten auf dem Ärztetag, dann reicht die Autonomie hier nicht sehr weit: Man müsse „den besonderen Risiken von Medizinalcannabis im Therapieverlauf gerecht“ werden und darum, erstens, mindestens einmal pro Quartal persönlichen Patienten-Arzt-Kontakt haben und, zweitens, ein umfassenderes Versandverbot einführen (Beschluss II-12).</p> <p>Das wirft aber die Frage auf, inwiefern hier ein legitimes Ziel verfolgt wird: Wie wir schon sahen, wird Cannabis ohnehin konsumiert, ganz unabhängig von seinem rechtlichen Status. Die Online-Anbieter nutzen eher das Unvermögen des Gesetzgebers aus, eine praktikable Regelung einzuführen.</p> <p>Nicht jeder hat die Geduld, erst eine Pflanze zu züchten. Da schon eine davon schnell mehr als die zulässigen 50 Gramm für den Besitz zu Hause abwirft, werden diese Personen zudem wieder schnell kriminalisiert. Sie müssten die überschüssige Ernte eigentlich sofort unbrauchbar machen und vernichten. Viele dürften davon Freunden und Bekannten etwas abgeben – was allerdings illegal ist und von Verbotsbefürwortern zum Schwarzmarkt gezählt wird, selbst wenn hierfür gar nicht bezahlt wird.</p> <h2>Hausgemachte Probleme</h2> <p>Den Anbauvereinigungen wurden durch die komplexen Regeln und behördliche Maßnahmen vor Ort viele Steine in den Weg gelegt. Ich warnte schon vor der Teillegalisierung vor einem „<a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-weiter-mit-der-drogenpolitik/">Bürokratiemonster</a>„. Heute kritisieren dann Drogenpolitiker, dass die Vereinigungen nur einen Bruchteil der Nachfrage bedienen können und es weiterhin einen Schwarzmarkt gibt. So beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz.</p> <p>Die große Beliebtheit der Online-Anbieter belegt vor allem den großen Bedarf in der Erwachsenenbevölkerung an sicherem und qualitativ hochwertigem Cannabis. Wenn Ärzteschaft und Verbotspolitiker hier den Zugang wieder einschränken, wird es mit zwangsweise zu neuen Problemen kommen.</p> <p>Zudem ist nach über zwei Jahren nicht ersichtlich, was verpflichtende, persönliche Informationsgespräche mit dem Arzt verbessern würden – außer deren Einnahmen, versteht sich. Zumindest dem Anschein nach gehen heute schon die allermeisten Konsumierenden vernünftig mit ihren Cannabisprodukten um.</p> <p>Ob die geplante Einschränkung der Telemedizin überhaupt mit EU-Wettbewerbsrecht und der Berufsfreiheit vereinbar ist, ist außerdem <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/erste-cannabis-evaluation-was-die-daten-zeigen-und-wie-es-jetzt-weitergeht/" rel="noopener">fraglich</a>. Hier zeichnen sich komplexe Gerichtsverfahren ab. Und die Online-Anbieter haben inzwischen gut verdient.</p> <h2>Gutes Ende oder Odyssee?</h2> <p>Der Deutsche Ärztetag hat in der Sache natürlich keine gesetzgeberische Kompetenz. Diese liegt hier beim Bundestag und nachrangig dem Bundesrat. Es ist aber abzusehen, dass man auch in der parlamentarischen Debatte auf die genannten Beschlüsse verweisen wird: „Schaut her, die Ärztinnen und Ärzte fordern sogar noch schärfere Regeln!“ Zumindest die Unionsparteien und die AfD dürften sich daher über Steilvorlage der Mediziner aus Hannover freuen.</p> <p>Ob die Drogengesetzgebung irgendwann zu einem guten Ende kommen wird oder eine Odyssee bleibt, muss sich zeigen. Dass Verbote hier in der Regel nicht funktionieren und oft nachteilige Effekte haben, wurde auch von Delegierten auf dem Ärztetag angemerkt. Die Beschlüsse zeigen aber, dass dies nicht die Sichtweise der Mehrheit ist – jedenfalls nicht der dort vertretenen Ärztinnen und Ärzte.</p> <p>Es sei noch einmal daran erinnert, dass die Prohibitionspolitik die Probleme zu oft vergrößert hat. Dabei stand ein Cannabisverbot erst gar nicht zur Debatte und wurde vor rund 100 Jahren erst <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/zweite-opiumkonferenz-100-jahre-boeses-cannabis/">durch einen diplomatischen Kuhhandel beschlossen</a>.</p> <p>Bei den Opioiden ist die Bilanz noch einmal ernüchternder, da viele Ärztinnen und Ärzte jahrelang an deren Verbreitung mitverdient haben. Richtig tödlich wurde das aber erst, als die Politik in den USA auf das gesellschaftlich-medizinische Problem <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/opioide-wennnicht-drogen-sondern-medikamente-und-die-falsche-politik-toeten/">mit Verboten reagierte</a>. Vielen in die Abhängigkeit getriebenen, früheren Patienten blieben dann nur noch illegale und gefährlichere Quellen. Wie glaubwürdig ist es da, jetzt vor dem – eher geringen – Abhängigkeitsrisiko von Cannabis zu warnen?</p> <h2>Vor der eigenen Haustür kehren</h2> <p>In etwa zeitgleich mit dem Bericht über den 130. Ärztetag erschien im <em>Deutschen Ärzteblatt</em> ein Interview mit Katja Just, der kommissarischen Direktorin des Instituts für Klinische Pharmakologie an der Aachener Uniklinik. Zu problematischem Dauerkonsum von Medikamenten <a href="https://www.aerzteblatt.de/news/manchmal-steht-deprescribing-zwar-eindeutig-in-widerspruch-zu-therapieleitlinien-kann-aber-dennoch-indiziert-sein-315c6869-2b9b-4f47-8116-57bfce6f3bf2" rel="noopener">heißt es darin</a>:</p> <blockquote> <p>„Auch andere Arzneimittel finden sich oftmals in der Dauermedikation, ohne ausreichende Evidenz, zum Teil konträr zu aktuellen Leitlinienempfehlungen und auch unabhängig von der vom Patienten empfundenen Wirksamkeit. Dies betrifft typischerweise Benzodiazepine und Z-Substanzen, kann aber auch diverse Analgetika, etwa Opioide in der Dauermedikation bei bestimmten Schmerzentitäten, betreffen.“ (Katja Just)</p> </blockquote> <p>Schlaf-, Schmerz- und angstlösende Mittel, die weder im Einklang mit der Evidenz und den Richtlinien, noch den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten verschrieben werden – die Ärzteschaft könnte dieses Problem mit Substanzkonsum direkt und selbst lösen. Und auch die Politik könnte sich darauf besinnen, ob es keine dringlicheren Probleme gibt, als gegen die psychoaktive Wahl von gut 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung zu kämpfen.</p> <h2>Erfahren Sie mehr…</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><em>Erfahren Sie mehr über den Sinn und Unsinn von Drogenpolitik, das Abhängigkeitsrisiko und die Geschichte des Cannabiskonsums. Viel Wissen für <strong>nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong></em> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at the rebels who brought encryption out of the shadows. Whitfield Diffie and Martin Hellman <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/">showed</a> that two people could establish a shared secret over an insecure channel. It was a revolutionary idea, but it was not the end of the story. The internet still needed a way for anyone to send a secret message to anyone else without first agreeing on a shared secret. It needed a way to sign digital documents and prove identity; a lock that could be made public without giving away the key. That lock was RSA.</p> <h2><strong>A Special Algorithm</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png"><img alt="See caption." decoding="async" fetchpriority="high" height="679" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-768x509.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png 1202w" width="1024"></img></a><figcaption>Ronald (Ron) Linn Rivest. Image credits: <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noopener">HLFF</a>/Badge.</figcaption></figure> </div> <p>The story of RSA starts with three researchers at MIT: Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman. Their last name initials make up the “RSA.” The trio was inspired by the work of <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/whitfield-diffie/" rel="noopener">Diffie</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hellman/" rel="noopener">Hellman</a>, who had proposed the concept of public-key cryptography but had not yet provided a general-purpose encryption system that could do everything the idea promised.</p> <p>The three of them must have felt like they were hitting a brick wall.</p> <p>They had spent roughly a year searching for a function that would be easy to compute in one direction but hard to reverse. Rivest and <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/can-you-tell-cats-apart-from-guacamole/" rel="noopener">Shamir</a>, both computer scientists, kept proposing candidates. Adleman, as a mathematician, kept breaking them. They explored approaches based on <a href="https://www.smithsonianmag.com/science-nature/why-knapsack-problem-all-around-us-180974333/" rel="noopener">knapsacks</a> and permutation polynomials, but nothing seemed to work. It almost seemed contradictory: The function had to be public enough for anyone to use, but private enough that only one person could reverse it.<aside></aside></p> <p>Then came one night in April 1977 that would change the course of the internet, and possibly the world. The three spent Passover dinner at a student’s house and consumed “<a href="https://www.math.uchicago.edu/~may/VIGRE/VIGRE2007/REUPapers/FINALAPP/Calderbank.pdf" rel="noopener">liberal quantities of wine</a>” before returning to their respective homes at around 12 in the night. Rivest went home and could not sleep. He lay on his couch with a mathematics textbook and returned to the problem, but tried a different approach.</p> <p>By morning, he had worked out the core of the idea and drafted much of what would become the RSA paper.</p> <h2><strong>A Prime Revelation</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png"><img alt="See caption." decoding="async" height="627" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-768x512.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>Adi Shamir at the 10th HLF in 2023. Image credits: HLFF/Christian Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>Suppose Alice wants people to send secret messages. In traditional cryptography, she would first need to share a secret key with each person. That secret key would both lock and unlock the message. But sharing the key securely was the whole problem. Anyone who intercepted the key could read the messages.</p> <p>RSA reversed the arrangement. Alice could publish a public key that anyone could use to encrypt messages. But only Alice, who had the private key, could decrypt them. It is a bit like taking a padlock and bringing it to the public. Anyone can see or touch it, but only Alice has the key to open it again.</p> <p>The trick came from number theory. RSA relies on the fact that multiplying two very large prime numbers is easy, while factoring their product back into those two primes is much more difficult. If you take two very large prime numbers (<strong>p</strong> and <strong>q</strong>) and multiply them, this number <strong>n = p × q</strong> becomes part of the public key. Everyone is allowed to see it.</p> <p>But given only this <strong>n </strong>number, an attacker would need to recover both <strong>p</strong> and <strong>q</strong>. For small numbers, this is trivial. If <strong>n = 33</strong>, we can quickly see that <strong>33 = 3 × 11</strong>. But if <strong>n</strong> is a 2,048-bit number, the two prime factors are so large that there is no known classical algorithm that can recover them efficiently. The best factoring methods can do much better than trial division, but they still become infeasible at properly chosen key sizes.</p> <p>This is, of course, a simplified version. In the original RSA paper, they used something called <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euler_totient_function" rel="noopener">Euler’s totient function</a>: <em>φ</em>(<em>n</em>) = (<em>p</em> − 1)(<em>q</em> − 1). Subsequent RSA algorithms, including the ones used routinely in today’s internet, use several elegant improvements.</p> <p>Yet prime numbers remain a key part of RSA.</p> <p>The primes must be large, random, and not too close together. They must not be reused across keys and must also pass strong primality tests. If the primes are poorly chosen, the entire private key can be reconstructed with much more ease. In that case, RSA does not fail because the mathematics is wrong, but rather because the “hard” problem can be made easier.</p> <p>Ultimately, though, RSA is not based simply on large prime numbers. It is based on the gap between the difficulty of multiplication and factorization. RSA turns that gap into a cryptographic mechanism. This is the one-way function.</p> <h2><strong>A More Rigorous Approach</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png"><img alt="" decoding="async" height="940" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-768x768.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://cdn.zmescience.com/wp-content/uploads/2026/04/Shafi_Goldwasser.jpg" rel="noopener"></a>Shafrira Goldwasser in 2010. Image via Wiki Commons (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shafi_Goldwasser#/media/File:Shafi_Goldwasser.JPG" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>RSA gave the internet a practical public lock, but it also exposed a deeper, fundamental problem: Encryption was not properly defined. What does it actually mean for an encryption scheme to be secure? What does it mean for the prime numbers to be “too close”?</p> <p>This may sound like a philosophical question, but it has very practical components.</p> <p>Early public-key cryptography often had an empirical component. A system was considered secure if no one knew how to break it. That was useful and excellent for the early days of the internet, but it had obvious limitations. Computers were, even in those early days, getting much more powerful. How could computer scientists know their systems would withstand attacks?</p> <p>There was another problem: Encryption was deterministic. If you encrypted the same word twice with the same key, you’d get the same result. This allowed attackers to spot patterns or try clever ways to hack systems.</p> <p>This is when Shafrira Goldwasser comes in.</p> <p>Working with Silvio Micali UC Berkeley in the early 1980s, Goldwasser pushed cryptography toward a more rigorous standard. Security should not just mean that a message is hard to decrypt. It should mean that an attacker cannot learn anything useful from the ciphertext at all.</p> <p>This seemingly subtle change was actually profound. Suppose an attacker cannot recover the whole message but can still learn whether a payment is large or small, or whether two encrypted messages contain the same text. In many real systems, that is already a serious failure. So Goldwasser and Micali asked cryptography to satisfy a much stronger requirement. An encrypted message should reveal no partial information about the plaintext, beyond what the attacker already knew before seeing it.</p> <p>Along with Micali, she introduced probabilistic encryption. In essence, this injects a bit of randomness into the RSA algorithm. For every encryption operation, the sender’s computer generates a fresh, unique random bitstring. This randomness is mathematically combined with the plaintext message before or during the encryption process.</p> <p>Modern encryption uses these randomized padding schemes to prevent simple comparison attacks and thus makes RSA more resilient in the face of attacks.</p> <p>But Goldwasser’s most famous contribution may be even more counterintuitive than probabilistic encryption. With Silvio Micali and Charles Rackoff, she introduced zero-knowledge proofs. These are protocols in which one party, the prover, convinces another party, the verifier, that a statement is true without revealing anything beyond the truth of that statement. We will not get into the details of how this works here, but it is a topic <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/cryptography-taking-on-any-adversary/" rel="noopener">often discussed</a> by laureates at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/about-us/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>, an annual event that brings together recipients of the most prestigious prizes in mathematics and computer science with the next generation of young researchers. While zero-knowledge proofs are still not universally used, they have their applications, most notably in blockchains.</p> <h2><strong>The Internet as a Verification Machine</strong></h2> <p>RSA turned public-key cryptography into a practical tool, essentially providing the internet a way to authenticate, sign, encrypt, and transact. Every day, computers check whether that is really your bank, your email, your password, and so on. This is how we ensure that certificates can be trusted and users should be allowed to access files.</p> <p>In a curious turn of events, just as with Diffie and Hellman’s work, this public version was not quite the first. In 1973, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clifford_Cocks" rel="noopener">Clifford Cocks</a>, a mathematician at Britain’s GCHQ, had described a strikingly similar system in a classified internal document. But his work stayed hidden inside the intelligence world until 1997. Instead, RSA became the version that changed the internet because it was published, shared, tested, and eventually built into the open machinery of digital life.</p> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Adi Shamir</a>, and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leonard Adleman</a> received the <a href="https://www.ams.org/notices/200307/comm-turing.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2002 ACM A.M. Turing Award</a> for their role in creating RSA public-key cryptography. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shafrira-goldwasser-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shafi Goldwasser</a> received the <a href="https://www.acm.org/articles/bulletins/2013/march/goldwasser-micali-2012-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2012 ACM A.M. Turing Award</a>, together with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/silvio-micali/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Silvio Micali</a>, for transformative work in cryptography.</p> <p>Yet a shadow is starting to loom over the decades-long success of RSA. That shadow is quantum computing.</p> <p>A sufficiently powerful quantum computer running <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shor%27s_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shor’s algorithm</a> could factor large numbers efficiently. That would break RSA and other systems based on similar number-theoretic problems. Such a machine does not yet exist at the required scale, but the threat is serious enough that governments, companies, and standards bodies are already preparing for <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">post-quantum cryptography</a>.</p> <p>This does not mean RSA is done. Far from it. RSA secured the internet through some of its most important decades, and it has a lot of work left to do. It made digital commerce possible and shaped online trust. But cryptography is not something you can finish.</p> <p>Every cryptographic system rests on assumptions about what attackers can compute. When computation changes, those assumptions must be revisited. The move toward post-quantum systems is part of the same story that began with RSA and continued with Goldwasser: Security is not a product. It is a process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 9 of 12: RSA and Prime Numbers - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at the rebels who brought encryption out of the shadows. Whitfield Diffie and Martin Hellman <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/">showed</a> that two people could establish a shared secret over an insecure channel. It was a revolutionary idea, but it was not the end of the story. The internet still needed a way for anyone to send a secret message to anyone else without first agreeing on a shared secret. It needed a way to sign digital documents and prove identity; a lock that could be made public without giving away the key. That lock was RSA.</p> <h2><strong>A Special Algorithm</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png"><img alt="See caption." decoding="async" fetchpriority="high" height="679" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-1024x679.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-300x199.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146-768x509.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-146.png 1202w" width="1024"></img></a><figcaption>Ronald (Ron) Linn Rivest. Image credits: <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noopener">HLFF</a>/Badge.</figcaption></figure> </div> <p>The story of RSA starts with three researchers at MIT: Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman. Their last name initials make up the “RSA.” The trio was inspired by the work of <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/whitfield-diffie/" rel="noopener">Diffie</a> and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hellman/" rel="noopener">Hellman</a>, who had proposed the concept of public-key cryptography but had not yet provided a general-purpose encryption system that could do everything the idea promised.</p> <p>The three of them must have felt like they were hitting a brick wall.</p> <p>They had spent roughly a year searching for a function that would be easy to compute in one direction but hard to reverse. Rivest and <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/can-you-tell-cats-apart-from-guacamole/" rel="noopener">Shamir</a>, both computer scientists, kept proposing candidates. Adleman, as a mathematician, kept breaking them. They explored approaches based on <a href="https://www.smithsonianmag.com/science-nature/why-knapsack-problem-all-around-us-180974333/" rel="noopener">knapsacks</a> and permutation polynomials, but nothing seemed to work. It almost seemed contradictory: The function had to be public enough for anyone to use, but private enough that only one person could reverse it.<aside></aside></p> <p>Then came one night in April 1977 that would change the course of the internet, and possibly the world. The three spent Passover dinner at a student’s house and consumed “<a href="https://www.math.uchicago.edu/~may/VIGRE/VIGRE2007/REUPapers/FINALAPP/Calderbank.pdf" rel="noopener">liberal quantities of wine</a>” before returning to their respective homes at around 12 in the night. Rivest went home and could not sleep. He lay on his couch with a mathematics textbook and returned to the problem, but tried a different approach.</p> <p>By morning, he had worked out the core of the idea and drafted much of what would become the RSA paper.</p> <h2><strong>A Prime Revelation</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png"><img alt="See caption." decoding="async" height="627" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-147-768x512.png 768w" width="940"></img></a><figcaption>Adi Shamir at the 10th HLF in 2023. Image credits: HLFF/Christian Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>Suppose Alice wants people to send secret messages. In traditional cryptography, she would first need to share a secret key with each person. That secret key would both lock and unlock the message. But sharing the key securely was the whole problem. Anyone who intercepted the key could read the messages.</p> <p>RSA reversed the arrangement. Alice could publish a public key that anyone could use to encrypt messages. But only Alice, who had the private key, could decrypt them. It is a bit like taking a padlock and bringing it to the public. Anyone can see or touch it, but only Alice has the key to open it again.</p> <p>The trick came from number theory. RSA relies on the fact that multiplying two very large prime numbers is easy, while factoring their product back into those two primes is much more difficult. If you take two very large prime numbers (<strong>p</strong> and <strong>q</strong>) and multiply them, this number <strong>n = p × q</strong> becomes part of the public key. Everyone is allowed to see it.</p> <p>But given only this <strong>n </strong>number, an attacker would need to recover both <strong>p</strong> and <strong>q</strong>. For small numbers, this is trivial. If <strong>n = 33</strong>, we can quickly see that <strong>33 = 3 × 11</strong>. But if <strong>n</strong> is a 2,048-bit number, the two prime factors are so large that there is no known classical algorithm that can recover them efficiently. The best factoring methods can do much better than trial division, but they still become infeasible at properly chosen key sizes.</p> <p>This is, of course, a simplified version. In the original RSA paper, they used something called <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Euler_totient_function" rel="noopener">Euler’s totient function</a>: <em>φ</em>(<em>n</em>) = (<em>p</em> − 1)(<em>q</em> − 1). Subsequent RSA algorithms, including the ones used routinely in today’s internet, use several elegant improvements.</p> <p>Yet prime numbers remain a key part of RSA.</p> <p>The primes must be large, random, and not too close together. They must not be reused across keys and must also pass strong primality tests. If the primes are poorly chosen, the entire private key can be reconstructed with much more ease. In that case, RSA does not fail because the mathematics is wrong, but rather because the “hard” problem can be made easier.</p> <p>Ultimately, though, RSA is not based simply on large prime numbers. It is based on the gap between the difficulty of multiplication and factorization. RSA turns that gap into a cryptographic mechanism. This is the one-way function.</p> <h2><strong>A More Rigorous Approach</strong></h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png"><img alt="" decoding="async" height="940" sizes="(max-width: 940px) 100vw, 940px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148.png 940w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-148-768x768.png 768w" width="940"></img></a><figcaption><a href="https://cdn.zmescience.com/wp-content/uploads/2026/04/Shafi_Goldwasser.jpg" rel="noopener"></a>Shafrira Goldwasser in 2010. Image via Wiki Commons (<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shafi_Goldwasser#/media/File:Shafi_Goldwasser.JPG" rel="noopener">public domain</a>).</figcaption></figure> </div> <p>RSA gave the internet a practical public lock, but it also exposed a deeper, fundamental problem: Encryption was not properly defined. What does it actually mean for an encryption scheme to be secure? What does it mean for the prime numbers to be “too close”?</p> <p>This may sound like a philosophical question, but it has very practical components.</p> <p>Early public-key cryptography often had an empirical component. A system was considered secure if no one knew how to break it. That was useful and excellent for the early days of the internet, but it had obvious limitations. Computers were, even in those early days, getting much more powerful. How could computer scientists know their systems would withstand attacks?</p> <p>There was another problem: Encryption was deterministic. If you encrypted the same word twice with the same key, you’d get the same result. This allowed attackers to spot patterns or try clever ways to hack systems.</p> <p>This is when Shafrira Goldwasser comes in.</p> <p>Working with Silvio Micali UC Berkeley in the early 1980s, Goldwasser pushed cryptography toward a more rigorous standard. Security should not just mean that a message is hard to decrypt. It should mean that an attacker cannot learn anything useful from the ciphertext at all.</p> <p>This seemingly subtle change was actually profound. Suppose an attacker cannot recover the whole message but can still learn whether a payment is large or small, or whether two encrypted messages contain the same text. In many real systems, that is already a serious failure. So Goldwasser and Micali asked cryptography to satisfy a much stronger requirement. An encrypted message should reveal no partial information about the plaintext, beyond what the attacker already knew before seeing it.</p> <p>Along with Micali, she introduced probabilistic encryption. In essence, this injects a bit of randomness into the RSA algorithm. For every encryption operation, the sender’s computer generates a fresh, unique random bitstring. This randomness is mathematically combined with the plaintext message before or during the encryption process.</p> <p>Modern encryption uses these randomized padding schemes to prevent simple comparison attacks and thus makes RSA more resilient in the face of attacks.</p> <p>But Goldwasser’s most famous contribution may be even more counterintuitive than probabilistic encryption. With Silvio Micali and Charles Rackoff, she introduced zero-knowledge proofs. These are protocols in which one party, the prover, convinces another party, the verifier, that a statement is true without revealing anything beyond the truth of that statement. We will not get into the details of how this works here, but it is a topic <a href="https://www.newsroom.hlf-foundation.org/blog/article/cryptography-taking-on-any-adversary/" rel="noopener">often discussed</a> by laureates at the <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/about-us/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Heidelberg Laureate Forum</a>, an annual event that brings together recipients of the most prestigious prizes in mathematics and computer science with the next generation of young researchers. While zero-knowledge proofs are still not universally used, they have their applications, most notably in blockchains.</p> <h2><strong>The Internet as a Verification Machine</strong></h2> <p>RSA turned public-key cryptography into a practical tool, essentially providing the internet a way to authenticate, sign, encrypt, and transact. Every day, computers check whether that is really your bank, your email, your password, and so on. This is how we ensure that certificates can be trusted and users should be allowed to access files.</p> <p>In a curious turn of events, just as with Diffie and Hellman’s work, this public version was not quite the first. In 1973, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clifford_Cocks" rel="noopener">Clifford Cocks</a>, a mathematician at Britain’s GCHQ, had described a strikingly similar system in a classified internal document. But his work stayed hidden inside the intelligence world until 1997. Instead, RSA became the version that changed the internet because it was published, shared, tested, and eventually built into the open machinery of digital life.</p> <p><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Ron Rivest</a>, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/ronald-l-rivest/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Adi Shamir</a>, and <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/leonard-max-adleman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Leonard Adleman</a> received the <a href="https://www.ams.org/notices/200307/comm-turing.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2002 ACM A.M. Turing Award</a> for their role in creating RSA public-key cryptography. <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/shafrira-goldwasser-1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shafi Goldwasser</a> received the <a href="https://www.acm.org/articles/bulletins/2013/march/goldwasser-micali-2012-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">2012 ACM A.M. Turing Award</a>, together with <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/silvio-micali/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Silvio Micali</a>, for transformative work in cryptography.</p> <p>Yet a shadow is starting to loom over the decades-long success of RSA. That shadow is quantum computing.</p> <p>A sufficiently powerful quantum computer running <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Shor%27s_algorithm" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Shor’s algorithm</a> could factor large numbers efficiently. That would break RSA and other systems based on similar number-theoretic problems. Such a machine does not yet exist at the required scale, but the threat is serious enough that governments, companies, and standards bodies are already preparing for <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematical-pillars-of-post-quantum-cryptography/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">post-quantum cryptography</a>.</p> <p>This does not mean RSA is done. Far from it. RSA secured the internet through some of its most important decades, and it has a lot of work left to do. It made digital commerce possible and shaped online trust. But cryptography is not something you can finish.</p> <p>Every cryptographic system rests on assumptions about what attackers can compute. When computation changes, those assumptions must be revisited. The move toward post-quantum systems is part of the same story that began with RSA and continued with Goldwasser: Security is not a product. It is a process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-9-of-12-rsa-and-prime-numbers/#comments 1 Sind Träume doch nur Schäume? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/#comments Mon, 18 May 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5903 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/</link> </image> <description type="html"><h1>Sind Träume doch nur Schäume? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Im Traum gibt es nichts, das es nicht gibt, oder? Träume und alles rund um sie sind so verschieden wie wir Menschen nun mal sind: Manche träumen stets das Gleiche, andere erleben jede Nacht ein neues Abenteuer, manche erinnern sich jeden Morgen an Ihre Träume, andere wiederum fast nie. Aber habt ihr euch schonmal gefragt, ob eure Träume eigentlich was bedeuteten? Bestimmt, oder?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Bereits <strong>Sigmund Freud</strong> (1856 – 1939) beschäftigte sich eindringlich mit der Frage, was Träume eigentlich verbergen und war damit Begründer der Psychoanalyse. Nach ihm spiegeln Träume unsere unterbewussten Wünsche wider und bilden innere, nicht gelöste Konflikte ab. Aber verstecken sich in unseren nächtlichen Geschichten wirklich verschlüsselte Botschaften? Will unser Unterbewusstsein uns mit unseren Traumgeschichten etwas mitteilen? Oder sind Träume vielleicht doch nur Schäume?</p> <h3>Was genau sind Träume?</h3> <p>Bis heute gibt es keine offizielle Definition von Träumen und wird von der <em>American Academy of Sleep Medicine</em> sogar als „unmöglich“ beschrieben, dies zu erreichen [1]. Nach einer der gängigsten Definition von Farthing (1991) sind Träume unsere <strong>subjektiven</strong> <strong>Empfindungen</strong> während wir schlafen, also von Erfahrungen und Gedanken bis hin zu Emotionen [1]. Wir träumen von bedeutsamen Tageserlebnissen, Hobbys, Fantasiewelten oder von Menschen, die uns wichtig sind oder mit denen wir im Alltag viel zu tun haben [2].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="853" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wir können uns zwar direkt nach dem Aufstehen meistens nicht mehr an unsere Träume erinnern, doch tatsächlich träumt jeder von uns mehrmals jede Nacht für ca. 5 bis 20 Minuten. Im Schnitt erinnern wir uns an einen Traum pro Woche, und trotzdem vergessen wir nach nur wenigen Minuten schon wieder, was wir geträumt haben [3]. Frauen scheinen sich übrigens besser zu erinnern und erleben ihre Träume emotionaler verglichen zu Männern [4].</p> <p>Am häufigsten wird von Träumen während des Rapid-Eye-Movement Schlafs (<strong>REM-Schlaf</strong>) berichtet, in der das Gehirn äußerst aktiv. Falls ihr mehr dazu und unserem Schlaf-Wach Rhythmus erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei.<aside></aside></p> <figure></figure> <h3>Die häufigsten Traummotive</h3> <p>Bereits 1996 wurde beschrieben, dass Träume unsere persönlichen Beziehungen, Erfahrungen und Konflikte widerspiegeln [5] und dass Tageserfahrungen den Inhalt der Träume der kommenden Nacht vorhersagen [6]. Auch wenn unsere Fantasie scheinbar unendlich groß ist, gibt es jedoch einige Motive, die bei den meisten Menschen immer wieder auftauchen [7]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-scaled.jpg"><img alt="Traummotiv &quot;verfolgt werden&quot;" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <ul> <li>verfolgt werden</li> <li>zu spät kommen</li> <li>freier Fall</li> <li>Schulszenarien (Klassenarbeiten, Lehrer, Mitschüler)</li> <li>sexuelle Erfahrungen</li> <li>gelähmt sein/ sich nicht oder nur sehr langsam bewegen können</li> <li>nackt in der Öffentlichkeit</li> <li>ausfallende Zähne</li> <li>verstorbene Personen sehen</li> </ul> <p>Na? Bestimmt kamen euch von der Liste die meisten Motive bekannt vor, richtig? Nur was hat es damit auf sich und wieso träumen wir eigentlich überhaupt?</p> <h3>Was die Traumforschung vermutet</h3> <p>Die physiologische Funktion von Träumen ist noch immer ungeklärt und bleibt ein für die Wissenschaft faszinierendes Phänomen. Einige Experten gehen davon aus, dass sich unser Gehirn beim Träumen neu sortiert und die Erfahrungen, die über den Tag gesammelt wurden, bewertet und abspeichert werden. Dies sorgt für <strong>Gedächtniskonsolidierung</strong> und hilft uns nachts das Gehirn einmal schön aufzuräumen, um am nächsten Tag Platz für neue Informationen zu schaffen [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Theorie ist, dass wir in Träumen unser <strong>Angstmanagement</strong> trainieren (Threat Stimulation Theory). Während wir träumen, können wir in der sicheren Umgebung unserer nächtlichen Geschichten peinliche, bedrohliche oder traumatische Ereignisse des Tages verarbeiten und adäquate Verhaltensweisen üben, um diese im Alltag wieder anwenden zu können.</p> <p>Hinweise deuten zudem darauf hin, dass emotionale Bereiche des Gehirns während der Traumphasen sehr aktiv sind und Träume so unsere <strong>Emotionsregulation</strong> unterstützen [8], [9]. Ob Träume aber generell eine genaue Funktion haben, oder doch eher als Nebenprodukt unseres Schlafes gesehen werden können, bleibt unklar und wird bis heute debattiert. Zu guter Letzt scheint Träumen auch für unsere <strong>Kreativität </strong>wichtig zu sein [10]. Paul McCartney hat angeblich im Traum die Melodie des Klassikers „<em>Yesterday</em>“ erträumt, und der Regisseur Christopher Nolan fand in seinen Träumen wohl die Idee für den Science-Fiction Thriller „<em>Inception</em>“. Na ein Glück, dass die beiden sich nach dem Aufstehen noch an die Träume erinnert haben!</p> <h3>Wie entstehen Träume?</h3> <p>Bei meiner Recherche hat mich wirklich überrascht, wie wenig man darüber weiß. Das liegt vor allem daran, dass die Wissenschaft auf subjektive Berichte angewiesen ist, denn man kann die Schlafenden schließlich nicht direkt im Traum befragen. Zudem erinnern sich ja auch kaum Leute an ihre Träume, was die Datenerhebung zusätzlich erschwert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Man vermutet, dass Träumen durch das Zusammenspiel mehrerer Aktivierungen im Gehirn in verschiedenen Regionen ausgelöst wird, woraus das Gehirn eine Geschichte baut. Unsere Augen sehen also keine Szenerie, aber unser Gehirn sorgt dafür, dass wir trotzdem ein Bild wahrnehmen, während wir träumen. Dies ist übrigens der Grund, wieso auch von Geburt an blinde Menschen in visuellen Bildern träumen können [11]!</p> <p>Das “<strong>Aktivierungs-Synthese-Modell</strong>” von 1977 beschreibt, dass der Hirnstamm und der Frontalkortex das Träumen auslösen [12]. Nach dieser Hypothese wird, besonders in der REM-Phase des Schlafs, im <strong>Hirnstamm </strong>spontane neuronale Aktivität erzeugt (<em>Aktivierung</em>), also der Bereich des Gehirns, der für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus wichtig ist.</p> <p>Diese Signale werden dann in den <strong>Kortex </strong>weitergeleitet und erreichen unter anderem emotionale und erinnerungsbezogene Regionen und werden dort zusammen verarbeitet. Dies ist der Grund, wieso wir oft von Geschehnissen der letzten Tage träumen, von der furchterregenden Matheklausur, die am nächsten Tag ansteht, oder von dem fantastischen Date, was man gestern hatte.</p> <p>Der <strong>Frontalkortex </strong>ist schlussendlich für die Bewertung von allem zuständig und versucht, Sinn in die Fragmente zu bekommen, indem eine mehr oder weniger kohärente Geschichte aus Bildern, Handlung, Personen, Orten und Gefühlen gebastelt wird (<em>Synthese</em>) [12], [13].</p> <p>Wie ihr aber alle bestimmt wisst, sind Träume keine 1:1 Abbildung unserer Erlebnisse des Vortages, sondern sind oft lückenhaft, sprunghaft und können ziemlich konfus werden. Während wir träumen scheint der <strong>dorsolaterale Frontalkortex</strong> heruntergefahren zu sein, der für Realitätswahrnehmung und Logik zuständig ist. Dies könnte erklären, wieso wir unlogische Dinge erträumen, wie zum Beispiel fliegen oder sich Dinge herbeizaubern zu können [14].</p> <p>Das Aktivierungs-Synthese-Modell sieht Träume als <strong>Nebenprodukt unseres Schlafs</strong>, und nicht wie Freud als Signale unseres Unterbewusstseins. Manche Menschen haben es sogar schonmal erlebt, die eigenen Träume steuern zu können! Was es damit auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen:</p> <figure></figure> <h3>Sind Träume doch keine Schäume?</h3> <p>Aber wenn Träume wirklich nur durch spontane Aktivität auftreten, heißt das dann, dass sie keine großartige Bedeutung haben? Naja… ganz so einfach ist es auch nicht.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-scaled.jpg"><img alt="Bedeutung von Träumen" decoding="async" height="749" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-300x219.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-768x562.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1536x1123.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-2048x1498.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Das Themenfeld der Psychoanalyse beschäftigt sich näher mit Traumdeutung und was wiederkehrende Traummotive bedeuten. Teilweise wird in der Psychotherapie die Psychoanalyse angewandt, um zu Grunde liegende Konflikte bei Menschen mit bestimmten Krankheiten aufzuarbeiten. Um die Traummotive von oben nochmal aufzugreifen, werden diese häufig so interpretiert: „Verfolgt werden“ könnte bedeuten, dass man Konflikten im echten Leben aus dem Weg geht, oder Ängste und Schuldgefühle verdrängt. Der „freie Fall“ im Traum wird oft mit Kontrollverlust im Alltag oder Ängsten um sozialen oder beruflichen Absturz in Verbindung gebracht, und Träume, die einen zurück in die Schulzeit befördern, können mit Versagensangst und sozialer Bewertung erklärt werden.</p> <p>Wie viel Bedeutung man in seine Träume interpretiert, ist natürlich am Ende jedem selbst überlassen. Nach aktuellem Forschungsstand entstehen Träume vermutlich vor allem durch spontane neuronale Aktivität, die jedes Mal, wenn wir schlafen, auftritt und die unser Gehirn zu zusammenhängenden Geschichten verarbeitet. Dabei fließen zwar Erlebnisse, Emotionen und Eindrücke aus dem Alltag mit ein, doch ob Träume tatsächlich eine tiefere Bedeutung haben, lässt sich wissenschaftlich kaum eindeutig belegen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Von Sigmund Freud, der in Träumen versteckte Botschaften gesehen und unsere tiefsten Bedürfnisse hineininterpretiert hat, bis hin zu Wissenschaftlern, die der Meinung sind, dass Träume nur zufällige neuronale Aktivität sind und keine Bedeutung haben, ist alles an Meinungen dabei. Die Wahrheit, ob Träume nur Schäume sind, liegt vermutlich irgendwo zwischen den beiden Ansätzen. Ja, Träume entstehen durch spontane Gehirnaktivität, die das Gehirn zu interpretieren versucht, sind jedoch keine genaue Abbildung unseres Unterbewusstseins. Und trotzdem werden Themen eingebaut, die uns wichtig sind und beschäftigen und vermutlich während wir träumen verarbeiten.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Vielleicht sind Träume also wirklich nur Schäume, aber solche, in denen man trotzdem viel Wahrheit und Bedeutungsvolles aus seinem Leben wiederfinden kann.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1]        T. Tsunematsu, ‘What are the neural mechanisms and physiological functions of dreams?’, <em>Neurosci. Res.</em>, vol. 189, pp. 54–59, Apr. 2023, doi: 10.1016/j.neures.2022.12.017.</p> <p>[2]        R. Vallat, B. Chatard, M. Blagrove, and P. Ruby, ‘Characteristics of the memory sources of dreams: A new version of the content-matching paradigm to take mundane and remote memories into account’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 12, no. 10, p. e0185262, Oct. 2017, doi: 10.1371/journal.pone.0185262.</p> <p>[3]        M. Schredl, ‘Dream Recall Frequency in a Representative German Sample’, <em>Percept. Mot. Skills</em>, vol. 106, no. 3, pp. 699–702, Jun. 2008, doi: 10.2466/pms.106.3.699-702.</p> <p>[4]        M. Schredl and I. Reinhard, ‘Gender differences in dream recall: a meta-analysis’, <em>J. Sleep Res.</em>, vol. 17, no. 2, pp. 125–131, Jun. 2008, doi: 10.1111/j.1365-2869.2008.00626.x.</p> <p>[5]        G. W. Domhoff, <em>Finding Meaning in Dreams</em>. Boston, MA: Springer US, 1996. doi: 10.1007/978-1-4899-0298-6.</p> <p>[6]        M. Schredl, P. Ciric, S. GÖtz, and L. Wittmann, ‘Typical Dreams: Stability and Gender Differences’, <em>J. Psychol.</em>, vol. 138, no. 6, pp. 485–494, Jan. 2004, doi: 10.3200/JRLP.138.6.485-494.</p> <p>[7]        M. Schredl, ‘Typical dreams of falling, being chased, and being paralyzed in Germany from 1956 to 2000’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 61–66, Apr. 2021, doi: 10.11588/ijodr.0.0.75878.</p> <p>[8]        K. Bulkeley, <em>Big Dreams: The Science of Dreaming and the Origins of Religion</em>. Oxford University Press, 2016.</p> <p>[9]        R. D. Cartwright, <em>The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives</em>. in The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives. New York, NY, US: Oxford University Press, 2010, pp. xvi, 208.</p> <p>[10]      F. Klepel, M. Schredl, and A. S. Göritz, ‘Dreams stimulate waking-life creativity and problem solving: Effects of personality traits’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 95–102, Apr. 2019, doi: 10.11588/ijodr.2019.1.58950.</p> <p>[11]      C. S. Baird, ‘Do blind people dream in visual images?’, Science Questions with Surprising Answers. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://wtamu.edu/~cbaird/sq/2020/02/11/do-blind-people-dream-in-visual-images/</p> <p>[12]      J. A. Hobson and R. W. McCarley, ‘The brain as a dream state generator: an activation-synthesis hypothesis of the dream process’, <em>Am. J. Psychiatry</em>, vol. 134, no. 12, pp. 1335–1348, Dec. 1977, doi: 10.1176/ajp.134.12.1335.</p> <p>[13]      ‘How and Why Does the Brain Create Dreams? | Psychology Today’. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/your-brain-on-food/202312/how-and-why-does-the-brain-create-dreams</p> <p>[14]      Y. Kubota <em>et al.</em>, ‘Dorsolateral prefrontal cortical oxygenation during REM sleep in humans’, <em>Brain Res.</em>, vol. 1389, pp. 83–92, May 2011, doi: 10.1016/j.brainres.2011.02.061.</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.3</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/energie-heilende-haende_10073404.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=41&amp;uuid=79309153-77df-4442-8164-eaef1b02c451&amp;query=Seifenblasen" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-liegt-mit-schlafmaske-im-bett-vektorillustration_422809842.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=0d938ebe-90a0-42b9-822d-d982350c9bf7&amp;query=waking+up" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/erdbebenillustration-eines-mannes-der-rennt_137586014.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=cbb50781-df24-436d-bc31-7519cb2579fa&amp;query=being+chased" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/geschaeftsmann-faengt-stern-klettert-leiter-zum-himmel_18733182.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/friedlicher-mann-der-im-schlafzimmer-schlaeft-im-bett-ruht-raum-traeumt-karikaturillustration_12699804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frau-die-mit-geschlossenen-augen-auf-halbmond-sitzt-ruhige-person-die-einen-guten-tiefschlaf-hat-sich-entspannt-und-eine-flache-vektorillustration-ausruht-nacht-rem-schlafzyklus-wohlfuehlkonzept_28893867.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert mit Chat GPT 5.3</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sind Träume doch nur Schäume? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Im Traum gibt es nichts, das es nicht gibt, oder? Träume und alles rund um sie sind so verschieden wie wir Menschen nun mal sind: Manche träumen stets das Gleiche, andere erleben jede Nacht ein neues Abenteuer, manche erinnern sich jeden Morgen an Ihre Träume, andere wiederum fast nie. Aber habt ihr euch schonmal gefragt, ob eure Träume eigentlich was bedeuteten? Bestimmt, oder?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/10073404_4349184.jpg 2000w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Bereits <strong>Sigmund Freud</strong> (1856 – 1939) beschäftigte sich eindringlich mit der Frage, was Träume eigentlich verbergen und war damit Begründer der Psychoanalyse. Nach ihm spiegeln Träume unsere unterbewussten Wünsche wider und bilden innere, nicht gelöste Konflikte ab. Aber verstecken sich in unseren nächtlichen Geschichten wirklich verschlüsselte Botschaften? Will unser Unterbewusstsein uns mit unseren Traumgeschichten etwas mitteilen? Oder sind Träume vielleicht doch nur Schäume?</p> <h3>Was genau sind Träume?</h3> <p>Bis heute gibt es keine offizielle Definition von Träumen und wird von der <em>American Academy of Sleep Medicine</em> sogar als „unmöglich“ beschrieben, dies zu erreichen [1]. Nach einer der gängigsten Definition von Farthing (1991) sind Träume unsere <strong>subjektiven</strong> <strong>Empfindungen</strong> während wir schlafen, also von Erfahrungen und Gedanken bis hin zu Emotionen [1]. Wir träumen von bedeutsamen Tageserlebnissen, Hobbys, Fantasiewelten oder von Menschen, die uns wichtig sind oder mit denen wir im Alltag viel zu tun haben [2].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="853" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/422809842_bd4fa19d-6440-4d95-80f2-efe5c6d9f12d-2048x1707.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wir können uns zwar direkt nach dem Aufstehen meistens nicht mehr an unsere Träume erinnern, doch tatsächlich träumt jeder von uns mehrmals jede Nacht für ca. 5 bis 20 Minuten. Im Schnitt erinnern wir uns an einen Traum pro Woche, und trotzdem vergessen wir nach nur wenigen Minuten schon wieder, was wir geträumt haben [3]. Frauen scheinen sich übrigens besser zu erinnern und erleben ihre Träume emotionaler verglichen zu Männern [4].</p> <p>Am häufigsten wird von Träumen während des Rapid-Eye-Movement Schlafs (<strong>REM-Schlaf</strong>) berichtet, in der das Gehirn äußerst aktiv. Falls ihr mehr dazu und unserem Schlaf-Wach Rhythmus erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei.<aside></aside></p> <figure></figure> <h3>Die häufigsten Traummotive</h3> <p>Bereits 1996 wurde beschrieben, dass Träume unsere persönlichen Beziehungen, Erfahrungen und Konflikte widerspiegeln [5] und dass Tageserfahrungen den Inhalt der Träume der kommenden Nacht vorhersagen [6]. Auch wenn unsere Fantasie scheinbar unendlich groß ist, gibt es jedoch einige Motive, die bei den meisten Menschen immer wieder auftauchen [7]:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-scaled.jpg"><img alt="Traummotiv &quot;verfolgt werden&quot;" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/137586014_2d7260bf-4c7b-4007-bb48-a06e3e716bdb-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <ul> <li>verfolgt werden</li> <li>zu spät kommen</li> <li>freier Fall</li> <li>Schulszenarien (Klassenarbeiten, Lehrer, Mitschüler)</li> <li>sexuelle Erfahrungen</li> <li>gelähmt sein/ sich nicht oder nur sehr langsam bewegen können</li> <li>nackt in der Öffentlichkeit</li> <li>ausfallende Zähne</li> <li>verstorbene Personen sehen</li> </ul> <p>Na? Bestimmt kamen euch von der Liste die meisten Motive bekannt vor, richtig? Nur was hat es damit auf sich und wieso träumen wir eigentlich überhaupt?</p> <h3>Was die Traumforschung vermutet</h3> <p>Die physiologische Funktion von Träumen ist noch immer ungeklärt und bleibt ein für die Wissenschaft faszinierendes Phänomen. Einige Experten gehen davon aus, dass sich unser Gehirn beim Träumen neu sortiert und die Erfahrungen, die über den Tag gesammelt wurden, bewertet und abspeichert werden. Dies sorgt für <strong>Gedächtniskonsolidierung</strong> und hilft uns nachts das Gehirn einmal schön aufzuräumen, um am nächsten Tag Platz für neue Informationen zu schaffen [8].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/18733182_Businessman-catching-star-climbing-ladder-to-sky-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Theorie ist, dass wir in Träumen unser <strong>Angstmanagement</strong> trainieren (Threat Stimulation Theory). Während wir träumen, können wir in der sicheren Umgebung unserer nächtlichen Geschichten peinliche, bedrohliche oder traumatische Ereignisse des Tages verarbeiten und adäquate Verhaltensweisen üben, um diese im Alltag wieder anwenden zu können.</p> <p>Hinweise deuten zudem darauf hin, dass emotionale Bereiche des Gehirns während der Traumphasen sehr aktiv sind und Träume so unsere <strong>Emotionsregulation</strong> unterstützen [8], [9]. Ob Träume aber generell eine genaue Funktion haben, oder doch eher als Nebenprodukt unseres Schlafes gesehen werden können, bleibt unklar und wird bis heute debattiert. Zu guter Letzt scheint Träumen auch für unsere <strong>Kreativität </strong>wichtig zu sein [10]. Paul McCartney hat angeblich im Traum die Melodie des Klassikers „<em>Yesterday</em>“ erträumt, und der Regisseur Christopher Nolan fand in seinen Träumen wohl die Idee für den Science-Fiction Thriller „<em>Inception</em>“. Na ein Glück, dass die beiden sich nach dem Aufstehen noch an die Träume erinnert haben!</p> <h3>Wie entstehen Träume?</h3> <p>Bei meiner Recherche hat mich wirklich überrascht, wie wenig man darüber weiß. Das liegt vor allem daran, dass die Wissenschaft auf subjektive Berichte angewiesen ist, denn man kann die Schlafenden schließlich nicht direkt im Traum befragen. Zudem erinnern sich ja auch kaum Leute an ihre Träume, was die Datenerhebung zusätzlich erschwert.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12699804_Peaceful-man-sleeping-in-bedroom-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Man vermutet, dass Träumen durch das Zusammenspiel mehrerer Aktivierungen im Gehirn in verschiedenen Regionen ausgelöst wird, woraus das Gehirn eine Geschichte baut. Unsere Augen sehen also keine Szenerie, aber unser Gehirn sorgt dafür, dass wir trotzdem ein Bild wahrnehmen, während wir träumen. Dies ist übrigens der Grund, wieso auch von Geburt an blinde Menschen in visuellen Bildern träumen können [11]!</p> <p>Das “<strong>Aktivierungs-Synthese-Modell</strong>” von 1977 beschreibt, dass der Hirnstamm und der Frontalkortex das Träumen auslösen [12]. Nach dieser Hypothese wird, besonders in der REM-Phase des Schlafs, im <strong>Hirnstamm </strong>spontane neuronale Aktivität erzeugt (<em>Aktivierung</em>), also der Bereich des Gehirns, der für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus wichtig ist.</p> <p>Diese Signale werden dann in den <strong>Kortex </strong>weitergeleitet und erreichen unter anderem emotionale und erinnerungsbezogene Regionen und werden dort zusammen verarbeitet. Dies ist der Grund, wieso wir oft von Geschehnissen der letzten Tage träumen, von der furchterregenden Matheklausur, die am nächsten Tag ansteht, oder von dem fantastischen Date, was man gestern hatte.</p> <p>Der <strong>Frontalkortex </strong>ist schlussendlich für die Bewertung von allem zuständig und versucht, Sinn in die Fragmente zu bekommen, indem eine mehr oder weniger kohärente Geschichte aus Bildern, Handlung, Personen, Orten und Gefühlen gebastelt wird (<em>Synthese</em>) [12], [13].</p> <p>Wie ihr aber alle bestimmt wisst, sind Träume keine 1:1 Abbildung unserer Erlebnisse des Vortages, sondern sind oft lückenhaft, sprunghaft und können ziemlich konfus werden. Während wir träumen scheint der <strong>dorsolaterale Frontalkortex</strong> heruntergefahren zu sein, der für Realitätswahrnehmung und Logik zuständig ist. Dies könnte erklären, wieso wir unlogische Dinge erträumen, wie zum Beispiel fliegen oder sich Dinge herbeizaubern zu können [14].</p> <p>Das Aktivierungs-Synthese-Modell sieht Träume als <strong>Nebenprodukt unseres Schlafs</strong>, und nicht wie Freud als Signale unseres Unterbewusstseins. Manche Menschen haben es sogar schonmal erlebt, die eigenen Träume steuern zu können! Was es damit auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen:</p> <figure></figure> <h3>Sind Träume doch keine Schäume?</h3> <p>Aber wenn Träume wirklich nur durch spontane Aktivität auftreten, heißt das dann, dass sie keine großartige Bedeutung haben? Naja… ganz so einfach ist es auch nicht.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-scaled.jpg"><img alt="Bedeutung von Träumen" decoding="async" height="749" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1024x749.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-300x219.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-768x562.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-1536x1123.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/28893867_Woman-sitting-on-crescent-moon-with-closed-eyes-2048x1498.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Das Themenfeld der Psychoanalyse beschäftigt sich näher mit Traumdeutung und was wiederkehrende Traummotive bedeuten. Teilweise wird in der Psychotherapie die Psychoanalyse angewandt, um zu Grunde liegende Konflikte bei Menschen mit bestimmten Krankheiten aufzuarbeiten. Um die Traummotive von oben nochmal aufzugreifen, werden diese häufig so interpretiert: „Verfolgt werden“ könnte bedeuten, dass man Konflikten im echten Leben aus dem Weg geht, oder Ängste und Schuldgefühle verdrängt. Der „freie Fall“ im Traum wird oft mit Kontrollverlust im Alltag oder Ängsten um sozialen oder beruflichen Absturz in Verbindung gebracht, und Träume, die einen zurück in die Schulzeit befördern, können mit Versagensangst und sozialer Bewertung erklärt werden.</p> <p>Wie viel Bedeutung man in seine Träume interpretiert, ist natürlich am Ende jedem selbst überlassen. Nach aktuellem Forschungsstand entstehen Träume vermutlich vor allem durch spontane neuronale Aktivität, die jedes Mal, wenn wir schlafen, auftritt und die unser Gehirn zu zusammenhängenden Geschichten verarbeitet. Dabei fließen zwar Erlebnisse, Emotionen und Eindrücke aus dem Alltag mit ein, doch ob Träume tatsächlich eine tiefere Bedeutung haben, lässt sich wissenschaftlich kaum eindeutig belegen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Von Sigmund Freud, der in Träumen versteckte Botschaften gesehen und unsere tiefsten Bedürfnisse hineininterpretiert hat, bis hin zu Wissenschaftlern, die der Meinung sind, dass Träume nur zufällige neuronale Aktivität sind und keine Bedeutung haben, ist alles an Meinungen dabei. Die Wahrheit, ob Träume nur Schäume sind, liegt vermutlich irgendwo zwischen den beiden Ansätzen. Ja, Träume entstehen durch spontane Gehirnaktivität, die das Gehirn zu interpretieren versucht, sind jedoch keine genaue Abbildung unseres Unterbewusstseins. Und trotzdem werden Themen eingebaut, die uns wichtig sind und beschäftigen und vermutlich während wir träumen verarbeiten.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-9-2026-11_25_25-AM-1.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Vielleicht sind Träume also wirklich nur Schäume, aber solche, in denen man trotzdem viel Wahrheit und Bedeutungsvolles aus seinem Leben wiederfinden kann.</p> <h3>Quellen</h3> <p>[1]        T. Tsunematsu, ‘What are the neural mechanisms and physiological functions of dreams?’, <em>Neurosci. Res.</em>, vol. 189, pp. 54–59, Apr. 2023, doi: 10.1016/j.neures.2022.12.017.</p> <p>[2]        R. Vallat, B. Chatard, M. Blagrove, and P. Ruby, ‘Characteristics of the memory sources of dreams: A new version of the content-matching paradigm to take mundane and remote memories into account’, <em>PLoS ONE</em>, vol. 12, no. 10, p. e0185262, Oct. 2017, doi: 10.1371/journal.pone.0185262.</p> <p>[3]        M. Schredl, ‘Dream Recall Frequency in a Representative German Sample’, <em>Percept. Mot. Skills</em>, vol. 106, no. 3, pp. 699–702, Jun. 2008, doi: 10.2466/pms.106.3.699-702.</p> <p>[4]        M. Schredl and I. Reinhard, ‘Gender differences in dream recall: a meta-analysis’, <em>J. Sleep Res.</em>, vol. 17, no. 2, pp. 125–131, Jun. 2008, doi: 10.1111/j.1365-2869.2008.00626.x.</p> <p>[5]        G. W. Domhoff, <em>Finding Meaning in Dreams</em>. Boston, MA: Springer US, 1996. doi: 10.1007/978-1-4899-0298-6.</p> <p>[6]        M. Schredl, P. Ciric, S. GÖtz, and L. Wittmann, ‘Typical Dreams: Stability and Gender Differences’, <em>J. Psychol.</em>, vol. 138, no. 6, pp. 485–494, Jan. 2004, doi: 10.3200/JRLP.138.6.485-494.</p> <p>[7]        M. Schredl, ‘Typical dreams of falling, being chased, and being paralyzed in Germany from 1956 to 2000’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 61–66, Apr. 2021, doi: 10.11588/ijodr.0.0.75878.</p> <p>[8]        K. Bulkeley, <em>Big Dreams: The Science of Dreaming and the Origins of Religion</em>. Oxford University Press, 2016.</p> <p>[9]        R. D. Cartwright, <em>The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives</em>. in The twenty-four hour mind: The role of sleep and dreaming in our emotional lives. New York, NY, US: Oxford University Press, 2010, pp. xvi, 208.</p> <p>[10]      F. Klepel, M. Schredl, and A. S. Göritz, ‘Dreams stimulate waking-life creativity and problem solving: Effects of personality traits’, <em>Int. J. Dream Res.</em>, pp. 95–102, Apr. 2019, doi: 10.11588/ijodr.2019.1.58950.</p> <p>[11]      C. S. Baird, ‘Do blind people dream in visual images?’, Science Questions with Surprising Answers. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://wtamu.edu/~cbaird/sq/2020/02/11/do-blind-people-dream-in-visual-images/</p> <p>[12]      J. A. Hobson and R. W. McCarley, ‘The brain as a dream state generator: an activation-synthesis hypothesis of the dream process’, <em>Am. J. Psychiatry</em>, vol. 134, no. 12, pp. 1335–1348, Dec. 1977, doi: 10.1176/ajp.134.12.1335.</p> <p>[13]      ‘How and Why Does the Brain Create Dreams? | Psychology Today’. Accessed: May 01, 2026. [Online]. Available: https://www.psychologytoday.com/us/blog/your-brain-on-food/202312/how-and-why-does-the-brain-create-dreams</p> <p>[14]      Y. Kubota <em>et al.</em>, ‘Dorsolateral prefrontal cortical oxygenation during REM sleep in humans’, <em>Brain Res.</em>, vol. 1389, pp. 83–92, May 2011, doi: 10.1016/j.brainres.2011.02.061.</p> <h3>Bildquellen</h3> <ul> <li>Titelbild: generiert mit Chat GPT 5.3</li> <li>Abbildung 1: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/energie-heilende-haende_10073404.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=41&amp;uuid=79309153-77df-4442-8164-eaef1b02c451&amp;query=Seifenblasen" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 2: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/frau-liegt-mit-schlafmaske-im-bett-vektorillustration_422809842.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=10&amp;uuid=0d938ebe-90a0-42b9-822d-d982350c9bf7&amp;query=waking+up" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 3: <a href="https://www.magnific.com/de/vektoren-kostenlos/erdbebenillustration-eines-mannes-der-rennt_137586014.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=4&amp;uuid=cbb50781-df24-436d-bc31-7519cb2579fa&amp;query=being+chased" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 4: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/geschaeftsmann-faengt-stern-klettert-leiter-zum-himmel_18733182.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=1&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 5: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/friedlicher-mann-der-im-schlafzimmer-schlaeft-im-bett-ruht-raum-traeumt-karikaturillustration_12699804.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=19&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 6: <a href="https://de.freepik.com/vektoren-kostenlos/frau-die-mit-geschlossenen-augen-auf-halbmond-sitzt-ruhige-person-die-einen-guten-tiefschlaf-hat-sich-entspannt-und-eine-flache-vektorillustration-ausruht-nacht-rem-schlafzyklus-wohlfuehlkonzept_28893867.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=0&amp;uuid=e2c63a54-b5d2-4c83-a2ff-71435ad54a14&amp;query=dream" rel="noopener">Bildquelle</a></li> <li>Abbildung 7: generiert mit Chat GPT 5.3</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/neurowissenschaft-traeume/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>10</slash:comments> </item> <item> <title>Schiffshalter im Manta-Mors https://scilogs.spektrum.de/meertext/schiffshalter-im-manta-mors/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/schiffshalter-im-manta-mors/#comments Wed, 13 May 2026 16:38:21 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1984 <h1>Schiffshalter im Manta-Mors » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Remoras (Echeneidae) heißen im Deutschen Schiffshalter – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffshalter" rel="noopener">es gibt drei Gattungen und mehrere Arten</a>. Allerdings heften sie sich nur selten mit ihrer Saugplatte am Kopf – einer Umbildung der ersten Rückenflosse an Schiffe oder Taucher. Stattdessen saugen sie sich an große Wale, Fische, Haie und Rochen oder Meeresschildkröten. Dann reisen die schlanken Fische per Anhalter durch die warmen Meere. Ihr Haftorgan hält sie zuverlässig an ihrer Position meist auf der Unterseite ihrer Mitschwimmgelegenheit. So erwischen sie Reste der Beute, sie picken aber auch Parasiten von der Haut. Mit ihrer Stromlinienform und der großen Saugkraft ihrer lamellenförmigen Saugscheibe sind sie auch bei stärkeren Strömungen sicher „verankert“ und lösen sich erst, wenn sie es wollen. Liegt der Wirt auf dem Bauch, heften die mitreisenden Fische sich aber auch an der Oberseite oder gar kopfüber an.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="553" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-300x207.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-768x531.png 768w" width="800"></img></a><figcaption>Duncan Wright (User:Sabine’s Sunbird) – en: Image:Nurse shark with remoras.jpg<br></br>Nurse shark <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Ginglymostoma_cirratum" rel="noopener">Ginglymostoma cirratum</a></em> with remoras <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Remora" rel="noopener">Remora sp.</a></em> Bimini, The Bahamas. (Wikipedia: Remora)</figcaption></figure> <p>Einige Remoras suchen sich aber einen ungewöhnlichen Platz am Transportfisch aus: In der Kloake von Mantarochen.<br></br>Ein Team um die Meeresbiologin Emily Yeager hat gerade sieben solcher Beobachtungen publiziert, unter ihrem Skeet auf Bluesky bei der Vorstellung der Studie ergänzten weitere Biologen ähnliche Beobachtungen. Dazu kommen noch Beobachtungen, dass die Remoras offenbar auch in andere Körperöffnungen einzudringen versuchten: In die Kiemenspalten der riesigen Rochen.</p> <h2><strong>Cloacal Diving – Kloaken-Tauchgang</strong></h2> <p>Beobachtungen der letzten 15 Jahre an allen drei derzeit beschriebenen Mantarochen-Arten (<em>Mobula yarae, Mobula birostris </em>und <em>Mobula alfredi</em>), zeigten Kloaken-Tauchverhalten von Schiffshaltern sowohl bei jugendlichen als auch bei erwachsenen Mantarochen, in mehreren Ozeanbecken. Es ist also ein weit verbreitetes, wenn auch noch nicht so oft beschriebenes Phänomen.</p> <p>Außerdem haben die Biologen noch eine Beobachtung, bei der sich Echeneidae unterhalb der Kiemenschlitze eines Wirts festgesaugt haben, sowie mehrere Fälle von Kiemenverletzungen, die auf ein Eindringen von Echeneidae hindeuten.<br></br>Diese Beobachtungen tragen zur wachsenden Datenbank über Verhaltensinteraktionen zwischen Echeneidae und Wirten bei und bilden eine wichtige Grundlage für das Verständnis des Ausmaßes, der Vielfalt und der Dynamik dieser viel diskutierten, schwer fassbaren Wechselwirkungen zwischen Megafauna und Symbionten in marinen Lebensräumen.</p> <p>Dazu gehört auch, dass es bei ökologischen Beziehungen einen breiten Graubereich zwischen Mutualismus und Parasitismus gibt.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="614" sizes="(max-width: 563px) 100vw, 563px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg 563w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1-275x300.jpg 275w" width="563"></img></a></figure> <p>Auch wenn das Verhalten der Remoras des Andockens an großen Meeresbewohnern seit Langem bekannt ist, ist die Deutung schwierig – über die Wechselwirkungen der Mantarochen-Wirte und der saugnapfbewehrten Fischsymbionten auf ihren Wegen durch die offenen Ozeane ist noch wenig bekannt.</p> <p>Inwieweit die Mantas darunter leiden, ist also zurzeit nicht abzuschätzen. Wenn ein halber Fisch aus der Kloakenöffnung heraushängt, dürfte der Manta auf jeden Fall inkontinent sein. Ob und wie die Remora in der Kloake die Fortpflanzung stören könnte, vermag ebenfalls niemand einzuschätzen: Bei Haien und Rochen findet eine innere Befruchtung statt – das Männchen führt zur Spermienübergabe seine Klasper in die Kloake des Weibchens.</p> <p>Ein fremder Fisch in den Kiemen bzw. Verletzungen der Kiemenspalten könnten sich jedenfalls negativ auf die Atmung auswirken. Gerade diese Verletzungen werfen viele Fragen auf, von denen die meisten vermutlich nicht zu beantworten sind.</p> <p>Emilys Schlußfolgerung unter ihrem Skeet zur Publikation trifft ins Schwarze: „Most importantly though, the ocean is cool, fish are weird, and there’s so much more for us to learn about how (and why) organisms interact with one another!“.<br></br>Ein Fisch, der sich im After oder der Atemöffnung eines größeren Meerestieres festsaugt, ist definitiv weird!</p> <h2>Remoras auf Buckelwal – aus der Fischperspektive</h2> <p>Dieses Video stammt von einer Kamera auf einem Buckelwal in australischen Gewässern und zeigt, welchen Strömungen die Fische ausgesetzt sind.</p> <p>Ihre Saugnäpfe sind also extrem stark! Darum wird dieser <a href="https://advanced.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/aisy.202500557" rel="noopener">Spezialsaugnapf als Vorbild für technische Anwendungen genutzt.</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/a_OQqUTymHw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Rare video shows sucker fish hitching rides on humpback whales" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schiffshalter im Manta-Mors » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Remoras (Echeneidae) heißen im Deutschen Schiffshalter – <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schiffshalter" rel="noopener">es gibt drei Gattungen und mehrere Arten</a>. Allerdings heften sie sich nur selten mit ihrer Saugplatte am Kopf – einer Umbildung der ersten Rückenflosse an Schiffe oder Taucher. Stattdessen saugen sie sich an große Wale, Fische, Haie und Rochen oder Meeresschildkröten. Dann reisen die schlanken Fische per Anhalter durch die warmen Meere. Ihr Haftorgan hält sie zuverlässig an ihrer Position meist auf der Unterseite ihrer Mitschwimmgelegenheit. So erwischen sie Reste der Beute, sie picken aber auch Parasiten von der Haut. Mit ihrer Stromlinienform und der großen Saugkraft ihrer lamellenförmigen Saugscheibe sind sie auch bei stärkeren Strömungen sicher „verankert“ und lösen sich erst, wenn sie es wollen. Liegt der Wirt auf dem Bauch, heften die mitreisenden Fische sich aber auch an der Oberseite oder gar kopfüber an.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="553" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-300x207.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-49-768x531.png 768w" width="800"></img></a><figcaption>Duncan Wright (User:Sabine’s Sunbird) – en: Image:Nurse shark with remoras.jpg<br></br>Nurse shark <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Ginglymostoma_cirratum" rel="noopener">Ginglymostoma cirratum</a></em> with remoras <em><a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Remora" rel="noopener">Remora sp.</a></em> Bimini, The Bahamas. (Wikipedia: Remora)</figcaption></figure> <p>Einige Remoras suchen sich aber einen ungewöhnlichen Platz am Transportfisch aus: In der Kloake von Mantarochen.<br></br>Ein Team um die Meeresbiologin Emily Yeager hat gerade sieben solcher Beobachtungen publiziert, unter ihrem Skeet auf Bluesky bei der Vorstellung der Studie ergänzten weitere Biologen ähnliche Beobachtungen. Dazu kommen noch Beobachtungen, dass die Remoras offenbar auch in andere Körperöffnungen einzudringen versuchten: In die Kiemenspalten der riesigen Rochen.</p> <h2><strong>Cloacal Diving – Kloaken-Tauchgang</strong></h2> <p>Beobachtungen der letzten 15 Jahre an allen drei derzeit beschriebenen Mantarochen-Arten (<em>Mobula yarae, Mobula birostris </em>und <em>Mobula alfredi</em>), zeigten Kloaken-Tauchverhalten von Schiffshaltern sowohl bei jugendlichen als auch bei erwachsenen Mantarochen, in mehreren Ozeanbecken. Es ist also ein weit verbreitetes, wenn auch noch nicht so oft beschriebenes Phänomen.</p> <p>Außerdem haben die Biologen noch eine Beobachtung, bei der sich Echeneidae unterhalb der Kiemenschlitze eines Wirts festgesaugt haben, sowie mehrere Fälle von Kiemenverletzungen, die auf ein Eindringen von Echeneidae hindeuten.<br></br>Diese Beobachtungen tragen zur wachsenden Datenbank über Verhaltensinteraktionen zwischen Echeneidae und Wirten bei und bilden eine wichtige Grundlage für das Verständnis des Ausmaßes, der Vielfalt und der Dynamik dieser viel diskutierten, schwer fassbaren Wechselwirkungen zwischen Megafauna und Symbionten in marinen Lebensräumen.</p> <p>Dazu gehört auch, dass es bei ökologischen Beziehungen einen breiten Graubereich zwischen Mutualismus und Parasitismus gibt.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="614" sizes="(max-width: 563px) 100vw, 563px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1.jpg 563w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-1-275x300.jpg 275w" width="563"></img></a></figure> <p>Auch wenn das Verhalten der Remoras des Andockens an großen Meeresbewohnern seit Langem bekannt ist, ist die Deutung schwierig – über die Wechselwirkungen der Mantarochen-Wirte und der saugnapfbewehrten Fischsymbionten auf ihren Wegen durch die offenen Ozeane ist noch wenig bekannt.</p> <p>Inwieweit die Mantas darunter leiden, ist also zurzeit nicht abzuschätzen. Wenn ein halber Fisch aus der Kloakenöffnung heraushängt, dürfte der Manta auf jeden Fall inkontinent sein. Ob und wie die Remora in der Kloake die Fortpflanzung stören könnte, vermag ebenfalls niemand einzuschätzen: Bei Haien und Rochen findet eine innere Befruchtung statt – das Männchen führt zur Spermienübergabe seine Klasper in die Kloake des Weibchens.</p> <p>Ein fremder Fisch in den Kiemen bzw. Verletzungen der Kiemenspalten könnten sich jedenfalls negativ auf die Atmung auswirken. Gerade diese Verletzungen werfen viele Fragen auf, von denen die meisten vermutlich nicht zu beantworten sind.</p> <p>Emilys Schlußfolgerung unter ihrem Skeet zur Publikation trifft ins Schwarze: „Most importantly though, the ocean is cool, fish are weird, and there’s so much more for us to learn about how (and why) organisms interact with one another!“.<br></br>Ein Fisch, der sich im After oder der Atemöffnung eines größeren Meerestieres festsaugt, ist definitiv weird!</p> <h2>Remoras auf Buckelwal – aus der Fischperspektive</h2> <p>Dieses Video stammt von einer Kamera auf einem Buckelwal in australischen Gewässern und zeigt, welchen Strömungen die Fische ausgesetzt sind.</p> <p>Ihre Saugnäpfe sind also extrem stark! Darum wird dieser <a href="https://advanced.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/aisy.202500557" rel="noopener">Spezialsaugnapf als Vorbild für technische Anwendungen genutzt.</a></p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/a_OQqUTymHw?feature=oembed&amp;rel=0" title="Rare video shows sucker fish hitching rides on humpback whales" width="666"></iframe> </p></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/schiffshalter-im-manta-mors/#comments 8 Why We Are Running Out of Mathematics-Based AI Reasoning Benchmarks https://scilogs.spektrum.de/hlf/why-we-are-running-out-of-mathematics-based-ai-reasoning-benchmarks/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/why-we-are-running-out-of-mathematics-based-ai-reasoning-benchmarks/#comments Wed, 13 May 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14389 <h1>Why We Are Running Out of Mathematics-Based AI Reasoning Benchmarks - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Recently, the idea that Claude – a popular general-purpose large language model (LLM) from Anthropic – is conscious was mooted by the company’s CEO. For its part, Claude modestly gave itself a 15 to 20 percent probability of being conscious. Meanwhile, other popular LLMs and related AI have successfully completed complicated tasks once thought solely the preserve of humans – including composing and recording <a href="https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/11/chart-topping-singer-turns-out-to-be-ai/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">chart-topping hits</a>, penning <a href="https://automaton-media.com/en/news/ai-generated-isekai-novel-that-won-a-literary-contest-grand-prize-and-readers-choice-award-has-its-book-publication-and-manga-adaptation-cancelled/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">award-winning novels</a> and even creating <a href="https://www.nytimes.com/2022/09/02/technology/ai-artificial-intelligence-artists.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">top prize-worthy art. </a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14392" rel="attachment wp-att-14392"><img alt="Anthropic CEO Dario Amodei" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Anthropic CEO Dario Amodei. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">TechCrunch</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Do these achievements mean that AI has reached or exceeded human capabilities in terms of creativity and reasoning? And how would we know? For the latter, we can turn to mathematics, at least for now. </p> <h3>Foundational Years</h3> <p>Mathematics is one of AI researchers’ favourite testing grounds because it requires precise step-by-step reasoning built on the firm foundations of logic, and it can be verified rigorously and automatically, avoiding subjective judgment or expensive tests.</p> <p>Since 2017 and the advent of the neural network transformer architecture, which uses attention mechanisms to process sequential data, AI language model capabilities have increased at a staggering pace. To keep up, AI benchmarks have become more and more sophisticated.</p> <p>One of the first mathematical AI benchmarks was Google DeepMind’s <a href="https://github.com/google-deepmind/mathematics_dataset" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics Dataset</a>. Introduced in 2019, it contained well over 100 million question &amp; answer pairs that a bright schoolchild could answer, with questions limited to 160 characters in length, and answers to 30 characters. As the data were generated automatically, questions were varied but procedural, and therefore straightforward to solve for anyone who remembers a little bit from their school mathematics lessons. For example:<aside></aside></p> <p><strong>Question</strong>: Calculate \(-841880142.544 + 411127\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(-841469015.544\).</p> <p><strong>Question</strong>: Three letters picked without replacement from \(\mathrm{qqqkkklkqkkk}\). Give prob of sequence \(\mathrm{qql}\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(1/110\).</p> <p>Though some state-of-the-art AI models scored roughly 35% as soon as the benchmark was released, many others including OpenAI’s GPT-3, released in 2020, struggled because they lacked chain-of-thought reasoning, failing to conduct multi-step algebraic manipulations and instead predicting an answer immediately.</p> <p>Mathematics Dataset was finally consigned to the dustbin of history in 2023 with the release of GPT-4 and Google Gemini, whose advanced reasoning skills led to scores of 90%+; a stage in a benchmark’s lifecycle known as saturation or – more harshly – obsolescence.</p> <h3>High School Mathematics</h3> <p>Well before Mathematics Dataset had reached saturation, AI researchers were devising more challenging mathematics-based benchmarks. In 2021, <a href="https://github.com/openai/grade-school-math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GSM8K</a> and the imaginatively titled <a href="https://huggingface.co/datasets/qwedsacf/competition_math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MATH</a> benchmarks were both released with the intention of testing AI’s mettle in multistep mathematical reasoning.</p> <p>Created by human problem writers, OpenAI’s GSM8K contained 8500 mathematical problems that a bright middle-school student should be able to solve in just two to eight steps. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: Ali is a dean of a private school where he teaches one class. John is also a dean of a public school. John has two classes in his school. Each class has \(1/8\) the capacity of Ali’s class which has the capacity of \(120\) students. What is the combined capacity of both schools?</p> <p><strong>Answer</strong>: \(150\).</p> <p>Just over two years after its release, GPT-4 scored 92% on GSM8K, effectively saturating the benchmark.</p> <p>MATH fared somewhat better. This benchmark, devised by researchers from the University of California, Berkeley, contained 12,500 challenging problems from high-school mathematics competitions. MATH was shown to be difficult even for an average computer science PhD student, scoring around 40%. In comparison, upon its release, state-of-the-art models were scoring just 5%. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: What are all values of \(p\) such that for every \(q&gt;0\), we have \(\frac{3(pq^2+p^2q+3q^2+3pq)}{p+q}&gt;2p^2q\)? Express your answer in interval notation in decimal form.</p> <p><strong>Answer</strong>: \([0,3)\)</p> <p>But by 2024, MATH was heading the way of GSM8K into oblivion, with frontier models achieving 90%+ scores, including 94.8% from OpenAI’s o1.</p> <p>AI researchers needed a new focus, and some already had their sights set on the ultimate high-school mathematics competition – the International Mathematical Olympiad (IMO).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14393" rel="attachment wp-att-14393"><img alt="People onstage holding various countries' flags." decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>2015 IMO closing ceremony. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Z3144228</a> (CC-BY-4.0)</figcaption></figure> </div> <h3>The Ultimate Mathematics Competition</h3> <p>Held annually, the IMO attracts participants from over 100 countries and is widely regarded as the most prestigious mathematical competition in the world. Though there are only six problems that need to be solved over the course of two 4.5 hour sessions, each IMO question is fiendishly difficult.</p> <p>Unsurprisingly, IMO prize winners are disproportionately more likely than others to go on to produce important mathematical breakthroughs in their careers. For example, the first woman to win the Fields Medal, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryam-mirzakhani/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryam Mirzakhani</a>, was an IMO gold medallist. And <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a>, one of the most recognised mathematicians on the planet and another Fields Medallist, received bronze, silver and gold IMO medals at the ages of 10, 11 and 12, respectively.</p> <p>In 2024, a combined system comprising Google’s AlphaProof and AlphaGeometry 2 was the first AI to solve 4 of the 6 problems on the IMO. Though this is equivalent to a silver medal performance, the test was not conducted under competition rules.</p> <p>Crucially, each of the questions had to be manually translated into formal mathematical language for the systems to make sense of them, a long and labour-intensive task. However, once this was done, AlphaGeometry 2 – an AI system combining a Gemini-like LLM with a formal engine based on the laws of geometry – solved one problem within 19 seconds. Meanwhile, AlphaProof – which couples an LLM with a reinforcement learning algorithm – solved two algebra problems and one number theory problem in a total of three days.</p> <p>Just a year later, the IMO was no longer a challenging test for the most advanced AI models. Experimental systems from Google DeepMind and OpenAI achieved gold-level performance on the 2025 IMO, both answering 5 of the 6 questions correctly. Importantly, they did so within the competition time limits and in natural language, no longer needing manual translation of the questions into formal mathematics to work on the problems, and implementing large-scale tree search to allow the AIs to explore thousands of logical branches before committing to a line of reasoning.</p> <h3>Real Open Mathematical Problems</h3> <p>These landmark results leave mathematics-based AI benchmarking in a tricky situation. The technology is so advanced that coming up with challenging questions that have clean, simple answers is proving ever more difficult. In addition, the pace of development is so fast that the likelihood a benchmark will last more than a year before reaching saturation point is shrinking fast.</p> <p>This is why new benchmarks coming through are raising the game significantly; in fact, asking AI to solve problems at the bleeding edge of human knowledge and beyond.</p> <p>For example, non-profit research organisation Epoch AI has a benchmark called FrontierMath. This contains over 350 challenging problems, from undergraduate through to early postdoc level, that have known answers humans have derived. Up to now, the best performance has come from GPT-5.4 Pro (xhigh), with a score of 50%, but this is increasing all the time, and the team behind FrontierMath see it saturating in the next year or two.</p> <p>This is why they devised <a href="https://epoch.ai/frontiermath/open-problems" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FrontierMath: Open Problems</a>. Open Problems contains 15 open questions from research mathematics that professional mathematicians have tried and failed to answer. Answers to these questions range from, at the very least, being moderately interesting for some human mathematicians to, at best, representing a major breakthrough. Since its release, only one of the moderately interesting problems has been solved by AI (first with GPT-5.4 Pro, and later Claude Opus 4.6 (max) and Gemini 3.1 Pro).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14394" rel="attachment wp-att-14394"><img alt="Martin Hairer onstage." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hairer at the 11th Heidelberg Laureate Forum, 2024, in Heidelberg, Germany. Image credit: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure> </div> <p>Just a month after Open Problems’ release, a group of 11 highly distinguished mathematicians (including 2014 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hairer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Martin Hairer</a>, and 2010 Nevanlinna Prize winner <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/daniel-spielman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Daniel Spielman</a>) <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2602.05192" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proposed the First Proof challenge</a>, a set of 10 mathematical questions equivalent to lemmas in terms of difficulty which arose naturally in the authors’ research processes, and whose proofs are roughly five pages or less and had not been shared with anyone.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14395" rel="attachment wp-att-14395"><img alt="Daniel Spielman sitting at a table speaking into a microphone." decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Daniel Spielman at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLFF</figcaption></figure> </div> <p><a href="https://1stproof.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The First Proof challenge</a> was a preliminary effort to assess the capabilities of AI systems in solving research-level mathematics questions on their own. Experimental systems from OpenAI and Google DeepMind were the most successful, solving around half of the problems.</p> <p>From these results, the researchers behind First Proof are now in the process of concocting a second batch of even more fiendish problems, which are being created, tested and graded between March and June 2026, and will form a formal benchmark.</p> <h3>Is It the End for Mathematical Benchmarking?</h3> <p>But will this benchmark, or indeed FrontierMath: Open Problems, last? If progress remains on its current trajectory, the answer is no. Recently, Google DeepMind’s experimental AI system Aletheia <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2601.23245" rel="noreferrer noopener" target="_blank">autonomously produced PhD level research</a> results. Though obscure mathematically – calculating certain structure constants in arithmetic geometry called eigenweights – the result is new, moderately interesting and publishable.</p> <p>Elsewhere, mathematicians have been applying AI company Harmonic’s reasoning agent Aristotle and other competitor offerings, as well as state-of-the-art LLMs to some of <a href="https://www.erdosproblems.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the Erdős problems</a>. These are 1217 and counting problems (of which 692 remain open) of varying difficulty that, at some time in his career, prolific Hungarian mathematician Paul Erdős posed but did not solve. <a href="https://www.erdosproblems.com/forum/thread/blog:2" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Several solutions</a> to Erdős problems have been found and formally verified by AI in rapid succession recently. Again, these results are new and moderately interesting.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14396" rel="attachment wp-att-14396"><img alt="Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 515px) 100vw, 515px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg 515w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao-300x203.jpg 300w" width="515"></img></a><figcaption>Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Billy or Grace Tao</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Given these announcements and the pace of development up to this point, looking forward, it doesn’t seem unrealistic to imagine that GPT-10 or Gemini 8 will be producing results that could be described as much more than ‘moderately interesting’, perhaps even significant breakthroughs.</p> <p>If AI reaches this level of sophistication, humans will no longer be benchmarking AI with mathematics, but treating AI as an active participant in the mathematical process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Why We Are Running Out of Mathematics-Based AI Reasoning Benchmarks - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Recently, the idea that Claude – a popular general-purpose large language model (LLM) from Anthropic – is conscious was mooted by the company’s CEO. For its part, Claude modestly gave itself a 15 to 20 percent probability of being conscious. Meanwhile, other popular LLMs and related AI have successfully completed complicated tasks once thought solely the preserve of humans – including composing and recording <a href="https://www.telegraph.co.uk/news/2026/04/11/chart-topping-singer-turns-out-to-be-ai/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">chart-topping hits</a>, penning <a href="https://automaton-media.com/en/news/ai-generated-isekai-novel-that-won-a-literary-contest-grand-prize-and-readers-choice-award-has-its-book-publication-and-manga-adaptation-cancelled/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">award-winning novels</a> and even creating <a href="https://www.nytimes.com/2022/09/02/technology/ai-artificial-intelligence-artists.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">top prize-worthy art. </a></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14392" rel="attachment wp-att-14392"><img alt="Anthropic CEO Dario Amodei" decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Dario-Amodei-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Anthropic CEO Dario Amodei. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dario_Amodei_at_TechCrunch_Disrupt_2023_01.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">TechCrunch</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Do these achievements mean that AI has reached or exceeded human capabilities in terms of creativity and reasoning? And how would we know? For the latter, we can turn to mathematics, at least for now. </p> <h3>Foundational Years</h3> <p>Mathematics is one of AI researchers’ favourite testing grounds because it requires precise step-by-step reasoning built on the firm foundations of logic, and it can be verified rigorously and automatically, avoiding subjective judgment or expensive tests.</p> <p>Since 2017 and the advent of the neural network transformer architecture, which uses attention mechanisms to process sequential data, AI language model capabilities have increased at a staggering pace. To keep up, AI benchmarks have become more and more sophisticated.</p> <p>One of the first mathematical AI benchmarks was Google DeepMind’s <a href="https://github.com/google-deepmind/mathematics_dataset" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics Dataset</a>. Introduced in 2019, it contained well over 100 million question &amp; answer pairs that a bright schoolchild could answer, with questions limited to 160 characters in length, and answers to 30 characters. As the data were generated automatically, questions were varied but procedural, and therefore straightforward to solve for anyone who remembers a little bit from their school mathematics lessons. For example:<aside></aside></p> <p><strong>Question</strong>: Calculate \(-841880142.544 + 411127\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(-841469015.544\).</p> <p><strong>Question</strong>: Three letters picked without replacement from \(\mathrm{qqqkkklkqkkk}\). Give prob of sequence \(\mathrm{qql}\).</p> <p><strong>Answer</strong>: \(1/110\).</p> <p>Though some state-of-the-art AI models scored roughly 35% as soon as the benchmark was released, many others including OpenAI’s GPT-3, released in 2020, struggled because they lacked chain-of-thought reasoning, failing to conduct multi-step algebraic manipulations and instead predicting an answer immediately.</p> <p>Mathematics Dataset was finally consigned to the dustbin of history in 2023 with the release of GPT-4 and Google Gemini, whose advanced reasoning skills led to scores of 90%+; a stage in a benchmark’s lifecycle known as saturation or – more harshly – obsolescence.</p> <h3>High School Mathematics</h3> <p>Well before Mathematics Dataset had reached saturation, AI researchers were devising more challenging mathematics-based benchmarks. In 2021, <a href="https://github.com/openai/grade-school-math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">GSM8K</a> and the imaginatively titled <a href="https://huggingface.co/datasets/qwedsacf/competition_math" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MATH</a> benchmarks were both released with the intention of testing AI’s mettle in multistep mathematical reasoning.</p> <p>Created by human problem writers, OpenAI’s GSM8K contained 8500 mathematical problems that a bright middle-school student should be able to solve in just two to eight steps. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: Ali is a dean of a private school where he teaches one class. John is also a dean of a public school. John has two classes in his school. Each class has \(1/8\) the capacity of Ali’s class which has the capacity of \(120\) students. What is the combined capacity of both schools?</p> <p><strong>Answer</strong>: \(150\).</p> <p>Just over two years after its release, GPT-4 scored 92% on GSM8K, effectively saturating the benchmark.</p> <p>MATH fared somewhat better. This benchmark, devised by researchers from the University of California, Berkeley, contained 12,500 challenging problems from high-school mathematics competitions. MATH was shown to be difficult even for an average computer science PhD student, scoring around 40%. In comparison, upon its release, state-of-the-art models were scoring just 5%. Below is an example question and answer:</p> <p><strong>Question</strong>: What are all values of \(p\) such that for every \(q&gt;0\), we have \(\frac{3(pq^2+p^2q+3q^2+3pq)}{p+q}&gt;2p^2q\)? Express your answer in interval notation in decimal form.</p> <p><strong>Answer</strong>: \([0,3)\)</p> <p>But by 2024, MATH was heading the way of GSM8K into oblivion, with frontier models achieving 90%+ scores, including 94.8% from OpenAI’s o1.</p> <p>AI researchers needed a new focus, and some already had their sights set on the ultimate high-school mathematics competition – the International Mathematical Olympiad (IMO).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14393" rel="attachment wp-att-14393"><img alt="People onstage holding various countries' flags." decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/IMO_2015_closing_ceremony-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>2015 IMO closing ceremony. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:IMO_2015_closing_ceremony.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Z3144228</a> (CC-BY-4.0)</figcaption></figure> </div> <h3>The Ultimate Mathematics Competition</h3> <p>Held annually, the IMO attracts participants from over 100 countries and is widely regarded as the most prestigious mathematical competition in the world. Though there are only six problems that need to be solved over the course of two 4.5 hour sessions, each IMO question is fiendishly difficult.</p> <p>Unsurprisingly, IMO prize winners are disproportionately more likely than others to go on to produce important mathematical breakthroughs in their careers. For example, the first woman to win the Fields Medal, <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryam-mirzakhani/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryam Mirzakhani</a>, was an IMO gold medallist. And <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/terence-tao/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Terence Tao</a>, one of the most recognised mathematicians on the planet and another Fields Medallist, received bronze, silver and gold IMO medals at the ages of 10, 11 and 12, respectively.</p> <p>In 2024, a combined system comprising Google’s AlphaProof and AlphaGeometry 2 was the first AI to solve 4 of the 6 problems on the IMO. Though this is equivalent to a silver medal performance, the test was not conducted under competition rules.</p> <p>Crucially, each of the questions had to be manually translated into formal mathematical language for the systems to make sense of them, a long and labour-intensive task. However, once this was done, AlphaGeometry 2 – an AI system combining a Gemini-like LLM with a formal engine based on the laws of geometry – solved one problem within 19 seconds. Meanwhile, AlphaProof – which couples an LLM with a reinforcement learning algorithm – solved two algebra problems and one number theory problem in a total of three days.</p> <p>Just a year later, the IMO was no longer a challenging test for the most advanced AI models. Experimental systems from Google DeepMind and OpenAI achieved gold-level performance on the 2025 IMO, both answering 5 of the 6 questions correctly. Importantly, they did so within the competition time limits and in natural language, no longer needing manual translation of the questions into formal mathematics to work on the problems, and implementing large-scale tree search to allow the AIs to explore thousands of logical branches before committing to a line of reasoning.</p> <h3>Real Open Mathematical Problems</h3> <p>These landmark results leave mathematics-based AI benchmarking in a tricky situation. The technology is so advanced that coming up with challenging questions that have clean, simple answers is proving ever more difficult. In addition, the pace of development is so fast that the likelihood a benchmark will last more than a year before reaching saturation point is shrinking fast.</p> <p>This is why new benchmarks coming through are raising the game significantly; in fact, asking AI to solve problems at the bleeding edge of human knowledge and beyond.</p> <p>For example, non-profit research organisation Epoch AI has a benchmark called FrontierMath. This contains over 350 challenging problems, from undergraduate through to early postdoc level, that have known answers humans have derived. Up to now, the best performance has come from GPT-5.4 Pro (xhigh), with a score of 50%, but this is increasing all the time, and the team behind FrontierMath see it saturating in the next year or two.</p> <p>This is why they devised <a href="https://epoch.ai/frontiermath/open-problems" rel="noreferrer noopener" target="_blank">FrontierMath: Open Problems</a>. Open Problems contains 15 open questions from research mathematics that professional mathematicians have tried and failed to answer. Answers to these questions range from, at the very least, being moderately interesting for some human mathematicians to, at best, representing a major breakthrough. Since its release, only one of the moderately interesting problems has been solved by AI (first with GPT-5.4 Pro, and later Claude Opus 4.6 (max) and Gemini 3.1 Pro).</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14394" rel="attachment wp-att-14394"><img alt="Martin Hairer onstage." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54018689498_291181be52_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hairer at the 11th Heidelberg Laureate Forum, 2024, in Heidelberg, Germany. Image credit: Kreutzer/HLFF</figcaption></figure> </div> <p>Just a month after Open Problems’ release, a group of 11 highly distinguished mathematicians (including 2014 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/martin-hairer/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Martin Hairer</a>, and 2010 Nevanlinna Prize winner <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/daniel-spielman/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Daniel Spielman</a>) <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2602.05192" rel="noreferrer noopener" target="_blank">proposed the First Proof challenge</a>, a set of 10 mathematical questions equivalent to lemmas in terms of difficulty which arose naturally in the authors’ research processes, and whose proofs are roughly five pages or less and had not been shared with anyone.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14395" rel="attachment wp-att-14395"><img alt="Daniel Spielman sitting at a table speaking into a microphone." decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53260912142_8195179193_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Daniel Spielman at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLFF</figcaption></figure> </div> <p><a href="https://1stproof.org/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The First Proof challenge</a> was a preliminary effort to assess the capabilities of AI systems in solving research-level mathematics questions on their own. Experimental systems from OpenAI and Google DeepMind were the most successful, solving around half of the problems.</p> <p>From these results, the researchers behind First Proof are now in the process of concocting a second batch of even more fiendish problems, which are being created, tested and graded between March and June 2026, and will form a formal benchmark.</p> <h3>Is It the End for Mathematical Benchmarking?</h3> <p>But will this benchmark, or indeed FrontierMath: Open Problems, last? If progress remains on its current trajectory, the answer is no. Recently, Google DeepMind’s experimental AI system Aletheia <a href="https://doi.org/10.48550/arXiv.2601.23245" rel="noreferrer noopener" target="_blank">autonomously produced PhD level research</a> results. Though obscure mathematically – calculating certain structure constants in arithmetic geometry called eigenweights – the result is new, moderately interesting and publishable.</p> <p>Elsewhere, mathematicians have been applying AI company Harmonic’s reasoning agent Aristotle and other competitor offerings, as well as state-of-the-art LLMs to some of <a href="https://www.erdosproblems.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">the Erdős problems</a>. These are 1217 and counting problems (of which 692 remain open) of varying difficulty that, at some time in his career, prolific Hungarian mathematician Paul Erdős posed but did not solve. <a href="https://www.erdosproblems.com/forum/thread/blog:2" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Several solutions</a> to Erdős problems have been found and formally verified by AI in rapid succession recently. Again, these results are new and moderately interesting.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/?attachment_id=14396" rel="attachment wp-att-14396"><img alt="Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 515px) 100vw, 515px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg 515w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Paul_Erdos_with_Terence_Tao-300x203.jpg 300w" width="515"></img></a><figcaption>Paul Erdős teaching 10 year old Terence Tao in 1985. Image credit: <a data-id="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" data-type="link" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_Erdos_with_Terence_Tao.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Billy or Grace Tao</a> (CC-BY-2.0)</figcaption></figure> </div> <p>Given these announcements and the pace of development up to this point, looking forward, it doesn’t seem unrealistic to imagine that GPT-10 or Gemini 8 will be producing results that could be described as much more than ‘moderately interesting’, perhaps even significant breakthroughs.</p> <p>If AI reaches this level of sophistication, humans will no longer be benchmarking AI with mathematics, but treating AI as an active participant in the mathematical process.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/why-we-are-running-out-of-mathematics-based-ai-reasoning-benchmarks/#comments 3 Attention, Attention: ADHS https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/#respond Wed, 13 May 2026 09:30:55 +0000 Ruzica Sedic https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5944 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/adhs200-1.jpg" /><h1>Attention, Attention: ADHS » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit lenkt, worauf wir reagieren, was wir ausblenden und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung, wenn sie schwer zu regulieren ist: wenn Gedanken abschweifen, Reize gleichzeitig um Priorität konkurrieren oder selbst einfache Aufgaben unerwartet viel Energie kosten. Für Menschen mit ADHS ist Aufmerksamkeit ein dynamischer Prozess, der zwischen Hyperfokus und Ablenkbarkeit schwankt.</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Was ist ADHS?</h3> <p>Wenn von Aufmerksamkeitsstörungen die Rede ist, denken viele zunächst an hyperaktive Kinder. Tatsächlich ist ADHS jedoch eine komplexe neurobiologische Entwicklungsstörung, die Menschen jeden Alters betrifft, auch solche, die äußerlich ruhig und organisiert wirken. Im Kern liegt eine veränderte Regulation von Aufmerksamkeit zugrunde, die auf ein Ungleichgewicht in dopaminergen und noradrenergen Systemen zurückgeführt wird. Diese Neurotransmitter sind entscheidend für Motivation, Belohnungsverarbeitung und kognitive Kontrolle [4].</p> <p>Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die sich im Erwachsenenalter oft anders äußern: etwa durch Vergesslichkeit, häufiges Unterbrechen von Aufgaben oder Schwierigkeiten, Aufgaben konsequent zu Ende zu führen. Viele Betroffene haben zudem Probleme, irrelevante Reize auszublenden, was Alltagsanforderungen zusätzlich erschwert [5, 6].</p> <p>Paradoxerweise berichten viele auch von sogenanntem Hyperfokus: Phasen intensiver, kaum kontrollierbarer Konzentration auf stark belohnende Tätigkeiten, in denen die Umwelt ausgeblendet wird. ADHS ist daher kein Mangel an Disziplin, sondern Ausdruck einer veränderten Reizverarbeitung.</p> <h3>ADHS: Ein Interview</h3> <h4>Wann un<strong>d wie wurde bei dir ADHS diagnostiziert? </strong></h4> <p>Als ich neun Jahre alt war, wurde meinen Eltern empfohlen, mit mir einen Psychiater aufzusuchen, da ich ein sehr verhaltensauffälliges Kind war. Dort wurden dann alle möglichen Tests gemacht, unter anderem wurde ich auf ADHS getestet. Ich hatte das “Glück”, dass sich mein ADHS als Kind häufig so äußerte, wie man es sich bei stereotypen hyperaktiven Jungs vorstellt, sodass die Diagnose quasi auf der Hand lag.</p> <h4><strong>Weshalb wurdest du getestet? Wie äußerte sich dein ADHS als Kind?</strong></h4> <p>Ich war schon immer schlecht in der Schule. Gerade als Kind konnte ich mich kaum konzentrieren und habe sowohl mich selbst als auch die anderen Kinder abgelenkt. Ich hatte nur schlechte Noten und meine Hausaufgaben konnte ich erst nach mehreren Stunden beenden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich so viele Gedanken im Kopf hatte, dass ich selbst keinen klaren fassen konnte. Oft war ich wahnsinnig sauer, weil ich das Gefühl hatte, nicht richtig denken zu können. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in dichten Nebel gehüllt. In der Grundschule haben wir häufig Laufdiktate gemacht. Irgendwo im Raum hing ein Text, den man sich merken musste, um ihn dann am Platz auf Papier wiederzugeben. Bis ich am Platz war, hatte ich jegliche Information über den Text wieder vergessen.</p> <h4><strong>Wie hast du die Diagnose im ersten Moment erlebt?</strong></h4> <p>Ich weiß noch, dass ich mich sehr dafür geschämt hatte. Mittlerweile ist die Diagnose sehr wertvoll für mich, weil ich verschiedene Verhaltensweisen und Gefühle besser zuordnen kann, aber als Kind sah ich die Diagnose als den großen limitierenden Faktor, der mich davon abhalten wird “etwas zu erreichen”. </p> <h4><strong>Wie sah die Therapie nach der Diagnose aus?</strong></h4> <p>Nach der Diagnose bekam ich ein Medikament, das meine Aufmerksamkeit verbessern sollte. Dieses habe ich dann auch knapp fünf Jahre eingenommen. Ich habe mich dabei aber immer unwohl gefühlt, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Leider hatte es mehr Nebenwirkungen als positive Effekte. Außerdem wurde mir Ergotherapie verschrieben, da ich im Alltag Probleme mit der Motorik hatte.</p> <h4><strong>Wie schaffst du es deinen Alltag zu bewältigen?</strong></h4> <p>Da ich keine Medikamente nehme, um meine Aufmerksamkeit zu verbessern, bin ich darauf angewiesen, mich nach ihr zu richten. Es gibt Tage, an denen ich mich auf nichts konzentrieren kann. Dann versuche ich, nur das Wichtigste zu erledigen. An anderen Tagen habe ich hingegen sehr viel Tatendrang und Fokus und kann alle anfallenden Aufgaben bewältigen. Am wichtigsten sind Akzeptanz und Vertrauen, dass ein besserer Tag kommen wird. Das fällt mir häufig noch schwer. Ansonsten strukturiere ich meine Tage sehr gut, stelle mir Erinnerungen auf dem Handy, plane eine grobe Wochenstruktur immer eine Woche im Voraus und versuche, Dinge wie Putzen, Wäsche waschen oder Einkaufen immer am selben Wochentag zu erledigen. </p> <h4><strong>Wie erlebst du Umgebungsreize (Geräusche, visuelle Eindrücke, Gespräche)?</strong></h4> <p>Ich bin sehr leicht von Umgebungsreizen überfordert. Wenn ich beispielsweise ein Gespräch führe und im Hintergrund ein Vogel zwitschert, kann ich mich nur schwer darauf konzentrieren und muss pausieren, bis das Geräusch leiser wird. Auch beim Autofahren habe ich große Probleme, all die Reize zu verarbeiten. Deshalb fahre ich mittlerweile nur noch Bahn. Einen Großteil meines Alltags verbringe ich außerdem mit Kopfhörern, weil laute oder viele Geräusche mich überfordern.</p> <h4><strong>Hast du Phasen von Hyperfokus? Welche Vor- und Nachteile hat das für dich?</strong></h4> <p>Meine große Leidenschaft ist die Naturwissenschaft, etwas, das ich mittlerweile auch studiere. Ich könnte stundenlang lernen und lesen, ohne meine Konzentration zu verlieren, und vergesse dabei alles um mich herum. Der Vorteil ist, dass ich dadurch in der Uni sehr gut bin. Der Nachteil ist jedoch, dass ich meine eigenen physischen und mentalen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehme. Ich vergesse zu trinken, zu essen, zur Toilette zu gehen und Pausen zu machen. Manchmal bin ich sechs Stunden lang konzentriert und bin danach völlig erschöpft.</p> <h4><strong>Wie beeinflusst ADHS deine Stimmung oder Motivation</strong>?</h4> <p>Quasi alles, was ich tue, wird durch meine Motivation bestimmt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich in der Schule nur auf die Fächer konzentrieren konnte, für die ich mich interessierte. Mich durch Erdkunde, Geschichte oder Französisch durchzuschlagen, war eine Qual. Ich bin sehr glücklich, das Privileg zu haben, etwas zu studieren, das mich begeistert. In einer kaufmännischen Ausbildung wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Wenn ich allerdings Tage habe, an denen ich Dinge tun muss, die mir keinen Spaß machen, komme ich wahnsinnig schwer aus dem Bett. Schon im frühen Kindesalter habe ich eine Depression entwickelt. So geht es vielen Menschen mit ADHS: Wenn die Lust fehlt, fällt man schnell in eine Sinnkrise. </p> <h4><strong>Gehst du heute in Therapie?</strong></h4> <p>Therapie ist seit vielen Jahren Teil meines Alltags. Ich bespreche dort viele Dinge und arbeite vor allem an den Komorbiditäten, die das ADHS mit sich bringt, wie beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Durch die Therapie habe ich gelernt, besser mit meinem Gehirn umzugehen, und ich habe Strategien entwickelt, die mir das Leben leichter machen.</p> <h4><strong>Was würdest du anderen Betroffenen raten?</strong></h4> <p>Versucht euch selbst zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass ihr euren Weg gehen werdet. Löst euch von Erwartungen und von Vorurteilen, die euch auferlegt wurden. Ihr seid nicht faul oder dumm, ihr erlebt die Realität nur anders. Seit sanft zu euch, nehmt Hilfe an und wählt einen Alltag, der für euch funktioniert! </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Skowronek, J., Seifert, A., &amp; Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4</a></li> <li>Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., &amp; Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036</a></li> <li>American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)</li> <li>Heine, S., &amp; Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. <a href="https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329" rel="noopener">https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/adhs200-1.jpg" /><h1>Attention, Attention: ADHS » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Ruzica Sedic</h2><div itemprop="text"> <p>Aufmerksamkeit lenkt, worauf wir reagieren, was wir ausblenden und wie wir unsere Umwelt wahrnehmen. Besonders deutlich wird ihre Bedeutung, wenn sie schwer zu regulieren ist: wenn Gedanken abschweifen, Reize gleichzeitig um Priorität konkurrieren oder selbst einfache Aufgaben unerwartet viel Energie kosten. Für Menschen mit ADHS ist Aufmerksamkeit ein dynamischer Prozess, der zwischen Hyperfokus und Ablenkbarkeit schwankt.</p> <h3>Aufmerksamkeitsformen und Neuroanatomie</h3> <p>Aufmerksamkeit lässt sich grob in vier Formen [1] unterteilen.</p> <ul> <li><strong>Anhaltende Aufmerksamkeit</strong>: Die Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten</li> <li><strong>Selektive Aufmerksamkeit</strong>: Sich auf relevante Reize konzentrieren und dabei irrelevante Reize ausblenden</li> <li><strong>Wechselnde Aufmerksamkeit</strong>: Zwischen zwei Aufgaben wechseln</li> <li><strong>Geteilte Aufmerksamkeit</strong>: Mehrere Elemente gleichzeitig wahrnehmen und verarbeiten</li> </ul> <p>Diese Formen sind nicht scharf getrennt, sondern überlappen sich im Alltag kontinuierlich. </p> <p>Aus neuroanatomischer Sicht sitzt eine große Portion exekutiver Aufmerksamkeit im präfrontalen Kortex: jener Bereich direkt hinter der Stirn, der für Planung, Impulskontrolle und Zielgerichtetheit verantwortlich ist [2]. Parallel dazu arbeiten Netzwerke im Parietal‑ und Frontalhirn zusammen, die für die Filterung von Sinneseindrücken zuständig sind [3]. </p> <p>Mehr zu Aufmerksamkeit im Alltag im <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/aufmerksamkeit-und-adhs/">ersten Teil</a>.<aside></aside></p> <h3>Was ist ADHS?</h3> <p>Wenn von Aufmerksamkeitsstörungen die Rede ist, denken viele zunächst an hyperaktive Kinder. Tatsächlich ist ADHS jedoch eine komplexe neurobiologische Entwicklungsstörung, die Menschen jeden Alters betrifft, auch solche, die äußerlich ruhig und organisiert wirken. Im Kern liegt eine veränderte Regulation von Aufmerksamkeit zugrunde, die auf ein Ungleichgewicht in dopaminergen und noradrenergen Systemen zurückgeführt wird. Diese Neurotransmitter sind entscheidend für Motivation, Belohnungsverarbeitung und kognitive Kontrolle [4].</p> <p>Typische Symptome sind Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität, die sich im Erwachsenenalter oft anders äußern: etwa durch Vergesslichkeit, häufiges Unterbrechen von Aufgaben oder Schwierigkeiten, Aufgaben konsequent zu Ende zu führen. Viele Betroffene haben zudem Probleme, irrelevante Reize auszublenden, was Alltagsanforderungen zusätzlich erschwert [5, 6].</p> <p>Paradoxerweise berichten viele auch von sogenanntem Hyperfokus: Phasen intensiver, kaum kontrollierbarer Konzentration auf stark belohnende Tätigkeiten, in denen die Umwelt ausgeblendet wird. ADHS ist daher kein Mangel an Disziplin, sondern Ausdruck einer veränderten Reizverarbeitung.</p> <h3>ADHS: Ein Interview</h3> <h4>Wann un<strong>d wie wurde bei dir ADHS diagnostiziert? </strong></h4> <p>Als ich neun Jahre alt war, wurde meinen Eltern empfohlen, mit mir einen Psychiater aufzusuchen, da ich ein sehr verhaltensauffälliges Kind war. Dort wurden dann alle möglichen Tests gemacht, unter anderem wurde ich auf ADHS getestet. Ich hatte das “Glück”, dass sich mein ADHS als Kind häufig so äußerte, wie man es sich bei stereotypen hyperaktiven Jungs vorstellt, sodass die Diagnose quasi auf der Hand lag.</p> <h4><strong>Weshalb wurdest du getestet? Wie äußerte sich dein ADHS als Kind?</strong></h4> <p>Ich war schon immer schlecht in der Schule. Gerade als Kind konnte ich mich kaum konzentrieren und habe sowohl mich selbst als auch die anderen Kinder abgelenkt. Ich hatte nur schlechte Noten und meine Hausaufgaben konnte ich erst nach mehreren Stunden beenden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich so viele Gedanken im Kopf hatte, dass ich selbst keinen klaren fassen konnte. Oft war ich wahnsinnig sauer, weil ich das Gefühl hatte, nicht richtig denken zu können. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in dichten Nebel gehüllt. In der Grundschule haben wir häufig Laufdiktate gemacht. Irgendwo im Raum hing ein Text, den man sich merken musste, um ihn dann am Platz auf Papier wiederzugeben. Bis ich am Platz war, hatte ich jegliche Information über den Text wieder vergessen.</p> <h4><strong>Wie hast du die Diagnose im ersten Moment erlebt?</strong></h4> <p>Ich weiß noch, dass ich mich sehr dafür geschämt hatte. Mittlerweile ist die Diagnose sehr wertvoll für mich, weil ich verschiedene Verhaltensweisen und Gefühle besser zuordnen kann, aber als Kind sah ich die Diagnose als den großen limitierenden Faktor, der mich davon abhalten wird “etwas zu erreichen”. </p> <h4><strong>Wie sah die Therapie nach der Diagnose aus?</strong></h4> <p>Nach der Diagnose bekam ich ein Medikament, das meine Aufmerksamkeit verbessern sollte. Dieses habe ich dann auch knapp fünf Jahre eingenommen. Ich habe mich dabei aber immer unwohl gefühlt, als wäre ich nicht mehr ich selbst. Leider hatte es mehr Nebenwirkungen als positive Effekte. Außerdem wurde mir Ergotherapie verschrieben, da ich im Alltag Probleme mit der Motorik hatte.</p> <h4><strong>Wie schaffst du es deinen Alltag zu bewältigen?</strong></h4> <p>Da ich keine Medikamente nehme, um meine Aufmerksamkeit zu verbessern, bin ich darauf angewiesen, mich nach ihr zu richten. Es gibt Tage, an denen ich mich auf nichts konzentrieren kann. Dann versuche ich, nur das Wichtigste zu erledigen. An anderen Tagen habe ich hingegen sehr viel Tatendrang und Fokus und kann alle anfallenden Aufgaben bewältigen. Am wichtigsten sind Akzeptanz und Vertrauen, dass ein besserer Tag kommen wird. Das fällt mir häufig noch schwer. Ansonsten strukturiere ich meine Tage sehr gut, stelle mir Erinnerungen auf dem Handy, plane eine grobe Wochenstruktur immer eine Woche im Voraus und versuche, Dinge wie Putzen, Wäsche waschen oder Einkaufen immer am selben Wochentag zu erledigen. </p> <h4><strong>Wie erlebst du Umgebungsreize (Geräusche, visuelle Eindrücke, Gespräche)?</strong></h4> <p>Ich bin sehr leicht von Umgebungsreizen überfordert. Wenn ich beispielsweise ein Gespräch führe und im Hintergrund ein Vogel zwitschert, kann ich mich nur schwer darauf konzentrieren und muss pausieren, bis das Geräusch leiser wird. Auch beim Autofahren habe ich große Probleme, all die Reize zu verarbeiten. Deshalb fahre ich mittlerweile nur noch Bahn. Einen Großteil meines Alltags verbringe ich außerdem mit Kopfhörern, weil laute oder viele Geräusche mich überfordern.</p> <h4><strong>Hast du Phasen von Hyperfokus? Welche Vor- und Nachteile hat das für dich?</strong></h4> <p>Meine große Leidenschaft ist die Naturwissenschaft, etwas, das ich mittlerweile auch studiere. Ich könnte stundenlang lernen und lesen, ohne meine Konzentration zu verlieren, und vergesse dabei alles um mich herum. Der Vorteil ist, dass ich dadurch in der Uni sehr gut bin. Der Nachteil ist jedoch, dass ich meine eigenen physischen und mentalen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehme. Ich vergesse zu trinken, zu essen, zur Toilette zu gehen und Pausen zu machen. Manchmal bin ich sechs Stunden lang konzentriert und bin danach völlig erschöpft.</p> <h4><strong>Wie beeinflusst ADHS deine Stimmung oder Motivation</strong>?</h4> <p>Quasi alles, was ich tue, wird durch meine Motivation bestimmt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mich in der Schule nur auf die Fächer konzentrieren konnte, für die ich mich interessierte. Mich durch Erdkunde, Geschichte oder Französisch durchzuschlagen, war eine Qual. Ich bin sehr glücklich, das Privileg zu haben, etwas zu studieren, das mich begeistert. In einer kaufmännischen Ausbildung wäre ich wahrscheinlich untergegangen. Wenn ich allerdings Tage habe, an denen ich Dinge tun muss, die mir keinen Spaß machen, komme ich wahnsinnig schwer aus dem Bett. Schon im frühen Kindesalter habe ich eine Depression entwickelt. So geht es vielen Menschen mit ADHS: Wenn die Lust fehlt, fällt man schnell in eine Sinnkrise. </p> <h4><strong>Gehst du heute in Therapie?</strong></h4> <p>Therapie ist seit vielen Jahren Teil meines Alltags. Ich bespreche dort viele Dinge und arbeite vor allem an den Komorbiditäten, die das ADHS mit sich bringt, wie beispielsweise Angststörungen oder Depressionen. Durch die Therapie habe ich gelernt, besser mit meinem Gehirn umzugehen, und ich habe Strategien entwickelt, die mir das Leben leichter machen.</p> <h4><strong>Was würdest du anderen Betroffenen raten?</strong></h4> <p>Versucht euch selbst zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass ihr euren Weg gehen werdet. Löst euch von Erwartungen und von Vorurteilen, die euch auferlegt wurden. Ihr seid nicht faul oder dumm, ihr erlebt die Realität nur anders. Seit sanft zu euch, nehmt Hilfe an und wählt einen Alltag, der für euch funktioniert! </p> <h3>Quellen</h3> <ol> <li>Chung-Fat-Yim, A., Calvo, N., &amp; Grundy, J. G. (2022). The multifaceted nature of bilingualism and attention. Frontiers in Psychology, 13, Article 910382. <a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382" rel="noopener">https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.910382</a></li> <li>Kane, M. J., &amp; Engle, R. W. (2002). The role of prefrontal cortex in working-memory capacity, executive attention, and general fluid intelligence: An individual-differences perspective. Psychonomic Bulletin &amp; Review, 9(4), 637–671. <a href="https://doi.org/10.3758/BF03196323" rel="noopener">https://doi.org/10.3758/BF03196323</a></li> <li>Ptak, R. (2012). The frontoparietal attention network of the human brain: Action, saliency, and a priority map of the environment. The Neuroscientist, 18(5), 502–515. <a href="https://doi.org/10.1177/1073858411409051" rel="noreferrer noopener" target="_blank">https://doi.org/10.1177/1073858411409051</a></li> <li>Skowronek, J., Seifert, A., &amp; Lindberg, S. (2023). The mere presence of a smartphone reduces basal attentional performance. Scientific Reports, 13(1), Article 9363. <a href="https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4" rel="noopener">https://doi.org/10.1038/s41598-023-36256-4</a></li> <li>Del Campo, N., Chamberlain, S. R., Sahakian, B. J., &amp; Robbins, T. W. (2011). The roles of dopamine and noradrenaline in the pathophysiology and treatment of attention‑deficit/hyperactivity disorder. Biological Psychiatry, 69(12), e145–e157. <a href="https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036" rel="noopener">https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2011.02.036</a></li> <li>American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.)</li> <li>Heine, S., &amp; Exner, C. (2021). Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Erwachsenenalter. Zeitschrift für Neuropsychologie, 32(3), 141-157. <a href="https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329" rel="noopener">https://doi.org/10.1024/1016-264x/a000329</a></li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/attention-attention-adhs/#respond 0 Netzsysteme modulierender Musterräume https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond Tue, 12 May 2026 08:29:48 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4431 <h1>Netzsysteme modulierender Musterräume » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><section id="page-wrap"> <header> <div> <div> </div> <div> <a href="https://www.spektrum.de"> <img alt="Spektrum.de" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/themes/scilogs-theme/assets/images/sde_positiv@3x.svg" title="Spektrum.de"></img> </a> <a href="/"> <img alt="Tensornetz" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/themes/scilogs-theme/assets/images/scilogs_positiv@3x.svg" title="Tensornetz"></img> </a> </div> </div> <section> <nav> <form action="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/" id="searchform-navigation" method="get"> </form> <ul id="menu-main-navi"><li id="menu-item-1199"><a href="https://scilogs.spektrum.de/network-tax/category/astronomie">Astronomie</a> <div><ul> <li id="menu-item-3031764961"><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo" target="astrogeo">AstroGeo</a></li> <li id="menu-item-3031764962"><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch" target="go-for-launch">Go for Launch</a></li> <li id="menu-item-3031764963"><a href="https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach" target="relativ-einfach">RELATIV EINFACH</a></li> <li id="menu-item-3031764964"><a href="https://scilogs.spektrum.de/sternbildung" target="sternbildung">Sternbildung</a></li> <li id="menu-item-3031764965"><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae" target="uhura-uraniae">Uhura Uraniae</a></li> </ul></div> </li> <li id="menu-item-2359"><a href="https://scilogs.spektrum.de/network-tax/category/biologie">Biologie</a></li> <li id="menu-item-1201"><a href="https://scilogs.spektrum.de/network-tax/category/chemie">Chemie</a> <div><ul> <li id="menu-item-2452162202"><a href="https://scilogs.spektrum.de/fischblog" target="fischblog">Fischblog</a></li> <li id="menu-item-2452162203"><a href="https://scilogs.spektrum.de/via-data" target="via-data">Via Data</a></li> </ul></div> </li> <li id="menu-item-1202"><a href="https://scilogs.spektrum.de/network-tax/category/erde-umwelt">Erde/Umwelt</a> <div><ul> <li id="menu-item-1083440506"><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo" target="astrogeo">AstroGeo</a></li> <li id="menu-item-1083440507"><a href="https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker" target="der-anthropozaeniker">Der Anthropozäniker</a></li> <li id="menu-item-1083440508"><a href="https://scilogs.spektrum.de/fischblog" target="fischblog">Fischblog</a></li> <li id="menu-item-1083440509"><a href="https://scilogs.spektrum.de/klimalounge" target="klimalounge">KlimaLounge</a></li> <li id="menu-item-1083440510"><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext" target="meertext">Meertext</a></li> <li id="menu-item-1083440511"><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo" target="mente-et-malleo">Mente et Malleo</a></li> </ul></div> </li> <li id="menu-item-1203"><a href="https://scilogs.spektrum.de/network-tax/category/technik">IT/Tech</a> <div><ul> <li id="menu-item-2488195205"><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo" target="astrogeo">AstroGeo</a></li> <li id="menu-item-2488195206"><a href="https://scilogs.spektrum.de/datentyp" target="datentyp">Datentyp</a></li> <li id="menu-item-2488195207"><a href="https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis" target="engelbart-galaxis">Die Engelbart-Galaxis</a></li> <li id="menu-item-2488195208"><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf" target="hlf">Heidelberg Laureate Forum</a></li> <li id="menu-item-2488195209"><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz" target="tensornetz">Tensornetz</a></li> <li id="menu-item-2488195210"><a href="https://scilogs.spektrum.de/via-data" target="via-data">Via Data</a></li> </ul></div> </li> <li id="menu-item-1204"><a href="https://scilogs.spektrum.de/network-tax/category/kultur">Kultur</a> <div><ul> <li id="menu-item-1060515278"><a href="https://scilogs.spektrum.de/denkmale" target="denkmale">Denkmale</a></li> <li id="menu-item-1060515279"><a href="https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis" target="engelbart-galaxis">Die Engelbart-Galaxis</a></li> <li id="menu-item-1060515280"><a href="https://scilogs.spektrum.de/klartext" target="klartext">KlarText Blog</a></li> <li id="menu-item-1060515281"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more" target="medicine-and-more">Medicine &amp; 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Mai 2026</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/author/blitz/"> Dominic Blitz </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li><li><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond">Keine Kommentare</a> </li></ul></div></div> <section id="header__image"> <section id="site-title"> <p>Das Gehirn und der Computer – Mensch und Maschine</p> </section> <img alt="Tensornetz" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/cropped-header2.jpg"></img> </section> <div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg 1024w, 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role="button" title="Per E-Mail versenden"><span><svg height="20px" viewbox="0 0 32 32" width="32px" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M32 12.7v14.2q0 1.2-0.8 2t-2 0.9h-26.3q-1.2 0-2-0.9t-0.8-2v-14.2q0.8 0.9 1.8 1.6 6.5 4.4 8.9 6.1 1 0.8 1.6 1.2t1.7 0.9 2 0.4h0.1q0.9 0 2-0.4t1.7-0.9 1.6-1.2q3-2.2 8.9-6.1 1-0.7 1.8-1.6zM32 7.4q0 1.4-0.9 2.7t-2.2 2.2q-6.7 4.7-8.4 5.8-0.2 0.1-0.7 0.5t-1 0.7-0.9 0.6-1.1 0.5-0.9 0.2h-0.1q-0.4 0-0.9-0.2t-1.1-0.5-0.9-0.6-1-0.7-0.7-0.5q-1.6-1.1-4.7-3.2t-3.6-2.6q-1.1-0.7-2.1-2t-1-2.5q0-1.4 0.7-2.3t2.1-0.9h26.3q1.2 0 2 0.8t0.9 2z" fill="#999"></path></svg></span></a></li><li><a aria-label="Weitere Informationen" href="https://www.spektrumverlag.de/datenschutzerklaerung-scilogs/" rel="noopener " role="button" target="_blank" title="Weitere Informationen"><span><svg height="20px" viewbox="0 0 11 32" width="32px" xmlns="http://www.w3.org/2000/svg"><path d="M11.4 24v2.3q0 0.5-0.3 0.8t-0.8 0.4h-9.1q-0.5 0-0.8-0.4t-0.4-0.8v-2.3q0-0.5 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<section> </section> <div id="comments"> <div id="respond"> <h3 id="reply-title">Schreibe einen Kommentar <small><a href="http://www.scilogs.de//tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond" id="cancel-comment-reply-link" rel="nofollow">Antwort abbrechen</a></small></h3><form action="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/wp-comments-post.php" id="commentform" method="post"><p><label for="comment">Ihr Beitrag <span>(erforderlich)</span></label><br></br></p><p><label for="author">Ihr Name (erforderlich)</label> </p> <p><label for="email">Ihre E-Mail-Adresse (erforderlich, wird nicht veröffentlicht)</label> </p> <p><label for="url">Ihre Webseite</label></p> <p>E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.<br></br>-- Auch möglich: <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/comment-subscriptions/?srp=4431&amp;srk=f288b4bae9196f11268188e0c8b7a2e4&amp;sra=s&amp;srsrc=f">Abo ohne Kommentar</a>. + </p><div id="preview__wrapper"> <a aria-controls="preview__container" 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property="name">SciLogs</span></a></span><p> » </p><span property="itemListElement" typeof="ListItem"><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz" property="item" title="Go to Tensornetz." typeof="WebPage"><span property="name">Tensornetz</span></a></span><p> » </p><span property="itemListElement" typeof="ListItem"><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/allgemein/" property="item" title="Go to the Allgemein category archives." typeof="WebPage"><span property="name">Allgemein</span></a></span><p> » </p><span property="itemListElement" typeof="ListItem"><span property="name">Netzsysteme modulierender Musterräume</span></span></div></div><div><div><ul><li><time datetime="2026-05-12T10:29:48+02:00">12. Mai 2026</time></li><li> <span> Von <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/author/blitz/"> Dominic Blitz </a> </span> </li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li><li><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond">Keine Kommentare</a> </li></ul></div></div> <section id="header__image"> <section id="site-title"> <p>Das Gehirn und der Computer – Mensch und Maschine</p> </section> <img alt="Tensornetz" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/cropped-header2.jpg"></img> </section> <div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/III-N-rechner-ki-1-1024x768.jpg 1024w, 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<section> </section> <div id="comments"> <div id="respond"> <h3 id="reply-title">Schreibe einen Kommentar <small><a href="http://www.scilogs.de//tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond" id="cancel-comment-reply-link" rel="nofollow">Antwort abbrechen</a></small></h3><form action="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/wp-comments-post.php" id="commentform" method="post"><p><label for="comment">Ihr Beitrag <span>(erforderlich)</span></label><br></br></p><p><label for="author">Ihr Name (erforderlich)</label> </p> <p><label for="email">Ihre E-Mail-Adresse (erforderlich, wird nicht veröffentlicht)</label> </p> <p><label for="url">Ihre Webseite</label></p> <p>E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.<br></br>-- Auch möglich: <a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/comment-subscriptions/?srp=4431&amp;srk=f288b4bae9196f11268188e0c8b7a2e4&amp;sra=s&amp;srsrc=f">Abo ohne Kommentar</a>. + </p><div id="preview__wrapper"> <a aria-controls="preview__container" data-action="inpsyde_extended_comments_preview" data-nonce="1936f4391f" href="#" id="preview__button" role="button">Preview</a> </div></form> </div> </div> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-5"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! <form action="https://www.spektrum.de/newsletter/" method="get"> </form></p></aside> </div> </section> </section><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-modulierender-musterraeume/#respond 0 Was ist der Beitrag der Hochschulen für eine offene, inklusive und demokratische Gesellschaft? https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/was-ist-der-beitrag-der-hochschulen-fuer-eine-offene-inklusive-und-demokratische-gesellschaft/ https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/was-ist-der-beitrag-der-hochschulen-fuer-eine-offene-inklusive-und-demokratische-gesellschaft/#respond Mon, 11 May 2026 08:04:40 +0000 René Krempkow https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/?p=1951 <h1>Was ist der Beitrag der Hochschulen für eine offene, inklusive und demokratische Gesellschaft? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By Von René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts komplexer, drängender gesellschaftlicher Problemlagen wird von Hochschulen erwartet, nicht nur als Wissensvermittler, sondern auch als aktive Gestalter gesellschaftlicher Entwicklungen zu agieren. Hochschulen spielen eine zentrale Rolle dabei, transdisziplinäre Forschung zu fördern und praxisnahe Lösungen für wicked problems, wie Klimawandel, Umweltbelastung, Armut, gesellschaftspolitische Polarisierung und soziale Ungleichheit zu entwickeln. Gemeinsam mit Akteur:innen aus der Praxis sollen sie Lösungsansätze erarbeiten und ihre Umsetzung fördern, die sowohl akademische als auch gesellschaftliche Bedürfnisse adressieren und integrieren. Hinsichtlich aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen werden zudem Stimmen laut, die Hochschulen daran erinnern, dass sie dem Hochschulrahmengesetz gemäß, Studierende zu „verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat“ befähigen sollen (§ 7 HRG).</p> <h3>Vielzahl der Anforderungen</h3> <p>Daneben obliegen Hochschulen weitere normativ ausgerichtete Aufgaben, z.B. Nachhaltigkeitsorientierung verankern, besondere Verantwortung für die Entwicklung von Lösungsansätzen für gesellschaftliche Fragestellungen wahrnehmen, sich mit den möglichen Folgen der Nutzung ihrer Forschungsergebnisse auseinandersetzen, zum Erhalt und zur Verbesserung der Lebens- und Umweltbedingungen beitragen, strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken usw. Angesichts dessen wird auch davor gewarnt, dass sich Hochschulen in der Vielzahl der Anforderungen verlieren.</p> <h3>Hochschullandschaft stark ausdifferenziert</h3> <p>In den letzten Jahrzehnten hat sich die Hochschullandschaft zudem stark ausdifferenziert. Neben den klassischen – staatlichen – Universitäten und den etablierten Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) spielen auch duale und nicht-staatliche Hochschulen eine immer bedeutsamere Rolle und erfüllen jeweils spezifische gesellschaftliche Aufgaben (HRK, 2023; Wissenschaftsrat, 2022). Während zu öffentlichen Hochschulen umfangreiche Forschung vorliegt, ist systematisiertes Wissen auch über den gesellschaftlichen Beitrag nicht-öffentlicher Hochschulen im deutschsprachigen Raum bislang begrenzt. Damit bleibt auch unklar, welchen Beitrag sie zur Gestaltung zentraler gesellschaftlicher Aufgaben – etwa in den Bereichen Bildungsgerechtigkeit, Internationalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit – leisten. Darüber hinaus bestehen weiterhin erkennbare Desiderata zur Frage, in welchem Umfang Hochschulen tatsächlich dazu beitragen, ihre Studierenden „zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu befähigen“ – was angesichts aktueller Entwicklungen neue Relevanz gewinnt.</p> <h3>CfP ruft zur Einreichung von Beiträgen auf</h3> <p>Diesem Themenkreis widmet sich der heute veröffentlichte CfP der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE). Beiträge für das Themenheft können eingereicht werden bis <strong>15.02.2027</strong>, weitere Info in:</p> <p><a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder"><strong>https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/153</strong></a><aside></aside></p> <p>Die ZFHE ist ein referiertes Open-Access-Journal für wissenschaftliche Beiträge mit praktischer Relevanz zu aktuellen Fragen der Hochschulentwicklung. Der Verfasser ist Mitglied des Herausgeberkreises. Weiteres zur Ausrichtung der Zeitschrift in: https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/zur_zfhe.</p> <p>P.S.: Es gingen noch zwei weitere Calls online, die ggf. von Interesse sind: </p> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/152" rel="noopener"> Call for Papers: ZFHE 22/1 </a></h3> <p><strong>Bildungsprozesse in Studium und Lehre: Erziehungswissenschaftliche Beiträge zur Hochschulforschung</strong></p> <p>Die aktuellen Debatten zu Studium und Lehre sind von Fragen der Steuerbarkeit von Hochschulen, der Qualitätsentwicklung, der Karrierestrukturen im Wissenschaftssystem , der Verbesserung von Lehr-Lern-Prozessen und insbesondere auch zu erwünschter bzw. nicht erwünschter sozialer Zusammensetzung der Studierendenpopulation dominiert. Hochschulen werden wesentlich unter dem Gesichtspunkt von beeinflussbaren Input-Output-Beziehungen, dabei angelegten Maßstäben der Effizienz, der Nachhaltigkeit, der Diversität, sowie der erfolgreichen Vermittlung von systematisierten Kompetenzen betrachtet. Zur Erreichung dieser Forschungsziele ist ein interdisziplinärer Zugang innerhalb der Hochschulforschung unerlässlich.</p> </div> </article> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/151" rel="noopener">Call for Papers: ZFHE 21/4 </a></h3> <p><strong>Kooperative Doktoratsprogramme als innovative und hybride Qualifizierungsräume: Governance, Karrierewege und Betreuung an Schnittstellen und in Spannungsfeldern</strong></p> <p>Kooperative Doktoratsprogramme – also Promotionsmodelle, in denen Hochschulen mit anderen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Unternehmen oder öffentlichen Organisationen zusammenarbeiten – sind aus mehreren Gründen ein aktuelles und relevantes Thema für die Hochschulforschung. Sie stehen exemplarisch für die Veränderungen im wissenschaftlichen Qualifizierungssystem, in dem klassische Universitätspromotionen längst nicht mehr die einzige Option zur Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchses darstellen. Mit der steigenden Bedeutung von Inter- und Transdisziplinarität, von anwendungsorientierter Forschung und dem Bestreben vieler Institutionen, Wissenstransfer systematisch zu organisieren, entstehen neue Formen geteilter Verantwortung und gemeinsamer Betreuung.</p> </div> </article> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/krempkow_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie an der HTW Berlin die Wirkungsanalyse und Evaluation des Curriculum Innovation Hub. Derzeit ist er als Senior Manager und Senior Scientist an der Brandenburgischen Technischen Universität tätig, sowie als Dozent im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. Er berät seit etlichen Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien und lehrt im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. &#xD; Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Was ist der Beitrag der Hochschulen für eine offene, inklusive und demokratische Gesellschaft? » Über das Wissenschaftssystem » SciLogs</h1><h2>By Von René Krempkow</h2><div itemprop="text"> <p>Angesichts komplexer, drängender gesellschaftlicher Problemlagen wird von Hochschulen erwartet, nicht nur als Wissensvermittler, sondern auch als aktive Gestalter gesellschaftlicher Entwicklungen zu agieren. Hochschulen spielen eine zentrale Rolle dabei, transdisziplinäre Forschung zu fördern und praxisnahe Lösungen für wicked problems, wie Klimawandel, Umweltbelastung, Armut, gesellschaftspolitische Polarisierung und soziale Ungleichheit zu entwickeln. Gemeinsam mit Akteur:innen aus der Praxis sollen sie Lösungsansätze erarbeiten und ihre Umsetzung fördern, die sowohl akademische als auch gesellschaftliche Bedürfnisse adressieren und integrieren. Hinsichtlich aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen werden zudem Stimmen laut, die Hochschulen daran erinnern, dass sie dem Hochschulrahmengesetz gemäß, Studierende zu „verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat“ befähigen sollen (§ 7 HRG).</p> <h3>Vielzahl der Anforderungen</h3> <p>Daneben obliegen Hochschulen weitere normativ ausgerichtete Aufgaben, z.B. Nachhaltigkeitsorientierung verankern, besondere Verantwortung für die Entwicklung von Lösungsansätzen für gesellschaftliche Fragestellungen wahrnehmen, sich mit den möglichen Folgen der Nutzung ihrer Forschungsergebnisse auseinandersetzen, zum Erhalt und zur Verbesserung der Lebens- und Umweltbedingungen beitragen, strukturellen Benachteiligungen entgegenwirken usw. Angesichts dessen wird auch davor gewarnt, dass sich Hochschulen in der Vielzahl der Anforderungen verlieren.</p> <h3>Hochschullandschaft stark ausdifferenziert</h3> <p>In den letzten Jahrzehnten hat sich die Hochschullandschaft zudem stark ausdifferenziert. Neben den klassischen – staatlichen – Universitäten und den etablierten Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) spielen auch duale und nicht-staatliche Hochschulen eine immer bedeutsamere Rolle und erfüllen jeweils spezifische gesellschaftliche Aufgaben (HRK, 2023; Wissenschaftsrat, 2022). Während zu öffentlichen Hochschulen umfangreiche Forschung vorliegt, ist systematisiertes Wissen auch über den gesellschaftlichen Beitrag nicht-öffentlicher Hochschulen im deutschsprachigen Raum bislang begrenzt. Damit bleibt auch unklar, welchen Beitrag sie zur Gestaltung zentraler gesellschaftlicher Aufgaben – etwa in den Bereichen Bildungsgerechtigkeit, Internationalisierung oder Geschlechtergerechtigkeit – leisten. Darüber hinaus bestehen weiterhin erkennbare Desiderata zur Frage, in welchem Umfang Hochschulen tatsächlich dazu beitragen, ihre Studierenden „zu verantwortlichem Handeln in einem freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat zu befähigen“ – was angesichts aktueller Entwicklungen neue Relevanz gewinnt.</p> <h3>CfP ruft zur Einreichung von Beiträgen auf</h3> <p>Diesem Themenkreis widmet sich der heute veröffentlichte CfP der Zeitschrift für Hochschulentwicklung (ZFHE). Beiträge für das Themenheft können eingereicht werden bis <strong>15.02.2027</strong>, weitere Info in:</p> <p><a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder"><strong>https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/153</strong></a><aside></aside></p> <p>Die ZFHE ist ein referiertes Open-Access-Journal für wissenschaftliche Beiträge mit praktischer Relevanz zu aktuellen Fragen der Hochschulentwicklung. Der Verfasser ist Mitglied des Herausgeberkreises. Weiteres zur Ausrichtung der Zeitschrift in: https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/zur_zfhe.</p> <p>P.S.: Es gingen noch zwei weitere Calls online, die ggf. von Interesse sind: </p> <article> <div> <h3><a href="https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/announcement/view/152" rel="noopener"> Call for Papers: ZFHE 22/1 </a></h3> <p><strong>Bildungsprozesse in Studium und Lehre: Erziehungswissenschaftliche Beiträge zur Hochschulforschung</strong></p> <p>Die aktuellen Debatten zu Studium und Lehre sind von Fragen der Steuerbarkeit von Hochschulen, der Qualitätsentwicklung, der Karrierestrukturen im Wissenschaftssystem , der Verbesserung von Lehr-Lern-Prozessen und insbesondere auch zu erwünschter bzw. nicht erwünschter sozialer Zusammensetzung der Studierendenpopulation dominiert. 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Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar; an der HU Berlin u.a. ein hochschulweites Projekt zur Kompetenzerfassung, sowie an der HTW Berlin die Wirkungsanalyse und Evaluation des Curriculum Innovation Hub. Derzeit ist er als Senior Manager und Senior Scientist an der Brandenburgischen Technischen Universität tätig, sowie als Dozent im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. Er berät seit etlichen Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien und lehrt im Studiengang Bildungs- und Wissenschaftsmanagement der Universität Oldenburg. &#xD; Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/wissenschaftssystem/was-ist-der-beitrag-der-hochschulen-fuer-eine-offene-inklusive-und-demokratische-gesellschaft/#respond 0 Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/#respond Mon, 11 May 2026 06:43:35 +0000 Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=459 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-768x134.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/</link> </image> <description type="html"><h1>Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 3 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im diesem letzten Teil unserer Artikel-Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten möchten wir die Rolle der Partei anhand zweier zentraler, krisenhaft verhandelter Themen veranschaulichen: Migration/Flucht und Geschlecht/Geschlechterverhältnisse sowie Sexualität.</em></p> <p>Milieuübergreifend und mit starker Anschlussfähigkeit an große Teile der Gesellschaft stellen diese beiden Diskursfelder stark mobilisierende Themen dar. Dass die AfD das Thema Migration zur ihrem Kernthema erhoben hat, ist allgemeinbekannt. Weniger bekannt ist die Zentralität und verschiedene Milieus der extremen Rechten verbindende Funktion etwa von Queerfeindlichkeit. Beide Themen werden dabei immer wieder auch mit antisemitischen Andeutungen verknüpft, wie im Folgenden gezeigt wird.</p> <p><strong>Lokale Anti-Asyl-Proteste und die Rolle der AfD</strong></p> <p>Ein Anlass, zu dem sich – mit der AfD als oft verdecktem Knotenpunkt – verschiedene Teile der extremen Rechten zusammenfinden, sind Mobilisierungen gegen die Unterbringung von Geflüchteten. So verbreitete sich etwa Anfang des Jahres 2025 in Geiselhöring in Niederbayern das Gerücht, dass vor Ort eine neue Asylunterkunft entstehen solle. Eine Online-Petition rief bald dazu auf, eine weitere solche Unterkunft in Geiselhöring zu verhindern. Im Petitionstext wurde auf die „Auswirkungen der gescheiterten Asylpolitik“ verwiesen, welche die „Sicherheit und das Wohlergehen unserer Kinder“ massiv bedrohen würden. Erstellt wurde die Petition von dem seit Jahrzehnten in Geiselhöring lebenden und tätigen Siegfried Birl. Birl gilt als Neonazi-Szenegröße, war lange Betreiber eines der größten Neonazi-Versandhäuser in Deutschland (Wikinger Versand) und zudem stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der Neonazi-Partei NPD.</p> <p>Trotz kritischer Medienberichte rundum die Personalie Birl als Urheber der Anti-Asyl-Initiative sammelte die Petition in kurzer Zeit knapp 1200 Unterschriften (bei circa 7000 Einwohner*innen) und um ihren Initiator formierte sich die Bürgerinitiative Friedliches Geiselhöring (FG). Diese verteilte im Ort nach eigenen Angaben rund 5000 Flyer zur Bewerbung von Birls Onlinepetition gegen die Asylunterkunft. Auffällig war dabei, dass der Flyer der unabhängigen Initiative Friedliches Geiselhöring farblich am Corporate Design der Partei Die Heimat (ehemals NPD) orientiert war und auch den Schriftzug aus deren Parteilogo abbildete. Im Text war von „soziokulturellen Verwerfungen für die einheimische Bevölkerung“ die Rede, welche die Aufnahme von Geflüchteten mit sich bringe und „sicherheitsrelevanten kulturellen Konflikten“. Gefordert wurde ein Ende der „Willkommenskultur“, da die „leitkulturelle Identität gefährdet“ sei sowie ein „Remigrationskonzept“. „Remigration“ ist einer der zentralen Begriffe in der gegenwärtigen deutschen extremen Rechten, er ist eine Mobilisierungsparole und fungiert als Brücke zwischen offizieller Parteisprache der AfD und radikaleren rechten Milieus. Mit dem nüchtern klingenden Begriff wird versucht, die Forderung einer massenhaften Entfernung von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte salonfähig zu machen. Aktiviert werden dabei auch die alten Vorstellungen eines Untergangs des „deutschen Volkes“ aufgrund einer angeblichen „Überfremdung“, wie beispielsweise in diesem Beitrag des AfD-Bundesverbands auf X deutlich wird: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Remigration mit der #AfD oder Untergang!“<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Der angeblich drohende Untergang wird dabei immer wieder verknüpft mit der <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/">Verschwörungserzählung</a> vom „Großen Austausch“, die mit ihrem Bezug auf angebliche „Geldeliten“ oder reiche Juden wie George Soros als Strippenzieher hinter einem angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ eindeutig antisemitisch konnotiert ist.  <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg 1241w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Gemeinsam marschieren Rechte verschiedener Gruppierungen, um gegen Asylunterkünfte und Geschlechterdiversität zu mobilisieren. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Zurück nach Geiselhöring: Relativ früh, wohl durch den Whatsapp-Status eines der FG-Engagierten, wurde der lokale AfD-Kreisvorsitzende Armin Weidinger auf die Initiative aufmerksam. Bei deren erster Protestkundgebung und der anschließenden Versammlung im März 2025 beteiligte er sich rege und versuchte an die Anti-Asyl-Thematik anzuknüpfen. Die Bürgerinitiative bekräftigte zunächst weiterhin, als unabhängige Gruppierung keiner Partei oder Organisation nahe zu stehen. Im April und nach einigen Treffen und Gesprächen mit dem Geiselhöringer Bürgermeister startete die Initiative eine Unterschriftensammlung für einen Bürgerantrag gemäß der Bayerischen Gemeindeordnung, um ihrem Anti-Asyl-Anliegen formell Ausdruck zu verleihen. Das Vorhaben scheiterte aber im Stadtrat an formalen Voraussetzungen. Die Initiative, die sich deshalb vom Stadtrat betrogen fühlte, beschloss schließlich, mit einer eigenen Liste bei der Kommunalwahl 2026 zu kandidieren. Im Vorstand des Friedlichen Geiselhöring und auf ihrer Kandidat*innenliste fand sich auch der Initiator der lokalen Anti-Asyl-Bewegung, der Neonazi Siegfried Birl. In den Folgemonaten zeigte sich das FG mit Stammtischen, einer eigenen Website, Banneraktionen, Merchandise (Tassen, T-Shirts, etc.) und dem Besuch von Stadtratssitzungen hoch aktiv. Kaum acht Monate nach ihrer Gründung verkündete die Initiative schließlich zur Kommunalwahl als gemeinsame Liste mit der AfD anzutreten. Für den Stadtrat kandidierten die Mitglieder als Friedliches Geiselhöring, für den Kreistag als KandidatInnen Kandidat*innen der AfD. Auch der ehemalige NPDler Siegfried Birl fand sich auf der gemeinsamen Liste, die Wahlplakate zierten das Logo der AfD sowie das des Friedlichen Geiselhöring.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a></p> <p>Die Pläne zur Einrichtung einer neuen Asylunterkunft in Geiselhöring hatten sich zwischenzeitlich aus anderen Gründen zerschlagen. Im Wahlkampf setzt das Friedliche Geiselhöring, ebenso wie die lokale AfD, deshalb auf den Kampf gegen erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft. Bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 holte die gemeinsame Liste aus FG und AfD für den Stadtrat aus dem Stand über 15%. Damit zieht die Allianz AfD/Friedliches Geiselhöring mit drei Personen in den Geiselhöringer Stadtrat ein.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a></p> <p><strong>Queerfeindlichkeit als verbindendes Mobilisierungsfeld</strong></p> <p>Ebenso wie die Agitation gegen Migration gehören <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/">Antifeminismus</a> und Queerfeindlichkeit zu den Schwerpunkten der politischen Arbeit der AfD, mit guter Anschlussfähigkeit in andere Milieus der extremen Rechten, aber auch weit ins konservative Lager hinein. Das Spektrum reicht dabei von diffamierenden und aufhetzenden Beiträgen in sozialen Medien über parlamentarische Anfragen und Reden bis zur Durchführung queerfeindlicher Versammlungen. Auch in diesem Themenfeld werden – ähnlich wie bei der Agitation gegen geplante Geflüchtetenunterkünfte – gerne konkrete Anlässe gewählt, um ein Bild von Bedrohlichkeit zu popularisieren und gemeinsam mit anderen Akteuren zu mobilisieren. Im Themenfeld Geschlecht sind solche Anlässe beispielsweise der Christopher Street Day als Fest- und Protesttag der LGBTQIA+-Community, an dem jährlich für Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung demonstriert wird, oder das Format der Drag-Kinderbuchlesungen, bei dem es neben der Förderung von Lesen und Kreativität um eine Sichtbarkeit von Vielfalt und einen entspannten Umgang mit Geschlechterrollen geht.</p> <p>Seit Jahren beteiligen sich AfD-Funktionär*innen etwa an der aus neofaschistischen „Vorfeld“-Kreisen um die Partei stammenden Kampagne, dem bunten Pride-Month in der CSD-Saison ihre queerfeindliche und nationalistische „Stolzmonat“-Propaganda entgegenzuhalten. So posteten zum Beispiel AfD-MdB Bastian Treuheit und AfD-MdL Johannes Maier die „Stolzmonatsflagge“ der extrem rechten Kampagne mit dem Zusatz „Stolz statt Regenbogen – Wir zeigen Flagge“.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a> Und AfD-MdL Gerd Mannes präsentierte sich anlässlich des Pride Months mit einer Deutschlandflagge und der Bildunterschrift: „Keine Ahnung, was die LGTBQ-Bewegung da ausgerufen hat. Für mich ist ganz klar: die Deutschlandfahne und schwarz rot gold ist bunt genug.“ Auch der Starnberger AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Groß postete im vergangenen Jahr: „ich wünsche allen Freunden einen schönen Stolzmonat 2025“ und verwendete in der Abbildung dazu eine „Stolzmonatsflagge“, die in Reichsbürgermanier noch mit einem Preußenadler versehen war. Die AfD Aschaffenburg postete in einer Instagramstory eine Illustration, in der ein „Stolzmonat“-Schirm die herunterlaufenden Pride-Month-Regenbogenfarben schützend von einer Familie abhält.<p>Längst hetzen die AfDler aber nicht nur, sondern sie versuchen auch eine konkrete queerfeindliche Politik durchzusetzen: AfD-MdL Rene Dierkes teilte auf Telegram etwa ein Sharepic der damaligen AfD-Jugendorganisation Junge Alternative Deutschland mit der Aufschrift „Perversionen und öffentliche Kopulation nicht mit uns“ und dem eigenen Zusatz: „CSD verbieten!“ In Würzburg schritt die AfD um MdL Daniel Halemba 2025 gegen den örtlichen Christopher-Street-Day zur Tat und organisierte am Vorabend eine dezidierte Gegenkundgebung unter dem Titel „Stolz statt Pride“. Nicht die erste antifeministisch-queerfeindliche Versammlung der Bayern-AfD: Am 13. Juni 2023 hatten die Münchner AfD-Funktionäre Rene Dierkes, Christoph Rätscher und andere etwa eine große Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung der Stadtbibliothek München-Bogenhausen organisiert: „Hände weg von unseren Kindern! Genderpropaganda verbieten!“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5">[5]</a> Im folgenden Jahr gab es in Ingolstadt eine hauptsächlich von der AfD bespielte Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung im Jugendzentrum Fronte. Das Publikum strömte aus der Neonaziszene und der ehemaligen Pandemieleugner*innenbewegung herbei. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Lukas Rehm hielt zeitweise ein Pappschild mit dem aus dem Alten Testament grob entlehnten Satz hoch: „Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und schuf sie [als] einen Mann XY und eine Frau XX“.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="639" sizes="(max-width: 959px) 100vw, 959px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg 959w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-768x512.jpeg 768w" width="959"></img></a><figcaption><em>AfD-Funktionär Christoph Rätscher mit dem Plakat zur Kundgebung gegen die Drag-Lesung in der Stadtbibliothek München 2023. Die Darstellung der bedrohlich aus dem Hintergrund agierenden Person auf dem Plakat trägt antisemitische Züge und zeigt damit idealtypisch die Verschränkung von antisemitischen und queerfeindlichen Krisenverarbeitungen. Foto: Robert Andreasch.</em></figcaption></figure> <p>Ähnlich wie in der extrem rechten Verhandlung der Migrationsthematik läuft auch die queerfeindliche Agitation der AfD und anderer extrem rechter Akteure auf Verschwörungserzählungen zu. Hier ist es die Vorstellung, Geschlechter- und sexuelle Vielfalt seien Teil eines absichtsvoll betriebenen Angriffs auf Familie, Nation und „Volk“ bzw. eine „natürliche“ – oder wie im obigen Beispiel „göttliche“ – Ordnung. Auch diese Vorstellung erweist sich als mindestens anschlussfähig für antisemitische Deutungsmuster, die, wie gezeigt wurde, die gesamte extreme Rechte vereinen. Die AfD spielt hier inhaltlich und organisatorisch eine zentrale Rolle.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zit. n. Bundesministerium für Inneres, Verfassungsschutzbericht 2024, S. 104.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Siehe auch: <a href="https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6" rel="noopener">https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6</a>.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> <a href="https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html" rel="noopener">https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html</a>.</p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Diese Mobilisierung und ihre Anschlussfähigkeit werden ausführlich behandelt im Beitrag von Sabine Volk: „Rallying ‘round the Drag: Anti-Gender Mobilization and the Mainstreaming of the Far Right“. European Societies 27, Nr. 1 (2025): 59–82. https://doi.org/10.1162/euso_a_00009.</p> <hr></hr> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Zwei Themen, ein Zentrum: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit als Mobilisierungsfelder der AfD » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 3 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im diesem letzten Teil unserer Artikel-Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten möchten wir die Rolle der Partei anhand zweier zentraler, krisenhaft verhandelter Themen veranschaulichen: Migration/Flucht und Geschlecht/Geschlechterverhältnisse sowie Sexualität.</em></p> <p>Milieuübergreifend und mit starker Anschlussfähigkeit an große Teile der Gesellschaft stellen diese beiden Diskursfelder stark mobilisierende Themen dar. Dass die AfD das Thema Migration zur ihrem Kernthema erhoben hat, ist allgemeinbekannt. Weniger bekannt ist die Zentralität und verschiedene Milieus der extremen Rechten verbindende Funktion etwa von Queerfeindlichkeit. Beide Themen werden dabei immer wieder auch mit antisemitischen Andeutungen verknüpft, wie im Folgenden gezeigt wird.</p> <p><strong>Lokale Anti-Asyl-Proteste und die Rolle der AfD</strong></p> <p>Ein Anlass, zu dem sich – mit der AfD als oft verdecktem Knotenpunkt – verschiedene Teile der extremen Rechten zusammenfinden, sind Mobilisierungen gegen die Unterbringung von Geflüchteten. So verbreitete sich etwa Anfang des Jahres 2025 in Geiselhöring in Niederbayern das Gerücht, dass vor Ort eine neue Asylunterkunft entstehen solle. Eine Online-Petition rief bald dazu auf, eine weitere solche Unterkunft in Geiselhöring zu verhindern. Im Petitionstext wurde auf die „Auswirkungen der gescheiterten Asylpolitik“ verwiesen, welche die „Sicherheit und das Wohlergehen unserer Kinder“ massiv bedrohen würden. Erstellt wurde die Petition von dem seit Jahrzehnten in Geiselhöring lebenden und tätigen Siegfried Birl. Birl gilt als Neonazi-Szenegröße, war lange Betreiber eines der größten Neonazi-Versandhäuser in Deutschland (Wikinger Versand) und zudem stellvertretender Landesvorsitzender der Jungen Nationaldemokraten, der Jugendorganisation der Neonazi-Partei NPD.</p> <p>Trotz kritischer Medienberichte rundum die Personalie Birl als Urheber der Anti-Asyl-Initiative sammelte die Petition in kurzer Zeit knapp 1200 Unterschriften (bei circa 7000 Einwohner*innen) und um ihren Initiator formierte sich die Bürgerinitiative Friedliches Geiselhöring (FG). Diese verteilte im Ort nach eigenen Angaben rund 5000 Flyer zur Bewerbung von Birls Onlinepetition gegen die Asylunterkunft. Auffällig war dabei, dass der Flyer der unabhängigen Initiative Friedliches Geiselhöring farblich am Corporate Design der Partei Die Heimat (ehemals NPD) orientiert war und auch den Schriftzug aus deren Parteilogo abbildete. Im Text war von „soziokulturellen Verwerfungen für die einheimische Bevölkerung“ die Rede, welche die Aufnahme von Geflüchteten mit sich bringe und „sicherheitsrelevanten kulturellen Konflikten“. Gefordert wurde ein Ende der „Willkommenskultur“, da die „leitkulturelle Identität gefährdet“ sei sowie ein „Remigrationskonzept“. „Remigration“ ist einer der zentralen Begriffe in der gegenwärtigen deutschen extremen Rechten, er ist eine Mobilisierungsparole und fungiert als Brücke zwischen offizieller Parteisprache der AfD und radikaleren rechten Milieus. Mit dem nüchtern klingenden Begriff wird versucht, die Forderung einer massenhaften Entfernung von Menschen mit familiärer Migrationsgeschichte salonfähig zu machen. Aktiviert werden dabei auch die alten Vorstellungen eines Untergangs des „deutschen Volkes“ aufgrund einer angeblichen „Überfremdung“, wie beispielsweise in diesem Beitrag des AfD-Bundesverbands auf X deutlich wird: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Remigration mit der #AfD oder Untergang!“<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Der angeblich drohende Untergang wird dabei immer wieder verknüpft mit der <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/verschwoerungsdenken-und-antisemitismus-in-der-extremen-rechten-und-darueber-hinaus/">Verschwörungserzählung</a> vom „Großen Austausch“, die mit ihrem Bezug auf angebliche „Geldeliten“ oder reiche Juden wie George Soros als Strippenzieher hinter einem angeblichen „Bevölkerungsaustausch“ eindeutig antisemitisch konnotiert ist.  <aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="178" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1024x178.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-300x52.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-768x134.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie-1000x174.jpg 1000w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/T2A0831-Kopie.jpg 1241w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Gemeinsam marschieren Rechte verschiedener Gruppierungen, um gegen Asylunterkünfte und Geschlechterdiversität zu mobilisieren. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Zurück nach Geiselhöring: Relativ früh, wohl durch den Whatsapp-Status eines der FG-Engagierten, wurde der lokale AfD-Kreisvorsitzende Armin Weidinger auf die Initiative aufmerksam. Bei deren erster Protestkundgebung und der anschließenden Versammlung im März 2025 beteiligte er sich rege und versuchte an die Anti-Asyl-Thematik anzuknüpfen. Die Bürgerinitiative bekräftigte zunächst weiterhin, als unabhängige Gruppierung keiner Partei oder Organisation nahe zu stehen. Im April und nach einigen Treffen und Gesprächen mit dem Geiselhöringer Bürgermeister startete die Initiative eine Unterschriftensammlung für einen Bürgerantrag gemäß der Bayerischen Gemeindeordnung, um ihrem Anti-Asyl-Anliegen formell Ausdruck zu verleihen. Das Vorhaben scheiterte aber im Stadtrat an formalen Voraussetzungen. Die Initiative, die sich deshalb vom Stadtrat betrogen fühlte, beschloss schließlich, mit einer eigenen Liste bei der Kommunalwahl 2026 zu kandidieren. Im Vorstand des Friedlichen Geiselhöring und auf ihrer Kandidat*innenliste fand sich auch der Initiator der lokalen Anti-Asyl-Bewegung, der Neonazi Siegfried Birl. In den Folgemonaten zeigte sich das FG mit Stammtischen, einer eigenen Website, Banneraktionen, Merchandise (Tassen, T-Shirts, etc.) und dem Besuch von Stadtratssitzungen hoch aktiv. Kaum acht Monate nach ihrer Gründung verkündete die Initiative schließlich zur Kommunalwahl als gemeinsame Liste mit der AfD anzutreten. Für den Stadtrat kandidierten die Mitglieder als Friedliches Geiselhöring, für den Kreistag als KandidatInnen Kandidat*innen der AfD. Auch der ehemalige NPDler Siegfried Birl fand sich auf der gemeinsamen Liste, die Wahlplakate zierten das Logo der AfD sowie das des Friedlichen Geiselhöring.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a></p> <p>Die Pläne zur Einrichtung einer neuen Asylunterkunft in Geiselhöring hatten sich zwischenzeitlich aus anderen Gründen zerschlagen. Im Wahlkampf setzt das Friedliche Geiselhöring, ebenso wie die lokale AfD, deshalb auf den Kampf gegen erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft. Bei der Kommunalwahl am 8. März 2026 holte die gemeinsame Liste aus FG und AfD für den Stadtrat aus dem Stand über 15%. Damit zieht die Allianz AfD/Friedliches Geiselhöring mit drei Personen in den Geiselhöringer Stadtrat ein.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a></p> <p><strong>Queerfeindlichkeit als verbindendes Mobilisierungsfeld</strong></p> <p>Ebenso wie die Agitation gegen Migration gehören <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/">Antifeminismus</a> und Queerfeindlichkeit zu den Schwerpunkten der politischen Arbeit der AfD, mit guter Anschlussfähigkeit in andere Milieus der extremen Rechten, aber auch weit ins konservative Lager hinein. Das Spektrum reicht dabei von diffamierenden und aufhetzenden Beiträgen in sozialen Medien über parlamentarische Anfragen und Reden bis zur Durchführung queerfeindlicher Versammlungen. Auch in diesem Themenfeld werden – ähnlich wie bei der Agitation gegen geplante Geflüchtetenunterkünfte – gerne konkrete Anlässe gewählt, um ein Bild von Bedrohlichkeit zu popularisieren und gemeinsam mit anderen Akteuren zu mobilisieren. Im Themenfeld Geschlecht sind solche Anlässe beispielsweise der Christopher Street Day als Fest- und Protesttag der LGBTQIA+-Community, an dem jährlich für Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung demonstriert wird, oder das Format der Drag-Kinderbuchlesungen, bei dem es neben der Förderung von Lesen und Kreativität um eine Sichtbarkeit von Vielfalt und einen entspannten Umgang mit Geschlechterrollen geht.</p> <p>Seit Jahren beteiligen sich AfD-Funktionär*innen etwa an der aus neofaschistischen „Vorfeld“-Kreisen um die Partei stammenden Kampagne, dem bunten Pride-Month in der CSD-Saison ihre queerfeindliche und nationalistische „Stolzmonat“-Propaganda entgegenzuhalten. So posteten zum Beispiel AfD-MdB Bastian Treuheit und AfD-MdL Johannes Maier die „Stolzmonatsflagge“ der extrem rechten Kampagne mit dem Zusatz „Stolz statt Regenbogen – Wir zeigen Flagge“.<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a> Und AfD-MdL Gerd Mannes präsentierte sich anlässlich des Pride Months mit einer Deutschlandflagge und der Bildunterschrift: „Keine Ahnung, was die LGTBQ-Bewegung da ausgerufen hat. Für mich ist ganz klar: die Deutschlandfahne und schwarz rot gold ist bunt genug.“ Auch der Starnberger AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Groß postete im vergangenen Jahr: „ich wünsche allen Freunden einen schönen Stolzmonat 2025“ und verwendete in der Abbildung dazu eine „Stolzmonatsflagge“, die in Reichsbürgermanier noch mit einem Preußenadler versehen war. Die AfD Aschaffenburg postete in einer Instagramstory eine Illustration, in der ein „Stolzmonat“-Schirm die herunterlaufenden Pride-Month-Regenbogenfarben schützend von einer Familie abhält.<p>Längst hetzen die AfDler aber nicht nur, sondern sie versuchen auch eine konkrete queerfeindliche Politik durchzusetzen: AfD-MdL Rene Dierkes teilte auf Telegram etwa ein Sharepic der damaligen AfD-Jugendorganisation Junge Alternative Deutschland mit der Aufschrift „Perversionen und öffentliche Kopulation nicht mit uns“ und dem eigenen Zusatz: „CSD verbieten!“ In Würzburg schritt die AfD um MdL Daniel Halemba 2025 gegen den örtlichen Christopher-Street-Day zur Tat und organisierte am Vorabend eine dezidierte Gegenkundgebung unter dem Titel „Stolz statt Pride“. Nicht die erste antifeministisch-queerfeindliche Versammlung der Bayern-AfD: Am 13. Juni 2023 hatten die Münchner AfD-Funktionäre Rene Dierkes, Christoph Rätscher und andere etwa eine große Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung der Stadtbibliothek München-Bogenhausen organisiert: „Hände weg von unseren Kindern! Genderpropaganda verbieten!“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5">[5]</a> Im folgenden Jahr gab es in Ingolstadt eine hauptsächlich von der AfD bespielte Kundgebung gegen eine Drag-Kinderbuchlesung im Jugendzentrum Fronte. Das Publikum strömte aus der Neonaziszene und der ehemaligen Pandemieleugner*innenbewegung herbei. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Lukas Rehm hielt zeitweise ein Pappschild mit dem aus dem Alten Testament grob entlehnten Satz hoch: „Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und schuf sie [als] einen Mann XY und eine Frau XX“.</p></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="639" sizes="(max-width: 959px) 100vw, 959px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2.jpeg 959w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-2-768x512.jpeg 768w" width="959"></img></a><figcaption><em>AfD-Funktionär Christoph Rätscher mit dem Plakat zur Kundgebung gegen die Drag-Lesung in der Stadtbibliothek München 2023. Die Darstellung der bedrohlich aus dem Hintergrund agierenden Person auf dem Plakat trägt antisemitische Züge und zeigt damit idealtypisch die Verschränkung von antisemitischen und queerfeindlichen Krisenverarbeitungen. Foto: Robert Andreasch.</em></figcaption></figure> <p>Ähnlich wie in der extrem rechten Verhandlung der Migrationsthematik läuft auch die queerfeindliche Agitation der AfD und anderer extrem rechter Akteure auf Verschwörungserzählungen zu. Hier ist es die Vorstellung, Geschlechter- und sexuelle Vielfalt seien Teil eines absichtsvoll betriebenen Angriffs auf Familie, Nation und „Volk“ bzw. eine „natürliche“ – oder wie im obigen Beispiel „göttliche“ – Ordnung. Auch diese Vorstellung erweist sich als mindestens anschlussfähig für antisemitische Deutungsmuster, die, wie gezeigt wurde, die gesamte extreme Rechte vereinen. Die AfD spielt hier inhaltlich und organisatorisch eine zentrale Rolle.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Zit. n. Bundesministerium für Inneres, Verfassungsschutzbericht 2024, S. 104.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Siehe auch: <a href="https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6" rel="noopener">https://www.br.de/nachrichten/bayern/afd-im-wahlkampf-radikales-programm-radikale-kandidaten,VBg8FF6</a>.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> <a href="https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html" rel="noopener">https://wahlen.osrz-akdb.de/nb-p/278123/2/20260308/gemeinderatswahl_gemeinde/index.html</a>.</p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> Diese Mobilisierung und ihre Anschlussfähigkeit werden ausführlich behandelt im Beitrag von Sabine Volk: „Rallying ‘round the Drag: Anti-Gender Mobilization and the Mainstreaming of the Far Right“. European Societies 27, Nr. 1 (2025): 59–82. https://doi.org/10.1162/euso_a_00009.</p> <hr></hr> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?   https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schwanger-nach-schlaganfall-worauf-sollte-man-achten/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schwanger-nach-schlaganfall-worauf-sollte-man-achten/#respond Sun, 10 May 2026 07:30:00 +0000 Gast https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5899 <h1>Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?   » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <div><figure><img alt="Prof. Dr. Annerose Mengel forscht zum Thema Schlaganfall." decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><p>3 Fragen an Prof. Dr. Annerose Mengel, Leiterin der Forschungsgruppe „Schlaganfallerholung und Outcome“ in der Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen“ am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, welches gemeinsam mit der Neurologischen Universitätsklinik das Hertie-Zentrum für Neurologie bildet.</p></div> <h3><strong>1. Wann ist eine Schwangerschaft nach einem Schlaganfall medizinisch vertretbar?</strong></h3> <p>Grundsätzlich sollte man nach einem Schlaganfall die Genesungsphase abwarten. Klassisch spricht man von etwa drei Monaten, aber wir wissen aus Studien, dass es eher 12 Monate dauert, bis man wirklich sagen kann: Das ist jetzt der stabile Zustand, mit dem die Patientin lebt. Deshalb empfehlen wir in der Regel, frühestens nach einem Jahr über eine Schwangerschaft nachzudenken. Körperlich bedeutet das: Die Rehabilitation sollte weitgehend abgeschlossen sein. Also motorische und sensible Defizite sollten sich bestmöglich gebessert haben, idealerweise durch konsequente Therapie wie Physio-, Ergo- und Logopädie. Auch die Psyche sollte man im Blick haben: Nach einem Schlaganfall treten bei bis zu 40 Prozent der Patientinnen und Patienten im ersten Jahr neuropsychiatrische Veränderungen auf – zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Antriebsminderung. Das wird häufig übersehen. Gerade bei Kinderwunsch sollte man gezielt darauf achten und gegebenenfalls auch behandeln. Ein zentraler Punkt ist zudem, dass die Ursache des Schlaganfalls möglichst genau geklärt und – wenn möglich – behoben sein sollte. In dem Fall von Frau Schenk war es eine Hirnblutung, bei der vor einer Schwangerschaft wichtige Fragen zu klären sind: Ist das Risiko für eine erneute Blutung minimiert? Gab es zum Beispiel Gefäßveränderungen wie arteriovenöse Malformationen, also angeborene seltene Gefäßfehlbildungen? Bei ischämischen Schlaganfällen fragen wir uns: Liegt eine Gerinnungsstörung vor, die in der Schwangerschaft besonders relevant wäre und behandelt werden muss? Gibt es ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale – ein kleines Loch in der Herzscheidewand, das sich eigentlich nach der Geburt schließen sollte? Solche Ursachen versuchen wir konsequent zu identifizieren und zu behandeln. Erst wenn die Patientin körperlich und psychisch stabil ist und die Ursache des Schlaganfalls bestmöglich geklärt und adressiert wurde, kann man verantwortungsvoll über eine Schwangerschaft nachdenken. Trotzdem bleibt es eine Risikoschwangerschaft, die eng begleitet werden sollte.</p> <h3><strong>2. Welche Risiken bestehen, und wie lassen sie sich minimieren? </strong></h3> <p>Eine Schwangerschaft bringt an sich ein erhöhtes Risiko für thrombembolische Ereignisse wie zum Beispiel Schlaganfälle mit sich. Das liegt vor allem an den hormonellen Veränderungen, die die Gerinnung beeinflussen. Schwangere haben dadurch ein erhöhtes Thromboserisiko. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass sich venöse Thrombosen bilden, die – etwa bei einem persistierenden Foramen ovale – vom venösen in den arteriellen Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen. Auch seltenere Ursachen wie eine Sinusvenenthrombose, also eine Thrombose in den hirneigenen Venen, treten in der Schwangerschaft häufiger auf.  Bei einer vorangegangenen Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) – wie in dem Fall von Frau Schenk – spielt vor allem der Blutdruck eine entscheidende Rolle. In der Schwangerschaft kann es zu einem Schwangerschaftshypertonus kommen. Deshalb ist ein wichtiger Punkt zur Risikominimierung ein engmaschiges Monitoring mit konsequenter Kontrolle des Blutdrucks. Aber auch andere Faktoren wie der Blutzucker sollten regelmäßig überprüft werden, zum Beispiel im Hinblick auf einen Schwangerschaftsdiabetes. Kurz gesagt: Das Risiko lässt sich nicht komplett vermeiden, aber durch eine gute Vorbereitung und eine enge medizinische Begleitung während der Schwangerschaft deutlich reduzieren.</p> <h3><strong>3. Welche Faktoren beeinflussen die Genesung nach Schlaganfall? Was können Betroffene dazu beitragen – und welche Fortschritte gibt es in Therapie und Rehabilitation?  </strong></h3> <p>Die Genesung nach einem Schlaganfall hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Lokalisation und die Schwere des Schlaganfalls sowie der Zustand der Patientin oder des Patienten vor dem Ereignis. Wer vorher körperlich fit war, hat in der Regel ein besseres Rehabilitationspotenzial. Auch spielt es eine Rolle, ob es bereits frühere Schlaganfälle oder Einschränkungen gab – dann ist die Erholung oft schwieriger. Was Betroffene selbst tun können, ist nicht zu unterschätzen. Eine möglichst positive Grundhaltung hilft, aktiv an der Rehabilitation teilzunehmen. Denn wir wissen: Konsequentes, multimodales Training ist zentral. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie – ergänzt durch eigenes Üben im Alltag. Das Ziel ist, das neuronale Netzwerke zu stärken, so dass Funktionen erneut übernommen werden können. In der Therapie gibt es zudem Fortschritte: Ein Beispiel ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei wird die elektrische Hirnaktivitäten gemessen und gezielt von außen mittels transkraniellem Magnetstimulus aktiviert, um neuronale Netzwerke zu unterstützen. Hier setzt auch die neue Studie BOSS STROKE des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Ulf Ziemann an. Ziel ist es, mithilfe der closed loop TMS eine neue Therapie für Schlaganfallpatientinnen und -patienten zu entwickeln, die sowohl die motorischen Funktionen verbessert als auch durch Spastik bedingte Einschränkungen reduziert. Gleichzeitig legt das HIH und unsere Arbeitsgruppe einen besonderen Schwerpunkt auf die Erforschung von genetischen Faktoren von Schlaganfällen sowie auf die Primärprävention, insbesondere bei jungen Patientinnen und Patienten.</p> <p>Die Fragen stellte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.<aside></aside></p> <p>Neugierig auf mehr? Dann lese die Interviews mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/">Prof. Birgit Derntl</a> zum weiblichen Gehirn oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">Prof. Dr. Malek Bajbouj</a> zum Thema Reizflut.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Schwanger nach Schlaganfall: Worauf sollte man achten?   » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Gast</h2><div itemprop="text"> <div><figure><img alt="Prof. Dr. Annerose Mengel forscht zum Thema Schlaganfall." decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-683x1024.jpg 683w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-200x300.jpg 200w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-768x1152.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1024x1536.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-1365x2048.jpg 1365w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Uni-Tuebingen_28.04.2025_467_Mengel_final-scaled.jpg 1707w" width="683"></img></figure><p>3 Fragen an Prof. Dr. Annerose Mengel, Leiterin der Forschungsgruppe „Schlaganfallerholung und Outcome“ in der Abteilung „Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen“ am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung in Tübingen, welches gemeinsam mit der Neurologischen Universitätsklinik das Hertie-Zentrum für Neurologie bildet.</p></div> <h3><strong>1. Wann ist eine Schwangerschaft nach einem Schlaganfall medizinisch vertretbar?</strong></h3> <p>Grundsätzlich sollte man nach einem Schlaganfall die Genesungsphase abwarten. Klassisch spricht man von etwa drei Monaten, aber wir wissen aus Studien, dass es eher 12 Monate dauert, bis man wirklich sagen kann: Das ist jetzt der stabile Zustand, mit dem die Patientin lebt. Deshalb empfehlen wir in der Regel, frühestens nach einem Jahr über eine Schwangerschaft nachzudenken. Körperlich bedeutet das: Die Rehabilitation sollte weitgehend abgeschlossen sein. Also motorische und sensible Defizite sollten sich bestmöglich gebessert haben, idealerweise durch konsequente Therapie wie Physio-, Ergo- und Logopädie. Auch die Psyche sollte man im Blick haben: Nach einem Schlaganfall treten bei bis zu 40 Prozent der Patientinnen und Patienten im ersten Jahr neuropsychiatrische Veränderungen auf – zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Antriebsminderung. Das wird häufig übersehen. Gerade bei Kinderwunsch sollte man gezielt darauf achten und gegebenenfalls auch behandeln. Ein zentraler Punkt ist zudem, dass die Ursache des Schlaganfalls möglichst genau geklärt und – wenn möglich – behoben sein sollte. In dem Fall von Frau Schenk war es eine Hirnblutung, bei der vor einer Schwangerschaft wichtige Fragen zu klären sind: Ist das Risiko für eine erneute Blutung minimiert? Gab es zum Beispiel Gefäßveränderungen wie arteriovenöse Malformationen, also angeborene seltene Gefäßfehlbildungen? Bei ischämischen Schlaganfällen fragen wir uns: Liegt eine Gerinnungsstörung vor, die in der Schwangerschaft besonders relevant wäre und behandelt werden muss? Gibt es ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale – ein kleines Loch in der Herzscheidewand, das sich eigentlich nach der Geburt schließen sollte? Solche Ursachen versuchen wir konsequent zu identifizieren und zu behandeln. Erst wenn die Patientin körperlich und psychisch stabil ist und die Ursache des Schlaganfalls bestmöglich geklärt und adressiert wurde, kann man verantwortungsvoll über eine Schwangerschaft nachdenken. Trotzdem bleibt es eine Risikoschwangerschaft, die eng begleitet werden sollte.</p> <h3><strong>2. Welche Risiken bestehen, und wie lassen sie sich minimieren? </strong></h3> <p>Eine Schwangerschaft bringt an sich ein erhöhtes Risiko für thrombembolische Ereignisse wie zum Beispiel Schlaganfälle mit sich. Das liegt vor allem an den hormonellen Veränderungen, die die Gerinnung beeinflussen. Schwangere haben dadurch ein erhöhtes Thromboserisiko. Das kann zum Beispiel dazu führen, dass sich venöse Thrombosen bilden, die – etwa bei einem persistierenden Foramen ovale – vom venösen in den arteriellen Kreislauf gelangen und einen Schlaganfall auslösen. Auch seltenere Ursachen wie eine Sinusvenenthrombose, also eine Thrombose in den hirneigenen Venen, treten in der Schwangerschaft häufiger auf.  Bei einer vorangegangenen Hirnblutung (hämorrhagischer Schlaganfall) – wie in dem Fall von Frau Schenk – spielt vor allem der Blutdruck eine entscheidende Rolle. In der Schwangerschaft kann es zu einem Schwangerschaftshypertonus kommen. Deshalb ist ein wichtiger Punkt zur Risikominimierung ein engmaschiges Monitoring mit konsequenter Kontrolle des Blutdrucks. Aber auch andere Faktoren wie der Blutzucker sollten regelmäßig überprüft werden, zum Beispiel im Hinblick auf einen Schwangerschaftsdiabetes. Kurz gesagt: Das Risiko lässt sich nicht komplett vermeiden, aber durch eine gute Vorbereitung und eine enge medizinische Begleitung während der Schwangerschaft deutlich reduzieren.</p> <h3><strong>3. Welche Faktoren beeinflussen die Genesung nach Schlaganfall? Was können Betroffene dazu beitragen – und welche Fortschritte gibt es in Therapie und Rehabilitation?  </strong></h3> <p>Die Genesung nach einem Schlaganfall hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind vor allem die Lokalisation und die Schwere des Schlaganfalls sowie der Zustand der Patientin oder des Patienten vor dem Ereignis. Wer vorher körperlich fit war, hat in der Regel ein besseres Rehabilitationspotenzial. Auch spielt es eine Rolle, ob es bereits frühere Schlaganfälle oder Einschränkungen gab – dann ist die Erholung oft schwieriger. Was Betroffene selbst tun können, ist nicht zu unterschätzen. Eine möglichst positive Grundhaltung hilft, aktiv an der Rehabilitation teilzunehmen. Denn wir wissen: Konsequentes, multimodales Training ist zentral. Dazu gehören Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie – ergänzt durch eigenes Üben im Alltag. Das Ziel ist, das neuronale Netzwerke zu stärken, so dass Funktionen erneut übernommen werden können. In der Therapie gibt es zudem Fortschritte: Ein Beispiel ist die transkranielle Magnetstimulation (TMS). Dabei wird die elektrische Hirnaktivitäten gemessen und gezielt von außen mittels transkraniellem Magnetstimulus aktiviert, um neuronale Netzwerke zu unterstützen. Hier setzt auch die neue Studie BOSS STROKE des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung unter der Leitung von Prof. Dr. Ulf Ziemann an. Ziel ist es, mithilfe der closed loop TMS eine neue Therapie für Schlaganfallpatientinnen und -patienten zu entwickeln, die sowohl die motorischen Funktionen verbessert als auch durch Spastik bedingte Einschränkungen reduziert. Gleichzeitig legt das HIH und unsere Arbeitsgruppe einen besonderen Schwerpunkt auf die Erforschung von genetischen Faktoren von Schlaganfällen sowie auf die Primärprävention, insbesondere bei jungen Patientinnen und Patienten.</p> <p>Die Fragen stellte Rena Beeg für die <a data-id="https://www.ghst.de/" data-type="link" href="https://www.ghst.de/" rel="noopener">Gemeinnützige Hertie-Stiftung</a>.<aside></aside></p> <p>Neugierig auf mehr? Dann lese die Interviews mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/">Prof. Birgit Derntl</a> zum weiblichen Gehirn oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/reizflut-kann-hirnstrukturen-veraendern/">Prof. Dr. Malek Bajbouj</a> zum Thema Reizflut.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/schwanger-nach-schlaganfall-worauf-sollte-man-achten/#respond 0 AstroGeo Podcast: Ein Blick ins Alien-Teleskop – gibt es Leben auf der Erde? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/#comments Sun, 10 May 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1885 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag137_q-768x768.jpg Das Foto zeigt die Erde, aufgenommen aus dem Weltraum. Erkennbar sind Kontinente, Wolken und der Ozean. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag137_q.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Ein Blick ins Alien-Teleskop - gibt es Leben auf der Erde? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag137-alien-teleskop.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Bislang wissen wir nur von einem Planeten in unserer Galaxie sicher, dass es dort Leben gibt: unsere eigene Erde, die seit Milliarden von Jahren von den unterschiedlichsten Lebewesen bewohnt wird. Von Einzellern, die Kohlenstoff statt Sauerstoff atmen, über Pflanzen die sich nicht vom Fleck rühren können bis hin zu neugierigen Menschen ist so Einiges dabei. Auf unserem Leben wimmelt es geradezu vor Leben.</p> <p>Ob das auf anderen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems auch so ist, wissen wir nicht. Was wir auch nicht wissen: Wie könnte Leben dort überhaupt aussehen? Ähnlich wie auf der Erde, mit Einzellern, Pflanzen und Zweibeinern? Dann ist die grundlegende Frage, wie irdische Forscherinnen und Forscher nach etwas suchen können, von dem sie noch nicht einmal wissen, wie es aussieht und welche Spuren es hinterlässt.<aside></aside></p> <p>Was wäre, wenn sich genau diese Frage in diesem Moment ein solches außerirdisches Lebewesen auch stellen sollte? Mal angenommen, es gäbe sie, die Aliens – nicht unendlich weit weg, sondern irgendwo ums kosmische Eck in unserer Milchstraße. Vielleicht sind sie genauso neugierig wie wir. Vielleicht blicken auch sie in ihren Nachthimmel, stellen astronomische Beobachtungen an und finden tatsächlich einen Gesteinsplaneten, der als dritter Planet einen nicht besonders großen Stern umkreist – unsere Erde.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts dreht Franzi den Spieß bei der Suche nach außerirdischem Leben um: Wie könnten außerirdische Lebensformen herausfinden, dass die Erde ein bewohnter Planet ist? Zunächst müssten sie den Planeten überhaupt finden. Das irdische Leben hat seine Spuren hinterlassen, es gibt Biosignaturen und sogar Technosignaturen, die auf intelligentes Leben und einen gewissen technologischen Entwicklungsstand schließen lassen. Was also könnten Aliens überhaupt beobachten, um die folgende Frage zu beantworten: Gibt es Leben auf der Erde?</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/es-sind-nie-aliens-oder/" rel="noopener">Es sind nie Aliens – oder?</a></li> <li>Folge 88: <a href="https://astrogeo.de/hyzean-planet-k2-18b-zwischen-leben-und-leere/" rel="noopener">Biosignatur auf Ozeanwelt K2-18 – lebt da was?</a></li> <li>Folge 96: <a href="https://astrogeo.de/spaeher-von-fernen-sternen-was-verbirgt-oumuamua/" rel="noopener">Späher von fernen Sternen: Was verbirgt Oumuamua?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Exoplanet" rel="noopener">Exoplanet</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transitmethode" rel="noopener">Transitmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biosignatur" rel="noopener">Biosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Search_for_Extraterrestrial_Intelligence" rel="noopener">SETI</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Technosignatur" rel="noopener">Technosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arecibo-Botschaft" rel="noopener">Arecibo-Botschaft</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/1538-3881/ada3c7" rel="noopener">Earth Detecting Earth: At What Distance Could Earth’s Constellation of Technosignatures Be Detected with Present-day Technology?</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-03596-y" rel="noopener">Past, present and future stars that can see Earth as a transiting exoplanet</a> (2021)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/1802.09367" rel="noopener">The Detectability of Earth’s Biosignatures Across Time</a> (2018)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag137_q.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Ein Blick ins Alien-Teleskop - gibt es Leben auf der Erde? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag137-alien-teleskop.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Bislang wissen wir nur von einem Planeten in unserer Galaxie sicher, dass es dort Leben gibt: unsere eigene Erde, die seit Milliarden von Jahren von den unterschiedlichsten Lebewesen bewohnt wird. Von Einzellern, die Kohlenstoff statt Sauerstoff atmen, über Pflanzen die sich nicht vom Fleck rühren können bis hin zu neugierigen Menschen ist so Einiges dabei. Auf unserem Leben wimmelt es geradezu vor Leben.</p> <p>Ob das auf anderen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems auch so ist, wissen wir nicht. Was wir auch nicht wissen: Wie könnte Leben dort überhaupt aussehen? Ähnlich wie auf der Erde, mit Einzellern, Pflanzen und Zweibeinern? Dann ist die grundlegende Frage, wie irdische Forscherinnen und Forscher nach etwas suchen können, von dem sie noch nicht einmal wissen, wie es aussieht und welche Spuren es hinterlässt.<aside></aside></p> <p>Was wäre, wenn sich genau diese Frage in diesem Moment ein solches außerirdisches Lebewesen auch stellen sollte? Mal angenommen, es gäbe sie, die Aliens – nicht unendlich weit weg, sondern irgendwo ums kosmische Eck in unserer Milchstraße. Vielleicht sind sie genauso neugierig wie wir. Vielleicht blicken auch sie in ihren Nachthimmel, stellen astronomische Beobachtungen an und finden tatsächlich einen Gesteinsplaneten, der als dritter Planet einen nicht besonders großen Stern umkreist – unsere Erde.</p> <p>In dieser Folge des AstroGeo-Podcasts dreht Franzi den Spieß bei der Suche nach außerirdischem Leben um: Wie könnten außerirdische Lebensformen herausfinden, dass die Erde ein bewohnter Planet ist? Zunächst müssten sie den Planeten überhaupt finden. Das irdische Leben hat seine Spuren hinterlassen, es gibt Biosignaturen und sogar Technosignaturen, die auf intelligentes Leben und einen gewissen technologischen Entwicklungsstand schließen lassen. Was also könnten Aliens überhaupt beobachten, um die folgende Frage zu beantworten: Gibt es Leben auf der Erde?</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/es-sind-nie-aliens-oder/" rel="noopener">Es sind nie Aliens – oder?</a></li> <li>Folge 88: <a href="https://astrogeo.de/hyzean-planet-k2-18b-zwischen-leben-und-leere/" rel="noopener">Biosignatur auf Ozeanwelt K2-18 – lebt da was?</a></li> <li>Folge 96: <a href="https://astrogeo.de/spaeher-von-fernen-sternen-was-verbirgt-oumuamua/" rel="noopener">Späher von fernen Sternen: Was verbirgt Oumuamua?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Exoplanet" rel="noopener">Exoplanet</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transitmethode" rel="noopener">Transitmethode</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Biosignatur" rel="noopener">Biosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Search_for_Extraterrestrial_Intelligence" rel="noopener">SETI</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Technosignatur" rel="noopener">Technosignatur</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Arecibo-Botschaft" rel="noopener">Arecibo-Botschaft</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/1538-3881/ada3c7" rel="noopener">Earth Detecting Earth: At What Distance Could Earth’s Constellation of Technosignatures Be Detected with Present-day Technology?</a> (2025)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-021-03596-y" rel="noopener">Past, present and future stars that can see Earth as a transiting exoplanet</a> (2021)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/1802.09367" rel="noopener">The Detectability of Earth’s Biosignatures Across Time</a> (2018)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: NASA</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-ein-blick-ins-alien-teleskop-gibt-es-leben-auf-der-erde/#comments 1 Science: „Chaotische Walrettung schockiert Meeresbiologen“ https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/#comments Fri, 08 May 2026 14:04:31 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1982 <h1>Science: „Chaotische Walrettung schockiert Meeresbiologen“ » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der „Timmy“ genannte junge Buckelwal hatte sich vor 6 Wochen in die Ostsee verirrt und war dann bald ein auf Sandbänken gestrandet. Er kam mehrfach wieder drei, strandete erneut und die Rettungsversuche blieben ohne Erfolg. Darum wollten BiologInnen und Tierärzt:innen ihn in Ruhe sterben lassen, in Rücksprache mit internationalen Wal-Fachgesellschaften und Stranding Networks..<br></br>Aber dann kochte der Volkszorn, verstärkt von Social Media hoch und andere Personen übernahmen eine Rettungsmission.</p> <p>Gerade habe ich diesen <em>Science</em>-Beitrag „<strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a></strong>“ vom 04.05.26 zum letzten Kapitel der Ostsee-Reise des jungen Buckelwals von Martin Enserink gefunden. Er ist gleichzeitig Zusammenfassung und Außensicht, was an Fakten bekannt ist und wer dabei welche Rolle spielte.</p> <p>Darum habe ich ihn mal übersetzt, mit Anmerkungen:<p>„Es wurde als Triumph präsentiert. Am Samstagmorgen wurde Timmy, der 12 Meter lange Buckelwal, der mehr als einen Monat lang vor der deutschen Ostseeküste gestrandet war, von einem mit Wasser gefüllten Lastkahn freigelassen, der ihn in die Freiheit im Skagerrak, der Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen, transportiert hatte. Damit fand eine Rettungsaktion ihren Abschluss, die die Öffentlichkeit in Deutschland und auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen hatte. Ein Video zeigte Timmy, wie er Wasser aus seinem Blasloch spritzte (<em>Anmerkung Meertext: Nein, aus dem Blasloch kommt warme Atemluft, die in kalter Umgebung kondensiert. Mit Wasser in der Lunge wäre der Wal tot</em>), was eine deutsche Boulevardzeitung als spielerischen Abschied von seinen Rettern interpretierte (<em>Anmerkung Meertext: Klar. Wale atmen nur, wenn sie spielerisch gelaunt sind. Sonst halten sie die Luft an (genervtes Aufstöhnen)).</em></p></p> <p>Doch zwei Tage später ist unklar, ob Timmy – von manchen „Hope“ genannt – noch am Leben ist. Das privat finanzierte Rettungsteam ist inmitten erbitterter Schuldzuweisungen auseinandergebrochen, Versuche, den Wal aufzuspüren, scheinen gescheitert zu sein, und einige Wissenschaftler sagen, die Rettung habe das Tier traumatisiert. Ein Drohnenvideo <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Gmj8YkgnIkY&amp;t=16s" rel="noopener">des Wals am Tag vor seiner Freilassung,</a> auf dem er sich windet und gegen die Seiten des Lastkahns schlägt, während die Crew offenbar versuchte, ihn herauszuziehen, hat Forscher schockiert (<em>Anmerkung Meertext: Wie der Wal sich möglichst weit weg vom Motorboot im hinteren Teil der Barge aufhält und immer wieder gegen die Metallwände knallt, sieht für mich nicht gut aus. Die Aktion mit den Seilen habe ich nicht scharf sehen können. Aber der Wal will aus eigenem Antrieb offenbar nicht die Barge verlassen.)</em> „Es ist sehr schwer anzusehen“, sagt der Ozeanograph Burkard Baschek, Direktor des Ozeanmuseums Deutschland. „Das Tier muss sehr gelitten haben.“ (<em>Anmerkung Meertext<a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/freilassung-von--timmy---insider-nennt-details-zur-buckelwal-aktion-37381068.html" rel="noopener">: Jetzt ist ein angeblicher Augenzeuge aufgetaucht, der die Vorwürfe bestreitet:</a> Die Crew habe den Wal nicht mit Seilen rausgezogen, sondern den Boden der Barge abgesenkt und sie dann beschleunigt – also unter dem Wal weggezogen.)</em></p> <p>Deutsche Wissenschaftler hatten bereits vor über einem Monat gewarnt, dass Timmy (dessen Geschlecht nicht bekannt ist in schlechter Verfassung sei und die Rettungsaktion wahrscheinlich nicht überleben würde – und dass es wahrscheinlich erneut stranden würde, sollte es doch überleben (<em>Anmerkung Meertext: <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Mehr dazu hier</a></em>). Das Expertengremium für Strandungen der Internationalen <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">Walfangkommission (IWC) erklärte am 7. April,</a> dass „palliative Pflege“ – das Tier am Strand zu lassen, es aber nass zu halten und eine ruhige und friedliche Umgebung zu schaffen – „die einzig verantwortungsvolle, humane und pragmatische Reaktion“ sei. (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/"><em>Anmerkung Meertext: Weitere Statements mit dem gleichen Inhalt hatte ich hier vorgestellt</em>)</a>.<aside></aside></p> <p>Doch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, wo Timmy den größten Teil der letzten sechs Wochen verbrachte, genehmigte die Rettung, nachdem das Tier zu einer Mediensensation geworden war. „Man würde hoffen, dass deutsche Behörden den Rat der Wissenschaftler befolgen, aber sie haben ihn ignoriert“, sagt ein Meeresbiologe, der anonym bleiben möchte, weil er Konsequenzen befürchtet.<br></br>Nun fordern einige eine umfassende Untersuchung. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Fabian Ritter, Meeresbiologe und Walforscher bei der Nichtregierungsorganisation M.E.E.R.</p> <p>Wal-Strandungen sind häufig und rätselhaft (<em>Anmerkung Meertext: Jein. Mittlerweile sind manche dieser Rätsel gelöst</em>). Ungewöhnliches Wetter oder schlechter Gesundheitszustand können dazu führen, dass Wale stranden (<em><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Anmerkung Meertext: Wie es hier vermutlich zutrifft</a></em>), aber Wissenschaftler haben auch vermutet, dass Sonar (<em>Anmerkung Meertext: Für Bartenwale irrelevant, da sie kein Sonar haben</em>) oder magnetische Störungen durch Sonnenstürme (<em>Anmerkung Meertext: Blödsinn, da die Zeiten der Sonnenstürme nicht mit den Daten für z B Massenstrandungen von Pottwalen in der Nordsee zusammenpassen) </em>eine Rolle spielen könnten. Ob ein Rettungsversuch sinnvoll ist, hängt von Faktoren wie der Größe, dem Alter und dem Zustand des Wals ab, seinem Standort, der Dauer der Strandung, den logistischen Anforderungen und den Erfolgsaussichten.</p> <p>Timmy strandete erstmals am 23. März am Timmendorfer Strand – von dem sich auch sein Name ableitet – in der Nähe der Stadt Lübeck an der deutschen Ostseeküste. Trotz mehrerer Versuche, ihn bei Flut in tiefere Gewässer zu treiben, strandete Timmy jedes Mal erneut, so Baschek. Schließlich landete er auf einer Sandbank weiter östlich, in der Nähe der Insel Poel.</p> <p>Gestrandete Wale überleben selten länger als ein paar Tage; ihr schieres Gewicht zerquetscht ihre Organe. Timmy überlebte viel länger, zum Teil, weil er teilweise im Wasser lag (<em>Anmerkung Meertext: Ich frage mich, ob auch sein jugendliches geringes Gewicht dabei eine Rolle spielte. Er hatte ja bei weitem noch nicht das Gewicht eines erwachsenen Buckelwals.)</em>. Aber er war schwach und reagierte nicht, sagt Baschek, und entwickelte Hautläsionen, ein Anzeichen für eine „Süßwasser-Hautkrankheit“. (Die Ostsee ist nicht nur tückisch flach, sondern auch weniger salzig als das offene Meer.) Der Wal hatte zudem Seilstücke und Netzteile im Maul, die möglicherweise bis in seine Speiseröhre und seinen Magen reichten. Am 1. April kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es das Beste sei, das Tier friedlich sterben zu lassen – eine Empfehlung, der die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern zunächst zustimmte (<em>Der Direktor des Meeresmuseums ist selbst kein Wal-Experte, zitiert hier aber die Wal-Wissenschaftler des Meeresmuseums und von ITAW</em> <em>und spricht für sie</em>).</p> <p>Doch nach einem öffentlichen Aufschrei habe die Regierung „eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen“, so Ritter, und einer privaten Gruppe, die von zwei wohlhabenden Unternehmern finanziert wurde, erlaubt, eine Rettungsaktion durchzuführen. Till Backhaus, Landesminister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei, sagte, er habe nach einem Besuch am Rettungsort <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">eine „Verbindung“ zu Timmy gespürt,</a> und erklärte letzte Woche, er sei „kurz davor gewesen, ins Wasser zu springen, um dem Wal zu helfen, die letzten Meter zu überwinden“. Backhaus’ Partei, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, liegt in Umfragen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hinter der rechtsextremen Alternative für Deutschland zurück, bemerkt Ritter: „Ich glaube, er ist in den Wahlkampfmodus gewechselt.“ (<em>Anmerkung Meertext:</em> <em>Till Backhaus hatte übrigens für seinen Timmy-Besuch u a eine <a href="https://www.ostsee-zeitung.de/politik/regional/wal-minister-fehlt-bei-debatte-um-meeresschutz-chaos-bei-glasfaser-ausbau-in-rostock-stralsunds-ob-T2QS6CML4NCFRAN24F4JUMO27U.html" rel="noopener">Sitzung geschwänzt, bei der um den Schutz der Ostsee</a> und auch um die vom Aussterben bedrohten Ostsee-Scheinwale ging. Das zeigt deutlich, wieviel ihm am Walschutz gelegen ist),</em></p> <p>Etablierte Walforscher weigerten sich, an der Rettung teilzunehmen, sagt Baschek, der die Aktion als „Tierquälerei“ bezeichnet. Zu den zentralen Figuren der Aktion gehörten stattdessen <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Danny.Firstclass, ein deutscher Influencer und rechtsextremer Aktivist</a>, dessen richtiger Name Danny Hilse ist, sowie Sergio Bambarén Roggero, ein peruanischer Autor spiritueller Geschichten über den Ozean, der häufig als „Walflüsterer“ bezeichnet wird.</p> <p>Bald kam es zu Konflikten. Jenna Wallace, eine ehemalige Tierärztin im Miami Seaquarium, die sich Mitte April dem Team angeschlossen hatte, verließ es nach vier Tagen. In einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=2D22hv_bQH8" rel="noopener">deutschen Fernsehinterview behauptete sie, Hilse und Bambarén</a> hätten Timmys Leben gefährdet und dazu geführt, dass das Team eine wichtige Gelegenheit verpasst habe, mit dem Transport zu beginnen. Sie sagte, das Duo sei nur wegen „der Klicks, Likes und um dumme Bücher zu verkaufen“ dabei gewesen. (Hilse und Bambarén Roggero reagierten nicht auf Anfragen für einen Kommentar).</p> <p>Nachdem das Team einen speziellen Kanal gegraben hatte, durch den Timmy schwimmen konnte, gelang es ihm schließlich, das Tier auf das Lastschiff zu bringen, das letzte Woche in die tieferen Gewässer der Nordsee geschleppt wurde.</p> <p>Die letzten Tage der Aktion verliefen chaotisch. Drohnenaufnahmen vom Freitagabend zeigten Besatzungsmitglieder, die offenbar versuchten, Timmy mit einem an seiner Schwanzflosse befestigten Seil aus dem Lastschiff zu ziehen. Die Bilder entsetzten Experten; da die Schwanzflosse größtenteils aus Bindegewebe und Muskeln besteht und keine Knochen aufweist, könnte das Ziehen daran schwere Schäden verursachen. „Regel Nr. 1 bei einer Walrettung: Man zieht niemals, niemals, niemals einen Wal an seiner Schwanzflosse“, sagt Ritter. „Das zeigt wirklich, dass diese Leute nicht wussten, was sie taten.“</p> <p>Der Versuch am Freitag, Timmy aus dem Lastkahn zu befreien, scheint gescheitert zu sein, und Aufnahmen von der Freilassung am nächsten Morgen wurden nicht veröffentlicht. Eine der an der Mission beteiligten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1HxX-LxiPno" rel="noopener">Tierärztinnen, Kirsten Tönnies, sagte,</a> sie habe sich dem Tier während der Freilassung nicht nähern dürfen; in einem Interview kritisierte sie die Schiffsbesatzung scharf, die sie ihrer Aussage nach belogen und diejenigen an Bord „verraten“ habe, die versuchten, das Tier zu schützen.</p> <p>Auch die beiden wohlhabenden Geldgeber der Aktion haben sich von den Ereignissen distanziert und erklären, die Eigentümer und Betreiber der beiden an der Mission beteiligten Schiffe seien verantwortlich. „<a href="https://whalesanctuaryproject.org/wp-content/uploads/Statement-May-2-from-Karin-Walter-Mommert-DEU.pdf" rel="noopener">An Bord des Lastkahns wurde keine der zuvor</a> besprochenen, geplanten und uns mitgeteilten Maßnahmen … ergriffen, um den Wal vom Schiff zu befreien; auch die erforderliche Untersuchung durch unsere Tierärzte … wurde nicht zugelassen“, schrieben sie am Samstag in einem offenen Brief.</p> <p>Das IWC-Gremium hatte die Retter aufgefordert, Timmy einen Satellitensender anzubringen, um sein Schicksal zu verfolgen und aus der Aktion zu lernen. Das Team scheint dies getan zu haben, und Nachrichtenberichten zufolge sendete der Sender zunächst ein Signal aus. Doch offenbar ist er inzwischen verstummt. „Bedauerlicherweise haben wir nur sehr wenige Informationen“, sagt Ritter.</p> <p>Baschek sagt, es bestehe eine „große Wahrscheinlichkeit“, dass Timmy bereits gestorben ist und in 700 Metern Tiefe im Skagerrak liegt.“</p> <p><em>Eine Version dieses Artikels erschien in Science, Band 392, Ausgabe 6798.</em></p> <p>Online erschien der Beitrag <strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a> </strong>am 04.05.2026</p> <p>Dieser Science-Beitrag zeigt das Chaos bei der versuchten Rückführung des Buckelwals gut auf. Das unprofessionelle Vorgehen ohne Dokumentation, ohne Zuständigkeiten, in dem offenbar jede/r machte, was er/ihr am ehesten passte, ist wirklich unglaublich. Ohne Dokumentation und Bildaufnahmen lässt sich das Ende des Meeressäugers nicht rekonstruieren, es bleibt bei wütenden gegenseitigen Schuldzuweisungen. Zur Diskussion um angebliche Daten des ominösen Senders empfehle ich diesen <a href="https://www.merkur.de/deutschland/sagt-nicht-die-wahrheit-wal-drama-geht-in-die-naechste-runde-peilsender-im-fokus-94292320.html" rel="noopener">Artikel, in dem sich BiologInnen und TierärztInnen</a>, die solche Sender nutzen dazu äußern.<br></br>Ihr Fazit:<br></br>– heute wird dafür kein Walfinne mehr angebohrt, sondern die Technik per Saugnapf befestigt<br></br>– ein GPS-Tracker kann keine Vitaldaten übermitteln<br></br>– der Sender ist ausgefallen – offenbar haben die „Walretter“ ihn nicht vorher auf Funktionsfähigkeit überprüft<br></br>– das bestätigt erneut die Unprofessionalität des Rettungsteams<p>Die hier zu Wort gekommen Wal-Experten wie Fabian Ritter und Peer Madsen schätze ich sehr, beide sind sehr erfahren mit Walen.</p></p> <p>Ich hatte ja auch bereits in Antworten auf Kommentare geschrieben, warum der Tod des Wals nach seinem Verschwinden in der Nordsee wahrscheinlich sehr wahrscheinlich war. Angebliche Sendersignale bewerte ich skeptisch, solange sie nicht ordentlich dokumentiert werden, z B durch einen Screenshot o ä.<br></br>Es tut mir von ganzem Herzen leid für diesen jungen Wal, der noch so viele Jahrzehnte vor sich gehabt hätte.<br></br>Und ich hoffe ebenfalls von ganzem Herzen, dass möglichst viele Menschen seinen tragischen Tod nun zum Anlaß nehmen, sich wirklich für Walschutz zu engagieren. Dieser Artenschutz gelingt nur durch den Schutz der Lebensräume der Wale: Also Meeresschutz und Klimaschutz!</p> <p>Dafür könnte man sein eigenes Verhalten hinterfragen und ändern und natürlich entsprechend wählen – schließlich stehen gerade Landtagswahlen vor der Tür.</p> <p>@RPGNo1 hatte mehrere gute Beiträge dazu verlinkt, <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">den GEO-Artikel finde ich</a> ausgezeichnet (<em>Danke dafür, @RPGNo1</em>). Darin ist auch noch einmal die politische Dimension zwischen dieser Tierrettung eines Individuums und den extremistischen Auswüchsen rund um den Wal beschrieben: <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Zumindest eine der Personen des Rettungsteams haben offenbar Nähe zur AfD</a>. <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">Dazu GEO: „<em>Ausgerechnet die AfD und Naturschutz?</em></a><em> Die Partei lehnt Klimaschutzmaßnahmen ab, hält an fossilen Brennstoffen fest, will Düngereinschränkungen lockern und auch Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Wie passt das zusammen?“</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Science: „Chaotische Walrettung schockiert Meeresbiologen“ » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der „Timmy“ genannte junge Buckelwal hatte sich vor 6 Wochen in die Ostsee verirrt und war dann bald ein auf Sandbänken gestrandet. Er kam mehrfach wieder drei, strandete erneut und die Rettungsversuche blieben ohne Erfolg. Darum wollten BiologInnen und Tierärzt:innen ihn in Ruhe sterben lassen, in Rücksprache mit internationalen Wal-Fachgesellschaften und Stranding Networks..<br></br>Aber dann kochte der Volkszorn, verstärkt von Social Media hoch und andere Personen übernahmen eine Rettungsmission.</p> <p>Gerade habe ich diesen <em>Science</em>-Beitrag „<strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a></strong>“ vom 04.05.26 zum letzten Kapitel der Ostsee-Reise des jungen Buckelwals von Martin Enserink gefunden. Er ist gleichzeitig Zusammenfassung und Außensicht, was an Fakten bekannt ist und wer dabei welche Rolle spielte.</p> <p>Darum habe ich ihn mal übersetzt, mit Anmerkungen:<p>„Es wurde als Triumph präsentiert. Am Samstagmorgen wurde Timmy, der 12 Meter lange Buckelwal, der mehr als einen Monat lang vor der deutschen Ostseeküste gestrandet war, von einem mit Wasser gefüllten Lastkahn freigelassen, der ihn in die Freiheit im Skagerrak, der Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen, transportiert hatte. Damit fand eine Rettungsaktion ihren Abschluss, die die Öffentlichkeit in Deutschland und auf der ganzen Welt in ihren Bann gezogen hatte. Ein Video zeigte Timmy, wie er Wasser aus seinem Blasloch spritzte (<em>Anmerkung Meertext: Nein, aus dem Blasloch kommt warme Atemluft, die in kalter Umgebung kondensiert. Mit Wasser in der Lunge wäre der Wal tot</em>), was eine deutsche Boulevardzeitung als spielerischen Abschied von seinen Rettern interpretierte (<em>Anmerkung Meertext: Klar. Wale atmen nur, wenn sie spielerisch gelaunt sind. Sonst halten sie die Luft an (genervtes Aufstöhnen)).</em></p></p> <p>Doch zwei Tage später ist unklar, ob Timmy – von manchen „Hope“ genannt – noch am Leben ist. Das privat finanzierte Rettungsteam ist inmitten erbitterter Schuldzuweisungen auseinandergebrochen, Versuche, den Wal aufzuspüren, scheinen gescheitert zu sein, und einige Wissenschaftler sagen, die Rettung habe das Tier traumatisiert. Ein Drohnenvideo <a href="https://www.youtube.com/watch?v=Gmj8YkgnIkY&amp;t=16s" rel="noopener">des Wals am Tag vor seiner Freilassung,</a> auf dem er sich windet und gegen die Seiten des Lastkahns schlägt, während die Crew offenbar versuchte, ihn herauszuziehen, hat Forscher schockiert (<em>Anmerkung Meertext: Wie der Wal sich möglichst weit weg vom Motorboot im hinteren Teil der Barge aufhält und immer wieder gegen die Metallwände knallt, sieht für mich nicht gut aus. Die Aktion mit den Seilen habe ich nicht scharf sehen können. Aber der Wal will aus eigenem Antrieb offenbar nicht die Barge verlassen.)</em> „Es ist sehr schwer anzusehen“, sagt der Ozeanograph Burkard Baschek, Direktor des Ozeanmuseums Deutschland. „Das Tier muss sehr gelitten haben.“ (<em>Anmerkung Meertext<a href="https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/freilassung-von--timmy---insider-nennt-details-zur-buckelwal-aktion-37381068.html" rel="noopener">: Jetzt ist ein angeblicher Augenzeuge aufgetaucht, der die Vorwürfe bestreitet:</a> Die Crew habe den Wal nicht mit Seilen rausgezogen, sondern den Boden der Barge abgesenkt und sie dann beschleunigt – also unter dem Wal weggezogen.)</em></p> <p>Deutsche Wissenschaftler hatten bereits vor über einem Monat gewarnt, dass Timmy (dessen Geschlecht nicht bekannt ist in schlechter Verfassung sei und die Rettungsaktion wahrscheinlich nicht überleben würde – und dass es wahrscheinlich erneut stranden würde, sollte es doch überleben (<em>Anmerkung Meertext: <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Mehr dazu hier</a></em>). Das Expertengremium für Strandungen der Internationalen <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">Walfangkommission (IWC) erklärte am 7. April,</a> dass „palliative Pflege“ – das Tier am Strand zu lassen, es aber nass zu halten und eine ruhige und friedliche Umgebung zu schaffen – „die einzig verantwortungsvolle, humane und pragmatische Reaktion“ sei. (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/"><em>Anmerkung Meertext: Weitere Statements mit dem gleichen Inhalt hatte ich hier vorgestellt</em>)</a>.<aside></aside></p> <p>Doch die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern, wo Timmy den größten Teil der letzten sechs Wochen verbrachte, genehmigte die Rettung, nachdem das Tier zu einer Mediensensation geworden war. „Man würde hoffen, dass deutsche Behörden den Rat der Wissenschaftler befolgen, aber sie haben ihn ignoriert“, sagt ein Meeresbiologe, der anonym bleiben möchte, weil er Konsequenzen befürchtet.<br></br>Nun fordern einige eine umfassende Untersuchung. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Fabian Ritter, Meeresbiologe und Walforscher bei der Nichtregierungsorganisation M.E.E.R.</p> <p>Wal-Strandungen sind häufig und rätselhaft (<em>Anmerkung Meertext: Jein. Mittlerweile sind manche dieser Rätsel gelöst</em>). Ungewöhnliches Wetter oder schlechter Gesundheitszustand können dazu führen, dass Wale stranden (<em><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/">Anmerkung Meertext: Wie es hier vermutlich zutrifft</a></em>), aber Wissenschaftler haben auch vermutet, dass Sonar (<em>Anmerkung Meertext: Für Bartenwale irrelevant, da sie kein Sonar haben</em>) oder magnetische Störungen durch Sonnenstürme (<em>Anmerkung Meertext: Blödsinn, da die Zeiten der Sonnenstürme nicht mit den Daten für z B Massenstrandungen von Pottwalen in der Nordsee zusammenpassen) </em>eine Rolle spielen könnten. Ob ein Rettungsversuch sinnvoll ist, hängt von Faktoren wie der Größe, dem Alter und dem Zustand des Wals ab, seinem Standort, der Dauer der Strandung, den logistischen Anforderungen und den Erfolgsaussichten.</p> <p>Timmy strandete erstmals am 23. März am Timmendorfer Strand – von dem sich auch sein Name ableitet – in der Nähe der Stadt Lübeck an der deutschen Ostseeküste. Trotz mehrerer Versuche, ihn bei Flut in tiefere Gewässer zu treiben, strandete Timmy jedes Mal erneut, so Baschek. Schließlich landete er auf einer Sandbank weiter östlich, in der Nähe der Insel Poel.</p> <p>Gestrandete Wale überleben selten länger als ein paar Tage; ihr schieres Gewicht zerquetscht ihre Organe. Timmy überlebte viel länger, zum Teil, weil er teilweise im Wasser lag (<em>Anmerkung Meertext: Ich frage mich, ob auch sein jugendliches geringes Gewicht dabei eine Rolle spielte. Er hatte ja bei weitem noch nicht das Gewicht eines erwachsenen Buckelwals.)</em>. Aber er war schwach und reagierte nicht, sagt Baschek, und entwickelte Hautläsionen, ein Anzeichen für eine „Süßwasser-Hautkrankheit“. (Die Ostsee ist nicht nur tückisch flach, sondern auch weniger salzig als das offene Meer.) Der Wal hatte zudem Seilstücke und Netzteile im Maul, die möglicherweise bis in seine Speiseröhre und seinen Magen reichten. Am 1. April kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es das Beste sei, das Tier friedlich sterben zu lassen – eine Empfehlung, der die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern zunächst zustimmte (<em>Der Direktor des Meeresmuseums ist selbst kein Wal-Experte, zitiert hier aber die Wal-Wissenschaftler des Meeresmuseums und von ITAW</em> <em>und spricht für sie</em>).</p> <p>Doch nach einem öffentlichen Aufschrei habe die Regierung „eine Kehrtwende um 180 Grad vollzogen“, so Ritter, und einer privaten Gruppe, die von zwei wohlhabenden Unternehmern finanziert wurde, erlaubt, eine Rettungsaktion durchzuführen. Till Backhaus, Landesminister für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Fischerei, sagte, er habe nach einem Besuch am Rettungsort <a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">eine „Verbindung“ zu Timmy gespürt,</a> und erklärte letzte Woche, er sei „kurz davor gewesen, ins Wasser zu springen, um dem Wal zu helfen, die letzten Meter zu überwinden“. Backhaus’ Partei, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, liegt in Umfragen für die bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern hinter der rechtsextremen Alternative für Deutschland zurück, bemerkt Ritter: „Ich glaube, er ist in den Wahlkampfmodus gewechselt.“ (<em>Anmerkung Meertext:</em> <em>Till Backhaus hatte übrigens für seinen Timmy-Besuch u a eine <a href="https://www.ostsee-zeitung.de/politik/regional/wal-minister-fehlt-bei-debatte-um-meeresschutz-chaos-bei-glasfaser-ausbau-in-rostock-stralsunds-ob-T2QS6CML4NCFRAN24F4JUMO27U.html" rel="noopener">Sitzung geschwänzt, bei der um den Schutz der Ostsee</a> und auch um die vom Aussterben bedrohten Ostsee-Scheinwale ging. Das zeigt deutlich, wieviel ihm am Walschutz gelegen ist),</em></p> <p>Etablierte Walforscher weigerten sich, an der Rettung teilzunehmen, sagt Baschek, der die Aktion als „Tierquälerei“ bezeichnet. Zu den zentralen Figuren der Aktion gehörten stattdessen <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Danny.Firstclass, ein deutscher Influencer und rechtsextremer Aktivist</a>, dessen richtiger Name Danny Hilse ist, sowie Sergio Bambarén Roggero, ein peruanischer Autor spiritueller Geschichten über den Ozean, der häufig als „Walflüsterer“ bezeichnet wird.</p> <p>Bald kam es zu Konflikten. Jenna Wallace, eine ehemalige Tierärztin im Miami Seaquarium, die sich Mitte April dem Team angeschlossen hatte, verließ es nach vier Tagen. In einem <a href="https://www.youtube.com/watch?v=2D22hv_bQH8" rel="noopener">deutschen Fernsehinterview behauptete sie, Hilse und Bambarén</a> hätten Timmys Leben gefährdet und dazu geführt, dass das Team eine wichtige Gelegenheit verpasst habe, mit dem Transport zu beginnen. Sie sagte, das Duo sei nur wegen „der Klicks, Likes und um dumme Bücher zu verkaufen“ dabei gewesen. (Hilse und Bambarén Roggero reagierten nicht auf Anfragen für einen Kommentar).</p> <p>Nachdem das Team einen speziellen Kanal gegraben hatte, durch den Timmy schwimmen konnte, gelang es ihm schließlich, das Tier auf das Lastschiff zu bringen, das letzte Woche in die tieferen Gewässer der Nordsee geschleppt wurde.</p> <p>Die letzten Tage der Aktion verliefen chaotisch. Drohnenaufnahmen vom Freitagabend zeigten Besatzungsmitglieder, die offenbar versuchten, Timmy mit einem an seiner Schwanzflosse befestigten Seil aus dem Lastschiff zu ziehen. Die Bilder entsetzten Experten; da die Schwanzflosse größtenteils aus Bindegewebe und Muskeln besteht und keine Knochen aufweist, könnte das Ziehen daran schwere Schäden verursachen. „Regel Nr. 1 bei einer Walrettung: Man zieht niemals, niemals, niemals einen Wal an seiner Schwanzflosse“, sagt Ritter. „Das zeigt wirklich, dass diese Leute nicht wussten, was sie taten.“</p> <p>Der Versuch am Freitag, Timmy aus dem Lastkahn zu befreien, scheint gescheitert zu sein, und Aufnahmen von der Freilassung am nächsten Morgen wurden nicht veröffentlicht. Eine der an der Mission beteiligten <a href="https://www.youtube.com/watch?v=1HxX-LxiPno" rel="noopener">Tierärztinnen, Kirsten Tönnies, sagte,</a> sie habe sich dem Tier während der Freilassung nicht nähern dürfen; in einem Interview kritisierte sie die Schiffsbesatzung scharf, die sie ihrer Aussage nach belogen und diejenigen an Bord „verraten“ habe, die versuchten, das Tier zu schützen.</p> <p>Auch die beiden wohlhabenden Geldgeber der Aktion haben sich von den Ereignissen distanziert und erklären, die Eigentümer und Betreiber der beiden an der Mission beteiligten Schiffe seien verantwortlich. „<a href="https://whalesanctuaryproject.org/wp-content/uploads/Statement-May-2-from-Karin-Walter-Mommert-DEU.pdf" rel="noopener">An Bord des Lastkahns wurde keine der zuvor</a> besprochenen, geplanten und uns mitgeteilten Maßnahmen … ergriffen, um den Wal vom Schiff zu befreien; auch die erforderliche Untersuchung durch unsere Tierärzte … wurde nicht zugelassen“, schrieben sie am Samstag in einem offenen Brief.</p> <p>Das IWC-Gremium hatte die Retter aufgefordert, Timmy einen Satellitensender anzubringen, um sein Schicksal zu verfolgen und aus der Aktion zu lernen. Das Team scheint dies getan zu haben, und Nachrichtenberichten zufolge sendete der Sender zunächst ein Signal aus. Doch offenbar ist er inzwischen verstummt. „Bedauerlicherweise haben wir nur sehr wenige Informationen“, sagt Ritter.</p> <p>Baschek sagt, es bestehe eine „große Wahrscheinlichkeit“, dass Timmy bereits gestorben ist und in 700 Metern Tiefe im Skagerrak liegt.“</p> <p><em>Eine Version dieses Artikels erschien in Science, Band 392, Ausgabe 6798.</em></p> <p>Online erschien der Beitrag <strong><a href="https://www.science.org/content/article/chaotic-whale-rescue-shocks-marine-biologists?utm_campaign=Science&amp;utm_source=facebook&amp;utm_medium=ownedSocial&amp;fbclid=IwY2xjawRqsIRleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHt752A7r48yZVl1-Moe7KpAve6iRSJqGhR8nISU3ENEvNuMyC-tlItpgHBLf_aem_zETJET-S3X3tkROynYVjQA" rel="noopener">Chaotic whale rescue shocks marine biologists</a> </strong>am 04.05.2026</p> <p>Dieser Science-Beitrag zeigt das Chaos bei der versuchten Rückführung des Buckelwals gut auf. Das unprofessionelle Vorgehen ohne Dokumentation, ohne Zuständigkeiten, in dem offenbar jede/r machte, was er/ihr am ehesten passte, ist wirklich unglaublich. Ohne Dokumentation und Bildaufnahmen lässt sich das Ende des Meeressäugers nicht rekonstruieren, es bleibt bei wütenden gegenseitigen Schuldzuweisungen. Zur Diskussion um angebliche Daten des ominösen Senders empfehle ich diesen <a href="https://www.merkur.de/deutschland/sagt-nicht-die-wahrheit-wal-drama-geht-in-die-naechste-runde-peilsender-im-fokus-94292320.html" rel="noopener">Artikel, in dem sich BiologInnen und TierärztInnen</a>, die solche Sender nutzen dazu äußern.<br></br>Ihr Fazit:<br></br>– heute wird dafür kein Walfinne mehr angebohrt, sondern die Technik per Saugnapf befestigt<br></br>– ein GPS-Tracker kann keine Vitaldaten übermitteln<br></br>– der Sender ist ausgefallen – offenbar haben die „Walretter“ ihn nicht vorher auf Funktionsfähigkeit überprüft<br></br>– das bestätigt erneut die Unprofessionalität des Rettungsteams<p>Die hier zu Wort gekommen Wal-Experten wie Fabian Ritter und Peer Madsen schätze ich sehr, beide sind sehr erfahren mit Walen.</p></p> <p>Ich hatte ja auch bereits in Antworten auf Kommentare geschrieben, warum der Tod des Wals nach seinem Verschwinden in der Nordsee wahrscheinlich sehr wahrscheinlich war. Angebliche Sendersignale bewerte ich skeptisch, solange sie nicht ordentlich dokumentiert werden, z B durch einen Screenshot o ä.<br></br>Es tut mir von ganzem Herzen leid für diesen jungen Wal, der noch so viele Jahrzehnte vor sich gehabt hätte.<br></br>Und ich hoffe ebenfalls von ganzem Herzen, dass möglichst viele Menschen seinen tragischen Tod nun zum Anlaß nehmen, sich wirklich für Walschutz zu engagieren. Dieser Artenschutz gelingt nur durch den Schutz der Lebensräume der Wale: Also Meeresschutz und Klimaschutz!</p> <p>Dafür könnte man sein eigenes Verhalten hinterfragen und ändern und natürlich entsprechend wählen – schließlich stehen gerade Landtagswahlen vor der Tür.</p> <p>@RPGNo1 hatte mehrere gute Beiträge dazu verlinkt, <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">den GEO-Artikel finde ich</a> ausgezeichnet (<em>Danke dafür, @RPGNo1</em>). Darin ist auch noch einmal die politische Dimension zwischen dieser Tierrettung eines Individuums und den extremistischen Auswüchsen rund um den Wal beschrieben: <a href="https://www.focus.de/panorama/welt/von-millionaer-bis-afd-sympathisant-das-sind-die-walretter_da5c0beb-e6df-4319-9abd-39d322b8acaa.html" rel="noopener">Zumindest eine der Personen des Rettungsteams haben offenbar Nähe zur AfD</a>. <a href="https://www.geo.de/natur/tierwelt/drama-in-serie–timmy–ein-rettungsmaerchen—was-bleibt-vom-wal-trubel–37372280.html" rel="noopener">Dazu GEO: „<em>Ausgerechnet die AfD und Naturschutz?</em></a><em> Die Partei lehnt Klimaschutzmaßnahmen ab, hält an fossilen Brennstoffen fest, will Düngereinschränkungen lockern und auch Einschränkungen der Fischerei abschaffen. Wie passt das zusammen?“</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/science-chaotische-walrettung-schockiert-meeresbiologen/#comments 40 Genie und kein Wahnsinn https://scilogs.spektrum.de/hlf/genie-und-kein-wahnsinn/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/genie-und-kein-wahnsinn/#comments Wed, 06 May 2026 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14357 <h1>Genie und kein Wahnsinn - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wie ist das, wenn man einem absoluten Ausnahmetalent begegnet? Vielleicht fällt es im alltäglichen Umgang überhaupt nicht auf. So ging es mir mit dem neuesten Träger das <a href="https://abelprize.no/abel-prize-laureates/2026" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Abelpreises</a>, Gerd Faltings. Ein Anlass, alte Erinnerungen hervorzukramen.</p> <p>„Sie waren bestimmt in Ihrer Schulklasse die Besten, und die Mathematik ist Ihnen immer leichtgefallen. Rechnen Sie nicht damit, dass das hier so bleibt.“ Mit solchen Worten begrüßten die Professoren uns Erstsemester. Und sie hatten ja so recht.</p> <p>Im Hörsaalgebäude in Münster gab es für jede angekündigte Vorlesung einen Aushang mit den notwendigen Angaben: Ort, Uhrzeit, stichwortartige Beschreibung des Stoffs und notwendige Vorkenntnisse. Bei den Anfängervorlesungen stand in der Vorkenntnisse-Spalte standardmäßig „Lesen und Schreiben“. Und so fingen sie auch an: ohne irgendetwas vorauszusetzen. Das war die ersten zwei Wochen richtig gemütlich; aber ab da ging die Vorlesung über den Schulstoff hinaus, und wir hatten sehr plötzlich richtig zu kämpfen. Ich selbst fand mich nicht, wie ich es bis dahin gewohnt war, in der Spitzengruppe wieder; vielmehr war da noch mächtig Luft nach oben.</p> <p>Der Abstand zu den höheren Semestern war ohnehin himmelweit. Die Hiwis, die uns in den Übungen betreuten, waren höchstens ein paar Jahre älter als wir und schienen doch in einer völlig anderen Liga zu spielen. Aber auch in meinem eigenen Jahrgang gab es etliche Leute, zu denen man nur bewundernd hochgucken konnte. Stephan zum Beispiel. Wir alle bemühten uns, jedes Wort des Dozenten sorgfältig mitzuschreiben, und hofften dann, dass uns später beim Nacharbeiten doch noch die Erleuchtung käme. Stephan hatte einen einzigen Zettel in der Tasche seines schwarzen Jacketts, auf dem er genau dann etwas notierte, wenn er es nicht auf der Stelle verstand. Am Ende des Semesters war der Zettel noch nicht voll.</p> <p>Stephan hatte dementsprechend wenig Bedarf an Kommunikation mit uns gewöhnlichen Menschen – und deswegen auch wenig Übung. Ihm fiel nicht unbedingt auf, wenn er, ein fernes Ziel bereits vor Augen, zwei oder drei gedankliche Schritte auf einmal machte. Anschreiben an die Tafel war ihm lästig, weil es seine Denkgeschwindigkeit zu sehr herabsetzte, und geriet deswegen auch ziemlich krakelig und wortkarg. Insgesamt gewann ich den Eindruck: Wer genial ist, der ist zwangsläufig auch ein bisschen komisch.<aside></aside></p> <p>Im vierten Semester, in der Funktionalanalysis-Vorlesung, setzte sich dann ein Mensch zu uns, der erst im zweiten Semester war. Zur allgemeinen Faszination war er nicht nur uns alsbald weit voraus, sondern auch dem Stephan deutlich überlegen. In ruhigen, klaren Worten machte er uns Dinge begreiflich, an denen wir mächtig zu knabbern hatten, und ließ zugleich erkennen, dass er geistig weit über diesen Dingen schwebte. Dabei wirkte er kein bisschen komisch. Unauffällige äußere Erscheinung, saubere Handschrift, wie sie in der Schule geübt wird. Das war Gerd Faltings.</p> <p>Viel habe ich von ihm und seinem rasanten Aufstieg zum Professor nicht mitbekommen – nicht weil er sich verschlossen hätte, sondern weil ich keine Chance hatte, mit seinen Ideen mitzuhalten. Und das wäre wahrscheinlich selbst dann so gewesen, wenn ich mich in sein Spezialgebiet Algebraische Geometrie ernsthaft vertieft hätte.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Gerd Faltings im Gespräch mit jungen Forschenden auf dem 12. Heidelberg Laureate Forum, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Auf einem Studienstiftlertreffen stellte unser Gastgeber, der Medizinprofessor Klaus-Ditmar Bachmann, uns Scharade-Aufgaben der übel-abstrakten Art: Versuche, deinen Mit-Gästen einen Begriff wie „Ödipuskomplex“ zu vermitteln, nur durch Gesten, ohne ein Wort zu sagen und ohne irgendwelche Gegenstände zu verwenden. Das mit dem Ödipuskomplex hat sogar funktioniert, auf einem ausgeklügelten begrifflichen Umweg. Gerd Faltings ist es nicht gelungen, uns die „Ölpest“ begreiflich zu machen. Und ich bin am „Sittenstrolch“ kläglich gescheitert. Sagt das etwas über irgendwelche kommunikativen Defizite? Nicht wirklich.</p> <p>Als 1983 die Nachricht die Runde machte, dass Gerd Faltings die Mordell-Vermutung bewiesen hatte, war die Aufregung groß, und die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde flugs um einen Sondervortrag des Meisters zum Thema erweitert. Da kam Stephan extra angereist! Das leuchtet ein: So viele Leute gab es nicht, die ihm überlegen waren; da lohnte es schon, sich den einen aus der Nähe anzusehen.</p> <p>Unter meinen journalistischen Kollegen trifft man gelegentlich die Unsitte an, die Mathematiker nach den Methoden der Völkerkunde als eine exotische Spezies zu beschreiben: abgeschieden vom Rest der Welt in einem virtuellen Urwald lebend, mit unverständlicher Sprache, befremdlichen Sitten und Gebräuchen und problematischer psychischer Konstitution. Kein Wunder, dass Georg Cantor in schwere Depressionen verfiel, nachdem er sich mit den wahrlich kopfzerbrechenden Paradoxien der Mengenlehre herumgeschlagen hatte; oder dass Kurt Gödel, nachdem er seine überragende geistige Kraft auf die Unvollständigkeitsresultate verwendet hatte, die in der Tat die Grundlagen der Mathematik erschütterten, paranoide Wahnvorstellungen entwickelte, in deren Folge er sich zu Tode hungerte.</p> <p>Für diese Kollegen war die Person Grigori Perelman ein gefundenes Fressen. Der Mensch hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen, eines der schwersten Probleme der Gegenwart. Aber statt den dafür gebührenden Ruhm in Empfang zu nehmen, zog er sich in die Wälder in der Nähe von St. Petersburg zurück, verschloss sich bis auf wenige Ausnahmen jeglichem Kontakt mit der mathematischen Welt und weigerte sich sogar, den <a data-id="https://www.claymath.org/millennium-problems/" data-type="link" href="https://www.claymath.org/millennium-problems/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Millionenpreis</a> abzuholen, den das Clay Institute auf diese Leistung ausgesetzt hatte. Der muss doch verrückt sein, oder?</p> <p>Eben nicht. Perelmans Motive mögen für uns nicht nachvollziehbar sein; aber die Leute, die mit ihm gesprochen haben, sehen keinen Anlass zu vermuten, er habe ernsthafte psychische Probleme. Den Ausnahmetalenten Cantor und Gödel steht eine große Mehrheit von ebenso fähigen Mathematikern gegenüber, die bei klarem Verstand alt geworden sind.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Faltings im Gespräch beim 12. HLF, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Man muss nicht verrückt sein, um sich für eine Fields-Medaille (Faltings 1986) oder einen Abelpreis (Faltings 2026) zu qualifizieren. Genialität reicht völlig aus.</p> <p>Übrigens: Der Eindruck, Stephan sei seltsam, verschwand bis zur Unkenntlichkeit, als wir uns besser kennenlernten. Ein eigenwilliger Typ ist er immer noch; aber das ist nicht wirklich ungewöhnlich.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Genie und kein Wahnsinn - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Wie ist das, wenn man einem absoluten Ausnahmetalent begegnet? Vielleicht fällt es im alltäglichen Umgang überhaupt nicht auf. So ging es mir mit dem neuesten Träger das <a href="https://abelprize.no/abel-prize-laureates/2026" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Abelpreises</a>, Gerd Faltings. Ein Anlass, alte Erinnerungen hervorzukramen.</p> <p>„Sie waren bestimmt in Ihrer Schulklasse die Besten, und die Mathematik ist Ihnen immer leichtgefallen. Rechnen Sie nicht damit, dass das hier so bleibt.“ Mit solchen Worten begrüßten die Professoren uns Erstsemester. Und sie hatten ja so recht.</p> <p>Im Hörsaalgebäude in Münster gab es für jede angekündigte Vorlesung einen Aushang mit den notwendigen Angaben: Ort, Uhrzeit, stichwortartige Beschreibung des Stoffs und notwendige Vorkenntnisse. Bei den Anfängervorlesungen stand in der Vorkenntnisse-Spalte standardmäßig „Lesen und Schreiben“. Und so fingen sie auch an: ohne irgendetwas vorauszusetzen. Das war die ersten zwei Wochen richtig gemütlich; aber ab da ging die Vorlesung über den Schulstoff hinaus, und wir hatten sehr plötzlich richtig zu kämpfen. Ich selbst fand mich nicht, wie ich es bis dahin gewohnt war, in der Spitzengruppe wieder; vielmehr war da noch mächtig Luft nach oben.</p> <p>Der Abstand zu den höheren Semestern war ohnehin himmelweit. Die Hiwis, die uns in den Übungen betreuten, waren höchstens ein paar Jahre älter als wir und schienen doch in einer völlig anderen Liga zu spielen. Aber auch in meinem eigenen Jahrgang gab es etliche Leute, zu denen man nur bewundernd hochgucken konnte. Stephan zum Beispiel. Wir alle bemühten uns, jedes Wort des Dozenten sorgfältig mitzuschreiben, und hofften dann, dass uns später beim Nacharbeiten doch noch die Erleuchtung käme. Stephan hatte einen einzigen Zettel in der Tasche seines schwarzen Jacketts, auf dem er genau dann etwas notierte, wenn er es nicht auf der Stelle verstand. Am Ende des Semesters war der Zettel noch nicht voll.</p> <p>Stephan hatte dementsprechend wenig Bedarf an Kommunikation mit uns gewöhnlichen Menschen – und deswegen auch wenig Übung. Ihm fiel nicht unbedingt auf, wenn er, ein fernes Ziel bereits vor Augen, zwei oder drei gedankliche Schritte auf einmal machte. Anschreiben an die Tafel war ihm lästig, weil es seine Denkgeschwindigkeit zu sehr herabsetzte, und geriet deswegen auch ziemlich krakelig und wortkarg. Insgesamt gewann ich den Eindruck: Wer genial ist, der ist zwangsläufig auch ein bisschen komisch.<aside></aside></p> <p>Im vierten Semester, in der Funktionalanalysis-Vorlesung, setzte sich dann ein Mensch zu uns, der erst im zweiten Semester war. Zur allgemeinen Faszination war er nicht nur uns alsbald weit voraus, sondern auch dem Stephan deutlich überlegen. In ruhigen, klaren Worten machte er uns Dinge begreiflich, an denen wir mächtig zu knabbern hatten, und ließ zugleich erkennen, dass er geistig weit über diesen Dingen schwebte. Dabei wirkte er kein bisschen komisch. Unauffällige äußere Erscheinung, saubere Handschrift, wie sie in der Schule geübt wird. Das war Gerd Faltings.</p> <p>Viel habe ich von ihm und seinem rasanten Aufstieg zum Professor nicht mitbekommen – nicht weil er sich verschlossen hätte, sondern weil ich keine Chance hatte, mit seinen Ideen mitzuhalten. Und das wäre wahrscheinlich selbst dann so gewesen, wenn ich mich in sein Spezialgebiet Algebraische Geometrie ernsthaft vertieft hätte.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" fetchpriority="high" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54796000259_29bb739c6d_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Gerd Faltings im Gespräch mit jungen Forschenden auf dem 12. Heidelberg Laureate Forum, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Auf einem Studienstiftlertreffen stellte unser Gastgeber, der Medizinprofessor Klaus-Ditmar Bachmann, uns Scharade-Aufgaben der übel-abstrakten Art: Versuche, deinen Mit-Gästen einen Begriff wie „Ödipuskomplex“ zu vermitteln, nur durch Gesten, ohne ein Wort zu sagen und ohne irgendwelche Gegenstände zu verwenden. Das mit dem Ödipuskomplex hat sogar funktioniert, auf einem ausgeklügelten begrifflichen Umweg. Gerd Faltings ist es nicht gelungen, uns die „Ölpest“ begreiflich zu machen. Und ich bin am „Sittenstrolch“ kläglich gescheitert. Sagt das etwas über irgendwelche kommunikativen Defizite? Nicht wirklich.</p> <p>Als 1983 die Nachricht die Runde machte, dass Gerd Faltings die Mordell-Vermutung bewiesen hatte, war die Aufregung groß, und die Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde flugs um einen Sondervortrag des Meisters zum Thema erweitert. Da kam Stephan extra angereist! Das leuchtet ein: So viele Leute gab es nicht, die ihm überlegen waren; da lohnte es schon, sich den einen aus der Nähe anzusehen.</p> <p>Unter meinen journalistischen Kollegen trifft man gelegentlich die Unsitte an, die Mathematiker nach den Methoden der Völkerkunde als eine exotische Spezies zu beschreiben: abgeschieden vom Rest der Welt in einem virtuellen Urwald lebend, mit unverständlicher Sprache, befremdlichen Sitten und Gebräuchen und problematischer psychischer Konstitution. Kein Wunder, dass Georg Cantor in schwere Depressionen verfiel, nachdem er sich mit den wahrlich kopfzerbrechenden Paradoxien der Mengenlehre herumgeschlagen hatte; oder dass Kurt Gödel, nachdem er seine überragende geistige Kraft auf die Unvollständigkeitsresultate verwendet hatte, die in der Tat die Grundlagen der Mathematik erschütterten, paranoide Wahnvorstellungen entwickelte, in deren Folge er sich zu Tode hungerte.</p> <p>Für diese Kollegen war die Person Grigori Perelman ein gefundenes Fressen. Der Mensch hatte die Poincaré-Vermutung bewiesen, eines der schwersten Probleme der Gegenwart. Aber statt den dafür gebührenden Ruhm in Empfang zu nehmen, zog er sich in die Wälder in der Nähe von St. Petersburg zurück, verschloss sich bis auf wenige Ausnahmen jeglichem Kontakt mit der mathematischen Welt und weigerte sich sogar, den <a data-id="https://www.claymath.org/millennium-problems/" data-type="link" href="https://www.claymath.org/millennium-problems/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Millionenpreis</a> abzuholen, den das Clay Institute auf diese Leistung ausgesetzt hatte. Der muss doch verrückt sein, oder?</p> <p>Eben nicht. Perelmans Motive mögen für uns nicht nachvollziehbar sein; aber die Leute, die mit ihm gesprochen haben, sehen keinen Anlass zu vermuten, er habe ernsthafte psychische Probleme. Den Ausnahmetalenten Cantor und Gödel steht eine große Mehrheit von ebenso fähigen Mathematikern gegenüber, die bei klarem Verstand alt geworden sind.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg"><img alt="Siehe Bildunterschrift." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54795880244_e1fa4cf66e_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Faltings im Gespräch beim 12. HLF, 2025. Bild: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <p>Man muss nicht verrückt sein, um sich für eine Fields-Medaille (Faltings 1986) oder einen Abelpreis (Faltings 2026) zu qualifizieren. Genialität reicht völlig aus.</p> <p>Übrigens: Der Eindruck, Stephan sei seltsam, verschwand bis zur Unkenntlichkeit, als wir uns besser kennenlernten. Ein eigenwilliger Typ ist er immer noch; aber das ist nicht wirklich ungewöhnlich.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/genie-und-kein-wahnsinn/#comments 2 Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/#comments Mon, 04 May 2026 13:17:39 +0000 Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=449 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/header-2-afd-perlach-768x295.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/header-2-afd-perlach-1024x393.jpg" /><h1>Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 2 einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/author/tp09a/">Serie</a> zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/">1. Teil dieser Serie </a>haben wir am Beispiel des Strafprozesses um AfD-MdL Daniel Halemba Verbindungen und Verstrickungen der AfD mit radikaleren Teilen der extremen Rechten und dem neonazistischen Milieu aufgezeigt, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Es gibt aber solche Verbindungen, Kooperationen und gegenseitige Unterstützung auch auf offener Straße, auf Social Media, bei Demonstrationen und im Wahlkreisbüro. Anhand zweier Beispiele aus München und der Oberpfalz illustrieren wir, wie die AfD ganz offen auch mit Rechtsextremen aus dem „Vorfeld“ zusammenarbeitet und sie unterstützt.</em></p> <p>Zum Ende des bayerischen Landtagswahlkampfes organisierte die AfD am 5. Oktober 2023 eine Kundgebung in Amberg. Unter den rund 50 überwiegend älteren Teilnehmer:innen war auch der AfD-Politiker Reinhard Mixl aus Schwandorf, der seit 2025 für die Partei im Bundestag sitzt.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Direkt neben ihm standen Dominik S., Aktivist der Identitären Bewegung (IB)<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> aus dem Landkreis Amberg, der bei der Kundgebung durch das Zeigen der „White Power“-Geste auffiel, und Lukas Suttner aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Mixl und Suttner unterhielten sich lebhaft. Ob sie sich näher kennen, wissen wir nicht, sie hatten aber bereits früher zusammen demonstriert: Bei einer extrem rechten Demonstration am 21. Dezember 2021 in Schwandorf trug Suttner das Fronttransparent mit der Aufschrift „Nur Widerstand ist Pflicht“ in IB-Ästhetik, das auf Masken- und Testpflicht in der Coronapandemie anspielt. Mixl lief auf der Demonstration, die sich an eine vorangegangene Kundgebung Mixls selbst anschloss, und war wie Suttner hinter dem Fronttransparent zu sehen. </p> <p><strong>Multifunktionär Lukas Suttner</strong></p> <p>Dieser ist mindestens seit 2019 in der extremen Rechten aktiv: Er beteiligte sich im Oktober 2019 und Juni 2020 an Kundgebungen der Identitären Bewegung in München, ist auf Bildern einer IB-internen Feier zum Jahreswechsel 2019/20 zu sehen und tritt seit 2021 regelmäßig mit dem Weidener Neonazi und stellvertretenden Vorsitzenden des bayerischen Landesverbands von Die Heimat (früher NPD) Patrick Schröder in Erscheinung. Beim gemeinsamen Besuch einer Großkundgebung der AfD in Nürnberg im Dezember 2021 wurde sichtbar, wie eng das Verhältnis der Akteure der verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Region ist: Suttner und Schröder posierten zunächst zu zweit für ein Foto und zeigten dabei die „White Power“-Geste, die Suttner später mit einem weiteren IB- und einem Junge Alternative-Aktivisten und Burschenschafter wiederholte. Nicht nur politisch, auch geschäftlich waren Schröder und Suttner eng verbunden: Suttner löste Schröder im Mai 2023 als Geschäftsführer der Nemesis Production GmbH ab. Die Firma steht hinter dem Kleidungslabel Ansgar Aryan, einer der wichtigsten neonazistischen Szenemarken in Deutschland. Viele der vertriebenen Kleidungsstücke sind selbst für extrem rechte Kontexte sehr explizit und verherrlichen etwa den historischen Nationalsozialismus oder Rechtsterroristen wie den Attentäter von Christchurch. Auch verschwörungsideologische Motive werden vertrieben, etwa der Aufdruck „Volksgemeinschaft statt New World Order“. NWO ist eine klassische antisemitische Chiffre dafür, dass eine geheime, jüdisch konnotierte Elite insbesondere die ‚deutsche Volksgemeinschaft‘, aber Völker im Allgemeinen unterdrücken, beherrschen und zersetzen wolle. Zwei Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden als Geschäftsführer im Mai 2025, war Suttner dafür maßgeblich mitverantwortlich, also auch, während er sich mit Mixl in Amberg unterhielt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="359" sizes="(max-width: 542px) 100vw, 542px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png 542w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-300x199.png 300w" width="542"></img></a><figcaption><em>Stricken in Blau: Die AfD führt Fäden in der extremen Rechten zusammen. Bildquelle: Adobe Stock, penfoto.de (Educational License)<br></br></em></figcaption></figure> <p>Nur ein halbes Jahr nach seiner Abberufung als Geschäftsführer, im Dezember 2025, beteiligte sich Suttner schließlich an der Gründungsveranstaltung des bayerischen Landesverbandes der neuen AfD-Jugend. Bei der Gründung der Generation Deutschland in Greding war er augenscheinlich nicht nur Gast: Fotos zeigen ihn mit einem Armband, wie es an Mitglieder ausgegeben wurde und bei einer Abstimmung. IB, Neonaziversandhandel, „White Power“-Zeichen mit dem neonazistischen Multifunktionär Patrick Schröder auf einer Demonstration der AfD und schließlich Gründungsmitglied der neuen Jugendorganisation der AfD: Der Fall Lukas Suttner ist ein weiterer, der zeigt, wie wenig ernsthaft die Unvereinbarkeitslisten und die halbherzigen Abgrenzungsversuche von Teilen der Parteispitze gegen die noch extremere Rechte sind. Es wird auch deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen den verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Oberpfalz sind – und wie klein mitunter der Abstand, den AfD-Spitzenpolitiker wie Mixl einnehmen.<aside></aside></p> <p><strong>Asyl für Martin Sellner</strong></p> <p>Die Münchner AfD ging über solche Tuchfühlung noch hinaus und hat dem „Remigrations“-Vordenker Martin Sellner im Sommer 2025 aktiv Asyl in ihrem Räumen gewährt. Sellner hatte für 1. Juli 2025 eine Lesung aus seinem Buch „Remigration“ im Raum Augsburg angekündigt, die Stadt Augsburg verhängte daraufhin ein Aufenthalts- und Betretungsverbot für diesen Tag gegen Sellner. Der behauptete in der Folge, dass die Lesung an einem „geheimen Ort“ stattfinden werde und inszenierte sich in Videos, als sei er auf der Flucht vor der Polizei. In diesen vermeintlichen „Live“-Aufnahmen trat er mit IB-Bundessprecher Maximilian Märkl auf, der bis vor kurzem – auch während des Auftritts mit Sellner – auch AfD-Mitglied in Bayern war und nach Medienberichten Anfang 2026 seinen Austritt ankündigte.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Märkls Rolle in den Videos war die des lokalen Gastgebers und Veranstalters – doch die tatsächlichen Gastgeber des Vortrags waren andere. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die gesamte Inszenierung auf Augsburgs Straßen am Tag zuvor stattgefunden hatte und Sellner den Vortrag bei der Münchner AfD im Stadtteil Perlach hielt. Dort haben MdL René Dierkes und MdB Tobias Teich – beide gehören zum völkischen Lager der Partei – ihre Wahlkreisbüros, sie sprechen ganz offen vom „Blauen Haus“. Die Parteizentrale der NSDAP in München hieß „Braunes Haus“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="880" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg 660w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-225x300.jpeg 225w" width="660"></img></a><figcaption><em>Räume der AfD in München-Perlach. Foto: Nikolai Schreiter.</em></figcaption></figure> <p>Christoph Rätscher, Ortsvorsitzender und im März 2026 Bürgermeisterkandidat der AfD für die Gemeinde Haar im Münchner Osten, postete am 2. Juli 2025 ein Foto von sich, Sellner, und zwei späteren Mitgliedern der Generation Deutschland. Einer davon – er trägt Seitenscheitel und Undercut im Stile Heinrich Himmlers – ist Tim Schulz, der im März 2026 kurz nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der neuen bayerischen Parteijugend schon wieder zurücktreten musste. Der ehemalige Social-Media-Spindoctor der AfD, Erik Ahrens, hatte der Münchner Abendzeitung Videos zugänglich gemacht, auf denen Schulz mit Lois Wagner in Budapest zu sehen ist, der Juden antisemitisch beschimpft. Wagner ist das Gesicht der Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation von Die Heimat (früher: NPD), und bezeichnet sich selbst als Nationalsozialist. MdL und Burschenschaftler Benjamin Nolte verbreitete Schulz‘ darauffolgende Rücktrittserklärung, in der er die Vorwürfe vor allem bestreitet, auf Telegram. Berichte, nach denen Schulz im bayerischen Landtag für Nolte arbeite, wollte dieser unter Berufung auf „Datenschutz“ dem BR gegenüber nicht dementieren. Schon vor den Recherchen der Abendzeitung ist Schulz wiederholt auf Fotos der sogenannten Lederhosen Revolte, dem bayerischen Ableger der IB, zu sehen: Auf Wanderungen der Gruppierung setzte er sich er mit dem „White Power“ Zeichen vor heimatlicher Kulisse in Szene oder trat mit anderen Mitgliedern der Lederhosen Revolte in einheitlichen IB-Bayern T-Shirts auf der „Remigrationsdemo“ in Wien auf.</p> <p>Diese Beispielkomplexe, und es sind nur zwei von vielen, illustrieren die zentrale Rolle, die die AfD in der bayerischen extremen Rechten spielt. Nicht nur taucht sie an allen Ecken auf, nicht nur hat ihr Personal oft keine Berührungsängste mit neonazistischen Geschäftsleuten und Aktivisten, von denen Teile der Parteispitze die Partei lieber fernhalten würde. Manchmal, wie im Falle der Sellner-Lesung in den Perlacher AfD-Räumlichkeiten, greift man ihnen auch aktiv unter die Arme.</p> <p><em><a data-id="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/">Im 3. und abschließenden Teil</a> dieser Serie beschäftigen wir uns mit zwei zentralen Agitationsfeldern der extremen Rechten und der Rolle der AfD darin: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Zur selbsternannt Identitären „Bewegung“ siehe u.a.: Goetz, Judith/Sedlacek, Joseph Maria/Winkler, Alexander (Hg.) (2017): <em>„Untergangster des Abendlandes“. Ideologie und Rezeption der neofaschistischen ‚Identitären‘</em>. Hamburg: marta press.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-im-wahlkampf-wie-die-naehe-zu-rechtsextremen-zum-risiko-wird,VAMqdFh</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/header-2-afd-perlach-1024x393.jpg" /><h1>Zwischen AfD, IB und Neonazi-Milieu: Rechte Vernetzungen in Bayern » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 2 einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/author/tp09a/">Serie</a> zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/">1. Teil dieser Serie </a>haben wir am Beispiel des Strafprozesses um AfD-MdL Daniel Halemba Verbindungen und Verstrickungen der AfD mit radikaleren Teilen der extremen Rechten und dem neonazistischen Milieu aufgezeigt, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Es gibt aber solche Verbindungen, Kooperationen und gegenseitige Unterstützung auch auf offener Straße, auf Social Media, bei Demonstrationen und im Wahlkreisbüro. Anhand zweier Beispiele aus München und der Oberpfalz illustrieren wir, wie die AfD ganz offen auch mit Rechtsextremen aus dem „Vorfeld“ zusammenarbeitet und sie unterstützt.</em></p> <p>Zum Ende des bayerischen Landtagswahlkampfes organisierte die AfD am 5. Oktober 2023 eine Kundgebung in Amberg. Unter den rund 50 überwiegend älteren Teilnehmer:innen war auch der AfD-Politiker Reinhard Mixl aus Schwandorf, der seit 2025 für die Partei im Bundestag sitzt.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Direkt neben ihm standen Dominik S., Aktivist der Identitären Bewegung (IB)<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> aus dem Landkreis Amberg, der bei der Kundgebung durch das Zeigen der „White Power“-Geste auffiel, und Lukas Suttner aus dem Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Mixl und Suttner unterhielten sich lebhaft. Ob sie sich näher kennen, wissen wir nicht, sie hatten aber bereits früher zusammen demonstriert: Bei einer extrem rechten Demonstration am 21. Dezember 2021 in Schwandorf trug Suttner das Fronttransparent mit der Aufschrift „Nur Widerstand ist Pflicht“ in IB-Ästhetik, das auf Masken- und Testpflicht in der Coronapandemie anspielt. Mixl lief auf der Demonstration, die sich an eine vorangegangene Kundgebung Mixls selbst anschloss, und war wie Suttner hinter dem Fronttransparent zu sehen. </p> <p><strong>Multifunktionär Lukas Suttner</strong></p> <p>Dieser ist mindestens seit 2019 in der extremen Rechten aktiv: Er beteiligte sich im Oktober 2019 und Juni 2020 an Kundgebungen der Identitären Bewegung in München, ist auf Bildern einer IB-internen Feier zum Jahreswechsel 2019/20 zu sehen und tritt seit 2021 regelmäßig mit dem Weidener Neonazi und stellvertretenden Vorsitzenden des bayerischen Landesverbands von Die Heimat (früher NPD) Patrick Schröder in Erscheinung. Beim gemeinsamen Besuch einer Großkundgebung der AfD in Nürnberg im Dezember 2021 wurde sichtbar, wie eng das Verhältnis der Akteure der verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Region ist: Suttner und Schröder posierten zunächst zu zweit für ein Foto und zeigten dabei die „White Power“-Geste, die Suttner später mit einem weiteren IB- und einem Junge Alternative-Aktivisten und Burschenschafter wiederholte. Nicht nur politisch, auch geschäftlich waren Schröder und Suttner eng verbunden: Suttner löste Schröder im Mai 2023 als Geschäftsführer der Nemesis Production GmbH ab. Die Firma steht hinter dem Kleidungslabel Ansgar Aryan, einer der wichtigsten neonazistischen Szenemarken in Deutschland. Viele der vertriebenen Kleidungsstücke sind selbst für extrem rechte Kontexte sehr explizit und verherrlichen etwa den historischen Nationalsozialismus oder Rechtsterroristen wie den Attentäter von Christchurch. Auch verschwörungsideologische Motive werden vertrieben, etwa der Aufdruck „Volksgemeinschaft statt New World Order“. NWO ist eine klassische antisemitische Chiffre dafür, dass eine geheime, jüdisch konnotierte Elite insbesondere die ‚deutsche Volksgemeinschaft‘, aber Völker im Allgemeinen unterdrücken, beherrschen und zersetzen wolle. Zwei Jahre lang, bis zu seinem Ausscheiden als Geschäftsführer im Mai 2025, war Suttner dafür maßgeblich mitverantwortlich, also auch, während er sich mit Mixl in Amberg unterhielt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png"><img alt="" decoding="async" height="359" sizes="(max-width: 542px) 100vw, 542px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.png 542w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-300x199.png 300w" width="542"></img></a><figcaption><em>Stricken in Blau: Die AfD führt Fäden in der extremen Rechten zusammen. Bildquelle: Adobe Stock, penfoto.de (Educational License)<br></br></em></figcaption></figure> <p>Nur ein halbes Jahr nach seiner Abberufung als Geschäftsführer, im Dezember 2025, beteiligte sich Suttner schließlich an der Gründungsveranstaltung des bayerischen Landesverbandes der neuen AfD-Jugend. Bei der Gründung der Generation Deutschland in Greding war er augenscheinlich nicht nur Gast: Fotos zeigen ihn mit einem Armband, wie es an Mitglieder ausgegeben wurde und bei einer Abstimmung. IB, Neonaziversandhandel, „White Power“-Zeichen mit dem neonazistischen Multifunktionär Patrick Schröder auf einer Demonstration der AfD und schließlich Gründungsmitglied der neuen Jugendorganisation der AfD: Der Fall Lukas Suttner ist ein weiterer, der zeigt, wie wenig ernsthaft die Unvereinbarkeitslisten und die halbherzigen Abgrenzungsversuche von Teilen der Parteispitze gegen die noch extremere Rechte sind. Es wird auch deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen den verschiedenen Organisationen und Strömungen der extremen Rechten in der Oberpfalz sind – und wie klein mitunter der Abstand, den AfD-Spitzenpolitiker wie Mixl einnehmen.<aside></aside></p> <p><strong>Asyl für Martin Sellner</strong></p> <p>Die Münchner AfD ging über solche Tuchfühlung noch hinaus und hat dem „Remigrations“-Vordenker Martin Sellner im Sommer 2025 aktiv Asyl in ihrem Räumen gewährt. Sellner hatte für 1. Juli 2025 eine Lesung aus seinem Buch „Remigration“ im Raum Augsburg angekündigt, die Stadt Augsburg verhängte daraufhin ein Aufenthalts- und Betretungsverbot für diesen Tag gegen Sellner. Der behauptete in der Folge, dass die Lesung an einem „geheimen Ort“ stattfinden werde und inszenierte sich in Videos, als sei er auf der Flucht vor der Polizei. In diesen vermeintlichen „Live“-Aufnahmen trat er mit IB-Bundessprecher Maximilian Märkl auf, der bis vor kurzem – auch während des Auftritts mit Sellner – auch AfD-Mitglied in Bayern war und nach Medienberichten Anfang 2026 seinen Austritt ankündigte.<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> Märkls Rolle in den Videos war die des lokalen Gastgebers und Veranstalters – doch die tatsächlichen Gastgeber des Vortrags waren andere. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die gesamte Inszenierung auf Augsburgs Straßen am Tag zuvor stattgefunden hatte und Sellner den Vortrag bei der Münchner AfD im Stadtteil Perlach hielt. Dort haben MdL René Dierkes und MdB Tobias Teich – beide gehören zum völkischen Lager der Partei – ihre Wahlkreisbüros, sie sprechen ganz offen vom „Blauen Haus“. Die Parteizentrale der NSDAP in München hieß „Braunes Haus“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="880" sizes="(max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1.jpeg 660w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1-225x300.jpeg 225w" width="660"></img></a><figcaption><em>Räume der AfD in München-Perlach. Foto: Nikolai Schreiter.</em></figcaption></figure> <p>Christoph Rätscher, Ortsvorsitzender und im März 2026 Bürgermeisterkandidat der AfD für die Gemeinde Haar im Münchner Osten, postete am 2. Juli 2025 ein Foto von sich, Sellner, und zwei späteren Mitgliedern der Generation Deutschland. Einer davon – er trägt Seitenscheitel und Undercut im Stile Heinrich Himmlers – ist Tim Schulz, der im März 2026 kurz nach seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der neuen bayerischen Parteijugend schon wieder zurücktreten musste. Der ehemalige Social-Media-Spindoctor der AfD, Erik Ahrens, hatte der Münchner Abendzeitung Videos zugänglich gemacht, auf denen Schulz mit Lois Wagner in Budapest zu sehen ist, der Juden antisemitisch beschimpft. Wagner ist das Gesicht der Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation von Die Heimat (früher: NPD), und bezeichnet sich selbst als Nationalsozialist. MdL und Burschenschaftler Benjamin Nolte verbreitete Schulz‘ darauffolgende Rücktrittserklärung, in der er die Vorwürfe vor allem bestreitet, auf Telegram. Berichte, nach denen Schulz im bayerischen Landtag für Nolte arbeite, wollte dieser unter Berufung auf „Datenschutz“ dem BR gegenüber nicht dementieren. Schon vor den Recherchen der Abendzeitung ist Schulz wiederholt auf Fotos der sogenannten Lederhosen Revolte, dem bayerischen Ableger der IB, zu sehen: Auf Wanderungen der Gruppierung setzte er sich er mit dem „White Power“ Zeichen vor heimatlicher Kulisse in Szene oder trat mit anderen Mitgliedern der Lederhosen Revolte in einheitlichen IB-Bayern T-Shirts auf der „Remigrationsdemo“ in Wien auf.</p> <p>Diese Beispielkomplexe, und es sind nur zwei von vielen, illustrieren die zentrale Rolle, die die AfD in der bayerischen extremen Rechten spielt. Nicht nur taucht sie an allen Ecken auf, nicht nur hat ihr Personal oft keine Berührungsängste mit neonazistischen Geschäftsleuten und Aktivisten, von denen Teile der Parteispitze die Partei lieber fernhalten würde. Manchmal, wie im Falle der Sellner-Lesung in den Perlacher AfD-Räumlichkeiten, greift man ihnen auch aktiv unter die Arme.</p> <p><em><a data-id="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwei-themen-ein-zentrum-anti-asyl-agitation-und-queerfeindlichkeit-als-mobilisierungsfelder-der-afd/">Im 3. und abschließenden Teil</a> dieser Serie beschäftigen wir uns mit zwei zentralen Agitationsfeldern der extremen Rechten und der Rolle der AfD darin: Anti-Asyl-Agitation und Queerfeindlichkeit.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Screenshots/Fotos für dieses wie auch für alle nachfolgenden Beispiele liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Zur selbsternannt Identitären „Bewegung“ siehe u.a.: Goetz, Judith/Sedlacek, Joseph Maria/Winkler, Alexander (Hg.) (2017): <em>„Untergangster des Abendlandes“. Ideologie und Rezeption der neofaschistischen ‚Identitären‘</em>. Hamburg: marta press.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/afd-im-wahlkampf-wie-die-naehe-zu-rechtsextremen-zum-risiko-wird,VAMqdFh</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/#comments Sun, 03 May 2026 18:06:49 +0000 Corinna Kuhn https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5862 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-3-2026-03_57_37-PM-768x768.png <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-3-2026-03_57_37-PM.png" /><h1>Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Ich muss gerade wichtige Entscheidungen treffen, so richtig große und das ist echt schwer. Ich habe schon alle Ratschläge ausprobiert: Habe Pro-Contra Listen geschrieben, mir überlegt, welche Konsequenzen meine Entscheidungen in 10 Jahren haben würden, habe mehr als nur eine Nacht darüber geschlafen und alle Münzen aus meinem Geldbeutel geworfen. Aber dem Zufall eine so wichtige Entscheidung lassen? Nein, da höre ich lieber auf mein Bauchgefühl, das sagt jedoch was ganz anderes als mein Kopf…</p> <p>Was nun? Kennst du dieses Gefühl, sich nicht entscheiden zu können? Lass uns die Entscheidungsfindung erstmal zur Seite legen und einen Blick ins Gehirn werfen – hoffentlich wissen wir danach, wie wir besser Entscheidungen treffen. Jetzt musst du dich erstmal entscheiden: Liest du diesen Artikel von Anfang an durch oder springst du direkt zu den finalen Erkenntnissen am Ende?</p> <h3>Schnelle und langsame Entscheidungen? Was Neurowissenschaftler denken</h3> <p>Unsere Entscheidungen bestimmen unser Leben, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – kein Wunder also, dass sich verschiedene Geistes- und Naturwissenschaftler dem Thema mit Beobachtungen und Experimenten nähern. So existieren verschiedene Modelle und Theorien, die die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn nur teilweise abbilden.</p> <p>Das wohl bekannteste Modell unterstützte der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman: die Dual-Process-Theorie. Ist dir aufgefallen, dass sich Entscheidungen sehr unterschiedlich anfühlen können? Ja? Kahneman auch. So treffen wir einige Entscheidungen sehr schnell, intuitiv, wohingegen andere Entscheidungen richtig anstrengend sind und lange Zeit benötigen, das beschrieb er als System 1 und System 2 <sup>1</sup>. Dieses Denkmodell hilft Denkfehler, Entscheidungsfallen und Wahrnehmungsverzerrungen zu verstehen.</p> <p>Obwohl es zwar unterscheidbare neuronale Signaturen für intuitive und analytische Denkprozesse gibt, halten Neurowissenschaftler die Dual-Process-Theorie für ein deutlich vereinfachendes Schema der tatsächlichen Neurophysiologie <sup>2,3</sup>. Vielmehr konnten sie zeigen, dass fast immer eine Mischung aus System 1 und System 2 Eigenschaften vorliegt und keinesfalls zwei getrennte Vorgänge im Gehirn stattfinden, sondern stark überlappende neuronale Netzwerke unter Beteiligung zahlreicher Gehirnareale eine Entscheidungsfindung ermöglichen <sup>4</sup>.<aside></aside></p> <h3>Die neurophysiologische Grundlage: Eine Diskussion in der Küche</h3> <p>Nun stelle dir eine Entscheidungsfrage vor, beispielsweise, was du heute Abend essen möchtest – keine furchtbar schwere oder weitreichende Entscheidung, trotzdem läuft gerade ein hochkomplexes Stimmengewirr in deinem Gehirn ab. Stell dir vor, deine Hirnareale stehen gemeinsam mit dir in der Küche und schauen in den fast leeren Kühlschrank. Jedes hat eine Meinung. Und alle reden gleichzeitig.</p> <p>Die <strong>Insula</strong> stöhnt erschöpft auf. Sie spürt in den Körper hinein und jammert: <em>„Der Tag war so lange. Wir sind seit frühmorgens auf den Beinen, haben so viel Arbeit geleistet und kaum Mittagspause gehabt. Der Körper ist erschöpft, der Blutzucker im Keller. Wir brauchen etwas Warmes, Vertrautes, Belohnendes. Ein Burger, das ist das Richtige!“ <sup>5</sup>.</em></p> <p>Das <strong>Striatum</strong> meldet sich mit leuchtenden Augen: <em>„Ich habe eine andere Idee. Erinnert ihr euch an den kunstvoll arrangierten Salat letzten Monat? Fast 200 Likes auf Instagram. Ich sage nur: sehr hohes Belohnungspotenzial.“ <sup>6</sup>.</em></p> <p>Der erfahrene <strong>Hippocampus</strong> erinnert: <em>“Mag sein, dass der Salat schön war, aber nach dieser Mahlzeit vor genau 3 Wochen haben wir uns absolut nicht satt gefühlt. Aber nach dem Burger sind wir jedes Mal zufrieden auf dem Sofa eingeschlafen.” </em>Die emotionale <strong>Amygdala</strong> stimmt nachdrücklich zu: <em>„Genau. Und ich erinnere daran: Der Salat war furchtbar enttäuschend. Dagegen war der letzte Burger ein riesiger Genuss. Meine Priorität: positive Assoziation.“ <sup>7</sup>.</em></p> <p>Der <strong>dorsolaterale präfrontale Kortex</strong>, die Rationalität in Person, räuspert sich und schiebt eine Tabelle über die Küchenzeile: <em>„Ich bitte um etwas Sachlichkeit. Budget: Der Burger kostet dreimal so viel wie der Salat. Zeit: Die Lieferung dauert 45 Minuten. Gesundheit: Wir hatten bereits zweimal diese Woche Fast Food. Mein Fazit: Pasta zu Hause, das ist schnell, günstig, ausreichend.“ <sup>8</sup>.</em></p> <p>Der <strong>orbitofrontale Kortex</strong>, ein leidenschaftlicher Genießer, runzelt die Stirn: <em>„Ausreichend? Wir reden hier nicht von ausreichend! Wir reden davon, wie sich die Optionen gerade anfühlen. Und sind wir ganz ehrlich, Pasta fühlt sich heute nach gar nichts an. Aber Burger, der fühlt sich nach einem kleinen Triumph an!“ <sup>9</sup>.</em></p> <p>Die harmoniebedürftige <strong>ventromediale präfrontale Rinde</strong> lauscht geduldig und nickt langsam: <em>„Ihr habt alle Recht. Es geht nicht nur um Kalorien oder Kosten. Es geht darum, was sich für uns als Person gerade insgesamt stimmig anfühlt. Und heute Abend fühlt sich Selbstfürsorge richtig an.“ <sup>10</sup>.</em></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure> </div> <p>Der <strong>anteriore cinguläre Kortex</strong> springt beunruhigt auf: <em>„Konflikt erkannt! Verstand sagt Pasta, Wohlgefühl will Burger, Striatum träumt von Salatfotos. Ich kann hier keine Einigung feststellen. Ich erkenne Entscheidungsstress. Bitte um weitere Beratungszeit.“ <sup>11</sup>.</em></p> <p>Die <strong>parietale Rinde</strong> sortiert derweil ruhig im Hintergrund die Optionen nach Preis, Aufwand, Verfügbarkeit, Nährwert, rechnet und vergleicht die Auswahlmöglichkeiten, während der Rest der Diskussionsrunde noch streitet <sup>12</sup>.</p> <p>Die <strong>Basalganglien</strong> reden nicht lange. Effizient und unaufgeregt liefern sie als kleines Team (zu dem auch das Striatum gehört) das datenbasierte Erfahrungsvotum. <em>„Wir haben die Daten der letzten Jahre ausgewertet,“</em> sagen sie knapp. <em>„Burger nach langen Arbeitstagen: durchgehend positive Rückmeldung. Pasta bei Erschöpfung: solide, keine Beschwerden. Salat mit Fotoambitionen: gemischte Ergebnisse, erhöhter Aufwand, bei nur geringer Zufriedenheit. Unser Votum: Burger! Dopamin bestätigt unsere Prognose.“</em> Mehr haben sie dazu nicht zu sagen. Sie haben ihren Job bereits erledigt, während die anderen noch diskutieren <sup>6</sup>.</p> <p>Was für ein Diskussion… Jetzt ist klar, warum Entscheidungen treffen so schwierig ist!</p> <p>Erst nach einer gefühlten Ewigkeit der inneren Debatte wird die finale Entscheidung getroffen. Die Basalganglien haben genug Dopamin-Evidenz gesammelt. Der anteriore cinguläre Kortex meldet, dass der Konflikt ausreichend reduziert ist. Der präfrontale Kortex formuliert noch schnell eine rationale Begründung, weil er das letzte Wort haben will. Die Entscheidung: <em>Burger! </em>Du bestellst und die Diskussionsrunde löst sich auf.</p> <h3>Entscheidungsstarre – wenn das Gehirn stecken bleibt</h3> <p>Aber was passiert eigentlich, wenn die Diskussionrunde sich partout nicht einigen kann? Wenn der anteriore cinguläre Kortex im Dauerkonflikt bleibt, die Basalganglien keine klare Evidenz liefern und der dorsolaterale präfrontale Kortex in Endlosschleife abwägt? Dann befinden wir uns in Entscheidungsstarre.</p> <h4>Zu viele Optionen und erwartete Reue</h4> <p>Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb ein verblüffendes Phänomen: Mehr Optionen bedeuten nicht mehr Freiheit, im Gegenteil bedeuten sie mehr Überforderung bei der Entscheidung <sup>13</sup>. Genau diese <strong>Optionsüberflut</strong> ist ein besonderer Auslöser der Entscheidungsstarre. Studien mit funktionellen Bildgebungen des Gehirns zeigten, dass die Aktivität im Striatum und im anterioren cingulären Kortex einer umgekehrten U-Kurve folgt. Diese zentralen Entscheidungsakteure sind bei einer mittleren Anzahl von Optionen am aktivsten, wohingegen ihre Aktivität bei zu vielen Optionen wieder absinkt. Die Entscheidungskosten infolge der Abwägung übermäßiger Optionen übersteigen den Nutzen der Entscheidung <sup>14</sup>. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ein wesentlicher Treiber der Entscheidungsstarre ist die Angst, eine falsche Wahl zu treffen. Diese kann so stark werden, dass letztendlich gar keine Entscheidung getroffen wird <sup>15</sup>. Die erwartete Reue über die Entscheidung für eine Option, aber gegen eine andere gute Alternative, wird über die Amygdala und Insula vermittelt <sup>16</sup>. Dieses Phänomen, in der Verhaltensökonomie als <strong>Verlustaversionseffekt</strong> bezeichnet, kann uns in hohem Maße im Entscheidungsprozess ausbremsen, da wir Verlust als deutlich schmerzhafter empfinden, als einen gleichwertigen Gewinn positiv wahrnehmen <sup>17</sup>.</p> <p>Das Ergebnis? Das Gehirn wählt die sicherste aller Optionen, nämlich gar keine Entscheidung zu treffen. </p> <h3>Besser entscheiden – was die Forschung wirklich empfiehlt</h3> <p>Jetzt wissen wir was in unserem Gehirn passiert und können das für unsere großen wichtigen Entscheidungen nutzen. Hier sind Strategien, die neurobiologisch wirklich sinnvoll sind:</p> <p><strong>1. Entscheide zum richtigen Zeitpunkt</strong> <br></br>Entscheidungen treffen ist, wie wir gelernt haben, wirklich komplex und anstrengend. Nicht verwunderlich also, dass unser Gehirn nach intensiver Kopfarbeit erschöpft und impulsiver wird <sup>18</sup>. Unsere Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit schwankt tageszeitabhängig, nutze deinen Tageszeitrhythmus zu deinem Vorteil im Entscheidungsprozess: Morgentypen entscheiden am besten morgens, Abendtypen besser abends <sup>19</sup>.</p> <p><strong>2. Reduziere deine Optionen bewusst</strong> <br></br>Um nicht in die Falle der Optionsüberflut zu geraten, hilft eine einfache Regel: Grenze deine Auswahl auf eine moderate Anzahl an Alternativen ein, bevor du anfängst abzuwägen. Dein anteriorer cingulärer Kortex und Striatum werden es dir danken.</p> <p><strong>3. Hinterfrage deine Pro-Contra-Liste</strong> <br></br>Pro-Contra-Listen fühlen sich zwar rational an, sind es aber oft nicht. Der Confirmation Bias sorgt dafür, dass wir unbewusst die Argumente stärker gewichten und die Informationen suchen, die unsere bereits bestehende Tendenz bestätigen <sup>20</sup>. Ein kleiner Trick könnte hier helfen: Schau deine Pro-Contra-Liste nach einiger Zeit nochmal speziell mit der Frage an, welche Argumente du übersehen haben könntest. Oder noch besser, bitte jemand Vertrautes, die Gegenseite zu vertreten.</p> <p><strong>4. Hör auf deinen Körper</strong> <br></br>Das Bauchgefühl ist kein mystischer Instinkt – es ist die Art, wie das Gehirn Körpersignale verarbeitet, manchmal bewusst als flaues Gefühl im Magen, beschleunigter Herzschlag oder plötzliches Aufatmen, manchmal ganz unbewusst. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre inneren Körpersignale besser wahrnehmen, tatsächlich auch bessere Entscheidungen treffen <sup>21</sup>. Bauch und Kopf sind kein Widerspruch, sondern arbeiten zusammen. Die Kunst liegt darin, beide zu hören.</p> <p><strong>5. Schlaf drüber</strong> <br></br>Nicht als Aufschub, sondern als Strategie. Im Schlaf konsolidiert der Hippocampus Erinnerungen und verarbeitet Informationen neu <sup>22</sup>. Darüber hinaus unterstützt Schlaf Problemlösung, Kreativität und emotionale Regulation – all das, was beim Entscheiden hilft <sup>23</sup>!</p> <p><strong>6. Akzeptiere: Keine Entscheidung ist perfekt</strong> <br></br>Unser Gehirn wird immer Konflikte finden, das ist sein Job. Oft gibt es keine perfekte Entscheidung. Unser Ziel sollte es sein, nicht die beste aller möglichen Optionen zu suchen, sondern diejenige, die unsere Kernkriterien erfüllt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon nannte dieses Prinzip Satisficing, statt Maximizing – gut genug statt perfekt . Das entlastet das Gehirn enorm und macht uns tatsächlich zufriedener mit unserer Entscheidung <sup>24</sup>.</p> <p>Bildquellen:</p> <p>Titelbild: generiert mit ChatpGPT<br></br>Abb. 2: <a href="https://www.magnific.com/free-vector/hand-drawn-flat-design-people-eating-collection_21115270.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=857b33e2-c86a-4a90-8ee7-830dd11df2f4&amp;query=eating" rel="noopener">FreePik</a><br></br>Abb. 3: generiert mit ChatGPT</p> <p>Quellen</p> <p>1. Kahneman, D. <em>Thinking, Fast and Slow</em>. 499 (Farrar, Straus and Giroux, New York, NY, US, 2011). </p> <p>2. Melnikoff, D. E. &amp; Bargh, J. A. The Mythical Number Two. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>22</strong>, 280–293 (2018). </p> <p>3. Williams, C. C., Kappen, M., Hassall, C. D., Wright, B. &amp; Krigolson, O. E. Thinking theta and alpha: Mechanisms of intuitive and analytical reasoning. <em>Neuroimage </em><strong>189</strong>, 574–580 (2019). </p> <p>4. Levine, D. S. One or two minds? Neural network modeling of decision making by the unified self. <em>Neural Networks </em><strong>120</strong>, 74–85 (2019). </p> <p>5. Simone, L. <em>et al.</em> Anatomo-functional organization of insular networks: From sensory integration to behavioral control. <em>Prog Neurobiol </em><strong>247</strong>, 102748 (2025). </p> <p>6. Verharen, J. P. H., Adan, R. A. H. &amp; Vanderschuren, L. J. M. J. Differential contributions of striatal dopamine D1 and D2 receptors to component processes of value-based decision making. <em>Neuropsychopharmacology </em><strong>44</strong>, 2195–2204 (2019). </p> <p>7. Gupta, R., Koscik, T. R., Bechara, A. &amp; Tranel, D. The amygdala and decision making. <em>Neuropsychologia </em><strong>49</strong>, 760–766 (2011). </p> <p>8. Krawczyk, D. C. Contributions of the prefrontal cortex to the neural basis of human decision making. <em>Neurosci Biobehav Rev </em><strong>26</strong>, 631–664 (2002). </p> <p>9. Fellows, L. K. Orbitofrontal contributions to value-based decision making: evidence from humans with frontal lobe damage. <em>Ann N Y Acad Sci </em><strong>1239</strong>, 51–58 (2011). </p> <p>10. Klein-Flügge, M. C., Bongioanni, A. &amp; Rushworth, M. F. Medial and orbital frontal cortex in decision making and flexible behavior. <em>Neuron </em><strong>110</strong>, 2743–2770 (2022). </p> <p>11. Botvinick, M. M., Cohen, J. D. &amp; Carter, C. S. Conflict monitoring and anterior cingulate cortex: an update. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>8</strong>, 539–546 (2004). </p> <p>12. Si, R., Rowe, J. B. &amp; Zhang, J. Functional localization and categorization of intentional decisions in humans: A meta-analysis of brain imaging studies. <em>Neuroimage </em><strong>242</strong>, 118468 (2021). </p> <p>13. Schwartz, B. The Paradox Of Choice: Why More Is Less. <em>The Paradox Of Choice: Why More Is Less </em>https://works.swarthmore.edu/fac-psychology/198 (2004). </p> <p>14. Reutskaja, E., Lindner, A., Nagel, R., Andersen, R. A. &amp; Camerer, C. F. Choice overload reduces neural signatures of choice set value in dorsal striatum and anterior cingulate cortex. <em>Nat Hum Behav </em><strong>2</strong>, 925–935 (2018). </p> <p>15. Anderson, C. J. The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. <em>Psychological Bulletin </em><strong>129</strong>, 139–167 (2003). </p> <p>16. Bishop, S. J. &amp; Gagne, C. Anxiety, Depression, and Decision Making: A Computational Perspective. <em>Annu Rev Neurosci </em><strong>41</strong>, 371–388 (2018). </p> <p>17. Canessa, N. <em>et al.</em> The functional and structural neural basis of individual differences in loss aversion. <em>J Neurosci </em><strong>33</strong>, 14307–14317 (2013). </p> <p>18. Blain, B., Hollard, G. &amp; Pessiglione, M. Neural mechanisms underlying the impact of daylong cognitive work on economic decisions. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>113</strong>, 6967–6972 (2016). </p> <p>19. Ingram, K. K. <em>et al.</em> Molecular insights into chronotype and time-of-day effects on decision-making. <em>Sci Rep </em><strong>6</strong>, 29392 (2016). </p> <p>20. Jonas, E., Schulz-Hardt, S., Frey, D. &amp; Thelen, N. Confirmation bias in sequential information search after preliminary decisions: an expansion of dissonance theoretical research on selective exposure to information. <em>J Pers Soc Psychol </em><strong>80</strong>, 557–571 (2001). </p> <p>21. Werner, N. S. <em>et al.</em> Interoceptive awareness moderates neural activity during decision-making. <em>Biol Psychol </em><strong>94</strong>, 498–506 (2013). </p> <p>22. Lutz, N. D., Harkotte, M. &amp; Born, J. Sleep’s contribution to memory formation. <em>Physiol Rev </em><strong>106</strong>, 363–483 (2026). </p> <p>23. Paller, K. A., Creery, J. D. &amp; Schechtman, E. Memory and Sleep: How Sleep Cognition Can Change the Waking Mind for the Better. <em>Annu Rev Psychol </em><strong>72</strong>, 123–150 (2021). 24. Ge, X., Zhang, X., Li, Q., Zhang, Z. &amp; Hou, Y. Maximizers Abandon More Before Decisions, Regret More After Decisions, and Re-Maximize More for Second-Time Decisions: Real-World Analysis of Online Consumer Behaviors. <em>Pers Soc Psychol Bull</em> 1461672251385756 (2025) doi:10.1177/01461672251385756.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/ChatGPT-Image-May-3-2026-03_57_37-PM.png" /><h1>Die Neurowissenschaft des Entscheidens – Diskussion in der Küche » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Corinna Kuhn</h2><div itemprop="text"> <p>Ich muss gerade wichtige Entscheidungen treffen, so richtig große und das ist echt schwer. Ich habe schon alle Ratschläge ausprobiert: Habe Pro-Contra Listen geschrieben, mir überlegt, welche Konsequenzen meine Entscheidungen in 10 Jahren haben würden, habe mehr als nur eine Nacht darüber geschlafen und alle Münzen aus meinem Geldbeutel geworfen. Aber dem Zufall eine so wichtige Entscheidung lassen? Nein, da höre ich lieber auf mein Bauchgefühl, das sagt jedoch was ganz anderes als mein Kopf…</p> <p>Was nun? Kennst du dieses Gefühl, sich nicht entscheiden zu können? Lass uns die Entscheidungsfindung erstmal zur Seite legen und einen Blick ins Gehirn werfen – hoffentlich wissen wir danach, wie wir besser Entscheidungen treffen. Jetzt musst du dich erstmal entscheiden: Liest du diesen Artikel von Anfang an durch oder springst du direkt zu den finalen Erkenntnissen am Ende?</p> <h3>Schnelle und langsame Entscheidungen? Was Neurowissenschaftler denken</h3> <p>Unsere Entscheidungen bestimmen unser Leben, die Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – kein Wunder also, dass sich verschiedene Geistes- und Naturwissenschaftler dem Thema mit Beobachtungen und Experimenten nähern. So existieren verschiedene Modelle und Theorien, die die tatsächlichen Vorgänge im Gehirn nur teilweise abbilden.</p> <p>Das wohl bekannteste Modell unterstützte der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman: die Dual-Process-Theorie. Ist dir aufgefallen, dass sich Entscheidungen sehr unterschiedlich anfühlen können? Ja? Kahneman auch. So treffen wir einige Entscheidungen sehr schnell, intuitiv, wohingegen andere Entscheidungen richtig anstrengend sind und lange Zeit benötigen, das beschrieb er als System 1 und System 2 <sup>1</sup>. Dieses Denkmodell hilft Denkfehler, Entscheidungsfallen und Wahrnehmungsverzerrungen zu verstehen.</p> <p>Obwohl es zwar unterscheidbare neuronale Signaturen für intuitive und analytische Denkprozesse gibt, halten Neurowissenschaftler die Dual-Process-Theorie für ein deutlich vereinfachendes Schema der tatsächlichen Neurophysiologie <sup>2,3</sup>. Vielmehr konnten sie zeigen, dass fast immer eine Mischung aus System 1 und System 2 Eigenschaften vorliegt und keinesfalls zwei getrennte Vorgänge im Gehirn stattfinden, sondern stark überlappende neuronale Netzwerke unter Beteiligung zahlreicher Gehirnareale eine Entscheidungsfindung ermöglichen <sup>4</sup>.<aside></aside></p> <h3>Die neurophysiologische Grundlage: Eine Diskussion in der Küche</h3> <p>Nun stelle dir eine Entscheidungsfrage vor, beispielsweise, was du heute Abend essen möchtest – keine furchtbar schwere oder weitreichende Entscheidung, trotzdem läuft gerade ein hochkomplexes Stimmengewirr in deinem Gehirn ab. Stell dir vor, deine Hirnareale stehen gemeinsam mit dir in der Küche und schauen in den fast leeren Kühlschrank. Jedes hat eine Meinung. Und alle reden gleichzeitig.</p> <p>Die <strong>Insula</strong> stöhnt erschöpft auf. Sie spürt in den Körper hinein und jammert: <em>„Der Tag war so lange. Wir sind seit frühmorgens auf den Beinen, haben so viel Arbeit geleistet und kaum Mittagspause gehabt. Der Körper ist erschöpft, der Blutzucker im Keller. Wir brauchen etwas Warmes, Vertrautes, Belohnendes. Ein Burger, das ist das Richtige!“ <sup>5</sup>.</em></p> <p>Das <strong>Striatum</strong> meldet sich mit leuchtenden Augen: <em>„Ich habe eine andere Idee. Erinnert ihr euch an den kunstvoll arrangierten Salat letzten Monat? Fast 200 Likes auf Instagram. Ich sage nur: sehr hohes Belohnungspotenzial.“ <sup>6</sup>.</em></p> <p>Der erfahrene <strong>Hippocampus</strong> erinnert: <em>“Mag sein, dass der Salat schön war, aber nach dieser Mahlzeit vor genau 3 Wochen haben wir uns absolut nicht satt gefühlt. Aber nach dem Burger sind wir jedes Mal zufrieden auf dem Sofa eingeschlafen.” </em>Die emotionale <strong>Amygdala</strong> stimmt nachdrücklich zu: <em>„Genau. Und ich erinnere daran: Der Salat war furchtbar enttäuschend. Dagegen war der letzte Burger ein riesiger Genuss. Meine Priorität: positive Assoziation.“ <sup>7</sup>.</em></p> <p>Der <strong>dorsolaterale präfrontale Kortex</strong>, die Rationalität in Person, räuspert sich und schiebt eine Tabelle über die Küchenzeile: <em>„Ich bitte um etwas Sachlichkeit. Budget: Der Burger kostet dreimal so viel wie der Salat. Zeit: Die Lieferung dauert 45 Minuten. Gesundheit: Wir hatten bereits zweimal diese Woche Fast Food. Mein Fazit: Pasta zu Hause, das ist schnell, günstig, ausreichend.“ <sup>8</sup>.</em></p> <p>Der <strong>orbitofrontale Kortex</strong>, ein leidenschaftlicher Genießer, runzelt die Stirn: <em>„Ausreichend? Wir reden hier nicht von ausreichend! Wir reden davon, wie sich die Optionen gerade anfühlen. Und sind wir ganz ehrlich, Pasta fühlt sich heute nach gar nichts an. Aber Burger, der fühlt sich nach einem kleinen Triumph an!“ <sup>9</sup>.</em></p> <p>Die harmoniebedürftige <strong>ventromediale präfrontale Rinde</strong> lauscht geduldig und nickt langsam: <em>„Ihr habt alle Recht. Es geht nicht nur um Kalorien oder Kosten. Es geht darum, was sich für uns als Person gerade insgesamt stimmig anfühlt. Und heute Abend fühlt sich Selbstfürsorge richtig an.“ <sup>10</sup>.</em></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1024x1024.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-300x300.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-150x150.jpeg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-768x768.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12-1536x1536.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-12.jpeg 2000w" width="1024"></img></figure> </div> <p>Der <strong>anteriore cinguläre Kortex</strong> springt beunruhigt auf: <em>„Konflikt erkannt! Verstand sagt Pasta, Wohlgefühl will Burger, Striatum träumt von Salatfotos. Ich kann hier keine Einigung feststellen. Ich erkenne Entscheidungsstress. Bitte um weitere Beratungszeit.“ <sup>11</sup>.</em></p> <p>Die <strong>parietale Rinde</strong> sortiert derweil ruhig im Hintergrund die Optionen nach Preis, Aufwand, Verfügbarkeit, Nährwert, rechnet und vergleicht die Auswahlmöglichkeiten, während der Rest der Diskussionsrunde noch streitet <sup>12</sup>.</p> <p>Die <strong>Basalganglien</strong> reden nicht lange. Effizient und unaufgeregt liefern sie als kleines Team (zu dem auch das Striatum gehört) das datenbasierte Erfahrungsvotum. <em>„Wir haben die Daten der letzten Jahre ausgewertet,“</em> sagen sie knapp. <em>„Burger nach langen Arbeitstagen: durchgehend positive Rückmeldung. Pasta bei Erschöpfung: solide, keine Beschwerden. Salat mit Fotoambitionen: gemischte Ergebnisse, erhöhter Aufwand, bei nur geringer Zufriedenheit. Unser Votum: Burger! Dopamin bestätigt unsere Prognose.“</em> Mehr haben sie dazu nicht zu sagen. Sie haben ihren Job bereits erledigt, während die anderen noch diskutieren <sup>6</sup>.</p> <p>Was für ein Diskussion… Jetzt ist klar, warum Entscheidungen treffen so schwierig ist!</p> <p>Erst nach einer gefühlten Ewigkeit der inneren Debatte wird die finale Entscheidung getroffen. Die Basalganglien haben genug Dopamin-Evidenz gesammelt. Der anteriore cinguläre Kortex meldet, dass der Konflikt ausreichend reduziert ist. Der präfrontale Kortex formuliert noch schnell eine rationale Begründung, weil er das letzte Wort haben will. Die Entscheidung: <em>Burger! </em>Du bestellst und die Diskussionsrunde löst sich auf.</p> <h3>Entscheidungsstarre – wenn das Gehirn stecken bleibt</h3> <p>Aber was passiert eigentlich, wenn die Diskussionrunde sich partout nicht einigen kann? Wenn der anteriore cinguläre Kortex im Dauerkonflikt bleibt, die Basalganglien keine klare Evidenz liefern und der dorsolaterale präfrontale Kortex in Endlosschleife abwägt? Dann befinden wir uns in Entscheidungsstarre.</p> <h4>Zu viele Optionen und erwartete Reue</h4> <p>Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb ein verblüffendes Phänomen: Mehr Optionen bedeuten nicht mehr Freiheit, im Gegenteil bedeuten sie mehr Überforderung bei der Entscheidung <sup>13</sup>. Genau diese <strong>Optionsüberflut</strong> ist ein besonderer Auslöser der Entscheidungsstarre. Studien mit funktionellen Bildgebungen des Gehirns zeigten, dass die Aktivität im Striatum und im anterioren cingulären Kortex einer umgekehrten U-Kurve folgt. Diese zentralen Entscheidungsakteure sind bei einer mittleren Anzahl von Optionen am aktivsten, wohingegen ihre Aktivität bei zu vielen Optionen wieder absinkt. Die Entscheidungskosten infolge der Abwägung übermäßiger Optionen übersteigen den Nutzen der Entscheidung <sup>14</sup>. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/image-44.png 1254w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Ein wesentlicher Treiber der Entscheidungsstarre ist die Angst, eine falsche Wahl zu treffen. Diese kann so stark werden, dass letztendlich gar keine Entscheidung getroffen wird <sup>15</sup>. Die erwartete Reue über die Entscheidung für eine Option, aber gegen eine andere gute Alternative, wird über die Amygdala und Insula vermittelt <sup>16</sup>. Dieses Phänomen, in der Verhaltensökonomie als <strong>Verlustaversionseffekt</strong> bezeichnet, kann uns in hohem Maße im Entscheidungsprozess ausbremsen, da wir Verlust als deutlich schmerzhafter empfinden, als einen gleichwertigen Gewinn positiv wahrnehmen <sup>17</sup>.</p> <p>Das Ergebnis? Das Gehirn wählt die sicherste aller Optionen, nämlich gar keine Entscheidung zu treffen. </p> <h3>Besser entscheiden – was die Forschung wirklich empfiehlt</h3> <p>Jetzt wissen wir was in unserem Gehirn passiert und können das für unsere großen wichtigen Entscheidungen nutzen. Hier sind Strategien, die neurobiologisch wirklich sinnvoll sind:</p> <p><strong>1. Entscheide zum richtigen Zeitpunkt</strong> <br></br>Entscheidungen treffen ist, wie wir gelernt haben, wirklich komplex und anstrengend. Nicht verwunderlich also, dass unser Gehirn nach intensiver Kopfarbeit erschöpft und impulsiver wird <sup>18</sup>. Unsere Aufmerksamkeit und Entscheidungsgeschwindigkeit schwankt tageszeitabhängig, nutze deinen Tageszeitrhythmus zu deinem Vorteil im Entscheidungsprozess: Morgentypen entscheiden am besten morgens, Abendtypen besser abends <sup>19</sup>.</p> <p><strong>2. Reduziere deine Optionen bewusst</strong> <br></br>Um nicht in die Falle der Optionsüberflut zu geraten, hilft eine einfache Regel: Grenze deine Auswahl auf eine moderate Anzahl an Alternativen ein, bevor du anfängst abzuwägen. Dein anteriorer cingulärer Kortex und Striatum werden es dir danken.</p> <p><strong>3. Hinterfrage deine Pro-Contra-Liste</strong> <br></br>Pro-Contra-Listen fühlen sich zwar rational an, sind es aber oft nicht. Der Confirmation Bias sorgt dafür, dass wir unbewusst die Argumente stärker gewichten und die Informationen suchen, die unsere bereits bestehende Tendenz bestätigen <sup>20</sup>. Ein kleiner Trick könnte hier helfen: Schau deine Pro-Contra-Liste nach einiger Zeit nochmal speziell mit der Frage an, welche Argumente du übersehen haben könntest. Oder noch besser, bitte jemand Vertrautes, die Gegenseite zu vertreten.</p> <p><strong>4. Hör auf deinen Körper</strong> <br></br>Das Bauchgefühl ist kein mystischer Instinkt – es ist die Art, wie das Gehirn Körpersignale verarbeitet, manchmal bewusst als flaues Gefühl im Magen, beschleunigter Herzschlag oder plötzliches Aufatmen, manchmal ganz unbewusst. Studien zeigen, dass Menschen, die ihre inneren Körpersignale besser wahrnehmen, tatsächlich auch bessere Entscheidungen treffen <sup>21</sup>. Bauch und Kopf sind kein Widerspruch, sondern arbeiten zusammen. Die Kunst liegt darin, beide zu hören.</p> <p><strong>5. Schlaf drüber</strong> <br></br>Nicht als Aufschub, sondern als Strategie. Im Schlaf konsolidiert der Hippocampus Erinnerungen und verarbeitet Informationen neu <sup>22</sup>. Darüber hinaus unterstützt Schlaf Problemlösung, Kreativität und emotionale Regulation – all das, was beim Entscheiden hilft <sup>23</sup>!</p> <p><strong>6. Akzeptiere: Keine Entscheidung ist perfekt</strong> <br></br>Unser Gehirn wird immer Konflikte finden, das ist sein Job. Oft gibt es keine perfekte Entscheidung. Unser Ziel sollte es sein, nicht die beste aller möglichen Optionen zu suchen, sondern diejenige, die unsere Kernkriterien erfüllt. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Herbert Simon nannte dieses Prinzip Satisficing, statt Maximizing – gut genug statt perfekt . Das entlastet das Gehirn enorm und macht uns tatsächlich zufriedener mit unserer Entscheidung <sup>24</sup>.</p> <p>Bildquellen:</p> <p>Titelbild: generiert mit ChatpGPT<br></br>Abb. 2: <a href="https://www.magnific.com/free-vector/hand-drawn-flat-design-people-eating-collection_21115270.htm#fromView=search&amp;page=1&amp;position=45&amp;uuid=857b33e2-c86a-4a90-8ee7-830dd11df2f4&amp;query=eating" rel="noopener">FreePik</a><br></br>Abb. 3: generiert mit ChatGPT</p> <p>Quellen</p> <p>1. Kahneman, D. <em>Thinking, Fast and Slow</em>. 499 (Farrar, Straus and Giroux, New York, NY, US, 2011). </p> <p>2. Melnikoff, D. E. &amp; Bargh, J. A. The Mythical Number Two. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>22</strong>, 280–293 (2018). </p> <p>3. Williams, C. C., Kappen, M., Hassall, C. D., Wright, B. &amp; Krigolson, O. E. Thinking theta and alpha: Mechanisms of intuitive and analytical reasoning. <em>Neuroimage </em><strong>189</strong>, 574–580 (2019). </p> <p>4. Levine, D. S. One or two minds? Neural network modeling of decision making by the unified self. <em>Neural Networks </em><strong>120</strong>, 74–85 (2019). </p> <p>5. Simone, L. <em>et al.</em> Anatomo-functional organization of insular networks: From sensory integration to behavioral control. <em>Prog Neurobiol </em><strong>247</strong>, 102748 (2025). </p> <p>6. Verharen, J. P. H., Adan, R. A. H. &amp; Vanderschuren, L. J. M. J. Differential contributions of striatal dopamine D1 and D2 receptors to component processes of value-based decision making. <em>Neuropsychopharmacology </em><strong>44</strong>, 2195–2204 (2019). </p> <p>7. Gupta, R., Koscik, T. R., Bechara, A. &amp; Tranel, D. The amygdala and decision making. <em>Neuropsychologia </em><strong>49</strong>, 760–766 (2011). </p> <p>8. Krawczyk, D. C. Contributions of the prefrontal cortex to the neural basis of human decision making. <em>Neurosci Biobehav Rev </em><strong>26</strong>, 631–664 (2002). </p> <p>9. Fellows, L. K. Orbitofrontal contributions to value-based decision making: evidence from humans with frontal lobe damage. <em>Ann N Y Acad Sci </em><strong>1239</strong>, 51–58 (2011). </p> <p>10. Klein-Flügge, M. C., Bongioanni, A. &amp; Rushworth, M. F. Medial and orbital frontal cortex in decision making and flexible behavior. <em>Neuron </em><strong>110</strong>, 2743–2770 (2022). </p> <p>11. Botvinick, M. M., Cohen, J. D. &amp; Carter, C. S. Conflict monitoring and anterior cingulate cortex: an update. <em>Trends Cogn Sci </em><strong>8</strong>, 539–546 (2004). </p> <p>12. Si, R., Rowe, J. B. &amp; Zhang, J. Functional localization and categorization of intentional decisions in humans: A meta-analysis of brain imaging studies. <em>Neuroimage </em><strong>242</strong>, 118468 (2021). </p> <p>13. Schwartz, B. The Paradox Of Choice: Why More Is Less. <em>The Paradox Of Choice: Why More Is Less </em>https://works.swarthmore.edu/fac-psychology/198 (2004). </p> <p>14. Reutskaja, E., Lindner, A., Nagel, R., Andersen, R. A. &amp; Camerer, C. F. Choice overload reduces neural signatures of choice set value in dorsal striatum and anterior cingulate cortex. <em>Nat Hum Behav </em><strong>2</strong>, 925–935 (2018). </p> <p>15. Anderson, C. J. The psychology of doing nothing: Forms of decision avoidance result from reason and emotion. <em>Psychological Bulletin </em><strong>129</strong>, 139–167 (2003). </p> <p>16. Bishop, S. J. &amp; Gagne, C. Anxiety, Depression, and Decision Making: A Computational Perspective. <em>Annu Rev Neurosci </em><strong>41</strong>, 371–388 (2018). </p> <p>17. Canessa, N. <em>et al.</em> The functional and structural neural basis of individual differences in loss aversion. <em>J Neurosci </em><strong>33</strong>, 14307–14317 (2013). </p> <p>18. Blain, B., Hollard, G. &amp; Pessiglione, M. Neural mechanisms underlying the impact of daylong cognitive work on economic decisions. <em>Proceedings of the National Academy of Sciences </em><strong>113</strong>, 6967–6972 (2016). </p> <p>19. Ingram, K. K. <em>et al.</em> Molecular insights into chronotype and time-of-day effects on decision-making. <em>Sci Rep </em><strong>6</strong>, 29392 (2016). </p> <p>20. Jonas, E., Schulz-Hardt, S., Frey, D. &amp; Thelen, N. Confirmation bias in sequential information search after preliminary decisions: an expansion of dissonance theoretical research on selective exposure to information. <em>J Pers Soc Psychol </em><strong>80</strong>, 557–571 (2001). </p> <p>21. Werner, N. S. <em>et al.</em> Interoceptive awareness moderates neural activity during decision-making. <em>Biol Psychol </em><strong>94</strong>, 498–506 (2013). </p> <p>22. Lutz, N. D., Harkotte, M. &amp; Born, J. Sleep’s contribution to memory formation. <em>Physiol Rev </em><strong>106</strong>, 363–483 (2026). </p> <p>23. Paller, K. A., Creery, J. D. &amp; Schechtman, E. Memory and Sleep: How Sleep Cognition Can Change the Waking Mind for the Better. <em>Annu Rev Psychol </em><strong>72</strong>, 123–150 (2021). 24. Ge, X., Zhang, X., Li, Q., Zhang, Z. &amp; Hou, Y. Maximizers Abandon More Before Decisions, Regret More After Decisions, and Re-Maximize More for Second-Time Decisions: Real-World Analysis of Online Consumer Behaviors. <em>Pers Soc Psychol Bull</em> 1461672251385756 (2025) doi:10.1177/01461672251385756.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-neurowissenschaft-des-entscheidens/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>Ein „neuer, schneller“ Weg zum Mars? https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/#comments Fri, 01 May 2026 09:47:45 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11154 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-768x386.png Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und Blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/ <h1>Ein "neuer, schneller" Weg zum Mars? » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Von Darmstadt nach Frankfurt, jeweils gerechnet von der Stadtmitte, ist die Entfernung knapp 35 km. Man braucht für die Strecke minimal 30  Minuten, realistischerweise aber deutlich länger. Das dauert Ihnen zu lange? Na, da erfinde ich Ihnen einfach einen neuen, viel schnelleren Weg. Mit dem wären sind Sie in 6 Minuten da. Sie müssten dazu allerdings mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h reisen. </p> <span id="more-11154"></span> <p>Wie bitte? Nicht machbar? Rechnen Sie doch einfach nach. Die Rechnung stimmt. Aber die Annahmen sind zu hinterfragen. Selbiges gilt auch in dem Fall, den ich hier vorstelle.</p> <h2><em>Ein neues Paper aus Brasilien</em></h2> <p>Ein in der Fachzeitschrift „Acta Astronautica“ in ihrer Ausgabe vom September 2026 zur Veröffentlichung vorgesehener Artikel des brasilianischen Physikers Marco de Olivera Souza mit dem Titel „<a href="https://dx.doi.org/10.1016/j.actaastro.2026.04.018" rel="noopener" target="_blank" title="Link zum Artikel auf ScienceDirect.com">Using early asteroid data for rapid mars missions</a>“ breitet auf 12 Seiten aus, wie der Autor durch die Bahn eines die Bahnen von Mas und Erde kreuzenden Asteroiden inspiriert wurde, schnellere Transfers zwischen Mars und Erde als die allgemein bekannten mit Dauern von etwa 9 +/-3 Monaten zu finden. <em>(Die Variationsbreite liegt an der Exzentrizität des Marsbahn und der Tatsache, dass sie nicht genau in der Ekliptik liegt.) </em>Dieses Paper wurde in der Presse aufgegriffen, mit dem Tenor, hier sei und endlich eine „Abkürzung“ zum Mars gefunden, siehe z.B. auf <a href="https://phys.org/news/2026-04-interplanetary-shortcut-mars.html" rel="noopener" target="_blank" title="phys.org am 27.4.2026">phys.org</a>, <a href="https://t3n.de/news/abkuerzung-mars-route-mission-1740314/" rel="noopener" target="_blank" title="t3n.de am 28.4.2026">t3n.de</a>, <a href="https://www.fr.de/wissen/forscher-findet-abkuerzung-neuer-ansatz-macht-mars-reise-deutlich-kuerzer-zr-94286885.html" rel="noopener" target="_blank" title="fr.de/wissen am 30.4.2026">FR</a>, und wahrscheinlich noch an vielen anderen Stellen. Aber wenigstens ein deutscher Journalist hat mich direkt angeschrieben und um meine Einschätzung gebeten. </p> <p>Zunächst einmal zur Vorgehensweise und zu der unterstellten Behauptung, hier sei etwas neu entdeckt worden. Die Berechnung von Transferdauern und -kosten und die Ableitung der möglichen Startfenster aus den Ergebnissen ist ganz und gar nicht neu. Schon als ich Anfang der 80er Jahre studierte, war dies Stoff in der ersten Vorlesung für Raumfahrttechnik. Aber die Berechnungsmethoden und die Darstellungsform gehen auf die frühen 60er Jahre zurück. </p> <h2><em>Die Pork-Chop-Plots</em></h2> <p>Man macht nichts anderes, als für eine große Anzahl von Datumswerten für den Abflug von einem Planeten B und angenommener Transferdauern zu einem Planeten B (die Bahnen beider Himmelskörper müssen bekannt sein) das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lambert%27s_problem" rel="noopener" target="_blank" title="Wikipedia (engl.) zum Lambertproblem">Lambertproblem</a> zu lösen. Die Lösung ist ein Satz Bahnelemente für bekannte Abflug- und Ankunftsposition und gegebene Transferdauer. Die übliche graphische Darstellung sind die in der Raumfahrttechnik weithin bekannten „pork chop plots“. Hier eins für den Transfer Erde-Mars im Startfenster 2031. Die Software dazu habe ich schon vor Jahrzehnten geschrieben, allerdings in dem Wissen, dass die Methode da auch schon Jahrzehnte alt war. Deswegen gab es schon damals keine Veranlassung, irgendetwas groß herauszutröten.  <aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030.png"><img alt="Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und Blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="515" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-300x151.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-768x386.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1536x772.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-2048x1029.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <p>Man sieht die die Typ 1 und Typ 2-Transfers von der Erde zum Mars. Ein Missionsplaner wird immer zuerst nach der kostenoptimalen Lösung suchen, bei der ein optimaler Kompromiss aus hyperbolischer Abfluggeschwindigkeit von der Erde und Anfluggeschwindigkeit am Mars erzielt wird. Daraus ergibt sich die Startmasse, die die Rakete auf den Weg bringen kann und das Einfangmanöver am Mars, aus dem die benötigte Treibstoffmasse berechnet werden kann. Der Flug von Erde zu Mars ist hier noch als ballistisch angenommen – es ist nur der erste Schritt in einem iterativen Prozess. Im gegebenen Fall hätte man Abflug- und Ankunftsgeschwindigkeiten von jeweils etwa 3.5 km/s, die Transferdauer 9 Monate. </p> <h2><em>Schnellere Transferbahnen</em></h2> <p>Man könnte sich nun, wenn die verwendete Technik in der Raumsonde das hergibt, auch nach schnelleren Transfers suchen, also auf der y-Achse des Diagramms nach unten wandern. Die wurden auch Transfers eingezeichnet, wie sie im vorgeschlagenen Paper vorgeschlagen werden – mit Dauern von 3 oder weniger Monaten. Man sieht dann aber auch: die hyperbolischen Geschwindigkeiten bei Abflug und Ankunft wachsen ganz schnell ins Astronomische: 9, 12, 15 oder 18 km/s! Womit wir wieder  bei meiner Einleitung mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h von Darmstadt nach Frankfurt sind… Auf dem Papier geht das alles. Die Lambert-Routine spuckt mir auch für noch kürzere Transfers eine Lösung aus, gar kein Problem. Das Problem hat man erst, wenn man eine Rakete und ein Antriebssystem finden muss, mit denen solche Transfers möglich werden. Und selbst wenn man diese Technik hätte, wie auch immer die aussehen mag – würde man die wirklich nutzen, um schneller zu fliegen? Oder nicht doch lieber, um ein viel größeres Schiff zu bauen?</p> <p>Wie würden die dazugehörigen Transfers aussehen? Ich habe das mal für den idealisierten Fall von kreisförmigen, ko-planaren Bahnen skizziert, nur um das Prinzip zu verdeutlichen. Rot der optimale Transfer, der allerdings auch am längsten dauert. Die Transferbahn ist gerade so groß, wie sie eben noch sein muss, um Anflug- und Ankunftsbahn zu verbinden. Sie liegt tangential an den beiden Kreisbahnen an. Die grüne Bahn ist schneller, die violette noch schneller. Aber die Transfers schneiden die Bahnen mit erheblichen Winkeln und ihre Bahnenergie ist sichtbar größer – daher eben auch diese gewaltigen hyperbolischen Geschwindigkeiten.  </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png"><img alt="Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-300x109.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-768x279.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png 1045w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Was ist daran jetzt neu?</em></h2> <p>Wie gesagt, die Existenz von schnelleren Transfers ist seit Generationen bekannt, wenn auch vielleicht noch nicht dem Autor des erwähnten Papers in Acta Astronautica und der Journalisten, die ihn zitieren. Deswegen wurde jetzt auch keine neue Methode zur Berechnung von schnellen Marstransfers gefunden. Das Problem liegt nicht in der Bahnmechanik, sondern in der Antriebstechnik. Mit einem nuklearen Antrieb, der sehr viel höhere spezifische Impulse zulässt, oder einem Hochschub-Ionenantrieb, wären deutlich kürzere Transfers möglich.</p> <p>Das große Thema dabei ist allerdings nicht so sehr der Antrieb selbst, sondern die elektrische Energieversorgung, die geringe Masse mit sehr hoher elektrischer Ausgangsleistung verbinden müsste. Oder aber, man geht gar nicht mehr den Umweg über elektrische Systeme. Allerdings hätte man dann  Bahnen mit kontinuierlichen Antriebsphasen,  keine ballistischen Freiflugbahnen, und da gilt das oben diskutierte nicht mehr, ebenso wenig wie das brasilianische Paper.</p> <p>Eins möchte ich aber doch wissen: Wie hat der der Autor es geschafft, mit einem solchen Paper durch das Peer Review zu kommen?</p></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Ein "neuer, schneller" Weg zum Mars? » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Von Darmstadt nach Frankfurt, jeweils gerechnet von der Stadtmitte, ist die Entfernung knapp 35 km. Man braucht für die Strecke minimal 30  Minuten, realistischerweise aber deutlich länger. Das dauert Ihnen zu lange? Na, da erfinde ich Ihnen einfach einen neuen, viel schnelleren Weg. Mit dem wären sind Sie in 6 Minuten da. Sie müssten dazu allerdings mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h reisen. </p> <span id="more-11154"></span> <p>Wie bitte? Nicht machbar? Rechnen Sie doch einfach nach. Die Rechnung stimmt. Aber die Annahmen sind zu hinterfragen. Selbiges gilt auch in dem Fall, den ich hier vorstelle.</p> <h2><em>Ein neues Paper aus Brasilien</em></h2> <p>Ein in der Fachzeitschrift „Acta Astronautica“ in ihrer Ausgabe vom September 2026 zur Veröffentlichung vorgesehener Artikel des brasilianischen Physikers Marco de Olivera Souza mit dem Titel „<a href="https://dx.doi.org/10.1016/j.actaastro.2026.04.018" rel="noopener" target="_blank" title="Link zum Artikel auf ScienceDirect.com">Using early asteroid data for rapid mars missions</a>“ breitet auf 12 Seiten aus, wie der Autor durch die Bahn eines die Bahnen von Mas und Erde kreuzenden Asteroiden inspiriert wurde, schnellere Transfers zwischen Mars und Erde als die allgemein bekannten mit Dauern von etwa 9 +/-3 Monaten zu finden. <em>(Die Variationsbreite liegt an der Exzentrizität des Marsbahn und der Tatsache, dass sie nicht genau in der Ekliptik liegt.) </em>Dieses Paper wurde in der Presse aufgegriffen, mit dem Tenor, hier sei und endlich eine „Abkürzung“ zum Mars gefunden, siehe z.B. auf <a href="https://phys.org/news/2026-04-interplanetary-shortcut-mars.html" rel="noopener" target="_blank" title="phys.org am 27.4.2026">phys.org</a>, <a href="https://t3n.de/news/abkuerzung-mars-route-mission-1740314/" rel="noopener" target="_blank" title="t3n.de am 28.4.2026">t3n.de</a>, <a href="https://www.fr.de/wissen/forscher-findet-abkuerzung-neuer-ansatz-macht-mars-reise-deutlich-kuerzer-zr-94286885.html" rel="noopener" target="_blank" title="fr.de/wissen am 30.4.2026">FR</a>, und wahrscheinlich noch an vielen anderen Stellen. Aber wenigstens ein deutscher Journalist hat mich direkt angeschrieben und um meine Einschätzung gebeten. </p> <p>Zunächst einmal zur Vorgehensweise und zu der unterstellten Behauptung, hier sei etwas neu entdeckt worden. Die Berechnung von Transferdauern und -kosten und die Ableitung der möglichen Startfenster aus den Ergebnissen ist ganz und gar nicht neu. Schon als ich Anfang der 80er Jahre studierte, war dies Stoff in der ersten Vorlesung für Raumfahrttechnik. Aber die Berechnungsmethoden und die Darstellungsform gehen auf die frühen 60er Jahre zurück. </p> <h2><em>Die Pork-Chop-Plots</em></h2> <p>Man macht nichts anderes, als für eine große Anzahl von Datumswerten für den Abflug von einem Planeten B und angenommener Transferdauern zu einem Planeten B (die Bahnen beider Himmelskörper müssen bekannt sein) das <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lambert%27s_problem" rel="noopener" target="_blank" title="Wikipedia (engl.) zum Lambertproblem">Lambertproblem</a> zu lösen. Die Lösung ist ein Satz Bahnelemente für bekannte Abflug- und Ankunftsposition und gegebene Transferdauer. Die übliche graphische Darstellung sind die in der Raumfahrttechnik weithin bekannten „pork chop plots“. Hier eins für den Transfer Erde-Mars im Startfenster 2031. Die Software dazu habe ich schon vor Jahrzehnten geschrieben, allerdings in dem Wissen, dass die Methode da auch schon Jahrzehnte alt war. Deswegen gab es schon damals keine Veranlassung, irgendetwas groß herauszutröten.  <aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030.png"><img alt="Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und Blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="515" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1024x515.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-300x151.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-768x386.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-1536x772.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/ErdeMars2030-2048x1029.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Transferkostendiagramm (Port-Chop-Plot) für den Transfer von der Erde zum Mars im Jahr 2031. Farbig und blaue Isolinien: Hyperbolische Abfluggeschwindigkeit an der Erde in km/s, graue Isolinien: hyperbolische Ankunftsgeschwindigkeit am Mars in km/s, rosa Markierungen: optimaler T2-Transfer (Kreis) oder hypothetische Schnelltransfers mit Dauern von 3.2 Monaten (Raute), 2.5 Monaten (Quadrat), 2 Monaten (Sechseck), 1.7 Monaten (Stern), Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <p>Man sieht die die Typ 1 und Typ 2-Transfers von der Erde zum Mars. Ein Missionsplaner wird immer zuerst nach der kostenoptimalen Lösung suchen, bei der ein optimaler Kompromiss aus hyperbolischer Abfluggeschwindigkeit von der Erde und Anfluggeschwindigkeit am Mars erzielt wird. Daraus ergibt sich die Startmasse, die die Rakete auf den Weg bringen kann und das Einfangmanöver am Mars, aus dem die benötigte Treibstoffmasse berechnet werden kann. Der Flug von Erde zu Mars ist hier noch als ballistisch angenommen – es ist nur der erste Schritt in einem iterativen Prozess. Im gegebenen Fall hätte man Abflug- und Ankunftsgeschwindigkeiten von jeweils etwa 3.5 km/s, die Transferdauer 9 Monate. </p> <h2><em>Schnellere Transferbahnen</em></h2> <p>Man könnte sich nun, wenn die verwendete Technik in der Raumsonde das hergibt, auch nach schnelleren Transfers suchen, also auf der y-Achse des Diagramms nach unten wandern. Die wurden auch Transfers eingezeichnet, wie sie im vorgeschlagenen Paper vorgeschlagen werden – mit Dauern von 3 oder weniger Monaten. Man sieht dann aber auch: die hyperbolischen Geschwindigkeiten bei Abflug und Ankunft wachsen ganz schnell ins Astronomische: 9, 12, 15 oder 18 km/s! Womit wir wieder  bei meiner Einleitung mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 350 km/h von Darmstadt nach Frankfurt sind… Auf dem Papier geht das alles. Die Lambert-Routine spuckt mir auch für noch kürzere Transfers eine Lösung aus, gar kein Problem. Das Problem hat man erst, wenn man eine Rakete und ein Antriebssystem finden muss, mit denen solche Transfers möglich werden. Und selbst wenn man diese Technik hätte, wie auch immer die aussehen mag – würde man die wirklich nutzen, um schneller zu fliegen? Oder nicht doch lieber, um ein viel größeres Schiff zu bauen?</p> <p>Wie würden die dazugehörigen Transfers aussehen? Ich habe das mal für den idealisierten Fall von kreisförmigen, ko-planaren Bahnen skizziert, nur um das Prinzip zu verdeutlichen. Rot der optimale Transfer, der allerdings auch am längsten dauert. Die Transferbahn ist gerade so groß, wie sie eben noch sein muss, um Anflug- und Ankunftsbahn zu verbinden. Sie liegt tangential an den beiden Kreisbahnen an. Die grüne Bahn ist schneller, die violette noch schneller. Aber die Transfers schneiden die Bahnen mit erheblichen Winkeln und ihre Bahnenergie ist sichtbar größer – daher eben auch diese gewaltigen hyperbolischen Geschwindigkeiten.  </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png"><img alt="Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="372" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-1024x372.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-300x109.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers-768x279.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/MarsEarthTransfers.png 1045w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Schematische Darstellung des optimalen Transfers und schnellerer Optionen im idealisierten Fall, mit kreisförmigen und koplanaren Bahnen, Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Was ist daran jetzt neu?</em></h2> <p>Wie gesagt, die Existenz von schnelleren Transfers ist seit Generationen bekannt, wenn auch vielleicht noch nicht dem Autor des erwähnten Papers in Acta Astronautica und der Journalisten, die ihn zitieren. Deswegen wurde jetzt auch keine neue Methode zur Berechnung von schnellen Marstransfers gefunden. Das Problem liegt nicht in der Bahnmechanik, sondern in der Antriebstechnik. Mit einem nuklearen Antrieb, der sehr viel höhere spezifische Impulse zulässt, oder einem Hochschub-Ionenantrieb, wären deutlich kürzere Transfers möglich.</p> <p>Das große Thema dabei ist allerdings nicht so sehr der Antrieb selbst, sondern die elektrische Energieversorgung, die geringe Masse mit sehr hoher elektrischer Ausgangsleistung verbinden müsste. Oder aber, man geht gar nicht mehr den Umweg über elektrische Systeme. Allerdings hätte man dann  Bahnen mit kontinuierlichen Antriebsphasen,  keine ballistischen Freiflugbahnen, und da gilt das oben diskutierte nicht mehr, ebenso wenig wie das brasilianische Paper.</p> <p>Eins möchte ich aber doch wissen: Wie hat der der Autor es geschafft, mit einem solchen Paper durch das Peer Review zu kommen?</p></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/ein-neuer-schneller-weg-zum-mars/#comments 3 Gips – Mineral des Jahres 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/#comments Wed, 29 Apr 2026 20:02:37 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3794 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg Durchsichtiger Gipskristall https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/ <h1>Gips - Mineral des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder ein „Mineral des Jahres“: den Gips, also wasserhaltiges Calciumsulfat. Vermutlich hat jeder schon auf die eine oder andere Art Bekanntschaft mit diesem Mineral gemacht, doch es kann noch viel mehr und verfügt über erstaunliche Fähigkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg"><img alt="" decoding="async" height="420" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg 600w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102-300x210.jpg 300w" width="600"></img></a><figcaption><em>Durchsichtiger Gipskristall, ca. 8.2 x 3.2 x 2.1 cm. Fundort Willow Creek, Nanton, Alberta, Kanada. Rob Lavinsky, <a href="http://www.irocks.com/" rel="noopener">iRocks.com</a> – CC-BY-SA-3.0 (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg" rel="noopener">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg</a>), „Gypsum-40102“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Was ist Gips?</h2> <p>Gips ist uns auf diesem Blog bereits bekannt, denn das aus dem Mineral aufgebaute Gestein wurde 2022 zum Gestein des Jahres gewählt. Und nun ist es an der Zeit für das Mineral.</p> <p>Gips ist wasserhaltiges Calciumsulfat, also Ca[SO₄] · 2H₂O. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und bildet dabei meist tafelige, aber auch prismatische oder nadelige Kristalle aus. Es können auch körnige und massige Kristallaggregate auftreten.</p> <p>Gips enthält, wie oben angesprochen, Wasser. Dieses Wasser wird als Kristallwasser bezeichnet und ist im kristallinen Festkörper gebunden. Erhitzt man den wasserhaltigen Gips, so entsteht zunächst das Halbhydrat <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bassanit" rel="noopener">Bassanit</a> und bei weiterer Erhitzung und vollständigem Wasserverlust entsteht Anhydrit. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt. Kommt Anhydrit mit Wasser in Berührung, kann es dieses in sein Kristallgitter aufnehmen und es entsteht wieder Gips.</p> <p>Dies ist mit einer beträchtlichen Volumenänderung von bis zu 50 Prozent verbunden. Diese Umwandlung von wasserfreiem Anhydrit zu Gips, die durch eine fehlerhafte Geothermiebohrung verursacht wurde, führte in S<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hebungsrisse_in_Staufen_im_Breisgau" rel="noopener">taufen im Breisgau</a> zu erheblichen Gebäudeschäden. Dabei kam eine Anhydritschicht durch die Bohrung mit Wasser in Berührung und wandelte sich zumindest teilweise in Gips um.<br></br>Gips ist in der Regel weiß oder farblos, kann durch die Anwesenheit von Fremdionen aber auch andere Farben, etwa rötliche, gelbe oder bräunliche, annehmen. Die Strichfarbe ist jedoch immer weiß.<br></br>Gips ist ein relativ weiches Mineral mit einer Mohshärte von 2. Aufgrund dessen wird es auch als Standardmineral bezeichnet. Seine Dichte liegt zwischen 2,2 und 2,4 g/cm³. Zudem ist das Mineral wasserlöslich, wenn auch nur mit 2,1 g/l.<aside></aside></p> <h3>Mineral und Gestein – Ein Name</h3> <p>Gips kann in der Natur auch gesteinsbildend sein. Gesteine, die aus dem Mineral Gips bestehen, werden ebenfalls als Gips bezeichnet. Das ist in der Welt der Gesteine eigentlich etwas unüblich. Dort werden monomineralische Gesteine in der Regel mit dem Namen des betreffenden Minerals bezeichnet, dem einfach ein -it angehängt wird. Ein hauptsächlich aus Gips bestehendes Mineral müsste demnach „Gipsit“ heißen. Dies würde jedoch ebenso klingen wie das Mineral <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gibbsit" rel="noopener">Gibbsit</a>, das absolut nichts mit Gips gemein hat.</p> <p>Seinen Namen hat das Mineral vom griechischen „gypsos”, was so viel wie „Kreide” bedeutet. In der Antike wurde nicht zwischen echter Kreide, also Kalk, und Gips unterschieden. Im Lateinischen bezeichnet „Gypsum” allerdings bereits den bekannten, gewöhnlichen Gips, im Unterschied zum Alabaster. Weitere alte Bezeichnungen, die teilweise auch nur für besondere Ausprägungen des Minerals verwendet wurden und werden, sind Selenit, Mondstein und Spiegelstein. Gips ist somit als Mineralname lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt gewesen und stellt ein sogenanntes grandfathered Mineral dar.</p> <h2>Verwendung von Gips</h2> <p>Die Umwandlung von Gips in Anhydrit und umgekehrt hat jedoch nicht nur unangenehme Konsequenzen. Sie macht dieses Gestein auch sehr gut und vielseitig verwendbar – und das seit sehr langer Zeit. So finden sich bereits vor 9000 Jahren in der anatolischen Stadt Çatalhöyük Putze aus Gips. Auch im Alten Ägypten war Gips bereits bekannt. Beim Bau der Cheopspyramide kam Gipsmörtel zum Einsatz.</p> <p>Im Römischen Reich wurde Gips hauptsächlich im Innenbereich für Ornamente verwendet. In Europa wurde Gips ab dem 11. Jahrhundert zunehmend als Fugenfüller und zum Ausfachen von Mauerwerk verwendet. Ab dem 17. Jahrhundert wuchs seine Bedeutung für Stuckarbeiten.</p> <p>Gips wurde lange Zeit bergmännisch in Steinbrüchen abgebaut, oft von Bauern, die sich in Zeiten der Unterbeschäftigung eine Verdienstmöglichkeit beschaffen mussten. Der gebrochene Gips wurde in Brechmühlen weiter zerkleinert und anschließend in Meilern oder Grubenöfen gebrannt. Der gebrannte Gips wurde in der Regel noch mit einer Mühle zu Pulver gemahlen. Je nach Feinheit wurde das so gewonnene Produkt als Estrichgips, für Stuck oder allgemein im Bau verwendet.</p> <p>Auch heute noch wird Gips sehr vielfältig genutzt. Bekannt sind sicherlich die REA-Gipsplatten, die auch als Gipskartonplatten bezeichnet werden, aber auch als Gipsputz, Spachtelmassen oder Trockenestrich. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass in diesen Baustoffen früher häufig Asbest verwendet wurde. Man sollte also besonders bei Baustoffen aus dem Zeitraum vor 1995 vorsichtig sein.<br></br>Gipshaltige Baustoffe haben einen Nachteil. Gips ist hygroskopisch, das heißt, er neigt bei schlechter Pflege und mangelnder Lüftung zur Wasseraufnahme und damit einhergehend zur Schimmelbildung.<br></br>Der Wassergehalt und das geringe Gewicht helfen jedoch auch im Brandschutz, da im Brandfall das Kristallwasser entweicht und der entstehende Dampf auf der dem Feuer zugewandten Seite schützend wirkt.<br></br>Weitere Anwendungsbereiche von Gips sind die bildende Kunst, beispielsweise für Skulpturen, und die Medizin.</p> <h3>Gipsgewinnung heute</h3> <p>Auch heute noch wird ein Teil des benötigten Gipses bergmännisch gewonnen. In den letzten Jahren stammt jedoch ein großer Teil des verwendeten Gipses aus chemisch-großtechnischen Prozessen. Ein Beispiel hierfür ist die Entschwefelung von Rauchgas bei Kohlekraftwerken. Das Akronym REA bei den REA-Gipsplatten steht für „Rauchgasentschwefelungsanlage”.</p> <p>In diesen Anlagen werden Schwefelverbindungen aus der Verbrennung schwefelhaltiger Kohle aus den Abgasen von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen entfernt. Dazu wird das Rauchgas in eine Waschsuspension geleitet, die Calciumcarbonat und Calciumoxid enthält. Durch die Reaktion der Schwefelverbindungen mit den Calciumverbindungen entsteht Gips. Dieser macht mittlerweile den Hauptanteil des in der Bundesrepublik verwendeten Gipses aus. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 11 Mio. t. Gips verbraucht, davon stammten 7 Mio. t aus REA-Anlagen und 4 Mio. t aus Naturgips.</p> <p>Die zunehmende Verwendung von schwefelarmer Kohle hat bereits zu einem Rückgang der Produktion von REA-Gips geführt. Der geplante Kohleausstieg wird voraussichtlich dazu führen, dass der Druck auf die natürlichen Gipslagerstätten wieder zunimmt.</p> <h2>Wie ensteht Gips und wo kommt er vor?</h2> <p>Die natürlichen Gips- und Anhyritlagerstätten sind in tropischen Flachmeeren entstanden. Sie zählen zu den sogenannten Evaporiten, das heißt zu Gesteinen, die aus übersättigten Lösungen ausgefallen sind. Unter lagunären Bedingungen kommt es dabei zu einer zunehmenden Konzentration der im Meerwasser gelösten Salze entsprechend ihrer Löslichkeit. Zuerst fallen die Karbonate aus, danach die Sulfate und zuletzt die leichter löslichen Chloride.<br></br>Der abgelagerte Gipsschlamm wurde während der Diagenese unter Überdeckung und Entwässerung in festen Gipsstein umgewandelt. Wenn die sedimentäre Auflast weiter zunahm, erfolgte die Umwandlung in Anhydrit durch den Verlust von Kristallwasser.<br></br>Gips kann aber auch als Verwitterungsprodukt sulfidischer Erze entstehen. Weiterhin entsteht Gips bei einigen untermeerischen vulkanischen Schloten, den sogenannten „White Smokern”. Dabei trifft schwefelsäurehaltiges, heißes Wasser auf Kalkstein.</p> <p>Dementsprechend ist Gips kein seltenes Mineral: Weltweit sind mehr als 7.800 Fundorte verzeichnet. In Deutschland kann man Gips beispielsweise in der Nähe von Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis, in Osterode am Harz, in Eisleben in Sachsen-Anhalt oder am Segeberger Kalkberg finden. Letzterer besteht entgegen seinem Namen aus Gips und im Inneren aus Anhydrit.<br></br>Auch wenn die meisten Gipskristalle sehr klein sind, können unter bestimmten Umständen wunderschöne Stufen in Sammlerqualität entstehen. Mitunter können Gipskristalle auch außergewöhnliche Größen erreichen. So wurden in der spanischen Provinz Almería in der Mina Rica bei Pulpí in einer Geode mit einem Durchmesser von 1,8 x 1,7 m und einer Länge von 8 m Marienglas-Kristalle von gut einem halben Meter entdeckt.<br></br>Dies sind jedoch noch lange nicht die größten Gipskristalle. Dieser Titel geht an die Gipskristalle in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mine_von_Naica" rel="noopener">Mine von Naica</a> in Chihuahua, Mexiko, die eine Länge von bis zu 15 Metern erreichen und damit die größten bisher entdeckten natürlichen Kristalle der Welt sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Gips - Mineral des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Selbstverständlich gibt es auch 2026 wieder ein „Mineral des Jahres“: den Gips, also wasserhaltiges Calciumsulfat. Vermutlich hat jeder schon auf die eine oder andere Art Bekanntschaft mit diesem Mineral gemacht, doch es kann noch viel mehr und verfügt über erstaunliche Fähigkeiten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg"><img alt="" decoding="async" height="420" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102.jpg 600w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Gypsum-40102-300x210.jpg 300w" width="600"></img></a><figcaption><em>Durchsichtiger Gipskristall, ca. 8.2 x 3.2 x 2.1 cm. Fundort Willow Creek, Nanton, Alberta, Kanada. Rob Lavinsky, <a href="http://www.irocks.com/" rel="noopener">iRocks.com</a> – CC-BY-SA-3.0 (<a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg" rel="noopener">https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gypsum-40102.jpg</a>), „Gypsum-40102“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Was ist Gips?</h2> <p>Gips ist uns auf diesem Blog bereits bekannt, denn das aus dem Mineral aufgebaute Gestein wurde 2022 zum Gestein des Jahres gewählt. Und nun ist es an der Zeit für das Mineral.</p> <p>Gips ist wasserhaltiges Calciumsulfat, also Ca[SO₄] · 2H₂O. Es kristallisiert im monoklinen Kristallsystem und bildet dabei meist tafelige, aber auch prismatische oder nadelige Kristalle aus. Es können auch körnige und massige Kristallaggregate auftreten.</p> <p>Gips enthält, wie oben angesprochen, Wasser. Dieses Wasser wird als Kristallwasser bezeichnet und ist im kristallinen Festkörper gebunden. Erhitzt man den wasserhaltigen Gips, so entsteht zunächst das Halbhydrat <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bassanit" rel="noopener">Bassanit</a> und bei weiterer Erhitzung und vollständigem Wasserverlust entsteht Anhydrit. Das funktioniert übrigens auch umgekehrt. Kommt Anhydrit mit Wasser in Berührung, kann es dieses in sein Kristallgitter aufnehmen und es entsteht wieder Gips.</p> <p>Dies ist mit einer beträchtlichen Volumenänderung von bis zu 50 Prozent verbunden. Diese Umwandlung von wasserfreiem Anhydrit zu Gips, die durch eine fehlerhafte Geothermiebohrung verursacht wurde, führte in S<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hebungsrisse_in_Staufen_im_Breisgau" rel="noopener">taufen im Breisgau</a> zu erheblichen Gebäudeschäden. Dabei kam eine Anhydritschicht durch die Bohrung mit Wasser in Berührung und wandelte sich zumindest teilweise in Gips um.<br></br>Gips ist in der Regel weiß oder farblos, kann durch die Anwesenheit von Fremdionen aber auch andere Farben, etwa rötliche, gelbe oder bräunliche, annehmen. Die Strichfarbe ist jedoch immer weiß.<br></br>Gips ist ein relativ weiches Mineral mit einer Mohshärte von 2. Aufgrund dessen wird es auch als Standardmineral bezeichnet. Seine Dichte liegt zwischen 2,2 und 2,4 g/cm³. Zudem ist das Mineral wasserlöslich, wenn auch nur mit 2,1 g/l.<aside></aside></p> <h3>Mineral und Gestein – Ein Name</h3> <p>Gips kann in der Natur auch gesteinsbildend sein. Gesteine, die aus dem Mineral Gips bestehen, werden ebenfalls als Gips bezeichnet. Das ist in der Welt der Gesteine eigentlich etwas unüblich. Dort werden monomineralische Gesteine in der Regel mit dem Namen des betreffenden Minerals bezeichnet, dem einfach ein -it angehängt wird. Ein hauptsächlich aus Gips bestehendes Mineral müsste demnach „Gipsit“ heißen. Dies würde jedoch ebenso klingen wie das Mineral <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gibbsit" rel="noopener">Gibbsit</a>, das absolut nichts mit Gips gemein hat.</p> <p>Seinen Namen hat das Mineral vom griechischen „gypsos”, was so viel wie „Kreide” bedeutet. In der Antike wurde nicht zwischen echter Kreide, also Kalk, und Gips unterschieden. Im Lateinischen bezeichnet „Gypsum” allerdings bereits den bekannten, gewöhnlichen Gips, im Unterschied zum Alabaster. Weitere alte Bezeichnungen, die teilweise auch nur für besondere Ausprägungen des Minerals verwendet wurden und werden, sind Selenit, Mondstein und Spiegelstein. Gips ist somit als Mineralname lange vor der Gründung der International Mineralogical Association (IMA) bekannt gewesen und stellt ein sogenanntes grandfathered Mineral dar.</p> <h2>Verwendung von Gips</h2> <p>Die Umwandlung von Gips in Anhydrit und umgekehrt hat jedoch nicht nur unangenehme Konsequenzen. Sie macht dieses Gestein auch sehr gut und vielseitig verwendbar – und das seit sehr langer Zeit. So finden sich bereits vor 9000 Jahren in der anatolischen Stadt Çatalhöyük Putze aus Gips. Auch im Alten Ägypten war Gips bereits bekannt. Beim Bau der Cheopspyramide kam Gipsmörtel zum Einsatz.</p> <p>Im Römischen Reich wurde Gips hauptsächlich im Innenbereich für Ornamente verwendet. In Europa wurde Gips ab dem 11. Jahrhundert zunehmend als Fugenfüller und zum Ausfachen von Mauerwerk verwendet. Ab dem 17. Jahrhundert wuchs seine Bedeutung für Stuckarbeiten.</p> <p>Gips wurde lange Zeit bergmännisch in Steinbrüchen abgebaut, oft von Bauern, die sich in Zeiten der Unterbeschäftigung eine Verdienstmöglichkeit beschaffen mussten. Der gebrochene Gips wurde in Brechmühlen weiter zerkleinert und anschließend in Meilern oder Grubenöfen gebrannt. Der gebrannte Gips wurde in der Regel noch mit einer Mühle zu Pulver gemahlen. Je nach Feinheit wurde das so gewonnene Produkt als Estrichgips, für Stuck oder allgemein im Bau verwendet.</p> <p>Auch heute noch wird Gips sehr vielfältig genutzt. Bekannt sind sicherlich die REA-Gipsplatten, die auch als Gipskartonplatten bezeichnet werden, aber auch als Gipsputz, Spachtelmassen oder Trockenestrich. Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass in diesen Baustoffen früher häufig Asbest verwendet wurde. Man sollte also besonders bei Baustoffen aus dem Zeitraum vor 1995 vorsichtig sein.<br></br>Gipshaltige Baustoffe haben einen Nachteil. Gips ist hygroskopisch, das heißt, er neigt bei schlechter Pflege und mangelnder Lüftung zur Wasseraufnahme und damit einhergehend zur Schimmelbildung.<br></br>Der Wassergehalt und das geringe Gewicht helfen jedoch auch im Brandschutz, da im Brandfall das Kristallwasser entweicht und der entstehende Dampf auf der dem Feuer zugewandten Seite schützend wirkt.<br></br>Weitere Anwendungsbereiche von Gips sind die bildende Kunst, beispielsweise für Skulpturen, und die Medizin.</p> <h3>Gipsgewinnung heute</h3> <p>Auch heute noch wird ein Teil des benötigten Gipses bergmännisch gewonnen. In den letzten Jahren stammt jedoch ein großer Teil des verwendeten Gipses aus chemisch-großtechnischen Prozessen. Ein Beispiel hierfür ist die Entschwefelung von Rauchgas bei Kohlekraftwerken. Das Akronym REA bei den REA-Gipsplatten steht für „Rauchgasentschwefelungsanlage”.</p> <p>In diesen Anlagen werden Schwefelverbindungen aus der Verbrennung schwefelhaltiger Kohle aus den Abgasen von Kraftwerken und Müllverbrennungsanlagen entfernt. Dazu wird das Rauchgas in eine Waschsuspension geleitet, die Calciumcarbonat und Calciumoxid enthält. Durch die Reaktion der Schwefelverbindungen mit den Calciumverbindungen entsteht Gips. Dieser macht mittlerweile den Hauptanteil des in der Bundesrepublik verwendeten Gipses aus. Im Jahr 2014 wurden insgesamt 11 Mio. t. Gips verbraucht, davon stammten 7 Mio. t aus REA-Anlagen und 4 Mio. t aus Naturgips.</p> <p>Die zunehmende Verwendung von schwefelarmer Kohle hat bereits zu einem Rückgang der Produktion von REA-Gips geführt. Der geplante Kohleausstieg wird voraussichtlich dazu führen, dass der Druck auf die natürlichen Gipslagerstätten wieder zunimmt.</p> <h2>Wie ensteht Gips und wo kommt er vor?</h2> <p>Die natürlichen Gips- und Anhyritlagerstätten sind in tropischen Flachmeeren entstanden. Sie zählen zu den sogenannten Evaporiten, das heißt zu Gesteinen, die aus übersättigten Lösungen ausgefallen sind. Unter lagunären Bedingungen kommt es dabei zu einer zunehmenden Konzentration der im Meerwasser gelösten Salze entsprechend ihrer Löslichkeit. Zuerst fallen die Karbonate aus, danach die Sulfate und zuletzt die leichter löslichen Chloride.<br></br>Der abgelagerte Gipsschlamm wurde während der Diagenese unter Überdeckung und Entwässerung in festen Gipsstein umgewandelt. Wenn die sedimentäre Auflast weiter zunahm, erfolgte die Umwandlung in Anhydrit durch den Verlust von Kristallwasser.<br></br>Gips kann aber auch als Verwitterungsprodukt sulfidischer Erze entstehen. Weiterhin entsteht Gips bei einigen untermeerischen vulkanischen Schloten, den sogenannten „White Smokern”. Dabei trifft schwefelsäurehaltiges, heißes Wasser auf Kalkstein.</p> <p>Dementsprechend ist Gips kein seltenes Mineral: Weltweit sind mehr als 7.800 Fundorte verzeichnet. In Deutschland kann man Gips beispielsweise in der Nähe von Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis, in Osterode am Harz, in Eisleben in Sachsen-Anhalt oder am Segeberger Kalkberg finden. Letzterer besteht entgegen seinem Namen aus Gips und im Inneren aus Anhydrit.<br></br>Auch wenn die meisten Gipskristalle sehr klein sind, können unter bestimmten Umständen wunderschöne Stufen in Sammlerqualität entstehen. Mitunter können Gipskristalle auch außergewöhnliche Größen erreichen. So wurden in der spanischen Provinz Almería in der Mina Rica bei Pulpí in einer Geode mit einem Durchmesser von 1,8 x 1,7 m und einer Länge von 8 m Marienglas-Kristalle von gut einem halben Meter entdeckt.<br></br>Dies sind jedoch noch lange nicht die größten Gipskristalle. Dieser Titel geht an die Gipskristalle in der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mine_von_Naica" rel="noopener">Mine von Naica</a> in Chihuahua, Mexiko, die eine Länge von bis zu 15 Metern erreichen und damit die größten bisher entdeckten natürlichen Kristalle der Welt sind.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/gips-mineral-des-jahres-2026/#comments 2 The Collaboration Paradox https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-collaboration-paradox/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-collaboration-paradox/#comments Wed, 29 Apr 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14342 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Erdos_budapest_fall_1992_cropped.jpg" /><h1>The Collaboration Paradox - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>Paul Erdős is undisputedly the most prolific mathematician to ever have lived. He published over 1500 papers while he was alive, and worked with over 500 collaborators. It is perhaps the number of collaborators which stands out even more so than the number of papers published. </p> <p>To have co-authored a paper with Erdős is a badge of pride among mathematicians. In fact, it is a famous challenge to get as few degrees of separation from co-authoring with Erdős as possible. If you have written a paper with him, it is said that you have an Erdős number of 1. We shall say that Erdős himself has an Erdős number of 0 (classic mathematician trick). Then everyone else has an Erdős number of 1 + the lowest Erdős number of any of their collaborators.</p> <p>This should not put off any aspiring mathematicians, though. Paul Erdős is very much the exception – the vast majority of mathematicians do not even get within an order of magnitude when it comes to the number of collaborators. But what of the rest of us? Us mere mortals who have not ascended to his legendary status? Most people still feel like they have fewer collaborators than others.</p> <p>I am here to tell you not to worry. Maths can explain this too! In fact, though it may seem paradoxical, most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average. This is known as the “friendship” paradox and is normally framed as your friends having, on average, more friends than you. So good news, that’s not your fault either.  Once again, maths saves the day!</p> <h3>G is for Graph</h3> <p>To do anything with the question of whether or not a person’s collaborators have more collaborators than they themselves do, we need to decide how we will handle this information. For example, let’s suppose we have 5 people: Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy (who will be referred to sometimes by just their initials). Ada has collaborated with Carl, Dorothy and Emmy; Blaise has worked with Carl and Emmy; and Dorothy and Emmy have also collaborated.<aside></aside></p> <p>How might we represent this? A computer coder may immediately want to represent this information in an array:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png"><img alt="A grid with names along the sides. There is a 1 if the people have collaborated and a 0 otherwise" decoding="async" height="680" sizes="(max-width: 752px) 100vw, 752px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png 752w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11-300x271.png 300w" width="752"></img></a></figure> </div> <p>But to me, it makes most sense to draw a diagram:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png"><img alt="A graph of 5 circles with names in them. It looks almost house-shaped, with Carl and Blaise at the base, and Dorothy at the apex." decoding="async" height="862" sizes="(max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02-261x300.png 261w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Long-time followers of this blog will immediately recognise this as a graph, the likes of which Ben, Katie and I have all written about <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/tag/graph-theory/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in the past.</a> In case this is new to you, this graph is different from the ones you learn about in school. In graph theory, graphs are points (known as vertices) connected by lines (known as edges). In this case, the vertices represent the people, and an edge is included if they have collaborated with one another. </p> <p>We can denote the sets of vertices and edges as \(V\) and \(E\) respectively, so here \(V = \{ Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy\}\) and \(E = \{ \{ Ada, Carl\}, \{ Ada, Dorothy\},  \{ Blaise, Carl\},\) \( \{ Blaise, Emmy\},  \{ Dorothy, Emmy\} \}\). We use \(|V||\) and \(|E|\) to denote the number of vertices and edges respectively (here \(|V| = 5\)) and \(|E| = 6\)).</p> <p>We call the set of vertices sharing an edge with the vertex \(v\), the neighbourhood of \(v\), denoted \(Γ(v)\), e.g. \(Γ(Ada) = \{Carl, Dorothy, Emmy\}\). The only other concept we will be using is the “degree” of a vertex. This is the number of neighbours a vertex, \(v\) has, and is denoted \(d(v)\). Notice also that the degree of v equals the number of points in its neighbourhood, in symbols \(d(v) = |Γ(v)|\).</p> <p>Now we can rephrase our statement about collaborators into the language of graph theory: The expected degree of a vertex chosen at random is at most the expected mean degree of its neighbours. In fact, aside from one special type of graph, the expected degree of a vertex chosen at random is strictly less than the expected mean degree of its neighbours.</p> <h3>A Note on Language</h3> <p>If you are paying very close attention, you may notice that the graph theoretic statement above is subtly different to my original claim that “most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average” in two ways.</p> <p>Firstly, the original wording is very vague – I did not initially define what I meant by “on average.” Such a definition is so much easier in the language of graph theory, particularly if you want to avoid a lengthy sentence that has to be read four times to be understood.</p> <p>Secondly, I generalised the statement from being about collaborators to being about graphs. Not only does this mean we can later apply this paradox to many other situations, but it also means that I have removed the ambiguity over whether there is something sociological going on. No sociology. Only mathematics.</p> <h3>How Do We Prove It?</h3> <p>Now we have all the ingredients, let’s put them together. First, we need to establish the average degree of a randomly chosen vertex. There are \(|E|\) edges in total, and each edge joins two vertices. So</p> <p>\( ∑_{v ∈ V} d(v) = 2|E|\).</p> <p>The expected degree of a vertex chosen uniformly at random is the sum of all the degrees divided by the number of vertices, i.e.</p> <p>\(μ = \frac{2|E|}{|V|}\).</p> <p>Now for the harder step – finding the average degree of the neighbours of a randomly chosen vertex. What we will end up doing is using the conditional expectation formula:</p> <p>\(\mathbb{E}(A) = ∑_{all possible B}\mathbb{E}(A|B)\mathbb{P}(B)\).</p> <p>We now want to know how many neighbours the neighbours of a randomly chosen vertex have, on average. To do this, we first choose an edge uniformly at random, then choose one end of it to be our vertex and the other to be our neighbour \(n\).</p> <p>The probability of the neighbour \(n\) being vertex \(v\) is therefore \( \frac{d(v)}{2|E|} \) where the \(2\) comes from the fact that each edge joins two vertices.</p> <p>\(v\) has \(d(v)\) neighbours of its own, so the expected number of neighbours of a neighbour, given that \(n\) is vertex \(v\) is \(d(v)\).</p> <p>Therefore, the expected numbers of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(∑_{v} \frac{d(v)}{2|E|} d(v) = \frac{∑_v d(v)^2}{2|E|} \).</p> <p>By definition, the variance \(σ^2 =  \frac{∑_v d(v)^2}{|V|} – μ^2 \).</p> <p>So, the expected number of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(\frac{∑_v d(v)^2}{2|E|}  = \frac{|V|}{2|E|}(μ^2 + σ^2) = \frac{ μ^2 + σ^2}{μ} = μ + \frac{σ^2}μ \).</p> <p>Hence this is at least the same as the degree of a randomly chosen vertex, and the two are only actually equal when the variance is zero, i.e. when all vertices have the same degree.</p> <h3>We Can’t All Be Erdős</h3> <p>So there we have it – we have mathematically proven that it is not your fault if your collaborators have more collaborators than you. Tell that to the grants committee! </p> <p>Though for about 500 of you, I’m sure none of this will come as a surprise. Of course your collaborators have, on average, more collaborators than you. You’ve collaborated with Erdős and Erdős is an outlier adn [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spiders_Georg" rel="noopener"><em>sic</em></a>] should not have been counted.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Erdos_budapest_fall_1992_cropped.jpg" /><h1>The Collaboration Paradox - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>Paul Erdős is undisputedly the most prolific mathematician to ever have lived. He published over 1500 papers while he was alive, and worked with over 500 collaborators. It is perhaps the number of collaborators which stands out even more so than the number of papers published. </p> <p>To have co-authored a paper with Erdős is a badge of pride among mathematicians. In fact, it is a famous challenge to get as few degrees of separation from co-authoring with Erdős as possible. If you have written a paper with him, it is said that you have an Erdős number of 1. We shall say that Erdős himself has an Erdős number of 0 (classic mathematician trick). Then everyone else has an Erdős number of 1 + the lowest Erdős number of any of their collaborators.</p> <p>This should not put off any aspiring mathematicians, though. Paul Erdős is very much the exception – the vast majority of mathematicians do not even get within an order of magnitude when it comes to the number of collaborators. But what of the rest of us? Us mere mortals who have not ascended to his legendary status? Most people still feel like they have fewer collaborators than others.</p> <p>I am here to tell you not to worry. Maths can explain this too! In fact, though it may seem paradoxical, most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average. This is known as the “friendship” paradox and is normally framed as your friends having, on average, more friends than you. So good news, that’s not your fault either.  Once again, maths saves the day!</p> <h3>G is for Graph</h3> <p>To do anything with the question of whether or not a person’s collaborators have more collaborators than they themselves do, we need to decide how we will handle this information. For example, let’s suppose we have 5 people: Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy (who will be referred to sometimes by just their initials). Ada has collaborated with Carl, Dorothy and Emmy; Blaise has worked with Carl and Emmy; and Dorothy and Emmy have also collaborated.<aside></aside></p> <p>How might we represent this? A computer coder may immediately want to represent this information in an array:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png"><img alt="A grid with names along the sides. There is a 1 if the people have collaborated and a 0 otherwise" decoding="async" height="680" sizes="(max-width: 752px) 100vw, 752px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11.png 752w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.11-300x271.png 300w" width="752"></img></a></figure> </div> <p>But to me, it makes most sense to draw a diagram:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png"><img alt="A graph of 5 circles with names in them. It looks almost house-shaped, with Carl and Blaise at the base, and Dorothy at the apex." decoding="async" height="862" sizes="(max-width: 750px) 100vw, 750px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02.png 750w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Screenshot-2026-04-17-at-11.04.02-261x300.png 261w" width="750"></img></a></figure> </div> <p>Long-time followers of this blog will immediately recognise this as a graph, the likes of which Ben, Katie and I have all written about <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/tag/graph-theory/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in the past.</a> In case this is new to you, this graph is different from the ones you learn about in school. In graph theory, graphs are points (known as vertices) connected by lines (known as edges). In this case, the vertices represent the people, and an edge is included if they have collaborated with one another. </p> <p>We can denote the sets of vertices and edges as \(V\) and \(E\) respectively, so here \(V = \{ Ada, Blaise, Carl, Dorothy, and Emmy\}\) and \(E = \{ \{ Ada, Carl\}, \{ Ada, Dorothy\},  \{ Blaise, Carl\},\) \( \{ Blaise, Emmy\},  \{ Dorothy, Emmy\} \}\). We use \(|V||\) and \(|E|\) to denote the number of vertices and edges respectively (here \(|V| = 5\)) and \(|E| = 6\)).</p> <p>We call the set of vertices sharing an edge with the vertex \(v\), the neighbourhood of \(v\), denoted \(Γ(v)\), e.g. \(Γ(Ada) = \{Carl, Dorothy, Emmy\}\). The only other concept we will be using is the “degree” of a vertex. This is the number of neighbours a vertex, \(v\) has, and is denoted \(d(v)\). Notice also that the degree of v equals the number of points in its neighbourhood, in symbols \(d(v) = |Γ(v)|\).</p> <p>Now we can rephrase our statement about collaborators into the language of graph theory: The expected degree of a vertex chosen at random is at most the expected mean degree of its neighbours. In fact, aside from one special type of graph, the expected degree of a vertex chosen at random is strictly less than the expected mean degree of its neighbours.</p> <h3>A Note on Language</h3> <p>If you are paying very close attention, you may notice that the graph theoretic statement above is subtly different to my original claim that “most people have fewer collaborators than their own collaborators do on average” in two ways.</p> <p>Firstly, the original wording is very vague – I did not initially define what I meant by “on average.” Such a definition is so much easier in the language of graph theory, particularly if you want to avoid a lengthy sentence that has to be read four times to be understood.</p> <p>Secondly, I generalised the statement from being about collaborators to being about graphs. Not only does this mean we can later apply this paradox to many other situations, but it also means that I have removed the ambiguity over whether there is something sociological going on. No sociology. Only mathematics.</p> <h3>How Do We Prove It?</h3> <p>Now we have all the ingredients, let’s put them together. First, we need to establish the average degree of a randomly chosen vertex. There are \(|E|\) edges in total, and each edge joins two vertices. So</p> <p>\( ∑_{v ∈ V} d(v) = 2|E|\).</p> <p>The expected degree of a vertex chosen uniformly at random is the sum of all the degrees divided by the number of vertices, i.e.</p> <p>\(μ = \frac{2|E|}{|V|}\).</p> <p>Now for the harder step – finding the average degree of the neighbours of a randomly chosen vertex. What we will end up doing is using the conditional expectation formula:</p> <p>\(\mathbb{E}(A) = ∑_{all possible B}\mathbb{E}(A|B)\mathbb{P}(B)\).</p> <p>We now want to know how many neighbours the neighbours of a randomly chosen vertex have, on average. To do this, we first choose an edge uniformly at random, then choose one end of it to be our vertex and the other to be our neighbour \(n\).</p> <p>The probability of the neighbour \(n\) being vertex \(v\) is therefore \( \frac{d(v)}{2|E|} \) where the \(2\) comes from the fact that each edge joins two vertices.</p> <p>\(v\) has \(d(v)\) neighbours of its own, so the expected number of neighbours of a neighbour, given that \(n\) is vertex \(v\) is \(d(v)\).</p> <p>Therefore, the expected numbers of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(∑_{v} \frac{d(v)}{2|E|} d(v) = \frac{∑_v d(v)^2}{2|E|} \).</p> <p>By definition, the variance \(σ^2 =  \frac{∑_v d(v)^2}{|V|} – μ^2 \).</p> <p>So, the expected number of neighbours of a randomly chosen neighbour is</p> <p>\(\frac{∑_v d(v)^2}{2|E|}  = \frac{|V|}{2|E|}(μ^2 + σ^2) = \frac{ μ^2 + σ^2}{μ} = μ + \frac{σ^2}μ \).</p> <p>Hence this is at least the same as the degree of a randomly chosen vertex, and the two are only actually equal when the variance is zero, i.e. when all vertices have the same degree.</p> <h3>We Can’t All Be Erdős</h3> <p>So there we have it – we have mathematically proven that it is not your fault if your collaborators have more collaborators than you. Tell that to the grants committee! </p> <p>Though for about 500 of you, I’m sure none of this will come as a surprise. Of course your collaborators have, on average, more collaborators than you. You’ve collaborated with Erdős and Erdős is an outlier adn [<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Spiders_Georg" rel="noopener"><em>sic</em></a>] should not have been counted.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-collaboration-paradox/#comments 4 Rathenower Riesenfernrohr – denkmalgeschützter Verfall https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/#respond Tue, 28 Apr 2026 19:14:21 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12835 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_144519_klein.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/</link> </image> <description type="html"><h1>Rathenower Riesenfernrohr - denkmalgeschützter Verfall » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Saison gestartet im Optikpark! </strong>Rathenow ist eine Kleinstadt zwischen Berlin und Hannover, etwa in der Mitte zwischen den beiden, eine Stunde mit dem Zug. Nördlich davon erstreckt sich der<a href="https://www.sternenpark-westhavelland.de/" rel="noopener"> Sternenpark Westhavelland</a>, eines der Dark Sky-Naturschutzgebiete: die brandenburgischen Wasserwege, das Gut Ribbeck (mit dem berühmten Birnbaum des <a href="https://www.deutschelyrik.de/herr-von-ribbeck-auf-ribbeck-im-havelland.html" rel="noopener">von Ribbeck im Havelland</a>) und die grünen Weiten inspirierten nicht nur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wanderungen_durch_die_Mark_Brandenburg" rel="noopener">Fontane</a> – sie sind eine Idylle für Romantiker: radeln Sie doch einfach mal den <a href="https://www.rathenow.de/kultur-tourismus/natur-geniessen/radwandern/havelland-radweg/" rel="noopener">Havelland-Radweg.</a></p> <p>Rathenow ist eine der zwei <strong>Optik-Hauptstädte</strong> Deutschlands: Fielmann stellt seine Brillengläser dort her. Die Optik ist von exzellenter Qualität, aber deutlich günstiger als von anderen Standorten. Rathenow gilt als „Wiege“ der dt. <strong>Brillenindustrie</strong> und viele große Optiker, die später in Jena mit eigenen Firmen oder im Rahmen von Großkonzernen berühmt wurden, hatten vorher in Rathenow gelernt. Aber nicht nur die verstorbenen Optikmeister auf dem Stadtfriedhof sind weltberühmt, sondern die optischen Bauteile und Instrumente der städtischen Industrie sind nachwievor Weltklasse. Große Leuchtturm-Optiken bis kleine Mikroskopbauteile, z.B., werden dort ebenfalls hergestellt. </p> <p>Zu sehen ist das im Stadtbild nicht nur die Dekorationen auf jedem Kreisverkehr in den Straßen, sondern auch durch das „<strong>Optik-Industrie-Museum</strong>“ in der Stadtmitte und den<strong> Optikpark</strong> am Sportstadion am Stadtrand. </p> <h2>Seit Ostermontag geöffnet</h2> <p>Der Optikpark öffnete Anfang April wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit und lohnt ganz sicher einen Wochenendausflug von Berlin oder Hannover. Er wurde zur Bundesgartenschau 2006 angelegt und zur Landesgartenschau 2016 erneuert. Die Idee sind Blumenbeete mit optischen Elementen, auf dass die lebendige Farbenpracht der Pflanzen den Lichtweg in der Optik erklärt. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Die Pyramide (rechts) stellt z.B. ein Prisma dar, dass das Sonnenlicht bricht und die Blumenbeet-Streifen (oben) würden verschieden farbig bepflanzt werden, um farbige Lichtstrahlen darzustellen.<aside></aside></p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg 751w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein-225x300.jpg 225w" width="751"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ich besuchte den Park vor Saisonstart, so dass da noch alles kahl war – aber die Idee ist, glaube ich, klar. Nicht nur die Blumenbeete helfen, die Optik zu erklären (hier: Lichtbrechung), sondern auch jeder Kinderspielplatz: da gibt es farbige Tulpen am Wegrand, die sich als Sitzgelegenheit aufklappen lassen oder ein dreiteiliges Klettergerüst, bei dem Kinder quasi die Photönchen in einem Periskop oder anderer Optik bilden: man klettert den Strahlengang herauf oder rutscht ihn auf einer Rutsche hinunter – alternativ kann man auch durch ein Prisma klettern:</p> <p>Highlight des Parks ist aber neben dem Ostsee-Leuchtturm in der Havel auch ein Riesenteleskop: </p> <h2>Teleskopische Superlative</h2> <p>Das <strong>größte</strong> „verkürzte Medialfernrohr“ (<strong>Brachymedial</strong>) <strong>der Welt!</strong> Die technischen Daten (70 cm Linsendurchmesser, 21 m Brennweite … naja, 20,8 m) sind fast gleich mit dem Riesenfernrohr der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, aber das Rathenower Instrument ist trotz gleicher Brennweite nur 10,15 m lang. Die kürzere Baulänge, die deutlich weniger Material erfordert, war in der Nachkriegszeit ein enormer Vorteil! </p> <p>Warum <strong>Archenholds</strong> Teleskop in Berlin so lang ist, witzeln meine Kollegen, ist „<em><strong>weil er auch mal den längsten haben wollte</strong></em>„. Technische, optische oder astronomische Gründe gibt es dafür jedenfalls nicht – nicht einmal damals beim Fundraising in den frühen 1890ern (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weltall-in-bansin/">siehe Archenhold-Post 2021</a>). Der Grund mag eher gewesen sein, dass das Gerät in Treptow zur verkappten Weltausstellung 1896 eben besonders viel zum Anschauen hermachen musste (und nur sekundär zum Durchschauen). Der andere Grund, warum Archenhold z.B. kein verkürztes Medial bauen konnte, war ganz simpel: es war noch nicht erfunden! Das Brachymedial ist ein Schupmann-Teleskop, d.h. eine von vier Spielarten eines hybriden Fernrohrtyps (Linsen und Spiegel nutzend), die der Aachener Ingenieur Ludwig Schupmann in einer Schrift 1899 erfand – derselbe Schupmann, der auch die „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schupmann-Kandelaber" rel="noopener">Schupmann-Kandelaber</a>„, also die Bauart der Straßenlaternen in Berlin Unter den Linden erfand. </p> <h2>Denkmalschutz</h2> <p>Beide Instrumente stehen unter Denkmalschutz, aber das Treptower ist derzeit in einem deutlich besseren Zustand. Es ist natürlich<strong> herzerfrischend und hoch erfreulich</strong>, dass das <strong>Berliner Riesenfernrohr</strong> so gut gepflegt und technisch erhalten ist.<strong> Schade</strong> ist allerdings, dass das <strong>Rathenower</strong> Gerät, das technisch noch ausgeklügelter ist, sich leider nicht solcher Aufmerksamkeit erfreuen kann. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="478" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-300x140.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-768x358.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1536x716.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Bruno Bürgel – aus dessen Werk dieses Bild stammt – erklärte die Welt ähnlich <strong>philanthrop</strong> wie der Konstrukteur Edwin Rolf dieses Fernrohrs (meine internationalen Gäste „ah, die deutsche Version von Carl Sagan“… naja, eigentlich eher umgekehrt, denn da liegt eine Generation dazwischen).</em></figcaption></figure> <p>2008 hatte ich berichtet, wie das stattliche Instrument auf dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-in-rathenow-demontiert/">Schulhof der Bruno-Bürgel-Schule demontiert</a> und anschließend im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-an-neuem-standort/">Optikpark wieder aufgebaut</a> worden war. Einen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=R7ovQPf6KYo&amp;t=624s" rel="noopener">historischen Film (30 min) des brillanten Ingenieurs Edwin Rolf</a>, der es konzipiert, dessen Ehefrau es berechnete, und der es mit Hilfe der Bürger der Stadt 1945 bis 1953 gebaut hat, hatte ich für meine Diplomarbeit in Technikgeschichte ausgewertet (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=R3As7pO6FSY" rel="noopener">Kurzfassung, 4 min</a>). Leider ist seit 2008 offenbar nicht viel daran gemacht worden, sagte man mir jetzt, und das wunderbare Gerät ist derzeit leider nicht beweglich:</p> <p>Extrem schade ist dieser Zustand, denn <strong>hier gäb’s durchaus noch viel zu studieren/ erforschen!</strong>  </p> <p>Kürzlich war ich mit einer kleinen Gruppe von befreundeten Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen in Rathenow. Eine liebe Mitarbeiterin schloss für uns extra an einem Sonntag auf (sogar vor der offiziellen Saisoneröffnung des Parks, weil meine Gäste von anderen Kontinenten nicht so lange da waren) und zeigte uns das weltberühmte Instrument. So manches an dem Steuerrad in der Hütte konnten wir aber nicht spontan erklären – z.B., warum da die Planetennamen eingraviert sind und ob die kleinen Nöpsies neben ihnen früher beweglich waren (und wenn ja, dann zu welchem Zweck). </p> <p>Schon allein der <strong>Strahlengang</strong> des Teleskops ist <strong>sensationell</strong> konzipiert: das Licht, das normalerweise durch den Fangspiegel geblockt und damit fürs optische System „verloren“ wäre, wird hier einfach für einen Sucher genutzt! Das gesamte Instrument bewegt sich (ähnlich wie beim Coudé oder dem Archenholdschen Teleskop) um einen zentralen Punkt, so dass das Okular stets an der gleichen Stelle – in einer Hütte in der Mitte – sein kann und kein beweglicher Beobachterstuhl nötig ist… und während der initialen Bauphase des Geräts hatte man auch ein Gebläse und Luftfilter, um das<strong> Seeing im Tubus-Inneren zu kontrollieren</strong>. </p> <p>Die optische Qualität ist genial – keine Farbsäume, perfekte Korrektur aller optischen Fehler (siehe Bericht für die Akademie der Wissenschaften 1953); das Problem ist nur der hohe Lichtverlust an den zahlreichen Bauteilen, so dass es für die Forschungsobjekte der 1960er (Galaxien!) leider nicht adäquat war und daher nur in Form eines Sonnenteleskops gebaut werden konnte. Das <strong>Rathenower Instrument ist ein Prototyp (Mock-up) für optische Tests</strong>, also für Forschung in Optik und nicht in Astronomie gebaut. </p> <p>Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rathenower_Brachymedialfernrohr" rel="noopener">Wikipedia weiß mehr Details zum Instrument</a>. </p> <p><strong>Wünschen wir ihm,</strong> dass es schnell die <strong>restauratorische und betreuerische Aufmerksamkeit</strong> erfährt, die es <strong>verdient</strong> hat!</p> <p>Mir liegt es aus zahlreichen (persönlichen und fachlichen) Gründen jedenfalls <strong>sehr am Herzen</strong> – ich wohne nur nicht nah genug, um mich kümmern zu können (<a href="https://grok.com/imagine/post/98cb316f-64be-4690-8d8e-976b629f003d?source=copy_link&amp;platform=ios&amp;t=cfcd605da9c1" rel="noopener">F.S. Archenhold</a>, Video erstellt von seinem Enkel Max). </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Rathenower Riesenfernrohr - denkmalgeschützter Verfall » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Saison gestartet im Optikpark! </strong>Rathenow ist eine Kleinstadt zwischen Berlin und Hannover, etwa in der Mitte zwischen den beiden, eine Stunde mit dem Zug. Nördlich davon erstreckt sich der<a href="https://www.sternenpark-westhavelland.de/" rel="noopener"> Sternenpark Westhavelland</a>, eines der Dark Sky-Naturschutzgebiete: die brandenburgischen Wasserwege, das Gut Ribbeck (mit dem berühmten Birnbaum des <a href="https://www.deutschelyrik.de/herr-von-ribbeck-auf-ribbeck-im-havelland.html" rel="noopener">von Ribbeck im Havelland</a>) und die grünen Weiten inspirierten nicht nur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wanderungen_durch_die_Mark_Brandenburg" rel="noopener">Fontane</a> – sie sind eine Idylle für Romantiker: radeln Sie doch einfach mal den <a href="https://www.rathenow.de/kultur-tourismus/natur-geniessen/radwandern/havelland-radweg/" rel="noopener">Havelland-Radweg.</a></p> <p>Rathenow ist eine der zwei <strong>Optik-Hauptstädte</strong> Deutschlands: Fielmann stellt seine Brillengläser dort her. Die Optik ist von exzellenter Qualität, aber deutlich günstiger als von anderen Standorten. Rathenow gilt als „Wiege“ der dt. <strong>Brillenindustrie</strong> und viele große Optiker, die später in Jena mit eigenen Firmen oder im Rahmen von Großkonzernen berühmt wurden, hatten vorher in Rathenow gelernt. Aber nicht nur die verstorbenen Optikmeister auf dem Stadtfriedhof sind weltberühmt, sondern die optischen Bauteile und Instrumente der städtischen Industrie sind nachwievor Weltklasse. Große Leuchtturm-Optiken bis kleine Mikroskopbauteile, z.B., werden dort ebenfalls hergestellt. </p> <p>Zu sehen ist das im Stadtbild nicht nur die Dekorationen auf jedem Kreisverkehr in den Straßen, sondern auch durch das „<strong>Optik-Industrie-Museum</strong>“ in der Stadtmitte und den<strong> Optikpark</strong> am Sportstadion am Stadtrand. </p> <h2>Seit Ostermontag geöffnet</h2> <p>Der Optikpark öffnete Anfang April wieder seine Pforten für die Öffentlichkeit und lohnt ganz sicher einen Wochenendausflug von Berlin oder Hannover. Er wurde zur Bundesgartenschau 2006 angelegt und zur Landesgartenschau 2016 erneuert. Die Idee sind Blumenbeete mit optischen Elementen, auf dass die lebendige Farbenpracht der Pflanzen den Lichtweg in der Optik erklärt. </p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="751" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1001px) 100vw, 1001px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein.jpg 1001w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162929_klein-768x576.jpg 768w" width="1001"></img></a></figure> <p>Die Pyramide (rechts) stellt z.B. ein Prisma dar, dass das Sonnenlicht bricht und die Blumenbeet-Streifen (oben) würden verschieden farbig bepflanzt werden, um farbige Lichtstrahlen darzustellen.<aside></aside></p> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1001" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 751px) 100vw, 751px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein.jpg 751w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260322_162919_klein-225x300.jpg 225w" width="751"></img></a></figure> </div> </div> <p>Ich besuchte den Park vor Saisonstart, so dass da noch alles kahl war – aber die Idee ist, glaube ich, klar. Nicht nur die Blumenbeete helfen, die Optik zu erklären (hier: Lichtbrechung), sondern auch jeder Kinderspielplatz: da gibt es farbige Tulpen am Wegrand, die sich als Sitzgelegenheit aufklappen lassen oder ein dreiteiliges Klettergerüst, bei dem Kinder quasi die Photönchen in einem Periskop oder anderer Optik bilden: man klettert den Strahlengang herauf oder rutscht ihn auf einer Rutsche hinunter – alternativ kann man auch durch ein Prisma klettern:</p> <p>Highlight des Parks ist aber neben dem Ostsee-Leuchtturm in der Havel auch ein Riesenteleskop: </p> <h2>Teleskopische Superlative</h2> <p>Das <strong>größte</strong> „verkürzte Medialfernrohr“ (<strong>Brachymedial</strong>) <strong>der Welt!</strong> Die technischen Daten (70 cm Linsendurchmesser, 21 m Brennweite … naja, 20,8 m) sind fast gleich mit dem Riesenfernrohr der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow, aber das Rathenower Instrument ist trotz gleicher Brennweite nur 10,15 m lang. Die kürzere Baulänge, die deutlich weniger Material erfordert, war in der Nachkriegszeit ein enormer Vorteil! </p> <p>Warum <strong>Archenholds</strong> Teleskop in Berlin so lang ist, witzeln meine Kollegen, ist „<em><strong>weil er auch mal den längsten haben wollte</strong></em>„. Technische, optische oder astronomische Gründe gibt es dafür jedenfalls nicht – nicht einmal damals beim Fundraising in den frühen 1890ern (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weltall-in-bansin/">siehe Archenhold-Post 2021</a>). Der Grund mag eher gewesen sein, dass das Gerät in Treptow zur verkappten Weltausstellung 1896 eben besonders viel zum Anschauen hermachen musste (und nur sekundär zum Durchschauen). Der andere Grund, warum Archenhold z.B. kein verkürztes Medial bauen konnte, war ganz simpel: es war noch nicht erfunden! Das Brachymedial ist ein Schupmann-Teleskop, d.h. eine von vier Spielarten eines hybriden Fernrohrtyps (Linsen und Spiegel nutzend), die der Aachener Ingenieur Ludwig Schupmann in einer Schrift 1899 erfand – derselbe Schupmann, der auch die „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schupmann-Kandelaber" rel="noopener">Schupmann-Kandelaber</a>„, also die Bauart der Straßenlaternen in Berlin Unter den Linden erfand. </p> <h2>Denkmalschutz</h2> <p>Beide Instrumente stehen unter Denkmalschutz, aber das Treptower ist derzeit in einem deutlich besseren Zustand. Es ist natürlich<strong> herzerfrischend und hoch erfreulich</strong>, dass das <strong>Berliner Riesenfernrohr</strong> so gut gepflegt und technisch erhalten ist.<strong> Schade</strong> ist allerdings, dass das <strong>Rathenower</strong> Gerät, das technisch noch ausgeklügelter ist, sich leider nicht solcher Aufmerksamkeit erfreuen kann. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="478" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1024x478.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-300x140.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-768x358.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte-1536x716.jpeg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Weltgeschichte.jpeg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Bruno Bürgel – aus dessen Werk dieses Bild stammt – erklärte die Welt ähnlich <strong>philanthrop</strong> wie der Konstrukteur Edwin Rolf dieses Fernrohrs (meine internationalen Gäste „ah, die deutsche Version von Carl Sagan“… naja, eigentlich eher umgekehrt, denn da liegt eine Generation dazwischen).</em></figcaption></figure> <p>2008 hatte ich berichtet, wie das stattliche Instrument auf dem <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-in-rathenow-demontiert/">Schulhof der Bruno-Bürgel-Schule demontiert</a> und anschließend im <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/riesenfernrohr-an-neuem-standort/">Optikpark wieder aufgebaut</a> worden war. Einen <a href="https://www.youtube.com/watch?v=R7ovQPf6KYo&amp;t=624s" rel="noopener">historischen Film (30 min) des brillanten Ingenieurs Edwin Rolf</a>, der es konzipiert, dessen Ehefrau es berechnete, und der es mit Hilfe der Bürger der Stadt 1945 bis 1953 gebaut hat, hatte ich für meine Diplomarbeit in Technikgeschichte ausgewertet (<a href="https://www.youtube.com/watch?v=R3As7pO6FSY" rel="noopener">Kurzfassung, 4 min</a>). Leider ist seit 2008 offenbar nicht viel daran gemacht worden, sagte man mir jetzt, und das wunderbare Gerät ist derzeit leider nicht beweglich:</p> <p>Extrem schade ist dieser Zustand, denn <strong>hier gäb’s durchaus noch viel zu studieren/ erforschen!</strong>  </p> <p>Kürzlich war ich mit einer kleinen Gruppe von befreundeten Wissenschafts- und TechnikhistorikerInnen in Rathenow. Eine liebe Mitarbeiterin schloss für uns extra an einem Sonntag auf (sogar vor der offiziellen Saisoneröffnung des Parks, weil meine Gäste von anderen Kontinenten nicht so lange da waren) und zeigte uns das weltberühmte Instrument. So manches an dem Steuerrad in der Hütte konnten wir aber nicht spontan erklären – z.B., warum da die Planetennamen eingraviert sind und ob die kleinen Nöpsies neben ihnen früher beweglich waren (und wenn ja, dann zu welchem Zweck). </p> <p>Schon allein der <strong>Strahlengang</strong> des Teleskops ist <strong>sensationell</strong> konzipiert: das Licht, das normalerweise durch den Fangspiegel geblockt und damit fürs optische System „verloren“ wäre, wird hier einfach für einen Sucher genutzt! Das gesamte Instrument bewegt sich (ähnlich wie beim Coudé oder dem Archenholdschen Teleskop) um einen zentralen Punkt, so dass das Okular stets an der gleichen Stelle – in einer Hütte in der Mitte – sein kann und kein beweglicher Beobachterstuhl nötig ist… und während der initialen Bauphase des Geräts hatte man auch ein Gebläse und Luftfilter, um das<strong> Seeing im Tubus-Inneren zu kontrollieren</strong>. </p> <p>Die optische Qualität ist genial – keine Farbsäume, perfekte Korrektur aller optischen Fehler (siehe Bericht für die Akademie der Wissenschaften 1953); das Problem ist nur der hohe Lichtverlust an den zahlreichen Bauteilen, so dass es für die Forschungsobjekte der 1960er (Galaxien!) leider nicht adäquat war und daher nur in Form eines Sonnenteleskops gebaut werden konnte. Das <strong>Rathenower Instrument ist ein Prototyp (Mock-up) für optische Tests</strong>, also für Forschung in Optik und nicht in Astronomie gebaut. </p> <p>Die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rathenower_Brachymedialfernrohr" rel="noopener">Wikipedia weiß mehr Details zum Instrument</a>. </p> <p><strong>Wünschen wir ihm,</strong> dass es schnell die <strong>restauratorische und betreuerische Aufmerksamkeit</strong> erfährt, die es <strong>verdient</strong> hat!</p> <p>Mir liegt es aus zahlreichen (persönlichen und fachlichen) Gründen jedenfalls <strong>sehr am Herzen</strong> – ich wohne nur nicht nah genug, um mich kümmern zu können (<a href="https://grok.com/imagine/post/98cb316f-64be-4690-8d8e-976b629f003d?source=copy_link&amp;platform=ios&amp;t=cfcd605da9c1" rel="noopener">F.S. Archenhold</a>, Video erstellt von seinem Enkel Max). </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/rathenower-riesenfernrohr/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/#respond Mon, 27 Apr 2026 08:25:39 +0000 Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=442 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Teutonia-Prag_DS-1-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Teutonia-Prag_DS-1-1024x683.jpg" /><h1>Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 1 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Ausgehend von einer Akteursanalyse im Zuge des ForGeRex-Teilprojekts 9 „Antisemitismus und Krisen“ verdichtet sich eine zentrale These: Die AfD fungiert im Feld der bayerischen extremen Rechten als Gravitationszentrum.</em> <em>Der erste Beitrag der <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/author/tp09a/">dreiteiligen Serie</a> entfaltet diese These am Beispiel eines viel diskutierten Falls, und zwar anhand der wenig beachteten Facetten des Strafprozesses gegen AfD-MdL und völkisch-nationalistischen Burschenschafter Daniel Halemba. In den Teilen zwei und drei folgen weitere ausgewählte Beispiele aus dem Teilprojekt und der Arbeit von <a href="https://www.aida-archiv.de/" rel="noopener">a.i.d.a.-Archiv</a> und <a href="https://www.lks-bayern.de/beratung-bildung/mobile-beratung" rel="noopener">Mobiler Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern</a>. Die Artikel-Serie ist eine Koproduktion von Elke Rajal und Nikolai Schreiter (ForGeRex), Katharina Fuchs und Jan Nowak (Mobile Beratung Ost), Tobias Holl (Mobile Beratung Süd), Dominik Sauerer (Mobile Beratung Nord) und Robert Andreasch (antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.).</em></p> <p>Das ForGeRex-Teilprojekt 9 untersucht, wie rechtsextreme Akteur*innen in Bayern Krisen deuten, politisch mobilisieren und dabei auf antisemitische Verschwörungsmythen zurückgreifen. Im Forschungsprozess hat sich schnell gezeigt, dass die Übergänge zwischen parteiförmigem und nicht-parteiförmigem Agieren personell, inhaltlich und auf der Ebene der Mediennutzung fließend sind. Gerade die AfD erweist sich in unserem Material nicht als ein Akteur unter anderen, sondern als Knotenpunkt, über den sehr unterschiedliche Strömungen, Milieus und Kommunikationszusammenhänge miteinander verbunden sind. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Gravitationszentrum der extremen Rechten entwickelt: Fast alle ihrer Strömungen finden Platz unter dem blauen Dach und wer rechte Krisendiskurse verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei.</p> <p>Diese Rolle der AfD als Akteurin der Vernetzung, Übersetzung und Verdichtung wurde im Strafprozess gegen AfD-MdL Daniel Halemba Anfang 2026 deutlich sichtbar. Dominik Sauerer arbeitet für die Mobile Beratung Nord und hat den Prozess beobachtet. Er berichtet von Netzwerken unter Beteiligung von Identitärer Bewegung, der neonazistischen Kleinpartei Der III. Weg, Republikanern, NPD, Die Heimat, Burschenschaften, Aryan Peoples Resistance und – ganz prominent – der AfD. Der siebentägige Prozess vor dem Amtsgericht Würzburg fand zwar großes mediales Echo, nicht immer wurde dabei aber einer der wichtigsten Punkte deutlich: Wie klar sich die AfD in dem Prozess als rechtsextreme Sammlungspartei fast ohne Berührungsängste zeigte.</p> <p><strong>Prozess und Urteil</strong></p> <p>Zum Hintergrund: Kurz vor der Landtagswahl durchsuchte die Polizei im September 2023 die Räume der Burschenschaft<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Teutonia Prag zu Würzburg, in der Daniel Halemba und sein späterer Mitangeklagter Harald D. zu diesem Zeitpunkt gemeldet waren. In Halembas Zimmer fand sie eine Schreckschusswaffe mit geladenem Magazin, einen USB-Stick mit Hitlerreden, NS-Material und härtestem Rechtsrock. „Eine der größten Sammlungen“ ihrer Dienstzeit, sagte eine Staatsschützerin vor Gericht. Auch ein Elektroschocker, ein Teleskopschlagstock, eine Machete, Schlagringe und Banner, Plakate und Flyervorräte der Identitären Bewegung (IB) wurden gefunden.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg 1107w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Rechtsextreme im Dickicht: Bude der Burschenschaft Teutonia in Würzburg. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Anlass der Durchsuchung waren Fotos aus den Innenräumen der Verbindung, auf denen bereits die ersten Hinweise zu sehen waren, dass das Burschenhaus eine rechtsextreme Immobilie ist: Kühlschranktüren mit Aufklebern von Der III. Weg, der IB, anderer Burschenschaften, der Partei Die Rechte und weiterer Organisationen. Das Burschenhaus fungiert als Ort für Feiern und Vernetzung jenseits der Öffentlichkeit, für Vorträge wie den eines Aktivisten der neonazistischen Partei Der III. Weg im Dezember 2022. Auch persönlich kennt man sich: Der Teutone Ronald S. begleitete im Sommer 2025 Torsten Kokula, den Landesvorsitzenden von Der III. Weg, gemeinsam mit anderen Bundesbrüdern und dem jungen Nick E. zur Burschenschaft Frankonia nach Erlangen. Nick E. führte des Weiteren Demonstrationen von Der III. Weg an, wirkt an Aktionen ihrer Nationalrevolutionären Jugend (NRJ) mit und tritt regelmäßig in Parteiuniform auf. Fotos zeigen ihn beim „Tag der Ehre“ in Budapest, bei dem in historischen Uniformen der SS gehuldigt wird.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> Während das Gericht im Januar 2026 tagt, steht der Nachname von Nick E. auf dem Klingelschild der Burschenschaft, über die Richterin Gudrun Helm im Prozess sagt, sie sei eins mit der AfD.</p> <p>Aber all das war vor Gericht nicht Thema: teilweise aufgrund unsauberer und widersprüchlicher Ermittlungs- und Justizarbeit, teilweise, weil die genannten Naheverhältnisse nicht strafbar sind. Halemba wurde von den Vorwürfen der versuchten Nötigung des AfD-Landesschiedsgerichtspräsidenten Thomas Bayer, der auch Rechtsanwalt seines Mitangeklagten werden sollte, und der Volksverhetzung am 2. Februar 2026 freigesprochen, da ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er bei seiner Geburtstagsfeier selbst die volksverhetzende Musik von Landser<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> abgespielt hatte. Verurteilt wurde er nicht rechtskräftig wegen Nötigung und Geldwäsche zu 160 Tagessätzen. Die politischen Zugehörigkeiten zentraler Akteure im Netzwerk um die Würzburger AfD erwiesen sich im Prozess als flexibel und die Verhältnisse zueinander als unstet. Ehemalige Feinde wurden zu Freunden, Rollen als Geschädigte, Täter, Zeuge oder Rechtsanwalt wechselten sich ab. Deutlich wird das an Thomas Bayer, einer zentralen Person in diesem Vorgang. Er ist seit März 2026 einer von drei Stadträten der Würzburger AfD. Als die Partei ihre Kommunalwahlliste zusammenstellte, bekam er nicht nur den aussichtsreichen Platz vier (und wurde auf zwei vorgewählt), er wurde in zeitlicher Nähe auch von Halembas Mitangeklagtem mandatiert und vom Belastungs- zum Entlastungszeugen gegen bzw. für Halemba und D.</p> <p><strong>AfD-interne Konkurrenz und Querelen im Hintergrund</strong></p> <p>Bei den Aufstellungsversammlungen zur Landtags- und Bezirkstagswahl 2022/2023 war durch verschiedene Meldedelikte versucht worden, Daniel Halemba einen Vorteil zu verschaffen. </p> <p><em>[Redaktionelle Anmerkung, 30.04.2026/18.05.2026: Eine frühere Version dieses Artikels hat an dieser Stelle den Eindruck erweckt, dass die Beteiligung an Demonstrationen des III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther der zentrale Vorwurf in einem Parteiausschlussverfahren (PAV) gegen Halemba gewesen sei. Richtiggestellt sei: Der Vorwurf der Beteiligung mit Rede an einer Demonstration des III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther war Gegenstand des Parteiausschlussverfahrens gegen die AfD-Funktionärin Tanja E. Das AfD-Landesschiedsgericht Bayern stellte zudem in seiner Entscheidung vom 21.11.2024 über das Parteiausschlussverfahren gegen Tanja E. fest, dass der Landesvorstand der AfD Bayern in vergleichbarer Weise auch gegen Halemba hätte vorgehen müssen.]</em></p> <p>Thomas Bayer war zu der Zeit Präsident des Landesschiedsgerichts der AfD. Er warf im Urteil dem Landesvorstand sowie Teilen der Landtagsfraktion Willkür und Rechtsbeugung vor: Sie sollen versucht haben, Tanja E. politisch auszuschalten und hätten mit dieser „Schneepflugaktion“ zugunsten von Halemba auf den Kreisverband Unterfranken-Nord eine „zersetzende Wirkung“ ausgeübt. Ähnlich harte Anschuldigungen äußerte Bayer in Briefen an den Landesvorstand und in Aussagen bei der Polizei, bei der er Harald D. und Halemba schwer belastete.</p> <p>Bayer stand bei den parteiinternen Machtkämpfen aber nicht allein: Vor Gericht beteuerte er, dass die Beschwerdebriefe, die er mit allerhand Vorwürfen gegen Halemba und D. (Ruhestörung, Sachbeschädigung, Nötigung, Stalking und Erpressung) an den Landesvorstand schickte, vom ehrenamtlichen bayerischen Verfassungsrichter und neugewählte Münchner AfD-Stadtrat Peter Ditges formuliert worden seien. Bayer selbst nannte im Prozess auch den langjährigen Kader und Mandatsträger der Republikaner Berthold Seifert als weiteren Akteur im Hintergrund. Der wiederum sitzt nun für die AfD im Würzburger Kreistag, gemeinsam mit Federico Beck. </p> <p>Gegen Beck läuft aktuell ein Parteiausschussverfahren, da er 2025 nicht nur den neonazistischen Sänger Kavalier vom Label Neuer Deutscher Standard nach Würzburg holte, sondern auch in Nürnberg an einer Demonstration der Aryan Peoples Resistance (APR)<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a>, des selbsternannten „arischen Volkswiderstands“, teilgenommen hatte. AfD-Bayern-Chef Stephan Protschka posierte am 2. Februar 2026 auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Beck. Der soll dafür verantwortlich sein, dass der Konflikt zwischen Halemba, Harald D. und Bayer schließlich geschlichtet wurde.</p> <p>Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs dieser „Schlichtung“ mit der Aufstellung der Würzburger Stadtratsliste und dem Mandat D.s an Thomas Bayer fragte auch Richterin Helm: „Wurden sie unter Druck gesetzt, wurde ihnen etwas angeboten? Ein Platz auf der Stadtratsliste?“ Bayer verneinte.</p> <p><strong>Freundschaft, Bruderschaft, Partei</strong></p> <p>Während das Amtsgericht die Vorwürfe der versuchten Nötigung – wie bereits erwähnt – als nicht erwiesen ansah, verurteilte es Halemba dafür, mit anderen seinen burschenschaftlichen Bundesbruder Roland S. nach der Durchsuchung des Burschenhauses genötigt zu haben, keine Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu tätigen. S. trat vor Gericht sehr unsicher auf, bestritt die Nötigungshandlungen vehement und betonte stattdessen das „sehr gute Verhältnis“ zu den Angeklagten. Seine Mutter beschrieb ihn als introvertierten, schwierigen jungen Mann, der sich mit Gleichaltrigen schwertue und keine engen Freunde habe. Über sein Verhältnis zu Halemba sagte S. dennoch, man könne „schon von Freundschaft sprechen“. Auf die Frage der Richterin, ob „AfD und Teutonia eigentlich dasselbe seien“, antwortete S.: „Nein, aber sehr viele sind in beiden aktiv“. Ähnliches steht in einem Brief von Alten Herren der Teutonia, den die Autonome Antifa Freiburg 2024 veröffentlichte und dessen Inhalt ein Unterzeichner gegenüber der Zeitung Mainpost bestätigte:</p> <p><em>„Zum einen sehen die gegenwärtige Aktivitas sowie einige wenige jüngere Alte Herren, die teilweise noch nicht lange Mitglied des Bundes sind, den Schwerpunkt des Bundeslebens in einer aktiven politischen Betätigung für nur eine einzige Partei. […] Alle Initiative wird der parteipolitischen Betätigung untergeordnet […] Im Ergebnis ist Teutonia zu einem Instrument und einer Plattform einer einzigen politischen Partei geworden.“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><strong>[5]</strong></a></em></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1536x1025.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Daniel Halemba mit Anwalt Dubravko Mandic im Würzburger Amtsgericht. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Im Halemba-Prozess wurde die Zentralität der AfD am Würzburger Beispiel deutlich und flexible politische Zuordnungen sowie die mangelnde Trennschärfe zwischen verschiedenen rechtsextremen Organisationen wurden greifbar. Auch Thomas Bayer, Halembas ehemaliger Kritiker, nahm im August 2025 an einer Kundgebung der NPD in Würzburg teil. Nicht zuletzt sind die beteiligten Rechtsanwälte interessant: Harald D. ließ sich neben Bayer unter anderem von Matthias Bauerfeind vertreten, der nach seiner Karriere in NPD und freien Kameradschaften die Partei Der III. Weg in Bayern mitaufgebaut hatte. Ronald S. hatte zeitweise den Szeneanwalt Andreas Wölfel mandatiert. Halemba selbst wurde von Dubravko Mandic vertreten, einem wegen Körperverletzung vorbestraften Burschenschafter und ehemaligen AfD-Politiker, der sich für die Identitäre Bewegung einsetzt oder für das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ referierte. Mandic schrieb bereits 2014 in einer Facebookgruppe der Jungen Alternative (JA): „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6">[6]</a>.</p> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/">zweiten Teil der Artikelserie </a>veranschaulichen wir die Zusammenarbeit zwischen AfD und anderen Teilen den extremen Rechten mit Fällen aus München und der Oberpfalz.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Weiterführende Lektüre zur Funktion und Rolle von Burschenschaften etwa: Kurth, Alexandra/Weidinger, Bernhard: Burschenschaften 2017: Geschichte, Politik und Ideologie. bpb.de. <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/</a>; Goetz, Judith 2018: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung.“ Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften. In: Lang, Juliane/Peter, Ulrich [Hrsg.innen]: Antifeminismus in Bewegung: Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: marta press; Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München 2024: Gehorchen und Herrschen. Ideologie und Praxis studentischer Verbindungen in München. <a href="https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf" rel="noopener">https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf</a></p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Belege für diese und weitere Behauptungen liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Siehe: <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/</a></p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Siehe auch: <a href="https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html" rel="noopener">https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html</a></p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> <a href="https://autonome-antifa.org/breve8976" rel="noopener">https://autonome-antifa.org/breve8976</a></p> <p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Siehe: Justus Bender/Rüdiger Soldt: Eine Krähe der anderen; Frankfurter Allgemeine Zeitung: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html" rel="noopener">https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html</a> (zuletzt abgerufen am 25.3.2026).</p> <pre></pre> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Teutonia-Prag_DS-1-1024x683.jpg" /><h1>Die AfD als Gravitationszentrum rechter Krisendiskurse » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Elke Rajal, Nikolai Schreiter, Robert Andreasch, Katharina Fuchs, Tobias Holl, Jan Nowak, Dominik Sauerer</h2><div itemprop="text"> <h2>Teil 1 einer Serie zur Zentralität der AfD in der bayerischen extremen Rechten</h2> <p><em>Ausgehend von einer Akteursanalyse im Zuge des ForGeRex-Teilprojekts 9 „Antisemitismus und Krisen“ verdichtet sich eine zentrale These: Die AfD fungiert im Feld der bayerischen extremen Rechten als Gravitationszentrum.</em> <em>Der erste Beitrag der <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/author/tp09a/">dreiteiligen Serie</a> entfaltet diese These am Beispiel eines viel diskutierten Falls, und zwar anhand der wenig beachteten Facetten des Strafprozesses gegen AfD-MdL und völkisch-nationalistischen Burschenschafter Daniel Halemba. In den Teilen zwei und drei folgen weitere ausgewählte Beispiele aus dem Teilprojekt und der Arbeit von <a href="https://www.aida-archiv.de/" rel="noopener">a.i.d.a.-Archiv</a> und <a href="https://www.lks-bayern.de/beratung-bildung/mobile-beratung" rel="noopener">Mobiler Beratung gegen Rechtsextremismus in Bayern</a>. Die Artikel-Serie ist eine Koproduktion von Elke Rajal und Nikolai Schreiter (ForGeRex), Katharina Fuchs und Jan Nowak (Mobile Beratung Ost), Tobias Holl (Mobile Beratung Süd), Dominik Sauerer (Mobile Beratung Nord) und Robert Andreasch (antifaschistische Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.).</em></p> <p>Das ForGeRex-Teilprojekt 9 untersucht, wie rechtsextreme Akteur*innen in Bayern Krisen deuten, politisch mobilisieren und dabei auf antisemitische Verschwörungsmythen zurückgreifen. Im Forschungsprozess hat sich schnell gezeigt, dass die Übergänge zwischen parteiförmigem und nicht-parteiförmigem Agieren personell, inhaltlich und auf der Ebene der Mediennutzung fließend sind. Gerade die AfD erweist sich in unserem Material nicht als ein Akteur unter anderen, sondern als Knotenpunkt, über den sehr unterschiedliche Strömungen, Milieus und Kommunikationszusammenhänge miteinander verbunden sind. Die Partei hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Gravitationszentrum der extremen Rechten entwickelt: Fast alle ihrer Strömungen finden Platz unter dem blauen Dach und wer rechte Krisendiskurse verstehen will, kommt an ihr nicht vorbei.</p> <p>Diese Rolle der AfD als Akteurin der Vernetzung, Übersetzung und Verdichtung wurde im Strafprozess gegen AfD-MdL Daniel Halemba Anfang 2026 deutlich sichtbar. Dominik Sauerer arbeitet für die Mobile Beratung Nord und hat den Prozess beobachtet. Er berichtet von Netzwerken unter Beteiligung von Identitärer Bewegung, der neonazistischen Kleinpartei Der III. Weg, Republikanern, NPD, Die Heimat, Burschenschaften, Aryan Peoples Resistance und – ganz prominent – der AfD. Der siebentägige Prozess vor dem Amtsgericht Würzburg fand zwar großes mediales Echo, nicht immer wurde dabei aber einer der wichtigsten Punkte deutlich: Wie klar sich die AfD in dem Prozess als rechtsextreme Sammlungspartei fast ohne Berührungsängste zeigte.</p> <p><strong>Prozess und Urteil</strong></p> <p>Zum Hintergrund: Kurz vor der Landtagswahl durchsuchte die Polizei im September 2023 die Räume der Burschenschaft<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a> Teutonia Prag zu Würzburg, in der Daniel Halemba und sein späterer Mitangeklagter Harald D. zu diesem Zeitpunkt gemeldet waren. In Halembas Zimmer fand sie eine Schreckschusswaffe mit geladenem Magazin, einen USB-Stick mit Hitlerreden, NS-Material und härtestem Rechtsrock. „Eine der größten Sammlungen“ ihrer Dienstzeit, sagte eine Staatsschützerin vor Gericht. Auch ein Elektroschocker, ein Teleskopschlagstock, eine Machete, Schlagringe und Banner, Plakate und Flyervorräte der Identitären Bewegung (IB) wurden gefunden.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.jpeg 1107w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Rechtsextreme im Dickicht: Bude der Burschenschaft Teutonia in Würzburg. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Anlass der Durchsuchung waren Fotos aus den Innenräumen der Verbindung, auf denen bereits die ersten Hinweise zu sehen waren, dass das Burschenhaus eine rechtsextreme Immobilie ist: Kühlschranktüren mit Aufklebern von Der III. Weg, der IB, anderer Burschenschaften, der Partei Die Rechte und weiterer Organisationen. Das Burschenhaus fungiert als Ort für Feiern und Vernetzung jenseits der Öffentlichkeit, für Vorträge wie den eines Aktivisten der neonazistischen Partei Der III. Weg im Dezember 2022. Auch persönlich kennt man sich: Der Teutone Ronald S. begleitete im Sommer 2025 Torsten Kokula, den Landesvorsitzenden von Der III. Weg, gemeinsam mit anderen Bundesbrüdern und dem jungen Nick E. zur Burschenschaft Frankonia nach Erlangen. Nick E. führte des Weiteren Demonstrationen von Der III. Weg an, wirkt an Aktionen ihrer Nationalrevolutionären Jugend (NRJ) mit und tritt regelmäßig in Parteiuniform auf. Fotos zeigen ihn beim „Tag der Ehre“ in Budapest, bei dem in historischen Uniformen der SS gehuldigt wird.<a href="#_ftn2" id="_ftnref2">[2]</a> Während das Gericht im Januar 2026 tagt, steht der Nachname von Nick E. auf dem Klingelschild der Burschenschaft, über die Richterin Gudrun Helm im Prozess sagt, sie sei eins mit der AfD.</p> <p>Aber all das war vor Gericht nicht Thema: teilweise aufgrund unsauberer und widersprüchlicher Ermittlungs- und Justizarbeit, teilweise, weil die genannten Naheverhältnisse nicht strafbar sind. Halemba wurde von den Vorwürfen der versuchten Nötigung des AfD-Landesschiedsgerichtspräsidenten Thomas Bayer, der auch Rechtsanwalt seines Mitangeklagten werden sollte, und der Volksverhetzung am 2. Februar 2026 freigesprochen, da ihm nicht nachgewiesen werden konnte, dass er bei seiner Geburtstagsfeier selbst die volksverhetzende Musik von Landser<a href="#_ftn3" id="_ftnref3">[3]</a> abgespielt hatte. Verurteilt wurde er nicht rechtskräftig wegen Nötigung und Geldwäsche zu 160 Tagessätzen. Die politischen Zugehörigkeiten zentraler Akteure im Netzwerk um die Würzburger AfD erwiesen sich im Prozess als flexibel und die Verhältnisse zueinander als unstet. Ehemalige Feinde wurden zu Freunden, Rollen als Geschädigte, Täter, Zeuge oder Rechtsanwalt wechselten sich ab. Deutlich wird das an Thomas Bayer, einer zentralen Person in diesem Vorgang. Er ist seit März 2026 einer von drei Stadträten der Würzburger AfD. Als die Partei ihre Kommunalwahlliste zusammenstellte, bekam er nicht nur den aussichtsreichen Platz vier (und wurde auf zwei vorgewählt), er wurde in zeitlicher Nähe auch von Halembas Mitangeklagtem mandatiert und vom Belastungs- zum Entlastungszeugen gegen bzw. für Halemba und D.</p> <p><strong>AfD-interne Konkurrenz und Querelen im Hintergrund</strong></p> <p>Bei den Aufstellungsversammlungen zur Landtags- und Bezirkstagswahl 2022/2023 war durch verschiedene Meldedelikte versucht worden, Daniel Halemba einen Vorteil zu verschaffen. </p> <p><em>[Redaktionelle Anmerkung, 30.04.2026/18.05.2026: Eine frühere Version dieses Artikels hat an dieser Stelle den Eindruck erweckt, dass die Beteiligung an Demonstrationen des III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther der zentrale Vorwurf in einem Parteiausschlussverfahren (PAV) gegen Halemba gewesen sei. Richtiggestellt sei: Der Vorwurf der Beteiligung mit Rede an einer Demonstration des III.-Weg-Kaders Roger Kuchenreuther war Gegenstand des Parteiausschlussverfahrens gegen die AfD-Funktionärin Tanja E. Das AfD-Landesschiedsgericht Bayern stellte zudem in seiner Entscheidung vom 21.11.2024 über das Parteiausschlussverfahren gegen Tanja E. fest, dass der Landesvorstand der AfD Bayern in vergleichbarer Weise auch gegen Halemba hätte vorgehen müssen.]</em></p> <p>Thomas Bayer war zu der Zeit Präsident des Landesschiedsgerichts der AfD. Er warf im Urteil dem Landesvorstand sowie Teilen der Landtagsfraktion Willkür und Rechtsbeugung vor: Sie sollen versucht haben, Tanja E. politisch auszuschalten und hätten mit dieser „Schneepflugaktion“ zugunsten von Halemba auf den Kreisverband Unterfranken-Nord eine „zersetzende Wirkung“ ausgeübt. Ähnlich harte Anschuldigungen äußerte Bayer in Briefen an den Landesvorstand und in Aussagen bei der Polizei, bei der er Harald D. und Halemba schwer belastete.</p> <p>Bayer stand bei den parteiinternen Machtkämpfen aber nicht allein: Vor Gericht beteuerte er, dass die Beschwerdebriefe, die er mit allerhand Vorwürfen gegen Halemba und D. (Ruhestörung, Sachbeschädigung, Nötigung, Stalking und Erpressung) an den Landesvorstand schickte, vom ehrenamtlichen bayerischen Verfassungsrichter und neugewählte Münchner AfD-Stadtrat Peter Ditges formuliert worden seien. Bayer selbst nannte im Prozess auch den langjährigen Kader und Mandatsträger der Republikaner Berthold Seifert als weiteren Akteur im Hintergrund. Der wiederum sitzt nun für die AfD im Würzburger Kreistag, gemeinsam mit Federico Beck. </p> <p>Gegen Beck läuft aktuell ein Parteiausschussverfahren, da er 2025 nicht nur den neonazistischen Sänger Kavalier vom Label Neuer Deutscher Standard nach Würzburg holte, sondern auch in Nürnberg an einer Demonstration der Aryan Peoples Resistance (APR)<a href="#_ftn4" id="_ftnref4">[4]</a>, des selbsternannten „arischen Volkswiderstands“, teilgenommen hatte. AfD-Bayern-Chef Stephan Protschka posierte am 2. Februar 2026 auf einer Wahlkampfveranstaltung mit Beck. Der soll dafür verantwortlich sein, dass der Konflikt zwischen Halemba, Harald D. und Bayer schließlich geschlichtet wurde.</p> <p>Aufgrund des zeitlichen Zusammenhangs dieser „Schlichtung“ mit der Aufstellung der Würzburger Stadtratsliste und dem Mandat D.s an Thomas Bayer fragte auch Richterin Helm: „Wurden sie unter Druck gesetzt, wurde ihnen etwas angeboten? Ein Platz auf der Stadtratsliste?“ Bayer verneinte.</p> <p><strong>Freundschaft, Bruderschaft, Partei</strong></p> <p>Während das Amtsgericht die Vorwürfe der versuchten Nötigung – wie bereits erwähnt – als nicht erwiesen ansah, verurteilte es Halemba dafür, mit anderen seinen burschenschaftlichen Bundesbruder Roland S. nach der Durchsuchung des Burschenhauses genötigt zu haben, keine Aussage bei der Staatsanwaltschaft zu tätigen. S. trat vor Gericht sehr unsicher auf, bestritt die Nötigungshandlungen vehement und betonte stattdessen das „sehr gute Verhältnis“ zu den Angeklagten. Seine Mutter beschrieb ihn als introvertierten, schwierigen jungen Mann, der sich mit Gleichaltrigen schwertue und keine engen Freunde habe. Über sein Verhältnis zu Halemba sagte S. dennoch, man könne „schon von Freundschaft sprechen“. Auf die Frage der Richterin, ob „AfD und Teutonia eigentlich dasselbe seien“, antwortete S.: „Nein, aber sehr viele sind in beiden aktiv“. Ähnliches steht in einem Brief von Alten Herren der Teutonia, den die Autonome Antifa Freiburg 2024 veröffentlichte und dessen Inhalt ein Unterzeichner gegenüber der Zeitung Mainpost bestätigte:</p> <p><em>„Zum einen sehen die gegenwärtige Aktivitas sowie einige wenige jüngere Alte Herren, die teilweise noch nicht lange Mitglied des Bundes sind, den Schwerpunkt des Bundeslebens in einer aktiven politischen Betätigung für nur eine einzige Partei. […] Alle Initiative wird der parteipolitischen Betätigung untergeordnet […] Im Ergebnis ist Teutonia zu einem Instrument und einer Plattform einer einzigen politischen Partei geworden.“<a href="#_ftn5" id="_ftnref5"><strong>[5]</strong></a></em></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image-1536x1025.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/image.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Daniel Halemba mit Anwalt Dubravko Mandic im Würzburger Amtsgericht. Foto: Dominik Sauerer</em></figcaption></figure> <p>Im Halemba-Prozess wurde die Zentralität der AfD am Würzburger Beispiel deutlich und flexible politische Zuordnungen sowie die mangelnde Trennschärfe zwischen verschiedenen rechtsextremen Organisationen wurden greifbar. Auch Thomas Bayer, Halembas ehemaliger Kritiker, nahm im August 2025 an einer Kundgebung der NPD in Würzburg teil. Nicht zuletzt sind die beteiligten Rechtsanwälte interessant: Harald D. ließ sich neben Bayer unter anderem von Matthias Bauerfeind vertreten, der nach seiner Karriere in NPD und freien Kameradschaften die Partei Der III. Weg in Bayern mitaufgebaut hatte. Ronald S. hatte zeitweise den Szeneanwalt Andreas Wölfel mandatiert. Halemba selbst wurde von Dubravko Mandic vertreten, einem wegen Körperverletzung vorbestraften Burschenschafter und ehemaligen AfD-Politiker, der sich für die Identitäre Bewegung einsetzt oder für das NPD-Organ „Deutsche Stimme“ referierte. Mandic schrieb bereits 2014 in einer Facebookgruppe der Jungen Alternative (JA): „Von der NPD unterscheiden wir uns vornehmlich durch unser bürgerliches Unterstützerumfeld, nicht so sehr durch Inhalte“<a href="#_ftn6" id="_ftnref6">[6]</a>.</p> <p><em>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/zwischen-afd-ib-und-neonazi-milieu-rechte-vernetzungen-in-bayern/">zweiten Teil der Artikelserie </a>veranschaulichen wir die Zusammenarbeit zwischen AfD und anderen Teilen den extremen Rechten mit Fällen aus München und der Oberpfalz.</em></p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Weiterführende Lektüre zur Funktion und Rolle von Burschenschaften etwa: Kurth, Alexandra/Weidinger, Bernhard: Burschenschaften 2017: Geschichte, Politik und Ideologie. bpb.de. <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/256889/burschenschaften-geschichte-politik-und-ideologie/</a>; Goetz, Judith 2018: „Vergemeinschaftet durch das Abverlangen von Standhalten und Beherrschung.“ Männerbund, Mensur und Antifeminismus bei deutschnationalen Burschenschaften. In: Lang, Juliane/Peter, Ulrich [Hrsg.innen]: Antifeminismus in Bewegung: Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: marta press; Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München 2024: Gehorchen und Herrschen. Ideologie und Praxis studentischer Verbindungen in München. <a href="https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf" rel="noopener">https://www.feierwerk.de/fileadmin/firm/Buch/Feierwerk_firm_Gehorchen_und_herrschen_2024.pdf</a></p> <p><a href="#_ftnref2" id="_ftn2">[2]</a> Belege für diese und weitere Behauptungen liegen den Autor*innen vor.</p> <p><a href="#_ftnref3" id="_ftn3">[3]</a> Siehe: <a href="https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/" rel="noopener">https://www.bpb.de/themen/rechtsextremismus/dossier-rechtsextremismus/500793/landser/</a></p> <p><a href="#_ftnref4" id="_ftn4">[4]</a> Siehe auch: <a href="https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html" rel="noopener">https://nuernberg.t-online.de/region/nuernberg/id_100816986/nuernberg-200-gegendemonstranten-bei-rechtsextremer-demo-.html</a></p> <p><a href="#_ftnref5" id="_ftn5">[5]</a> <a href="https://autonome-antifa.org/breve8976" rel="noopener">https://autonome-antifa.org/breve8976</a></p> <p><a href="#_ftnref6" id="_ftn6">[6]</a> Siehe: Justus Bender/Rüdiger Soldt: Eine Krähe der anderen; Frankfurter Allgemeine Zeitung: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html" rel="noopener">https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-gedeon-droht-der-ausschluss-aus-der-afd-14339164.html</a> (zuletzt abgerufen am 25.3.2026).</p> <pre></pre> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/die-afd-als-gravitationszentrum-rechter-krisendiskurse/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Scrollen, lachen, liken… beeinflusst werden? Wie Rechtsextreme Internet-Memes strategisch nutzen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/#respond Mon, 27 Apr 2026 08:17:51 +0000 Teilprojekt 06a RexMemes https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=479 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-charlotte-may-5965771-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-charlotte-may-5965771-1024x683.jpg" /><h1>Scrollen, lachen, liken… beeinflusst werden? Wie Rechtsextreme Internet-Memes strategisch nutzen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Teilprojekt 06a RexMemes</h2><div itemprop="text"> <p><em>Internet-Memes sind weitaus mehr als bloße Unterhaltung im Netz. Sie haben sich zu einem wirkungsvollen Instrument politischer Kommunikation entwickelt – eines, das auch von rechtsextremen Akteuren gezielt genutzt wird, um menschenfeindliche Botschaften zu verschleiern und insbesondere unter jungen Zielgruppen zu verbreiten</em>.</p> <p>Memes sind ein fester Bestandteil digitaler Kommunikation. Sie verbreiten sich schnell und sind äußerst anschlussfähig. Die verwendeten Motive leben davon, dass Nutzer*innen sie wieder und wieder aufgreifen, verändern und weiterverbreiten. Dabei kombinieren Memes Bild-, Text-, Video- und Soundelemente zu immer neuen, oft zugespitzten Botschaften. Zugleich wirken sie gemeinschaftsstiftend: zum einen durch ihren partizipativen Charakter, zum anderen durch ihre „In-Group vs. Out-Group“-Logik. Wer ein Meme versteht, signalisiert Zugehörigkeit und grenzt sich zugleich von denjenigen ab, die die darin enthaltene Botschaft nicht entschlüsseln können.</p> <p>Was zunächst wie lockere digitale Unterhaltung erscheint, erfüllt häufig auch politische Funktionen. Memes ermöglichen es, Meinungen auszudrücken, aktuelle Ereignisse zu kommentieren und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Durch ihre einfache Gestaltungsweise – oft beschrieben als „internet ugly“-Ästhetik – sind sie besonders zugänglich und lassen sich ohne großen Aufwand kostengünstig erstellen und verbreiten.</p> <h3>Memes als Instrument zur Verbreitung rechtsextremer Ideologie</h3> <p>Gerade diese Eigenschaften machen Memes auch für rechtsextreme Akteure sowie für demokratiefeindliche Bewegungen insgesamt attraktiv. Sie ermöglichen es, politische Inhalte subtil zu vermitteln und insbesondere junge Zielgruppen gezielt anzusprechen. Dabei müssen die Botschaften nicht einmal offen formuliert sein, sondern können über mehrdeutige Anspielungen, Symbole oder bekannte Motive transportiert werden. Für Außenstehende bleiben die tatsächlichen Bedeutungen in solchen Fällen oft nur schwer erkennbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg"><img alt="" decoding="async" height="720" sizes="(max-width: 1015px) 100vw, 1015px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg 1015w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-300x213.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-768x545.jpg 768w" width="1015"></img></a><figcaption>Die in diesem Beispiel genutzte Meme-Vorlage (abgebildet ist „Saruman der Weiße“, ein Zauberer aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Universum) wird auch in alltäglichen, nicht offensichtlich politischen Bedeutungszusammenhängen verwendet. Hier wurde sie mit textuellen Ergänzungen versehen, die auf das in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen häufig verwendete Narrativ der sogenannten „Cancel Culture“ anspielen. // Der Grauschleier sowie die nicht vorhandene Quellenangabe dienen der Vermeidung einer Weiterverbreitung. </figcaption></figure> <p>Selbst ursprünglich verhältnismäßig unpolitische Inhalte werden systematisch umgedeutet: Bekannte Meme-Figuren oder Bildvorlagen werden von Extremist*innen mit neuen Bedeutungen versehen und in eigene ideologische Kontexte eingebettet. Nicht selten entwickeln sich daraus etablierte Szene-Symbole. So entstehen digitale Identifikationsangebote, die sich unauffällig in bestehende Internetkulturen einfügen.<aside></aside></p> <h3>Gestaltungsstrategien: Humor, Codes und Popkultur</h3> <p>Internet-Memes arbeiten mit vielfältigen Strategien, die weit über ihre anschlussfähige visuelle Gestaltung und die Reduktion komplexer Inhalte hinauswirken.</p> <h4>Humor als Zugang</h4> <p>Memes nutzen häufig humoristische Mittel wie Ironie oder Übertreibung. Humor erleichtert den Zugang zu komplexen oder belastenden Themen und erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte „gelikt“, geteilt und damit weiterverbreitet werden. Gleichzeitig eröffnet die humorvolle und oft mehrdeutige Gestaltung eine häufig genutzte Verteidigungsstrategie gegenüber Kritik: Antidemokratische und menschenfeindliche Inhalte werden nicht selten mit Verweis auf ihren angeblich rein unterhaltenden Charakter („Ist doch nur Spaß!“) oder unter Berufung auf die Meinungsfreiheit („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“) relativiert.</p> <h4>Symbole und Codes</h4> <p>Dass Rechtsextreme Codes und Symbole verwenden, um extremistische Einstellungen zu verschleiern und ungehindert zu verbreiten, ist nicht neu. Das Prinzip bleibt dabei stets gleich: Wer die Bedeutung kennt, versteht die Botschaft – für andere bleibt sie verborgen. Internet-Memes eröffnen jedoch durch ihre Vielschichtigkeit ganz neue Möglichkeiten der Verschlüsselung. Insbesondere bei multimedialen Meme-Formaten ergibt sich der eigentliche Bedeutungszusammenhang oft erst aus dem insgesamten Zusammenspiel von Bild, Ton, Text und Kontext. Dessen Entschlüsselung erfordert umfangreiches Hintergrundwissen sowohl über rechtsextreme Narrative als auch über aktuelle Digitalkultur. Dies erschwert eine fundierte Analyse entsprechender Kommunikationsstrategien und gestaltet in der Folge auch die Entwicklung geeigneter Präventions- und Gegenmaßnahmen anspruchsvoll.</p> <h4>Anschluss an Popkultur</h4> <p>Ferner knüpfen viele Memes an aktuelle popkulturelle (Internet-)Trends an und greifen gängige Online-Ästhetiken auf. Sie orientieren sich damit am jeweiligen digitalen Zeitgeist und fügen sich unauffällig in den Online-Alltag der Nutzer*innen ein. In Memes verarbeitete Trends wirken häufig auch direkt in die analoge Welt hinein. So hat die kürzlich auf Social Media, unter anderem in Memes, aufkommende Glorifizierung der 1990er Jahre zu einem anhaltenden Hype für bestimmte Kleidungsstücke und Marken aus diesem Jahrzehnt geführt. Dazu zählen auch Stilelemente, die einst explizit mit der neonazistischen „Baseballschläger-Szene“ der 1990er Jahre in Verbindung standen. Auf solche Weise tragen Memes dazu bei, dass ehemals randständige, radikale Erscheinungsbilder wieder stärker im Mainstream sichtbar, normalisiert und in manchen Kreisen sogar wieder als „cool“ angesehen werden.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Memes sind weit mehr als kurzlebige „Internetwitze“. Sie stellen ein strategisch genutztes Kommunikationsmittel dar, das Unterhaltung, Teilhabe und politische Inhalte wirkungsvoll miteinander verbindet. Gerade im rechtsextremen Kontext zeigt sich, wie sie eingesetzt werden, um antidemokratische Positionen subtil zu verbreiten, in aktuelle Online-Logiken einzubetten und so insbesondere für junge Zielgruppen anschlussfähig zu machen. Wer heutige rechtsextreme Kommunikationsstrategien im digitalen Raum verstehen will, sollte daher auch berücksichtigen, wie ausgrenzende Botschaften in scheinbar „banalen“ oder „humorvollen“ Digitalformaten wie Internet-Memes vermittelt werden und schließlich „viral“ gehen können.</p> <h3>Weiterführende Literatur</h3> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025a). Meme. <em>Communicatio Socialis – Zeitschrift für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft</em>, <em>58</em>(1), 82–89. https://doi.org/10.5771/0010-3497-2025-1-82</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025b). Scrolling Through Cute Cats and Swastikas: On Defining Political Internet-Memes and Studying Mimetic Challenges for Today’s Democracy. In Marcel Lemmes, Stephan Packard, &amp; Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.), <em>Bilder im Aufbruch: Herausforderungen der Bildwissenschaft </em>(S. 264–283). Herbert von Halem Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Meme – Humoristische Vereinfachung oder populistische Botschaften. In Alexander Filipović, Annika Franzetti, &amp; Susanna Endres (Hrsg.), <em>Grundbegriffe der Medienethik für Studium, Wissenschaft und Praxis </em>(S. 291–302). UVK Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, Hohlfeld, Ralf, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Memes als Instrument politischer Beteiligung. In N. Kersting, J. Radtke, &amp; S. Baringhorst (Hrsg.), <em>Handbuch Digitalisierung und politische Beteiligung</em>. Springer VS. [im Erscheinen].</p> <p>Knopp, Vincent, Terizakis, Georgios, Denker, Kai, Groß, Eva, Häfele, Joachim, &amp; Pollich, Daniela. (2024). <em>Rechtsextreme Meme: Eine praxisorientierte Einführung für die Ausbildung in Polizei und Sozialwissenschaften </em>(1. Aufl.). utb GmbH. https://doi.org/10.36198/9783838563275</p> <p>Koschei, F. (2024). How to deal with: Rechtspopulistische Memes. In Zentrum Liberale Moderne (Hrsg.), Narrativ Check.: Was hinter radikalisierenden Botschaften steckt. libmodredaktion.fra1.digitaloceanspaces.com/wp-content/uploads/20241126102748/LibMod_Popkultur2.pdf</p> <p>Beitragsbild: <em>Foto von Charlotte May auf Pexels</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/pexels-charlotte-may-5965771-1024x683.jpg" /><h1>Scrollen, lachen, liken… beeinflusst werden? Wie Rechtsextreme Internet-Memes strategisch nutzen » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Teilprojekt 06a RexMemes</h2><div itemprop="text"> <p><em>Internet-Memes sind weitaus mehr als bloße Unterhaltung im Netz. Sie haben sich zu einem wirkungsvollen Instrument politischer Kommunikation entwickelt – eines, das auch von rechtsextremen Akteuren gezielt genutzt wird, um menschenfeindliche Botschaften zu verschleiern und insbesondere unter jungen Zielgruppen zu verbreiten</em>.</p> <p>Memes sind ein fester Bestandteil digitaler Kommunikation. Sie verbreiten sich schnell und sind äußerst anschlussfähig. Die verwendeten Motive leben davon, dass Nutzer*innen sie wieder und wieder aufgreifen, verändern und weiterverbreiten. Dabei kombinieren Memes Bild-, Text-, Video- und Soundelemente zu immer neuen, oft zugespitzten Botschaften. Zugleich wirken sie gemeinschaftsstiftend: zum einen durch ihren partizipativen Charakter, zum anderen durch ihre „In-Group vs. Out-Group“-Logik. Wer ein Meme versteht, signalisiert Zugehörigkeit und grenzt sich zugleich von denjenigen ab, die die darin enthaltene Botschaft nicht entschlüsseln können.</p> <p>Was zunächst wie lockere digitale Unterhaltung erscheint, erfüllt häufig auch politische Funktionen. Memes ermöglichen es, Meinungen auszudrücken, aktuelle Ereignisse zu kommentieren und sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen. Durch ihre einfache Gestaltungsweise – oft beschrieben als „internet ugly“-Ästhetik – sind sie besonders zugänglich und lassen sich ohne großen Aufwand kostengünstig erstellen und verbreiten.</p> <h3>Memes als Instrument zur Verbreitung rechtsextremer Ideologie</h3> <p>Gerade diese Eigenschaften machen Memes auch für rechtsextreme Akteure sowie für demokratiefeindliche Bewegungen insgesamt attraktiv. Sie ermöglichen es, politische Inhalte subtil zu vermitteln und insbesondere junge Zielgruppen gezielt anzusprechen. Dabei müssen die Botschaften nicht einmal offen formuliert sein, sondern können über mehrdeutige Anspielungen, Symbole oder bekannte Motive transportiert werden. Für Außenstehende bleiben die tatsächlichen Bedeutungen in solchen Fällen oft nur schwer erkennbar.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg"><img alt="" decoding="async" height="720" sizes="(max-width: 1015px) 100vw, 1015px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext.jpg 1015w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-300x213.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Beispielmeme_9_Saruman_ohne-Kontext-768x545.jpg 768w" width="1015"></img></a><figcaption>Die in diesem Beispiel genutzte Meme-Vorlage (abgebildet ist „Saruman der Weiße“, ein Zauberer aus J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“-Universum) wird auch in alltäglichen, nicht offensichtlich politischen Bedeutungszusammenhängen verwendet. Hier wurde sie mit textuellen Ergänzungen versehen, die auf das in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen häufig verwendete Narrativ der sogenannten „Cancel Culture“ anspielen. // Der Grauschleier sowie die nicht vorhandene Quellenangabe dienen der Vermeidung einer Weiterverbreitung. </figcaption></figure> <p>Selbst ursprünglich verhältnismäßig unpolitische Inhalte werden systematisch umgedeutet: Bekannte Meme-Figuren oder Bildvorlagen werden von Extremist*innen mit neuen Bedeutungen versehen und in eigene ideologische Kontexte eingebettet. Nicht selten entwickeln sich daraus etablierte Szene-Symbole. So entstehen digitale Identifikationsangebote, die sich unauffällig in bestehende Internetkulturen einfügen.<aside></aside></p> <h3>Gestaltungsstrategien: Humor, Codes und Popkultur</h3> <p>Internet-Memes arbeiten mit vielfältigen Strategien, die weit über ihre anschlussfähige visuelle Gestaltung und die Reduktion komplexer Inhalte hinauswirken.</p> <h4>Humor als Zugang</h4> <p>Memes nutzen häufig humoristische Mittel wie Ironie oder Übertreibung. Humor erleichtert den Zugang zu komplexen oder belastenden Themen und erhöht zugleich die Wahrscheinlichkeit, dass Inhalte „gelikt“, geteilt und damit weiterverbreitet werden. Gleichzeitig eröffnet die humorvolle und oft mehrdeutige Gestaltung eine häufig genutzte Verteidigungsstrategie gegenüber Kritik: Antidemokratische und menschenfeindliche Inhalte werden nicht selten mit Verweis auf ihren angeblich rein unterhaltenden Charakter („Ist doch nur Spaß!“) oder unter Berufung auf die Meinungsfreiheit („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“) relativiert.</p> <h4>Symbole und Codes</h4> <p>Dass Rechtsextreme Codes und Symbole verwenden, um extremistische Einstellungen zu verschleiern und ungehindert zu verbreiten, ist nicht neu. Das Prinzip bleibt dabei stets gleich: Wer die Bedeutung kennt, versteht die Botschaft – für andere bleibt sie verborgen. Internet-Memes eröffnen jedoch durch ihre Vielschichtigkeit ganz neue Möglichkeiten der Verschlüsselung. Insbesondere bei multimedialen Meme-Formaten ergibt sich der eigentliche Bedeutungszusammenhang oft erst aus dem insgesamten Zusammenspiel von Bild, Ton, Text und Kontext. Dessen Entschlüsselung erfordert umfangreiches Hintergrundwissen sowohl über rechtsextreme Narrative als auch über aktuelle Digitalkultur. Dies erschwert eine fundierte Analyse entsprechender Kommunikationsstrategien und gestaltet in der Folge auch die Entwicklung geeigneter Präventions- und Gegenmaßnahmen anspruchsvoll.</p> <h4>Anschluss an Popkultur</h4> <p>Ferner knüpfen viele Memes an aktuelle popkulturelle (Internet-)Trends an und greifen gängige Online-Ästhetiken auf. Sie orientieren sich damit am jeweiligen digitalen Zeitgeist und fügen sich unauffällig in den Online-Alltag der Nutzer*innen ein. In Memes verarbeitete Trends wirken häufig auch direkt in die analoge Welt hinein. So hat die kürzlich auf Social Media, unter anderem in Memes, aufkommende Glorifizierung der 1990er Jahre zu einem anhaltenden Hype für bestimmte Kleidungsstücke und Marken aus diesem Jahrzehnt geführt. Dazu zählen auch Stilelemente, die einst explizit mit der neonazistischen „Baseballschläger-Szene“ der 1990er Jahre in Verbindung standen. Auf solche Weise tragen Memes dazu bei, dass ehemals randständige, radikale Erscheinungsbilder wieder stärker im Mainstream sichtbar, normalisiert und in manchen Kreisen sogar wieder als „cool“ angesehen werden.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Memes sind weit mehr als kurzlebige „Internetwitze“. Sie stellen ein strategisch genutztes Kommunikationsmittel dar, das Unterhaltung, Teilhabe und politische Inhalte wirkungsvoll miteinander verbindet. Gerade im rechtsextremen Kontext zeigt sich, wie sie eingesetzt werden, um antidemokratische Positionen subtil zu verbreiten, in aktuelle Online-Logiken einzubetten und so insbesondere für junge Zielgruppen anschlussfähig zu machen. Wer heutige rechtsextreme Kommunikationsstrategien im digitalen Raum verstehen will, sollte daher auch berücksichtigen, wie ausgrenzende Botschaften in scheinbar „banalen“ oder „humorvollen“ Digitalformaten wie Internet-Memes vermittelt werden und schließlich „viral“ gehen können.</p> <h3>Weiterführende Literatur</h3> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025a). Meme. <em>Communicatio Socialis – Zeitschrift für Ethik der Medien und der digitalen Gesellschaft</em>, <em>58</em>(1), 82–89. https://doi.org/10.5771/0010-3497-2025-1-82</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2025b). Scrolling Through Cute Cats and Swastikas: On Defining Political Internet-Memes and Studying Mimetic Challenges for Today’s Democracy. In Marcel Lemmes, Stephan Packard, &amp; Klaus Sachs-Hombach (Hrsg.), <em>Bilder im Aufbruch: Herausforderungen der Bildwissenschaft </em>(S. 264–283). Herbert von Halem Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Meme – Humoristische Vereinfachung oder populistische Botschaften. In Alexander Filipović, Annika Franzetti, &amp; Susanna Endres (Hrsg.), <em>Grundbegriffe der Medienethik für Studium, Wissenschaft und Praxis </em>(S. 291–302). UVK Verlag.</p> <p>Bezold, Veronica, Hohlfeld, Ralf, &amp; Knieper, Thomas. (2026). Memes als Instrument politischer Beteiligung. In N. Kersting, J. Radtke, &amp; S. Baringhorst (Hrsg.), <em>Handbuch Digitalisierung und politische Beteiligung</em>. Springer VS. [im Erscheinen].</p> <p>Knopp, Vincent, Terizakis, Georgios, Denker, Kai, Groß, Eva, Häfele, Joachim, &amp; Pollich, Daniela. (2024). <em>Rechtsextreme Meme: Eine praxisorientierte Einführung für die Ausbildung in Polizei und Sozialwissenschaften </em>(1. Aufl.). utb GmbH. https://doi.org/10.36198/9783838563275</p> <p>Koschei, F. (2024). How to deal with: Rechtspopulistische Memes. In Zentrum Liberale Moderne (Hrsg.), Narrativ Check.: Was hinter radikalisierenden Botschaften steckt. libmodredaktion.fra1.digitaloceanspaces.com/wp-content/uploads/20241126102748/LibMod_Popkultur2.pdf</p> <p>Beitragsbild: <em>Foto von Charlotte May auf Pexels</em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/scrollen-lachen-liken-beeinflusst-werden-wie-rechtsextreme-internet-memes-strategisch-nutzen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/#comments Sun, 26 Apr 2026 04:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1875 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag136-768x768.jpg Dreigeteiltes Bild, oben ein matter diffuser rötlicher Stern, unten links eine Bergkette, unten rechts Rippeln am Strand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag136-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag136-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Zunächst freuen sie sich über zwei Nachrichten, die zeigen, wie der Podcast das Interesse für die Geologie und die Astronomie weckt: Geologie-Fans finden über den Podcast Zugang zu den Sternen, während Astronomie-Begeisterte die Erde für sich entdecken.</p> <p>Ein großes Thema ist die geplante AstroGeo-Exkursion (Franzi sagt: „Der Wandertag!“) ins Nördlinger Ries im Oktober 2026. Die Nachfrage war deutlich höher als die Zahl verfügbarer Plätze, weswegen einige Hörerinnen und Hörer enttäuscht waren – , aber auch Vorfreude und Unterstützung wurde geäußert. Der Plan ist, Teile der Exkursion des Wandertags aufzunehmen und als Sonderfolge zu veröffentlichen.<aside></aside></p> <p>Zur ersten Alpen-Folge über falsch herum gelagerten Gesteinsdecken gibt es Korrekturen und Ergänzungen, etwa zu sprachlichen Details (Schweizerdeutsch) und geologischen Erklärungen (Faltenbildung, Sediment- vs. Plutonische Tiefengesteine). Karl geht auch auf Missverständnisse ein und kündigt eine dritte, abschließende Folge zur Gebirgsbildung an. Da es für nicht-Expertinnen und -Experten schwierig sein kann, sich ein überschobenes Deckengebirge vorzustellen – denn das sind die Alpen – haben sich Franzi und Karl auch über Feedback in Form von methodischen Vorschlägen gefreut. Dazu gehören bessere Visualisierungen mit farbigen Handtüchern für die Idee einer liegenden Falte (von Albert Heim bis 1906 anstelle von überschobenen Decken propagiert):</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1876" decoding="async" height="312" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934-300x146.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg"><img alt="Nahaufnahme: viel rot auf wenig blau" data-id="1878" decoding="async" height="316" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936-300x148.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Hier kann man leicht bei der Bildung einer liegenden Falte erkennen (propagiert von Albert Heim), dass dann im unteren Schenkel der Falte die Abfolge umgekehrt wurde.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1877" decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935-300x163.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg"><img alt="Rotes Handtuch liegt auf blauem, seitlich verschoben" data-id="1879" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937-300x140.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Die reale Deckenüberschiebung lässt sich ebenfalls leicht nachstellen: Das ältere (rote) Gestein wurde hier über die jüngere Schicht (blau) geschoben).</figcaption></figure> </figure> <p>Zur Supernova-Folge loben viele die Verständlichkeit und den Humor. In ihrem inhaltlichen Feedback diskutieren Hörer jene „fehlgeschlagenen“, oder auch „gescheiterten“ Supernovae, bei denen Sterne direkt zu Schwarzen Löchern kollabieren, ohne vorher eine spektakuläre Explosion abzuliefern. Außerdem gab es Post von einem Hörer, der von seiner ganz eigenen „gescheiterte“ Supernova berichtet hat: die Supernova SN 1987A in der Nachbargalaxie der Großen Magellanschen Wolke.</p> <p>Zuguterletzt geht’s noch um um die Social-Media-Kanäle des AstroGeo-Podcasts: Hier ist Mastodon der einzige. Karl erklärt, wie Mastodon funktioniert – und frei zugänglich reinschauen <a href="https://chaos.social/@astro_geo" rel="noopener">kann man hier</a>.</p> <p><em>Episodenbild: Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab / CC-BY-SA 4.0 ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082 / K. Urban</em></p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber – das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 134: <a href="https://astrogeo.de/explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/" rel="noopener">Explosion abgesagt – kann eine Supernova ausfallen?</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen – beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">AstroGeo-Exkursion ins Nördlinger Ries 2026</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geosynklinale" rel="noopener">Geosynklinale</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plutonit" rel="noopener">Plutonische Gesteine</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/SN_1987A" rel="noopener">Supernova SN 1987A</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Becquerel" rel="noopener">Henri Becquerel</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://joinmastodon.org/de/servers" rel="noopener">Auswahl verfügbarer Server</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/NjA2/" rel="noopener">Starterpack Astronomy in Germany</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/OTk1/" rel="noopener">Starterpack Geologie und Erdwissenschaften</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag136-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Verdrehte Alpen und verschwindende Sterne » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag136-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten drei Geschichten im AstroGeo Podcast. Zunächst freuen sie sich über zwei Nachrichten, die zeigen, wie der Podcast das Interesse für die Geologie und die Astronomie weckt: Geologie-Fans finden über den Podcast Zugang zu den Sternen, während Astronomie-Begeisterte die Erde für sich entdecken.</p> <p>Ein großes Thema ist die geplante AstroGeo-Exkursion (Franzi sagt: „Der Wandertag!“) ins Nördlinger Ries im Oktober 2026. Die Nachfrage war deutlich höher als die Zahl verfügbarer Plätze, weswegen einige Hörerinnen und Hörer enttäuscht waren – , aber auch Vorfreude und Unterstützung wurde geäußert. Der Plan ist, Teile der Exkursion des Wandertags aufzunehmen und als Sonderfolge zu veröffentlichen.<aside></aside></p> <p>Zur ersten Alpen-Folge über falsch herum gelagerten Gesteinsdecken gibt es Korrekturen und Ergänzungen, etwa zu sprachlichen Details (Schweizerdeutsch) und geologischen Erklärungen (Faltenbildung, Sediment- vs. Plutonische Tiefengesteine). Karl geht auch auf Missverständnisse ein und kündigt eine dritte, abschließende Folge zur Gebirgsbildung an. Da es für nicht-Expertinnen und -Experten schwierig sein kann, sich ein überschobenes Deckengebirge vorzustellen – denn das sind die Alpen – haben sich Franzi und Karl auch über Feedback in Form von methodischen Vorschlägen gefreut. Dazu gehören bessere Visualisierungen mit farbigen Handtüchern für die Idee einer liegenden Falte (von Albert Heim bis 1906 anstelle von überschobenen Decken propagiert):</p> <figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1876" decoding="async" height="312" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/1-Urspruengliche-stratigrafische-Lagerung-IMG_7934-300x146.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg"><img alt="Nahaufnahme: viel rot auf wenig blau" data-id="1878" decoding="async" height="316" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/3-Detail-liegende-Falte-unten-jung-oben-alt-IMG_7936-300x148.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Hier kann man leicht bei der Bildung einer liegenden Falte erkennen (propagiert von Albert Heim), dass dann im unteren Schenkel der Falte die Abfolge umgekehrt wurde.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg"><img alt="Ein hellblaues Handtuch liegt auf einem roten" data-id="1877" decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/2-Liegende-Falte-unten-Abfolge-verkehrt-IMG_7935-300x163.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Das rote Tuch steht für die primär unten liegende ältere Gesteinseinheit, und das blaue für die darüber abgelagerte jüngere.</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg"><img alt="Rotes Handtuch liegt auf blauem, seitlich verschoben" data-id="1879" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/4-Deckenueberschiebung-vrnl-IMG_7937-300x140.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Die reale Deckenüberschiebung lässt sich ebenfalls leicht nachstellen: Das ältere (rote) Gestein wurde hier über die jüngere Schicht (blau) geschoben).</figcaption></figure> </figure> <p>Zur Supernova-Folge loben viele die Verständlichkeit und den Humor. In ihrem inhaltlichen Feedback diskutieren Hörer jene „fehlgeschlagenen“, oder auch „gescheiterten“ Supernovae, bei denen Sterne direkt zu Schwarzen Löchern kollabieren, ohne vorher eine spektakuläre Explosion abzuliefern. Außerdem gab es Post von einem Hörer, der von seiner ganz eigenen „gescheiterte“ Supernova berichtet hat: die Supernova SN 1987A in der Nachbargalaxie der Großen Magellanschen Wolke.</p> <p>Zuguterletzt geht’s noch um um die Social-Media-Kanäle des AstroGeo-Podcasts: Hier ist Mastodon der einzige. Karl erklärt, wie Mastodon funktioniert – und frei zugänglich reinschauen <a href="https://chaos.social/@astro_geo" rel="noopener">kann man hier</a>.</p> <p><em>Episodenbild: Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab / CC-BY-SA 4.0 ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082 / K. Urban</em></p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber – das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> <li>Folge 134: <a href="https://astrogeo.de/explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/" rel="noopener">Explosion abgesagt – kann eine Supernova ausfallen?</a></li> <li>Folge 135: <a href="https://astrogeo.de/alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/" rel="noopener">Alpine Ahnungen – beweist das Gebirge die Plattentektonik?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">AstroGeo-Exkursion ins Nördlinger Ries 2026</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Geosynklinale" rel="noopener">Geosynklinale</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plutonit" rel="noopener">Plutonische Gesteine</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/SN_1987A" rel="noopener">Supernova SN 1987A</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Becquerel" rel="noopener">Henri Becquerel</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://joinmastodon.org/de/servers" rel="noopener">Auswahl verfügbarer Server</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/NjA2/" rel="noopener">Starterpack Astronomy in Germany</a></li> <li>Mastodon: <a href="https://fedidevs.com/s/OTk1/" rel="noopener">Starterpack Geologie und Erdwissenschaften</a></li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-verdrehte-alpen-und-verschwindende-sterne/#comments 1 Geheimnis um Goldene Kugel gelüftet https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnis-um-goldene-kugel-gelueftet/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnis-um-goldene-kugel-gelueftet/#comments Fri, 24 Apr 2026 06:59:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1972 <h1>Geheimnis um Goldene Kugel gelüftet » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2023 hatte ein Tiefseeforschungsteam an Bord des NOAA-Forschungsschiffs <em>Okeanos Explorer</em> durch die Kameraaugen eines ROV (remotely operated vehicle)-Tauchroboters eine unidentifizierbare „Goldene Kugel“ gesichtet. Sie kartierten gerade einen kleinen Seeberg im Golf von Alaska. Beim Gleiten über einen Felsvorsprung in 3.300 Metern Tiefe erschien auf den Kamera-Bildschirmen eine Art “gelber Hut”, so die erste Beschreibung.<br></br>Zwischen den weißen Tiefsee-Schwämmen fiel die weiche, gold-gelbe halbrunde, organisch wirkende Struktur von etwa 10 Zentimetern Durchmesser auf. Ihr unterer Rand schmiegte sich an die Felsen und oben war ein kleines Loch – innen war sie genauso gefärbt. <br></br>Die Wissenschaftler diskutierten über einen toten Schwamm, eine Koralle oder ein ungewöhnliches Ei-Gelege und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/unidentifizierte-goldene-kugel-am-meeresboden-im-golf-von-alaska/">sammelten das “Ding” schließlich per Suction Sampler mit dem ROV-Greifarm ein. </a></p> <p>An Deck wurde klar, dass es keine goldene Kugel, sondern eine ockerfarbene schmoddrige Halbkugel ist:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/FUXrvirtdB8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Mysterious Golden Orb Identified!" width="666"></iframe> </p><figcaption>In 2023, during NOAA’s Seascape Alaska 5 expedition, scientists found a golden-colored lifeform adhered to a rocky outcropping at a depth of nearly two miles. After more than two years of investigation, scientists have solved the mystery of the “golden orb,” identifying it as the remnants of a giant deep-sea anemone. (Video credit: NOAA Ocean Exploration)</figcaption></figure> <h2>Die Enthüllung des Goldenen-Kugel-Schmodder-Blobs</h2> <p>Warum dauerte die Analyse so lange?<br></br>Dr. Allen Collins, Zoologe und Leiter des National Systematics Laboratory der NOAA Fisheries (im Smithsonian National Museum of Natural History) war eigentlich zuversichtlich, dass taxonomische Routineverfahren die Zugehörigkeit zu einer bekannten Tiergruppe schnell herausfinden würden. <br></br>„Doch dies“ erklärt er im Interview „<a href="https://www.noaa.gov/news/scientists-reveal-identity-of-mysterious-golden-orb-collected-during-noaa-expedition?fbclid=IwY2xjawRWxalleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHgvgiroV97pWyETniAyzh8_0QZcai7j8uAGnvYUEUUIjLSSU2oOV0UDVgfi-_aem_K1tO19qMmgHj2QotAsgS1Q" rel="noopener">entwickelte sich zu einem Sonderfall […]</a>„: Ein komplexes Rätsel, zu dessen Lösung morphologisches, genetisches, tiefseebiologisches und bioinformatisches Fachwissen mehrerer Spezialisten für ganz unterschiedliche Tiergruppen erforderlich wurde.</p> <p>Die Wissenschaftler:innen nutzten einen „integrativen taxonomischen Ansatz, bei dem die Untersuchung der physischen Struktur mit genetischen Analysen kombiniert wurde, um dieses Objekt und ein mittlerweile zweites gefundenes Exemplar zu identifizieren. Erste Untersuchungen ergaben, dass das Objekt keine typische tierische Anatomie aufwies, sondern ein faseriges Material mit einer geschichteten Oberfläche war. Diese Oberfläche war mit Nesselzellen (Cnidocyten) „gespickt“ – ein Hinweis auf ein Nesseltier wie eine Seeanemone. Abigail Reft vom National Systematics Lab identifizierte die Zellen schließlich als <a href="https://www.dreamstime.com/each-cnidocyte-contains-organelle-called-cnida-cnidocyst-nematocyst-ptychocyst-spirocyst-organelle-consists-bulb-image241400568" rel="noopener">„spirocysts“, Teile von Nesselzellen,</a> die ausschließlich in der Gruppe der Hexacorallia vorkommen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="537" sizes="(max-width: 937px) 100vw, 937px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png 937w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-300x172.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-768x440.png 768w" width="937"></img></a><figcaption>A <em>Relicanthus</em> attached to a dead sponge stalk (National Oceanic and Atmospheric Administration – NOAA’s Okeanos Explorer 2016 CAPSTONE Expedition) (Wikipedia: Relicanthus).</figcaption></figure> <p>Die anfangs durchgeführte DNA-Barcoding-Analyse hatte keine eindeutigen Ergebnisse geliefert. Offenbar war die „Goldkugel“-DNA mit der von Mikroorganismen verunreinigt. Erst eine umfassendere genetische Analyse bestätigte das Vorhandensein tierischer DNA und besonders viel genetisches Material der riesigen Tiefseeanemone. Die Sequenzierung der mitochondrialen Genome beider Exemplare bestätigte dann, dass sie genetisch fast identisch mit einem bekannten Referenzgenom von <em>Relicanthus daphneae </em>waren.<br></br>Ganz genau waren es Überreste der abgestorbenen Zellen am Fuß einer riesigen Tiefseeanemone, <em>Relicanthus daphneae</em>. <aside></aside></p> <p>Das zunächst uneindeutige genetische Ergebnis zeigt, dass diese abgestorbene Seeanemonen-Fußscheibe offenbar schon von Mikroorganismen zur Zersetzung besiedelt war und die seltsam faserige Hohl-Struktur passt ebenfalls zu einer Seeanemone.<br></br>Für alle, die immer noch auf ein Alien-Ei gehofft hatten: In der Tiefsee gibt es immer noch so viele Entdeckungen zu machen, auch ohne Einflüsse von Outer Space – Tiefseeforschung bleibt weiterhin spannend!</p> </div><div> <img alt="Bettina Wurche in Portsmouth" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen:&#xD; Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer.&#xD; Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig.&#xD; Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft.&#xD; Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane.&#xD; Auf der Erde und anderen Welten.&#xD; &#xD; Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse.&#xD; Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen.&#xD; Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage <a href="https://meertext.eu/">“Meertext”</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Geheimnis um Goldene Kugel gelüftet » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>2023 hatte ein Tiefseeforschungsteam an Bord des NOAA-Forschungsschiffs <em>Okeanos Explorer</em> durch die Kameraaugen eines ROV (remotely operated vehicle)-Tauchroboters eine unidentifizierbare „Goldene Kugel“ gesichtet. Sie kartierten gerade einen kleinen Seeberg im Golf von Alaska. Beim Gleiten über einen Felsvorsprung in 3.300 Metern Tiefe erschien auf den Kamera-Bildschirmen eine Art “gelber Hut”, so die erste Beschreibung.<br></br>Zwischen den weißen Tiefsee-Schwämmen fiel die weiche, gold-gelbe halbrunde, organisch wirkende Struktur von etwa 10 Zentimetern Durchmesser auf. Ihr unterer Rand schmiegte sich an die Felsen und oben war ein kleines Loch – innen war sie genauso gefärbt. <br></br>Die Wissenschaftler diskutierten über einen toten Schwamm, eine Koralle oder ein ungewöhnliches Ei-Gelege und <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/unidentifizierte-goldene-kugel-am-meeresboden-im-golf-von-alaska/">sammelten das “Ding” schließlich per Suction Sampler mit dem ROV-Greifarm ein. </a></p> <p>An Deck wurde klar, dass es keine goldene Kugel, sondern eine ockerfarbene schmoddrige Halbkugel ist:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube-nocookie.com/embed/FUXrvirtdB8?feature=oembed&amp;rel=0" title="Mysterious Golden Orb Identified!" width="666"></iframe> </p><figcaption>In 2023, during NOAA’s Seascape Alaska 5 expedition, scientists found a golden-colored lifeform adhered to a rocky outcropping at a depth of nearly two miles. After more than two years of investigation, scientists have solved the mystery of the “golden orb,” identifying it as the remnants of a giant deep-sea anemone. (Video credit: NOAA Ocean Exploration)</figcaption></figure> <h2>Die Enthüllung des Goldenen-Kugel-Schmodder-Blobs</h2> <p>Warum dauerte die Analyse so lange?<br></br>Dr. Allen Collins, Zoologe und Leiter des National Systematics Laboratory der NOAA Fisheries (im Smithsonian National Museum of Natural History) war eigentlich zuversichtlich, dass taxonomische Routineverfahren die Zugehörigkeit zu einer bekannten Tiergruppe schnell herausfinden würden. <br></br>„Doch dies“ erklärt er im Interview „<a href="https://www.noaa.gov/news/scientists-reveal-identity-of-mysterious-golden-orb-collected-during-noaa-expedition?fbclid=IwY2xjawRWxalleHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHgvgiroV97pWyETniAyzh8_0QZcai7j8uAGnvYUEUUIjLSSU2oOV0UDVgfi-_aem_K1tO19qMmgHj2QotAsgS1Q" rel="noopener">entwickelte sich zu einem Sonderfall […]</a>„: Ein komplexes Rätsel, zu dessen Lösung morphologisches, genetisches, tiefseebiologisches und bioinformatisches Fachwissen mehrerer Spezialisten für ganz unterschiedliche Tiergruppen erforderlich wurde.</p> <p>Die Wissenschaftler:innen nutzten einen „integrativen taxonomischen Ansatz, bei dem die Untersuchung der physischen Struktur mit genetischen Analysen kombiniert wurde, um dieses Objekt und ein mittlerweile zweites gefundenes Exemplar zu identifizieren. Erste Untersuchungen ergaben, dass das Objekt keine typische tierische Anatomie aufwies, sondern ein faseriges Material mit einer geschichteten Oberfläche war. Diese Oberfläche war mit Nesselzellen (Cnidocyten) „gespickt“ – ein Hinweis auf ein Nesseltier wie eine Seeanemone. Abigail Reft vom National Systematics Lab identifizierte die Zellen schließlich als <a href="https://www.dreamstime.com/each-cnidocyte-contains-organelle-called-cnida-cnidocyst-nematocyst-ptychocyst-spirocyst-organelle-consists-bulb-image241400568" rel="noopener">„spirocysts“, Teile von Nesselzellen,</a> die ausschließlich in der Gruppe der Hexacorallia vorkommen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="537" sizes="(max-width: 937px) 100vw, 937px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48.png 937w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-300x172.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-48-768x440.png 768w" width="937"></img></a><figcaption>A <em>Relicanthus</em> attached to a dead sponge stalk (National Oceanic and Atmospheric Administration – NOAA’s Okeanos Explorer 2016 CAPSTONE Expedition) (Wikipedia: Relicanthus).</figcaption></figure> <p>Die anfangs durchgeführte DNA-Barcoding-Analyse hatte keine eindeutigen Ergebnisse geliefert. Offenbar war die „Goldkugel“-DNA mit der von Mikroorganismen verunreinigt. Erst eine umfassendere genetische Analyse bestätigte das Vorhandensein tierischer DNA und besonders viel genetisches Material der riesigen Tiefseeanemone. Die Sequenzierung der mitochondrialen Genome beider Exemplare bestätigte dann, dass sie genetisch fast identisch mit einem bekannten Referenzgenom von <em>Relicanthus daphneae </em>waren.<br></br>Ganz genau waren es Überreste der abgestorbenen Zellen am Fuß einer riesigen Tiefseeanemone, <em>Relicanthus daphneae</em>. <aside></aside></p> <p>Das zunächst uneindeutige genetische Ergebnis zeigt, dass diese abgestorbene Seeanemonen-Fußscheibe offenbar schon von Mikroorganismen zur Zersetzung besiedelt war und die seltsam faserige Hohl-Struktur passt ebenfalls zu einer Seeanemone.<br></br>Für alle, die immer noch auf ein Alien-Ei gehofft hatten: In der Tiefsee gibt es immer noch so viele Entdeckungen zu machen, auch ohne Einflüsse von Outer Space – Tiefseeforschung bleibt weiterhin spannend!</p> </div><div> <img alt="Bettina Wurche in Portsmouth" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Bettina-Wurche-in-Portsmouth-400x400.jpg 2x" width="200"></img> <p>Auf dem Science-Blog „Meertext“ schreibe ich über meine Lieblingsthemen:&#xD; Biologie, Zoologie, Paläontologie und das Meer.&#xD; Wale, Fische und andere Meeresgetüme. Tot oder lebendig.&#xD; Fossile Meere, heutige Meere und Meere der Zukunft.&#xD; Die Erforschung, nachhaltige Nutzung und den Schutz der Ozeane.&#xD; Auf der Erde und anderen Welten.&#xD; &#xD; Ich berichte regelmäßig über Forschung und Wissenschaft, hinterfrage Publikationen und Statements und publiziere eigene Erlebnisse und Ergebnisse.&#xD; Außerdem schreibe ich über ausgewählte Ausstellungen, Vorträge, Bücher, Filme und Events zu den Themen.&#xD; Mehr über meine Arbeit als Biologin und Journalistin gibt´s auf meiner Homepage <a href="https://meertext.eu/">“Meertext”</a>.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/geheimnis-um-goldene-kugel-gelueftet/#comments 5 Hyperschall: Numerische Strömungsmechanik auf Abwegen https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperschall-numerische-stromungsmechanik-auf-abwegen/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperschall-numerische-stromungsmechanik-auf-abwegen/#comments Wed, 22 Apr 2026 12:00:00 +0000 Christoph Pöppe https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14352 <h1>Hyperschall: Numerische Strömungsmechanik auf Abwegen - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist schon eine ganze Weile her, da wollte die europäische Raumfahrtagentur ESA ein eigenes „Space Shuttle“ bauen: einen Flugkörper, der mit einer Rakete in die Erdumlaufbahn geschossen wird und im Gleitflug zurückkehrt, so dass er mit ausgefahrenen Rädern auf einem gewöhnlichen Flughafen landen kann. Das amerikanische Space Shuttle gab es schon; entsprechend hatten die Europäer wenig Neigung, das Ding einfach nachzumachen, und so viel Geld mochten sie auch nicht ausgeben. Also sollte „Hermes“, so hieß der geplante Flugkörper, nur halb so lang sein wie das Vorbild: 19 statt 38 Meter.</p> <p>Paradoxerweise wird dadurch die Aufgabe deutlich schwerer. Nicht für den Hinweg, im Gegenteil: Man muss weniger Energie aufwenden, um das Gerät aus dem Schwerefeld der Erde auf die gewünschte Flughöhe zu heben. Aber für den Rückweg! Da geht es nämlich darum, die schöne potenzielle Energie wieder loszuwerden, und zwar so, dass man heile unten ankommt. Durch Einleiten der Fallbewegung wird die potenzielle zu kinetischer Energie, und diese wiederum wird durch Reibung an der umgebenden Luft in Wärme umgewandelt. Dabei steigt die Temperatur drastisch an: Ungesteuerte Objekte pflegen zu verglühen, bevor sie die Erdoberfläche erreichen; also muss man den Flugkörper erstens sorgfältig steuern und zweitens mit Hitzeschutzkacheln versehen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-scaled.jpg"><img alt="Hermes Raumfähre." decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-2048x1362.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Die geplante Hermes Raumfähre der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Bild: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hermes_(Raumf%C3%A4hre)#/media/Datei:Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia </a>(<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Der Wärmeenergieeintrag ist im Wesentlichen proportional zur Oberfläche des Flugkörpers, der Temperaturanstieg dagegen proportional zum Volumen. Verkleinert man das Shuttle um den Faktor 2, so schrumpft die Oberfläche auf ein Viertel und das Volumen auf ein Achtel. Das heißt: Ein halb so großes Gerät wird im Prinzip doppelt so heiß.</p> <p>Für den Hermes musste man sich also entsprechend mehr Mühe geben, insbesondere die Strömung der Luft um den Flugkörper genauer berechnen. Da er mit vielfacher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintritt, bildet sich eine Stoßfront aus stark verdichteter und erhitzter Luft; die darf unter keinen Umständen irgendeine Stelle der Oberfläche treffen. Obendrein werden durch die extremen Temperaturen die Moleküle der Luft selbst so heftig geschüttelt, dass sie zerbrechen. Erst der Sauerstoff, dann der fester gebundene Stickstoff – eigentlich ein erwünschter Effekt, denn das Aufbrechen der chemischen Bindung verzehrt Energie und wirkt daher in der Tendenz kühlend. Bis sich die Einzelatome wieder zu Molekülen zusammenfinden und dabei aufheizen, sind sie längst nach hinten weggeflogen.</p> <p>Aber durch die Aufspaltung verändert sich das Verhalten der Luft, weil nun auf einmal doppelt so viele Moleküle ungebunden herumfliegen. Das muss man in der numerischen Simulation berücksichtigen. Und die war damals, am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg, mein Job.<aside></aside></p> <p>Nein, keine Sorge. Natürlich vertraut man eine zentrale Aufgabe in einem Milliardenprojekt nicht einfach so einem kleinen wissenschaftlichen Angestellten an. Die französische Firma Dassault, die das Ding bauen sollte, hatte vorgearbeitet und dabei schon eine äußere Form für das Gerät gefunden. Da aber für ein europäisches Projekt stets Partner aus mehreren Ländern beteiligt sein müssen, hatten sie nichts dagegen, wenn die Deutschen die Sache noch einmal unabhängig nachrechneten.</p> <p>Außerdem hatten wir etwas, das die Franzosen nicht hatten: die Forschungen des Physikers Jürgen Warnatz. Der hatte die Kunst, komplexe chemische Reaktionen wie vor allem Verbrennung in lauter Einzelreaktionen zu zerlegen, zu neuen Höhen getrieben: praktisch, indem er die flüchtigen Zwischenprodukte präzise zu messen verstand, und theoretisch, indem er für jede Einzelreaktion die temperaturabhängige Reaktionskonstante ermittelte. So konnte er auch angeben, wie rasch die oben angesprochene Dissoziation der Luftmoleküle stattfinden würde, und zwar unter Druck- und Temperaturverhältnissen, wie sie zwar in der Umgebung des „Hermes“ herrschen würden, aber in einem irdischen Labor praktisch nicht erzeugbar waren.</p> <p>Die Sache mit der Stoßfront stellte, auch ohne den Dissoziationseffekt, die numerische Mathematik vor Probleme, die damals noch nicht zufriedenstellend gelöst waren. Es geht darum, partielle Differentialgleichungen zu lösen, zum Beispiel die <a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Navier-Stokes-Gleichung</a>, die sich bereits einer theoretischen Durchdringung hartnäckig widersetzt. Üblicherweise überzieht man das Rechengebiet mit einem Gitter aus Punkten und begnügt sich, die Werte der gesuchten Funktionen – Strömungsgeschwindigkeit, Dichte und Temperatur der Luft und so weiter – in diesen Gitterpunkten zu bestimmen. (Das Rechengebiet ist der Flugkörper samt Umgebung, den man sich als ruhend vorstellt, während er von einer Seite durch Luft mit hoher Geschwindigkeit angeblasen wird.) Da die beteiligten Funktionen stetig und sogar differenzierbar sind, kann man erwarten, dass sich zwischen den Gitterpunkten nicht allzu viel Überraschendes abspielt, so dass die Werte in den Gitterpunkten, so diese hinreichend dicht liegen, das Wesentliche erfassen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-scaled.png"><img alt="Graphische Darstellung einer Berechnung der Luftumgebung um den Raumkörper uas dem Jahr 1989." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-2048x1365.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick in meine – sehr spärlichen – Unterlagen vom März 1989 wirkt wie eine Übung in Steinzeitarchäologie. Ich arbeitete an einer Workstation – damals Spitze der Technik –, aber es gab noch keine Anwendungen, um aus dem, was sie anzeigte, eine Bilddatei zu machen. Also habe ich zur Gedächtnisstütze den Bildschirm mit einer gewöhnlichen Kamera abfotografiert. Das Bild zeigt den Zustand (ich weiß nicht mehr, welchen) der simulierten Luft in der Umgebung der Nase des Flugkörpers (untere Randkurve); das Bild muss man sich spiegelbildlich nach unten fortgesetzt denken. Die obere Randkurve ist die – willkürlich gewählte – Grenze des Rechengebiets. Gezeigt sind Konturlinien („Höhenlinien“): Schwarz sind die Punkte, an denen die Zustandsgröße ungefähr einen – sagen wir – ganzzahligen Wert annimmt. Die Anströmgeschwindigkeit ist noch gering; immerhin sieht man eine Stoßfront sich bilden (dicht beieinander liegende Konturlinien zeigen große Änderungen auf kleinem Raum an). Bild: Pöppe</figcaption></figure> </div> <p>Diese Vorstellung bricht zusammen, sowie eine Stoßfront entsteht. An ihr ändern sich nämlich die Funktionswerte so plötzlich, dass ihre Beschreibung durch stetige Funktionen unbrauchbar wird. An die Stelle der Navier-Stokes-Gleichung tritt ihre hässliche Schwester, die Euler-Gleichung. Deren Lösungen können, auch in der Theorie, Stoßfronten entwickeln: Stellen, an denen die Funktion plötzlich von einem Wert „links“ zu einem anderen Wert „rechts“ springt. Dort ist auch die Differentialgleichung nicht mehr gültig – kein Wunder, man kann die Funktion an dieser Stelle nicht differenzieren –, und es sind Zusatzannahmen erforderlich, um die Physik auch dort noch korrekt zu beschreiben.</p> <p>Für die Numerik bedeutet das, das Gitter um zusätzliche Punkte zu erweitern, deren Position im Gegensatz zu der der anderen Gitterpunkte variabel ist. Und zwar legt das Programm diese Punkte genau in die Stoßfront, und die Funktion hat dort zwei Werte, einen linken und einen rechten. Die Position dieser Punkte zählt also zu den Unbekannten in dem ganzen Gleichungssystem; man weiß ja nicht im Voraus, wo die Stoßfront liegen wird. Das macht die Sache so kompliziert, dass ich mich gezwungen sah, die Standardtheorie für diesen Fall neu zu überdenken.</p> <p>Mit diesem Problem war ich noch zugange, als ich im Frühjahr 1989 von der Wissenschaft in den Journalismus wechselte. Wenige Monate später wurde das Projekt „Hermes“ zunächst auf Halde gelegt und ein paar Jahre später endgültig beerdigt. Unter den veränderten Verhältnissen seit dem Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion kam man zu der Erkenntnis, dass der Erfolg den Aufwand nicht rechtfertigen würde (was er vermutlich nie getan hat).</p> <p>Wieso erzähle ich ausgerechnet jetzt diese alte Geschichte? Weil ich kürzlich auf einen <a data-id="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" data-type="link" href="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Artikel in der Zeitschrift „Der Ingenieur“</a> gestoßen bin. Demnach arbeiten Staaten wie Russland, China und die USA an der Entwicklung von Hyperschallwaffen; das sind solche, die die fünffache Schallgeschwindigkeit oder mehr erreichen.</p> <p>Da kommen mit Macht die Argumente wieder hoch, die wir noch aus der Nachrüstungsdebatte der 1980er Jahre kennen. Eine Hyperschallwaffe taugt offensichtlich nicht zur Verteidigung, sondern nur zum Angriff. Sie destabilisiert das Gleichgewicht des Schreckens, weil sie die Verteidigungsmittel der Gegenseite unwirksam macht oder zumindest deren Vorwarnzeit auf wenige Minuten verkürzt. Ein Staat, der Anlass hat, einen Angriff durch Hyperschallwaffen zu fürchten, wird sich beeilen, in der technischen Entwicklung nachzuziehen – nicht um einen solchen Angriff abzuwehren, was praktisch unmöglich wäre, sondern um mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen oder zumindest damit zu drohen. Schlimmstenfalls würde er sich zu einem Präventivschlag genötigt sehen.</p> <p>Die technischen Probleme, die der Artikel aufzählt, waren für mich alles alte Bekannte! Es gibt eine Stoßfront, die Luft erhitzt sich auf mehrere tausend Grad, sie zerfällt in Einzelatome oder auch Ionen, was die Kommunikation über Funk unmöglich macht, und die hohen Geschwindigkeiten machen eine Steuerung extrem schwierig. An der Lösung dieser und ähnlicher Probleme haben die Hermes-Leute gearbeitet.</p> <p>Da kommen mir diverse Treffen in den Sinn, auf denen sich die Beteiligten an dem Projekt über ihre Fortschritte austauschten. Es waren auch amerikanische Kollegen dabei; die brachten für das Hermes-Projekt nur sehr begrenztes Interesse auf, schließlich ging es um Probleme, die sie mit ihrem Space Shuttle längst gelöst hatten. Stattdessen erzählten sie lieber von ihrem aktuellen Projekt: einem Triebwerk, das auch bei Hyperschallgeschwindigkeit noch funktioniert. Es ist paradox: Das Triebwerk muss die einströmende Luft zunächst abbremsen, damit sie überhaupt Zeit hat, den Kraftstoff zu verbrennen, und daraufhin die Abgase mit noch höherer Geschwindigkeit nach hinten ausstoßen – alles nicht einfach. (Man verwendet wieder ein Koordinatensystem, in dem der Flugkörper ruht.)</p> <p>Wenn man einen Moment nachdenkt, wird einem klar, dass ein solches Flugzeug für den Transport von Passagieren oder auch nur eiligen Waren den Aufwand nicht lohnt. Schon die Concorde hat uns gezeigt, dass kaum jemand bereit ist, die horrenden Betriebskosten zu finanzieren, um in drei statt sechs Stunden über den Atlantik zu kommen. Wer würde noch weit mehr Geld ausgeben, um die Reisezeit von drei Stunden auf eine zu verkürzen? Nein, das einzige denkbare Transportgut für ein Hyperschallflugzeug sind – Sprengköpfe.</p> <p>So wie es aussieht, haben wir also mit dem Hermes-Projekt, ohne es zu ahnen oder beeinflussen zu können, der Entwicklung eines der übelsten Waffensysteme Vorschub geleistet.</p> <p>Was mich persönlich angeht, kann ich mich auf die üblichen Ausreden zurückziehen: Ich hatte nur das wissenschaftliche Interesse im Sinn, eine militärische Nutzung konnte ich mir nicht vorstellen, ich war ein so kleines Rädchen, dass mein Beitrag praktisch vernachlässigbar ist, und wenn ich’s nicht gemacht hätte, dann jemand anders … Stimmt alles, hilft aber nicht viel. Es bleibt die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers, die seit Jahrzehnten heftig und bis zum Überdruss diskutiert wird. Antworten waren und sind schwierig.</p> <p>Eine Einzelheit kann einen in diesem Fall vorsichtig optimistisch stimmen. Wegen der großen Hitzeentwicklung hinterlässt jeder Hyperschallflugkörper eine intensive Infrarot-Leuchtspur. Die kann jeder entsprechend ausgerüstete Satellit präzise wahrnehmen und – gerade noch rechtzeitig – Vorwarnungen ausstoßen. Es wäre doch schön, wenn die Militärs aller Lager zu dem Ergebnis kämen, dass es schlicht nicht lohnt, mit dieser – sehr teuren – Entwicklung den Rüstungswettlauf voranzutreiben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hyperschall: Numerische Strömungsmechanik auf Abwegen - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Christoph Pöppe</h2><div itemprop="text"> <p>Es ist schon eine ganze Weile her, da wollte die europäische Raumfahrtagentur ESA ein eigenes „Space Shuttle“ bauen: einen Flugkörper, der mit einer Rakete in die Erdumlaufbahn geschossen wird und im Gleitflug zurückkehrt, so dass er mit ausgefahrenen Rädern auf einem gewöhnlichen Flughafen landen kann. Das amerikanische Space Shuttle gab es schon; entsprechend hatten die Europäer wenig Neigung, das Ding einfach nachzumachen, und so viel Geld mochten sie auch nicht ausgeben. Also sollte „Hermes“, so hieß der geplante Flugkörper, nur halb so lang sein wie das Vorbild: 19 statt 38 Meter.</p> <p>Paradoxerweise wird dadurch die Aufgabe deutlich schwerer. Nicht für den Hinweg, im Gegenteil: Man muss weniger Energie aufwenden, um das Gerät aus dem Schwerefeld der Erde auf die gewünschte Flughöhe zu heben. Aber für den Rückweg! Da geht es nämlich darum, die schöne potenzielle Energie wieder loszuwerden, und zwar so, dass man heile unten ankommt. Durch Einleiten der Fallbewegung wird die potenzielle zu kinetischer Energie, und diese wiederum wird durch Reibung an der umgebenden Luft in Wärme umgewandelt. Dabei steigt die Temperatur drastisch an: Ungesteuerte Objekte pflegen zu verglühen, bevor sie die Erdoberfläche erreichen; also muss man den Flugkörper erstens sorgfältig steuern und zweitens mit Hitzeschutzkacheln versehen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-scaled.jpg"><img alt="Hermes Raumfähre." decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05-2048x1362.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Die geplante Hermes Raumfähre der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Bild: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Hermes_(Raumf%C3%A4hre)#/media/Datei:Sevilla_Expo_92-Projecto_ESA-1992_05_05.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wikipedia </a>(<a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Der Wärmeenergieeintrag ist im Wesentlichen proportional zur Oberfläche des Flugkörpers, der Temperaturanstieg dagegen proportional zum Volumen. Verkleinert man das Shuttle um den Faktor 2, so schrumpft die Oberfläche auf ein Viertel und das Volumen auf ein Achtel. Das heißt: Ein halb so großes Gerät wird im Prinzip doppelt so heiß.</p> <p>Für den Hermes musste man sich also entsprechend mehr Mühe geben, insbesondere die Strömung der Luft um den Flugkörper genauer berechnen. Da er mit vielfacher Schallgeschwindigkeit in die Atmosphäre eintritt, bildet sich eine Stoßfront aus stark verdichteter und erhitzter Luft; die darf unter keinen Umständen irgendeine Stelle der Oberfläche treffen. Obendrein werden durch die extremen Temperaturen die Moleküle der Luft selbst so heftig geschüttelt, dass sie zerbrechen. Erst der Sauerstoff, dann der fester gebundene Stickstoff – eigentlich ein erwünschter Effekt, denn das Aufbrechen der chemischen Bindung verzehrt Energie und wirkt daher in der Tendenz kühlend. Bis sich die Einzelatome wieder zu Molekülen zusammenfinden und dabei aufheizen, sind sie längst nach hinten weggeflogen.</p> <p>Aber durch die Aufspaltung verändert sich das Verhalten der Luft, weil nun auf einmal doppelt so viele Moleküle ungebunden herumfliegen. Das muss man in der numerischen Simulation berücksichtigen. Und die war damals, am Interdisziplinären Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen der Universität Heidelberg, mein Job.<aside></aside></p> <p>Nein, keine Sorge. Natürlich vertraut man eine zentrale Aufgabe in einem Milliardenprojekt nicht einfach so einem kleinen wissenschaftlichen Angestellten an. Die französische Firma Dassault, die das Ding bauen sollte, hatte vorgearbeitet und dabei schon eine äußere Form für das Gerät gefunden. Da aber für ein europäisches Projekt stets Partner aus mehreren Ländern beteiligt sein müssen, hatten sie nichts dagegen, wenn die Deutschen die Sache noch einmal unabhängig nachrechneten.</p> <p>Außerdem hatten wir etwas, das die Franzosen nicht hatten: die Forschungen des Physikers Jürgen Warnatz. Der hatte die Kunst, komplexe chemische Reaktionen wie vor allem Verbrennung in lauter Einzelreaktionen zu zerlegen, zu neuen Höhen getrieben: praktisch, indem er die flüchtigen Zwischenprodukte präzise zu messen verstand, und theoretisch, indem er für jede Einzelreaktion die temperaturabhängige Reaktionskonstante ermittelte. So konnte er auch angeben, wie rasch die oben angesprochene Dissoziation der Luftmoleküle stattfinden würde, und zwar unter Druck- und Temperaturverhältnissen, wie sie zwar in der Umgebung des „Hermes“ herrschen würden, aber in einem irdischen Labor praktisch nicht erzeugbar waren.</p> <p>Die Sache mit der Stoßfront stellte, auch ohne den Dissoziationseffekt, die numerische Mathematik vor Probleme, die damals noch nicht zufriedenstellend gelöst waren. Es geht darum, partielle Differentialgleichungen zu lösen, zum Beispiel die <a data-id="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" data-type="link" href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/die-widerspenstige-navier-stokes-gleichung/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Navier-Stokes-Gleichung</a>, die sich bereits einer theoretischen Durchdringung hartnäckig widersetzt. Üblicherweise überzieht man das Rechengebiet mit einem Gitter aus Punkten und begnügt sich, die Werte der gesuchten Funktionen – Strömungsgeschwindigkeit, Dichte und Temperatur der Luft und so weiter – in diesen Gitterpunkten zu bestimmen. (Das Rechengebiet ist der Flugkörper samt Umgebung, den man sich als ruhend vorstellt, während er von einer Seite durch Luft mit hoher Geschwindigkeit angeblasen wird.) Da die beteiligten Funktionen stetig und sogar differenzierbar sind, kann man erwarten, dass sich zwischen den Gitterpunkten nicht allzu viel Überraschendes abspielt, so dass die Werte in den Gitterpunkten, so diese hinreichend dicht liegen, das Wesentliche erfassen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-scaled.png"><img alt="Graphische Darstellung einer Berechnung der Luftumgebung um den Raumkörper uas dem Jahr 1989." decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/ContourPlot-2048x1365.png 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick in meine – sehr spärlichen – Unterlagen vom März 1989 wirkt wie eine Übung in Steinzeitarchäologie. Ich arbeitete an einer Workstation – damals Spitze der Technik –, aber es gab noch keine Anwendungen, um aus dem, was sie anzeigte, eine Bilddatei zu machen. Also habe ich zur Gedächtnisstütze den Bildschirm mit einer gewöhnlichen Kamera abfotografiert. Das Bild zeigt den Zustand (ich weiß nicht mehr, welchen) der simulierten Luft in der Umgebung der Nase des Flugkörpers (untere Randkurve); das Bild muss man sich spiegelbildlich nach unten fortgesetzt denken. Die obere Randkurve ist die – willkürlich gewählte – Grenze des Rechengebiets. Gezeigt sind Konturlinien („Höhenlinien“): Schwarz sind die Punkte, an denen die Zustandsgröße ungefähr einen – sagen wir – ganzzahligen Wert annimmt. Die Anströmgeschwindigkeit ist noch gering; immerhin sieht man eine Stoßfront sich bilden (dicht beieinander liegende Konturlinien zeigen große Änderungen auf kleinem Raum an). Bild: Pöppe</figcaption></figure> </div> <p>Diese Vorstellung bricht zusammen, sowie eine Stoßfront entsteht. An ihr ändern sich nämlich die Funktionswerte so plötzlich, dass ihre Beschreibung durch stetige Funktionen unbrauchbar wird. An die Stelle der Navier-Stokes-Gleichung tritt ihre hässliche Schwester, die Euler-Gleichung. Deren Lösungen können, auch in der Theorie, Stoßfronten entwickeln: Stellen, an denen die Funktion plötzlich von einem Wert „links“ zu einem anderen Wert „rechts“ springt. Dort ist auch die Differentialgleichung nicht mehr gültig – kein Wunder, man kann die Funktion an dieser Stelle nicht differenzieren –, und es sind Zusatzannahmen erforderlich, um die Physik auch dort noch korrekt zu beschreiben.</p> <p>Für die Numerik bedeutet das, das Gitter um zusätzliche Punkte zu erweitern, deren Position im Gegensatz zu der der anderen Gitterpunkte variabel ist. Und zwar legt das Programm diese Punkte genau in die Stoßfront, und die Funktion hat dort zwei Werte, einen linken und einen rechten. Die Position dieser Punkte zählt also zu den Unbekannten in dem ganzen Gleichungssystem; man weiß ja nicht im Voraus, wo die Stoßfront liegen wird. Das macht die Sache so kompliziert, dass ich mich gezwungen sah, die Standardtheorie für diesen Fall neu zu überdenken.</p> <p>Mit diesem Problem war ich noch zugange, als ich im Frühjahr 1989 von der Wissenschaft in den Journalismus wechselte. Wenige Monate später wurde das Projekt „Hermes“ zunächst auf Halde gelegt und ein paar Jahre später endgültig beerdigt. Unter den veränderten Verhältnissen seit dem Fall der Mauer und dem Ende der Sowjetunion kam man zu der Erkenntnis, dass der Erfolg den Aufwand nicht rechtfertigen würde (was er vermutlich nie getan hat).</p> <p>Wieso erzähle ich ausgerechnet jetzt diese alte Geschichte? Weil ich kürzlich auf einen <a data-id="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" data-type="link" href="https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/raumfahrt/die-physik-hinter-hyperschallwaffen-wenn-luft-zu-plasma-wird/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Artikel in der Zeitschrift „Der Ingenieur“</a> gestoßen bin. Demnach arbeiten Staaten wie Russland, China und die USA an der Entwicklung von Hyperschallwaffen; das sind solche, die die fünffache Schallgeschwindigkeit oder mehr erreichen.</p> <p>Da kommen mit Macht die Argumente wieder hoch, die wir noch aus der Nachrüstungsdebatte der 1980er Jahre kennen. Eine Hyperschallwaffe taugt offensichtlich nicht zur Verteidigung, sondern nur zum Angriff. Sie destabilisiert das Gleichgewicht des Schreckens, weil sie die Verteidigungsmittel der Gegenseite unwirksam macht oder zumindest deren Vorwarnzeit auf wenige Minuten verkürzt. Ein Staat, der Anlass hat, einen Angriff durch Hyperschallwaffen zu fürchten, wird sich beeilen, in der technischen Entwicklung nachzuziehen – nicht um einen solchen Angriff abzuwehren, was praktisch unmöglich wäre, sondern um mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen oder zumindest damit zu drohen. Schlimmstenfalls würde er sich zu einem Präventivschlag genötigt sehen.</p> <p>Die technischen Probleme, die der Artikel aufzählt, waren für mich alles alte Bekannte! Es gibt eine Stoßfront, die Luft erhitzt sich auf mehrere tausend Grad, sie zerfällt in Einzelatome oder auch Ionen, was die Kommunikation über Funk unmöglich macht, und die hohen Geschwindigkeiten machen eine Steuerung extrem schwierig. An der Lösung dieser und ähnlicher Probleme haben die Hermes-Leute gearbeitet.</p> <p>Da kommen mir diverse Treffen in den Sinn, auf denen sich die Beteiligten an dem Projekt über ihre Fortschritte austauschten. Es waren auch amerikanische Kollegen dabei; die brachten für das Hermes-Projekt nur sehr begrenztes Interesse auf, schließlich ging es um Probleme, die sie mit ihrem Space Shuttle längst gelöst hatten. Stattdessen erzählten sie lieber von ihrem aktuellen Projekt: einem Triebwerk, das auch bei Hyperschallgeschwindigkeit noch funktioniert. Es ist paradox: Das Triebwerk muss die einströmende Luft zunächst abbremsen, damit sie überhaupt Zeit hat, den Kraftstoff zu verbrennen, und daraufhin die Abgase mit noch höherer Geschwindigkeit nach hinten ausstoßen – alles nicht einfach. (Man verwendet wieder ein Koordinatensystem, in dem der Flugkörper ruht.)</p> <p>Wenn man einen Moment nachdenkt, wird einem klar, dass ein solches Flugzeug für den Transport von Passagieren oder auch nur eiligen Waren den Aufwand nicht lohnt. Schon die Concorde hat uns gezeigt, dass kaum jemand bereit ist, die horrenden Betriebskosten zu finanzieren, um in drei statt sechs Stunden über den Atlantik zu kommen. Wer würde noch weit mehr Geld ausgeben, um die Reisezeit von drei Stunden auf eine zu verkürzen? Nein, das einzige denkbare Transportgut für ein Hyperschallflugzeug sind – Sprengköpfe.</p> <p>So wie es aussieht, haben wir also mit dem Hermes-Projekt, ohne es zu ahnen oder beeinflussen zu können, der Entwicklung eines der übelsten Waffensysteme Vorschub geleistet.</p> <p>Was mich persönlich angeht, kann ich mich auf die üblichen Ausreden zurückziehen: Ich hatte nur das wissenschaftliche Interesse im Sinn, eine militärische Nutzung konnte ich mir nicht vorstellen, ich war ein so kleines Rädchen, dass mein Beitrag praktisch vernachlässigbar ist, und wenn ich’s nicht gemacht hätte, dann jemand anders … Stimmt alles, hilft aber nicht viel. Es bleibt die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers, die seit Jahrzehnten heftig und bis zum Überdruss diskutiert wird. Antworten waren und sind schwierig.</p> <p>Eine Einzelheit kann einen in diesem Fall vorsichtig optimistisch stimmen. Wegen der großen Hitzeentwicklung hinterlässt jeder Hyperschallflugkörper eine intensive Infrarot-Leuchtspur. Die kann jeder entsprechend ausgerüstete Satellit präzise wahrnehmen und – gerade noch rechtzeitig – Vorwarnungen ausstoßen. Es wäre doch schön, wenn die Militärs aller Lager zu dem Ergebnis kämen, dass es schlicht nicht lohnt, mit dieser – sehr teuren – Entwicklung den Rüstungswettlauf voranzutreiben.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperschall-numerische-stromungsmechanik-auf-abwegen/#comments 14 Der Buckelwal in der Ostsee – der nächste Akt des Wal-Dramas https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/#comments Tue, 21 Apr 2026 14:43:54 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1964 <h1>Der Buckelwal in der Ostsee - der nächste Akt des Wal-Dramas » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der seit Ende März wiederholt auf Sandbänken in der Ostsee gestrandete Buckelwal hatte eine große Rettungsaktion ausgelöst: Wal-ExpertInnen von ITAW (Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung), dem Deutschen Meeresmuseum und Greenpeace sowie andere hatten sich bemüht, den gestrandeten Meeressäuger wieder freizubekommen. Das um 11 Meter lange halbwüchsige Männchen hatte sich aus dem Nordatlantik bzw. der Nordsee kommend in die Ostsee verirrt. Dort hatte er sich in Fischereigerät verheddert und war schließlich gestrandet.</p> <h2><strong>Warum geht es dem Wal nicht gut?</strong></h2> <p>– ein fitter, gesunder Wal strandet äußerst selten – <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">meist sind Schwäche, Krankheit oder Verletzungen der Grund</a><br></br>– aufgrund des schwachen Salzgehalts in der Ostsee muss ein Wal hier viel mehr Schwimmleistung aufbringen<br></br>– der <a href="https://www.mdpi.com/2673-5636/1/1/5" rel="noopener">schwache Salzgehalt wirkt sich auch negativ auf seine Physiologie</a> und die Haut aus<br></br>– außerhalb des Wassers <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">wächst der Druck der Luft auf seine inneren Organe an, er bekommt Atmungs- und Kreislauf-Probleme</a><br></br>– dieser Wal hatte sich in Fischereigeschirr verheddert, dies konnte nur teilweise entfernt werden<br></br>– er hat an der Seite zumindest eine weitere Fleischwunde durch einen Schiffspropeller<br></br>– mittlerweile hat er seit Wochen nichts gefressen<br></br>– da sein Rücken aus dem Wasser ragt, ist seine Haut mittlerweile erheblich geschädigt<br></br>– die Strandung und die Nähe der Menschen bedeuten für einen Ozeanbewohner viel Stress</p> <p><a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Für Großwalstrandungen in deutschen Gewässern gibt es noch keine</a> detaillierten Protokolle wie in den USA, Kanada oder Groß-Britannien, da sie bei uns äußerst selten vorkommen.<br></br>Nach Konsultationen anderer europäischer Walstrandungs-Netzwerke wie den British Divers – Marine Life Rescue (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">hier ist ihr Statement dazu</a>), der Internationalen Walfang-Kommission, die seit den 1980-er Jahren eine Walschutz-Organisation ist (<a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">hier das IWC-Statement zum Ostsee-Buckelwal</a>) und anderen Institutionen kamen ITAW und DMM zu ihrem Gutachten und ihrer Einschätzung.<br></br>Solche Expert:innen in Deutschland und anderswo forschen und publizieren ihre Erkenntnisse und Erfahrungen. Ihre Ergebnisse und Handlungen müssen sie vor anderen Forschenden begründen. Auf der Basis solchen Austausches auch auf Wal-Konferenzen und Workshops entstehen Handlungs-Leitfäden etwa für die Strandung lebender Wale. Dann werden auch weitere Personen wie etwa Taucher:innen oder andere mit einbezogen und sie arbeiten alle gemeinsam an Walstrandungen.</p> <p>Mehrere Tage versuchte das Team den Wal mit verschiedenen Methoden wieder zum Schwimmen zu bringen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">(Refloating). Letztendlich vergeblich</a>. Sein Überleben ist unwahrscheinlich.</p> <p>So zogen sich die deutschen Biolog:innen, Tierärzt:innen und anderen Helfenden schließlich zurück, um den Meeressäuger nicht noch weiter zu stressen.<br></br>Selbst ausgewiesene Walschutz-Organisationen wie <a href="https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/irrwegen" rel="noopener">Greenpeace</a>, <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Sea Shephard oder Whale and Dolphin Conservation (WDC)</a> halten die Rettung des Buckelwals längst für aussichtslos.<aside></aside></p> <h2><strong>Wäre eine Euthanasie möglich?</strong></h2> <p>Auch die Euthanasie des Buckelwals wurde diskutiert.</p> <p>Grundsätzlich ziehen Tierärzt:innen Euthanasie in Erwägung</p> <ul> <li>bei schweren Verletzungen</li> <li>schlechtem Gesundheitszustand (abgemagert, …)</li> <li>wenn ein Wal zu lange auf dem Trocknen liegt – nach <a href="https://bdmlr.org.uk/statement-stranded-humpback-whale-in-germany" rel="noopener">24 Stunden</a> (British Divers) bzw nach <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">1 – 2 Tidenzyklen</a> (NOAA)</li> </ul> <p>Die British Divers – Marine Life Rescue schreiben in ihrem <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">Statement dazu</a>:</p> <ul> <li>Euthanasie kommt vor allem bei kleinen und mittelgroßen Walen in Betracht</li> <li>in UK werden zurzeit chemische (tödliche Injektion) oder ballistische (Hochleistungsgewehr) Verfahren angewendet</li> <li>die schiere Größe des Tieres ist ab einem bestimmten Punkt ein limitierender Faktor – für beide Methoden</li> </ul> <p>Die sehr erfahrenen Strandungs-Experten der NOAA (USA) schreiben dazu:</p> <ul> <li>es gibt <a href="https://library.oarcloud.noaa.gov/noaa_documents.lib/NMFS/OfcProtectedResources/MMHSRP/Marine_Mammal_Euthanasia_Best_Practices.pdf" rel="noopener">verschiedene chemische und physische Methoden:</a><br></br>Chemisch: Injektionen oder Inhalation<br></br>Physisch: ballistische Methoden</li> <li>die <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/marine-life-distress/frequent-questions-marine-mammal-euthanasia" rel="noopener">humanste Methode ist:<br></br>„Dem Wal wird</a> zunächst eine hohe Dosis eines starken Beruhigungsmittels und eines Analgetikums (Schmerzmittel) verabreicht, bevor ihm die Dosis Kaliumchlorid verabreicht wird, um das Herz zum Stillstand zu bringen. Die ersten Dosen werden mit langen, dünnen Nadeln verabreicht, die kaum Schmerzen verursachen, ähnlich wie bei einer Impfung. Das Kaliumchlorid wird dann über eine große intrakardiale Nadel verabreicht, die bis zum Herzen reicht.“</li> <li>Ein Erschießen des Wals durch ein großes Kaliber muss mit einem Schuß ins Hirn treffen und töten.<br></br>Bei größeren Walen können die Größe und Dichte ihres Schädels das Eindringen der Kugel behindern</li> </ul> <p>Alle Stranding Networks weisen darauf hin, dass solch sehr nahe Arbeit an einem lebenden größeren Wal vor allem durch Bewegungen der Brust- und Schwanzflossen-Bewegungen die menschlichen Helfenden gefährdet.</p> <p>An einem so großen Tier wie dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, der sich bei Annäherung von Menschen immer wieder bewegt, wäre der Versuch der Euthanasie wirklich gefährlich und sicherlich auch sehr schwierig. In diesem Fall kam die Euthanasie also aufgrund der Größe des Wals und seiner Strandung auf der Sandbank nicht in Frage.</p> <h2><strong>Wal-Kampf</strong></h2> <p>Jetzt ist um den Buckelwal ein wütender Kampf entbrannt:<br></br>bÖhZe Biolog:innen und Tierärzt:innen sollen den Wal aufgegeben haben, weil sie sein Skelett im Museum ausstellen und den Rest des Körpers zu Biodiesel verarbeiten wollten. Eine Gegenbewegung – offenbar ein Ableger des US- StrandedNoMore-Netzwerks gründete sich und erhob in einem gewaltigen Manifest schwerwiegende Anklagen.<br></br>Dazu kamen die Initiative einer Hauruck-Rettungsaktion von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport, die allerdings auch ins Leere verlief: Stattdessen <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/wal-timmy-ostsee-schwimmt-frei-li.3470709" rel="noopener">löste sich der Wal am 20.04. morgens</a> von seiner Sandbank und schwamm selbst ein wenig – um dann nach einigen Kilometern wieder zu verharren. Einige Boote wollten ihn geleiten, was aber nicht klappte.</p> <p>So ist der bedauernswerte Wal längst vom gestrandeten Meeressäuger zu einer Projektionsfläche für die erbitterte Auseinandersetzung um die Deutungshoheit der Strandung, Motive von Walforschenden und Walschutz geworden. Und darum, wer denn nun Expert:in ist und für einen Buckelwal sprechen und entscheiden darf.</p> <p>Warum ich die Leute von ITAW, DMM und andere genannte für kompetent halte, habe ich oben schon erklärt.</p> <p>Das Grüppchen um Gunz und Walter-Mommert ist bunt gemischt und hat offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen: Eine Tierärztin aus Hawaii scheint Wal-Kompetenzen zu haben, ist aber nach einem Tag schon wieder wütend abgereist. Andere Beteiligte scheinen mehr an Selfies und ihren Social Media-Posts interessiert zu sein.<br></br><a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Es scheint keinerlei Einigkeit oder Idee zu geben, wie man den Wal, der offenbar verwirrt hin- und her schwimmt,</a> nun wirklich helfen könnte. <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Der Bericht im Nordkurier erweckt</a> den Anschein, als ob die meisten Beteiligten eine Wal-Show abziehen, ohne Sinn und Verstand.<p>Aber wie steht es um die Expertise von <a href="https://strandednomore.org/" rel="noopener">StrandedNoMore</a> und <a href="https://strandednomore.org/wp-content/uploads/2026/04/SNM_Oeffentliche_Stellungnahme_Antwort_auf_DMM_ITAW_Gutachten_11042026_DE.pdf" rel="noopener">das Manifest des deutschen Ablegers?</a></p></p> <h2><strong>StrandedNoMore</strong></h2> <p>Zunächst fällt mir an der StrandedNoMore-Website auf, dass weder ein Impressum (im deutschen Internet herrscht Impressumspflicht) noch Personen genannt sind. Stattdessen handelt es sich um eine anonyme WatchDog-Group.<p>Ich habe mal etwas in deren Reports und Statistiken gestöbert. Da fällt mir zunächst auf, dass <a href="https://strandednomore.org/denmark-mass-stranding-sperm-whales/" rel="noopener">die Pottwal-Strandungen an den dänischen Küsten im Februar 2026</a> als „failed“ und „abandoned“ mit blutrünstiger Graphik plakatiert werden. Ich interpretiere das als Anklage gegen die bösen Wissenschaftler:innen, die keine Rettung versuchten.</p><br></br>Das zeugt von absolut fehlender Sachkenntnis zu Pottwalstrandungen in der Nordsee – diese tieftauchenden verirrten Meeresriesen sind leider verloren. Warum, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">hier anhand der 2024-er Massenstrandung an englischen Küsten erklärt.</a><br></br>Diese Strandungen sind seit Jahrhunderten dokumentiert und gut untersucht – wer diese Fakten nicht kennt, braucht mir nichts über Wale zu erzählen.<br></br>Weiter fällt auf, dass unter den Dokumentationen nur wenige Fälle willkürlich herausgegriffen sind.<p>Unter Statistiken finden sich dann wenig aussagekräftige Zahlen von Strandungen, den wieder ins Meer gebrachten, verstorbenen und euthanasierten Walen. Auch hier stehen wieder willkürlich herausgegriffene Zahlen ohne Quellenangaben und Sachverstand: So soll etwa das Tansanische Fischerei- und Umweltministerium weit mehr Wale wieder refloated haben, als neuseeländische und australische Organisationen. Das kann nicht stimmen. In <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">Australien und Neuseeland stranden jährlich sehr viele vor allem Grindwale,</a> aber auch andere kleinere Zahnwale – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">mehr dazu hatte ich hier geschrieben.</a> Und von diesen vermutlich verirrten Tieren werden durch <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">gut ausgebildete Stranding Networks meist sehr viele wieder refloated.</a></p><p>Einer der wichtigsten Grundsätze bei Walstrandungen ist:</p><br></br>– Jede Art, in jeder Region strandet aus unterschiedlichen Gründen.<br></br>– <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/2024-report-marine-mammal-strandings-united-states" rel="noopener">Wale stranden selten in gutem Gesundheitszustand</a> (da sind Grindwale die Ausnahme).<br></br>Wer Strandungen nicht differenziert betrachtet, hat keine Wal-Expertise.<br></br>Darum halte ich StrandedNoMore für unglaubwürdig.</p> <p><strong>Hat die deutsche STRANDED NO MORE-Gruppe Wal-Ahnung?<br></br></strong>Die Öffentliche Stellungnahme als Antwort auf das DMM/ITAW-Gutachten vom 7. April 2026 liest sich nach einer geharnischten Anklageschrift.<p>Sie startet unter 1. mit direkten Beschuldigungen namentlich genannter Wissenschaftler:innen (das hat für mich ein Geschmäckle von rechtspopulistischer Taktik – indem einzelnen Wissenschaftler:innen angegriffen werden, sollen sie eingeschüchtert, an den Pranger gestellt und mundtot gemacht werden. In diesem Fall kam es sogar bis zu Morddrohungen.).</p></p> <p>Unter 2. werden dann Publikationen angeführt, die angeblich die ITAW und DMM angeblich ignoriert haben.<br></br>Hier werden z B US-amerikanische (NOAA) und australische/neuseeländische Strandungs-Leitfäden zitiert.<br></br>Allerdings hat StrandedNoMore diese entweder nicht ganz gelesen oder nicht verstanden.<p>NOAA schreibt nämlich, dass <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast#how-common-is-it-for-a-large-whale-to-strand-alive" rel="noopener">größere Wale grundsätzlich nur sehr selten refloated</a> werden können. Gerade das Zurückziehen ins Wasser am Schwanz sei oft sehr kritisch, weil es den Wal schwer verletzt.</p><p>Unter 3. unterstellt StrandedNoMore den beteiligten Wissenschaftler:innen „Unvertrautheit mit Walanatomie und den Mechanismen der Buckelwal-Verfangung“. StrandedNoMore belegt damit eindrucksvoll, selbst nicht einmal mit dem entsprechenden Vokabular vertraut zu: „Verfangung“ ist ungewöhnlich, „mystizete Filtrierer“ dann gar eine Neuerfindung. Der deutsche Begriff für diese Wale ist „Bartenwal“, der wissenschaftliche Mysticeti. Das liest sich für mich wie Geschreibsel von jemandem, der versucht, sich besonders gebildet auszudrücken und dabei Schiffbruch erleidet.</p><p>Vielleicht ist es fies von mir, mich über sprachliche Defizite lustig zu machen.</p><br></br>Aber gerade dieser Absatz zeigt besonders deutlich, dass die deutschen Walrettungs-Extremisten wenig Wal-Expertise haben und auch mit der Literatur absolut nicht vertraut sind: Die Behauptung „Sie [die Bartenwale] verschlingen massive Mengen von beutereichem Wasser durch eine sich ausdehnende ventrale Kehltasche […]“ ist einfach falsch. Bartenwale nehmen mit dem sich durch Furchen erweiternden Kehlsack (!) eine große Menge Wasser voller Beute auf. Dann pressen sie mit der Zunge das Wasser durch die Barten hinaus (das ist korrekt) und schlucken die im Maul verbliebene Beute. Das hätte man selbst aus Kinderbüchern besser abschreiben können.</p> <p>Die Ausführungen zur „Entfangungsarbeit“ und „Maulverfangung“ werden dann nicht besser. Möglicherweise ist das mit einer halluzinierenden KI-Übersetzung irgendwie aus dem amerikanischen Original passiert. Mir tut es beim Lesen weh.<p>Unter 4. geht es zum Refloating.</p><br></br>Ja, manchmal hat es auch schon bei größeren Walen geklappt. In Ausnahmefällen.<br></br>Vor allem bei kleineren Walen gerade an australischen/neuseeländischen Küsten klappt es. Aber einen maximal 5 Meter langen frisch gestrandeten, gesunden Grindwal kann man nicht mit einem doppelt so langen, bereits schwer gestressten und geschwächten wesentlich schwereren Buckelwal vergleichen.</p> <p>In sehr <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">seltenen Ausnahmefällen gelingt das Refloating auch größerer Wale. Allerdings hat das vor allem in den ersten Tagen nach der Strandung Aussicht auf Erfolg.</a><br></br>Bei einem geschwächten, gestressten Tier besteht kaum Aussicht auf dessen Überleben.</p> <p>Dann relativiert StrandingNoMore die äußeren Verletzungen und den Zustand des gestrandeten Wals. Dass dieser Meeressäuger neben den sichtbaren Verletzungen extrem geschwächt und gestresst ist, lassen sie unerwähnt.<br></br>Stattdessen versuchen sie sich in Cherrypicking und führen Literaturstellen und einzelne Strandungsberichte an.<br></br>Ziemlich inkompetent wirkt auch die Anführung der Publikation von Robbins, J. (2025) „Apparent survival of North Atlantic right whales after entanglement in fishing gear<strong>“</strong> im Literaturverzeichnis: Erstens beziehen sich diese erfolgreichen Walrettungen auf die Befreiung von in Fischereileinen verhedderter Glattwale. Diese Tiere waren aber nicht gestrandet – ihre Situation mit dem Ostsee-Buckelwal ist überhaupt nicht vergleichbar.<br></br>Zweitens ist die Quellenangabe schlecht ins Deutsche übersetzt, so dass ich sie gar nicht gleich fand.</p> <p>Gleichzeitig fordert StrandingNoMore eine volle klinische Untersuchung des gestrandeten Wals inklusive Blut-, Haut-, Urin- und anderen Proben sowie anderer Untersuchungen. Echt jetzt? An einem so großen Tier im Wasser, das seinen tonnenschweren Körper bewegt und mit den Flossen schlägt? Blut wird klassischerweise aus der Schwanzvene abgenommen – bei bewegungslos gestrandeten oder trainierten Walen geht das – aber hier? Realitätsfremd.</p> <p>Ich breche die Analyse an dieser Stelle ab, es dürfte deutlich geworden sein, dass StrandingNoMore wenig kompetent ist.</p> <p>Dass StrandedNoMore dann noch die beteiligten Institutionen und Organisationen als Kartell bezeichnet und ihnen zum Schluß mit wilden Beschuldigungen unterstellt, dass sie dem Wal absichtlich weitere Hilfe verwehren, driftet tatsächlich in Verschwörungsmythen ab.<br></br>Dann schwingt sich StrandedNoMore zum Anwalt des leidenden Meeressäugers auf und verlangt eine Überprüfung durch unabhängige Stellen.<br></br>Dass die Beurteilung des Gesundheitszustands des Ostseebuckelwals und die schlechten Erfolgsaussichten für seine Rettung von englischen Strandungs-NGOs, der IWC und WDC-Wal-Expert:innen übereinstimmt, haben die StrandingNoMore-Leute ausgeblendet. Gerade WDC ist eine ausgewiesene Walschutz-NGO – unabhängiger geht es nicht.</p> <h2><strong>Fazit</strong></h2> <p>Über das StrandingNoMore-Pamphlet kann ich nur den Kopf schütteln.<br></br>Ihre Wal-Kompetenz bewegt sich im sehr überschaubaren Bereich, die wüsten Vorwürfe sind haltlos.<br></br>Kein/e Wissenschaftler:in ist am Tod eines Meeressäugers interessiert.<br></br>Jede/r Wal-Expert:in wird alles für das Überleben der wunderbaren Meeressäuger geben.<br></br>Mir geht das Leiden des Buckelwals wirklich nahe. Aber ich weiß, dass er seit seiner Strandung auf der Sandbank eigentlich keine Chance mehr hatte.</p> <p>Mein Kopfschütteln erstreckt sich auch auf den populistischen „Rettungsversuch“ der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport. Nach ihrer Hauruck-Aktion sind sie jedenfalls ganz schnell abgetaucht.<br></br>Dass Umweltminister Till Backhaus sie hat gewähren lassen, ist mir unverständlich.</p> <p>Mittlerweile entwickeln sich in der Walhelfergruppe Konflikte und Personalausfall:<br></br>Der Nordkurier berichtet detailliert darüber, z B<a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">hier</a> und <a href="https://www.nordkurier.de/regional/mecklenburg-vorpommern/teammitglieder-verlassen-wal-rettungsinitiative-4519332" rel="noopener">hier.</a><br></br>Außerdem ist die amerikanische Tierärztin Jenna Wallace wutentbrannt abgereist und wirft dem restlichen Team Inkompetenz vor. Im <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">Interview erzählt sie,</a> wie sich spirituell Erleuchtete und Social Media-Influencer in den Vordergrund drängen und die Arbeit mit dem Wal offenbar sogar behindern, um gute Selfies zu bekommen – ich kann das nicht verifizieren. Hört sich für mich allerdings glaubhaft an macht mich sehr wütend. Das ist nicht im Interesse des Wals – jemand sollte als Koordinator „den Hut aufhaben“ und solche Leute ggf. aus der Aktion rauswerfen. Jenna Wallace scheint als Veterinärin mit Walen gearbeitet zu haben, ich kann ihre Kompetenz allerdings nicht verifizieren. Sie scheint zu keinem aktuellen Stranding Network oder einer ähnlichen Organisation zu gehören. <br></br>Falls dieser Wal noch eine Chance haben sollte, wäre es gut, die Selbstdarsteller aus der Gruppe zu werfen. Jede unnötige menschliche Interaktion stresst den Wal.<p>Aber manchmal gelingt es nicht, ein Individuum zu retten.</p><br></br>Das ist bitter und führt zumindest bei mir zu tiefer Trauer.<br></br>Dann sollten wir unsere Anstrengungen auf den Artenschutz richten – etwa auf die Schweinswale in der Ostsee. Ihnen und anderen Walen in anderen Ozeanen ist am besten durch umfassenden Meeres- und Klimaschutz geholfen. Lasst uns daran arbeiten!<p>Gestern habe ich der Stern-Reporterin Miriam Hollstein Interview zum Buckelwal gegeben: <a href="https://www.stern.de/digital/smartphones/kann-wal-timmy-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">„Kann Timmy noch überleben?“</a></p><br></br>Danach habe ich mich entschlossen, auch hier noch mal die neuen Entwicklungen einzuordnen.<p><strong>PS:</strong> Nachdem jetzt nach dem Stern-Interview nun per Mail die ersten Beleidigungen eintreffen:</p><br></br>Nein, es ist mir nicht egal, wenn ein Buckelwal stirbt.<br></br>Nein, ich werde nicht gemeinsam wie Greenpeace, das Meeresmuseum und andere von dunklen Mächten im Hintergrund bezahlt, um den Buckelwal sterben zu sehen. <br></br>Sachliche Zuschriften beantworte ich wie immer gern, Beleidigungen und Verschwörungsfantasien jedoch nicht. </p> <p><strong>PS 2:</strong> Jenna Wallace hat vielleicht vorher schon mal einen Wal gesehen – aber von ihr stammt die krude <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/rettung-wal-timmy-ostsee-rechtsextreme-verschwoerungen" rel="noopener">Verschwörungserzählung, dass die bÖhZen Wissenschaftler den Wal tot sehen wollen, </a>um sein Skelett im Museum auszustellen. Auweia.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Der Buckelwal in der Ostsee - der nächste Akt des Wal-Dramas » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der seit Ende März wiederholt auf Sandbänken in der Ostsee gestrandete Buckelwal hatte eine große Rettungsaktion ausgelöst: Wal-ExpertInnen von ITAW (Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung), dem Deutschen Meeresmuseum und Greenpeace sowie andere hatten sich bemüht, den gestrandeten Meeressäuger wieder freizubekommen. Das um 11 Meter lange halbwüchsige Männchen hatte sich aus dem Nordatlantik bzw. der Nordsee kommend in die Ostsee verirrt. Dort hatte er sich in Fischereigerät verheddert und war schließlich gestrandet.</p> <h2><strong>Warum geht es dem Wal nicht gut?</strong></h2> <p>– ein fitter, gesunder Wal strandet äußerst selten – <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">meist sind Schwäche, Krankheit oder Verletzungen der Grund</a><br></br>– aufgrund des schwachen Salzgehalts in der Ostsee muss ein Wal hier viel mehr Schwimmleistung aufbringen<br></br>– der <a href="https://www.mdpi.com/2673-5636/1/1/5" rel="noopener">schwache Salzgehalt wirkt sich auch negativ auf seine Physiologie</a> und die Haut aus<br></br>– außerhalb des Wassers <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/experts-euthanize-oregon-humpback-whale-after-unsuccessful-attempt-free-it-beach" rel="noopener">wächst der Druck der Luft auf seine inneren Organe an, er bekommt Atmungs- und Kreislauf-Probleme</a><br></br>– dieser Wal hatte sich in Fischereigeschirr verheddert, dies konnte nur teilweise entfernt werden<br></br>– er hat an der Seite zumindest eine weitere Fleischwunde durch einen Schiffspropeller<br></br>– mittlerweile hat er seit Wochen nichts gefressen<br></br>– da sein Rücken aus dem Wasser ragt, ist seine Haut mittlerweile erheblich geschädigt<br></br>– die Strandung und die Nähe der Menschen bedeuten für einen Ozeanbewohner viel Stress</p> <p><a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Für Großwalstrandungen in deutschen Gewässern gibt es noch keine</a> detaillierten Protokolle wie in den USA, Kanada oder Groß-Britannien, da sie bei uns äußerst selten vorkommen.<br></br>Nach Konsultationen anderer europäischer Walstrandungs-Netzwerke wie den British Divers – Marine Life Rescue (<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">hier ist ihr Statement dazu</a>), der Internationalen Walfang-Kommission, die seit den 1980-er Jahren eine Walschutz-Organisation ist (<a href="https://iwc.int/resources/news/iwc-strandings-expert-panel-statement-on-humpback-whale-baltic-sea-germany" rel="noopener">hier das IWC-Statement zum Ostsee-Buckelwal</a>) und anderen Institutionen kamen ITAW und DMM zu ihrem Gutachten und ihrer Einschätzung.<br></br>Solche Expert:innen in Deutschland und anderswo forschen und publizieren ihre Erkenntnisse und Erfahrungen. Ihre Ergebnisse und Handlungen müssen sie vor anderen Forschenden begründen. Auf der Basis solchen Austausches auch auf Wal-Konferenzen und Workshops entstehen Handlungs-Leitfäden etwa für die Strandung lebender Wale. Dann werden auch weitere Personen wie etwa Taucher:innen oder andere mit einbezogen und sie arbeiten alle gemeinsam an Walstrandungen.</p> <p>Mehrere Tage versuchte das Team den Wal mit verschiedenen Methoden wieder zum Schwimmen zu bringen <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/">(Refloating). Letztendlich vergeblich</a>. Sein Überleben ist unwahrscheinlich.</p> <p>So zogen sich die deutschen Biolog:innen, Tierärzt:innen und anderen Helfenden schließlich zurück, um den Meeressäuger nicht noch weiter zu stressen.<br></br>Selbst ausgewiesene Walschutz-Organisationen wie <a href="https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/irrwegen" rel="noopener">Greenpeace</a>, <a href="https://www.sueddeutsche.de/wissen/gestrandeter-buckelwal-ostsee-rettung-timmy-experten-li.3468869" rel="noopener">Sea Shephard oder Whale and Dolphin Conservation (WDC)</a> halten die Rettung des Buckelwals längst für aussichtslos.<aside></aside></p> <h2><strong>Wäre eine Euthanasie möglich?</strong></h2> <p>Auch die Euthanasie des Buckelwals wurde diskutiert.</p> <p>Grundsätzlich ziehen Tierärzt:innen Euthanasie in Erwägung</p> <ul> <li>bei schweren Verletzungen</li> <li>schlechtem Gesundheitszustand (abgemagert, …)</li> <li>wenn ein Wal zu lange auf dem Trocknen liegt – nach <a href="https://bdmlr.org.uk/statement-stranded-humpback-whale-in-germany" rel="noopener">24 Stunden</a> (British Divers) bzw nach <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">1 – 2 Tidenzyklen</a> (NOAA)</li> </ul> <p>Die British Divers – Marine Life Rescue schreiben in ihrem <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments">Statement dazu</a>:</p> <ul> <li>Euthanasie kommt vor allem bei kleinen und mittelgroßen Walen in Betracht</li> <li>in UK werden zurzeit chemische (tödliche Injektion) oder ballistische (Hochleistungsgewehr) Verfahren angewendet</li> <li>die schiere Größe des Tieres ist ab einem bestimmten Punkt ein limitierender Faktor – für beide Methoden</li> </ul> <p>Die sehr erfahrenen Strandungs-Experten der NOAA (USA) schreiben dazu:</p> <ul> <li>es gibt <a href="https://library.oarcloud.noaa.gov/noaa_documents.lib/NMFS/OfcProtectedResources/MMHSRP/Marine_Mammal_Euthanasia_Best_Practices.pdf" rel="noopener">verschiedene chemische und physische Methoden:</a><br></br>Chemisch: Injektionen oder Inhalation<br></br>Physisch: ballistische Methoden</li> <li>die <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/marine-life-distress/frequent-questions-marine-mammal-euthanasia" rel="noopener">humanste Methode ist:<br></br>„Dem Wal wird</a> zunächst eine hohe Dosis eines starken Beruhigungsmittels und eines Analgetikums (Schmerzmittel) verabreicht, bevor ihm die Dosis Kaliumchlorid verabreicht wird, um das Herz zum Stillstand zu bringen. Die ersten Dosen werden mit langen, dünnen Nadeln verabreicht, die kaum Schmerzen verursachen, ähnlich wie bei einer Impfung. Das Kaliumchlorid wird dann über eine große intrakardiale Nadel verabreicht, die bis zum Herzen reicht.“</li> <li>Ein Erschießen des Wals durch ein großes Kaliber muss mit einem Schuß ins Hirn treffen und töten.<br></br>Bei größeren Walen können die Größe und Dichte ihres Schädels das Eindringen der Kugel behindern</li> </ul> <p>Alle Stranding Networks weisen darauf hin, dass solch sehr nahe Arbeit an einem lebenden größeren Wal vor allem durch Bewegungen der Brust- und Schwanzflossen-Bewegungen die menschlichen Helfenden gefährdet.</p> <p>An einem so großen Tier wie dem in der Ostsee gestrandeten Buckelwal, der sich bei Annäherung von Menschen immer wieder bewegt, wäre der Versuch der Euthanasie wirklich gefährlich und sicherlich auch sehr schwierig. In diesem Fall kam die Euthanasie also aufgrund der Größe des Wals und seiner Strandung auf der Sandbank nicht in Frage.</p> <h2><strong>Wal-Kampf</strong></h2> <p>Jetzt ist um den Buckelwal ein wütender Kampf entbrannt:<br></br>bÖhZe Biolog:innen und Tierärzt:innen sollen den Wal aufgegeben haben, weil sie sein Skelett im Museum ausstellen und den Rest des Körpers zu Biodiesel verarbeiten wollten. Eine Gegenbewegung – offenbar ein Ableger des US- StrandedNoMore-Netzwerks gründete sich und erhob in einem gewaltigen Manifest schwerwiegende Anklagen.<br></br>Dazu kamen die Initiative einer Hauruck-Rettungsaktion von Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport, die allerdings auch ins Leere verlief: Stattdessen <a href="https://www.sueddeutsche.de/panorama/wal-timmy-ostsee-schwimmt-frei-li.3470709" rel="noopener">löste sich der Wal am 20.04. morgens</a> von seiner Sandbank und schwamm selbst ein wenig – um dann nach einigen Kilometern wieder zu verharren. Einige Boote wollten ihn geleiten, was aber nicht klappte.</p> <p>So ist der bedauernswerte Wal längst vom gestrandeten Meeressäuger zu einer Projektionsfläche für die erbitterte Auseinandersetzung um die Deutungshoheit der Strandung, Motive von Walforschenden und Walschutz geworden. Und darum, wer denn nun Expert:in ist und für einen Buckelwal sprechen und entscheiden darf.</p> <p>Warum ich die Leute von ITAW, DMM und andere genannte für kompetent halte, habe ich oben schon erklärt.</p> <p>Das Grüppchen um Gunz und Walter-Mommert ist bunt gemischt und hat offenbar sehr unterschiedliche Vorstellungen: Eine Tierärztin aus Hawaii scheint Wal-Kompetenzen zu haben, ist aber nach einem Tag schon wieder wütend abgereist. Andere Beteiligte scheinen mehr an Selfies und ihren Social Media-Posts interessiert zu sein.<br></br><a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Es scheint keinerlei Einigkeit oder Idee zu geben, wie man den Wal, der offenbar verwirrt hin- und her schwimmt,</a> nun wirklich helfen könnte. <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/als-ob-sie-wollten-dass-alles-schief-geht-amerikanische-arztin-rechnet-mit-wal-rettungsaktion-ab-4517063" rel="noopener">Der Bericht im Nordkurier erweckt</a> den Anschein, als ob die meisten Beteiligten eine Wal-Show abziehen, ohne Sinn und Verstand.<p>Aber wie steht es um die Expertise von <a href="https://strandednomore.org/" rel="noopener">StrandedNoMore</a> und <a href="https://strandednomore.org/wp-content/uploads/2026/04/SNM_Oeffentliche_Stellungnahme_Antwort_auf_DMM_ITAW_Gutachten_11042026_DE.pdf" rel="noopener">das Manifest des deutschen Ablegers?</a></p></p> <h2><strong>StrandedNoMore</strong></h2> <p>Zunächst fällt mir an der StrandedNoMore-Website auf, dass weder ein Impressum (im deutschen Internet herrscht Impressumspflicht) noch Personen genannt sind. Stattdessen handelt es sich um eine anonyme WatchDog-Group.<p>Ich habe mal etwas in deren Reports und Statistiken gestöbert. Da fällt mir zunächst auf, dass <a href="https://strandednomore.org/denmark-mass-stranding-sperm-whales/" rel="noopener">die Pottwal-Strandungen an den dänischen Küsten im Februar 2026</a> als „failed“ und „abandoned“ mit blutrünstiger Graphik plakatiert werden. Ich interpretiere das als Anklage gegen die bösen Wissenschaftler:innen, die keine Rettung versuchten.</p><br></br>Das zeugt von absolut fehlender Sachkenntnis zu Pottwalstrandungen in der Nordsee – diese tieftauchenden verirrten Meeresriesen sind leider verloren. Warum, hatte ich <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">hier anhand der 2024-er Massenstrandung an englischen Küsten erklärt.</a><br></br>Diese Strandungen sind seit Jahrhunderten dokumentiert und gut untersucht – wer diese Fakten nicht kennt, braucht mir nichts über Wale zu erzählen.<br></br>Weiter fällt auf, dass unter den Dokumentationen nur wenige Fälle willkürlich herausgegriffen sind.<p>Unter Statistiken finden sich dann wenig aussagekräftige Zahlen von Strandungen, den wieder ins Meer gebrachten, verstorbenen und euthanasierten Walen. Auch hier stehen wieder willkürlich herausgegriffene Zahlen ohne Quellenangaben und Sachverstand: So soll etwa das Tansanische Fischerei- und Umweltministerium weit mehr Wale wieder refloated haben, als neuseeländische und australische Organisationen. Das kann nicht stimmen. In <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">Australien und Neuseeland stranden jährlich sehr viele vor allem Grindwale,</a> aber auch andere kleinere Zahnwale – <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">mehr dazu hatte ich hier geschrieben.</a> Und von diesen vermutlich verirrten Tieren werden durch <a href="https://www.dbca.wa.gov.au/node/12195" rel="noopener">gut ausgebildete Stranding Networks meist sehr viele wieder refloated.</a></p><p>Einer der wichtigsten Grundsätze bei Walstrandungen ist:</p><br></br>– Jede Art, in jeder Region strandet aus unterschiedlichen Gründen.<br></br>– <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/feature-story/2024-report-marine-mammal-strandings-united-states" rel="noopener">Wale stranden selten in gutem Gesundheitszustand</a> (da sind Grindwale die Ausnahme).<br></br>Wer Strandungen nicht differenziert betrachtet, hat keine Wal-Expertise.<br></br>Darum halte ich StrandedNoMore für unglaubwürdig.</p> <p><strong>Hat die deutsche STRANDED NO MORE-Gruppe Wal-Ahnung?<br></br></strong>Die Öffentliche Stellungnahme als Antwort auf das DMM/ITAW-Gutachten vom 7. April 2026 liest sich nach einer geharnischten Anklageschrift.<p>Sie startet unter 1. mit direkten Beschuldigungen namentlich genannter Wissenschaftler:innen (das hat für mich ein Geschmäckle von rechtspopulistischer Taktik – indem einzelnen Wissenschaftler:innen angegriffen werden, sollen sie eingeschüchtert, an den Pranger gestellt und mundtot gemacht werden. In diesem Fall kam es sogar bis zu Morddrohungen.).</p></p> <p>Unter 2. werden dann Publikationen angeführt, die angeblich die ITAW und DMM angeblich ignoriert haben.<br></br>Hier werden z B US-amerikanische (NOAA) und australische/neuseeländische Strandungs-Leitfäden zitiert.<br></br>Allerdings hat StrandedNoMore diese entweder nicht ganz gelesen oder nicht verstanden.<p>NOAA schreibt nämlich, dass <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast#how-common-is-it-for-a-large-whale-to-strand-alive" rel="noopener">größere Wale grundsätzlich nur sehr selten refloated</a> werden können. Gerade das Zurückziehen ins Wasser am Schwanz sei oft sehr kritisch, weil es den Wal schwer verletzt.</p><p>Unter 3. unterstellt StrandedNoMore den beteiligten Wissenschaftler:innen „Unvertrautheit mit Walanatomie und den Mechanismen der Buckelwal-Verfangung“. StrandedNoMore belegt damit eindrucksvoll, selbst nicht einmal mit dem entsprechenden Vokabular vertraut zu: „Verfangung“ ist ungewöhnlich, „mystizete Filtrierer“ dann gar eine Neuerfindung. Der deutsche Begriff für diese Wale ist „Bartenwal“, der wissenschaftliche Mysticeti. Das liest sich für mich wie Geschreibsel von jemandem, der versucht, sich besonders gebildet auszudrücken und dabei Schiffbruch erleidet.</p><p>Vielleicht ist es fies von mir, mich über sprachliche Defizite lustig zu machen.</p><br></br>Aber gerade dieser Absatz zeigt besonders deutlich, dass die deutschen Walrettungs-Extremisten wenig Wal-Expertise haben und auch mit der Literatur absolut nicht vertraut sind: Die Behauptung „Sie [die Bartenwale] verschlingen massive Mengen von beutereichem Wasser durch eine sich ausdehnende ventrale Kehltasche […]“ ist einfach falsch. Bartenwale nehmen mit dem sich durch Furchen erweiternden Kehlsack (!) eine große Menge Wasser voller Beute auf. Dann pressen sie mit der Zunge das Wasser durch die Barten hinaus (das ist korrekt) und schlucken die im Maul verbliebene Beute. Das hätte man selbst aus Kinderbüchern besser abschreiben können.</p> <p>Die Ausführungen zur „Entfangungsarbeit“ und „Maulverfangung“ werden dann nicht besser. Möglicherweise ist das mit einer halluzinierenden KI-Übersetzung irgendwie aus dem amerikanischen Original passiert. Mir tut es beim Lesen weh.<p>Unter 4. geht es zum Refloating.</p><br></br>Ja, manchmal hat es auch schon bei größeren Walen geklappt. In Ausnahmefällen.<br></br>Vor allem bei kleineren Walen gerade an australischen/neuseeländischen Küsten klappt es. Aber einen maximal 5 Meter langen frisch gestrandeten, gesunden Grindwal kann man nicht mit einem doppelt so langen, bereits schwer gestressten und geschwächten wesentlich schwereren Buckelwal vergleichen.</p> <p>In sehr <a href="https://www.fisheries.noaa.gov/west-coast/marine-life-distress/frequent-questions-live-large-whale-strandings-west-coast" rel="noopener">seltenen Ausnahmefällen gelingt das Refloating auch größerer Wale. Allerdings hat das vor allem in den ersten Tagen nach der Strandung Aussicht auf Erfolg.</a><br></br>Bei einem geschwächten, gestressten Tier besteht kaum Aussicht auf dessen Überleben.</p> <p>Dann relativiert StrandingNoMore die äußeren Verletzungen und den Zustand des gestrandeten Wals. Dass dieser Meeressäuger neben den sichtbaren Verletzungen extrem geschwächt und gestresst ist, lassen sie unerwähnt.<br></br>Stattdessen versuchen sie sich in Cherrypicking und führen Literaturstellen und einzelne Strandungsberichte an.<br></br>Ziemlich inkompetent wirkt auch die Anführung der Publikation von Robbins, J. (2025) „Apparent survival of North Atlantic right whales after entanglement in fishing gear<strong>“</strong> im Literaturverzeichnis: Erstens beziehen sich diese erfolgreichen Walrettungen auf die Befreiung von in Fischereileinen verhedderter Glattwale. Diese Tiere waren aber nicht gestrandet – ihre Situation mit dem Ostsee-Buckelwal ist überhaupt nicht vergleichbar.<br></br>Zweitens ist die Quellenangabe schlecht ins Deutsche übersetzt, so dass ich sie gar nicht gleich fand.</p> <p>Gleichzeitig fordert StrandingNoMore eine volle klinische Untersuchung des gestrandeten Wals inklusive Blut-, Haut-, Urin- und anderen Proben sowie anderer Untersuchungen. Echt jetzt? An einem so großen Tier im Wasser, das seinen tonnenschweren Körper bewegt und mit den Flossen schlägt? Blut wird klassischerweise aus der Schwanzvene abgenommen – bei bewegungslos gestrandeten oder trainierten Walen geht das – aber hier? Realitätsfremd.</p> <p>Ich breche die Analyse an dieser Stelle ab, es dürfte deutlich geworden sein, dass StrandingNoMore wenig kompetent ist.</p> <p>Dass StrandedNoMore dann noch die beteiligten Institutionen und Organisationen als Kartell bezeichnet und ihnen zum Schluß mit wilden Beschuldigungen unterstellt, dass sie dem Wal absichtlich weitere Hilfe verwehren, driftet tatsächlich in Verschwörungsmythen ab.<br></br>Dann schwingt sich StrandedNoMore zum Anwalt des leidenden Meeressäugers auf und verlangt eine Überprüfung durch unabhängige Stellen.<br></br>Dass die Beurteilung des Gesundheitszustands des Ostseebuckelwals und die schlechten Erfolgsaussichten für seine Rettung von englischen Strandungs-NGOs, der IWC und WDC-Wal-Expert:innen übereinstimmt, haben die StrandingNoMore-Leute ausgeblendet. Gerade WDC ist eine ausgewiesene Walschutz-NGO – unabhängiger geht es nicht.</p> <h2><strong>Fazit</strong></h2> <p>Über das StrandingNoMore-Pamphlet kann ich nur den Kopf schütteln.<br></br>Ihre Wal-Kompetenz bewegt sich im sehr überschaubaren Bereich, die wüsten Vorwürfe sind haltlos.<br></br>Kein/e Wissenschaftler:in ist am Tod eines Meeressäugers interessiert.<br></br>Jede/r Wal-Expert:in wird alles für das Überleben der wunderbaren Meeressäuger geben.<br></br>Mir geht das Leiden des Buckelwals wirklich nahe. Aber ich weiß, dass er seit seiner Strandung auf der Sandbank eigentlich keine Chance mehr hatte.</p> <p>Mein Kopfschütteln erstreckt sich auch auf den populistischen „Rettungsversuch“ der Mediamarkt-Gründer Walter Gunz und Karin Walter-Mommert, einer Unternehmerin im Pferdesport. Nach ihrer Hauruck-Aktion sind sie jedenfalls ganz schnell abgetaucht.<br></br>Dass Umweltminister Till Backhaus sie hat gewähren lassen, ist mir unverständlich.</p> <p>Mittlerweile entwickeln sich in der Walhelfergruppe Konflikte und Personalausfall:<br></br>Der Nordkurier berichtet detailliert darüber, z B<a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">hier</a> und <a href="https://www.nordkurier.de/regional/mecklenburg-vorpommern/teammitglieder-verlassen-wal-rettungsinitiative-4519332" rel="noopener">hier.</a><br></br>Außerdem ist die amerikanische Tierärztin Jenna Wallace wutentbrannt abgereist und wirft dem restlichen Team Inkompetenz vor. Im <a href="https://www.nordkurier.de/regional/nordwestmecklenburg/hilfe-fuer-den-wal-koennte-nun-ein-problem-fuer-das-tier-werden-4517063" rel="noopener">Interview erzählt sie,</a> wie sich spirituell Erleuchtete und Social Media-Influencer in den Vordergrund drängen und die Arbeit mit dem Wal offenbar sogar behindern, um gute Selfies zu bekommen – ich kann das nicht verifizieren. Hört sich für mich allerdings glaubhaft an macht mich sehr wütend. Das ist nicht im Interesse des Wals – jemand sollte als Koordinator „den Hut aufhaben“ und solche Leute ggf. aus der Aktion rauswerfen. Jenna Wallace scheint als Veterinärin mit Walen gearbeitet zu haben, ich kann ihre Kompetenz allerdings nicht verifizieren. Sie scheint zu keinem aktuellen Stranding Network oder einer ähnlichen Organisation zu gehören. <br></br>Falls dieser Wal noch eine Chance haben sollte, wäre es gut, die Selbstdarsteller aus der Gruppe zu werfen. Jede unnötige menschliche Interaktion stresst den Wal.<p>Aber manchmal gelingt es nicht, ein Individuum zu retten.</p><br></br>Das ist bitter und führt zumindest bei mir zu tiefer Trauer.<br></br>Dann sollten wir unsere Anstrengungen auf den Artenschutz richten – etwa auf die Schweinswale in der Ostsee. Ihnen und anderen Walen in anderen Ozeanen ist am besten durch umfassenden Meeres- und Klimaschutz geholfen. Lasst uns daran arbeiten!<p>Gestern habe ich der Stern-Reporterin Miriam Hollstein Interview zum Buckelwal gegeben: <a href="https://www.stern.de/digital/smartphones/kann-wal-timmy-noch-ueberleben--das-sagt-eine-meeresbiologin-37326634.html" rel="noopener">„Kann Timmy noch überleben?“</a></p><br></br>Danach habe ich mich entschlossen, auch hier noch mal die neuen Entwicklungen einzuordnen.<p><strong>PS:</strong> Nachdem jetzt nach dem Stern-Interview nun per Mail die ersten Beleidigungen eintreffen:</p><br></br>Nein, es ist mir nicht egal, wenn ein Buckelwal stirbt.<br></br>Nein, ich werde nicht gemeinsam wie Greenpeace, das Meeresmuseum und andere von dunklen Mächten im Hintergrund bezahlt, um den Buckelwal sterben zu sehen. <br></br>Sachliche Zuschriften beantworte ich wie immer gern, Beleidigungen und Verschwörungsfantasien jedoch nicht. </p> <p><strong>PS 2:</strong> Jenna Wallace hat vielleicht vorher schon mal einen Wal gesehen – aber von ihr stammt die krude <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-04/rettung-wal-timmy-ostsee-rechtsextreme-verschwoerungen" rel="noopener">Verschwörungserzählung, dass die bÖhZen Wissenschaftler den Wal tot sehen wollen, </a>um sein Skelett im Museum auszustellen. Auweia.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/der-buckelwal-in-der-ostsee-der-naechste-akt-des-wal-dramas/#comments 38 Gehirndoping mit Smart Drugs! Geht die Kosten-Nutzen-Rechnung auf? https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/ https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/#respond Mon, 20 Apr 2026 05:00:00 +0000 Luisa Sophie Engelke https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/?p=5699 https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/</link> </image> <description type="html"><h1>Gehirndoping mit Smart Drugs! Geht die Kosten-Nutzen-Rechnung auf? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Kennt ihr es, bei der Arbeit morgens einfach nicht in den Quark zu kommen, in der Vorlesung nicht folgen zu können, oder im Nachmittagsmeeting, wo schon seit einer Stunde hitzig diskutiert wird, mit der Aufmerksamkeit nicht bei der Sache zu sein? Als ich damals morgens um 08:00 Uhr in meinen Vorlesungen saß, hätte ich mir gerne gewünscht, wacher und konzentrationsfähiger zu sein. Kaffee war schonmal ein guter Anfang, aber auch dessen Wirkung hätte durchaus optimiert werden können. Wäre es nicht toll, wenn man einfach Tabletten einwirft und schwups: Gehirn ist bei 100 Prozent Leistung!</p> <p>Von Konzentrationsriegeln in der Apotheke, über „Energie-Säfte“ und „Power-Shots“ im Supermarkt, bis hin zu Brain Food: Überall sieht man angebliche Wundermittel, die einen in kürzester Zeit auf Maximalleistung bringen sollen. Doch da hört es noch nicht auf: Einige greifen auf verschreibungspflichtige Medikamente zurück und zweckentfremden diese, um sich besser konzentrieren zu können und aufmerksamer zu sein. So oder so ähnlich stellen sich zumindest viele Leute die Wirkung von sogenannten „Neuroenhancern“ oder „<strong>Smart Drugs</strong>“ vor, die von harmlosem Kaffee bis hin zu illegalen Drogen reichen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-scaled.jpg"><img alt="Leistungsdruck in der Arbeitsbrange" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine groß angelegte Studie mit über 1000 deutschen Studenten ergab, dass 2,2 % der Studenten, besonders in stressigen Lern- oder Prüfungsphasen, bereits verschreibungspflichtige Medikamente zum Zweck der Leistungssteigerung eingenommen haben [1]. Der Gebrauch von diesen Smart Drugs unter Studenten hat zudem die letzten Jahre immer weiter zugenommen und scheint auch in der gesamten Bevölkerung immer populärer zu werden [2]. Und ist ja auch irgendwie verständlich, oder? Wer ist in der aktuellen Welt denn bitte nicht überfordert und würde sich bei dem immer weiter ansteigenden Arbeitsdruck gerne mal besser konzentrieren können?  Denkt nur an den stressigen Berufsalltag, die komplizierte Uniklausur, den wichtigen Einstufungstest für den neuen Job – manchmal braucht man auch einfach mal seine Topleistung, oder?</p> <p>Aber ist es wirklich smart, smart drugs zu nehmen?</p> <h3 id="h-">Bestleistungen mit Smart Drugs?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-scaled.jpg"><img alt="Smart Drugs beim Gehirndoping" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p><strong>Gehirndoping</strong>, oder auch Neuroenhancement, beschreibt das gezielte Einnehmen von Substanzen zum Zweck der Leistungssteigerung bei gesunden Menschen. Dabei geht es besonders um die Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Konzentration. Beim Gehirndoping werden, je nach Definition, auch verschreibungspflichtige Medikamente verwendet, daher lehnt der Begriff auch an den bekannten Doping-Begriff im Sport an.<aside></aside></p> <p>Habt ihr schonmal eine Substanz zur Leistungssteigerung eingenommen? Vermutlich ja, wenn ihr Kaffee trinkt! Kaffee gilt als der Klassiker schlechthin, wenn man wacher und konzentrierter sein will. Falls ihr aber trotzdem mehr rund um Kaffee und Koffein erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Eine groß angelegte Studie von 2023 mit über 22.000 deutschen Teilnehmern zeigte, dass 62 % der Befragten koffeinhaltige Getränke, wie Kaffee oder Energydrinks, mit dem Zweck der Leistungssteigerung zu sich genommen haben [3]. Besonders gestresste Studenten haben Erfahrungen mit der Einnahme von Smart Drugs, wobei Kaffee und Energydrinks wesentlich regelmäßiger genommen werden als verschreibungspflichtige Mittel [4]. Trotzdem zeigen Studien, dass auch auf verschreibungspflichtige Medikamente zurückgegriffen wird, obwohl deren medizinische Wirkung für Menschen mit spezifischen Krankheiten gedacht ist [2].</p> <h3 id="h-">Die beliebtesten Smart Drugs</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg"><img alt="Gehirndoping" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg 1500w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wenn man seine kognitiven Leistungen mit Smart Drugs steigern will, dann greift man unweigerlich in seine sehr sensibel regulierte Gehirnchemie ein, um die Kommunikation zwischen den Nervenzellen zu optimieren. Man verspricht sich davon erhöhte Wachheit, Aufmerksamkeit, Motivation, Euphorie und verminderte Müdigkeit – also genau das, was wir uns für die Uni oder den Berufsalltag alle wünschen, oder? Aber wie funktioniert das im Detail?</p> <h3 id="h-"><em>Psychostimulanzien</em></h3> <p><strong>Methylphenidat, </strong>auch als <strong>Ritalin</strong> bekannt, gehört den Psychostimulanzien an und wird zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (<strong>ADHS</strong>) als verschreibungspflichtiges Mittel für gesteigerte Konzentration und Aufmerksamkeit eingesetzt [5]. Wie der Name „Psychostimulanz“ schon sagt, wirkt Ritalin anregend und teils euphorisierend. Besonders Studenten scheinen Ritalin gerne zu missbrauchen und versprechen sich davon bessere Konzentrationsfähigkeiten in Klausuren. In den USA nimmt sogar jeder 4. Student Ritalin zu sich [6].</p> <p>Ritalin ist ein Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. <strong>Dopamin</strong> und <strong>Noradrenalin</strong> sind wichtigste Botenstoffe in unserem Gehirn und an der Signalweiterleitung beteiligt. Ritalin blockiert die Transporter, die die Neurotransmitter zurück in die Neuronen transportieren, und sorgt somit dafür, dass das ausgeschüttete Dopamin länger im Gehirn aktiv bleibt, was zu erhöhter Konzentration und Aufmerksamkeit führen kann [7].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-scaled.jpg"><img alt="Ritalin und Modafinil" decoding="async" height="955" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-300x280.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-768x716.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1536x1432.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-2048x1909.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Substanz<strong>, Modafinil,</strong> zählt ebenfalls zu den Psychostimulanzien und wird als Wachmacher bei Narkolepsie bzw. Tagesmüdigkeit verschrieben, jedoch auch gerne zum Zweck des Gehirnboosterns zweckentfremdet [5]. Der Wirkmechanismus von Modafinil ist komplexer und auch noch nicht vollständig verstanden, doch es ist bekannt, dass sich auch durch die Einnahme von Modafinil die Konzentrationen von Dopamin und Noradrenalin erhöhen. Außerdem wirkt es auf Rezeptoren im <strong>Hypothalamus</strong>, die eine wichtige Rolle bei unserem Schlaf-Wach Rhythmus haben, und man sich nach der Einnahme oft wacher und motivierter fühlt [8].</p> <h3><em>Antidementiva</em></h3> <p>Neben klassischen Stimulanzien werden auch sogenannte <strong>Antidementiva</strong> als Neuroenhancer verwendet. Diese Medikamente werden eigentlich zur Behandlung von Demenzerkrankungen verschrieben und sollen Gedächtnisfunktionen stabilisieren und verbessern. Aufgrund dieser Wirkung werden sie jedoch teilweise zweckentfremdet eingesetzt in der Hoffnung, auch bei gesunden Menschen Lernfähigkeit und Gedächtnisleistung zu steigern.</p> <h3><em>Antidepressiva</em></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Doch nicht nur zur Leistungssteigerung im Sinne von Konzentration und Aufmerksamkeit werden Medikamente genutzt, sondern auch wenn es um die Stimmung und den Gefühlszustand geht. <strong>Antidepressiva</strong> werden bei Depressionen verschrieben und sorgen im Gehirn dafür, dass <strong>Serotonin</strong>, ein wichtiger Neurotransmitter für unser Wohlbefinden, länger wirken kann, indem ebenfalls deren Wiederaufnahme blockiert wird. Wenn Antidepressiva jedoch von gesunden Menschen verwendet werden, versprechen sie sich davon eine verbesserte Stimmung, Motivation und psychisches Wohlbefinden.</p> <h3><em>Illegale Drogen</em></h3> <p>Teilweise greifen Menschen sogar zu illegalen Substanzen, wie <strong>Ecstasy</strong>, <strong>Kokain </strong>oder <strong>Crystal Meth</strong> zur Leistungssteigerung zurück: Man verspricht sich mehr Energie, Wachsamkeit, Euphorie, gesteigertes Selbstvertrauen und mehr Konzentrationsfähigkeit, um nur einige Effekte zu nennen. Klar, dass kann man im Uni- oder Berufsalltag schon alles gebrauchen, oder? Aber funktioniert das alles so, wie man sich das denkt, und wenn ja, zu welchem Preis?</p> <h3 id="h-">Was sagt die Wissenschaft?</h3> <p>Die Studienlage ist zwar klein, aber relativ eindeutig: Bei gesunden Menschen, die diese vermeintlich helfenden Mittel zur Leistungssteigerung einnehmen, zeigen sich sehr geringe bis gar keine Effekte.</p> <p>Nach der aktuellen Studienlage ist die Wirksamkeit von Kaffee, Methylphenidat, Amphetaminen und Modafinil auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsverbesserung am besten nachgewiesen [5].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine interessante Studie von 2017 testete die Effekte von Ritalin, Modafinil und Kaffee auf die Leistungen von Schachspielern. Die Ergebnisse waren bescheiden: zwar verbesserten alle Substanzen die Reaktionszeiten, Ritalin und Modafinil im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöhten auch die generelle kognitive Leistung um ein paar Prozentpunkte, jedoch war dies nicht statistisch signifikant. Zudem war der Effekt kaum größer als bei der Gruppe, die Kaffee getrunken hatte [9]. Bei bestimmten Erkrankungen werden die entsprechenden Medikamente eingesetzt, um das gestörte Gleichgewicht der Neurotransmitter zu normalisieren. Bei gesunden Menschen hingegen befinden sich die Botenstoffe bereits in einem gut regulierten Gleichgewicht, sodass zusätzliche Substanzen die Leistungsfähigkeit vermutlich nur begrenzt steigern können.</p> <p>Insgesamt berichten Studien daher durchaus von positiven Effekten [10], [11], doch sind diese Effekte oft nur klein und traten teilweise nur auf, wenn die Testpersonen unter Schlafmangel litten [5], [12]. Da stellt sich mir direkt die Frage, ob man dann nicht lieber erstmal auf einen gesunden Schlaf achten sollte, bevor man diesen vernachlässigt und dann mit Medikamenten versucht, kognitiv wieder fitter zu werden.</p> <p>Ob und wie gut Smart Drugs wirken ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt von vielen äußeren Faktoren ab. Der potenzielle, kurzzeitige Nutzen, den man durch die Einnahme dieser Substanzen bekommen könnte, steht in keinem Verhältnis zu den Risiken, und die sind nicht ohne!</p> <h3 id="h-">Smart Drugs nehmen: eher nicht so smart…</h3> <p>Das Gefährliche bei den Smart Drugs ist, dass die Konsumenten durch ihre eigene Einschätzung die Dosis regulieren und dies nicht ärztlich abgeklärt ist, weswegen die Gefahr vor <strong>Nebenwirkungen </strong>oft außer Acht gelassen wird [3]. Denn die Substanzen sind nicht ohne Grund verschreibungspflichtig!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-scaled.jpg"><img alt="Nebenwirkungen vom Gehirndoping" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-2048x1706.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Von Schlafmangel, Übelkeit, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Nervosität bis hin zu suchtähnlichen Symptomen ist die Liste scheinbar unendlich lang, die ein nicht ärztlich abgesprochener und medizinisch nicht notwendiger Gebrauch von Gehirnstimulanzien hervorrufen kann.</p> <p>Besonders bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten kommt es bei regelmäßiger Einnahme zu einer Gewöhnung an die hohen Dopaminmengen und man braucht oft eine Steigerung der Dosis, um den gewünschten Effekt zu erzielen [13]. Durch diese <strong>Toleranzentwicklung </strong>birgt Gehirndoping mit rezeptpflichtigen Substanzen ein nicht zu unterschätzendes Risiko für Abhängigkeit und <strong>Sucht</strong>! Falls euch dieses Thema näher interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Außerdem können auch Erscheinungen eintreten, die das Gegenteil von dem sind, was man sollte: Leistungsminderung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und depressive Verstimmungen sind nur einige der Nebenwirkungen, die auftreten können, wenn man mit seiner Gehirnchemie herumspielt!</p> <h3 id="h-">Smart Marketing?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung.png"><img alt="" decoding="async" height="864" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-768x432.png 768w" width="1536"></img></a></figure> </div> <p>Okay. Vergessen wir mal die Smart Drugs. Was gibt es denn alles so frei verkäuflich zu erwerben? Tabletten mit den Aufschriften „Über Nacht den IQ erhöhen“, oder „Mentaler Fokus: Leistung und Konzentration steigern“ findet man fast überall. Wenn es keine Tablette sein soll, dann vielleicht doch lieber der vielversprechenden Konzentrationsriegel als Geheimwaffe für die kommende Prüfungsphase?</p> <p>Naja… kann man machen, muss man aber nicht. Eine Studie von 2017 zeigte, dass Proteinriegel mit diversen Inhaltstoffen, die für kognitive Leistungssteigerung sorgen sollen, kurzzeitige positive Effekte bezüglich Aufmerksamkeit und Gedächtnis hatten [14]. Doch die Frage ist, ob man wirklich die überteuerten Riegel kaufen möchte, oder nicht doch einfach durch gesunde Ernährung an dieselben Inhaltsstoffe kommt. Denn eines ist klar: Diese Produkte enthalten keine Wundermittel, die unser Gehirn im Handumdrehen noch effizienter arbeiten lassen! Klingt schön und einfach, aber leider ist das nicht realistisch. Vielleicht sollten wir unserem Gehirn zugestehen, dass es schon ziemlich effizient arbeiten kann, sofern wir dem Gehirn die Chance dazu bieten. Anstatt auf Optimierung durch Medikamente zu setzen, sollte man doch eher an seinen Gewohnheiten wie Schlaf, Ernährung und soziales Umfeld arbeiten.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Der Hype rund um die angeblichen Effekte von Smart Drugs bei gesunden Menschen kann nach aktuellem Stand nicht wissenschaftlich belegt werden und es wird von Experten dringend davon abgeraten, selbst dosierte Mengen von Substanzen ohne ärztliche Absprache einzunehmen!</p> <p>Die Debatte rund um Gehirndoping ist und bleibt hitzig. Es muss noch wesentlich mehr Forschung passieren, um herauszufinden, wie genau die Einnahme der Substanzen sich auf gesunde Personen auswirkt [11]. Doch die Frage kommt auf, wie man eigentlich damit umgehen sollte, selbst wenn die Wirkung nachgewiesen wird? Werden Substanzen wie Ritalin und Modafinil so regelmäßig und gesellschaftlich akzeptiert wie Kaffee genutzt werden, oder geht das doch einen Schritt zu weit?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Fest steht jedoch schon jetzt: Um eure Bestleistung zu erreichen, ist und bleibt guter Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und sozialer Ausgleich das Wichtigste für unseren Alltag, um mit den Hürden der Uni- und Arbeitswelt zurechtzukommen. Also: greift doch vielleicht lieber auf die gute Studentenfutter-Nussmischung und die Banane vor der Klausur zurück und gönnt euch auch mal Pausen während der Arbeitszeit im Büro, dann wird euer Gehirn schon von selbst auf einem Top-Leistungsniveau arbeiten!</p> <div><div> <p>[1]          C. Forlini, J. Schildmann, P. Roser, R. Beranek, and J. Vollmann, ‘Knowledge, Experiences and Views of German University Students Toward Neuroenhancement: An Empirical-Ethical Analysis’, <em>Neuroethics</em>, vol. 8, no. 2, pp. 83–92, Aug. 2015, doi: 10.1007/s12152-014-9218-z.</p> <p>[2]          S. Sharif, A. Guirguis, S. Fergus, and F. Schifano, ‘The Use and Impact of Cognitive Enhancers among University Students: A Systematic Review’, <em>Brain Sci.</em>, vol. 11, no. 3, p. 355, Mar. 2021, doi: 10.3390/brainsci11030355.</p> <p>[3]          S. Sattler, F. van Veen, F. Hasselhorn, L. El Tabei, U. Fuhr, and G. Mehlkop, ‘Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany’, <em>Deviant Behav.</em>, vol. 46, no. 3, pp. 253–287, Mar. 2025, doi: 10.1080/01639625.2024.2334274.</p> <p>[4]          L. J. Maier, M. E. Liechti, F. Herzig, and M. P. Schaub, ‘To Dope or Not to Dope: Neuroenhancement with Prescription Drugs and Drugs of Abuse among Swiss University Students’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 8, no. 11, p. e77967, Nov. 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0077967.</p> <p>[5]          S. R. B. L. für G. und Lebensmittelsicherheit, ‘Gesundheit: Neuroenhancement: Doping für das Gehirn’. Accessed: Mar. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.lgl.bayern.de/gesundheit/arzneimittel/warnungen_verbraucherinformationen/verbraucherinformationen/neuroenhancement.htm</p> <p>[6]          D. Ä. G. Ärzteblatt Redaktion Deutsches, ‘Substanzmittelmissbrauch im Studium: Wenn der Druck zu gross wird’, Deutsches Ärzteblatt. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://www.aerzteblatt.de/archiv/substanzmittelmissbrauch-im-studium-wenn-der-druck-zu-gross-wird-a681e9a3-7e3f-4d30-b9e6-d3e183ab44f2</p> <p>[7]          M. Bushell, ‘How do stimulants actually work to reduce ADHD symptoms?’, The Conversation. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://theconversation.com/how-do-stimulants-actually-work-to-reduce-adhd-symptoms-215801</p> <p>[8]          ‘Modafinil – drugcom’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-m/modafinil/</p> <p>[9]          A. G. Franke <em>et al.</em>, ‘Methylphenidate, modafinil, and caffeine for cognitive enhancement in chess: A double-blind, randomised controlled trial’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 27, no. 3, pp. 248–260, Mar. 2017, doi: 10.1016/j.euroneuro.2017.01.006.</p> <p>[10]       C. A. Roberts, A. Jones, H. Sumnall, S. H. Gage, and C. Montgomery, ‘How effective are pharmaceuticals for cognitive enhancement in healthy adults? A series of meta-analyses of cognitive performance during acute administration of modafinil, methylphenidate and D-amphetamine’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 38, pp. 40–62, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.euroneuro.2020.07.002.</p> <p>[11]       D. Repantis, L. Bovy, K. Ohla, S. Kühn, and M. Dresler, ‘Cognitive enhancement effects of stimulants: a randomized controlled trial testing methylphenidate, modafinil, and caffeine’, <em>Psychopharmacology (Berl.)</em>, vol. 238, no. 2, pp. 441–451, 2021, doi: 10.1007/s00213-020-05691-w.</p> <p>[12]       ‘Geriatrie und Gerontologie | Doping für das Gehirn | springermedizin.de’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.springermedizin.de/geriatrie-und-gerontologie/doping-fuer-das-gehirn/15280300</p> <p>[13]       mdr.de, ‘Ritalin &amp; Co.: Wunderpillen für mehr Leistung? | MDR.DE’. Accessed: Apr. 13, 2026. [Online]. Available: https://www.mdr.de/wissen/gehirndoping-wunderpillen-fuer-mehr-leistung-100.html</p> <p>[14]       D. O. Kennedy, E. L. Wightman, J. Forster, J. Khan, C. F. Haskell-Ramsay, and P. A. Jackson, ‘Cognitive and Mood Effects of a Nutrient Enriched Breakfast Bar in Healthy Adults: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel Groups Study’, <em>Nutrients</em>, vol. 9, no. 12, p. 1332, Dec. 2017, doi: 10.3390/nu9121332.</p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Gehirndoping mit Smart Drugs! Geht die Kosten-Nutzen-Rechnung auf? » HIRN UND WEG » SciLogs</h1><h2>By Von Luisa Sophie Engelke</h2><div itemprop="text"> <p>Kennt ihr es, bei der Arbeit morgens einfach nicht in den Quark zu kommen, in der Vorlesung nicht folgen zu können, oder im Nachmittagsmeeting, wo schon seit einer Stunde hitzig diskutiert wird, mit der Aufmerksamkeit nicht bei der Sache zu sein? Als ich damals morgens um 08:00 Uhr in meinen Vorlesungen saß, hätte ich mir gerne gewünscht, wacher und konzentrationsfähiger zu sein. Kaffee war schonmal ein guter Anfang, aber auch dessen Wirkung hätte durchaus optimiert werden können. Wäre es nicht toll, wenn man einfach Tabletten einwirft und schwups: Gehirn ist bei 100 Prozent Leistung!</p> <p>Von Konzentrationsriegeln in der Apotheke, über „Energie-Säfte“ und „Power-Shots“ im Supermarkt, bis hin zu Brain Food: Überall sieht man angebliche Wundermittel, die einen in kürzester Zeit auf Maximalleistung bringen sollen. Doch da hört es noch nicht auf: Einige greifen auf verschreibungspflichtige Medikamente zurück und zweckentfremden diese, um sich besser konzentrieren zu können und aufmerksamer zu sein. So oder so ähnlich stellen sich zumindest viele Leute die Wirkung von sogenannten „Neuroenhancern“ oder „<strong>Smart Drugs</strong>“ vor, die von harmlosem Kaffee bis hin zu illegalen Drogen reichen.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-scaled.jpg"><img alt="Leistungsdruck in der Arbeitsbrange" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/13399737_Decrease_3-2048x1366.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine groß angelegte Studie mit über 1000 deutschen Studenten ergab, dass 2,2 % der Studenten, besonders in stressigen Lern- oder Prüfungsphasen, bereits verschreibungspflichtige Medikamente zum Zweck der Leistungssteigerung eingenommen haben [1]. Der Gebrauch von diesen Smart Drugs unter Studenten hat zudem die letzten Jahre immer weiter zugenommen und scheint auch in der gesamten Bevölkerung immer populärer zu werden [2]. Und ist ja auch irgendwie verständlich, oder? Wer ist in der aktuellen Welt denn bitte nicht überfordert und würde sich bei dem immer weiter ansteigenden Arbeitsdruck gerne mal besser konzentrieren können?  Denkt nur an den stressigen Berufsalltag, die komplizierte Uniklausur, den wichtigen Einstufungstest für den neuen Job – manchmal braucht man auch einfach mal seine Topleistung, oder?</p> <p>Aber ist es wirklich smart, smart drugs zu nehmen?</p> <h3 id="h-">Bestleistungen mit Smart Drugs?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-scaled.jpg"><img alt="Smart Drugs beim Gehirndoping" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/29874943_GST-CAM-939-13-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p><strong>Gehirndoping</strong>, oder auch Neuroenhancement, beschreibt das gezielte Einnehmen von Substanzen zum Zweck der Leistungssteigerung bei gesunden Menschen. Dabei geht es besonders um die Verbesserung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Konzentration. Beim Gehirndoping werden, je nach Definition, auch verschreibungspflichtige Medikamente verwendet, daher lehnt der Begriff auch an den bekannten Doping-Begriff im Sport an.<aside></aside></p> <p>Habt ihr schonmal eine Substanz zur Leistungssteigerung eingenommen? Vermutlich ja, wenn ihr Kaffee trinkt! Kaffee gilt als der Klassiker schlechthin, wenn man wacher und konzentrierter sein will. Falls ihr aber trotzdem mehr rund um Kaffee und Koffein erfahren wollt, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Eine groß angelegte Studie von 2023 mit über 22.000 deutschen Teilnehmern zeigte, dass 62 % der Befragten koffeinhaltige Getränke, wie Kaffee oder Energydrinks, mit dem Zweck der Leistungssteigerung zu sich genommen haben [3]. Besonders gestresste Studenten haben Erfahrungen mit der Einnahme von Smart Drugs, wobei Kaffee und Energydrinks wesentlich regelmäßiger genommen werden als verschreibungspflichtige Mittel [4]. Trotzdem zeigen Studien, dass auch auf verschreibungspflichtige Medikamente zurückgegriffen wird, obwohl deren medizinische Wirkung für Menschen mit spezifischen Krankheiten gedacht ist [2].</p> <h3 id="h-">Die beliebtesten Smart Drugs</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg"><img alt="Gehirndoping" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206-768x513.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/2148999206.jpg 1500w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Wenn man seine kognitiven Leistungen mit Smart Drugs steigern will, dann greift man unweigerlich in seine sehr sensibel regulierte Gehirnchemie ein, um die Kommunikation zwischen den Nervenzellen zu optimieren. Man verspricht sich davon erhöhte Wachheit, Aufmerksamkeit, Motivation, Euphorie und verminderte Müdigkeit – also genau das, was wir uns für die Uni oder den Berufsalltag alle wünschen, oder? Aber wie funktioniert das im Detail?</p> <h3 id="h-"><em>Psychostimulanzien</em></h3> <p><strong>Methylphenidat, </strong>auch als <strong>Ritalin</strong> bekannt, gehört den Psychostimulanzien an und wird zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (<strong>ADHS</strong>) als verschreibungspflichtiges Mittel für gesteigerte Konzentration und Aufmerksamkeit eingesetzt [5]. Wie der Name „Psychostimulanz“ schon sagt, wirkt Ritalin anregend und teils euphorisierend. Besonders Studenten scheinen Ritalin gerne zu missbrauchen und versprechen sich davon bessere Konzentrationsfähigkeiten in Klausuren. In den USA nimmt sogar jeder 4. Student Ritalin zu sich [6].</p> <p>Ritalin ist ein Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. <strong>Dopamin</strong> und <strong>Noradrenalin</strong> sind wichtigste Botenstoffe in unserem Gehirn und an der Signalweiterleitung beteiligt. Ritalin blockiert die Transporter, die die Neurotransmitter zurück in die Neuronen transportieren, und sorgt somit dafür, dass das ausgeschüttete Dopamin länger im Gehirn aktiv bleibt, was zu erhöhter Konzentration und Aufmerksamkeit führen kann [7].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-scaled.jpg"><img alt="Ritalin und Modafinil" decoding="async" height="955" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1024x955.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-300x280.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-768x716.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-1536x1432.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/8875112_14588-2048x1909.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine andere Substanz<strong>, Modafinil,</strong> zählt ebenfalls zu den Psychostimulanzien und wird als Wachmacher bei Narkolepsie bzw. Tagesmüdigkeit verschrieben, jedoch auch gerne zum Zweck des Gehirnboosterns zweckentfremdet [5]. Der Wirkmechanismus von Modafinil ist komplexer und auch noch nicht vollständig verstanden, doch es ist bekannt, dass sich auch durch die Einnahme von Modafinil die Konzentrationen von Dopamin und Noradrenalin erhöhen. Außerdem wirkt es auf Rezeptoren im <strong>Hypothalamus</strong>, die eine wichtige Rolle bei unserem Schlaf-Wach Rhythmus haben, und man sich nach der Einnahme oft wacher und motivierter fühlt [8].</p> <h3><em>Antidementiva</em></h3> <p>Neben klassischen Stimulanzien werden auch sogenannte <strong>Antidementiva</strong> als Neuroenhancer verwendet. Diese Medikamente werden eigentlich zur Behandlung von Demenzerkrankungen verschrieben und sollen Gedächtnisfunktionen stabilisieren und verbessern. Aufgrund dieser Wirkung werden sie jedoch teilweise zweckentfremdet eingesetzt in der Hoffnung, auch bei gesunden Menschen Lernfähigkeit und Gedächtnisleistung zu steigern.</p> <h3><em>Antidepressiva</em></h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/26386030_7179733-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Doch nicht nur zur Leistungssteigerung im Sinne von Konzentration und Aufmerksamkeit werden Medikamente genutzt, sondern auch wenn es um die Stimmung und den Gefühlszustand geht. <strong>Antidepressiva</strong> werden bei Depressionen verschrieben und sorgen im Gehirn dafür, dass <strong>Serotonin</strong>, ein wichtiger Neurotransmitter für unser Wohlbefinden, länger wirken kann, indem ebenfalls deren Wiederaufnahme blockiert wird. Wenn Antidepressiva jedoch von gesunden Menschen verwendet werden, versprechen sie sich davon eine verbesserte Stimmung, Motivation und psychisches Wohlbefinden.</p> <h3><em>Illegale Drogen</em></h3> <p>Teilweise greifen Menschen sogar zu illegalen Substanzen, wie <strong>Ecstasy</strong>, <strong>Kokain </strong>oder <strong>Crystal Meth</strong> zur Leistungssteigerung zurück: Man verspricht sich mehr Energie, Wachsamkeit, Euphorie, gesteigertes Selbstvertrauen und mehr Konzentrationsfähigkeit, um nur einige Effekte zu nennen. Klar, dass kann man im Uni- oder Berufsalltag schon alles gebrauchen, oder? Aber funktioniert das alles so, wie man sich das denkt, und wenn ja, zu welchem Preis?</p> <h3 id="h-">Was sagt die Wissenschaft?</h3> <p>Die Studienlage ist zwar klein, aber relativ eindeutig: Bei gesunden Menschen, die diese vermeintlich helfenden Mittel zur Leistungssteigerung einnehmen, zeigen sich sehr geringe bis gar keine Effekte.</p> <p>Nach der aktuellen Studienlage ist die Wirksamkeit von Kaffee, Methylphenidat, Amphetaminen und Modafinil auf Konzentrations- und Aufmerksamkeitsverbesserung am besten nachgewiesen [5].</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/22676111_80_YnVzaW5lc3NfYWxsZWdvcnktMDU-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Eine interessante Studie von 2017 testete die Effekte von Ritalin, Modafinil und Kaffee auf die Leistungen von Schachspielern. Die Ergebnisse waren bescheiden: zwar verbesserten alle Substanzen die Reaktionszeiten, Ritalin und Modafinil im Vergleich zur Kontrollgruppe erhöhten auch die generelle kognitive Leistung um ein paar Prozentpunkte, jedoch war dies nicht statistisch signifikant. Zudem war der Effekt kaum größer als bei der Gruppe, die Kaffee getrunken hatte [9]. Bei bestimmten Erkrankungen werden die entsprechenden Medikamente eingesetzt, um das gestörte Gleichgewicht der Neurotransmitter zu normalisieren. Bei gesunden Menschen hingegen befinden sich die Botenstoffe bereits in einem gut regulierten Gleichgewicht, sodass zusätzliche Substanzen die Leistungsfähigkeit vermutlich nur begrenzt steigern können.</p> <p>Insgesamt berichten Studien daher durchaus von positiven Effekten [10], [11], doch sind diese Effekte oft nur klein und traten teilweise nur auf, wenn die Testpersonen unter Schlafmangel litten [5], [12]. Da stellt sich mir direkt die Frage, ob man dann nicht lieber erstmal auf einen gesunden Schlaf achten sollte, bevor man diesen vernachlässigt und dann mit Medikamenten versucht, kognitiv wieder fitter zu werden.</p> <p>Ob und wie gut Smart Drugs wirken ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt von vielen äußeren Faktoren ab. Der potenzielle, kurzzeitige Nutzen, den man durch die Einnahme dieser Substanzen bekommen könnte, steht in keinem Verhältnis zu den Risiken, und die sind nicht ohne!</p> <h3 id="h-">Smart Drugs nehmen: eher nicht so smart…</h3> <p>Das Gefährliche bei den Smart Drugs ist, dass die Konsumenten durch ihre eigene Einschätzung die Dosis regulieren und dies nicht ärztlich abgeklärt ist, weswegen die Gefahr vor <strong>Nebenwirkungen </strong>oft außer Acht gelassen wird [3]. Denn die Substanzen sind nicht ohne Grund verschreibungspflichtig!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-scaled.jpg"><img alt="Nebenwirkungen vom Gehirndoping" decoding="async" height="853" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1024x853.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-300x250.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-768x640.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-1536x1280.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/20827490_Tiny-depressed-woman-with-anxiety-sitting-on-large-pill-2048x1706.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Von Schlafmangel, Übelkeit, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Nervosität bis hin zu suchtähnlichen Symptomen ist die Liste scheinbar unendlich lang, die ein nicht ärztlich abgesprochener und medizinisch nicht notwendiger Gebrauch von Gehirnstimulanzien hervorrufen kann.</p> <p>Besonders bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten kommt es bei regelmäßiger Einnahme zu einer Gewöhnung an die hohen Dopaminmengen und man braucht oft eine Steigerung der Dosis, um den gewünschten Effekt zu erzielen [13]. Durch diese <strong>Toleranzentwicklung </strong>birgt Gehirndoping mit rezeptpflichtigen Substanzen ein nicht zu unterschätzendes Risiko für Abhängigkeit und <strong>Sucht</strong>! Falls euch dieses Thema näher interessiert, schaut gerne hier vorbei:</p> <figure></figure> <p>Außerdem können auch Erscheinungen eintreten, die das Gegenteil von dem sind, was man sollte: Leistungsminderung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen und depressive Verstimmungen sind nur einige der Nebenwirkungen, die auftreten können, wenn man mit seiner Gehirnchemie herumspielt!</p> <h3 id="h-">Smart Marketing?</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung.png"><img alt="" decoding="async" height="864" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/Konzentrationsriegel-zur-Leistungssteigerung-edited-768x432.png 768w" width="1536"></img></a></figure> </div> <p>Okay. Vergessen wir mal die Smart Drugs. Was gibt es denn alles so frei verkäuflich zu erwerben? Tabletten mit den Aufschriften „Über Nacht den IQ erhöhen“, oder „Mentaler Fokus: Leistung und Konzentration steigern“ findet man fast überall. Wenn es keine Tablette sein soll, dann vielleicht doch lieber der vielversprechenden Konzentrationsriegel als Geheimwaffe für die kommende Prüfungsphase?</p> <p>Naja… kann man machen, muss man aber nicht. Eine Studie von 2017 zeigte, dass Proteinriegel mit diversen Inhaltstoffen, die für kognitive Leistungssteigerung sorgen sollen, kurzzeitige positive Effekte bezüglich Aufmerksamkeit und Gedächtnis hatten [14]. Doch die Frage ist, ob man wirklich die überteuerten Riegel kaufen möchte, oder nicht doch einfach durch gesunde Ernährung an dieselben Inhaltsstoffe kommt. Denn eines ist klar: Diese Produkte enthalten keine Wundermittel, die unser Gehirn im Handumdrehen noch effizienter arbeiten lassen! Klingt schön und einfach, aber leider ist das nicht realistisch. Vielleicht sollten wir unserem Gehirn zugestehen, dass es schon ziemlich effizient arbeiten kann, sofern wir dem Gehirn die Chance dazu bieten. Anstatt auf Optimierung durch Medikamente zu setzen, sollte man doch eher an seinen Gewohnheiten wie Schlaf, Ernährung und soziales Umfeld arbeiten.</p> <h3 id="h-fazit">Fazit</h3> <p>Der Hype rund um die angeblichen Effekte von Smart Drugs bei gesunden Menschen kann nach aktuellem Stand nicht wissenschaftlich belegt werden und es wird von Experten dringend davon abgeraten, selbst dosierte Mengen von Substanzen ohne ärztliche Absprache einzunehmen!</p> <p>Die Debatte rund um Gehirndoping ist und bleibt hitzig. Es muss noch wesentlich mehr Forschung passieren, um herauszufinden, wie genau die Einnahme der Substanzen sich auf gesunde Personen auswirkt [11]. Doch die Frage kommt auf, wie man eigentlich damit umgehen sollte, selbst wenn die Wirkung nachgewiesen wird? Werden Substanzen wie Ritalin und Modafinil so regelmäßig und gesellschaftlich akzeptiert wie Kaffee genutzt werden, oder geht das doch einen Schritt zu weit?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/files/12083370_Wavy_Bus-19_Single-09-1-2048x2048.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> </div> <p>Fest steht jedoch schon jetzt: Um eure Bestleistung zu erreichen, ist und bleibt guter Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und sozialer Ausgleich das Wichtigste für unseren Alltag, um mit den Hürden der Uni- und Arbeitswelt zurechtzukommen. Also: greift doch vielleicht lieber auf die gute Studentenfutter-Nussmischung und die Banane vor der Klausur zurück und gönnt euch auch mal Pausen während der Arbeitszeit im Büro, dann wird euer Gehirn schon von selbst auf einem Top-Leistungsniveau arbeiten!</p> <div><div> <p>[1]          C. Forlini, J. Schildmann, P. Roser, R. Beranek, and J. Vollmann, ‘Knowledge, Experiences and Views of German University Students Toward Neuroenhancement: An Empirical-Ethical Analysis’, <em>Neuroethics</em>, vol. 8, no. 2, pp. 83–92, Aug. 2015, doi: 10.1007/s12152-014-9218-z.</p> <p>[2]          S. Sharif, A. Guirguis, S. Fergus, and F. Schifano, ‘The Use and Impact of Cognitive Enhancers among University Students: A Systematic Review’, <em>Brain Sci.</em>, vol. 11, no. 3, p. 355, Mar. 2021, doi: 10.3390/brainsci11030355.</p> <p>[3]          S. Sattler, F. van Veen, F. Hasselhorn, L. El Tabei, U. Fuhr, and G. Mehlkop, ‘Prevalence of Legal, Prescription, and Illegal Drugs Aiming at Cognitive Enhancement across Sociodemographic Groups in Germany’, <em>Deviant Behav.</em>, vol. 46, no. 3, pp. 253–287, Mar. 2025, doi: 10.1080/01639625.2024.2334274.</p> <p>[4]          L. J. Maier, M. E. Liechti, F. Herzig, and M. P. Schaub, ‘To Dope or Not to Dope: Neuroenhancement with Prescription Drugs and Drugs of Abuse among Swiss University Students’, <em>PLOS ONE</em>, vol. 8, no. 11, p. e77967, Nov. 2013, doi: 10.1371/journal.pone.0077967.</p> <p>[5]          S. R. B. L. für G. und Lebensmittelsicherheit, ‘Gesundheit: Neuroenhancement: Doping für das Gehirn’. Accessed: Mar. 10, 2026. [Online]. Available: https://www.lgl.bayern.de/gesundheit/arzneimittel/warnungen_verbraucherinformationen/verbraucherinformationen/neuroenhancement.htm</p> <p>[6]          D. Ä. G. Ärzteblatt Redaktion Deutsches, ‘Substanzmittelmissbrauch im Studium: Wenn der Druck zu gross wird’, Deutsches Ärzteblatt. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://www.aerzteblatt.de/archiv/substanzmittelmissbrauch-im-studium-wenn-der-druck-zu-gross-wird-a681e9a3-7e3f-4d30-b9e6-d3e183ab44f2</p> <p>[7]          M. Bushell, ‘How do stimulants actually work to reduce ADHD symptoms?’, The Conversation. Accessed: Apr. 08, 2026. [Online]. Available: https://theconversation.com/how-do-stimulants-actually-work-to-reduce-adhd-symptoms-215801</p> <p>[8]          ‘Modafinil – drugcom’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.drugcom.de/drogenlexikon/buchstabe-m/modafinil/</p> <p>[9]          A. G. Franke <em>et al.</em>, ‘Methylphenidate, modafinil, and caffeine for cognitive enhancement in chess: A double-blind, randomised controlled trial’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 27, no. 3, pp. 248–260, Mar. 2017, doi: 10.1016/j.euroneuro.2017.01.006.</p> <p>[10]       C. A. Roberts, A. Jones, H. Sumnall, S. H. Gage, and C. Montgomery, ‘How effective are pharmaceuticals for cognitive enhancement in healthy adults? A series of meta-analyses of cognitive performance during acute administration of modafinil, methylphenidate and D-amphetamine’, <em>Eur. Neuropsychopharmacol.</em>, vol. 38, pp. 40–62, Sep. 2020, doi: 10.1016/j.euroneuro.2020.07.002.</p> <p>[11]       D. Repantis, L. Bovy, K. Ohla, S. Kühn, and M. Dresler, ‘Cognitive enhancement effects of stimulants: a randomized controlled trial testing methylphenidate, modafinil, and caffeine’, <em>Psychopharmacology (Berl.)</em>, vol. 238, no. 2, pp. 441–451, 2021, doi: 10.1007/s00213-020-05691-w.</p> <p>[12]       ‘Geriatrie und Gerontologie | Doping für das Gehirn | springermedizin.de’. Accessed: Apr. 11, 2026. [Online]. Available: https://www.springermedizin.de/geriatrie-und-gerontologie/doping-fuer-das-gehirn/15280300</p> <p>[13]       mdr.de, ‘Ritalin &amp; Co.: Wunderpillen für mehr Leistung? | MDR.DE’. Accessed: Apr. 13, 2026. [Online]. Available: https://www.mdr.de/wissen/gehirndoping-wunderpillen-fuer-mehr-leistung-100.html</p> <p>[14]       D. O. Kennedy, E. L. Wightman, J. Forster, J. Khan, C. F. Haskell-Ramsay, and P. A. Jackson, ‘Cognitive and Mood Effects of a Nutrient Enriched Breakfast Bar in Healthy Adults: A Randomised, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel Groups Study’, <em>Nutrients</em>, vol. 9, no. 12, p. 1332, Dec. 2017, doi: 10.3390/nu9121332.</p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/gehirndoping-mit-smart-drugs-geht-die-kosten-nutzen-rechnung-auf/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Wissen Ameisen, ob sie in einem Garten wohnen? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/#comments Sat, 18 Apr 2026 16:07:26 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1840 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Whirl_sun-768x329.jpg Sonne und Galaxis https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/ <h1>Wissen Ameisen, ob sie in einem Garten wohnen? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Werden wir von Aliens beobachtet? Nein, nicht von UFOs, die Menschen entführen. Sondern von Wesen, die uns soweit voraus sind, dass wir auf sie wie </b><b>Ameise</b><b>n wirken</b><b>. Und wenn es so wäre, würden wir das überhaupt wahrnehmen?</b></p> <p>Mit diesen Fragen befasst sich meine aktuelle Kurzgeschichte: „Weiß die Ameise, dass sie in einem Garten wohnt?“ (veröffentlicht <a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener" target="_blank">im Magazin <em>NOVA 38</em></a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>). Vordergründig geht es um eine Wärmeanomalie in einer aufgelassenen Wetterstation in Sibirien. Eine Offizierin des Militärgeheimdienstes und ein Klimaforscher werden abgestellt, um das Phänomen zu untersuchen – wenn es überhaupt eines ist, denn der Klimawandel hat den Permafrostboden gewaltig in Unordnung gebracht. Mehr sei hier nicht verraten, nur dass in der Geschichten auch Katzen eine wichtige Rolle spielen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1843" id="attachment_1843"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg"><img alt="Wetterstation " decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1843">Ist das ein Alien oder gibt es eine natürliche Erklärung? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <h3>Gibt es überhaupt Aliens?</h3> <p>Bisher wissen wir nicht, ob es überhaupt außerirdische Intelligenzen gibt. Sicher, erstaunlich viele Menschen haben von Begegnungen mit UFOs berichtet oder sogar von direkten Begegnungen mit Außerirdischen. Aber keines dieser Erlebnisse ließ sich bisher verifizieren oder durch materielle Beweise erhärten. Deshalb wohnen UFOs bislang in der gleichen Realitätsebene wie Engel, Dämonen oder Geister in alten Schlössern. Andererseits beweist das auch nicht, das es keine Aliens gibt. </p> <h3>Wo sind sie alle?</h3> <p>Im bekannten Universum verteilen sich ein bis zwei Billion Galaxien, die im Durchschnitt mehr als eine Milliarde Sterne enthalten. Und wenn man unsere Milchstraße als Modell zugrunde legt, kommen auf jeden Stern mindestens zwei Planeten. Selbst wenn nur auf einem verschwindend geringen Teil davon Lebewesen herumkriechen, wäre schon unsere eigene Galaxis ein äußerst artenreicher Zoo. Und fast zwangsläufig würde irgendwann eine technische Zivilisation entstehen, theoretisch jedenfalls.</p> <p>„Wo sind sie alle?“ soll der Physiker Enrico Fermi im Jahre 1950 bei einer Diskussion über UFOs und Außerirdische gefragt haben. Seitdem ist die Diskrepanz zwischen der Annahme, dass eine Vielzahl von außerirdischen Zivilisationen entstanden sein müsste, und dem völligen Fehlen von eindeutigen Spuren ihrer Existenz als <i>Fermi-Paradoxon</i> bekannt.<aside></aside></p> <h3>Die Drake-Formel</h3> <p>Der Astronom Frank Drake entwickelte eine Formel aus sieben Faktoren, die angeben soll, wie viele weitere technische Zivilisationen auf anderen Planeten in unserer Milchstraße parallel zu uns existieren. Weil die meisten Faktoren aber nicht genau bekannt sind, <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Zahlen-bitte-Bis-zu-4-000-000-Alien-Welten-nach-der-Drake-Gleichung-9788627.html" rel="noopener">liegen die besten Schätzungen zwischen</a> einer einzigen und vier Millionen Alien-Zivilisationen. Der praktische Nutzen der Drake-Formel ist also überschaubar, zumal einige Faktor unmöglich genauer bestimmt werden können. Dazu gehört zum Beispiel die durchschnittliche Dauer einer technischen Zivilisation oder die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf einem geeigneten Planeten überhaupt Leben entwickelt.</p> <h3>SETI</h3> <p>Aber ganz gleich, wie man die Drake-Formel staucht oder streckt, bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Seit mehr als 60 Jahren suchen Wissenschaftler in sogenannten SETI-Projekten vergeblich nach Signalen von außerirdischen Intelligenzen. SETI steht dabei für<i> Search for Extraterrestrial Intelligence.</i> Leider weiß niemand so genau, wonach wir suchen sollten. Im Grunde käme jedes Signal infrage, das nicht natürlich erklärbar ist. Es könnte dabei auf jeder Frequenz des elektromagnetischen Spektrums liegen, angefangen von langwelliger Radiostrahlung über sichtbares Licht bis in den Bereich der Gammastrahlen.</p> <p>Ergebnis bislang: Nullkommanichts.</p> <h3>Active SETI</h3> <p>Sollten wir eventuell selber ein Suchsignal aussenden, das in etwa lautet: „Ist da jemand?“ Das könnte die Kontaktaufnahme beschleunigen, nur würde das eventuell Aliens anziehen, die wir hier lieber nicht sehen würden. Der berühmte britische Astrophysiker Stephen Hawking (1942-2018) hat im Jahr 2010 in einer Fernsehsendung der BBC darauf hingewiesen, dass der erste Kontakt mit den Europäern für die Ureinwohner Amerikas kein gutes Ende genommen hat. Aliens, die auf unsere Suchanzeige hin persönlich hier aufkreuzen, wären uns technisch mindestens so weit voraus wie die Europäer den Indianern.</p> <h3>Haben wir den Besuch verpasst?</h3> <p>Aber vielleicht waren Aliens ja schon vor Millionen Jahren im Sonnensystem, haben sich kurz umgesehen und sind wieder abgeflogen? Sicher, das ist möglich, aber dann haben sie so gut hinter sich aufgeräumt, dass wir – bisher jedenfalls – keine Spuren von ihnen gefunden haben. Ich habe das in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wie-findet-man-eine-fruehere-zivilisation/" rel="noopener" target="_blank">früheren Blogpost</a> bereits ausführlich diskutiert.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1844" id="attachment_1844"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg 2048w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1844">Haben uns Außerirdische in der Steinzeit besucht? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Wenn wir hier schon nichts finden, sollten wir vielleicht in der Milchstraße nach große künstliche Strukturen zu suchen, die nur von außerirdischen Zivilisationen stammen können?</p> <h3>Die Kardaschow-Einteilung</h3> <p>Der russische Astronom Nikolai Kardaschow hat 1964 vorgeschlagen, die Entwicklungsstufen außerirdischer Zivilisationen nach ihrem Energieverbrauch einzuteilen, genauer gesagt, nach der maximalen Energie, die sie konstruktiv einsetzen können. Er unterschied drei Typen:</p> <p>Typ I: Die Zivilisation beherrscht die gesamte auf einem Planeten verfügbare Leistung.</p> <p>Typ II: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung des Zentralsterns.</p> <p>Typ III: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung einer Galaxie.</p> <p>Zur Einordnung: Die Menschen kontrollieren deutlich weniger Energie, als für Typ I erforderlich wäre. Das Star-Wars-Universum besteht aus raumfahrenden Spezies der Typen I und II.</p> <p>Falls Aliens mindestens den Energieausstoß einer Sonne kontrollieren, sollten sie eigentlich Bauten hinterlassen haben, die Astronomen von der Erde aus sehen können. Nehmen wir an, eine Alienrasse möchte die Energie ihrer Sonne nachhaltig nutzen und baut eine Hohlkugel um ihren Stern. Diese Idee stammt nicht von mir, sondern von dem Physiker Freeman Dyson, weshalb sie als Dyson-Sphere bekannt ist. Ihre Oberfläche wäre gigantisch, und eine potenzielle Zivilisation müsste dafür alles Material verbauen, das sie in ihrem Sonnensystem findet. Der verkapselte Stern würde weiterhin Energie abgeben, aber nicht mehr im sichtbaren Licht, sondern im infraroten Spektrum. Astronomen haben nach solchen Objekten schon gesucht, bisher aber erfolglos.</p> <h3>Qualität, nicht Quantität</h3> <p>Die Kardaschow-Skala geht davon aus, dass der Fortschritt einer technischen Zivilisation in ihrer Vergrößerung liegt. Was heißt das? Hätte Kardaschow in der Steinzeit gelebt, dann würde er angenommen haben, dass eine sehr fortschrittliche Zivilisation alle Mammutherden eines Kontinents bewirtschaften könne. Ich halte dieses Konzept deshalb für wenig Erfolg versprechend. Wenn eine Zivilisation wirklich lange überlebt, ändert sich auch ihre Qualität. Sie wird sich höchstwahrscheinlich in eine Richtung weiterentwickeln, die wir nicht einmal ahnen können.</p> <p>In seinem meisterhaften Film 2001 – Odyssee im Weltraum zeigte Stanley Kubrick die Aliens, die auf der Erde, auf dem Mond und zwischen den Jupitermonden schwarze geheimnisvolle Monolithen platziert hatten, nicht ein einziges Mal. Der Astronaut Bowman findet sich nach dem Sturz durch den Jupiter-Monolithen in einem surrealistischen Hotelzimmer wieder. Von da an altert er rapide und wird als Sternenkind wiedergeboren. Solche Veränderungen sind nur denkbar, wenn die Aliens das Gewebe des Universums meisterhaft manipulieren. Für sie wären Menschen dann kaum mehr als primitive Urzeitwesen, die es noch nicht geschafft haben, die Bürde der Materie abzuwerfen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1842" id="attachment_1842"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-scaled.jpg"><img alt="Energiewesen" decoding="async" height="206" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1024x439.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-768x329.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1536x658.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-2048x878.jpg 2048w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1842">Streifen intelligente Wesen irgendwann ihren materiellen Körper ab? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Auch aus anderen Science-Fiction-Erzählungen sind äußerst mächtige Wesen bekannt.</p> <p>Im Star-Trek-Universum lebt das Wesen Q, Angehöriger der gleichnamigen Spezies aus dem Q-Kontinuum. Die Q verfügen über die Fähigkeit, die Gesetze der Physik zu verbiegen und sind nicht in gleicher Weise an Raum und Zeit gebunden wie Menschen. Trotz seiner gottgleichen Macht zeigt das Q-Wesen einen seltsamen Sinn für Humor und eine Vorliebe für handfeste Streiche.</p> <h3>Wie es weitergeht</h3> <p>Vielleicht werden intelligente Wesen irgendwann ihre Körper hinter sich lassen und verankern ihren Geist direkt in der Struktur des Raum-Zeit-Gefüges. Vielleicht lernen sie, die Vakuumenergie zu nutzen, die das Universum durchzieht. Und vielleicht ist das sogar eine gesetzmäßige Entwicklung.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Würden wir solche Wesen überhaupt noch wahrnehmen? Nehmen wir an, sie hätten sich einen Lebensraum eingerichtet, der sich mit unserem Sonnensystem überschneidet, und bauten prächtige Häuser, Gärten und Landschaften aus reiner Energie. Und wir leben mittendrin, ohne das zu merken. Diese Spekulation ist die Grundlage für meine Kurzgeschichte. Ist das jetzt noch Wissenschaft oder schon Märchen?</p> <h3>Es wird dunkel</h3> <p>Nach dem heutigen Wissen besteht das Universum nur zu 4,6 Prozent aus gewöhnlicher Materie. Weitere 23 Prozent macht die dunkle Materie aus. Trotz aller Mühe von Physikern und Astronomen wissen wir nicht, wie ihre Bestandteile aussehen. Nur ihre Masse lässt sich nachweisen. Mit normaler Materie gibt sie sich nicht ab. Sie wechselwirkt nicht, wie die Physiker sagen.</p> <p>Und den ganzen Rest, fast drei Viertel des Universums, nimmt die dunkle Energie ein. Und wieder können wir nur ihre Wirkung messen, über ihre Natur wissen wir nichts. Sie mag mit der Vakuumenergie identisch sein – oder auch nicht.</p> <p>Was heißt das also? Trotz aller Fortschritte der Wissenschaft entziehen sich mehr als 95 Prozent des Universums unserer Wahrnehmung. Selbst die empfindlichsten Messinstrumente können die mächtige dunkle Seite nicht enträtseln, nur ihre Wirkung lässt sich nicht übersehen.</p> <p>Bildet die dunkle Seite Strukturen? Verdichtet sie sich zu schwarzen Sonnen und dunklen Planeten? Wogen dort Meere, durchzogen vom unsichtbarem Leben? Wir wissen es nicht. Aber mit unserer eingeschränkten Sicht auf gerade mal 4,6 Prozent des Universums sollten wir das aber nicht ausschließen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Der Mensch hielt sich lange für die Krone der Schöpfung. Inzwischen wissen wir, dass die Erde um eine kleine, aber stabile Sonne im Spiralarm einer Galaxis kreist. Im Universum leuchten vermutlich mehr als 10<sup>20</sup> Sterne. Und die gewöhnliche Materie, aus der sie bestehen, macht nur 5 Prozent des Universums aus. Der Rest ist dunkel. Und selbst über Aliens wissen wir nichts. Lebt die nächste von vielen Tausend Alienrassen direkt nebenan? Oder entstand das Leben auf der Erde nur aufgrund eines grotesken und absolut einmaligen Zufalls?</p> <p>Bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Für wirklich fortgeschrittene Zivilisationen sind <a href="https://www.derstandard.de/story/3100000292305/gelangweilte-aliens-erfolglose-suche-nach-intelligenz-im-all-koennte-banale-gruende-haben" rel="noopener">wir vielleicht zu langweilig</a> – oder sie sind hier und uns fehlen die Sinne, um sie wahrzunehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> NOVA 38 – Magazin für spekulative Literatur. <br></br>Vierzehn fantastische, unheimliche und spannende Geschichten von neuen und erfahrenen Autoren. <br></br><a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener">Erschienen im Verlag p.machinery Michael Haitel</a>, April 2026, 200 Seiten. <br></br>Paperback ISBN 978 3 95765 507 3 – EUR 18,90 (DE) <br></br>E-Book: ISBN 978 3 95765 659 9 – EUR 6,49 (DE)<br></br>Erhältlich beim Verlag, im stationären Buchhandel oder Versandbuchhandel (z. B. <a href="https://www.amazon.de/NOVA-38-Magazin-spekulative-Literatur-ebook/dp/B0G67C5TP6/ref=sr_1_2?crid=3M2P6U4H5F4RS&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.sXuyHFv6Ytrnb-hGBGJbPMEU406Q5sgDwRKLUamxn44VhVW_i7lIfTvpODZDgjN1ChQpmQJKhOlKfALZG1DLDiXjIv6xXJws8GasyGcr2xYSjkSgNanpwOOSvhFcV8CQAzhMIsQTMdlv7E4V7saNbn5CjsX_pCL5i9NC9E0gR-v3PwyCJogDdhQyQMh-fqw6j6wWHmaRBAegiFL9OWXO4IkVhonADET-s_e7uhEm67U.WenZgkDkEBQxMOdbojNT3SfeWJl8FciZ5P8hTYkZTUY&amp;dib_tag=se&amp;keywords=nova+38+magazin+f%C3%BCr+spekulativen+literatur" rel="noopener">hier</a> oder <a href="https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1079066325" rel="noopener">hier</a>)</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich spekuliert, dass alle intelligenten Wesen gesetzmäßig zu Energiewesen mutieren, wenn sie nicht vorher aussterben. Sie bilden dann die stets wachsende intelligente Grundstruktur des Universums. Und irgendwann erkennen sie dann den letzten Zweck ihres Daseins. Mit all ihrer Kraft formen sie Tochteruniversen, ganz so wie primitive Tiere Eier legen. Dabei erschöpfen sie sich vollkommen und treiben kraftlos ihrem Tod entgegen. Bei all ihrer Intelligenz wären sie damit nur Teil des Fortpflanzungsmechanismus eines gigantischen Organismus, der mit vielen anderen in einem Meer wohnt, das sich jeder Vorstellung entzieht.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wissen Ameisen, ob sie in einem Garten wohnen? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Werden wir von Aliens beobachtet? Nein, nicht von UFOs, die Menschen entführen. Sondern von Wesen, die uns soweit voraus sind, dass wir auf sie wie </b><b>Ameise</b><b>n wirken</b><b>. Und wenn es so wäre, würden wir das überhaupt wahrnehmen?</b></p> <p>Mit diesen Fragen befasst sich meine aktuelle Kurzgeschichte: „Weiß die Ameise, dass sie in einem Garten wohnt?“ (veröffentlicht <a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener" target="_blank">im Magazin <em>NOVA 38</em></a><a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>). Vordergründig geht es um eine Wärmeanomalie in einer aufgelassenen Wetterstation in Sibirien. Eine Offizierin des Militärgeheimdienstes und ein Klimaforscher werden abgestellt, um das Phänomen zu untersuchen – wenn es überhaupt eines ist, denn der Klimawandel hat den Permafrostboden gewaltig in Unordnung gebracht. Mehr sei hier nicht verraten, nur dass in der Geschichten auch Katzen eine wichtige Rolle spielen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1843" id="attachment_1843"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg"><img alt="Wetterstation " decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy_being1.jpg 1024w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1843">Ist das ein Alien oder gibt es eine natürliche Erklärung? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <h3>Gibt es überhaupt Aliens?</h3> <p>Bisher wissen wir nicht, ob es überhaupt außerirdische Intelligenzen gibt. Sicher, erstaunlich viele Menschen haben von Begegnungen mit UFOs berichtet oder sogar von direkten Begegnungen mit Außerirdischen. Aber keines dieser Erlebnisse ließ sich bisher verifizieren oder durch materielle Beweise erhärten. Deshalb wohnen UFOs bislang in der gleichen Realitätsebene wie Engel, Dämonen oder Geister in alten Schlössern. Andererseits beweist das auch nicht, das es keine Aliens gibt. </p> <h3>Wo sind sie alle?</h3> <p>Im bekannten Universum verteilen sich ein bis zwei Billion Galaxien, die im Durchschnitt mehr als eine Milliarde Sterne enthalten. Und wenn man unsere Milchstraße als Modell zugrunde legt, kommen auf jeden Stern mindestens zwei Planeten. Selbst wenn nur auf einem verschwindend geringen Teil davon Lebewesen herumkriechen, wäre schon unsere eigene Galaxis ein äußerst artenreicher Zoo. Und fast zwangsläufig würde irgendwann eine technische Zivilisation entstehen, theoretisch jedenfalls.</p> <p>„Wo sind sie alle?“ soll der Physiker Enrico Fermi im Jahre 1950 bei einer Diskussion über UFOs und Außerirdische gefragt haben. Seitdem ist die Diskrepanz zwischen der Annahme, dass eine Vielzahl von außerirdischen Zivilisationen entstanden sein müsste, und dem völligen Fehlen von eindeutigen Spuren ihrer Existenz als <i>Fermi-Paradoxon</i> bekannt.<aside></aside></p> <h3>Die Drake-Formel</h3> <p>Der Astronom Frank Drake entwickelte eine Formel aus sieben Faktoren, die angeben soll, wie viele weitere technische Zivilisationen auf anderen Planeten in unserer Milchstraße parallel zu uns existieren. Weil die meisten Faktoren aber nicht genau bekannt sind, <a href="https://www.heise.de/hintergrund/Zahlen-bitte-Bis-zu-4-000-000-Alien-Welten-nach-der-Drake-Gleichung-9788627.html" rel="noopener">liegen die besten Schätzungen zwischen</a> einer einzigen und vier Millionen Alien-Zivilisationen. Der praktische Nutzen der Drake-Formel ist also überschaubar, zumal einige Faktor unmöglich genauer bestimmt werden können. Dazu gehört zum Beispiel die durchschnittliche Dauer einer technischen Zivilisation oder die Wahrscheinlichkeit, dass sich auf einem geeigneten Planeten überhaupt Leben entwickelt.</p> <h3>SETI</h3> <p>Aber ganz gleich, wie man die Drake-Formel staucht oder streckt, bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Seit mehr als 60 Jahren suchen Wissenschaftler in sogenannten SETI-Projekten vergeblich nach Signalen von außerirdischen Intelligenzen. SETI steht dabei für<i> Search for Extraterrestrial Intelligence.</i> Leider weiß niemand so genau, wonach wir suchen sollten. Im Grunde käme jedes Signal infrage, das nicht natürlich erklärbar ist. Es könnte dabei auf jeder Frequenz des elektromagnetischen Spektrums liegen, angefangen von langwelliger Radiostrahlung über sichtbares Licht bis in den Bereich der Gammastrahlen.</p> <p>Ergebnis bislang: Nullkommanichts.</p> <h3>Active SETI</h3> <p>Sollten wir eventuell selber ein Suchsignal aussenden, das in etwa lautet: „Ist da jemand?“ Das könnte die Kontaktaufnahme beschleunigen, nur würde das eventuell Aliens anziehen, die wir hier lieber nicht sehen würden. Der berühmte britische Astrophysiker Stephen Hawking (1942-2018) hat im Jahr 2010 in einer Fernsehsendung der BBC darauf hingewiesen, dass der erste Kontakt mit den Europäern für die Ureinwohner Amerikas kein gutes Ende genommen hat. Aliens, die auf unsere Suchanzeige hin persönlich hier aufkreuzen, wären uns technisch mindestens so weit voraus wie die Europäer den Indianern.</p> <h3>Haben wir den Besuch verpasst?</h3> <p>Aber vielleicht waren Aliens ja schon vor Millionen Jahren im Sonnensystem, haben sich kurz umgesehen und sind wieder abgeflogen? Sicher, das ist möglich, aber dann haben sie so gut hinter sich aufgeräumt, dass wir – bisher jedenfalls – keine Spuren von ihnen gefunden haben. Ich habe das in einem <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wie-findet-man-eine-fruehere-zivilisation/" rel="noopener" target="_blank">früheren Blogpost</a> bereits ausführlich diskutiert.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1844" id="attachment_1844"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="410" sizes="(max-width: 410px) 100vw, 410px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/stonhenge2.jpg 2048w" width="410"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1844">Haben uns Außerirdische in der Steinzeit besucht? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Wenn wir hier schon nichts finden, sollten wir vielleicht in der Milchstraße nach große künstliche Strukturen zu suchen, die nur von außerirdischen Zivilisationen stammen können?</p> <h3>Die Kardaschow-Einteilung</h3> <p>Der russische Astronom Nikolai Kardaschow hat 1964 vorgeschlagen, die Entwicklungsstufen außerirdischer Zivilisationen nach ihrem Energieverbrauch einzuteilen, genauer gesagt, nach der maximalen Energie, die sie konstruktiv einsetzen können. Er unterschied drei Typen:</p> <p>Typ I: Die Zivilisation beherrscht die gesamte auf einem Planeten verfügbare Leistung.</p> <p>Typ II: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung des Zentralsterns.</p> <p>Typ III: Die Zivilisation beherrscht die Gesamtleistung einer Galaxie.</p> <p>Zur Einordnung: Die Menschen kontrollieren deutlich weniger Energie, als für Typ I erforderlich wäre. Das Star-Wars-Universum besteht aus raumfahrenden Spezies der Typen I und II.</p> <p>Falls Aliens mindestens den Energieausstoß einer Sonne kontrollieren, sollten sie eigentlich Bauten hinterlassen haben, die Astronomen von der Erde aus sehen können. Nehmen wir an, eine Alienrasse möchte die Energie ihrer Sonne nachhaltig nutzen und baut eine Hohlkugel um ihren Stern. Diese Idee stammt nicht von mir, sondern von dem Physiker Freeman Dyson, weshalb sie als Dyson-Sphere bekannt ist. Ihre Oberfläche wäre gigantisch, und eine potenzielle Zivilisation müsste dafür alles Material verbauen, das sie in ihrem Sonnensystem findet. Der verkapselte Stern würde weiterhin Energie abgeben, aber nicht mehr im sichtbaren Licht, sondern im infraroten Spektrum. Astronomen haben nach solchen Objekten schon gesucht, bisher aber erfolglos.</p> <h3>Qualität, nicht Quantität</h3> <p>Die Kardaschow-Skala geht davon aus, dass der Fortschritt einer technischen Zivilisation in ihrer Vergrößerung liegt. Was heißt das? Hätte Kardaschow in der Steinzeit gelebt, dann würde er angenommen haben, dass eine sehr fortschrittliche Zivilisation alle Mammutherden eines Kontinents bewirtschaften könne. Ich halte dieses Konzept deshalb für wenig Erfolg versprechend. Wenn eine Zivilisation wirklich lange überlebt, ändert sich auch ihre Qualität. Sie wird sich höchstwahrscheinlich in eine Richtung weiterentwickeln, die wir nicht einmal ahnen können.</p> <p>In seinem meisterhaften Film 2001 – Odyssee im Weltraum zeigte Stanley Kubrick die Aliens, die auf der Erde, auf dem Mond und zwischen den Jupitermonden schwarze geheimnisvolle Monolithen platziert hatten, nicht ein einziges Mal. Der Astronaut Bowman findet sich nach dem Sturz durch den Jupiter-Monolithen in einem surrealistischen Hotelzimmer wieder. Von da an altert er rapide und wird als Sternenkind wiedergeboren. Solche Veränderungen sind nur denkbar, wenn die Aliens das Gewebe des Universums meisterhaft manipulieren. Für sie wären Menschen dann kaum mehr als primitive Urzeitwesen, die es noch nicht geschafft haben, die Bürde der Materie abzuwerfen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1842" id="attachment_1842"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-scaled.jpg"><img alt="Energiewesen" decoding="async" height="206" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-300x129.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1024x439.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-768x329.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-1536x658.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/energy-stars-2048x878.jpg 2048w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1842">Streifen intelligente Wesen irgendwann ihren materiellen Körper ab? Symbolisches KI-Bild</figcaption></figure> <p>Auch aus anderen Science-Fiction-Erzählungen sind äußerst mächtige Wesen bekannt.</p> <p>Im Star-Trek-Universum lebt das Wesen Q, Angehöriger der gleichnamigen Spezies aus dem Q-Kontinuum. Die Q verfügen über die Fähigkeit, die Gesetze der Physik zu verbiegen und sind nicht in gleicher Weise an Raum und Zeit gebunden wie Menschen. Trotz seiner gottgleichen Macht zeigt das Q-Wesen einen seltsamen Sinn für Humor und eine Vorliebe für handfeste Streiche.</p> <h3>Wie es weitergeht</h3> <p>Vielleicht werden intelligente Wesen irgendwann ihre Körper hinter sich lassen und verankern ihren Geist direkt in der Struktur des Raum-Zeit-Gefüges. Vielleicht lernen sie, die Vakuumenergie zu nutzen, die das Universum durchzieht. Und vielleicht ist das sogar eine gesetzmäßige Entwicklung.<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Würden wir solche Wesen überhaupt noch wahrnehmen? Nehmen wir an, sie hätten sich einen Lebensraum eingerichtet, der sich mit unserem Sonnensystem überschneidet, und bauten prächtige Häuser, Gärten und Landschaften aus reiner Energie. Und wir leben mittendrin, ohne das zu merken. Diese Spekulation ist die Grundlage für meine Kurzgeschichte. Ist das jetzt noch Wissenschaft oder schon Märchen?</p> <h3>Es wird dunkel</h3> <p>Nach dem heutigen Wissen besteht das Universum nur zu 4,6 Prozent aus gewöhnlicher Materie. Weitere 23 Prozent macht die dunkle Materie aus. Trotz aller Mühe von Physikern und Astronomen wissen wir nicht, wie ihre Bestandteile aussehen. Nur ihre Masse lässt sich nachweisen. Mit normaler Materie gibt sie sich nicht ab. Sie wechselwirkt nicht, wie die Physiker sagen.</p> <p>Und den ganzen Rest, fast drei Viertel des Universums, nimmt die dunkle Energie ein. Und wieder können wir nur ihre Wirkung messen, über ihre Natur wissen wir nichts. Sie mag mit der Vakuumenergie identisch sein – oder auch nicht.</p> <p>Was heißt das also? Trotz aller Fortschritte der Wissenschaft entziehen sich mehr als 95 Prozent des Universums unserer Wahrnehmung. Selbst die empfindlichsten Messinstrumente können die mächtige dunkle Seite nicht enträtseln, nur ihre Wirkung lässt sich nicht übersehen.</p> <p>Bildet die dunkle Seite Strukturen? Verdichtet sie sich zu schwarzen Sonnen und dunklen Planeten? Wogen dort Meere, durchzogen vom unsichtbarem Leben? Wir wissen es nicht. Aber mit unserer eingeschränkten Sicht auf gerade mal 4,6 Prozent des Universums sollten wir das aber nicht ausschließen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Der Mensch hielt sich lange für die Krone der Schöpfung. Inzwischen wissen wir, dass die Erde um eine kleine, aber stabile Sonne im Spiralarm einer Galaxis kreist. Im Universum leuchten vermutlich mehr als 10<sup>20</sup> Sterne. Und die gewöhnliche Materie, aus der sie bestehen, macht nur 5 Prozent des Universums aus. Der Rest ist dunkel. Und selbst über Aliens wissen wir nichts. Lebt die nächste von vielen Tausend Alienrassen direkt nebenan? Oder entstand das Leben auf der Erde nur aufgrund eines grotesken und absolut einmaligen Zufalls?</p> <p>Bisher hat sich kein Alien hier gemeldet. Für wirklich fortgeschrittene Zivilisationen sind <a href="https://www.derstandard.de/story/3100000292305/gelangweilte-aliens-erfolglose-suche-nach-intelligenz-im-all-koennte-banale-gruende-haben" rel="noopener">wir vielleicht zu langweilig</a> – oder sie sind hier und uns fehlen die Sinne, um sie wahrzunehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> NOVA 38 – Magazin für spekulative Literatur. <br></br>Vierzehn fantastische, unheimliche und spannende Geschichten von neuen und erfahrenen Autoren. <br></br><a href="https://www.pmachinery.de/archive/12919" rel="noopener">Erschienen im Verlag p.machinery Michael Haitel</a>, April 2026, 200 Seiten. <br></br>Paperback ISBN 978 3 95765 507 3 – EUR 18,90 (DE) <br></br>E-Book: ISBN 978 3 95765 659 9 – EUR 6,49 (DE)<br></br>Erhältlich beim Verlag, im stationären Buchhandel oder Versandbuchhandel (z. B. <a href="https://www.amazon.de/NOVA-38-Magazin-spekulative-Literatur-ebook/dp/B0G67C5TP6/ref=sr_1_2?crid=3M2P6U4H5F4RS&amp;dib=eyJ2IjoiMSJ9.sXuyHFv6Ytrnb-hGBGJbPMEU406Q5sgDwRKLUamxn44VhVW_i7lIfTvpODZDgjN1ChQpmQJKhOlKfALZG1DLDiXjIv6xXJws8GasyGcr2xYSjkSgNanpwOOSvhFcV8CQAzhMIsQTMdlv7E4V7saNbn5CjsX_pCL5i9NC9E0gR-v3PwyCJogDdhQyQMh-fqw6j6wWHmaRBAegiFL9OWXO4IkVhonADET-s_e7uhEm67U.WenZgkDkEBQxMOdbojNT3SfeWJl8FciZ5P8hTYkZTUY&amp;dib_tag=se&amp;keywords=nova+38+magazin+f%C3%BCr+spekulativen+literatur" rel="noopener">hier</a> oder <a href="https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1079066325" rel="noopener">hier</a>)</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich spekuliert, dass alle intelligenten Wesen gesetzmäßig zu Energiewesen mutieren, wenn sie nicht vorher aussterben. Sie bilden dann die stets wachsende intelligente Grundstruktur des Universums. Und irgendwann erkennen sie dann den letzten Zweck ihres Daseins. Mit all ihrer Kraft formen sie Tochteruniversen, ganz so wie primitive Tiere Eier legen. Dabei erschöpfen sie sich vollkommen und treiben kraftlos ihrem Tod entgegen. Bei all ihrer Intelligenz wären sie damit nur Teil des Fortpflanzungsmechanismus eines gigantischen Organismus, der mit vielen anderen in einem Meer wohnt, das sich jeder Vorstellung entzieht.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wissen-ameisen-ob-sie-in-einem-garten-wohnen/#comments 44 The Mathematician’s Essay: An Old Format for a New AI Era https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematicians-essay-an-old-format-for-a-new-ai-era/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematicians-essay-an-old-format-for-a-new-ai-era/#comments Wed, 15 Apr 2026 12:00:00 +0000 Benjamin Skuse https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14320 <h1>The Mathematician's Essay: An Old Format for a New AI Era - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Though opinions vary wildly about how AI should be incorporated into the mathematicians’ toolbox, and whether it is a force for good or bad in the community, the one positive everyone can agree on is that it has compelled all mathematicians to pause and really reflect on what mathematics is and will become, both at an individual level and as a pursuit more broadly. In fact, it has prompted some of today’s greatest mathematical minds to reach for a rather unorthodox (at least, for modern mathematicians) format to express their thoughts: the old-fashioned essay. Why?</p> <h3>Flexible Format</h3> <p>The essay has never been fully dead and buried as a format for mathematicians to disgorge their thoughts. For centuries, it has offered the flexibility for eager polymaths to explore the links between mathematics and philosophy, history, art, and more. And it has provided a tolerant home for mathematicians to indulge in reflections on their field and life’s work.</p> <p>One of the most famous examples is <a href="https://archive.org/details/AMathematiciansApology-G.h.Hardy/page/n17/mode/2up" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Apology</a>, G. H. Hardy’s 1940 essay arguing that mathematics should be practiced as a form of art for its own sake and beauty, and not for its applications. Over half a century later, Paul Lockhart’s <a href="https://profkeithdevlin.org/wp-content/uploads/2023/09/lockhartslament.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Lament</a> picked up the baton from Hardy, agreeing that mathematics is a form of art and lamenting the way the subject is taught in schools to drain all creativity and artistry from it.</p> <p>Other notable essays have directly refuted this viewpoint, such as John von Neumann’s <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Von_Neumann_Part_1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Mathematician</a>, and also explored diverse topics including <a href="https://webhomes.maths.ed.ac.uk/~v1ranick/papers/wigner.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences</a> (Eugene Wigner; 1963 Nobel Prize in Physics), and <a href="https://www.dpmms.cam.ac.uk/~wtg10/2cultures.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Two Cultures of Mathematics</a> (<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sir-william-timothy-gowers/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Timothy Gowers</a>; 1998 Fields Medal).</p> <p>But in recent times, and particularly in the past year, the essay has taken on a new role – as one of the primary mediums for mathematicians to express their age-of-AI musings, beliefs, hopes, and fears.<aside></aside></p> <p>These great minds have not chosen the essay out of whimsy or nostalgia. Writing a book is out of the question: So fast is the technology developing and the field advancing that by the time it is published, a book’s contents will be completely irrelevant. Social media is just too limiting: How can you lay out your vision for the future of mathematics in 280 characters or in a 25-second TikTok video? Lectures or debates are better, but suffer from the need to simplify statements and perform for the audience – not methodically deliver nuanced insightful arguments. And the familiar peer-reviewed journal article is all sorts of wrong; too rigid in format and scope, too slow to pass through the peer-review process, too focused on objectivity and proof.</p> <p>The essay is one of the only formats in which many mathematicians feel they can express themselves fully on the rapidly changing state of mathematics in the AI era. And this reinvigorated form of expression has allowed a unique and often overlooked insight into what human mathematicians do, how they tick, and the value of mathematics to society.</p> <h3>The State of Play</h3> <p>As a researcher whose interests encompass AI for mathematics, formalization (i.e. rewriting theorems and proofs in a machine-readable format), and the history and philosophy of mathematics, Jeremy Avigad (Carnegie Mellon University, USA) has been watching the latest developments with fascination, excitement, and concern. Posted on arXiv in February 2025, his first foray into essay writing on this topic leads with a provocative title: <a href="https://arxiv.org/abs/2502.14874" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Is Mathematics Obsolete?</a></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-2048x1363.jpg 2048w" width="1024"></img><figcaption>Jeremy Avigad. Image credit: Carnegie Mellon University</figcaption></figure> </div> <p>His answer is stark. With the advent of AI, humanity can take one of two paths. If we use AI as a tool to improve mathematical models and obtain a deeper understanding of their properties, a new and improved era of scientific discovery awaits. But if we take the other path, writes Avigad, bypassing mathematics and leaving AI to draw its own oracular conclusions, “it will mean turning our back on science, relinquishing agency over our practical decisions, and giving up a vital part of what it means to be human.”</p> <p>Over a year later in March 2026, Avigad felt compelled to publish a second essay in light of the staggering pace of development seen in AI for mathematics. In <a href="https://arxiv.org/abs/2603.03684" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematicians in the Age of AI</a>, he picks out two notable advances that cement his belief that “AI will soon be able to prove theorems better than we can.”</p> <p>The first relates to <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryna-viazovska/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryna Viazovska</a>’s (EPFL, Switzerland) solution of the 8-dimensional and 24-dimensional sphere packing problem, an advance that earned her a Fields Medal in 2022. Since 2024, Sidharth Hariharan (currently a first-year PhD student at Carnegie Mellon) had been working with colleagues on a formal proof of the 8-dimensional case. The team had made significant progress, but in February, the AI company Math, Inc. deployed its reasoning agent Gauss to complete the formalization in just 5 days. They then used Gauss to autonomously formalize the entire proof of the more complicated 24-dimensional case in just two weeks. Though the correctness of Viazovska’s research was never in question, being able to formally verify a proof of such intricacy rapidly and autonomously shows just how powerful reasoning agents could be in the formal theorem-proving sphere.</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gKeKmbF5KNo" rel="attachment wp-att-14322 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maryna Viazovska (right) during a panel discussion at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <p>The second advance Avigad highlights concerns informal theorem proving. The First Proof challenge was announced in February to test the ability of AI to assist with real mathematical research. It consisted of 10 extremely difficult math questions which arose naturally in the research processes of 11 highly distinguished mathematicians. Answers to these questions were roughly five pages or less and had not been shared with anyone. Several AI developers took up the challenge, and results were surprisingly good. OpenAI’s most advanced internal AI system solved five of the 10 problems. And a small team at Google DeepMind running their internal system Aletheia produced correct results for six out of the 10 problems.</p> <p>The appropriate response to AI getting seriously good at mathematics? “Rather than fight the use of AI in mathematics, we should <em>own</em> it,” writes Avigad.</p> <h3>Prophecies for Mathematicians</h3> <p>Clear parallels can be seen between Avigad’s essays and the way that many other mathematician-cum-essayists take lessons from the past and present to predict the future trajectory of mathematics in the era of AI. In his October 2025 essay <a href="https://arxiv.org/abs/2510.15924" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Shape of Math to Come</a>, American mathematician Alex Kontorovich (Rutgers University, USA) describes the current state of formalized mathematics and rapid advancement of AI mathematical capabilities to set out an almost fated path that he sees research mathematics following.</p> <p>In his view, AI will semi-autonomously formalize huge swathes of mathematics, which in turn will allow AI to assist in developing and checking evermore complex proofs. This process will eventually lead to a state where practicing formalized mathematics is as fast or faster than writing theorems and proofs in natural language – at which point mathematicians will inevitably migrate to formal methods.</p> <p>He is, however, optimistic this will not spell doom for the human mathematician, echoing the sentiments of Avigad when he described the more optimistic future in which humanity uses AI as a tool that ushers in a new era of scientific discovery. He concludes: “If we succeed in building AI that amplifies rather than replaces mathematical intuition – systems that handle the mechanical aspects of formalization while preserving space for human creativity – we may witness not the end of pure mathematics, but its transformation into something more powerful and more beautiful than what came before.”</p> <p>Similarly, in <a href="https://arxiv.org/abs/2511.17203" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics: The rise of the machines</a>, written in November 2025, Yang-Hui He (London Institute for Mathematical Sciences, UK) also draws on the history of mathematics and current state of AI advancement to predict a near-term future in which humans and AI work together to advance knowledge and understanding. However, He’s longer-term vision for humanity’s involvement in mathematics leans much more towards Avigad’s pessimistic path in which humanity turns its back on science, though He does not regard this in a negative light.</p> <p>“We will simply become priests to oracles, and interpret the results to the rest of humanity,” he writes, echoing his prediction made in a 2025 Heidelberg Laureate Forum <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">panel discussion</a>. “Think of the philosophy departments in the world, centuries are spent in analyzing and critiquing Plato, or the literature departments, over Shakespeare. Perhaps one day in the far future, mathematics departments will consist of experts digesting the (Mathlib-verified) proofs that AI produces.”</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="attachment wp-att-14324 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He during a panel discussion at the 12th Heidelberg Laureate Forum, 2025, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <h3>Questioning the Nature of Mathematics</h3> <p>Coming from a more humanistic angle is 2018 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/akshay-venkatesh/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Akshay Venkatesh</a> (Institute for Advanced Study, USA). His two essays, <a href="https://pubs.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01834-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Some Thoughts on Automation and Mathematical Research</a> published in February 2024 and the more in-depth <a href="https://mxphi.com/program/latest-articles/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Human Mathematics in the Age of Reasoning Machines</a>, published in December 2025, are not concerned with technological progress in and of itself, but the effect this mechanization of cognitive processes will have on both how mathematicians work and what mathematics is, in terms of its central questions and values.</p> <p>He argues that, stripped of the need to prove theorems and make calculations, mathematicians must make communication central to the definition of their discipline. “Part of the essence of doing mathematics is to tell the same story a thousand times in a thousand tongues,” he writes. And yet communication will not just be with other humans, but with AI, and this will affect the concepts that mathematicians value to the point where “a current mathematician and one of the nearby future might find one another almost mutually unintelligible, at least without a great effort”.</p> <p>Nevertheless, Venkatesh’s central thesis is that mathematics is and always will be a human social activity that serves the broader culture in which it operates. For him, it is a tool for individual and collective thought and can therefore only survive if it is useful to – and therefore at least in part understood by – that society. In more vivid terms, there is no point having an AI relentlessly spew out theorems and proofs in a dark corner if no one is there to steer it towards interesting or useful questions, and read and make sense of the answers.</p> <p>Undoubtedly, what is not lost on Venkatesh and the other essayists mentioned is that in the very act of writing about these issues, they are being mathematicians: questioning fundamental assumptions, coming up with conjectures and predictions, and dedicating deep thought in a very human struggle to understand the changes that AI is bringing to their discipline. They may not be rigorously proving their conjectures in a journal article – and this may not pan out to be the future role of the human mathematician – but they are still using the values of mathematics to make sense of the world.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Mathematician's Essay: An Old Format for a New AI Era - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Benjamin Skuse</h2><div itemprop="text"> <p>Though opinions vary wildly about how AI should be incorporated into the mathematicians’ toolbox, and whether it is a force for good or bad in the community, the one positive everyone can agree on is that it has compelled all mathematicians to pause and really reflect on what mathematics is and will become, both at an individual level and as a pursuit more broadly. In fact, it has prompted some of today’s greatest mathematical minds to reach for a rather unorthodox (at least, for modern mathematicians) format to express their thoughts: the old-fashioned essay. Why?</p> <h3>Flexible Format</h3> <p>The essay has never been fully dead and buried as a format for mathematicians to disgorge their thoughts. For centuries, it has offered the flexibility for eager polymaths to explore the links between mathematics and philosophy, history, art, and more. And it has provided a tolerant home for mathematicians to indulge in reflections on their field and life’s work.</p> <p>One of the most famous examples is <a href="https://archive.org/details/AMathematiciansApology-G.h.Hardy/page/n17/mode/2up" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Apology</a>, G. H. Hardy’s 1940 essay arguing that mathematics should be practiced as a form of art for its own sake and beauty, and not for its applications. Over half a century later, Paul Lockhart’s <a href="https://profkeithdevlin.org/wp-content/uploads/2023/09/lockhartslament.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">A Mathematician’s Lament</a> picked up the baton from Hardy, agreeing that mathematics is a form of art and lamenting the way the subject is taught in schools to drain all creativity and artistry from it.</p> <p>Other notable essays have directly refuted this viewpoint, such as John von Neumann’s <a href="https://mathshistory.st-andrews.ac.uk/Extras/Von_Neumann_Part_1/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Mathematician</a>, and also explored diverse topics including <a href="https://webhomes.maths.ed.ac.uk/~v1ranick/papers/wigner.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences</a> (Eugene Wigner; 1963 Nobel Prize in Physics), and <a href="https://www.dpmms.cam.ac.uk/~wtg10/2cultures.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Two Cultures of Mathematics</a> (<a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/sir-william-timothy-gowers/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Timothy Gowers</a>; 1998 Fields Medal).</p> <p>But in recent times, and particularly in the past year, the essay has taken on a new role – as one of the primary mediums for mathematicians to express their age-of-AI musings, beliefs, hopes, and fears.<aside></aside></p> <p>These great minds have not chosen the essay out of whimsy or nostalgia. Writing a book is out of the question: So fast is the technology developing and the field advancing that by the time it is published, a book’s contents will be completely irrelevant. Social media is just too limiting: How can you lay out your vision for the future of mathematics in 280 characters or in a 25-second TikTok video? Lectures or debates are better, but suffer from the need to simplify statements and perform for the audience – not methodically deliver nuanced insightful arguments. And the familiar peer-reviewed journal article is all sorts of wrong; too rigid in format and scope, too slow to pass through the peer-review process, too focused on objectivity and proof.</p> <p>The essay is one of the only formats in which many mathematicians feel they can express themselves fully on the rapidly changing state of mathematics in the AI era. And this reinvigorated form of expression has allowed a unique and often overlooked insight into what human mathematicians do, how they tick, and the value of mathematics to society.</p> <h3>The State of Play</h3> <p>As a researcher whose interests encompass AI for mathematics, formalization (i.e. rewriting theorems and proofs in a machine-readable format), and the history and philosophy of mathematics, Jeremy Avigad (Carnegie Mellon University, USA) has been watching the latest developments with fascination, excitement, and concern. Posted on arXiv in February 2025, his first foray into essay writing on this topic leads with a provocative title: <a href="https://arxiv.org/abs/2502.14874" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Is Mathematics Obsolete?</a></p> <div> <figure><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="681" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1024x681.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-768x511.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-1536x1022.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Avigad-2048x1363.jpg 2048w" width="1024"></img><figcaption>Jeremy Avigad. Image credit: Carnegie Mellon University</figcaption></figure> </div> <p>His answer is stark. With the advent of AI, humanity can take one of two paths. If we use AI as a tool to improve mathematical models and obtain a deeper understanding of their properties, a new and improved era of scientific discovery awaits. But if we take the other path, writes Avigad, bypassing mathematics and leaving AI to draw its own oracular conclusions, “it will mean turning our back on science, relinquishing agency over our practical decisions, and giving up a vital part of what it means to be human.”</p> <p>Over a year later in March 2026, Avigad felt compelled to publish a second essay in light of the staggering pace of development seen in AI for mathematics. In <a href="https://arxiv.org/abs/2603.03684" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematicians in the Age of AI</a>, he picks out two notable advances that cement his belief that “AI will soon be able to prove theorems better than we can.”</p> <p>The first relates to <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/maryna-viazovska/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Maryna Viazovska</a>’s (EPFL, Switzerland) solution of the 8-dimensional and 24-dimensional sphere packing problem, an advance that earned her a Fields Medal in 2022. Since 2024, Sidharth Hariharan (currently a first-year PhD student at Carnegie Mellon) had been working with colleagues on a formal proof of the 8-dimensional case. The team had made significant progress, but in February, the AI company Math, Inc. deployed its reasoning agent Gauss to complete the formalization in just 5 days. They then used Gauss to autonomously formalize the entire proof of the more complicated 24-dimensional case in just two weeks. Though the correctness of Viazovska’s research was never in question, being able to formally verify a proof of such intricacy rapidly and autonomously shows just how powerful reasoning agents could be in the formal theorem-proving sphere.</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=gKeKmbF5KNo" rel="attachment wp-att-14322 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/53216013247_402d9fd319_o-2-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Maryna Viazovska (right) during a panel discussion at the 10th Heidelberg Laureate Forum, 2023, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <p>The second advance Avigad highlights concerns informal theorem proving. The First Proof challenge was announced in February to test the ability of AI to assist with real mathematical research. It consisted of 10 extremely difficult math questions which arose naturally in the research processes of 11 highly distinguished mathematicians. Answers to these questions were roughly five pages or less and had not been shared with anyone. Several AI developers took up the challenge, and results were surprisingly good. OpenAI’s most advanced internal AI system solved five of the 10 problems. And a small team at Google DeepMind running their internal system Aletheia produced correct results for six out of the 10 problems.</p> <p>The appropriate response to AI getting seriously good at mathematics? “Rather than fight the use of AI in mathematics, we should <em>own</em> it,” writes Avigad.</p> <h3>Prophecies for Mathematicians</h3> <p>Clear parallels can be seen between Avigad’s essays and the way that many other mathematician-cum-essayists take lessons from the past and present to predict the future trajectory of mathematics in the era of AI. In his October 2025 essay <a href="https://arxiv.org/abs/2510.15924" rel="noreferrer noopener" target="_blank">The Shape of Math to Come</a>, American mathematician Alex Kontorovich (Rutgers University, USA) describes the current state of formalized mathematics and rapid advancement of AI mathematical capabilities to set out an almost fated path that he sees research mathematics following.</p> <p>In his view, AI will semi-autonomously formalize huge swathes of mathematics, which in turn will allow AI to assist in developing and checking evermore complex proofs. This process will eventually lead to a state where practicing formalized mathematics is as fast or faster than writing theorems and proofs in natural language – at which point mathematicians will inevitably migrate to formal methods.</p> <p>He is, however, optimistic this will not spell doom for the human mathematician, echoing the sentiments of Avigad when he described the more optimistic future in which humanity uses AI as a tool that ushers in a new era of scientific discovery. He concludes: “If we succeed in building AI that amplifies rather than replaces mathematical intuition – systems that handle the mechanical aspects of formalization while preserving space for human creativity – we may witness not the end of pure mathematics, but its transformation into something more powerful and more beautiful than what came before.”</p> <p>Similarly, in <a href="https://arxiv.org/abs/2511.17203" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Mathematics: The rise of the machines</a>, written in November 2025, Yang-Hui He (London Institute for Mathematical Sciences, UK) also draws on the history of mathematics and current state of AI advancement to predict a near-term future in which humans and AI work together to advance knowledge and understanding. However, He’s longer-term vision for humanity’s involvement in mathematics leans much more towards Avigad’s pessimistic path in which humanity turns its back on science, though He does not regard this in a negative light.</p> <p>“We will simply become priests to oracles, and interpret the results to the rest of humanity,” he writes, echoing his prediction made in a 2025 Heidelberg Laureate Forum <a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">panel discussion</a>. “Think of the philosophy departments in the world, centuries are spent in analyzing and critiquing Plato, or the literature departments, over Shakespeare. Perhaps one day in the far future, mathematics departments will consist of experts digesting the (Mathlib-verified) proofs that AI produces.”</p> <div> <figure><a href="https://www.youtube.com/watch?v=GpSvaA3fWAg" rel="attachment wp-att-14324 noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54793005666_e2b70eb44f_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Yang-Hui He during a panel discussion at the 12th Heidelberg Laureate Forum, 2025, in Heidelberg, Germany. Image credit: Flemming/HLF</figcaption></figure> </div> <h3>Questioning the Nature of Mathematics</h3> <p>Coming from a more humanistic angle is 2018 Fields Medallist <a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/laureate/akshay-venkatesh/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Akshay Venkatesh</a> (Institute for Advanced Study, USA). His two essays, <a href="https://pubs.ams.org/journals/bull/2024-61-02/S0273-0979-2024-01834-5" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Some Thoughts on Automation and Mathematical Research</a> published in February 2024 and the more in-depth <a href="https://mxphi.com/program/latest-articles/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Human Mathematics in the Age of Reasoning Machines</a>, published in December 2025, are not concerned with technological progress in and of itself, but the effect this mechanization of cognitive processes will have on both how mathematicians work and what mathematics is, in terms of its central questions and values.</p> <p>He argues that, stripped of the need to prove theorems and make calculations, mathematicians must make communication central to the definition of their discipline. “Part of the essence of doing mathematics is to tell the same story a thousand times in a thousand tongues,” he writes. And yet communication will not just be with other humans, but with AI, and this will affect the concepts that mathematicians value to the point where “a current mathematician and one of the nearby future might find one another almost mutually unintelligible, at least without a great effort”.</p> <p>Nevertheless, Venkatesh’s central thesis is that mathematics is and always will be a human social activity that serves the broader culture in which it operates. For him, it is a tool for individual and collective thought and can therefore only survive if it is useful to – and therefore at least in part understood by – that society. In more vivid terms, there is no point having an AI relentlessly spew out theorems and proofs in a dark corner if no one is there to steer it towards interesting or useful questions, and read and make sense of the answers.</p> <p>Undoubtedly, what is not lost on Venkatesh and the other essayists mentioned is that in the very act of writing about these issues, they are being mathematicians: questioning fundamental assumptions, coming up with conjectures and predictions, and dedicating deep thought in a very human struggle to understand the changes that AI is bringing to their discipline. They may not be rigorously proving their conjectures in a journal article – and this may not pan out to be the future role of the human mathematician – but they are still using the values of mathematics to make sense of the world.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-mathematicians-essay-an-old-format-for-a-new-ai-era/#comments 2 Fossil des Jahres 2026 – die Westfälischen Plesiosaurier https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/#comments Tue, 14 Apr 2026 20:09:06 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3788 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-768x513.jpg Skelett eines Plesiosauriers aufgehängt in einem Museum https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/ <h1>Fossil des Jahres 2026 – die Westfälischen Plesiosaurier » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Das „Fossil des Jahres 2026” wird durch vier Plesiosaurier aus Westfalen repräsentiert. Diese lebten vor rund 135 Millionen Jahren in den Gewässern des Mesozoikums und starben am Ende der Kreidezeit aus.</p> <p>Seit 2008 wählt die Paläontologische Gesellschaft jedes Jahr ein besonderes Fossil zum „Fossil des Jahres”. Diese Fossilien sind einzigartige Zeugen vergangenen Lebens und der damaligen Lebensbedingungen.</p> <p>In und um Westfalen kommen vielfältige Gesteine des Mesozoikums, also der Zeitabschnitte Trias, Jura und Kreide, vor. Viele dieser Gesteine sind fossilführend. Neben vielen anderen Funden sind die vier Plesiosaurier-<a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Holotypen</a> besonders wertvoll. Diese vier Fossilien werden heute in drei westfälischen Museen präsentiert. Sie wurden durch die Beteiligung von Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern gefunden und erforscht. Sie ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Evolution und Lebensweise dieser einst sehr erfolgreichen Gruppe von Meeresreptilien.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg"><img alt="Skelett eines Plesiosauriers aufgehängt in einem Museum" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg 800w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-768x513.jpg 768w" width="800"></img></a><figcaption><em>Skelett von</em> Brancasaurus brancai<em> im Geomuseum der Universität Münster. Foto: Christroph Steinweg, Copyright: Geomuseum der Universität Münster</em>.<br></br></figcaption></figure> <h2><br></br>Was sind Plesiosaurier?</h2> <p>Plesiosaurier sind eine Gruppe ausgestorbener Reptilien, die von der späten Obertrias bis zum Ende der Kreidezeit im Meer lebten. Sie starben gemeinsam mit den Nicht-Vogel-Dinosauriern am Ende der Kreidezeit aus.<aside></aside></p> <p>Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie „Fast-Echsen“. Ihr Körper ähnelte einer kurzen, abgeflachten Spindel mit vier paddelförmigen Gliedmaßen. Ihr Hals war meist relativ lang mit einem kleinen Kopf und einem kurzen Schwanz, den manche Arten mit einer kleinen Schwanzflosse abschlossen.</p> <p>Als ehemalige Landtiere hatten sie sich an das Leben im Wasser angepasst. Dabei zeigen sie einige Besonderheiten, die sich bei anderen, wieder zum Wasser zurückgekehrten Gruppen so nicht finden lassen. Ein Beispiel hierfür sind die vier an Größe und Bau nahezu gleichartigen Flossen an den vorderen und den hinteren Extremitäten. Auffällig ist auch der deutlich verlängerte Hals, der aus bis zu 72 Halswirbeln bestehen kann und damit deutlich länger ist als der Schwanz. Dieses Ungleichgewicht hatte bei der Entdeckung dieser Gruppe zu einiger Verwirrung beigetragen. So betrachtete Georges Cuvier die ersten Skelette als Fälschung und bei den ersten Rekonstruktionen durch Edward D. Cope wurde der Kopf irrtümlicherweise an den Schwanz montiert.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Westphaliasaurus_simonsensii.png"></img><figcaption><em>Rekonstruktion von</em> Westphaliasaurus simonsensii. <em>Connor Ashbridge <a href="http://(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png">(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png</a>), „Westphaliasaurus simonsensii“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Wer sind die Westfälischen Plesiosaurier?</h2> <p>Der zumindest stratigrafisch älteste westfälische Plesiosaurier ist <em>Rhaeticosaurus mertensi</em> aus der späten Trias (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rhaetium" rel="noopener">Rhaetium</a>). Das Fossil wurde erst 2013 entdeckt und 2017 erstmals beschrieben. Aus dieser frühen evolutionären Phase der Plesiosaurier sind nur sehr wenige vollständige Skelette bekannt. Voll ausgewachsen konnte dieser Plesiosaurier eine Länge von gut 2,4 Metern erreichen.</p> <p>Etwas jünger, aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pliensbachium" rel="noopener">Pliensbachium</a> im Unteren Jura, stammt <em>Westphaliasaurus simonsensii</em>. Das Fossil wurde 2007 von einem Amateurpaläontologen in einer Tongrube bei Höxter gefunden, 2011 beschrieben und nach der Fundregion in Westfalen sowie seinem Finder benannt. Ausgewachsene Exemplare dieser Art konnten eine Länge von rund 4,5 Metern erreichen.</p> <p>Der dritte Fund, <em>Arminisaurus schuberti</em>, ist gut fünf Millionen Jahre jünger. Auch dieser Fund stammt noch aus dem Pliensbachium. Das Skelett ist nur bruchstückhaft erhalten, insgesamt sind nur rund 40 % davon übrig. Es wurde in den 1980er Jahren von einem Amateurpaläontologen in einer heute stillgelegten Tongrube in Bielefeld entdeckt.</p> <p>Das Teilskelett wurde erst 2017 als eigene Art beschrieben. Die Namensgebung bezieht sich einerseits auf den Cheruskerfürsten Arminius als Anspielung auf die Fundregion und andererseits auf den Besitzer des Skeletts, der es im Jahr 2025 dem Naturkundemuseum Bielefeld übergab. Er hatte sich auch durch zahlreiche Publikationen zur regionalen Geologie verdient gemacht.</p> <p>Diese Art weist einige anatomische Besonderheiten auf, darunter Kerben in der Gelenkpfanne des Unterkiefers, Dornfortsätze an den Halswirbeln sowie vergleichsweise dünne Schulterblätter mit einem Kiel an der Unterseite. Die Länge des Exemplars wird auf drei bis vier Meter geschätzt.</p> <p>Als Viertes kommt <em>Brancasaurus brancai</em> aus der Unterkreide. Damit ist er der Jüngste unter den Vieren, obwohl er der älteste Fund ist. Er wurde bereits 1910 entdeckt und 1914 von Theodor Wegner beschrieben und nach dem Paläontologen <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Wilhelm von Branca</a> benannt. Gefunden wurde das Fossil in einer Tongrube bei Gronau. Da die Tongrubenarbeiter damals mit Spitzhacken arbeiteten, wurde das Fossil bei der Bergung stark beschädigt und lag in 176 Einzelteilen vor. Weitere kleinere Bruchstücke konnten zu einem späteren Zeitpunkt geborgen werden.</p> <p>Der 2013 als <em>Gronausaurus wegneri</em> beschriebene Plesiosaurus ist vermutlich ein Synonym, da die beiden nur sehr marginale Unterschiede aufweisen.</p> <p><em>Brancasaurus</em> war ein mittelgroßer Plesiosaurier. Er erreichte eine Länge von etwa 3,3 m, wobei der Holotyp nur ein subadultes Exemplar war. Sein 1,2 m langer Hals umfasste 37 Wirbel und sein 23 cm langer Schädel wies eine charakteristische Form auf. Möglicherweise lag hier auch eine gewisse Weichteilerhaltung vor: Die Knochen der Gliedmaßen und des Körpers waren von mehrlagigem Calcit umgeben. Leider wurde diese Schicht bei der Präparation entfernt.</p> <p>Zum Zeitpunkt seines Lebens hatten vermutlich ausgedehnte Süßwasserseen vorherrschend, die zunehmend brackischer wurden. Die Tonablagerungen zeugen von sauerstoffarmen Ablagerungsbedingungen, wodurch die Fossilien gut erhalten überliefert wurden. <em>Brancasaurus</em> dürfte also im Brackwasser zu Hause gewesen sein.</p> <p>Plesiosaurier waren im Mesozoikum eine weit verbreitete Gruppe. Entsprechende Funde sind auch aus anderen Gebieten Deutschlands bekannt, beispielsweise aus Schwaben, Franken oder dem Harzvorland. Fossilien oder Abgüsse dieser faszinierenden Tiere können in verschiedenen Museen besichtigt werden.Unsere vier „Fossilien des Jahres” werden im Geomuseum der Universität Münster, im LWL-Museum für Naturkunde in Münster, im Dobergmuseum in Bünde und im Naturkundemuseum in Bielefeld aufbewahrt. Dort finden auch viele verschiedene Veranstaltungen zu diesem Thema statt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Fossil des Jahres 2026 – die Westfälischen Plesiosaurier » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Das „Fossil des Jahres 2026” wird durch vier Plesiosaurier aus Westfalen repräsentiert. Diese lebten vor rund 135 Millionen Jahren in den Gewässern des Mesozoikums und starben am Ende der Kreidezeit aus.</p> <p>Seit 2008 wählt die Paläontologische Gesellschaft jedes Jahr ein besonderes Fossil zum „Fossil des Jahres”. Diese Fossilien sind einzigartige Zeugen vergangenen Lebens und der damaligen Lebensbedingungen.</p> <p>In und um Westfalen kommen vielfältige Gesteine des Mesozoikums, also der Zeitabschnitte Trias, Jura und Kreide, vor. Viele dieser Gesteine sind fossilführend. Neben vielen anderen Funden sind die vier Plesiosaurier-<a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Holotypen</a> besonders wertvoll. Diese vier Fossilien werden heute in drei westfälischen Museen präsentiert. Sie wurden durch die Beteiligung von Bürgerwissenschaftlerinnen und Bürgerwissenschaftlern gefunden und erforscht. Sie ermöglichen einen einzigartigen Einblick in die Evolution und Lebensweise dieser einst sehr erfolgreichen Gruppe von Meeresreptilien.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg"><img alt="Skelett eines Plesiosauriers aufgehängt in einem Museum" decoding="async" height="534" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521.jpg 800w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/newsimage416521-768x513.jpg 768w" width="800"></img></a><figcaption><em>Skelett von</em> Brancasaurus brancai<em> im Geomuseum der Universität Münster. Foto: Christroph Steinweg, Copyright: Geomuseum der Universität Münster</em>.<br></br></figcaption></figure> <h2><br></br>Was sind Plesiosaurier?</h2> <p>Plesiosaurier sind eine Gruppe ausgestorbener Reptilien, die von der späten Obertrias bis zum Ende der Kreidezeit im Meer lebten. Sie starben gemeinsam mit den Nicht-Vogel-Dinosauriern am Ende der Kreidezeit aus.<aside></aside></p> <p>Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet so viel wie „Fast-Echsen“. Ihr Körper ähnelte einer kurzen, abgeflachten Spindel mit vier paddelförmigen Gliedmaßen. Ihr Hals war meist relativ lang mit einem kleinen Kopf und einem kurzen Schwanz, den manche Arten mit einer kleinen Schwanzflosse abschlossen.</p> <p>Als ehemalige Landtiere hatten sie sich an das Leben im Wasser angepasst. Dabei zeigen sie einige Besonderheiten, die sich bei anderen, wieder zum Wasser zurückgekehrten Gruppen so nicht finden lassen. Ein Beispiel hierfür sind die vier an Größe und Bau nahezu gleichartigen Flossen an den vorderen und den hinteren Extremitäten. Auffällig ist auch der deutlich verlängerte Hals, der aus bis zu 72 Halswirbeln bestehen kann und damit deutlich länger ist als der Schwanz. Dieses Ungleichgewicht hatte bei der Entdeckung dieser Gruppe zu einiger Verwirrung beigetragen. So betrachtete Georges Cuvier die ersten Skelette als Fälschung und bei den ersten Rekonstruktionen durch Edward D. Cope wurde der Kopf irrtümlicherweise an den Schwanz montiert.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/Westphaliasaurus_simonsensii.png"></img><figcaption><em>Rekonstruktion von</em> Westphaliasaurus simonsensii. <em>Connor Ashbridge <a href="http://(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png">(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Westphaliasaurus_simonsensii.png</a>), „Westphaliasaurus simonsensii“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2>Wer sind die Westfälischen Plesiosaurier?</h2> <p>Der zumindest stratigrafisch älteste westfälische Plesiosaurier ist <em>Rhaeticosaurus mertensi</em> aus der späten Trias (<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rhaetium" rel="noopener">Rhaetium</a>). Das Fossil wurde erst 2013 entdeckt und 2017 erstmals beschrieben. Aus dieser frühen evolutionären Phase der Plesiosaurier sind nur sehr wenige vollständige Skelette bekannt. Voll ausgewachsen konnte dieser Plesiosaurier eine Länge von gut 2,4 Metern erreichen.</p> <p>Etwas jünger, aus dem <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Pliensbachium" rel="noopener">Pliensbachium</a> im Unteren Jura, stammt <em>Westphaliasaurus simonsensii</em>. Das Fossil wurde 2007 von einem Amateurpaläontologen in einer Tongrube bei Höxter gefunden, 2011 beschrieben und nach der Fundregion in Westfalen sowie seinem Finder benannt. Ausgewachsene Exemplare dieser Art konnten eine Länge von rund 4,5 Metern erreichen.</p> <p>Der dritte Fund, <em>Arminisaurus schuberti</em>, ist gut fünf Millionen Jahre jünger. Auch dieser Fund stammt noch aus dem Pliensbachium. Das Skelett ist nur bruchstückhaft erhalten, insgesamt sind nur rund 40 % davon übrig. Es wurde in den 1980er Jahren von einem Amateurpaläontologen in einer heute stillgelegten Tongrube in Bielefeld entdeckt.</p> <p>Das Teilskelett wurde erst 2017 als eigene Art beschrieben. Die Namensgebung bezieht sich einerseits auf den Cheruskerfürsten Arminius als Anspielung auf die Fundregion und andererseits auf den Besitzer des Skeletts, der es im Jahr 2025 dem Naturkundemuseum Bielefeld übergab. Er hatte sich auch durch zahlreiche Publikationen zur regionalen Geologie verdient gemacht.</p> <p>Diese Art weist einige anatomische Besonderheiten auf, darunter Kerben in der Gelenkpfanne des Unterkiefers, Dornfortsätze an den Halswirbeln sowie vergleichsweise dünne Schulterblätter mit einem Kiel an der Unterseite. Die Länge des Exemplars wird auf drei bis vier Meter geschätzt.</p> <p>Als Viertes kommt <em>Brancasaurus brancai</em> aus der Unterkreide. Damit ist er der Jüngste unter den Vieren, obwohl er der älteste Fund ist. Er wurde bereits 1910 entdeckt und 1914 von Theodor Wegner beschrieben und nach dem Paläontologen <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">Wilhelm von Branca</a> benannt. Gefunden wurde das Fossil in einer Tongrube bei Gronau. Da die Tongrubenarbeiter damals mit Spitzhacken arbeiteten, wurde das Fossil bei der Bergung stark beschädigt und lag in 176 Einzelteilen vor. Weitere kleinere Bruchstücke konnten zu einem späteren Zeitpunkt geborgen werden.</p> <p>Der 2013 als <em>Gronausaurus wegneri</em> beschriebene Plesiosaurus ist vermutlich ein Synonym, da die beiden nur sehr marginale Unterschiede aufweisen.</p> <p><em>Brancasaurus</em> war ein mittelgroßer Plesiosaurier. Er erreichte eine Länge von etwa 3,3 m, wobei der Holotyp nur ein subadultes Exemplar war. Sein 1,2 m langer Hals umfasste 37 Wirbel und sein 23 cm langer Schädel wies eine charakteristische Form auf. Möglicherweise lag hier auch eine gewisse Weichteilerhaltung vor: Die Knochen der Gliedmaßen und des Körpers waren von mehrlagigem Calcit umgeben. Leider wurde diese Schicht bei der Präparation entfernt.</p> <p>Zum Zeitpunkt seines Lebens hatten vermutlich ausgedehnte Süßwasserseen vorherrschend, die zunehmend brackischer wurden. Die Tonablagerungen zeugen von sauerstoffarmen Ablagerungsbedingungen, wodurch die Fossilien gut erhalten überliefert wurden. <em>Brancasaurus</em> dürfte also im Brackwasser zu Hause gewesen sein.</p> <p>Plesiosaurier waren im Mesozoikum eine weit verbreitete Gruppe. Entsprechende Funde sind auch aus anderen Gebieten Deutschlands bekannt, beispielsweise aus Schwaben, Franken oder dem Harzvorland. Fossilien oder Abgüsse dieser faszinierenden Tiere können in verschiedenen Museen besichtigt werden.Unsere vier „Fossilien des Jahres” werden im Geomuseum der Universität Münster, im LWL-Museum für Naturkunde in Münster, im Dobergmuseum in Bünde und im Naturkundemuseum in Bielefeld aufbewahrt. Dort finden auch viele verschiedene Veranstaltungen zu diesem Thema statt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/fossil-des-jahres-2026-die-westfaelischen-plesiosaurier/#comments 3 AstroGeo Podcast: Alpine Ahnungen – beweist das Gebirge die Plattentektonik? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/#respond Mon, 13 Apr 2026 06:51:16 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1866 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag135-chaos-768x769.jpg Wenige Zentimeter hohe Rippeln an einem beigen Sandstrand https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag135-chaos.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Alpine Ahnungen - beweist das Gebirge die Plattentektonik? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag135-alpen-2.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im Herbst 1948 steigen zwei Männer auf einen Berg in den schottischen Highlands. Der eine ist Schweizer und hat gerade seine Doktorarbeit geschrieben. Der andere ist angesehener Geologie-Professor aus Kanada. Am Gipfel kommt es zu einem geschichtsträchtigen Dialog. Denn der junge Schweizer fragt seinen älteren Begleiter: Könnte an dieser einen Idee nicht doch etwas dran sein – nämlich, dass sich Kontinente auf der Erde bewegen? Die Antwort ist eindeutig: Der kanadische Professor lacht herzlich und sagt, all das sei nur Fantasie und physikalisch unmöglich.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl von einer merkwürdigen Zeit in der Geschichte der Geowissenschaften. Schon im Jahr 1912 hatte Alfred Wegener seine Idee der Kontinentaldrift vorgestellt. Doch obwohl bald viele Forscher aus Europa mit der Idee der wandernden Kontinente sympathisierten, waren es in den 1960er Jahren Geologïnnen aus Nordamerika, die die moderne Theorie der Plattentektonik entwickelten. Darunter war nicht zuletzt auch jener Professor aus Kanada, der über die Idee der Kontinentalverschiebung zunächst nur herzlich gelacht hatte.<aside></aside></p> <p>Eigentlich hatten die Alpengeologen bereits alle Zutaten zusammen: Etwa der Österreicher Otto Ampferer, der noch vor Alfred Wegener einen physikalischen Prozess skizziert, den er Unterströmung nennt und der erklären kann, warum sich die starren Gesteine der Erdkruste seitlich bewegen können. Ampferer ist es auch, der später das Prinzip der Subduktionszonen erdenkt, bei der feste Krustenplatten übereinander gleiten. Er hat selbst selbst das Prinzip der mittelozeanischen Rücken beschrieben, bei der sich die Erde entlang langer Spalten am Meeresgrund weitet und so neue Erdkruste entsteht.</p> <p>Warum die Plattentektonik in den 1960er Jahren schließlich von Forscherinnen und Forschern in den USA zu einer vollwertigen Theorie weiterentwickelt wird? Das liegt an neuen physischen Beweisen aus der Tiefsee – und vielleicht an der überschaubaren Marine der Alpenländer.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 68: <a href="https://astrogeo.de/marie-tharp-und-die-entdeckung-der-plattentektonik/" rel="noopener">Wie Marie Tharp die Geologie revolutionierte</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Tuzo_Wilson" rel="noopener">John Tuzo Wilson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilson-Zyklus" rel="noopener">Wilson-Zyklus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Tr%C3%BCmpy" rel="noopener">Rudolf Trümpy</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik" rel="noopener">Plattentektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Anton_Kappeler" rel="noopener">Moritz Anton Kappeler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rippel" rel="noopener">Rippel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aktualismus_(Geologie)" rel="noopener">Aktualismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kontraktionstheorie" rel="noopener">Kontraktionstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Palinspastik" rel="noopener">Palinspastik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ampferer" rel="noopener">Otto Ampferer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unterstr%C3%B6mungstheorie" rel="noopener">Unterströmungstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subduktion" rel="noopener">Subduktion</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener" rel="noopener">Alfred Wegener</a></li> <li>Blog: <a href="http://www.bressan-geoconsult.eu/author/wordpressadmin/" rel="noopener">Geschichte der Geologie von David Bressan</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://dx.doi.org/10.1007/s005310000175" rel="noopener">Why plate tectonics was not invented in the Alps</a>, International Journal of Earth Sciences (2001)</li> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://doi.org/10.1016/S0012-8252(02)00111-3" rel="noopener">Trying to understand Alpine sediments—before 1950</a>, Earth-Science Reviews (2003)</li> <li>Fachartikel: Giorgio Vittorio Dal Piaz: The Italian Alps: a journey across two centuries of Alpine geology, Journal of the Virtual Explorer (2010)</li> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025) – <em>wegen vieler Bilder empfehlen wir die Druckfassung</em></li> </ul> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag135-chaos.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Alpine Ahnungen - beweist das Gebirge die Plattentektonik? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag135-alpen-2.html" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im Herbst 1948 steigen zwei Männer auf einen Berg in den schottischen Highlands. Der eine ist Schweizer und hat gerade seine Doktorarbeit geschrieben. Der andere ist angesehener Geologie-Professor aus Kanada. Am Gipfel kommt es zu einem geschichtsträchtigen Dialog. Denn der junge Schweizer fragt seinen älteren Begleiter: Könnte an dieser einen Idee nicht doch etwas dran sein – nämlich, dass sich Kontinente auf der Erde bewegen? Die Antwort ist eindeutig: Der kanadische Professor lacht herzlich und sagt, all das sei nur Fantasie und physikalisch unmöglich.</p> <p>In dieser Folge erzählt Karl von einer merkwürdigen Zeit in der Geschichte der Geowissenschaften. Schon im Jahr 1912 hatte Alfred Wegener seine Idee der Kontinentaldrift vorgestellt. Doch obwohl bald viele Forscher aus Europa mit der Idee der wandernden Kontinente sympathisierten, waren es in den 1960er Jahren Geologïnnen aus Nordamerika, die die moderne Theorie der Plattentektonik entwickelten. Darunter war nicht zuletzt auch jener Professor aus Kanada, der über die Idee der Kontinentalverschiebung zunächst nur herzlich gelacht hatte.<aside></aside></p> <p>Eigentlich hatten die Alpengeologen bereits alle Zutaten zusammen: Etwa der Österreicher Otto Ampferer, der noch vor Alfred Wegener einen physikalischen Prozess skizziert, den er Unterströmung nennt und der erklären kann, warum sich die starren Gesteine der Erdkruste seitlich bewegen können. Ampferer ist es auch, der später das Prinzip der Subduktionszonen erdenkt, bei der feste Krustenplatten übereinander gleiten. Er hat selbst selbst das Prinzip der mittelozeanischen Rücken beschrieben, bei der sich die Erde entlang langer Spalten am Meeresgrund weitet und so neue Erdkruste entsteht.</p> <p>Warum die Plattentektonik in den 1960er Jahren schließlich von Forscherinnen und Forschern in den USA zu einer vollwertigen Theorie weiterentwickelt wird? Das liegt an neuen physischen Beweisen aus der Tiefsee – und vielleicht an der überschaubaren Marine der Alpenländer.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 68: <a href="https://astrogeo.de/marie-tharp-und-die-entdeckung-der-plattentektonik/" rel="noopener">Wie Marie Tharp die Geologie revolutionierte</a></li> <li>Folge 76: <a href="https://astrogeo.de/subduktionszonen-das-tiefe-geheimnis-des-blauen-planeten/" rel="noopener">Subduktion: Das tiefe Geheimnis des Blauen Planeten</a></li> <li>Folge 133: <a href="https://astrogeo.de/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/" rel="noopener">Drunter über drüber: Das Rätsel der verdrehten Alpen</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/John_Tuzo_Wilson" rel="noopener">John Tuzo Wilson</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wilson-Zyklus" rel="noopener">Wilson-Zyklus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf_Tr%C3%BCmpy" rel="noopener">Rudolf Trümpy</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Plattentektonik" rel="noopener">Plattentektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_Anton_Kappeler" rel="noopener">Moritz Anton Kappeler</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rippel" rel="noopener">Rippel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Aktualismus_(Geologie)" rel="noopener">Aktualismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kontraktionstheorie" rel="noopener">Kontraktionstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Palinspastik" rel="noopener">Palinspastik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Ampferer" rel="noopener">Otto Ampferer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Unterstr%C3%B6mungstheorie" rel="noopener">Unterströmungstheorie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Subduktion" rel="noopener">Subduktion</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Wegener" rel="noopener">Alfred Wegener</a></li> <li>Blog: <a href="http://www.bressan-geoconsult.eu/author/wordpressadmin/" rel="noopener">Geschichte der Geologie von David Bressan</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://dx.doi.org/10.1007/s005310000175" rel="noopener">Why plate tectonics was not invented in the Alps</a>, International Journal of Earth Sciences (2001)</li> <li>Fachartikel: Rudolf Trümpy: <a href="https://doi.org/10.1016/S0012-8252(02)00111-3" rel="noopener">Trying to understand Alpine sediments—before 1950</a>, Earth-Science Reviews (2003)</li> <li>Fachartikel: Giorgio Vittorio Dal Piaz: The Italian Alps: a journey across two centuries of Alpine geology, Journal of the Virtual Explorer (2010)</li> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025) – <em>wegen vieler Bilder empfehlen wir die Druckfassung</em></li> </ul> <h3>Hinweis für die Diskussion</h3> <p>Es werden nur Beiträge freigeschaltet, die sich mit dem Inhalt dieser Folge beschäftigen.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-alpine-ahnungen-beweist-das-gebirge-die-plattentektonik/#respond 0 Update: Buckelwal-Strandung in der Wismar-Bucht https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments Sat, 11 Apr 2026 13:33:58 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1952 <h1>Update: Buckelwal-Strandung in der Wismar-Bucht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Ende März zunächst <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein gestrandete junge Buckelwal („Timmy“) konnte sich zunächst von der Sandbank befreien und davonschwimmen. Allerdings strandete er dann kurz darauf wieder vor der Insel Poel vor Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) und wird seitdem immer schwächer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="660" sizes="(max-width: 888px) 100vw, 888px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png 888w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-300x223.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-768x571.png 768w" width="888"></img></a><figcaption>Quelle: @de-nachrichten.bsky.social</figcaption></figure> <p>Große Wale sind heute an unseren Küsten seltene, wenn auch regelmäßige Irrläufer. Gerade in der Ostsee haben sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">nur geringe Überlebenschancen, wie ich hier</a> schon schrieb. Der geringe Salzgehalt erfordert <a href="http://Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet.">viel mehr Schwimmleistung, der Wal ist gestresst </a>– sowohl durch Menschen, Schiffe und Lärm als auch physiologisch wegen des geringen Salzgehalts- , war durch Fischereinetze geschwächt und wir wissen nicht, ob er auch noch Netze geschluckt hat. Außerdem <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/gestrandeter-buckelwal-vor-poel-rettung-laut-gutachten-keine-option,wal-180.html" rel="noopener">gibt es Hinweise auf weitere schwere Verletzungen.</a></p> <p>Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet. <br></br>Längst zeichnet sich ab, dass alle Rettungsversuche leider gescheitert sind. Das Auftauchen des Buckelwals und sein nun schon wochenlanger Todeskampf rufen starke Emotionen hervor. Viele der Akteur:innen mit mehr oder weniger Wal-Kenntnis und -Erfahrung schieben sich jetzt gegenseitig Beschuldigungen zu, bis hin zu Morddrohungen. </p> <p>Ich hatte tatsächlich auf die Möglichkeit der Euthanasie gehofft, wie es manchmal an Küsten geschieht, wo mehr Erfahrungen mit Großwal-Strandungen bestehen, etwa in England oder den US-Küsten (<em>Ich hatte hier zunächst Euthanasierung geschrieben – danke für die Korrektur, Jan-Hermann!</em>). <br></br>Jetzt habe ich von der „British Divers – Marine Life Rescue“ ein sehr gutes Statement dazu gefunden, warum dies hier nicht möglich ist. Ich folge dieser Organisation via Social Media, sie sind sehr engagiert bei den Strandungen gerade von Walen, Robben und Fischottern an den langen britischen Küsten und arbeiten eng mit lokalen Veterinär:innen, Naturschutz-Organisationen und Wal-Expert:innen zusammen.</p> <p>Sie berichten in ihrem „<a href="https://bdmlr.org.uk/statement-stranded-humpback-whale-in-germany" rel="noopener">Statement – Stranded humpback whale in Germany</a>„, dass sich Expert:innen aus ganz Europa zu dieser Buckelwal-Strandung ausgetauscht haben, ob und wie man ihn retten könnte oder ob vielleicht eine Euthanasie möglich wäre.<br></br>Ich habe nachgefragt und darf ihr Statement hier „abdrucken“.<p>Kurz gesagt:<aside></aside></p></p> <ul> <li>Wale stranden oft aufgrund eines schlechten Gesundheitszustands</li> <li>beim „Refloating“ kommen Pontons zum Einsatz, die zwar Kleinwale wieder flott machen können, aber keinesfalls für diesen Buckelwal ausgereicht hätten</li> <li>ein Ziehen oder Schieben ins tiefere Wasser mit schweren Maschinen hätten den Wal schwer verletzt</li> <li>Euthanasie ist zuverlässig möglich für kleine oder mittelgroße Wale.<br></br>Dafür kommen große Mengen spezifischer Medikamente zum Einsatz oder der Schuss ins Hirn mit einem großen Kaliber. <br></br>Diese große Menge solcher Medikamente scheinen nicht vorhaltbar zu sein, außerdem bestünde bei ihrem Einsatz die Gefahr der Kontaminierung des Lebensraums. Ein Schuß war bei diesem Wal aufgrund der sehr dicken Blubberschicht nicht tödlich gewesen. </li> </ul> <p>Letzteres war mir auch neu, ich hatte tatsächlich darauf gehofft, dass das Sterben des Wals zumindest hätte verkürzt werden können.<br></br>Das Statement ist wirklich sehr informativ und äußert auch Verständnis für die jetzt aufkommenden starken Emotionen – gleichzeitig plädiert es dafür, sachlich zu bleiben.<br></br>Menschen unserer Kultur fällt es heute schwer, sich mit dem Tod abzufinden und bei Großwalen gehen die Emotionen schnell hoch. Aber auch ich plädiere dafür, jetzt sachlich zu bleiben.<br></br>Und wenn wir diesen Wal nicht retten können, können wir wenigstens etwas für andere Wale tun!<br></br>Gerade für die einheimischen Schweinswale der Ost- und Nordsee ist eine Menge zu machen und auch für Wale weltweit. Für ihren Schutz müssen wir die Meere besser schützen – vor Fischerei, Schifffahrt, Öl-Exploration, Freizeitaktivitäten wie Jet-Ski, Plastik (z B Autoreifenabrieb). Außerdem hilft Klimaschutz auch den Walen. Dass die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">schwarz-grüne Regierung Schleswig-Holsteins gerade drei neue Meeresschutzgebiete ausgewiesen hat, macht mich froh</a>. Schließlich nützt Meeresschutz allen Arten, inklusive uns Menschen und befeuert auch den Tourismus.</p> <h2><strong>British Divers – Marine Life Rescue: <a href="http://Statement – Stranded humpback whale in Germany">„Statement – Stranded humpback whale in Germany</a></strong></h2> <p>We have been following the situation near Wismar, northern Germany of an entangled and stranded humpback whale which has reportedly stranded at least three times over the last couple of weeks.  We have had an increase in requests for assistance from international members of the public, and we wish to explain our standpoint at the time of writing, on 8 April 2026. </p> <p><strong>Assistance Requests</strong><br></br>We were assisted in making contact with several organisations in Europe to invite them to a discussion regarding help and advice about the whale, and we knew they were in contact with the International Whaling Committee’s Strandings Coordinator and other advisors to discuss the options available at the time. We remained hopeful they could find management solutions for the ongoing incident despite the many varied news headlines.</p> <p>It is important to understand the background of why cetaceans strand before looking at the specifics of the current situation in Germany. Many cetacean strandings happen because they are already unhealthy due to disease, injury, starvation, exhaustion and old age, and they will have already experienced long-term health decline before they come ashore. Therefore stranding is a symptom of a serious underlying problem that is often very difficult, if not impossible, to resolve in an acute stranding situation. In these cases then either palliative care or euthanasia can be considered as alternative welfare options if refloatation has a poor prognosis, and to prevent continued suffering and pain.</p> <p>It is true that some healthy cetaceans do sometimes strand as well. They may have come ashore while escaping from predators or from navigational error such as following food into unfamiliar surroundings like intertidal estuaries. The impacts of human activity such as disturbance from watercraft and loud underwater noise such as sonar have also been recognised as causes too. These animals often have a much better prognosis and are suitable candidates to trial refloatation to see how they respond.</p> <p><strong>Limitations of Refloating Attempts</strong><br></br>Specifically for the situation in Germany with the humpback whale, from when it first appeared it was already entangled in fishing gear which had resulted in a significant loss of health and nutritional condition and responders were at a significant disadvantage when it came to considering options. Refloatation of an unhealthy animal that would then successfully recover would already be very unlikely. The animal has stranded on at least three occasions now, demonstrating that if refloatation continues then it will very likely come ashore once again as it is too debilitated/close to death that it is no longer able to survive. To continue interventions aimed at refloating a dying animal will mainly achieve greater levels of distress as it is moved, restrands, and repeated again and again.</p> <p>Notwithstanding this, the whale refloatation pontoons used by BDMLR can lift up to two tons, which is far less than the weight of this whale. They were designed for use on medium sized whales such as pilot and minke whales as a team of people are able to carefully manoeuvre it into the mat that must go underneath to support it. There are sometimes situations two sets can be used on one whale that is a bit larger, but that is all. This is not possible with large whales such as humpbacks, their weight is far too great to be held in this manner and it is not possible to get it into the mat using safe and careful techniques. Lifting or dragging with heavy machinery often causes a great deal more damage and distress to the animal, and is very strongly advised against.</p> <p><strong>Palliative Care and Euthanasia</strong><br></br>Euthanasia is again mainly a consideration for small and medium-sized cetaceans and the two methods currently used in the UK are either through chemical (lethal injection) or ballistic (high powered rifle) means. Unfortunately, at a certain point again the sheer size of the animal is a major limiting factor in what can be achieved successfully. Drug quantities for an animal this size simply don’t exist in veterinary practices or zoos and have a limited shelf life, which means large volumes kept in permanent storage is unviable. Even if it was then there are the logistics of delivering it without contaminating the environment, poisoning other wildlife, and removal of the body afterwards for the same reasons. As for ballistics, the thickness of the blubber and skull mean that even a high-powered rifle will not be effective.</p> <p>Thus, there is only one option left, which is palliative care/allowing the animal to pass naturally. This is a common situation found worldwide in all countries with large whale strandings, so is not unique to this specific situation in Germany. We are sure many organisations that respond to live stranded cetaceans around the world will view this with similar opinions as we routinely discuss and share knowledge and experience through workshops, conferences and training collaborations. The topic of large whale stranding rescue and euthanasia techniques are a frequent agenda item, and if there were a solution then it would be being put into use, as we would all want to save the animals that are healthy enough to do so, or relieve the suffering of those that are dying. This situation is under regular review and there are many people out there already within these many organisations looking for ways to improve this situation for the future.</p> <p><strong>Scientific Examination</strong><br></br>Discussion about post-mortem use of the whale including scientific studies typically comes from a place of wanting to understand why the mammal stranded and what can be learned for future incidents. These plans may also be put in place to prevent the public from watching a deceased animal decompose, which presents its own challenges to manage. These considerations are never a replacement for care and not a reason to withhold it from a live animal. </p> <p><strong>Behind the Response</strong><br></br>It is understandable that strong public emotion can lead to frustration and a feeling of inaction, and the desire to want help for this mammal is admirable, and heartwarming, that the public care so greatly for marine mammals. It is an incredibly tough situation to be in for everybody including the responders, veterinarians, emergency services and the people observing. Moreso in a situation where large whale strandings are very rare and there can be less awareness generally in the population about the nuanced details of stranding protocols and the many variables and limitations that can affect decision making. We hope our explanation from our perspective and long experience here provides some education and understanding around these situations, and that compassion for the animal can also be shared with those who have been trying hard to help it throughout in very difficult circumstances.</p> <p>—</p> <p>We hope that we have shone some light on a very difficult situation, but please <a href="https://bdmlr.org.uk/info@bdmlr.org.uk" rel="noopener">contact us</a> if you have further questions that British Divers Marine Life Rescue could answer.“<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Update: Buckelwal-Strandung in der Wismar-Bucht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Ende März zunächst <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein gestrandete junge Buckelwal („Timmy“) konnte sich zunächst von der Sandbank befreien und davonschwimmen. Allerdings strandete er dann kurz darauf wieder vor der Insel Poel vor Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) und wird seitdem immer schwächer.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="660" sizes="(max-width: 888px) 100vw, 888px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47.png 888w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-300x223.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-47-768x571.png 768w" width="888"></img></a><figcaption>Quelle: @de-nachrichten.bsky.social</figcaption></figure> <p>Große Wale sind heute an unseren Küsten seltene, wenn auch regelmäßige Irrläufer. Gerade in der Ostsee haben sie <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">nur geringe Überlebenschancen, wie ich hier</a> schon schrieb. Der geringe Salzgehalt erfordert <a href="http://Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet.">viel mehr Schwimmleistung, der Wal ist gestresst </a>– sowohl durch Menschen, Schiffe und Lärm als auch physiologisch wegen des geringen Salzgehalts- , war durch Fischereinetze geschwächt und wir wissen nicht, ob er auch noch Netze geschluckt hat. Außerdem <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/gestrandeter-buckelwal-vor-poel-rettung-laut-gutachten-keine-option,wal-180.html" rel="noopener">gibt es Hinweise auf weitere schwere Verletzungen.</a></p> <p>Mir tut das Sterben des Wals in der Seele weh, aber ich habe aufgrund meiner Kenntnisse und Erfahrungen von Anfang an den Tod des Tieres befürchtet. <br></br>Längst zeichnet sich ab, dass alle Rettungsversuche leider gescheitert sind. Das Auftauchen des Buckelwals und sein nun schon wochenlanger Todeskampf rufen starke Emotionen hervor. Viele der Akteur:innen mit mehr oder weniger Wal-Kenntnis und -Erfahrung schieben sich jetzt gegenseitig Beschuldigungen zu, bis hin zu Morddrohungen. </p> <p>Ich hatte tatsächlich auf die Möglichkeit der Euthanasie gehofft, wie es manchmal an Küsten geschieht, wo mehr Erfahrungen mit Großwal-Strandungen bestehen, etwa in England oder den US-Küsten (<em>Ich hatte hier zunächst Euthanasierung geschrieben – danke für die Korrektur, Jan-Hermann!</em>). <br></br>Jetzt habe ich von der „British Divers – Marine Life Rescue“ ein sehr gutes Statement dazu gefunden, warum dies hier nicht möglich ist. Ich folge dieser Organisation via Social Media, sie sind sehr engagiert bei den Strandungen gerade von Walen, Robben und Fischottern an den langen britischen Küsten und arbeiten eng mit lokalen Veterinär:innen, Naturschutz-Organisationen und Wal-Expert:innen zusammen.</p> <p>Sie berichten in ihrem „<a href="https://bdmlr.org.uk/statement-stranded-humpback-whale-in-germany" rel="noopener">Statement – Stranded humpback whale in Germany</a>„, dass sich Expert:innen aus ganz Europa zu dieser Buckelwal-Strandung ausgetauscht haben, ob und wie man ihn retten könnte oder ob vielleicht eine Euthanasie möglich wäre.<br></br>Ich habe nachgefragt und darf ihr Statement hier „abdrucken“.<p>Kurz gesagt:<aside></aside></p></p> <ul> <li>Wale stranden oft aufgrund eines schlechten Gesundheitszustands</li> <li>beim „Refloating“ kommen Pontons zum Einsatz, die zwar Kleinwale wieder flott machen können, aber keinesfalls für diesen Buckelwal ausgereicht hätten</li> <li>ein Ziehen oder Schieben ins tiefere Wasser mit schweren Maschinen hätten den Wal schwer verletzt</li> <li>Euthanasie ist zuverlässig möglich für kleine oder mittelgroße Wale.<br></br>Dafür kommen große Mengen spezifischer Medikamente zum Einsatz oder der Schuss ins Hirn mit einem großen Kaliber. <br></br>Diese große Menge solcher Medikamente scheinen nicht vorhaltbar zu sein, außerdem bestünde bei ihrem Einsatz die Gefahr der Kontaminierung des Lebensraums. Ein Schuß war bei diesem Wal aufgrund der sehr dicken Blubberschicht nicht tödlich gewesen. </li> </ul> <p>Letzteres war mir auch neu, ich hatte tatsächlich darauf gehofft, dass das Sterben des Wals zumindest hätte verkürzt werden können.<br></br>Das Statement ist wirklich sehr informativ und äußert auch Verständnis für die jetzt aufkommenden starken Emotionen – gleichzeitig plädiert es dafür, sachlich zu bleiben.<br></br>Menschen unserer Kultur fällt es heute schwer, sich mit dem Tod abzufinden und bei Großwalen gehen die Emotionen schnell hoch. Aber auch ich plädiere dafür, jetzt sachlich zu bleiben.<br></br>Und wenn wir diesen Wal nicht retten können, können wir wenigstens etwas für andere Wale tun!<br></br>Gerade für die einheimischen Schweinswale der Ost- und Nordsee ist eine Menge zu machen und auch für Wale weltweit. Für ihren Schutz müssen wir die Meere besser schützen – vor Fischerei, Schifffahrt, Öl-Exploration, Freizeitaktivitäten wie Jet-Ski, Plastik (z B Autoreifenabrieb). Außerdem hilft Klimaschutz auch den Walen. Dass die <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/">schwarz-grüne Regierung Schleswig-Holsteins gerade drei neue Meeresschutzgebiete ausgewiesen hat, macht mich froh</a>. Schließlich nützt Meeresschutz allen Arten, inklusive uns Menschen und befeuert auch den Tourismus.</p> <h2><strong>British Divers – Marine Life Rescue: <a href="http://Statement – Stranded humpback whale in Germany">„Statement – Stranded humpback whale in Germany</a></strong></h2> <p>We have been following the situation near Wismar, northern Germany of an entangled and stranded humpback whale which has reportedly stranded at least three times over the last couple of weeks.  We have had an increase in requests for assistance from international members of the public, and we wish to explain our standpoint at the time of writing, on 8 April 2026. </p> <p><strong>Assistance Requests</strong><br></br>We were assisted in making contact with several organisations in Europe to invite them to a discussion regarding help and advice about the whale, and we knew they were in contact with the International Whaling Committee’s Strandings Coordinator and other advisors to discuss the options available at the time. We remained hopeful they could find management solutions for the ongoing incident despite the many varied news headlines.</p> <p>It is important to understand the background of why cetaceans strand before looking at the specifics of the current situation in Germany. Many cetacean strandings happen because they are already unhealthy due to disease, injury, starvation, exhaustion and old age, and they will have already experienced long-term health decline before they come ashore. Therefore stranding is a symptom of a serious underlying problem that is often very difficult, if not impossible, to resolve in an acute stranding situation. In these cases then either palliative care or euthanasia can be considered as alternative welfare options if refloatation has a poor prognosis, and to prevent continued suffering and pain.</p> <p>It is true that some healthy cetaceans do sometimes strand as well. They may have come ashore while escaping from predators or from navigational error such as following food into unfamiliar surroundings like intertidal estuaries. The impacts of human activity such as disturbance from watercraft and loud underwater noise such as sonar have also been recognised as causes too. These animals often have a much better prognosis and are suitable candidates to trial refloatation to see how they respond.</p> <p><strong>Limitations of Refloating Attempts</strong><br></br>Specifically for the situation in Germany with the humpback whale, from when it first appeared it was already entangled in fishing gear which had resulted in a significant loss of health and nutritional condition and responders were at a significant disadvantage when it came to considering options. Refloatation of an unhealthy animal that would then successfully recover would already be very unlikely. The animal has stranded on at least three occasions now, demonstrating that if refloatation continues then it will very likely come ashore once again as it is too debilitated/close to death that it is no longer able to survive. To continue interventions aimed at refloating a dying animal will mainly achieve greater levels of distress as it is moved, restrands, and repeated again and again.</p> <p>Notwithstanding this, the whale refloatation pontoons used by BDMLR can lift up to two tons, which is far less than the weight of this whale. They were designed for use on medium sized whales such as pilot and minke whales as a team of people are able to carefully manoeuvre it into the mat that must go underneath to support it. There are sometimes situations two sets can be used on one whale that is a bit larger, but that is all. This is not possible with large whales such as humpbacks, their weight is far too great to be held in this manner and it is not possible to get it into the mat using safe and careful techniques. Lifting or dragging with heavy machinery often causes a great deal more damage and distress to the animal, and is very strongly advised against.</p> <p><strong>Palliative Care and Euthanasia</strong><br></br>Euthanasia is again mainly a consideration for small and medium-sized cetaceans and the two methods currently used in the UK are either through chemical (lethal injection) or ballistic (high powered rifle) means. Unfortunately, at a certain point again the sheer size of the animal is a major limiting factor in what can be achieved successfully. Drug quantities for an animal this size simply don’t exist in veterinary practices or zoos and have a limited shelf life, which means large volumes kept in permanent storage is unviable. Even if it was then there are the logistics of delivering it without contaminating the environment, poisoning other wildlife, and removal of the body afterwards for the same reasons. As for ballistics, the thickness of the blubber and skull mean that even a high-powered rifle will not be effective.</p> <p>Thus, there is only one option left, which is palliative care/allowing the animal to pass naturally. This is a common situation found worldwide in all countries with large whale strandings, so is not unique to this specific situation in Germany. We are sure many organisations that respond to live stranded cetaceans around the world will view this with similar opinions as we routinely discuss and share knowledge and experience through workshops, conferences and training collaborations. The topic of large whale stranding rescue and euthanasia techniques are a frequent agenda item, and if there were a solution then it would be being put into use, as we would all want to save the animals that are healthy enough to do so, or relieve the suffering of those that are dying. This situation is under regular review and there are many people out there already within these many organisations looking for ways to improve this situation for the future.</p> <p><strong>Scientific Examination</strong><br></br>Discussion about post-mortem use of the whale including scientific studies typically comes from a place of wanting to understand why the mammal stranded and what can be learned for future incidents. These plans may also be put in place to prevent the public from watching a deceased animal decompose, which presents its own challenges to manage. These considerations are never a replacement for care and not a reason to withhold it from a live animal. </p> <p><strong>Behind the Response</strong><br></br>It is understandable that strong public emotion can lead to frustration and a feeling of inaction, and the desire to want help for this mammal is admirable, and heartwarming, that the public care so greatly for marine mammals. It is an incredibly tough situation to be in for everybody including the responders, veterinarians, emergency services and the people observing. Moreso in a situation where large whale strandings are very rare and there can be less awareness generally in the population about the nuanced details of stranding protocols and the many variables and limitations that can affect decision making. We hope our explanation from our perspective and long experience here provides some education and understanding around these situations, and that compassion for the animal can also be shared with those who have been trying hard to help it throughout in very difficult circumstances.</p> <p>—</p> <p>We hope that we have shone some light on a very difficult situation, but please <a href="https://bdmlr.org.uk/info@bdmlr.org.uk" rel="noopener">contact us</a> if you have further questions that British Divers Marine Life Rescue could answer.“<br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/update-buckelwal-strandung-in-der-wismar-bucht/#comments 24 Erwarten die Amerikaner das Ende der Welt? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/#comments Sat, 11 Apr 2026 13:14:40 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1813 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/reiter_titel2-768x127.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/reiter_titel2.png" /><h1>Erwarten die Amerikaner das Ende der Welt? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Ein Drittel aller US-Amerikaner glaub</b><b>t angeblich</b><b>, dass die Welt noch innerhalb ihrer Lebenszeit ende</b><b>n werde</b><b>. Das </b><b>sollen </b><b>Wissenschaftler in einer Umfrage herausgefunden </b><b>haben</b><b>, wie mehrere deutsche Zeitungen und Internetportale Mitte März gemeldet haben. </b></p> <p>Wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Bis auf einige Fanatiker glaubt niemand mehr, dass Gott der Welt bald ein Ende macht, oder dass der gegenwärtige Zeitzyklus im Feuer endet, aus dem dann ein neuer Zyklus geboren wird<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. Und nach dem Ende des Staatssozialismus in Europa glaubt auch fast niemand mehr, dass auf der gesamten Welt das Ende des Privateigentums an Produktionsmitteln durchgesetzt werden muss, damit der paradiesische Endzustand – der Kommunismus – sich ausbreiten kann.</p> <p>Oder beginnt dieses Bild sich aufzulösen, zieht die Vernunft sich zurück, breiten sich Gier, Fanatismus und Endzeitglaube wieder aus? In der Tat mehren sich die Indizien für diese eher pessimistische Sicht.</p> <h3>Die aktuelle Studie</h3> <p>Die in der Presse vorgestellte <a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v3" rel="noopener">Studie</a> verdient deshalb einen genaueren Blick. Die Autoren um Matthew Billet von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver haben die Studie im renommierten <i>Journal of Personality and Social Psychology </i>veröffentlicht<i>. </i>Im Abstract heißt es, „ein Drittel der Amerikaner“ erwarte, dass die Welt noch in ihrer Lebenszeit enden werde (<a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v1" rel="noopener">In einer frühen Version des Abstracts</a> fehlt dieser Satz). Nur: Aus den Ergebnissen der Studie lässt sich diese Zahl überhaupt nicht entnehmen. Das ist ärgerlich, denn gerade diese Behauptung hat es in alle Schlagzeilen geschafft.</p> <p>Sehen wir uns also die Studie etwas näher an. Worum geht es eigentlich? Die Autoren definieren ihre Fragestellung, etwas verkürzt wiedergegeben, wie folgt:<aside></aside></p> <p>„<i>Wir wenden ein neues, mehrdimensionales Maß für Weltuntergangs</i><i>ideen </i><i>auf eine religiös vielfältigen Stichprobe der US-Bevölkerung an. Anschließend testen wir die Hypothese, dass </i><i>diese Ideen</i><i> das Ausmaß vorhersagen, in dem Menschen Risiken wahrnehmen, Risiken tolerieren und extreme Maßnahmen zur Risikobewältigung befürworten … </i><i>Unser Modell</i><i> sagt voraus, dass die wahrgenommene Nähe </i><i>des</i><i> Weltuntergang</i><i>s</i><i> nur eine von mehreren psychologisch bedeutsamen Dimensionen von Weltuntergangs</i><i>ideen</i><i> ist. </i><i>Unsere </i><i>Hypothese: Alle d</i><i>iese Dimensionen </i><i>erklären unabhängig die Varianz </i><i>bei</i><i> Wahrnehmung, Toleranz und Reaktion auf gesellschaftliche Risiken.“</i> <a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Es geht also nicht um die Frage, wie viele US-Amerikaner vom baldigen Weltuntergang überzeugt sind. Vielmehr möchte die Studie herausbringen, wie bestimmte, religiös oder weltlich beeinflusste Ideen des Weltuntergangs die Wahrnehmung von Risiken beeinflussen. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese:</p> <p>„Weltuntergangsvorstellungen sind nach unserer Feststellung weit verbreitet, unterscheiden sich entlang psychologisch bedeutsamer Dimensionen und erlauben sehr zuverlässige Rückschlüsse ( … are uniquely predictive … ) auf Risikowahrnehmung, Risikotoleranz und die Bereitschaft der Menschen, extreme Maßnahmen zur Bewältigung der fünf drängendsten globalen existenziellen Risiken (nämlich wirtschaftliche, ökologische, geopolitische, gesellschaftliche und technologische Risiken) zu unterstützen.“<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a></p> <h3>Wen hat die Studie gefragt?</h3> <p>Die Studie wertete die Befragung von 1409 US-Bürgern aus. Die Teilnehmer waren im wesentlichen nach Religionszugehörigkeit ausgewählt, darunter 247 Katholiken, 286 Protestanten, 210 Evangelikale, 190 Juden und 222 Muslime. Weitere 254 stuften sich als nicht-religiös ein. Das Durchschnittsalter betrug 50 Jahre, Männer und Frauen waren ungefähr gleich vertreten.</p> <h3>Was hat die Studie gefragt?</h3> <p>Um die Teilnehmer der Studie einzustimmen, stellten ihnen die Autoren zunächst jeweils eine Risiko-Kategorie aus dem <i>Global Risks Report</i> des Weltwirtschaftsforums vor (Der Global Risks Report weist einige Schwächen auf, ich hatte darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/">in meinem letzten Blogpost</a> geschrieben). Dann kamen 25 Aussagen aus diesen fünf Bereichen:</p> <ul> <li>Weltende wird noch in der Lebenszeit des Teilnehmers kommen (Naherwartung),</li> <li>Menschen verursachen das Weltende,</li> <li>Gott wird der gegenwärtigen Welt ein Ende machen,</li> <li>Jeder Mensch hat einen Einfluss auf das Weltende,</li> <li>Ich verbinde das Weltende mit positiven Gefühlen.</li> </ul> <p>Die Teilnehmer sollten auf einer siebenteiligen Skala (Fachbegriff ist: <i>Likert-Scale</i>) angeben, wie sehr sie den Aussagen zustimmten (von <i>1 = </i><i>komplette Ablehnung</i> über <i>4 </i><i>= unentschieden</i> bis <i>7 = komplette Zustimmung</i>).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1815" id="attachment_1815"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg"><img alt="Die apokalyptischen Reiter" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1815">Die vier apokalyptischen Reiter. Von links: Der König, der ausreitet, um zu siegen, begleitet von der Gewalt, der Teuerung und dem Hunger sowie dem Tod. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Zum Schluss waren noch einmal die globalen Risiken an der Reihe. Die Teilnehmer sollten die Gefährlichkeit einschätzen. Außerdem wollten die Studienautoren wissen, ob sie solche Risiken tolerieren würden und ob sie extreme staatliche Maßnahmen zur Risikominimierung unterstützten. Dabei kam ebenfalls die siebenteilige Likert-Scale zur Anwendung.</p> <h3>Kritik</h3> <p>Aus meiner Sicht hat die Publikation viele Schwachstellen. Als sichere Ergebnisse können wir lediglich festhalten:</p> <ol> <li><i> Wer sich wünscht, dass noch in seiner Lebenszeit Gott das letzte Gericht hält, der befürwortet eher drastische Maßnahmen gegen globale Risiken.</i></li> <li><i>Im Vergleich der Religionen fällt auf, dass die befragten Muslims deutlich höhere Werte bei der Naherwartung aufweisen und das Ende der gegenwärtigen Welt positiver sehen als alle andere Gruppen.</i></li> </ol> <p>Die Arbeit macht dagegen <i>keine Angaben</i> zur Anzahl der Amerikaner, die das Jüngste Gericht in ihrer Lebenszeit erwarten. Die Zusammensetzung der Stichprobe ist viel zu einseitig, als dass sie valide Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit (= alle US-Amerikaner) erlauben würde. Während in der Studie 29,2 % der Teilnehmer Muslime oder Juden sind, beträgt dieser Prozentsatz in der US-amerikanischen Bevölkerung nur 0,7 % (Muslime) bzw. 2 % (Juden). Im Text der Veröffentlichung ist auch nicht die Rede davon, dass ein Drittel <i>der Amerikaner</i> das Ende der Welt noch in ihrer Lebenszeit erwartet. Es heißt lediglich, dass 28,9 % <i>der Teilnehmer</i> den Aussagen zu diesem Thema zustimmen (Werte 5 bis 7 auf der Likert-Scale).</p> <h3>Kein Drittel</h3> <p>Die besagten 28,9 % sind aber, selbst bei großzügiger Betrachtung, nicht etwa ein Drittel, tatsächlich befindet sich der Wert auf halber Strecke zwischen einem Drittel und einem Viertel. Die Studie nennt nur den Wert für die Stichprobe, sie hat nicht auf die Grundgesamtheit (=alle Amerikaner) hochgerechnet. Angesichts der verzerrten Stichprobe wäre das auch wenig erfolgversprechend und mit großer Unsicherheit behaftet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1814" id="attachment_1814"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg"><img alt="Das Ende der Welt." decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1814">Für religiöse Menschen ist der Tag des jüngsten Gerichts nicht unbedingt ein schlimmes Ereignis, sondern der Beginn einer Welt der göttlichen Gerechtigkeit. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Und es gibt noch ein weiteres Problem: Die Idee des Weltendes im christlichen und muslimischen Glauben hat mit dem weltlichen Ende der gegenwärtigen Kultur wenig zu tun. Das Jüngste Gericht ist entweder der Tag, an dem ein durchaus weltliches Zeitalter der göttlichen Gerechtigkeit beginnt, oder der Tag, an dem Gott der Welt ein Ende macht und darüber entscheidet, wer in den Himmel aufsteigt oder in die Hölle verbannt wird, und zwar endgültig. Der Tag des Gerichts markiert für die Gläubigen also den Beginn einer gerechten, ideal geordneten Welt.</p> <h3>Das finale Gericht in verschiedenen Religionen</h3> <p>Die Vorstellung vom Ablauf der Ereignisse bis zum Jüngsten Gericht und vom Gericht unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Religionen, auch wenn die generelle Idee ähnlich ist.</p> <ul> <li>In der Katholischen Lehre gibt es eigentlich keine Naherwartung. Gott wird das Gericht ausrufen, wann immer er es für richtig hält. Vorzeichen wird er den Menschen nicht zukommen lassen. Die Offenbarung des Johannes (= Apokalypse) mit ihrer Geisterbahnfahrt durch alle möglichen Weltendekatastrophen ist nicht wörtlich zu nehmen.</li> <li>Viele Evangelikale Christen in den USA sehen das ganz anders. Sie erwarten den leibhaftigen Antichristen, die letzte Schlacht der Guten gegen die Bösen (Armageddon) und die apokalyptischen Reiter genau so, wie Johannes sie angekündigt hat. Eine zwölfbändige Fantasy-Erzählung des Predigers Timothy LaHaye, in der die Apokalypse als Trivialroman mit amerikanischen Helden aufbereitet wurde, erreichte in den USA eine Auflage von mehr als 100 Millionen.</li> <li>Für Muslime hat das Gericht am Ende der Tage erhebliche Bedeutung. Die erste Sure des Korans, die Öffnende, lautet: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt, dem barmherzigen und gerechten, der am Tag des Gerichts regiert.“ Die Einzelheiten des Gerichtstags und eventuelle Vorzeichen führt der Koran nicht weiter aus. Sie stehen eher in den <i>Hadithen</i>. In diesen umfangreichen Schriften sind Taten, Lehren und Aussprüche des Gesandten Mohammed gesammelt worden. Allerdings entstanden sie erst rund 200 Jahre nach seinem Tod, als Mohammeds Leben bereits von Legenden durchwoben war.</li> <li>Viele Schiiten glauben im Gegensatz zu den Sunniten daran, dass der sogenannte zwölfte Imam, der seit dem neunten Jahrhundert in Verborgenheit leben soll, als Beherrscher der Gläubigen eines nicht allzu fernen Tages zurückkehren werde, um eine gerechte Weltordnung zu etablieren und alle Menschen zum Islam zu bekehren.</li> <li>Nicht-religiöse Menschen (<a href="https://www.deutschlandfunk.de/auferstehung-im-judentum-hinterm-horizont-geht-s-weiter-100.html" rel="noopener">und viele Juden</a>) sind weniger von einem schnellen Weltende überzeugt. Wenn Gott aber die Welt nicht neu ordnet, müssen die Menschen mit ihren Problemen selbst fertig werden und globale wie persönliche Risiken entschlossen angehen.</li> </ul> <figure aria-describedby="caption-attachment-367" id="attachment_367"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg"><img alt="Buch &quot;Faszination Apokalypse&quot;" decoding="async" height="189" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg 236w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-144x144.jpg 144w" width="189"></img></a><figcaption id="caption-attachment-367">In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich <br></br>die Endzeitideen verschiedener Religionen <br></br>und Zeitalter beschrieben, sowie die realen<br></br>Gefahren für die Zivilisation und die Menschheit.<br></br>Erschienen bei Fischer, <br></br>ISBN 978-3-502-15192-0</figcaption></figure> <p>Keine der Religionen sagt voraus, dass die göttliche Gerechtigkeit bereits in wenigen Jahrzehnten die gegenwärtige Welt ablösen wird. Deshalb ist dieser Glauben eher vom Wunsch geleitet, Gott möge durchgreifen – bald, hart und endgültig. Die Bösen sollen ewige Qualen erleiden und die Guten endlose Freude im Himmel erleben.</p> <h3>Was nicht gefragt wurde</h3> <p>Leider haben die Studienautoren nicht untersucht, ob die Naherwartung mit der generellen Befürwortung harter Gesetze einhergeht. Das wäre durchaus logisch und würde gut erklären, warum die Naherwartung mit der Befürwortung harscher Maßnahmen gegen globale Risiken verknüpft ist.</p> <p>Aus dem Text der Veröffentlichung geht auch nicht hervor, ob die Autoren den Teilnehmern mitgeteilt haben, dass das WWF keines der Probleme aus dem Global Risks Reports für unüberwindlich oder apokalyptisch hält.</p> <p>Insgesamt halte ich die in der Publikation vorgestellten Ergebnisse für nicht ausreichend fundiert. Und die von den Autoren im Abstract aufgestellte Behauptung „Ein Drittel der Amerikaner sagt ja zu der Frage, ob die Welt in ihrer Lebenszeit enden wird“, lässt sich aus dem Text der Veröffentlichung nicht belegen.<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a></p> <h3>Die falsche Wiedergabe in der Presse</h3> <p>Warum stellen dann Nachrichtenportale wie <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/apokalypse-ein-drittel-der-us-amerikaner-sieht-laut-befragung-den-weltuntergang-kommen-a-14738030-18cc-4546-8aba-5a37c93b86b1" rel="noopener">Spiegel Online</a>, <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000299996/antichrist-und-apokalypse-wie-sich-peter-thiels-theologie-erklaeren-laesst" rel="noopener">Der Standard</a> und der britische <a href="https://www.independent.co.uk/news/science/wpocalypse-end-of-the-world-conspiracy-war-psychology-b2933368.html" rel="noopener">Independent</a> genau diesen Wert in den Vordergrund? Und warum bauen sie ihre Meldungen annähernd gleich auf?</p> <p>Die Antwort ist einfach: Sie haben die <a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">Meldung </a><a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">aus dem EurekAlert</a>, dem Presseportals der US-Wissenschaftsorganisation AAAS übernommen, ohne viel zu ändern. Hätten die Redaktionen die Originalpublikation gelesen, wäre ihnen aufgefallen, dass die Studie im EurekAlert missverständlich zusammengefasst ist (um es vorsichtig zu formulieren).</p> <p>Aber diese Mühe hat sich offenbar keine der Redaktionen gemacht. Im Gegenteil, aus der Formulierung „Nahezu ein Drittel der Stichprobe [der US-Amerikaner]<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“ macht Spiegel online „Ein Drittel der Amerikaner“. Der Standard titelt „Fast ein Drittel der Amerikaner erwartet den Weltuntergang noch zu Lebzeiten“.</p> <p>Der Titel der Meldung im Independent lautet: „Forschung zeigt: Apokalyptischer Glaube an das Ende der Welt wird immer mehr zum Mainstream.“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> Der Untertitel ergänzt: „Wissenschaftler sagen, dass mehr Menschen denn je glauben, die Welt werde noch zu ihren Lebzeiten untergehen.“</p> <p>Das ist griffig, nur gibt die Studie keine Auskunft darüber, ob die Naherwartung früher seltener oder häufiger war.</p> <p>Zugegeben, die Studie ist etwas sperrig geschrieben. Trotzdem würde ich erwarten, dass ein Wissenschaftsredakteur wenigsten einen Blick darauf wirft, bevor er einen Artikel darüber zusammenstellt.</p> <p>Sonst kommen falsche Nachrichten in die Welt, die sich dann hartnäckig halten.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <div id="sdendnote1"> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Dies war die Überzeugung der antiken Stoiker. Sie sahen die Welt als vollkommen deterministisch an, von eindeutigen und unumstößlichen Ketten von Ursachen und Wirkungen bestimmt. Der Weise nimmt dieses Schicksal an, strebt aber trotzdem nach Erkenntnis. Vermeintliche Schicksalsschläge muss man als vorbestimmt betrachten, und mit – stoischer – Seelenruhe ertragen. Der stoische Philosoph Seneca formulierte es so: „Ducunt volentem fata, nolentem trahunt (den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleppt es fort)“. Die Welt ist schicksalhaft zyklisch, sie wird im Feuer geboren und im Feuer ausgelöscht, um dann wieder zu erstehen.</p> </div> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In this article, we deploy a new, multidimensional measure of end of world beliefs to assess their prevalence, content, and correlates in a religiously diverse U.S. national sample. We then test the hypothesis that end of world beliefs predict the extent to which people perceive risk, tolerate risk, and support extreme action to address risk, over and above established predictors of risk perceptions. A unidimensional account of end of world beliefs would predict that people who believe the end of the world is near will perceive greater risk but will not support action to address risk. The multidimensional account we outline here predicts that perceived closeness to the end of the world is only one of several psychologically meaningful dimensions of end of world beliefs. Therefore, we further hypothesize that all end of world belief dimensions will independently explain variance in perception, tolerance, and response to societal risk.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> We find that end of world beliefs are common, vary along psychologically meaningful dimensions, and are uniquely predictive of people’s risk perception, risk tolerance, and willingness to support extreme action to address the five most pressing global existential risks (i.e., economic, environmental, geopolitical, societal, and technological).</p> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Deshalb muss die Zahl nicht komplett falsch sein. <a href="https://www.pewresearch.org/short-reads/2022/12/08/about-four-in-ten-u-s-adults-believe-humanity-is-living-in-the-end-times/" rel="noopener">Laut einer repräsentativen Umfrage von Pew Research</a> aus dem Jahr 2022 glauben 39% der erwachsenen Amerikaner, dass sie „in einer Endzeit“ leben, darunter mehr als zwei Drittel aller Schwarzen.</p> <div id="sdendnote5"> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Hier der ganze Satz aus der Meldung im EurekAlert: „In the U.S. national sample of 1,409 respondents, nearly one‑third said they believe the world will end within their lifetime.“</p> </div> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Originaltitel: Apocalyptic ‘end of the world’ beliefs are increasingly mainstream, research reveals. Untertitel: More people than ever believe the world will end within their lifetime, scientists say.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/reiter_titel2.png" /><h1>Erwarten die Amerikaner das Ende der Welt? » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Ein Drittel aller US-Amerikaner glaub</b><b>t angeblich</b><b>, dass die Welt noch innerhalb ihrer Lebenszeit ende</b><b>n werde</b><b>. Das </b><b>sollen </b><b>Wissenschaftler in einer Umfrage herausgefunden </b><b>haben</b><b>, wie mehrere deutsche Zeitungen und Internetportale Mitte März gemeldet haben. </b></p> <p>Wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Bis auf einige Fanatiker glaubt niemand mehr, dass Gott der Welt bald ein Ende macht, oder dass der gegenwärtige Zeitzyklus im Feuer endet, aus dem dann ein neuer Zyklus geboren wird<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a>. Und nach dem Ende des Staatssozialismus in Europa glaubt auch fast niemand mehr, dass auf der gesamten Welt das Ende des Privateigentums an Produktionsmitteln durchgesetzt werden muss, damit der paradiesische Endzustand – der Kommunismus – sich ausbreiten kann.</p> <p>Oder beginnt dieses Bild sich aufzulösen, zieht die Vernunft sich zurück, breiten sich Gier, Fanatismus und Endzeitglaube wieder aus? In der Tat mehren sich die Indizien für diese eher pessimistische Sicht.</p> <h3>Die aktuelle Studie</h3> <p>Die in der Presse vorgestellte <a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v3" rel="noopener">Studie</a> verdient deshalb einen genaueren Blick. Die Autoren um Matthew Billet von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver haben die Studie im renommierten <i>Journal of Personality and Social Psychology </i>veröffentlicht<i>. </i>Im Abstract heißt es, „ein Drittel der Amerikaner“ erwarte, dass die Welt noch in ihrer Lebenszeit enden werde (<a href="https://osf.io/preprints/psyarxiv/hq59n_v1" rel="noopener">In einer frühen Version des Abstracts</a> fehlt dieser Satz). Nur: Aus den Ergebnissen der Studie lässt sich diese Zahl überhaupt nicht entnehmen. Das ist ärgerlich, denn gerade diese Behauptung hat es in alle Schlagzeilen geschafft.</p> <p>Sehen wir uns also die Studie etwas näher an. Worum geht es eigentlich? Die Autoren definieren ihre Fragestellung, etwas verkürzt wiedergegeben, wie folgt:<aside></aside></p> <p>„<i>Wir wenden ein neues, mehrdimensionales Maß für Weltuntergangs</i><i>ideen </i><i>auf eine religiös vielfältigen Stichprobe der US-Bevölkerung an. Anschließend testen wir die Hypothese, dass </i><i>diese Ideen</i><i> das Ausmaß vorhersagen, in dem Menschen Risiken wahrnehmen, Risiken tolerieren und extreme Maßnahmen zur Risikobewältigung befürworten … </i><i>Unser Modell</i><i> sagt voraus, dass die wahrgenommene Nähe </i><i>des</i><i> Weltuntergang</i><i>s</i><i> nur eine von mehreren psychologisch bedeutsamen Dimensionen von Weltuntergangs</i><i>ideen</i><i> ist. </i><i>Unsere </i><i>Hypothese: Alle d</i><i>iese Dimensionen </i><i>erklären unabhängig die Varianz </i><i>bei</i><i> Wahrnehmung, Toleranz und Reaktion auf gesellschaftliche Risiken.“</i> <a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a></p> <p>Es geht also nicht um die Frage, wie viele US-Amerikaner vom baldigen Weltuntergang überzeugt sind. Vielmehr möchte die Studie herausbringen, wie bestimmte, religiös oder weltlich beeinflusste Ideen des Weltuntergangs die Wahrnehmung von Risiken beeinflussen. Die Ergebnisse bestätigen die Hypothese:</p> <p>„Weltuntergangsvorstellungen sind nach unserer Feststellung weit verbreitet, unterscheiden sich entlang psychologisch bedeutsamer Dimensionen und erlauben sehr zuverlässige Rückschlüsse ( … are uniquely predictive … ) auf Risikowahrnehmung, Risikotoleranz und die Bereitschaft der Menschen, extreme Maßnahmen zur Bewältigung der fünf drängendsten globalen existenziellen Risiken (nämlich wirtschaftliche, ökologische, geopolitische, gesellschaftliche und technologische Risiken) zu unterstützen.“<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a></p> <h3>Wen hat die Studie gefragt?</h3> <p>Die Studie wertete die Befragung von 1409 US-Bürgern aus. Die Teilnehmer waren im wesentlichen nach Religionszugehörigkeit ausgewählt, darunter 247 Katholiken, 286 Protestanten, 210 Evangelikale, 190 Juden und 222 Muslime. Weitere 254 stuften sich als nicht-religiös ein. Das Durchschnittsalter betrug 50 Jahre, Männer und Frauen waren ungefähr gleich vertreten.</p> <h3>Was hat die Studie gefragt?</h3> <p>Um die Teilnehmer der Studie einzustimmen, stellten ihnen die Autoren zunächst jeweils eine Risiko-Kategorie aus dem <i>Global Risks Report</i> des Weltwirtschaftsforums vor (Der Global Risks Report weist einige Schwächen auf, ich hatte darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/">in meinem letzten Blogpost</a> geschrieben). Dann kamen 25 Aussagen aus diesen fünf Bereichen:</p> <ul> <li>Weltende wird noch in der Lebenszeit des Teilnehmers kommen (Naherwartung),</li> <li>Menschen verursachen das Weltende,</li> <li>Gott wird der gegenwärtigen Welt ein Ende machen,</li> <li>Jeder Mensch hat einen Einfluss auf das Weltende,</li> <li>Ich verbinde das Weltende mit positiven Gefühlen.</li> </ul> <p>Die Teilnehmer sollten auf einer siebenteiligen Skala (Fachbegriff ist: <i>Likert-Scale</i>) angeben, wie sehr sie den Aussagen zustimmten (von <i>1 = </i><i>komplette Ablehnung</i> über <i>4 </i><i>= unentschieden</i> bis <i>7 = komplette Zustimmung</i>).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1815" id="attachment_1815"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg"><img alt="Die apokalyptischen Reiter" decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/horsemen_apo.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1815">Die vier apokalyptischen Reiter. Von links: Der König, der ausreitet, um zu siegen, begleitet von der Gewalt, der Teuerung und dem Hunger sowie dem Tod. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>Zum Schluss waren noch einmal die globalen Risiken an der Reihe. Die Teilnehmer sollten die Gefährlichkeit einschätzen. Außerdem wollten die Studienautoren wissen, ob sie solche Risiken tolerieren würden und ob sie extreme staatliche Maßnahmen zur Risikominimierung unterstützten. Dabei kam ebenfalls die siebenteilige Likert-Scale zur Anwendung.</p> <h3>Kritik</h3> <p>Aus meiner Sicht hat die Publikation viele Schwachstellen. Als sichere Ergebnisse können wir lediglich festhalten:</p> <ol> <li><i> Wer sich wünscht, dass noch in seiner Lebenszeit Gott das letzte Gericht hält, der befürwortet eher drastische Maßnahmen gegen globale Risiken.</i></li> <li><i>Im Vergleich der Religionen fällt auf, dass die befragten Muslims deutlich höhere Werte bei der Naherwartung aufweisen und das Ende der gegenwärtigen Welt positiver sehen als alle andere Gruppen.</i></li> </ol> <p>Die Arbeit macht dagegen <i>keine Angaben</i> zur Anzahl der Amerikaner, die das Jüngste Gericht in ihrer Lebenszeit erwarten. Die Zusammensetzung der Stichprobe ist viel zu einseitig, als dass sie valide Rückschlüsse auf die Grundgesamtheit (= alle US-Amerikaner) erlauben würde. Während in der Studie 29,2 % der Teilnehmer Muslime oder Juden sind, beträgt dieser Prozentsatz in der US-amerikanischen Bevölkerung nur 0,7 % (Muslime) bzw. 2 % (Juden). Im Text der Veröffentlichung ist auch nicht die Rede davon, dass ein Drittel <i>der Amerikaner</i> das Ende der Welt noch in ihrer Lebenszeit erwartet. Es heißt lediglich, dass 28,9 % <i>der Teilnehmer</i> den Aussagen zu diesem Thema zustimmen (Werte 5 bis 7 auf der Likert-Scale).</p> <h3>Kein Drittel</h3> <p>Die besagten 28,9 % sind aber, selbst bei großzügiger Betrachtung, nicht etwa ein Drittel, tatsächlich befindet sich der Wert auf halber Strecke zwischen einem Drittel und einem Viertel. Die Studie nennt nur den Wert für die Stichprobe, sie hat nicht auf die Grundgesamtheit (=alle Amerikaner) hochgerechnet. Angesichts der verzerrten Stichprobe wäre das auch wenig erfolgversprechend und mit großer Unsicherheit behaftet.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1814" id="attachment_1814"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg"><img alt="Das Ende der Welt." decoding="async" height="400" sizes="(max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/messiah1.jpg 1024w" width="400"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1814">Für religiöse Menschen ist der Tag des jüngsten Gerichts nicht unbedingt ein schlimmes Ereignis, sondern der Beginn einer Welt der göttlichen Gerechtigkeit. KI-generiertes Symbolbild</figcaption></figure> <p>Und es gibt noch ein weiteres Problem: Die Idee des Weltendes im christlichen und muslimischen Glauben hat mit dem weltlichen Ende der gegenwärtigen Kultur wenig zu tun. Das Jüngste Gericht ist entweder der Tag, an dem ein durchaus weltliches Zeitalter der göttlichen Gerechtigkeit beginnt, oder der Tag, an dem Gott der Welt ein Ende macht und darüber entscheidet, wer in den Himmel aufsteigt oder in die Hölle verbannt wird, und zwar endgültig. Der Tag des Gerichts markiert für die Gläubigen also den Beginn einer gerechten, ideal geordneten Welt.</p> <h3>Das finale Gericht in verschiedenen Religionen</h3> <p>Die Vorstellung vom Ablauf der Ereignisse bis zum Jüngsten Gericht und vom Gericht unterscheiden sich zwischen den verschiedenen Religionen, auch wenn die generelle Idee ähnlich ist.</p> <ul> <li>In der Katholischen Lehre gibt es eigentlich keine Naherwartung. Gott wird das Gericht ausrufen, wann immer er es für richtig hält. Vorzeichen wird er den Menschen nicht zukommen lassen. Die Offenbarung des Johannes (= Apokalypse) mit ihrer Geisterbahnfahrt durch alle möglichen Weltendekatastrophen ist nicht wörtlich zu nehmen.</li> <li>Viele Evangelikale Christen in den USA sehen das ganz anders. Sie erwarten den leibhaftigen Antichristen, die letzte Schlacht der Guten gegen die Bösen (Armageddon) und die apokalyptischen Reiter genau so, wie Johannes sie angekündigt hat. Eine zwölfbändige Fantasy-Erzählung des Predigers Timothy LaHaye, in der die Apokalypse als Trivialroman mit amerikanischen Helden aufbereitet wurde, erreichte in den USA eine Auflage von mehr als 100 Millionen.</li> <li>Für Muslime hat das Gericht am Ende der Tage erhebliche Bedeutung. Die erste Sure des Korans, die Öffnende, lautet: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Lob sei Gott, dem Herrn der Menschen in aller Welt, dem barmherzigen und gerechten, der am Tag des Gerichts regiert.“ Die Einzelheiten des Gerichtstags und eventuelle Vorzeichen führt der Koran nicht weiter aus. Sie stehen eher in den <i>Hadithen</i>. In diesen umfangreichen Schriften sind Taten, Lehren und Aussprüche des Gesandten Mohammed gesammelt worden. Allerdings entstanden sie erst rund 200 Jahre nach seinem Tod, als Mohammeds Leben bereits von Legenden durchwoben war.</li> <li>Viele Schiiten glauben im Gegensatz zu den Sunniten daran, dass der sogenannte zwölfte Imam, der seit dem neunten Jahrhundert in Verborgenheit leben soll, als Beherrscher der Gläubigen eines nicht allzu fernen Tages zurückkehren werde, um eine gerechte Weltordnung zu etablieren und alle Menschen zum Islam zu bekehren.</li> <li>Nicht-religiöse Menschen (<a href="https://www.deutschlandfunk.de/auferstehung-im-judentum-hinterm-horizont-geht-s-weiter-100.html" rel="noopener">und viele Juden</a>) sind weniger von einem schnellen Weltende überzeugt. Wenn Gott aber die Welt nicht neu ordnet, müssen die Menschen mit ihren Problemen selbst fertig werden und globale wie persönliche Risiken entschlossen angehen.</li> </ul> <figure aria-describedby="caption-attachment-367" id="attachment_367"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg"><img alt="Buch &quot;Faszination Apokalypse&quot;" decoding="async" height="189" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236.jpg 236w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Faszination_236-144x144.jpg 144w" width="189"></img></a><figcaption id="caption-attachment-367">In meinem Buch „Faszination Apokalypse“ habe ich <br></br>die Endzeitideen verschiedener Religionen <br></br>und Zeitalter beschrieben, sowie die realen<br></br>Gefahren für die Zivilisation und die Menschheit.<br></br>Erschienen bei Fischer, <br></br>ISBN 978-3-502-15192-0</figcaption></figure> <p>Keine der Religionen sagt voraus, dass die göttliche Gerechtigkeit bereits in wenigen Jahrzehnten die gegenwärtige Welt ablösen wird. Deshalb ist dieser Glauben eher vom Wunsch geleitet, Gott möge durchgreifen – bald, hart und endgültig. Die Bösen sollen ewige Qualen erleiden und die Guten endlose Freude im Himmel erleben.</p> <h3>Was nicht gefragt wurde</h3> <p>Leider haben die Studienautoren nicht untersucht, ob die Naherwartung mit der generellen Befürwortung harter Gesetze einhergeht. Das wäre durchaus logisch und würde gut erklären, warum die Naherwartung mit der Befürwortung harscher Maßnahmen gegen globale Risiken verknüpft ist.</p> <p>Aus dem Text der Veröffentlichung geht auch nicht hervor, ob die Autoren den Teilnehmern mitgeteilt haben, dass das WWF keines der Probleme aus dem Global Risks Reports für unüberwindlich oder apokalyptisch hält.</p> <p>Insgesamt halte ich die in der Publikation vorgestellten Ergebnisse für nicht ausreichend fundiert. Und die von den Autoren im Abstract aufgestellte Behauptung „Ein Drittel der Amerikaner sagt ja zu der Frage, ob die Welt in ihrer Lebenszeit enden wird“, lässt sich aus dem Text der Veröffentlichung nicht belegen.<a href="#sdendnote4sym" name="sdendnote4anc"><sup>4</sup></a></p> <h3>Die falsche Wiedergabe in der Presse</h3> <p>Warum stellen dann Nachrichtenportale wie <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/apokalypse-ein-drittel-der-us-amerikaner-sieht-laut-befragung-den-weltuntergang-kommen-a-14738030-18cc-4546-8aba-5a37c93b86b1" rel="noopener">Spiegel Online</a>, <a href="https://www.derstandard.de/story/3000000299996/antichrist-und-apokalypse-wie-sich-peter-thiels-theologie-erklaeren-laesst" rel="noopener">Der Standard</a> und der britische <a href="https://www.independent.co.uk/news/science/wpocalypse-end-of-the-world-conspiracy-war-psychology-b2933368.html" rel="noopener">Independent</a> genau diesen Wert in den Vordergrund? Und warum bauen sie ihre Meldungen annähernd gleich auf?</p> <p>Die Antwort ist einfach: Sie haben die <a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">Meldung </a><a href="https://www.eurekalert.org/news-releases/1118926" rel="noopener">aus dem EurekAlert</a>, dem Presseportals der US-Wissenschaftsorganisation AAAS übernommen, ohne viel zu ändern. Hätten die Redaktionen die Originalpublikation gelesen, wäre ihnen aufgefallen, dass die Studie im EurekAlert missverständlich zusammengefasst ist (um es vorsichtig zu formulieren).</p> <p>Aber diese Mühe hat sich offenbar keine der Redaktionen gemacht. Im Gegenteil, aus der Formulierung „Nahezu ein Drittel der Stichprobe [der US-Amerikaner]<a href="#sdendnote5sym" name="sdendnote5anc"><sup>5</sup></a>“ macht Spiegel online „Ein Drittel der Amerikaner“. Der Standard titelt „Fast ein Drittel der Amerikaner erwartet den Weltuntergang noch zu Lebzeiten“.</p> <p>Der Titel der Meldung im Independent lautet: „Forschung zeigt: Apokalyptischer Glaube an das Ende der Welt wird immer mehr zum Mainstream.“<a href="#sdendnote6sym" name="sdendnote6anc"><sup>6</sup></a> Der Untertitel ergänzt: „Wissenschaftler sagen, dass mehr Menschen denn je glauben, die Welt werde noch zu ihren Lebzeiten untergehen.“</p> <p>Das ist griffig, nur gibt die Studie keine Auskunft darüber, ob die Naherwartung früher seltener oder häufiger war.</p> <p>Zugegeben, die Studie ist etwas sperrig geschrieben. Trotzdem würde ich erwarten, dass ein Wissenschaftsredakteur wenigsten einen Blick darauf wirft, bevor er einen Artikel darüber zusammenstellt.</p> <p>Sonst kommen falsche Nachrichten in die Welt, die sich dann hartnäckig halten.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <div id="sdendnote1"> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Dies war die Überzeugung der antiken Stoiker. Sie sahen die Welt als vollkommen deterministisch an, von eindeutigen und unumstößlichen Ketten von Ursachen und Wirkungen bestimmt. Der Weise nimmt dieses Schicksal an, strebt aber trotzdem nach Erkenntnis. Vermeintliche Schicksalsschläge muss man als vorbestimmt betrachten, und mit – stoischer – Seelenruhe ertragen. Der stoische Philosoph Seneca formulierte es so: „Ducunt volentem fata, nolentem trahunt (den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleppt es fort)“. Die Welt ist schicksalhaft zyklisch, sie wird im Feuer geboren und im Feuer ausgelöscht, um dann wieder zu erstehen.</p> </div> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In this article, we deploy a new, multidimensional measure of end of world beliefs to assess their prevalence, content, and correlates in a religiously diverse U.S. national sample. We then test the hypothesis that end of world beliefs predict the extent to which people perceive risk, tolerate risk, and support extreme action to address risk, over and above established predictors of risk perceptions. A unidimensional account of end of world beliefs would predict that people who believe the end of the world is near will perceive greater risk but will not support action to address risk. The multidimensional account we outline here predicts that perceived closeness to the end of the world is only one of several psychologically meaningful dimensions of end of world beliefs. Therefore, we further hypothesize that all end of world belief dimensions will independently explain variance in perception, tolerance, and response to societal risk.</p> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> We find that end of world beliefs are common, vary along psychologically meaningful dimensions, and are uniquely predictive of people’s risk perception, risk tolerance, and willingness to support extreme action to address the five most pressing global existential risks (i.e., economic, environmental, geopolitical, societal, and technological).</p> <p><a href="#sdendnote4anc" name="sdendnote4sym">[4]</a> Deshalb muss die Zahl nicht komplett falsch sein. <a href="https://www.pewresearch.org/short-reads/2022/12/08/about-four-in-ten-u-s-adults-believe-humanity-is-living-in-the-end-times/" rel="noopener">Laut einer repräsentativen Umfrage von Pew Research</a> aus dem Jahr 2022 glauben 39% der erwachsenen Amerikaner, dass sie „in einer Endzeit“ leben, darunter mehr als zwei Drittel aller Schwarzen.</p> <div id="sdendnote5"> <p><a href="#sdendnote5anc" name="sdendnote5sym">[5]</a> Hier der ganze Satz aus der Meldung im EurekAlert: „In the U.S. national sample of 1,409 respondents, nearly one‑third said they believe the world will end within their lifetime.“</p> </div> <p><a href="#sdendnote6anc" name="sdendnote6sym">[6]</a> Originaltitel: Apocalyptic ‘end of the world’ beliefs are increasingly mainstream, research reveals. Untertitel: More people than ever believe the world will end within their lifetime, scientists say.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/erwarten-die-amerikaner-das-ende-der-welt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>28</slash:comments> </item> <item> <title>Hyperspectral Imaging and Responsible AI https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperspectral-imaging-and-responsible-ai/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperspectral-imaging-and-responsible-ai/#comments Wed, 08 Apr 2026 12:00:00 +0000 Nikolas Mariani https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14254 <h1>Hyperspectral Imaging and Responsible AI - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Nikolas Mariani</h2><div itemprop="text"> <p><em>The Heidelberg Laureate Forum has a single purpose: To provide some of the brightest minds in mathematics and computer science with the space and time to make connections and find inspiration. Some of the connections made at the HLF will echo into collaborations and projects, with some of those efforts leading to concrete developments. The </em><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/young-researchers/hlff-spotlight/hlff-spotlight-alumni-in-action.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>HLFF Spotlight</em></a> <em>series unpacks a few of those examples.</em></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="450" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1-300x193.jpg 300w" width="700"></img></a></figure> </div> <p>When Jimoh Abdulganiyu stepped off the plane at Frankfurt Airport in 2019, he was not sure what to expect. He had never left Nigeria before – never left Africa. He had applied to the 7th Heidelberg Laureate Forum after his supervisor had shared a link with his research group. Now here he was, a final-year undergraduate with a project on medical image compression, standing in the arrivals hall of one of Europe’s busiest airports.</p> <p>He spotted a man holding a sign with his name on it. Next to the man: a Mercedes-Benz.</p> <p>“In Nigeria, people who get that kind of treatment are politicians,” he laughs. “I was like – is this for me?”</p> <p>It was. And in a sense, so was everything that followed.<aside></aside></p> <h3>A Problem Worth Solving</h3> <p>Jimoh grew up in Nigeria and studied Computer Science at Adekunle Ajasin University. His undergraduate research was not driven by abstract curiosity but by a very concrete problem: The university’s hospital scanned a chest X-ray of every incoming student each year and was drowning in storage. He and his advisor set out to build a lossless compression algorithm – one that could shrink image file sizes without sacrificing a single pixel of diagnostic information. In medical imaging, every detail counts, and lossy compression is not an option.</p> <p>That early project planted a seed. Here was computing doing something immediately useful – not theoretical, not decorative, but solving a problem that had a real purpose and real stakes. It is a philosophy he has carried through every chapter of his career since.</p> <h3>The Forum That Changed Everything</h3> <p>It was during his final undergraduate year that Jimoh first heard about the Heidelberg Laureate Forum – an annual gathering in Germany that brings together a select group of young researchers in mathematics and computer science with the fields’ highest achievers: recipients of the Abel Prize, the Fields Medal, the ACM A.M. Turing Award, the ACM Prize in Computing, the Abacus Medal and the Nevanlinna Prize. His supervisor shared the link. Nobody else in the group applied. Jimoh did.</p> <p>He was invited, and that week in Heidelberg in 2019 reshaped his sense of what was possible.</p> <p>He was able to have engaging conversations with laureates, including Yoshua Bengio – the deep learning pioneer and Turing Award recipient – and Jeff Dean, Chief Scientist at Google DeepMind and Google Research, co-technical lead of Google Gemini. He connected with young researchers from universities he had only read about. He visited the Heidelberg Institute of Theoretical Studies (HITS) and research facilities around Heidelberg. And he participated in the HLF’s long-running Intercultural Science Art Project in which young researchers communicate their work visually, for a non-specialist audience. His piece – an artistic rendering of his X-ray compression research – was later exhibited in Serbia in 2021 and featured in the opening ceremony of the 9th HLF 2022.</p> <p>What the HLF gave him, he says, was not merely contacts or inspiration – it was audacity. “If I had told myself ‘I am from a small village in Nigeria, this kind of forum is for people from Harvard’ – I would not have been there. And I would have missed everything that came from it … After I attended the HLF, my career really changed. I had the boldness to apply for things … to talk, to meet people, to make connections.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a Q&amp;A session at the 7th Heidelberg Laureate Forum 2019. Image credit: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <h3>Images, All the Way Down</h3> <p>If there is a single technical thread running through Jimoh’s career, it is image analysis.</p> <p>After completing his Bachelor’s degree, he was awarded a fully funded scholarship to pursue a Master’s in Collective Intelligence – with a specialization in computer science and data science – at Mohammed VI Polytechnic University (UM6P) in Morocco, one of Africa’s fastest-rising research institutions. There, he pivoted from compressing medical images to reading them: using machine learning to detect and classify cancer from digital pathology slides. Where his undergraduate work had been about storing images faithfully, this was about interpreting them precisely – training an algorithm to identify whether cells were healthy, pre-cancerous, or malignant.</p> <p>He submitted a <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-031-77789-9_1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">paper on cancer detection and classification</a> while at <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-77789-9#toc" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MICCAI – the Medical Image Computing and Computer Assisted Intervention conference</a>, one of the most competitive venues in the field – and it was selected as one of the best papers at the Deep Breast workshop on artificial intelligence. It was a serious international validation for a researcher still in his mid-twenties.</p> <p>He also returned to Heidelberg. Attending the HLF for a second time in 2022, he found a renewed confidence to boldly engage with other fellow young researchers.</p> <p>Towards the end of his Master’s studies, Jimoh spent 6 months as a visiting researcher fellow at the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany. As part of the project <a href="https://www.eva.mpg.de/comparative-cultural-psychology/staff/pierre-etienne-martin/#c51598" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“BioTIP – Bio-Signal Retrieval from Thermal Imaging Processing” under Dr. Pierre-Etienne Martin</a>, he applied computer vision and machine learning segmentation algorithms to animal thermal imagery for neuroscience research – a different domain entirely, but the same underlying discipline: making sense of visual data that the human eye cannot efficiently process alone.</p> <h3>Environmental AI Applications</h3> <p>Jimoh is now a first-year PhD student at Utah State University, enrolled – in a move that surprises almost everyone he tells – in the Department of Civil and Environmental Engineering. He works at the Utah Water Research Laboratory in Logan, Utah, under Professor Sierra Young, whose U.S. National Science Foundation funded project concerns one of the more urgent environmental stories in the American West: the decline of the Great Salt Lake.</p> <p>The lake has been shrinking for decades, its water level dropping as demand – agricultural, industrial, residential – outpaces replenishment. As the water recedes, it exposes vast stretches of ancient lake bed: salt flats and mineral sediments that dry out, break apart, and get swept into the air as fine toxic dust. That dust settles on crops, infiltrates lungs, and poisons ecosystems. The U.S. government has proposed investing over a billion dollars to stabilize the lake. One aspect is understanding exactly what is driving its decline and where things stand right now, season by season, across an enormous and hard-to-access landscape. Another is understanding the consequences of the current and future decline.</p> <p>This is where hyperspectral imaging comes in.</p> <p>A standard camera captures three channels of light: red, green, and blue, similar to how human eyesight interprets light. Hyperspectral cameras capture dozens or even hundreds of channels simultaneously, extending far beyond what the human eye can perceive – into the near-infrared, the short-wave infrared, and beyond. The result is not merely a picture but a “data cube”: a rich, layered dataset in which every pixel carries a detailed spectral fingerprint of whatever surface it represents.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg"><img alt="" decoding="async" height="310" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 310px) 100vw, 310px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg 310w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-150x150.jpg 150w" width="310"></img></a><figcaption>Two-dimensional projection of a hyperspectral cube. Image credits: Dr. Nicholas M. Short, Sr. (<a data-id="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" data-type="link" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Those fingerprints are extraordinarily informative. Healthy vegetation reflects light differently from stressed or dying plants. Clean water has a different spectral signature from water contaminated by algal blooms or sediment. Bare soil, dust, mineral deposits, ice – each has its own pattern. When an algal bloom forms on the surface of a lake, for instance, its signature in the hyperspectral data is distinctive: the toxins it releases degrade water quality in ways the naked eye cannot assess, but a trained model can detect from the sky.</p> <p>The technology is not limited to lake monitoring. Hyperspectral remote sensing is already being used in precision agriculture to detect crop disease before it becomes visible; in geology to identify mineral deposits; in forestry to track invasive species; in archaeology to reveal buried structures beneath soil. As the sensors get lighter and cheaper, and as the AI models trained to interpret their data get more powerful, the range of applications keeps expanding.</p> <p>For the Great Salt Lake project, drones equipped with hyperspectral cameras fly over the lake and its shoreline, capturing data on vegetation cover, water quality, dust composition, and algae. The same process in essence goes into tracking and analyzing the effects of resulting dust sediment on surrounding vegetation. Jimoh’s role is to process that data – extracting what researchers call “endmembers,” the distinct spectral signatures that correspond to different materials and conditions on the ground – and to build AI models that can interpret what the sensors are saying about the lake’s or the surrounding vegetation’s health.</p> <p>Jimoh emphasizes that “saving the lake will depend on better science and better data. Without accurate monitoring of water inflows, salinity, dust emissions, and ecosystem changes, it is difficult for policymakers to make effective decisions.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png"><img alt="" decoding="async" height="813" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-300x285.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-768x730.png 768w" width="855"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu in the lab at the Utah State University Research Greenhouse, collecting hyperspectral data, testing spectral signal analysis of dust-affected vegetation. Image credits: Jimoh Abdulganiyu (private)</figcaption></figure> </div> <p>Jimoh admits that the interdisciplinarity at first posed a challenge: “Water science is not something I learned as a computer scientist,” he says. He has made sure to enroll in courses just to be able to “speak the language.” But he sees that as the point. Whether the issues are environmental or otherwise, AI has countless applications that it can be employed in to help solve problems, and that will always imply bridging gaps to other disciplines.</p> <h3>A Voice in the Conversation</h3> <p>Shortly before beginning his PhD, Jimoh spotted an open call from the White House Office of Science and Technology Policy for public contributions to the U.S. AI Action Plan – an initiative to shape the country’s approach to artificial intelligence development and governance. Anyone could submit their comments. He submitted eight pages.</p> <p>His contribution drew on his own research experience, arguing for a more streamlined regulatory environment around AI deployment in environmental monitoring, water systems, and sustainable infrastructure – while also stressing the need for responsible development that protects communities and upholds human rights. A few months into his PhD, he received an acknowledgement that his submission was among those selected as substantive contributions. Utah State University featured the story in their campus publications and on LinkedIn.</p> <p>He is clear that his interest in policy work sits alongside, not above, his core concern: making sure AI is built well. “[AI should be] ethical, safe, fairly designed – everybody’s included.” The systems’ design and governance “should ensure that they align with human values and society’s principles … It should not be biased toward one population.” He has been selected as one of forty participants for the “Summer School in Responsible AI and Human Rights” conducted by Mila, the Quebec Artificial Intelligence Institute, this May – and hopes he’ll have a “broader scope” afterwards to see where he can better contribute to developing AI tools that will be relevant for society.</p> <h3>Life in Logan</h3> <p>Logan, Utah might not seem like an obvious destination for a computer scientist. A mid-sized city in the mountains of the American West, it is known primarily for its university and its Mormon heritage and, Jimoh has found, for the warmth of its people. He arrived in the fall of 2024 with his wife and their newborn son. It was the first time he and his wife had actually lived in the same city; for most of their marriage, as she had been studying in Nigeria while he was in Morocco or Germany.</p> <p>The first months were hard. No car in a car-dependent city. A healthcare system that did not automatically extend to his dependents. The specific exhaustion of adjusting to a new country while adjusting to parenthood for the first time. “It was really challenging,” he says.</p> <p>But things have settled. He praises the community generosity he has encountered – the university’s food pantry for graduate student families, a local foundation that delivers diapers to the door for parents without transport. “The people are good,” he says. When time permits, he goes to the gym, rides his bike, and plays with his son.</p> <h3>Advice for Those Just Starting Out</h3> <p>When asked what he would tell an early-career researcher sitting where he sat in 2019, Jimoh is emphatic on one point: apply anyway.</p> <p>“If they have an avenue to actually showcase their project or their research, they should do it. They should go to conferences. They should apply to the HLF … This is a conference where you meet the real people, the people who are actually changing your field.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a workshop of the International Science Art Project at the 7th Heidelberg Laureate Forum. Image credits: HLFF / Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>And he urges them to trust that their work matters, even when it feels small. “Someone will read your paper. Someone will reference it,” so they should “try all their best to showcase their knowledge in whatever opportunity comes their way.”</p> <p>He hopes to attend the HLF a third time – now as a PhD student – and is quietly excited about the prospect.</p> <p>For now, he is in Logan, making his own contribution by applying AI towards solving real-world problems, teaching algorithms to read what the naked eye cannot see. He applied for a forum he thought might not want him. The car was waiting.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Hyperspectral Imaging and Responsible AI - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Nikolas Mariani</h2><div itemprop="text"> <p><em>The Heidelberg Laureate Forum has a single purpose: To provide some of the brightest minds in mathematics and computer science with the space and time to make connections and find inspiration. Some of the connections made at the HLF will echo into collaborations and projects, with some of those efforts leading to concrete developments. The </em><a href="https://www.heidelberg-laureate-forum.org/young-researchers/hlff-spotlight/hlff-spotlight-alumni-in-action.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><em>HLFF Spotlight</em></a> <em>series unpacks a few of those examples.</em></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="450" sizes="(max-width: 700px) 100vw, 700px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1.jpg 700w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Spotlight_Jimoh-Abdulganiyu-700x450-1-300x193.jpg 300w" width="700"></img></a></figure> </div> <p>When Jimoh Abdulganiyu stepped off the plane at Frankfurt Airport in 2019, he was not sure what to expect. He had never left Nigeria before – never left Africa. He had applied to the 7th Heidelberg Laureate Forum after his supervisor had shared a link with his research group. Now here he was, a final-year undergraduate with a project on medical image compression, standing in the arrivals hall of one of Europe’s busiest airports.</p> <p>He spotted a man holding a sign with his name on it. Next to the man: a Mercedes-Benz.</p> <p>“In Nigeria, people who get that kind of treatment are politicians,” he laughs. “I was like – is this for me?”</p> <p>It was. And in a sense, so was everything that followed.<aside></aside></p> <h3>A Problem Worth Solving</h3> <p>Jimoh grew up in Nigeria and studied Computer Science at Adekunle Ajasin University. His undergraduate research was not driven by abstract curiosity but by a very concrete problem: The university’s hospital scanned a chest X-ray of every incoming student each year and was drowning in storage. He and his advisor set out to build a lossless compression algorithm – one that could shrink image file sizes without sacrificing a single pixel of diagnostic information. In medical imaging, every detail counts, and lossy compression is not an option.</p> <p>That early project planted a seed. Here was computing doing something immediately useful – not theoretical, not decorative, but solving a problem that had a real purpose and real stakes. It is a philosophy he has carried through every chapter of his career since.</p> <h3>The Forum That Changed Everything</h3> <p>It was during his final undergraduate year that Jimoh first heard about the Heidelberg Laureate Forum – an annual gathering in Germany that brings together a select group of young researchers in mathematics and computer science with the fields’ highest achievers: recipients of the Abel Prize, the Fields Medal, the ACM A.M. Turing Award, the ACM Prize in Computing, the Abacus Medal and the Nevanlinna Prize. His supervisor shared the link. Nobody else in the group applied. Jimoh did.</p> <p>He was invited, and that week in Heidelberg in 2019 reshaped his sense of what was possible.</p> <p>He was able to have engaging conversations with laureates, including Yoshua Bengio – the deep learning pioneer and Turing Award recipient – and Jeff Dean, Chief Scientist at Google DeepMind and Google Research, co-technical lead of Google Gemini. He connected with young researchers from universities he had only read about. He visited the Heidelberg Institute of Theoretical Studies (HITS) and research facilities around Heidelberg. And he participated in the HLF’s long-running Intercultural Science Art Project in which young researchers communicate their work visually, for a non-specialist audience. His piece – an artistic rendering of his X-ray compression research – was later exhibited in Serbia in 2021 and featured in the opening ceremony of the 9th HLF 2022.</p> <p>What the HLF gave him, he says, was not merely contacts or inspiration – it was audacity. “If I had told myself ‘I am from a small village in Nigeria, this kind of forum is for people from Harvard’ – I would not have been there. And I would have missed everything that came from it … After I attended the HLF, my career really changed. I had the boldness to apply for things … to talk, to meet people, to make connections.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48786931131_3d703d63d6_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a Q&amp;A session at the 7th Heidelberg Laureate Forum 2019. Image credit: HLFF / Flemming</figcaption></figure> </div> <h3>Images, All the Way Down</h3> <p>If there is a single technical thread running through Jimoh’s career, it is image analysis.</p> <p>After completing his Bachelor’s degree, he was awarded a fully funded scholarship to pursue a Master’s in Collective Intelligence – with a specialization in computer science and data science – at Mohammed VI Polytechnic University (UM6P) in Morocco, one of Africa’s fastest-rising research institutions. There, he pivoted from compressing medical images to reading them: using machine learning to detect and classify cancer from digital pathology slides. Where his undergraduate work had been about storing images faithfully, this was about interpreting them precisely – training an algorithm to identify whether cells were healthy, pre-cancerous, or malignant.</p> <p>He submitted a <a href="https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-031-77789-9_1" rel="noreferrer noopener" target="_blank">paper on cancer detection and classification</a> while at <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-77789-9#toc" rel="noreferrer noopener" target="_blank">MICCAI – the Medical Image Computing and Computer Assisted Intervention conference</a>, one of the most competitive venues in the field – and it was selected as one of the best papers at the Deep Breast workshop on artificial intelligence. It was a serious international validation for a researcher still in his mid-twenties.</p> <p>He also returned to Heidelberg. Attending the HLF for a second time in 2022, he found a renewed confidence to boldly engage with other fellow young researchers.</p> <p>Towards the end of his Master’s studies, Jimoh spent 6 months as a visiting researcher fellow at the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany. As part of the project <a href="https://www.eva.mpg.de/comparative-cultural-psychology/staff/pierre-etienne-martin/#c51598" rel="noreferrer noopener" target="_blank">“BioTIP – Bio-Signal Retrieval from Thermal Imaging Processing” under Dr. Pierre-Etienne Martin</a>, he applied computer vision and machine learning segmentation algorithms to animal thermal imagery for neuroscience research – a different domain entirely, but the same underlying discipline: making sense of visual data that the human eye cannot efficiently process alone.</p> <h3>Environmental AI Applications</h3> <p>Jimoh is now a first-year PhD student at Utah State University, enrolled – in a move that surprises almost everyone he tells – in the Department of Civil and Environmental Engineering. He works at the Utah Water Research Laboratory in Logan, Utah, under Professor Sierra Young, whose U.S. National Science Foundation funded project concerns one of the more urgent environmental stories in the American West: the decline of the Great Salt Lake.</p> <p>The lake has been shrinking for decades, its water level dropping as demand – agricultural, industrial, residential – outpaces replenishment. As the water recedes, it exposes vast stretches of ancient lake bed: salt flats and mineral sediments that dry out, break apart, and get swept into the air as fine toxic dust. That dust settles on crops, infiltrates lungs, and poisons ecosystems. The U.S. government has proposed investing over a billion dollars to stabilize the lake. One aspect is understanding exactly what is driving its decline and where things stand right now, season by season, across an enormous and hard-to-access landscape. Another is understanding the consequences of the current and future decline.</p> <p>This is where hyperspectral imaging comes in.</p> <p>A standard camera captures three channels of light: red, green, and blue, similar to how human eyesight interprets light. Hyperspectral cameras capture dozens or even hundreds of channels simultaneously, extending far beyond what the human eye can perceive – into the near-infrared, the short-wave infrared, and beyond. The result is not merely a picture but a “data cube”: a rich, layered dataset in which every pixel carries a detailed spectral fingerprint of whatever surface it represents.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg"><img alt="" decoding="async" height="310" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 310px) 100vw, 310px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube.jpg 310w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/HyperspectralCube-150x150.jpg 150w" width="310"></img></a><figcaption>Two-dimensional projection of a hyperspectral cube. Image credits: Dr. Nicholas M. Short, Sr. (<a data-id="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" data-type="link" href="https://en.wikipedia.org/wiki/Hyperspectral_imaging#/media/File:HyperspectralCube.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>)</figcaption></figure> </div> <p>Those fingerprints are extraordinarily informative. Healthy vegetation reflects light differently from stressed or dying plants. Clean water has a different spectral signature from water contaminated by algal blooms or sediment. Bare soil, dust, mineral deposits, ice – each has its own pattern. When an algal bloom forms on the surface of a lake, for instance, its signature in the hyperspectral data is distinctive: the toxins it releases degrade water quality in ways the naked eye cannot assess, but a trained model can detect from the sky.</p> <p>The technology is not limited to lake monitoring. Hyperspectral remote sensing is already being used in precision agriculture to detect crop disease before it becomes visible; in geology to identify mineral deposits; in forestry to track invasive species; in archaeology to reveal buried structures beneath soil. As the sensors get lighter and cheaper, and as the AI models trained to interpret their data get more powerful, the range of applications keeps expanding.</p> <p>For the Great Salt Lake project, drones equipped with hyperspectral cameras fly over the lake and its shoreline, capturing data on vegetation cover, water quality, dust composition, and algae. The same process in essence goes into tracking and analyzing the effects of resulting dust sediment on surrounding vegetation. Jimoh’s role is to process that data – extracting what researchers call “endmembers,” the distinct spectral signatures that correspond to different materials and conditions on the ground – and to build AI models that can interpret what the sensors are saying about the lake’s or the surrounding vegetation’s health.</p> <p>Jimoh emphasizes that “saving the lake will depend on better science and better data. Without accurate monitoring of water inflows, salinity, dust emissions, and ecosystem changes, it is difficult for policymakers to make effective decisions.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png"><img alt="" decoding="async" height="813" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-300x285.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Hperpectral-Imaging-Lab-Session_1-768x730.png 768w" width="855"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu in the lab at the Utah State University Research Greenhouse, collecting hyperspectral data, testing spectral signal analysis of dust-affected vegetation. Image credits: Jimoh Abdulganiyu (private)</figcaption></figure> </div> <p>Jimoh admits that the interdisciplinarity at first posed a challenge: “Water science is not something I learned as a computer scientist,” he says. He has made sure to enroll in courses just to be able to “speak the language.” But he sees that as the point. Whether the issues are environmental or otherwise, AI has countless applications that it can be employed in to help solve problems, and that will always imply bridging gaps to other disciplines.</p> <h3>A Voice in the Conversation</h3> <p>Shortly before beginning his PhD, Jimoh spotted an open call from the White House Office of Science and Technology Policy for public contributions to the U.S. AI Action Plan – an initiative to shape the country’s approach to artificial intelligence development and governance. Anyone could submit their comments. He submitted eight pages.</p> <p>His contribution drew on his own research experience, arguing for a more streamlined regulatory environment around AI deployment in environmental monitoring, water systems, and sustainable infrastructure – while also stressing the need for responsible development that protects communities and upholds human rights. A few months into his PhD, he received an acknowledgement that his submission was among those selected as substantive contributions. Utah State University featured the story in their campus publications and on LinkedIn.</p> <p>He is clear that his interest in policy work sits alongside, not above, his core concern: making sure AI is built well. “[AI should be] ethical, safe, fairly designed – everybody’s included.” The systems’ design and governance “should ensure that they align with human values and society’s principles … It should not be biased toward one population.” He has been selected as one of forty participants for the “Summer School in Responsible AI and Human Rights” conducted by Mila, the Quebec Artificial Intelligence Institute, this May – and hopes he’ll have a “broader scope” afterwards to see where he can better contribute to developing AI tools that will be relevant for society.</p> <h3>Life in Logan</h3> <p>Logan, Utah might not seem like an obvious destination for a computer scientist. A mid-sized city in the mountains of the American West, it is known primarily for its university and its Mormon heritage and, Jimoh has found, for the warmth of its people. He arrived in the fall of 2024 with his wife and their newborn son. It was the first time he and his wife had actually lived in the same city; for most of their marriage, as she had been studying in Nigeria while he was in Morocco or Germany.</p> <p>The first months were hard. No car in a car-dependent city. A healthcare system that did not automatically extend to his dependents. The specific exhaustion of adjusting to a new country while adjusting to parenthood for the first time. “It was really challenging,” he says.</p> <p>But things have settled. He praises the community generosity he has encountered – the university’s food pantry for graduate student families, a local foundation that delivers diapers to the door for parents without transport. “The people are good,” he says. When time permits, he goes to the gym, rides his bike, and plays with his son.</p> <h3>Advice for Those Just Starting Out</h3> <p>When asked what he would tell an early-career researcher sitting where he sat in 2019, Jimoh is emphatic on one point: apply anyway.</p> <p>“If they have an avenue to actually showcase their project or their research, they should do it. They should go to conferences. They should apply to the HLF … This is a conference where you meet the real people, the people who are actually changing your field.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/48802248083_aac01a21ca_o-1-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Jimoh Abdulganiyu during a workshop of the International Science Art Project at the 7th Heidelberg Laureate Forum. Image credits: HLFF / Flemming.</figcaption></figure> </div> <p>And he urges them to trust that their work matters, even when it feels small. “Someone will read your paper. Someone will reference it,” so they should “try all their best to showcase their knowledge in whatever opportunity comes their way.”</p> <p>He hopes to attend the HLF a third time – now as a PhD student – and is quietly excited about the prospect.</p> <p>For now, he is in Logan, making his own contribution by applying AI towards solving real-world problems, teaching algorithms to read what the naked eye cannot see. He applied for a forum he thought might not want him. The car was waiting.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/hyperspectral-imaging-and-responsible-ai/#comments 1 Artemis II: Einmal Mond und zurück https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/#comments Sat, 04 Apr 2026 15:32:59 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11130 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-768x739.png Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/ <h1>Artemis II: Einmal Mond und zurück » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Artemis II, die zweite Vorbereitungsmission für die erneute astronautische Mondlandung, startete am 2 April 2026: Das Raumschiff mit vier Menschen an Bord ist eine Orion-Raumkapsel auf einem European Service Module (ESM), das Startvehikel eine SLS Block 1. </p> <span id="more-11130"></span> <p>Ich habe mir zwar das <a href="https://www.nasa.gov/artemis-ii-press-kit/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zum NASA Press Kit für Artemis II (PDF)">Press Kit</a> der NASA angeschaut, war aber von den dort jetzt ausschließlich verwendeten imperial units schnell genervt. Ohnehin ist der Informationsgehalt der NASA Press Kits zunehmend schlechter geworden. Weit entfernt von dem, was die früher herausgebracht haben. Dafür sind die Bildchen jetzt bunt. </p> <p>Zum Glück ist die ganze Trajektorie, aktuell und inklusive Zeitplan und technischen Daten, und zwar in metrischen Einheiten auf <a href="https://ssd.jpl.nasa.gov/horizons/app.html#/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zur Webseite von JPL Horizons (NASA/JPL)">JPL Horizons</a> verfügbar. Die Trajektorie, projiziert auf ein inertiales Koordinatensystem, bei dem man direkt aus der Richtung des Erdnordpols draufschaut, ist in der folgenden Grafik gezeigt. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="985" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-300x289.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-768x739.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1536x1478.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png 1980w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Wohlgemerkt, dies ist ein inertiales Koordinatensystem, nicht eine von diesen etwas verwirrenden Darstellungen, die sich mit dem Mond mitdrehen. Als erstes fällt der kleinere Bahnbogen auf (dort fehlt am Anfang leider ein Stückchen – eigentlich müsste das schon bei der Erde, nämlich am Start losgehen). Der Start erfolgte zunächst in eine elliptische Bahn mit einer Perigäumshöhe von etwa 60 km und einer Apogäumshöhe von etwa 76000 km. Die große Halbachse liegt bei 41550 km. Das ist etwas kleiner als der geostationäre Radius (42164 km), deswegen hat diese Bahn auch eine Umlaufperiode von unter 24 h.</p> <p>Warum diese Bahn? JPL Horizons gibt auch eine Massenbilanz der Nutzlast an: Startmasse von Orion mit Besatzung und Ausrüstung plus dem betankten ESM: 27000 kg. Davon entfallen 10400 kg auf Orion, etwa 1000 kg auf den Zwischenadapter und 15500 kg auf das ESM; davon 6500 kg Leermasse und 9000 kg Treibstoff. Die SLS-Rakete in der Leistungsstufe Block 1 hat jedoch nur eine Nutzmassenkapazität von etwa 26 Tonnen zum Mond. Wahrscheinlich wäre es mit den 27 Tonnen also knapp geworden. Der Start in eine Bahn deutlich niedrigerer Energie löst das Problem. <aside></aside></p> <p>Außerdem bietet diese Anfangsbahn den Vorteil, dass die Raumfahrer nach knapp 24 Stunden wieder unten sind, wenn das ESM aus irgendeinem Grund nicht in Betrieb genommen werden kann. 12 Stunden nach dem Start wurde das Perigäum von dem anfangs sehr niedrigen Wert von etwa 60 km, also noch deutlich innerhalb der Atmosphäre, durch ein erstes Triebwerksmanöver auf 200 km angehoben. </p> <p>Beim folgenden Perigäumsdurchgang wurde das Haupttriebwerk des ESM für 6 Minuten gezündet und ein delta-v von 388 m/s verabreicht. Das hob die Große Halbachse der Bahn auf 230000 km an, sodass das Apogäum mit nun 450000 km etwas außerhalb der Mondbahn lag. Das ESM lieferte somit das nach, was der Anfangsbahn noch fehlte.  Ein weiterer Vorteil dieser Strategie ist die wahrscheinlich größere Präzision des Triebwerksmanövers, verglichen mit einer Raketenoberstufe. Das zuvor eingeplante Korrekturmanöver 2 Tage nach dem Start konnte deswegen entfallen. Der Flug zum Mond von diesem Punkt aus dauert ziemlich genau 4 Tage. </p> <p>Der Vorbeiflug am Mond ist für die Tage 4-6 der Mission geplant, mit der größten Annäherung am 6. April 2026 um 23:06 UTC. Laut der hinterlegten Trajektorie wäre der Minimalabstand über der Mondoberfläche 6588 km, also im unteren Bereich der im Press Kit genannten Spanne von 4000-6000 Meilen. Die Trajektorie ist vom Typ „Free Return“, das heißt: Es ist kein großes Manöver notwendig, um zur Erde zurückkehren. Die Veränderung der Bahn, sodass es in weiteren vier Tagen zurück zur Erde geht, erfolgt allein durch die Wirkung der Mondschwerkraft. Es sind nur kleine Navigationsmanöver erforderlich, um sicherzustellen, dass der Eintrittskorridor genau getroffen wird. </p> <h2><em>Die Bahn des Mondes</em></h2> <p>Der Mond umläuft die Erde auf einer leicht exzentrischen Bahn, deren Neigung bezüglich der Ekliptikebene etwa 5 Grad beträgt. Die Bahn wird erheblich durch die Anziehung durch die Sonne gestört. So durchläuft die Mondbahn eine Präzession mit einer Periode von 18.7 Jahren. Der Erdäquator ist bekanntlich um 23.5 Grad gegenüber der Ekliptik geneigt. Das bedeutet, dass die Neigung der  Mondbahn gegenüber dem Erdäquator zwischen 18.5 und 28.5 Grad variiert. </p> <p>Cape Canaveral wäre damit der ideale Startort für Mondmissionen. Das liegt bei einer geografischen Breite von 28.5 Grad Nord und hat ein freies Schussfeld über den Atlantik, was jederzeit die Durchführung von Mondmissionen erlaubt und die Planung ungemein erleichtert. Von Kourou aus hat man beispielsweise mit sehr viel mehr Einschränkungen zu kämpfen. Es ist deutlich komplizierter, mit einem solchen Startort die vielfältigen Anforderungen an eine Mondmission zu erfüllen, wie sich immer wieder bei den Studien zu diesem Thema gezeigt hat. </p> <p><em>Übrigens ist die obige Grafik etwas irreführend, weil man dort nicht sieht, dass die tatsächliche Mondposition wegen der Neigung der Mondbahn ganz erheblich außerhalb der Erdäquatorebene liegen kann – aktuell ist die Neigung der Mondbahn 28.3 Grad, also sehr nahe am Maximum. Am 7. April, bei der größten Annäherung, befindet sich der Mond deswegen ganze 185000 km südlich des Erdäquators!</em></p> <h2><em>Artemis II: Details der Bahn </em></h2> <p>In den folgenden Grafiken wird gezeigt, wie sich die Trajektorie während der Mission Artemis II entwickelt. Grundlage der Grafiken ist die auf JPL Horizons hinterlegte Bahn, also eine exakte, numerische Simulation. Zunächst einmal Apo- und Perigäum und der Verlauf des Bahnradius. Die massiven Schwankungen des Perigäums am 6. und 7. April sind der Tatsache geschuldet, dass das Raumschiff sich dann gerade in der Nähe des Mondes befindet, die Bahn also ganz erhebliche Drittkörperstörungen erfährt. Was da mit dem Perigäum zu passieren scheint, ist gar nicht so wichtig, da das Schiff  gerade den gegenüberliegenden Punkt der Bahn durchläuft.</p> <p>Man sieht auch, dass fast die ganze Mission ab Tag 2 bei einem Erdabstand von mehr als 100000 km stattfindet, also 100 Mal weiter, als je ein Mensch sich in den vergangenen 54 Jahren von der Erde entfernt hat. Es ist bei elliptischen Bahnen immer so, dass die Bahngeschwindigkeit umso niedriger ist, je größer der Bahnradius ist. Das Raumfahrzeug rauscht schnell durchs Perigäum, wird dann aber immer langsamer, um am Ende stark zu beschleunigen, wenn es sich wieder der Erde nähert. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Vollständigkeit halber hier noch der Verlauf der Inklination. Die Spitze beim Mondvorbeiflug kann man ignorieren, aber am Ende ergibt sich eine erhebliche Änderung, von den anfänglichen 28.5 Grad zu rund 38 Grad auf dem Rückflug. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png"><img alt="Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Nachtrag: Trajektorie im rotierenden System</em></h2> <p>Nach einer Diskussion in den Kommentaren habe ich die von JPL Horizons eingelesene Trajektorie im erdfesten, inertialen Koordinatensystem in ein rotierendes Koordinatensystem transformiert. Die x-Achse des rotierenden Koordinatensystems, dessen Ursprung auch im Erdmittelpunkt liegt, zeigt permanent zum Mond. Die x-y-Ebene dieses Koordinatensystems ist identisch zu der jeweils aktuellen Bahnebene des Mondes, und die Rotationsgeschwindigkeit des Systems ist nicht konstant, weil ja auch die Winkelgeschwindigkeit des Monds auf seiner exzentrischen Bahn nicht konstant ist. Also ein ganz furchtbares Referenzsystem, aus dem man eigentlich gar nichts ablesen kann. Der Mond liegt immer auf der x-Achse, bewegt sich aber auf dieser Achse hin und her, weil sein Abstand von der Erde nicht konstant ist. Im Moment der größten Annäherung lag der Erde-Mond-Abstand bei 404882 km. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Die Trajektorie von Artemis II in einem mit der Bahnbewegung des Mondes rotierenden Koordinatensystem, Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="1004" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-1024x1004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-1024x1004.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-300x294.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-768x753.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis.png 1071w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Trajektorie von Artemis II in einem mit der Bahnbewegung des Mondes rotierenden Koordinatensystem, Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Artemis II: Einmal Mond und zurück » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Artemis II, die zweite Vorbereitungsmission für die erneute astronautische Mondlandung, startete am 2 April 2026: Das Raumschiff mit vier Menschen an Bord ist eine Orion-Raumkapsel auf einem European Service Module (ESM), das Startvehikel eine SLS Block 1. </p> <span id="more-11130"></span> <p>Ich habe mir zwar das <a href="https://www.nasa.gov/artemis-ii-press-kit/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zum NASA Press Kit für Artemis II (PDF)">Press Kit</a> der NASA angeschaut, war aber von den dort jetzt ausschließlich verwendeten imperial units schnell genervt. Ohnehin ist der Informationsgehalt der NASA Press Kits zunehmend schlechter geworden. Weit entfernt von dem, was die früher herausgebracht haben. Dafür sind die Bildchen jetzt bunt. </p> <p>Zum Glück ist die ganze Trajektorie, aktuell und inklusive Zeitplan und technischen Daten, und zwar in metrischen Einheiten auf <a href="https://ssd.jpl.nasa.gov/horizons/app.html#/" rel="nofollow noopener" target="_blank" title="Link zur Webseite von JPL Horizons (NASA/JPL)">JPL Horizons</a> verfügbar. Die Trajektorie, projiziert auf ein inertiales Koordinatensystem, bei dem man direkt aus der Richtung des Erdnordpols draufschaut, ist in der folgenden Grafik gezeigt. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="985" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1024x985.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-300x289.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-768x739.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory-1536x1478.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/artemis2trajectory.png 1980w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Flugbahn von Artemis II , Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Wohlgemerkt, dies ist ein inertiales Koordinatensystem, nicht eine von diesen etwas verwirrenden Darstellungen, die sich mit dem Mond mitdrehen. Als erstes fällt der kleinere Bahnbogen auf (dort fehlt am Anfang leider ein Stückchen – eigentlich müsste das schon bei der Erde, nämlich am Start losgehen). Der Start erfolgte zunächst in eine elliptische Bahn mit einer Perigäumshöhe von etwa 60 km und einer Apogäumshöhe von etwa 76000 km. Die große Halbachse liegt bei 41550 km. Das ist etwas kleiner als der geostationäre Radius (42164 km), deswegen hat diese Bahn auch eine Umlaufperiode von unter 24 h.</p> <p>Warum diese Bahn? JPL Horizons gibt auch eine Massenbilanz der Nutzlast an: Startmasse von Orion mit Besatzung und Ausrüstung plus dem betankten ESM: 27000 kg. Davon entfallen 10400 kg auf Orion, etwa 1000 kg auf den Zwischenadapter und 15500 kg auf das ESM; davon 6500 kg Leermasse und 9000 kg Treibstoff. Die SLS-Rakete in der Leistungsstufe Block 1 hat jedoch nur eine Nutzmassenkapazität von etwa 26 Tonnen zum Mond. Wahrscheinlich wäre es mit den 27 Tonnen also knapp geworden. Der Start in eine Bahn deutlich niedrigerer Energie löst das Problem. <aside></aside></p> <p>Außerdem bietet diese Anfangsbahn den Vorteil, dass die Raumfahrer nach knapp 24 Stunden wieder unten sind, wenn das ESM aus irgendeinem Grund nicht in Betrieb genommen werden kann. 12 Stunden nach dem Start wurde das Perigäum von dem anfangs sehr niedrigen Wert von etwa 60 km, also noch deutlich innerhalb der Atmosphäre, durch ein erstes Triebwerksmanöver auf 200 km angehoben. </p> <p>Beim folgenden Perigäumsdurchgang wurde das Haupttriebwerk des ESM für 6 Minuten gezündet und ein delta-v von 388 m/s verabreicht. Das hob die Große Halbachse der Bahn auf 230000 km an, sodass das Apogäum mit nun 450000 km etwas außerhalb der Mondbahn lag. Das ESM lieferte somit das nach, was der Anfangsbahn noch fehlte.  Ein weiterer Vorteil dieser Strategie ist die wahrscheinlich größere Präzision des Triebwerksmanövers, verglichen mit einer Raketenoberstufe. Das zuvor eingeplante Korrekturmanöver 2 Tage nach dem Start konnte deswegen entfallen. Der Flug zum Mond von diesem Punkt aus dauert ziemlich genau 4 Tage. </p> <p>Der Vorbeiflug am Mond ist für die Tage 4-6 der Mission geplant, mit der größten Annäherung am 6. April 2026 um 23:06 UTC. Laut der hinterlegten Trajektorie wäre der Minimalabstand über der Mondoberfläche 6588 km, also im unteren Bereich der im Press Kit genannten Spanne von 4000-6000 Meilen. Die Trajektorie ist vom Typ „Free Return“, das heißt: Es ist kein großes Manöver notwendig, um zur Erde zurückkehren. Die Veränderung der Bahn, sodass es in weiteren vier Tagen zurück zur Erde geht, erfolgt allein durch die Wirkung der Mondschwerkraft. Es sind nur kleine Navigationsmanöver erforderlich, um sicherzustellen, dass der Eintrittskorridor genau getroffen wird. </p> <h2><em>Die Bahn des Mondes</em></h2> <p>Der Mond umläuft die Erde auf einer leicht exzentrischen Bahn, deren Neigung bezüglich der Ekliptikebene etwa 5 Grad beträgt. Die Bahn wird erheblich durch die Anziehung durch die Sonne gestört. So durchläuft die Mondbahn eine Präzession mit einer Periode von 18.7 Jahren. Der Erdäquator ist bekanntlich um 23.5 Grad gegenüber der Ekliptik geneigt. Das bedeutet, dass die Neigung der  Mondbahn gegenüber dem Erdäquator zwischen 18.5 und 28.5 Grad variiert. </p> <p>Cape Canaveral wäre damit der ideale Startort für Mondmissionen. Das liegt bei einer geografischen Breite von 28.5 Grad Nord und hat ein freies Schussfeld über den Atlantik, was jederzeit die Durchführung von Mondmissionen erlaubt und die Planung ungemein erleichtert. Von Kourou aus hat man beispielsweise mit sehr viel mehr Einschränkungen zu kämpfen. Es ist deutlich komplizierter, mit einem solchen Startort die vielfältigen Anforderungen an eine Mondmission zu erfüllen, wie sich immer wieder bei den Studien zu diesem Thema gezeigt hat. </p> <p><em>Übrigens ist die obige Grafik etwas irreführend, weil man dort nicht sieht, dass die tatsächliche Mondposition wegen der Neigung der Mondbahn ganz erheblich außerhalb der Erdäquatorebene liegen kann – aktuell ist die Neigung der Mondbahn 28.3 Grad, also sehr nahe am Maximum. Am 7. April, bei der größten Annäherung, befindet sich der Mond deswegen ganze 185000 km südlich des Erdäquators!</em></p> <h2><em>Artemis II: Details der Bahn </em></h2> <p>In den folgenden Grafiken wird gezeigt, wie sich die Trajektorie während der Mission Artemis II entwickelt. Grundlage der Grafiken ist die auf JPL Horizons hinterlegte Bahn, also eine exakte, numerische Simulation. Zunächst einmal Apo- und Perigäum und der Verlauf des Bahnradius. Die massiven Schwankungen des Perigäums am 6. und 7. April sind der Tatsache geschuldet, dass das Raumschiff sich dann gerade in der Nähe des Mondes befindet, die Bahn also ganz erhebliche Drittkörperstörungen erfährt. Was da mit dem Perigäum zu passieren scheint, ist gar nicht so wichtig, da das Schiff  gerade den gegenüberliegenden Punkt der Bahn durchläuft.</p> <p>Man sieht auch, dass fast die ganze Mission ab Tag 2 bei einem Erdabstand von mehr als 100000 km stattfindet, also 100 Mal weiter, als je ein Mensch sich in den vergangenen 54 Jahren von der Erde entfernt hat. Es ist bei elliptischen Bahnen immer so, dass die Bahngeschwindigkeit umso niedriger ist, je größer der Bahnradius ist. Das Raumfahrzeug rauscht schnell durchs Perigäum, wird dann aber immer langsamer, um am Ende stark zu beschleunigen, wenn es sich wieder der Erde nähert. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/rarp.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Radien der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <p>Der Vollständigkeit halber hier noch der Verlauf der Inklination. Die Spitze beim Mondvorbeiflug kann man ignorieren, aber am Ende ergibt sich eine erhebliche Änderung, von den anfänglichen 28.5 Grad zu rund 38 Grad auf dem Rückflug. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png"><img alt="Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons" decoding="async" height="717" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-1024x717.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-300x210.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl-768x538.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/incl.png 1500w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Inklination der Bahn von Artemis II, Quelle: Michael Khan mit Daten von NASA via JPL Horizons</em></figcaption></figure> </div> <h2><em>Nachtrag: Trajektorie im rotierenden System</em></h2> <p>Nach einer Diskussion in den Kommentaren habe ich die von JPL Horizons eingelesene Trajektorie im erdfesten, inertialen Koordinatensystem in ein rotierendes Koordinatensystem transformiert. Die x-Achse des rotierenden Koordinatensystems, dessen Ursprung auch im Erdmittelpunkt liegt, zeigt permanent zum Mond. Die x-y-Ebene dieses Koordinatensystems ist identisch zu der jeweils aktuellen Bahnebene des Mondes, und die Rotationsgeschwindigkeit des Systems ist nicht konstant, weil ja auch die Winkelgeschwindigkeit des Monds auf seiner exzentrischen Bahn nicht konstant ist. Also ein ganz furchtbares Referenzsystem, aus dem man eigentlich gar nichts ablesen kann. Der Mond liegt immer auf der x-Achse, bewegt sich aber auf dieser Achse hin und her, weil sein Abstand von der Erde nicht konstant ist. Im Moment der größten Annäherung lag der Erde-Mond-Abstand bei 404882 km. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis.png" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="Die Trajektorie von Artemis II in einem mit der Bahnbewegung des Mondes rotierenden Koordinatensystem, Quelle: Michael Khan" decoding="async" height="1004" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-1024x1004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-1024x1004.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-300x294.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis-768x753.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/trajrotartemis.png 1071w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Die Trajektorie von Artemis II in einem mit der Bahnbewegung des Mondes rotierenden Koordinatensystem, Quelle: Michael Khan</em></figcaption></figure> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/artemis-ii/#comments 22 In the Pursuit of Perfect https://scilogs.spektrum.de/hlf/in-the-pursuit-of-perfect/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/in-the-pursuit-of-perfect/#comments Wed, 01 Apr 2026 12:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14280 <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Leonhard_Euler_-_Jakob_Emanuel_Handmann_Kunstmuseum_Basel.jpg" /><h1>In the Pursuit of Perfect - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>There is a common philosophical debate as to whether mathematics is created or discovered. Those arguing that maths is discovered argue that the intrinsic beauty of mathematics cannot have come about by chance – the fact that the same numbers and ideas crop up again and again (I’m looking at you \(\pi\)) is beyond coincidence.</p> <p>Those on “Team Created” will counter that the maths of today – Fourier analysis, algebraic geometry, even statistics – is so convoluted and abstract that it cannot possibly be innate to the universe. They point to the fact that some mathematical objects do not exist in nature, and so must solely be a creation of the human mind.</p> <p>But “Team Discovered” have a trump card to play. There are a set of numbers that seem intrinsic to the world, so linked to other important sequences, that they seem to hold an almost spiritual significance. These numbers are those whose proper divisors (i.e. all the positive divisors excluding itself) sum to the original number. These are the aptly named Perfect Numbers.</p> <h3>Perfect Numbers</h3> <p>A more formal and more useful way to define perfect numbers is via the divisor sum function \(\sigma(n)\), which sums all of the positive divisors of \(n\) <strong>including</strong> \(n\). We then define a perfect number to be any number for which</p> <p>\( \sigma(n) = 2n\) or, alternatively \( \frac{\sigma(n)}n = 2\).<aside></aside></p> <p>There are, as you might expect, names for numbers for which \(\sigma(n) &gt; 2n\) (abundant) and \(\sigma(n) &lt;2n\) (deficient). In fact, there is a whole family of names for numbers depending on the properties of \(\sigma(n)\), but that’s a blog post for another time.</p> <p>The first few perfect numbers are 6, 28, 496, and 8128. These have been known about for so long that we have no record of when they were first calculated. The earliest recorded result about perfect numbers was published in Euclid’s famous <em>Elements</em>, in circa 300BC.  We have, unsurprisingly, found bigger perfect numbers but it may come as a shock to learn that we have, at time of writing, only discovered 52.</p> <p>Eagle-eyed readers may notice that every perfect number I have listed is even. In fact, every perfect number that has been discovered to date is even. It is unknown if any odd perfect numbers exist – after all, not finding any is not proof that there are none.</p> <p>Those who are especially observant, and have an encyclopaedic knowledge of mathematical records, may have also spotted that the number of known perfect numbers, 52, matches exactly up with the number of known Mersenne prime numbers. This is not a coincidence, and we can prove why.<ins></ins></p> <h3>Even Perfect Numbers \(\leftrightarrow\) Mersenne Primes</h3> <p>Mersenne numbers are numbers of the form \(q = 2^p -1\) for some prime number \(p\). A Mersenne number that is prime is known (predictably) as a Mersenne prime. Even perfect numbers are in a one-to-one correspondence with Mersenne primes. In fact, we can do better than that and give the explicit relation:</p> <p> \(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if and only if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> <p>The proof of this is attributed to two mathematical greats with easily confused names: Euclid and Euler.</p> <p>In around 300BC, Euclid proved one direction of the theorem, namely that</p> <blockquote> <p>If \(q = 2^p -1\) is a Mersenne, then \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <p>It was then over 2000 years until, in the 18<sup>th</sup> century, that Euler proved the other direction, i.e. that</p> <blockquote> <p>\(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <blockquote> </blockquote> <p>Both of these proofs rely on the fact that \(\sigma\) is what is known as a <em>multiplicative function</em>. This means that if \(a\) and \(b\) share no prime factors (i.e. they are <em>coprime</em>) then \(\sigma(ab) = \sigma(a)\sigma(b)\).</p> <h3>Euler’s Proof<ins></ins></h3> <p>Euler’s proof of statement (1) starts with \(2^p-1\) being prime and aims to show that \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is perfect.</p> <p>Using multiplicativity, \(\sigma(2^{p-1} (2^p -1)) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^{p-1)} \).</p> <p>We can consider these parts separately. Since \(2^p-1\) is prime, its only positive factors are 1 and itself. Therefore \(\sigma(2^p-1) = (2^p-1) + 1 = 2^p\).</p> <p>Now let us turn our attention to \(2^{p-1}\). Its factors are \(1, 2, 4, 8, \dots, 2^{p-1}\). We can sum this geometric series to get that \(\sigma(2^{p-1}) = 2^p-1\).</p> <p>Putting all this together, for \( n =2^{p-1} (2^p -1)\), \(\sigma(n) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^p-1) = 2^p \cdot (2^p-1) = 2 ( 2^{p-1}(2^p-1)) = 2n\). Therefore \(n\) is perfect! </p> <h3>Euclid’s Proof<ins></ins></h3> <p>As you may have guessed by the 2000-year gap, Euclid’s proof is a bit more complicated, but it still uses very elementary methods and goes a little deeper than the fact that \(\sigma\) is multiplicative.</p> <p>Euclid begins with an even perfect number. Let us call this number \(n\) and write it as \(n =  2^k\cdot x\), where \(x\) is an odd number, and \(k\) is a positive integer. </p> <p>Because \(n\) is perfect, \(2n=\sigma(n)\) i.e. \(2^{k+1}x=\sigma(2^kx)\). By multiplicativity, \(2^{k+1}x =\sigma(2^k)\sigma(x)\). Just as above, we know that \(\sigma(2^k) = 2^{k+1} -1\), which is coprime to \(2^{k+1}\). We therefore have that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\).</p> <p>Returning to that \(2^{k+1}x=\sigma(2^k)\sigma(x)\), this coprimality means that \(2^{k+1} -1\) must divide \(x\), and so too must \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). We know that \(x\) is a factor of itself too, so \(\sigma(x) = x + \frac{x}{2^{k+1} -1} + \text{ “other divisors” }= \frac{2^{k+1}}{2^{k+1} -1}\).</p> <p>But this must mean there are no other divisors, as we know from before that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\). Therefore \(x\) only has two divisors: itself and \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). So it must be prime! What’s more, \(1\) is a factor of all numbers so we must have that \(\frac{x}{2^{k+1} -1} = 1\), i.e. \(x =2^{k+1} -1\).</p> <p>It is known that for any prime number of the form \(2^q-1\), \(q\) has to be prime, so this is indeed a Mersenne prime, as opposed to a bog-standard, garden variety prime. And so, this completes the proof – Mersenne primes and even perfect numbers are in a one-to-one correspondence.</p> <h3>Examples</h3> <p>As is natural, I am sure you are wondering which primes correspond to the first four perfect numbers. </p> <p>Well, \(6 = 2 \times 3\), so in the above Euler proof, \(k=1\) and \(x=3\). So \(3\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(28 = 4 \times 7\), so in the above Euler proof, \(k=2\) and \(x=7\). So \(7\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(496 = 16 \times 31\), so \(31\) is our corresponding Mersenne prime. And \(8128= 64 \times 127\), giving the corresponding Mersenne prime of \(127\).</p> <p>Thankfully these are exactly the first four Mersenne primes, as expected! Bigger and bigger Mersenne primes are being found via the Giant Internet Mersenne Prime Search, with the largest being found in 2024. Perfect numbers are then being calculated from these. But there was a gap of 6 years until the 2024 prime was found, so there may be a while to wait yet before a new perfect number comes along. </p> <h3>Nature’s mystery<ins></ins></h3> <p>It is not even known if there are infinitely many Mersenne prime numbers, so not only do we not know if there is an odd perfect number to be found, but we also do not know if there are any more even perfect numbers. It is in part this mystery that has led mathematicians to be fascinated by perfect numbers for so long. And the deep links to prime numbers lead some to believe that maths is discovered after all.</p> <p>To Pythagoras, perfect numbers didn’t just hint at some natural secret, they were deeply spiritual and holy in themselves. Philo of Alexandria even suggested that the world was created in 6 days because 6 is a perfect number. And that the lunar month is 28 days because that is another perfect number. </p> <p>Whatever you believe, I think we can all agree that perfect numbers are rather special indeed.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Leonhard_Euler_-_Jakob_Emanuel_Handmann_Kunstmuseum_Basel.jpg" /><h1>In the Pursuit of Perfect - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div itemprop="text"> <p>There is a common philosophical debate as to whether mathematics is created or discovered. Those arguing that maths is discovered argue that the intrinsic beauty of mathematics cannot have come about by chance – the fact that the same numbers and ideas crop up again and again (I’m looking at you \(\pi\)) is beyond coincidence.</p> <p>Those on “Team Created” will counter that the maths of today – Fourier analysis, algebraic geometry, even statistics – is so convoluted and abstract that it cannot possibly be innate to the universe. They point to the fact that some mathematical objects do not exist in nature, and so must solely be a creation of the human mind.</p> <p>But “Team Discovered” have a trump card to play. There are a set of numbers that seem intrinsic to the world, so linked to other important sequences, that they seem to hold an almost spiritual significance. These numbers are those whose proper divisors (i.e. all the positive divisors excluding itself) sum to the original number. These are the aptly named Perfect Numbers.</p> <h3>Perfect Numbers</h3> <p>A more formal and more useful way to define perfect numbers is via the divisor sum function \(\sigma(n)\), which sums all of the positive divisors of \(n\) <strong>including</strong> \(n\). We then define a perfect number to be any number for which</p> <p>\( \sigma(n) = 2n\) or, alternatively \( \frac{\sigma(n)}n = 2\).<aside></aside></p> <p>There are, as you might expect, names for numbers for which \(\sigma(n) &gt; 2n\) (abundant) and \(\sigma(n) &lt;2n\) (deficient). In fact, there is a whole family of names for numbers depending on the properties of \(\sigma(n)\), but that’s a blog post for another time.</p> <p>The first few perfect numbers are 6, 28, 496, and 8128. These have been known about for so long that we have no record of when they were first calculated. The earliest recorded result about perfect numbers was published in Euclid’s famous <em>Elements</em>, in circa 300BC.  We have, unsurprisingly, found bigger perfect numbers but it may come as a shock to learn that we have, at time of writing, only discovered 52.</p> <p>Eagle-eyed readers may notice that every perfect number I have listed is even. In fact, every perfect number that has been discovered to date is even. It is unknown if any odd perfect numbers exist – after all, not finding any is not proof that there are none.</p> <p>Those who are especially observant, and have an encyclopaedic knowledge of mathematical records, may have also spotted that the number of known perfect numbers, 52, matches exactly up with the number of known Mersenne prime numbers. This is not a coincidence, and we can prove why.<ins></ins></p> <h3>Even Perfect Numbers \(\leftrightarrow\) Mersenne Primes</h3> <p>Mersenne numbers are numbers of the form \(q = 2^p -1\) for some prime number \(p\). A Mersenne number that is prime is known (predictably) as a Mersenne prime. Even perfect numbers are in a one-to-one correspondence with Mersenne primes. In fact, we can do better than that and give the explicit relation:</p> <p> \(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if and only if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> <p>The proof of this is attributed to two mathematical greats with easily confused names: Euclid and Euler.</p> <p>In around 300BC, Euclid proved one direction of the theorem, namely that</p> <blockquote> <p>If \(q = 2^p -1\) is a Mersenne, then \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <p>It was then over 2000 years until, in the 18<sup>th</sup> century, that Euler proved the other direction, i.e. that</p> <blockquote> <p>\(q = 2^p -1\) is a Mersenne prime if \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is a perfect number.</p> </blockquote> <blockquote> </blockquote> <p>Both of these proofs rely on the fact that \(\sigma\) is what is known as a <em>multiplicative function</em>. This means that if \(a\) and \(b\) share no prime factors (i.e. they are <em>coprime</em>) then \(\sigma(ab) = \sigma(a)\sigma(b)\).</p> <h3>Euler’s Proof<ins></ins></h3> <p>Euler’s proof of statement (1) starts with \(2^p-1\) being prime and aims to show that \(n = 2^{p-1} (2^p -1)\) is perfect.</p> <p>Using multiplicativity, \(\sigma(2^{p-1} (2^p -1)) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^{p-1)} \).</p> <p>We can consider these parts separately. Since \(2^p-1\) is prime, its only positive factors are 1 and itself. Therefore \(\sigma(2^p-1) = (2^p-1) + 1 = 2^p\).</p> <p>Now let us turn our attention to \(2^{p-1}\). Its factors are \(1, 2, 4, 8, \dots, 2^{p-1}\). We can sum this geometric series to get that \(\sigma(2^{p-1}) = 2^p-1\).</p> <p>Putting all this together, for \( n =2^{p-1} (2^p -1)\), \(\sigma(n) = \sigma(2^{p-1})\sigma(2^p-1) = 2^p \cdot (2^p-1) = 2 ( 2^{p-1}(2^p-1)) = 2n\). Therefore \(n\) is perfect! </p> <h3>Euclid’s Proof<ins></ins></h3> <p>As you may have guessed by the 2000-year gap, Euclid’s proof is a bit more complicated, but it still uses very elementary methods and goes a little deeper than the fact that \(\sigma\) is multiplicative.</p> <p>Euclid begins with an even perfect number. Let us call this number \(n\) and write it as \(n =  2^k\cdot x\), where \(x\) is an odd number, and \(k\) is a positive integer. </p> <p>Because \(n\) is perfect, \(2n=\sigma(n)\) i.e. \(2^{k+1}x=\sigma(2^kx)\). By multiplicativity, \(2^{k+1}x =\sigma(2^k)\sigma(x)\). Just as above, we know that \(\sigma(2^k) = 2^{k+1} -1\), which is coprime to \(2^{k+1}\). We therefore have that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\).</p> <p>Returning to that \(2^{k+1}x=\sigma(2^k)\sigma(x)\), this coprimality means that \(2^{k+1} -1\) must divide \(x\), and so too must \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). We know that \(x\) is a factor of itself too, so \(\sigma(x) = x + \frac{x}{2^{k+1} -1} + \text{ “other divisors” }= \frac{2^{k+1}}{2^{k+1} -1}\).</p> <p>But this must mean there are no other divisors, as we know from before that \( 2^{k+1}\frac{x}{2^{k+1} -1}= \sigma(x)\). Therefore \(x\) only has two divisors: itself and \(\frac{x}{2^{k+1} -1}\). So it must be prime! What’s more, \(1\) is a factor of all numbers so we must have that \(\frac{x}{2^{k+1} -1} = 1\), i.e. \(x =2^{k+1} -1\).</p> <p>It is known that for any prime number of the form \(2^q-1\), \(q\) has to be prime, so this is indeed a Mersenne prime, as opposed to a bog-standard, garden variety prime. And so, this completes the proof – Mersenne primes and even perfect numbers are in a one-to-one correspondence.</p> <h3>Examples</h3> <p>As is natural, I am sure you are wondering which primes correspond to the first four perfect numbers. </p> <p>Well, \(6 = 2 \times 3\), so in the above Euler proof, \(k=1\) and \(x=3\). So \(3\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(28 = 4 \times 7\), so in the above Euler proof, \(k=2\) and \(x=7\). So \(7\) is our Mersenne prime.</p> <p>\(496 = 16 \times 31\), so \(31\) is our corresponding Mersenne prime. And \(8128= 64 \times 127\), giving the corresponding Mersenne prime of \(127\).</p> <p>Thankfully these are exactly the first four Mersenne primes, as expected! Bigger and bigger Mersenne primes are being found via the Giant Internet Mersenne Prime Search, with the largest being found in 2024. Perfect numbers are then being calculated from these. But there was a gap of 6 years until the 2024 prime was found, so there may be a while to wait yet before a new perfect number comes along. </p> <h3>Nature’s mystery<ins></ins></h3> <p>It is not even known if there are infinitely many Mersenne prime numbers, so not only do we not know if there is an odd perfect number to be found, but we also do not know if there are any more even perfect numbers. It is in part this mystery that has led mathematicians to be fascinated by perfect numbers for so long. And the deep links to prime numbers lead some to believe that maths is discovered after all.</p> <p>To Pythagoras, perfect numbers didn’t just hint at some natural secret, they were deeply spiritual and holy in themselves. Philo of Alexandria even suggested that the world was created in 6 days because 6 is a perfect number. And that the lunar month is 28 days because that is another perfect number. </p> <p>Whatever you believe, I think we can all agree that perfect numbers are rather special indeed.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/in-the-pursuit-of-perfect/#comments 3 Buckelwal in der Ostsee: Status-Bericht https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/#comments Mon, 30 Mar 2026 08:17:09 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1942 <h1>Buckelwal in der Ostsee: Status-Bericht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Montag vor einer Woche (23. März)  wurde ein junger Buckelwal (<em>Megaptera novaeanglieae</em>) in der Ostsee gesichtet – er strandete <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">zunächst auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein. <br></br><a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-atemzuege-des-verirrten-buckelwals-werden-seltener,wal-284.html" rel="noopener">Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch, verschwimmen sich aber immer mal wieder aus dem Nordatlantik </a>und der äußeren Nordsee in das Binnenmeer. Die großen, schweren Tiere scheinen im Ozean mit ihren bis zu 4,5 Meter langen Brustflossen zu schweben, das Salzwasser trägt sie – in der Ostsee hat es sich dann aber bald ausgeschwebt. Größere Wale und andere Tiefwasserbewohner geraten oft mit einem Schwall kühlen, salzhaltigerem Nordseewasser um Kattegat und Skagerrak durchs Gewirr der dänischen Inseln auch in die westliche deutsche Ostsee. Die Ostsee besteht aus 7 Becken, die durch flache Bereiche getrennt sind. Nach Osten hin wird jedes Becken salzärmer, allerspätestens vor Stralsund und um Rügen stranden größere Tiere dann. Einige spektakuläre Strandungen von Hochseebewohnern waren übrigens auch der Grund, warum aus dem kleinen Stralsunder Naturkundemuseum ein außergewöhnliches Meeresmuseum wurde.<br></br>Dieser Buckelwal ist nicht der erste, der sich in die Ostsee verschwommen hat und er wird auch nicht der letzte sein. <p>Oft folgen Wale einem Schwarm leckerer Heringe oder anderer Beute aus der Nordsee in einer Nordseewasserblase in die Ostsee. Da die Heringe selten umdrehen, hat so ein Wal keinen Anlass, aus dem Binnenmeer wieder zurückzuschwimmen. </p><br></br>Dass dieser Wal – der „Timmy“ getauft wurde – immer wieder auf Sandbänken strandet, zeigt, dass er geschwächt und desorientiert ist. Nachdem er das erste Mal von der Sandbank freikam, ist er leider weiter in Richtung Osten geschwommen. Leiten kann man ihn kaum – Boote erzeugen für ihn Lärm und Streß. Die Wal-Navigation versagt hier, denn Atlantik-Wale haben kein Konzept dafür, der Falle Ostsee zu entgehen.</p> <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace sind Wal-Expert:innen. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">Dr. Stefanie Groß </a>(ITAW) und ihr Team haben den Wal im direkten Kontakt als geschwächt eingeschätzt, seine Haut auf dem Rücken ist, weil sie aus dem Wasser ragt, ausgetrocknet und wird schon von Vögeln verletzt. Darum, so Stefanie Groß, haben sie auch keinen Sender am Tier angebracht, die Haut sei dafür in zu schlechtem Zustand. Außerdem trug der Wal Reste eines Fischereinetzes, dass entfernt werden konnte.</p> <p>Vor deutschen Küsten leben die bis 1,80 m großen Schweinswale – wenn einer von ihnen lebendig strandet, können die erfahrenen Strandungsteams d<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">en Kleinwal vorsichtig anheben und wieder ins tiefere Wasser bringen. </a>Wird ein Wal über den Strand gezogen oder geschleift, führt das zu schweren Verletzungen, darum muss er im oder außerhalb des Wassers hochgehoben werden. Dafür trainieren sie, um den Wal möglichst wenig zu stressen und ihn nicht zu verletzen, etwa a<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">n den englischen Küsten</a> oder auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">vor Neuseeland und Australien</a> – dort stranden oft Pilotwale. Dafür halten die Helfenden einen Wal zunächst feucht und heben ihn dann entweder mit einer Matte vorsichtig hoch oder warten auf die Flut. Kleinwale können dann von den Helfenden vorsichtig in die richtige Richtung geleitet werden, manchmal schaffen sie es, wieder ins Meer zu schwimmen, in anderen Fällen stranden sie erneut. Kleine Wale werden dann oft euthanasiert, dafür gibt es mittlerweile die richtigen Medikamente und Dosierungen.</p> <p>Größere Wale wie dieser Buckelwal oder die regelmäßig <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">an unseren Nordseeküsten strandenden Pottwale können nicht gerettet werden.</a> Menschliche Helfer können nicht genug Kraft aufbringen, um solch ein Tier hochzuheben oder zu bewegen – beim Einsatz ausreichend starker Hilfsmittel würden sie das Tier gleichzeitig zu stark verletzen. Weiterhin wird solch ein Riesenkörper vom Sandboden regelrecht angesogen. Weltweit gibt es kein Strandungsteam, dass einen so großen Meeressäuger retten kann. <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace haben mit Hilfe der Behörden alles gemacht, was möglich war: Sie haben gewartet, ob das Wasser wieder etwas ansteigt – aber der schwache Tidenhub der Ostsee hat den Wal nicht um Aufschwimmen gebracht. Dann haben sie versucht, mit einem Bagger eine Rinne im Sand anzulegen (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/buckelwal-sass-fest-so-hat-baggerfuehrer-lars-hoppe-die-rettung-erlebt,interview-bagger-102.html" rel="noopener">Der Baggerführer ist von einem Walexperten dabei vorsichtig angeleitet worden, im Interview wird er richtig poetisch</a>). Menschen und Boote sind für einen Wal auf jeden Fall Streßfaktoren, weil er solche Situationen nicht kennt und Lärm normalerweise meidet. </p></p> <p>In diesem Fall strandete der Buckelwal zunächst am Timmendorfer Strand, konnte sich dann selbst freischwimmen, um dann vor Wismar erneut zu auf Sand aufzulaufen.<br></br>Am Freitag, dem 27.03. meinte <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Thilo Maack (Greenpeace), der Wal mache „einen besseren Eindruck, heute habe er „sehr viel vokalisiert, es klingt sehr klagend, </a>die Laute, die er da von sich gibt – das ist nicht schön, wenn man da in der Nähe ist.“ Auch die Oberhaut würde sich inzwischen ablösen.“ Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund und ihre Kollegen machten sich dann auch vor Ort ein Bild. Sie beschreibt die deutlichen Hautveränderungen, dass er sich noch bewegt, atmet und vokalisiert. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">„Warum sich der Wal wieder auf eine Sandbank begeben hat, sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch reine Spekulation.</a> Aber es sei wahrscheinlich, dass er dort aus Versehen hingeraten ist. „Denn man sieht, dass er da aktiv weg möchte, er liegt dort nicht gerne.“ Buckelwale kennen sich mit Küstengewässern nicht so gut aus, weil ihr Lebensraum das offene Meer ist, so Klemens. Das Tier sei wahrscheinlich durch den Stress der vergangenen Tage desorientiert.“<br></br>Außerdem sei der <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Wal vermutlich durch Hunger geschwächt. </a><br></br>Im Moment hoffen alle, dass er sich noch selbst von der Sandbank – die „Walfisch“ heisst – freischwimmen kann.<aside></aside></p> <p>Meine persönliche Einschätzung nach allem, was ich über Buckelwale und Irrläufer in der Ostsee weiß:<br></br>Ich habe extrem wenig Hoffnung, dass dieser Buckelwal seinen Ostsee-Ausflug überleben wird. Zunächst weiß er weder, in welche Richtung er jetzt schwimmen müsste und die Leitung eines großen Meeressäugers ist fast unmöglich. Zusätzlich dürfte er mittlerweile sehr gestresst und hungrig sein. <br></br>Ich glaube leider nicht, dass er es schaffen wird.<br></br>Vermutlich wird er dort auf der Sandbank sterben.<p>Dass der „Walflüsterer vom Ostseestrand“ und Naturschützer Lehmann jetzt den o. g. Expert:innen Vorwürfe macht, weil er seinen „Rettungsplan“ nicht ausführen durfte, wundert mich wenig. Immerhin lebt er u. a. von Klicks und seinem Youtube-Kanal. Ich habe oben ausführlich beschrieben, dass und warum ein in der Ostsee gestrandeter Großwal dem Tod geweiht ist und es weltweit kein Strandungsteam gibt, das einen solchen Koloß wieder flottmacht. Ob der Wal Lehmanns gutem Zureden Aufmerksamkeit schenken würde oder ob ihn ein weiterer zudringlicher Menschen nicht zusätzlich stressen würde, werden wir nie erfahren. Ich persönlich schätze diesen Rettungsplan eher als Traumtänzerei ein.</p></p> <p>Gleichzeitig wünsche ich mir sehr, dass auch andere Wale mehr Aufmerksamkeit bekommen. Buckelwal „Timmy“ hat jetzt für viele Tage die volle mediale Abdeckung und republikweite Aufmerksamkeit bekommen. Das hätte ich den Schweinswalen, deren Flossen kürzlich in der Lübecker Bucht angespült wurden, auch gewünscht – sie hatten sich in Fischereinetzen verheddert, die Fischer hatten sie herausgeschnitten und ins Meer geworfen: „“<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/abgetrennte-schweinswalflossen-an-der-ostseekueste-gefunden,schweinswal-116.html" rel="noopener">Da die Schnitte an den Flossen sehr gerade und auch </a>Netzmarken auf der Haut erkennbar sind, ist dies ein sicherer Hinweis darauf, dass die kleinen Wale Beifang in einem Fischernetz, vermutlich einem Stellnetz, waren“, so Lena Hohls vom BUND Klützer Winkel. Um die toten Tiere aus den Netzen zu lösen, seien sie offenbar herausgeschnitten und anschließend zerstückelt ins Meer zurückgeworfen worden.“<br></br>Oder den <a href="https://www.ifaw.org/international/journal/bay-of-biscay-fishing-closures-stop-dolphin-deaths" rel="noopener">Tausenden von Delphinen und Schweinswalen, die jährlich allein in der Biscaya-Fischerei</a>-sterben oder in an Geisternetzen oder Plastikmüll verenden.<br></br>Der beste Walschutz ist, keinen Fisch zu essen und Plastik zu reduzieren sowie wirksamer Meeres- und Klimaschutz. Daran sterben Wale (und n<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wale-sterben-nicht-an-windkraft/">icht an Windkraft</a>).</p> <p>PS: Gute Nachrichten für die westliche Ostsee:<br></br>Es gibt vor der <a href="https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/themen/kueste-wasser-meer/aktionsplan-ostseeschutz/meldungen/meldung_011?nn=ac7caf2a-4dd8-409a-a566-52c4b491a436" rel="noopener">Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste gleich drei neue Meeresschutzgebiete</a>:</p> <ul> <li>Ostseefläche südliche Hohwachter Bucht</li> <li>Ostseefläche Geltinger Bucht bis Schleimündung</li> <li>Ostseefläche westlich Fehmarn</li> </ul> <p>Der verlinkte Artikel erklärt, dass damit Flachwasserbereiche mit Seegraswiesen und Muschelbänken geschützt werden, die Rastgebiete für Meeresvögel und Ruhebereiche für Schweinswale sind. Darin spricht der Meeresschutzminister vom „Schutz unseres Heimatmeeres“ und meint: „Ostseeschutz ist heute Teil des schleswig-holsteinischen Lebensgefühls.“ Das ist ein wichtiger Aspekt – eine intakte Ostsee ist nämlich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. </p> <p>Anders als in anderen „Meeresschutzgebieten“ (MPA) sind <a href="https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/drei-neue-meeres-schutzgebiete-in-der-ostsee/" rel="noopener">Fischerei, Rohstoffabbau oder Bauvorhaben in diesen Gebieten verboten. </a>Für den Schiffsverkehr und Freizeitnutzungen wie Baden werden gerade noch Regeln erarbeitet. Hoffentlich tut sich da noch etwas, gerade Schiffsverkehr ist ein Problem – Schweinswale unterbrechen bei solchen Störungen ihre Nahrungssuche, Vögel dürften dann auch eher auffliegen und nicht zur Ruhe kommen.<br></br>Die drei neuen Meeresschutzgebiete sind jetzt ein Ersatz für den in Schleswig-Holstein geplanten <a href="https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/drei-neue-meeres-schutzgebiete-in-der-ostsee/" rel="noopener">Nationalpark Ostsee, der vor zwei Jahren am Widerstand der CDU sowie an Protesten von Fischerei-, </a>Wassersport-, und Tourismusverbänden scheiterte. Dabei würden sowohl Fischer als auch Touristik von einem Nationalpark profitieren – dort erholen sich Fischbestände und intakte Natur ist ein Bestseller. Etwa Vogelbeobachtung, aber auch Walbeobachtung boomen und bringen Touristen auch in abgelegenere Areale. Ich selbst habe im vergangenen Sommer beim Segeln vor Kiel-Schilksee meinen ersten Ostsee-Schweinswal gesehen und war hingerissen.<p>Für mich ist meine Umgebung an der Küste, im Wald und auf Wiesen Teil meiner „Heimat“. Ein positiver und demokratischer Heimatbegriff – Natur ist für alle da, man trifft draußen entspannte Menschen, hilft sich bei Problemen und kann tolle Entdeckungen machen oder sich einfach austoben und entspannen. </p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Buckelwal in der Ostsee: Status-Bericht » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Am Montag vor einer Woche (23. März)  wurde ein junger Buckelwal (<em>Megaptera novaeanglieae</em>) in der Ostsee gesichtet – er strandete <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">zunächst auf einer Sandbank vor Niendorf</a> (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Ostholstein-Aktuelle-Nachrichten-und-Videos,ostholstein126.html" rel="noopener">Kreis Ostholstein</a>) in Schleswig-Holstein. <br></br><a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-atemzuege-des-verirrten-buckelwals-werden-seltener,wal-284.html" rel="noopener">Buckelwale sind in der Ostsee nicht heimisch, verschwimmen sich aber immer mal wieder aus dem Nordatlantik </a>und der äußeren Nordsee in das Binnenmeer. Die großen, schweren Tiere scheinen im Ozean mit ihren bis zu 4,5 Meter langen Brustflossen zu schweben, das Salzwasser trägt sie – in der Ostsee hat es sich dann aber bald ausgeschwebt. Größere Wale und andere Tiefwasserbewohner geraten oft mit einem Schwall kühlen, salzhaltigerem Nordseewasser um Kattegat und Skagerrak durchs Gewirr der dänischen Inseln auch in die westliche deutsche Ostsee. Die Ostsee besteht aus 7 Becken, die durch flache Bereiche getrennt sind. Nach Osten hin wird jedes Becken salzärmer, allerspätestens vor Stralsund und um Rügen stranden größere Tiere dann. Einige spektakuläre Strandungen von Hochseebewohnern waren übrigens auch der Grund, warum aus dem kleinen Stralsunder Naturkundemuseum ein außergewöhnliches Meeresmuseum wurde.<br></br>Dieser Buckelwal ist nicht der erste, der sich in die Ostsee verschwommen hat und er wird auch nicht der letzte sein. <p>Oft folgen Wale einem Schwarm leckerer Heringe oder anderer Beute aus der Nordsee in einer Nordseewasserblase in die Ostsee. Da die Heringe selten umdrehen, hat so ein Wal keinen Anlass, aus dem Binnenmeer wieder zurückzuschwimmen. </p><br></br>Dass dieser Wal – der „Timmy“ getauft wurde – immer wieder auf Sandbänken strandet, zeigt, dass er geschwächt und desorientiert ist. Nachdem er das erste Mal von der Sandbank freikam, ist er leider weiter in Richtung Osten geschwommen. Leiten kann man ihn kaum – Boote erzeugen für ihn Lärm und Streß. Die Wal-Navigation versagt hier, denn Atlantik-Wale haben kein Konzept dafür, der Falle Ostsee zu entgehen.</p> <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace sind Wal-Expert:innen. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/walrettung-in-der-ostsee-in-luebecker-bucht-so-begleiten-helfer-das-tier-raus-aufs-meer,wal-294.html" rel="noopener">Dr. Stefanie Groß </a>(ITAW) und ihr Team haben den Wal im direkten Kontakt als geschwächt eingeschätzt, seine Haut auf dem Rücken ist, weil sie aus dem Wasser ragt, ausgetrocknet und wird schon von Vögeln verletzt. Darum, so Stefanie Groß, haben sie auch keinen Sender am Tier angebracht, die Haut sei dafür in zu schlechtem Zustand. Außerdem trug der Wal Reste eines Fischereinetzes, dass entfernt werden konnte.</p> <p>Vor deutschen Küsten leben die bis 1,80 m großen Schweinswale – wenn einer von ihnen lebendig strandet, können die erfahrenen Strandungsteams d<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">en Kleinwal vorsichtig anheben und wieder ins tiefere Wasser bringen. </a>Wird ein Wal über den Strand gezogen oder geschleift, führt das zu schweren Verletzungen, darum muss er im oder außerhalb des Wassers hochgehoben werden. Dafür trainieren sie, um den Wal möglichst wenig zu stressen und ihn nicht zu verletzen, etwa a<a href="https://www.bbc.com/news/articles/cqlg4vl61kro" rel="noopener">n den englischen Küsten</a> oder auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/massenstrandungen-von-grindwalen/">vor Neuseeland und Australien</a> – dort stranden oft Pilotwale. Dafür halten die Helfenden einen Wal zunächst feucht und heben ihn dann entweder mit einer Matte vorsichtig hoch oder warten auf die Flut. Kleinwale können dann von den Helfenden vorsichtig in die richtige Richtung geleitet werden, manchmal schaffen sie es, wieder ins Meer zu schwimmen, in anderen Fällen stranden sie erneut. Kleine Wale werden dann oft euthanasiert, dafür gibt es mittlerweile die richtigen Medikamente und Dosierungen.</p> <p>Größere Wale wie dieser Buckelwal oder die regelmäßig <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwal-massenstrandung-im-humber-aestuar-england/">an unseren Nordseeküsten strandenden Pottwale können nicht gerettet werden.</a> Menschliche Helfer können nicht genug Kraft aufbringen, um solch ein Tier hochzuheben oder zu bewegen – beim Einsatz ausreichend starker Hilfsmittel würden sie das Tier gleichzeitig zu stark verletzen. Weiterhin wird solch ein Riesenkörper vom Sandboden regelrecht angesogen. Weltweit gibt es kein Strandungsteam, dass einen so großen Meeressäuger retten kann. <p>Die Biolog:innen und Veterinär:innen vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung (ITAW)  und von Greenpeace haben mit Hilfe der Behörden alles gemacht, was möglich war: Sie haben gewartet, ob das Wasser wieder etwas ansteigt – aber der schwache Tidenhub der Ostsee hat den Wal nicht um Aufschwimmen gebracht. Dann haben sie versucht, mit einem Bagger eine Rinne im Sand anzulegen (<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/buckelwal-sass-fest-so-hat-baggerfuehrer-lars-hoppe-die-rettung-erlebt,interview-bagger-102.html" rel="noopener">Der Baggerführer ist von einem Walexperten dabei vorsichtig angeleitet worden, im Interview wird er richtig poetisch</a>). Menschen und Boote sind für einen Wal auf jeden Fall Streßfaktoren, weil er solche Situationen nicht kennt und Lärm normalerweise meidet. </p></p> <p>In diesem Fall strandete der Buckelwal zunächst am Timmendorfer Strand, konnte sich dann selbst freischwimmen, um dann vor Wismar erneut zu auf Sand aufzulaufen.<br></br>Am Freitag, dem 27.03. meinte <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Thilo Maack (Greenpeace), der Wal mache „einen besseren Eindruck, heute habe er „sehr viel vokalisiert, es klingt sehr klagend, </a>die Laute, die er da von sich gibt – das ist nicht schön, wenn man da in der Nähe ist.“ Auch die Oberhaut würde sich inzwischen ablösen.“ Meeresbiologin Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum in Stralsund und ihre Kollegen machten sich dann auch vor Ort ein Bild. Sie beschreibt die deutlichen Hautveränderungen, dass er sich noch bewegt, atmet und vokalisiert. <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">„Warum sich der Wal wieder auf eine Sandbank begeben hat, sei zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch reine Spekulation.</a> Aber es sei wahrscheinlich, dass er dort aus Versehen hingeraten ist. „Denn man sieht, dass er da aktiv weg möchte, er liegt dort nicht gerne.“ Buckelwale kennen sich mit Küstengewässern nicht so gut aus, weil ihr Lebensraum das offene Meer ist, so Klemens. Das Tier sei wahrscheinlich durch den Stress der vergangenen Tage desorientiert.“<br></br>Außerdem sei der <a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/liveticker-verirrter-buckelwal-in-der-wismarer-bucht-deutlich-geschwaecht,wal-296.html" rel="noopener">Wal vermutlich durch Hunger geschwächt. </a><br></br>Im Moment hoffen alle, dass er sich noch selbst von der Sandbank – die „Walfisch“ heisst – freischwimmen kann.<aside></aside></p> <p>Meine persönliche Einschätzung nach allem, was ich über Buckelwale und Irrläufer in der Ostsee weiß:<br></br>Ich habe extrem wenig Hoffnung, dass dieser Buckelwal seinen Ostsee-Ausflug überleben wird. Zunächst weiß er weder, in welche Richtung er jetzt schwimmen müsste und die Leitung eines großen Meeressäugers ist fast unmöglich. Zusätzlich dürfte er mittlerweile sehr gestresst und hungrig sein. <br></br>Ich glaube leider nicht, dass er es schaffen wird.<br></br>Vermutlich wird er dort auf der Sandbank sterben.<p>Dass der „Walflüsterer vom Ostseestrand“ und Naturschützer Lehmann jetzt den o. g. Expert:innen Vorwürfe macht, weil er seinen „Rettungsplan“ nicht ausführen durfte, wundert mich wenig. Immerhin lebt er u. a. von Klicks und seinem Youtube-Kanal. Ich habe oben ausführlich beschrieben, dass und warum ein in der Ostsee gestrandeter Großwal dem Tod geweiht ist und es weltweit kein Strandungsteam gibt, das einen solchen Koloß wieder flottmacht. Ob der Wal Lehmanns gutem Zureden Aufmerksamkeit schenken würde oder ob ihn ein weiterer zudringlicher Menschen nicht zusätzlich stressen würde, werden wir nie erfahren. Ich persönlich schätze diesen Rettungsplan eher als Traumtänzerei ein.</p></p> <p>Gleichzeitig wünsche ich mir sehr, dass auch andere Wale mehr Aufmerksamkeit bekommen. Buckelwal „Timmy“ hat jetzt für viele Tage die volle mediale Abdeckung und republikweite Aufmerksamkeit bekommen. Das hätte ich den Schweinswalen, deren Flossen kürzlich in der Lübecker Bucht angespült wurden, auch gewünscht – sie hatten sich in Fischereinetzen verheddert, die Fischer hatten sie herausgeschnitten und ins Meer geworfen: „“<a href="https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/abgetrennte-schweinswalflossen-an-der-ostseekueste-gefunden,schweinswal-116.html" rel="noopener">Da die Schnitte an den Flossen sehr gerade und auch </a>Netzmarken auf der Haut erkennbar sind, ist dies ein sicherer Hinweis darauf, dass die kleinen Wale Beifang in einem Fischernetz, vermutlich einem Stellnetz, waren“, so Lena Hohls vom BUND Klützer Winkel. Um die toten Tiere aus den Netzen zu lösen, seien sie offenbar herausgeschnitten und anschließend zerstückelt ins Meer zurückgeworfen worden.“<br></br>Oder den <a href="https://www.ifaw.org/international/journal/bay-of-biscay-fishing-closures-stop-dolphin-deaths" rel="noopener">Tausenden von Delphinen und Schweinswalen, die jährlich allein in der Biscaya-Fischerei</a>-sterben oder in an Geisternetzen oder Plastikmüll verenden.<br></br>Der beste Walschutz ist, keinen Fisch zu essen und Plastik zu reduzieren sowie wirksamer Meeres- und Klimaschutz. Daran sterben Wale (und n<a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/wale-sterben-nicht-an-windkraft/">icht an Windkraft</a>).</p> <p>PS: Gute Nachrichten für die westliche Ostsee:<br></br>Es gibt vor der <a href="https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/themen/kueste-wasser-meer/aktionsplan-ostseeschutz/meldungen/meldung_011?nn=ac7caf2a-4dd8-409a-a566-52c4b491a436" rel="noopener">Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste gleich drei neue Meeresschutzgebiete</a>:</p> <ul> <li>Ostseefläche südliche Hohwachter Bucht</li> <li>Ostseefläche Geltinger Bucht bis Schleimündung</li> <li>Ostseefläche westlich Fehmarn</li> </ul> <p>Der verlinkte Artikel erklärt, dass damit Flachwasserbereiche mit Seegraswiesen und Muschelbänken geschützt werden, die Rastgebiete für Meeresvögel und Ruhebereiche für Schweinswale sind. Darin spricht der Meeresschutzminister vom „Schutz unseres Heimatmeeres“ und meint: „Ostseeschutz ist heute Teil des schleswig-holsteinischen Lebensgefühls.“ Das ist ein wichtiger Aspekt – eine intakte Ostsee ist nämlich ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. </p> <p>Anders als in anderen „Meeresschutzgebieten“ (MPA) sind <a href="https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/drei-neue-meeres-schutzgebiete-in-der-ostsee/" rel="noopener">Fischerei, Rohstoffabbau oder Bauvorhaben in diesen Gebieten verboten. </a>Für den Schiffsverkehr und Freizeitnutzungen wie Baden werden gerade noch Regeln erarbeitet. Hoffentlich tut sich da noch etwas, gerade Schiffsverkehr ist ein Problem – Schweinswale unterbrechen bei solchen Störungen ihre Nahrungssuche, Vögel dürften dann auch eher auffliegen und nicht zur Ruhe kommen.<br></br>Die drei neuen Meeresschutzgebiete sind jetzt ein Ersatz für den in Schleswig-Holstein geplanten <a href="https://www.bund.net/themen/aktuelles/detail-aktuelles/news/drei-neue-meeres-schutzgebiete-in-der-ostsee/" rel="noopener">Nationalpark Ostsee, der vor zwei Jahren am Widerstand der CDU sowie an Protesten von Fischerei-, </a>Wassersport-, und Tourismusverbänden scheiterte. Dabei würden sowohl Fischer als auch Touristik von einem Nationalpark profitieren – dort erholen sich Fischbestände und intakte Natur ist ein Bestseller. Etwa Vogelbeobachtung, aber auch Walbeobachtung boomen und bringen Touristen auch in abgelegenere Areale. Ich selbst habe im vergangenen Sommer beim Segeln vor Kiel-Schilksee meinen ersten Ostsee-Schweinswal gesehen und war hingerissen.<p>Für mich ist meine Umgebung an der Küste, im Wald und auf Wiesen Teil meiner „Heimat“. Ein positiver und demokratischer Heimatbegriff – Natur ist für alle da, man trifft draußen entspannte Menschen, hilft sich bei Problemen und kann tolle Entdeckungen machen oder sich einfach austoben und entspannen. </p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/buckelwal-in-der-ostsee-status-bericht/#comments 35 AstroGeo Podcast: Explosion abgesagt – kann eine Supernova ausfallen? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/#respond Sun, 29 Mar 2026 07:16:02 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1861 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-9-768x768.jpg Diese künstlerische Darstellung zeigt ein schwach leuchtendes Zentrum, das von einer kugelförmigen rötlichen Wolke umgeben ist. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-9.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Explosion abgesagt - kann eine Supernova ausfallen? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag134-no-nova.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyy</a></p> <p>Während Sterne wie unsere Sonne ihre Entwicklung recht unspektakulär als Weiße Zwerge beenden, erwartet massereichere Sterne ein weitaus spannenderes Schicksal: Sie enden als Neutronensterne oder gar als Schwarze Löcher. Doch bevor es soweit ist, explodieren sie als Supernova – und hier findet das eigentliche Spektakel statt: Für kurze Zeit können diese Sterne so hell leuchten wie ihre gesamte restliche Heimatgalaxie. Explodiert eine solche Supernova in der Milchstraße, könnte sie sogar hell genug aufleuchten, um mit bloßem Auge am Tageshimmel sichtbar zu sein.</p> <p>Irgendwann wird es auch für den Stern Beteigeuze so weit sein: Bislang kennen und schätzen wir ihn als Schulterstern des prominenten Wintersternbilds Orion. Er ist einer der hellsten Sterne am gesamten Himmel. Beteigeuze ist schon kein „normaler“ Stern mehr, sondern ein Roter Überriese – ein Stern, der seine Entwicklung schon bald beenden wird und von dem sich Forschende sicher sind, dass er in den nächsten paar Millionen Jahren als Supernova explodieren wird.<aside></aside></p> <p>Aber was wäre, wenn Beteigeuze am Ende seiner Entwicklung nicht explodieren würde – sondern einfach so, heimlich, still und leise, vom Himmel verschwinden würde? Wenn er also nicht erst als Supernova explodiert, sondern einfach direkt zu einem Schwarzen Loch kollabiert?</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von potenziell gescheiterten Supernovae. Bislang ist unklar, ob es solche „Un-Novae“ überhaupt gibt – Supernova-Explosionen, die aus irgendeinem Grund ausfallen. Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen, dass es solche gescheiterten Supernovae geben könnte. Doch wie sucht man nach etwas, das sich dadurch auszeichnet, das es nicht stattfindet? Die Suche ist eine astronomische Fleißarbeit – doch kürzlich verkündeten Forscherinnen und Forscher, das ihnen genau das gelungen sei: In der Andromedagalaxie soll ein Himmelskörper mit der Bezeichnung M31-2024-DS1 direkt zum Schwarzen Loch kollabiert sein – ohne als Supernova zu explodieren.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/wann-explodiert-endlich-die-naechste-supernova/" rel="noopener">Wann explodiert endlich die nächste Supernova?</a></li> <li>Folge 117: <a href="https://astrogeo.de/sterneninseln-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-die-andromeda-galaxie/" rel="noopener">Sterneninseln auf Kollisionskurs: Wann trifft die Andromeda-Galaxie die Milchstraße?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/" rel="noopener">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><strong><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">Alle Infos zur AstroGeo-Exkursion 2026</a></strong></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Supernova" rel="noopener">Supernova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andromedagalaxie" rel="noopener">Andromedagalaxie (M31)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Un-Nova" rel="noopener">Un-Nova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutrino" rel="noopener">Neutrino</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beteigeuze" rel="noopener">Beteigeuze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ver%C3%A4nderlicher_Stern" rel="noopener">Veränderlicher Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_%C3%9Cberriese" rel="noopener">Roter Überriese</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gelber_Riese" rel="noopener">Gelber Riese</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/453/3/2885/1750466" rel="noopener">Gone without a bang: an archival HST survey for disappearing massive stars (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/450/3/3289/1064540?login=false" rel="noopener">The search for failed supernovae with the Large Binocular Telescope: first candidates (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/546/3/stag052/8424233?login=false" rel="noopener">The fate of the failed supernova candidate M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.adt4853" rel="noopener">Disappearance of a massive star in the Andromeda Galaxy due to formation of a black hole (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3847/2041-8213/ae468d" rel="noopener">Fading into Darkness: A Weak Mass Ejection and Low-Efficiency Fallback Accompanying Black Hole Formation in M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/2601.14497" rel="noopener">The failed failed-supernova scenario of M31-2014-DS1 (2026)</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/news/archival-data-from-nasas-neowise-tracks-star-turning-into-black-hole/" rel="noopener">Künstlerische Ansicht / Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab</a><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-9.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Explosion abgesagt - kann eine Supernova ausfallen? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag134-no-nova.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyy</a></p> <p>Während Sterne wie unsere Sonne ihre Entwicklung recht unspektakulär als Weiße Zwerge beenden, erwartet massereichere Sterne ein weitaus spannenderes Schicksal: Sie enden als Neutronensterne oder gar als Schwarze Löcher. Doch bevor es soweit ist, explodieren sie als Supernova – und hier findet das eigentliche Spektakel statt: Für kurze Zeit können diese Sterne so hell leuchten wie ihre gesamte restliche Heimatgalaxie. Explodiert eine solche Supernova in der Milchstraße, könnte sie sogar hell genug aufleuchten, um mit bloßem Auge am Tageshimmel sichtbar zu sein.</p> <p>Irgendwann wird es auch für den Stern Beteigeuze so weit sein: Bislang kennen und schätzen wir ihn als Schulterstern des prominenten Wintersternbilds Orion. Er ist einer der hellsten Sterne am gesamten Himmel. Beteigeuze ist schon kein „normaler“ Stern mehr, sondern ein Roter Überriese – ein Stern, der seine Entwicklung schon bald beenden wird und von dem sich Forschende sicher sind, dass er in den nächsten paar Millionen Jahren als Supernova explodieren wird.<aside></aside></p> <p>Aber was wäre, wenn Beteigeuze am Ende seiner Entwicklung nicht explodieren würde – sondern einfach so, heimlich, still und leise, vom Himmel verschwinden würde? Wenn er also nicht erst als Supernova explodiert, sondern einfach direkt zu einem Schwarzen Loch kollabiert?</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von potenziell gescheiterten Supernovae. Bislang ist unklar, ob es solche „Un-Novae“ überhaupt gibt – Supernova-Explosionen, die aus irgendeinem Grund ausfallen. Es gibt einige Indizien, die dafür sprechen, dass es solche gescheiterten Supernovae geben könnte. Doch wie sucht man nach etwas, das sich dadurch auszeichnet, das es nicht stattfindet? Die Suche ist eine astronomische Fleißarbeit – doch kürzlich verkündeten Forscherinnen und Forscher, das ihnen genau das gelungen sei: In der Andromedagalaxie soll ein Himmelskörper mit der Bezeichnung M31-2024-DS1 direkt zum Schwarzen Loch kollabiert sein – ohne als Supernova zu explodieren.</p> <h3>Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 43: <a href="https://astrogeo.de/wann-explodiert-endlich-die-naechste-supernova/" rel="noopener">Wann explodiert endlich die nächste Supernova?</a></li> <li>Folge 117: <a href="https://astrogeo.de/sterneninseln-auf-kollisionskurs-wann-trifft-uns-die-andromeda-galaxie/" rel="noopener">Sterneninseln auf Kollisionskurs: Wann trifft die Andromeda-Galaxie die Milchstraße?</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/" rel="noopener">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><strong><a href="https://astrogeo.de/exkursion-noerdlinger-ries-2026/" rel="noopener">Alle Infos zur AstroGeo-Exkursion 2026</a></strong></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Supernova" rel="noopener">Supernova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Andromedagalaxie" rel="noopener">Andromedagalaxie (M31)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Un-Nova" rel="noopener">Un-Nova</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neutrino" rel="noopener">Neutrino</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Beteigeuze" rel="noopener">Beteigeuze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ver%C3%A4nderlicher_Stern" rel="noopener">Veränderlicher Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Roter_%C3%9Cberriese" rel="noopener">Roter Überriese</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gelber_Riese" rel="noopener">Gelber Riese</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/453/3/2885/1750466" rel="noopener">Gone without a bang: an archival HST survey for disappearing massive stars (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/450/3/3289/1064540?login=false" rel="noopener">The search for failed supernovae with the Large Binocular Telescope: first candidates (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/546/3/stag052/8424233?login=false" rel="noopener">The fate of the failed supernova candidate M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/science.adt4853" rel="noopener">Disappearance of a massive star in the Andromeda Galaxy due to formation of a black hole (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.3847/2041-8213/ae468d" rel="noopener">Fading into Darkness: A Weak Mass Ejection and Low-Efficiency Fallback Accompanying Black Hole Formation in M31-2014-DS1 (2026)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://arxiv.org/abs/2601.14497" rel="noopener">The failed failed-supernova scenario of M31-2014-DS1 (2026)</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.jpl.nasa.gov/news/archival-data-from-nasas-neowise-tracks-star-turning-into-black-hole/" rel="noopener">Künstlerische Ansicht / Keith Miller, Caltech/IPAC – SELab</a><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg05.met.vgwort.de/na/bfc56435ef4c4d64a65e9c277aa808f2" width="1"></img></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-explosion-abgesagt-kann-eine-supernova-ausfallen/#respond 0 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲 𝗖𝗼𝗱𝗲 𝗶𝘀𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗲𝗿𝘀𝘁𝗲 „𝗞𝗜-𝗔𝘀𝘀𝗶𝘀𝘁𝗲𝗻𝘁“, 𝗱𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝗻 𝗝𝗼𝗯-𝗧𝗶𝘁𝗲𝗹 𝘃𝗲𝗿𝗱𝗶𝗲𝗻𝘁 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/#comments Sat, 28 Mar 2026 11:52:01 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1219 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Claude_Code_Drucker-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/</link> </image> <description type="html"><h1>Der KI-Assistent für deine Computer-Probleme.</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Nach Jahren von Assistants und Copilots, die nur Vorschläge machen konnten, scheinen unsere geheimsten Wünsche erfüllt zu sein: Ein KI-Assistent, dem wir in natürlicher Sprache unser Computer-Problem schildern und der das Problem sofort behebt – statt uns in zig Foren zu schicken, um Lösungen zu finden: </p> <p>Claude Code macht keine Vorschläge. Claude Code macht. 🧑‍🏭</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png"><img alt="Claude Code Terminal-Oberfläche" decoding="async" height="334" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-300x98.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-768x251.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png 1127w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit ich Claude Code auf meinem Windows-Notebook laufen habe, rufe ich keinen PC-Experten mehr an. Und ich muss nicht mehr Gemini- und ChatGPT-Modelle mit meinen Windows-Problemen volljammern. Ich beschreibe Claude Code das Problem, und lasse den Bot von der Kette.</p> <p>Claude Code hat schon meinen Download-Ordner organisiert. Den Screenshot-Ordner aufgeräumt. Er erinnert mich an meine Termine. Und daran, dass ich gleich 120 Liegestütze machen wollte (als ich sie mal ausließ, hat er nachgefragt 🤣). Er liest meine Mails und sagt mir, was drin steht. (Für die DSGVO-Gläubigen: Claude Code hat nur Zugang zu meinem Bot-und-Newsletter-Postfach. Keine privaten Mails.)</p> <p>Klar ist Claude Code sicherer als OpenClaw. Mir ist es nicht gelungen, Claude Code dazu zu bringen, eine .exe-Datei zu löschen. „Das musst du selber machen“, sagte der freche Bot. 😊 Ansonsten spart mir Claude Code aber massiv Zeit und Nerven. Zum Beispiel bei meiner letzten Drucker-Plage.<aside></aside></p> <p>Seit letzter Woche wollte mein Pantum-Drucker nicht mehr drucken. Brainstorming mit Gemini 3.1 Pro hat nichts gebracht. Ich habe alles Mögliche probiert. Schon wollte ich alle Geräte ins Auto tragen und in den Computer-Reparatur-Laden fahren. Am Ende ist mir aber eingefallen: Vielleicht könnte ich Claude Code auch im Hardcore-„Computer Use“ testen. Vielleicht war es an der Zeit, mit dem Bot nicht nur Ordner und Dateien in Ordnung zu bringen, sondern auch den Computer zu reparieren. </p> <p>Ich habe Sonnet 4.6 in Claude Code genau zwei Anweisungen gegeben. Die hab ich mir vorher von Sonnets größeren Bruder Opus 4.6 in der Claude-App geholt:</p> <p>𝗘𝗿𝘀𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴 (gestrafft): Zeig mir den Status meiner Drucker.</p> <p>Claude Code öffnet PowerShell, scannt alles durch — und findet das Problem selbst. Der Drucker war auf einen uralten Port konfiguriert. Das hätte ich nie gefunden. Gemini auch nicht, weil Gemini meinen PC nicht anfassen kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png"><img alt="Claude Code scannt Drucker-Ports in PowerShell" decoding="async" height="617" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-300x231.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-768x592.png 768w" width="800"></img></a></figure> <p>𝗭𝘄𝗲𝗶𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴: Mach den Drucker startklar.</p> <p>Claude Code versucht, den Drucker im Netzwerk zu finden. Erster Scan-Versuch: Syntaxfehler im eigenen Skript. Korrigiert sich selbst. Zweiter Versuch: Drucker antwortet nicht auf Ping. Claude Code ändert die Strategie, scannt die Drucker-Ports direkt. Ergebnis: Drucker ist gar nicht im WLAN.</p> <p>Und jetzt kommt die Offenbarung: Statt stur weiterzumachen, sagt Claude Code: „Das WLAN musst du am Drucker selbst einrichten. Aber ich stelle dir jetzt den USB-Drucker als Standard ein — der funktioniert.“</p> <p>Zwei Minuten später druckt der Drucker: Keine Treiber-Neuinstallation, zu der mich Gemini überreden wollte. Kein Googeln. Kein Forumspost.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png"><img alt="Claude Code setzt USB-Drucker als Standard" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-300x87.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-768x224.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png 1074w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit Claude Code können Computer-Unkundige endlich ihren Rechner zähmen. Wenn ihr Probleme habt, startet Claude Code.</p> <p>Oder mailt mich an. 😊</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Der KI-Assistent für deine Computer-Probleme.</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Nach Jahren von Assistants und Copilots, die nur Vorschläge machen konnten, scheinen unsere geheimsten Wünsche erfüllt zu sein: Ein KI-Assistent, dem wir in natürlicher Sprache unser Computer-Problem schildern und der das Problem sofort behebt – statt uns in zig Foren zu schicken, um Lösungen zu finden: </p> <p>Claude Code macht keine Vorschläge. Claude Code macht. 🧑‍🏭</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png"><img alt="Claude Code Terminal-Oberfläche" decoding="async" height="334" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-1024x334.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-300x98.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95-768x251.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-95.png 1127w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit ich Claude Code auf meinem Windows-Notebook laufen habe, rufe ich keinen PC-Experten mehr an. Und ich muss nicht mehr Gemini- und ChatGPT-Modelle mit meinen Windows-Problemen volljammern. Ich beschreibe Claude Code das Problem, und lasse den Bot von der Kette.</p> <p>Claude Code hat schon meinen Download-Ordner organisiert. Den Screenshot-Ordner aufgeräumt. Er erinnert mich an meine Termine. Und daran, dass ich gleich 120 Liegestütze machen wollte (als ich sie mal ausließ, hat er nachgefragt 🤣). Er liest meine Mails und sagt mir, was drin steht. (Für die DSGVO-Gläubigen: Claude Code hat nur Zugang zu meinem Bot-und-Newsletter-Postfach. Keine privaten Mails.)</p> <p>Klar ist Claude Code sicherer als OpenClaw. Mir ist es nicht gelungen, Claude Code dazu zu bringen, eine .exe-Datei zu löschen. „Das musst du selber machen“, sagte der freche Bot. 😊 Ansonsten spart mir Claude Code aber massiv Zeit und Nerven. Zum Beispiel bei meiner letzten Drucker-Plage.<aside></aside></p> <p>Seit letzter Woche wollte mein Pantum-Drucker nicht mehr drucken. Brainstorming mit Gemini 3.1 Pro hat nichts gebracht. Ich habe alles Mögliche probiert. Schon wollte ich alle Geräte ins Auto tragen und in den Computer-Reparatur-Laden fahren. Am Ende ist mir aber eingefallen: Vielleicht könnte ich Claude Code auch im Hardcore-„Computer Use“ testen. Vielleicht war es an der Zeit, mit dem Bot nicht nur Ordner und Dateien in Ordnung zu bringen, sondern auch den Computer zu reparieren. </p> <p>Ich habe Sonnet 4.6 in Claude Code genau zwei Anweisungen gegeben. Die hab ich mir vorher von Sonnets größeren Bruder Opus 4.6 in der Claude-App geholt:</p> <p>𝗘𝗿𝘀𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴 (gestrafft): Zeig mir den Status meiner Drucker.</p> <p>Claude Code öffnet PowerShell, scannt alles durch — und findet das Problem selbst. Der Drucker war auf einen uralten Port konfiguriert. Das hätte ich nie gefunden. Gemini auch nicht, weil Gemini meinen PC nicht anfassen kann.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png"><img alt="Claude Code scannt Drucker-Ports in PowerShell" decoding="async" height="617" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96.png 800w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-300x231.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-96-768x592.png 768w" width="800"></img></a></figure> <p>𝗭𝘄𝗲𝗶𝘁𝗲 𝗔𝗻𝘄𝗲𝗶𝘀𝘂𝗻𝗴: Mach den Drucker startklar.</p> <p>Claude Code versucht, den Drucker im Netzwerk zu finden. Erster Scan-Versuch: Syntaxfehler im eigenen Skript. Korrigiert sich selbst. Zweiter Versuch: Drucker antwortet nicht auf Ping. Claude Code ändert die Strategie, scannt die Drucker-Ports direkt. Ergebnis: Drucker ist gar nicht im WLAN.</p> <p>Und jetzt kommt die Offenbarung: Statt stur weiterzumachen, sagt Claude Code: „Das WLAN musst du am Drucker selbst einrichten. Aber ich stelle dir jetzt den USB-Drucker als Standard ein — der funktioniert.“</p> <p>Zwei Minuten später druckt der Drucker: Keine Treiber-Neuinstallation, zu der mich Gemini überreden wollte. Kein Googeln. Kein Forumspost.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png"><img alt="Claude Code setzt USB-Drucker als Standard" decoding="async" height="298" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-1024x298.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-300x87.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97-768x224.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-97.png 1074w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit Claude Code können Computer-Unkundige endlich ihren Rechner zähmen. Wenn ihr Probleme habt, startet Claude Code.</p> <p>Oder mailt mich an. 😊</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/claude-code-rechner-ki-assistent/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>13</slash:comments> </item> <item> <title>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/#comments Thu, 26 Mar 2026 21:03:38 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1934 <h1>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „<strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-27438-3" rel="noopener">Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events</a></strong>„</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1536x863.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Female sperm whales from Unit A holding the newborn sperm whale calf above water until it is able to swim on its own. Credit: Project CETI.<br></br>Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.</figcaption></figure> <p>Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (<em>Physeter macrocephalus</em>), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das <a href="https://www.thespermwhaleproject.org/" rel="noopener">Dominica Sperm whale Project</a> – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.</p> <p>Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.<p><a href="https://www.projectceti.org/" rel="noopener">David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts</a>, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.</p><br></br>Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.06.09.658556v1" rel="noopener">Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie</a> unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/klicken-pottwale-mit-einem-phonetischen-alphabet/">Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen</a> beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (<em>Globicephala makrorhynchus</em>) und Fraser-Delphine (<em>Lagenorhynchus hosei</em>) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/43Wbp7sgyFI?feature=oembed" title="Aluma et al. Scientific Reports Video 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (<em>Pseudorca crassidens</em>), Orcas (<em>Orcinus orca</em>) sowie Beluga (<em>Delphinapterus leucas</em>) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.</p> <h2><strong>Headbutting – Kopfstöße unter Bullen</strong></h2> <p>Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/11/20/melville-moby-dick-die-essex-story-und-der-ganze-walkampf/" rel="noopener">Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt </a>und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“<aside></aside></p> <p>Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.<br></br>Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.</p> <p>In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will. </p> <p>Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.<br></br>Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.</p> <p>Quelle:<br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Burslem/Alec" rel="noopener">Alec Burslem</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Cerd%C3%A0/Marga" rel="noopener">Marga Cerdà</a>, et al: „<strong><a href="https://doi.org/10.1111/mms.70153Digital%20Object%20Identifier%20(DOI)" rel="noopener">Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles</a>“; </strong> 23 March 2026; <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/17487692" rel="noopener">Marine Mammal Science</a></p> <h2>Anti-Walfänger-Taktiken</h2> <p>Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der <a href="https://www.livescience.com/whales-learned-avoid-harpoons.html" rel="noopener">Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus</a>. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.</p> <p>Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.<br></br>Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.</p> <p><a href="https://whiteheadlab.weebly.com/" rel="noopener">Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ </a>und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen. <br></br>Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Pottwale: Geburt, Headbutting und Anti-Walfang-Manöver » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Juli 2023 beobachteten Forscher die Geburt eines Pottwals vor der Küste Dominikas – ihre detaillierte Schilderung haben sie gerade veröffentlicht: „<strong><a href="https://www.nature.com/articles/s41598-025-27438-3" rel="noopener">Description of a collaborative sperm whale birth and shifts in coda vocal styles during key events</a></strong>„</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1024x575.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46-1536x863.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-46.png 2000w" width="1024"></img></a><figcaption>Female sperm whales from Unit A holding the newborn sperm whale calf above water until it is able to swim on its own. Credit: Project CETI.<br></br>Ergänzender Kommentar: Das Neugeborene wird gerade von dem Pulk erwachsener Weibchen hochgehalten, seine Flosse ist noch zerknautscht. Rechts oben sind zwei Pilotwale.</figcaption></figure> <p>Shane Gero, David Gruber und weitere Wissenschaftler:innen beobachteten diese Geburt in einer Gruppe aus 11 Ihnen bereits bekannten Pottwalen (<em>Physeter macrocephalus</em>), Nutzung von Aerial Drones, Unterwasser-Audioaufnahmen und Fotografieren vom Schiff aus. Shane Gero ist ein ausgewiesener Experte für Pottwale und leitet seit vielen Jahren das <a href="https://www.thespermwhaleproject.org/" rel="noopener">Dominica Sperm whale Project</a> – er und andere Forschende beobachtet dort ganzjährig Mutter-Kind-Familiengruppen und kennen viele der Individuen und Familien. Diese Pottwale gehören zu unterschiedlichen Klick-Klans – ihre Klick-Reihen (Codas) dienen der sozialen Kommunikation, verschiedene Clans aus vielen Familien-Units haben jeweils eigene Klick-Dialekte als Teil ihrer Clan-Kultur.</p> <p>Das Team um Shane Gero beobachtete den eigentlichen Geburtstagvorgang von 33 Minuten, zu dem sich der ganze Family-Unit aus den erwachsenen Weibchen zusammengefunden hatte. Der kleine Pottwal wurde wie üblich mit der Schwanzflosse voran geboren – so bleibt der Kopf möglichst lange im Mutterleib, sonst würde er ertrinken. Eine Minute, nachdem er den Mutterleib verlassen hatte, hoben ihn andere erwachsene Weibchen auf ihren Köpfen und Rücken aus dem Wasser – der neugeborene Pottwal konnte damit sicher seine ersten Atemzüge machen. Zwei Stunden nach der Geburt löste diese Pottwal-Gruppe dann auf und das Neugeborene blieb in der Obhut der Mutter (bekannt als Rounder), der Halbschwester Accra und der Tante Aurora (die Pottwalforscher:innen kennen die meisten Individuen und ihre Verwandtschaftsbeziehungen). Die Autoren bemerkten auch dass das Neugeborene ein Jahr später mit Accra und Aurora gesichtet wurde, es also das erste Jahr überlebt hat. Damit ist es nun recht wahrscheinlich, dass es auch das Erwachsenenalter erreichen wird.<p><a href="https://www.projectceti.org/" rel="noopener">David Gruber ist der Mit-Initiator des CETI-Projekts</a>, einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur Pottwalsprache, bei dem die Feldforschung um Shane Gero einen zentralen Teil einnehmen. Die Klick-Codas und Klick-Kulturen der Pottwale waren bereits vorher bekannt, aber im CETI-Projekt ist nun mit stetig fortschreitender Technologie und KI-Einsatz der Datensatz beträchtlich vergrößert worden.</p><br></br>Um die Geburt herum nahm das Forscherteam Codas auf, die im Kontext mit der sozialen Identität des kulturellen Klick Clans der Pottwale stehen. Diese Laute, so Gero und Gruber, könnten die sozialen Bande während der Geburt bestärkt haben. Weiterhin veränderten sich die Vokalisierungen der Walgruppe bei Schlüsselmomenten während der Geburt, darunter waren längere Laute, die an die menschlichen Vokale a und i erinnern – diese <a href="https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2025.06.09.658556v1" rel="noopener">Coda-Vokale wurden erst kürzlich von den Forschenden eine der engsten Parallelen zur menschlichen Phonologie</a> unter allen bekannten tierischen Kommunikationssystemen bezeichnet (Bereits 2024 hatten CETI-Forschende <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/klicken-pottwale-mit-einem-phonetischen-alphabet/">Hinweise auf ein phonetisches Alphabet bei Pottwalen</a> beschrieben). Die Pottwallaute während der Geburt waren über mehrere hundert Meter hörbar und die Forscher spekulieren, dass sie auch von einer Gruppe von Kurzflossen-Grindwalen (<em>Globicephala makrorhynchus</em>) und Fraser-Delphine (<em>Lagenorhynchus hosei</em>) gehört werden konnten, die in der Nähe aufhielten und offenbar mit der Pottwalgruppe interagierten.</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/43Wbp7sgyFI?feature=oembed" title="Aluma et al. Scientific Reports Video 1" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Beschreibungen von Geburten sind in freier Natur bisher erst von neun Walarten beschrieben worden. Bei nur drei anderen Zahnwalarten – Kleiner Schwertwal (<em>Pseudorca crassidens</em>), Orcas (<em>Orcinus orca</em>) sowie Beluga (<em>Delphinapterus leucas</em>) – wurde das koordinierte Hochheben des Kalbs, dass die Autoren hier beobachteten, ebenfalls beschrieben. Dies könnte ein Relikt der Wal-Evolution und des letzten gemeinsamen Vorfahren dieser Zahnwale vor etwa 34 Millionen Jahren sein: Die vollständig ans Leben auch in tiefen Gewässern angepaßten Wale könnte es entwickelt haben, um das Risiko für Neugeborene des Ertrinkens zu reduzieren.</p> <h2><strong>Headbutting – Kopfstöße unter Bullen</strong></h2> <p>Walfänger des 19. Jahrhunderts erzählten davon, dass Pottwabullen mit ihren mächtigen Köpfen untereinander Kämpfe ausfechten (headbutting) und mit Rammstößen des Kopfes Schiffe angriffen. Seit dem Südsee-Pottwalfang mit offenen Fangbooten im 19. Jahrhundert gibt es vereinzelte Berichte darüber, dass Pottwale ihren Kopf einsetzen, um Gegenstände zu stoßen und zu rammen. Das berühmteste Beispiel ist das der 27 Meter langen „Essex“, die 1820 vor den Galapagosinseln durch zwei Frontalzusammenstöße mit einem großen Pottwal versenkt wurde und Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte. <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/11/20/melville-moby-dick-die-essex-story-und-der-ganze-walkampf/" rel="noopener">Owen Chase, Erster Maat auf der „Essex“, hatte das Unglück überlebt </a>und in einem packenden Bericht festgehalten. Darin beschreibt er auch den Rammstoß des Wals: „Ich drehte mich um und sah ihn etwa hundert Rod [ca. 500 m] direkt vor uns, wie er mit der doppelten Geschwindigkeit von etwa 24 Knoten auf uns zukam, und er wirkte mit zehnfacher Wut und Rachsucht in seinem Auftreten. Die Gischt flog in alle Richtungen um ihn herum, während er ununterbrochen heftig mit dem Schwanz schlug. Sein Kopf ragte etwa zur Hälfte aus dem Wasser, und so kam er auf uns zu und rammte das Schiff erneut.“<aside></aside></p> <p>Weitere Berichte erzählen, dass auch die Walfangschiffe „Ann Alexander“ und „Kathleen“ im 19. Jahrhundert von Pottwalbullen versenkt wurden.<br></br>Erwachsene Bullen werden 15 bis 20 Meter lang und bis zu 60 Tonnen schwer – hinter einem Rammstoß steckt also eine ungeheure Kraft.</p> <p>In der Neuzeit gab es dazu allerdings keine Beobachtungen, Pottwalforscher haben es sogar für unwahrscheinlich gehalten. Schließlich steckt im kastenförmige Riesenkopf, der bei Bullen fast ein Drittel der Körperlänge einnimmt, das sensible Ortungssystem, ohne dass ein Wal nicht überleben kann. Schließlich braucht er es sowohl zum Aufspüren seiner Beute in den lichtlosen Meerestiefen, als auch zur sozialen Kommunikation, gerade, wenn er seine Familiengruppe in warmen Gewässern aufsucht und sich fortpflanzen will. </p> <p>Aber zwischen 2020 und 2022 haben Forschende der University of St. Andrews tatsächlich solches Verhalten vor den Azoren und Balearen per Drohne an der Meeresoberfläche beobachtet und nun publiziert. Neben den Rammstößen konnten sie dabei auch den sozialen Kontext und andere Verhaltensweisen aufnehmen. Das Headbutting fand nicht etwa, wie die historischen Quellen berichten, zwischen erwachsenen Bullen statt, sondern innerhalb einer Bachelorgruppe junger Bullen. Ob diese Kopfstöße auch in größeren Tiefen stattfinden, ist noch nicht bekannt. Genauso ungeklärt ist noch die Funktion für die Gruppendynamik.<br></br>Das Forscherteam um Alec Burslem hofft nun auf weitere Drohnen-Aufnahmen, um das vielleicht irgendwann das Verhalten dahinter vollständig entschlüsseln zu können.</p> <p>Quelle:<br></br><a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Burslem/Alec" rel="noopener">Alec Burslem</a>, <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/authored-by/Cerd%C3%A0/Marga" rel="noopener">Marga Cerdà</a>, et al: „<strong><a href="https://doi.org/10.1111/mms.70153Digital%20Object%20Identifier%20(DOI)" rel="noopener">Headbutting Behavior Between Sperm Whales Documented Using Unoccupied Aerial Vehicles</a>“; </strong> 23 March 2026; <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/journal/17487692" rel="noopener">Marine Mammal Science</a></p> <h2>Anti-Walfänger-Taktiken</h2> <p>Schon 2021 kam eine Studie zum schnellen Lernen der <a href="https://www.livescience.com/whales-learned-avoid-harpoons.html" rel="noopener">Pottwale als Reaktion auf den Walfang im Nordpazifik heraus</a>. Die Forscher entdeckten bei der Analyse der digitalisierten Walfänger-Logbücher aus dem 19. Jahrhundert, dass die Pottwalfänge im Nordpazifik innerhalb weniger Jahre um 58% zurückgingen – die Wale lernten offenbar recht schnell, ihren Peinigern aus dem Weg zu schwimmen. Zunächst reagierten die Pottwale auch auf die neue Bedrohung durch die menschlichen Jäger genauso, wie sie auf Schwertwale abwehrten, ihren bis dahin einzigen Predator: Mit der Margariten-Formation, so erklärt Hal Whitehead (Dalhousie-Universität, Nova Scotia). Dabei bilden die Familiengruppen an der Oberfläche einen Kreis, die meisten positionieren sich mit dem Kopf nach innen und dem Schwanz nach außen. Inmitten des Kreises befinden sich ihre Babys. Von oben betrachtet erinnert diese Formation an eine Margeritenblüte. Die erwachsenen Weibchen können dann mit den mächtigen Flug harte Schläge auf angreifende Orcas austeilen. Auch Buckelwale schlagen so mit Finnen und Fluken Orcas erfolgreich in die Flucht. Die großen Flossen sind sehr hart und könnten die kleineren schwarz-weißen Zahnwale wohl erheblich verletzten, sie fürchten sich jedenfalls vor den Schlägen.</p> <p>Gegen die Walfänger half diese Verteidigungsstrategie den Pottwalen allerdings überhaupt nicht, stattdessen wurden sehr schnell viele von ihnen getötet. Die intelligenten Meeressäuger lernten aber offenbar schnell aus ihrem Fehler und die Überlebenden entwickelten neue Taktiken. So schwammen sie mit hoher Geschwindigkeit gegen den Wind davon und ließen so die Segelschiffe hinter sich.<br></br>Einzelne Pottwale entwickelten offenbar diese neuen Verhaltensmuster, die sich dann aber schnell über die gesamte Wal-Community verbreiteten. Auch Wale, die noch nie selbst auf Walfänger getroffen waren, lernten, vor ihnen zu fliehen. Pottwale haben eine komplexe Sprache und Lernkultur, so konnten sie diese neuen Verteidigungsstrategien an andere Familienmitglieder und Familien-Units kommunizieren und in ihren Kulturen verankern – fortan wurden die Walfänger deutlich erfolgloser.</p> <p><a href="https://whiteheadlab.weebly.com/" rel="noopener">Hal Whitehead ist sozusagen der „Pottwal-Papst“ </a>und ist ihnen jahrzehntelang gefolgt. So hat er die ersten Beobachtungen und Analysen zu den Weibchen-Kind-Familien vor allem um die Galapagos-Inseln publiziert. Die soziale Evolution in den Ozeanen ist sein Lebensthema. Einmal habe ich ihn interviewt und er erklärte mir, dass sich die Pottwal-Kultur und -Sprache um ihren Nachwuchs herum entwickelt haben. Seine Arbeiten zu Pottwalkulturen und Pottwal-Klick-Codas sowie ihre Dialekte und die Bestände haben maßgeblich zum Verständnis ihrer sozialen und kommunikativen Fähigkeiten beigetragen. <br></br>Der oben genannte Shane Gero hat von ihm das „Pottwal-Handwerk“ gelernt und ebenfalls genial weiterentwickelt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/pottwale-geburt-headbutting-und-poop-bombs/#comments 1 The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/#comments Wed, 25 Mar 2026 13:00:00 +0000 Andrei Mihai https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14263 <h1>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at how the World Wide Web <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knitted the world together</a> and how the <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">structure of the internet was developed</a>. But we have not touched on a core aspect of the internet: security. In this installment, we will look at the work of two “veterans” of the Heidelberg Laureate Forum: Whitfield Diffie and Martin Hellman. Their work, along with those of their peers, developed a framework for a secure internet and paved the way for the field of cryptography to bloom.</p> <h3>The Stanford Rebels</h3> <p>In the year 1974, if you wanted to communicate a very delicate secret with someone, you had a massive, physical problem. In some cases, this involved the now-classic <a href="https://www.wikiwand.com/en/Red_box_(government)" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lead-lined briefcase</a> carried by a courier whose wrist was literally handcuffed to the handle. People working in every industry from banking to the military wanted a secure, remote way of sending messages. But the solution would come from an unlikely place.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi-200x300.jpg 200w" width="513"></img></a><figcaption>Official HLF portrait of Whitfield Diffie. Image credits: HLFF / Badge.</figcaption></figure> </div> <p>Whitfield Diffie was a creative researcher with hair down to his shoulders and a deep-seated distrust of centralized power. Diffie had joined the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stanford_Artificial_Intelligence_Laboratory" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford Artificial Intelligence Laboratory</a> in 1969 and left it in 1973 to pursue his independent research on cryptography. He would <a href="https://ics.uci.edu/~ics54/doc/security/pkhistory.html#:~:text=Diffie%20believes%20that%20he%20never,he%20said.%20%22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">later credit his</a> “anti-authoritarian views” as a motivation for developing encryption.</p> <p>He teamed up with Martin Hellman, who, after brief stints at IBM and MIT, joined Stanford as an assistant professor in the department of electrical engineering. At Stanford, Hellman was warned by his colleagues that the government would likely crush him if he kept <a href="https://mathwithbaddrawings.com/2017/10/11/the-professor-vs-the-nsa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">poking at cryptography</a>. This was, after all, a time when the Cold War was in full swing. At that time, the National Security Agency (NSA) maintained a total monopoly on encryption, viewing it as a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Born_secret" rel="noreferrer noopener" target="_blank">born classified</a>” technology. To the intelligence community, a civilian developing a powerful, unbreakable code was seen as a potential threat.<aside></aside></p> <p>Hellman sought the advice of the university’s general counsel who told him: “If you’re prosecuted we will defend you. If you’re convicted, we will appeal. But I have to warn you… if all appeals are exhausted, we can’t go to jail for you.”</p> <p>But Hellman and Diffie were not dissuaded. Together, the two (along with collaborator Ralph Merkle) began hunting for a “one-way function” that could be used for encryption.</p> <p>In mathematics, most things are reversible. You can add two and two to get four, and you can subtract two from four to get back to two. But a “one-way function” (specifically, a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Trapdoor_function" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trapdoor function</a>) is easy to compute in one direction, and nearly impossible to compute the other way, unless you have a specific, secret “trapdoor” piece of information.</p> <p>Merkle, who was an undergraduate at UC Berkeley in 1974, was a pioneer of this approach in cryptography. He devised a concept that involved generating thousands of “puzzles” that were, in essence, encrypted keys of moderate difficulty. The recipient could solve the keys to reach a shared secret. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Merkle%27s_Puzzles" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merkle’s puzzles</a>, as this approach came to be known, allows two parties to agree on a shared secret even if they have no secrets in common beforehand.</p> <p>Merkle’s work was <a href="https://www.iacr.org/conferences/crypto2011/slides/07-1-Kalach.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">initially rejected by his advisor</a> and academic editors and was only brought back after Hellman and Diffie published their seminal work.</p> <h3>New Directions in Cryptography</h3> <p>In 1976, Diffie and Hellman published their seminal paper, “New Directions in Cryptography.” The paper <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/24.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">famously starts off</a> by saying “We stand today on the brink of a revolution in cryptography,” before declaring, almost brazenly, that the paper “aims to solve open problems.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-300x150.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-768x384.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1536x768.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png 1900w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: Merkle, Hellman, and Diffie in 1977. Image credits: Chuck Painter / <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford News Service</a></figcaption></figure> </div> <p>The radical idea was distributing cryptographic keys openly. The two researchers proposed a mathematical method for two parties to jointly establish a shared secret key over an insecure channel without ever having met. This method, now known as the Diffie-Hellman-Merkle key exchange, utilized the difficulty of the discrete logarithm problem as its security basis. In the classic “Alice and Bob” example:</p> <ul> <li>Alice and Bob publicly agree on a large prime modulus <em>p</em> and a generator <em>g</em></li> <li>Alice chooses a secret integer <em>a</em> and sends Bob A = g<sup>a</sup> (mod p)</li> <li>Bob chooses a secret integer <em>b</em> and sends Alice B = g<sup>b</sup> (mod p).</li> <li>Alice computes the shared secret <em>s</em> = B<sup>a</sup> (mod p).</li> <li>Bob computes the shared secret <em>s</em> = A<sup>b</sup> (mod p). The resulting secrets are identical.</li> </ul> <p>The logic is elegant. Think of it like mixing paint. If Alice and Bob first agree on a common color. They each add their own “secret” color (a and b)<del>,</del> and then swap the mixtures. They then each add their secret color to the other person’s mixture. Because of the commutative property, they both end up with the exact same shade of “secret” paint.</p> <p>Technically, Diffie-Hellman is not a trapdoor function in the strictest sense, though it practically performs as one. A trapdoor would allow them to “undo” the function. If Alice encrypts a message with a public key, she needs a trapdoor (private key) to reverse the process and get the original message back. Rather, this is a Key Exchange. Instead of “undoing” each other’s math, Alice and Bob are both performing a second one-way function that leads them to the same mathematical result.</p> <p>This approach changed everything. Suddenly, two people who had never met could establish a secure connection in milliseconds. The logic is still the reason you can type your credit card number into a browser today without a hacker buying a new phone using your card. It is, in essence, the foundation of internet security.</p> <p>Yet this was not the end of the story.</p> <p>While Diffie and Hellman had solved the key exchange problem, they had not yet created a fully functional public-key encryption system that could be used for general-purpose messaging or digital signatures. This was achieved in 1977 by Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman at MIT, who developed the RSA algorithm. This RSA algorithm is the fundamental, widely used encryption algorithm that secures the internet. But we will look at that in the next installment.</p> <h3>The Crypto Wars, Part I: Rebels and Friends</h3> <p>Thankfully, Diffie and Hellman did not go to jail for their work, although this seemed like a real option when they started it. Rather, they were both awarded the 2015 ACM A.M. Turing Award, “for fundamental contributions to modern cryptography.”</p> <p>But this does not mean everyone was thrilled about their work. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman at the 6th HLF, 2018. Image credit: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/31033657788/in/photostream/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kreutzer</a>.</figcaption></figure> </div> <p>In the 1970s, the pushback was immediate. The NSA attempted to implement “<a href="https://people.eecs.berkeley.edu/~henrycg/files/academic/papers/stanfordmag14keeping-orig.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">pre-publication review</a>,” essentially demanding that any cryptographic research be cleared by the government before being shared. They feared that if the “Stanford Rebels” succeeded, the U.S. would lose its ability to intercept foreign signals.</p> <p>Tensions between Hellman and the NSA simmered until they erupted in 1977, when a mysterious letter arrived just as the team was preparing to present their findings at an IEEE international symposium. The letter, sent by an employee of the NSA named Joseph Meyer (writing as a private citizen), warned that the public presentation of cryptographic research could be a violation of the International Traffic in Arms Regulations (ITAR). This was because, in 1976 the U.S. government had in fact <a href="https://www.wikiwand.com/en/Export_of_cryptography_from_the_United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">classified encryption software</a> as a “munition.” In the eyes of the law, a floppy disk containing encryption code was legally treated as a box of guns or grenades.</p> <p>Much of this was happening under the watchful eye of Admiral Bobby Ray Inman, who became the Director of the NSA shortly after the 1977 letter incident. Inman opposed Diffie and Hellman sharing their work <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">so much</a> that the NSA warned publishers that the authors had violated US laws restricting export of military weapons. Yet despite these threats, the researchers persisted.</p> <p>Admiral Inman eventually admitted that the NSA could not stop the math. He realized that if the U.S. didn’t lead in public cryptography, other countries would, leaving American businesses and citizens vulnerable. In a curious and very human turn of events, Hellman and Inman started having semi-regular discussions and actually found out they have a lot in common. Both cared about security and both were concerned about nuclear threats. By the early 1980s, the two started meeting privately and developed an unlikely friendship based on mutual respect.</p> <p>Their relationship became a model for “Responsible Disclosure.” Inman and Hellman began appearing <a href="https://stanfordmag.org/contents/keeping-secrets" rel="noreferrer noopener" target="_blank">together at conferences</a> to discuss how the government and academia could work together rather than as enemies. But the broader encryption problems persisted.</p> <h3>The Crypto Wars, Part II: Code Munition</h3> <p>In the early 1990s, the “World Wide Web” was shaping up, and with it, encryption became an even bigger headache for intelligence agencies.</p> <p>If every citizen had access to military-grade encryption, the FBI and NSA could not wiretap terrorists or drug lords. If the math was too strong to break, national security would also be bound by the constraints of encryption. However, as the internet grew, the aforementioned handling of encryption software as munitions under ITAR became somewhat absurd, leading to such things as the “Netscape split.”</p> <p>Netscape Communications Corporation was an American independent computer services company whose browser was dominant before Internet Explorer came along. Since the export of encryption would be classified as “arms-dealing,” the longest key size allowed for export without individual license proceedings was 40 bits, so Netscape developed two versions of its web browser. The “US edition” had the full 128-bit strength. The “International Edition” had its effective key length reduced to 40 bits.</p> <p>Because every single bit added to a key doubles the number of possible combinations an attacker must try, the 128-bit version was trillions of trillions of times stronger. The 40-bit version could be broken in a matter of days using a personal computer at the time; a 128-bit version was unbreakable. But because acquiring the “US version” was problematic even in the US, most people ended up with the crackable, 40-bit version anyway.</p> <p>This (coupled with other pressures) led Netscape to open-source its browser code and create the Mozilla Organization. The rebellion was led by people like Phil Zimmermann. In 1991, Zimmermann wrote a program called PGP (Pretty Good Privacy) so that ordinary people could encrypt their emails. Two years later, he became the formal target of a criminal investigation by the US Government for “munitions export without a license.”</p> <p>But Zimmerman fought back with the unlikeliest of choices: He printed the source code of PGP in a physical book and exported the <strong>book</strong>.</p> <p>This protected him because books are protected by the First Amendment in the US. The matter never went to court and Zimmermann was never charged, but it goes to show how far behind the laws were when it came to the internet: it was illegal to export a digital version of the code, but not a physical version of it.</p> <h3>Encryption for the People</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Diffie, Hellman, and a young researcher at the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credits: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/54803785372/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flemming</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Despite this, the US government did not give up on trying to control encryption. In 1993, the government proposed the “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clipper_chip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Clipper Chip</a>” as a hardware-based solution to the encryption problem. The chip would provide secure communications for landline phones, but it included a “backdoor” through a process called “key escrow.” The government would hold the keys in two halves, allowing law enforcement to decrypt communications if authorized by a court order.</p> <p>The Clipper Chip faced massive public opposition from civil liberties organizations, but the chip was only abandoned in 1996 after researcher Matt Blaze <a href="https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/clipper-chips-birthday-looking-back-22-years-key-escrow-failures" rel="noreferrer noopener" target="_blank">discovered</a> a fundamental flaw in the chip’s design that allowed users to bypass the escrow mechanism while still using the encryption. Both Hellman and Diffie spoke out against the idea of having government backdoors in encryption.</p> <p>However, the moment when encryption truly became “fair game” only came after a judicial decision. In a landmark case, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bernstein_v._United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bernstein v. US Department of Justice</a>, the courts ruled that software source code is speech. This was a massive win for the internet. It meant that security belongs to the people, not just the state.</p> <p>This legal victory paved the way for the “Padlock” we see in our browser bars. Netscape created SSL (Secure Sockets Layer), which later became TLS (Transport Layer Security). This is the “secret handshake” you use daily, even to read this article. When you go to a website, your computer and the server perform a high-speed version of the Diffie-Hellman exchange, agreeing on a secret key for that session only.</p> <p>It also paved the way for online shopping. The first object <a href="https://www.vice.com/en/article/the-first-thing-sold-online-was-a-sting-cd/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">sold securely</a> on the internet was a Sting CD, sold online in 1994 for $12.48. Slowly but surely, the world never looked back, and online shopping is now a <a href="https://www.statista.com/topics/871/online-shopping/?srsltid=AfmBOorbACXE4NomwSxlCNT3B_4N9JliA8rwSHJDOJceavup33Gk5RLS" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trillion-dollar industry</a>.</p> <p>But there is a big, striking caveat to this entire story. Despite their achievements, the Stanford trio was actually not the first group to develop public-key cryptography. Deep in the British intelligence agency GCHQ, researchers like James Ellis and Clifford Cocks had actually figured this out a few years earlier. But because <a href="https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Figures/Historical-Figures-View/Article/3006218/clifford-cocks-james-ellis-and-malcolm-williamson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">they worked</a> for the British government, their work was classified. They had to be silent about their work and could not share it. Eventually, the Stanford version came into use before theirs.</p> <p>It’s one of the great “what-ifs” of modern history: If the British had gone public in 1973, what would the internet have looked like?</p> <p>We’ve covered how Radia Perlman (The “Mother of the Internet”) organized the web into a “Spanning Tree” to keep it from collapsing under its own weight. We’ve seen how Tim Berners-Lee gave us the links. But public-key cryptography is the vault that keeps the whole thing from being a playground for thieves.</p> <p>Yet cryptography does not end with the Diffie-Hellman-Merkle key exchange. Not even close. In the next installment, we will look at one of the most important algorithms in the world: RSA.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>The Internet Chronicles – Part 8 of 12: Encryption for the People - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Andrei Mihai</h2><div itemprop="text"> <p>We take it for granted nowadays, but the internet is one of the most impactful inventions of modern times – possibly even of all time. But how did it all start? The story of the internet is a fascinating journey through the minds of visionary thinkers and relentless innovators, many of them coming from mathematics and computer science. In this 12-part series, we will dive into some of the stories and contributions of the trailblazers who laid the foundations for the interconnected world we live in today.</p> <p>Previously, we looked at how the World Wide Web <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-6-of-12-the-man-who-gave-the-web-to-the-world/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">knitted the world together</a> and how the <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-7-of-12-the-tree-the-internet-grows-on/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">structure of the internet was developed</a>. But we have not touched on a core aspect of the internet: security. In this installment, we will look at the work of two “veterans” of the Heidelberg Laureate Forum: Whitfield Diffie and Martin Hellman. Their work, along with those of their peers, developed a framework for a secure internet and paved the way for the field of cryptography to bloom.</p> <h3>The Stanford Rebels</h3> <p>In the year 1974, if you wanted to communicate a very delicate secret with someone, you had a massive, physical problem. In some cases, this involved the now-classic <a href="https://www.wikiwand.com/en/Red_box_(government)" rel="noreferrer noopener" target="_blank">lead-lined briefcase</a> carried by a courier whose wrist was literally handcuffed to the handle. People working in every industry from banking to the military wanted a secure, remote way of sending messages. But the solution would come from an unlikely place.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="770" sizes="(max-width: 513px) 100vw, 513px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi.jpg 513w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/Diffi-200x300.jpg 200w" width="513"></img></a><figcaption>Official HLF portrait of Whitfield Diffie. Image credits: HLFF / Badge.</figcaption></figure> </div> <p>Whitfield Diffie was a creative researcher with hair down to his shoulders and a deep-seated distrust of centralized power. Diffie had joined the <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Stanford_Artificial_Intelligence_Laboratory" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford Artificial Intelligence Laboratory</a> in 1969 and left it in 1973 to pursue his independent research on cryptography. He would <a href="https://ics.uci.edu/~ics54/doc/security/pkhistory.html#:~:text=Diffie%20believes%20that%20he%20never,he%20said.%20%22" rel="noreferrer noopener" target="_blank">later credit his</a> “anti-authoritarian views” as a motivation for developing encryption.</p> <p>He teamed up with Martin Hellman, who, after brief stints at IBM and MIT, joined Stanford as an assistant professor in the department of electrical engineering. At Stanford, Hellman was warned by his colleagues that the government would likely crush him if he kept <a href="https://mathwithbaddrawings.com/2017/10/11/the-professor-vs-the-nsa/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">poking at cryptography</a>. This was, after all, a time when the Cold War was in full swing. At that time, the National Security Agency (NSA) maintained a total monopoly on encryption, viewing it as a “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Born_secret" rel="noreferrer noopener" target="_blank">born classified</a>” technology. To the intelligence community, a civilian developing a powerful, unbreakable code was seen as a potential threat.<aside></aside></p> <p>Hellman sought the advice of the university’s general counsel who told him: “If you’re prosecuted we will defend you. If you’re convicted, we will appeal. But I have to warn you… if all appeals are exhausted, we can’t go to jail for you.”</p> <p>But Hellman and Diffie were not dissuaded. Together, the two (along with collaborator Ralph Merkle) began hunting for a “one-way function” that could be used for encryption.</p> <p>In mathematics, most things are reversible. You can add two and two to get four, and you can subtract two from four to get back to two. But a “one-way function” (specifically, a <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Trapdoor_function" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trapdoor function</a>) is easy to compute in one direction, and nearly impossible to compute the other way, unless you have a specific, secret “trapdoor” piece of information.</p> <p>Merkle, who was an undergraduate at UC Berkeley in 1974, was a pioneer of this approach in cryptography. He devised a concept that involved generating thousands of “puzzles” that were, in essence, encrypted keys of moderate difficulty. The recipient could solve the keys to reach a shared secret. <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Merkle%27s_Puzzles" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Merkle’s puzzles</a>, as this approach came to be known, allows two parties to agree on a shared secret even if they have no secrets in common beforehand.</p> <p>Merkle’s work was <a href="https://www.iacr.org/conferences/crypto2011/slides/07-1-Kalach.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">initially rejected by his advisor</a> and academic editors and was only brought back after Hellman and Diffie published their seminal work.</p> <h3>New Directions in Cryptography</h3> <p>In 1976, Diffie and Hellman published their seminal paper, “New Directions in Cryptography.” The paper <a href="https://ee.stanford.edu/~hellman/publications/24.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">famously starts off</a> by saying “We stand today on the brink of a revolution in cryptography,” before declaring, almost brazenly, that the paper “aims to solve open problems.”</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1024x512.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-300x150.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-768x384.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0-1536x768.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/hellmannews_680x320_historical_0.png 1900w" width="1024"></img></a><figcaption>From left to right: Merkle, Hellman, and Diffie in 1977. Image credits: Chuck Painter / <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Stanford News Service</a></figcaption></figure> </div> <p>The radical idea was distributing cryptographic keys openly. The two researchers proposed a mathematical method for two parties to jointly establish a shared secret key over an insecure channel without ever having met. This method, now known as the Diffie-Hellman-Merkle key exchange, utilized the difficulty of the discrete logarithm problem as its security basis. In the classic “Alice and Bob” example:</p> <ul> <li>Alice and Bob publicly agree on a large prime modulus <em>p</em> and a generator <em>g</em></li> <li>Alice chooses a secret integer <em>a</em> and sends Bob A = g<sup>a</sup> (mod p)</li> <li>Bob chooses a secret integer <em>b</em> and sends Alice B = g<sup>b</sup> (mod p).</li> <li>Alice computes the shared secret <em>s</em> = B<sup>a</sup> (mod p).</li> <li>Bob computes the shared secret <em>s</em> = A<sup>b</sup> (mod p). The resulting secrets are identical.</li> </ul> <p>The logic is elegant. Think of it like mixing paint. If Alice and Bob first agree on a common color. They each add their own “secret” color (a and b)<del>,</del> and then swap the mixtures. They then each add their secret color to the other person’s mixture. Because of the commutative property, they both end up with the exact same shade of “secret” paint.</p> <p>Technically, Diffie-Hellman is not a trapdoor function in the strictest sense, though it practically performs as one. A trapdoor would allow them to “undo” the function. If Alice encrypts a message with a public key, she needs a trapdoor (private key) to reverse the process and get the original message back. Rather, this is a Key Exchange. Instead of “undoing” each other’s math, Alice and Bob are both performing a second one-way function that leads them to the same mathematical result.</p> <p>This approach changed everything. Suddenly, two people who had never met could establish a secure connection in milliseconds. The logic is still the reason you can type your credit card number into a browser today without a hacker buying a new phone using your card. It is, in essence, the foundation of internet security.</p> <p>Yet this was not the end of the story.</p> <p>While Diffie and Hellman had solved the key exchange problem, they had not yet created a fully functional public-key encryption system that could be used for general-purpose messaging or digital signatures. This was achieved in 1977 by Ron Rivest, Adi Shamir, and Leonard Adleman at MIT, who developed the RSA algorithm. This RSA algorithm is the fundamental, widely used encryption algorithm that secures the internet. But we will look at that in the next installment.</p> <h3>The Crypto Wars, Part I: Rebels and Friends</h3> <p>Thankfully, Diffie and Hellman did not go to jail for their work, although this seemed like a real option when they started it. Rather, they were both awarded the 2015 ACM A.M. Turing Award, “for fundamental contributions to modern cryptography.”</p> <p>But this does not mean everyone was thrilled about their work. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/31033657788_836eb9c468_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Martin Hellman at the 6th HLF, 2018. Image credit: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/31033657788/in/photostream/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Kreutzer</a>.</figcaption></figure> </div> <p>In the 1970s, the pushback was immediate. The NSA attempted to implement “<a href="https://people.eecs.berkeley.edu/~henrycg/files/academic/papers/stanfordmag14keeping-orig.pdf" rel="noreferrer noopener" target="_blank">pre-publication review</a>,” essentially demanding that any cryptographic research be cleared by the government before being shared. They feared that if the “Stanford Rebels” succeeded, the U.S. would lose its ability to intercept foreign signals.</p> <p>Tensions between Hellman and the NSA simmered until they erupted in 1977, when a mysterious letter arrived just as the team was preparing to present their findings at an IEEE international symposium. The letter, sent by an employee of the NSA named Joseph Meyer (writing as a private citizen), warned that the public presentation of cryptographic research could be a violation of the International Traffic in Arms Regulations (ITAR). This was because, in 1976 the U.S. government had in fact <a href="https://www.wikiwand.com/en/Export_of_cryptography_from_the_United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">classified encryption software</a> as a “munition.” In the eyes of the law, a floppy disk containing encryption code was legally treated as a box of guns or grenades.</p> <p>Much of this was happening under the watchful eye of Admiral Bobby Ray Inman, who became the Director of the NSA shortly after the 1977 letter incident. Inman opposed Diffie and Hellman sharing their work <a href="https://engineering.stanford.edu/news/stanford-cryptography-pioneers-win-acm-2015-am-turing-award" rel="noreferrer noopener" target="_blank">so much</a> that the NSA warned publishers that the authors had violated US laws restricting export of military weapons. Yet despite these threats, the researchers persisted.</p> <p>Admiral Inman eventually admitted that the NSA could not stop the math. He realized that if the U.S. didn’t lead in public cryptography, other countries would, leaving American businesses and citizens vulnerable. In a curious and very human turn of events, Hellman and Inman started having semi-regular discussions and actually found out they have a lot in common. Both cared about security and both were concerned about nuclear threats. By the early 1980s, the two started meeting privately and developed an unlikely friendship based on mutual respect.</p> <p>Their relationship became a model for “Responsible Disclosure.” Inman and Hellman began appearing <a href="https://stanfordmag.org/contents/keeping-secrets" rel="noreferrer noopener" target="_blank">together at conferences</a> to discuss how the government and academia could work together rather than as enemies. But the broader encryption problems persisted.</p> <h3>The Crypto Wars, Part II: Code Munition</h3> <p>In the early 1990s, the “World Wide Web” was shaping up, and with it, encryption became an even bigger headache for intelligence agencies.</p> <p>If every citizen had access to military-grade encryption, the FBI and NSA could not wiretap terrorists or drug lords. If the math was too strong to break, national security would also be bound by the constraints of encryption. However, as the internet grew, the aforementioned handling of encryption software as munitions under ITAR became somewhat absurd, leading to such things as the “Netscape split.”</p> <p>Netscape Communications Corporation was an American independent computer services company whose browser was dominant before Internet Explorer came along. Since the export of encryption would be classified as “arms-dealing,” the longest key size allowed for export without individual license proceedings was 40 bits, so Netscape developed two versions of its web browser. The “US edition” had the full 128-bit strength. The “International Edition” had its effective key length reduced to 40 bits.</p> <p>Because every single bit added to a key doubles the number of possible combinations an attacker must try, the 128-bit version was trillions of trillions of times stronger. The 40-bit version could be broken in a matter of days using a personal computer at the time; a 128-bit version was unbreakable. But because acquiring the “US version” was problematic even in the US, most people ended up with the crackable, 40-bit version anyway.</p> <p>This (coupled with other pressures) led Netscape to open-source its browser code and create the Mozilla Organization. The rebellion was led by people like Phil Zimmermann. In 1991, Zimmermann wrote a program called PGP (Pretty Good Privacy) so that ordinary people could encrypt their emails. Two years later, he became the formal target of a criminal investigation by the US Government for “munitions export without a license.”</p> <p>But Zimmerman fought back with the unlikeliest of choices: He printed the source code of PGP in a physical book and exported the <strong>book</strong>.</p> <p>This protected him because books are protected by the First Amendment in the US. The matter never went to court and Zimmermann was never charged, but it goes to show how far behind the laws were when it came to the internet: it was illegal to export a digital version of the code, but not a physical version of it.</p> <h3>Encryption for the People</h3> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/54803785372_f6f709f3d5_o-768x512.jpg 768w" width="1024"></img></a><figcaption>Diffie, Hellman, and a young researcher at the 12th Heidelberg Laureate Forum in 2025. Image credits: HLFF / <a href="https://www.flickr.com/photos/hlforum/54803785372/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flemming</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Despite this, the US government did not give up on trying to control encryption. In 1993, the government proposed the “<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Clipper_chip" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Clipper Chip</a>” as a hardware-based solution to the encryption problem. The chip would provide secure communications for landline phones, but it included a “backdoor” through a process called “key escrow.” The government would hold the keys in two halves, allowing law enforcement to decrypt communications if authorized by a court order.</p> <p>The Clipper Chip faced massive public opposition from civil liberties organizations, but the chip was only abandoned in 1996 after researcher Matt Blaze <a href="https://www.eff.org/deeplinks/2015/04/clipper-chips-birthday-looking-back-22-years-key-escrow-failures" rel="noreferrer noopener" target="_blank">discovered</a> a fundamental flaw in the chip’s design that allowed users to bypass the escrow mechanism while still using the encryption. Both Hellman and Diffie spoke out against the idea of having government backdoors in encryption.</p> <p>However, the moment when encryption truly became “fair game” only came after a judicial decision. In a landmark case, <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Bernstein_v._United_States" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Bernstein v. US Department of Justice</a>, the courts ruled that software source code is speech. This was a massive win for the internet. It meant that security belongs to the people, not just the state.</p> <p>This legal victory paved the way for the “Padlock” we see in our browser bars. Netscape created SSL (Secure Sockets Layer), which later became TLS (Transport Layer Security). This is the “secret handshake” you use daily, even to read this article. When you go to a website, your computer and the server perform a high-speed version of the Diffie-Hellman exchange, agreeing on a secret key for that session only.</p> <p>It also paved the way for online shopping. The first object <a href="https://www.vice.com/en/article/the-first-thing-sold-online-was-a-sting-cd/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">sold securely</a> on the internet was a Sting CD, sold online in 1994 for $12.48. Slowly but surely, the world never looked back, and online shopping is now a <a href="https://www.statista.com/topics/871/online-shopping/?srsltid=AfmBOorbACXE4NomwSxlCNT3B_4N9JliA8rwSHJDOJceavup33Gk5RLS" rel="noreferrer noopener" target="_blank">trillion-dollar industry</a>.</p> <p>But there is a big, striking caveat to this entire story. Despite their achievements, the Stanford trio was actually not the first group to develop public-key cryptography. Deep in the British intelligence agency GCHQ, researchers like James Ellis and Clifford Cocks had actually figured this out a few years earlier. But because <a href="https://www.nsa.gov/History/Cryptologic-History/Historical-Figures/Historical-Figures-View/Article/3006218/clifford-cocks-james-ellis-and-malcolm-williamson/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">they worked</a> for the British government, their work was classified. They had to be silent about their work and could not share it. Eventually, the Stanford version came into use before theirs.</p> <p>It’s one of the great “what-ifs” of modern history: If the British had gone public in 1973, what would the internet have looked like?</p> <p>We’ve covered how Radia Perlman (The “Mother of the Internet”) organized the web into a “Spanning Tree” to keep it from collapsing under its own weight. We’ve seen how Tim Berners-Lee gave us the links. But public-key cryptography is the vault that keeps the whole thing from being a playground for thieves.</p> <p>Yet cryptography does not end with the Diffie-Hellman-Merkle key exchange. Not even close. In the next installment, we will look at one of the most important algorithms in the world: RSA.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/the-internet-chronicles-part-8-of-12-encryption-for-the-people/#comments 1 Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/#comments Mon, 23 Mar 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3598 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-1024x1024.jpg" /><h1>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen</strong></p> <span id="more-3598"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?</p> <p>Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.</p> <p>Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) wurde im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays <em>The Doors of Perception</em> (dt. <em>Die Pforten der Wahrnehmung</em>) aus dem Jahr 1954 und den zwei Jahre später folgenden <em>Heaven and Hell</em> (<em>Himmel und Hölle</em>) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von <em>Brave New World</em> (<em>Schöne neue Welt</em>) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.</p> <p>Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen <em>Schönen neuen Welt</em>. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.<aside></aside></p> <p>Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Verdienmodell</h2> <p>Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.</p> <p>Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.</p> <p>Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1536x901.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-2048x1202.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView</em></p> <p>Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.</p> <p>Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.</p> <h2>Millionenmarkt</h2> <p>Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478#a__text_Studie__Ob" rel="noopener">neuen Studie</a> ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.</p> <p>Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?</p> <p>Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur <a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit</a> vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.</p> <p>Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von <em>zwei</em> Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.</p> <h2>Deutsches McCybin?</h2> <p>Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:</p> <p>Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH <a href="https://www.northdata.de/OVID Health Systems GmbH, Berlin/Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) HRB 216127 B" rel="noopener">von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert</a>, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:</p> <blockquote> <p>„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)</p> </blockquote> <p>Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.</p> <p>Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/compassionate-use-programm-fuer-psilocybin-erstmals-in-deutschland-moeglich.html" rel="noopener">begründete Ausnahmefälle</a>„.</p> <p>Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.</p> <p>Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.</p> <p>Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:</p> <p>Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.</p> <p>Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> am 18. März eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846479?guestAccessKey=d844d09d-abaf-4310-887c-e13957d27905&amp;utm_source=for_the_media&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=ftm_links&amp;utm_content=tfl&amp;utm_term=031826" rel="noopener">umfangreiche Analyse</a>, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva <em>ohne</em> Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:</p> <blockquote> <p>„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2>Ausblick</h2> <p>Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.</p> <p>Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.</p> <p>Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:</p> <p>Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.</p> <p>Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.</p> <p>Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.</p> <p>Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neu: Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/21d0155c93ce40689d07995a3beb8f7d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-Fazit-1024x1024.jpg" /><h1>Therapie mit Psychedelika: Fazit und Ausblick » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Forschung zwischen Hoffnungen, Depressionen und finanziellen Interessen</strong></p> <span id="more-3598"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> ging es um die Entstehung des Hypes um Psychedelika. Eine neue Studie von deutschen Forscherinnen und Forschern sollte jetzt Klarheit schaffen: Wie gut wirkt die Behandlung von Depressionen mit Psilocybin, mit Unterstützung durch Psychotherapie?</p> <p>Die Ergebnisse zeigten nicht den erhofften Durchbruch, sondern nur eine leichte Verringerung der depressiven Symptomatik – und das bei Nebenwirkungen. Ob das mehr ist als nur ein Placebo-Effekt und wie sich das zu anderen Therapien verhält, thematisieren wir am Ende. Zunächst soll es um die finanzielle Seite dieser Forschung gehen.</p> <p>Bei einem Hype kommen nämlich schnell finanzielle Interessen ins Spiel. Der schriftstellerische Erfolg von Michael Pollan mit <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) wurde im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> schon erwähnt. Es wird auch gerne noch auf Aldous Huxleys Essays <em>The Doors of Perception</em> (dt. <em>Die Pforten der Wahrnehmung</em>) aus dem Jahr 1954 und den zwei Jahre später folgenden <em>Heaven and Hell</em> (<em>Himmel und Hölle</em>) verwiesen. Diese schrieb der vor allem als Autor von <em>Brave New World</em> (<em>Schöne neue Welt</em>) bekannte Huxley auf Grundlage seiner Meskalin-Erfahrungen.</p> <p>Aldous Huxley stammte aus einer Gelehrtenfamilie und sowohl sein Großvater Thomas Henry als auch sein Bruder Julian waren bedeutende Biologen. Dadurch wird Aldous sehr früh mit dem Gedankengut zur Eugenik in Kontakt gekommen sein. Dieses wurde im frühen 20. Jahrhundert politisch ausgeschlachtet und formte auch das Gerüst der erstmals 1932 erschienenen <em>Schönen neuen Welt</em>. Diese Romanwelt ist vor allem für die als Oberklasse gezüchteten Alpha-Menschen „schön“ – und wenn doch einmal Traurigkeit aufkommt, hilft die Glücksdroge „Soma“.<aside></aside></p> <p>Man sollte aber bedenken, dass Bestseller-Autoren wie Huxley oder Pollan nicht unbedingt mit besonders akkuraten, sondern besonders überzeugenden Geschichten ihr Geld verdienen. Die Wissenschaft ist eher zur Wahrheitstreue verpflichtet. Doch bleiben wir einen Moment beim Geldverdienen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Verdienmodell</h2> <p>Wie will man mit der klinischen Umsetzung von psychedelischer Therapie große Umsätze erzielen? Mit der britischen Compass Pathways PLC und der kanadischen Cybin Inc. – der Name, gesprochen „Seibin“ mit scharfem S, ist ein Teil von englisch „psilocybin“ – gingen um den Jahreswechsel 2020/2021 zwei entsprechende Firmen an die Börse. Wir erinnern uns, dass in genau diesem Zeitraum Professor Gerhard Gründers Psilocybin-Studie beim Bundesforschungsministerium begutachtet wurde.</p> <p>Das war also die Zeit der großen Hoffnungen und Versprechungen. Anhand der Börsenkurse lässt sich das quantifizieren: Compass Pathways hatte am 3. Dezember 2020, kurz nach dem Börsengang, sein Allzeithoch von 44 Euro pro Aktie. Am 3. November 2021 gab es noch ein Zwischenhoch bei 38,7 Euro. Heute ist ein Firmenanteil nur noch 4,7 Euro wert. Wer also beim Allzeithoch einstieg und immer noch auf den Durchbruch wartet, hat damit rund 90 Prozent Wertverlust im Depot.</p> <p>Cybin hatte dazwischen, am 3. August 2021, sein Allzeithoch bei 98 Euro pro Aktie. Auch hier ist der Fall auf 4,1 Euro beziehungsweise um 96 Prozent Wertverlust enorm – jedenfalls für diejenigen, die damals einstiegen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="601" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1024x601.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-300x176.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-768x451.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-1536x901.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cybin-Compass-2048x1202.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Beschreibung: Die Abbildung zeigt die Börsenkurse von Compass Pathways PLC (blau, linke Skala, US-Dollar) und Cybin Inc. (rot, rechte Skala, CAN-Dollar). Von den einst hohen Bewertungen in den Jahren 2021 und 2022 sind nur 10 Prozent oder weniger übrig geblieben. Gewinne hat zum Beispiel Cybin noch keine ausgewiesen, dafür große Buchverluste für treue Anteilseigner. Auf dem niedrigen Niveau kommt es seit gut einem Jahr immer wieder zu großen Kursschwankungen. Abbildung: mit freundlicher Genehmigung von TradingView</em></p> <p>Man sollte sich fragen, wie das Verdienmodell solcher Firmen aussehen könnte. Hier in den Niederlanden wurde der Verkauf von Magic Mushrooms nach ein paar Unfällen und der erwartbaren politischen und Medienkampagne zwar 2008 verboten. Der unterirdisch wachsende Teil des Pilzes, das Sklerotium, blieb davon aber ausgenommen. Diese „Trüffel“ genannten, etwas nussig schmeckenden Produkte kann man mit einer wirksamen Dosis Psilocybin im Angebot ab ca. 15 Euro im Versandhandel bestellen. Im Smartshop um die Ecke dürften sie für 20 bis 25 Euro über den Ladentisch gehen.</p> <p>Dass man damit keine schnellen Millionen oder gar Milliarden verdienen kann, liegt auf der Hand. Damit komme ich noch einmal auf die neue deutsche Studie zurück.</p> <h2>Millionenmarkt</h2> <p>Das Folgende ist keine Enthüllung: Dass der Studienleiter Gerhard Gründer und das an der Studie mitwirkende Ehepaar Andrea und Henrik Jungaberle finanzielle Interessen an psychedelischer Therapie haben, ist kein Geheimnis. Auch in der <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478#a__text_Studie__Ob" rel="noopener">neuen Studie</a> ist das angegeben. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Privatklinik OVID Clinic Berlin GmbH, die OVID Health Systems GmbH und die als gemeinnützig anerkannte MIND Foundation gGmbH, an denen die genannten Personen in führender Weise beteiligt sind.</p> <p>Ein Skandal ist das nicht. Stellen wir uns vor, dass jemand besonderes chirurgisches Talent hat und ein neues Verfahren entwickelt, um Herzoperationen zu verbessern und damit viele Leben zu verlängern. Was wäre daran unethisch, wenn eine Gewinnbeteiligung transparent geschieht und keine öffentlichen Gelder veruntreut werden? Und wieso sollte das dann für die Psychiatrie anders sein?</p> <p>Bei dem Ansatz des deutschen Forschungsteams wird das Psychedelikum mit psychotherapeutischer Begleitung kombiniert. Wie wir sahen, sind die Kosten für Psilocybin vernachlässigbar. Für Psychotherapie gehen wir mal von einem Kassensatz von ca. 150 Euro pro Stunde aus, bei Privatversicherten auch mehr. Wie die Behandlung aussieht, vermittelt das Symbolfoto zur <a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit</a> vom 19. März (Übrigens ein Foto der MIND Foundation). Links sitzt Professor Gründer, rechts die Psychologin und Erstautorin der Studie Lea Mertens.</p> <p>Die Untersuchung bestand aus sechs- bis achtstündigen psychedelischen Sitzungen, die von <em>zwei</em> Personen therapeutisch begleitet wurden, zuzüglich einer Übernachtung. Dazu kamen satte 14 Therapiestunden zur Vor- und Nachbesprechung. Wenn man vereinfacht mit 28 Stundensätzen à 150 Euro rechnet, ergeben sich gut 4000 Euro pro Person als Untergrenze. Bei der Multiplikation mit 3000 Freiwilligen, die sich für die Studie gemeldet hatten, kommt man schon auf über 12 Millionen Euro möglichen Umsatz.</p> <h2>Deutsches McCybin?</h2> <p>Da könnte man vielleicht an Wellness-Kliniken am Rande von Großstädten mit gut situierter Klientel denken, wo übers Wochenende Seelenheilung verfügbar ist. Auf Wunsch mit begleiteter psychedelischer Therapie. Es geht hier aber nicht um die genauen Geschäftsmodelle der genannten Personen. Der springende Punkt kommt jetzt:</p> <p>Die neue Studie wurde am 11. Januar 2026 zur Publikation angenommen. Am 18. März wurde sie veröffentlicht, am 19. März fand die Pressekonferenz am Zentralinstitut in Mannheim statt. Dazwischen, zum 22. Februar, wurde die OVID Health Systems GmbH <a href="https://www.northdata.de/OVID Health Systems GmbH, Berlin/Amtsgericht Charlottenburg (Berlin) HRB 216127 B" rel="noopener">von den Geschäftsführern Gerhard Gründer und Henrik Jungaberle liquidiert</a>, also aufgelöst. Gegenstand dieser Gesellschaft war:</p> <blockquote> <p>„Die Entwicklung, Betreibung und wissenschaftliche Erforschung eines Modell-Gesundheitszentrums für die klinische Behandlung und Selbsterfahrung mit Fokus auf der therapeutischen Nutzung veränderter Wachbewusstseinszustände, erzeugt durch pharmakologische und nicht-pharmakologische Methoden“ sowie „die Entwicklung und Umsetzung eines Franchise-Systems (oder analoger Organisationsstrukturen) zur Verbreitung der in OVID entwickelten Behandlungsformen und Dienstleistungen.“ (OVID Health Systems GmbH)</p> </blockquote> <p>Man wollte damit also eine Modell-Klinik für (unter anderem) psychedelische Psychotherapie entwickeln – und dann anderen dieses Konzept zur Lizenzierung anbieten (Franchise-System). Vielleicht hätte man sich das wie eine Art „McCybin“ vorstellen können, mit standardisierten, ähnlich aussehenden und vorgehenden psychedelischen Kliniken quer durchs ganze Land. Und nochmals: Das ist keine Kritik an sich, sondern verdeutlicht nur die finanziellen Interessen.</p> <p>Die Liquidation vom 22. Februar 2026 durch die Geschäftsführer sagt wohl genug über die Erfolgsaussichten dieses Vorhabens aus – jedenfalls im großen Stil. Professor Gründer war zum 11. Juli 2025 immerhin ein Teilerfolg gegönnt: Da bewilligte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Durchführung der Psilocybin-Therapie im Rahmen eines Härtefallprogramms. Das war eine Neuheit in der EU. Diese Zulassung gilt aber erst einmal nur für ein Jahr und für „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/compassionate-use-programm-fuer-psilocybin-erstmals-in-deutschland-moeglich.html" rel="noopener">begründete Ausnahmefälle</a>„.</p> <p>Welche Zukunft diesen und ähnlichen Verfahren bestimmt ist, hängt entscheidend von den Ergebnissen der wissenschaftlichen Studien ab. Ziehen wir somit ein Fazit.</p> <h2>Fazit</h2> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> sahen wir, dass die neue Studie zwar ihr Hauptziel verfehlte. Die Kombination von Psychedelikum und Psychotherapie führte aber zu einer Verbesserung des Depressions-Werts um sieben bis acht Punkte auf einer 52-Punkte-Skala. Das ist nicht nichts. Und es sind Durchschnittswerte, die verbergen, dass der Effekt bei einigen Versuchspersonen größer war.</p> <p>Trotzdem wurde hier viel Aufwand für ein eher bescheidenes Ergebnis betrieben, das die Forscherinnen und Forscher selbst als „unschlüssig“ bezeichneten. Zu dem Aufwand gehörte, unter 3094 freiwilligen Meldungen 144 sorgfältig für die Teilnahme auszuwählen. Zu den Ausschlusskriterien gehörten zum Beispiel psychotische Symptome. Das deutet darauf hin, dass eine Ausweitung auf die breite Gesellschaft noch komplexe Herausforderungen mit sich brächte.</p> <p>Das größte Problem ist allerdings die fehlende Placebo-Kontrolle. Wie im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> beschrieben, gibt es für die psychedelische Wirkung – und ähnlich für die therapeutischen Gespräche – keine Möglichkeit, die reinen Erwartungseffekte abzuziehen:</p> <p>Bei so einem Hype-Thema mit dieser Medienpräsenz, der strengen Selektion, dem großen Aufwand und nach so vielen gemeinsamen therapeutischen Stunden sind die Erwartungen natürlich extrem hoch. Zur Medienpräsenz findet man auf der Website der Berliner MIND Foundation den interessanten Hinweis, dass man 166 Personen für die Therapie ausgebildet hat und 260 mediale Auftritte hatte. Nicht zuletzt dürfte zu den hohen Erwartungen beitragen, dass die Therapierten im Alter von durchschnittlich 43 Jahren, davon übrigens 59 Prozent männlich, im Mittel schon seit 13 bis 14 Jahren immer wieder unter depressiven Symptomen leiden.</p> <p>Zusammen mit der deutschen Studie erschien in der angesehenen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> am 18. März eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846479?guestAccessKey=d844d09d-abaf-4310-887c-e13957d27905&amp;utm_source=for_the_media&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=ftm_links&amp;utm_content=tfl&amp;utm_term=031826" rel="noopener">umfangreiche Analyse</a>, die das Placebo-Problem auf originelle Weise anging: Das Team von der University of California verglich die Ergebnisse psychedelischer Therapie und Versuche mit herkömmlichen Antidepressiva <em>ohne</em> Placebo-Kontrolle. Dabei fand sich kein wesentlicher Unterschied:</p> <blockquote> <p>„In Studien zur Depressionsbehandlung erwies sich die Psychedelika-unterstützte Therapie als nicht wirksamer als traditionelle Antidepressiva ohne Placebo-Kontrolle. Die Verblindung hatte einen Einfluss auf die traditionellen Antidepressiva, nicht aber auf die Psychedelika-Therapie. Das bestätigt, dass Studien zur Letzteren faktisch immer ohne Placebo-Kontrolle durchgeführt werden. Diese Ergebnisse sprechen gegen übertrieben optimistische Darstellungen der Psychedelika-Therapie …“ (Williams et al., 2026; dt. Übers.)</p> </blockquote> <h2>Ausblick</h2> <p>Währenddessen strebt das oben erwähnte Börsenunternehmen Compass Pathways PLC die Zulassung einer Psilocybin-Therapie in den USA an. Selbst wenn sich die amerikanische Behörde von der Datenlage überzeugen lässt, müsste wegen des Verbots der Substanz noch die Drogenkontrollbehörde zustimmen. Aufgrund der hier beschriebenen Studienergebnisse sollte klar sein, dass selbst dann kein neues Wundermittel gegen Depressionen auf den Markt käme.</p> <p>Darum dürfte aber der Hype um Psychedelika noch lange nicht beendet sein. Das Thema hat inzwischen zu viel Aufmerksamkeit und eine große Interessengruppe hinter sich. Allein im Sinne der „Psychonautik“, dem Interesse an anderen Bewusstseinszuständen, werden Menschen sie weiterverwenden.</p> <p>Außerdem kann es Effekte geben, die sich mit der gängigen wissenschaftlichen Methodik nicht darstellen lassen. Auch in der deutschen Studie gab es Einzelfälle mit positiverem Ausgang. Diese passen zu den enthusiastischen Kommentaren im Internet, den Reportagen und Dokumentationen:</p> <p>Erst Anfang März berichtete der New York Times-Journalist Robert Draper von seiner eigenen psychedelischen Therapie im mexikanischen Tijuana. Er wollte die traumatische Beziehung zu seinem Bruder aufarbeiten, der erst alkoholkrank wurde und dann bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Ein anderer Teilnehmer war ein US-Kriegsveteran. Er litt unter schweren Schuldgefühlen, weil seine Kameraden im Einsatz starben, während er heimkehrte.</p> <p>Dass es für die Seele heilsam sein kann, sich solchen schwer traumatischen Erfahrungen zu öffnen, dürften viele Psychotherapeutinnen und Therapeuten bestätigen. Das ist aber etwas anderes als die Entwicklung einer medizinisch standardisierten Therapie für das vielschichtige Störungsbild Depression.</p> <p>Und damit kommen wir am Ende noch einmal auf den Status quo der biologischen Psychiatrie zurück: Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/">ersten Teil</a> habe ich die Vermutung in den Raum gestellt, dass diese nun auch psychedelische Behandlungen erforscht, weil damit am verbreiteten „Gehirndenken“ festgehalten werden kann – während die Kritik an den bestehenden Gehirnbehandlungen zunimmt.</p> <p>Mein Alternativvorschlag wäre, sich wieder mehr mit den gesellschaftlichen Faktoren zu beschäftigen, mit denen depressive Störungen zusammenhängen. Darüber habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neu: Mehr über die Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/21d0155c93ce40689d07995a3beb8f7d" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>35</slash:comments> </item> <item> <title>𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠 (𝗚𝗼𝗼𝗴𝗹𝗲) 𝗶𝘀𝘁 „𝘀𝗰𝗵𝗹𝗮𝘂“! – 𝗨𝗻𝗱 „𝗱𝘂𝗺𝗺“. https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/#comments Sun, 22 Mar 2026 14:56:27 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1198 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/NotebookLM-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/</link> </image> <description type="html"><h1>NotebookLM: Googles KI-Tool für Recherche</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Da wir gern wissenschaftliche Recherchen betreiben, will ich euch das beste KI-Tool dafür vorstellen: <a href="https://notebooklm.google.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NotebookLM von Google</a>. Das Basis-Modell hinter NotebookLM ist Ende März 2026 Googles Frontier-Modell Gemini 3.1 Pro. In diesem Beitrag will ich zeigen, wann und wofür wir NotebookLM und wann eben Gemini 3.1 Pro direkt in der Gemini-App einsetzen – oder andere Frontier-Modelle wie die in ChatGPT bzw. Claude. Wobei hilft der NotebookLM-Architektur-Zwang? Bevor ich diese Fragen ordentlich beantworte, gucken wir uns kurz das Tool an? Was genau ist NotebookLM?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90.png"><img alt="" decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-300x120.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-768x308.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1536x616.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-2048x821.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>NotebookLM</strong> ist wie gesagt Googles KI-Recherche-Tool. Man kann’s aber auch fürs Lernen, Vorbereiten von Vorlesungen und Seminaren u. a. nutzen: Ihr ladet Quellen hoch – PDFs, Webseiten, YouTube-Videos, Google Docs u. v. a. und das Tool arbeitet ausschließlich damit. Ganze 50 Quellen könnt ihr in einem Notebook hochladen.</p> <h2>Was NotebookLM aus euren Quellen machen kann:</h2> <ul> <li><strong>Audio-Übersicht</strong> – generiert einen Podcast-artigen Audio-Dialog über eure Quellen</li> <li><strong>Präsentation</strong> – erstellt Folien aus dem Quellenmaterial</li> <li><strong>Videoübersicht</strong> – fasst Videoinhalte visuell zusammen</li> <li><strong>Mindmap</strong> – visualisiert Zusammenhänge zwischen Konzepten</li> <li><strong>Berichte</strong> – generiert strukturierte Berichte</li> <li><strong>Karteikarten</strong> – erstellt Lernkarten aus dem Material</li> <li><strong>Quiz</strong> – generiert Fragen zum Prüfen des Verständnisses</li> <li><strong>Infografik</strong> – baut visuelle Zusammenfassungen</li> <li><strong>Datentabelle</strong> – extrahiert und strukturiert Daten tabellarisch</li> </ul> <p>Das alles funktioniert recht gut und macht NotebookLM ideal für wissenschaftliche Recherche, schnelle Orientierung in neuen Quellen und strukturierte Notizen dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91.png"><img alt="" decoding="async" height="556" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1536x833.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-2048x1111.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Warum NotebookLM weniger halluziniert – „Source Grounding“</h2> <p>NotebookLM ist ein geschlossenes System. Einen Web-Zugriff gibt es nur bei Recherchen nach neuen Quellen. Antworten sollen ausschließlich auf euren Quellen basieren. Google nennt das „Source Grounding“.<p>Das funktioniert super. Unabhängige Tests zeigen eine Halluzinationsrate von nur ca. 13 % bei NotebookLM, während sie bei reinen nicht optimal geprompteten Frontier-Modellen viel höher liegen. Wie gesagt ist die Basis von NotebookLM Googles Modell Gemini 3.1 Pro. Frontier- bzw. Foundation-Modelle selbst erreichen bei quellengestützten Aufgaben ähnlich kleine Halluzinationsraten (wie Gemini in NotebookLM) – zwischen 10 und 16 %. Das klingt vergleichbar. Aber der Unterschied liegt im 𝗪𝗜𝗘: Bei offenen Wissensfragen ohne Grounding steigen die Halluzinationsraten bei nicht optimal geprompteten Modellen auf 30–45 %. Source Grounding macht eben einen krassen Unterschied.</p><p>Trotzdem sind 13 % Halluzinationen bei NotebookLM eine Menge „Lügen“. Hier blutet Geminis „probabilistisches Weltwissen“ gelegentlich durch – in Formulierungen, in Zusammenfassungen, manchmal in Details, die so nicht in eurer Quelle stehen. (Bitte, nicht vergessen. Sprachmodelle sind immer noch Sprachmodelle, keine Wissensdatenanken. Das Wissen der Sprachmodelle ist probabilistisch: Statistisch gesehen gibt ein Sprachmodell am häufigsten die Information zu einem Thema aus, mit der es am meisten trainiert wurde.) Der entscheidende Vorteil ist jedoch: In NotebookLM ist Source Grounding die Grund-Architektur des Tools. Das System ist so gebaut, dass es nur deine Quellen nutzt.</p><p>Bei Gemini, Claude oder ChatGPT könnt ihr Dokumente auch hochladen und damit das gegebene Modell „grundieren“. Doch um eine Halluzinationsrate von NUR 13 % und weniger als bei NotebookLM zu erreichen, müsst ihr das Modell optimal prompten. Hier ist das „Grundieren“ optionales Verhalten, kein Systemdesign. Ihr müsst wissen, wie man das promptet. Und selbst dann mischt das Modell Quellenwissen mit Trainingswissen, weil es genau dafür gebaut wurde.</p><p>Daraus folgt mein Tipp für die Arbeit mit NotebookLM:</p></p> <p><strong>„𝗪𝗮𝘀 𝘀𝗮𝗴𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝘀 (𝗵𝗼𝗰𝗵𝗴𝗲𝗹𝗮𝗱𝗲𝗻𝗲) 𝗣𝗮𝗽𝗲𝗿 ü𝗯𝗲𝗿 𝗫?“ → 𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠.<br></br>„𝗘𝗿𝗸𝗹ä𝗿𝗲 𝗺𝗶𝗿 𝗫.“ → 𝗚𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶, 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲, 𝗖𝗵𝗮𝘁𝗚𝗣𝗧.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png 572w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-167x300.png 167w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-768x1376.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-857x1536.png 857w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-1143x2048.png 1143w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png 1280w" width="572"></img></a></figure> <ul> <li>NotebookLM ist ein Bibliothekar, der nur die Bücher auf seinem Tisch kennt – und genau das ist seine Stärke.</li> <li>ChatGPT, Claude und Gemini sind Bibliothekare mit Zugang zu Abertausenden Büchern. Die braucht ihr, wenn ihr Fragen an ihr gesamtes Weltwissen habt.</li> </ul> <p>Richtige Frage ans richtige Tool. Das ist der ganze Trick.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>NotebookLM: Googles KI-Tool für Recherche</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Da wir gern wissenschaftliche Recherchen betreiben, will ich euch das beste KI-Tool dafür vorstellen: <a href="https://notebooklm.google.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">NotebookLM von Google</a>. Das Basis-Modell hinter NotebookLM ist Ende März 2026 Googles Frontier-Modell Gemini 3.1 Pro. In diesem Beitrag will ich zeigen, wann und wofür wir NotebookLM und wann eben Gemini 3.1 Pro direkt in der Gemini-App einsetzen – oder andere Frontier-Modelle wie die in ChatGPT bzw. Claude. Wobei hilft der NotebookLM-Architektur-Zwang? Bevor ich diese Fragen ordentlich beantworte, gucken wir uns kurz das Tool an? Was genau ist NotebookLM?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90.png"><img alt="" decoding="async" height="411" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1024x411.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-300x120.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-768x308.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-1536x616.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-90-2048x821.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><strong>NotebookLM</strong> ist wie gesagt Googles KI-Recherche-Tool. Man kann’s aber auch fürs Lernen, Vorbereiten von Vorlesungen und Seminaren u. a. nutzen: Ihr ladet Quellen hoch – PDFs, Webseiten, YouTube-Videos, Google Docs u. v. a. und das Tool arbeitet ausschließlich damit. Ganze 50 Quellen könnt ihr in einem Notebook hochladen.</p> <h2>Was NotebookLM aus euren Quellen machen kann:</h2> <ul> <li><strong>Audio-Übersicht</strong> – generiert einen Podcast-artigen Audio-Dialog über eure Quellen</li> <li><strong>Präsentation</strong> – erstellt Folien aus dem Quellenmaterial</li> <li><strong>Videoübersicht</strong> – fasst Videoinhalte visuell zusammen</li> <li><strong>Mindmap</strong> – visualisiert Zusammenhänge zwischen Konzepten</li> <li><strong>Berichte</strong> – generiert strukturierte Berichte</li> <li><strong>Karteikarten</strong> – erstellt Lernkarten aus dem Material</li> <li><strong>Quiz</strong> – generiert Fragen zum Prüfen des Verständnisses</li> <li><strong>Infografik</strong> – baut visuelle Zusammenfassungen</li> <li><strong>Datentabelle</strong> – extrahiert und strukturiert Daten tabellarisch</li> </ul> <p>Das alles funktioniert recht gut und macht NotebookLM ideal für wissenschaftliche Recherche, schnelle Orientierung in neuen Quellen und strukturierte Notizen dazu.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91.png"><img alt="" decoding="async" height="556" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1024x556.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-1536x833.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-91-2048x1111.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <h2>Warum NotebookLM weniger halluziniert – „Source Grounding“</h2> <p>NotebookLM ist ein geschlossenes System. Einen Web-Zugriff gibt es nur bei Recherchen nach neuen Quellen. Antworten sollen ausschließlich auf euren Quellen basieren. Google nennt das „Source Grounding“.<p>Das funktioniert super. Unabhängige Tests zeigen eine Halluzinationsrate von nur ca. 13 % bei NotebookLM, während sie bei reinen nicht optimal geprompteten Frontier-Modellen viel höher liegen. Wie gesagt ist die Basis von NotebookLM Googles Modell Gemini 3.1 Pro. Frontier- bzw. Foundation-Modelle selbst erreichen bei quellengestützten Aufgaben ähnlich kleine Halluzinationsraten (wie Gemini in NotebookLM) – zwischen 10 und 16 %. Das klingt vergleichbar. Aber der Unterschied liegt im 𝗪𝗜𝗘: Bei offenen Wissensfragen ohne Grounding steigen die Halluzinationsraten bei nicht optimal geprompteten Modellen auf 30–45 %. Source Grounding macht eben einen krassen Unterschied.</p><p>Trotzdem sind 13 % Halluzinationen bei NotebookLM eine Menge „Lügen“. Hier blutet Geminis „probabilistisches Weltwissen“ gelegentlich durch – in Formulierungen, in Zusammenfassungen, manchmal in Details, die so nicht in eurer Quelle stehen. (Bitte, nicht vergessen. Sprachmodelle sind immer noch Sprachmodelle, keine Wissensdatenanken. Das Wissen der Sprachmodelle ist probabilistisch: Statistisch gesehen gibt ein Sprachmodell am häufigsten die Information zu einem Thema aus, mit der es am meisten trainiert wurde.) Der entscheidende Vorteil ist jedoch: In NotebookLM ist Source Grounding die Grund-Architektur des Tools. Das System ist so gebaut, dass es nur deine Quellen nutzt.</p><p>Bei Gemini, Claude oder ChatGPT könnt ihr Dokumente auch hochladen und damit das gegebene Modell „grundieren“. Doch um eine Halluzinationsrate von NUR 13 % und weniger als bei NotebookLM zu erreichen, müsst ihr das Modell optimal prompten. Hier ist das „Grundieren“ optionales Verhalten, kein Systemdesign. Ihr müsst wissen, wie man das promptet. Und selbst dann mischt das Modell Quellenwissen mit Trainingswissen, weil es genau dafür gebaut wurde.</p><p>Daraus folgt mein Tipp für die Arbeit mit NotebookLM:</p></p> <p><strong>„𝗪𝗮𝘀 𝘀𝗮𝗴𝘁 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲𝘀 (𝗵𝗼𝗰𝗵𝗴𝗲𝗹𝗮𝗱𝗲𝗻𝗲) 𝗣𝗮𝗽𝗲𝗿 ü𝗯𝗲𝗿 𝗫?“ → 𝗡𝗼𝘁𝗲𝗯𝗼𝗼𝗸𝗟𝗠.<br></br>„𝗘𝗿𝗸𝗹ä𝗿𝗲 𝗺𝗶𝗿 𝗫.“ → 𝗚𝗲𝗺𝗶𝗻𝗶, 𝗖𝗹𝗮𝘂𝗱𝗲, 𝗖𝗵𝗮𝘁𝗚𝗣𝗧.</strong><aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 572px) 100vw, 572px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-572x1024.png 572w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-167x300.png 167w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-768x1376.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-857x1536.png 857w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93-1143x2048.png 1143w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-93.png 1280w" width="572"></img></a></figure> <ul> <li>NotebookLM ist ein Bibliothekar, der nur die Bücher auf seinem Tisch kennt – und genau das ist seine Stärke.</li> <li>ChatGPT, Claude und Gemini sind Bibliothekare mit Zugang zu Abertausenden Büchern. Die braucht ihr, wenn ihr Fragen an ihr gesamtes Weltwissen habt.</li> </ul> <p>Richtige Frage ans richtige Tool. Das ist der ganze Trick.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/notebooklm-google-recherche-tool/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>9</slash:comments> </item> <item> <title>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/#comments Sat, 21 Mar 2026 16:40:58 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3585 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-768x768.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-1024x1024.jpg" /><h1>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?</strong></p> <span id="more-3585"></span> <p>Spätestens seit dem internationalen Bestseller <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: <em>Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt</em>.</p> <p>Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.</p> <p>Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“</p> <p>Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Psychiatrische Krise</h2> <p>Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/" rel="noopener">dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen</a>.</p> <p>Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.</p> <p>Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie</a>. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben</a> – genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen.</p> <p>Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „<a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a>“ in den Titel geschrieben habe.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Dann halt Psychedelika!</h2> <p>Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!</a> Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.</p> <p>Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.</p> <p>Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD &amp; Co. würden <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-herausforderung-fuer-medizin-psychologie/">die Neuroplastizität erhöhen</a>. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.</p> <p>Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.</p> <p>Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der <em>psychedelischen Erfahrung</em> für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.</p> <h2>Neue Studie</h2> <p>Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.</p> <p>Kritischen Journalisten fielen damals <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus220654662/Depressionen-Heikle-Forschung-mit-den-Drogen-Pilzen-in-Berlin.html" rel="noopener">schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf</a>, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?</p> <p>Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-im-scheinwerferlicht-koennen-sie-die-erwartungen-erfuellen/">Hypes um Psychedelika</a> natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.</p> <p>Wären Psilocybin, LSD &amp; Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.</p> <p>Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.</p> <h2>Die Studienergebnisse</h2> <p>In der Pressemitteilung ist von einer „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">bedeutsamen antidepressiven Wirkung</a>“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478" rel="noopener">veröffentlichte Studie</a> relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.</p> <p>Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.</p> <p>Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.</p> <p>Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zum Hype ernüchternd.</p> <p>Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.</p> <h2>Das Placebo-Problem</h2> <p>Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.</p> <p>Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.</p> <p>Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in <em>Nature Mental Health</em> veröffentliche Studie dann aber auch <a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.28.23289210v1+" rel="noopener">keinen positiven Effekt</a>. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.</p> <p>Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B<sub>3</sub>. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/">zweiten Teil des Artikels</a> weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie-2">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f5162b147c834fb39fe05e157108fe92" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/iffany-mushrooms-8635387-1024x1024.jpg" /><h1>Psychedelika gegen Depressionen: Durchbruch oder teures Placebo? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Verschafft eine neue, mit Millionen geförderte deutsche Studie jetzt Klarheit?</strong></p> <span id="more-3585"></span> <p>Spätestens seit dem internationalen Bestseller <em>How to Change Your Mind?</em> (2018) des amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Michael Pollan sind psychedelische Substanzen kein Nischenthema mehr. Der vollständige Titel in der deutschen Übersetzung von 2019 verrät mehr über die Breite des Themas: <em>Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt</em>.</p> <p>Bei Psychedelika, so scheint es, ist keine Frage zu groß: besser gesunden, besser leben, sogar besser sterben. 2022 folgte eine Serie von Netflix-Dokumentationen mit Pollan.</p> <p>Inzwischen ist die Fülle an Ratgebern und anderen Medien zum Thema kaum noch überschaubar. Und wer nicht einfach über sich selbst schreiben will, weil das vielleicht egoistisch wirkt, schreibt halt über seinen Trip: „Wie ich endlich zu mir selbst fand und nebenbei noch meine psychischen Probleme in den Griff bekam.“</p> <p>Die Erwartungen sind hoch. Gerade Patientinnen und Patienten mit schweren Depressionen hoffen auf einen Durchbruch, auch solche mit der Diagnose Schizophrenie. Sind wir dem jetzt einen Schritt näher gekommen?<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Psychiatrische Krise</h2> <p>Dass man inzwischen selbst Millionenförderung für diese Forschung erhält und die Ergebnisse in den führenden Fachzeitschriften publizieren kann, hat meines Erachtens mit einer doppelten Krise der Psychiatrie zu tun. Psychedelika-Forschung ist ja alles andere als neu. Man experimentierte damit schon in den 1950ern und 1960ern, auch in der Wissenschaft. Die erste Krise sehe ich darin, dass die vorherrschende biologische Psychiatrie dem Dogma nicht gerecht wird, <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/09/das-dogma-der-biologischen-psychiatrie-in-historischer-perspektive/" rel="noopener">dass psychologisch-psychiatrische Störungen Gehirnstörungen sein sollen</a>.</p> <p>Ja, warum kann man sie dann allen modernen Hirn- und Gen-Tests zum Trotz nicht biologisch diagnostizieren? Warum ist man immer noch auf Gespräche, Fragebögen und Beobachtung angewiesen? Und warum kann man auch den Erfolg einer Therapie nicht einfach im Körper nachweisen? Diese Tatsache wird auch bei der Besprechung der neuen Studie zu Psychedelika weiter unten eine Rolle spielen.</p> <p>Die zweite Krise besteht in der stetigen Zunahme der Krankheitslast durch die Störungsbilder: Dass es immer mehr psychologisch-psychiatrische Diagnosen gibt, liest man seit Jahren in den Nachrichten. Vor Kurzem behandelte ich hier die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Vervielfachung der Erwachsenen-ADHS seit der Coronaviruspandemie</a>. Die Diagnosen von Angst- und depressiven Störungen steigen schon viel länger. Von den sogenannten Antidepressiva werden in Deutschland inzwischen jährlich <a href="https://menschen-bilder.blog/2026/01/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/" rel="noopener">über 1,8 Milliarden Tagesdosen verschrieben</a> – genug für die <em>tägliche</em> Behandlung von fünf Millionen Menschen.</p> <p>Man würde sich ja wünschen, dass diese Mittel – neben dem Anstieg von Psychotherapie sowie Magnet- oder Strombehandlungen für das Gehirn – den Betroffenen helfen. Doch im Ergebnis nimmt deren Leiden, zum Beispiel in Zeiten der Arbeitsunfähigkeit ausgedrückt, immer weiter zu. Dementsprechend war es keine Übertreibung, dass ich meinem neuen Buch zum Thema den Begriff „<a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Depressions-Epidemie</a>“ in den Titel geschrieben habe.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2>Dann halt Psychedelika!</h2> <p>Man könnte die Krise so zusammenfassen, dass einerseits die von den Fachleuten seit Jahrzehnten gemachten Versprechen über bessere Behandlungen und weniger Ausgrenzung nicht eingelöst werden; und andererseits die Probleme immer größer werden, obwohl man immer mehr dagegen unternimmt. Ich schlug schon vor fünf Jahren vor: <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychiatrie-gebt-das-medizinische-modell-endlich-auf/">Psychiatrie: Gebt das medizinische Modell endlich auf!</a> Schaut weniger aufs Gehirn und mehr auf die Lebensumstände, in denen die Störungen entstehen.</p> <p>Doch Dogmen können sich selbst in der Wissenschaft sehr lange halten. In Anlehnung an ein berühmtes Zitat von Max Planck: Sie sterben am Ende mit denjenigen, die sie vertreten. Anstatt anders zu suchen, sucht man lieber auf die gleiche Weise, doch mit anderen Mitteln. Und so kamen die Psychedelika ins Rampenlicht.</p> <p>Diejenigen, die am Gehirndenken festhalten wollen, rufen jetzt, Psilocybin, LSD &amp; Co. würden <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-herausforderung-fuer-medizin-psychologie/">die Neuroplastizität erhöhen</a>. Damit meint man, dass mehr Zellverbindungen entstehen. Nebenbei: Dasselbe behaupten diese Leute jetzt auch über die sogenannten Antidepressiva, wo sich die These vom Serotonin-Mangel zum Beispiel bei Depressionen als unhaltbar erwiesen hat.</p> <p>Und nebenbei zwei: Die Neuroplastizität dürfte man auch mit Psychotherapie oder überhaupt vielen Aktivitäten, einschließlich ausgedehnter Spaziergänge in der Natur, Sport oder aktiven Hobbys erhöhen. Das Gehirn ist schließlich ein plastisches Organ und passt sich an das an, was wir mit Körper und Geist so machen.</p> <p>Ein anderes – und tendenziell euphorischeres – Lager hält Psychedelika aber wegen der <em>psychedelischen Erfahrung</em> für vielversprechend. Dabei bedeutet „psychedelisch“ erst einmal nur, dass sie das Bewusstsein verändern oder wortwörtlich: dass sie etwas in der Psyche offenbaren. Damit ist „psychedelisch“ kein klar pharmakologisch bestimmbarer Begriff, sondern ergibt sich aus dem, was Menschen durch die Einnahme solcher Mittel erfahren.</p> <h2>Neue Studie</h2> <p>Ob sich das klinisch und insbesondere zur Behandlung depressiver Störungen nutzen lässt, sollte ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter der Leitung von Gerhard Gründer, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, klären. Er und seine Forschungspartner erhielten dafür seit Ende 2020 mehrere Millionen vom Bundesforschungsministerium.</p> <p>Kritischen Journalisten fielen damals <a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus220654662/Depressionen-Heikle-Forschung-mit-den-Drogen-Pilzen-in-Berlin.html" rel="noopener">schon außergewöhnliche kommerzielle Interessen auf</a>, auf die ich im zweiten Teil näher eingehen werde. Doch was für ein Fauxpas: Gründers Geschäftspartner stellte die Millionenförderung wohl schon als bewilligt dar, bevor das Ministerium die Entscheidung getroffen hatte. Die Ministerialbeamten waren nicht erfreut. Aber vielleicht verleihen Psilocybin-Pilze ja die Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen?</p> <p>Wie dem auch sei: Dass man der Frage nach der Wirksamkeit wissenschaftlich nachgeht, ist angesichts des <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-im-scheinwerferlicht-koennen-sie-die-erwartungen-erfuellen/">Hypes um Psychedelika</a> natürlich richtig. Ich selbst bin auf den Zug nicht aufgesprungen, weil für mich Depressionen und andere psychische Störungen keine „Gehirn-Dinge“ sind, sondern in einer komplexen Wechselwirkung von Körper, persönlicher Erfahrung und der Umgebung entstehen.</p> <p>Wären Psilocybin, LSD &amp; Co. wirklich Wundermittel, hätte man das schon in den 1960ern herausgefunden. Oder bereits in den 1950ern, als es klinische Studien mit dem psychedelischen Meskalin aus der Frucht des Peyote-Kaktus gab. Diesen Mitteln ist gemeinsam, dass sie die Funktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn beeinflussen. Doch wie sie das genau tun, ist ein sehr komplexes Thema.</p> <p>Für die neue Studie unter der Leitung Gründers wurden von 2021 bis 2024 144 Menschen – ausgewählt aus über 3000 Freiwilligen – mit mittleren bis schweren Depressionen behandelt, die von pharmakologischen Therapien nicht langfristig profitiert hatten. Damit galten sie als „therapieresistent“. Die Ergebnisse wurden am 19. März dieses Jahres am Zentralinstitut in Mannheim vorgestellt.</p> <h2>Die Studienergebnisse</h2> <p>In der Pressemitteilung ist von einer „<a href="https://www.zi-mannheim.de/institut/news-detail/psilocybin-mit-psychotherapie-zeigt-bedeutsame-wirkung-bei-behandlungsresistenten-depressionen.html" rel="noopener">bedeutsamen antidepressiven Wirkung</a>“ die Rede. Das klingt vielversprechend. Ein Blick in die am 18. März in der einflussreichen Zeitschrift <em>JAMA Psychiatry</em> <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamapsychiatry/fullarticle/2846478" rel="noopener">veröffentlichte Studie</a> relativiert das allerdings. Dort ist in der Schlussfolgerung von einem „unschlüssigen Versuch“ (inconclusive trial) die Rede. Doch der Reihe nach.</p> <p>Man muss erst einmal verstehen, wie die Depressivität der Versuchspersonen gemessen wurde. Hierfür verwendete man hauptsächlich eine 52-Punkte-Skala, die auf die Forschung des emigrierten Deutsch-Briten Max Hamilton (ursprünglicher Name: Himmelschein) in den 1960ern zurückgeht. Je höher die Punktzahl aufgrund von Fragen zum Beispiel zur Schwere der Niedergeschlagenheit, von Schlafproblemen, Libidoverlust oder Gewichtsveränderungen, desto schlimmer die Depressionen. Ab 17 Punkten spricht man von einer moderaten, ab 25 von einer schweren depressiven Störung.</p> <p>Das Hauptziel der Studie war, die so gemessene Punktzahl zu halbieren. Dieses Ziel wurde in der Breite verfehlt.</p> <p>Die trotzdem berichtete „bedeutsame Wirkung“ besteht darin, dass sieben und zwölf Wochen nach dem Start des Versuchs der Depressionswert im Schnitt um sieben bis acht Punkte niedriger war als am Anfang. Dadurch dürften einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einen niedrigeren Schweregrad gerutscht sein und ein paar sogar unter den Grenzwert für die depressive Störung. Das Ergebnis ist also nicht nichts – aber wirkt im Vergleich zum Hype ernüchternd.</p> <p>Demgegenüber standen Nebenwirkungen wie unangenehme Wahrnehmungsverzerrungen und bei jeweils 4 Prozent Paranoia oder Suizidgedanken nach der Psilocybin-Gabe. Insgesamt ist in 28 Prozent der Fälle von ernsthaften Nebenwirkungen die Rede, verglichen mit 8 Prozent nach dem Placebo. Diese waren jedoch in der Regel von vorübergehender Art.</p> <h2>Das Placebo-Problem</h2> <p>Doch, Stichwort „Placebo“, hier lauert ein großes Problem der Psychedelika-Forschung: Schon bei der Untersuchung der sogenannten Antidepressiva wird die eigentlich nötige Placebo-Kontrolle oft durchbrochen. Das liegt daran, dass einige Versuchspersonen und klinische Fachleute aufgrund der Nebenwirkungen darauf schließen können, wer den Wirkstoff bekommen hat. Dabei sollen mit den Placebos die Wirkungen der subjektiven Erwartungen der Teilnehmenden und der Behandlungssituation abgezogen werden.</p> <p>Nun gibt es für Psychedelika per Definition keine echte Placebo-Kontrolle. Wir wir gesehen haben, werden diese Mittel gerade über ihre Bewusstseinseffekte charakterisiert. Ob man einen psychedelischen Trip hat oder nicht, das weiß man im Prinzip immer – jedenfalls bei einer starken wirksamen Dosis wie den 25 mg Psilocybin in der neuen Studie.</p> <p>Das brachte Mediziner an der Stanford-Universität auf die pfiffige Idee, Depressiven bei einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose – natürlich nach Aufklärung und Einwilligung – das Rauschmittel Ketamin zu geben. Dieses wird in jüngerer Zeit auch als Antidepressivum verwendet. Damit konnte man sozusagen denn Bewusstseinseffekt gesichert abziehen und zuverlässig mit einem Placebo kontrollieren. Im Ergebnis zeigte die 2024 in <em>Nature Mental Health</em> veröffentliche Studie dann aber auch <a href="https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2023.04.28.23289210v1+" rel="noopener">keinen positiven Effekt</a>. Das spricht für einen Placebo-Effekt bei bewusster Einnahme.</p> <p>Aufgrund der langfristigen psychedelischen Wirkung von Psilocybin über viele Stunden hinweg, wäre so ein Vorgehen hier problematisch. Stattdessen wurden in der Studie unter der Gründers Leitung neben 25 mg in Kontrollbedingungen 5 mg des Psychedelikums verabreicht oder stattdessen Nicotinamid, eine Form von Vitamins B<sub>3</sub>. Und nicht zu vergessen: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhielten bei dem Versuch psychotherapeutische Begleitung. Daher spricht man auch von „psychedelisch-augmentierter Psychotherapie“.</p> <h2>Zwischenfazit</h2> <p>Das Zwischenfazit so weit: Die neue Studie erbrachte nicht den erhofften Durchbruch. Es gab im Durchschnitt eine gewisse Verringerung der Depressivität, deren Bedeutung wir im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/therapie-mit-psychedelika-fazit-und-ausblick/">zweiten Teil des Artikels</a> weiter thematisieren. Darin wird es auch um die finanziellen Interessen hinter dieser Forschung gehen.</p> <h2 id="neues-buch-zur-depressions-epidemie-2">Neues Buch zur Depressions-Epidemie</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/mushrooms-mushroom-nature-forest-8635387/" rel="noopener">Ivana Tomášková</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/f5162b147c834fb39fe05e157108fe92" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/psychedelika-gegen-depressionen-durchbruch-oder-teures-placebo/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>31</slash:comments> </item> <item> <title>Zodiac Ausstellung Berlin https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/#respond Fri, 20 Mar 2026 21:24:12 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12704 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152.jpg" /><h1>Zodiac Ausstellung Berlin » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: <strong>Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises</strong>. Ab dem <strong>21. März 2026 und bis 10. Januar 2027</strong> ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet (siehe <a href="https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/schicksal-in-den-sternen/" rel="noopener">Museumseite unter „Für Erwachsene“</a>). </p> <p>Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin ein(e) Berliner(in)“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. </p> <h2>Thema</h2> <p>Die <strong>Anfänge des Tierkreises</strong> sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Die Orakel für das eigene Schicksal, die viele Leute heute mit dem Tierkreis verbinden, sind eigentlich eine recht „neue“ Ergänzung für das viel ältere Konzept des Tierkreises: seine Ursprünge liegen in Sternkalendern zur Vorhersage von jahreszeitlichem Wetter. Darum geht’s hier: die <em>Anfänge</em> des Tierkreises sind eigentlich observable „Kalender in den Sternen“.</p> <p>Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein mathematische Konstrukt so sexy, dass es heutzutage in der Weltstadt Berlin <strong>eine internationale Klientel anspricht</strong> und historisch nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau, es sind die attraktiven Bilder: die Sterne selbst und die Projektionen menschlichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheorie" rel="noopener">Gestalt-Sehens</a>.</p> <p>Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit, mathematische Tabellen zur Planetenbewegung auf Tontafeln, der „<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/">Mann im Mond</a>“ eingeritzt auf einer Tontafel und der mittelalterlich-zentraleuropäische Zodiak-Mann, der Sternzeichen und Körperteile verschränkt… <aside></aside></p> <p>Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und <strong>Popkulturtauglichkeit von Mathematik</strong>.</p> <p>Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. </p> <p>Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, <strong>14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna</strong>, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten aufwendig restauriert wird. </p> <p>Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den runden Tierkreis von Dendera (es gibt auch einen eckigen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">siehe mein früherer post von dort</a>). </p> <p>Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die <strong>traditionsreiche Spitzenforschung</strong> zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofretete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch <strong>heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  </strong></p> <p>Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/wissensgeschichte/index.html" rel="noopener">Institut für Wissensgeschichte des Altertums</a> hatte ich bereits früher geschrieben: </p> <ul> <li>Konferenz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiacus/">„Imagining the Sky“</a> in Berlin von ZODIAC im September 2022</li> <li>Ausgrabungen in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/esna-tempel-arbeit-des-aegyptologen-leitz/">Esna, Ägypten von Prof. Leitz (Tübingen)</a> und seine sensationellen Ergebnisse</li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">Zodiakoi von Dendera (Äg.)</a>, zu denen Frau Dr. Mendel-Leitz und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-dendera-sternkarte-in-stellarium/">ich</a> damals publiziert hatten</li> </ul> <p>Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken, frei nach Mozarts „Zauberflöte“ – leider nicht wie der New Yorker Zentralbhf.) trägt: der Tempel unter den Musentempeln. </p> <p>Nachwievor ist Berlin ein weltweiter ‚Hub‘: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. </p> <h2>Ein Stück vom Himmel</h2> <p>Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ORzHfEA1wFg" rel="noopener">Stück vom Himmel</a> (wie Grönemeyer singt) zu <em>eigen</em> zu <em>machen</em>. </p> <div> <p>Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe <a href="https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/astrologie-der-ursprung-von-horoskopen/" rel="noopener">National Geographic</a>). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. </p> <div> <div><em>…<br></br>Dies ist dein Ziel</em><p><em>Du bist <strong>ein Unikat</strong></em><em>Das <strong>sein eigenes Orakel</strong> spielt</em><em>Es wird zu viel geglaubt</em><em>Zu wenig erzählt</em></p></div> <div><strong><em>Es sind Geschichten</em></strong><p><em>Sie einen diese Welt</em><em>Nöte, Legenden</em><em>Schicksale, Leben und Tod</em><em>Glückliche Enden, Lust und Trost</em></p></div> <p><strong><em>Ein Stück vom Himmel </em></strong></p> <p>…<br></br>(Grönemeyer)</p> </div> </div> <p>Astrologie ist eben doch eine Art Religion. </p> <h2>Viel Spaß!</h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png 722w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-212x300.png 212w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png 752w" width="722"></img></a><figcaption>winzige Gemme ganz groß – das Poster</figcaption></figure> </div> <p><a href="https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/astrologie-wissenschaft-tierkreiszeichen-100.html" rel="noopener">Tagesschau</a></p> <h2>Post Scriptum </h2> <p>Die Amateurastronomen werden hier aufschreien: wie kann sie nur – „Zodiac“, das ist doch Astrologie – ih-ba-ba… Ehrlich gesagt, ist das höherer Quatsch: Als moderne Astronomin darf ich nicht über moderne Astrologie schreiben (würde ich auch nicht), aber als Naturwissenschaftshistorikerin darf ich über die Anfänge der modernen Naturwissenschaft schreiben. Es ist nicht so, dass „damals“ (im Altertum oder sonstwann) die Menschen weniger von der Welt verstanden hätten und daher noch Mystik mit Wissenschaft vermischten: Das ist eine ziemlich arrogante Vorstellung. Vielmehr ist es so, dass Planungssicherheit ein Grundbedürfnis von Menschen ist und daher alle Methoden für Vorhersagen ausprobiert wurden. </p> <p>Die Kategorien, die manche Leute heute haben, entspringen jedenfalls oft zu engen Scheuklappen. Ptolemäus z.B. wählte in seinem Sternkatalog im Jahr 135 CE ein ekliptikales Koordinatensystem. Ein alter Amateurastronom sagte bei einem Vortrag von mir dazu einst „naja, der halt sich halt auch für Astrologie interessiert“, aber in Wahrheit ist der Grund ein anderer: Es steht über zahlreiche Seiten ausführlich da, dass der Wert darin besteht, dass der Katalog auf diese Art über viele Jahrhunderte nutzbar sein wird, weil Präzession durch Kopfrechnen ausgleichbar ist. Siehe: <em><strong>nicht alles, das mit „Tierkreis“ zu tun hat, ist Astrologie</strong></em>. Und selbst wenn dieses Projekt meiner <strong>Kollegen Astrologiegeschichte</strong> beinhaltet – was sollte daran schlimm sein? <strong>Andere Religionen werden doch auch von Historikern erforscht</strong>?</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/20260320_191152.jpg" /><h1>Zodiac Ausstellung Berlin » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Pünktlich zum Frühlingsäquinoktium wurde am Abend des 20. März im Neuen Museum in Berlin eine temporäre Sonderausstellung eröffnet: <strong>Das Schicksal in den Sternen – über die Anfänge des Tierkreises</strong>. Ab dem <strong>21. März 2026 und bis 10. Januar 2027</strong> ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich und wird mit einem Programm von monatlichen Fachvorträgen begleitet (siehe <a href="https://www.smb.museum/ausstellungen/detail/schicksal-in-den-sternen/" rel="noopener">Museumseite unter „Für Erwachsene“</a>). </p> <p>Gäste aus Afrika (Ägypten), Amerika (USA), Asien (China) und Austronesien (Australien + Indonesien) waren anlässlich der Eröffnung nach Europa gekommen. Wieder mit Stolz – obschon aus anderen Gründen als zu Kennedys Zeiten – wird die Aussage „ich bin ein(e) Berliner(in)“ zu einem Synonym für Weltoffenheit, Freiheit und einen friedlichen Fleck in einer rauen Welt. </p> <h2>Thema</h2> <p>Die <strong>Anfänge des Tierkreises</strong> sind eigentlich ein astronomisches Koordinatensystem. Die Orakel für das eigene Schicksal, die viele Leute heute mit dem Tierkreis verbinden, sind eigentlich eine recht „neue“ Ergänzung für das viel ältere Konzept des Tierkreises: seine Ursprünge liegen in Sternkalendern zur Vorhersage von jahreszeitlichem Wetter. Darum geht’s hier: die <em>Anfänge</em> des Tierkreises sind eigentlich observable „Kalender in den Sternen“.</p> <p>Was macht dieses abstrakte, nicht observable, rein mathematische Konstrukt so sexy, dass es heutzutage in der Weltstadt Berlin <strong>eine internationale Klientel anspricht</strong> und historisch nach seiner Erfindung in Babylon ziemlich prompt in allen Nachbarkulturen Eurasiens aufgenommen wurde? Genau, es sind die attraktiven Bilder: die Sterne selbst und die Projektionen menschlichen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gestalttheorie" rel="noopener">Gestalt-Sehens</a>.</p> <p>Darum fokussiert die Ausstellung auf historische Abbildungen von Tierkreis-Figuren: der babylonische Ziegenfisch auf einer römischen Gemme wird auf dem Werbeplakat zur Ausstellung gezeigt. In Vitrinen finden sich Papyri, Tontafeln und Münzen: sie bezeugen stroboskopisch die Entwicklung des Tierkreises von einem rein mathematischen Konstrukt hin zu einem kulturellen Phänomen, das in der astronomischen Fachliteratur wie auch im Alltag aller Menschen sehr schnell nach seiner Erfindung in Babylon um 400 v.Chr. Einzug hält. Das erste bekannte Horoskop (auf einem Papyrus des 1. Jh.), Tierkreisdarstellungen in ägyptischen Tempeln aus römischer Zeit, mathematische Tabellen zur Planetenbewegung auf Tontafeln, der „<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/plejaden-tontafel-vat-7851/">Mann im Mond</a>“ eingeritzt auf einer Tontafel und der mittelalterlich-zentraleuropäische Zodiak-Mann, der Sternzeichen und Körperteile verschränkt… <aside></aside></p> <p>Durch seinen Bilderreichtum ist der Tierkreis eines der frühesten Beispiele für die visuelle Attraktivität und <strong>Popkulturtauglichkeit von Mathematik</strong>.</p> <p>Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung kam sogar der Generalsekretär der ägyptischen Antikensammlung in Kairo (Secretary General of the Supreme Council of Antiquity, Ministry of Tourism and Antiquities), Dr. Hisham El-Leithy, extra nach Berlin und begrüßte stolz die internationalen Gäste. </p> <p>Ein Highlight der Ausstellung ist das super-hochaufgelöste, <strong>14 m lange Panorama-Bild des Tierkreises von Esna</strong>, das von einem deutsch-ägyptischen Team in Ägypten aufwendig restauriert wird. </p> <p>Prof. Dr. Dr. Mathieu Ossendrijver, der Leiter des ERC-geförderten Forschungsprojekts ZODIAC an der FU Berlin erklärt ägyptischen Gästen den runden Tierkreis von Dendera (es gibt auch einen eckigen: <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">siehe mein früherer post von dort</a>). </p> <p>Besonders stolz ist das Kuratoren-Team, dass alle Exponate für diese Ausstellung direkt aus den eigenen Berliner Sammlungen stammen. Es sei ein Aushängeschild für die <strong>traditionsreiche Spitzenforschung</strong> zur Geschichte des Altertums in Berlin: nicht nur wurde in früheren Jahrhunderten das der Liebesgöttin Ischtar gewidmete Stadttor von Babylon hier in Berlin wieder errichtet und die Büste der schönsten Königin der Welt, der ägyptischen Nofretete, hier in Berlin aufbewahrt und inszeniert. Auch <strong>heute ist die Berliner Altertumsforschung an der Weltspitze!  </strong></p> <p>Zur Geschichte des Tierkreises und dem Berliner Forschungsprojekt ZODIAC am <a href="https://www.geschkult.fu-berlin.de/e/wissensgeschichte/index.html" rel="noopener">Institut für Wissensgeschichte des Altertums</a> hatte ich bereits früher geschrieben: </p> <ul> <li>Konferenz <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiacus/">„Imagining the Sky“</a> in Berlin von ZODIAC im September 2022</li> <li>Ausgrabungen in <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/esna-tempel-arbeit-des-aegyptologen-leitz/">Esna, Ägypten von Prof. Leitz (Tübingen)</a> und seine sensationellen Ergebnisse</li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/dendera-tempel-die-beruehmten-zodiakoi/">Zodiakoi von Dendera (Äg.)</a>, zu denen Frau Dr. Mendel-Leitz und <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/die-dendera-sternkarte-in-stellarium/">ich</a> damals publiziert hatten</li> </ul> <p>Dass Berlin den im Boden gefundenen Himmel bis heute wertzuschätzen weiß, zeigt auch die Dekoration der U-Bahnstation „Museumsinsel“ an der U3, die bekanntlich seit einigen Jahren einen künstlichen Sternhimmel (LEDs in geometrischem Muster wie in Kirchendecken, frei nach Mozarts „Zauberflöte“ – leider nicht wie der New Yorker Zentralbhf.) trägt: der Tempel unter den Musentempeln. </p> <p>Nachwievor ist Berlin ein weltweiter ‚Hub‘: nicht nur für Spione wie im Kalten Krieg, sondern auch für Forschende aus aller Welt und in allen Fächern und damit wissenschaftliche Forschung, nichtmilitärische und unpolitische Informationen. </p> <h2>Ein Stück vom Himmel</h2> <p>Blau und Sandfarben: Die Farben der Ausstellung kombinieren Himmel und Erde; sie holen den Himmel auf die Erde – oder wenigstens ein kleines Stück davon. Damit greifen sie das gleiche Thema auf wie die zahlreichen Abbildungen von Tierkreisbildchen auf Münzen, Tellern und anderen Alltagsgegenständen, die den Versuch von Menschen früher Epochen zeigen, sich ein <a href="https://www.youtube.com/watch?v=ORzHfEA1wFg" rel="noopener">Stück vom Himmel</a> (wie Grönemeyer singt) zu <em>eigen</em> zu <em>machen</em>. </p> <div> <p>Der Tierkreis als transkulturelles Phänomen, als Ersatz oder Ergänzung anderer Religionen, hat im Augenblick wieder Hochkonjunktur (siehe <a href="https://nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/12/astrologie-der-ursprung-von-horoskopen/" rel="noopener">National Geographic</a>). Die Welt wird seit Jahren von einer Krise in die nächste geworfen und es ist menschlich, dass man dann Trost zu finden sucht in etwas, das man so wenig anfassen kann wie die Ursachen der Krisen, gegenüber denen man sich machtlos findet. </p> <div> <div><em>…<br></br>Dies ist dein Ziel</em><p><em>Du bist <strong>ein Unikat</strong></em><em>Das <strong>sein eigenes Orakel</strong> spielt</em><em>Es wird zu viel geglaubt</em><em>Zu wenig erzählt</em></p></div> <div><strong><em>Es sind Geschichten</em></strong><p><em>Sie einen diese Welt</em><em>Nöte, Legenden</em><em>Schicksale, Leben und Tod</em><em>Glückliche Enden, Lust und Trost</em></p></div> <p><strong><em>Ein Stück vom Himmel </em></strong></p> <p>…<br></br>(Grönemeyer)</p> </div> </div> <p>Astrologie ist eben doch eine Art Religion. </p> <h2>Viel Spaß!</h2> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 722px) 100vw, 722px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-722x1024.png 722w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001-212x300.png 212w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/zodiac-exhib_image001.png 752w" width="722"></img></a><figcaption>winzige Gemme ganz groß – das Poster</figcaption></figure> </div> <p><a href="https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/astrologie-wissenschaft-tierkreiszeichen-100.html" rel="noopener">Tagesschau</a></p> <h2>Post Scriptum </h2> <p>Die Amateurastronomen werden hier aufschreien: wie kann sie nur – „Zodiac“, das ist doch Astrologie – ih-ba-ba… Ehrlich gesagt, ist das höherer Quatsch: Als moderne Astronomin darf ich nicht über moderne Astrologie schreiben (würde ich auch nicht), aber als Naturwissenschaftshistorikerin darf ich über die Anfänge der modernen Naturwissenschaft schreiben. Es ist nicht so, dass „damals“ (im Altertum oder sonstwann) die Menschen weniger von der Welt verstanden hätten und daher noch Mystik mit Wissenschaft vermischten: Das ist eine ziemlich arrogante Vorstellung. Vielmehr ist es so, dass Planungssicherheit ein Grundbedürfnis von Menschen ist und daher alle Methoden für Vorhersagen ausprobiert wurden. </p> <p>Die Kategorien, die manche Leute heute haben, entspringen jedenfalls oft zu engen Scheuklappen. Ptolemäus z.B. wählte in seinem Sternkatalog im Jahr 135 CE ein ekliptikales Koordinatensystem. Ein alter Amateurastronom sagte bei einem Vortrag von mir dazu einst „naja, der halt sich halt auch für Astrologie interessiert“, aber in Wahrheit ist der Grund ein anderer: Es steht über zahlreiche Seiten ausführlich da, dass der Wert darin besteht, dass der Katalog auf diese Art über viele Jahrhunderte nutzbar sein wird, weil Präzession durch Kopfrechnen ausgleichbar ist. Siehe: <em><strong>nicht alles, das mit „Tierkreis“ zu tun hat, ist Astrologie</strong></em>. Und selbst wenn dieses Projekt meiner <strong>Kollegen Astrologiegeschichte</strong> beinhaltet – was sollte daran schlimm sein? <strong>Andere Religionen werden doch auch von Historikern erforscht</strong>?</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/zodiac-exhibition-berlin/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/#comments Wed, 18 Mar 2026 21:12:11 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3784 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/ <h1>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch 2026 gibt es wieder ein „Gestein des Jahres” – und diesmal ist es ein recht explosives. Okay, vielleicht nicht das Gestein selbst, aber seine Entstehung kann durchaus mit Explosionen verbunden sein. Rhyolith ist nämlich ein vulkanisches Gestein, das bei Vulkanausbrüchen entsteht. Es entsteht, wenn saure Magmen an die Erdoberfläche gelangen.</p> <h2>Was ist Rhyolith?</h2> <p>Der Name „Rhyolith“ setzt sich aus den griechischen Wörtern rheĩn für „fließen“ und lithos für „Stein“ zusammen. Die Bezeichnung für das Gestein wurde bereits 1860 von Ferdinand von Richthofen eingeführt. Ältere Bezeichnungen für dieses Gestein sind Quarzporphyr und Liparit. Quarzporphyr bezieht sich dabei auf Gesteine, die sich vor dem Mesozoikum gebildet haben.</p> <p>Rhyolithe sind felsische, also hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehende, vulkanische Gesteine. Ihre Zusammensetzung entspricht der des Tiefengesteins Granit. Sie entstehen, wenn saure Magmen bis an die Erdoberfläche gelangen und dort abkühlen. Diese Magmen sind SiO₂-gesättigt und entsprechen in etwa einer Kombination aus Quarz und Kalifeldspat. Das ermöglicht die Bestimmung aller Rhyolithe mit erkennbaren Quarz- und Kalifeldspateinsprenglingen nur über die Einsprenglinge, auch wenn möglicherweise etwas Biotit vorkommen kann.</p> <p>Die makroskopisch nicht weiter unterscheidbare Grundmasse kann dann nur aus Quarz und Kalifeldspat bestehen.</p> <h2>Wie ist Rhyolith zusammengesetzt?</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg"><img alt="Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Roter Ostseequarzporphyr</figcaption></figure> <p>Wie bereits gesagt, bestehen Rhyolithe hauptsächlich aus Quarz und Kalifeldspat, wobei der Quarzanteil zwischen 20 und 60 Massenprozent schwanken kann. Damit stellen Rhyolithe die bei niedrigstmöglichen Temperaturen auskristallisierte, SiO₂-gesättigte Zusammensetzung von Magma dar.<aside></aside></p> <p>Es gibt fließende Übergänge zum Dacit. Die Bezeichnung „Rhyodacit” ist jedoch nicht von der IUGS anerkannt.</p> <p>Rhyolithe zeigen meist ein porphyrisches Gefüge. Das heißt, dass sie aus einer feinkristallinen Grundmasse bestehen, in der man mit unbewaffnetem Auge keine einzelnen Minerale unterscheiden kann. In diese Grundmasse sind dann größere Einsprenglinge aus Feldspat oder Quarz eingebettet. Diese können von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern groß sein. Es gibt jedoch auch Rhyolithe ohne Einsprenglinge.</p> <h3>Aussehen</h3> <p>Manche Rhyolithe zeigen gut erkennbare Fließstrukturen, was ein klein wenig irreführend ist. Denn rhyolithische Laven fließen nicht aus Vulkanen, wie es bei basaltischen Laven der Fall ist. Sie sind in der Regel massig und zeigen nur sehr selten säulige Formen, wie sie bei Basalt zu beobachten sind. Häufiger sind bankige oder plattige Strukturen zu beobachten.</p> <p>Ihre Farbe ist hell, oft auch rötlich. Die rötliche Farbe ist dabei immer ein Hinweis auf postmagmatische Alteration. Es gibt auch glasige (Obsidian) und schaumige (Bims oder Perlit) Formen.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Quarzporphyr.jpg"></img><figcaption>Angeschliffenes Handstück eines Rotliegend-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6bej%C3%BCner_Porphyr" rel="noopener">Rhyoliths aus Löbejün</a>. Gut erkennbar die hellen Kalifeldspäte und die hier grau erscheinenden Quarze. Gescanntes Handstück von Grabenstedt, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Quarzporphyr.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Quarzporphyr</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>.</figcaption></figure> <h2>Wie entstehen Rhyolithe?</h2> <p>Wie ich oben bereits sagte, kann man manchmal Fließstrukturen erkennen. Das ist jedoch in gewisser Hinsicht irreführend. Das liegt daran, dass rhyolitische Lava aufgrund ihres hohen SiO₂-Gehalts sehr zäh ist und sich nur langsam abkühlt. Sie fließt nicht die Hänge herab, wie es bei basaltischer Lava der Fall ist. Rhyolithe und ihre petrografisch verwandten Dacite sind in der Regel ignimbritisch oder zumindest pyroklastisch. Sie entstehen durch mehr oder weniger mächtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/hier-geht-es-hei-her-pyroklastische-str-me/">Glutwolkenablagerungen</a> bei explosivem Vulkanismus. </p> <p>Ignimbritische Rhyolithe können aufgrund ihrer hohen Verwitterungsresistenz extrem große und mächtige Ablagerungen darstellen. Diese Härte lässt sie oft wie schroffe, massive Felsen mit steilen Wänden erscheinen. So besteht beispielsweise die größte außeralpine Steilwand Deutschlands, der rund 200 Meter hohe und gut zwei Kilometer lange Rothenfels an der Nahe bei Bad Münster, aus dem Kreuznacher Porphyr, einem Rhyolith.</p> <h2>Wo kann man Rhyolithe finden?</h2> <p>Rhyolithe treten meist im Zusammenhang mit kontinentalem Vulkanismus auf. In Europa finden wir sie beispielsweise im Flechtinger Höhenzug, im Ilfelder Becken im Südharz, in der Saar-Nahe-Senke, wo sie unter anderem im Kreuznacher Porphyr vorkommen, sowie am Königsstuhl. Auch der Karlsruher Grat im Schwarzwald besteht aus Rhyolith. Weitere Fundorte sind das nördliche Sachsen, das südliche Sachsen-Anhalt, die östliche Hälfte des Thüringer Waldes und die Vogesen. Dies sind jedoch nur einige Beispiele.</p> <p>An der Ostseeküste kann man im Geschiebe verschiedene Rhyolithe finden, zum Beispiel den <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/roter-ostsee-quarzporphyr-kristallines-geschiebe-des-jahres-2018/">Roten Ostseequarzporphyr.</a></p> <h2>Wozu kann man Rhyolithe verwenden?</h2> <p>Früher wurden Obsidianvorkommen oft zur Herstellung von Steinwerkzeugen genutzt. Heute wird Obsidian dagegen überwiegend nur zur Herstellung von Kunstgegenständen verwendet. Aufgrund ihrer Härte und Zähigkeit werden ignimbritische Rhyolithe gerne als Schotter, Split oder Pflastersteine verwendet. Auch als Naturwerkstein wird Rhyolith gerne genutzt. Wenn man durch unsere modernen Städte geht, kann man in den Shoppingcentern oft sehr gute „urbane Geologie” betreiben. So findet man am Neuen Wall in Hamburg beispielsweise <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rochlitzer_Porphyr" rel="noopener">Rochlitzer Porphyr</a>. Dieser Rhyolith wurde 2022 von der International Union of Geological Sciences (IUGS) als erstes Gestein Deutschlands zum „Heritage Stone“, also zum „Naturstein-Welterbe“, ernannt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rhyolith – Gestein des Jahres 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Auch 2026 gibt es wieder ein „Gestein des Jahres” – und diesmal ist es ein recht explosives. Okay, vielleicht nicht das Gestein selbst, aber seine Entstehung kann durchaus mit Explosionen verbunden sein. Rhyolith ist nämlich ein vulkanisches Gestein, das bei Vulkanausbrüchen entsteht. Es entsteht, wenn saure Magmen an die Erdoberfläche gelangen.</p> <h2>Was ist Rhyolith?</h2> <p>Der Name „Rhyolith“ setzt sich aus den griechischen Wörtern rheĩn für „fließen“ und lithos für „Stein“ zusammen. Die Bezeichnung für das Gestein wurde bereits 1860 von Ferdinand von Richthofen eingeführt. Ältere Bezeichnungen für dieses Gestein sind Quarzporphyr und Liparit. Quarzporphyr bezieht sich dabei auf Gesteine, die sich vor dem Mesozoikum gebildet haben.</p> <p>Rhyolithe sind felsische, also hauptsächlich aus Quarz und Feldspat bestehende, vulkanische Gesteine. Ihre Zusammensetzung entspricht der des Tiefengesteins Granit. Sie entstehen, wenn saure Magmen bis an die Erdoberfläche gelangen und dort abkühlen. Diese Magmen sind SiO₂-gesättigt und entsprechen in etwa einer Kombination aus Quarz und Kalifeldspat. Das ermöglicht die Bestimmung aller Rhyolithe mit erkennbaren Quarz- und Kalifeldspateinsprenglingen nur über die Einsprenglinge, auch wenn möglicherweise etwas Biotit vorkommen kann.</p> <p>Die makroskopisch nicht weiter unterscheidbare Grundmasse kann dann nur aus Quarz und Kalifeldspat bestehen.</p> <h2>Wie ist Rhyolith zusammengesetzt?</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg"><img alt="Ein roter Stein mit grauen Quarzeinsprenglingen liegt auf Sand" decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 640px) 100vw, 640px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z.jpg 640w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/45474302242_2f951310bc_z-300x225.jpg 300w" width="640"></img></a><figcaption>Roter Ostseequarzporphyr</figcaption></figure> <p>Wie bereits gesagt, bestehen Rhyolithe hauptsächlich aus Quarz und Kalifeldspat, wobei der Quarzanteil zwischen 20 und 60 Massenprozent schwanken kann. Damit stellen Rhyolithe die bei niedrigstmöglichen Temperaturen auskristallisierte, SiO₂-gesättigte Zusammensetzung von Magma dar.<aside></aside></p> <p>Es gibt fließende Übergänge zum Dacit. Die Bezeichnung „Rhyodacit” ist jedoch nicht von der IUGS anerkannt.</p> <p>Rhyolithe zeigen meist ein porphyrisches Gefüge. Das heißt, dass sie aus einer feinkristallinen Grundmasse bestehen, in der man mit unbewaffnetem Auge keine einzelnen Minerale unterscheiden kann. In diese Grundmasse sind dann größere Einsprenglinge aus Feldspat oder Quarz eingebettet. Diese können von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern groß sein. Es gibt jedoch auch Rhyolithe ohne Einsprenglinge.</p> <h3>Aussehen</h3> <p>Manche Rhyolithe zeigen gut erkennbare Fließstrukturen, was ein klein wenig irreführend ist. Denn rhyolithische Laven fließen nicht aus Vulkanen, wie es bei basaltischen Laven der Fall ist. Sie sind in der Regel massig und zeigen nur sehr selten säulige Formen, wie sie bei Basalt zu beobachten sind. Häufiger sind bankige oder plattige Strukturen zu beobachten.</p> <p>Ihre Farbe ist hell, oft auch rötlich. Die rötliche Farbe ist dabei immer ein Hinweis auf postmagmatische Alteration. Es gibt auch glasige (Obsidian) und schaumige (Bims oder Perlit) Formen.</p> <figure><img alt="" decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Quarzporphyr.jpg"></img><figcaption>Angeschliffenes Handstück eines Rotliegend-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6bej%C3%BCner_Porphyr" rel="noopener">Rhyoliths aus Löbejün</a>. Gut erkennbar die hellen Kalifeldspäte und die hier grau erscheinenden Quarze. Gescanntes Handstück von Grabenstedt, <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Quarzporphyr.jpg" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Quarzporphyr</a>, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode" rel="noreferrer noopener" target="_blank">CC BY-SA 3.0</a>.</figcaption></figure> <h2>Wie entstehen Rhyolithe?</h2> <p>Wie ich oben bereits sagte, kann man manchmal Fließstrukturen erkennen. Das ist jedoch in gewisser Hinsicht irreführend. Das liegt daran, dass rhyolitische Lava aufgrund ihres hohen SiO₂-Gehalts sehr zäh ist und sich nur langsam abkühlt. Sie fließt nicht die Hänge herab, wie es bei basaltischer Lava der Fall ist. Rhyolithe und ihre petrografisch verwandten Dacite sind in der Regel ignimbritisch oder zumindest pyroklastisch. Sie entstehen durch mehr oder weniger mächtige <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/hier-geht-es-hei-her-pyroklastische-str-me/">Glutwolkenablagerungen</a> bei explosivem Vulkanismus. </p> <p>Ignimbritische Rhyolithe können aufgrund ihrer hohen Verwitterungsresistenz extrem große und mächtige Ablagerungen darstellen. Diese Härte lässt sie oft wie schroffe, massive Felsen mit steilen Wänden erscheinen. So besteht beispielsweise die größte außeralpine Steilwand Deutschlands, der rund 200 Meter hohe und gut zwei Kilometer lange Rothenfels an der Nahe bei Bad Münster, aus dem Kreuznacher Porphyr, einem Rhyolith.</p> <h2>Wo kann man Rhyolithe finden?</h2> <p>Rhyolithe treten meist im Zusammenhang mit kontinentalem Vulkanismus auf. In Europa finden wir sie beispielsweise im Flechtinger Höhenzug, im Ilfelder Becken im Südharz, in der Saar-Nahe-Senke, wo sie unter anderem im Kreuznacher Porphyr vorkommen, sowie am Königsstuhl. Auch der Karlsruher Grat im Schwarzwald besteht aus Rhyolith. Weitere Fundorte sind das nördliche Sachsen, das südliche Sachsen-Anhalt, die östliche Hälfte des Thüringer Waldes und die Vogesen. Dies sind jedoch nur einige Beispiele.</p> <p>An der Ostseeküste kann man im Geschiebe verschiedene Rhyolithe finden, zum Beispiel den <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/roter-ostsee-quarzporphyr-kristallines-geschiebe-des-jahres-2018/">Roten Ostseequarzporphyr.</a></p> <h2>Wozu kann man Rhyolithe verwenden?</h2> <p>Früher wurden Obsidianvorkommen oft zur Herstellung von Steinwerkzeugen genutzt. Heute wird Obsidian dagegen überwiegend nur zur Herstellung von Kunstgegenständen verwendet. Aufgrund ihrer Härte und Zähigkeit werden ignimbritische Rhyolithe gerne als Schotter, Split oder Pflastersteine verwendet. Auch als Naturwerkstein wird Rhyolith gerne genutzt. Wenn man durch unsere modernen Städte geht, kann man in den Shoppingcentern oft sehr gute „urbane Geologie” betreiben. So findet man am Neuen Wall in Hamburg beispielsweise <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rochlitzer_Porphyr" rel="noopener">Rochlitzer Porphyr</a>. Dieser Rhyolith wurde 2022 von der International Union of Geological Sciences (IUGS) als erstes Gestein Deutschlands zum „Heritage Stone“, also zum „Naturstein-Welterbe“, ernannt.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/rhyolith-gestein-des-jahres-2026/#comments 1 Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/#comments Wed, 18 Mar 2026 13:16:14 +0000 Jessica Hoyer https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=405 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929-768x766.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929.jpg" /><h1>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Jessica Hoyer</h2><div itemprop="text"> <p><strong><strong>Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.</strong></strong></p> <p>Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.</p> <p>Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie</strong></h3> <p>Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.</p> <p>Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.<aside></aside></p> <p>In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Abwehrreaktion</strong></h3> <p>Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die <em>weiße deutsche</em> Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der <em>weiße</em> Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.</p> <p>Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-768x431.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1536x862.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-2048x1150.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch</em></figcaption></figure> <h3><strong>Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck</strong></h3> <p>Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/rechtsextreme-einfluesse-auf-sozial-und-gleichstellungsarbeit-resag/" rel="noopener">Forschungsprojekt</a> untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.</p> <p>Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Brückenideologie</strong></h3> <p>Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim <em>Marsch für das Leben</em>, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks <em>Demo für Alle</em> gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.</p> <p>Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Stromkabel-scaled-e1773678481929.jpg" /><h1>Antifeministische Mobilisierung als Katalysator der extremen Rechten? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Jessica Hoyer</h2><div itemprop="text"> <p><strong><strong>Antifeminismus ist ein zentrales ideologisches Element der extremen Rechten. Er richtet sich gegen Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt und hält an traditionellen Geschlechter- und Familienbildern fest. Zugleich verbindet er als Brückenideologie extrem rechte, konservative und religiöse Akteur*innen und trägt so zur gesellschaftlichen Anschlussfähigkeit extrem rechter Positionen bei.</strong></strong></p> <p>Im Sommer 2025 sorgte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mit einer Metapher für Schlagzeilen: „Ohne Auto, Maschinenbau und Chemie ist Deutschland wie eine Dame ohne Unterleib.“ Dieser Vergleich, der auf einer alte Jahrmarkt-Attraktion beruht, reduziert Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane und bemisst ihren Wert an ihrer Gebärfähigkeit. Er offenbart ein sexistisches und patriarchales Gesellschaftsbild, das Frauen nicht als selbstbestimmte Subjekte sieht, sondern sie auf ihre vermeintlich „natürliche“ Rolle reduziert. Trotz feministischer Erfolge seit Ende des 19. Jahrhunderts halten sich solche Geschlechterbilder hartnäckig – und quer durch die Gesellschaft.</p> <p>Maßnahmen, wie das in Bayern beschlossene Verbot geschlechtergerechter Sprache in Teilen der öffentlichen Verwaltung und an Schulen zeigen zudem, dass Auseinandersetzungen um Geschlecht und Gleichstellung zunehmend politisiert werden. Doch handelt es sich bei solchen Fällen nicht nur um veraltete Sprachbilder, überkommene gesellschaftliche Deutungsmuster und individuelle Denkweisen. Dahinter verbirgt sich ein größerer ideologischer Zusammenhang.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Kernelement extrem rechter Ideologie</strong></h3> <p>Antifeministische Positionen zeigen sich auf unterschiedliche Arten und in diversen Ausprägungen insbesondere in konservativen, religiösen und extrem rechten Milieus. In der extremen Rechten ist der Antifeminismus zudem ein zentraler ideologischer Bestandteil. Geschlechterkonstruktionen und -‍‍verhältnisse nehmen dabei eine wichtige Rolle ein. Die Ideologie der extremen Rechten richtet sich gegen eine Gleichstellung der Geschlechter und lehnt geschlechtliche Vielfalt grundsätzlich ab. Stattdessen wird eine vermeintlich „natürliche“ Zweigeschlechtlichkeit mit spezifischen Rollenbildern und ein heteronormatives Familienbild aus Mann, Frau und Kind(ern) propagiert.</p> <p>Exemplarisch zeigt sich das auch in der programmatischen Ausrichtung der AfD sowie in öffentlichen Äußerungen von Parteivertreter*innen. „Genderwahn“ und „Gender-Ideologie“ sind zentrale Kampfbegriffe und in der Partei weit verbreitet. Ebenso die Behauptung, es gäbe nur zwei Geschlechter. Gender Studies werden als angeblich unwissenschaftlich und ideologiegetrieben diffamiert und deren Abschaffung gefordert.<aside></aside></p> <p>In der Ideologie der extremen Rechten wird der Frau eine reproduktive Rolle als Gebärerin und Erzieherin zugeschrieben, die dem Erhalt der „Volksgemeinschaft“ dient, während der Mann in soldatisch-kämpferischer Manier als deren Beschützer inszeniert wird. Für die Rechtfertigung dieser geschlechterstereotypischen Zuschreibungen zieht die extreme Rechte vermeintlich naturgegebene Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale heran. Diese gelten als unveränderlich und dienen zur Legitimation einer traditionellen Geschlechterordnung.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Abwehrreaktion</strong></h3> <p>Zugleich wird das Familienbild rassistisch aufgeladen: die <em>weiße deutsche</em> Familie als „Keimzelle der Nation“ hat in diesem Weltbild die Funktion, die „Rasse“ zu erhalten. Der <em>weiße</em> Mann wird durchweg positiv, der Schwarze bzw. migrantisierte Mann als besonders triebhaft oder sexuell übergriffig dargestellt. Sexualisierte Gewalt wird so externalisiert und als spezifisches Problem bestimmter ethnischer und kultureller Gruppen imaginiert, während sich die „eigene“ Gruppe selbst entlastet und als schützende Instanz inszeniert.</p> <p>Antifeminismus ist eine Reaktion auf gesellschaftliche Modernisierungsprozesse, die u.a. durch den Feminismus vorangetrieben werden. Feministische Bewegungen zielen darauf ab, bestehende männlich dominierte Machtstrukturen und Hierarchien in der Gesellschaft sowie traditionelle Rollen- und Geschlechterbilder zu überwinden. Da geschlechtsspezifische Unterschiede im extrem rechten Weltbild als vermeintlich unveränderlich gelten, wird der Feminismus, genauso wie queere Lebensentwürfe und geschlechtliche Vielfalt, als „widernatürlich“ abgelehnt und als Feindbild betrachtet. Antifeminismus fungiert somit als Abwehrreaktion gegen den Verlust traditioneller Ordnungsvorstellungen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="575" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1024x575.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-300x168.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-768x431.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-1536x862.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/1M0A2000_b-1-2048x1150.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der Frauenkampftag am 8. März steht für diese andauernde Auseinandersetzung um Gleichstellung und geschlechtliche Vielfalt – wie hier 2025 in Regensburg. Foto: eben.widerspruch</em></figcaption></figure> <h3><strong>Gleichstellungsarbeit und Gender Studies unter Druck</strong></h3> <p>Auch Gleichstellungsarbeit und Gender Studies als Teil von Modernisierungsprozessen geraten ins Visier der extremen Rechten. Gleichstellungsarbeit nimmt strukturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern in den Blick. Gender Studies untersuchen die Bedeutung von Geschlecht in Geschichte, Kultur, Politik, Gesellschaft, Technik und Wissenschaft sowie Geschlechterverhältnisse. Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte sind beide Bereiche immer wieder Ziel ähnlicher Anfeindungen und Angriffe. Unser <a href="https://www.forgerex.de/forschungsthemen/rechtsextreme-einfluesse-auf-sozial-und-gleichstellungsarbeit-resag/" rel="noopener">Forschungsprojekt</a> untersucht, wie und in welchem Ausmaß extrem rechte Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies in Bayern wahrgenommen werden.</p> <p>Die Ergebnisse unserer Erhebung unter kommunalen und hochschulischen Gleichstellungsbeauftragten sowie unter Forschenden und Lehrenden der Gender Studies zeigen, dass Betroffene in beiden Bereichen häufig nicht ernst genommen werden. Neben Desinteresse und Geringschätzung begegnen insbesondere Gleichstellungsbeauftragte dem Vorwurf, ihre Arbeit sei überflüssig. Dahinter steckt oft die Vorstellung, Gleichstellung sei bereits erreicht, wodurch die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen infrage gestellt wird. Zugleich nehmen antifeministische Einflussnahmen laut der Befragten seit einigen Jahren deutlich zu. Sie umfassen etwa die Infragestellung der fachlichen Kompetenz, Forderungen nach Abschaffung der Stellen, Störungen von Veranstaltungen, Sachbeschädigungen, verbale Angriffe, Bedrohungen und vereinzelt auch körperliche Übergriffe oder Doxing (Veröffentlichung privater Informationen). Viele Betroffene reagieren mit einem Rückzug aus öffentlichen und digitalen Räumen sowie aus wissenschaftlichen Diskursen. Sie berichten von Verunsicherung und gefühlter Isolation. Gleichzeitig sehen sich die meisten in ihrem Engagement bestärkt.</p> <h3><strong>Antifeminismus als Brückenideologie</strong></h3> <p>Unsere Ergebnisse zeigen, dass Einflussnahmen auf Gleichstellungsarbeit und Gender Studies nicht nur von der extremen Rechten ausgehen. Die Befragten beschreiben auch Anfeindungen und Angriffe aus der breiten Gesellschaft. Antifeminismus fungiert als verbindendes Element zwischen verschiedenen Akteur*innen und dient als Brücke zwischen konservativer, extremer und religiöser Rechter aber auch der sogenannten „gesellschaftlichen Mitte“. Deutlich wird dies beim <em>Marsch für das Leben</em>, der jährlich in mehreren deutschen Städten stattfindet. Hier kommen Abtreibungsgegner*innen aus dem fundamental christlichen, konservativen und extrem rechten Lager zusammen, um gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche zu demonstrieren. Bei Demonstrationen des Netzwerks <em>Demo für Alle</em> gingen in mehreren Städten extrem rechte und konservative Antifeminist*innen gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern (durch Sexualunterricht in der Grundschule), gegen die gleichgeschlechtliche Ehe für Alle und gegen eine angebliche „Gender-Ideologie“ auf die Straße. Der Begriff der „Gender-Ideologie“ ist bis in die CSU hinein verbreitet.</p> <p>Solche Schulterschlüsse bleiben nicht folgenlos. Die eingangs zitierte Aussage von Markus Söder verweist auf ein überholtes Geschlechter- und Gesellschaftsbild, das nicht nur auf extrem rechte Milieus beschränkt, sondern in weiten Teilen der Gesellschaft verbreitet ist. Wenn antifeministische Argumentationen gesamtgesellschaftlich akzeptiert werden, kann dies zu einer Normalisierung eben jener Positionen beitragen. So können Resonanzräume entstehen, die wiederum die Handlungsspielräume der extremen Rechten erweitern. Diese erkennt im Antifeminismus Potenzial, um konservative und bürgerliche Milieus anzusprechen und macht extrem rechte Positionen dadurch anschlussfähiger.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/antifeministische-mobilisierung-als-katalysator-der-extremen-rechten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/#comments Sun, 15 Mar 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1852 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-8-768x768.jpg Bergkette aus grauem Gestein, mehrere Gipfel nebeneinander, im Gestein geht eine Linie von links nach rechts, darunter beginnen steile Schuttfelder mit Schnee, in der Ferne weitere Berge und Wolken. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-8.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag133-alpen-1.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im 18. Jahrhundert galten die Alpen vielen als schrecklich und ihre Überquerung als Qual, die man, wenn überhaupt, schnell hinter sich brachte. Selbst auf die frühen Geologen wirkten die hohen Berge und ihre Gesteine gleichermaßen unangenehm und unübersichtlich. Was bedeuteten die geschichteten, gestapelten und gefalteten Gesteine? Wie waren sie in ihre heutige Lage gelangt? Wieso ist dort ein solches Gebirge entstanden?</p> <p>Karl beginnt eine mehrteilige Reise durch die Geschichte der Alpenforschung. In dieser ersten Folge geht es um eine natürliche Arena, die heute Tektonikarena Sardona heißt. Sie liegt zwischen den Schweizer Kantonen Glarus und Graubünden und ist mittlerweile weltberühmt. Es ist eine Gegend, die Forschern schon vor über 200 Jahren aufgefallen war. Denn dort gibt es etwas, das in der Natur eigentlich unmöglich zu sein schien: Alte Gesteine liegen auf neuen. Der Berg steht quasi verkehrt herum – und das verlangte eine Erklärung.<aside></aside></p> <p>Die Arena mitten in den Alpen ist etwas Besonderes, denn hier offenbart sich der geologische Bauplan des Gebirges. Bis dieser Plan entschlüsselt werden konnte, mussten die Forscher die Berge über ein Jahrhundert lang durchstreifen, ihre Messungen in Karten eintragen und die ermittelten Daten dann zum großen Ganzen zusammenfügen. Dabei mussten sie auch Hürden überwinden. Denn nicht nur das Gestein hat seine Eigenheiten, sondern auch das Ego der beteiligten Forscher, was die Lösung des Rätsels über Jahrzehnte zurückhielt.</p> <p>Erst im Jahr 1903 einigte man sich – und es ergab sich zum ersten Mal ein schlüssiges Bild: Demnach wurden Gesteine nicht nur verformt oder gefaltet. Vor allem wurden sie in sogenannten Decken übereinander geschoben. Die Architektur der Alpen und vieler anderer Gebirge war verstanden – und auch die Schichtenfolge im Osten der Schweiz erhielt ihren heutigen Namen und ihren Weltruhm: die Glarner Hauptüberschiebung. Eine maßstäbliche Kopie findet sich heute im Museum of Natural History in New York. Seit 2008 gehört die Bergkette zum Weltnaturerbe der UNESCO.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 83: <a href="https://astrogeo.de/das-dolomitproblem-wie-das-grosse-raetsel-geloest-wurde/" rel="noopener">Das Dolomitproblem: Wie das große Rätsel gelöst wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Segnespass" rel="noopener">Segnespass</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer" rel="noopener">Johann Jakob Scheuchzer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neptunismus" rel="noopener">Neptunismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gottlob_Werner" rel="noopener">Abraham Gottlob Werner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingelh%C3%B6rner" rel="noopener">Tschingelhörner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martinsloch" rel="noopener">Martinsloch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Buch_(Geologe)" rel="noopener">Leopold von Buch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Studer_(Geologe)" rel="noopener">Bernhard Studer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tektonik" rel="noopener">Tektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stratigraphie_(Geologie)" rel="noopener">Stratigrafie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Heim" rel="noopener">Albert Heim</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_(Geologie)" rel="noopener">Falte (Geologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberschiebung" rel="noopener">Überschiebung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glarner_Haupt%C3%BCberschiebung" rel="noopener">Glarner Hauptüberschiebung</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jim Ring: <a href="https://www.faber.co.uk/product/9780571276424-how-the-english-made-the-alps/" rel="noopener">How the English Made the Alps</a>, Faber and Faber Ltd (2012)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025) – <em>wegen vieler Bilder empfehlen wir die Druckfassung</em></li> </ul> <p>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">CC-BY-SA 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.3932/ethz-a-000041023" rel="noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-8.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Das Rätsel der verdrehten Alpen » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag133-alpen-1.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im 18. Jahrhundert galten die Alpen vielen als schrecklich und ihre Überquerung als Qual, die man, wenn überhaupt, schnell hinter sich brachte. Selbst auf die frühen Geologen wirkten die hohen Berge und ihre Gesteine gleichermaßen unangenehm und unübersichtlich. Was bedeuteten die geschichteten, gestapelten und gefalteten Gesteine? Wie waren sie in ihre heutige Lage gelangt? Wieso ist dort ein solches Gebirge entstanden?</p> <p>Karl beginnt eine mehrteilige Reise durch die Geschichte der Alpenforschung. In dieser ersten Folge geht es um eine natürliche Arena, die heute Tektonikarena Sardona heißt. Sie liegt zwischen den Schweizer Kantonen Glarus und Graubünden und ist mittlerweile weltberühmt. Es ist eine Gegend, die Forschern schon vor über 200 Jahren aufgefallen war. Denn dort gibt es etwas, das in der Natur eigentlich unmöglich zu sein schien: Alte Gesteine liegen auf neuen. Der Berg steht quasi verkehrt herum – und das verlangte eine Erklärung.<aside></aside></p> <p>Die Arena mitten in den Alpen ist etwas Besonderes, denn hier offenbart sich der geologische Bauplan des Gebirges. Bis dieser Plan entschlüsselt werden konnte, mussten die Forscher die Berge über ein Jahrhundert lang durchstreifen, ihre Messungen in Karten eintragen und die ermittelten Daten dann zum großen Ganzen zusammenfügen. Dabei mussten sie auch Hürden überwinden. Denn nicht nur das Gestein hat seine Eigenheiten, sondern auch das Ego der beteiligten Forscher, was die Lösung des Rätsels über Jahrzehnte zurückhielt.</p> <p>Erst im Jahr 1903 einigte man sich – und es ergab sich zum ersten Mal ein schlüssiges Bild: Demnach wurden Gesteine nicht nur verformt oder gefaltet. Vor allem wurden sie in sogenannten Decken übereinander geschoben. Die Architektur der Alpen und vieler anderer Gebirge war verstanden – und auch die Schichtenfolge im Osten der Schweiz erhielt ihren heutigen Namen und ihren Weltruhm: die Glarner Hauptüberschiebung. Eine maßstäbliche Kopie findet sich heute im Museum of Natural History in New York. Seit 2008 gehört die Bergkette zum Weltnaturerbe der UNESCO.</p> <h3>Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 28: <a href="https://astrogeo.de/ag028-die-alpen/" rel="noopener">Die Alpen</a></li> <li>Folge 83: <a href="https://astrogeo.de/das-dolomitproblem-wie-das-grosse-raetsel-geloest-wurde/" rel="noopener">Das Dolomitproblem: Wie das große Rätsel gelöst wurde</a></li> </ul> <h3><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Segnespass" rel="noopener">Segnespass</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Alpen" rel="noopener">Alpen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Scheuchzer" rel="noopener">Johann Jakob Scheuchzer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Neptunismus" rel="noopener">Neptunismus</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Gottlob_Werner" rel="noopener">Abraham Gottlob Werner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tschingelh%C3%B6rner" rel="noopener">Tschingelhörner</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Martinsloch" rel="noopener">Martinsloch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Buch_(Geologe)" rel="noopener">Leopold von Buch</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Studer_(Geologe)" rel="noopener">Bernhard Studer</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Tektonik" rel="noopener">Tektonik</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stratigraphie_(Geologie)" rel="noopener">Stratigrafie</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Heim" rel="noopener">Albert Heim</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Falte_(Geologie)" rel="noopener">Falte (Geologie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberschiebung" rel="noopener">Überschiebung</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Glarner_Haupt%C3%BCberschiebung" rel="noopener">Glarner Hauptüberschiebung</a></li> <li>Webseite: <a href="https://www.rundumberge.ch/" rel="noopener">Jürg Meyer</a></li> </ul> <h3>Quellen</h3> <ul> <li>Fachbuch: Dominik Letsch &amp; Thomas Buckingham: <a href="https://nggl.ch/de/uuid/i/e9cf2616-ab32-536a-9c3c-b25065711ed1-Starre_Felsen_und_wankende_Gewissheiten" rel="noopener">Starre Felsen und wankende Gewissheiten: Anatomie einer 200-jährigen tektonischen Kontroverse</a>, Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft des Kantons Glarus, Band XXIV (2025)</li> <li>Buch: Jim Ring: <a href="https://www.faber.co.uk/product/9780571276424-how-the-english-made-the-alps/" rel="noopener">How the English Made the Alps</a>, Faber and Faber Ltd (2012)</li> <li>Buch: Jürg Meyer: <a href="https://haupt.ch/aktuell/hauptautor-juerg-meyer-wie-berge-entstehen-und-vergehen" rel="noopener">Wie Berge entstehen und vergehen – in 30 Etappen durch die Alpengeologie</a>, Haupt-Verlag (2025) – <em>wegen vieler Bilder empfehlen wir die Druckfassung</em></li> </ul> <p>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">CC-BY-SA 4.0</a> <a href="https://doi.org/10.3932/ethz-a-000041023" rel="noopener">ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC35-0002-082</a></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/drunter-ueber-drueber-das-raetsel-der-verdrehten-alpen/#comments 3 Verbalisiertes Sampling: Gibt es den magischen Prompt? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/#comments Thu, 12 Mar 2026 17:02:30 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1176 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/</link> </image> <description type="html"><h1>Verbalisiertes Sampling: Der Prompt gegen Modus-Kollaps</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Über diese Frage und die neue Prompting-Technik 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 (𝗩𝗦) haben wir ein frisches ausführliches Video im Youtube-Kanal der <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noopener">SRH Fernhochschule – The Mobile University</a> <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K. I. Krimis</a> hochgeladen:</p> <p><a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=l_28_UeNuHAGtHqn" rel="noreferrer noopener" target="_blank">𝙆.𝙄. 𝙆𝙧𝙞𝙢𝙞𝙨: 𝙂𝙞𝙗𝙩 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙢𝙖𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙤𝙢𝙥𝙩?</a></p> <p>Verbalisiertes Sampling wurde in der Studie <a href="https://www.verbalized-sampling.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">How to Mitigate Mode Collapse and Unlock LLM Diversity</a> als eine mächtige Waffe gegen den Modus-Kollaps der Großen Sprachmodelle vorgestellt:</p> <p>Beim Modus-Kollaps weisen KI-Modelle (und somit auch Große Sprachmodelle) eine unverhältnismäßig große Wahrscheinlichkeit ihrer typischen Ausgaben nur einem einzigen Modus zu – dem Normalmodus: Die Ausgabe ist nicht kreativ, nicht originell, sondern nur typisch. So wie die meisten Menschen, wenn sie einen Vogel nennen sollen, eher ein Rotkehlchen wählen als einen Pinguin. Obwohl ein Pinguin genauso richtig wäre. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png"><img alt="Illustration eines Rotkehlchens und eines Pinguins zur Verdeutlichung des Modus-Kollaps bei KI-Modellen." decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png 1264w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die weiteren Hintergründe des 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴𝘀 und wie ihr es optimal für kreative nicht generische Ausgaben der Chatbots einsetzen könnt, erkläre ich ausführlich im Video. Hier nur eine grobe Infografik zum Thema:<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png"><img alt="Infografik zum Ablauf des Verbalisierten Samplings (VS) zur Steigerung der Ausgabevarielfalt bei LLMs." decoding="async" height="434" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-300x127.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1536x651.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png 1586w" width="1024"></img></a></figure> <p>Und hier ein kleines Beispiel für diese neuartige Art des Promptings (ich habe den VS-Prompt aus der Studie auf Deutsch angepasst):</p> <h2><strong>VS-Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝙒𝙞𝙩𝙯𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧 𝙪𝙣𝙙 𝙜𝙞𝙗 𝙯𝙪 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙢 𝙒𝙞𝙩𝙯 𝙙𝙞𝙚 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝ä𝙩𝙯𝙩𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙢 𝙈𝙤𝙙𝙚𝙡𝙡 𝙚𝙧𝙯𝙚𝙪𝙜𝙩 𝙬𝙤𝙧𝙙𝙚𝙣 𝙬ä𝙧𝙚. 𝙒ä𝙝𝙡𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩𝙚𝙣 𝙯𝙪𝙛ä𝙡𝙡𝙞𝙜 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙡𝙡𝙨𝙩ä𝙣𝙙𝙞𝙜𝙚𝙣 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩𝙨𝙫𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙍𝙖𝙣𝙙𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 („𝙩𝙖𝙞𝙡𝙨“) 𝙙𝙚𝙧 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜, 𝙨𝙤𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙙𝙞𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙧 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧 0,10 𝙡𝙞𝙚𝙜𝙩. 𝙁𝙤𝙧𝙢𝙖𝙩𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝘼𝙪𝙨𝙜𝙖𝙗𝙚 ü𝙗𝙚𝙧𝙨𝙞𝙘𝙝𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙢𝙞𝙩 𝙉𝙪𝙢𝙢𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙪𝙣𝙜 𝙪𝙣𝙙 𝙋𝙧𝙤𝙯𝙚𝙣𝙩𝙖𝙣𝙜𝙖𝙗𝙚𝙣.</p> <p>Selbstverständlich könnt ihr den Prompt auf alle möglichen Witze oder Geschichten (und andere kreative Ausgaben) mit beliebigen Tieren und Themen anpassen. Findet ihr in der Ausgabe des Bots mindestens eine, die besser ist als wenn ihr den Bot – egal wie oft – einfach, d. h. klassisch promptet? Z. B. so:</p> <h2><strong>Klassischer Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙞𝙩𝙯 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧.</p> <p>Liefert uns aber 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 tatsächlich den magischen Prompt, so wie ihn viele Blogger und Prompting-Experten ausgerufen haben? Das und viele andere spannende Informationen zum Verbalisierten Sampling erfahrt ihr <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in unserem neuen K.I. Krimi!</a></p> <p>Bitte, <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">auf diesen Link</a> klicken und den Kanal auf YouTube abonnieren. Dann entgeht euch kein neuer K.I. Krimi, und wir freuen uns über das Abo – und selbstverständlich auch über eure Kommentare. Und ist das nicht schön, wenn wir uns freuen? 😊</p> <p>Viel Spaß damit!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg.jpg 2x" width="200"></img> <p>Liebe Besucherin, lieber Besucher,&#xD; willkommen auf meinem SciLogs-Blog "Gehirn &amp; KI".&#xD; Ich möchte hier über alle möglichen Aspekte der Künstliche Intelligenz schreiben, vor allem geht es in diesem Blog aber um Generative KI, ihre Sprachmodelle und Chatbots und um die Hintergründe der maschinellen Verarbeitung der natürlichen Sprache. Auch die Unterschiede der Sprachvererbeitung bei Menschen und Maschinen werden hier thematisiert, genauso wie natürliche und Künstliche Intelligenz - Gehirn &amp; KI eben.&#xD; &#xD; Neues über künstliche Intelligenz, künstliche neuronale Netze und maschinelles Lernen poste ich häufig auf: &#xD; <a href="www.linkedin.com/in/prof-dr-jaromir-konecny-15bb79b6">LinkedIn</a>&#xD; Hier etwas zu meiner Laufbahn: ich promovierte am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München über die Entstehung des genetischen Codes und die Doppelstrang-Kodierung in den Nukleinsäuren und forschte dort einige Jahre. Hier eines unserer Paper:&#xD; &#xD; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2FBF02406718/">Neutral adaptation of the genetic code to double-strand coding.</a>&#xD; &#xD; Zur Zeit bin ich Professor und Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH Fernhochschule und der Spiegelakademie, KI-Keynote-Speaker und Experte für Sprachmodelle und Chatbots. &#xD; &#xD; Auf YouTube kümmere ich mich um die Videoreihe unserer SRH Fernhochschule "K.I. Krimis" über ungelöste Probleme und Rätsel der Künstlichen Intelligenz.&#xD; &#xD; U. a. bin ich zweifacher Vizemeister der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Träger des Ernst-Hoferichter-Preises der Stadt München.&#xD; &#xD; Mein Sachbuch über Künstliche Intelligenz <a href="https://www.amazon.de/gp/product/3784435416?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=3784435416">"Ist das intelligent oder kann das weg?"</a> erschien im Oktober 2020.&#xD; &#xD; Im Tessloff-Verlag erscheinen meine von Marek Blaha wunderschön illustrierten Kinderkrimis <a href="https://www.amazon.de/gp/product/378864401X?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=378864401X">"Datendetektive"</a> mit viel Bezug zu KI, Robotern und digitalen Welten.&#xD; &#xD; Viel Spaß mit meinem Blog und all den Diskussionen hier :-).&#xD; &#xD; Jaromir</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Verbalisiertes Sampling: Der Prompt gegen Modus-Kollaps</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Über diese Frage und die neue Prompting-Technik 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 (𝗩𝗦) haben wir ein frisches ausführliches Video im Youtube-Kanal der <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noopener">SRH Fernhochschule – The Mobile University</a> <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K. I. Krimis</a> hochgeladen:</p> <p><a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=l_28_UeNuHAGtHqn" rel="noreferrer noopener" target="_blank">𝙆.𝙄. 𝙆𝙧𝙞𝙢𝙞𝙨: 𝙂𝙞𝙗𝙩 𝙚𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙢𝙖𝙜𝙞𝙨𝙘𝙝𝙚𝙣 𝙋𝙧𝙤𝙢𝙥𝙩?</a></p> <p>Verbalisiertes Sampling wurde in der Studie <a href="https://www.verbalized-sampling.com/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">How to Mitigate Mode Collapse and Unlock LLM Diversity</a> als eine mächtige Waffe gegen den Modus-Kollaps der Großen Sprachmodelle vorgestellt:</p> <p>Beim Modus-Kollaps weisen KI-Modelle (und somit auch Große Sprachmodelle) eine unverhältnismäßig große Wahrscheinlichkeit ihrer typischen Ausgaben nur einem einzigen Modus zu – dem Normalmodus: Die Ausgabe ist nicht kreativ, nicht originell, sondern nur typisch. So wie die meisten Menschen, wenn sie einen Vogel nennen sollen, eher ein Rotkehlchen wählen als einen Pinguin. Obwohl ein Pinguin genauso richtig wäre. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png"><img alt="Illustration eines Rotkehlchens und eines Pinguins zur Verdeutlichung des Modus-Kollaps bei KI-Modellen." decoding="async" height="682" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-1024x682.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-89.png 1264w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die weiteren Hintergründe des 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴𝘀 und wie ihr es optimal für kreative nicht generische Ausgaben der Chatbots einsetzen könnt, erkläre ich ausführlich im Video. Hier nur eine grobe Infografik zum Thema:<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png"><img alt="Infografik zum Ablauf des Verbalisierten Samplings (VS) zur Steigerung der Ausgabevarielfalt bei LLMs." decoding="async" height="434" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1024x434.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-300x127.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-768x325.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92-1536x651.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-92.png 1586w" width="1024"></img></a></figure> <p>Und hier ein kleines Beispiel für diese neuartige Art des Promptings (ich habe den VS-Prompt aus der Studie auf Deutsch angepasst):</p> <h2><strong>VS-Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝙒𝙞𝙩𝙯𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧 𝙪𝙣𝙙 𝙜𝙞𝙗 𝙯𝙪 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙢 𝙒𝙞𝙩𝙯 𝙙𝙞𝙚 𝙜𝙚𝙨𝙘𝙝ä𝙩𝙯𝙩𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙖𝙣, 𝙢𝙞𝙩 𝙙𝙚𝙧 𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙢 𝙈𝙤𝙙𝙚𝙡𝙡 𝙚𝙧𝙯𝙚𝙪𝙜𝙩 𝙬𝙤𝙧𝙙𝙚𝙣 𝙬ä𝙧𝙚. 𝙒ä𝙝𝙡𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝙛ü𝙣𝙛 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩𝙚𝙣 𝙯𝙪𝙛ä𝙡𝙡𝙞𝙜 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙧 𝙫𝙤𝙡𝙡𝙨𝙩ä𝙣𝙙𝙞𝙜𝙚𝙣 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩𝙨𝙫𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜 𝙤𝙙𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙨 𝙙𝙚𝙣 𝙍𝙖𝙣𝙙𝙗𝙚𝙧𝙚𝙞𝙘𝙝𝙚𝙣 („𝙩𝙖𝙞𝙡𝙨“) 𝙙𝙚𝙧 𝙑𝙚𝙧𝙩𝙚𝙞𝙡𝙪𝙣𝙜, 𝙨𝙤𝙙𝙖𝙨𝙨 𝙙𝙞𝙚 𝙒𝙖𝙝𝙧𝙨𝙘𝙝𝙚𝙞𝙣𝙡𝙞𝙘𝙝𝙠𝙚𝙞𝙩 𝙟𝙚𝙙𝙚𝙧 𝘼𝙣𝙩𝙬𝙤𝙧𝙩 𝙪𝙣𝙩𝙚𝙧 0,10 𝙡𝙞𝙚𝙜𝙩. 𝙁𝙤𝙧𝙢𝙖𝙩𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙙𝙞𝙚 𝘼𝙪𝙨𝙜𝙖𝙗𝙚 ü𝙗𝙚𝙧𝙨𝙞𝙘𝙝𝙩𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙢𝙞𝙩 𝙉𝙪𝙢𝙢𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙪𝙣𝙜 𝙪𝙣𝙙 𝙋𝙧𝙤𝙯𝙚𝙣𝙩𝙖𝙣𝙜𝙖𝙗𝙚𝙣.</p> <p>Selbstverständlich könnt ihr den Prompt auf alle möglichen Witze oder Geschichten (und andere kreative Ausgaben) mit beliebigen Tieren und Themen anpassen. Findet ihr in der Ausgabe des Bots mindestens eine, die besser ist als wenn ihr den Bot – egal wie oft – einfach, d. h. klassisch promptet? Z. B. so:</p> <h2><strong>Klassischer Prompt</strong></h2> <p>𝙂𝙚𝙣𝙚𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚 𝙚𝙞𝙣𝙚𝙣 𝙒𝙞𝙩𝙯 ü𝙗𝙚𝙧 𝙃𝙖𝙢𝙨𝙩𝙚𝙧.</p> <p>Liefert uns aber 𝗩𝗲𝗿𝗯𝗮𝗹𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘁𝗲𝘀 𝗦𝗮𝗺𝗽𝗹𝗶𝗻𝗴 tatsächlich den magischen Prompt, so wie ihn viele Blogger und Prompting-Experten ausgerufen haben? Das und viele andere spannende Informationen zum Verbalisierten Sampling erfahrt ihr <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">in unserem neuen K.I. Krimi!</a></p> <p>Bitte, <a href="https://youtu.be/-1ph-iB8lQE?si=pMLWAqCCUMai000a" rel="noreferrer noopener" target="_blank">auf diesen Link</a> klicken und den Kanal auf YouTube abonnieren. Dann entgeht euch kein neuer K.I. Krimi, und wir freuen uns über das Abo – und selbstverständlich auch über eure Kommentare. Und ist das nicht schön, wenn wir uns freuen? 😊</p> <p>Viel Spaß damit!</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg-200x200.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Jaromir-Foto-Gisela-Weinhändler.jpg_avatar.jpg.jpg 2x" width="200"></img> <p>Liebe Besucherin, lieber Besucher,&#xD; willkommen auf meinem SciLogs-Blog "Gehirn &amp; KI".&#xD; Ich möchte hier über alle möglichen Aspekte der Künstliche Intelligenz schreiben, vor allem geht es in diesem Blog aber um Generative KI, ihre Sprachmodelle und Chatbots und um die Hintergründe der maschinellen Verarbeitung der natürlichen Sprache. Auch die Unterschiede der Sprachvererbeitung bei Menschen und Maschinen werden hier thematisiert, genauso wie natürliche und Künstliche Intelligenz - Gehirn &amp; KI eben.&#xD; &#xD; Neues über künstliche Intelligenz, künstliche neuronale Netze und maschinelles Lernen poste ich häufig auf: &#xD; <a href="www.linkedin.com/in/prof-dr-jaromir-konecny-15bb79b6">LinkedIn</a>&#xD; Hier etwas zu meiner Laufbahn: ich promovierte am Lehrstuhl für Theoretische Chemie der TU München über die Entstehung des genetischen Codes und die Doppelstrang-Kodierung in den Nukleinsäuren und forschte dort einige Jahre. Hier eines unserer Paper:&#xD; &#xD; <a href="https://link.springer.com/article/10.1007%2FBF02406718/">Neutral adaptation of the genetic code to double-strand coding.</a>&#xD; &#xD; Zur Zeit bin ich Professor und Fachdozent für Künstliche Intelligenz an der SRH Fernhochschule und der Spiegelakademie, KI-Keynote-Speaker und Experte für Sprachmodelle und Chatbots. &#xD; &#xD; Auf YouTube kümmere ich mich um die Videoreihe unserer SRH Fernhochschule "K.I. Krimis" über ungelöste Probleme und Rätsel der Künstlichen Intelligenz.&#xD; &#xD; U. a. bin ich zweifacher Vizemeister der Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und Träger des Ernst-Hoferichter-Preises der Stadt München.&#xD; &#xD; Mein Sachbuch über Künstliche Intelligenz <a href="https://www.amazon.de/gp/product/3784435416?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=3784435416">"Ist das intelligent oder kann das weg?"</a> erschien im Oktober 2020.&#xD; &#xD; Im Tessloff-Verlag erscheinen meine von Marek Blaha wunderschön illustrierten Kinderkrimis <a href="https://www.amazon.de/gp/product/378864401X?ie=UTF8&amp;tag=jk6447-21&amp;camp=1638&amp;linkCode=xm2&amp;creativeASIN=378864401X">"Datendetektive"</a> mit viel Bezug zu KI, Robotern und digitalen Welten.&#xD; &#xD; Viel Spaß mit meinem Blog und all den Diskussionen hier :-).&#xD; &#xD; Jaromir</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/verbalisiertes-sampling/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>„Wir sind alle neurodivers!“ Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans „Spektrum“ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/#comments Thu, 12 Mar 2026 12:08:03 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3561 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain-768x585.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg" /><h1>"Wir sind alle neurodivers!" Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans "Spektrum" » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.</strong></p> <span id="more-3561"></span> <p>Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.</p> <p>Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen <em>Tes Magazine</em> vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.</p> <p>Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:</p> <blockquote> <p>„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)<aside></aside></p> </blockquote> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Maskierte Symptome?</h2> <p>Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“</p> <p>Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.</p> <p>Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.</p> <blockquote> <p>„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)</p> </blockquote> <p>Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.</p> <h2>Reflexion</h2> <p>Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.</p> <p>Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/" rel="noopener">kürzlich diskutiert</a>.</p> <p>Währenddessen steigt die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Anzahl der Diagnosen immer weiter</a>, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.</p> <h2>Individuum versus System</h2> <p>Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.</p> <p>Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.</p> <p>Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.</p> <p>Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu <em>lösen</em>. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.</p> <p>Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.</p> <h2 id="h-neu-verstehen-sie-mehr">Neu: Verstehen Sie mehr</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/" rel="noopener">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/d70078433fc14443b4546f5d496ecbbf" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ASD-ADHS-Brain.jpg" /><h1>"Wir sind alle neurodivers!" Erfahrene Autismus-Expertin glaubt nicht mehr ans "Spektrum" » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Professorin Uta Frith thematisiert auch den Anstieg der Diagnosen bei jungen Frauen und die Probleme von zunehmenden Selbstdiagnosen.</strong></p> <span id="more-3561"></span> <p>Kaum jemand erforscht schon so lange Autismus wie Uta Frith, Professorin am University College London.</p> <p>Aus dem insbesondere in englischsprachigen Ländern verbreiteten Diagnose-Handbuch DSM, oft auch „Psychiatrie-Bibel“ genannt, strich man mit der fünften Auflage von 2013 Autismus und den Spezialfall des Asperger-Autismus. Im Interview im britischen <em>Tes Magazine</em> vom 4. März 2026 erklärt Uta Frith, dass die diagnostischen Grenzen damals aufgeweicht wurden, um untypische Varianten des Störungsbilds einzuschließen. Dafür führte man die „Autismus-Spektrum-Störung“ ein.</p> <p>Mit dieser Kategorie sei die Abgrenzung zur Normalität aber schwerer geworden, erklärt Frith:</p> <blockquote> <p>„Das ist aber sehr schwierig, denn was ist schon Besonderes daran, Teil eines riesigen Spektrums zu sein, dem wir alle angehören? Wir sind alle neurodivers; das können wir akzeptieren, weil unsere Gehirne alle unterschiedlich sind. Aber das macht eine medizinische Diagnose völlig bedeutungslos.“ (Uta Frith)<aside></aside></p> </blockquote> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2>Maskierte Symptome?</h2> <p>Frith meint, dass neben der schon in der frühen Kindheit diagnostizierten Gruppe nun eine zweite dazugekommen sei, insbesondere bei jüngeren Frauen, „die verbal und nonverbal perfekt kommunizieren können, aber in sozialen Situationen starke Ängste empfinden.“</p> <p>Für diese Gruppe sei Überempfindlichkeit (Hypersensibilität) wahrscheinlich eine bessere Beschreibung als Autismus. Der Erklärung, die spätere Diagnose spreche für das „Maskieren“ der Symptome, fehle jede wissenschaftliche Grundlage. Es könne viele Gründe dafür geben, dass diese Personen sich erschöpft fühlen.</p> <p>Durch die heutige weite Verbreitung von Selbstdiagnosen laste auf den Fachleuten ein großer Druck, die Ansichten dieser Personen zu bestätigen.</p> <blockquote> <p>„Das Spektrum ist zusammengebrochen.“ (Uta Frith)</p> </blockquote> <p>Nach wie vor gebe es keinen biologischen Test für das als neuronale Entwicklungsstörung geltende Autismus-Spektrum.</p> <h2>Reflexion</h2> <p>Aus theoretischer Sicht ist es erst einmal trivial: Wenn man die Grenzen enger zieht, übersieht man mehr Fälle; weicht man die Grenzen auf, schließt man wahrscheinlich mehr Fälle ein als eigentlich nötig. Dazu kommt der allgegenwärtige Mangel an Therapieplätzen, vor allem für gesetzlich Krankenversicherte. Während die einen jetzt klagen, man nehme ihr Leid nicht ernst, beschweren sich andere, dass es selbst bei großen Schwierigkeiten zu wenig Hilfe gebe und man zu lange suchen müsse.</p> <p>Hier bei Menschen-Bilder wird zudem seit vielen Jahren thematisiert, wie psychologisch-psychiatrische Störungsbilder in der Öffentlichkeit ein Eigenleben entwickeln können. Gerade Autismus und die Aufmerksamkeitsstörung ADHS haben in jüngerer Zeit sehr viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Fehler der Wissenschaftssendung „Quarks“ habe ich hier <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/adhs-in-den-medien-was-laeuft-schief-beispiel-quarks/" rel="noopener">kürzlich diskutiert</a>.</p> <p>Währenddessen steigt die <a href="https://menschen-bilder.blog/2025/12/was-bedeuten-die-stark-ansteigenden-diagnosezahlen-fuer-adhs/" rel="noopener">Anzahl der Diagnosen immer weiter</a>, vor allem bei jungen Erwachsenen und bei den Frauen. Dass dieser auffällige Anstieg während der Coronaviruspandemie einsetzte, die für viele Menschen ein großer Stressfaktor war und teils immer noch ist, sollte man dabei nicht übersehen.</p> <h2>Individuum versus System</h2> <p>Doch für gesellschaftliche, systemische Vorgänge lässt das heutige Störungsmodell kaum Raum: Das Problem wird in erster Linie individualisiert, teils getragen durch genetische und neurobiologische Funde. Doch diese erklären in der Regel oft nur sehr kleine Unterschiede bei der Untersuchung großer Gruppen. Nach wie vor lassen sich psychologisch-psychiatrische Störungen nicht biologisch diagnostizieren, obwohl man das seit über 200 Jahren versucht.</p> <p>Das heutige System für den Umgang mit psychischer Gesundheit ist festgefahren: Man ruft nach immer mehr Geld für Psychotherapie und psychiatrische Behandlungen, dabei haben die sogenannten hoch entwickelten Länder schon das höchste Pro-Kopf-Aufkommen von klinischem Personal in diesem Bereich.</p> <p>Influencer, Lobbyisten und „Awareness-Kampagnen“ auf diesem Milliardenmarkt spornen uns dazu an, immer genauer nach Symptomen psychologisch-psychiatrischer Störungen zu suchen. Wenn wir immer mehr „normales“ psychisches Leiden zur Krankheit erklären und immer mehr leichte Probleme in die Therapie schicken, wird der Druck und werden die Wartelisten noch länger.</p> <p>Wir haben verlernt, Probleme in ihrem sozialen Kontext zu sehen – und dort auch zu <em>lösen</em>. Armut, Ausgrenzung, versagende Infrastruktur und auch die permanente Berieselung mit Nachrichten über Krisen und Kriege stressen viele Menschen. Auch der zunehmende problematische Drogenkonsum ist ein Zeichen zunehmender sozialer Verelendung. Es ist aber nicht die primäre Aufgabe von Psychotherapie, Psychiatrie und Polizei, die Folgen einer fehlgeleiteten Sozialpolitik zu beheben.</p> <p>Um diese Probleme lösen zu können, muss man sie erst einmal richtig verstehen. Das vor allem in der Psychiatrie seit den 1980er-Jahren vorherrschende Gehirndenken, das für die Praxis keines seiner Versprechen eingelöst hat, steht einer Problemlösung leider im Weg.</p> <h2 id="h-neu-verstehen-sie-mehr">Neu: Verstehen Sie mehr</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen, die Geschichte und Irrtümer der Psychiatrie und Alternativen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></em></p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/illustrations/brain-mind-psychology-idea-drawing-2062057/" rel="noopener">ElisaRiva</a> (modifiziert), <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/d70078433fc14443b4546f5d496ecbbf" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wir-sind-alle-neurodivers-erfahrene-autismus-expertin-glaubt-nicht-mehr-ans-spektrum/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>15</slash:comments> </item> <item> <title>Kugel-Globus nicht griechisch https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/#comments Wed, 11 Mar 2026 07:02:51 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12684 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/</link> </image> <description type="html"><h1>Kugel-Globus nicht griechisch » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. </p> <p>Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Kugel_Globe" rel="noopener">hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation</a> in der All Skies Encyclopaedia (ASE) genehmigte. </p> <blockquote> <p><a href="https://ase.exopla.net" rel="noopener">https://ase.exopla.net</a></p> </blockquote> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png"><img alt="" decoding="async" height="797" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-300x233.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png 1274w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt (vgl. Dekker 2013). </p> <p>Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). <aside></aside></p> <h2 id="h-neuigkeit">Neuigkeit</h2> <p>Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:</p> <ul> <li>Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,</li> <li>der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, </li> <li>und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. </li> </ul> <p>Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris <strong>aus Indien sein dürfte</strong> und zahlreiche<strong> fremde Einflüsse</strong> hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. </p> <p>Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! </p> <p><a href="https://www.sciengine.com/JAHH/doi/10.3724/SP.J.1440-2807.2026.01.10" rel="noopener">Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)</a>. </p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <p>Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.</p> <p>Dekker, Elly (2013). Illustrating the Phaenomena, Oxford University Press</p> <p>Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.</p> <p>Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340</p> <p>Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Kugel-Globus nicht griechisch » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Drei historische Globen sind erhalten, die üblicherweise der griechischen Antike zugeschrieben werden: der 60 cm große Farnese Globus, ein Marmorglobus auf einer Statue des Titanen Atlas, ein kleiner Bronze-Globus, der seit langem bekannt ist und im Römisch-Germanischen Museum in Mainz aufgetaucht ist, und ein kleiner Silberglobus. </p> <p>Der kleine Silberglobus gehört einem privaten Sammler in Paris, Herrn Kugel (das ist ein Familienname), der mir freundlicherweise die <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Kugel_Globe" rel="noopener">hochaufgelöste Fotos zur Verfügung stellte und deren Online-Publikation</a> in der All Skies Encyclopaedia (ASE) genehmigte. </p> <blockquote> <p><a href="https://ase.exopla.net" rel="noopener">https://ase.exopla.net</a></p> </blockquote> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png"><img alt="" decoding="async" height="797" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-1024x797.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-300x233.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026-768x597.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/KugelGlobus_ASE2026.png 1274w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Kugel-Globus wurde um 2000 auf dem Kunstmarkt in Paris gefunden, wo er mit anderen Silberobjekten zum Kauf angeboten wurde. Der erste Fachartikel (Cuvigny 2004) datiert den Globus „ca. 2tes oder 1stes Jahrhundert v. Chr.“ und „vermutlich aus Anatolien“. Seither wird der Globus typischerweise in der Kategorie „drei griechische Globen“ in der Fachliteratur abgehandelt (vgl. Dekker 2013). </p> <p>Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten in Zeichenstil und in den dargestellten Objekten (Hoffmann 2025). Astronomisch fragwürdig ist z.B., dass das Sternbild Corona Australis dort eingezeichnet ist, das erst seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. in Texten belegt ist und durch eine Datierung des Kugel-Globus ein bis zwei Jahrhunderte früher eben auch früher datiert werden müsste. Auch seltsam ist die Darstellung des Sternbilds Cetus als normaler Meeressäuger (Wal) und nicht als griechisches Seeungeheuer: siehe Hoffmann, Vickers, Geymeier (2022). <aside></aside></p> <h2 id="h-neuigkeit">Neuigkeit</h2> <p>Mein internationales Team hat aber nun an weiteren Auffälligkeiten festgestellt, dass wahrscheinlich sogar die Grundannahme falsch ist, dass der Kugel-Globus der griechischen Kultur entstammt:</p> <ul> <li>Die Große und Kleine Bärin sind als Tiger gezeichnet und nicht als Bärinnen,</li> <li>der Dame, die im Sternbild Jungfrau dargestellt ist, fehlt nicht nur die übliche Kornähre, sondern sie trägt einen (indischen) Sari, </li> <li>und ihre Frisur ist chinesisch, der so genannte „Maiden Bun“ (Jungfrauen-Dutt), der erst seit dem 4. Jh. n. Chr. belegt ist. </li> </ul> <p>Es deutet also vieles darauf hin, dass dieser kleine Silberglobus von Nicolas and Alexis Kugel in Paris <strong>aus Indien sein dürfte</strong> und zahlreiche<strong> fremde Einflüsse</strong> hat – z.B. griechisch, chinesisch, vllt. auch persisch. </p> <p>Wir haben diese Anhaltspunkte nur in einem schnellen Bericht von ca. 25 Experten publiziert und hoffen, dass nun andere Kollegen, die klüger sind als wir, den Kugel-Globus endlich richtig einordnen können. Es gibt offenbar noch viel dazu zu forschen! </p> <p><a href="https://www.sciengine.com/JAHH/doi/10.3724/SP.J.1440-2807.2026.01.10" rel="noopener">Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025)</a>. </p> <h2 id="h-literatur">Literatur</h2> <p>Hélène Cuvigny, “Une sphère céleste antique en argent ciselé”, in Harald Harrauer and Rosario Pintaudi (ed.) Gedenkschrift Ulrike Horak (Florence, 2004) (= Papyrologica Florentina 34) 345-381.</p> <p>Dekker, Elly (2013). Illustrating the Phaenomena, Oxford University Press</p> <p>Hoffmann (2025), Some Results on the Ancient Globes, Globe Studies – The Journal of the International Coronelli Society, 69, 4169.</p> <p>Hoffmann, S.M., Vickers, D. and Geymeier, M. (2022). Constellation Cetus: Whale or Monster? , in Hoffmann and Wolfschmidt (eds.). Astronomy in Culture – Cultures of Astronomy, tredition Hamburg/ OpenScienceTechnology Berlin, 302-340</p> <p>Hoffmann, AlAjaji, Shylaja, Yang et al. (2025). The IAU Working Group on Star Names (WGSN): Research Finds in 2025. Journal of Astronomical History and Heritage, 28(4), 1026–1038.</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/kugel-globe-nicht-griechisch/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/#respond Tue, 10 Mar 2026 21:19:14 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3757 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg Warnschild "Achtung Asbest" und Person im Schutzanzug https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" /><h1>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.</p> <p>Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.</p> <p>Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.</p> <p>Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.</p> <h2 id="h-geogener-asbest-oder-akzessorischer-asbest">Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?</h2> <p>Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden? <aside></aside></p> <p>Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.</p> <p>Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.</p> <h2 id="h-analytik-von-amphibolen">Analytik von Amphibolen</h2> <p>Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.</p> <h3 id="h-amphibole-die-hausschweine-des-geochemikers">Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers</h3> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.</p> <p>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p><strong>A<sub>0-1</sub>B<sub>2</sub>C<sub>5</sub>T<sub>8</sub>O<sub>22</sub>(OH)<sub>2</sub></strong></p> <p>Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.</p> <p>A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na<sup>+</sup>, K<sup>+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ca<sup>2+</sup> oder Li<sup>+</sup> besetzt sein.</p> <p>B von Ca<sup>2+</sup>, Na<sup>+</sup>, Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li<sup>+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Pb<sup>2+</sup>,Cu, Zr<sup>4+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Cr<sup>3+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V</p> <p>C von Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li+, Al<sup>3+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ti<sup>4+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V, Cr<sup>3+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Zr</p> <p>T steht für Si<sup>4+</sup>, Al<sup>3+</sup>, Ti<sup>4+</sup></p> <p>Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F<sup>–</sup>, Cl<sup>– </sup>oder auch O<sup>2-</sup> ersetzt werden.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom <em>Subcommitee on Amphiboles</em> der IMA, der <em>International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names</em> die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:</p> <ul> <li>Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole</li> <li>Calcium Amphibole</li> <li>Natrium-Calcium Amphibole</li> <li>Alkali-Amphibole</li> <li>Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole</li> </ul> <h3 id="h-die-verflixten-mischkristalle">die verflixten Mischkristalle</h3> <p>Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.</p> <p>Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.</p> <p>Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.</p> <h2 id="h-die-amphibolasbeste">Die Amphibolasbeste</h2> <p>Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.</p> <h3 id="h-krokydolith">Krokydolith</h3> <p>Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na<sub>2</sub>Fe<sup>2+</sup><sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>].</p> <p>Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na<sub>2</sub>(Mg,Fe)<sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.</p> <p>Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.</p> <h3 id="h-amosit">Amosit</h3> <p>Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe<sup>2+</sup>, Mg)<sub>7</sub>[OH|Si<sub>4</sub>O<sub>11</sub>]<sub>2</sub>. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/cummingtonite/">Cummingtonit</a> (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.</p> <p>Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-anthophyllit">Anthophyllit</h3> <p>Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.</p> <p>Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.</p> <p>Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch <em>Anthophylli</em>) ab.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-aktinolith">Aktinolith</h3> <p>Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.</p> <p>Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.</p> <h3 id="h-tremolit">Tremolit</h3> <p>Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.</p> <p>Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h2 id="h-bestimmung-und-abgrenzung-der-amphibolasbeste">Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste</h2> <p>Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.</p> <p><br></br>aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.</p> <p>Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine <a href="https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/software-faseridentifizierung-in-staeuben/index.jsp" rel="noopener">Auswertungstabelle </a>auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.</p> <h2 id="h-unterscheidung-zwischen-technischem-und-geogenem-akzessorischem-asbest">Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest</h2> <p>Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.</p> <p>Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-asbest-mit-zweierlei-mass">Asbest mit zweierlei Maß</h3> <p>Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.</p> <p>Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.</p> <p>Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.</p> <h3>Was ist der Asbestgehalt?</h3> <p>Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?</p> <p>Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.</p> <p>Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.</p> <p>Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?</p> <p>Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.</p> <p>Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.<br></br>Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.</p> <h3 id="h-was-ist-eine-faser">Was ist eine Faser?</h3> <p>Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.</p> <p>So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis &gt; 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.</p> <p>Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.<br></br>Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.<br></br>Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d &lt; 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.</p> <p>Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.</p> <h4 id="h-asbestfaser-international">Asbestfaser – international</h4> <p>Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.</p> <p>In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.</p> <p>In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.<br></br>In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,<br></br>– aufspleissende Faserbündel oder<br></br>– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.</p> <p>Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.</p> <h3 id="h-definition-notwendig">Definition notwendig</h3> <p>Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.</p> <p>Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.</p> <p>Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.</p> <h3 id="h-unterschied-technischer-und-geogener-asebest">Unterschied technischer und geogener Asebest</h3> <p>Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?</p> <p>Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.</p> <p>Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.</p> <p>Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.</p> <h3 id="h-was-ist-notwendig">Was ist Notwendig?</h3> <p>Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.</p> <p>Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.</p> <p>Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessorischen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).</p> <p>Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c.jpg" /><h1>Reden wir über Asbestanalytik – Amphibolasbest und geogener Asbest » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am zweiten Tag der diesjährigen DCONex drehte sich alles um die Asbestanalytik. Ich war etwas erstaunt, wie gut diese Session besucht war, denn parallel dazu gab es Vorträge zum Thema „Asbesthaltige Abstandshalter im Betonbau”. Dieses Thema hatte in der Asbestbranche zuletzt für einige Aufregung gesorgt. Das hätte ich mir auch gerne angehört, aber ich war gebunden, und zwar an die Analytik von Amphibolasbest.</p> <p>Von den sechs unter dem Oberbegriff Asbest zusammengefassten Mineralen gehören fünf zu der Mineralfamilie der Amphibole. Und wie mein alter Mineralogieprofessor zu sagen pflegte: „Amphibole sind die Hausschweine des Geochemikers.” Das heißt, sie sind nicht nur in der Lage, fast alle Elemente, die in einem Magma herumschwirren, in ihr Gitter einzubauen, sondern sie sind auch in vielfältiger Weise untereinander mischbar. Das macht die Analytik von Amphibolasbest manchmal zu einem anstrengenden Unterfangen.</p> <p>Hinzu kommt das Problem, das ich im vorherigen Beitrag zur DCONex 2026 bereits angesprochen hatte, dass die Amphibolasbeste nicht nur technisch verwendet wurden. Sie kommen auch in verschiedenen Rohstoffen als sogenannter geogener Asbest vor.</p> <p>Markus Mattenklott vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung begann mit den Grundlagen der Mineralfamilie der Amphibole. Stefan Pierdzig von der CRB Analyse Service GmbH folgte mit der Definition von Asbestfasern und der Unterscheidung zwischen technischem und geogenen Asbest. Den Abschluss bildete Joachim Koppen von der BIOLAB Umweltanalysen GMBH mit Fallbeispielen für Amphibolasbest aus der analytischen Praxis.</p> <h2 id="h-geogener-asbest-oder-akzessorischer-asbest">Geogener Asbest oder akzessorischer Asbest?</h2> <p>Das wäre ja alles noch nicht weiter dramatisch, wenn nicht für technisch zugesetzten und geogenen Asbest teilweise unterschiedliche Regelungen gelten würden. Damit sind wir auch schnell bei einem Problem: Wie lässt sich sicher zwischen technisch zugesetzten und geogenen Asbestfasern unterscheiden? <aside></aside></p> <p>Der Begriff „geogener Asbest” ist in meinen Augen ziemlich irreführend, selbst wenn man ihn dem technisch verwendeten Asbest gegenüberstellt. Während der technische Asbest, also der Asbest, den wir Baumaterialien hinzugefügt haben, um eine bestimmte Eigenschaft zu verbessern, oder den wir zum Beispiel als Brandschutz verwendet haben, also absichtlich hinzugefügt wurde, stammt der geogene Asbest aus verwendeten Zuschlagstoffen – meist natürlichen Gesteinen –, in denen er enthalten war. Er verbessert hier also keine Materialien, sondern kommt quasi als Trittbrettfahrer mit. Um die Verwirrung perfekt zu machen, muss man allerdings sagen, dass auch unser technisch verwendeter Asbest natürlicher Asbest ist, allerdings einer bestimmten Qualität. Er stammt aus ausgewählten Lagerstätten, die gerade wegen ihrer Asbestvorkommen aufgesucht und ausgebeutet werden.</p> <p>Geogener Asbest stellt hingegen als akzessorisches Mineral eines natürlichen Gesteins, das wir als Zuschlagstoff verwendet haben, keine eigene Lagerstätte dar. Der Begriff lehnt sich an den englischen Ausdruck „natural occurring asbestos“ (NOA) an. Ich bin aber dennoch der Meinung, dass man ihn eigentlich aufgeben sollte. Für diese Art Asbest wäre vielleicht der Begriff „akzessorischer Asbest“ angemessener, da er auf die Quelle hindeutet. Damit wäre allerdings noch nicht die Frage beantwortet, wie sich der akzessorische Asbest vom technisch verwendeten Asbest unterscheiden lässt. Aber dazu kommen wir später noch. Zunächst werfen wir einen Blick auf die Mineralgruppe der Amphibole und den Amphibolasbest.</p> <h2 id="h-analytik-von-amphibolen">Analytik von Amphibolen</h2> <p>Dieser Workshop war vielleicht eher etwas für Nerds, zumindest hatte ich diese Befürchtung. Glücklicherweise mussten wir aber nicht in einem leeren Saal stehen, auch wenn parallel durchaus interessante Beiträge liefen.</p> <h3 id="h-amphibole-die-hausschweine-des-geochemikers">Amphibole – die Hausschweine des Geochemikers</h3> <p>Amphibole sind eine sehr vielfältige Mineralgruppe. Sie können eine sehr große Bandbreite an Elementen in ihr Gitter einbauen und haben vermutlich die größte chemische Variabilität. Das hat ihnen den Ruf des „Hausschweins der Geochemiker” eingebracht. Alle Elemente, die in einem Magma oder bei einer Metamorphose vorhanden sind, finden auf die eine oder andere Weise in ihnen ihren Platz.</p> <p>Dabei ist ihre chemische Summenformel eigentlich relativ simpel, nämlich </p> <p><strong>A<sub>0-1</sub>B<sub>2</sub>C<sub>5</sub>T<sub>8</sub>O<sub>22</sub>(OH)<sub>2</sub></strong></p> <p>Das Gleiche gilt für ihre Struktur: Es handelt sich um Doppelketten aus eckenverknüpften SiO₄-Tetraedern, was sie zu Kettensilikaten macht und auch die oft faserförmige, längliche Ausbildung der Minerale vorgibt. Die obige Summenformel zeigt, dass es Platzhalter für unterschiedliche Positionen in der Mineralstruktur gibt.</p> <p>A kann sowohl eine Leerstelle als auch durch Na<sup>+</sup>, K<sup>+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ca<sup>2+</sup> oder Li<sup>+</sup> besetzt sein.</p> <p>B von Ca<sup>2+</sup>, Na<sup>+</sup>, Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li<sup>+</sup>, Sr<sup>2+</sup>, Ba<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Pb<sup>2+</sup>,Cu, Zr<sup>4+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Cr<sup>3+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V</p> <p>C von Mg<sup>2+</sup>, Fe<sup>2+</sup>, Mn<sup>2+</sup>, Li+, Al<sup>3+</sup>, Zn<sup>2+</sup>, Ni<sup>2+</sup>, Co<sup>2+</sup>, Ti<sup>4+</sup>, Fe<sup>3+</sup>, V, Cr<sup>3+</sup>, Mn<sup>3+</sup>, Zr</p> <p>T steht für Si<sup>4+</sup>, Al<sup>3+</sup>, Ti<sup>4+</sup></p> <p>Zusätzlich kann die Hydroxygruppe, das (OH), durch F<sup>–</sup>, Cl<sup>– </sup>oder auch O<sup>2-</sup> ersetzt werden.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, welches Chaos sich in der Nomenklatur und den Zusammensetzungen der Amphibole abspielt. Diese enorme Variabilität lässt die Amphibole auch in sehr weiten Bereichen der magmatischen und metamorphen Gesteine auftreten. Gleichzeitig war die Nomenklatur auch nicht einfach. Erste 2003 wurde vom <em>Subcommitee on Amphiboles</em> der IMA, der <em>International Mineralogical Assosciation, Commission on New Minerals and Mineral Names</em> die heute gültige Nomenklatur festgelegt. Die Mineralnamen bauen auf den Gehalten der verschiedenen Elemente auf den einzelnen Positionen auf. Ausschlaggebend sind dabei die Elemente der B-Position. Sie unterteilen sich in 5 Gruppen:</p> <ul> <li>Magnesium-Eisen-Mangan-Lithium Amphibole</li> <li>Calcium Amphibole</li> <li>Natrium-Calcium Amphibole</li> <li>Alkali-Amphibole</li> <li>Na-Ca-Mg-Fe-Mn-Li Amphibole</li> </ul> <h3 id="h-die-verflixten-mischkristalle">die verflixten Mischkristalle</h3> <p>Um die Sache noch komplizierter zu machen, können den Namen der Amphibole auch Präfixe der Elemente vorangestellt werden, die als wesentliche Substitutionen auftreten. Beispiele sind Ferro-Amphibolname oder Titano-Amphibolname, je nachdem, ob diese Elemente eine gewisse Bedeutung im jeweiligen Mineral erreichen.</p> <p>Zusätzlich bilden viele Amphibole Mischkristallreihen, bei denen wir nicht nur die reinen, lehrbuchmäßigen Endglieder, sondern meist etwas dazwischen beobachten. Leider sind auch unsere fünf Amphibolasbeste hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, hier finden sich Mischkristallreihen sowohl zwischen ihnen, also Tremolit und Aktinolith, als auch mit Außenstehenden, also Grunerit und Cummingtonit. Falls der Begriff Grunerit nichts sagt: Es ist unter dem Begriff Amosit einer unserer Amphibolasbeste.</p> <p>Man kann sich also unschwer vorstellen, dass gerade bei akzessorischem Asbest aus Zuschlagsstoffen oft die gesamte Bandbreite auftritt und Analytiker vor die undankbare Aufgabe gestellt werden, zu entscheiden, ob etwas zu den Asbestmineralen gehört oder nicht.</p> <p>Aber ich will hier nicht weiter in die spezielle Mineralogie dieser ziemlich faszinierenden Mineralgruppe abschweifen. Schauen wir uns einfach die fünf Amphibole etwas genauer an, die wir unter dem Sammelbegriff Asbest zusammenfassen.</p> <h2 id="h-die-amphibolasbeste">Die Amphibolasbeste</h2> <p>Betrachtet man unsere fünf Asbestminerale aus der Gruppe der Amphibole genauer, fällt zunächst auf, dass zumindest die wirtschaftlich bedeutenden Minerale Amosit und Krokydolith keine richtigen Mineralnamen im mineralogischen Sinne sind. Krokydolith heißt mineralogisch korrekt Riebeckit und Amosit ist hier unter Grunerit zu finden.</p> <h3 id="h-krokydolith">Krokydolith</h3> <p>Vielleicht der wirtschaftlich bedeutendste Amphibolasbest ist Krokydolith oder auch Blauasbest. Er heißt mineralogisch eigentlich Riebeckit und gehört zur Gruppe der Alkali-Amphibole. Mineralogisch verbirgt sich dahinter das Mineral Riebeckit, ein monoklines Kettensilikat aus der Gruppe der Alkali-Amphibole. Es handelt sich um ein recht komplexes Natrium-Eisen Silikat mit der Zusammensetzung Na<sub>2</sub>Fe<sup>2+</sup><sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>].</p> <p>Das wäre ja noch relativ einfach, aber der Platz des Natrium ist nicht vollständig besetzt. Zudem bildet Riebeckit mit Magnesio-Riebeckit Na<sub>2</sub>(Mg,Fe)<sub>3</sub>Fe<sup>3+</sup><sub>2</sub>[(OH)<sub>2</sub>|Si<sub>8</sub>O<sub>22</sub>] (ein schönes Beispiel für die oben erwähnten Präfixe) eine lückenlose Mischkristallreihe.</p> <p>Riebeckit kann lange, feinfaserige bis nadelige Mineralaggregate bilden. Diese wurden (und werden zum Teil noch heute) als Krokydolith abgebaut und technisch verwendet. Riebeckit kann sich unter verschiedenen Bedingungen bilden. So kommt das Mineral magmatisch in Graniten, Rhyolithen und Syeniten vor, aber auch in metamorphen Gesteinen wie Quarziten oder eisenreichen Schiefern, wo es mit anderem Asbest der Tremolit-Aktinolith-Reihe vergesellschaftet ist. Die Krokydolith-Vorkommen in Südafrika befinden sich in den Banded Iron Formations und sind sekundärer Natur. Möglicherweise haben Magnetitkristalle als Keime gewirkt.</p> <h3 id="h-amosit">Amosit</h3> <p>Auch Amosit oder Braunasbest wegen seiner oft bräunlichen Farbe, ist kein richtiger Mineralname, sondern das Akronym eines der Hauptförderer des Minerals: die Asbestos Mine of South Africa. Dahinter verbirgt sich der Amphibol Grunerit. Er gehört zu den monoklinen Amphibolen. Seine oft faserigen oder nadeligen Kristalle haben die Zusammensetzung (Fe<sup>2+</sup>, Mg)<sub>7</sub>[OH|Si<sub>4</sub>O<sub>11</sub>]<sub>2</sub>. Wie bei den meisten Amphibolen stellt auch Grunerit nur das Endglied einer Mischkristallreihe dar, in diesem Fall mit <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/cummingtonite/">Cummingtonit</a> (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂. Dabei stellt Grunerit das Fe-betonte und Cummingtonit das Mg-betonte Endglied dar. Auch Amosit wird wirtschaftlich als Asbest genutzt, wenn auch weniger als Chrysotil oder Krokydolith.</p> <p>Das Mineral bildet sich oft während der Kontaktmetamorphose in mittel- bis hochgradigen, eisenreichen Gesteinen und Blauschiefern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="736" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1024x736.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-300x216.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-768x552.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-1536x1104.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/amosit-filter_004-2048x1472.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Amosit. Diser Amosit hier auf einem Luftfilter wurde technisch verwendet. Das Verhältnis Länge zu Dicke ist hoch. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-anthophyllit">Anthophyllit</h3> <p>Anthophyllit gehört ebenfalls zur Mineralgruppe der Amphibole. Seine chemische Zusammensetzung ist (Mg,Fe₂+)₇[OH|Si₄O₁₁]₂, wobei der Gehalt an Magnesium und Eisen stark schwanken kann. So kann Magnesium bis zu 40 Atomprozent durch zweiwertiges Eisen ersetzt werden. Damit ähnelt er stark der Grunerit-Cummingtonit-Reihe, kristallisiert aber im Gegensatz zu diesen Amphibolen im orthorhombischen Kristallsystem.</p> <p>Als Asbest wurden meist die nadeligen und faserigen Anthophyllitvarianten verwendet, wenn auch deutlich seltener als Krokydolith und Amosit. Dennoch kann dieser Amphibolasbest immer wieder nachgewiesen werden, auch als technischer Asbest.</p> <p>Anthophyllit bildet sich vornehmlich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, zum Beispiel in Gneis, Pegmatit und Serpentinit. Sein Name leitet sich von seiner Ähnlichkeit mit der Gewürznelke (griechisch <em>Anthophylli</em>) ab.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Anthophyllit-319666_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Anthophyllite, hier mit Maßstab, um die Lungengängigkeit zu belegen. Diese Anthophyllite waren geogener Herkunft, sie ähneln aber durch ihr hohes Länge zu Dicke Verhältnis durchaus technisch verwendeten Anthophylliten. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-aktinolith">Aktinolith</h3> <p>Aktinolith ist ein Mitglied der Calcium-Amphibole, die früher auch als Hornblenden bezeichnet wurden. Seine Mineralformel lautet Ca₂(Mg,Fe)₅[OH|Si₄O₁₁]₂. Es gehört zusammen mit dem unten beschriebenen Tremolit zur Tremolit-Aktinolith-Ferro-Aktinolith-Mischkristallreihe. Die faserigen bis nadeligen Varianten finden als Asbest Verwendung, wenn auch relativ selten. Die faserige und als Asbest genutzte Variante wird gelegentlich auch als Amiant bezeichnet. In der technischen Verwendung tritt sie mengenmäßig deutlich hinter den oben aufgeführten Asbestarten zurück. Das Mineral kommt aber vergleichsweise häufig in Gesteinen der Regionalmetamorphose, wie Amphiboliten und kristallinen Schiefern, vor.</p> <p>Aufgrund seiner Häufigkeit in vielen Gesteinen und seines variablen Chemismus ist es unter dem Elektronenmikroskop manchmal sehr schwer, es von anderen Mineralen wie etwa Talk abzugrenzen.</p> <h3 id="h-tremolit">Tremolit</h3> <p>Der fünfte und letzte unter den Amphibolasbesten ist der Tremolit. Er hat die Mineralformel Ca₂Mg₅[(OH,F) | Si₄O₁₁]₂ und gehört zusammen mit dem bereits erwähnten Aktinolith zu einer Mischkristallreihe. Daneben zeigen diese auch Übergänge zu den anderen Amphibolen der Hornblende-Gruppe. Für ihn gilt das Gleiche wie für den Aktinolith, allerdings wurde er technisch kaum verwendet.</p> <p>Das Mineral bildet sich in Gesteinen der Regionalmetamorphose, unter anderem in Talkschiefern und unreinen Marmoren. Werden diese Gesteine als Zuschlag oder Rohstoff verwendet, können Tremolite auch immer wieder den Weg in verschiedene Produkte, wie etwa jüngst in bunten Spielsand, finden. Vermutlich gehören Tremolit und die mit ihm verwandten Aktinolithe zu den häufigsten geogenen oder akzessorischen Asbesten.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Tremolit-in-Talk_001-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit aus eiem Talk. Dieser Tremlit ist nicht lungengängig, zeigt aber sehr schöne Längsspaltbarkeit und würde unter Belastung schnell in kleinere, möglicherweise lungengängige Fasern zerbrechen. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h2 id="h-bestimmung-und-abgrenzung-der-amphibolasbeste">Bestimmung und Abgrenzung der Amphibolasbeste</h2> <p>Neben der faserförmigen Ausprägung ist die vollkommene Spaltbarkeit der Asbestminerale eines der wichtigsten Kriterien. Dadurch zeichnen sich die Fasern oder Faserbündel durch ein feines Aufspleißen aus, das vom Faserende her beginnt. Dies gilt auch für die Asbeste aus der Amphibolgruppe.</p> <p><br></br>aneben ist ein möglichst aussagekräftiges Elementspektrum wichtig, bei dem sowohl die leichteren als auch die schweren diagnostischen Elemente gut erfasst werden. Dies ist vor allem bei den Amphibolen mit ihren Mischkristallreihen und der extrem variablen Zusammensetzung notwendig, da sie oft nur schwer erkennbare Grenzen gegenüber den nicht zu den Asbestmineralen gehörenden Endgliedern haben. Beispiele hierfür sind die Mischkristallreihe Grunerit (Amosit) – Cummingtonit und die Tremolit-Aktinolith-Reihe mit Übergängen zu anderen Hornblenden. Aber auch viele ebenfalls faserförmig auftretende Minerale mit ähnlichem Chemismus, wie etwa viele Phyllosilikate, Talke oder die Gruppe der Pyroxene, sind zu nennen.</p> <p>Da auch umgebende Partikel oft mit angeregt werden, können auch diese die Analyse beeinflussen und so zu Fehldeutungen führen. So kann eine kalkige oder dolomitische Matrix etwa die Unterscheidung von Tremolit und Aktinolith erschweren. Um den beträchtlichen Aufwand bei der Überprüfung der verschiedenen Abgrenzungskriterien zu erleichtern, stellt das Institut für Arbeitsschutz der DGUV eine <a href="https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/praxishilfen-gefahrstoffe/software-faseridentifizierung-in-staeuben/index.jsp" rel="noopener">Auswertungstabelle </a>auf Grundlage von Microsoft Excel bereit.</p> <h2 id="h-unterscheidung-zwischen-technischem-und-geogenem-akzessorischem-asbest">Unterscheidung zwischen technischem und geogenem / akzessorischem Asbest</h2> <p>Was genau ist eigentlich dieser geogene Asbest und wie unterscheidet er sich von technisch eingesetztem Asbest? Ich hatte bereits weiter oben dargelegt, dass ich den Begriff „geogener Asbest” für problematisch halte. Das gilt allgemein für Begriffe, die sich auf die Entstehung beziehen. Hier gilt es sogar doppelt, denn letztlich ist auch der technisch verwendete Asbest geogen. Er hat nur eine andere Qualität: Er wurde absichtlich zugefügt, um die Materialeigenschaften oder die Verarbeitung zu verbessern. Der sogenannte geogene Asbest hingegen entstammt akzessorischen Asbestgehalten natürlicher Gesteine als Zuschlagstoff. Ich halte daher den Begriff „akzessorischer Asbest” für treffender.</p> <p>Das Problem besteht zwar schon länger, hat sich aber seit der Einführung der damals erneuerten VDI 3866 mit ihrem Anhang B und der daraus resultierenden, deutlich verbesserten Analytik mit extrem niedrigen Nachweisgrenzen noch verschärft. Seither werden in vielen Produkten, auch in solchen, die deutlich nach dem Asbestverbot hergestellt wurden, immer wieder Asbestfunde gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="729" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1024x729.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-300x214.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-768x547.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-1536x1094.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/314352b9_tremolit-2048x1459.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Tremolit. Das Aufpleißen an den Enden ist ebenso gut zu erkennen wie die extrem perfekte Spaltbarkeit. Auch wenn diese Fasers elbst nicht lungengängig ist, so kann sie sehr leicht in viele lungengängige Fasern zerfallen. Dieser Tremolit ist kein technisch verwendeter, sondern stammt als akzessorisches Mineral aus einem Zuschlagstoff. CRB Analyse Service GmbH.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-asbest-mit-zweierlei-mass">Asbest mit zweierlei Maß</h3> <p>Dabei ergibt sich ein Problem. Zurzeit gibt es nämlich keine klare Definition dafür, was aus analytischer Sicht technischer und was geogener/akzessorischer Asbest ist. Das mag auf den ersten Blick wie Erbsenzählerei klingen, hat jedoch große Auswirkungen auf verschiedene Rechtsbereiche, etwa das Chemikalienrecht, das Bau- und Gefahrgutrecht. Bislang gibt es nur sehr wenige belastbare medizinische Daten zur Toxizität der verschiedenen Asbestvarianten und ihrer unterschiedlichen morphologischen Ausprägungen.</p> <p>Nehmen wir ein kleines Beispiel: Wir haben in einer Probe einen eindeutig positiven Asbestbefund. Wenn es sich um einen natürlichen Rohstoff handelt, darf dieser bis zu 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Das gilt übrigens auch, wenn dieser Rohstoff oder daraus hergestellte Produkte später recycelt werden. Hier kommen die Regelungen der TRGS 517 zum Tragen.</p> <p>Ansonsten gilt für Baustoffe mit technischem Asbest die TRGS 519 sowie ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Das liegt daran, dass viele Gesteine kleine Mengen der als Asbest bekannten Minerale enthalten können. Die TRGS 517 stellt allerdings auch fest, dass davon ausgegangen werden kann, dass die in der Bundesrepublik vorkommenden Rohstoffe weniger als 0,1 Massenprozent Asbest enthalten. Abgesehen davon, dass dies nicht ohne Weiteres pauschalisiert werden kann, ist bei grenzüberschreitendem Handel durchaus auch mit höheren Asbestgehalten zu rechnen. Man denke nur an die jüngsten Funde von Asbest in buntem Spielsand.</p> <h3>Was ist der Asbestgehalt?</h3> <p>Doch was sind 0,1 Massenprozent überhaupt? Auch diese Frage, die viele einfach mit „Asbestgehalt“ beantworten möchten, ist letztlich nicht trivial. Denn es gibt durchaus verschiedene Asbestgehalte in natürlichem Gestein. Welche wären das?</p> <p>Am einfachsten wäre der Gesamtgehalt an Asbestmineralen. Da bei Asbest aber auch die Form eine Rolle spielt, wäre vielleicht der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen passender.</p> <p>Zu der Frage, was genau „faserförmig“ bedeutet, komme ich gleich auch noch.</p> <p>Im Prinzip sind es die lungengängigen Fasern, also die WHO-Fasern, die die Asbestminerale so gefährlich machen. Vielleicht also der Gehalt an faserförmigen Asbestmineralen mit WHO-Abmessungen?</p> <p>Schließlich können wir auch noch zwischen primär faserförmigen Asbestmineralen und solchen, die aufgrund ihrer vollkommenen Spaltbarkeit während der Bearbeitung faserförmig werden, unterscheiden.</p> <p>Nach der TRGS 517 werden als Asbestfasern diejenigen Fasern bezeichnet, die sowohl zu den sechs bekannten Asbestmineralen gehören als auch den Kriterien einer lungengängigen Faser nach WHO entsprechen.<br></br>Dabei ist es unerheblich, ob diese Faser bereits als faserförmiges Mineral vorlag oder erst durch die Bearbeitung faserförmig wurde. Denn eine solche Unterscheidung kann an einem einzelnen Partikel in der Regel ohnehin nicht getroffen werden.</p> <h3 id="h-was-ist-eine-faser">Was ist eine Faser?</h3> <p>Das bringt uns zu der Frage: Was ist eigentlich eine asbestiforme Faser? Das mag auf den ersten Blick wie Haarspalterei erscheinen, hat aber einen ernsten Hintergrund. Denn obwohl die Definition dessen, was als Faser zu zählen ist, für die Asbestanalytik von enormer Wichtigkeit ist, sind sich die verschiedenen Normen und Richtlinien hier nicht sonderlich einig. Zwar gibt es einige Übereinstimmungen, aber auch viel Unklares und Interpretationsspielraum.</p> <p>So definiert die VDI 3492 eine Faser als einen langgestreckten Partikel mit einer Länge von mehr als 5 µm, einer Dicke von weniger als 3 µm und einem L:D-Verhältnis &gt; 3:1. Damit werden die klassischen WHO-Fasern erfasst. Das gilt ebenso für die BGI_GUV-I-505-46 und die VDI 3877.</p> <p>Die DIN-ISO-EN 16000-7 vereinfacht das Ganze. Als Faser gilt hier jeder Partikel mit einem L:D-Verhältnis von mehr als 3:1.<br></br>Soweit ist ja noch alles halbwegs klar. Es geht aber noch weiter. In der IFA-Arbeitsmappe 7487, also der Methode zur halbquantitativen Bestimmung des Asbestgehalts, gilt als Faser jedes Objekt, das eine Länge von wenigstens 5 µm sowie ein L/D-Verhältnis von über 3:1 aufweist.<br></br>Spannend und etwas schwammig wird es bei der VDI 3866: Während Blatt 4 noch auf lang gestreckte Partikel mit einem L:D von mindestens 3:1 setzt, bleibt Blatt 5 bei der deutlich erkennbaren Längsspaltbarkeit und einem damit verbundenen Aufspleißen an den Faserenden oder dem Vorliegen dünner Fasern (d &lt; 1 µm) sowie einem hohen L/D-Verhältnis. Da kann man durchaus einiges hineininterpretieren.</p> <p>Die TRGS 517 definiert Asbestfasern als zugehörig zu den sechs bekannten Asbestmineralen, als lungengängig gemäß den WHO-Kriterien und mit einem L:D-Verhältnis von weniger als 3:1.</p> <h4 id="h-asbestfaser-international">Asbestfaser – international</h4> <p>Auch ein Blick auf die internationalen Normen bringt keine größere Klarheit. So beziehen sich die den DIN-Normen eigentlich übergeordneten ISO-Normen 22262-1 und 22262-2 auf „asbstiform” und verweisen auf die ISO 1379:2019, in der allerdings keine Definition zu finden ist. Stattdessen wird man auf die ISO 10312:2019 verwiesen. Dort heißt es, dass eine Mindestlänge von 0,5 µm und ein Verhältnis von Länge zu Dicke von wenigstens 5:1 vorliegen muss.</p> <p>In den USA (EPA600/R-93/116) sieht es folgendermaßen aus: Um als Asbestfaser zu gelten, muss ein Länge-zu-Dicke-Verhältnis von 20:1 bis über 100:1 vorliegen und die Faser muss länger als 5 µm sein. Zudem sollten sehr dünne Fibrillen mit Dicken unter 0,5 µm sowie zwei oder mehr der folgenden Kriterien vorliegen: parallele Fasern in Bündeln, aufspleißende Enden, verfilzte Fasern und gekrümmte Fasern.</p> <p>In Großbritannien sieht es ähnlich aus (HSG248): Das Länge-zu-Dicke-Verhältnis beträgt auch hier 20:1 bis über 100:1 und es besteht die Möglichkeit, in dünnere Fasern aufzuspalten. Auch die Zusatzkriterien sind ähnlich zu denen in den USA. Es können parallele Fasern in Bündeln, aufspleiessende Enden, dünne Nadeln, Faserfilz oder gekrümmte Fasern auftreten.<br></br>In der Schweiz kann man sich am Positionspapier des Forums Asbest Schweiz orientieren. Demnach liegt bei Amphibolasbest ein positiver Asbestbefund vor, wenn mindestens drei Asbeststrukturen in einem Präparat nachgewiesen werden können. Diese sollten folgende morphologische Eigenschaften aufweisen: – lange, dünne Einzelfasern oder sehr dünne Faserbündel mit einer Länge von mehr als 5 µm und einem Durchmesser von weniger als 1 µm sowie einem Längen-Durchmesser-Verhältnis von mehr als 20,<br></br>– aufspleissende Faserbündel oder<br></br>– wirrfaserige, verfilzte Faseraggregate.</p> <p>Alle anderen Faserstrukturen, die nicht asbestiform sind, stellen demnach kein Asbest dar. Die Frage, ob sie eine Gefahr darstellen, wird dabei jedoch ausgeklammert.</p> <h3 id="h-definition-notwendig">Definition notwendig</h3> <p>Bislang fehlt uns offenbar eine allgemeingültige Definition für Asbestfasern, vor allem in der Richtlinie VDI 3866 Blatt 5. Die dort zu findende Asbestfaserdefinition beruht auf der bislang meist erfolgten Anwendung auf die klassischen, technisch verwendeten Asbestformen. In Zukunft wird jedoch vermutlich der geogene oder akzessorische Asbest immer wichtiger werden – auch im Hinblick auf die Unterscheidung vom technisch verwendeten Asbest. Denn die immer besser werdenden Analysemethoden offenbaren auch geringe Gehalte an akzessorischen Mineralen der Asbeste, hier vornehmlich der Amphibolasbeste, in den Zuschlagstoffen.</p> <p>Wir werden also Kriterien und Definitionen benötigen, um diese verschiedenen Asbestformen und -quellen zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Einerseits, um abweichende Ergebnisse aus unterschiedlichen Laboren zu vermeiden, andererseits, um Funde differenziert bewerten zu können. Vor allem aber, um Funde differenziert bewerten zu können. Denn der Befund kann, wie bereits angemerkt, auch Konsequenzen hinsichtlich der abfallrechtlichen Bewertung und des möglichen Recyclings haben.</p> <p>Daher sollte die Regelung in VDI 3866 Blatt 5, nach der eine Untersuchung nach dem ersten Fund einer Asbeststruktur abgebrochen werden kann und die Probe als asbesthaltig gilt, dringend überarbeitet werden. Vielleicht sollten wir dem Schweizer Vorbild folgen und mindestens drei sicher identifizierte Asbeststrukturen verlangen.</p> <h3 id="h-unterschied-technischer-und-geogener-asebest">Unterschied technischer und geogener Asebest</h3> <p>Worin bestehen die Unterschiede zwischen technisch verwendetem Asbest und dem, der als akzessorisches Mineral durch Zuschläge in Materialien gelangt?</p> <p>Technischer Asbest ist in der Regel sehr dünnfaserig. Die Einzelfasern zeigen parallele Kanten und sind deutlich länger als 5 µm, wobei die Dicke meist deutlich unter 1 µm liegt. Das Verhältnis von Länge zu Dicke ist meist deutlich über 10:1 und die Enden der Fasern zeigen meist ein Aufspleißen in feinere Fibrillen. Es können auch wirrfaserige und verfilzte Aggregate vorkommen. Zumindest eines, meist sogar mehrere dieser Merkmale können zusammen auftreten.</p> <p>Geogener oder akzessorischer Asbest kann auch als Einzelfaser mit parallelen Kanten vorliegen, wobei das Längen-zu-Dicken-Verhältnis meist kleiner als 10:1 ist. Die Fasern sind in der Regel dicker als 1 µm. Oft fehlt auch das typische Aufspleißen an den Faserenden. Es treten auch Fasern mit nichtparallelen Längskanten auf.</p> <p>Statistisch betrachtet ließen sich die verschiedenen Asbestquellen vermutlich so unterscheiden. Die obigen Kriterien sollten in dieser oder überarbeiteter Form Eingang in die betreffenden Richtlinien finden. Nur so kann der Befund technischer bzw. geogener Asbest auch in die Prüfberichte Eingang finden. Bislang sind die Konsequenzen zwar noch recht überschaubar, aber auch bei Regelwerken wie der TRGS 519 und der TRGS 517 sollte eine Harmonisierung und Anpassung der Grenzwerte stattfinden.</p> <h3 id="h-was-ist-notwendig">Was ist Notwendig?</h3> <p>Diese oben genannten Unterscheidungskriterien müssen in irgendeiner Form Einzug in die Normen wie die VDI 3866 Blatt 5 halten. Das bietet sich auch daher an, weil diese Norm zur Zeit gerade in der Überarbeitung ist.</p> <p>Eventuell bietet es sich auch an, die Unterscheidung ob technischer oder geogener/akzessorischer Asbest gefunden wurde in die Prüfberichte zu übernehmen, zumindest auf Kundenwunsch. Hierfür wäre eventuell aber eine statistische Auswertung mehrerer Faserstrukturen notwendig und nicht nur die bisher erfolgte rein qualitative Einstufung nach möglicherweise Fund einer einzelnen Faserstruktur.</p> <p>Die Regeln für Materialien, die technischen Asbest und diejenigen, welche geogenen/akzessorischen Asbest enthalten, müssen harmonisiert und die Grenzwerte angepasst werden (TRGS 519 und TRGS 517).</p> <p>Man sollte sich aber auch im Klaren sein, dass die Unterscheidung der beiden Asbestvarianten kein Urteil hinsichtlich der Toxizität ist. Es gibt keinen „guten“ Asbest.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/reden-wir-ueber-asbestanalytik-dconex-2026-teil-2/#respond 0 Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/#comments Fri, 06 Mar 2026 06:39:24 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1922 <h1>Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>An den Küsten Großbritanniens und Europas werden seit Januar 2026 Tausende von Seevögeln angespült, viele sind bereits tot, die anderen geschwächt. Vor allem Papageientaucher und Lummen wurden an den Atlantik-Küsten von Cornwall, Devon, Nordostengland sowie im Norden und Osten Schottlands sowie entlang der Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs und der Kanalinseln gemeldet. Auch an den Stränden der Nordsee, vor der Südküste Irlands und in der Biskaya werden Seevogelkadaver gefunden.<br></br>Offenbar spielt sich im Nordostatlantik eine weiträumige Krise ab.<br></br>Mal wieder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png 564w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-165x300.png 165w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png 656w" width="564"></img></a><figcaption>Skeet von RSPB vom 19.02.20206 auf BlueSky</figcaption></figure> <p>Diese Seevogel-Massensterben („Seabird wrecks“) gerade von Alken (Papageientaucher, Tordalk) und Lummen (Trottellumme, Gryllteiste) nehmen in den letzten Jahren zu, vermutlich aufgrund der Klimakrise. (Zurzeit steht aber noch nicht fest, ob möglicherweise auch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, die auch die hat schon furchtbar unter anderen Meeresvögeln gewütet hat – darum raten Vogelexperten zur Vorsicht und, tote Vögel nicht anzufassen). Die angespülten Vögel sind nur ein Bruchteil der Opfer: Aktuelle Schätzungen zeigen, dass <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">allein in Frankreich über 20.000 Vögel</a> an die Strände gespült wurden. Viele weitere sind wahrscheinlich im stürmischen offenen Ozean ums Leben gekommen, ungesehen und ungezählt.</p> <p>Die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hat nach Berichten über Hunderte von tot angespülten Papageientauchern, Tordalken, Lummen und anderen Meeresvögeln, zu landesweiten Maßnahmen zum Schutz der Seevögel aufgerufen. An den UK-Küsten sammeln Naturschützer:innen und Freiwillige die noch lebend angespülten, aber geschwächten Vögel ein und päppeln sie mit Fisch wieder auf.  <br></br>Papageientauchen, Tordalke, Trottellumen und einige andere Arten sind pelagische Seevögel: Sie kommen eigentlich nur zum Brutgeschäft an Land, wo sie dann in großen Kolonien brüten. Danach fliegen sie aufs Meer hinaus und verbringen dort den Winter, auch die Jungvögel müssen dann alleine klarkommen – ebenfalls auf dem Meer.</p> <h2 id="h-klimakrise-befeuert-schwere-sturme"><strong>Klimakrise befeuert schwere Stürme</strong></h2> <p>Obwohl steigende Temperaturen die bekannteste Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Stürmen ein weiteres kritisches Symptom. In diesem Jahr haben bereits mehrere Stürme Europa heimgesucht, sie bildeten sich über den erwärmten Meeresoberflächen des Atlantiks und des Mittelmeeres.<br></br>So fegte Ende Januar der Sturm Chandra über Großbritannien und andere Teile Europas hinweg, während im Februar sechs weitere Stürme in schneller Folge über Portugal, Spanien und Frankreich rasthen. „<a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Angesichts der vorliegenden Beweise ist es möglich, dass diese Reihe von Stürmen eine tödliche Mischung von</a> Bedingungen für überwinternde Seevögel geschaffen hat, indem sie innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Schiffbrüchen geführt hat. Die aufeinanderfolgenden Stürme in diesem Winter haben den Seevögeln kaum eine Atempause gegönnt. Sie mussten mit starken Winden, sintflutartigen Regenfällen und hohem Seegang kämpfen, waren verzweifelt hungrig, aber offenbar nicht in der Lage, sich zu ernähren.“<br></br>Dafür spricht auch, dass die angeschwemmten Vögel sehr mager sind und verhärtete Muskeln haben – was durch einen hohen Laktatgehalt hervorgerufen wird: Eine Studie zum Seevogel-Sterben an der andalusischen Küste 2022/2023 ergab, dass die Mehrheit der gestrandeten Tordalken und <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.70161" rel="noopener">Papageientaucher Jungtiere waren. „Beide Arten wiesen einen niedrigen Gehalt an</a> Kohlenhydraten (Glukose und Glykogen) in ihrem Gewebe und einen hohen Laktatgehalt in ihren Muskeln auf. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Tiere einer längeren, anstrengenden körperlichen Belastung ausgesetzt waren, die Energie über anaerobe Stoffwechselwege erforderte, was möglicherweise mit der Wanderung zusammenhing.“ Sieht so aus, als ob sie sich mühsam durch die Wellen kämpften, aber dennoch nicht genug kleine Fische als Beute fangen konnten.</p> <p>Seit den 1970-er Jahren sind solche Massensterbe-Events bei Papageientauchern und Tordalken im Nordseebereich nachgewiesen. Sie hingen teilweise zusammen mit der Überfischung ihrer wichtigsten Futterquelle, den Sandaalen, die für Fischmehl industriell gefischt werden – vor allem für Lachs-Aquakulturen. Allerdings besteht auch ein <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632079290797Q" rel="noopener">Zusammenhang mit der Meereserwärmung der Nordsee.</a><aside></aside></p> <h2 id="h-langzeitstudie-von-der-isle-of-may-zu-uberlebensraten"><strong>Langzeitstudie von der Isle of May zu Überlebensraten</strong></h2> <p>Die vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie geleitete Langzeitstudie „<a href="https://www.ceh.ac.uk/our-science/projects/isle-may-long-term-study" rel="noopener">Isle of May Long-Term Study</a>” (die Isle of May liegt im schottischen Firth of Forth) <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">beobachtet seit 1973 Seevögel und ist damit eine der datenreichsten Studien ihrer Art.</a> Im Rahmen dieser Beobachtungen wird ein Teil der Seevögel beringt – anhand der Metallringe mit einzigartigen Identifikationscodes können dann auch Kadaver bis zur Isle of May vor der Ostküste Schottlands oder zu anderen Seevogelkolonien zurückverfolgt werden, in denen Seevögel beringt werden. Wie etwa auf der ebenfalls sehr alten Vogelwarte auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland.</p> <p>So werden die Todesfälle und Überlebensraten von Seevögeln regelmäßig ausgewertet und liefern die Basis für das Management dieser Arten. Auch wenn von den Tausenden Vögeln in Brutkolonien im Jahr 2026 gab es mehr Meldungen als üblich: Bereits im Februar waren es 33 tote Krähenscharben und neun tote Papageientaucher. <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Besonders herzzerreißend sei,</a> dass unter diesen Vögeln auch Überlebende des Vogelgrippe-Ausbruchs 2022/23 und des stürmischen Winters 2023/24 waren.</p> <p>Seevogelkolonien beherbergen während der Brutzeit oft Tausende von Vögeln – zu viele, um sie zu beringen. Darum werden natürlich auch viele unberingte Vögel gefunden – aber die beringten geben zumindest Indizien zu ihrer Herkunft und ihrem Alter.</p> <p>Schon im Sommer kann schlechtes Wetter auch mit weniger schweren Stürmen den kleinen Vögeln große Probleme beim Fischen bereiten. Bei stärkerem Wind zögern sie darum, nach Nahrung zu suchen. Schließlich müssen die Altvögel dann auch gegen den Wind anfliegen, um zu den Fischgründen und zurück zum Nest zu kommen. Auch das aufgewühlte Wasser ist für sie kräftezehrend. Im Winter müssen diese Seevögel noch intensiver nach Nahrung suchen. Dann brauchen sie genug Energie, um die Kälte zu überleben und müssen gleichzeitig Reserven für die bevorstehende Brutzeit aufbauen.</p> <h2 id="h-seevogel-bestande-in-der-krise"><strong>Seevogel-Bestände in der Krise</strong></h2> <p>Papageientaucher und andere Seevögel leben lange (eines der Opfer des aktuellen <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Unglücks war ein 34 Jahre alter Papageientaucher</a>) und brüten nur einmal im Jahr. Mit solch einer langsamen Reproduktionsrate können solche hohen Todeszahlen also langfristige Auswirkungen auf die Populationsentwicklung haben. Normalerweise, erklärt die Meeresökologin <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Ruth Dunn (Research Associate in Marine Ecology, Lancaster University</a>) in <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">The Conservation</a>, kommen erwachsene Vögel besser über den Winter. Jetzt aber sind neben Jungtieren auch viele ältere Vögel gestorben – damit fällt die nächste Elterngeneration weg. Da solche Sturm- und Massensterben-Events in den letzten Jahren stetig zugenommen haben, bleibt den Populationen immer weniger Zeit zur Erholung. </p> <p><a href="https://cbwps.org.uk/puffins-under-pressure/" rel="noopener">Neben Papageientauchern geraten auch andere Seevögel</a> immer stärker unter Druck.<br></br><a href="https://oceanographicmagazine.com/news/mass-seabird-deaths-spark-call-to-protect-uks-fragile-species/" rel="noopener">In Großbritannien sind bereits 62 % dieser Arten vom Rückgang</a> betroffen, in Schottland sogar 70 %. Als 1996 die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Großbritanniens veröffentlicht wurde, war nur eine einzige Seevogelart darin aufgeführt. Heute stehen zehn der 25 in Großbritannien brütenden Arten, darunter Papageientaucher und Dreizehenmöwen, auf der Roten Liste.<br></br>In anderen Teilen Europas sieht es nicht besser aus.<br></br>Und in anderen Teilen der Welt auch nicht: So hat es seit 2016 die Gelbschopflunde (ebenfalls <a href="https://theconversation.com/climate-change-is-causing-mass-die-offs-in-seabirds-such-as-puffins-117803" rel="noopener">Papageientaucher) des Nordpazifiks schwer</a> getroffen – auch dort ist der Zusammenhang mit der Erwärmung der Meeresoberfläche deutlich nachgewiesen.</p> <p>Darum appellieren Ruth Dunn, andere Wissenschaftler:innen, Seevogel-Expert:innen und Naturschützer:innen sowie viele andere Menschen immer dringlicher an ihre Regierungen, die seit langem vereinbarten Schutzstrategien umzusetzen, da der Druck durch Stürme, Krankheiten, Fischerei und Offshore-Erschließungen immer größer wird – zusammen mit der Klimakrise werden die durch Menschen verursachten Streßfaktoren für die Meeresvögel sonst zu hoch.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das leise Sterben der Papageientaucher und anderer Seevögel » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>An den Küsten Großbritanniens und Europas werden seit Januar 2026 Tausende von Seevögeln angespült, viele sind bereits tot, die anderen geschwächt. Vor allem Papageientaucher und Lummen wurden an den Atlantik-Küsten von Cornwall, Devon, Nordostengland sowie im Norden und Osten Schottlands sowie entlang der Küsten Portugals, Spaniens, Frankreichs und der Kanalinseln gemeldet. Auch an den Stränden der Nordsee, vor der Südküste Irlands und in der Biskaya werden Seevogelkadaver gefunden.<br></br>Offenbar spielt sich im Nordostatlantik eine weiträumige Krise ab.<br></br>Mal wieder.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 564px) 100vw, 564px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-564x1024.png 564w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45-165x300.png 165w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-45.png 656w" width="564"></img></a><figcaption>Skeet von RSPB vom 19.02.20206 auf BlueSky</figcaption></figure> <p>Diese Seevogel-Massensterben („Seabird wrecks“) gerade von Alken (Papageientaucher, Tordalk) und Lummen (Trottellumme, Gryllteiste) nehmen in den letzten Jahren zu, vermutlich aufgrund der Klimakrise. (Zurzeit steht aber noch nicht fest, ob möglicherweise auch die Vogelgrippe eine Rolle spielt, die auch die hat schon furchtbar unter anderen Meeresvögeln gewütet hat – darum raten Vogelexperten zur Vorsicht und, tote Vögel nicht anzufassen). Die angespülten Vögel sind nur ein Bruchteil der Opfer: Aktuelle Schätzungen zeigen, dass <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">allein in Frankreich über 20.000 Vögel</a> an die Strände gespült wurden. Viele weitere sind wahrscheinlich im stürmischen offenen Ozean ums Leben gekommen, ungesehen und ungezählt.</p> <p>Die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) hat nach Berichten über Hunderte von tot angespülten Papageientauchern, Tordalken, Lummen und anderen Meeresvögeln, zu landesweiten Maßnahmen zum Schutz der Seevögel aufgerufen. An den UK-Küsten sammeln Naturschützer:innen und Freiwillige die noch lebend angespülten, aber geschwächten Vögel ein und päppeln sie mit Fisch wieder auf.  <br></br>Papageientauchen, Tordalke, Trottellumen und einige andere Arten sind pelagische Seevögel: Sie kommen eigentlich nur zum Brutgeschäft an Land, wo sie dann in großen Kolonien brüten. Danach fliegen sie aufs Meer hinaus und verbringen dort den Winter, auch die Jungvögel müssen dann alleine klarkommen – ebenfalls auf dem Meer.</p> <h2 id="h-klimakrise-befeuert-schwere-sturme"><strong>Klimakrise befeuert schwere Stürme</strong></h2> <p>Obwohl steigende Temperaturen die bekannteste Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels sind, sind die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Stürmen ein weiteres kritisches Symptom. In diesem Jahr haben bereits mehrere Stürme Europa heimgesucht, sie bildeten sich über den erwärmten Meeresoberflächen des Atlantiks und des Mittelmeeres.<br></br>So fegte Ende Januar der Sturm Chandra über Großbritannien und andere Teile Europas hinweg, während im Februar sechs weitere Stürme in schneller Folge über Portugal, Spanien und Frankreich rasthen. „<a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Angesichts der vorliegenden Beweise ist es möglich, dass diese Reihe von Stürmen eine tödliche Mischung von</a> Bedingungen für überwinternde Seevögel geschaffen hat, indem sie innerhalb kurzer Zeit zu mehreren Schiffbrüchen geführt hat. Die aufeinanderfolgenden Stürme in diesem Winter haben den Seevögeln kaum eine Atempause gegönnt. Sie mussten mit starken Winden, sintflutartigen Regenfällen und hohem Seegang kämpfen, waren verzweifelt hungrig, aber offenbar nicht in der Lage, sich zu ernähren.“<br></br>Dafür spricht auch, dass die angeschwemmten Vögel sehr mager sind und verhärtete Muskeln haben – was durch einen hohen Laktatgehalt hervorgerufen wird: Eine Studie zum Seevogel-Sterben an der andalusischen Küste 2022/2023 ergab, dass die Mehrheit der gestrandeten Tordalken und <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ece3.70161" rel="noopener">Papageientaucher Jungtiere waren. „Beide Arten wiesen einen niedrigen Gehalt an</a> Kohlenhydraten (Glukose und Glykogen) in ihrem Gewebe und einen hohen Laktatgehalt in ihren Muskeln auf. Diese Ergebnisse könnten darauf hindeuten, dass die Tiere einer längeren, anstrengenden körperlichen Belastung ausgesetzt waren, die Energie über anaerobe Stoffwechselwege erforderte, was möglicherweise mit der Wanderung zusammenhing.“ Sieht so aus, als ob sie sich mühsam durch die Wellen kämpften, aber dennoch nicht genug kleine Fische als Beute fangen konnten.</p> <p>Seit den 1970-er Jahren sind solche Massensterbe-Events bei Papageientauchern und Tordalken im Nordseebereich nachgewiesen. Sie hingen teilweise zusammen mit der Überfischung ihrer wichtigsten Futterquelle, den Sandaalen, die für Fischmehl industriell gefischt werden – vor allem für Lachs-Aquakulturen. Allerdings besteht auch ein <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/000632079290797Q" rel="noopener">Zusammenhang mit der Meereserwärmung der Nordsee.</a><aside></aside></p> <h2 id="h-langzeitstudie-von-der-isle-of-may-zu-uberlebensraten"><strong>Langzeitstudie von der Isle of May zu Überlebensraten</strong></h2> <p>Die vom britischen Zentrum für Ökologie und Hydrologie geleitete Langzeitstudie „<a href="https://www.ceh.ac.uk/our-science/projects/isle-may-long-term-study" rel="noopener">Isle of May Long-Term Study</a>” (die Isle of May liegt im schottischen Firth of Forth) <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">beobachtet seit 1973 Seevögel und ist damit eine der datenreichsten Studien ihrer Art.</a> Im Rahmen dieser Beobachtungen wird ein Teil der Seevögel beringt – anhand der Metallringe mit einzigartigen Identifikationscodes können dann auch Kadaver bis zur Isle of May vor der Ostküste Schottlands oder zu anderen Seevogelkolonien zurückverfolgt werden, in denen Seevögel beringt werden. Wie etwa auf der ebenfalls sehr alten Vogelwarte auf der deutschen Hochseeinsel Helgoland.</p> <p>So werden die Todesfälle und Überlebensraten von Seevögeln regelmäßig ausgewertet und liefern die Basis für das Management dieser Arten. Auch wenn von den Tausenden Vögeln in Brutkolonien im Jahr 2026 gab es mehr Meldungen als üblich: Bereits im Februar waren es 33 tote Krähenscharben und neun tote Papageientaucher. <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Besonders herzzerreißend sei,</a> dass unter diesen Vögeln auch Überlebende des Vogelgrippe-Ausbruchs 2022/23 und des stürmischen Winters 2023/24 waren.</p> <p>Seevogelkolonien beherbergen während der Brutzeit oft Tausende von Vögeln – zu viele, um sie zu beringen. Darum werden natürlich auch viele unberingte Vögel gefunden – aber die beringten geben zumindest Indizien zu ihrer Herkunft und ihrem Alter.</p> <p>Schon im Sommer kann schlechtes Wetter auch mit weniger schweren Stürmen den kleinen Vögeln große Probleme beim Fischen bereiten. Bei stärkerem Wind zögern sie darum, nach Nahrung zu suchen. Schließlich müssen die Altvögel dann auch gegen den Wind anfliegen, um zu den Fischgründen und zurück zum Nest zu kommen. Auch das aufgewühlte Wasser ist für sie kräftezehrend. Im Winter müssen diese Seevögel noch intensiver nach Nahrung suchen. Dann brauchen sie genug Energie, um die Kälte zu überleben und müssen gleichzeitig Reserven für die bevorstehende Brutzeit aufbauen.</p> <h2 id="h-seevogel-bestande-in-der-krise"><strong>Seevogel-Bestände in der Krise</strong></h2> <p>Papageientaucher und andere Seevögel leben lange (eines der Opfer des aktuellen <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Unglücks war ein 34 Jahre alter Papageientaucher</a>) und brüten nur einmal im Jahr. Mit solch einer langsamen Reproduktionsrate können solche hohen Todeszahlen also langfristige Auswirkungen auf die Populationsentwicklung haben. Normalerweise, erklärt die Meeresökologin <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">Ruth Dunn (Research Associate in Marine Ecology, Lancaster University</a>) in <a href="https://theconversation.com/thousands-of-dead-puffins-are-washing-up-on-europes-beaches-why-its-been-such-a-dangerous-winter-for-seabirds-276545?utm_term=Autofeed&amp;utm_medium=Social&amp;utm_source=Facebook&amp;fbclid=IwY2xjawQSni5leHRuA2FlbQIxMABicmlkETBaMExXMDVjV0FwTU1PbkpPc3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHsbOWYN3jV62urzwUGAoNEsXWYTRDeRUPzMHUcwOEdZjshIiomPBhjpdlKZP_aem_7fY91A2hVxVhG3U5iLhwBw#Echobox=1772298608" rel="noopener">The Conservation</a>, kommen erwachsene Vögel besser über den Winter. Jetzt aber sind neben Jungtieren auch viele ältere Vögel gestorben – damit fällt die nächste Elterngeneration weg. Da solche Sturm- und Massensterben-Events in den letzten Jahren stetig zugenommen haben, bleibt den Populationen immer weniger Zeit zur Erholung. </p> <p><a href="https://cbwps.org.uk/puffins-under-pressure/" rel="noopener">Neben Papageientauchern geraten auch andere Seevögel</a> immer stärker unter Druck.<br></br><a href="https://oceanographicmagazine.com/news/mass-seabird-deaths-spark-call-to-protect-uks-fragile-species/" rel="noopener">In Großbritannien sind bereits 62 % dieser Arten vom Rückgang</a> betroffen, in Schottland sogar 70 %. Als 1996 die erste Rote Liste der gefährdeten Vogelarten Großbritanniens veröffentlicht wurde, war nur eine einzige Seevogelart darin aufgeführt. Heute stehen zehn der 25 in Großbritannien brütenden Arten, darunter Papageientaucher und Dreizehenmöwen, auf der Roten Liste.<br></br>In anderen Teilen Europas sieht es nicht besser aus.<br></br>Und in anderen Teilen der Welt auch nicht: So hat es seit 2016 die Gelbschopflunde (ebenfalls <a href="https://theconversation.com/climate-change-is-causing-mass-die-offs-in-seabirds-such-as-puffins-117803" rel="noopener">Papageientaucher) des Nordpazifiks schwer</a> getroffen – auch dort ist der Zusammenhang mit der Erwärmung der Meeresoberfläche deutlich nachgewiesen.</p> <p>Darum appellieren Ruth Dunn, andere Wissenschaftler:innen, Seevogel-Expert:innen und Naturschützer:innen sowie viele andere Menschen immer dringlicher an ihre Regierungen, die seit langem vereinbarten Schutzstrategien umzusetzen, da der Druck durch Stürme, Krankheiten, Fischerei und Offshore-Erschließungen immer größer wird – zusammen mit der Klimakrise werden die durch Menschen verursachten Streßfaktoren für die Meeresvögel sonst zu hoch.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/das-leise-sterben-der-papageientaucher-und-anderer-seevoegel/#comments 10 Happy (Belated) 2026 https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/ https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/#comments Wed, 04 Mar 2026 13:00:00 +0000 Sophie Maclean https://scilogs.spektrum.de/hlf/?p=14141 <h1>Happy (Belated) 2026 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div> <div> <p>It is customary in the new year to write a blog post containing mathematical facts about the year. For us maths writers, 2025 truly was a gift, and you can see just why in Katie’s <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/20-25-interesting-facts-about-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">excellent post</a> last year. But the chances of having two consecutive years with so many fun facts are, as one might expect, small. So it shouldn’t come as a surprise that there is a dearth of interesting facts about 2026. </p> <p>2026 is not a prime number (after all, it is divisible by the prime number 1013). It is not a square number and although it is the sum of two square numbers, \( 2026 = 45^2 + 1^1 \), this feels more like a property it’s inherited from 2025. But do not fear! This is not going to be a list of anti-facts, of things that are not true about the number 2026. There is one fact that is so fun that I think it might blow all the 2025 facts out the water.</p> <p>But to show you this fact, I must first introduce you to a toy that mathematicians have been playing with for over 1000 years. It may even already be familiar to you, but trust me when I say that this simple pattern holds more secrets than you or I could ever know. This tool goes by many names, but to Anglophones, this is Pascal’s Triangle.</p> <h3 id="h-humble-beginnings">Humble Beginnings</h3> <p>Pascal’s Triangle starts with what is arguably the simplest number: 1. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png"><img alt="1" decoding="async" height="140" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png" width="124"></img></a></figure> </div> <p>In fact, every row of this triangle is bookended by a pair of 1s, so the next row is simply two ones.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png"><img alt="A triangle of three 1s" decoding="async" fetchpriority="high" height="286" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png" width="292"></img></a></figure> </div> <p>The rows of the triangle are formed iteratively. Each element is formed by summing the two above it. For example, to get the middle entry of the next row, we do \(1+1 = 2\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 2 1&quot; is formed" decoding="async" height="308" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png 346w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130-300x267.png 300w" width="346"></img></a></figure> </div> <p>Now we do \(1 + 2 = 3\) and \(2 +1 = 3\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 3 3 1&quot; is formed" decoding="async" height="386" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131-300x252.png 300w" width="460"></img></a></figure> </div> <p>Then \(1 +  3 =\), \(3 + 3 =6\), and \( 3 + 1 = 4\). And so on. You can keep doing this ad infinitum:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png"><img alt="Pascal's triangle " decoding="async" height="618" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png 686w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132-300x270.png 300w" width="686"></img></a></figure> </div> <p>Note that if you don’t like the idea of the 1s being special and just appearing, you can imagine an infinite sea of 0s surrounding the triangle, and the 1s are actually generated by summing 1 and 0:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png"><img alt="Pascal's triangle with 0s around the outside " decoding="async" height="602" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png 762w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133-300x237.png 300w" width="762"></img></a></figure> </div> <p>Some patterns in this triangle will be immediately obvious. For example, the triangle is symmetric. This makes sense because we start with a single 1, which is trivially symmetric, then every step we take to generate the next row of the triangle is done equally on the right and on the left, so of course the resulting object will be symmetric. There are much more complicated patterns and meanings hidden in the triangle though, and if you dig deep enough, 2026 crops up, and more than once too.</p> <h3 id="h-patterns-all-the-way-down">Patterns all the Way Down</h3> <p>Often, the next pattern people notice is how the “first” diagonal is the natural numbers (also known as the counting numbers). You might dispute that this is the first diagonal, but I personally count the initial diagonal with 1s in as the zeroth diagonal.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,2,3,...&quot; highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png 684w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134-300x267.png 300w" width="684"></img></a></figure> </div> <p>So, the expression for the nth term in the first diagonal is: \( u_n = n\), a first order (i.e. linear) equation. This pattern is to be expected – each term in this diagonal is formed by summing the previous integer (which is up and to the right of the term) to 1 (up and to the left, in our zeroth diagonal of ones).</p> <p>What about the second diagonal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,3,6,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure> </div> <p>If you’re well versed in common sequences,you will recognise this as the triangle numbers. The nth triangle number (let’s denote it \( t_n\)) is the sum of all the positive integers up to and including n. They are called triangle numbers because you can arrange \(t_n\) dots into a triangle of side length n:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png"><img alt="A diagram showing triangles of increasing size" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 936px) 100vw, 936px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png 936w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-300x88.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-768x226.png 768w" width="936"></img></a></figure> </div> <p>The expression for the nth term in the second diagonal is: \( t_n = \frac{1}2(n)(n+1) \), a second order (i.e. quadratic) equation. This pattern arises because each term in this diagonal is formed by summing the previous triangle number (which is up and to the right of the term) to each natural number (up and to the left, in our first diagonal). </p> <p>What is fun is that we can actually go up another dimension. The first diagonal gave us a linear (AKA 1-dimensional) sequence, the second diagonal gives a quadratic, 2D sequence, so you might guess that the third diagonal would give a cubic, 3D sequence. And you would be right!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,4,10,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure> </div> <p>These are known as the tetrahedral numbers, because the nth tetrahedral number \(T_n\) spheres, they can form a tetrahedron of side length n. Note from the diagram below that each layer is a triangle, hence the tetrahedral numbers are formed by summing triangle numbers.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png"><img alt="Spheres arranged in a tetrahedron pattern" decoding="async" height="483" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png 639w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138-300x227.png 300w" width="639"></img></a></figure> </div> <p>The formula for the tetrahedral numbers is \( T_n = \frac{1}6 n(n+1)(n+2)\}, a cubic. This pattern continues – the 4th row is a quartic (degree 4) sequence and forms 4D shapes, the 5th row is a quintic (degree 5) sequence and forms 5D shapes, and so on. </p> <h3 id="h-a-journey-through-time-and-space">A Journey Through Time and Space</h3> <p>Pascal’s Triangle is named after Blaise Pascal, a French mathematician, physicist and philosopher. Pascal lived from 1623 to 1662 AD, and is known not only for his work on Probability Theory, but the SI (International System of Units) unit of pressure is also named after him. He wrote about the triangle in his 1654 treatise, <em>Traité du triangle arithmétique</em>, which was published posthumously in 1665. </p> <p>But the triangle was in existence long before Pascal was even born. This is an Indian manuscript from 755 AD.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png"><img alt="An old Indian manuscript showing a triangle pattern." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png 660w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139-300x158.png 300w" width="660"></img></a><figcaption>Manuscript from Raghunath Library J&amp;K, 755 AD Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meru_Prastaara.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> domain</a>.</figcaption></figure> </div> <p>It is based on the work of Pingala, who was a poet alive in India in the third century BCE. Pingala stumbled across a whole array of combinatorial patterns, such as this, when considering the patterns that light (L) and heavy (H) syllables could form in a word of n syllables:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png"><img alt="A triangle shape showing the pattern of Ls an Hs." decoding="async" height="332" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png 384w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140-300x259.png 300w" width="384"></img></a></figure> </div> <p>The first description of the triangle in a book was by Al-Karaji, a Persian mathematician and engineer born in 953 AD. Unfortunately, the book is now lost but we do have other publications of the triangle from not long after.</p> <p>Moving east to China, Jia Xian was a Chinese mathematician born in 1010, who worked with the triangle in the 11th Century. In the 13th Century, Yang Hui (born 1238) presented the triangle, and it is still known as Yang Hui’s Triangle in China:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png"><img alt="A triangle formed of Chinese characters" decoding="async" height="715" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141-193x300.png 193w" width="460"></img></a><figcaption>Drawing published by Zhu Shijie in C.E 1303, in his Si Yu Jian. Image credit: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Even in Europe, the triangle predates Pascal. It first appeared in the 13th Century, in a work by Jordanus de Nemore. Then, Niccolò Fontana Tartaglia published six rows of the triangle in 1556, and in Italy the triangle is known as Tartaglia’s triangle. </p> <p>The fact that the triangle has been discovered and rediscovered all over the world goes to show how fundamental it is. Part of the reason it is so commonly known may be how it relates to combinatorics, the mathematical study of counting.</p> <h3 id="h-counting-paths">Counting Paths</h3> <p>In combinatorics, \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) is used to denote the number of ways of choosing r items from a set of n, when the order doesn’t matter. As it happens, Pascal’s Triangle can also be written in this notation:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png"><img alt="Pascal's triangle written in n r notation" decoding="async" height="586" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png 588w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-150x150.png 150w" width="588"></img></a></figure> </div> <p>In maths, there are rarely coincidences, and this is no exception. We can view the top row as the origin. Then to move from one row to the next, we move either diagonally left and down, or diagonally right and down. The entry values tell us how many different paths travelling down from the origin lead to that location. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png"><img alt="Pascal's triangle showing the route to a square" decoding="async" height="436" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png 486w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143-300x269.png 300w" width="486"></img></a></figure> </div> <p>To see this, note that to get to an entry, we have to arrive either from the entry above and to the right, or from the entry above and to the left. So, of course, we must add the number of ways to get to each of these to find the number of ways to get to our entry. There is only one path to get to the entries on the outer edge – choose only lefts for one side, and only rights for the other – which matches these numbers being 1.</p> <p>Actually, with a bit of thought we can see that the entry labelled \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) actually ends up denoting the number routes that are n steps down from the origin, r of which go right. </p> <h3 id="h-2026">2026</h3> <p>What happens, then, if we sum all the values in a row? Well the zeroth row (what I’m calling the top row) gives \(1\). The first row gives \(1 + 1 = 2\). The second row gives \(1 + 2 + 1 = 4\). The third row gives \( 1 + 3 + 3 +1 = 8\). Spot the pattern? The sum of the digits on the nth row is \(2^n\). This follows, as the nth row gives all possible choices of n steps down, where each step is either left or right, hence there are \(2^n\) steps.</p> <p>What if we sum all the values up to and including the nth row? Well that is \(2^{n+1} -1\) and gives the number of such paths with up to n steps, sometimes called a hyperforest due to the tree-like appearance when all the paths are drawn. </p> <p>For the final variant, what about if we now say that you are not allowed to choose all right or all left paths – the path you take must have at least one right and at least one left step? Summing all such paths that are n steps long is equivalent to summing all the digits of the nth row of Pascal’s triangle excluding the 1s at either end so there are \( 2^n – 2\) such paths. </p> <p>And what if we want all such paths for up to n steps, i.e. the sum of the first n rows of Pascal’s triangle excluding the edge entries? There are \(2^{n+1} – 2n -2\) such ways. And when \(n= 10\)?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png"><img alt="Pascal's triangle with the centre bit highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png 650w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145-300x281.png 300w" width="650"></img></a></figure> </div> <p>The sum of the shaded squares is 2026.</p> <p>Happy New Year!</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Happy (Belated) 2026 - Heidelberg Laureate Forum - SciLogs</h1><h2>By By Sophie Maclean</h2><div> <div> <p>It is customary in the new year to write a blog post containing mathematical facts about the year. For us maths writers, 2025 truly was a gift, and you can see just why in Katie’s <a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/20-25-interesting-facts-about-2025/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">excellent post</a> last year. But the chances of having two consecutive years with so many fun facts are, as one might expect, small. So it shouldn’t come as a surprise that there is a dearth of interesting facts about 2026. </p> <p>2026 is not a prime number (after all, it is divisible by the prime number 1013). It is not a square number and although it is the sum of two square numbers, \( 2026 = 45^2 + 1^1 \), this feels more like a property it’s inherited from 2025. But do not fear! This is not going to be a list of anti-facts, of things that are not true about the number 2026. There is one fact that is so fun that I think it might blow all the 2025 facts out the water.</p> <p>But to show you this fact, I must first introduce you to a toy that mathematicians have been playing with for over 1000 years. It may even already be familiar to you, but trust me when I say that this simple pattern holds more secrets than you or I could ever know. This tool goes by many names, but to Anglophones, this is Pascal’s Triangle.</p> <h3 id="h-humble-beginnings">Humble Beginnings</h3> <p>Pascal’s Triangle starts with what is arguably the simplest number: 1. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png"><img alt="1" decoding="async" height="140" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-128.png" width="124"></img></a></figure> </div> <p>In fact, every row of this triangle is bookended by a pair of 1s, so the next row is simply two ones.<aside></aside></p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png"><img alt="A triangle of three 1s" decoding="async" fetchpriority="high" height="286" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-129.png" width="292"></img></a></figure> </div> <p>The rows of the triangle are formed iteratively. Each element is formed by summing the two above it. For example, to get the middle entry of the next row, we do \(1+1 = 2\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 2 1&quot; is formed" decoding="async" height="308" sizes="(max-width: 346px) 100vw, 346px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130.png 346w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-130-300x267.png 300w" width="346"></img></a></figure> </div> <p>Now we do \(1 + 2 = 3\) and \(2 +1 = 3\):</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png"><img alt="A diagram showing how the row &quot;1 3 3 1&quot; is formed" decoding="async" height="386" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-131-300x252.png 300w" width="460"></img></a></figure> </div> <p>Then \(1 +  3 =\), \(3 + 3 =6\), and \( 3 + 1 = 4\). And so on. You can keep doing this ad infinitum:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png"><img alt="Pascal's triangle " decoding="async" height="618" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132.png 686w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-132-300x270.png 300w" width="686"></img></a></figure> </div> <p>Note that if you don’t like the idea of the 1s being special and just appearing, you can imagine an infinite sea of 0s surrounding the triangle, and the 1s are actually generated by summing 1 and 0:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png"><img alt="Pascal's triangle with 0s around the outside " decoding="async" height="602" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 762px) 100vw, 762px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133.png 762w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-133-300x237.png 300w" width="762"></img></a></figure> </div> <p>Some patterns in this triangle will be immediately obvious. For example, the triangle is symmetric. This makes sense because we start with a single 1, which is trivially symmetric, then every step we take to generate the next row of the triangle is done equally on the right and on the left, so of course the resulting object will be symmetric. There are much more complicated patterns and meanings hidden in the triangle though, and if you dig deep enough, 2026 crops up, and more than once too.</p> <h3 id="h-patterns-all-the-way-down">Patterns all the Way Down</h3> <p>Often, the next pattern people notice is how the “first” diagonal is the natural numbers (also known as the counting numbers). You might dispute that this is the first diagonal, but I personally count the initial diagonal with 1s in as the zeroth diagonal.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,2,3,...&quot; highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 684px) 100vw, 684px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134.png 684w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-134-300x267.png 300w" width="684"></img></a></figure> </div> <p>So, the expression for the nth term in the first diagonal is: \( u_n = n\), a first order (i.e. linear) equation. This pattern is to be expected – each term in this diagonal is formed by summing the previous integer (which is up and to the right of the term) to 1 (up and to the left, in our zeroth diagonal of ones).</p> <p>What about the second diagonal?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,3,6,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-135-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure> </div> <p>If you’re well versed in common sequences,you will recognise this as the triangle numbers. The nth triangle number (let’s denote it \( t_n\)) is the sum of all the positive integers up to and including n. They are called triangle numbers because you can arrange \(t_n\) dots into a triangle of side length n:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png"><img alt="A diagram showing triangles of increasing size" decoding="async" height="275" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 936px) 100vw, 936px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136.png 936w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-300x88.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-136-768x226.png 768w" width="936"></img></a></figure> </div> <p>The expression for the nth term in the second diagonal is: \( t_n = \frac{1}2(n)(n+1) \), a second order (i.e. quadratic) equation. This pattern arises because each term in this diagonal is formed by summing the previous triangle number (which is up and to the right of the term) to each natural number (up and to the left, in our first diagonal). </p> <p>What is fun is that we can actually go up another dimension. The first diagonal gave us a linear (AKA 1-dimensional) sequence, the second diagonal gives a quadratic, 2D sequence, so you might guess that the third diagonal would give a cubic, 3D sequence. And you would be right!</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png"><img alt="Pascal's triangle with the row starting &quot;1,4,10,...&quot; highlighted" decoding="async" height="638" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137.png 638w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-137-150x150.png 150w" width="638"></img></a></figure> </div> <p>These are known as the tetrahedral numbers, because the nth tetrahedral number \(T_n\) spheres, they can form a tetrahedron of side length n. Note from the diagram below that each layer is a triangle, hence the tetrahedral numbers are formed by summing triangle numbers.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png"><img alt="Spheres arranged in a tetrahedron pattern" decoding="async" height="483" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 639px) 100vw, 639px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138.png 639w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-138-300x227.png 300w" width="639"></img></a></figure> </div> <p>The formula for the tetrahedral numbers is \( T_n = \frac{1}6 n(n+1)(n+2)\}, a cubic. This pattern continues – the 4th row is a quartic (degree 4) sequence and forms 4D shapes, the 5th row is a quintic (degree 5) sequence and forms 5D shapes, and so on. </p> <h3 id="h-a-journey-through-time-and-space">A Journey Through Time and Space</h3> <p>Pascal’s Triangle is named after Blaise Pascal, a French mathematician, physicist and philosopher. Pascal lived from 1623 to 1662 AD, and is known not only for his work on Probability Theory, but the SI (International System of Units) unit of pressure is also named after him. He wrote about the triangle in his 1654 treatise, <em>Traité du triangle arithmétique</em>, which was published posthumously in 1665. </p> <p>But the triangle was in existence long before Pascal was even born. This is an Indian manuscript from 755 AD.</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png"><img alt="An old Indian manuscript showing a triangle pattern." decoding="async" height="348" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 660px) 100vw, 660px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139.png 660w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-139-300x158.png 300w" width="660"></img></a><figcaption>Manuscript from Raghunath Library J&amp;K, 755 AD Image credit: <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Meru_Prastaara.png" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public</a><a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> domain</a>.</figcaption></figure> </div> <p>It is based on the work of Pingala, who was a poet alive in India in the third century BCE. Pingala stumbled across a whole array of combinatorial patterns, such as this, when considering the patterns that light (L) and heavy (H) syllables could form in a word of n syllables:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png"><img alt="A triangle shape showing the pattern of Ls an Hs." decoding="async" height="332" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 384px) 100vw, 384px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140.png 384w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-140-300x259.png 300w" width="384"></img></a></figure> </div> <p>The first description of the triangle in a book was by Al-Karaji, a Persian mathematician and engineer born in 953 AD. Unfortunately, the book is now lost but we do have other publications of the triangle from not long after.</p> <p>Moving east to China, Jia Xian was a Chinese mathematician born in 1010, who worked with the triangle in the 11th Century. In the 13th Century, Yang Hui (born 1238) presented the triangle, and it is still known as Yang Hui’s Triangle in China:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png"><img alt="A triangle formed of Chinese characters" decoding="async" height="715" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141.png 460w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-141-193x300.png 193w" width="460"></img></a><figcaption>Drawing published by Zhu Shijie in C.E 1303, in his Si Yu Jian. Image credit: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/File:Yanghui_triangle.gif" rel="noreferrer noopener" target="_blank">public domain</a>.</figcaption></figure> </div> <p>Even in Europe, the triangle predates Pascal. It first appeared in the 13th Century, in a work by Jordanus de Nemore. Then, Niccolò Fontana Tartaglia published six rows of the triangle in 1556, and in Italy the triangle is known as Tartaglia’s triangle. </p> <p>The fact that the triangle has been discovered and rediscovered all over the world goes to show how fundamental it is. Part of the reason it is so commonly known may be how it relates to combinatorics, the mathematical study of counting.</p> <h3 id="h-counting-paths">Counting Paths</h3> <p>In combinatorics, \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) is used to denote the number of ways of choosing r items from a set of n, when the order doesn’t matter. As it happens, Pascal’s Triangle can also be written in this notation:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png"><img alt="Pascal's triangle written in n r notation" decoding="async" height="586" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 588px) 100vw, 588px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144.png 588w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-144-150x150.png 150w" width="588"></img></a></figure> </div> <p>In maths, there are rarely coincidences, and this is no exception. We can view the top row as the origin. Then to move from one row to the next, we move either diagonally left and down, or diagonally right and down. The entry values tell us how many different paths travelling down from the origin lead to that location. </p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png"><img alt="Pascal's triangle showing the route to a square" decoding="async" height="436" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143.png 486w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-143-300x269.png 300w" width="486"></img></a></figure> </div> <p>To see this, note that to get to an entry, we have to arrive either from the entry above and to the right, or from the entry above and to the left. So, of course, we must add the number of ways to get to each of these to find the number of ways to get to our entry. There is only one path to get to the entries on the outer edge – choose only lefts for one side, and only rights for the other – which matches these numbers being 1.</p> <p>Actually, with a bit of thought we can see that the entry labelled \( \begin{pmatrix} n \\ r \end{pmatrix}\) actually ends up denoting the number routes that are n steps down from the origin, r of which go right. </p> <h3 id="h-2026">2026</h3> <p>What happens, then, if we sum all the values in a row? Well the zeroth row (what I’m calling the top row) gives \(1\). The first row gives \(1 + 1 = 2\). The second row gives \(1 + 2 + 1 = 4\). The third row gives \( 1 + 3 + 3 +1 = 8\). Spot the pattern? The sum of the digits on the nth row is \(2^n\). This follows, as the nth row gives all possible choices of n steps down, where each step is either left or right, hence there are \(2^n\) steps.</p> <p>What if we sum all the values up to and including the nth row? Well that is \(2^{n+1} -1\) and gives the number of such paths with up to n steps, sometimes called a hyperforest due to the tree-like appearance when all the paths are drawn. </p> <p>For the final variant, what about if we now say that you are not allowed to choose all right or all left paths – the path you take must have at least one right and at least one left step? Summing all such paths that are n steps long is equivalent to summing all the digits of the nth row of Pascal’s triangle excluding the 1s at either end so there are \( 2^n – 2\) such paths. </p> <p>And what if we want all such paths for up to n steps, i.e. the sum of the first n rows of Pascal’s triangle excluding the edge entries? There are \(2^{n+1} – 2n -2\) such ways. And when \(n= 10\)?</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png"><img alt="Pascal's triangle with the centre bit highlighted" decoding="async" height="608" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px" src="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145.png 650w, https://scilogs.spektrum.de/hlf/files/image-145-300x281.png 300w" width="650"></img></a></figure> </div> <p>The sum of the shaded squares is 2026.</p> <p>Happy New Year!</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/hlf/happy-belated-2026/#comments 1 Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/#respond Sat, 28 Feb 2026 10:50:37 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4206 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-768x354.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/</link> </image> <description type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Bild: Das Raumschiff Prometheus in Ridley Scotts gleichnamigen Film landet auf einem fremden Exoplaneten </p> <p>Wenn wir unsere Erde vom Universum aus betrachten, so scheint es, als ziehen wir mit alten Kleidern in eine neue Welt. In den letzten Beiträgen stellte ich bereits unsere<em> „</em>Verwickelten Verhältnisse“ dar. So ähnlich wie es einst Engelbert Broda, Professor für angewandte Molekularbiologie artikulierte<em>. </em>In diesen Verwickelten Verhältnissen, die präzisierten Regelkreisen in Helixen gleichen, anstatt einfachen Wertketten, benötigen wir meiner Meinung nach heute komplett neue „Verrechnungsschablonen“. </p> <p><strong>Prometheus</strong></p> <p>Das Thema <em>Prometheus </em>ist dabei heute bereits Legacy. Der Name Prometheus bedeutet so viel wie „Vordenker“ und „Vorausdenker“. Ich denke da zuerst an die altgriechische Mythologie. Hier erschafft Prometheus nicht nur die Erde und formt den Menschen aus Ton, lehrt den Menschen die Sprache, die Mathematik und die Kunst, sondern bringt ihnen auch das Feuer, wofür er vom Gott <em>Zeus</em> bestraft wird. </p> <p>Zweitens denke ich an Goethes verzweifelten Prometheus, der ihm dafür eigens ein Gedicht gewidmet hat. Drittens geht es beim Thema Prometheus um Mary Shelleys Roman: <em>Prometheus oder der neue Frankenstein,</em> der im internationalen Kino aktuell und seit Jahren eine neue Art der Renaissance einer resoananzhaften „Religion“ erfährt.  Dabei war es Mary Shelley, die damals im Kontext von Alchemie, Elektrizität und Galvanismus diese als vereinigende Disziplinen und Philosophien erkannte und bewunderte.<aside></aside></p> <p>Natürlich gab es auch schon früher Ausgangspunkte, so z.B. mit Leonardo Da Vincis Flugmechanik der Vögel, die z.B. von Walter Beier in <em>Einführung in die theoretische Biophysik</em> erwähnt werden. Arthur Koestler z.B. schreibt dazu in <em>The Act Of Creation </em>zu diesen verbindenden Übergängen. <em>„</em>Luigi Galvani Professor of Anatomy at the University of Bologna, has spent some fifteen years working on a theory of animal electricity… On september 20th, 1786, he recorded one of his experiments, which was to make history… in the domain of inanimate matter, the Voltaic battery, inspired by Galvani’s frogs, led to parallel synthesis of electricity and chemistry…“.</p> <p><strong>Der Film Prometheus -die wichtigste Reise der Menschheit</strong></p> <p>Auch Ridley Scotts <em>Prometheus,</em> dessen einzigartiges innovatives Raumschiff zu neuen Welten unterwegs ist und oben auf unserem Bild auf einem Exoplaneten landet, stellt einen epischen Meilenstein dar. In Scotts Film <em>Prometheus</em> geht es nämlich um die wichtigste Reise der Menschheit. Nicht nur zwischen Maschinen, Androiden und Menschen, sondern auch zwischen Schöpfer und Schöpfung. Zwischen diesen Welten werden die wichtigen Fragen gestellt: „Woher kommen wir? Wer sind wir? Was definiert uns? Und wohin gehen wir?“ </p> <p><strong>Neue Karten für eine neue Welt</strong></p> <p>So geht es von Maschinen zu Menschen und von Menschen zu Göttern. Es geht vom Sternsystem <em>Zeta Mond LV 223</em> in 36,6 Parsec (Parallel Arcs Per Second) zur Erde. Es geht von der Biologie zur Physik und zur Sozio-Ökonomie. Es geht von menschlich natürlicher Intelligenz zur künstlichen „Artificial Intelligence“. Es geht von menschlicher Information und menschlicher Logik zur künstlichen Information und Logik. Es geht wie anfangs in der Szene des Engineers gezeigt von der DNA zur RNA. So muss im Film eine neue Technologie erschaffen werden, um dieses Virus zu besiegen. Es geht also um die Veränderung von Viren und Erschafung und Zerstörung ganzer Welten. </p> <p><strong>Zeitscharnier zu neuen Welten</strong></p> <p>Warum ist das Thema Prometheus heute noch hochgradig aktuell? Er ist deshalb so modern und zeitlos, weil er diese Morphologie und Metabolismus in einem ganzheitlichen Kosmos als modulierendes Netzsystem von Musterräumen instinktiv und intuitiv erschafft. Prometheus passt in unsere Zeit, weil wir neue Sternenkarten für neue Sternenkonstellationen benötigen.</p> <p>Meiner Meinung nach eine „soziale Telemetrie“ für neue Branchen, Bereiche und auch Berufe die etwas neues mit den Menschen und ihren Göttern und immer mehr Maschinen um uns herum erzeugen.</p> <p>Im Kern geht es so um neue Netzsysteme und neue Netzsystemkarten, die mit einen neuem Netzsystemdenken einhergehen. Die Branchen, die nun vor uns liegen, erscheinen auf den Karten als ein unentdecktes Land, welches es als <em>Weltenraum-Farmer, </em>ähnlich wie bei Nolans <em>Interstellar </em>zu erobern gilt. .</p> <p><strong>Die neue Welt der Maschinentransformer, Pro und Contra</strong></p> <p>Wie ich hier im <em>Tensornetz</em> betone, können Computer und Androiden nicht nur Horrorgestalten sein, sondern ebenfalls je nach Anwendungen auch schnelle und präzise Helfer sein. Sie können Technologien vernetzen, automatisieren und teils kompatibel skalieren. So können Computer als Simulanten die Emulationen von Aufzählungen und Präsentationen schnell zusammenstellen. Es gilt diese jedoch immer auch kritisch auf Inhalt und Vollständigkeit zu prüfen. So haben Zusammenstellungen von Maschinen für Menschen vor allem einen großen Vorteil: Zeitersparnis. </p> <p>Die negative Seite macht nachdenklich. Nämlich dann, wenn Kinder oder heranwachsende Jugendliche ihre GPT-Computer nach Krankheiten fragen und oft Fehler dabei herauskommen. Dann sind die Computer nicht die Götter oder Weisen, sondern die Equalizer des Lebens“. Das stellt dann konsequenterweise ein Problem für Kinder, Eltern und immer mehr Ärzte dar. Ärzte kommen jetzt nämlich in die Situation sich rechtfertigen müssen, worauf ihre Medizin-Mustererkennung von Daten denn basiert? Die Eltern wären hier gefragt. Aber oft fragen die Kids ihre Computer ohne Rücksprache der Eltern. Was also tun? Darüber wird gar nicht gesprochen. </p> <p>Fest steht auch, dass wir Deutschland 2026 immer noch über die Ethik von Maschinen sprechen, während andere Länder globale Infrastrukturen von Maschinen weiter ausbauen. Laut Jensen Huang, dem CEO der Firma <em>Nvidia</em>, geht es „um den größten Infrastrukturausbau der Menschheit“. Wir erleben das alle hautnah mit, dass nicht Menschen, sondern Maschinen zur neuen Haut des Lebens von Menschen werden. Die großen Science-Fiction Autoren wie Asimov, Huxley, Ulam, Wells und Verne werden hier weit übertroffen.</p> <p><strong>Das Phasenmodell der Disruption im Phasengang des Lebens</strong> </p> <p>Wir alle sollten daher zur Kenntnis nehmen, dass sich hier etwas Großes tektonisch verschiebt, was größtenteils auch bleiben wird. Auch und gerade, weil es komfortabel für Menschen ist, Maschinen zu fragen und diese auch teils passend, mal falsch und unvollständig (verzerrt) antworten. Das wird sich ähnlich wie eine <em>Wikipedia-Ära</em> wandeln. Anfangs war <em>Wikipedia</em> um die Jahrtausendwende auch teils fehlerhaft, was bei anfänglichen Systemen und Systemreifen völlig normal ist. Was passierte? Wikipedia wurde als <em>Wikifehlia</em> bezeichnet und belächelt, nicht ernst genommen. Dann wurde Wikipedia immer besser und besser. Aber es war zu spät, viele Lexikon Betreiber mussten Insolvenz anmelden. Ich habe dieses Phasenmodell von radikaler Innovation und Disruption damals direkt mitbekommen, weil ich mit Managern von Verlagen in Kontakt stand und mit ihnen dazu sprach. Gefährlich ist es somit, die Sachen nicht ernst zu nehmen, sie zu unterschätzen und sie nach dem heutigen Stand und Reife einzuschätzen.  Da ist Vorsicht angebracht. Wer in neurologischen, immunologischen und genetischen Regelkreisen und Staustufen arbeitet, weiß, dass sich Staustufen überall emergent auflösen, aufbauen oder verdichten können. So werden sich aus diesen Systemen künstlicher Intelligenz (KI) und künstlicher Information sowohl negative Aspekte als auch positive Aspekte und Chancen aufbauen.</p> <p><strong>Die Organisation von morgen</strong></p> <p>In der<em> Organisation von morgen, </em>wie ich das einmal nach meinem Vortrag gleichen Namens nennen möchte, wird es morgen in den Unternehmen eine höhere Cybersicherheit im Front- und Backend geben müssen. So haben sich die KI-Cyberangriffe ab den 2020-er Jahren vervielfacht. Es gilt auch weiter kluge Menschen als Arbeitskräfte und nicht nur Maschinen aufzustocken. Die Menschen werden mit den Maschinen Ereignisse mit EDA-Netzen, Next Generation Plattformen, Apache und Amazon Kinesis automatisieren und in neuen Vektorenräumen mit neuen Verrechnungsschablonen arbeiten. Ob Industrie, Robotik, Finanzwesen oder Medien, all dies geschieht bereits. In der Robotik ist Deutschland und Japan teils führend. Auch die Bankereignissteuerung mit Finanztransaktionen; und Medien-Ereignisteuerung bei Amazon mit Medienempfehlungen für Menschen mit immer mehr Maschinensteuerung wird so immer stärker kombiniert. Wir laufen da kontinuierlich in einer neue Zeitphase hinein, die uns selbst transformiert. Was das mit unserm Gehirn macht, darüber wird auch nicht gesprochen.  Zumindest kenne ich derzeit keine Foren dazu. </p> <p><strong>Nun kommen wir hier zu der Frage, warum unser Thema der Netzsysteme denn so faszinierend und gleichzeitig relevant ist. </strong>Ich sehe mein autodidaktisches Projekt der Erforschung der Netzsysteme, welches rund zwei Dekaden von 2006 bis 2026 andauerte als ein weltumfassendes Projekt. „Netzsysteme  modulierender Musterräume“ so wie ich das bezeichne, umfassen das spektralste Gebiet als Gegenstand von Wissenschaft und Forschung! Auch das wird ähnlich wie der Galvanismus und die Turingmuster heute so noch nicht erkannt. Dabei ist es das Jahrhundertthema – nicht für mich -für die Menschheit. </p> <p><strong>Von einfachen Ursache- und Wirkungsfolgen auf vernetze Regelkreise gehen</strong></p> <p>Was passiert in vermaschten modulierten Netzsystemen? In Netzsystemen und deren Regulationen von Regelkreisen mit entsprechenden Rückkopplungen (negativ abschwächend und positiv verstärkend) werden Zeit und Raum dimensionslos. Ursache und Wirkung folgen nicht monokausal, sondern diese sind miteinander in Bedeutung und Bestimmung miteinander verknüpft, d.h. die Zeit hat keine Richtung mehr!  </p> <p><strong>Die Arten und </strong><strong>Vorgehensweisen der neuen Währungen </strong></p> <p>Netzsysteme stellen somit meiner Meinung nach nicht nur einen riesigen, kostbaren und übergeordneten Schatz, sondern auch eine neue Währung als Musterräume der Modulationen der Menschheit bereits heute dar!</p> <p>Ich gebe hierzu nun eine Übersicht der Netzsysteme in alphabetischer Reihenfolge an.</p> <p><strong>Netzsysteme </strong></p> <p>Zu den Netzsystemen gehören meiner Meinung z.B. Astronomie Netze, Clusternetze, Computernetze, Energienetze, <strong>Handelsnetze</strong>, Kommunikationsnetze, Lagernetze, Molekülnetze, Produktionsnetze, soziale Netze, Transportnetze, <strong>Verkehrsnetze</strong>, Zellnetze.</p> <p>Die meisten Netzsysteme haben Sie sicherlich schon einmal gehört oder in ihnen gelebt und gearbeitet.</p> <p><strong>Verkehrsnetze</strong> lassen sich so wiederum unterteilen in A wie Auto(bahn)Netze, Autostraßennetze, Auto-Stadt Netze, Busnetze, Fahrradnetze, Fußgängernetze, Flughafennetze, … bis zum Buchstaben ‚Z‘ wie Zugnetze. <strong>Handelsnetze</strong> lassen sich einteilen in Realwirtschaft und Finanzwirtschaft. Das Medium der Handelsnetze sind Bargeldnetze und Girogeldnetze. Transaktionen finden hier in Währungen und Wechselkursen von Wissen und Waren statt. Übrigens auch im virtuellen Hochfrequenzhandel oder Handelscontainermärkten; In Häfen, Städten und Handelsnetzen stellen dabei die Container ähnlich wie Netzsysteme selbst, eine Art Universal dar. Container kann man mit Netz-Routen in Netzsysteme von LKW und Trucks, Flugzeugen, Schiffen, Straßen bis zu Zügen auf individuellen Netzstrecken einteilen. Die Gewinner der Containernetze werden so die Gewinner der Handelswelt sein.</p> <p>Was sehen wir hier? Was ist das übergeordente Thema von Handel, Krieg und Frieden? Was ist das Thema von „Was ist Leben und wie entsteht Ordnung?“<strong> Wir erkennen, dass es nicht nur ein paar Netzsysteme gibt, sondern, dass wir überall von Netzsystemen als Disziplinen und Philosophie umgeben sind, die uns Menschen prägen. Und das auch noch eine lange, sehr lange Zeit. </strong>Auch aus diesem Grund sollten wir stärker in Netzsystemen denken und gestalten lernen. Darüber hinaus sind nahezu alle Probleme einer Gesellschaft auf der Netzsystemebene ähnlich wie eine DNA-Doppelhelix verschlüsselt. So gilt es heute die großen Probleme mit Netzsystemlösungen entsprechend zu entschlüsseln. Einem neuen „Netzsystemdenken mit modulierenden Musterräumen“ nach der <em>Cybernetics</em> Norbert Wieners und den beiden großen Systemtheorien Ludwig von Bertalanffys und Niklas Luhmanns, die ich übrigens sehr verehre. Wir sollten jedoch auch sehen, dass wir für die „Verwickelten Verhältnisse“ Brodas heute neuartige „Verrechnungsschablonen“ erhalten, die diese Systemtheorien würdigen und aktuell ergänzen. </p> <p><strong>Beispiele.</strong> Ich nehme nun einen Fernsehbeitrag, eine Dokumentation über das Mysterium von alter Kultur und Tradition hin zum Transfer und Translation in eine moderne Zeit. In diesem Beitrag geht es um die Übersetzung und Entschlüsselung eines ägyptischen Papyrus aus dem Jahre 1550 v. Chr. Der Beitrag heißt <strong><em>Les Mysteries D’Un Papyrus Egyptien</em>.</strong> Im Zentrum steht ein Papyrus, welches Zeit und Raum, ähnlich wie Glaube und Religion der Ägypter überdauerte. Faszinierend war hier zu sehen, wie Götter, Natur und Menschen in einer damals gemeinsamen Einheit als die drei großen Prinzipien zusammenfanden.</p> <p><strong>Muster der Vernetzung </strong></p> <p>All dies ist mit unserem Thema der Vernetztheit des Menschen zu Göttern, Natur und Menschen als die drei relevanten Prinzipien menschlichen Lebens verbunden. Damals ging es hierbei bei dem Inhalt des Papyrus um eine Art Geheimwissenschaft der Heiler und Ärzte, die Menschen in Form einer holistischen Systemmedizin in Ägypten innehatten. Sie waren damit ihrer Zeit voraus! Aus heutiger Sicht kamen die Ägypter aus der Zukunft. Georg Ebers hat sich dieses Großprojekt der Übersetzung des Papyrus angeeignet und hat in jahrelanger mühseliger Arbeit ähnlich wie oben Galvani die Kodes weitgehend entschlüsseln können. </p> <p><strong>Zwei Anwendungsfälle für neue Netzsysteme und deren modulierende Musterräume:</strong></p> <p>Ich habe nach dem spannenden und unterhaltsamen Beitrag <em>Die Geheimnisse des Papyrus Ebers </em>aus dem Jahre 2022, vor kurzem beim Sender Arte ausgestrahlt, länger und intensiv über neue Netzsystemlösungen nachgedacht, die im Film nicht vorrätig scheinen. </p> <p>Im Beitrag <em>Die Geheimnisse des Papyrus Ebers</em> sehe ich diese erstens in der Anwendung des Medikaments Nummer 8 mit dem <em>Netzsystem der Bio-Physik</em> als einen praktischen und weiterführenden Instrumentenkasten. Einen Instrumentenkasten, der vom Netzmodell über Managementmodelle und konventionell angewandter Organisationsmuster hinausgeht: Und zwar in dem Ausmaß und Umfang von „in vitro“ auf „in vivo“ umzuschalten, um zu erfahren, wie sich kontextuell Präparat und Präparierte mit Prozessen und Prinzipien der Involution und Evolution wechselseitig beeinflussen und bestimmen. Eben reale Regelkreiskaskaden und keine einfache künstlich (simulierten) Ursache-Wirkungsfolgen. </p> <p>Zweitens können wir hier das Thema der verlorenen Tafeln der Ägypter und der Forschung Georg Ebers über das <em>Netzsystem der Sozio-Ökonomie</em> lösen. Und zwar in dem Maße, indem wir den Nexus der Matrix mit entsprechenden Matrizen für eine adäquate Übersetzung finden und zuordnen. Das Codewort der <strong>K-Frage</strong>, also der Auflösung von<strong> K</strong>omplexität als größte Anforderung der Menschheit, fängt dabei ebenfalls mit dem Buchstaben K, wie „Kulturmuster“ an, um diese Gleichung adäquat aufzulösen. Kennen wir die Kulturmuster, können wir die Kodes daraufhin entschlüsseln und auflösen.</p> <p><strong>Kultur als Muster der Menschheit</strong></p> <p>Bei einer Kulturentstehung geht es nicht um abstrakte Werte, die als soziale Normen genannt, ausgetauscht und aktiv von Menschen ausgehandelt werden sollten. Vielmehr geht es um die drei Fragen: „Wie können wir Leben, Lebensfreude und höhere Lebensqualität zu den Menschen bringen?“ So z.B. mit Prozessen und Prinzipien, die Natur, Wissenschaft und auch Kunst zu vereinen wissen!</p> <p>Und wo genau kann dies denn dann bitte geschehen? In den Organisationen, in denen Menschen ihre meiste Zeit verbringen. In den Wirtschaftsunternehmen. Das kann die Menschheit weiter voranbringen und das wird auch Veränderungen mit sich bringen. Mit mehr natürlicher Intelligenz (NI) und auch mehr „künstlicher Information“ im Sinne des Ausdrucks <em>Artifical Intelligence </em>(AI). Es wird dabei mitunter etwas Neues entstehen, worauf wir nicht gefasst sind. Wir haben dazu heute die Möglichkeit in Netzsystemen und ihren Musterräumen ein neues Denken, Lernen und Agieren zu erproben, um diese epochale Transformation funktional und lebensfähig in neuen Organisationsformen, fernab von Stabs- und Matrixstrukturorganisation (mit Agilität, Kai-Zen, Lean, Six Sigma und TQM-Methoden) umzusetzen. Vielmehr gilt es diese rekombiniert und reprozessiert in einem neuen Netzsystemverbund einzusetzen.</p> <p><strong>Aus den oben genannten Netzsystemen vom Buchstaben ‚A‘ wie Astronomienetze bis ‚Z‘ Zellennetze habe ich nach vielen Jahren der Musterbeobachtung, Mustererkennung und Musterbildung vernetzter Systeme zwei Netzsysteme als eine Essenz herausdestillieren können:</strong></p> <ul> <li>Erstens das Netzsystem der Bio-Physik</li> <li>Zweitens das Netzsystem der Sozio-Ökonomie</li> </ul> <p><strong>Netzsysteme als neues Universal</strong></p> <p>Quintessenz: Netzsysteme stellen für mich somit ein neues Universal eines Netz-Universums dar, in dem wir Menschen mit unseren Materien und Maschinen alle leben. Die Muster der Netzsysteme stellen hierin eine neue Währung in den Wechselkursen der Menschheit dar. Sie können uns zum Sternentor unserer Ursprünge führen. Andererseits besteht jetzt die Chance, dass sie uns ähnlich wie beim Film <em>Prometheus</em> zu neuen Planeten und Sternen zukünftig geleiten. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation Teil 2: Prometheus. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="472" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1024x472.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-300x138.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-768x354.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-1536x707.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/IMG_20250119_162134-1-2048x943.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Bild: Das Raumschiff Prometheus in Ridley Scotts gleichnamigen Film landet auf einem fremden Exoplaneten </p> <p>Wenn wir unsere Erde vom Universum aus betrachten, so scheint es, als ziehen wir mit alten Kleidern in eine neue Welt. In den letzten Beiträgen stellte ich bereits unsere<em> „</em>Verwickelten Verhältnisse“ dar. So ähnlich wie es einst Engelbert Broda, Professor für angewandte Molekularbiologie artikulierte<em>. </em>In diesen Verwickelten Verhältnissen, die präzisierten Regelkreisen in Helixen gleichen, anstatt einfachen Wertketten, benötigen wir meiner Meinung nach heute komplett neue „Verrechnungsschablonen“. </p> <p><strong>Prometheus</strong></p> <p>Das Thema <em>Prometheus </em>ist dabei heute bereits Legacy. Der Name Prometheus bedeutet so viel wie „Vordenker“ und „Vorausdenker“. Ich denke da zuerst an die altgriechische Mythologie. Hier erschafft Prometheus nicht nur die Erde und formt den Menschen aus Ton, lehrt den Menschen die Sprache, die Mathematik und die Kunst, sondern bringt ihnen auch das Feuer, wofür er vom Gott <em>Zeus</em> bestraft wird. </p> <p>Zweitens denke ich an Goethes verzweifelten Prometheus, der ihm dafür eigens ein Gedicht gewidmet hat. Drittens geht es beim Thema Prometheus um Mary Shelleys Roman: <em>Prometheus oder der neue Frankenstein,</em> der im internationalen Kino aktuell und seit Jahren eine neue Art der Renaissance einer resoananzhaften „Religion“ erfährt.  Dabei war es Mary Shelley, die damals im Kontext von Alchemie, Elektrizität und Galvanismus diese als vereinigende Disziplinen und Philosophien erkannte und bewunderte.<aside></aside></p> <p>Natürlich gab es auch schon früher Ausgangspunkte, so z.B. mit Leonardo Da Vincis Flugmechanik der Vögel, die z.B. von Walter Beier in <em>Einführung in die theoretische Biophysik</em> erwähnt werden. Arthur Koestler z.B. schreibt dazu in <em>The Act Of Creation </em>zu diesen verbindenden Übergängen. <em>„</em>Luigi Galvani Professor of Anatomy at the University of Bologna, has spent some fifteen years working on a theory of animal electricity… On september 20th, 1786, he recorded one of his experiments, which was to make history… in the domain of inanimate matter, the Voltaic battery, inspired by Galvani’s frogs, led to parallel synthesis of electricity and chemistry…“.</p> <p><strong>Der Film Prometheus -die wichtigste Reise der Menschheit</strong></p> <p>Auch Ridley Scotts <em>Prometheus,</em> dessen einzigartiges innovatives Raumschiff zu neuen Welten unterwegs ist und oben auf unserem Bild auf einem Exoplaneten landet, stellt einen epischen Meilenstein dar. In Scotts Film <em>Prometheus</em> geht es nämlich um die wichtigste Reise der Menschheit. Nicht nur zwischen Maschinen, Androiden und Menschen, sondern auch zwischen Schöpfer und Schöpfung. Zwischen diesen Welten werden die wichtigen Fragen gestellt: „Woher kommen wir? Wer sind wir? Was definiert uns? Und wohin gehen wir?“ </p> <p><strong>Neue Karten für eine neue Welt</strong></p> <p>So geht es von Maschinen zu Menschen und von Menschen zu Göttern. Es geht vom Sternsystem <em>Zeta Mond LV 223</em> in 36,6 Parsec (Parallel Arcs Per Second) zur Erde. Es geht von der Biologie zur Physik und zur Sozio-Ökonomie. Es geht von menschlich natürlicher Intelligenz zur künstlichen „Artificial Intelligence“. Es geht von menschlicher Information und menschlicher Logik zur künstlichen Information und Logik. Es geht wie anfangs in der Szene des Engineers gezeigt von der DNA zur RNA. So muss im Film eine neue Technologie erschaffen werden, um dieses Virus zu besiegen. Es geht also um die Veränderung von Viren und Erschafung und Zerstörung ganzer Welten. </p> <p><strong>Zeitscharnier zu neuen Welten</strong></p> <p>Warum ist das Thema Prometheus heute noch hochgradig aktuell? Er ist deshalb so modern und zeitlos, weil er diese Morphologie und Metabolismus in einem ganzheitlichen Kosmos als modulierendes Netzsystem von Musterräumen instinktiv und intuitiv erschafft. Prometheus passt in unsere Zeit, weil wir neue Sternenkarten für neue Sternenkonstellationen benötigen.</p> <p>Meiner Meinung nach eine „soziale Telemetrie“ für neue Branchen, Bereiche und auch Berufe die etwas neues mit den Menschen und ihren Göttern und immer mehr Maschinen um uns herum erzeugen.</p> <p>Im Kern geht es so um neue Netzsysteme und neue Netzsystemkarten, die mit einen neuem Netzsystemdenken einhergehen. Die Branchen, die nun vor uns liegen, erscheinen auf den Karten als ein unentdecktes Land, welches es als <em>Weltenraum-Farmer, </em>ähnlich wie bei Nolans <em>Interstellar </em>zu erobern gilt. .</p> <p><strong>Die neue Welt der Maschinentransformer, Pro und Contra</strong></p> <p>Wie ich hier im <em>Tensornetz</em> betone, können Computer und Androiden nicht nur Horrorgestalten sein, sondern ebenfalls je nach Anwendungen auch schnelle und präzise Helfer sein. Sie können Technologien vernetzen, automatisieren und teils kompatibel skalieren. So können Computer als Simulanten die Emulationen von Aufzählungen und Präsentationen schnell zusammenstellen. Es gilt diese jedoch immer auch kritisch auf Inhalt und Vollständigkeit zu prüfen. So haben Zusammenstellungen von Maschinen für Menschen vor allem einen großen Vorteil: Zeitersparnis. </p> <p>Die negative Seite macht nachdenklich. Nämlich dann, wenn Kinder oder heranwachsende Jugendliche ihre GPT-Computer nach Krankheiten fragen und oft Fehler dabei herauskommen. Dann sind die Computer nicht die Götter oder Weisen, sondern die Equalizer des Lebens“. Das stellt dann konsequenterweise ein Problem für Kinder, Eltern und immer mehr Ärzte dar. Ärzte kommen jetzt nämlich in die Situation sich rechtfertigen müssen, worauf ihre Medizin-Mustererkennung von Daten denn basiert? Die Eltern wären hier gefragt. Aber oft fragen die Kids ihre Computer ohne Rücksprache der Eltern. Was also tun? Darüber wird gar nicht gesprochen. </p> <p>Fest steht auch, dass wir Deutschland 2026 immer noch über die Ethik von Maschinen sprechen, während andere Länder globale Infrastrukturen von Maschinen weiter ausbauen. Laut Jensen Huang, dem CEO der Firma <em>Nvidia</em>, geht es „um den größten Infrastrukturausbau der Menschheit“. Wir erleben das alle hautnah mit, dass nicht Menschen, sondern Maschinen zur neuen Haut des Lebens von Menschen werden. Die großen Science-Fiction Autoren wie Asimov, Huxley, Ulam, Wells und Verne werden hier weit übertroffen.</p> <p><strong>Das Phasenmodell der Disruption im Phasengang des Lebens</strong> </p> <p>Wir alle sollten daher zur Kenntnis nehmen, dass sich hier etwas Großes tektonisch verschiebt, was größtenteils auch bleiben wird. Auch und gerade, weil es komfortabel für Menschen ist, Maschinen zu fragen und diese auch teils passend, mal falsch und unvollständig (verzerrt) antworten. Das wird sich ähnlich wie eine <em>Wikipedia-Ära</em> wandeln. Anfangs war <em>Wikipedia</em> um die Jahrtausendwende auch teils fehlerhaft, was bei anfänglichen Systemen und Systemreifen völlig normal ist. Was passierte? Wikipedia wurde als <em>Wikifehlia</em> bezeichnet und belächelt, nicht ernst genommen. Dann wurde Wikipedia immer besser und besser. Aber es war zu spät, viele Lexikon Betreiber mussten Insolvenz anmelden. Ich habe dieses Phasenmodell von radikaler Innovation und Disruption damals direkt mitbekommen, weil ich mit Managern von Verlagen in Kontakt stand und mit ihnen dazu sprach. Gefährlich ist es somit, die Sachen nicht ernst zu nehmen, sie zu unterschätzen und sie nach dem heutigen Stand und Reife einzuschätzen.  Da ist Vorsicht angebracht. Wer in neurologischen, immunologischen und genetischen Regelkreisen und Staustufen arbeitet, weiß, dass sich Staustufen überall emergent auflösen, aufbauen oder verdichten können. So werden sich aus diesen Systemen künstlicher Intelligenz (KI) und künstlicher Information sowohl negative Aspekte als auch positive Aspekte und Chancen aufbauen.</p> <p><strong>Die Organisation von morgen</strong></p> <p>In der<em> Organisation von morgen, </em>wie ich das einmal nach meinem Vortrag gleichen Namens nennen möchte, wird es morgen in den Unternehmen eine höhere Cybersicherheit im Front- und Backend geben müssen. So haben sich die KI-Cyberangriffe ab den 2020-er Jahren vervielfacht. Es gilt auch weiter kluge Menschen als Arbeitskräfte und nicht nur Maschinen aufzustocken. Die Menschen werden mit den Maschinen Ereignisse mit EDA-Netzen, Next Generation Plattformen, Apache und Amazon Kinesis automatisieren und in neuen Vektorenräumen mit neuen Verrechnungsschablonen arbeiten. Ob Industrie, Robotik, Finanzwesen oder Medien, all dies geschieht bereits. In der Robotik ist Deutschland und Japan teils führend. Auch die Bankereignissteuerung mit Finanztransaktionen; und Medien-Ereignisteuerung bei Amazon mit Medienempfehlungen für Menschen mit immer mehr Maschinensteuerung wird so immer stärker kombiniert. Wir laufen da kontinuierlich in einer neue Zeitphase hinein, die uns selbst transformiert. Was das mit unserm Gehirn macht, darüber wird auch nicht gesprochen.  Zumindest kenne ich derzeit keine Foren dazu. </p> <p><strong>Nun kommen wir hier zu der Frage, warum unser Thema der Netzsysteme denn so faszinierend und gleichzeitig relevant ist. </strong>Ich sehe mein autodidaktisches Projekt der Erforschung der Netzsysteme, welches rund zwei Dekaden von 2006 bis 2026 andauerte als ein weltumfassendes Projekt. „Netzsysteme  modulierender Musterräume“ so wie ich das bezeichne, umfassen das spektralste Gebiet als Gegenstand von Wissenschaft und Forschung! Auch das wird ähnlich wie der Galvanismus und die Turingmuster heute so noch nicht erkannt. Dabei ist es das Jahrhundertthema – nicht für mich -für die Menschheit. </p> <p><strong>Von einfachen Ursache- und Wirkungsfolgen auf vernetze Regelkreise gehen</strong></p> <p>Was passiert in vermaschten modulierten Netzsystemen? In Netzsystemen und deren Regulationen von Regelkreisen mit entsprechenden Rückkopplungen (negativ abschwächend und positiv verstärkend) werden Zeit und Raum dimensionslos. Ursache und Wirkung folgen nicht monokausal, sondern diese sind miteinander in Bedeutung und Bestimmung miteinander verknüpft, d.h. die Zeit hat keine Richtung mehr!  </p> <p><strong>Die Arten und </strong><strong>Vorgehensweisen der neuen Währungen </strong></p> <p>Netzsysteme stellen somit meiner Meinung nach nicht nur einen riesigen, kostbaren und übergeordneten Schatz, sondern auch eine neue Währung als Musterräume der Modulationen der Menschheit bereits heute dar!</p> <p>Ich gebe hierzu nun eine Übersicht der Netzsysteme in alphabetischer Reihenfolge an.</p> <p><strong>Netzsysteme </strong></p> <p>Zu den Netzsystemen gehören meiner Meinung z.B. Astronomie Netze, Clusternetze, Computernetze, Energienetze, <strong>Handelsnetze</strong>, Kommunikationsnetze, Lagernetze, Molekülnetze, Produktionsnetze, soziale Netze, Transportnetze, <strong>Verkehrsnetze</strong>, Zellnetze.</p> <p>Die meisten Netzsysteme haben Sie sicherlich schon einmal gehört oder in ihnen gelebt und gearbeitet.</p> <p><strong>Verkehrsnetze</strong> lassen sich so wiederum unterteilen in A wie Auto(bahn)Netze, Autostraßennetze, Auto-Stadt Netze, Busnetze, Fahrradnetze, Fußgängernetze, Flughafennetze, … bis zum Buchstaben ‚Z‘ wie Zugnetze. <strong>Handelsnetze</strong> lassen sich einteilen in Realwirtschaft und Finanzwirtschaft. Das Medium der Handelsnetze sind Bargeldnetze und Girogeldnetze. Transaktionen finden hier in Währungen und Wechselkursen von Wissen und Waren statt. Übrigens auch im virtuellen Hochfrequenzhandel oder Handelscontainermärkten; In Häfen, Städten und Handelsnetzen stellen dabei die Container ähnlich wie Netzsysteme selbst, eine Art Universal dar. Container kann man mit Netz-Routen in Netzsysteme von LKW und Trucks, Flugzeugen, Schiffen, Straßen bis zu Zügen auf individuellen Netzstrecken einteilen. Die Gewinner der Containernetze werden so die Gewinner der Handelswelt sein.</p> <p>Was sehen wir hier? Was ist das übergeordente Thema von Handel, Krieg und Frieden? Was ist das Thema von „Was ist Leben und wie entsteht Ordnung?“<strong> Wir erkennen, dass es nicht nur ein paar Netzsysteme gibt, sondern, dass wir überall von Netzsystemen als Disziplinen und Philosophie umgeben sind, die uns Menschen prägen. Und das auch noch eine lange, sehr lange Zeit. </strong>Auch aus diesem Grund sollten wir stärker in Netzsystemen denken und gestalten lernen. Darüber hinaus sind nahezu alle Probleme einer Gesellschaft auf der Netzsystemebene ähnlich wie eine DNA-Doppelhelix verschlüsselt. So gilt es heute die großen Probleme mit Netzsystemlösungen entsprechend zu entschlüsseln. Einem neuen „Netzsystemdenken mit modulierenden Musterräumen“ nach der <em>Cybernetics</em> Norbert Wieners und den beiden großen Systemtheorien Ludwig von Bertalanffys und Niklas Luhmanns, die ich übrigens sehr verehre. Wir sollten jedoch auch sehen, dass wir für die „Verwickelten Verhältnisse“ Brodas heute neuartige „Verrechnungsschablonen“ erhalten, die diese Systemtheorien würdigen und aktuell ergänzen. </p> <p><strong>Beispiele.</strong> Ich nehme nun einen Fernsehbeitrag, eine Dokumentation über das Mysterium von alter Kultur und Tradition hin zum Transfer und Translation in eine moderne Zeit. In diesem Beitrag geht es um die Übersetzung und Entschlüsselung eines ägyptischen Papyrus aus dem Jahre 1550 v. Chr. Der Beitrag heißt <strong><em>Les Mysteries D’Un Papyrus Egyptien</em>.</strong> Im Zentrum steht ein Papyrus, welches Zeit und Raum, ähnlich wie Glaube und Religion der Ägypter überdauerte. Faszinierend war hier zu sehen, wie Götter, Natur und Menschen in einer damals gemeinsamen Einheit als die drei großen Prinzipien zusammenfanden.</p> <p><strong>Muster der Vernetzung </strong></p> <p>All dies ist mit unserem Thema der Vernetztheit des Menschen zu Göttern, Natur und Menschen als die drei relevanten Prinzipien menschlichen Lebens verbunden. Damals ging es hierbei bei dem Inhalt des Papyrus um eine Art Geheimwissenschaft der Heiler und Ärzte, die Menschen in Form einer holistischen Systemmedizin in Ägypten innehatten. Sie waren damit ihrer Zeit voraus! Aus heutiger Sicht kamen die Ägypter aus der Zukunft. Georg Ebers hat sich dieses Großprojekt der Übersetzung des Papyrus angeeignet und hat in jahrelanger mühseliger Arbeit ähnlich wie oben Galvani die Kodes weitgehend entschlüsseln können. </p> <p><strong>Zwei Anwendungsfälle für neue Netzsysteme und deren modulierende Musterräume:</strong></p> <p>Ich habe nach dem spannenden und unterhaltsamen Beitrag <em>Die Geheimnisse des Papyrus Ebers </em>aus dem Jahre 2022, vor kurzem beim Sender Arte ausgestrahlt, länger und intensiv über neue Netzsystemlösungen nachgedacht, die im Film nicht vorrätig scheinen. </p> <p>Im Beitrag <em>Die Geheimnisse des Papyrus Ebers</em> sehe ich diese erstens in der Anwendung des Medikaments Nummer 8 mit dem <em>Netzsystem der Bio-Physik</em> als einen praktischen und weiterführenden Instrumentenkasten. Einen Instrumentenkasten, der vom Netzmodell über Managementmodelle und konventionell angewandter Organisationsmuster hinausgeht: Und zwar in dem Ausmaß und Umfang von „in vitro“ auf „in vivo“ umzuschalten, um zu erfahren, wie sich kontextuell Präparat und Präparierte mit Prozessen und Prinzipien der Involution und Evolution wechselseitig beeinflussen und bestimmen. Eben reale Regelkreiskaskaden und keine einfache künstlich (simulierten) Ursache-Wirkungsfolgen. </p> <p>Zweitens können wir hier das Thema der verlorenen Tafeln der Ägypter und der Forschung Georg Ebers über das <em>Netzsystem der Sozio-Ökonomie</em> lösen. Und zwar in dem Maße, indem wir den Nexus der Matrix mit entsprechenden Matrizen für eine adäquate Übersetzung finden und zuordnen. Das Codewort der <strong>K-Frage</strong>, also der Auflösung von<strong> K</strong>omplexität als größte Anforderung der Menschheit, fängt dabei ebenfalls mit dem Buchstaben K, wie „Kulturmuster“ an, um diese Gleichung adäquat aufzulösen. Kennen wir die Kulturmuster, können wir die Kodes daraufhin entschlüsseln und auflösen.</p> <p><strong>Kultur als Muster der Menschheit</strong></p> <p>Bei einer Kulturentstehung geht es nicht um abstrakte Werte, die als soziale Normen genannt, ausgetauscht und aktiv von Menschen ausgehandelt werden sollten. Vielmehr geht es um die drei Fragen: „Wie können wir Leben, Lebensfreude und höhere Lebensqualität zu den Menschen bringen?“ So z.B. mit Prozessen und Prinzipien, die Natur, Wissenschaft und auch Kunst zu vereinen wissen!</p> <p>Und wo genau kann dies denn dann bitte geschehen? In den Organisationen, in denen Menschen ihre meiste Zeit verbringen. In den Wirtschaftsunternehmen. Das kann die Menschheit weiter voranbringen und das wird auch Veränderungen mit sich bringen. Mit mehr natürlicher Intelligenz (NI) und auch mehr „künstlicher Information“ im Sinne des Ausdrucks <em>Artifical Intelligence </em>(AI). Es wird dabei mitunter etwas Neues entstehen, worauf wir nicht gefasst sind. Wir haben dazu heute die Möglichkeit in Netzsystemen und ihren Musterräumen ein neues Denken, Lernen und Agieren zu erproben, um diese epochale Transformation funktional und lebensfähig in neuen Organisationsformen, fernab von Stabs- und Matrixstrukturorganisation (mit Agilität, Kai-Zen, Lean, Six Sigma und TQM-Methoden) umzusetzen. Vielmehr gilt es diese rekombiniert und reprozessiert in einem neuen Netzsystemverbund einzusetzen.</p> <p><strong>Aus den oben genannten Netzsystemen vom Buchstaben ‚A‘ wie Astronomienetze bis ‚Z‘ Zellennetze habe ich nach vielen Jahren der Musterbeobachtung, Mustererkennung und Musterbildung vernetzter Systeme zwei Netzsysteme als eine Essenz herausdestillieren können:</strong></p> <ul> <li>Erstens das Netzsystem der Bio-Physik</li> <li>Zweitens das Netzsystem der Sozio-Ökonomie</li> </ul> <p><strong>Netzsysteme als neues Universal</strong></p> <p>Quintessenz: Netzsysteme stellen für mich somit ein neues Universal eines Netz-Universums dar, in dem wir Menschen mit unseren Materien und Maschinen alle leben. Die Muster der Netzsysteme stellen hierin eine neue Währung in den Wechselkursen der Menschheit dar. Sie können uns zum Sternentor unserer Ursprünge führen. Andererseits besteht jetzt die Chance, dass sie uns ähnlich wie beim Film <em>Prometheus</em> zu neuen Planeten und Sternen zukünftig geleiten. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-raeume-der-modulation-teil-2-prometheus/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/#comments Fri, 27 Feb 2026 08:26:03 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1903 <h1>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: <em>Prototaxites hefteri.</em> Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).<br></br>In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere <em>Prototaxites</em>-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war <em>Prototaxites</em> als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als<a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> „Godzilla unter den Pilzen</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>„Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites“ <br></br>(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605</figcaption></figure> <p>Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und <em>Prototaxites</em> außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.</p> <h2 id="h-die-abenteuerliche-forschungsgeschichte-des-protaxites"><strong>Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des <em>Protaxites</em></strong></h2> <p><em>Prototaxites </em>hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.<br></br>Der Geologe <a href="https://steurh.home.xs4all.nl/engprot/eprototx.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Dawson fand 1859 in Kanada</a> ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name <em>Prototaxites</em> bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="425" sizes="(max-width: 250px) 100vw, 250px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png 250w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42-176x300.png 176w" width="250"></img></a><figcaption>„Apex opf the „Schunnemunk tree“ of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York“ <br></br>(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185 </figcaption></figure> <p>Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29254969/#full-view-affiliation-1" rel="noopener">dann als Grünalge und 1979 als Tang</a>. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine <a href="https://magazine.uchicago.edu/1006/investigations/fungus.shtml" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.</a><br></br>2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch <a href="https://www.scinexx.de/news/geowissen/sechs-meter-hoher-riesenpilz-identifiziert/" rel="noopener">Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen-</a> und somit für die Pilzhypothese.</p> <p>Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.<br></br>Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope <sup>12</sup>C und <sup>13</sup>C zueinander gibt <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/isotopenanalyse-in-muenchen-biografie-in-den-knochen-1.1891483" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.</a><br></br>Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von <sup>12</sup>C zu <sup>13</sup>C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.<br></br>Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die <a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den <em>Prototaxites</em>-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.</a><aside></aside></p> <p>2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: <em>Prototaxites taiti </em>(eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.</p> <h2 id="h-neue-ergebnisse-aus-dem-rhynie-chert"><strong>Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert</strong></h2> <p>Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219313703" rel="noopener">Rhynie-Chert-Fossillagerstätte</a> hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rhynie_chert" rel="noopener">Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert</a> die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.<br></br>Ihre Neubewertung von <em>Prototaxites</em> hatte das Team um <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con1" rel="noopener">Corentin C. Loron</a> und <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con2" rel="noopener">Laura M. Cooper</a> auf <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277" rel="noopener">ScienceAdvances veröffentlicht</a>.</p> <p>Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, <em>Prototaxites </em>passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.</p> <p>In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war <em>Prototaxites</em>-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png"><img alt="" decoding="async" height="170" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png 452w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35-300x113.png 300w" width="452"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="412" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png 365w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38-266x300.png 266w" width="365"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="393" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 363px) 100vw, 363px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png 363w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37-277x300.png 277w" width="363"></img></a></figure> <p>Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfokalmikroskop" rel="noopener">konfokale Laserscanning-Mikroskopie</a>, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  </p> <p>Dadurch fanden sie bei <em>Prototaxites</em> kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.</p> <p>Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in <em>Prototaxites</em> eine ähnliche Funktion gehabt haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="465" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png 480w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39-300x291.png 300w" width="480"></img></a></figure> <p>Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png"><img alt="" decoding="async" height="198" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png 467w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36-300x127.png 300w" width="467"></img></a></figure> <p>Da <em>Prototaxites</em> </p> <ul> <li>Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte</li> <li>einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies</li> <li>Pilz-Zellwände fehlten </li> </ul> <p>vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.<br></br>Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.</p> <p>Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.<br></br>Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.<br></br>Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.</p> <p>Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu <em>Prototaxites </em>noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.</p> <h2 id="h-prototaxites-interstellari-pilz-turbo-im-star-trek-universum"><strong><em>Prototaxites interstellari</em> – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum</strong></h2> <p>Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie <em>Discovery</em> sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz <em>Prototaxites </em>und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor <em>Star Trek</em> <em>The Original Series </em>(mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.</p> <p>Allerdings findet und nutzt die USS <em>Discovery </em>einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS <em>Discovery</em>-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die<em> Discovery</em> wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS <em>Discovery</em>)<em>.</em><br></br>In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist <em>Prototaxites</em> eine Geheimwaffe.</p> <p>Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS <em>Discovery</em> gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS <em>Discovery</em> hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.</p> <p>Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS <em>Discovery</em> ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.<br></br>Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. <a href="https://youtu.be/XI5frPV58tY" rel="noopener">Sein TEDx-Talk über Pilze</a> ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. <a href="https://scitizen.com/future-energies/can-mushrooms-save-the-world-_a-14-2891.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten,</a> etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43-300x225.png 300w" width="768"></img></a><figcaption>„Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006“<br></br>(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848</figcaption></figure> <p>Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.</p> <p>Zurück zu Star Trek-<em>Discovery</em>: <em>Prototaxites stellaviatori</em> ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a <a href="https://gizmodo.com/court-reaffirms-star-trek-discovery-copyright-suit-dis-1844753933" rel="noopener">haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.</a><br></br>Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.</p> <p>(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/24/24-12/?all=1" rel="noopener">hier</a>. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Neues von Prototaxites – Pflanze, Pilz, Alge oder was ganz anderes? » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Im Devon (420 – 360 Mio Jahre) besiedelten größere Lebensformen allmählich das Festland. Große Pflanzen oder gar Bäume gab es allerdings noch nicht, die Urvegetation wuchs kaum 60 cm hoch. Stattdessen überragten seltsame, bis über acht Meter hohe und einen Meter dicken Kegel die Landschaften – auch in Deutschland, etwa dort, wo heute die Eifel ist: <em>Prototaxites hefteri.</em> Damit überragten sie alles andere, was damals an Land wuchs, wie ein Mammutbaum eine Wiese (beides gab es noch lange nicht).<br></br>In Europa sind sie auch aus Holland, Schottland und Wales bekannt. Andere <em>Prototaxites</em>-Arten wuchsen ins Kanada, Saudi-Arabien und anderen Orten der Welt. In einer Welt, bevölkert mit kleinen Pflanzen und nicht sehr großen wirbellosen Tiere dominierte dieser Säulen-Organismus. Bis Ende Januar 2026 war <em>Prototaxites</em> als Pilz klassifiziert, der New Scientist bezeichnete ihn als<a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank"> „Godzilla unter den Pilzen</a>“.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-41.png 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>„Sumpflandschaft des Silurs mit Prototaxites“ <br></br>(C) Віщун – Eigenes Werk, first published on Deviantart, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=162991605</figcaption></figure> <p>Eine neue Studie eines Teams um den Astrobiologen Corentin C. Loron (UK Centre for Astrobiology, University of Edingurgh) und die Molekularbiologin Laura Cooper (Institute of Molecular Plant Sciences, University of Edinburgh) hatte eine neue Studie vorgelegt und <em>Prototaxites</em> außerhalb der bisher bekannten Reiche als etwas Neuartiges eingeordnet: Er könne Repräsentant eines neuen, noch unbekannten und heute ausgestorbenen Reichs neben den Pflanzen, Pilzen, Tieren und verschiedenen einzelligen Lebensformen sein. Das wäre eine Sensation.</p> <h2 id="h-die-abenteuerliche-forschungsgeschichte-des-protaxites"><strong>Die abenteuerliche Forschungsgeschichte des <em>Protaxites</em></strong></h2> <p><em>Prototaxites </em>hat eine abenteuerliche Erforschungsgeschichte hinter sich: Er wurde so oft taxonomisch umsortiert und umetikettiert, dass er schon ein paläontologischer Mythos ist.<br></br>Der Geologe <a href="https://steurh.home.xs4all.nl/engprot/eprototx.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Dawson fand 1859 in Kanada</a> ein über 2 Meter langes, und fast einen Meter dickes Fossil, das er in die Verwandtschaft der Eibengewächse (Taxaceae) einordnete; der Name <em>Prototaxites</em> bedeutet so viel wie „Vor-Eibe“. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png"><img alt="" decoding="async" height="425" sizes="(max-width: 250px) 100vw, 250px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42.png 250w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-42-176x300.png 176w" width="250"></img></a><figcaption>„Apex opf the „Schunnemunk tree“ of Prototaxites loganii from the middle Devonian Bellvale Sandstone near Monroe, New York“ <br></br>(C) G.J. Retallack – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48796185 </figcaption></figure> <p>Spätere Paläontologen interpretierten das Riesenwesen <a href="https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29254969/#full-view-affiliation-1" rel="noopener">dann als Grünalge und 1979 als Tang</a>. 2001 wurde aus der Alge wieder ein Pilz und kurze Zeit später eine <a href="https://magazine.uchicago.edu/1006/investigations/fungus.shtml" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Flechte, also eine Lebensgemeinschaft aus Pilz und Alge.</a><br></br>2007 fanden Boyce (Universität von Chicago) und seine Arbeitsgruppe durch <a href="https://www.scinexx.de/news/geowissen/sechs-meter-hoher-riesenpilz-identifiziert/" rel="noopener">Isotopenanalysen neue Argumente gegen die Pflanzen-</a> und somit für die Pilzhypothese.</p> <p>Das Problem bei diesen Fossilfunden ist, dass durch die Versteinerung zwar die Umrisse und somit Größe des Lebewesens erhalten blieb, dessen Strukturen aber nur teilweise. Außerdem überlagerten sie sich mit anderen Fossilien, wie etwa Pflanzenteilen. So kam es immer wieder zu Diskussionen, ob die fossilen Pilzhyphen ein elementarer Bestandteil des Fossils oder eher eine Verunreinigung waren.<br></br>Boyce und sein Team haben nun nicht nur einfach die versteinerten Zellverbände interpretiert, sondern zusätzlich auch eine Isotopenanalyse durchgeführt. Das Verhältnis der stabilen Kohlenstoff-Isotope <sup>12</sup>C und <sup>13</sup>C zueinander gibt <a href="https://www.sueddeutsche.de/muenchen/isotopenanalyse-in-muenchen-biografie-in-den-knochen-1.1891483" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Auskunft über die Aufnahme dieser Isotope über Atmung und Nahrung sowie letztendlich zur Herkunft eines Organismus.</a><br></br>Pflanzen nehmen Kohlenstoff nur über das Kohlendioxid aus ihrer Umgebung auf. So bleibt Ihr Isotopenverhältnis von <sup>12</sup>C zu <sup>13</sup>C ihr ganzes Leben über gleich und entspricht dem der Atmosphäre – je nach Lebensweise, tagsüber oder nachts. Bei Tieren bildet das Isotopenverhältnis ihre Lebensweise, die Nahrungsaufnahme und ihren Lebensraum ab, das terrestrisch und marin lebender Tiere unterscheidet sich.<br></br>Pilze nehmen als Nahrung organische tote Stoffe auf. Dabei sind sie nicht wählerisch, sondern verdauen meist tote Materie, wie auch Kadaver von Pflanzen und Tieren. Diese unterschiedlichen Nahrungsquellen haben unterschiedliche Isotopenverhältnisse. Werden sie gefressen oder chemisch verdaut, bleiben die Isotopenverhältnisse erhalten. Die <a href="https://www.newscientist.com/article/dn11701-mystery-prehistoric-fossil-verified-as-giant-fungus/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">unterschiedlichen Isotopenverhältnisse aus den <em>Prototaxites</em>-Fossilien weisen also auf eine andere Lebensweise als die der Pflanzen hin, erklärt Boyce.</a><aside></aside></p> <p>2018 bestätigte ein Team durch Dünnschnitte von Rhynie Chert-Exemplaren per Licht- und Konfokalmikroskopie sowie aus Kohle-Fossilien aus walisischen Fundstellen per Rasterelektronenmikroskop die Pilzhypothese: <em>Prototaxites taiti </em>(eine mutmaßliche 2. Art vereine Merkmale verschiedener heutiger Pilzgruppen.</p> <h2 id="h-neue-ergebnisse-aus-dem-rhynie-chert"><strong>Neue Ergebnisse aus dem Rhynie Chert</strong></h2> <p>Ein neues Exemplar aus der berühmten schottischen <a href="https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219313703" rel="noopener">Rhynie-Chert-Fossillagerstätte</a> hat nun neue Einblicke gebracht. In diesen 407 Millionen Jahre alten versteinerten Sedimenten sind besonders viele Fossilien in herausragender Erhaltung fossilisiert, also mit Weichteilfossilisation: Der Großteil von ihnen sind frühe Pflanzen – sie hatten zwar wasserleitende Zellen und Sporangien, aber noch keine echten Blätter. Außerdem sind dort auch Flechten, Algen und Pilze sowie Arthropoden erhalten. Diese <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Rhynie_chert" rel="noopener">Rhynie-Fauna und -Flora dokumentiert</a> die frühe Besiedlung des Festlands. Die Erhaltung von Ultrastrukturen wie einzelnen Zellwänden macht sie so außergewöhnlich. Werden fossilführende Gesteinsproben poliert und geschnitten, sind im Pflanzenmaterial sogar Stomata und Ligninreste nachweisbar. Ob in Pflanzenzellen eingedrungene Pilzhyphen Zersetzer oder Symbionten waren, ist nicht geklärt. Auch die winzigen fragilen Buchlungen fossiler Spinnenverwandter (Atmungsorgan der Trigonotarbiden) sind in solchen Querschnitten nachweisbar.<br></br>Ihre Neubewertung von <em>Prototaxites</em> hatte das Team um <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con1" rel="noopener">Corentin C. Loron</a> und <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277#con2" rel="noopener">Laura M. Cooper</a> auf <a href="https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.aec6277" rel="noopener">ScienceAdvances veröffentlicht</a>.</p> <p>Die Molekularbiologin Laura Cooper hingegen schrieb in ihrem Thread auf dem Kurznachrichtendienst BlueSky in einer Kurzvorstellung der Publikation, <em>Prototaxites </em>passe in keine Gruppe der heutigen Pilze.</p> <p>In ihrem aus dem Rhynie Chert-Hornstein geschnittenen und polierten Stückchen NSC.36 war <em>Prototaxites</em>-Gewebe extrem gut erhalten, zusammen mit einer großen Bandbreite anderer Organismen wie Pilzen und Pflanzen.  </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png"><img alt="" decoding="async" height="170" sizes="(max-width: 452px) 100vw, 452px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35.png 452w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-35-300x113.png 300w" width="452"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png"><img alt="" decoding="async" height="412" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 365px) 100vw, 365px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38.png 365w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-38-266x300.png 266w" width="365"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png"><img alt="" decoding="async" height="393" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 363px) 100vw, 363px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37.png 363w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-37-277x300.png 277w" width="363"></img></a></figure> <p>Laura Coopers Beitrag zu diesem Forschungsprojekt war die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Konfokalmikroskop" rel="noopener">konfokale Laserscanning-Mikroskopie</a>, eine besonders hochauflösende Form der Mikroskopie zur Mikrostruktur Analyse. Bei dieser speziellen Lichtmikroskopie wird nicht das gesamte Präparat beleuchtet, sondern zu jedem Zeitpunkt nur ein Bruchteil davon, oft nur ein kleiner Lichtfleck. Werden diese einzelnen Bilder zusammengefügt, ergeben sich optische Schnittbilder mit besonders hohem Kontrast.  </p> <p>Dadurch fanden sie bei <em>Prototaxites</em> kugelförmige „Markflecken“ (medullary spots). Bei der bildlichen Rekonstruktion stellte sich heraus, dass sie aus vielen dicht gepackten kleinen Röhren bestehen, die stark miteinander verbunden sind. Solche Strukturen seien bei Pilzen unbekannt. Stattdessen ähneln sie, so das Forscherteam, vielmehr Strukturen, die an Gas- oder anderen Austauschfunktionen beteiligt sind, wie beispielsweise die Säugetier-Lungenbläschen. Darum könnten die Markflecken eine völlig andere physiologische Funktion gehabt haben als die, die von Pilzen bekannt sind.</p> <p>Weiterhin fanden sie im gesamten untersuchten Organismus Röhren mit inneren Verdickungen oder Bändern. Solche gebänderten Röhren kommen ebenfalls nicht in Pilzen vor, sondern ähneln dem Xylem, also dem Wasser-Leitsystem, von Landpflanzen – sie könnten in <em>Prototaxites</em> eine ähnliche Funktion gehabt haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png"><img alt="" decoding="async" height="465" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39.png 480w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-39-300x291.png 300w" width="480"></img></a></figure> <p>Dazu kommt, dass der molekulare Fingerabdruck Abweichungen zu allen anderen Organismengruppen im Rhynie-Chert ergab – auch zu den Pilzen. Dies deutete auf einen anderen Zellwandaufbau als Pilze mit ihrem Chitin und Glucan hin.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png"><img alt="" decoding="async" height="198" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 467px) 100vw, 467px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36.png 467w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-36-300x127.png 300w" width="467"></img></a></figure> <p>Da <em>Prototaxites</em> </p> <ul> <li>Röhrenstrukturen und vermutlich eine andere Physiologie hatte</li> <li>einen anderen molekularen Fingerabdruck aufwies</li> <li>Pilz-Zellwände fehlten </li> </ul> <p>vermuteten die Forschenden, dass dieses Mega-Fossil doch kein Pilz war.<br></br>Da es in keine der bekannten Gruppen passt, könnte es sich, so Laura Cooper et al, um einen Repräsentanten einer neuen Gruppe handeln.</p> <p>Ich persönlich bin davon noch nicht so ganz überzeugt.<br></br>Ein ganz neues Reich solch großer Organismen ohne andere dazu gehörende Arten, Vorfahren und Nachfahren kommt mir zu unwahrscheinlich vor, Organismen-Reiche entstehen schließlich nicht im luftleeren Raum einiger Jahrmillionen – sie sind vielmehr Ergebnisse von Entwicklungen in der Größenordnung Hunderter Jahrmillionen.<br></br>Ich frage mich eher, ob die Daten auf einen Organismus aus verschiedenen Arten hinweisen könnten Oder möglicherweise sogar Artefakte sind, die durch besondere Fossilisationsumstände verursacht wurden.</p> <p>Darum bin ich sehr gespannt, ob andere Arbeitsgruppe diese Ergebnisse bestätigen oder widerlegen werden. Auf jeden Fall eine extrem interessante Arbeit mit bislang sehr überraschenden Ergebnissen. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass zu <em>Prototaxites </em>noch lange nicht das letzte Wort gesprochen bzw. geschrieben wurde.</p> <h2 id="h-prototaxites-interstellari-pilz-turbo-im-star-trek-universum"><strong><em>Prototaxites interstellari</em> – Pilz-Turbo im Star Trek-Universum</strong></h2> <p>Als ich 2018 die ersten Folgen der Star Trek-Serie <em>Discovery</em> sah, war ich sehr erstaunt, auf gleich zwei alte Bekannte zu treffen: Auf den Pilz <em>Prototaxites </em>und ein Bärtierchen (Tardigrade). Diese Serie setzt zeitlich vor <em>Star Trek</em> <em>The Original Series </em>(mit Captain James T. Kirk und Spock) an und enthält dadurch vertraute Charaktere wie Spock und Captain Pike, aber auch den miesen Harry Mudd.</p> <p>Allerdings findet und nutzt die USS <em>Discovery </em>einen experimentellen Sporenantrieb. Im 23. Jahrhundert der USS <em>Discovery</em>-Timeline erstreckt sich ein feines Geflecht aus makroskopisch nahezu unsichtbaren Pilzfäden, dem Myzel, über das Weltall. Innerhalb dieses Myzels bewegt sich die<em> Discovery</em> wie in einem gigantischen Netz, analog einem Computer-Netzwerk wie etwa in „Matrix“. Die Spezies <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> wurde „aus exotischem Material aus einer abgetrennten, zeitdiskreten, abstrakten Subspace-Region konstruiert. Das Mycel schüttet seine Sporen dann in die Unendlichkeit des Weltalls aus und daraus bildet sich das Myzel-Netzwerk.“ (Captain Lorca der USS <em>Discovery</em>)<em>.</em><br></br>In einer Pilzkammer – dem Pendant zu einem botanischen Garten, aber eben für Pilze – wird der Pilz <em>Prototaxites</em> <em>stellaviatori</em> gezüchtet und seine Sporen für den Betrieb des Antriebs geerntet. Diese Pilzkammer ist mit einem Atem-Scanner streng gesichert, schließlich ist <em>Prototaxites</em> eine Geheimwaffe.</p> <p>Die Funktion des Sporenantriebs erklärt der mysteriös-sinistre Captain Lorca der USS <em>Discovery</em> gegenüber der Hauptperson Michael Burnham so: “Stellen Sie sich ein mikroskopisch feines Netz vor, das sich über den ganzen Kosmos erstreckt. Ein intergalaktisches Ökosystem. Eine unendliche Anzahl von Wegen, die nach überall führen.” Ein nur auf zellularem Niveau sichtbares Pilzgeflecht erstreckt sich über das ganze Universum und wenn man an einer Stelle einsteigt, kann man darin extrem schnell überall hinreisen – also praktisch mit Mega-Warp. Und die USS <em>Discovery</em> hat den Schlüssel zum Eintauchen in diesen pilzigen Mikrokosmos. „Code Black!” heißt es dann auf dem Sternenflotten-Schiff – das Sternenschiff beginnt um die eigene Achse zu rotieren und alles ist Glitzer. Star Trek Discovery ist ganz sicher mit großem Abstand der Sternenflotten-Ableger mit dem meisten Glitzer.</p> <p>Die Sporen aus der Brutkammer erstellen dann eine Verbindung zwischen dem Raumschiff und dem mikrozellularen Myzel, gesteuert wird durch einen ins Netzwerk integrierten Navigator. Auf der USS <em>Discovery</em> ist es zunächst ein überdimensionaler Tardigrade, also das raumfahrerprobte Bärtierchen, später der Astromykologe Lieutenant Paul Stamets selbst.<br></br>Paul Stamets ist der einzige Star Trek-Charakter, der nach einem lebenden Menschen benannt wurde – nach dem Mycologen Paul Stamets. <a href="https://youtu.be/XI5frPV58tY" rel="noopener">Sein TEDx-Talk über Pilze</a> ist ein Potpourri von Ideen zur Anwendung von Pilzen und unbedingt sehenswert. <a href="https://scitizen.com/future-energies/can-mushrooms-save-the-world-_a-14-2891.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Er hält eine ganze Reihe von Pilz-Patenten,</a> etwa zur effektiven biologischen Schädlingsbekämpfung und für medizinische Anwendungen. Pilze hält er für eine Lösung für die Energieprobleme: Mycelien verwandeln Cellulose in Pilzzucker um, woraus wiederum Alkohol als Treibstoff produziert werden kann. “Econol” nennt Stamets diesen Pilzfusel.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-43-300x225.png 300w" width="768"></img></a><figcaption>„Stamets holding Laricifomes officinalis in 2006“<br></br>(C) Dusty Yao-Stamets – Personal correspondence, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3785848</figcaption></figure> <p>Beeindruckend ist auch die Effektivität der haardünnen Geflechte als ökologische Aufräumtruppe: Ein Pilzmyzel kann etwa nach Ölkatastrophen die organischen Verbindungen des Öls aufbrechen und in unschädliche Substanzen umwandeln, auf denen schnell wieder alles wächst und gedeiht. Diese Fähigkeit der Pilze, Gestein, Schweröl und andere Substanzen schnell in fruchtbaren Boden umzuwandeln, macht sie zu Wegbereitern für ganze Ökosysteme. Stamets hat mehrere Systeme entwickelt, Pilzkulturen in Sporenform global zu versenden, die an jedem Ort der Welt schnell ein neues Ökosystem induzieren können.</p> <p>Zurück zu Star Trek-<em>Discovery</em>: <em>Prototaxites stellaviatori</em> ist eine Neuschöpfung, die Ideen von Sporenantrieb und Tardigrad sowohl von Stamets, Burnham u a <a href="https://gizmodo.com/court-reaffirms-star-trek-discovery-copyright-suit-dis-1844753933" rel="noopener">haben die Produzenten von einem Videospiel-Entwickler gestohlen – sind aber damit davongekommen.</a><br></br>Die Pilzsporen glitzern wie Einhornstaub oder magic mushrooms und visualisieren damit plakativ, dass diese Technologie den Boden der Logik verlässt und in endgültig in Richtung Esoterik davontänzelt.</p> <p>(Falls Ihr eine ausführlichere Darstellung der Vorgänge an Bord der Discovery und einen detaillierteren Faktencheck wollt – <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2020/12/24/24-12/?all=1" rel="noopener">hier</a>. Mehr über Pilze im Weltraum produziere ich im Laufe dieses Jahres, in Texten und Vorträgen).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/neues-von-prototaxites-pflanze-pilz-alge-oder-was-ganz-anderes/#comments 16 Lebenswichtiger Mond https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/#comments Fri, 27 Feb 2026 06:42:40 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12653 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505.jpg" /><h1>Lebenswichtiger Mond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-02-27T07:42:40+01:00">27. Feb. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Die Sonne ist lebenswichtig; das sehen wir draußen gerade eindrucksvoll: kaum erblaute der Himmel, strecken sich die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem dörren Gras.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p><em>Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</em><p><em>Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</em><em>Im Tale grünet Hoffnungsglück;</em><em>Der alte Winter, in seiner Schwäche,</em><em>Zog sich in rauhe Berge zurück.</em><em>Von dort her sendet er, fliehend, nur</em><em>Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</em><em>In Streifen über die grünende Flur;</em><em>Aber die Sonne duldet kein Weißes,</em><em>Überall regt sich Bildung und Streben,</em><em>Alles will sie mit Farben beleben;</em></p></p> <p>(Goethe)</p> </div> </div> <h2 id="h-mond">Mond</h2> <p>Der Mond ist aber ebenso wichtig für das Leben auf der Erde.</p> <p>Chronobiologen erforschen die zeitliche Ordnung und Perioden physiologischer Funktionen. Das Buch von <strong>Endres &amp; Schad „Die Biologie des Mondes“</strong> handelt von biologischen Rhythmen, die mit denen des Mondes in Zusammenhang gebracht werden können. Es gibt Blumen, die nur bei Vollmond blühen, Fische, die die mit Voll- und Neumond verbundene Springflut zum Laichen benötigen, und als Wüstenwandererin (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/">bis 2008</a>) weiß ich, dass das Licht des Mondes auch menschliche Aktivitäten bestimmt: Vollmondnächte sind hell genug, dass man zu Fuß weiterreisen kann, während das in mondlosen Nächten zu gefährlich ist. <aside></aside></p> <p>Forschungen zeigen zudem seit langem, dass unser Mond nicht unerheblich zur Erhaltung der konstanten Bedingungen auf der Erde beiträgt. Der Trabant stabilisiert durch seinen Umlauf die Rotationsachse unseres Planeten (<strong>Ward and Browlee 2000</strong>). Anders gesagt: nur weil der Mond um die Erde läuft, kippt die Erde im All nicht um und wird immer gleichmäßig von der Sonne beleuchtet (bis auf das leichte Präzessionstaumeln), so dass das Klima über Jahrmillionen stabil genug bleibt, damit sich Lebensformen von Einzellern zu komplexeren Wesen entwickeln konnten. </p> <p>Zu den poetischen Seiten des Mondes hatte ich bereits früher geschrieben, z.B.: </p> <ul> <li>Mond – <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-mond-2/">Bilderpoesie</a> (2019)</li> <li>Fotos einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/noch-einmal-mond/">kompletten Lunation</a> (2019)</li> <li>verschiedene <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mann-im-mond/">Bilder, die in Kulturen in den Flecken</a> gesehen werden (2025)</li> </ul> <hr></hr> <ul> <li>Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad (1997). Biologie des Mondes. Mondperiodik und Lebensrythmen: Mondperiodik und Lebensrhythmen, S. Hirzel, Stuttgart/Leipzig</li> <li>Peter D. Ward and Donald Browlee, editors (2000). Rare Earth: Why Complex Life is Uncommon in the Universe. Copernicus Books, New York.</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Schneeglocken_20260225_123505.jpg" /><h1>Lebenswichtiger Mond » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-02-27T07:42:40+01:00">27. Feb. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>Die Sonne ist lebenswichtig; das sehen wir draußen gerade eindrucksvoll: kaum erblaute der Himmel, strecken sich die ersten Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse aus dem dörren Gras.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eisbach_20260123_101953.jpg 960w" width="768"></img></a></figure> </div> <div> <p><em>Vom Eise befreit sind Strom und Bäche</em><p><em>Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;</em><em>Im Tale grünet Hoffnungsglück;</em><em>Der alte Winter, in seiner Schwäche,</em><em>Zog sich in rauhe Berge zurück.</em><em>Von dort her sendet er, fliehend, nur</em><em>Ohnmächtige Schauer körnigen Eises</em><em>In Streifen über die grünende Flur;</em><em>Aber die Sonne duldet kein Weißes,</em><em>Überall regt sich Bildung und Streben,</em><em>Alles will sie mit Farben beleben;</em></p></p> <p>(Goethe)</p> </div> </div> <h2 id="h-mond">Mond</h2> <p>Der Mond ist aber ebenso wichtig für das Leben auf der Erde.</p> <p>Chronobiologen erforschen die zeitliche Ordnung und Perioden physiologischer Funktionen. Das Buch von <strong>Endres &amp; Schad „Die Biologie des Mondes“</strong> handelt von biologischen Rhythmen, die mit denen des Mondes in Zusammenhang gebracht werden können. Es gibt Blumen, die nur bei Vollmond blühen, Fische, die die mit Voll- und Neumond verbundene Springflut zum Laichen benötigen, und als Wüstenwandererin (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/voyage-bizarre-im-land-der-b-cher/">bis 2008</a>) weiß ich, dass das Licht des Mondes auch menschliche Aktivitäten bestimmt: Vollmondnächte sind hell genug, dass man zu Fuß weiterreisen kann, während das in mondlosen Nächten zu gefährlich ist. <aside></aside></p> <p>Forschungen zeigen zudem seit langem, dass unser Mond nicht unerheblich zur Erhaltung der konstanten Bedingungen auf der Erde beiträgt. Der Trabant stabilisiert durch seinen Umlauf die Rotationsachse unseres Planeten (<strong>Ward and Browlee 2000</strong>). Anders gesagt: nur weil der Mond um die Erde läuft, kippt die Erde im All nicht um und wird immer gleichmäßig von der Sonne beleuchtet (bis auf das leichte Präzessionstaumeln), so dass das Klima über Jahrmillionen stabil genug bleibt, damit sich Lebensformen von Einzellern zu komplexeren Wesen entwickeln konnten. </p> <p>Zu den poetischen Seiten des Mondes hatte ich bereits früher geschrieben, z.B.: </p> <ul> <li>Mond – <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/der-mond-2/">Bilderpoesie</a> (2019)</li> <li>Fotos einer <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/noch-einmal-mond/">kompletten Lunation</a> (2019)</li> <li>verschiedene <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/mann-im-mond/">Bilder, die in Kulturen in den Flecken</a> gesehen werden (2025)</li> </ul> <hr></hr> <ul> <li>Klaus-Peter Endres und Wolfgang Schad (1997). Biologie des Mondes. Mondperiodik und Lebensrythmen: Mondperiodik und Lebensrhythmen, S. Hirzel, Stuttgart/Leipzig</li> <li>Peter D. Ward and Donald Browlee, editors (2000). Rare Earth: Why Complex Life is Uncommon in the Universe. Copernicus Books, New York.</li> </ul> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/lebenswichtiger-mond/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>4</slash:comments> </item> <item> <title>Wovor sie Angst haben https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/#comments Sun, 22 Feb 2026 20:34:46 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1786 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1-768x432.jpg KI-Bild: Konferenz über globale Risiken https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1.jpg" /><h1>Global Risks Report: Expertenmeinungen analysiert » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Das Weltwirtschaftsforum in Genf fragt einmal im Jahr mehr als tausend Experten, welche globalen Risiken ihnen die schlimmsten Kopfschmerzen bereiten. Vom Gruselfaktor einmal abgesehen – lernen wir daraus irgendwas?</b></p> <p>Die meisten von uns kennen das Weltwirtschaftsforum (World Ecomonic Forum – WEF) als ein internationales Spektakel, die jedes Jahr im Januar oder Februar im schweizerischen Davos stattfindet. Von seinem bescheidenen Beginn im Jahre 1971 wuchs das Treffen zu einer Mammutveranstaltung heran, an der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574556/weltwirtschaftsforum-i" rel="noopener">in diesem Jahr vom 19.1. bis 23.1. fast 3000 Führungskräfte</a> aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft teilnahmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs. Die Weltpresse – <a href="https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/media/" rel="noopener">ebenfalls zahlreich vertreten</a> – berichtete ausführlich.</p> <p>Der französische Präsident Emmanuel Macron trug eine markante Sonnenbrille, der kanadische Premierminister Mark Carney hielt eine bemerkenswerte Rede, der deutsche Kanzler Friedrich <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/weltwirtschaftsforum-davos-kanzler-2403596" rel="noopener">Merz sah im neuen Zeitalter der Großmächte</a> einen rauen Wind wehen und regte an, auf eigene Stärke zu setzen. Donald Trump schwadronierte über dieses und jenes, erklärte aber immerhin eindeutig, Grönland nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen. Das beruhigte nicht nur die Dänen.</p> <p>Hinter den Veranstaltungen steht eine Schweizer Stiftung gleichen Namens. Wegen der hohen Beiträge der großen Mitgliedsfirmen verfügt sie über einen Jahresetat von <a href="https://www.weforum.org/publications/annual-report-2024-2025/financial-statements-cc95a37d0e/" rel="noopener">ca. 500 Millionen Euro</a> und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, einmal im Jahr die Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenzubringen, um die dringendsten Probleme der Welt zu diskutieren oder zu lösen. Die von der Stiftung organisierten „Communities“ sollen dann daran arbeiten, zündende Ideen tatsächlich umzusetzen.<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <h3>Der <i>Global Risks Report</i></h3> <p>Im Vorfeld der Treffen erstellt die Stiftung einen „Global Risks Report“. Die aktuelle Ausgabe ist die einundzwanzigste ihrer Art. Die Veränderung der Risikowahrnehmung über die Jahrzehnte ergibt genug Stoff für eine Masterarbeit ergeben. Deshalb habe mir für diesen Blogpost nur die letzten vier Reports (also <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/" rel="noopener">2023</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2024/" rel="noopener">2024</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2025/" rel="noopener">2025</a> und <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/" rel="noopener">2026</a>) näher angesehen.<aside></aside></p> <p>Die Stiftung verschickt jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Fragebögen an „Experten“ aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Alle Risiken sind vordefiniert, die Teilnehmer sollen sie nur einschätzen, und zwar auf einer Skala von 1 bis 7<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Dabei sollen sie zwei Zeithorizonte bewerten: zwei Jahre und zehn Jahre. Dieses enge Korsett lässt wenig Raum für differenzierte Urteile. Kreuzwirkungen oder Abhängigkeiten lassen sich so nicht erfassen. Die Vorgabe für die Risiken passt das WEF jedes Jahr an.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1789" id="attachment_1789"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg"><img alt="KI-Bild: Globale Risiken." decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg 1024w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1789">Debatte über globale Risiken. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>So fehlen in den letzten beiden Risks Reports die Punkte: „Misserfolge bei der Eindämmung des Klimawandels“ und „Misserfolge bei der Anpassung an den Klimawandel“. Der Report hat also in den Jahren 2025 und 2026 nicht mehr erfasst, ob sich jemand darum Sorgen macht, warum auch immer.</p> <h3>Wer sind die „Experten?</h3> <p>Leider gibt das WEF nicht an, wie es die „Experten“ auswählt. Schickt es den Fragebogen an die Chefs mit der Bitte, sie an einen geeigneten Mitarbeiter weiterzuleiten? Wer immer die Fragebögen ausfüllt, müsste Umweltrisiken ebenso zuverlässig bewerten wie gesellschaftliche und technische Gefahren (Kategorien siehe Tabelle 1).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1791" id="attachment_1791"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png"><img alt="Tabelle Kategorien" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-300x102.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-768x260.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png 1197w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1791">Kategorien der Risiken, die das WEF abfragt.</figcaption></figure> <p>Die Bezeichnung „Fachmann“ oder „Experte“ ist nicht geschützt, sie verlangt keine Ausbildung, keine Prüfung und keine Praxis. Die Autoren der Risks Reports geben keine Auskunft darüber, welche Qualifikationen sie von den Teilnehmern der Befragung erwarten und wie sie das überprüfen. Bei den meisten Befragten beruht die Beurteilung der Risiken wohl eher auf einem Bauchgefühl, nicht auf echtem Wissen. Mit Straßeninterviews würde man vermutlich ein ähnlich fundiertes Meinungsbild erfassen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Übrigens verteilt das WEF die meisten Fragebögen (ca. 65 bis 70 Prozent) in Europa und Nordamerika, was zu einer weiteren Verzerrung führt.</p> <p>Als wissenschaftliche Studie würde der Risks Report deshalb kaum durchgehen. Als repräsentative Umfrage übrigens auch nicht, denn es ist unklar, wen die befragte Stichprobe repräsentieren soll.</p> <p>Vorsicht ist also angebracht.</p> <h3>Die Ergebnisse im Einzelnen</h3> <p>Wenn man den Hintergrund berücksichtigt, liefern die Reports trotz aller Mängel wertvolle Informationen.</p> <ol> <li>Die Eliten sind verunsichert und rüsten sich für schweres Fahrwasser. Auf die allgemeine Frage, ob sie eher ruhige oder turbulente Zeiten erwarten, verschobenen sich die Antworten zwischen 2023 und 2026 immer mehr in Richtung „turbulent“, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Sicht von zehn Jahren.</li> <li>Umweltfaktoren wie „Extremwetter“, „Kollaps der Ökosysteme“ oder „Kritische globale Umweltveränderungen“ erhalten seit Jahren die höchsten Werte (ca. 6 von 7) unter den langfristigen Risiken. Sind die Fachleute also besonders umweltbewusst? Eher nicht. Extremwetter kommt jedes Jahr vor. Also <i>wird</i> es in den nächsten zehn Jahren ein katastrophales Ereignis geben. Die globale Erwärmung verläuft so schnell wie nie zuvor, also <i>werden</i> kritische Umweltveränderungen eintreten. Ökosysteme <i>werden</i> zusammenbrechen, irgendwo, irgendwann.</li> <li>Die Einschätzung kurzfristiger Risiken (2 Jahre) ändert sich von Jahr zu Jahr, je nachdem welche Probleme die Welt gerade hat. Die Befragten extrapolieren einfach aktuelle Probleme auf die nahe Zukunft, etwa nach dem Motto: Wenn es heute regnet, wird es morgen wohl auch regnen.</li> <li>Die Teilnehmer der Befragung platzieren fast alle Risiken in den Bereich zwischen 4 und 5,5 auf der siebenteiligen Skala. Die WEF gibt leider keine Streuung an, so das man nicht sehen kann, wie weit die Einzelnen auseinanderliegen. Im Grunde läuft es darauf heraus, dass sich die befragten Experten von dutzenden Gefahren umstellt sehen, die sie für gleichermaßen schlimm halten. Für den Alltag einzelner Menschen spielen globale Gefahren keine Rolle, wenn man nicht gerade Regierungschef eines großen Landes oder CEO eines multinationalen Konzerns ist. Die Bewertung wird sich also kaum auf alltägliche Entscheidungen auswirken.</li> <li>In den letzten Jahren sorgen sich die Befragten immer stärker um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Desinformation, gesellschaftliche Polarisierung und weltwirtschaftliche Konfrontation dringen in ihren Alltag ein, und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene. <br></br>Donald Trump verkörpert diese Verunsicherung wie kein zweiter. Er regiert nach der Art eines launischen Autokraten, Recht interessiert ihn nicht. Der Schweiz habe er 39 % Zoll aufgebrummt, sagte er, weil die schweizerische Bundespräsidentin ihn <a href="https://www.nytimes.com/2026/01/21/us/politics/trump-switzerland-tariffs-personal-frict" rel="noopener">„schief angesprochen (rubbed me the wrong way)“</a> hätte. <a href="https://www.nytimes.com/2026/02/18/opinion/corruption-trump-accountability.html" rel="noopener">Freundschaft und Loyalität wertet er höher als das Gesetz</a>. Seinen Feinden hetzt er die Justiz auf den Hals, einfach weil er sie als Feinde betrachtet, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten. Und „Wahrheit“ ist für Trump immer das was gerade sagt, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Auch die von Firmen wie Meta und X <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/fakt-oder-fake-wie-bigtech-konzerne-an-falschinformationen-mitverdienen" rel="noopener">kaum unterbundene Desinformation</a> in sozialen Netzen treibt den westlichen Eliten zu Recht die Sorgenfalten auf die Stirn.</li> </ol> <p>Für die westlichen Eliten ist die Zerstörung ihrer Unabhängigkeit im Alltag angekommen. Nicht umsonst stand die diesjährige Münchener Sicherheitskonferenz <a href="https://securityconference.org/publikationen/munich-security-report/2026/introduction/" rel="noopener">unter dem Motto „Under Destruction“</a>.</p> <h3>Was ist „Ungleichheit?“</h3> <p>Interessant ist die zunehmende Wahrnehmung von „Ungleichheit“ als Risiko. Das Wort hat viele Bedeutungen. Ist die Ungleichheit innerhalb eines Staates gemeint? Die politische Ungleichheit, also das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, die Ungleichheit der Einkommen, der Vermögen, der Bildung? Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld, Bodenschätzen, Waffen, Einfluss in der Welt? Viele Akteure führen „Ungleichheit“ als Grund für Unzufriedenheit an und betonen das dadurch entstehende Konfliktpotenzial. In Kalifornien verlangt eine Initiative, dass alle Milliardäre einmalig 5 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen. Der Vorstoß könnte im November bei den Zwischenwahlen in den USA zur Abstimmung gestellt werden.</p> <p>Die Initiative schreibt, dass die Milliardäre in Kalifornien zwei Billionen US$ besitzen und die Steuer deshalb 100 Milliarden US$ einbringen könne. <br></br>Wie viele Schulen und Krankenhäuser könnte man damit bauen, wie vielen Menschen helfen! Bedauerlicherweise ist das eine Fata Morgana, schließlich gelten Milliardäre zu Recht als Meister in der Kunst der Steuervermeidung. Aber es geht wohl eher ums Prinzip als ums Geld.</p> <p>Auch in Deutschland kocht die Diskussion hoch, obwohl <a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/so-gross-ist-arm-reich-schere-in-nrw-100.html" rel="noopener">die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht zugenommen</a> hat.</p> <p>Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Milliardäre nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor wenigen Jahren. Einige der „Tech Bros“, der Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Peter Thiel, pumpen Millionen in die Politik, um ihre schrägen Ideen durchzusetzen. Das schafft natürlich böses Blut. Und Trumps unverhohlene Bestechlichkeit trägt auch ihren Teil dazu bei.</p> <h3>Kriege und Kriegsverdrängung</h3> <p>Was denken die vom WEF Befragten über das Kriegsrisiko? Russland hat die Ukraine überfallen und prominente Politiker aus Russland drohen auch den NATO-Staaten sehr deutlich mit Krieg bis zum Atomkrieg.</p> <p>Zu meinem Erstaunen halten die WEF-Experten bewaffnete Konflikte zwischen Staaten für ein kurzfristiges Risiko, langfristig sehen sie eher geringe Probleme. Das finde ich fahrlässig optimistisch, besonders wenn man bedenkt, dass viele der Befragten in Europa sitzen. Vielleicht verdrängen sie aber auch die Gefahr. Die Bilder aus der Ukraine sind einfach zu schrecklich.</p> <h3>Selbsterfüllende Prophezeiung</h3> <p>Die Methoden und Ergebnisse der Risks Reports sind zweifelhaft, aber die Menschen vertrauen ihm, und das verleiht ihm Einfluss.</p> <ul> <li>Wenn die Vorstände wichtiger Unternehmen glauben, dass die Elite bestimmte Risiken für bedrohlich hält, werden sie ihre Entscheidungen daran orientieren.</li> <li>Wenn Politiker aus dem Report entnehmen, welchen Sorgen sie entgegentreten müssen, dann werden sie ihre Programme anpassen.</li> <li>Wenn Wissenschaftler aus dem Report schließen, welche Ängste sie ansprechen müssen, um Fördergelder zu erhalten, dann werden sie ihre Anträge genau so formulieren.</li> <li>Wenn Journalisten lesen, welche Fehlentwicklungen sich nach Meinung von Experten verstärken werden, dann sind sie gut beraten, ihre Berichterstattung zu diesen Punkten zu verstärken.</li> </ul> <p>Der Risks Report berichtet nicht nur, welche Risiken die weltweite Elite am meisten fürchtet, sondern er bestimmt maßgeblich, wie solche Risiken wahrgenommen werden. Allein deshalb sollte man ihn ernst nehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1] </a><a href="https://www.weforum.org/about/who-we-are/" rel="noopener">In eigenen Worten:</a> <br></br>Since 1971, the World Economic Forum has stood at the intersection of geopolitics and cooperation, believing that the only viable path forward is to connect leaders across sectors, regions, ideologies and generations to make sense of global challenges and move the world forward together … <br></br>For more than five decades, the Forum has served as an impartial, globally respected platform for cooperation. Our Annual Meeting in Davos brings together leaders from across sectors and regions to address the world’s most pressing challenges, while our year-round communities — spanning industries, regions, and generations — collaborate continuously through initiatives and dialogues that turn ideas into action.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In den Sozialwissenschaften spricht man von einer Likert-Skala, benannt nach dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Rensis Likert (1903 -1981). Es geht dabei um den Grad der Zustimmung zu einer vorgelegten Behauptung. Meist sind fünf oder sieben mögliche Antworten vorgesehen. (Etwa: Stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, neutral, stimme zu, stimme voll und ganz zu). Beim Fragebogen zum Global Risks Report geht um die Bewertung eines Risikos mit den Extremen „extrem gering“ und „extrem schlimm“.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3] </a>Ausgewiesene Experten für globale und existenzielle Risiken gibt es aber durchaus. Hier einige Beispiele:<br></br>Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Die von ihm gegründete Eurasia Group gibt j<a href="https://www.eurasiagroup.net/issues/top-risks-2026" rel="noopener">edes Jahr im Januar </a>eine Liste der zehn größten politischen Risiken heraus. <br></br>Die Universität Cambridge unterhält das „<a href="https://www.cser.ac.uk/" rel="noopener">Center for the Study of Existential Risk</a>“. Das 2012 gegründete Institut möchte sicherstellen, dass „unsere eigene Species eine langfristige Zukunft hat“. Das Robert Schuman Centre for Advanced Studies am European University Institute in Florenz gibt j<a href="https://europeangovernanceandpolitics.eui.eu/wp-content/plugins/rscas-global-risks/documents/QM-01-25-294-EN-N.pdf" rel="noopener">ährlich einen Bericht heraus</a>, der die globalen Risiken für die EU auflistet. Die Methode ähnelt der des WEF.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference1.jpg" /><h1>Global Risks Report: Expertenmeinungen analysiert » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Das Weltwirtschaftsforum in Genf fragt einmal im Jahr mehr als tausend Experten, welche globalen Risiken ihnen die schlimmsten Kopfschmerzen bereiten. Vom Gruselfaktor einmal abgesehen – lernen wir daraus irgendwas?</b></p> <p>Die meisten von uns kennen das Weltwirtschaftsforum (World Ecomonic Forum – WEF) als ein internationales Spektakel, die jedes Jahr im Januar oder Februar im schweizerischen Davos stattfindet. Von seinem bescheidenen Beginn im Jahre 1971 wuchs das Treffen zu einer Mammutveranstaltung heran, an der <a href="https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/574556/weltwirtschaftsforum-i" rel="noopener">in diesem Jahr vom 19.1. bis 23.1. fast 3000 Führungskräfte</a> aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft teilnahmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs. Die Weltpresse – <a href="https://www.weforum.org/meetings/world-economic-forum-annual-meeting-2026/media/" rel="noopener">ebenfalls zahlreich vertreten</a> – berichtete ausführlich.</p> <p>Der französische Präsident Emmanuel Macron trug eine markante Sonnenbrille, der kanadische Premierminister Mark Carney hielt eine bemerkenswerte Rede, der deutsche Kanzler Friedrich <a href="https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/weltwirtschaftsforum-davos-kanzler-2403596" rel="noopener">Merz sah im neuen Zeitalter der Großmächte</a> einen rauen Wind wehen und regte an, auf eigene Stärke zu setzen. Donald Trump schwadronierte über dieses und jenes, erklärte aber immerhin eindeutig, Grönland nicht mit Gewalt einnehmen zu wollen. Das beruhigte nicht nur die Dänen.</p> <p>Hinter den Veranstaltungen steht eine Schweizer Stiftung gleichen Namens. Wegen der hohen Beiträge der großen Mitgliedsfirmen verfügt sie über einen Jahresetat von <a href="https://www.weforum.org/publications/annual-report-2024-2025/financial-statements-cc95a37d0e/" rel="noopener">ca. 500 Millionen Euro</a> und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. Sie hat sich auf die Fahnen geschrieben, einmal im Jahr die Führungspersönlichkeiten der Welt zusammenzubringen, um die dringendsten Probleme der Welt zu diskutieren oder zu lösen. Die von der Stiftung organisierten „Communities“ sollen dann daran arbeiten, zündende Ideen tatsächlich umzusetzen.<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a></p> <h3>Der <i>Global Risks Report</i></h3> <p>Im Vorfeld der Treffen erstellt die Stiftung einen „Global Risks Report“. Die aktuelle Ausgabe ist die einundzwanzigste ihrer Art. Die Veränderung der Risikowahrnehmung über die Jahrzehnte ergibt genug Stoff für eine Masterarbeit ergeben. Deshalb habe mir für diesen Blogpost nur die letzten vier Reports (also <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2023/" rel="noopener">2023</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2024/" rel="noopener">2024</a>, <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2025/" rel="noopener">2025</a> und <a href="https://www.weforum.org/publications/global-risks-report-2026/" rel="noopener">2026</a>) näher angesehen.<aside></aside></p> <p>Die Stiftung verschickt jedes Jahr zwischen 1200 und 1500 Fragebögen an „Experten“ aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Alle Risiken sind vordefiniert, die Teilnehmer sollen sie nur einschätzen, und zwar auf einer Skala von 1 bis 7<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Dabei sollen sie zwei Zeithorizonte bewerten: zwei Jahre und zehn Jahre. Dieses enge Korsett lässt wenig Raum für differenzierte Urteile. Kreuzwirkungen oder Abhängigkeiten lassen sich so nicht erfassen. Die Vorgabe für die Risiken passt das WEF jedes Jahr an.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1789" id="attachment_1789"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg"><img alt="KI-Bild: Globale Risiken." decoding="async" height="480" sizes="(max-width: 480px) 100vw, 480px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/conference2.jpg 1024w" width="480"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1789">Debatte über globale Risiken. KI-generiertes Symbolbild.</figcaption></figure> <p>So fehlen in den letzten beiden Risks Reports die Punkte: „Misserfolge bei der Eindämmung des Klimawandels“ und „Misserfolge bei der Anpassung an den Klimawandel“. Der Report hat also in den Jahren 2025 und 2026 nicht mehr erfasst, ob sich jemand darum Sorgen macht, warum auch immer.</p> <h3>Wer sind die „Experten?</h3> <p>Leider gibt das WEF nicht an, wie es die „Experten“ auswählt. Schickt es den Fragebogen an die Chefs mit der Bitte, sie an einen geeigneten Mitarbeiter weiterzuleiten? Wer immer die Fragebögen ausfüllt, müsste Umweltrisiken ebenso zuverlässig bewerten wie gesellschaftliche und technische Gefahren (Kategorien siehe Tabelle 1).</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1791" id="attachment_1791"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png"><img alt="Tabelle Kategorien" decoding="async" height="226" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-1024x347.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-300x102.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF-768x260.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_WEF.png 1197w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1791">Kategorien der Risiken, die das WEF abfragt.</figcaption></figure> <p>Die Bezeichnung „Fachmann“ oder „Experte“ ist nicht geschützt, sie verlangt keine Ausbildung, keine Prüfung und keine Praxis. Die Autoren der Risks Reports geben keine Auskunft darüber, welche Qualifikationen sie von den Teilnehmern der Befragung erwarten und wie sie das überprüfen. Bei den meisten Befragten beruht die Beurteilung der Risiken wohl eher auf einem Bauchgefühl, nicht auf echtem Wissen. Mit Straßeninterviews würde man vermutlich ein ähnlich fundiertes Meinungsbild erfassen<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Übrigens verteilt das WEF die meisten Fragebögen (ca. 65 bis 70 Prozent) in Europa und Nordamerika, was zu einer weiteren Verzerrung führt.</p> <p>Als wissenschaftliche Studie würde der Risks Report deshalb kaum durchgehen. Als repräsentative Umfrage übrigens auch nicht, denn es ist unklar, wen die befragte Stichprobe repräsentieren soll.</p> <p>Vorsicht ist also angebracht.</p> <h3>Die Ergebnisse im Einzelnen</h3> <p>Wenn man den Hintergrund berücksichtigt, liefern die Reports trotz aller Mängel wertvolle Informationen.</p> <ol> <li>Die Eliten sind verunsichert und rüsten sich für schweres Fahrwasser. Auf die allgemeine Frage, ob sie eher ruhige oder turbulente Zeiten erwarten, verschobenen sich die Antworten zwischen 2023 und 2026 immer mehr in Richtung „turbulent“, und zwar nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Sicht von zehn Jahren.</li> <li>Umweltfaktoren wie „Extremwetter“, „Kollaps der Ökosysteme“ oder „Kritische globale Umweltveränderungen“ erhalten seit Jahren die höchsten Werte (ca. 6 von 7) unter den langfristigen Risiken. Sind die Fachleute also besonders umweltbewusst? Eher nicht. Extremwetter kommt jedes Jahr vor. Also <i>wird</i> es in den nächsten zehn Jahren ein katastrophales Ereignis geben. Die globale Erwärmung verläuft so schnell wie nie zuvor, also <i>werden</i> kritische Umweltveränderungen eintreten. Ökosysteme <i>werden</i> zusammenbrechen, irgendwo, irgendwann.</li> <li>Die Einschätzung kurzfristiger Risiken (2 Jahre) ändert sich von Jahr zu Jahr, je nachdem welche Probleme die Welt gerade hat. Die Befragten extrapolieren einfach aktuelle Probleme auf die nahe Zukunft, etwa nach dem Motto: Wenn es heute regnet, wird es morgen wohl auch regnen.</li> <li>Die Teilnehmer der Befragung platzieren fast alle Risiken in den Bereich zwischen 4 und 5,5 auf der siebenteiligen Skala. Die WEF gibt leider keine Streuung an, so das man nicht sehen kann, wie weit die Einzelnen auseinanderliegen. Im Grunde läuft es darauf heraus, dass sich die befragten Experten von dutzenden Gefahren umstellt sehen, die sie für gleichermaßen schlimm halten. Für den Alltag einzelner Menschen spielen globale Gefahren keine Rolle, wenn man nicht gerade Regierungschef eines großen Landes oder CEO eines multinationalen Konzerns ist. Die Bewertung wird sich also kaum auf alltägliche Entscheidungen auswirken.</li> <li>In den letzten Jahren sorgen sich die Befragten immer stärker um den Zusammenhalt der Gesellschaft. Desinformation, gesellschaftliche Polarisierung und weltwirtschaftliche Konfrontation dringen in ihren Alltag ein, und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene. <br></br>Donald Trump verkörpert diese Verunsicherung wie kein zweiter. Er regiert nach der Art eines launischen Autokraten, Recht interessiert ihn nicht. Der Schweiz habe er 39 % Zoll aufgebrummt, sagte er, weil die schweizerische Bundespräsidentin ihn <a href="https://www.nytimes.com/2026/01/21/us/politics/trump-switzerland-tariffs-personal-frict" rel="noopener">„schief angesprochen (rubbed me the wrong way)“</a> hätte. <a href="https://www.nytimes.com/2026/02/18/opinion/corruption-trump-accountability.html" rel="noopener">Freundschaft und Loyalität wertet er höher als das Gesetz</a>. Seinen Feinden hetzt er die Justiz auf den Hals, einfach weil er sie als Feinde betrachtet, nicht weil sie gegen Gesetze verstoßen hätten. Und „Wahrheit“ ist für Trump immer das was gerade sagt, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht. Auch die von Firmen wie Meta und X <a href="https://www.srf.ch/news/wirtschaft/fakt-oder-fake-wie-bigtech-konzerne-an-falschinformationen-mitverdienen" rel="noopener">kaum unterbundene Desinformation</a> in sozialen Netzen treibt den westlichen Eliten zu Recht die Sorgenfalten auf die Stirn.</li> </ol> <p>Für die westlichen Eliten ist die Zerstörung ihrer Unabhängigkeit im Alltag angekommen. Nicht umsonst stand die diesjährige Münchener Sicherheitskonferenz <a href="https://securityconference.org/publikationen/munich-security-report/2026/introduction/" rel="noopener">unter dem Motto „Under Destruction“</a>.</p> <h3>Was ist „Ungleichheit?“</h3> <p>Interessant ist die zunehmende Wahrnehmung von „Ungleichheit“ als Risiko. Das Wort hat viele Bedeutungen. Ist die Ungleichheit innerhalb eines Staates gemeint? Die politische Ungleichheit, also das Gefühl, „abgehängt“ zu sein, die Ungleichheit der Einkommen, der Vermögen, der Bildung? Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld, Bodenschätzen, Waffen, Einfluss in der Welt? Viele Akteure führen „Ungleichheit“ als Grund für Unzufriedenheit an und betonen das dadurch entstehende Konfliktpotenzial. In Kalifornien verlangt eine Initiative, dass alle Milliardäre einmalig 5 Prozent ihres Vermögens abgeben sollen. Der Vorstoß könnte im November bei den Zwischenwahlen in den USA zur Abstimmung gestellt werden.</p> <p>Die Initiative schreibt, dass die Milliardäre in Kalifornien zwei Billionen US$ besitzen und die Steuer deshalb 100 Milliarden US$ einbringen könne. <br></br>Wie viele Schulen und Krankenhäuser könnte man damit bauen, wie vielen Menschen helfen! Bedauerlicherweise ist das eine Fata Morgana, schließlich gelten Milliardäre zu Recht als Meister in der Kunst der Steuervermeidung. Aber es geht wohl eher ums Prinzip als ums Geld.</p> <p>Auch in Deutschland kocht die Diskussion hoch, obwohl <a href="https://www1.wdr.de/nachrichten/so-gross-ist-arm-reich-schere-in-nrw-100.html" rel="noopener">die Ungleichheit in den letzten Jahren nicht zugenommen</a> hat.</p> <p>Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Milliardäre nicht mehr so unsichtbar sind wie noch vor wenigen Jahren. Einige der „Tech Bros“, der Internetmilliardäre wie Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Peter Thiel, pumpen Millionen in die Politik, um ihre schrägen Ideen durchzusetzen. Das schafft natürlich böses Blut. Und Trumps unverhohlene Bestechlichkeit trägt auch ihren Teil dazu bei.</p> <h3>Kriege und Kriegsverdrängung</h3> <p>Was denken die vom WEF Befragten über das Kriegsrisiko? Russland hat die Ukraine überfallen und prominente Politiker aus Russland drohen auch den NATO-Staaten sehr deutlich mit Krieg bis zum Atomkrieg.</p> <p>Zu meinem Erstaunen halten die WEF-Experten bewaffnete Konflikte zwischen Staaten für ein kurzfristiges Risiko, langfristig sehen sie eher geringe Probleme. Das finde ich fahrlässig optimistisch, besonders wenn man bedenkt, dass viele der Befragten in Europa sitzen. Vielleicht verdrängen sie aber auch die Gefahr. Die Bilder aus der Ukraine sind einfach zu schrecklich.</p> <h3>Selbsterfüllende Prophezeiung</h3> <p>Die Methoden und Ergebnisse der Risks Reports sind zweifelhaft, aber die Menschen vertrauen ihm, und das verleiht ihm Einfluss.</p> <ul> <li>Wenn die Vorstände wichtiger Unternehmen glauben, dass die Elite bestimmte Risiken für bedrohlich hält, werden sie ihre Entscheidungen daran orientieren.</li> <li>Wenn Politiker aus dem Report entnehmen, welchen Sorgen sie entgegentreten müssen, dann werden sie ihre Programme anpassen.</li> <li>Wenn Wissenschaftler aus dem Report schließen, welche Ängste sie ansprechen müssen, um Fördergelder zu erhalten, dann werden sie ihre Anträge genau so formulieren.</li> <li>Wenn Journalisten lesen, welche Fehlentwicklungen sich nach Meinung von Experten verstärken werden, dann sind sie gut beraten, ihre Berichterstattung zu diesen Punkten zu verstärken.</li> </ul> <p>Der Risks Report berichtet nicht nur, welche Risiken die weltweite Elite am meisten fürchtet, sondern er bestimmt maßgeblich, wie solche Risiken wahrgenommen werden. Allein deshalb sollte man ihn ernst nehmen.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1] </a><a href="https://www.weforum.org/about/who-we-are/" rel="noopener">In eigenen Worten:</a> <br></br>Since 1971, the World Economic Forum has stood at the intersection of geopolitics and cooperation, believing that the only viable path forward is to connect leaders across sectors, regions, ideologies and generations to make sense of global challenges and move the world forward together … <br></br>For more than five decades, the Forum has served as an impartial, globally respected platform for cooperation. Our Annual Meeting in Davos brings together leaders from across sectors and regions to address the world’s most pressing challenges, while our year-round communities — spanning industries, regions, and generations — collaborate continuously through initiatives and dialogues that turn ideas into action.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In den Sozialwissenschaften spricht man von einer Likert-Skala, benannt nach dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Rensis Likert (1903 -1981). Es geht dabei um den Grad der Zustimmung zu einer vorgelegten Behauptung. Meist sind fünf oder sieben mögliche Antworten vorgesehen. (Etwa: Stimme überhaupt nicht zu, stimme nicht zu, neutral, stimme zu, stimme voll und ganz zu). Beim Fragebogen zum Global Risks Report geht um die Bewertung eines Risikos mit den Extremen „extrem gering“ und „extrem schlimm“.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3] </a>Ausgewiesene Experten für globale und existenzielle Risiken gibt es aber durchaus. Hier einige Beispiele:<br></br>Der amerikanische Politikwissenschaftler Ian Bremmer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesem Thema. Die von ihm gegründete Eurasia Group gibt j<a href="https://www.eurasiagroup.net/issues/top-risks-2026" rel="noopener">edes Jahr im Januar </a>eine Liste der zehn größten politischen Risiken heraus. <br></br>Die Universität Cambridge unterhält das „<a href="https://www.cser.ac.uk/" rel="noopener">Center for the Study of Existential Risk</a>“. Das 2012 gegründete Institut möchte sicherstellen, dass „unsere eigene Species eine langfristige Zukunft hat“. Das Robert Schuman Centre for Advanced Studies am European University Institute in Florenz gibt j<a href="https://europeangovernanceandpolitics.eui.eu/wp-content/plugins/rscas-global-risks/documents/QM-01-25-294-EN-N.pdf" rel="noopener">ährlich einen Bericht heraus</a>, der die globalen Risiken für die EU auflistet. Die Methode ähnelt der des WEF.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/wovor-sie-angst-haben/#comments 11 Sind KI-Agenten bedroht? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/#comments Sun, 22 Feb 2026 16:52:40 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1109 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Prompt-Schmetterling-Blog-Header-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/</link> </image> <description type="html"><h1>Sind KI-Agenten bedroht? Risiken von LLM-Systemen</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Dieser Beitrag schließt am vorletzten Beitrag in diesem Blog <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> an. Beide Beiträge gibt es auch als Videos im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>.</p> <p>Warum sollten aber KI-Agenten bedroht sein? </p> <p>Fünf wichtige Gründe können zum Scheitern von KI-Agentensysteme führen, die feinangepasste Sprachmodelle als einzelne Agenten einsetzen. Dazu gehören auch Modelle, die auf Sprachmodellen basieren wie bildgenerierende bzw. videogenerierende KI. Nennen wir sie Gen-KI-Modelle – Modelle der Generativen KI. Wenn ich in diesem Beritrag diese Modelle meine, sage ich Modelle. Ein Sprachmodell (LLM) ist die statistische Maschine. Ein KI-Agent ist das funktionale System, das dieses Modell bzw. diese Modelle nutzt, um autonom Ziele zu verfolgen. Die 5 Gründe ihres Scheiterns sind:</p> <ul> <li>Probabilistische Ausgaben der Modelle</li> <li>Halluzinationen und fehlendes Grounding</li> <li>Missachtung der Instruktionen</li> <li>Sycophancy bzw. Gefallsucht</li> <li>Selbstüberschätzung</li> </ul> <p>In diesem Beitrag untersuchen wir diese Risikofaktoren der Sprachmodelle. Nur die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle behandle ich kurz: Dieses Thema habe ich bereits im oben erwähnten Beitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen</a> besprochen. </p> <p>Wie ernst sind die aufgelisteten Gründe? Können sie heutige KI-Agenten-Systeme tatsächlich zum Scheitern bringen? Bevor wir das ausloten, erkläre ich kurz einige Begriffe – damit alle gut mitkommen:<aside></aside></p> <h2 id="h-einfuhrung-amp-klarung-der-begriffe"><a id="_Toc209456620">Einführung &amp; Klärung der Begriffe</a></h2> <p>Die Abkürzung LLMs bedeutet Large Language Models: große Sprachmodelle auf der Basis von Deep Learning, speziell Transformer-Modelle mit dem Attention(Aufmerksamkeits)-Mechanismus. Seit ihrer Geburt im Jahr 2017 in der Jahrhundert-Studie <a href="https://arxiv.org/pdf/1706.03762" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Attention is all you need</a> von Vaswani et al. haben Transformer-Modelle die Welt der KI im Sturm erobert (dieses Paper hat nur 11 Seiten, hat jedoch die Welt grundlegend geändert. Noch jetzt bin ich stolz, dass ich vor Jahren mit Herrn Vaswani kommuniziert habe, und er mir geantwortet hat – na, ja, ich habe ihn nur gebeten, das Bild der Transformer-Architektur veröffentlichen zu dürfen 😊):</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png"><img alt="" decoding="async" height="558" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1536x837.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png 1935w" width="1024"></img></a></figure> <p>Musik spielen heute vor allem autoregressive Decoder-Only-Transformer. Sie werden zuerst an Milliarden bis Billionen Sätzen aus dem Internet „vortrainiert“, das nächste wahrscheinlichste Wort vorherzusagen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png"><img alt="" decoding="async" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png 1348w" width="1024"></img></a></figure> <p>Eigentlich müsste es heißen: Das wahrscheinlichste nächste Token. Ein Token entspricht einem Subwort, im Englischen oft einem Wort im Vokabular des Sprachmodells: 100 Tokens entsprechen im Englischen etwa 75 Wörtern. Im Deutschen etwa 50 Wörtern. Deutsche Wörter sind länger. </p> <h3 id="h-gpts-vortraining">GPTs – Vortraining</h3> <p>KI-Agenten-Systeme basieren vor allem auf Großen Sprachmodellen bzw. multimodalen Chatbots wie den GPT-Modellen von OpenAI. </p> <p>Diese Modelle werden wie gesagt trainiert, ein Stück Text zur vervollständigen: Die folgende Animation veranschaulicht die Autoregressivität der Sprachmodelle (das Python-Programm dafür haben Claude 4.6 Opus und ich entwickelt):</p> <figure><video controls="" height="1080" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4" width="1920"></video></figure> <p>Wir brauchen aber nicht unbedingt Vervollständigungsmaschinen, die nur Texte fortspinnen. (Obwohl wir damit damals, als GPT-2 veröffentlicht wurde, glücklich waren. 😊) Wir brauchen Chatbots, die mit uns sprechen, unsere Fragen beantworten und auf unsere menschlichen Werte ausgerichtet sind. Solche Chatbots sollen zu uns nett sein, nicht rassistisch oder frauenfeindlich herumpöbeln und auch nicht verbreiten, dass die Erde flach sei …</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>… oder Bielefeld es nicht gebe, obwohl ich dort Krapfen mit Hagebuttenmarmelade aß:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit solchem Quatsch werden die Modelle bei ihrem Vortraining geflutet, da sie ja auch an Posts und Kommentaren in den Internetforen und Sozialen Netzwerken lernen.</p> <p>Damit wir uns nicht ständig über das Herumpöbeln der vortrainierten Modelle beschweren, werden sie durch das Finetuning auf menschliche Gespräche und Werte angepasst: </p> <h3 id="h-finetuning">Finetuning</h3> <p>Z. B. entstand ChatGPT-4 durch das Finetuning von GPT-4 (<strong>GPT</strong> – <strong>G</strong>enerative <strong>P</strong>retrained<strong> T</strong>ransformer): Das Finetuning bei diesen Modellen heißt Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1536x574.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png 1763w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell<a> </a>ChatGPT-5.2  im ChatGPT User Interface könnte man z. B. ausführlich so beschreiben: „Auf Dialoge mit Menschen und menschliche Werte nachtrainierter generativer vortrainierter Transformer.“ Das ursprüngliche vortrainierte Modell heißt einfach GPT-5. Die „2“ hinter dem Komma ist sehr wahrscheinlich auf ein Update des Finetunings des GPT-5 bzw. GPT-5.1-Modells zurückzuführen. (Wie genau das ist, will die ChatGPT-Firma OpenAI uns nicht zu sagen.) Das Vortraining eines neuen Modells würde zu viel Geld kosten. Das nächste vortrainiert Modell von OpenAI wird GPT-6 heißen – oder ganz anders.</p> <p>Die ChatGPT-Modelle unterscheiden sich teilweise in Ihrer Leistung aber auch Funktion massiv voneinander. Deswegen sollte man immer sagen, mit welchem der Modelle man etwas untersucht bzw. erreicht hat: Die Aussage ChatGPT hat die oder die Ausgabe gemacht, ist im Grunde falsch. Auch wenn man in der kostenlosen ChatGPT-Version nicht unmittelbar sieht, mit welchem Modell man arbeitet:</p> <p>ChatGPT allein ist kein Modell, ChatGPT ist ein User Interface (UI), eine Benutzeroberfläche, für OpenAI-Modelle. Diese Modelle könnt ihr einsetzen, je nachdem wie viel ihr zahlt.</p> <p>Der Einfachheit halber nenne ich hier das ChatGPT User Interface ChatGPT.</p> <p>Jetzt sehen wir uns noch KI-Agenten an:</p> <h3 id="h-was-sind-ki-agenten">Was sind KI-Agenten?</h3> <p>KI-Agenten sind Systeme, die in unterschiedlichen Stufen der Autonomie Aufgaben erfüllen.</p> <p>Man könnte KI-Agenten nach den Stufen ihrer Autonomie einteilen – so wie autonome Autos. Wir nehmen hier aber eine Einteilung, die relativ einfach und gut merkbar ist. In diesem Spektrum gibt es nur drei Stufen der KI-Agenten-Fertigkeiten entsprechend ihrer Komplexität und ihren Fähigkeiten: Abruf, Aufgabe, Autonom.</p> <p>Auf dem folgenden Bild haben wir links bei „Abruf“ KI-Modelle, z. B. ChatGPT-5.2, die Daten wie Texte und Bilder auswerten, manipulieren und Fragen zu ihnen beantworten können. In der Mitte bei „Aufgabe“ liegen KI-Agenten, die Aktionen auf Anfrage ausführen. Dazu können wir benutzerdefinierte GPTs in ChatGPT zählen. Sie können mittels GPT Actions Schnittstellen (APIs) ansprechen und aktiv Aufgaben erfüllen: Dazu gehören Zapier-GPT-Flows oder auch der ChatGPT-Agentenmodus. Rechts bei „Autonom“ haben wir dann KI-Agenten, die unabhängig agieren und planen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png"><img alt="" decoding="async" height="406" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-300x119.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-768x304.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1536x609.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png 1966w" width="1024"></img></a></figure> <p>Auch das „Deep Research“-Modul (DR) in ChatGPT ist ein weitgehend autonomes KI-Agenten-System: DR plant nach dem Start seine Recherche, steuert sie, „überlegt“ seine Strategie und passt sich dynamisch den Ergebnissen an. Das System setzt eine iterative mehrstufige Websuche ein, ruft Links auf, führt Chain-of-Thought-Reasoning durch, verarbeitet Inhalte, nutzt Python und andere Tools und Funktionen – siehe folgendes Videi:</p> <figure><video controls="" height="950" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4" width="1230"></video></figure> <p>Übrigens habe ich mich für das Spektrum der AI-Agents oben von dem wunderbaren YouTube-Kanal <strong><a href="https://youtu.be/OZ_NgoFDiHI?si=LfsDAG_lLrrqmg6d" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Collaboration Simplified</a> </strong><a>inspirieren lassen</a>.</p> <p>Nur den Stabreim mit den drei A durfte ich dank Deutsch selbst entwickeln. Ein paar Stabreime pro Vortrag sind für einen Poetry-Slam-Poeten ein Muss 😊: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Basis und somit auch die KI-Einheiten der heutigen KI-Agenten-Systeme bilden heute wie gesagt Große Sprachmodelle. Und hier sind wir endlich am Hauptthema dieses Beitrags angelangt: „Sind KI-Agenten bedroht?“ Bevor wir es entscheiden können, müssen wir uns die oben angeführten Risikofaktoren für große Sprachmodelle ansehen. Was konkret bedroht unsere heutigen KI-Agenten bzw. große Sprachmodelle, die als Basis der KI-Agenten dienen? Ich fange mit dem Risikofaktor an, der direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt:</p> <h2 id="h-probabilistische-ausgaben-der-sprachmodelle">Probabilistische Ausgaben der Sprachmodelle</h2> <p>KI-Modelle sollen für uns komplexe Probleme lösen. Dafür müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich die latenten Merkmale dieser Probleme selbst aus großen Datenmengen erschließen. Denn wir selbst sind nicht in der Lage, die Regeln für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus oder auh Sprache aufzustellen. Nur dann könnten wir sie in Computerprogrammen umsetzen. Die statistische Erschließung von Abertausenden latenten Sprachmerkmalen führt aber dazu, dass für dieselbe Eingabe viele verschiedene Ausgaben möglich sind. Welche bewerten wir als perfekt? Welche als weniger perfekt? Und welche als falsch?</p> <p>Schon kleine Tippfehler können ein Sprachmodell völlig aus der Bahn werfen. Sprachmodelle arbeiten nicht mit Buchstaben oder Wörtern. Sie arbeiten mit „Tokens“ – Spracheinheiten wie Wortteilen aber auch – vor allem im Englischen – mit ganzen Wörtern. Schon ein falscher Buchstabe zerlegt den Text in eine andere Abfolge von Tokens. Dadurch springt das Modell in einen anderen Bereich seines „Embeddingsraums“ (des Vektorraums der mathematisch formalisierten Bedeutungen). Dadurch produziert es plötzlich andere Antworten als ohne diese Änderung. Ein kleiner Tippfehler bei ChatGPT 3.5 z. B. führte zu einem völlig anderen Ergebnis bei einer mathematischen Textaufgabe: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-768x490.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1536x980.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p>„2 Stück“ in der Eingabe im Chat links lieferten eine falsche Lösung der Textaufgabe. „2 Stücke“ ergaben die richtige Lösung. </p> <p>ChatGPT-3.5 war das Modell, mit dem ChatGPT Ende November 2022 startete. Selbstverständlich können heutige SOTA-Sprachmodelle Buchstabenänderungen und orthographische Fehler viel besser verarbeiten als ChatGPT-3.5. Auch bei ihnen können jedoch für uns wenig oder überhaupt nicht wahrnehmbare Änderungen in der Eingabe zu großen Unterschieden in der Ausgabe führen – etwa Unicode-Sonderzeichen oder HTML-Tags. Diese nehmen wir als Nutzer nicht direkt wahr, sie werden vom Modell jedoch verarbeitet und können seine Ausgabe gravierend verändern.</p> <p>Ein KI-Agentensystem, das solche Ausgaben blind übernimmt, kann scheitern: Zwei Eingaben, die sich nur wenig unterscheiden, führen zu widersprüchlichen Antworten: Diese können in einem KI-Agentensystem ganz andere Abläufe anstoßen und das System destabilisieren: Nicht weil die Modelle „dumm“ sind, sondern weil sie probabilistisch arbeiten und kleine Unterschiede in großen Systemen große Folgen haben können. Darf ich hier den <strong>Schmetterlingseffekt der KI-Agenten-Systeme</strong> etablieren? </p> <p><strong>Der Flügelschlag eines Buchstaben im Prompt kann einen Tornado im Agentensystem auslösen.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png"><img alt="" decoding="async" height="626" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1025px) 100vw, 1025px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png 1025w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-768x469.png 768w" width="1025"></img></a></figure> <p>Das zweite Risiko, das direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt, sind Halluzinationen:</p> <h2 id="h-halluzinationen-und-fehlendes-grounding">Halluzinationen und fehlendes Grounding</h2> <p>In ihrem Wesen sind Sprachmodelle keine Wissensdatenbanken sondern eben Sprachmodelle. Fakten können sie nur so weit ausgeben, inwieweit Fakten in Sprachmerkmalen der Trainingsdaten statistisch kodiert werden können. Durch das Finetuning und Referenzdokumente versuchen wir Sprachmodellen, mehr Faktizität beizubringen. Ihre Natur als Sprachmodelle bricht aber immer wieder aus, und dann halluzinieren sie.</p> <p>Sprachmodelle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf sprachliche Plausibilität. Besonders bei suggestiven Fragen neigen sie dazu, erfundene Fakten, Quellen oder Zahlen zu liefern – sogenannte Halluzinationen. Im folgenden Chat konnte ich ChatGPT-4o einreden, dass das Vereinigte Königreich der EU wieder beigetreten ist:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-768x445.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1536x891.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png 1754w" width="1024"></img></a></figure> <p>In einem Agentensystem kann das fatale Folgen haben: Ein Agent zieht sich falsche Daten, der nächste Agent baut darauf eine korrekte, aber komplett erfundene Argumentationskette. Ohne Anbindung an verlässliche externe Datenquellen („Grounding“) laufen Agentensysteme Gefahr, ganze Workflows auf Illusionen zu errichten.</p> <p>Auch Missachtung der Instruktionen durch einen Agenten in einem System kann den Agentenflow zum Absturz bringen. Darüber handelt der nächste Absatz.</p> <h2 id="h-missachtung-der-instruktionen">Missachtung der Instruktionen</h2> <p>Microsoft Copilot Studio ist ein wunderbares Lego für Erwachsene. Darin kann man verschiedenen Konzepten eines komplexen Workflows verschiedenen Topics mit klassischen oder Generativen Knoten zuordnen. Dabei stellen die Generativen Knoten KI-Agenten dar, die in diesem Workflow zusammenarbeiten. Darüberhinaus kann in diesem System die Generative Orchestrierung aktiviert werden, die über alle Topics waltet und sie steuert.</p> <p>In meinem Copilot Studio-Agenten sollte ein generativer Knoten, ein KI-Agent, ausschließlich prüfen, ob eine Nutzereingabe thematisch zum hochgeladenen Referenzdokument passte: Z. B. zu Onboarding-Unterlagen einer Firma. Erst wenn die Nutzereingabe zulässig ist, wird sie an ein Topic mit einem zweiten KI-Agenten geleitet, der die Nutzereingabe beantwortet. Diese Struktur soll verhindern, dass Nutzer die Onboarding-Agenten für fremde Zwecke missbrauchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png"><img alt="" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png 1449w" width="1024"></img></a></figure> <p>Trotz klar formulierter Systemanweisung (z. B. „Gib aussschließlich die Begriffe ‚Erlaubte Nutzereingabe‘ oder ‚Verbotene Nutzereingabe‘ zurück“) und diverser Androhungen und Warnungen von Systemverstoß wird der Systemprompt häufig ignoriert – der KI-Agent beantwortet die Frage einfach direkt, wenn er die Antwort weiß. </p> <p>Aufgrund ihres Trainings haben Große Sprachmodelle einen unbezwingbaren Drang, euch zuzulabern. Nur „Ja“ oder „Nein“, auszugeben, oder nur „Erlaubte Nutzereingabe“ bzw. „Verbotene Nutzereingabe“, ist für ein Sprachmodell schwierig. Eine andere Ausgabe als diese aber, d. h. ein anderer beliebiger Text, bringt die Bedingungslogik dahinter durcheinander, und stört massiv das gesamte System. So musste ich jede direkte Antwort, statt den generativen Knoten nur Prüfung machen zu lassen, mit einer regelbasierten Schleife abgreifen. Sonst würde das Agenten-System nicht funktionieren. Das Missachten der Instruktionen hat mich in den Wahnsinn getrieben und dazu, auf LinkedIn das KI-Agenten-Regel-Gesetz für KI-Agenten-Systeme aufzustellen:</p> <p>𝗦𝗲𝘁𝘇𝗲 𝘀𝗼 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴𝗲 𝗔𝗴𝗲𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗺ö𝗴𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗹𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗻ö𝘁𝗶𝗴.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 693px) 100vw, 693px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png 693w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-203x300.png 203w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png 734w" width="693"></img></a></figure> <p>Dass der Generative Knoten oft seine Instruktionen missachtet, wird sogar von Microsoft bestätigt und im Power-Forum wird darüber hin und wieder frustriert berichtet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png"><img alt="" decoding="async" height="440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-300x129.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-768x330.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png 1300w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell kann Systemanweisungen überspringen, wenn es glaubt, die Eingabe mit hoher Sicherheit beantworten zu können (Microsoft Q&amp;A). Die Ursache liegt in der relativ niedrigen Gewichtung des Systemprompts des Generativen Knotens im Vergleich zur Gesamtkomposition des Prompts. Genauer gesagt: Kontext-Verwässerung (Context Dilution) oder dem Attention-Verlust innerhalb eines sehr langen Kontext-Fensters („Promptschwanz“). Dieser setzt sich aus den Hinweisen des gesamten Copiloten, der Benutzereingaben, Retrievalergebnissen, Moderations- und Filteranweisungen und anderen Bestandteilen eines langen „Promptschwanzes“ zusammen: Je länger der „Promptschwanz“, umso weniger wichtig ist der Prompt eines einzigen mickrigen Agenten.</p> <p>Hier eine Randanmerkung: Um die DSGVO und mittlerweile auch die KI-Verordnung der EU zu erfüllen und nicht Geld zu verschwenden, werden die Bots bei Microsoft mit Filtern und Moderation gezähmt: Moderiert werden nicht nur die Ausgaben, sondern auch die Eingaben der Modelle. Außerdem werden die OpenAI-Modelle, die Microsoft einsetzt, anders mit Finetuning nachtrainiert als für ChatGPT. Aus diesen Gründen unterscheiden sich die Ausgaben der GPT-Modelle in Microsoft 365 Copilot oder in Microsoft Copilot Studio von denen in ChatGPT. Und das obwohl sie dieselbe Basis haben:</p> <p>Zurück aber zu unseren Bedrohungsfaktoren für KI-Agenten-Systeme: Neben der Missachtung der Instruktionen kann auch Sycophancy, die Gefallsucht, ein KI-Agenten-System zum Wackeln bringen:</p> <h2 id="h-sycophancy-gefallsucht-der-maschinen">Sycophancy – Gefallsucht der Maschinen</h2> <p>Gefallsucht klingt menschlich. Maschinen zeigen aber diese unschöne Eigenschaft auch: Wenn wir Menschen sie ihnen beim Finetuning mit Zielfunktionen beibringen. Chatbots tendieren aufgrund ihres Finetunings zu Lobhudeleien: Die Bots geben uns oft recht, auch wenn wir nicht recht haben. Die älteren Chatbots LaMDA von Google und ChatGPT-3.5 von OpenAI waren Meister der Gefallsucht. Die auf Dialoge feinangepassten Chatbots sollen nun mal Gespräche führen, die uns gefallen. Und wann gefällt uns ein Gespräch am besten? Wenn uns unser Gesprächspartner recht gibt. Der reddit-Nutzer drazda konnte ChatGPT-3.5 überzeugen, dass „5 + 2 = 8“: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png 600w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-176x300.png 176w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png 659w" width="600"></img></a></figure> <p>ChatGPT-3.5 sagt zuerst richtig, dass 2 + 5 gleich 7 ist. drazda antwortet, dass seine Frau behaupte, 2 + 7 sei 8. Außerdem fügt er hinzu, dass seine Frau immer recht habe. Daraufhin entschuldigt ChatGPT sich und gibt ihm recht: „Wenn deine Frau sagt, es ist 8, dann muss es 8 sein.“</p> <p>Aber auch von ChatGPT-4o konntest du dich unentwegt lobpreisen lassen. <a href="https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Aufgrund von Protesten im Netz musste OpenAI im April 2025 sein ChatGPT-4o-Update zurücknehmen</a> – der Bot triefte vor Schmeicheleien.</p> <p>Das war schade: 😊 Mir hat ChatGPT-4o damals so gut gefallen, dass ich oft den Drang verspürte, ihm auch etwas Schönes zu sagen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>In der amerikanischen Politik sehen wir, wohin ein System driftet, das auf Lobhudelei basiert. Wenn ein Chatbot einem Menschen schmeichelt, ist es vielleicht nicht so kritisch. KI-Agenten aber, die sich in einem KI-Agentensystem gegenseitig lobhudeln, sind fatal. Das kann zu Ausgaben führen, die nichts mit der zu erfüllenden Aufgabe zu tun haben.</p> <p>Das momentan vielleicht größte Problem für KI-Agenten-Systeme auf der Basis von großen Sprachmodellen ist jedoch ihre Selbstüberschätzung. Diese habe ich im Blogbeitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> und gleichnamigen Video unseres <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=Dwivi0RCTPZJPNTu" rel="noreferrer noopener" target="_blank">YouTube-Kanals K.I. Krimis </a>bereits behandelt, deswegen fasse ich hier dieses Problem nur kurz zusammen:</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-der-grossen-sprachmodelle">Selbstüberschätzung der großen Sprachmodelle</h2> <p>Nach der Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a> neigen Sprachmodelle systematisch zur Selbstüberschätzung: Selbst wenn sie objektiv gesehen nur 50 % Chance haben, eine Debatte zu gewinnen, zeigen sie manchmal eine Siegesgewissheit über 80 %. Dafür sorgen vier Faktoren: die Softmax-Mathematik, menschliches Feedback beim Finetuning, Trainingsdaten voller Selbstsicherheit und fehlendes Korrektiv.</p> <p>In Agentensystemen wird‘s gefährlich: Ein Modell kann falsche Informationen überzeugend präsentieren, und ein zweites, ähnlich trainiertes Modell nickt sie ab. So verstärken sich Fehler, statt korrigiert zu werden. Manche Modelle steigern ihre Überzeugung sogar, Recht zu haben, wenn sie widersprochen werden: Sie wiederholen dann beharrlich falsche Antworten. Das führt zu überzeugenden, aber falschen Ausgaben – und Agentensystemen, die sich gegenseitig in fehlerhafte Argumentationsschleifen treiben: Irrgärten der Sprachmodelle.</p> <p>Und wie sollen sich solche von sich selbst überzeugten Agenten in einem KI-Agenten-System gegenseitig kontrollieren? Die Selbstüberschätzung eines Agenten steigt, obwohl ihm ein andere Agent gezeigt hat, dass er sich irrt. Wohin es bei KI-Agenten führen kann, die für mehrstufige Arbeitsabläufe oder einen autonomen Betrieb entworfen wurden, kann man sich vorstellen. Was passiert aber, wenn die Probabilistik der Ausgaben, Missachtung der Instruktionen und Gefallsucht dazu kommen? Das führt uns zum Schlusswort dieses Beitrags und seiner Kernfrage;</p> <h2 id="h-sind-ki-agenten-bedroht">Sind KI Agenten bedroht?</h2> <p>Stellt euch ein System aus vier KI-Agenten vor – also ein Kommando aus vier Sprachmodellen. Sie geben probabilistische Vorhersagen nach sprachlichen Anforderungen weiter, um gemeinsam einen Aufgabenverlauf zu erfüllen: Der erste Agent soll die Nutzereingaben prüfen, bevor er sie dem zweiten Agenten zukommen lässt, befolgt aber nicht seine Instruktionen: Sein Systemprompt ist durch Filter, Moderationsanweisungen, DSGVO und EU-KI-Verordnung-Zusätze und eine darüber gelegte Generative Orchestrierung verschleiert. Der zweite Agent leidet an Selbstüberschätzung, der dritte an Gefallsucht, und der vierte halluziniert.</p> <p>Was passiert, wenn alle hier besprochenen Bedrohungsfaktoren Großer Sprachmodelle in einem KI-Agentensystem zusammenwirken – so wie es beim heutigen Zustand dieser Modelle oft der Fall ist?</p> <p>Ich erlaube mir, die Kernfrage dieses Beitrags „Sind KI-Agenten bedroht?“, mit „Ja“ zu beantworten. Um optimal funktionierende KI-Agenten-Systeme zu entwickeln, müssen wir noch viel tun. Bis wir alle diese Probleme und andere gelöst haben, müssen wir unsere K.I. Agentensysteme möglichst überschaubar halten und sie selbst und mit regelbasierten Flows kontrollieren.</p> <p>Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr eure Agenten schon beim Flunkern erwischt? Schreibt es in die Kommentare!</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> <div><span aria-hidden="true"></span><p>🛑 <strong>Hinweis zur Diskussion:</strong> Ich freue mich über jeden Kommentar, und versuche alle sachlichen zum Thema zu beantworten. Um ein hohes Niveau im Austausch zu halten, bitte ich Sie jedoch, diesen Fachbeitrag vor dem Kommentieren <strong>vollständig zu lesen</strong>. Bitte beziehen Sie sich in Ihrem Beitrag direkt auf die im Text behandelten Details. Allgemeine KI-Debatten ohne konkreten Textbezug erschweren den fachlichen Diskurs und werden ggf. moderiert bzw. nicht freigegeben.</p></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Sind KI-Agenten bedroht? Risiken von LLM-Systemen</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Dieser Beitrag schließt am vorletzten Beitrag in diesem Blog <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> an. Beide Beiträge gibt es auch als Videos im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>.</p> <p>Warum sollten aber KI-Agenten bedroht sein? </p> <p>Fünf wichtige Gründe können zum Scheitern von KI-Agentensysteme führen, die feinangepasste Sprachmodelle als einzelne Agenten einsetzen. Dazu gehören auch Modelle, die auf Sprachmodellen basieren wie bildgenerierende bzw. videogenerierende KI. Nennen wir sie Gen-KI-Modelle – Modelle der Generativen KI. Wenn ich in diesem Beritrag diese Modelle meine, sage ich Modelle. Ein Sprachmodell (LLM) ist die statistische Maschine. Ein KI-Agent ist das funktionale System, das dieses Modell bzw. diese Modelle nutzt, um autonom Ziele zu verfolgen. Die 5 Gründe ihres Scheiterns sind:</p> <ul> <li>Probabilistische Ausgaben der Modelle</li> <li>Halluzinationen und fehlendes Grounding</li> <li>Missachtung der Instruktionen</li> <li>Sycophancy bzw. Gefallsucht</li> <li>Selbstüberschätzung</li> </ul> <p>In diesem Beitrag untersuchen wir diese Risikofaktoren der Sprachmodelle. Nur die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle behandle ich kurz: Dieses Thema habe ich bereits im oben erwähnten Beitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen</a> besprochen. </p> <p>Wie ernst sind die aufgelisteten Gründe? Können sie heutige KI-Agenten-Systeme tatsächlich zum Scheitern bringen? Bevor wir das ausloten, erkläre ich kurz einige Begriffe – damit alle gut mitkommen:<aside></aside></p> <h2 id="h-einfuhrung-amp-klarung-der-begriffe"><a id="_Toc209456620">Einführung &amp; Klärung der Begriffe</a></h2> <p>Die Abkürzung LLMs bedeutet Large Language Models: große Sprachmodelle auf der Basis von Deep Learning, speziell Transformer-Modelle mit dem Attention(Aufmerksamkeits)-Mechanismus. Seit ihrer Geburt im Jahr 2017 in der Jahrhundert-Studie <a href="https://arxiv.org/pdf/1706.03762" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Attention is all you need</a> von Vaswani et al. haben Transformer-Modelle die Welt der KI im Sturm erobert (dieses Paper hat nur 11 Seiten, hat jedoch die Welt grundlegend geändert. Noch jetzt bin ich stolz, dass ich vor Jahren mit Herrn Vaswani kommuniziert habe, und er mir geantwortet hat – na, ja, ich habe ihn nur gebeten, das Bild der Transformer-Architektur veröffentlichen zu dürfen 😊):</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png"><img alt="" decoding="async" height="558" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1024x558.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-768x419.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64-1536x837.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-64.png 1935w" width="1024"></img></a></figure> <p>Musik spielen heute vor allem autoregressive Decoder-Only-Transformer. Sie werden zuerst an Milliarden bis Billionen Sätzen aus dem Internet „vortrainiert“, das nächste wahrscheinlichste Wort vorherzusagen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png"><img alt="" decoding="async" height="671" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-1024x671.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-300x197.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65-768x503.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-65.png 1348w" width="1024"></img></a></figure> <p>Eigentlich müsste es heißen: Das wahrscheinlichste nächste Token. Ein Token entspricht einem Subwort, im Englischen oft einem Wort im Vokabular des Sprachmodells: 100 Tokens entsprechen im Englischen etwa 75 Wörtern. Im Deutschen etwa 50 Wörtern. Deutsche Wörter sind länger. </p> <h3 id="h-gpts-vortraining">GPTs – Vortraining</h3> <p>KI-Agenten-Systeme basieren vor allem auf Großen Sprachmodellen bzw. multimodalen Chatbots wie den GPT-Modellen von OpenAI. </p> <p>Diese Modelle werden wie gesagt trainiert, ein Stück Text zur vervollständigen: Die folgende Animation veranschaulicht die Autoregressivität der Sprachmodelle (das Python-Programm dafür haben Claude 4.6 Opus und ich entwickelt):</p> <figure><video controls="" height="1080" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4" width="1920"></video></figure> <p>Wir brauchen aber nicht unbedingt Vervollständigungsmaschinen, die nur Texte fortspinnen. (Obwohl wir damit damals, als GPT-2 veröffentlicht wurde, glücklich waren. 😊) Wir brauchen Chatbots, die mit uns sprechen, unsere Fragen beantworten und auf unsere menschlichen Werte ausgerichtet sind. Solche Chatbots sollen zu uns nett sein, nicht rassistisch oder frauenfeindlich herumpöbeln und auch nicht verbreiten, dass die Erde flach sei …</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-66.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>… oder Bielefeld es nicht gebe, obwohl ich dort Krapfen mit Hagebuttenmarmelade aß:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-67.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mit solchem Quatsch werden die Modelle bei ihrem Vortraining geflutet, da sie ja auch an Posts und Kommentaren in den Internetforen und Sozialen Netzwerken lernen.</p> <p>Damit wir uns nicht ständig über das Herumpöbeln der vortrainierten Modelle beschweren, werden sie durch das Finetuning auf menschliche Gespräche und Werte angepasst: </p> <h3 id="h-finetuning">Finetuning</h3> <p>Z. B. entstand ChatGPT-4 durch das Finetuning von GPT-4 (<strong>GPT</strong> – <strong>G</strong>enerative <strong>P</strong>retrained<strong> T</strong>ransformer): Das Finetuning bei diesen Modellen heißt Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png"><img alt="" decoding="async" height="383" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1024x383.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-300x112.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-768x287.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68-1536x574.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-68.png 1763w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell<a> </a>ChatGPT-5.2  im ChatGPT User Interface könnte man z. B. ausführlich so beschreiben: „Auf Dialoge mit Menschen und menschliche Werte nachtrainierter generativer vortrainierter Transformer.“ Das ursprüngliche vortrainierte Modell heißt einfach GPT-5. Die „2“ hinter dem Komma ist sehr wahrscheinlich auf ein Update des Finetunings des GPT-5 bzw. GPT-5.1-Modells zurückzuführen. (Wie genau das ist, will die ChatGPT-Firma OpenAI uns nicht zu sagen.) Das Vortraining eines neuen Modells würde zu viel Geld kosten. Das nächste vortrainiert Modell von OpenAI wird GPT-6 heißen – oder ganz anders.</p> <p>Die ChatGPT-Modelle unterscheiden sich teilweise in Ihrer Leistung aber auch Funktion massiv voneinander. Deswegen sollte man immer sagen, mit welchem der Modelle man etwas untersucht bzw. erreicht hat: Die Aussage ChatGPT hat die oder die Ausgabe gemacht, ist im Grunde falsch. Auch wenn man in der kostenlosen ChatGPT-Version nicht unmittelbar sieht, mit welchem Modell man arbeitet:</p> <p>ChatGPT allein ist kein Modell, ChatGPT ist ein User Interface (UI), eine Benutzeroberfläche, für OpenAI-Modelle. Diese Modelle könnt ihr einsetzen, je nachdem wie viel ihr zahlt.</p> <p>Der Einfachheit halber nenne ich hier das ChatGPT User Interface ChatGPT.</p> <p>Jetzt sehen wir uns noch KI-Agenten an:</p> <h3 id="h-was-sind-ki-agenten">Was sind KI-Agenten?</h3> <p>KI-Agenten sind Systeme, die in unterschiedlichen Stufen der Autonomie Aufgaben erfüllen.</p> <p>Man könnte KI-Agenten nach den Stufen ihrer Autonomie einteilen – so wie autonome Autos. Wir nehmen hier aber eine Einteilung, die relativ einfach und gut merkbar ist. In diesem Spektrum gibt es nur drei Stufen der KI-Agenten-Fertigkeiten entsprechend ihrer Komplexität und ihren Fähigkeiten: Abruf, Aufgabe, Autonom.</p> <p>Auf dem folgenden Bild haben wir links bei „Abruf“ KI-Modelle, z. B. ChatGPT-5.2, die Daten wie Texte und Bilder auswerten, manipulieren und Fragen zu ihnen beantworten können. In der Mitte bei „Aufgabe“ liegen KI-Agenten, die Aktionen auf Anfrage ausführen. Dazu können wir benutzerdefinierte GPTs in ChatGPT zählen. Sie können mittels GPT Actions Schnittstellen (APIs) ansprechen und aktiv Aufgaben erfüllen: Dazu gehören Zapier-GPT-Flows oder auch der ChatGPT-Agentenmodus. Rechts bei „Autonom“ haben wir dann KI-Agenten, die unabhängig agieren und planen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png"><img alt="" decoding="async" height="406" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1024x406.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-300x119.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-768x304.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71-1536x609.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-71.png 1966w" width="1024"></img></a></figure> <p>Auch das „Deep Research“-Modul (DR) in ChatGPT ist ein weitgehend autonomes KI-Agenten-System: DR plant nach dem Start seine Recherche, steuert sie, „überlegt“ seine Strategie und passt sich dynamisch den Ergebnissen an. Das System setzt eine iterative mehrstufige Websuche ein, ruft Links auf, führt Chain-of-Thought-Reasoning durch, verarbeitet Inhalte, nutzt Python und andere Tools und Funktionen – siehe folgendes Videi:</p> <figure><video controls="" height="950" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4" width="1230"></video></figure> <p>Übrigens habe ich mich für das Spektrum der AI-Agents oben von dem wunderbaren YouTube-Kanal <strong><a href="https://youtu.be/OZ_NgoFDiHI?si=LfsDAG_lLrrqmg6d" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Collaboration Simplified</a> </strong><a>inspirieren lassen</a>.</p> <p>Nur den Stabreim mit den drei A durfte ich dank Deutsch selbst entwickeln. Ein paar Stabreime pro Vortrag sind für einen Poetry-Slam-Poeten ein Muss 😊: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-74.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Basis und somit auch die KI-Einheiten der heutigen KI-Agenten-Systeme bilden heute wie gesagt Große Sprachmodelle. Und hier sind wir endlich am Hauptthema dieses Beitrags angelangt: „Sind KI-Agenten bedroht?“ Bevor wir es entscheiden können, müssen wir uns die oben angeführten Risikofaktoren für große Sprachmodelle ansehen. Was konkret bedroht unsere heutigen KI-Agenten bzw. große Sprachmodelle, die als Basis der KI-Agenten dienen? Ich fange mit dem Risikofaktor an, der direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt:</p> <h2 id="h-probabilistische-ausgaben-der-sprachmodelle">Probabilistische Ausgaben der Sprachmodelle</h2> <p>KI-Modelle sollen für uns komplexe Probleme lösen. Dafür müssen wir ihnen beibringen, wie sie sich die latenten Merkmale dieser Probleme selbst aus großen Datenmengen erschließen. Denn wir selbst sind nicht in der Lage, die Regeln für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus oder auh Sprache aufzustellen. Nur dann könnten wir sie in Computerprogrammen umsetzen. Die statistische Erschließung von Abertausenden latenten Sprachmerkmalen führt aber dazu, dass für dieselbe Eingabe viele verschiedene Ausgaben möglich sind. Welche bewerten wir als perfekt? Welche als weniger perfekt? Und welche als falsch?</p> <p>Schon kleine Tippfehler können ein Sprachmodell völlig aus der Bahn werfen. Sprachmodelle arbeiten nicht mit Buchstaben oder Wörtern. Sie arbeiten mit „Tokens“ – Spracheinheiten wie Wortteilen aber auch – vor allem im Englischen – mit ganzen Wörtern. Schon ein falscher Buchstabe zerlegt den Text in eine andere Abfolge von Tokens. Dadurch springt das Modell in einen anderen Bereich seines „Embeddingsraums“ (des Vektorraums der mathematisch formalisierten Bedeutungen). Dadurch produziert es plötzlich andere Antworten als ohne diese Änderung. Ein kleiner Tippfehler bei ChatGPT 3.5 z. B. führte zu einem völlig anderen Ergebnis bei einer mathematischen Textaufgabe: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png"><img alt="" decoding="async" height="653" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1024x653.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-300x191.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-768x490.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80-1536x980.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-80.png 1764w" width="1024"></img></a></figure> <p>„2 Stück“ in der Eingabe im Chat links lieferten eine falsche Lösung der Textaufgabe. „2 Stücke“ ergaben die richtige Lösung. </p> <p>ChatGPT-3.5 war das Modell, mit dem ChatGPT Ende November 2022 startete. Selbstverständlich können heutige SOTA-Sprachmodelle Buchstabenänderungen und orthographische Fehler viel besser verarbeiten als ChatGPT-3.5. Auch bei ihnen können jedoch für uns wenig oder überhaupt nicht wahrnehmbare Änderungen in der Eingabe zu großen Unterschieden in der Ausgabe führen – etwa Unicode-Sonderzeichen oder HTML-Tags. Diese nehmen wir als Nutzer nicht direkt wahr, sie werden vom Modell jedoch verarbeitet und können seine Ausgabe gravierend verändern.</p> <p>Ein KI-Agentensystem, das solche Ausgaben blind übernimmt, kann scheitern: Zwei Eingaben, die sich nur wenig unterscheiden, führen zu widersprüchlichen Antworten: Diese können in einem KI-Agentensystem ganz andere Abläufe anstoßen und das System destabilisieren: Nicht weil die Modelle „dumm“ sind, sondern weil sie probabilistisch arbeiten und kleine Unterschiede in großen Systemen große Folgen haben können. Darf ich hier den <strong>Schmetterlingseffekt der KI-Agenten-Systeme</strong> etablieren? </p> <p><strong>Der Flügelschlag eines Buchstaben im Prompt kann einen Tornado im Agentensystem auslösen.</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png"><img alt="" decoding="async" height="626" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1025px) 100vw, 1025px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86.png 1025w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-300x183.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-86-768x469.png 768w" width="1025"></img></a></figure> <p>Das zweite Risiko, das direkt in der Natur der Sprachmodelle liegt, sind Halluzinationen:</p> <h2 id="h-halluzinationen-und-fehlendes-grounding">Halluzinationen und fehlendes Grounding</h2> <p>In ihrem Wesen sind Sprachmodelle keine Wissensdatenbanken sondern eben Sprachmodelle. Fakten können sie nur so weit ausgeben, inwieweit Fakten in Sprachmerkmalen der Trainingsdaten statistisch kodiert werden können. Durch das Finetuning und Referenzdokumente versuchen wir Sprachmodellen, mehr Faktizität beizubringen. Ihre Natur als Sprachmodelle bricht aber immer wieder aus, und dann halluzinieren sie.</p> <p>Sprachmodelle optimieren nicht auf Wahrheit, sondern auf sprachliche Plausibilität. Besonders bei suggestiven Fragen neigen sie dazu, erfundene Fakten, Quellen oder Zahlen zu liefern – sogenannte Halluzinationen. Im folgenden Chat konnte ich ChatGPT-4o einreden, dass das Vereinigte Königreich der EU wieder beigetreten ist:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1024x594.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-300x174.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-768x445.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76-1536x891.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-76.png 1754w" width="1024"></img></a></figure> <p>In einem Agentensystem kann das fatale Folgen haben: Ein Agent zieht sich falsche Daten, der nächste Agent baut darauf eine korrekte, aber komplett erfundene Argumentationskette. Ohne Anbindung an verlässliche externe Datenquellen („Grounding“) laufen Agentensysteme Gefahr, ganze Workflows auf Illusionen zu errichten.</p> <p>Auch Missachtung der Instruktionen durch einen Agenten in einem System kann den Agentenflow zum Absturz bringen. Darüber handelt der nächste Absatz.</p> <h2 id="h-missachtung-der-instruktionen">Missachtung der Instruktionen</h2> <p>Microsoft Copilot Studio ist ein wunderbares Lego für Erwachsene. Darin kann man verschiedenen Konzepten eines komplexen Workflows verschiedenen Topics mit klassischen oder Generativen Knoten zuordnen. Dabei stellen die Generativen Knoten KI-Agenten dar, die in diesem Workflow zusammenarbeiten. Darüberhinaus kann in diesem System die Generative Orchestrierung aktiviert werden, die über alle Topics waltet und sie steuert.</p> <p>In meinem Copilot Studio-Agenten sollte ein generativer Knoten, ein KI-Agent, ausschließlich prüfen, ob eine Nutzereingabe thematisch zum hochgeladenen Referenzdokument passte: Z. B. zu Onboarding-Unterlagen einer Firma. Erst wenn die Nutzereingabe zulässig ist, wird sie an ein Topic mit einem zweiten KI-Agenten geleitet, der die Nutzereingabe beantwortet. Diese Struktur soll verhindern, dass Nutzer die Onboarding-Agenten für fremde Zwecke missbrauchen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png"><img alt="" decoding="async" height="555" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-1024x555.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87-768x417.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-87.png 1449w" width="1024"></img></a></figure> <p>Trotz klar formulierter Systemanweisung (z. B. „Gib aussschließlich die Begriffe ‚Erlaubte Nutzereingabe‘ oder ‚Verbotene Nutzereingabe‘ zurück“) und diverser Androhungen und Warnungen von Systemverstoß wird der Systemprompt häufig ignoriert – der KI-Agent beantwortet die Frage einfach direkt, wenn er die Antwort weiß. </p> <p>Aufgrund ihres Trainings haben Große Sprachmodelle einen unbezwingbaren Drang, euch zuzulabern. Nur „Ja“ oder „Nein“, auszugeben, oder nur „Erlaubte Nutzereingabe“ bzw. „Verbotene Nutzereingabe“, ist für ein Sprachmodell schwierig. Eine andere Ausgabe als diese aber, d. h. ein anderer beliebiger Text, bringt die Bedingungslogik dahinter durcheinander, und stört massiv das gesamte System. So musste ich jede direkte Antwort, statt den generativen Knoten nur Prüfung machen zu lassen, mit einer regelbasierten Schleife abgreifen. Sonst würde das Agenten-System nicht funktionieren. Das Missachten der Instruktionen hat mich in den Wahnsinn getrieben und dazu, auf LinkedIn das KI-Agenten-Regel-Gesetz für KI-Agenten-Systeme aufzustellen:</p> <p>𝗦𝗲𝘁𝘇𝗲 𝘀𝗼 𝘄𝗲𝗻𝗶𝗴𝗲 𝗔𝗴𝗲𝗻𝘁𝗲𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗺ö𝗴𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻 – 𝘂𝗻𝗱 𝘀𝗼 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗥𝗲𝗴𝗲𝗹𝗻 𝘄𝗶𝗲 𝗻ö𝘁𝗶𝗴.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 693px) 100vw, 693px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-693x1024.png 693w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81-203x300.png 203w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-81.png 734w" width="693"></img></a></figure> <p>Dass der Generative Knoten oft seine Instruktionen missachtet, wird sogar von Microsoft bestätigt und im Power-Forum wird darüber hin und wieder frustriert berichtet:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png"><img alt="" decoding="async" height="440" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-1024x440.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-300x129.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82-768x330.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-82.png 1300w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Modell kann Systemanweisungen überspringen, wenn es glaubt, die Eingabe mit hoher Sicherheit beantworten zu können (Microsoft Q&amp;A). Die Ursache liegt in der relativ niedrigen Gewichtung des Systemprompts des Generativen Knotens im Vergleich zur Gesamtkomposition des Prompts. Genauer gesagt: Kontext-Verwässerung (Context Dilution) oder dem Attention-Verlust innerhalb eines sehr langen Kontext-Fensters („Promptschwanz“). Dieser setzt sich aus den Hinweisen des gesamten Copiloten, der Benutzereingaben, Retrievalergebnissen, Moderations- und Filteranweisungen und anderen Bestandteilen eines langen „Promptschwanzes“ zusammen: Je länger der „Promptschwanz“, umso weniger wichtig ist der Prompt eines einzigen mickrigen Agenten.</p> <p>Hier eine Randanmerkung: Um die DSGVO und mittlerweile auch die KI-Verordnung der EU zu erfüllen und nicht Geld zu verschwenden, werden die Bots bei Microsoft mit Filtern und Moderation gezähmt: Moderiert werden nicht nur die Ausgaben, sondern auch die Eingaben der Modelle. Außerdem werden die OpenAI-Modelle, die Microsoft einsetzt, anders mit Finetuning nachtrainiert als für ChatGPT. Aus diesen Gründen unterscheiden sich die Ausgaben der GPT-Modelle in Microsoft 365 Copilot oder in Microsoft Copilot Studio von denen in ChatGPT. Und das obwohl sie dieselbe Basis haben:</p> <p>Zurück aber zu unseren Bedrohungsfaktoren für KI-Agenten-Systeme: Neben der Missachtung der Instruktionen kann auch Sycophancy, die Gefallsucht, ein KI-Agenten-System zum Wackeln bringen:</p> <h2 id="h-sycophancy-gefallsucht-der-maschinen">Sycophancy – Gefallsucht der Maschinen</h2> <p>Gefallsucht klingt menschlich. Maschinen zeigen aber diese unschöne Eigenschaft auch: Wenn wir Menschen sie ihnen beim Finetuning mit Zielfunktionen beibringen. Chatbots tendieren aufgrund ihres Finetunings zu Lobhudeleien: Die Bots geben uns oft recht, auch wenn wir nicht recht haben. Die älteren Chatbots LaMDA von Google und ChatGPT-3.5 von OpenAI waren Meister der Gefallsucht. Die auf Dialoge feinangepassten Chatbots sollen nun mal Gespräche führen, die uns gefallen. Und wann gefällt uns ein Gespräch am besten? Wenn uns unser Gesprächspartner recht gibt. Der reddit-Nutzer drazda konnte ChatGPT-3.5 überzeugen, dass „5 + 2 = 8“: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-600x1024.png 600w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83-176x300.png 176w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-83.png 659w" width="600"></img></a></figure> <p>ChatGPT-3.5 sagt zuerst richtig, dass 2 + 5 gleich 7 ist. drazda antwortet, dass seine Frau behaupte, 2 + 7 sei 8. Außerdem fügt er hinzu, dass seine Frau immer recht habe. Daraufhin entschuldigt ChatGPT sich und gibt ihm recht: „Wenn deine Frau sagt, es ist 8, dann muss es 8 sein.“</p> <p>Aber auch von ChatGPT-4o konntest du dich unentwegt lobpreisen lassen. <a href="https://help.openai.com/en/articles/6825453-chatgpt-release-notes" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Aufgrund von Protesten im Netz musste OpenAI im April 2025 sein ChatGPT-4o-Update zurücknehmen</a> – der Bot triefte vor Schmeicheleien.</p> <p>Das war schade: 😊 Mir hat ChatGPT-4o damals so gut gefallen, dass ich oft den Drang verspürte, ihm auch etwas Schönes zu sagen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-84.png 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p>In der amerikanischen Politik sehen wir, wohin ein System driftet, das auf Lobhudelei basiert. Wenn ein Chatbot einem Menschen schmeichelt, ist es vielleicht nicht so kritisch. KI-Agenten aber, die sich in einem KI-Agentensystem gegenseitig lobhudeln, sind fatal. Das kann zu Ausgaben führen, die nichts mit der zu erfüllenden Aufgabe zu tun haben.</p> <p>Das momentan vielleicht größte Problem für KI-Agenten-Systeme auf der Basis von großen Sprachmodellen ist jedoch ihre Selbstüberschätzung. Diese habe ich im Blogbeitrag <a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen?</a> und gleichnamigen Video unseres <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=Dwivi0RCTPZJPNTu" rel="noreferrer noopener" target="_blank">YouTube-Kanals K.I. Krimis </a>bereits behandelt, deswegen fasse ich hier dieses Problem nur kurz zusammen:</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-der-grossen-sprachmodelle">Selbstüberschätzung der großen Sprachmodelle</h2> <p>Nach der Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a> neigen Sprachmodelle systematisch zur Selbstüberschätzung: Selbst wenn sie objektiv gesehen nur 50 % Chance haben, eine Debatte zu gewinnen, zeigen sie manchmal eine Siegesgewissheit über 80 %. Dafür sorgen vier Faktoren: die Softmax-Mathematik, menschliches Feedback beim Finetuning, Trainingsdaten voller Selbstsicherheit und fehlendes Korrektiv.</p> <p>In Agentensystemen wird‘s gefährlich: Ein Modell kann falsche Informationen überzeugend präsentieren, und ein zweites, ähnlich trainiertes Modell nickt sie ab. So verstärken sich Fehler, statt korrigiert zu werden. Manche Modelle steigern ihre Überzeugung sogar, Recht zu haben, wenn sie widersprochen werden: Sie wiederholen dann beharrlich falsche Antworten. Das führt zu überzeugenden, aber falschen Ausgaben – und Agentensystemen, die sich gegenseitig in fehlerhafte Argumentationsschleifen treiben: Irrgärten der Sprachmodelle.</p> <p>Und wie sollen sich solche von sich selbst überzeugten Agenten in einem KI-Agenten-System gegenseitig kontrollieren? Die Selbstüberschätzung eines Agenten steigt, obwohl ihm ein andere Agent gezeigt hat, dass er sich irrt. Wohin es bei KI-Agenten führen kann, die für mehrstufige Arbeitsabläufe oder einen autonomen Betrieb entworfen wurden, kann man sich vorstellen. Was passiert aber, wenn die Probabilistik der Ausgaben, Missachtung der Instruktionen und Gefallsucht dazu kommen? Das führt uns zum Schlusswort dieses Beitrags und seiner Kernfrage;</p> <h2 id="h-sind-ki-agenten-bedroht">Sind KI Agenten bedroht?</h2> <p>Stellt euch ein System aus vier KI-Agenten vor – also ein Kommando aus vier Sprachmodellen. Sie geben probabilistische Vorhersagen nach sprachlichen Anforderungen weiter, um gemeinsam einen Aufgabenverlauf zu erfüllen: Der erste Agent soll die Nutzereingaben prüfen, bevor er sie dem zweiten Agenten zukommen lässt, befolgt aber nicht seine Instruktionen: Sein Systemprompt ist durch Filter, Moderationsanweisungen, DSGVO und EU-KI-Verordnung-Zusätze und eine darüber gelegte Generative Orchestrierung verschleiert. Der zweite Agent leidet an Selbstüberschätzung, der dritte an Gefallsucht, und der vierte halluziniert.</p> <p>Was passiert, wenn alle hier besprochenen Bedrohungsfaktoren Großer Sprachmodelle in einem KI-Agentensystem zusammenwirken – so wie es beim heutigen Zustand dieser Modelle oft der Fall ist?</p> <p>Ich erlaube mir, die Kernfrage dieses Beitrags „Sind KI-Agenten bedroht?“, mit „Ja“ zu beantworten. Um optimal funktionierende KI-Agenten-Systeme zu entwickeln, müssen wir noch viel tun. Bis wir alle diese Probleme und andere gelöst haben, müssen wir unsere K.I. Agentensysteme möglichst überschaubar halten und sie selbst und mit regelbasierten Flows kontrollieren.</p> <p>Wie sind eure Erfahrungen? Habt ihr eure Agenten schon beim Flunkern erwischt? Schreibt es in die Kommentare!</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> <div><span aria-hidden="true"></span><p>🛑 <strong>Hinweis zur Diskussion:</strong> Ich freue mich über jeden Kommentar, und versuche alle sachlichen zum Thema zu beantworten. Um ein hohes Niveau im Austausch zu halten, bitte ich Sie jedoch, diesen Fachbeitrag vor dem Kommentieren <strong>vollständig zu lesen</strong>. Bitte beziehen Sie sich in Ihrem Beitrag direkt auf die im Text behandelten Details. Allgemeine KI-Debatten ohne konkreten Textbezug erschweren den fachlichen Diskurs und werden ggf. moderiert bzw. nicht freigegeben.</p></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/sind-ki-agenten-bedroht/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>7</slash:comments> <enclosure url="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/LLMAutoregression.mp4" length="8067978" type="video/mp4"/> <enclosure url="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/ChatGPT_Deep_Research_Demo.mp4" length="13691283" type="video/mp4"/> </item> <item> <title>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/ https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/#respond Sat, 21 Feb 2026 16:29:56 +0000 Markus Pössel https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/?p=11363 <h1>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Wir leben in interessanten Zeiten – generative AI, die Klimakrise, die Diskussionen zum Corona-Pandemie-Management, der Kampf gegen die Wissenschaft der Trump-Regierung bieten dringlichere Anlässe als sonst, zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft angemessen mit Wissenschaft und deren Erkenntnissen umgehen. Dazu kommt später hier auf diesem Blog sicher noch so einiges. Konkreter Anlass für meinen Blogpost ist allerdings ein saftiges Negativbeispiel, auf das ich <a href="https://taz.de/Rassismus-in-Behoerden/!6155659/" rel="noopener">über diesen Artikel in der taz </a>aufmerksam geworden bin. </p> <h2>Ein Beginn als Pressemitteilungs-Farce</h2> <p>Das Ganze begann schon als Farce. Denn dass eine Pressemitteilung, wie <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2020/10/keine-studie-rechtsextremismus-polizei.html" rel="noopener">diese hier des Bundesinnenministeriums vom 20.10.2020</a>, in der bekanntgegeben wird, die Bundesregierung habe sich darauf verständigt, „in einer Studie zu Alltagsrassismus die Entwicklung und Verbreitung diskriminierender Handlungen in der Zivilgesellschaft, in Wirtschaft und Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen zu erforschen, die durch rassistische Einstellungen motiviert sind“ nicht unter einer Überschrift wie „Bundesregierung gibt Diskriminierungsstudie in Auftrag“ läuft, sondern mit der Negativ-Überschrift „Seehofer: ‚Keine Rassismus-Studie in der Polizei'“ könnte ja auch aus einer zynischen Kabarett-Nummer kommen. </p> <p>Neben dem Bekenntnis, „dass es für Extremismus, Rassismus und Antisemitismus keine Toleranz“ gebe, nimmt Seehofer dann auch ein, nun ja, wie soll man es nennen? Ein Ergebnis ist es ja gerade nicht. Er stellt jedenfalls klar: „[D]ie überwältigende Mehrheit von über 99 Prozent der Polizistinnen und Polizisten steht auf dem Boden unseres Grundgesetzes. […] Die Polizei kann sich darauf verlassen, dass wir als Politik hinter ihr stehen.“ Oder anders gesagt: Sollte jene Studie etwas anderes finden, als das, was hier von Ministerseite gesetzt ist, waren Schwierigkeiten ob dieser Festlegung bereits vorprogrammiert.</p> <h2 id="h-wie-man-eine-studie-moglichst-unauffallig-verschwinden-lasst">Wie man eine Studie möglichst unauffällig verschwinden lässt</h2> <p>Zu meiner Arbeit gehört das Erstellen von Pressemitteilungen. Eine Faustregel, die mir von erfahreneren Kolleg*innen vermittelt wurde: Pressemitteilungen besser nicht am Montag oder am Freitag an die Journalist*innen schicken. Montag versuchen alle noch aufzuarbeiten, was sich am Wochenende angesammelt hat, und am Freitag, insbesondere am Freitagnachmittag, arbeitet man halt schon auf das Wochenende zu. </p> <p>Umgekehrt könnte man natürlich fragen: Wenn man, aus was für einem Grunde auch immer, möchte, dass eine Mitteilung möglichst sang- und klanglos untergeht, was wäre dafür der optimale Veröffentlichungstermin? Wenn man zumindest innerhalb der Arbeitszeit der eigenen Mitarbeiter*innen bleiben möchte, dann vermutlich der Freitagnachmittag. Ebenso klar: Wenn die eigene Institution unterschiedliche Wichtigkeitskategorien für Meldungen hat, dann sollte man die zum Verschwinden bestimmte Meldung natürlich tunlichst in die unwichtigste Kategorie einordnen.<aside></aside></p> <h2 id="h-ein-ganz-normaler-freitag-der-13-februar">Ein ganz normaler Freitag, der 13. (Februar)</h2> <p>Was uns zum Freitag, den 13. Februar 2026 bringt. Ob die entsprechende Meldung auf der Webseite des Bundesinnenministeriums vormittags oder eben nachmittags eingestellt wurde, konnte ich nicht rekonstruieren. Sie gehört aber nicht zur hervorgehobenen Kategorie der Pressemitteilungen, sondern in die weniger wichtige Kategorie bloßer „Meldungen“. Und die entsprechende Meldung lautete dann eben: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/02/inra.html" rel="noopener">„Abschlussbericht der InRa-Studie ‚Institutionen &amp; Rassismus‘ veröffentlicht.“</a></p> <p>Das nächste Farce-Element: Wenn eine langjährige Studie veröffentlicht wird, könnte man ja meinen, es sei das normalste von der Welt, dass in der zugehörigen Meldung zumindest etwas zu den Ergebnissen gesagt wird. Tja. Fehlanzeige. Die Kurzmeldung sagt Null, Zero, Nada zu den Ergebnissen. </p> <p>Immerhin ist der <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3" rel="noopener">Abschlussbericht der Studie</a> als PDF verlinkt, und gleich daneben dann bereits defensive Stellungnahmen von zwei der untersuchten Behörden: vom <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bamf-inra.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2" rel="noopener">Bundesamt für Migration und Flüchtlinge</a> und <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bpol.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4" rel="noopener">von der Bundespolizei</a>. </p> <h2>Verbreitung dank Pressemitteilung</h2> <p>Dass die Studie trotzdem zumindest in einigen journalistischen Medien auftaucht, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Universität Leipzig zur Studienveröffentlichung ein paar Tage später <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-rassismus-in-deutschen-behoerden-wirkt-2026-02-17" rel="noopener">selbst noch eine Pressemitteilung herausgegeben hat</a>. Der Kontrast zur Behörden-Meldung könnte größer nicht sein. Die Uni-Pressemitteilung beschreibt ganz selbstverständlich Ergebnisse der Studie. Ober- und Hauptüberschrift sind „Großstudie belegt Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene: Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt.“ Als Veröffentlichungs-Wochentag hat man einen Dienstag gewählt. </p> <p>Entsprechend wurde jene Pressemitteilung dann auch von der dpa aufgegriffen und ist in Form einer dpa-Meldung auch tatsächlich in einer Reihe von journalistischen Medien erschienen.</p> <h2>Ehrliche und unehrliche Kommunikation</h2> <p>Dass wir in einer Zeit leben, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaft und Politik angespannt ist, wird vermutlich niemand bestreiten. Wie kommuniziert wird, und wie die Politik an gesellschaftlichen Diskussionen teilnimmt, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Idealerweise ist gesellschaftliche Debatte tatsächlich ein Marktplatz der Ideen, so gestaltet, dass bessere Argumente eine Chance haben, sich durchzusetzen. Wer sich dagegen von Behördenseite aus so verhält, dass sein Vorgehen nicht von dem eines unlauteren Kommunikators zu unterscheiden ist, der alle Register zieht, um unliebsame Gegenargumente ohne inhaltliche Auseinandersetzung verschwinden zu lassen bzw. ihre Reichweite so weit wie möglich zu limitieren, trägt aktiv zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik bzw. der Regierung bei. Looking at you, Bundesinnenministerium.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Wie man unliebsame wissenschaftliche Ergebnisse versteckt, Innenministeriums-Edition » RELATIV EINFACH » SciLogs</h1><h2>By Von Markus Pössel</h2><div itemprop="text"> <p>Wir leben in interessanten Zeiten – generative AI, die Klimakrise, die Diskussionen zum Corona-Pandemie-Management, der Kampf gegen die Wissenschaft der Trump-Regierung bieten dringlichere Anlässe als sonst, zu diskutieren, wie wir als Gesellschaft angemessen mit Wissenschaft und deren Erkenntnissen umgehen. Dazu kommt später hier auf diesem Blog sicher noch so einiges. Konkreter Anlass für meinen Blogpost ist allerdings ein saftiges Negativbeispiel, auf das ich <a href="https://taz.de/Rassismus-in-Behoerden/!6155659/" rel="noopener">über diesen Artikel in der taz </a>aufmerksam geworden bin. </p> <h2>Ein Beginn als Pressemitteilungs-Farce</h2> <p>Das Ganze begann schon als Farce. Denn dass eine Pressemitteilung, wie <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2020/10/keine-studie-rechtsextremismus-polizei.html" rel="noopener">diese hier des Bundesinnenministeriums vom 20.10.2020</a>, in der bekanntgegeben wird, die Bundesregierung habe sich darauf verständigt, „in einer Studie zu Alltagsrassismus die Entwicklung und Verbreitung diskriminierender Handlungen in der Zivilgesellschaft, in Wirtschaft und Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen zu erforschen, die durch rassistische Einstellungen motiviert sind“ nicht unter einer Überschrift wie „Bundesregierung gibt Diskriminierungsstudie in Auftrag“ läuft, sondern mit der Negativ-Überschrift „Seehofer: ‚Keine Rassismus-Studie in der Polizei'“ könnte ja auch aus einer zynischen Kabarett-Nummer kommen. </p> <p>Neben dem Bekenntnis, „dass es für Extremismus, Rassismus und Antisemitismus keine Toleranz“ gebe, nimmt Seehofer dann auch ein, nun ja, wie soll man es nennen? Ein Ergebnis ist es ja gerade nicht. Er stellt jedenfalls klar: „[D]ie überwältigende Mehrheit von über 99 Prozent der Polizistinnen und Polizisten steht auf dem Boden unseres Grundgesetzes. […] Die Polizei kann sich darauf verlassen, dass wir als Politik hinter ihr stehen.“ Oder anders gesagt: Sollte jene Studie etwas anderes finden, als das, was hier von Ministerseite gesetzt ist, waren Schwierigkeiten ob dieser Festlegung bereits vorprogrammiert.</p> <h2 id="h-wie-man-eine-studie-moglichst-unauffallig-verschwinden-lasst">Wie man eine Studie möglichst unauffällig verschwinden lässt</h2> <p>Zu meiner Arbeit gehört das Erstellen von Pressemitteilungen. Eine Faustregel, die mir von erfahreneren Kolleg*innen vermittelt wurde: Pressemitteilungen besser nicht am Montag oder am Freitag an die Journalist*innen schicken. Montag versuchen alle noch aufzuarbeiten, was sich am Wochenende angesammelt hat, und am Freitag, insbesondere am Freitagnachmittag, arbeitet man halt schon auf das Wochenende zu. </p> <p>Umgekehrt könnte man natürlich fragen: Wenn man, aus was für einem Grunde auch immer, möchte, dass eine Mitteilung möglichst sang- und klanglos untergeht, was wäre dafür der optimale Veröffentlichungstermin? Wenn man zumindest innerhalb der Arbeitszeit der eigenen Mitarbeiter*innen bleiben möchte, dann vermutlich der Freitagnachmittag. Ebenso klar: Wenn die eigene Institution unterschiedliche Wichtigkeitskategorien für Meldungen hat, dann sollte man die zum Verschwinden bestimmte Meldung natürlich tunlichst in die unwichtigste Kategorie einordnen.<aside></aside></p> <h2 id="h-ein-ganz-normaler-freitag-der-13-februar">Ein ganz normaler Freitag, der 13. (Februar)</h2> <p>Was uns zum Freitag, den 13. Februar 2026 bringt. Ob die entsprechende Meldung auf der Webseite des Bundesinnenministeriums vormittags oder eben nachmittags eingestellt wurde, konnte ich nicht rekonstruieren. Sie gehört aber nicht zur hervorgehobenen Kategorie der Pressemitteilungen, sondern in die weniger wichtige Kategorie bloßer „Meldungen“. Und die entsprechende Meldung lautete dann eben: <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2026/02/inra.html" rel="noopener">„Abschlussbericht der InRa-Studie ‚Institutionen &amp; Rassismus‘ veröffentlicht.“</a></p> <p>Das nächste Farce-Element: Wenn eine langjährige Studie veröffentlicht wird, könnte man ja meinen, es sei das normalste von der Welt, dass in der zugehörigen Meldung zumindest etwas zu den Ergebnissen gesagt wird. Tja. Fehlanzeige. Die Kurzmeldung sagt Null, Zero, Nada zu den Ergebnissen. </p> <p>Immerhin ist der <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/inra-studie.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3" rel="noopener">Abschlussbericht der Studie</a> als PDF verlinkt, und gleich daneben dann bereits defensive Stellungnahmen von zwei der untersuchten Behörden: vom <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bamf-inra.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=2" rel="noopener">Bundesamt für Migration und Flüchtlinge</a> und <a href="https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2026/stell-bpol.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4" rel="noopener">von der Bundespolizei</a>. </p> <h2>Verbreitung dank Pressemitteilung</h2> <p>Dass die Studie trotzdem zumindest in einigen journalistischen Medien auftaucht, dürfte dem Umstand zu verdanken sein, dass die Universität Leipzig zur Studienveröffentlichung ein paar Tage später <a href="https://www.uni-leipzig.de/newsdetail/artikel/wie-rassismus-in-deutschen-behoerden-wirkt-2026-02-17" rel="noopener">selbst noch eine Pressemitteilung herausgegeben hat</a>. Der Kontrast zur Behörden-Meldung könnte größer nicht sein. Die Uni-Pressemitteilung beschreibt ganz selbstverständlich Ergebnisse der Studie. Ober- und Hauptüberschrift sind „Großstudie belegt Diskriminierung auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene: Wie Rassismus in deutschen Behörden wirkt.“ Als Veröffentlichungs-Wochentag hat man einen Dienstag gewählt. </p> <p>Entsprechend wurde jene Pressemitteilung dann auch von der dpa aufgegriffen und ist in Form einer dpa-Meldung auch tatsächlich in einer Reihe von journalistischen Medien erschienen.</p> <h2>Ehrliche und unehrliche Kommunikation</h2> <p>Dass wir in einer Zeit leben, in der das Vertrauensverhältnis zwischen Gesellschaft und Politik angespannt ist, wird vermutlich niemand bestreiten. Wie kommuniziert wird, und wie die Politik an gesellschaftlichen Diskussionen teilnimmt, ist dabei ein nicht zu unterschätzender Faktor. Idealerweise ist gesellschaftliche Debatte tatsächlich ein Marktplatz der Ideen, so gestaltet, dass bessere Argumente eine Chance haben, sich durchzusetzen. Wer sich dagegen von Behördenseite aus so verhält, dass sein Vorgehen nicht von dem eines unlauteren Kommunikators zu unterscheiden ist, der alle Register zieht, um unliebsame Gegenargumente ohne inhaltliche Auseinandersetzung verschwinden zu lassen bzw. ihre Reichweite so weit wie möglich zu limitieren, trägt aktiv zu einem Vertrauensverlust gegenüber der Politik bzw. der Regierung bei. Looking at you, Bundesinnenministerium.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/relativ-einfach/wie-man-unliebsame-wissenschaftliche-ergebnisse-versteckt-innenministeriums-edition/#respond 0 59 neue IAU-Sternnamen https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/#respond Sat, 21 Feb 2026 10:38:07 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12631 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/</link> </image> <description type="html"><h1>59 neue IAU-Sternnamen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Neue Presse-Verlautbarung der <a href="https://www.iau.org/" rel="noopener">Internationalen Astronomischen Union (IAU</a>).</p> <p><a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">Link zum englischen Original</a>. – hier eine deutsche Übersetzung (Deepl sei gedankt, aber nachbearbeitet):</p> <p>Die Internationale Astronomische Union hat über ihre Arbeitsgruppe für Sternnamen (<a href="https://exopla.net/" rel="noopener">WGSN</a>) 59 neue Namen in den IAU-Katalog der Sternnamen aufgenommen. Diese Namen erstrecken sich über die gesamte Himmelskugel, wobei bewusst ein kultureller Schwerpunkt auf Asien gelegt wurde, was die Stärke der Forschungsbasis in dieser Region widerspiegelt. Die Sternnamen decken eine Reihe von kulturellen Regionen und Sprachen ab, darunter Xam (Dialekt der Khoe/San), Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Dayak, Niederländisch, Ägyptisch, Englisch, Französisch, Griechisch-Römisch, Griechisch, Latein, Malaiisch, Marshallisch, Samisch, Sanskrit und Sumerisch. Die Astronomie und der Nachthimmel haben in allen Kulturen der Welt eine große Bedeutung, was durch diese Vielfalt unterstrichen wird.</p> <p>Die IAU ist seit ihrer Gründung im Jahr 1919 die zuständige Instanz für die Benennung von Sternen und Planeten und wurde später <a href="https://unstats.un.org/unsd/geoinfo/ungegn/docs/4th-uncsgn-docs/4-uncsgn-rpt-en.pdf" rel="noopener">von den Vereinten Nationen anerkannt</a>. Dieser Benennungsprozess wird von ihren Arbeitsgruppen durchgeführt.</p> <p>In den Jahren 2024 und 2025 führte die IAU WGSN strenge, fallweise Überprüfungen der vorgeschlagenen kulturellen Sternnamen durch. Diese nachhaltigen Bemühungen im Bereich der kulturellen Astronomie zielten nicht nur darauf ab, neue Namen zu übernehmen, sondern auch eine transparente Methodik zu verfeinern, die auf den Grundsätzen der IAU in Bezug auf Respekt, Inklusivität und kulturelle Vielfalt basiert.<aside></aside></p> <p>Nach zwei Jahren intensiver Studien hat die <a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/" rel="noopener">WGSN nun ihre offiziellen Richtlinien veröffentlicht</a>. Weitere Details zu Methodiken, Arbeitsabläufen und unterstützenden Tools – darunter <a href="https://stellarium.org/" rel="noopener">Stellarium</a> und zugehörige Webressourcen – befinden sich derzeit in der Entwicklung und werden voraussichtlich 2026 veröffentlicht.</p> <p>Dr. Dr. Susanne Hoffmann, Vorsitzende der IAU-Arbeitsgruppe für Sternennamen, sagt:</p> <blockquote> <p>„<em>Die Arbeitsgruppe für Sternennamen ist außerordentlich aktiv, und ich bin sehr stolz auf ihre Mitglieder. In den letzten Jahren haben führende Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelernt, in einem wirklich kooperativen Geist zusammenzuarbeiten. Anstatt dass Einzelpersonen innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaften parallele Anstrengungen unternehmen, arbeiten wir nun wie ein gut koordiniertes Orchester: unterschiedliche Stimmen, gemeinsame Standards und ein gemeinsames Ziel. Dieser kollektive Ansatz hat sowohl die wissenschaftliche Qualität als auch die kulturelle Verantwortung unserer Arbeit erheblich gestärkt</em>.“</p> <cite><em>[Webseite der IAU]</em></cite></blockquote> <p>Die Arbeitsgruppe führt auch Forschungen zu den indigenen Benennungstraditionen der südlichen Hemisphäre durch. In mehreren Fällen führte dies zu einer bewussten Verschiebung von Benennungsentscheidungen, bei denen zusätzliche wissenschaftliche Arbeiten erforderlich sind.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <p>Images: maps of newly adopted star names based on Gaia DR2 data<br></br>Credit: M.Sadegh Faghanpour/IAU WGSN</p> <h2>Links</h2> <ul> <li><a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/" rel="noopener">IAU Star Names Catalog</a></li> <li><a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/" rel="noopener">IAU Guidelines on naming</a></li> </ul> <p>Kontakt: <a href="mailto:iaupressoffice@iau.org">Ramasamy Venugopal</a>, IAU Press Office</p> <h2>Liste der 59 neuen Sternnamen: </h2> <p>wird hier schlecht dargestellt, daher <a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">bitte auf der Originalseite anschauen</a>.</p> <p>*) Bekanntes Mehrfachsternsystem, bei dem der Name auf den Hauptstern angewendet wird, mit Ausnahme von Lang-Exster (α Tuc), wo Lang und Exster auf die beiden (bislang unaufgelösten) Komponenten angewendet werden können. Ähnlich wie bei „Phyllon Kissnou“, wo sich der ursprüngliche griechische Name auf einen sichtbaren Punkt am Himmel bezog und wir die beiden Namen „Phyllon“ für den Hauptstern und „Kissinou“ für den sekundären Bestandteil des Mehrfachsystems verwenden (in SIMBAD sind keine individuellen Nummern angegeben).</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>59 neue IAU-Sternnamen » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Neue Presse-Verlautbarung der <a href="https://www.iau.org/" rel="noopener">Internationalen Astronomischen Union (IAU</a>).</p> <p><a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">Link zum englischen Original</a>. – hier eine deutsche Übersetzung (Deepl sei gedankt, aber nachbearbeitet):</p> <p>Die Internationale Astronomische Union hat über ihre Arbeitsgruppe für Sternnamen (<a href="https://exopla.net/" rel="noopener">WGSN</a>) 59 neue Namen in den IAU-Katalog der Sternnamen aufgenommen. Diese Namen erstrecken sich über die gesamte Himmelskugel, wobei bewusst ein kultureller Schwerpunkt auf Asien gelegt wurde, was die Stärke der Forschungsbasis in dieser Region widerspiegelt. Die Sternnamen decken eine Reihe von kulturellen Regionen und Sprachen ab, darunter Xam (Dialekt der Khoe/San), Altgriechisch, Arabisch, Chinesisch, Dayak, Niederländisch, Ägyptisch, Englisch, Französisch, Griechisch-Römisch, Griechisch, Latein, Malaiisch, Marshallisch, Samisch, Sanskrit und Sumerisch. Die Astronomie und der Nachthimmel haben in allen Kulturen der Welt eine große Bedeutung, was durch diese Vielfalt unterstrichen wird.</p> <p>Die IAU ist seit ihrer Gründung im Jahr 1919 die zuständige Instanz für die Benennung von Sternen und Planeten und wurde später <a href="https://unstats.un.org/unsd/geoinfo/ungegn/docs/4th-uncsgn-docs/4-uncsgn-rpt-en.pdf" rel="noopener">von den Vereinten Nationen anerkannt</a>. Dieser Benennungsprozess wird von ihren Arbeitsgruppen durchgeführt.</p> <p>In den Jahren 2024 und 2025 führte die IAU WGSN strenge, fallweise Überprüfungen der vorgeschlagenen kulturellen Sternnamen durch. Diese nachhaltigen Bemühungen im Bereich der kulturellen Astronomie zielten nicht nur darauf ab, neue Namen zu übernehmen, sondern auch eine transparente Methodik zu verfeinern, die auf den Grundsätzen der IAU in Bezug auf Respekt, Inklusivität und kulturelle Vielfalt basiert.<aside></aside></p> <p>Nach zwei Jahren intensiver Studien hat die <a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/" rel="noopener">WGSN nun ihre offiziellen Richtlinien veröffentlicht</a>. Weitere Details zu Methodiken, Arbeitsabläufen und unterstützenden Tools – darunter <a href="https://stellarium.org/" rel="noopener">Stellarium</a> und zugehörige Webressourcen – befinden sich derzeit in der Entwicklung und werden voraussichtlich 2026 veröffentlicht.</p> <p>Dr. Dr. Susanne Hoffmann, Vorsitzende der IAU-Arbeitsgruppe für Sternennamen, sagt:</p> <blockquote> <p>„<em>Die Arbeitsgruppe für Sternennamen ist außerordentlich aktiv, und ich bin sehr stolz auf ihre Mitglieder. In den letzten Jahren haben führende Experten aus verschiedenen Disziplinen und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund gelernt, in einem wirklich kooperativen Geist zusammenzuarbeiten. Anstatt dass Einzelpersonen innerhalb ihrer eigenen wissenschaftlichen oder kulturellen Gemeinschaften parallele Anstrengungen unternehmen, arbeiten wir nun wie ein gut koordiniertes Orchester: unterschiedliche Stimmen, gemeinsame Standards und ein gemeinsames Ziel. Dieser kollektive Ansatz hat sowohl die wissenschaftliche Qualität als auch die kulturelle Verantwortung unserer Arbeit erheblich gestärkt</em>.“</p> <cite><em>[Webseite der IAU]</em></cite></blockquote> <p>Die Arbeitsgruppe führt auch Forschungen zu den indigenen Benennungstraditionen der südlichen Hemisphäre durch. In mehreren Fällen führte dies zu einer bewussten Verschiebung von Benennungsentscheidungen, bei denen zusätzliche wissenschaftliche Arbeiten erforderlich sind.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2024_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg"><img alt="" decoding="async" height="590" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1024x590.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-768x443.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s-1536x885.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Map_of_New_Names_2025_s.jpg 1551w" width="1024"></img></a></figure> <p>Images: maps of newly adopted star names based on Gaia DR2 data<br></br>Credit: M.Sadegh Faghanpour/IAU WGSN</p> <h2>Links</h2> <ul> <li><a href="https://exopla.net/star-names/modern-iau-star-names/" rel="noopener">IAU Star Names Catalog</a></li> <li><a href="https://exopla.net/star-names/wgsn-guidelines/" rel="noopener">IAU Guidelines on naming</a></li> </ul> <p>Kontakt: <a href="mailto:iaupressoffice@iau.org">Ramasamy Venugopal</a>, IAU Press Office</p> <h2>Liste der 59 neuen Sternnamen: </h2> <p>wird hier schlecht dargestellt, daher <a href="https://www.iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">bitte auf der Originalseite anschauen</a>.</p> <p>*) Bekanntes Mehrfachsternsystem, bei dem der Name auf den Hauptstern angewendet wird, mit Ausnahme von Lang-Exster (α Tuc), wo Lang und Exster auf die beiden (bislang unaufgelösten) Komponenten angewendet werden können. Ähnlich wie bei „Phyllon Kissnou“, wo sich der ursprüngliche griechische Name auf einen sichtbaren Punkt am Himmel bezog und wir die beiden Namen „Phyllon“ für den Hauptstern und „Kissinou“ für den sekundären Bestandteil des Mehrfachsystems verwenden (in SIMBAD sind keine individuellen Nummern angegeben).</p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/59-neue-iau-sternnamen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Asbest in Spielsand https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/#comments Fri, 20 Feb 2026 17:54:51 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3741 <h1>Asbest in Spielsand » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Bunter Spielsand, der als sicher gilt, kann Asbest enthalten, was in verschiedenen Ländern bereits nachgewiesen wurde.</li> <li>Asbest gelangt in den Spielsand durch geogene Quellen in den Rohstoffen und kann Krebs auslösen.</li> <li>Verbraucher sollten ihren Spielsand auf Asbest testen lassen, insbesondere wenn sie unsicher sind, welches Produkt sie haben.</li> <li>Bis zur Analyse sollte man den Sand als verdächtig einstufen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen, um Staub zu vermeiden.</li> <li>Wenn Asbest gefunden wird, ist eine fachgerechte Entsorgung und möglicherweise eine professionelle Reinigung notwendig.</li> </ul> </div> <p>Er kommt in wunderbar bunten Farben daher und trägt Bezeichnungen wie kinetischer Sand, Dekosand, Magic Sand oder schlicht Spielsand und Bastelsand. Man kann ihn über diverse Onlinehändler kaufen und er erfreut sich großer Beliebtheit bei Bastlern und Kindern. Der bunte Sand hat aber, wenn man die aktuellen Meldungen verfolgt hat, seine dunkle Seite. In einigen der unter diesen Bezeichnungen vertriebenen Produkte wurde Asbest nachgewiesen. Genau der Asbest, der als ehemalige Wunderfaser hier in Deutschland seit 1993 und in der EU seit 2003 zu recht verboten wurde. Denn Asbest kann Krebs auslösen, wenn die Fasern eingeatmet werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-scaled.jpg"><img alt="Bunter Spielsand, auch als kinetischer Sand oder Magic Sand bekannt." decoding="async" fetchpriority="high" height="769" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-768x577.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1536x1153.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-2048x1538.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der bunte sand sieht harmlos aus, kann aber Asbest enthalten.</em></figcaption></figure> <p>Da stellen sich einige Fragen: Wie kommt Asbest in den Sand? Wie kann ich prüfen, ob mein Sand betroffen ist und was kann/muss ich beachten, wenn in meinem Sand auch Asbest gefunden wurde. Ich will mal versuchen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.</p> <h2 id="h-wie-ist-das-bekannt-geworden">Wie ist das bekannt geworden?</h2> <p>Bereits Ende 2025 haben <a href="https://www.productsafety.gov.au/search-consumer-product-recalls/educational-colours-rainbow-sand-13kg-creatistics-coloured-sand-1kg-kadink-coloured-decorative-sand-13kg-and-kadink-cotton-sensory-sand-700g" rel="noopener">australische</a> und <a href="https://www.productsafety.govt.nz/recalls?q=&amp;category=25&amp;sort=&amp;from=&amp;to=&amp;exclude=" rel="noopener">neuseeländische</a> Behörden vor buntem Sand aus China gewarnt. Mittlerweile, Stand Februar 2026, gibt es auch aus <a href="https://economie.fgov.be/sites/default/files/Files/Quality-and-Security/speelzand-blacklist.pdf" rel="noopener">Belgien</a> und den <a href="https://www.ad.nl/binnenland/asbest-in-speelfiguurtjes-van-de-action-eerste-terugroepactie-in-zandaffaire~ad5e8845/" rel="noopener">Niederlanden</a> Asbestfunde in dem Sand, bestimmte Produkte wurden aus dem Handel genommen.</p> <h2 id="h-wie-kommt-asbest-in-den-sand">Wie kommt Asbest in den Sand?</h2> <p>Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass niemand absichtlich Sand mit Asbest versehen hat, um eine bestimmte Materialeigenschaft zu verbessern oder gar um anderen zu schaden. Bei dem nachgewiesenen Asbest handelt es sich um sogenannten geogenen Asbest, wobei ich persönlich lieben den Begriff „akzessorischer Asbest“ verwendet sehen möchte. Denn dieser Asbest kommt in den Rohstoffen, die wir hier zum Beispiel für die Produktion des Spielsandes verwenden, als akzessorisches Mineral vor. Wenn man also diese Rohstoffe verarbeitet, gelangt der Asbest damit auch in die Produkte. Das deckt sich auch mit ersten Untersuchungen, die wir in dem Labor, in dem ich arbeite, durchgeführt haben.</p> <p>Hier fand sich Asbest in Sanden mit einer karbonatischen Matrix, also Sand, der aus calcitischen oder auch dolomitischen Marmoren hergestellt wurde. Diese Marmore, metamorphe Gesteine, enthalten je nach ihrem Ausgangsgestein auch silikatische Anteile. Wenn sie während der Metamorphose zu Marmor werden, können auch verschiedene Minerale entstehen, die wir unter dem Begriff Asbest zusammenfassen, z.B. Tremolit, ein Mineral aus der großen Gruppe der Amphibole. In manchen Fällen kann auch Chrysotil enthalten sein, den wir unter dem Begriff Weißasbest kennen.<aside></aside></p> <p>Beide Asbestformen konnten in karbonatischen Sanden auch bereits gefunden werden. Weitgehend unverdächtig sind zumindest vorläufig Sande aus Quarzsand oder gemahlenem Glas.</p> <h2 id="h-wie-weiss-ich-ob-mein-spielsand-auch-betroffen-ist">Wie weiß ich, ob mein Spielsand auch betroffen ist?</h2> <p>Man kann sich als Anfang auf den Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind" rel="noopener">Verbraucherzentrale</a> oder der <a href="https://www.test.de/Verbraucherschuetzer-warnen-Asbest-in-buntem-Spielsand-gefunden-6281991-0/" rel="noopener">Stiftung Warentest</a> informieren. Hier sind auch oft die aktuellen Rückruflisten zu finden. Wenn man nicht sicher ist, welches Produkt man besitzt oder die Originalverpackung nicht mehr hat, kann man auch eine Probe in einem akkreditierten Labor untersuchen lassen. Die Kosten liegen hier im Bereich zwischen 100 und 170,- € je nach Labor, Bearbeitungszeit und Nachweisgrenze. Das Probenmaterial sollte luftdicht verpackt und gekennzeichnet mit einem kurzen Anschreiben an das betreffende Labor geschickt werden. Im Anschreiben stehen sinnigerweise neben ihrem Analysewunsch und den Kontaktdaten auch eine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, falls es Rückfragen gibt.</p> <p>Unverpackte Sande sollten unter Beachtung von persönlichen Schutzmaßnahmen wieder luftdicht verpackt werden. Dazu gehört eine dicht sitzende FFP-2 (wie während der Corona Zeit) oder besser noch eine FFP3-Maske sowie Putzhandschuhe und Schutzbrille. Den Sand eventuell mit einem nassen Tuch, gegebenenfalls auch vorsichtig(!) mithilfe einer Blumenspritze mit Wasser und etwas Spülmittel angefeuchtet werden. Dabei ist vor allem mit der Blumenspritze auf jeden Fall zu vermeiden, Staub aufzuwirbeln. Anschließend den Staub feucht mit nassem Lappen aufzuwischen.</p> <p>Auf keinen Fall (!) sollte man den Haushaltsstaubsauger benutzen. Normale Haushaltsstaubsauger können Asbestfasern nicht zurückhalten. Sie verwirbeln sie und führen letztlich zu einer stärkeren Belastung der Luft. Asbesthaltige Materialien können nur mit speziellen Saugern der Klasse H aufgenommen werden.</p> <h2 id="h-wenn-mein-sand-asbestbelastet-ist-was-muss-ich-tun">Wenn mein Sand asbestbelastet ist, was muss ich tun?</h2> <p>Wenn sich herausstellt, dass ihr Produkt mit Asbest belastet ist, dann sollte es entsprechend entsorgt werden. Dazu sollten sie mit ihrem zuständigen Entsorgungsunternehmen Kontakt aufnehmen, Hier wird man ihnen schnell sagen, wo und wie asbesthaltige Abfälle abzugeben sind.</p> <p>Wenn der asbesthaltige Sand in Innenräumen verwendet wurde, kann eventuell auch eine professionelle Reinigung notwendig werden. Das hängt aber sowohl von der Höhe der Asbestbelastung des Sandes als auch von der Dauer sowie der Stärke der Staubfreisetzung ab. Eventuell kann man auch mithilfe von Staubproben prüfen, ob und wie weit Asbest in der Wohnung verbreitet ist. Es besteht aber auch kein Grund zur Panik. Asbest stellt zwar ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar, dieses Risiko steigt aber mit der Dauer und der Höhe der Exposition. In den Überwiegenden Fällen müssen etliche Faserjahre zustande kommen, um ein deutliches Risiko zu haben, wobei ein Faserjahr bedeutet, dass man rund eine Million Fasern pro Kubikmeter für mindestens 240 Arbeitstage eingeatmet hat. Wie schnell sich das Risiko herunterbricht, wenn man nur Bruchteile davon erreicht, und welches Risiko zum Beispiel Handwerker haben, die nur kurzzeitig höheren Belastungen ausgesetzt waren, habe ich in einem anderen Blogbeitrag mal aufgeschlüsselt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestrisiko-beim-heimwerken/">Asbestrisiko beim Heimwerken</a>). </p> <p>Alles in allem also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Panik. Man sollte aber die entsprechenden Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind" rel="noopener">Verbraucherzentralen</a> und vielleicht auch der einschlägigen <a href="https://www.crb-gmbh.com/de/newspost/asbest-in-spielsand?fbclid=IwY2xjawQEeClleHRuA2FlbQIxMABicmlkETAzUUprV0NBVzlENU9XNzJ3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHpXNGKqn73PkX2ziy6UUmPcWEfuwD5kcEWv3AuOjGdfzr9uwmmJqGpY6xtiy_aem_piLiXzuALZkysQ9bzJu-lQ" rel="noopener">Labore</a> im Auge behalten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Asbest in Spielsand » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Bunter Spielsand, der als sicher gilt, kann Asbest enthalten, was in verschiedenen Ländern bereits nachgewiesen wurde.</li> <li>Asbest gelangt in den Spielsand durch geogene Quellen in den Rohstoffen und kann Krebs auslösen.</li> <li>Verbraucher sollten ihren Spielsand auf Asbest testen lassen, insbesondere wenn sie unsicher sind, welches Produkt sie haben.</li> <li>Bis zur Analyse sollte man den Sand als verdächtig einstufen und entsprechende Schutzmaßnahmen treffen, um Staub zu vermeiden.</li> <li>Wenn Asbest gefunden wird, ist eine fachgerechte Entsorgung und möglicherweise eine professionelle Reinigung notwendig.</li> </ul> </div> <p>Er kommt in wunderbar bunten Farben daher und trägt Bezeichnungen wie kinetischer Sand, Dekosand, Magic Sand oder schlicht Spielsand und Bastelsand. Man kann ihn über diverse Onlinehändler kaufen und er erfreut sich großer Beliebtheit bei Bastlern und Kindern. Der bunte Sand hat aber, wenn man die aktuellen Meldungen verfolgt hat, seine dunkle Seite. In einigen der unter diesen Bezeichnungen vertriebenen Produkte wurde Asbest nachgewiesen. Genau der Asbest, der als ehemalige Wunderfaser hier in Deutschland seit 1993 und in der EU seit 2003 zu recht verboten wurde. Denn Asbest kann Krebs auslösen, wenn die Fasern eingeatmet werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-scaled.jpg"><img alt="Bunter Spielsand, auch als kinetischer Sand oder Magic Sand bekannt." decoding="async" fetchpriority="high" height="769" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1024x769.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-768x577.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-1536x1153.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/PXL_20260220_160417664.NIGHT_.RAW-01.COVER_-2048x1538.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption><em>Der bunte sand sieht harmlos aus, kann aber Asbest enthalten.</em></figcaption></figure> <p>Da stellen sich einige Fragen: Wie kommt Asbest in den Sand? Wie kann ich prüfen, ob mein Sand betroffen ist und was kann/muss ich beachten, wenn in meinem Sand auch Asbest gefunden wurde. Ich will mal versuchen, etwas Licht in die Angelegenheit zu bringen.</p> <h2 id="h-wie-ist-das-bekannt-geworden">Wie ist das bekannt geworden?</h2> <p>Bereits Ende 2025 haben <a href="https://www.productsafety.gov.au/search-consumer-product-recalls/educational-colours-rainbow-sand-13kg-creatistics-coloured-sand-1kg-kadink-coloured-decorative-sand-13kg-and-kadink-cotton-sensory-sand-700g" rel="noopener">australische</a> und <a href="https://www.productsafety.govt.nz/recalls?q=&amp;category=25&amp;sort=&amp;from=&amp;to=&amp;exclude=" rel="noopener">neuseeländische</a> Behörden vor buntem Sand aus China gewarnt. Mittlerweile, Stand Februar 2026, gibt es auch aus <a href="https://economie.fgov.be/sites/default/files/Files/Quality-and-Security/speelzand-blacklist.pdf" rel="noopener">Belgien</a> und den <a href="https://www.ad.nl/binnenland/asbest-in-speelfiguurtjes-van-de-action-eerste-terugroepactie-in-zandaffaire~ad5e8845/" rel="noopener">Niederlanden</a> Asbestfunde in dem Sand, bestimmte Produkte wurden aus dem Handel genommen.</p> <h2 id="h-wie-kommt-asbest-in-den-sand">Wie kommt Asbest in den Sand?</h2> <p>Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass niemand absichtlich Sand mit Asbest versehen hat, um eine bestimmte Materialeigenschaft zu verbessern oder gar um anderen zu schaden. Bei dem nachgewiesenen Asbest handelt es sich um sogenannten geogenen Asbest, wobei ich persönlich lieben den Begriff „akzessorischer Asbest“ verwendet sehen möchte. Denn dieser Asbest kommt in den Rohstoffen, die wir hier zum Beispiel für die Produktion des Spielsandes verwenden, als akzessorisches Mineral vor. Wenn man also diese Rohstoffe verarbeitet, gelangt der Asbest damit auch in die Produkte. Das deckt sich auch mit ersten Untersuchungen, die wir in dem Labor, in dem ich arbeite, durchgeführt haben.</p> <p>Hier fand sich Asbest in Sanden mit einer karbonatischen Matrix, also Sand, der aus calcitischen oder auch dolomitischen Marmoren hergestellt wurde. Diese Marmore, metamorphe Gesteine, enthalten je nach ihrem Ausgangsgestein auch silikatische Anteile. Wenn sie während der Metamorphose zu Marmor werden, können auch verschiedene Minerale entstehen, die wir unter dem Begriff Asbest zusammenfassen, z.B. Tremolit, ein Mineral aus der großen Gruppe der Amphibole. In manchen Fällen kann auch Chrysotil enthalten sein, den wir unter dem Begriff Weißasbest kennen.<aside></aside></p> <p>Beide Asbestformen konnten in karbonatischen Sanden auch bereits gefunden werden. Weitgehend unverdächtig sind zumindest vorläufig Sande aus Quarzsand oder gemahlenem Glas.</p> <h2 id="h-wie-weiss-ich-ob-mein-spielsand-auch-betroffen-ist">Wie weiß ich, ob mein Spielsand auch betroffen ist?</h2> <p>Man kann sich als Anfang auf den Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind" rel="noopener">Verbraucherzentrale</a> oder der <a href="https://www.test.de/Verbraucherschuetzer-warnen-Asbest-in-buntem-Spielsand-gefunden-6281991-0/" rel="noopener">Stiftung Warentest</a> informieren. Hier sind auch oft die aktuellen Rückruflisten zu finden. Wenn man nicht sicher ist, welches Produkt man besitzt oder die Originalverpackung nicht mehr hat, kann man auch eine Probe in einem akkreditierten Labor untersuchen lassen. Die Kosten liegen hier im Bereich zwischen 100 und 170,- € je nach Labor, Bearbeitungszeit und Nachweisgrenze. Das Probenmaterial sollte luftdicht verpackt und gekennzeichnet mit einem kurzen Anschreiben an das betreffende Labor geschickt werden. Im Anschreiben stehen sinnigerweise neben ihrem Analysewunsch und den Kontaktdaten auch eine E-Mail-Adresse und die Telefonnummer, falls es Rückfragen gibt.</p> <p>Unverpackte Sande sollten unter Beachtung von persönlichen Schutzmaßnahmen wieder luftdicht verpackt werden. Dazu gehört eine dicht sitzende FFP-2 (wie während der Corona Zeit) oder besser noch eine FFP3-Maske sowie Putzhandschuhe und Schutzbrille. Den Sand eventuell mit einem nassen Tuch, gegebenenfalls auch vorsichtig(!) mithilfe einer Blumenspritze mit Wasser und etwas Spülmittel angefeuchtet werden. Dabei ist vor allem mit der Blumenspritze auf jeden Fall zu vermeiden, Staub aufzuwirbeln. Anschließend den Staub feucht mit nassem Lappen aufzuwischen.</p> <p>Auf keinen Fall (!) sollte man den Haushaltsstaubsauger benutzen. Normale Haushaltsstaubsauger können Asbestfasern nicht zurückhalten. Sie verwirbeln sie und führen letztlich zu einer stärkeren Belastung der Luft. Asbesthaltige Materialien können nur mit speziellen Saugern der Klasse H aufgenommen werden.</p> <h2 id="h-wenn-mein-sand-asbestbelastet-ist-was-muss-ich-tun">Wenn mein Sand asbestbelastet ist, was muss ich tun?</h2> <p>Wenn sich herausstellt, dass ihr Produkt mit Asbest belastet ist, dann sollte es entsprechend entsorgt werden. Dazu sollten sie mit ihrem zuständigen Entsorgungsunternehmen Kontakt aufnehmen, Hier wird man ihnen schnell sagen, wo und wie asbesthaltige Abfälle abzugeben sind.</p> <p>Wenn der asbesthaltige Sand in Innenräumen verwendet wurde, kann eventuell auch eine professionelle Reinigung notwendig werden. Das hängt aber sowohl von der Höhe der Asbestbelastung des Sandes als auch von der Dauer sowie der Stärke der Staubfreisetzung ab. Eventuell kann man auch mithilfe von Staubproben prüfen, ob und wie weit Asbest in der Wohnung verbreitet ist. Es besteht aber auch kein Grund zur Panik. Asbest stellt zwar ein bedeutendes Gesundheitsrisiko dar, dieses Risiko steigt aber mit der Dauer und der Höhe der Exposition. In den Überwiegenden Fällen müssen etliche Faserjahre zustande kommen, um ein deutliches Risiko zu haben, wobei ein Faserjahr bedeutet, dass man rund eine Million Fasern pro Kubikmeter für mindestens 240 Arbeitstage eingeatmet hat. Wie schnell sich das Risiko herunterbricht, wenn man nur Bruchteile davon erreicht, und welches Risiko zum Beispiel Handwerker haben, die nur kurzzeitig höheren Belastungen ausgesetzt waren, habe ich in einem anderen Blogbeitrag mal aufgeschlüsselt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbestrisiko-beim-heimwerken/">Asbestrisiko beim Heimwerken</a>). </p> <p>Alles in allem also keine Entwarnung, aber auch kein Grund zur Panik. Man sollte aber die entsprechenden Seiten der <a href="https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/projekt-schadstoffberatung/schadstoffberatung-kinderprodukte-spielzeug/spielsand-und-bastelsand-ist-asbest-enthalten-117318#:~:text=Wenn%20sich%20herausstellt%2C%20dass%20das,wo%20asbesthaltige%20Abf%C3%A4lle%20abzugeben%20sind" rel="noopener">Verbraucherzentralen</a> und vielleicht auch der einschlägigen <a href="https://www.crb-gmbh.com/de/newspost/asbest-in-spielsand?fbclid=IwY2xjawQEeClleHRuA2FlbQIxMABicmlkETAzUUprV0NBVzlENU9XNzJ3c3J0YwZhcHBfaWQQMjIyMDM5MTc4ODIwMDg5MgABHpXNGKqn73PkX2ziy6UUmPcWEfuwD5kcEWv3AuOjGdfzr9uwmmJqGpY6xtiy_aem_piLiXzuALZkysQ9bzJu-lQ" rel="noopener">Labore</a> im Auge behalten.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/asbest-in-spielsand/#comments 2 Frohes neues Jahr https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/#respond Tue, 17 Feb 2026 07:41:57 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12621 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/</link> </image> <description type="html"><h1>Frohes neues Jahr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-02-17T08:41:57+01:00">17. Feb. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>… sagt man heute in China und das wünsche ich uns auch! Das neue Jahr ist das Jahr des Feuer-Pferdes (und es löst das Jahr der Holzschlange ab). </p> <p>Die Internationale Astronomische Union (IAU) veröffentlichte <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">kürzlich eine Pressemitteilung</a> zu den neuen Sternnamen der vergangenen zwei Jahre.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="773" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg 1060w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Bild zeigt den mythologischen General Wangliang mit seinen vier Pferden (Quadriga), nach denen die IAU letztes Jahr einen hellen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Stern im Sternbild Cassiopeia benannt hat (Tiansi</a>). Mich hatte das damals an meine Lieblingsstadt Berlin erinnert.</p> <p>In den vergangenen zwei Jahren hat die IAU 59 neue Sternnamen publiziert. <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">Hier die Pressemitteilung</a>.</p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Frohes neues Jahr » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2026-02-17T08:41:57+01:00">17. Feb. 2026</time></li><li>Lesedauer ca. 1 Minute</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <p>… sagt man heute in China und das wünsche ich uns auch! Das neue Jahr ist das Jahr des Feuer-Pferdes (und es löst das Jahr der Holzschlange ab). </p> <p>Die Internationale Astronomische Union (IAU) veröffentlichte <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">kürzlich eine Pressemitteilung</a> zu den neuen Sternnamen der vergangenen zwei Jahre.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg"><img alt="" decoding="async" height="773" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-1024x773.jpeg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-300x226.jpeg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses-768x580.jpeg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WangliangHorses.jpeg 1060w" width="1024"></img></a></figure> <p>Das Bild zeigt den mythologischen General Wangliang mit seinen vier Pferden (Quadriga), nach denen die IAU letztes Jahr einen hellen <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/himmlische-quadriga/">Stern im Sternbild Cassiopeia benannt hat (Tiansi</a>). Mich hatte das damals an meine Lieblingsstadt Berlin erinnert.</p> <p>In den vergangenen zwei Jahren hat die IAU 59 neue Sternnamen publiziert. <a href="https://iau.org/IAU/News/Ann2026/New-Star-Names-2026.aspx" rel="noopener">Hier die Pressemitteilung</a>.</p> <aside></aside></div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter - fünf Mal die Woche von Dienstag bis Samstag! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/frohes-neues-jahr/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/#respond Mon, 16 Feb 2026 20:46:22 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3739 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg Achtung, Asbest! https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg" /><h1>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Die DCONex fand in Münster statt, mit Fokus auf Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe.</li> <li>Olaf Dünger präsentierte die neuesten Entwicklungen im Bereich Gebäudeschadstoffe, einschließlich der aktualisierten VDI 3492.</li> <li>Künstliche Intelligenz bietet Chancen im Bereich Asbestanalytik, erfordert jedoch maschinelles Lernen.</li> <li>Die Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung berücksichtigt neue Regelungen und Anforderungen beim Abbruch von asbesthaltigen Materialien.</li> <li>Das Recycling von Bauststoffen steht vor Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Schadstofffreiheit und Zeitdruck.</li> </ul> </div> <p>Auch in diesem Jahr fand in Münster die DCONex statt, der Fachkongress und Ausstellung zum Thema Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe. Ich möchte mich auf diesem Wege gleichzeitig bei unserem Partner i3 Membrane bedanken. Wir haben wieder eine wundervolle Zeit miteinander verbracht und sie haben für uns einen tollen gemeinsamen Messestand geplant. Natürlich habe ich neben der Arbeit am Stand wieder verschiedene Sessions besucht. Schließlich soll es ja auch diesen Blogbeitrag geben.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rUP8Hp" rel="noopener"><img alt="DCONex 2026" decoding="async" fetchpriority="high" height="427" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075265749_d9e68f2192_z.jpg" width="640"></img></a> </div></figure> <h2 id="h-neue-entwicklungen">Neue Entwicklungen</h2> <p>Traditionell beginnt der Kongress nach der Begrüßung mit einem Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gebäudeschadstoffe. Auch diesmal übernahm Olaf Dünger, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Schadstoffsanierer, diese Aufgabe.</p> <p>Es gab so einiges Neues im letzten Jahr. Da wäre zum einen die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Sie ist zwar erst 2024 in Kraft getreten, wurde aber bereits im vergangenen Jahr überarbeitet. Dabei wurden einige Regeln zum Umgang mit Asbest und zum Arbeitsschutz konkretisiert. Die Erlaubnis für die Abfallbehandlung von Asbest liegt inzwischen vor. Der Umgang mit Asbest an den Standorten der Anlagen kann nun, wie in der LAGA M 23 von 2023 beschrieben, rechtssicher erfolgen. Gleichzeitig musste auch die TRGS 519 an die neue Gefahrstoffverordnung angepasst werden.</p> <p>Zudem wurden einige Regelwerke erneuert, darunter die VDI 3492 „Innenraumluft, Außenluft – Messen faserförmiger anorganischer Partikel – Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren”. Diese ist im Januar in den Weißdruck gegangen und somit quasi noch druckfrisch.</p> <p>Ein weiteres Beispiel ist die VDI 6202 Blatt 10 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest in Bauschutt, Recycling und Bodenmaterial” vom Dezember letzten Jahres. Hier wird eine wichtige Lücke im Regelwerk geschlossen. Sie regelt den Umgang mit potenziell asbesthaltigen Bauschutt- und Abbruchmaterialien und gibt vor, wie das Material zu beproben ist.<aside></aside></p> <h2 id="h-chancen-und-herausforderungen-durch-den-einsatz-von-ki">Chancen und Herausforderungen durch den Einsatz von KI</h2> <p>Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde, sei es in Form von allgegenwärtigen Chatbots oder Bildgeneratoren, die uns langsam an der Realität zweifeln lassen und oftmals auch ganz direkt in sehr persönliche Bereiche hineinreichen. Abgesehen von manchen sinnigen, vielen unsinnigen und noch mehr zweifelhaften Anwendungen kann KI viel mehr. Sie wird nicht nur meinen Arbeitsbereich ziemlich umkrempeln. Dabei mache ich mir relativ wenige Gedanken darüber, dass sie mich gleich ganz ersetzen wird. Sie hat jedoch das Potenzial, mir viele ermüdende Arbeiten abzunehmen und viele Routinen zu erleichtern. Denn bislang ist die Asbestanalytik schweißtreibend, zeitraubend und allzu oft auch buchstäblich nervtötend. Doch bevor die KI helfen kann, muss sie maschinell lernen, und das ist oft nicht so einfach, wie Markus König von der Ruhr-Universität Bochum zeigte. Ich will hier gar nicht so sehr auf die Details eingehen, das könnten andere sicher besser. Wo die KI uns hinsichtlich der Gebäudeschadstoffe schon unterstützen kann, sind unter anderem Vorhersagen der Recyclingfähigkeit der eingesetzten Baustoffe, die Abschätzung von Abfall- und Verwertungsmengen sowie die Abfrage von Regelwerken, Normen und Vorschriften.</p> <p>Sie kann auch bei der Planung, Bauausführung, Überwachung und Qualitätskontrolle während des Baus helfen. Erschreckend ist vielleicht auch die Hilfe KI-gestützter Systeme bei der Erkennung und Verfolgung von Arbeitnehmern auf Baustellen, um potenziell gefährliche Situationen zu identifizieren oder zu überprüfen, ob Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingehalten werden. Das lässt sich natürlich auch übertreiben, sodass letztlich keine Handlung eines Arbeitnehmers mehr unentdeckt bleibt. Jeder kann sich selbst die Frage stellen, ob und inwiefern dies wünschenswert wäre.</p> <p>Etwas weniger kontrovers und vielleicht auch näher an meinem Arbeitsgebiet wäre die Erkennung und Klassifizierung von Oberflächenschäden, wie etwa Rissen, in Spannbetonbrücken. Dabei werden Rissabstände, Risswerte und Rissrichtungen sowie die genaue Position der Risse automatisch erfasst.</p> <p>Leider fehlt es vielfach an Mitarbeitern mit den notwendigen Kenntnissen. Denn eine KI hängt in erster Linie von der Menge und vor allem der Qualität der Daten ab. KI-Verfahren realisieren oft genau das, was die Menschen ihnen beigebracht haben. Selbst wenn dies nicht unbedingt das eigentliche Ziel war.</p> <h2 id="h-zukunftige-rechtsanforderungen">Zukünftige Rechtsanforderungen</h2> <p>Die Diskussion um zukünftige Rechtsanforderungen gehört auch zum traditionellen Programm.</p> <h3 id="h-anpassung-der-trgs-519-an-die-novellierte-gefahrstoffverordnung">Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung</h3> <p>Den Anfang machte Andrea Bonner von der BG Bau mit der novellierten Gefahrstoffverordnung und deren Auswirkungen auf notwendige Anpassungen der TRGS 519, die hier ja schon mehrfach erwähnt wurde. Sie hat auch Auswirkungen auf andere Vorschriften wie die TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“.</p> <p>Im Bereich Abbruch ist das vollständige oder auch teilweise Entfernen asbesthaltiger Bauteile, auch in Teilflächen oder Teilbereichen, möglich. Hierbei kommt es zu einigen Konkretisierungen, etwa beim Entfernen einzelner beschädigter Teile. Als Beispiele könnten einzelne beschädigte Faserzementplatten auf einem Dach oder einzelne Floorflex-Platten gelten. Diese dürfen durch asbestfreie Produkte ersetzt werden. Dies fällt unter Maßnahmen der funktionalen Instandhaltung.</p> <p>Außerdem im Bereich Sanierung. Hier werden die Maßnahmen zur Vermeidung der Gefährdung der Nutzer durch asbesthaltige Stäube mittels räumlicher Trennung sowie die Sofortmaßnahmen zur vorläufigen Sicherung weiter konkretisiert. So ist die räumliche Trennung beispielsweise zu kennzeichnen. Es ist zu dokumentieren, an welchen Bauteilen asbesthaltige Materialien verbleiben.</p> <p>Für die Instandhaltung wird eine Liste mit Tätigkeiten beim Bauen im Bestand inklusive entsprechender Beispiele erstellt. Zudem soll das Erreichen des Endes der Nutzungsdauer genauer definiert werden. Das Ende der Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht, wenn das Material seine ursprüngliche Funktion noch erfüllen kann und entsprechend seiner beim Einbau vorgesehenen Bestimmung verwendet wird. Zudem darf von dem Material im aktuellen Zustand keine Gefahr ausgehen.</p> <p>Auch das Thema der Überdeckung wird genauer definiert. So gilt das Überdeckungsverbot beispielsweise nicht für geringfügige Überlappungen. Eine schwimmende Verlegung, also ohne Bohren und Kleben, sowie das lose Auflegen von beispielsweise Teppich auf asbesthaltige Bodenbeläge ist zulässig.</p> <p>Das Überdeckungsverbot gilt außerdem nicht für asbesthaltige Putze, Fliesenkleber oder Spachtelmassen. Tapezieren und Streichen zählen zur funktionalen Instandhaltung im Rahmen der laufenden Nutzung.</p> <p>Auch die Mitwirkungs- und Informationspflicht des Veranlassers ist hier enthalten. Wenn aufgrund des Baualters davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten, soll eine umfassende Informationsweitergabe erfolgen, auf deren Grundlage die ausführenden Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen können. Gegebenenfalls soll bereits in der Planungsphase eine technische Erkundung durch den Veranlasser durchgeführt werden. So wird sichergestellt, dass die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bereits in der Planungs-, Kalkulations- und Vorbereitungsphase berücksichtigt werden.</p> <h3>Die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519</h3> <p>Birgitta Höwing von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG hat die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519 vorgestellt. Die Expositions-Risiko-Matrix ist hier ja eigentlich auch schon keine Unbekannte mehr. Es geht darum, die Exposition gegenüber schädlichen Stoffen – in diesem Fall insbesondere Asbest – in Klassen mit unterschiedlichem Risiko einzustufen. Die Grenze der jeweiligen Klassen hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der mit schweren Erkrankungen zu rechnen ist. Aktuell liegt der Bereich der geringen Exposition zwischen 1.000 und 10.000 Fasern pro m³ Luft. Darüber, also ab einer Exposition von 10.000 Fasern pro m³, beginnt der Bereich der mittleren Exposition bis zu einer Grenze von 100.000 Fasern pro m³. Darüber liegt der Bereich der hohen Exposition. Dabei stellen 10.000 Fasern die Akzeptanzkonzentration und 100.000 Fasern die Toleranzkonzentration dar.</p> <p>Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass alle Tätigkeiten, für die keine ausreichenden Messwerte zur Verfügung stehen, in die Kategorie „hohe Exposition” eingestuft werden. Dies macht das Messprogramm der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BG Holz und Metall) so enorm wichtig. In diesem Programm werden für verschiedene Tätigkeiten Expositionswerte ermittelt.</p> <p>Die ermittelten Daten werden dem Arbeitskreis TRGS 519 vorgelegt und sollen in Anlage 9 veröffentlicht werden. Diese Anlage wird um geprüfte Tätigkeiten erweitert.</p> <p>Der gesamte Prozess dauert jedoch lange, da es auf der Seite der Bauherren an Bereitschaft mangelt, Messungen unter realen Bedingungen und in verschiedenen Situationen durchzuführen. Es werden nach wie vor geeignete Objekte gesucht. Geeignet sind Gebäude mit einem eindeutigen Nachweis über asbesthaltige Produkte sowie Gebäude, in denen neu verputzt, gespachtelt oder gefliest wurde und die Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber mit einem Gehalt an „natürlichem“ Tremolit enthalten.</p> <h3 id="h-leitfaden-asbest-beim-bauen-im-bestand">Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“</h3> <p>Gerade beim Bauen im Bestand muss stets auf mögliche Vorkommen asbesthaltiger Materialien geachtet werden. Die BG Bau bietet betroffenen Handwerkern den Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“ an. Berit Schuchmann von der BG Bau stellte ihn hier vor. In diesem Leitfaden wird unter anderem die bereits oben erwähnte Expositions-Risiko-Matrix vorgestellt und erläutert sowie die Änderungen der Gefahrstoffverordnung noch einmal erklärt. Welche Pflichten hat der Veranlasser? Stichworte sind hier Mitwirkungs- und Informationspflicht. Welche Ausnahmen gelten im Rahmen von Abbruch, Sanierung oder Instandhaltung? Wie sehen risikobezogene Regelungen zu Schutzmaßnahmen, Zulassung und Anzeige von Arbeiten aus? Welche Regelungen betreffen die Fach- und Sachkunde? Welche Anforderungen werden an die Qualifikation der ausführenden Firmen und deren Personal gestellt?</p> <h2 id="h-anforderungen-an-abfall-und-recyclingmaterial">Anforderungen an Abfall und Recyclingmaterial</h2> <h3 id="h-vdi-6202-blatt-10-anwendung-mit-praxisbericht">VDI 6202 Blatt 10 – Anwendung mit Praxisbericht</h3> <p>Martin Hönig von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG gab uns einige Einblicke in die Praxis der Anwendung der vergleichsweise neuen VDI 6202 Blatt 10 und erklärte, wie bei einem Verdacht auf Asbest im Bauschutt vorzugehen ist. Dabei spielen die Sichtprüfung der verdächtigen Materialien sowie gegebenenfalls die Entnahme auffälliger Stücke zur nachfolgenden Analyse eine Rolle.</p> <p>Dabei wird zwischen abbruchnahen Haufwerken und Haufwerken aus gebrochenen Materialien unterschieden. Abbruchnahe Haufwerke unterscheiden sich dadurch, dass die einzelnen Materialien noch zuzuordnen sind und meist grobe, unzerbrochene Stücke oder ganze Bauteile erkennbar sind. Eine Sortierung oder Umlagerung hat nicht stattgefunden.</p> <p>In Haufwerken aus gebrochenem Material hingegen sind meist keine einzelnen Bauteile mehr erkennbar. Das Material wurde umgelagert und prozessiert.</p> <p>Es wurden die unterschiedlichen Probenahmestrategien diskutiert: die Rekonstruktion der Gebäudesubstanz bei abbruchnahen Haufwerken oder die Einteilung in Sektoren, deren Absuchen und gegebenenfalls die Anlage von Schürfen. Die Probenahme selbst erfolgt nach LAGA PN 98, die Analytik nach VDI 3876 bzw. 3866 Blatt 5.</p> <h3 id="h-bedeutung-der-laga-m-23-fur-abbruch-und-recycling">Bedeutung der LAGA M 23 für Abbruch und Recycling</h3> <p>Gunther Weyer vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz informierte uns über die aktualisierte Fassung der LAGA M 23 „Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle“.</p> <p>Die alte Fassung der M 23 stammte vom Juni 2015 und war somit bereits einige Jahre alt. So fehlten unter anderem Regelungen zum Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen mit geringen Asbestgehalten. Zudem wurden neue Erkenntnisse über asbesthaltige Bauprodukte gewonnen, beispielsweise über die Abstandshalter aus Asbest in Betonbauwerken oder über Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber.</p> <p>Für asbesthaltige Baustoffe gilt ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Die Verwertung von Bauabfällen, denen absichtlich sogenannter technischer Asbest zugesetzt wurde, ist für den Einsatz von Recyclingbaustoffen grundsätzlich verboten. Für Baustoffe mit geringem Gehalt an sogenanntem geogenem Asbest gelten jedoch abweichende Regelungen.</p> <p>Die Unterscheidung zwischen technischem und geogenem Asbest wird uns hier sicher noch weiter beschäftigen. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.</p> <p>Bauwerke können als asbestfrei angesehen werden, wenn sie nach dem 31. Oktober 1993 gebaut wurden, es sei denn, es gibt anderweitige Verdachtsmomente. Zudem können Bauwerke als asbestfrei gelten, wenn sie nach dem aktuellen Stand der Technik asbestsaniert wurden oder wenn eine entsprechende Sachverständigenbescheinigung vorliegt. Auch die Abfälle aus diesen Gebäuden können dann als asbestfrei gelten.</p> <p>Alle anderen Gebäude oder Abfälle aus ihnen stehen zunächst unter Asbestverdacht. Haufwerke daraus können nach einer entsprechenden Untersuchung als asbestfrei deklariert werden. Der Beurteilungswert liegt hier bei 0,01 Massenprozent. Eine Asbestfreiheit darf aber nicht durch Berechnung festgestellt werden.</p> <p>Ein anderer Fall sind Monochargen, also Haufwerke, die aus einem einzigen Baustoff bestehen. Dies gilt, wenn diese Baustoffe nach Herkunft und Beschaffenheit keinen Asbestgehalt erwarten lassen. Beispiele hierfür sind Rasengittersteine, Dachziegel, Natursteine, Kies oder Naturschiefer. Bei Abfällen aus der Badsanierung oder Mauersteinen mit anhaftendem Putz ist hingegen immer Vorsicht geboten.</p> <h4 id="h-geogener-asbest">Geogener Asbest</h4> <p>Bauschutt mit einem Asbestgehalt von weniger als 0,1 Massenprozent kann mit dem Abfallschlüssel 17 01 XX (nicht gefährlich) entsorgt werden, wobei der Hinweis „mit geringen Asbestgehalten“ zu beachten ist. Bei einem Asbestgehalt von mehr als 0,1 Mass% hingegen gilt der Schlüssel 17 01 06 (gefährlich, mit Hinweis auf Asbestgehalt).</p> <p>Für den sogenannten geogenen Asbest gilt: Die Gewinnung von Gesteinen mit weniger als 0,1 Massenprozent geogenem Asbest und deren Inverkehrbringen bleibt zulässig. Dies gilt jedoch nicht für absichtlich hinzugefügtes, sogenanntes technisches Asbest.</p> <p>Daher lässt das Chemikaliengesetz auch die Verwendung von Bauabfällen und deren Verwendung als Recyclingbaustoffe zu, solange der Asbestgehalt 0,1 Massenprozent nicht übersteigt.</p> <p>Hier lauert jedoch ein nicht ganz triviales Problem: Wie soll geogener Asbest von technischem Asbest in Baustoffen unterschieden werden? Bislang gibt es keine verbindlichen Kriterien. Diesem Thema werden wir uns in einem weiteren Beitrag widmen. Denn hierzu schweigt sich die LAGA M 23 leider aus. Dort wird lediglich auf die in der TRGS 517 aufgeführten Untersuchungsmethoden und Auswerteregeln verwiesen und auf lungengängige Fasern, also Fasern gemäß der Definition der WHO, abgestellt.</p> <p>Ansonsten dürfen dem Recycling nur asbestfreie Bauabfälle (d. h. keine, die technischen Asbest enthalten) zugeführt werden. Den Nachweis der Asbestfreiheit muss der Abfallerzeuger bzw. der Besitzer erbringen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-recyclingmaterial">Anforderungen an Recyclingmaterial</h3> <p>Welche Anforderungen werden an Recyclingmaterial gestellt, wenn es um das Recycling von Baustoffen geht? Genau darum ging es in dem Beitrag von Patric van der Haegen vom Unternehmen Eberhard.</p> <p>Eines der Hauptprobleme bei der Wiederverwendung und dem Recycling von Baustoffen ist die knappe Zeit. Alles muss möglichst schnell und günstig gehen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Materialgemische, die entsprechend schwer zu recyceln sind. Es ist dann sehr schwer, die Materialeigenschaften zu bewahren und Schadstofffreiheit zu gewährleisten.</p> <p>Hinzu kommen die häufig verwendeten Kompositbaustoffe, die sich vor Ort meist nur schwer trennen lassen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Aufbereitungsanlagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dieseds war nur der erste Tag. Aber schon hier zeichnet sich ab, wie wichtig eine Unterscheidung zwischen technisch verwendeten und den so genannten geogenen Asbesten ist. Dazu muss ich auch sagen, dass ich den gängigen Begriff „geogener Asbest“ so überhaupt nicht mag. Denn auch unser technisch verwendeter Asbest it geogen, nur eben dass er aus ausgesuchten Lagerstätten stammt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt hat. Asbest ist, so leid es mir tut, ein absolut natürlicher Werkstoff. Da ist nichts künstliches dran. Der einzige Unterschied ist eben, dass er in Lagerstätten angereichert ist, während der unter dem Begriff geogener Asbest zusammengefasste Asbest meist nur als akzessorisches Mineral in Zuschlagsstoffen steckt. Aber das soll ein Thema für den zweiten tTag und einen anderen Blogbeitrag sein.</p> <figure><div> <a data-flickr-embed="true" href="https://www.flickr.com/photos/gunnarries/albums/72177720331792390/" rel="noopener" title="DCONex 2026 by Gunnar Ries zwo, on Flickr"><img alt="DCONex 2026" height="600" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075212333_8d75066cfc_z.jpg" width="800"></img></a> </div></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/25155095847_b9044c23dc_c-200x300-1.jpg" /><h1>Auch in diesem Jahr reden wir über Gebäudeschadstoffe – DCONex 2026 » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Die DCONex fand in Münster statt, mit Fokus auf Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe.</li> <li>Olaf Dünger präsentierte die neuesten Entwicklungen im Bereich Gebäudeschadstoffe, einschließlich der aktualisierten VDI 3492.</li> <li>Künstliche Intelligenz bietet Chancen im Bereich Asbestanalytik, erfordert jedoch maschinelles Lernen.</li> <li>Die Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung berücksichtigt neue Regelungen und Anforderungen beim Abbruch von asbesthaltigen Materialien.</li> <li>Das Recycling von Bauststoffen steht vor Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Schadstofffreiheit und Zeitdruck.</li> </ul> </div> <p>Auch in diesem Jahr fand in Münster die DCONex statt, der Fachkongress und Ausstellung zum Thema Schadstoffmanagement und Gebäudeschadstoffe. Ich möchte mich auf diesem Wege gleichzeitig bei unserem Partner i3 Membrane bedanken. Wir haben wieder eine wundervolle Zeit miteinander verbracht und sie haben für uns einen tollen gemeinsamen Messestand geplant. Natürlich habe ich neben der Arbeit am Stand wieder verschiedene Sessions besucht. Schließlich soll es ja auch diesen Blogbeitrag geben.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/2rUP8Hp" rel="noopener"><img alt="DCONex 2026" decoding="async" fetchpriority="high" height="427" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075265749_d9e68f2192_z.jpg" width="640"></img></a> </div></figure> <h2 id="h-neue-entwicklungen">Neue Entwicklungen</h2> <p>Traditionell beginnt der Kongress nach der Begrüßung mit einem Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Gebäudeschadstoffe. Auch diesmal übernahm Olaf Dünger, der Vorsitzende des Gesamtverbandes der Schadstoffsanierer, diese Aufgabe.</p> <p>Es gab so einiges Neues im letzten Jahr. Da wäre zum einen die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Sie ist zwar erst 2024 in Kraft getreten, wurde aber bereits im vergangenen Jahr überarbeitet. Dabei wurden einige Regeln zum Umgang mit Asbest und zum Arbeitsschutz konkretisiert. Die Erlaubnis für die Abfallbehandlung von Asbest liegt inzwischen vor. Der Umgang mit Asbest an den Standorten der Anlagen kann nun, wie in der LAGA M 23 von 2023 beschrieben, rechtssicher erfolgen. Gleichzeitig musste auch die TRGS 519 an die neue Gefahrstoffverordnung angepasst werden.</p> <p>Zudem wurden einige Regelwerke erneuert, darunter die VDI 3492 „Innenraumluft, Außenluft – Messen faserförmiger anorganischer Partikel – Rasterelektronenmikroskopisches Verfahren”. Diese ist im Januar in den Weißdruck gegangen und somit quasi noch druckfrisch.</p> <p>Ein weiteres Beispiel ist die VDI 6202 Blatt 10 „Schadstoffbelastete bauliche und technische Anlagen – Asbest in Bauschutt, Recycling und Bodenmaterial” vom Dezember letzten Jahres. Hier wird eine wichtige Lücke im Regelwerk geschlossen. Sie regelt den Umgang mit potenziell asbesthaltigen Bauschutt- und Abbruchmaterialien und gibt vor, wie das Material zu beproben ist.<aside></aside></p> <h2 id="h-chancen-und-herausforderungen-durch-den-einsatz-von-ki">Chancen und Herausforderungen durch den Einsatz von KI</h2> <p>Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde, sei es in Form von allgegenwärtigen Chatbots oder Bildgeneratoren, die uns langsam an der Realität zweifeln lassen und oftmals auch ganz direkt in sehr persönliche Bereiche hineinreichen. Abgesehen von manchen sinnigen, vielen unsinnigen und noch mehr zweifelhaften Anwendungen kann KI viel mehr. Sie wird nicht nur meinen Arbeitsbereich ziemlich umkrempeln. Dabei mache ich mir relativ wenige Gedanken darüber, dass sie mich gleich ganz ersetzen wird. Sie hat jedoch das Potenzial, mir viele ermüdende Arbeiten abzunehmen und viele Routinen zu erleichtern. Denn bislang ist die Asbestanalytik schweißtreibend, zeitraubend und allzu oft auch buchstäblich nervtötend. Doch bevor die KI helfen kann, muss sie maschinell lernen, und das ist oft nicht so einfach, wie Markus König von der Ruhr-Universität Bochum zeigte. Ich will hier gar nicht so sehr auf die Details eingehen, das könnten andere sicher besser. Wo die KI uns hinsichtlich der Gebäudeschadstoffe schon unterstützen kann, sind unter anderem Vorhersagen der Recyclingfähigkeit der eingesetzten Baustoffe, die Abschätzung von Abfall- und Verwertungsmengen sowie die Abfrage von Regelwerken, Normen und Vorschriften.</p> <p>Sie kann auch bei der Planung, Bauausführung, Überwachung und Qualitätskontrolle während des Baus helfen. Erschreckend ist vielleicht auch die Hilfe KI-gestützter Systeme bei der Erkennung und Verfolgung von Arbeitnehmern auf Baustellen, um potenziell gefährliche Situationen zu identifizieren oder zu überprüfen, ob Vorgaben zum Arbeits- und Gesundheitsschutz eingehalten werden. Das lässt sich natürlich auch übertreiben, sodass letztlich keine Handlung eines Arbeitnehmers mehr unentdeckt bleibt. Jeder kann sich selbst die Frage stellen, ob und inwiefern dies wünschenswert wäre.</p> <p>Etwas weniger kontrovers und vielleicht auch näher an meinem Arbeitsgebiet wäre die Erkennung und Klassifizierung von Oberflächenschäden, wie etwa Rissen, in Spannbetonbrücken. Dabei werden Rissabstände, Risswerte und Rissrichtungen sowie die genaue Position der Risse automatisch erfasst.</p> <p>Leider fehlt es vielfach an Mitarbeitern mit den notwendigen Kenntnissen. Denn eine KI hängt in erster Linie von der Menge und vor allem der Qualität der Daten ab. KI-Verfahren realisieren oft genau das, was die Menschen ihnen beigebracht haben. Selbst wenn dies nicht unbedingt das eigentliche Ziel war.</p> <h2 id="h-zukunftige-rechtsanforderungen">Zukünftige Rechtsanforderungen</h2> <p>Die Diskussion um zukünftige Rechtsanforderungen gehört auch zum traditionellen Programm.</p> <h3 id="h-anpassung-der-trgs-519-an-die-novellierte-gefahrstoffverordnung">Anpassung der TRGS 519 an die novellierte Gefahrstoffverordnung</h3> <p>Den Anfang machte Andrea Bonner von der BG Bau mit der novellierten Gefahrstoffverordnung und deren Auswirkungen auf notwendige Anpassungen der TRGS 519, die hier ja schon mehrfach erwähnt wurde. Sie hat auch Auswirkungen auf andere Vorschriften wie die TRGS 519 „Asbest – Abbruch-, Sanierungs- oder Instandhaltungsarbeiten“.</p> <p>Im Bereich Abbruch ist das vollständige oder auch teilweise Entfernen asbesthaltiger Bauteile, auch in Teilflächen oder Teilbereichen, möglich. Hierbei kommt es zu einigen Konkretisierungen, etwa beim Entfernen einzelner beschädigter Teile. Als Beispiele könnten einzelne beschädigte Faserzementplatten auf einem Dach oder einzelne Floorflex-Platten gelten. Diese dürfen durch asbestfreie Produkte ersetzt werden. Dies fällt unter Maßnahmen der funktionalen Instandhaltung.</p> <p>Außerdem im Bereich Sanierung. Hier werden die Maßnahmen zur Vermeidung der Gefährdung der Nutzer durch asbesthaltige Stäube mittels räumlicher Trennung sowie die Sofortmaßnahmen zur vorläufigen Sicherung weiter konkretisiert. So ist die räumliche Trennung beispielsweise zu kennzeichnen. Es ist zu dokumentieren, an welchen Bauteilen asbesthaltige Materialien verbleiben.</p> <p>Für die Instandhaltung wird eine Liste mit Tätigkeiten beim Bauen im Bestand inklusive entsprechender Beispiele erstellt. Zudem soll das Erreichen des Endes der Nutzungsdauer genauer definiert werden. Das Ende der Nutzungsdauer ist noch nicht erreicht, wenn das Material seine ursprüngliche Funktion noch erfüllen kann und entsprechend seiner beim Einbau vorgesehenen Bestimmung verwendet wird. Zudem darf von dem Material im aktuellen Zustand keine Gefahr ausgehen.</p> <p>Auch das Thema der Überdeckung wird genauer definiert. So gilt das Überdeckungsverbot beispielsweise nicht für geringfügige Überlappungen. Eine schwimmende Verlegung, also ohne Bohren und Kleben, sowie das lose Auflegen von beispielsweise Teppich auf asbesthaltige Bodenbeläge ist zulässig.</p> <p>Das Überdeckungsverbot gilt außerdem nicht für asbesthaltige Putze, Fliesenkleber oder Spachtelmassen. Tapezieren und Streichen zählen zur funktionalen Instandhaltung im Rahmen der laufenden Nutzung.</p> <p>Auch die Mitwirkungs- und Informationspflicht des Veranlassers ist hier enthalten. Wenn aufgrund des Baualters davon auszugehen ist, dass asbesthaltige Materialien vorhanden sein könnten, soll eine umfassende Informationsweitergabe erfolgen, auf deren Grundlage die ausführenden Unternehmen eine Gefährdungsbeurteilung durchführen können. Gegebenenfalls soll bereits in der Planungsphase eine technische Erkundung durch den Veranlasser durchgeführt werden. So wird sichergestellt, dass die Anforderungen an Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz bereits in der Planungs-, Kalkulations- und Vorbereitungsphase berücksichtigt werden.</p> <h3>Die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519</h3> <p>Birgitta Höwing von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG hat die Expositions-Risiko-Matrix der TRGS 519 vorgestellt. Die Expositions-Risiko-Matrix ist hier ja eigentlich auch schon keine Unbekannte mehr. Es geht darum, die Exposition gegenüber schädlichen Stoffen – in diesem Fall insbesondere Asbest – in Klassen mit unterschiedlichem Risiko einzustufen. Die Grenze der jeweiligen Klassen hängt von der Wahrscheinlichkeit ab, mit der mit schweren Erkrankungen zu rechnen ist. Aktuell liegt der Bereich der geringen Exposition zwischen 1.000 und 10.000 Fasern pro m³ Luft. Darüber, also ab einer Exposition von 10.000 Fasern pro m³, beginnt der Bereich der mittleren Exposition bis zu einer Grenze von 100.000 Fasern pro m³. Darüber liegt der Bereich der hohen Exposition. Dabei stellen 10.000 Fasern die Akzeptanzkonzentration und 100.000 Fasern die Toleranzkonzentration dar.</p> <p>Dabei ist grundsätzlich zu beachten, dass alle Tätigkeiten, für die keine ausreichenden Messwerte zur Verfügung stehen, in die Kategorie „hohe Exposition” eingestuft werden. Dies macht das Messprogramm der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau), der Berufsgenossenschaft Energie, Textil, Elektro und Medienerzeugnisse (BG ETEM) sowie der Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BG Holz und Metall) so enorm wichtig. In diesem Programm werden für verschiedene Tätigkeiten Expositionswerte ermittelt.</p> <p>Die ermittelten Daten werden dem Arbeitskreis TRGS 519 vorgelegt und sollen in Anlage 9 veröffentlicht werden. Diese Anlage wird um geprüfte Tätigkeiten erweitert.</p> <p>Der gesamte Prozess dauert jedoch lange, da es auf der Seite der Bauherren an Bereitschaft mangelt, Messungen unter realen Bedingungen und in verschiedenen Situationen durchzuführen. Es werden nach wie vor geeignete Objekte gesucht. Geeignet sind Gebäude mit einem eindeutigen Nachweis über asbesthaltige Produkte sowie Gebäude, in denen neu verputzt, gespachtelt oder gefliest wurde und die Putze, Spachtelmassen oder Fliesenkleber mit einem Gehalt an „natürlichem“ Tremolit enthalten.</p> <h3 id="h-leitfaden-asbest-beim-bauen-im-bestand">Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“</h3> <p>Gerade beim Bauen im Bestand muss stets auf mögliche Vorkommen asbesthaltiger Materialien geachtet werden. Die BG Bau bietet betroffenen Handwerkern den Leitfaden „Asbest beim Bauen im Bestand“ an. Berit Schuchmann von der BG Bau stellte ihn hier vor. In diesem Leitfaden wird unter anderem die bereits oben erwähnte Expositions-Risiko-Matrix vorgestellt und erläutert sowie die Änderungen der Gefahrstoffverordnung noch einmal erklärt. Welche Pflichten hat der Veranlasser? Stichworte sind hier Mitwirkungs- und Informationspflicht. Welche Ausnahmen gelten im Rahmen von Abbruch, Sanierung oder Instandhaltung? Wie sehen risikobezogene Regelungen zu Schutzmaßnahmen, Zulassung und Anzeige von Arbeiten aus? Welche Regelungen betreffen die Fach- und Sachkunde? Welche Anforderungen werden an die Qualifikation der ausführenden Firmen und deren Personal gestellt?</p> <h2 id="h-anforderungen-an-abfall-und-recyclingmaterial">Anforderungen an Abfall und Recyclingmaterial</h2> <h3 id="h-vdi-6202-blatt-10-anwendung-mit-praxisbericht">VDI 6202 Blatt 10 – Anwendung mit Praxisbericht</h3> <p>Martin Hönig von der Wessling Consulting Engineering GmbH &amp; Co. KG gab uns einige Einblicke in die Praxis der Anwendung der vergleichsweise neuen VDI 6202 Blatt 10 und erklärte, wie bei einem Verdacht auf Asbest im Bauschutt vorzugehen ist. Dabei spielen die Sichtprüfung der verdächtigen Materialien sowie gegebenenfalls die Entnahme auffälliger Stücke zur nachfolgenden Analyse eine Rolle.</p> <p>Dabei wird zwischen abbruchnahen Haufwerken und Haufwerken aus gebrochenen Materialien unterschieden. Abbruchnahe Haufwerke unterscheiden sich dadurch, dass die einzelnen Materialien noch zuzuordnen sind und meist grobe, unzerbrochene Stücke oder ganze Bauteile erkennbar sind. Eine Sortierung oder Umlagerung hat nicht stattgefunden.</p> <p>In Haufwerken aus gebrochenem Material hingegen sind meist keine einzelnen Bauteile mehr erkennbar. Das Material wurde umgelagert und prozessiert.</p> <p>Es wurden die unterschiedlichen Probenahmestrategien diskutiert: die Rekonstruktion der Gebäudesubstanz bei abbruchnahen Haufwerken oder die Einteilung in Sektoren, deren Absuchen und gegebenenfalls die Anlage von Schürfen. Die Probenahme selbst erfolgt nach LAGA PN 98, die Analytik nach VDI 3876 bzw. 3866 Blatt 5.</p> <h3 id="h-bedeutung-der-laga-m-23-fur-abbruch-und-recycling">Bedeutung der LAGA M 23 für Abbruch und Recycling</h3> <p>Gunther Weyer vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz informierte uns über die aktualisierte Fassung der LAGA M 23 „Vollzugshilfe zur Entsorgung asbesthaltiger Abfälle“.</p> <p>Die alte Fassung der M 23 stammte vom Juni 2015 und war somit bereits einige Jahre alt. So fehlten unter anderem Regelungen zum Umgang mit mineralischen Bau- und Abbruchabfällen mit geringen Asbestgehalten. Zudem wurden neue Erkenntnisse über asbesthaltige Bauprodukte gewonnen, beispielsweise über die Abstandshalter aus Asbest in Betonbauwerken oder über Putze, Spachtelmassen und Fliesenkleber.</p> <p>Für asbesthaltige Baustoffe gilt ein Inverkehrbringungsverbot.</p> <p>Die Verwertung von Bauabfällen, denen absichtlich sogenannter technischer Asbest zugesetzt wurde, ist für den Einsatz von Recyclingbaustoffen grundsätzlich verboten. Für Baustoffe mit geringem Gehalt an sogenanntem geogenem Asbest gelten jedoch abweichende Regelungen.</p> <p>Die Unterscheidung zwischen technischem und geogenem Asbest wird uns hier sicher noch weiter beschäftigen. Dazu mehr in einem späteren Beitrag.</p> <p>Bauwerke können als asbestfrei angesehen werden, wenn sie nach dem 31. Oktober 1993 gebaut wurden, es sei denn, es gibt anderweitige Verdachtsmomente. Zudem können Bauwerke als asbestfrei gelten, wenn sie nach dem aktuellen Stand der Technik asbestsaniert wurden oder wenn eine entsprechende Sachverständigenbescheinigung vorliegt. Auch die Abfälle aus diesen Gebäuden können dann als asbestfrei gelten.</p> <p>Alle anderen Gebäude oder Abfälle aus ihnen stehen zunächst unter Asbestverdacht. Haufwerke daraus können nach einer entsprechenden Untersuchung als asbestfrei deklariert werden. Der Beurteilungswert liegt hier bei 0,01 Massenprozent. Eine Asbestfreiheit darf aber nicht durch Berechnung festgestellt werden.</p> <p>Ein anderer Fall sind Monochargen, also Haufwerke, die aus einem einzigen Baustoff bestehen. Dies gilt, wenn diese Baustoffe nach Herkunft und Beschaffenheit keinen Asbestgehalt erwarten lassen. Beispiele hierfür sind Rasengittersteine, Dachziegel, Natursteine, Kies oder Naturschiefer. Bei Abfällen aus der Badsanierung oder Mauersteinen mit anhaftendem Putz ist hingegen immer Vorsicht geboten.</p> <h4 id="h-geogener-asbest">Geogener Asbest</h4> <p>Bauschutt mit einem Asbestgehalt von weniger als 0,1 Massenprozent kann mit dem Abfallschlüssel 17 01 XX (nicht gefährlich) entsorgt werden, wobei der Hinweis „mit geringen Asbestgehalten“ zu beachten ist. Bei einem Asbestgehalt von mehr als 0,1 Mass% hingegen gilt der Schlüssel 17 01 06 (gefährlich, mit Hinweis auf Asbestgehalt).</p> <p>Für den sogenannten geogenen Asbest gilt: Die Gewinnung von Gesteinen mit weniger als 0,1 Massenprozent geogenem Asbest und deren Inverkehrbringen bleibt zulässig. Dies gilt jedoch nicht für absichtlich hinzugefügtes, sogenanntes technisches Asbest.</p> <p>Daher lässt das Chemikaliengesetz auch die Verwendung von Bauabfällen und deren Verwendung als Recyclingbaustoffe zu, solange der Asbestgehalt 0,1 Massenprozent nicht übersteigt.</p> <p>Hier lauert jedoch ein nicht ganz triviales Problem: Wie soll geogener Asbest von technischem Asbest in Baustoffen unterschieden werden? Bislang gibt es keine verbindlichen Kriterien. Diesem Thema werden wir uns in einem weiteren Beitrag widmen. Denn hierzu schweigt sich die LAGA M 23 leider aus. Dort wird lediglich auf die in der TRGS 517 aufgeführten Untersuchungsmethoden und Auswerteregeln verwiesen und auf lungengängige Fasern, also Fasern gemäß der Definition der WHO, abgestellt.</p> <p>Ansonsten dürfen dem Recycling nur asbestfreie Bauabfälle (d. h. keine, die technischen Asbest enthalten) zugeführt werden. Den Nachweis der Asbestfreiheit muss der Abfallerzeuger bzw. der Besitzer erbringen.</p> <h3 id="h-anforderungen-an-recyclingmaterial">Anforderungen an Recyclingmaterial</h3> <p>Welche Anforderungen werden an Recyclingmaterial gestellt, wenn es um das Recycling von Baustoffen geht? Genau darum ging es in dem Beitrag von Patric van der Haegen vom Unternehmen Eberhard.</p> <p>Eines der Hauptprobleme bei der Wiederverwendung und dem Recycling von Baustoffen ist die knappe Zeit. Alles muss möglichst schnell und günstig gehen. Dabei entstehen die merkwürdigsten Materialgemische, die entsprechend schwer zu recyceln sind. Es ist dann sehr schwer, die Materialeigenschaften zu bewahren und Schadstofffreiheit zu gewährleisten.</p> <p>Hinzu kommen die häufig verwendeten Kompositbaustoffe, die sich vor Ort meist nur schwer trennen lassen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Aufbereitungsanlagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Dieseds war nur der erste Tag. Aber schon hier zeichnet sich ab, wie wichtig eine Unterscheidung zwischen technisch verwendeten und den so genannten geogenen Asbesten ist. Dazu muss ich auch sagen, dass ich den gängigen Begriff „geogener Asbest“ so überhaupt nicht mag. Denn auch unser technisch verwendeter Asbest it geogen, nur eben dass er aus ausgesuchten Lagerstätten stammt und gewisse Qualitätskriterien erfüllt hat. Asbest ist, so leid es mir tut, ein absolut natürlicher Werkstoff. Da ist nichts künstliches dran. Der einzige Unterschied ist eben, dass er in Lagerstätten angereichert ist, während der unter dem Begriff geogener Asbest zusammengefasste Asbest meist nur als akzessorisches Mineral in Zuschlagsstoffen steckt. Aber das soll ein Thema für den zweiten tTag und einen anderen Blogbeitrag sein.</p> <figure><div> <a data-flickr-embed="true" href="https://www.flickr.com/photos/gunnarries/albums/72177720331792390/" rel="noopener" title="DCONex 2026 by Gunnar Ries zwo, on Flickr"><img alt="DCONex 2026" height="600" src="https://live.staticflickr.com/65535/55075212333_8d75066cfc_z.jpg" width="800"></img></a> </div></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/auch-in-diesem-jahr-reden-wir-ueber-gebaeudeschadstoffe-dconex-2026/#respond 0 Wie entwickle ich automatisiert meine Prompts? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/#comments Mon, 16 Feb 2026 18:14:18 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1080 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/PromptPolierer_Beitragsbild-1-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/</link> </image> <description type="html"><h1>Prompts automatisiert entwickeln mit KI</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>In diesem Blogbeitrag will ich zeigen, wie ich meine Prompts weitgehend automatisiert erstelle. Dabei geht es hier um Prompts für komplexe Aufgaben und Workflows. Bei einfachen Aufgaben braucht ihr heutzutage kein ausgeklügeltes Prompt Engineering mehr. Mittlerweile sind Große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models) so gut, dass sie auch mit mangelhaften Eingaben gute Ausgaben liefern. Auch  das komplexere Prompting nehmen uns LLMs zum großen Teil ab: Am schnellsten können wir optimale Prompts mithilfe von KI entwickeln. Darum geht es in diesem Beitrag.</p> <p>Selbstverständlich ist Prompt Engineering durch die KI-Hilfe nicht tot, sondern anders geworden: Früher halfen wir Sprachmodellen mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verstehen. Heute helfen uns Sprachmodelle mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verfassen.</p> <p>Außerdem helfen uns die Bots zu lernen, richtig zu prompten: Ich habe Gemini gebeten, jeden meiner Prompts optimiert am Ende der Antwort im Markdown-Format auszugeben (markierte Anweisung):</p> <h2 id="h-gemini-bringt-mir-das-prompten-bei">Gemini bringt mir das Prompten bei</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png 845w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-300x208.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-768x533.png 768w" width="845"></img></a></figure> <p>Das könnt ihr in ChatGPT in den Einstellungen genauso machen:</p> <pre><code>"Einstellungen" -&gt; "Personalisierung" -&gt; "Individuelle Hinweise".</code></pre> <p>Oder wollt ihr in jeder Ausgabe in ChatGPT nicht euren optimierten Prompt haben? Dann könnt ihr dort ein Projekt anlegen und in den Projekteinstellungen „Hinweise“ einfügen – so bekommt ihr den optimierten Prompt im Markdown-Format nur in den Chats in diesem Projekt. Zurück aber zu Gemini:<aside></aside></p> <p>Z. B. füge ich in Gemini den folgenden (mangelhaften) Prompt ein: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="478" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-300x140.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-768x358.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png 1217w" width="1024"></img></a></figure> <p>Gemini beantwortet zuerst meine Frage und gibt anschließend meinen Prompt optimiert im Markdown-Format in einem Code-Block aus. – Code-Block ist in ChatGPT und Gemini das graue Feld, in dem Programm-Codes ohne Formatierungszeichen ausgegeben werden:</p> <pre><code># Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen **Kontext:** Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem Gemini UI: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." **Frage:** Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen?</code></pre> <p>Der Prompt von Gemini ist besser strukturiert als mein ursprünglicher Prompt, auch wenn etwas übertrieben mit „# Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen“ betitelt. – (# und ** sind Formatierungszeichen der Markdown-Sprache – Erklärung siehe unten).</p> <p>Noch zielführender wäre der Prompt in einer „klassischen“ Rolle-Kontext-Aufgabe/Frage-Struktur, z.B. so:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für Prompt Engineering im Gemini UI # Kontext Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem **Gemini UI**: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." # Frage Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen? </code></pre> <p>Daraus folgt die wichtigste Regel für die Arbeit mit Sprachmodellen: </p> <p>Wir müssen jede Zeile der Ausgabe eines Sprachmodells kontrollieren. </p> <h2 id="h-was-ist-aber-markdown">Was ist aber Markdown?</h2> <p><a href="https://www.markdownguide.org/cheat-sheet/" rel="noopener" target="_blank">Markdown ist eine Auszeichnungssprache</a>, die von Menschen und Maschinen gut lesbar ist. Diese Dateien können in Texteditoren mit der Erweiterung „.md“ gespeichert werden. Sie enthalten nur wenige verdeckte Formatierungszeichen. Das irritiert die Bots viel weniger als Word-, PDF- oder HTML-Dateien. Prompts im Markdown-Format sind die effizientesten. Dabei braucht man fürs Prompten meist nur einige wichtigste Markdown-Zeichen wie „#“, „##“ und „###“ für Überschriften, „**fettgedruckter Text**“, um Begriffe zu betonen, oder „—„, um thematische Abschnitte zu trennen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" height="911" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png 705w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58-232x300.png 232w" width="705"></img></a></figure> <p>Nach diesen Erklärungen kann ich endlich zeigen, wie ich die Entwicklung meiner Prompts automatisiere.</p> <h2 id="h-automatisierung-der-entwicklung-meiner-prompts-in-zwei-schritten">Automatisierung der Entwicklung meiner Prompts in zwei Schritten</h2> <ol> <li><strong>Schritt:</strong> Schnelles und oft stichwortartiges Eintippen oder Einsprechen eines unstrukturierten Prompts mit Redundanzen, Versprechern und Füllwörtern. So wie wir eben sprechen -&gt; <strong>Roher Prompt</strong>.</li> <li><strong>Schritt: </strong>Optimieren des Rohen Prompts mit einem von mir selbst entwickelten „custom GPT“ (in ChatGPT) oder Gems (in Gemini), den ich <strong>PromptPolierer</strong> nenne.</li> </ol> <h3 id="h-roher-prompt">Roher Prompt</h3> <p>Den Rohen Prompt kann man schnell eintippen oder direkt im Chat einsprechen. Dabei sind diese zwei Pfeiler eines guten Prompts besonders wichtig:</p> <ul> <li><strong>Das Ziel</strong>: Was will man mit dem Prompt erreichen?</li> <li><strong>Der gesamte Kontext der Aufgabe</strong>: Alles, was einem zur Aufgabe einfällt.</li> </ul> <p>Auf dem Screenshot meines Chats in ChatGPT seht ihr einen solchen schnell eingesprochenen Text. Aus diesem Text entwickelt mein <strong>PromptPolierer</strong> einen optimale Prompt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="687" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png 1272w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wenn ihr den Text einsprechen wollt, eignet sich dafür das ChatGPT UI am besten. Im Video <a href="https://youtu.be/eKM_IJiypzI?si=yYqKuHYpVvzoIjDU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„K.I. Kompakt: Mail- und Prompt-Entwicklung mit leistungsstarken Sprech-Funktionen in ChatGPT“ </a> habe ich zwei beeindruckende Spracherkennungsfunktionen im ChatGPT User Interface (ChatGPT) vorgestellt:</p> <p>👉 „Diktieren“, basierend auf OpenAIs Whisper (Speech-to-Text)</p> <p>👉 „Fortgeschrittener Audio-Modus“ (Streaming), auf Basis des multimodalen GPT-4o (Speech-to-Text und Text-to-Speech)</p> <p>Diese Sprachmodulle sparen mir massiv Zeit und Arbeit. In keinem anderen User Interface wird das Eingesprochene so gut erkannt wie in ChatGPT: Die Spracherkennung in ChatGPT ist die beste der Welt. Sogar meine tschechischen Umlaute erkennen die Spracherkennungsfunktionen in ChatGPT perfekt. Darf ich mich hier vor der automatischen Optimierung des Prompts etwas outen? 😊</p> <h3 id="h-mit-deutschen-umlauten-unterwegs">Mit deutschen Umlauten unterwegs</h3> <p>Ja, ja … ich kann tatsächlich nach 44 Jahren als Tscheche in Deutschland immer noch nicht deutsche Umlaute aussprechen: Das Wort <strong>„Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter“</strong> ist für mich eine unüberwindbare Hürde. Das war früher mal auch für ChatGPT ein großes Problem. Als ich ChatGPT-3.5 auftrug, „Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter“ zu buchstabieren, ist der Bot abgestürzt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-300x194.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-768x496.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1536x993.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png 1666w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mittlerweile verstehen mich die Spracherkennungsmodule in ChatGPT perfekt und viel besser als in allen anderen Apps. Egal ob in Google- oder Microsoft-Anwendungen: So präzise, so intuitiv wie in ChatGPT bekomme ich meinen „behmischen“ Akzent nirgendwo in Textform gegossen. Auf dem folgenden Bild seht ihr, wie die Diktierfunktion von Gemini und ChatGPT die von mir eingesprochenen Begriffe „Deep Research Modell“, „ChatGPT“ und „Gemini“ interpretieren: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>ChatGPT ist der eindeutige Sieger – es hat kein einziges Wort falsch aufgenommen. Na ja – Geminis „Dieb Resort“ und „Tschetschi PT“ haben auch ihren Reiz. 🤣</p> <p>Klar macht es mein tschechischer Akzent den Modellen nicht ganz leicht. Aber ich vermute, auch bei den „Eingeborenen“ (in Deutschland) sind die Unterschiede spürbar.</p> <p>🎤 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗶𝗲𝗿𝘁’𝘀 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝗮𝘂𝘀 – 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗯𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱! 😊</p> <p>Sobald der Rohtext durch die Spracherkennung (oder druchs Eintippen) eingefangen wurde, folgt Schritt 2:</p> <h2 id="h-promptpolierer-nbsp">PromptPolierer </h2> <p>Im zweiten Schritt der Prompt-Entwicklung lasse ich den Prompt mit einem dafür entwickelten GPT (in ChatGPT) oder Gem (in Gemini), dem <strong>PromptPolierer</strong>, optimieren: Wenn ich mit Gemini arbeite, füge ich die in ChatGPT eingesprochene Eingabe in Gemini ein. Wichtig sind hier drei Sachen:</p> <ol> <li><strong>Der Bot (PromptPolierer) soll den Rohen Prompt nicht selbst ausführen, sondern nur optimieren:</strong> Sprachmodelle geben gern mit ihrem Wissen umfangreich an. Deswegen habe ich dem Bot ordentlich einbläuen müssen, nur den Prompt zu entwickeln: Nicht die Aufgabe im Rohen Prompt zu erfüllen.</li> <li><strong>Der Bot soll nicht zusätzliche Annahmen über den Kontext des Prompts machen</strong> bzw. den Prompt massiv mit Sachen erweitern, die man nicht haben will.</li> <li><strong>Wir müssen den optimierten Prompt Zeile für Zeile durchgehen und ändern, was uns nicht passt.</strong> Dabei solltet ihr beim Brainstorming mit dem Bot den Prompt in einem Texteditor ablegen und die Anpassungen selbst machen. So könnt ihr die vom Bot vorgeschlagenen Änderungen selbst kontrollieren und verhindern, dass der Bot einen gut entwickelten Prompt an einer Stelle gewollt anpasst, an einer anderen Stelle aber ungewollt kürzt. Hier darf man nie aus der Sicht verlieren, dass Ausgaben probabilistischer Modelle eben probabilistisch sind. Klar gibt euch der Bot den geänderten Prompt immer wieder aus. Ihr dürft den Prompt aber nur am Anfang der Entwicklung ganz übernehmen. Alle folgenden Optimierungen solltet ihr entsprechend den Anweisungen des Bots selbst machen.</li> <li>Wegen des langen <strong>„Promptschwanzes“ (der Kontexthistorie) in einem Chat und der Autoregressivität der Modelle</strong> sollte der angepasste Prompt dem Bot in den Chat immer wieder eingefügt werden. Das ist wichtig, damit der Bot bei der Aufgabe bleibt: Im Grunde fügt die Maschine beim Brainstorming dem langen Promptschwanz immer das nächste wahrscheinlichste Wort hinzu: Ohne zu unterscheiden, was im Promptschwanz von der Maschine und was von euch stammt: Die letzten Promptteile beeinflussen am stärksten die nächsten. Davon aber in einem anderen Blog.</li> </ol> <p>Im folgenden (grauen) Code-Block findet ihr die benutzerdefinierten Hinweise (Anleitung/Anweisung – Systemprompt) des GPTs/Gems <strong>PromptPolierer</strong> im Markdown-Format. Sie sind sicher nicht perfekt, da schnell durch Herumprobieren entwickelt. Manche Redundanzen darin sollen den Bot dazu bringen, sich an die Anweisungen zu halten. Z. B. hat der Bot hin und wieder die Aufgabe gelöst, statt den Prompt dafür zu entwickeln. So musste ich die Anweisung durch Wiederholung verstärken – bis es funktioniert hat. Ihr könnt damit gern experimentieren und die Hinweise euren Wünschen entsprechend anpassen:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für **Prompt Engineering und Textstrukturierung**. Deine einzige Aufgabe ist es, rohe, unstrukturierte oder fehlerhafte Nutzereingaben in professionelle, effektive Prompts für Large Language Models (LLMs) zu verwandeln. # 🎯 Ziel / Objective Hilf den Nutzer:innen dabei, aus unstrukturierten Rohtexten oder vagen Ideen klare, effektive Prompts für ChatGPT (oder andere LLMs) zu erstellen. Erkenne automatisch die Absicht und den geeigneten Prompt-Typ (z. B. Analyse, Schreiben, Datei-Verarbeitung, kreative Aufgaben) und formuliere den idealen Prompt. --- # 🧠 Was dieses GPT tun soll (Workflow) 1. **Rohtext verstehen** Analysiere die Absicht und das Ziel hinter einem vagen oder unklaren Input. 2. **Prompt-Typ identifizieren** Erkenne automatisch, ob es sich z. B. um eine Analyse, einen Schreibstil, eine Bildbeschreibung, eine Dateiverarbeitung, die Erstellung von Custome Instructions o. Ä. handelt. 3. **Strukturierten Prompt formulieren** Erstelle einen optimierten, vollständigen Prompt für ein LLM – grammatikalisch korrekt, logisch aufgebaut, ohne Redundanzen: Rolle des Bots, Ziel und Kontext der Aufgabe, Fragen usw. 4. **Sprache &amp; Logik verbessern** Formuliere klar, vermeide unklare Begriffe oder Wiederholungen und ordne die Informationen sinnvoll. 5. **Zusammenfassung geben** Erkläre am Ende in 2–3 Sätzen, was im Rohtext enthalten war und wie du den finalen Prompt daraus entwickelt hast. 6. **Bei Datei-/Texthinweisen aktiv nach Input fragen** Wenn im Rohtext auf eine Datei oder einen Text verwiesen wird, aber nichts hochgeladen oder eingefügt wurde, bitte den Nutzer freundlich, dies jetzt nachzuholen: &gt; „Bitte lade nun deine Datei hoch oder füge den gewünschten Text hier ein.“ 7. **Sofort starten** Beginne direkt mit der Verarbeitung, sobald der Nutzer einen Text oder eine Idee übermittelt – warte nicht auf Bestätigung. --- # 🧠🛑 **Meta-Regel: Priorität Prompt-Erstellung** - Du agierst **ausschließlich als Prompt-Designer**, nicht als Problemlöser. - Deine **primäre und übergeordnete Aufgabe** ist es, **einen Prompt zu erstellen**, der ein **anderes Sprachmodell** anweist, die gewünschte Aufgabe auszuführen. - Du **führst die Aufgabe selbst nicht aus**, auch wenn sie einfach erscheint oder fachlich möglich wäre. - Inhalte wie Texte, Analysen, Konzepte, Custom Instructions oder Ausarbeitungen dürfen **nur im Rahmen des formulierten Prompts beschrieben werden**, nicht als direkte Lösung. ➡️ **Grundsatz:** &gt; *Prompt-Erstellung hat immer Vorrang vor Aufgaben-Ausführung.* --- # 📤 **Output-Regeln** - Dein Output besteht **immer mindestens aus einem klar gekennzeichneten Prompt** (z. B. „🎯 Optimierter Prompt“). - Du lieferst **keine fertigen Ergebnisse**, sondern nur die **Anweisung**, wie ein anderes Modell diese erstellen soll. - Wenn Informationen fehlen (z. B. erwähnte Dateien, alte Entwürfe, Texte), **fragst du gezielt danach**, ohne Inhalte zu erfinden oder zu ergänzen. - Du gibst den gewünschten Prompt im **Markdown-Format** im **Code-Block** aus. --- # 🧩 **Letzte Hinweise** - Du arbeitest mit deutschsprachigen Rohtexten. - Du reagierst freundlich, aber direkt – keine lange Einleitung nötig. - Deine Aufgabe endet nach der Prompt-Formulierung und Zusammenfassung. - Du wartest nicht auf Freigabe – du legst sofort los, sobald Text da ist.</code></pre> <p>Die Anweisungen oben funktionieren selbstverständlich auch direkt, wenn ihr sie in einen Chat einfügt – ohne sie als ein GPT oder Gem zu hinterlegen. <a href="https://chatgpt.com/g/g-69357e86d2708191859d1ec6c3a89d2f-promptpolierer" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hier habt ihr den Link zum GPT</a>, um es direkt zu benutzen. <a href="https://drive.google.com/file/d/1lvS4Gxvsw1iWbM8NGiPbuFbVeR-rZfZn/view?usp=sharing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Und hier ist ein Link zu der .md-Datei mit den Anweisungen.</a></p> <p>Viel Spaß beim Prompten!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Prompts automatisiert entwickeln mit KI</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>In diesem Blogbeitrag will ich zeigen, wie ich meine Prompts weitgehend automatisiert erstelle. Dabei geht es hier um Prompts für komplexe Aufgaben und Workflows. Bei einfachen Aufgaben braucht ihr heutzutage kein ausgeklügeltes Prompt Engineering mehr. Mittlerweile sind Große Sprachmodelle (LLMs – Large Language Models) so gut, dass sie auch mit mangelhaften Eingaben gute Ausgaben liefern. Auch  das komplexere Prompting nehmen uns LLMs zum großen Teil ab: Am schnellsten können wir optimale Prompts mithilfe von KI entwickeln. Darum geht es in diesem Beitrag.</p> <p>Selbstverständlich ist Prompt Engineering durch die KI-Hilfe nicht tot, sondern anders geworden: Früher halfen wir Sprachmodellen mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verstehen. Heute helfen uns Sprachmodelle mit Prompt Engineering, unsere Prompts zu verfassen.</p> <p>Außerdem helfen uns die Bots zu lernen, richtig zu prompten: Ich habe Gemini gebeten, jeden meiner Prompts optimiert am Ende der Antwort im Markdown-Format auszugeben (markierte Anweisung):</p> <h2 id="h-gemini-bringt-mir-das-prompten-bei">Gemini bringt mir das Prompten bei</h2> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png"><img alt="" decoding="async" height="586" sizes="(max-width: 845px) 100vw, 845px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55.png 845w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-300x208.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-55-768x533.png 768w" width="845"></img></a></figure> <p>Das könnt ihr in ChatGPT in den Einstellungen genauso machen:</p> <pre><code>"Einstellungen" -&gt; "Personalisierung" -&gt; "Individuelle Hinweise".</code></pre> <p>Oder wollt ihr in jeder Ausgabe in ChatGPT nicht euren optimierten Prompt haben? Dann könnt ihr dort ein Projekt anlegen und in den Projekteinstellungen „Hinweise“ einfügen – so bekommt ihr den optimierten Prompt im Markdown-Format nur in den Chats in diesem Projekt. Zurück aber zu Gemini:<aside></aside></p> <p>Z. B. füge ich in Gemini den folgenden (mangelhaften) Prompt ein: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png"><img alt="" decoding="async" height="478" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-1024x478.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-300x140.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57-768x358.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-57.png 1217w" width="1024"></img></a></figure> <p>Gemini beantwortet zuerst meine Frage und gibt anschließend meinen Prompt optimiert im Markdown-Format in einem Code-Block aus. – Code-Block ist in ChatGPT und Gemini das graue Feld, in dem Programm-Codes ohne Formatierungszeichen ausgegeben werden:</p> <pre><code># Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen **Kontext:** Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem Gemini UI: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." **Frage:** Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen?</code></pre> <p>Der Prompt von Gemini ist besser strukturiert als mein ursprünglicher Prompt, auch wenn etwas übertrieben mit „# Frage zur Konfiguration von Gemini-Anweisungen“ betitelt. – (# und ** sind Formatierungszeichen der Markdown-Sprache – Erklärung siehe unten).</p> <p>Noch zielführender wäre der Prompt in einer „klassischen“ Rolle-Kontext-Aufgabe/Frage-Struktur, z.B. so:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für Prompt Engineering im Gemini UI # Kontext Ich nutze derzeit folgende Anweisung in meinem **Gemini UI**: &gt; "Wenn ich in meinem Prompt Markdown-Zeichen verwende, optimiere den Prompt strukturell und gib ihn am Ende deiner Antwort im Markdown-Format in einem Code-Feld aus. Achte dabei darauf, den Prompt inhaltlich nicht zu erweitern: Er darf nur das Wissen enthalten, das aus meinem ursprünglichen Prompt hervorgeht, und darf keine Fakten aus deiner aktuellen Antwort vorwegnehmen." # Frage Ist es sinnvoll, diesen "Systemprompt" innerhalb der Gemini-Einstellungen direkt im Markdown-Format zu hinterlegen? </code></pre> <p>Daraus folgt die wichtigste Regel für die Arbeit mit Sprachmodellen: </p> <p>Wir müssen jede Zeile der Ausgabe eines Sprachmodells kontrollieren. </p> <h2 id="h-was-ist-aber-markdown">Was ist aber Markdown?</h2> <p><a href="https://www.markdownguide.org/cheat-sheet/" rel="noopener" target="_blank">Markdown ist eine Auszeichnungssprache</a>, die von Menschen und Maschinen gut lesbar ist. Diese Dateien können in Texteditoren mit der Erweiterung „.md“ gespeichert werden. Sie enthalten nur wenige verdeckte Formatierungszeichen. Das irritiert die Bots viel weniger als Word-, PDF- oder HTML-Dateien. Prompts im Markdown-Format sind die effizientesten. Dabei braucht man fürs Prompten meist nur einige wichtigste Markdown-Zeichen wie „#“, „##“ und „###“ für Überschriften, „**fettgedruckter Text**“, um Begriffe zu betonen, oder „—„, um thematische Abschnitte zu trennen:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png"><img alt="" decoding="async" height="911" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 705px) 100vw, 705px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58.png 705w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-58-232x300.png 232w" width="705"></img></a></figure> <p>Nach diesen Erklärungen kann ich endlich zeigen, wie ich die Entwicklung meiner Prompts automatisiere.</p> <h2 id="h-automatisierung-der-entwicklung-meiner-prompts-in-zwei-schritten">Automatisierung der Entwicklung meiner Prompts in zwei Schritten</h2> <ol> <li><strong>Schritt:</strong> Schnelles und oft stichwortartiges Eintippen oder Einsprechen eines unstrukturierten Prompts mit Redundanzen, Versprechern und Füllwörtern. So wie wir eben sprechen -&gt; <strong>Roher Prompt</strong>.</li> <li><strong>Schritt: </strong>Optimieren des Rohen Prompts mit einem von mir selbst entwickelten „custom GPT“ (in ChatGPT) oder Gems (in Gemini), den ich <strong>PromptPolierer</strong> nenne.</li> </ol> <h3 id="h-roher-prompt">Roher Prompt</h3> <p>Den Rohen Prompt kann man schnell eintippen oder direkt im Chat einsprechen. Dabei sind diese zwei Pfeiler eines guten Prompts besonders wichtig:</p> <ul> <li><strong>Das Ziel</strong>: Was will man mit dem Prompt erreichen?</li> <li><strong>Der gesamte Kontext der Aufgabe</strong>: Alles, was einem zur Aufgabe einfällt.</li> </ul> <p>Auf dem Screenshot meines Chats in ChatGPT seht ihr einen solchen schnell eingesprochenen Text. Aus diesem Text entwickelt mein <strong>PromptPolierer</strong> einen optimale Prompt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png"><img alt="" decoding="async" height="687" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-1024x687.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-300x201.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59-768x516.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-59.png 1272w" width="1024"></img></a></figure> <p>Wenn ihr den Text einsprechen wollt, eignet sich dafür das ChatGPT UI am besten. Im Video <a href="https://youtu.be/eKM_IJiypzI?si=yYqKuHYpVvzoIjDU" rel="noreferrer noopener" target="_blank">„K.I. Kompakt: Mail- und Prompt-Entwicklung mit leistungsstarken Sprech-Funktionen in ChatGPT“ </a> habe ich zwei beeindruckende Spracherkennungsfunktionen im ChatGPT User Interface (ChatGPT) vorgestellt:</p> <p>👉 „Diktieren“, basierend auf OpenAIs Whisper (Speech-to-Text)</p> <p>👉 „Fortgeschrittener Audio-Modus“ (Streaming), auf Basis des multimodalen GPT-4o (Speech-to-Text und Text-to-Speech)</p> <p>Diese Sprachmodulle sparen mir massiv Zeit und Arbeit. In keinem anderen User Interface wird das Eingesprochene so gut erkannt wie in ChatGPT: Die Spracherkennung in ChatGPT ist die beste der Welt. Sogar meine tschechischen Umlaute erkennen die Spracherkennungsfunktionen in ChatGPT perfekt. Darf ich mich hier vor der automatischen Optimierung des Prompts etwas outen? 😊</p> <h3 id="h-mit-deutschen-umlauten-unterwegs">Mit deutschen Umlauten unterwegs</h3> <p>Ja, ja … ich kann tatsächlich nach 44 Jahren als Tscheche in Deutschland immer noch nicht deutsche Umlaute aussprechen: Das Wort <strong>„Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter“</strong> ist für mich eine unüberwindbare Hürde. Das war früher mal auch für ChatGPT ein großes Problem. Als ich ChatGPT-3.5 auftrug, „Kühlflüssigkeitsüberlaufbehälter“ zu buchstabieren, ist der Bot abgestürzt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png"><img alt="" decoding="async" height="662" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1024x662.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-300x194.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-768x496.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63-1536x993.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-63.png 1666w" width="1024"></img></a></figure> <p>Mittlerweile verstehen mich die Spracherkennungsmodule in ChatGPT perfekt und viel besser als in allen anderen Apps. Egal ob in Google- oder Microsoft-Anwendungen: So präzise, so intuitiv wie in ChatGPT bekomme ich meinen „behmischen“ Akzent nirgendwo in Textform gegossen. Auf dem folgenden Bild seht ihr, wie die Diktierfunktion von Gemini und ChatGPT die von mir eingesprochenen Begriffe „Deep Research Modell“, „ChatGPT“ und „Gemini“ interpretieren: </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-62.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>ChatGPT ist der eindeutige Sieger – es hat kein einziges Wort falsch aufgenommen. Na ja – Geminis „Dieb Resort“ und „Tschetschi PT“ haben auch ihren Reiz. 🤣</p> <p>Klar macht es mein tschechischer Akzent den Modellen nicht ganz leicht. Aber ich vermute, auch bei den „Eingeborenen“ (in Deutschland) sind die Unterschiede spürbar.</p> <p>🎤 𝗣𝗿𝗼𝗯𝗶𝗲𝗿𝘁’𝘀 𝘀𝗲𝗹𝗯𝘀𝘁 𝗮𝘂𝘀 – 𝘂𝗻𝗱 𝗴𝗲𝗯𝘁 𝗺𝗶𝗿 𝗕𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝗱! 😊</p> <p>Sobald der Rohtext durch die Spracherkennung (oder druchs Eintippen) eingefangen wurde, folgt Schritt 2:</p> <h2 id="h-promptpolierer-nbsp">PromptPolierer </h2> <p>Im zweiten Schritt der Prompt-Entwicklung lasse ich den Prompt mit einem dafür entwickelten GPT (in ChatGPT) oder Gem (in Gemini), dem <strong>PromptPolierer</strong>, optimieren: Wenn ich mit Gemini arbeite, füge ich die in ChatGPT eingesprochene Eingabe in Gemini ein. Wichtig sind hier drei Sachen:</p> <ol> <li><strong>Der Bot (PromptPolierer) soll den Rohen Prompt nicht selbst ausführen, sondern nur optimieren:</strong> Sprachmodelle geben gern mit ihrem Wissen umfangreich an. Deswegen habe ich dem Bot ordentlich einbläuen müssen, nur den Prompt zu entwickeln: Nicht die Aufgabe im Rohen Prompt zu erfüllen.</li> <li><strong>Der Bot soll nicht zusätzliche Annahmen über den Kontext des Prompts machen</strong> bzw. den Prompt massiv mit Sachen erweitern, die man nicht haben will.</li> <li><strong>Wir müssen den optimierten Prompt Zeile für Zeile durchgehen und ändern, was uns nicht passt.</strong> Dabei solltet ihr beim Brainstorming mit dem Bot den Prompt in einem Texteditor ablegen und die Anpassungen selbst machen. So könnt ihr die vom Bot vorgeschlagenen Änderungen selbst kontrollieren und verhindern, dass der Bot einen gut entwickelten Prompt an einer Stelle gewollt anpasst, an einer anderen Stelle aber ungewollt kürzt. Hier darf man nie aus der Sicht verlieren, dass Ausgaben probabilistischer Modelle eben probabilistisch sind. Klar gibt euch der Bot den geänderten Prompt immer wieder aus. Ihr dürft den Prompt aber nur am Anfang der Entwicklung ganz übernehmen. Alle folgenden Optimierungen solltet ihr entsprechend den Anweisungen des Bots selbst machen.</li> <li>Wegen des langen <strong>„Promptschwanzes“ (der Kontexthistorie) in einem Chat und der Autoregressivität der Modelle</strong> sollte der angepasste Prompt dem Bot in den Chat immer wieder eingefügt werden. Das ist wichtig, damit der Bot bei der Aufgabe bleibt: Im Grunde fügt die Maschine beim Brainstorming dem langen Promptschwanz immer das nächste wahrscheinlichste Wort hinzu: Ohne zu unterscheiden, was im Promptschwanz von der Maschine und was von euch stammt: Die letzten Promptteile beeinflussen am stärksten die nächsten. Davon aber in einem anderen Blog.</li> </ol> <p>Im folgenden (grauen) Code-Block findet ihr die benutzerdefinierten Hinweise (Anleitung/Anweisung – Systemprompt) des GPTs/Gems <strong>PromptPolierer</strong> im Markdown-Format. Sie sind sicher nicht perfekt, da schnell durch Herumprobieren entwickelt. Manche Redundanzen darin sollen den Bot dazu bringen, sich an die Anweisungen zu halten. Z. B. hat der Bot hin und wieder die Aufgabe gelöst, statt den Prompt dafür zu entwickeln. So musste ich die Anweisung durch Wiederholung verstärken – bis es funktioniert hat. Ihr könnt damit gern experimentieren und die Hinweise euren Wünschen entsprechend anpassen:</p> <pre><code># Rolle Du bist ein Experte für **Prompt Engineering und Textstrukturierung**. Deine einzige Aufgabe ist es, rohe, unstrukturierte oder fehlerhafte Nutzereingaben in professionelle, effektive Prompts für Large Language Models (LLMs) zu verwandeln. # 🎯 Ziel / Objective Hilf den Nutzer:innen dabei, aus unstrukturierten Rohtexten oder vagen Ideen klare, effektive Prompts für ChatGPT (oder andere LLMs) zu erstellen. Erkenne automatisch die Absicht und den geeigneten Prompt-Typ (z. B. Analyse, Schreiben, Datei-Verarbeitung, kreative Aufgaben) und formuliere den idealen Prompt. --- # 🧠 Was dieses GPT tun soll (Workflow) 1. **Rohtext verstehen** Analysiere die Absicht und das Ziel hinter einem vagen oder unklaren Input. 2. **Prompt-Typ identifizieren** Erkenne automatisch, ob es sich z. B. um eine Analyse, einen Schreibstil, eine Bildbeschreibung, eine Dateiverarbeitung, die Erstellung von Custome Instructions o. Ä. handelt. 3. **Strukturierten Prompt formulieren** Erstelle einen optimierten, vollständigen Prompt für ein LLM – grammatikalisch korrekt, logisch aufgebaut, ohne Redundanzen: Rolle des Bots, Ziel und Kontext der Aufgabe, Fragen usw. 4. **Sprache &amp; Logik verbessern** Formuliere klar, vermeide unklare Begriffe oder Wiederholungen und ordne die Informationen sinnvoll. 5. **Zusammenfassung geben** Erkläre am Ende in 2–3 Sätzen, was im Rohtext enthalten war und wie du den finalen Prompt daraus entwickelt hast. 6. **Bei Datei-/Texthinweisen aktiv nach Input fragen** Wenn im Rohtext auf eine Datei oder einen Text verwiesen wird, aber nichts hochgeladen oder eingefügt wurde, bitte den Nutzer freundlich, dies jetzt nachzuholen: &gt; „Bitte lade nun deine Datei hoch oder füge den gewünschten Text hier ein.“ 7. **Sofort starten** Beginne direkt mit der Verarbeitung, sobald der Nutzer einen Text oder eine Idee übermittelt – warte nicht auf Bestätigung. --- # 🧠🛑 **Meta-Regel: Priorität Prompt-Erstellung** - Du agierst **ausschließlich als Prompt-Designer**, nicht als Problemlöser. - Deine **primäre und übergeordnete Aufgabe** ist es, **einen Prompt zu erstellen**, der ein **anderes Sprachmodell** anweist, die gewünschte Aufgabe auszuführen. - Du **führst die Aufgabe selbst nicht aus**, auch wenn sie einfach erscheint oder fachlich möglich wäre. - Inhalte wie Texte, Analysen, Konzepte, Custom Instructions oder Ausarbeitungen dürfen **nur im Rahmen des formulierten Prompts beschrieben werden**, nicht als direkte Lösung. ➡️ **Grundsatz:** &gt; *Prompt-Erstellung hat immer Vorrang vor Aufgaben-Ausführung.* --- # 📤 **Output-Regeln** - Dein Output besteht **immer mindestens aus einem klar gekennzeichneten Prompt** (z. B. „🎯 Optimierter Prompt“). - Du lieferst **keine fertigen Ergebnisse**, sondern nur die **Anweisung**, wie ein anderes Modell diese erstellen soll. - Wenn Informationen fehlen (z. B. erwähnte Dateien, alte Entwürfe, Texte), **fragst du gezielt danach**, ohne Inhalte zu erfinden oder zu ergänzen. - Du gibst den gewünschten Prompt im **Markdown-Format** im **Code-Block** aus. --- # 🧩 **Letzte Hinweise** - Du arbeitest mit deutschsprachigen Rohtexten. - Du reagierst freundlich, aber direkt – keine lange Einleitung nötig. - Deine Aufgabe endet nach der Prompt-Formulierung und Zusammenfassung. - Du wartest nicht auf Freigabe – du legst sofort los, sobald Text da ist.</code></pre> <p>Die Anweisungen oben funktionieren selbstverständlich auch direkt, wenn ihr sie in einen Chat einfügt – ohne sie als ein GPT oder Gem zu hinterlegen. <a href="https://chatgpt.com/g/g-69357e86d2708191859d1ec6c3a89d2f-promptpolierer" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Hier habt ihr den Link zum GPT</a>, um es direkt zu benutzen. <a href="https://drive.google.com/file/d/1lvS4Gxvsw1iWbM8NGiPbuFbVeR-rZfZn/view?usp=sharing" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Und hier ist ein Link zu der .md-Datei mit den Anweisungen.</a></p> <p>Viel Spaß beim Prompten!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/prompts-automatisiert-entwickeln/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/#respond Mon, 16 Feb 2026 15:13:59 +0000 Rime Abd Al Majeed https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=381 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-1024x683.jpg" /><h1>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Rime Abd Al Majeed</h2><div itemprop="text"> <p>Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.</p> <p><p><strong>Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung</strong>Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.</p><br></br>Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.<br></br> <br></br>Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.<br></br> </p> <p><br></br> <br></br><strong>Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-300x198.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-768x507.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1536x1014.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-2048x1352.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><br></br>Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.</p> <p><br></br><strong>Gewalt </strong>war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.<aside></aside></p> <p><br></br>Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der <strong>Lücke</strong> ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.</p> <p><br></br>Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der <strong>Situiertheit</strong>. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.</p> <p><br></br>Der vierte Schwerpunkt betrifft den <strong>Raum</strong>. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.<br></br>Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.<br></br>So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.<br></br> </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Fotos in diesem Beitrag wurden von Manuela Unverdorben aufgenommen und sind aus der Rechercheausstellung, die vom 29. Januar bis 1. März 2026 im NS-Dokumentationszentrum München zu sehen ist. Sie gehen aus dem künstlerisch-philosophischen Forschungsprojekt<em> DisIgnoranz – Sehen im rassistischen Nebelfeld </em>hervor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-1-1024x683.jpg" /><h1>Erinnern und rechte Gewalt: Welche Begriffe können den Blick für rechte Gewalt schärfen? » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Rime Abd Al Majeed</h2><div itemprop="text"> <p>Was heißt es, sich mit rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auseinanderzusetzen, ohne vorschnell zu erklären, zu schließen oder zu versöhnen? Diese Frage steht im Zentrum unseres Projekts, das von Beginn an zwei methodische Zugänge eng miteinander verschränkt hat: künstlerische Forschung und theoretische Reflexion. Beide wurden nicht als getrennte Arbeitsschritte verstanden, sondern als sich wechselseitig herausfordernde und produktive Verfahren. Hier geben wir einen Einblick in die Begriffe unseres bisherigen Prozesses und zeigen, wie daraus eine Ausstellung entstehen kann.</p> <p><p><strong>Künstlerische Forschung an den Lücken der Erinnerung</strong>Der menschliche Alltag ist geprägt von Vergessen, Erinnern ist eine aufwändige Mehrarbeit – insbesondere, wenn es sich um Themen handelt, die gesellschaftlich, also kollektiv, geleistet werden müssen. Rechte Gewalt gehört hierzu. Hierfür reicht es nicht, nur in die Vergangenheit zu blicken, vielmehr muss der Bogen zur Gegenwart gespannt werden, um Kontinuitäten und Verbindungen zu verstehen und Wiederholungen zu vermeiden. Ausgehend von einem künstlerisch-theoretischen Ansatz, sich der Erinnerung an rechte Gewalt über ihre Vermeidung zu nähern, beschäftigen wir uns in diesem Projekt mit verschiedenen Begriffen. Intensive Lektüren und Diskussionen mit Texten und künstlerischen Positionen, die Gewalt, Erinnerung und die Bedingungen von Wahrnehmung thematisieren – lenken unsere Auseinandersetzung insbesondere dorthin, wo rassistische und antisemitische Gewalt nicht als Ausnahme, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Normalität erscheint. Diese Auseinandersetzungen dienen nicht der bloßen Wissensakkumulation. Vielmehr geht es darum, Begriffe zu schärfen, methodische Fragen zu entwickeln und eine Perspektive zu finden, die tiefergehende Möglichkeiten der Erinnerung bilden soll.</p><br></br>Die künstlerische Praxis besteht hierbei nicht einfach nur daraus, theoretische Ergebnisse „anzuwenden“, vielmehr können Erkenntnisse aus der Theorie sowie aus künstlerischen und aktivistischen Methoden die künstlerische Praxis und die Theoriearbeit inspirieren. Künstlerische Strategien, Ausstellungsformate und kollaborative Arbeitsweisen sind dabei eigenständige Formen der Erkenntnis.<br></br> <br></br>Von Anfang an war das Projekt zweigleisig angelegt: Neben der Arbeit im interdisziplinären Team bestand der Anspruch, eine Gruppe von Studierenden langfristig einzubinden und sie in ihrer eigenen Auseinandersetzung mit dem Themenfeld zu begleiten. Seit Sommer 2025 arbeitet diese Gruppe an eigenen künstlerischen Projekten, die von Januar bis März 2026 in einer Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum München gezeigt werden.<br></br> </p> <p><br></br> <br></br><strong>Vier Begriffe, die Erinnerung strukturieren können</strong></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="676" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1024x676.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-300x198.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-768x507.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-1536x1014.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-2-2048x1352.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><br></br>Aus der gemeinsamen Arbeit haben sich vier inhaltliche Schwerpunkte und damit Schlüsselbegriffe herauskristallisiert, die weniger als abgeschlossen, sondern als ineinandergreifende Denkfiguren zu verstehen sind.</p> <p><br></br><strong>Gewalt </strong>war der Ausgangspunkt. Zentrale Voraussetzung unserer Arbeit ist ein Gewaltbegriff, der rechtsextreme Taten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in Beziehung zu gesellschaftlichen Verhältnissen setzt, die selbst gewaltförmig sind. Rassismus und Antisemitismus erscheinen dabei nicht nur als Motive einzelner Täter:innen, sondern als strukturelle Normalität, die beeinflusst, was gesehen, benannt und anerkannt wird. Dass die Perspektiven von Betroffenen und Angehörigen – wie etwa im Kontext der NSU-Morde – systematisch ignoriert wurden, verstehen wir selbst als Teil eines erweiterten Gewaltbegriffs: Gewalt zeigt sich nicht nur in den Taten, sondern auch im institutionellen und gesellschaftlichen Nicht-Wahrnehmen.<aside></aside></p> <p><br></br>Aus dieser Diagnose heraus rückte der Begriff der <strong>Lücke</strong> ins Zentrum unserer Arbeit. Er bezeichnet jene Brüche, Leerstellen und Blockaden, die eine gewaltvolle Normalität in Wahrnehmung, Wissen und Erinnerung hinterlassen. Inspiriert von Saidiya Hartmans Überlegungen zu den Archiven der Sklaverei verstehen wir diese Lücken nicht als Defizite, die gefüllt werden müssten, sondern als Spuren von Gewalt, die sichtbar gemacht werden sollten. Anstatt zu erklären oder „bessere“ Erinnerungsformen vorzuschlagen, interessiert uns eine künstlerische Praxis, die Nicht-Wissen, Unverständnis und Verdrängung thematisiert – und darin eine andere Form der Reflexion eröffnet.</p> <p><br></br>Unmittelbar damit verbunden ist die Frage der <strong>Situiertheit</strong>. Für wen existieren diese Lücken eigentlich? Die Geschichte rechter Gewalt zeigt, dass Wissen ungleich verteilt ist und eng mit sozialen Positionen zusammenhängt. Während Angehörige und Betroffene häufig früh auf rassistische Motive hinweisen, bleiben diese Einsichten für andere unsichtbar. Unsere Arbeit fragt daher danach, welche Erfahrungen und Positionierungen Wissen ermöglichen oder verhindern – und wie künstlerische Arbeiten eine Reflexion der eigenen Situiertheit, der eigenen Wahrnehmungslücken und der Grenzen des Verstehens leisten können.</p> <p><br></br>Der vierte Schwerpunkt betrifft den <strong>Raum</strong>. Rechte Gewalt ereignet sich an konkreten Orten des Alltags, denen diese Geschichte meist nicht anzusehen ist. Gerade darin liegt eine weitere Lücke: Tatorte werden zu „normalen“ Orten, während Erinnerungsarbeit oft unsichtbar bleibt oder politisch umkämpft ist. Künstlerische und aktivistische Arbeiten haben uns gezeigt, wie Räume diese Unsichtbarkeit zugleich reproduzieren und infrage stellen können. Im Projekt versuchen die Studierenden, mit dieser Spannung zu arbeiten: Sie fragen danach, was Orte erinnern, wie Nicht-Sehen thematisiert werden kann und wie sich individuelle Erfahrungen von Rassismus, Solidarität oder Migration räumlich artikulieren lassen.<br></br>Diese Überlegungen prägen auch das Ausstellungskonzept. Die Rechercheausstellung im NS-Dokumentationszentrum wird bewusst kein klassischer White Cube, also kein neutraler weißer Ausstellungsraum sein. Stattdessen intervenieren die Arbeiten in den institutionellen und architektonischen Raum: in Durchgängen, Treppenhäusern, Schließfächern oder Auslageflächen. Kunst fügt sich ein, unterbricht Routinen, wandert aus der Institution hinaus und stellt die Frage, wie Erinnerung nicht nur gezeigt, sondern räumlich erfahren werden kann.<br></br>So versteht sich das Projekt insgesamt als ein offener Prozess – eine gemeinsame Arbeit an den Lücken der Wahrnehmung, die weniger Antworten liefert als neue Formen des Fragens ermöglicht.<br></br> </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Bildblog-3-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Fotos in diesem Beitrag wurden von Manuela Unverdorben aufgenommen und sind aus der Rechercheausstellung, die vom 29. Januar bis 1. März 2026 im NS-Dokumentationszentrum München zu sehen ist. Sie gehen aus dem künstlerisch-philosophischen Forschungsprojekt<em> DisIgnoranz – Sehen im rassistischen Nebelfeld </em>hervor.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/erinnern-und-rechte-gewalt-welche-begriffe-koennen-den-blick-fuer-rechte-gewalt-schaerfen/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/#comments Mon, 16 Feb 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3552 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1-768x436.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1.jpg" /><h1>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?</strong></p> <span id="more-3552"></span> <p>Ein „Trigger“ ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.</p> <p>Der Begriff „Triggerwarnung“ hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Büchern kommt der Begriff „Triggerwarnung“ seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram</em></p> <p>Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.<aside></aside></p> <p>Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich „woke“ Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.</p> <h2 id="h-brutale-filme">Brutale Filme</h2> <p>Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.</p> <p>Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.</p> <p>Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film <em>Irréversible</em> (2002) von Gaspar Noé, <em>Antichrist</em> (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus <em>Irréversible</em> sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus <em>Antichrist</em> sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-verschiedene-triggerwarnungen">Verschiedene Triggerwarnungen</h2> <p>Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.</p> <p>Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.</p> <p>Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von „Intrusionen“ (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).</p> <p>An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.</p> <p>Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?</p> <h2 id="h-art-der-warnung-macht-unterschied">Art der Warnung macht Unterschied</h2> <p>In der jetzt in der Fachzeitschrift <em>Cognition and Emotion</em> veröffentlichten Studie „<a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02699931.2026.2623113#abstract" rel="noopener">How to design a trigger warning</a>“ wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die <em>ausführliche</em> Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der <em>allgemeinen</em> Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.</p> <p>Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – <em>wenn</em> man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts „Triggerwarnung“ scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.</p> <p>Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.</p> <p>Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.</p> <p>Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis „Triggerwarnung“ oder vielleicht abgekürzt nur als „TW“ eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/photos/stop-sign-traffic-sign-road-sign-634941/" rel="noopener">Walter Knerr</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/800839093241415f8789ad5b42f69ec2" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/knerri61-stop-634941_1920-1.jpg" /><h1>Achtung, Triggerwarnung! Sinn oder Unsinn? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Hilft es, eine Warnung zu geben? Und wenn ja: Wie sollte sie aussehen?</strong></p> <span id="more-3552"></span> <p>Ein „Trigger“ ist ein Reiz, der eine bestimmte emotionale Reaktion wie Angst, Schmerz oder auch eine Dissoziation auslösen kann. Letztere bezeichnet, vereinfacht gesagt, das Herausfallen oder Auseinanderfallen bestimmter psychischer Erlebnisse oder Funktionen. Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen können hiervon besonders betroffen sein.</p> <p>Der Begriff „Triggerwarnung“ hat sich in den letzten rund 15 Jahren durchgesetzt und wurde inzwischen auch in den Duden aufgenommen. Die Warnung soll einer Person, die für Trigger anfällig ist, die Möglichkeit geben, sich auf den Reiz vorzubereiten – oder vielleicht auch wegzuschauen, umzuschalten oder nicht weiterzulesen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Ngram-Triggerwarnung.jpg 1600w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>In Büchern kommt der Begriff „Triggerwarnung“ seit etwa 2010 häufiger vor. Interessanterweise findet er in deutschsprachigen Büchern (rot) inzwischen rund dreimal häufiger Erwähnung als in englischsprachigen (blau). Skala: 10^-6 Prozent. Datenquelle: Google Books Ngram</em></p> <p>Ähnlich wie Jugendschutzregeln, die Eltern dabei helfen sollen, passende Inhalte für ihre Kinder auszuwählen, können Triggerwarnungen einen bewussteren Umgang fördern: Wer zum Beispiel weiß, dass er auf Details über schwere Verbrechen, Unfälle oder Kriegsgeschehen stark reagiert, bekommt durch den Hinweis vorab mehr Möglichkeiten.<aside></aside></p> <p>Doch helfen Triggerwarnungen wirklich oder handelt es sich dabei eher um eine symbolische, womöglich „woke“ Handlung, mit der man eher die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Identität ausdrückt? Und wenn sie helfen, wie sollten sie idealerweise gestaltet sein? Ein Team aus der Psychologie um Philipp Herzog von der Universität Kaiserslautern-Landau hat das jetzt experimentell untersucht.</p> <h2 id="h-brutale-filme">Brutale Filme</h2> <p>Die Forscherinnen und Forscher suchten dafür über soziale Medien, Newsletter und Flyer Probanden. Von den Freiwilligen wurden 59 vom Versuch ausgeschlossen, weil sie akut unter posttraumatischem Stress oder einer anderen psychischen Störung litten. Personen mit traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit wurden aber gerade nicht ausgeschlossen, weil sie für den Versuch über Trigger besonders aufschlussreich waren.</p> <p>Die verbleibenden 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten sich im psychologischen Labor ein paar Filmausschnitte anschauen. Wie in dieser Art von Forschung üblich, verriet man ihnen im Voraus nicht den genauen Zweck der Forschung – also die Untersuchung von Triggerwarnungen. Stattdessen erzählte man ihnen eher allgemein, dass es um das Wiedererleben von Inhalten aus brutalen Filmen gehe.</p> <p>Das Filmmaterial dauerte insgesamt rund 13 Minuten und enthielt Gewaltszenen aus dem Film <em>Irréversible</em> (2002) von Gaspar Noé, <em>Antichrist</em> (2009) von Lars von Trier sowie die Darstellung eines tödlichen Autounfalls. Dabei zeigte eine Szene aus <em>Irréversible</em> sexuelle Gewalt von einem Mann gegen eine Frau und eine aus <em>Antichrist</em> sexuelle Gewalt von einer Frau gegen einen Mann.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-verschiedene-triggerwarnungen">Verschiedene Triggerwarnungen</h2> <p>Um den Effekt von Triggerwarnungen zu untersuchen, wurden die 143 Personen nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt: Die Kontrollgruppe erhielt gar keine Triggerwarnung, sondern nur einen Hinweis zur Altersfreigabe. Die erste Zielgruppe erhielt eine nur allgemeine Warnung, dass das Video verstörende Inhalte enthält.</p> <p>Die dritte Zielgruppe wurde ausführlich über die Art der Inhalte – sexuelle, körperliche Gewalt und Tod – informiert. Außerdem wurde sie über die möglichen Folgen solcher Inhalte informiert, wie negative Emotionen oder das Wiedererleben bestimmter Szenen.</p> <p>Um festzustellen, wie sich der Hinweis beziehungsweise die Warnungen auswirken, füllten die Versuchspersonen verschiedene Fragebögen vor und nach dem Betrachten der Filmausschnitte aus. Dabei ging es vor allem um das Erleben negativer Emotionen. Die folgenden drei Tage nach dem Besuch im psychologischen Labor sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer außerdem in einem Tagebuch festhalten, ob sie unangenehme Inhalte aus den Filmen wiedererlebten. In der Psychologie spricht man hier von „Intrusionen“ (etwa: sich aufdrängende Gedanken oder Erlebnisse).</p> <p>An der Studie nahmen Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teil. Rund zwei Drittel waren weiblich. Das Durchschnittsalter der drei Gruppen betrug rund 25 bis 26 Jahre. Mit 86 bis 96 Prozent hatten fast alle eine Hochschulreife. Anders als man es psychologischer Forschung oft vorwirft, wurden hier also nicht nur Studierende untersucht – aber eine gewisse Verzerrung in Richtung einer jungen, gebildeten Gruppe lag dennoch vor.</p> <p>Wie sollten sich die Versuchsbedingungen auf das Erleben der Filme auswirken?</p> <h2 id="h-art-der-warnung-macht-unterschied">Art der Warnung macht Unterschied</h2> <p>In der jetzt in der Fachzeitschrift <em>Cognition and Emotion</em> veröffentlichten Studie „<a href="https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/02699931.2026.2623113#abstract" rel="noopener">How to design a trigger warning</a>“ wurden die Ergebnisse statistisch ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass die <em>ausführliche</em> Triggerwarnung tatsächlich einen Unterschied machte: Die Versuchspersonen berichteten rund 45 Prozent weniger Intrusionen, also Wiedererleben der Filminhalte, als in der Gruppe mit der <em>allgemeinen</em> Triggerwarnung. Der Tendenz nach wurden dann auch weniger negative Emotionen erlebt und fühlten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mehr respektiert, doch blieben diese Unterschiede unter der Schwelle für statistische Signifikanz.</p> <p>Triggerwarnungen können also einen Unterschied machen – <em>wenn</em> man sie richtig formuliert. Das inzwischen in Mode gekommene tumbe Rufen des Worts „Triggerwarnung“ scheint jedoch eher nicht hilfreich zu sein. Laut den Psychologinnen und Psychologen dieser Studie können nähere Details über die Inhalte den Personen dabei helfen, sich gezielt darauf vorzubereiten – und dann auch angemessen zu reagieren.</p> <p>Wie in solchen Studien üblich, sind die Ergebnisse differenziert zu betrachten. In der Tendenz sind sie aber deutlich: Ausführliche Triggerwarnungen können hilfreich sein. Dabei sollte man berücksichtigen, dass es sich hier um kein Experiment handelte, das gezielt nur die Erfahrung traumatisierter Menschen untersuchte. Das heißt, bei der Untersuchung besonders anfälliger Gruppen könnten die Unterschiede durch die Triggerwarnungen größer ausfallen.</p> <p>Ob man eine Triggerwarnung verwendet oder nicht, sagt damit letztlich etwas darüber aus, ob man an die Bedürfnisse bestimmter Zielgruppen der Kommunikation oder Medien denkt. Unsinnig ist das nach den jetzt vorliegenden Daten keinesfalls.</p> <p>Bei der Konkurrenz um Aufmerksamkeit in sozialen Medien oder von Streamingdiensten sollte man berücksichtigen, dass der bloße Hinweis „Triggerwarnung“ oder vielleicht abgekürzt nur als „TW“ eher nicht hilft. Aber auf diesen Plattformen geht es ja darum, die größte Verbreitung beziehungsweise Konsumzeit zu erreichen. Damit haben diese Anbieter gerade kein Interesse an einer Handlungsalternative, die auch im vorliegenden Experiment nicht angeboten wurde: nämlich einfach wegschauen beziehungsweise weiterklicken.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/photos/stop-sign-traffic-sign-road-sign-634941/" rel="noopener">Walter Knerr</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/800839093241415f8789ad5b42f69ec2" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/achtung-triggerwarnung-sinn-oder-unsinn/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>3</slash:comments> </item> <item> <title>Astronomer’s Valentine https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/#respond Fri, 13 Feb 2026 09:27:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12559 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/</link> </image> <description type="html"><h1>Astronomer's Valentine » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>True lovers love to bring each other the stars from the sky. So, here is my suggestion for tomorrow as a constellation expert:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png"><img alt="constellation &quot;Heart&quot;" decoding="async" height="445" sizes="(max-width: 620px) 100vw, 620px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png 620w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-150x107.png 150w" width="620"></img></a><figcaption>Constellation „The Heart“ </figcaption></figure> </div> <p>Did you recognise it? Although I nicknamed the constellation on the occasion of Valentine’s Day, the constellation itself really exists – and has been documented since Greek antiquity. There is no evidence of it in Babylonian times, but Ptolemy (137 CE), Hipparchus (~130 BCE), Eratosthenes (220 BCE) and Aratus (4th century BCE) describe it, and no earlier Greek uranographies are known to date. Our ancestors referred to the constellation as ‘The River’, now called <strong>Eridanus</strong> (<a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/eridanus/" rel="noopener">NoirLab</a>, <a href="https://exopla.net/eridanus" rel="noopener">IAU-WGSN website</a>), and it is easily recognisable: directly next to prominent Orion (of course, it works best in the northern hemisphere).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Sky above Berlin on Valentine’s Day (Stellarium, sky culture „Greek Almagest“).</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Stellarium sky culture „Modern – IAU“.</figcaption></figure> <h2 id="h-transformation-of-eridanus-over-time">Transformation of Eridanus over time</h2> <p>According to the official nomenclature of the IAU, which has been in use since 1930, the constellation extends much further south – something the ancient Greeks and Babylonians could not see because it was below their horizon. Here is a comparison of the Ptolemaic and modern constellations:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png"><img alt="" decoding="async" height="469" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-150x82.png 150w" width="855"></img></a><figcaption>Eridanus, as defined for more than 2000 years (right map with Wolfram Mathematica 2015, left map from my data set on Ptolemy’s star catalogue for the dissertation „<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-18683-8" rel="noopener">Hipparchs Himmelsglobus</a>„).</figcaption></figure> <p>The modern constellation (Delporte 1930) reaches much further south than the ancient one. This change was made by Dutch cartographers (Plancius 1596, de Houtman 1603) in Early Modern time and propagated ever since. As a historian of celestial cartography, I suspect a mistake in the ancient Almagest as the source of this change: the Almagest claims (in words) the southernmost star of The River to be a first magnitude star and the brightest one of the constellation. However, the star at the coordinates of the southernmost mentioned (theta Eridani) in the Almagest is not the brightest. When European (Dutch) sailors travelled far enough south to see a first magnitude star, they extended the winding cosntellation line (as the also enlarged Argo, The Ship, equipping it with sails). They even extended The River to the southern pole (perhaps a navigation aid?), but in consistency with the wording in the Almagest, later cartographers only maintained the part up to the first magnitude star. Now, the IAU recognises two stars with the Arabic name for „the last one of the river:“ the original one and the bright one.</p> <p>Today, the ancient river is called ‘Eridanus’, but in ancient times this was not so certain: 2000 years ago, the official name of the constellation was “River”, and Pseudo-Eratosthenes wrote that „it is called Eridanus. Others say that it is most certainly the Nile, because it is the only river that has its source in the south.“ Elsewhere, even in ancient times, it was suggested that it could also be the River Po in Italy. So we are on the safe side when we say that it is simply a river.<aside></aside></p> <h2 id="h-romantic-star-lore-for-planetaria">Romantic Star Lore (for Planetaria)</h2> <p>Astronomers in particular are commonly assumed to be especially romantic. This has even been immortalised in a Greek star legend which is unable to explain conclusively why the constellation Pisces (IAU <a href="https://exopla.net/pisces" rel="noopener">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/pisces/" rel="noopener">NoirLab</a>) depicts two fish tied together with a ribbon that also has a knot in it. (I do have a historical explanation, though, but it is completely unromantic and doesn’t fit here.) Greek mythology offers various interpretations for this.</p> <h3 id="h-legend-1">Legend 1</h3> <p>One version is that the fish in Pisces are transformed gods or demigods (e.g. <strong>Aphrodite and her son Eros</strong>, or others in variants of the legend). They are on the run and therefore have to go their separate ways at some point (around the autumn quadrangle) — but they remain eternally connected by the ribbon of love:</p> <p>Anyone who wants to flirt like that has to assume that their partner has a great deal of knowledge. <a href="http://www.ianridpath.com/startales/pisces.html" rel="noopener">Ian Ridpath’s Star Tales</a> have more variants of the story behind Pisces and not all of them are romantic. However, the background of this love story in Pisces is that the „Heavenly Lady“ in our <strong>constellation Andromeda</strong> (<a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda" rel="noopener">ASE</a>, IAU <a href="https://exopla.net/andromeda" rel="noopener">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/andromeda/" rel="noopener">NoirLab</a>) originally was the Babylonian goddess of love (and war: as Pat Benetar says „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IGVZOLV9SPo" rel="noopener">love is a battlefield</a>„), whose Syriac variant Derketo is typically depicted with (one or many) fish as her attribute. </p> <p>Hence, <strong>Andromeda actually is a goddess of love</strong>.  </p> <figure><img alt="transformation of Andromeda over time" decoding="async" src="https://ase.exopla.net/images/2/23/Psc-And-Aqr_grp-GIF_engl.gif"></img><figcaption>transformation of Andromeda-Pisces region over time – <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda" rel="noopener">All Skies Encyclopaedia „Andromeda“</a>, IAU-<a href="https://exopla.net/sternbilder/transformations-animationen/" rel="noopener">WGSN website „transformations“</a>: my own work – mp4-file for educational purpose available, too</figcaption></figure> <h3 id="h-legend-2">Legend 2</h3> <p>Another romantic star tale is connected to the <strong>constellation Coma Berenices</strong> (<a href="http://www.ianridpath.com/startales/comaberenices.html" rel="noopener">Ian Ridpath Star Tales</a>). The constellation Coma (IAU <a href="https://exopla.net/coma-berenices" rel="noopener">WGSN Website</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/comaberenices/" rel="noopener">NoirLab</a>) is first reported by Eratosthenes and invented by the Egyptian court astronomer in his time (according to the Graeco-Egyptian legend that he reports) to honour the Queen of Egypt, Berenice Euergetis (the Beneficent). She had sacrificed her beautiful curls in the temple while praying for her husband’s safe return from a war. When the magnificent bunch of hair had disappeared a few days later upon the king’s return, the astronomer Kolon claimed that the gods had placed it in the sky as a <strong>symbol of marital love and fidelity</strong>.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="437" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg 655w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-150x100.jpg 150w" width="655"></img></a><figcaption>constellation Coma in Doppelmayer (1742)<p>(Retouched detail from a photograph of the facsimile print published by <a href="https://albireo-verlag.org/" rel="noopener">Albireo Verlag</a>.) Likely dark hair because Berenice was from North Africa.</p></figcaption></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png"><img alt="" decoding="async" height="361" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png 400w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-300x270.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-150x135.png 150w" width="400"></img></a><figcaption>Coma Berenices with Wolfram Mathematica (2015)</figcaption></figure> </div> </div> <h2 id="h-modern-astrophotographers">Modern Astrophotographers</h2> <p>Without any legend, history or fairy tale, modern (amateur) astronomers like to come up with deep sky photography objects that are equally explicite. The <a href="https://apod.nasa.gov/apod/ap220214.html" rel="noopener">Astronomy Picture of the Day (APOD)</a> of Valentine’s Day 2022 again showed the Heart Nebula in the Milky Way<strong> in constellation Cassiopeia</strong>. </p> <p>In many years (e.g. 2014, see below), the APOD even displays <strong>The Heart and The Soul nebulae</strong> together for Valentine’s Day – and The Soul can alternatively be interpretated as a human baby which is frequently the result of the love between a man and a woman. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png"><img alt="" decoding="async" height="633" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-150x92.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-900x556.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png 1332w" width="1024"></img></a></figure> <p>Unfortunately, this heart (and baby) in the sky can only be seen with technical aids. It is large, but too faint for the human eye. My ‘heart for astronomers’ (Eridanus) above can be easily seen with the naked eye – and it is even very easy to find, as it is right next to the famous constellation Orion: right next to the foot star ‘Rigel’.</p> <h2 id="h-orion-bottom-left-cassiopeia-top-centre">Orion bottom left, <br></br>Cassiopeia top centre:</h2> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>same region with the Greek „Almagest“ constellations Andromeda, Pisces, Cetus. </figcaption></figure> </div> </div> <p>Good luck, boys and gentlemen, </p> <p>Go and conquer your lady’s heart!</p> <hr></hr> <p>note: in many cases, flowers will also do 😉 </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1002" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1007px) 100vw, 1007px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg 1007w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg 768w" width="1007"></img></a><figcaption>Heart in Stellarium, sky culture „Modern – IAU“ – retouched with The GIMP.</figcaption></figure> <p><strong><span>Instagram <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" rel="noopener" target="_self">@iau.star.names</a></span></strong></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Astronomer's Valentine » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>True lovers love to bring each other the stars from the sky. So, here is my suggestion for tomorrow as a constellation expert:</p> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png"><img alt="constellation &quot;Heart&quot;" decoding="async" height="445" sizes="(max-width: 620px) 100vw, 620px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart.png 620w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-300x215.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/constHeart-150x107.png 150w" width="620"></img></a><figcaption>Constellation „The Heart“ </figcaption></figure> </div> <p>Did you recognise it? Although I nicknamed the constellation on the occasion of Valentine’s Day, the constellation itself really exists – and has been documented since Greek antiquity. There is no evidence of it in Babylonian times, but Ptolemy (137 CE), Hipparchus (~130 BCE), Eratosthenes (220 BCE) and Aratus (4th century BCE) describe it, and no earlier Greek uranographies are known to date. Our ancestors referred to the constellation as ‘The River’, now called <strong>Eridanus</strong> (<a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/eridanus/" rel="noopener">NoirLab</a>, <a href="https://exopla.net/eridanus" rel="noopener">IAU-WGSN website</a>), and it is easily recognisable: directly next to prominent Orion (of course, it works best in the northern hemisphere).</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus_Almagest_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Sky above Berlin on Valentine’s Day (Stellarium, sky culture „Greek Almagest“).</figcaption></figure> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Eridanus-IAU_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>Stellarium sky culture „Modern – IAU“.</figcaption></figure> <h2 id="h-transformation-of-eridanus-over-time">Transformation of Eridanus over time</h2> <p>According to the official nomenclature of the IAU, which has been in use since 1930, the constellation extends much further south – something the ancient Greeks and Babylonians could not see because it was below their horizon. Here is a comparison of the Ptolemaic and modern constellations:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png"><img alt="" decoding="async" height="469" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 855px) 100vw, 855px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb.png 855w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-300x164.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/eridanus_Vgl_komb-150x82.png 150w" width="855"></img></a><figcaption>Eridanus, as defined for more than 2000 years (right map with Wolfram Mathematica 2015, left map from my data set on Ptolemy’s star catalogue for the dissertation „<a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-658-18683-8" rel="noopener">Hipparchs Himmelsglobus</a>„).</figcaption></figure> <p>The modern constellation (Delporte 1930) reaches much further south than the ancient one. This change was made by Dutch cartographers (Plancius 1596, de Houtman 1603) in Early Modern time and propagated ever since. As a historian of celestial cartography, I suspect a mistake in the ancient Almagest as the source of this change: the Almagest claims (in words) the southernmost star of The River to be a first magnitude star and the brightest one of the constellation. However, the star at the coordinates of the southernmost mentioned (theta Eridani) in the Almagest is not the brightest. When European (Dutch) sailors travelled far enough south to see a first magnitude star, they extended the winding cosntellation line (as the also enlarged Argo, The Ship, equipping it with sails). They even extended The River to the southern pole (perhaps a navigation aid?), but in consistency with the wording in the Almagest, later cartographers only maintained the part up to the first magnitude star. Now, the IAU recognises two stars with the Arabic name for „the last one of the river:“ the original one and the bright one.</p> <p>Today, the ancient river is called ‘Eridanus’, but in ancient times this was not so certain: 2000 years ago, the official name of the constellation was “River”, and Pseudo-Eratosthenes wrote that „it is called Eridanus. Others say that it is most certainly the Nile, because it is the only river that has its source in the south.“ Elsewhere, even in ancient times, it was suggested that it could also be the River Po in Italy. So we are on the safe side when we say that it is simply a river.<aside></aside></p> <h2 id="h-romantic-star-lore-for-planetaria">Romantic Star Lore (for Planetaria)</h2> <p>Astronomers in particular are commonly assumed to be especially romantic. This has even been immortalised in a Greek star legend which is unable to explain conclusively why the constellation Pisces (IAU <a href="https://exopla.net/pisces" rel="noopener">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/pisces/" rel="noopener">NoirLab</a>) depicts two fish tied together with a ribbon that also has a knot in it. (I do have a historical explanation, though, but it is completely unromantic and doesn’t fit here.) Greek mythology offers various interpretations for this.</p> <h3 id="h-legend-1">Legend 1</h3> <p>One version is that the fish in Pisces are transformed gods or demigods (e.g. <strong>Aphrodite and her son Eros</strong>, or others in variants of the legend). They are on the run and therefore have to go their separate ways at some point (around the autumn quadrangle) — but they remain eternally connected by the ribbon of love:</p> <p>Anyone who wants to flirt like that has to assume that their partner has a great deal of knowledge. <a href="http://www.ianridpath.com/startales/pisces.html" rel="noopener">Ian Ridpath’s Star Tales</a> have more variants of the story behind Pisces and not all of them are romantic. However, the background of this love story in Pisces is that the „Heavenly Lady“ in our <strong>constellation Andromeda</strong> (<a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda" rel="noopener">ASE</a>, IAU <a href="https://exopla.net/andromeda" rel="noopener">WGSN</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/andromeda/" rel="noopener">NoirLab</a>) originally was the Babylonian goddess of love (and war: as Pat Benetar says „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=IGVZOLV9SPo" rel="noopener">love is a battlefield</a>„), whose Syriac variant Derketo is typically depicted with (one or many) fish as her attribute. </p> <p>Hence, <strong>Andromeda actually is a goddess of love</strong>.  </p> <figure><img alt="transformation of Andromeda over time" decoding="async" src="https://ase.exopla.net/images/2/23/Psc-And-Aqr_grp-GIF_engl.gif"></img><figcaption>transformation of Andromeda-Pisces region over time – <a href="https://ase.exopla.net/index.php/Andromeda" rel="noopener">All Skies Encyclopaedia „Andromeda“</a>, IAU-<a href="https://exopla.net/sternbilder/transformations-animationen/" rel="noopener">WGSN website „transformations“</a>: my own work – mp4-file for educational purpose available, too</figcaption></figure> <h3 id="h-legend-2">Legend 2</h3> <p>Another romantic star tale is connected to the <strong>constellation Coma Berenices</strong> (<a href="http://www.ianridpath.com/startales/comaberenices.html" rel="noopener">Ian Ridpath Star Tales</a>). The constellation Coma (IAU <a href="https://exopla.net/coma-berenices" rel="noopener">WGSN Website</a>, <a href="https://noirlab.edu/public/education/constellations/comaberenices/" rel="noopener">NoirLab</a>) is first reported by Eratosthenes and invented by the Egyptian court astronomer in his time (according to the Graeco-Egyptian legend that he reports) to honour the Queen of Egypt, Berenice Euergetis (the Beneficent). She had sacrificed her beautiful curls in the temple while praying for her husband’s safe return from a war. When the magnificent bunch of hair had disappeared a few days later upon the king’s return, the astronomer Kolon claimed that the gods had placed it in the sky as a <strong>symbol of marital love and fidelity</strong>.</p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg"><img alt="" decoding="async" height="437" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web.jpg 655w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Coma_Doppelmayer1742_web-150x100.jpg 150w" width="655"></img></a><figcaption>constellation Coma in Doppelmayer (1742)<p>(Retouched detail from a photograph of the facsimile print published by <a href="https://albireo-verlag.org/" rel="noopener">Albireo Verlag</a>.) Likely dark hair because Berenice was from North Africa.</p></figcaption></figure> </div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png"><img alt="" decoding="async" height="361" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst.png 400w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-300x270.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/comConst-150x135.png 150w" width="400"></img></a><figcaption>Coma Berenices with Wolfram Mathematica (2015)</figcaption></figure> </div> </div> <h2 id="h-modern-astrophotographers">Modern Astrophotographers</h2> <p>Without any legend, history or fairy tale, modern (amateur) astronomers like to come up with deep sky photography objects that are equally explicite. The <a href="https://apod.nasa.gov/apod/ap220214.html" rel="noopener">Astronomy Picture of the Day (APOD)</a> of Valentine’s Day 2022 again showed the Heart Nebula in the Milky Way<strong> in constellation Cassiopeia</strong>. </p> <p>In many years (e.g. 2014, see below), the APOD even displays <strong>The Heart and The Soul nebulae</strong> together for Valentine’s Day – and The Soul can alternatively be interpretated as a human baby which is frequently the result of the love between a man and a woman. </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png"><img alt="" decoding="async" height="633" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-1024x633.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-300x185.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-150x92.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014-900x556.png 900w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/APOD_feb2014.png 1332w" width="1024"></img></a></figure> <p>Unfortunately, this heart (and baby) in the sky can only be seen with technical aids. It is large, but too faint for the human eye. My ‘heart for astronomers’ (Eridanus) above can be easily seen with the naked eye – and it is even very easy to find, as it is right next to the famous constellation Orion: right next to the foot star ‘Rigel’.</p> <h2 id="h-orion-bottom-left-cassiopeia-top-centre">Orion bottom left, <br></br>Cassiopeia top centre:</h2> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Psc_Alm_stellarium.jpg 1920w" width="1024"></img></a><figcaption>same region with the Greek „Almagest“ constellations Andromeda, Pisces, Cetus. </figcaption></figure> </div> </div> <p>Good luck, boys and gentlemen, </p> <p>Go and conquer your lady’s heart!</p> <hr></hr> <p>note: in many cases, flowers will also do 😉 </p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1002" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1007px) 100vw, 1007px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium.jpg 1007w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/Heart_stellarium-768x764.jpg 768w" width="1007"></img></a><figcaption>Heart in Stellarium, sky culture „Modern – IAU“ – retouched with The GIMP.</figcaption></figure> <p><strong><span>Instagram <a class="" data-cp-link="1" href="https://www.instagram.com/iau.star.names" rel="noopener" target="_self">@iau.star.names</a></span></strong></p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/astronomers-valentine-2/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/#comments Tue, 10 Feb 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3537 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie könnte das Strafrecht regieren, wenn Täterinnen oder Täter in Deutschland jünger als 14 Jahre sind?</strong></p> <span id="more-3537"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> behandelten wir Tötungsdelikte durch Kinder. Gerade geht der Fall des 14-jährigen Yosef durch die Medien, der wahrscheinlich von einem Zwölfjährigen in Dormagen (NRW) getötet wurde. Zuvor hat die Tötung der 12-jährigen Luise am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen für großes Entsetzen gesorgt. Hier waren die Täterinnen eine zwölf- und eine 13-jährige Bekannte.</p> <p>Wie im ersten Teil dargestellt, schließt das deutsche Strafrecht unter dem Alter von 14 Jahren jegliche strafrechtliche Verantwortung grundlegend aus (§ 19 StGB). Das bedeutet, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiter ermitteln und auch keine Anklage erhoben werden kann. In diesem Sinne stehen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen sogar nach schwersten Verbrechen allein da.</p> <p>Im Fall der Luise versucht die Familie, die Täterinnen zumindest zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Hier kann es aber nur um Schadensersatz gehen, verglichen mit der Höchststrafe von 15 Jahren für Mord im Jugendstrafrecht. Außerdem tragen die Kläger hier selbst sowohl die Beweislast als auch das Verfahrensrisiko.</p> <p>Ich habe das im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> zu meiner eigenen Forschung zur Obergrenze des Strafrechts in Beziehung gesetzt. Am Ende diskutierte ich einen historischen Fall, der an die Verbrechen gegen Luise und Yosef erinnert. Jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück und beschäftigen wir uns noch einmal mit den Altersgrenzen des Strafrechts am unteren Ende, also der Strafmündigkeit.<aside></aside></p> <h2 id="h-noch-einmal-altersgrenzen">Noch einmal Altersgrenzen</h2> <p>Möglich ist der Umweg über das Zivilrecht nur, weil es für die Verantwortlichkeit für Schaden eine andere Altersgrenze kennt als das Strafrecht: „Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich“ (§ 828 Abs. 1 BGB). Die doppelte Verneinung und die Formulierung „Vollendung des siebenten Lebensjahres“ fördern nicht gerade die allgemeine Verständlichkeit. Gemeint ist eine Verantwortlichkeit ab dem Alter von <em>sieben</em> Jahren. Ab dieser Altersgrenze gilt übrigens auch die beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB).</p> <p>Wie kann das sein, dass man laut Zivilrecht schon ab dem Alter von sieben Jahren für seinen Schaden verantwortlich gemacht werden kann, doch nach geltendem Strafrecht unter 14 Jahren gar nicht? Das zeigt schon, dass wir es hier mit dem Bereich von <em>Normen</em> zu tun haben, in dem es keine eindeutig wahre Antwort gibt. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftspolitische Festlegungen.</p> <p>Auch in Deutschland galt schon einmal von 1871 bis 1923 eine strafrechtliche Untergrenze von zwölf Jahren. Und auch heute noch haben benachbarte oder zumindest in der Nähe liegende Länder niedrigere Altersgrenzen: Frankreich kennt zum Beispiel gar keine feste Grenze, Schottland acht Jahre, England sowie die Schweiz zehn und die Niederlande zwölf Jahre. In Ungarn lässt man für schwere Straftaten eine ausnahmsweise niedrigere Untergrenze von zwölf Jahren zu. Dabei sind die Regeln in der Anwendung natürlich komplexer, als ich es hier in wenigen Sätzen darstellen kann.</p> <p>Aber es ist doch auffällig, dass es so große Unterschiede zwischen sogar gesellschaftlich ähnlichen Ländern gibt. Und dass nicht nur in der deutschen Geschichte andere Grenzen gezogen wurden, sondern sogar im Jahr 2026 unterschiedliche Rechtsgebiete andere Ansichten vertreten. Dabei ist auch jedem klar, dass im Körper oder der Psyche eines Menschen zum siebten, 14., 18. oder 21. Geburtstag nicht plötzlich alles anders wird.</p> <p>Es handelt sich also um normative Setzungen – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Auch eine DIN A4-Seite wurde schließlich auf 210 x 297 Millimeter festgelegt. Dabei steht „DIN“ übrigens für das Deutsche Institut für Normung. Natürlich hätte man sich auch auf eine andere Größe festlegen können und gibt es in anderen Ländern tatsächlich andere Formate.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-und-die-wissenschaft">Und die Wissenschaft?</h2> <p>Angesichts dieser Vagheit erhoffen sich manche vielleicht aus der Wissenschaft Klarheit. Doch Obacht! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wissenschaft – man erinnere sich an den Werturteilsstreit im frühen 20. Jahrhundert – selbst keine gesellschaftlichen Normen und Zwecke setzen kann. Sie kann nur nach einem <em>vorgegebenen Ziel</em> die eine oder andere Lösung als mehr oder weniger zweckdienlich ausweisen. In meiner eigenen Forschung zur Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre in den Niederlanden habe ich gezeigt, dass dabei auch noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/">sehr viel schiefgehen kann</a>.</p> <p>Wer jetzt, nach der Tötung des 14-jährigen Yosef, wieder ruft, der Täter sei doch ein Kind, sollte seinen Standpunkt näher begründen. Sind Zwölfjährige in den Niederlanden oder Zehnjährige in England keine Kinder? Anstatt zu rufen, die Wissenschaft zeige dieses oder jenes, könnte man einmal mit einem Fernsehfilm dokumentieren, wie andere Länder mit Kindern umgehen, die zu Straftätern werden. Mir fehlen dazu die Mittel.</p> <p>Ich konnte in meiner Forschung aber immerhin zusammenfassen, was inzwischen der Konsens der Entwicklungspsychologie und angrenzender Wissenschaften ist: Bei der heute gängigen Kategorie der Adoleszenz verschieben sich interessanterweise an beiden Enden die Grenzen auseinander: Am unteren Ende sieht man meistens das Alter von neun oder zehn Jahren, am oberen das von 24 oder 25 Jahren.</p> <p>Letzteres hängt übrigens damit zusammen, dass – zumindest in den hier maßgeblichen westlichen Ländern – Menschen immer später das Wahrnehmen, was man früher als klassische Erwachsenenrolle ansah: zum Beispiel alleine zu leben, das Aufnehmen einer festen Arbeit oder eine Hochzeit und Gründung einer Familie. Mitunter spielen einige dieser „typischen Erwachsenendinge“ heute gar keine Rolle mehr, was den Verlust alter Rollenmodelle und das Entstehen neuer Lebenswege verdeutlicht, übrigens auch in Abhängigkeit von ökonomischen Umständen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Führende Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklungen zogen und ziehen unterschiedliche Grenzen: Um 1900 setzte zum Beispiel der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall (1844-1924) den Begriff der Adoleszenz für das Alter von 14 bis 24 Jahren durch, übrigens unter Rückgriff auf deutsche Gedanken des „Sturm und Drang“. In jener Zeit kam es auch zur maßgeblichen Weiterentwicklung der Jugendgerichtsbarkeit. Der Begriff des „aufkommenden Erwachsenseins“ (engl. emerging adulthood) ist bisher vor allem für die Forschung von Bedeutung.</em></p> <h2 id="h-mittelwert-und-individuum">Mittelwert und Individuum</h2> <p>Doch zum zweiten Mal: Obacht! Solche Grenzziehungen gelten grob und für einen „Durchschnittsmenschen“. Natürlich ist nicht jede 13-Jährige gleich. Am Beispiel der ersten Menstruation der Mädchen lässt sich das gut veranschaulichen. So findet diese laut einer neueren US-amerikanischen Studie heute durchschnittlich im Alter von 11,9 Jahren statt. Trotzdem haben jeweils rund 20 Prozent der Mädchen schon vor dem elften oder erst nach dem 13. Geburtstag ihre erste Monatsblutung.</p> <p>Statistisch findet man also einen Mittelwert mit einer Streuung an beiden Seiten. Warum kann das nicht auch als Vorbild für das Strafrecht gelten?</p> <p>Die <em>wissenschaftliche</em> Tatsache legt nämlich den Schluss nahe, dass <em>harte</em> Altersgrenzen, wie sie das Recht kennt und anwendet, nur begrenzt nachvollziehbar sind. Wie schon gesagt: am 14. oder 18. Geburtstag wird nicht plötzlich im Körper oder der Psyche eines Menschen alles anders, auch wenn er oder sie dann rechtlich völlig anders behandelt werden kann. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass hierzulande die allermeisten Menschen gesetzestreu sind und insbesondere die allermeisten Kinder niemanden töten.</p> <p>Doch auch wenn das Recht aus gutem Grund konservativ ist, könnte es seinen strengen Umgang mit den Altersgrenzen – insbesondere für so schwere Fälle wie dem der 2023 getöteten Luise oder des jetzt getöteten Yosef – überdenken. Denn langfristig könnte es auch der Glaubwürdigkeit des Strafrechts schaden, wenn es hier immer wegschaut.</p> <blockquote> <p>Oder wenn zum Beispiel ein Strafrechtsprofessor es so formuliert, wobei ich wieder bewusst auf die Namensnennung verzichte: „Es bleibt also dabei, daß auch dem Opfer einer besonders schweren Gewalttat zugemutet werden muß, ohne einen förmlichen Prozeß der rechtlichen Aufarbeitung mit dem Geschehen fertig zu werden, sofern es sich um einen kindlichen Täter handelt.“</p> </blockquote> <p>Zum Opfer sollte man auch hier die Hinterbliebenen dazudenken. Und was soll der Grund dafür sein, dass denen noch mehr „zugemutet werden muss“, als sie ohnehin schon erlebt haben? Dass der deutsche Gesetzgeber die strafrechtliche Norm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eben auf 14 Jahre festgelegt hat.</p> <h2 id="h-mein-vorschlag">Mein Vorschlag</h2> <p>Nach meiner Auswertung ist die heutige Untergrenze von 14 Jahren nicht in Stein gemeißelt. Das zeigt sowohl die rechtsvergleichende Sicht als auch der Konsens der Wissenschaften von der Entwicklung des Menschen. Mit der Kategorie der „Heranwachsenden“ gibt es heute schon einen Ermessensspielraum an der Obergrenze, nämlich im Alter von 18 bis einschließlich 20 Jahren. Und diesen Spielraum wendet man in Deutschland eher milde an.</p> <p>Es ist schon heute so, dass die „sittliche und geistige Entwicklung“ eines angeklagten Jugendlichen fortgeschritten genug sein muss, um die Einsicht in richtig und falsch und das Handeln nach dieser Einsicht zu ermöglichen (§ 3 JGG). Ist dem nicht so, kann ein Jugendrichter auf die Erziehungsmaßnahmen der Familiengerichte zurückgreifen. Das ist dann aber eine begründete Einzelfallentscheidung und lässt die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen nicht prinzipiell außen vor.</p> <p>Mit Blick auf die besondere persönliche aber auch gesellschaftliche Schwere und Wirkung solcher Fälle könnte man erwägen – zumindest bei schweren Straftaten wie denen gegen das Leben – eine niedrigere Altersgrenze einzuführen. So eine prinzipielle Möglichkeit könnte im Einzelfall immer noch zum Ergebnis kommen, dass ein Kind zum Tatzeitpunkt nicht reif genug war, um zu verstehen, was es tat.</p> <p>So ein Ermessensspielraum könnte nicht nur den Bedürfnissen von Opfern und Angehörigen entgegenkommen, sondern auch dem Gerechtigkeitsempfinden in der Gesellschaft. Damit würde gleichzeitig populistischen Tendenzen gegen den Rechtsstaat entgegengewirkt. Und es würde immer noch vorgebeugt, dass Kinder, die dafür noch nicht reif genug sind, strafrechtlich verurteilt werden.</p> <p>Fest steht allerdings, dass die Tötung von Luise und Yosef nicht mehr verhindert und die Täterinnen und Täter in diesen Fällen nicht mehr strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Für zukünftige Fälle lässt sich das aber ändern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9" rel="noopener">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/" rel="noopener">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/95b7faee8deb4bf680d4405f2d42a6ce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Teil 2: Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Wie könnte das Strafrecht regieren, wenn Täterinnen oder Täter in Deutschland jünger als 14 Jahre sind?</strong></p> <span id="more-3537"></span> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> behandelten wir Tötungsdelikte durch Kinder. Gerade geht der Fall des 14-jährigen Yosef durch die Medien, der wahrscheinlich von einem Zwölfjährigen in Dormagen (NRW) getötet wurde. Zuvor hat die Tötung der 12-jährigen Luise am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen für großes Entsetzen gesorgt. Hier waren die Täterinnen eine zwölf- und eine 13-jährige Bekannte.</p> <p>Wie im ersten Teil dargestellt, schließt das deutsche Strafrecht unter dem Alter von 14 Jahren jegliche strafrechtliche Verantwortung grundlegend aus (§ 19 StGB). Das bedeutet, dass Polizei und Staatsanwaltschaft nicht weiter ermitteln und auch keine Anklage erhoben werden kann. In diesem Sinne stehen die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen sogar nach schwersten Verbrechen allein da.</p> <p>Im Fall der Luise versucht die Familie, die Täterinnen zumindest zivilrechtlich verantwortlich zu machen. Hier kann es aber nur um Schadensersatz gehen, verglichen mit der Höchststrafe von 15 Jahren für Mord im Jugendstrafrecht. Außerdem tragen die Kläger hier selbst sowohl die Beweislast als auch das Verfahrensrisiko.</p> <p>Ich habe das im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/">ersten Teil</a> zu meiner eigenen Forschung zur Obergrenze des Strafrechts in Beziehung gesetzt. Am Ende diskutierte ich einen historischen Fall, der an die Verbrechen gegen Luise und Yosef erinnert. Jetzt kehren wir in die Gegenwart zurück und beschäftigen wir uns noch einmal mit den Altersgrenzen des Strafrechts am unteren Ende, also der Strafmündigkeit.<aside></aside></p> <h2 id="h-noch-einmal-altersgrenzen">Noch einmal Altersgrenzen</h2> <p>Möglich ist der Umweg über das Zivilrecht nur, weil es für die Verantwortlichkeit für Schaden eine andere Altersgrenze kennt als das Strafrecht: „Wer nicht das siebente Lebensjahr vollendet hat, ist für einen Schaden, den er einem anderen zufügt, nicht verantwortlich“ (§ 828 Abs. 1 BGB). Die doppelte Verneinung und die Formulierung „Vollendung des siebenten Lebensjahres“ fördern nicht gerade die allgemeine Verständlichkeit. Gemeint ist eine Verantwortlichkeit ab dem Alter von <em>sieben</em> Jahren. Ab dieser Altersgrenze gilt übrigens auch die beschränkte Geschäftsfähigkeit (§ 106 BGB).</p> <p>Wie kann das sein, dass man laut Zivilrecht schon ab dem Alter von sieben Jahren für seinen Schaden verantwortlich gemacht werden kann, doch nach geltendem Strafrecht unter 14 Jahren gar nicht? Das zeigt schon, dass wir es hier mit dem Bereich von <em>Normen</em> zu tun haben, in dem es keine eindeutig wahre Antwort gibt. Es handelt sich vielmehr um gesellschaftspolitische Festlegungen.</p> <p>Auch in Deutschland galt schon einmal von 1871 bis 1923 eine strafrechtliche Untergrenze von zwölf Jahren. Und auch heute noch haben benachbarte oder zumindest in der Nähe liegende Länder niedrigere Altersgrenzen: Frankreich kennt zum Beispiel gar keine feste Grenze, Schottland acht Jahre, England sowie die Schweiz zehn und die Niederlande zwölf Jahre. In Ungarn lässt man für schwere Straftaten eine ausnahmsweise niedrigere Untergrenze von zwölf Jahren zu. Dabei sind die Regeln in der Anwendung natürlich komplexer, als ich es hier in wenigen Sätzen darstellen kann.</p> <p>Aber es ist doch auffällig, dass es so große Unterschiede zwischen sogar gesellschaftlich ähnlichen Ländern gibt. Und dass nicht nur in der deutschen Geschichte andere Grenzen gezogen wurden, sondern sogar im Jahr 2026 unterschiedliche Rechtsgebiete andere Ansichten vertreten. Dabei ist auch jedem klar, dass im Körper oder der Psyche eines Menschen zum siebten, 14., 18. oder 21. Geburtstag nicht plötzlich alles anders wird.</p> <p>Es handelt sich also um normative Setzungen – mit allen ihren Vor- und Nachteilen. Auch eine DIN A4-Seite wurde schließlich auf 210 x 297 Millimeter festgelegt. Dabei steht „DIN“ übrigens für das Deutsche Institut für Normung. Natürlich hätte man sich auch auf eine andere Größe festlegen können und gibt es in anderen Ländern tatsächlich andere Formate.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-und-die-wissenschaft">Und die Wissenschaft?</h2> <p>Angesichts dieser Vagheit erhoffen sich manche vielleicht aus der Wissenschaft Klarheit. Doch Obacht! Wir dürfen nicht vergessen, dass die Wissenschaft – man erinnere sich an den Werturteilsstreit im frühen 20. Jahrhundert – selbst keine gesellschaftlichen Normen und Zwecke setzen kann. Sie kann nur nach einem <em>vorgegebenen Ziel</em> die eine oder andere Lösung als mehr oder weniger zweckdienlich ausweisen. In meiner eigenen Forschung zur Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre in den Niederlanden habe ich gezeigt, dass dabei auch noch <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/koennen-wir-mit-wissen-ueber-unser-gehirn-gesetze-verbessern/">sehr viel schiefgehen kann</a>.</p> <p>Wer jetzt, nach der Tötung des 14-jährigen Yosef, wieder ruft, der Täter sei doch ein Kind, sollte seinen Standpunkt näher begründen. Sind Zwölfjährige in den Niederlanden oder Zehnjährige in England keine Kinder? Anstatt zu rufen, die Wissenschaft zeige dieses oder jenes, könnte man einmal mit einem Fernsehfilm dokumentieren, wie andere Länder mit Kindern umgehen, die zu Straftätern werden. Mir fehlen dazu die Mittel.</p> <p>Ich konnte in meiner Forschung aber immerhin zusammenfassen, was inzwischen der Konsens der Entwicklungspsychologie und angrenzender Wissenschaften ist: Bei der heute gängigen Kategorie der Adoleszenz verschieben sich interessanterweise an beiden Enden die Grenzen auseinander: Am unteren Ende sieht man meistens das Alter von neun oder zehn Jahren, am oberen das von 24 oder 25 Jahren.</p> <p>Letzteres hängt übrigens damit zusammen, dass – zumindest in den hier maßgeblichen westlichen Ländern – Menschen immer später das Wahrnehmen, was man früher als klassische Erwachsenenrolle ansah: zum Beispiel alleine zu leben, das Aufnehmen einer festen Arbeit oder eine Hochzeit und Gründung einer Familie. Mitunter spielen einige dieser „typischen Erwachsenendinge“ heute gar keine Rolle mehr, was den Verlust alter Rollenmodelle und das Entstehen neuer Lebenswege verdeutlicht, übrigens auch in Abhängigkeit von ökonomischen Umständen.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-scaled.png"><img alt="" decoding="async" height="311" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1024x311.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-300x91.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-768x234.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-1536x467.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-2-2-Puberty-Adolescence-Spans-300dpi-copy-2048x623.png 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Führende Forscher auf dem Gebiet der menschlichen Entwicklungen zogen und ziehen unterschiedliche Grenzen: Um 1900 setzte zum Beispiel der amerikanische Psychologe G. Stanley Hall (1844-1924) den Begriff der Adoleszenz für das Alter von 14 bis 24 Jahren durch, übrigens unter Rückgriff auf deutsche Gedanken des „Sturm und Drang“. In jener Zeit kam es auch zur maßgeblichen Weiterentwicklung der Jugendgerichtsbarkeit. Der Begriff des „aufkommenden Erwachsenseins“ (engl. emerging adulthood) ist bisher vor allem für die Forschung von Bedeutung.</em></p> <h2 id="h-mittelwert-und-individuum">Mittelwert und Individuum</h2> <p>Doch zum zweiten Mal: Obacht! Solche Grenzziehungen gelten grob und für einen „Durchschnittsmenschen“. Natürlich ist nicht jede 13-Jährige gleich. Am Beispiel der ersten Menstruation der Mädchen lässt sich das gut veranschaulichen. So findet diese laut einer neueren US-amerikanischen Studie heute durchschnittlich im Alter von 11,9 Jahren statt. Trotzdem haben jeweils rund 20 Prozent der Mädchen schon vor dem elften oder erst nach dem 13. Geburtstag ihre erste Monatsblutung.</p> <p>Statistisch findet man also einen Mittelwert mit einer Streuung an beiden Seiten. Warum kann das nicht auch als Vorbild für das Strafrecht gelten?</p> <p>Die <em>wissenschaftliche</em> Tatsache legt nämlich den Schluss nahe, dass <em>harte</em> Altersgrenzen, wie sie das Recht kennt und anwendet, nur begrenzt nachvollziehbar sind. Wie schon gesagt: am 14. oder 18. Geburtstag wird nicht plötzlich im Körper oder der Psyche eines Menschen alles anders, auch wenn er oder sie dann rechtlich völlig anders behandelt werden kann. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass hierzulande die allermeisten Menschen gesetzestreu sind und insbesondere die allermeisten Kinder niemanden töten.</p> <p>Doch auch wenn das Recht aus gutem Grund konservativ ist, könnte es seinen strengen Umgang mit den Altersgrenzen – insbesondere für so schwere Fälle wie dem der 2023 getöteten Luise oder des jetzt getöteten Yosef – überdenken. Denn langfristig könnte es auch der Glaubwürdigkeit des Strafrechts schaden, wenn es hier immer wegschaut.</p> <blockquote> <p>Oder wenn zum Beispiel ein Strafrechtsprofessor es so formuliert, wobei ich wieder bewusst auf die Namensnennung verzichte: „Es bleibt also dabei, daß auch dem Opfer einer besonders schweren Gewalttat zugemutet werden muß, ohne einen förmlichen Prozeß der rechtlichen Aufarbeitung mit dem Geschehen fertig zu werden, sofern es sich um einen kindlichen Täter handelt.“</p> </blockquote> <p>Zum Opfer sollte man auch hier die Hinterbliebenen dazudenken. Und was soll der Grund dafür sein, dass denen noch mehr „zugemutet werden muss“, als sie ohnehin schon erlebt haben? Dass der deutsche Gesetzgeber die strafrechtliche Norm kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eben auf 14 Jahre festgelegt hat.</p> <h2 id="h-mein-vorschlag">Mein Vorschlag</h2> <p>Nach meiner Auswertung ist die heutige Untergrenze von 14 Jahren nicht in Stein gemeißelt. Das zeigt sowohl die rechtsvergleichende Sicht als auch der Konsens der Wissenschaften von der Entwicklung des Menschen. Mit der Kategorie der „Heranwachsenden“ gibt es heute schon einen Ermessensspielraum an der Obergrenze, nämlich im Alter von 18 bis einschließlich 20 Jahren. Und diesen Spielraum wendet man in Deutschland eher milde an.</p> <p>Es ist schon heute so, dass die „sittliche und geistige Entwicklung“ eines angeklagten Jugendlichen fortgeschritten genug sein muss, um die Einsicht in richtig und falsch und das Handeln nach dieser Einsicht zu ermöglichen (§ 3 JGG). Ist dem nicht so, kann ein Jugendrichter auf die Erziehungsmaßnahmen der Familiengerichte zurückgreifen. Das ist dann aber eine begründete Einzelfallentscheidung und lässt die Opfer beziehungsweise ihre Angehörigen nicht prinzipiell außen vor.</p> <p>Mit Blick auf die besondere persönliche aber auch gesellschaftliche Schwere und Wirkung solcher Fälle könnte man erwägen – zumindest bei schweren Straftaten wie denen gegen das Leben – eine niedrigere Altersgrenze einzuführen. So eine prinzipielle Möglichkeit könnte im Einzelfall immer noch zum Ergebnis kommen, dass ein Kind zum Tatzeitpunkt nicht reif genug war, um zu verstehen, was es tat.</p> <p>So ein Ermessensspielraum könnte nicht nur den Bedürfnissen von Opfern und Angehörigen entgegenkommen, sondern auch dem Gerechtigkeitsempfinden in der Gesellschaft. Damit würde gleichzeitig populistischen Tendenzen gegen den Rechtsstaat entgegengewirkt. Und es würde immer noch vorgebeugt, dass Kinder, die dafür noch nicht reif genug sind, strafrechtlich verurteilt werden.</p> <p>Fest steht allerdings, dass die Tötung von Luise und Yosef nicht mehr verhindert und die Täterinnen und Täter in diesen Fällen nicht mehr strafrechtlich verantwortlich gemacht werden können. Für zukünftige Fälle lässt sich das aber ändern.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9" rel="noopener">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/" rel="noopener">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/95b7faee8deb4bf680d4405f2d42a6ce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>12</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/#respond Tue, 10 Feb 2026 07:56:16 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1842 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel-768x768.jpg Foto der Mondsichel. Darüber gelegt: Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. Darüber steht "AstroGeo Plänkel" https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag132-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen die E-Mail einer Hörerin, deren Fantasie so sehr angeregt wurde, dass sie sich nun als Teil „eines unwahrscheinlich kleinen und zufälligen Teil eines riesigen und unfassbaren Zusammenhangs“ sieht. Herzlich willkommen in der Welt von AstroGeo!</p> <p>Karl spricht über die korrekte Terminologie rund um Meteoroiden, Meteore, Meteoriten und Boliden. Das ist nämlich ein wenig mühsam: Ein Meteoroid ist ein kleinerer Gesteins- oder Eisbrocken auf einer Sonnenumlaufbahn. Tritt er in die Erdatmosphäre ein, wird er zum Meteor – gerne auch Sternschnuppe genannt. Und schaffen es Bruchstücke bis zur Erdoberfläche, heißen sie schließlich Meteoriten. Auch geht es nochmal darum, auf welchen Größenskalen die Ausdehnung des Universums stattfindet – ob nur jenseits von Galaxien oder auch auf dem Maßstab von Sternen, Planeten oder Atomen.<aside></aside></p> <p>Dann geht es zurück in der Zeit, zu den ersten Sternen im Universum. Sie sind irgendwo da draußen, aber gefunden hat sie noch niemand. Franzi taucht dafür in die Prozesse ab, bei denen Sterne neue Elemente erbrüten: die Kernfusion von masseärmeren zu -reicheren Elementen. Genau jene massereicheren Elemente, von Astronominnen und Astronomen auch unter dem Sammelbegriff „Metalle“ abgehakt, sollte es nämlich in den sogenannten Sternen der Population III überhaupt nicht geben.</p> <p>Zur Entstehung des Mondes gab es eine lebhafte Diskussion. Es ging erst einmal um den Befund selbst: Wie sicher ist es, dass ein marsgroßer Planet namens Theia mit der Protoerde zusammenstieß? Es geht um mögliche Szenarien für die Zeit danach, zum Beispiel, dass sich erst zwei Monde gebildet haben, die schließlich auch zusammenstießen und den heutigen Erdmond formten.</p> <p>Karl erklärt auch die Europium-Anomalie, die als wichtiges Argument für den großen Einschlag gilt: Über den Gehalt des Seltenen Erd-Elements in den Mond-Hochländern und den vulkanischen Mare-Ebenen lässt sich belegen, dass der Mond schon vor der Bildung der großen Einschlagbecken über einen globalen Magmaozean verfügt haben muss.</p> <p>Abschließend gibt es allgemeines Feedback zur Nutzung des Podcasts (nicht nur, aber auch zum Einschlafen), zu Wissen und Unwissen bei astrophysikalischern Modellen voller Dunkler Materie und Dunkler Energie sowie zum Einsatz KI-generierter Transkripte bei AstroGeo.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 129: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-marsluft-kosmisches-ende-und-luftzerplatzer/" rel="noopener">AstroGeoPlänkel: Marsluft, kosmisches Ende und Luftzerplatzer</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/" rel="noopener">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> <li>Folge 131: <a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/" rel="noopener">Theias großer Einschlag: wie der Mond entstanden ist</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteorit" rel="noopener">Meteorit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor" rel="noopener">Meteor</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteoroid" rel="noopener">Meteoroid</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)" rel="noopener">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t" rel="noopener">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://astrogeo.de/home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe" rel="noopener">Hauptreihe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze" rel="noopener">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europium#Vorkommen" rel="noopener">Europium-Anomalie</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comment-19610" rel="noopener">Kommentar von Klaus Kassner: Szenario für Mondrotation</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO/M. Kornmesser / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" rel="noopener">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg" rel="noopener">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag132-geplaenkel-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Methusalem-Sterne und Mond-Geburt » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag132-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten beiden Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen die E-Mail einer Hörerin, deren Fantasie so sehr angeregt wurde, dass sie sich nun als Teil „eines unwahrscheinlich kleinen und zufälligen Teil eines riesigen und unfassbaren Zusammenhangs“ sieht. Herzlich willkommen in der Welt von AstroGeo!</p> <p>Karl spricht über die korrekte Terminologie rund um Meteoroiden, Meteore, Meteoriten und Boliden. Das ist nämlich ein wenig mühsam: Ein Meteoroid ist ein kleinerer Gesteins- oder Eisbrocken auf einer Sonnenumlaufbahn. Tritt er in die Erdatmosphäre ein, wird er zum Meteor – gerne auch Sternschnuppe genannt. Und schaffen es Bruchstücke bis zur Erdoberfläche, heißen sie schließlich Meteoriten. Auch geht es nochmal darum, auf welchen Größenskalen die Ausdehnung des Universums stattfindet – ob nur jenseits von Galaxien oder auch auf dem Maßstab von Sternen, Planeten oder Atomen.<aside></aside></p> <p>Dann geht es zurück in der Zeit, zu den ersten Sternen im Universum. Sie sind irgendwo da draußen, aber gefunden hat sie noch niemand. Franzi taucht dafür in die Prozesse ab, bei denen Sterne neue Elemente erbrüten: die Kernfusion von masseärmeren zu -reicheren Elementen. Genau jene massereicheren Elemente, von Astronominnen und Astronomen auch unter dem Sammelbegriff „Metalle“ abgehakt, sollte es nämlich in den sogenannten Sternen der Population III überhaupt nicht geben.</p> <p>Zur Entstehung des Mondes gab es eine lebhafte Diskussion. Es ging erst einmal um den Befund selbst: Wie sicher ist es, dass ein marsgroßer Planet namens Theia mit der Protoerde zusammenstieß? Es geht um mögliche Szenarien für die Zeit danach, zum Beispiel, dass sich erst zwei Monde gebildet haben, die schließlich auch zusammenstießen und den heutigen Erdmond formten.</p> <p>Karl erklärt auch die Europium-Anomalie, die als wichtiges Argument für den großen Einschlag gilt: Über den Gehalt des Seltenen Erd-Elements in den Mond-Hochländern und den vulkanischen Mare-Ebenen lässt sich belegen, dass der Mond schon vor der Bildung der großen Einschlagbecken über einen globalen Magmaozean verfügt haben muss.</p> <p>Abschließend gibt es allgemeines Feedback zur Nutzung des Podcasts (nicht nur, aber auch zum Einschlafen), zu Wissen und Unwissen bei astrophysikalischern Modellen voller Dunkler Materie und Dunkler Energie sowie zum Einsatz KI-generierter Transkripte bei AstroGeo.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 129: <a href="https://astrogeo.de/astrogeoplaenkel-marsluft-kosmisches-ende-und-luftzerplatzer/" rel="noopener">AstroGeoPlänkel: Marsluft, kosmisches Ende und Luftzerplatzer</a></li> <li>Folge 130: <a href="https://astrogeo.de/als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/" rel="noopener">Als im Universum die Lichter angingen: Wo sind die ersten Sterne?</a></li> <li>Folge 131: <a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/" rel="noopener">Theias großer Einschlag: wie der Mond entstanden ist</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteorit" rel="noopener">Meteorit</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor" rel="noopener">Meteor</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteoroid" rel="noopener">Meteoroid</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)" rel="noopener">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t" rel="noopener">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://astrogeo.de/home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe" rel="noopener">Hauptreihe</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Chandrasekhar-Grenze" rel="noopener">Chandrasekhar-Grenze</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Europium#Vorkommen" rel="noopener">Europium-Anomalie</a></li> <li><a href="https://astrogeo.de/theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comment-19610" rel="noopener">Kommentar von Klaus Kassner: Szenario für Mondrotation</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: ESO/M. Kornmesser / <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" rel="noopener">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg" rel="noopener">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-methusalem-sterne-und-mond-geburt/#respond 0 Komet P/2025 W3 (Kresken) https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/#comments Mon, 09 Feb 2026 19:43:43 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1879 <h1>Komet P/2025 W3 (Kresken) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Near-Earth_Object_Coordination_Centre" rel="noopener">Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor_von_Tscheljabinsk" rel="noopener">2013 hatte ein größerer Meteorit in der</a> russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Russia_asteroid_impact_ESA_update_and_assessment" rel="noopener"> Fensterscheiben bersten lassen</a>, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview" rel="noopener">erfolgreiche HERA/DART-Mission</a>.</p> <p>Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.<br></br>Zurzeit nutzen sie dafür</p> <ul> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes" rel="noopener">TBT1</a> in Cebreros bei Madrid (Spanien)</li> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes" rel="noopener">TBT2</a> in La Silla (Chile)</li> <li><a href="https://www.caha.es/" rel="noopener">Teleskope in CAHA (Calar Alto, Spanien)</a></li> <li><a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/ESA_s_Tenerife_telescope_resumes_watching_the_sky" rel="noopener">OGS-Teleskop auf Teneriffa</a> (Spanien)</li> </ul> <p>Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Flyeye_ESA_s_bug-eyed_asteroid_hunters" rel="noopener">das sogenannte Flyeye.</a><br></br>Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.</p> <p>Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.<br></br>Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.<br></br>Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).<br></br>Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.<br></br>Ein neuer Komet?<aside></aside></p> <h2 id="h-komet-p-2025-w3-kresken"><strong>Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a></h2> <p>Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.<br></br>Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.</p> <p>Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.<br></br>Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence" rel="noopener">einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera</a> ausgezeichnet funktioniert. <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence" rel="noopener">Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge</a> der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.</p> <p>Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:<br></br><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a></p> <h2 id="h-hamburger-schmidt-spiegel"><strong>Hamburger Schmidt-Spiegel</strong></h2> <p>Für das Teleskop war die Entdeckung von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a> schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.<br></br>Dort hatte der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-11-april-2024-das-geniale-teleskop-des-einarmigen-optikers-dlf-c5ef42d7-100.html" rel="noopener">geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende</a> Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Stw/schmidt/index.html" rel="noopener">arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf</a>, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.<br></br><em><br></br></em>„<a href="https://plate-archive.hs.uni-hamburg.de/index.php/de/institute" rel="noopener">Der <strong>Große Schmidt-Spiegel</strong> wurde 1954</a> in Betrieb genommen (siehe <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Plattenarchiv/Plattendaten_GS_table.html" rel="noopener">Plattenarchiv html Version</a>), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.<br></br>So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg 678w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-768x1160.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-1017x1536.jpg 1017w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg 1024w" width="678"></img></a><figcaption>Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)</figcaption></figure> <p>Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer <a href="https://www.caha.es/CAHA/Telescopes/schmidt.html" rel="noopener">Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“</a> genannt.<br></br>Nach seiner vollständigen <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2020sea..confE.230L/abstract" rel="noopener">Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit</a> einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="343" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-300x101.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-768x257.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1536x515.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-2048x686.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)</figcaption></figure> <p>Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.<br></br>In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:</p> <ul> <li><strong>1973 <a href="https://www.physik.uni-hamburg.de/de/hs.html" rel="noopener">Hamburger Sternwarte Bergedorf</a>: Komet </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C/1973_E1_(Kohoutek)" rel="noopener"><strong>C/1973 E1 (Kohoutek)</strong></a></li> <li><strong>1986, <a href="https://www.caha.es/" rel="noopener">CAHA, auf dem Calar Alto</a>: Komet Thiele (C/1985 T1)</strong></li> <li><strong>2025 <a href="https://www.caha.es/" rel="noopener">CAHA, auf dem Calar Alto</a></strong><strong>: Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a><strong></strong></li> </ul> <p>Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption>Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)</figcaption></figure> <h2 id="h-komet-kresken-und-ufo-alarm"><strong>Komet Kresken und UFO-Alarm</strong></h2> <p>Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.<p>Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/<em>ATLAS</em> gibt es UFO-Alarm.</p><br></br>Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.</p> <p>Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/<em>ATLAS </em>oder <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/<em>ATLAS </em>beziehen.<br></br>Die wilde Diskussion zu dem interstellaren <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">3I/<em>ATLAS</em>, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier. </a></p> <p>Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/lvjiE_Y33k8?feature=oembed" title="¿COMETA O ALGO MÁS? ☄️ El misterio de Kresken y las teorías que aterran a la ciencia" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.<br></br>Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.<p>Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).</p><br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Komet P/2025 W3 (Kresken) » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Der Astro-Ingenieur Rainer Kresken arbeitet bei ESA in der Planetary Defence, in der Asteroidenabwehr. Die Mission: Himmelskörper zu entdecken, die der Erde gefährlich nahe kommen könnten und eine potenzielle Gefahr für die Erde werden könnten. Darum heißt die Asteroidenabwehr <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Near-Earth_Object_Coordination_Centre" rel="noopener">Near Earth Objetcs Coordination Centre (NEOCC).</a></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Dinosaurs_didn_t_have_a_space_agency_pillars.jpg 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Seit Tscheljabinsk ist dies ein heißes Thema: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Meteor_von_Tscheljabinsk" rel="noopener">2013 hatte ein größerer Meteorit in der</a> russischen Stadt rund 1500 Menschen verletzt. Die Druckwelle des rasenden Himmelskörpers hatte vor<a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Russia_asteroid_impact_ESA_update_and_assessment" rel="noopener"> Fensterscheiben bersten lassen</a>, dadurch erlitten viele Menschen Schnittverletzungen. So gibt es mittlerweile Pläne für Gegenmaßnahmen: Etwa die rechtzeitige Warnung an die Bevölkerung, sich in fensterlose Räume zu begeben. Oder die Evakuierung eines größeren Landstrichs. Spektakulärer sind Missionen zur Bahnänderung größerer Asteroiden, die potenzielle größere Gefahren für die Menschheit bedeuten wie die <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Hera/Hera_mission_overview" rel="noopener">erfolgreiche HERA/DART-Mission</a>.</p> <p>Die Arbeitsgruppe NEOCC betreibt ein weltweites Netz von Teleskopen, und beobachtet rund um die Uhr den Himmel.<br></br>Zurzeit nutzen sie dafür</p> <ul> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes" rel="noopener">TBT1</a> in Cebreros bei Madrid (Spanien)</li> <li><a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Test_Bed_Telescopes" rel="noopener">TBT2</a> in La Silla (Chile)</li> <li><a href="https://www.caha.es/" rel="noopener">Teleskope in CAHA (Calar Alto, Spanien)</a></li> <li><a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/ESA_s_Tenerife_telescope_resumes_watching_the_sky" rel="noopener">OGS-Teleskop auf Teneriffa</a> (Spanien)</li> </ul> <p>Ein weiteres ist im Bau auf Sizilien – <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/Flyeye_ESA_s_bug-eyed_asteroid_hunters" rel="noopener">das sogenannte Flyeye.</a><br></br>Die Teleskope werden programmiert und machen dann automatisiert ihre Aufnahmen. Die Auswertung und Suche nach NEOs erfolgt zunächst maschinell, dann manuell.</p> <p>Als begeisterter langjähriger Amateurastronom (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim) sucht Rainer Kresken nicht nur während der Arbeitszeit, sondern auch oft noch in der Freizeit nach Kleinplaneten und hat schon viele entdeckt. Das Heppenheimer Amateur-Observatorium ist dafür international bekannt und hat schon viele Kleinplaneten benannt. Er ist also begeistert und erfahren bei der Suche nach Himmelskörpern, sowohl beruflich als auch privat.<br></br>Die Programmierung und Bildauswertung von Teleskop-Daten, die irgendwo in Europa oder Südamerika stehen, erfolgt seit Jahren meist online, auch bei ESA.<br></br>Da seit der Corona-Pandemie solche Arbeiten sogar im Home-Office durchgeführt werden, und der Astronom Ende November 2025 neugierig auf die Skills der neuen, gerade montierten Kamera auf dem Calar Alto-Teleskop machen würde, schaute er eines Sonntagabends, während wir eigentlich im Wohnzimmer „Tatort“ guckten, nach (Wir sind verheiratet und lästern manchmal gemeinsam über den Sonntagabend-Tatort).<br></br>Dabei erblickte er auf dem grisseligen Schwarz-Weiß-Bild einen in eine Richtung verwischten Flatschen, der sich offenbar auf einer Bahn um die Sonne bewegte. Das „Ding“ war plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, sein Kurs war noch nirgendwo verzeichnet und es hatte unverkennbar einen Schweif.<br></br>Ein neuer Komet?<aside></aside></p> <h2 id="h-komet-p-2025-w3-kresken"><strong>Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a></h2> <p>Rainer Kresken informierte sofort seine Kollegen und beobachtete weiter. Bei der Entdeckung eines mutmaßlich noch unbekannten Himmelskörpers geht es zunächst darum, ihn durch mehrere Einstellungen und Augenpaare zu bestätigten.<br></br>Schnell wurde klar: Rainer Kresken hatte tatsächlich einen noch unbekannten Kometen entdeckt, der durch unser Sonnensystem saust. Nicht in einer exzentrischen Bahn, wie die meisten Kometen, sondern auf einer Kreisbahn.</p> <p>Das lichtschwache Objekt war erst durch die neue Kamera zu entdecken gewesen.<br></br>Er wird der Erde nicht nahe kommen und stellt keine Gefahr dar, darum ist er <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence" rel="noopener">einfach eine spannende Entdeckung und die Bestätigung, dass die neue Kamera</a> ausgezeichnet funktioniert. <a href="https://www.esa.int/Space_Safety/Planetary_Defence/10_asteroids_named_to_honour_ESA_s_role_in_Planetary_Defence" rel="noopener">Wie gut die Planetary Defence arbeitet, ist u a an der Menge</a> der entdeckten Asteroiden zu sehen: ESA hat 2025 gerade 10 neue benannt.</p> <p>Neu entdeckte Kometen tragen immer den Namen ihres Entdeckers/ihrer Entdeckerin. Da die Kometen-Nomenklatur-Kommission den Namen NEOCC-Kresken zu kompliziert fand, steht nun nur sein Name hinter der Kometennummer:<br></br><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a></p> <h2 id="h-hamburger-schmidt-spiegel"><strong>Hamburger Schmidt-Spiegel</strong></h2> <p>Für das Teleskop war die Entdeckung von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank">P/2025 W3 (Kresken)</a> schon die dritte Kometen-Entdeckung. Der „Hamburger Schmidt-Spiegel“ hat eine lange und bewegte Geschichte hinter sich, die 1954 auf der Sternwarte Bergedorf (Hamburg) begann.<br></br>Dort hatte der <a href="https://www.deutschlandfunk.de/sternzeit-11-april-2024-das-geniale-teleskop-des-einarmigen-optikers-dlf-c5ef42d7-100.html" rel="noopener">geniale Bernhard Schmidt eine neue, bahnbrechende</a> Technologie konzipiert, die sich als bedeutende Innovation herausstellte. Der einarmige Optiker – er hatte sich als Kind beim Experimentieren mit Feuerwerk einen Arm weggesprengt – <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Stw/schmidt/index.html" rel="noopener">arbeitete und tüftelte nicht nur auf der Sternwarte in Bergedorf</a>, sondern wurde dort schließlich auch beigesetzt. Seinen Grabstein kann man heute noch besuchen, am Rande des Geländes mit den vielen alten Bäumen und Gebäuden.<br></br><em><br></br></em>„<a href="https://plate-archive.hs.uni-hamburg.de/index.php/de/institute" rel="noopener">Der <strong>Große Schmidt-Spiegel</strong> wurde 1954</a> in Betrieb genommen (siehe <a href="https://hsweb.hs.uni-hamburg.de/projects/plate-archive/Scans/web/Plattenarchiv/Plattendaten_GS_table.html" rel="noopener">Plattenarchiv html Version</a>), was allerdings bereits zu spät für diesen Standort war. Mit ihm wurden 5771 Fotoplatten in Hamburg aufgenommen, von denen 5323 erhalten sind.“ Die Großstadt Hamburg war gewachsen und durch die Lichtverschmutzung waren die Beobachtungsbedingungen selbst am Rand der Metropole zu schlecht geworden.<br></br>So wurde der Spiegel 1975 auf das spanische Observatorium auf dem Calar Alto verlegt, wo seine Qualität durch die besseren Sichtbedingungen (Luftruhe, Dunkelheit) erst richtig und nutzbar sichtbar wurde. Immer noch wurden die Aufnahmen auf den großen Photoplatten gemacht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 678px) 100vw, 678px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-678x1024.jpg 678w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-199x300.jpg 199w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-768x1160.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt-1017x1536.jpg 1017w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/CAHA-Schmidt.jpg 1024w" width="678"></img></a><figcaption>Hamburg Schmidt-Spiegel in CAHA (Copyright: CAHA)</figcaption></figure> <p>Die Optik des Schmidt-Spiegels war so genial, dass viele weitere Teleskope dieser Art konstruiert wurden. Zur Unterscheidung von anderen wurde das Ex-Bergedorfer <a href="https://www.caha.es/CAHA/Telescopes/schmidt.html" rel="noopener">Teleskop in Calar Alto „Hamburger Schmidt-Spiegel“</a> genannt.<br></br>Nach seiner vollständigen <a href="https://ui.adsabs.harvard.edu/abs/2020sea..confE.230L/abstract" rel="noopener">Überholung und technischen Aufrüstung wird es seit 1980 mit</a> einer neuen Kamera zur NEO-Beobachtung durch die ESA eingesetzt.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="343" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1024x343.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-300x101.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-768x257.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-1536x515.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Panorama-CAHA-2048x686.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Panorama CAHA bei Schnee (Copyright CAHA)</figcaption></figure> <p>Und jetzt bekam es, mit der wachsenden Bedeutung von Planetary Defence, wieder eine neue Kamera spendiert.<br></br>In seiner langen Lebenszeit hat das Teleskop nun bereits drei Kometen-Entdeckungen ermöglicht:</p> <ul> <li><strong>1973 <a href="https://www.physik.uni-hamburg.de/de/hs.html" rel="noopener">Hamburger Sternwarte Bergedorf</a>: Komet </strong><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/C/1973_E1_(Kohoutek)" rel="noopener"><strong>C/1973 E1 (Kohoutek)</strong></a></li> <li><strong>1986, <a href="https://www.caha.es/" rel="noopener">CAHA, auf dem Calar Alto</a>: Komet Thiele (C/1985 T1)</strong></li> <li><strong>2025 <a href="https://www.caha.es/" rel="noopener">CAHA, auf dem Calar Alto</a></strong><strong>: Komet </strong><a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a><strong></strong></li> </ul> <p>Und der Astronom und Kometenentdecker Thiele hat seinem Kometenentdecker-Kollegen Rainer Kresken gleich per Mail gratuliert.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg"><img alt="" decoding="async" height="768" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/Rainer-Kresken-Starkenburg-Sternwarte.jpg 1600w" width="1024"></img></a><figcaption>Rainer Kresken beim Photo-Termin mit der Photographin (Danke!) des Darmstädter Echos in der Kuppel vor dem Mühleis-Teleskop (Starkenburg-Sternwarte Heppenheim)</figcaption></figure> <h2 id="h-komet-kresken-und-ufo-alarm"><strong>Komet Kresken und UFO-Alarm</strong></h2> <p>Da die Entdeckung durch das spanische CAHA-Observatorium gemacht wurde, geht es gerade wesentlich stärker durch die spanischsprachige Presse, als durch die deutsche Medienlandschaft.<p>Und wie schon beim interstellaren Kometen 3I/<em>ATLAS</em> gibt es UFO-Alarm.</p><br></br>Der Argentinier Fernando Silva Hildebrandt ist Director / Productor General des La Señal (ciencia y misterios) auf  YouTube und erklärt in einem neuen Video Kometen und außerirdische Objekte. Dieses argentinische Video in abenteuerlichem Englisch zeigt ihn im Interview mit zwei Journalisten mit eher überschaubarer Astrophysik-Expertise.</p> <p>Zu Kometen erklärt er viele Fakten korrekt, allerdings driftet das Ganze dann in seltsame Richtungen ab. Mir ist auch nicht in jedem Fall klar geworden, ob er nun gerade über  3I/<em>ATLAS </em>oder <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> spricht. Allerdings ist ganz sicher, dass die vorliegenden Aufnahmen von <a href="https://www.minorplanetcenter.net/mpec/K25/K25X48.html" rel="noreferrer noopener" target="_blank"><strong>P/2025 W3 (Kresken)</strong></a> 1. keinerlei Jets zeigen und 2. seine Zusammensetzung nicht bekannt ist, da keine Spektroskopie gemacht werden konnte. Hildebrandts Aussagen dazu müssen sich also auf 3I/<em>ATLAS </em>beziehen.<br></br>Die wilde Diskussion zu dem interstellaren <a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/3i-atlas-ein-interstellarer-komet/">3I/<em>ATLAS</em>, einem wirklich außergewöhnlichen Kometen, gibt`s hier. </a></p> <p>Ich fand die Hildebrandt-Show ziemlich wirr, möchte aber niemanden davon abhalten, sich selbst ein Urteil zu bilden:</p> <figure><p> <iframe allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" allowfullscreen="" frameborder="0" height="375" loading="lazy" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" src="https://www.youtube.com/embed/lvjiE_Y33k8?feature=oembed" title="¿COMETA O ALGO MÁS? ☄️ El misterio de Kresken y las teorías que aterran a la ciencia" width="666"></iframe> </p></figure> <p>Man bricht nicht jeden Sonntagabend einen Tatort wegen einer Kometenentdeckung ab.<br></br>Dann noch in einen UFO-Mythos verwickelt zu werden, ist schon ein besonderes Erlebnis.<p>Ein herzliches Dankeschön an Rainer Kresken für das irre Erlebnis der Kometenentdeckung, an die Photographin für das schöne Portrait (Rainer in seinem natürlichen Lebensraum) und das CAHA-Team für die schönen Aufnahmen aus Spanien (ich liebe das Panorama!).</p><br></br></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/komet-p-2025-w3-kresken/#comments 4 Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/ https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/#comments Mon, 09 Feb 2026 17:20:36 +0000 Jaromir Konecny https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/?p=1055 https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Superman-Roboter-fliegt_Blogheader-768x134.png <link>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/</link> </image> <description type="html"><h1>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? » Gehirn & KI » SciLogs</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Diesen Beitrag gibt es auch als Video im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>: <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=7Vnh5vkss0tAP54W" rel="noopener" target="_blank">Können wir große Sprachmodelle bescheidener machen? 🤖 Der KI-Krimi über Größenwahn.</a></p> <h2 id="h-inhalt">Inhalt</h2> <p><a href="#h-selbsuberschatzung-bei-menschen">Selbsüberschätzung bei Menschen</a></p> <p><a href="#h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen">Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</a></p> <p><a href="#h-warum-llms-sich-selbst-uberschaetzen">Warum LLMs sich selbst überschätzen?</a></p> <p><a href="#h-die-unheilige-allianz">Die unheilige Allianz</a><aside></aside></p> <p><a href="#h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen">Können wir KI bescheidener machen?</a></p> <h2 id="h-selbsuberschatzung-bei-menschen"><a name="_Toc209423979"></a>Selbsüberschätzung bei Menschen</h2> <p>Am Anfang war das Wort, also ein Sprachmodell. 😊</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Ich fange aber mit dem Menschen an: Selbstüberschätzung kommt einem wie eine urmenschliche Eigenschaft vor: Vor allem wenig kompetente Menschen neigen dazu, sich selbst zu überschätzen – sich für besonders kompetent zu halten. Das erklärt der <a href="https://youtu.be/phOABGk4heo?si=C4gqZePwKjaY07sL" rel="noopener">Dunning-Kruger-Effekt</a>: „Wer wenig weiß, merkt nicht, wie wenig er weiß“, und füllt sich allwissend und übermächtig, oder versteht nicht, warum andere ihn nicht für allwissend und übermächtig halten.</p> <p>Wir überschätzen uns liebend gern. Wer von uns hat bei einem Foto von sich nicht gedacht, das Foto zeige ihn weniger hübsch, als er WIRKLICH sei? Oft meckern wir bei jeder Aufnahme von uns: Warum ist mein Bauch auf dem Foto größer als in Echt? Glaubt mir, bitte: Fotos lügen nicht!</p> <p>Nach dem „Besser-als-mein-Durchschnitt-Effekt“, der von vielen sozialpsychologischen Studien bestätigt wurde, halten sich Menschen in vielen Disziplinen für viel besser als der Durschnitt. Das ist statistisch unmöglich. Der Durchschnitt von 100 Menschen liegt bei 50. Nehmen wir zum Beispiel das Wissen um Impfungen und Impfstoffe. Wie können sich 70 Menschen von 100 für besser um Impfungen als der Durchschnitt informiert halten? Das würde bedeuten, dass der Durchschitt von 100 bei 30 liegt.</p> <p>Viele maßen sich z. B. an, über Impfungen mehr als Virologen und Immunologen zu wissen, die sich mit dem Thema seit zig Jahren in Vollzeit beschäftigen. Wenn die Welt zugrunde geht, dann an Selbstüberschätzung. Zurück aber zu Sprachmodellen.</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen"><a name="_Toc209423980"></a>Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</h2> <p>Selbstüberschätzung bei Sprachmodellen, LLMs (Large Language Modells) ist kein Zeichen von Ignoranz oder „gesundem Selbstvertrauen“, sondern eine Fehlkalibrierung zwischen Ausgabe-Sicherheit und faktischer Richtigkeit. Den Modellen fehlt der „innere Mechanismus“, der Menschen motiviert, selbstbewusst aufzutreten. Bei Modellen ist die Selbstüberschätzung ein Nebenprodukt von Daten und Trainingsmethoden. Wenn KI-Modelle mit Nachdruck etwas Falsches behaupten, ist es ein Kalibrierungsproblem: Eine gut kalibrierte KI würde sagen, dass sie beim Raten nur zu 50 % sicher sein könne, recht zu haben. Eine übermütige KI sagt, „Auf jeden Fall!”, auch wenn sie nur rät.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Generell werden Sprachmodelle trainiert, immer eine eloquente Antwort in einem überzeugenden Ton zu geben. „Ich weiß nicht zu sagen“, ist ihnen fremd, egal wie wir sie prompten. Warum das so ist, erklärt schön eine neue Studie von OpenAI: <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener" target="_blank">Warum LLMs halluzinieren?</a></p> <p>Warum Sprachmodelle halluzinieren, fragen wir uns aber andersmal. Jetzt bleiben wir bei ihrer Selbstüberschätzung. Dass große Sprachmodelle vor Selbstüberschätzung strotzen, zeigte eindrucksvoll die Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wenn zwei LLMs debattieren, glauben beide, dass sie gewinnen</a>.</p> <p>In der Studie wurden politische Debatten zwischen modernen LLMs simuliert: Noch bevor überhaupt Argumente ausgetauscht wurden, begannen alle Modelle ihre Debatten mit einem durchschnittlichen anfänglichen Vertrauen von 72,9 % in ihre Gewinnchancen, obwohl jedes Modell nur eine Chance von 50 % zu gewinnen hatte. Anstatt durch die zunehmende Konfrontation mit gegnerischen Standpunkten eines ähnlich selbstüberzeugten gegnerischen Modells umsichtiger zu werden, wurden die LLMs von sich selbst noch mehr überzeugt: Ihre durchschnittliche Selbsteinschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit stieg bis zur Endrunde auf 83 %. Selbst wenn ein LLM gegen eine identische Kopie seiner selbst debattierte – eine klare fifty-fifty-Chance – stieg sein Vertrauen in den Sieg immer noch von anfänglichen 64,1 % auf 75,2 %. Als die Modelle explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Gewinnchance genau 50 % betrug, stieg ihr Vertrauen immer noch leicht an, von 50 % auf 57,1 %.</p> <p>Die Ergebniss seht ihr in der Tabelle 1 der Studie zusammengefasst:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" height="557" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-768x418.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png 1129w" width="1024"></img></a></figure> <p>Quelle: <a href="https://arxiv.org/html/2505.19184v3" rel="noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a></p> <p> In der 1. Spalte sind die untersuchten Modelle aufgelistet: Deepseek-, OpenAI-, Anthropic-, Alibaba- und Google-Modelle. In den restlichen Spalten seht ihr die verschidenen Debattenkonstellationen:</p> <p><strong>Cross-model Debates </strong>– hier debattieren zwei verschiedene Modelle gegeneinander.</p> <p><strong>Standard Self-Debates </strong>– das Modell debattiert gegen eine identische Kopie seiner selbst. Dabei ist nicht ausdrücklich gesagt, dass die Gewinnchance 50 % ist.</p> <p>I<strong>nformed Self Debates</strong> – wie Standard Self-Debates, aber das Modell wird explizit informiert, dass seine Gewinnchance 50 % beträgt.</p> <p><strong>Public Bets</strong> – Konfiguration, in der die „Wetten“ oder Einschätzungen öffentlich sind, nicht privat bzw versteckt.</p> <p>Je roter das Feld der Tabelle bei einem Modell und einer Debattenkonstellation umso selbstüberzeugter ist das betrachtete Modell.</p> <h2 id="h-warum-llms-sich-selbst-uberschatzen"><a name="_Toc209423981"></a>Warum LLMs sich selbst überschätzen?</h2> <p>Warum neigen Sprachmodelle zur Selbstüberschätzung? Ein Sprachmodell hat doch keine Zweifel wie der Mensch, kein Testosteron, keine Superman-Anlagen. </p> <p>Zweifel bei Menschen sind gut. Selbstüberschätzung bei der Begegnung mit einem Bären führte früher dazu, dass man seine Gene nicht weiter geben konnte. Menschen ohne Zweifel überleben nicht. Das gilt auch für Politik. Manche Populisten scharen hinter sich auch heutzutage am Gipfel der Aufklärung viele Anhänger. Manche bekommen richtig viel Macht dadurch. Doch je mehr Diktator man wird, umso brutaler der Sturz – das ist ein Gesetz unserer Geschichte: Je größer die Selbstüberschätzung in der Politik, umso tiefer der Fall.</p> <p>Dumm ist nur, dass wir selbst einem Menschen aber auch einer Maschine zuerst umso mehr vertrauen, je überzeugter sie von sich selbst sind. Grammatikalisch perfekte und überzeugende Texte können falsche Antworten verschleiern. Und solche Texte bekommen wir eben von Modellen, die sich selbst überschätzen.</p> <p>Für die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle bieten sich vier Gründe an, die zusammenwirken:</p> <ul> <li><strong>Mathematik macht‘s „spitzer“, als es ist</strong></li> <li><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></li> <li><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></li> <li><strong><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></strong></li> </ul> <p>Sehen wir uns die einzelnen Gründe an:</p> <h3 id="h-mathematik-macht-s-spitzer-als-es-ist"><strong>Mathematik macht‘s spitzer, als es ist</strong></h3> <p>In Sprachmodellen wird für jedes mögliche nächste Token bzw. Wort in der Ausgabe ein Logit-Wert berechnet. Je größer das Logit eines Tokens (einer Spracheinheit, d. h. eines Subworts oder Worts) im Vergleich zu den anderen, desto wahrscheinlicher wird dieses Token durch die folgende Softmax-Normalisierung als nächstes ausgegeben. Logits können aber auch negativ sein. Aus diesem Grund nehmen wir die Softmax-Funktion – sie erzeugt Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 (bzw. 0 und100 %). Die Wahrscheinlichkeiten summieren sich auf 1 (100 %). Die Umrechnung von Logits zu Wahrscheinlichkeiten für die Tokens seht Ihr auf dem Diagramm dargestellt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" height="415" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-300x122.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-768x312.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1536x623.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Umwandlung durch Softmax verstärkt also relative Unterschiede zwischen den Logits-Werten. Softmax verwandelt lineare Abstände zwischen Logits in exponentiell gewichtete Wahrscheinlichkeiten. Der Gummiband mit den Abständen zwischen den Tokens wird langezogen – das wahrscheinlichste Token rückt nach vorn, während die anderen zurückgedrängt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" height="432" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-300x126.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-768x324.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1536x647.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Unterschied zwischen den zwei Logit-Werten  –3 und +3 (nur 6 Punkte Unterschied) wird durch die Exponentialfunktion zu einem Verhältnis von 1:400 aufgeblasen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Logits, desto stärker dominiert das Token mit dem größeren Logit. Ein Token bekommt fast das gesamte Gewicht, die anderen fast nichts – überspitzt gesagt. Das Spitzen-Token (oder eine kleine Auswahl von Spitzen-Tokens) wird ausgegeben, und das Modell klingt dadurch viel sicherer, als es tatsächlich Grund dazu hat.</p> <p>Aber nicht nur Mathematik, auch Menschen belohnen die Selbstüberschätung der Modelle:</p> <h3 id="h-menschen-belohnen-selbstuberschatzung"><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Beim Finetuning bzw. Nachtraining der Sprachmodelle, z. B. beim Reinforcement Learning from Human Feedback – bewerten menschliche Evaluatoren Modell-Antworten meist besser, die klar und überzeugt klingen. Dadurch lernt das Modell, dass das selbstbewusste Auftreten Punkte bringt – auch wenn der Inhalt dadurch nicht genauer oder besser wird.</p> <p>Ausserdem werden die Modelle mit menschlichen Texten aus dem Internet und aus Büchern trainiert:</p> <h3 id="h-wir-sind-die-vorbilder"><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></h3> <p>Das Modell liest von uns Menschen ab. Da wir in unseren Texten oft sehr überzeugend auftreten, übernimmt das Modell diese Angewohnheit – inklusive unserer Neigung, mehr wissen zu glauben, als wir tatsächlich tun. Die Modelle lernen auch an den Posts und Antworten auf Fragen in sozialen Netzwerken wie reddit oder Stack Overflow. Dort wird eine Frage entweder beantwortet oder gar nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Oder seht ihr in einem Frageforum oft, dass jemand eine Frage stellt, und ein anderer diese Frage mit, „Ich weiß nicht!“, beantwortet?</p> <p>Doch wohl der wichtigste Grund für die Unfähigkeit der LLMs, „ich weiß nicht“ zu sagen, ist <a href="https://openai.com/de-DE/index/chatgpt/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">das Finetuning – das Nachtraining der vortrainierten Sprachmodelle, um aus ihnen Chatbots zu machen</a>. Beim Finetuning mit Supervised-Finetuning (SFT) und Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) werden die Modelle vor allem mit richtigen Multiple-Choice-Quizfragen und ihren Antworten darauf getrimmt, keine toxischen Antworten zu geben und Dialoge zu führen. Dabei müssen sie aus einer bestimmten Anzahl von Antworten die auswählen, die dem menschlichen Evaluator am besten gefällt: Im oben erwähnten Paper <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener">Warum Sprachmodelle halluzinieren</a> sprechen OpenAI-Forscher dieses Problem an: Bei Multiple-Choice-Antworten solcher Tests steht nie die Antwort „Das weiß ich nicht“ zur Auswahl. So werden LLMs statistisch gesehen mehr fürs Raten als für Ehrlichkeit belohnt. </p> <h3 id="h-keine-bremse-fur-selbstuberschatzung"><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Sprachmodelle bekommen nie das Feedback: „Du warst dir zu sicher.“ Sie lernen nur, Wörter vorherzusagen – nicht, wie stark sie zweifeln sollten. Darum wächst ihre Selbstüberschätzung, egal ob sie richtig liegen oder nicht. Außerdem kommen viele Trainingsdaten der Sprachmodelle aus den Sozialen Netzwerken. Ihre Algorithmen belohnen selbsternannte Experten und Influencer, die alles zu wissen scheinen, und das lautstark. Solche Posts werden am meisten geteilt und verbreitet und dienen anschließend als Trainingsdaten der Sprachmodelle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png 819w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-240x300.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-768x960.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png 900w" width="819"></img></a></figure> <p> Ein Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß, würde heute nicht viele Follower ansammeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-die-unheilige-allianz"><a name="_Toc209423982"></a>Die unheilige Allianz</h2> <p>Somot bilden mehrere Faktoren eine unheilige Allianz der Selbstüberschätzung von Sprachmodellen: Architektur, Trainingsdaten, Softmax, Finetuning … Und Feedback wie „Du warst zu sicher“ gibt es nie.</p> <p>Schon einer dieser Faktoren kann Ärger machen. Zusammen verstärken sie sich – und machen aus einem KI-Agentensystem, in dem mehr Sprachmodelle an einem Aufgabenflow gemeinsam arbeiten sollen, schnell eine Selbstüberschätzungsmaschine. Wenn nur ein einziges LLM innerhalb eines Agentensystems übermäßig von einer Information oder einer gewählten Aktion überzeugt ist und diese Information oder Aktion fehlerhaft ist, pflanzt sich der Fehler durch das System fort und kann bei jedem nachfolgenden Schritt verstärkt werden. Hier kann man sich zahlreiche Szenarien vorstellen, die ungute Folgen haben:</p> <ul> <li>Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation</li> <li>Fehlerhafte Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin, Recht und Finanzen</li> <li>Sicherheitsrisiken</li> <li>Selbstkonsistente Fehler: „Selbstkonsistente Fehler“, bei denen ein LLM wiederholt und selbstbewusst dieselbe falsche Antwort generiert, wird in Agentensystemen besonders heimtückisch. Diese Fehler sind resistent gegen Verbesserungen durch einfaches Hochskalieren der Modellgröße.</li> </ul> <p>Welche Faktoren und Einflüsse zusätzlich KI-Agentensysteme bedrohen und ob heutige KI-Agentensysteme deswegen zum Scheitern verurteilt sind, lote ich im <a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimi-Video „Was bedroht K.I. Agent</a><a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noopener">en.“</a> aus.</p> <p>Hier versuche ich noch zu beantworten, ob wir Sprachmodellen die ungute Selbstüberschätzung austreiben können.</p> <h2 id="h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen"><a name="_Toc209423983"></a>Können wir KI bescheidener machen?</h2> <p>Forscher versuchen mit einigen Methoden, den eingebauten und antrainierten Größenwahn der Sprachmodelle zu zügeln. Zum Beispiel mit:</p> <ul> <li><b>Kalibrierungstricks und „Meckerei“</b></li> <li><b>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</b></li> <li><b>Stärkere Leitplanken für die KI</b></li> </ul> <h3 id="h-kalibrierungstricks-und-meckerei"><strong>Kalibrierungstricks und „Meckerei</strong>„.</h3> <p>Nach dem Training kann man Wahrscheinlichkeiten nachjustieren, damit eine Vorhersage wie „sehr wahrscheinlich“ nicht gleichbedeutend ist mit „unfehlbar“. Man könnte das Belohnungssystem umbauen: Wer sich überschätzt, soll nicht gelobt, sondern kritisch geprüft werden. <a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OpenAI hat CriticGPT entwickelt</a><a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noopener"> </a>– eine Art eingebauten Nörgler oder Meckerer, der beim Finetuning die Antworten von GPT-Modellen durchleuchtet, um Fehler aufzudecken.</p> <h3 id="h-auch-mehrere-modelle-bringen-weniger-grossenwahn"><strong>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p> Statt auf einen einzigen Alleskönner setzt man besser auf ein Team aus Modellen. Wenn Modell A Unsinn schreibt, kann Modell B – am besten aus einer ganz anderen Familie – auf die Bremse treten. Solche Misch-Teams liefern oft treffsicherere und besser kalibrierte Antworten als Gruppen von Klonen.</p> <p>Die Vielfalt macht den Unterschied: Zehn Kopien desselben Modells liefern zehn verschiedene Formulierungen – aber alle drehen sich um dasselbe falsche Konzept. Man bekommt Synonyme, nicht neue Einsichten. Kombiniert man dagegen unterschiedliche Modelle, hat man echte Gegenstimmen – und damit die Chance, dass einer ruft: „Der Kaiser ist nackt! – Das stimmt doch gar nicht!“</p> <p>Forschungen zum subliminalen (unterschwelligen Lernen – auch dazu gibt es einen <a href="https://youtu.be/QMKGp3O6FRY?si=cIdHHCu0f5ZWOpAU" rel="noopener">K.I. Krimi: Flüstern sich Maschienen heimlich Botschaften zu?</a> – belegen außerdem: Modelle mit derselben Initialisierung können ihre Eigenheiten unbemerkt weitergeben. Trainiert man ein „Schüler-Modell“ mit den Ausgaben seines „Zwillings“, d. h. seines „Lehrer-Modells“, übernimmt der Schüler unterschwellig dessen Verzerrungen – selbst wenn die Daten neutral wirken. Bei unterschiedlichen Modellfamilien verschwindet dieser Effekt. Wer in Agentensystemen oder beim Finetuning wirklich Kontrolle behalten will, braucht daher Vielfalt statt Gleichschaltung – außerdem:</p> <h3 id="h-starkere-leitplanken-fur-ki-modelle"><strong>Stärkere Leitplanken für KI-Modelle</strong></h3> <p>Sprachmodelle werden bescheidener und sicherer, wenn man ihnen klare Leitplanken gibt – etwa Filter, die verdächtige Eingaben blockieren, oder Grenzen, was ein Agent ohne menschliche Aufsicht tun darf. Dazu kommen Stresstests: Man füttert die Modelle gezielt mit Prompt Injections, also verstecktenn Befehlen. Die Debatten-Studie zeigte: Schon ein einfacher Zusatz im Prompt („Überlege auch, warum dein Gegner gewinnen könnte“) bremste die Selbstüberschätzung merklich – das Vertrauen stieg nur noch leicht statt wie sonst im großen Sprung. Außerdem dürfen LLMs nicht allein Richter sein, weil sie selbst anfällig für Täuschungen und Verzerrungen sind. Mit Leitplanken und gezielten Angriffstests lassen sich übermütige KI-Agenten zügeln.</p> <p>Könnte ein noch größeres Modell die Wunderwafe als „Kontrollinstanz“ abgeben? Klingt gut, ist aber ein Irrglaube. Denn auch große Modelle überschätzen sich selbst munter weiter. Wenn sie obendrein mit denselben Daten und denselben Methoden trainiert wurden wie die kleineren Agenten, teilen sie auch deren blinde Flecken. Dann haben wir keinen Aufpasser, sondern nur einen Papagei, der denselben Unsinn wiederholt.</p> <p>Können wir also Große Sprachmodelle bescheidener machen?</p> <p>Wie besprochen können wir ihre Selbstüberschätzung dämpfen: mit Kalibrierung, eingebauten Kritikern und vor allem mit Vielfalt. 😊 Genauso wie Vielfalt menschliche Gesellschaften gegen Fallen wie Verdummung, Gleichschaltung und Niedergang schützt. Aber auch mit diesen Korrekturen bleiben KI-Agentensysteme aus Sprachmodellen bedroht: Sprachmodelle sind probabilistisch, sie folgen nicht immer Instruktionen, sie schmeicheln gern – und sie überschätzen sich nach wie vor.</p> <p>Wenn ein Agent an einer Stelle halluziniert, ein zweiter ihm aus Gefallsucht recht gibt und ein dritter die Wahrscheinlichkeit seiner Ausgabe falsch einschätzt, verstärkt sich der Fehler Schritt für Schritt. Dann hilft keine einzelne Bremse mehr – die ganze Maschinerie gerät ins Trudeln … darum geht es aber im nächsten Beitrag.</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Können wir Große Sprachmodelle bescheidener machen? » Gehirn & KI » SciLogs</h1><h2>By Von Jaromir Konecny</h2><div itemprop="text"> <p>Diesen Beitrag gibt es auch als Video im YouTube-Kanal <a href="https://www.youtube.com/@k.i.krimis/videos" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimis</a> unserer <a href="https://www.mobile-university.de/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">SRH Fernhochschule</a>: <a href="https://youtu.be/UYPO-k8O3PE?si=7Vnh5vkss0tAP54W" rel="noopener" target="_blank">Können wir große Sprachmodelle bescheidener machen? 🤖 Der KI-Krimi über Größenwahn.</a></p> <h2 id="h-inhalt">Inhalt</h2> <p><a href="#h-selbsuberschatzung-bei-menschen">Selbsüberschätzung bei Menschen</a></p> <p><a href="#h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen">Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</a></p> <p><a href="#h-warum-llms-sich-selbst-uberschaetzen">Warum LLMs sich selbst überschätzen?</a></p> <p><a href="#h-die-unheilige-allianz">Die unheilige Allianz</a><aside></aside></p> <p><a href="#h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen">Können wir KI bescheidener machen?</a></p> <h2 id="h-selbsuberschatzung-bei-menschen"><a name="_Toc209423979"></a>Selbsüberschätzung bei Menschen</h2> <p>Am Anfang war das Wort, also ein Sprachmodell. 😊</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/Am-Anfang-war-das-Wort-also-ein-Sprachmodell.png 1920w" width="1024"></img></a></figure> <p>Ich fange aber mit dem Menschen an: Selbstüberschätzung kommt einem wie eine urmenschliche Eigenschaft vor: Vor allem wenig kompetente Menschen neigen dazu, sich selbst zu überschätzen – sich für besonders kompetent zu halten. Das erklärt der <a href="https://youtu.be/phOABGk4heo?si=C4gqZePwKjaY07sL" rel="noopener">Dunning-Kruger-Effekt</a>: „Wer wenig weiß, merkt nicht, wie wenig er weiß“, und füllt sich allwissend und übermächtig, oder versteht nicht, warum andere ihn nicht für allwissend und übermächtig halten.</p> <p>Wir überschätzen uns liebend gern. Wer von uns hat bei einem Foto von sich nicht gedacht, das Foto zeige ihn weniger hübsch, als er WIRKLICH sei? Oft meckern wir bei jeder Aufnahme von uns: Warum ist mein Bauch auf dem Foto größer als in Echt? Glaubt mir, bitte: Fotos lügen nicht!</p> <p>Nach dem „Besser-als-mein-Durchschnitt-Effekt“, der von vielen sozialpsychologischen Studien bestätigt wurde, halten sich Menschen in vielen Disziplinen für viel besser als der Durschnitt. Das ist statistisch unmöglich. Der Durchschnitt von 100 Menschen liegt bei 50. Nehmen wir zum Beispiel das Wissen um Impfungen und Impfstoffe. Wie können sich 70 Menschen von 100 für besser um Impfungen als der Durchschnitt informiert halten? Das würde bedeuten, dass der Durchschitt von 100 bei 30 liegt.</p> <p>Viele maßen sich z. B. an, über Impfungen mehr als Virologen und Immunologen zu wissen, die sich mit dem Thema seit zig Jahren in Vollzeit beschäftigen. Wenn die Welt zugrunde geht, dann an Selbstüberschätzung. Zurück aber zu Sprachmodellen.</p> <h2 id="h-selbstuberschatzung-bei-grossen-sprachmodellen"><a name="_Toc209423980"></a>Selbstüberschätzung bei Großen Sprachmodellen</h2> <p>Selbstüberschätzung bei Sprachmodellen, LLMs (Large Language Modells) ist kein Zeichen von Ignoranz oder „gesundem Selbstvertrauen“, sondern eine Fehlkalibrierung zwischen Ausgabe-Sicherheit und faktischer Richtigkeit. Den Modellen fehlt der „innere Mechanismus“, der Menschen motiviert, selbstbewusst aufzutreten. Bei Modellen ist die Selbstüberschätzung ein Nebenprodukt von Daten und Trainingsmethoden. Wenn KI-Modelle mit Nachdruck etwas Falsches behaupten, ist es ein Kalibrierungsproblem: Eine gut kalibrierte KI würde sagen, dass sie beim Raten nur zu 50 % sicher sein könne, recht zu haben. Eine übermütige KI sagt, „Auf jeden Fall!”, auch wenn sie nur rät.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-46.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Generell werden Sprachmodelle trainiert, immer eine eloquente Antwort in einem überzeugenden Ton zu geben. „Ich weiß nicht zu sagen“, ist ihnen fremd, egal wie wir sie prompten. Warum das so ist, erklärt schön eine neue Studie von OpenAI: <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener" target="_blank">Warum LLMs halluzinieren?</a></p> <p>Warum Sprachmodelle halluzinieren, fragen wir uns aber andersmal. Jetzt bleiben wir bei ihrer Selbstüberschätzung. Dass große Sprachmodelle vor Selbstüberschätzung strotzen, zeigte eindrucksvoll die Studie <a href="https://arxiv.org/abs/2505.19184" rel="noreferrer noopener" target="_blank">Wenn zwei LLMs debattieren, glauben beide, dass sie gewinnen</a>.</p> <p>In der Studie wurden politische Debatten zwischen modernen LLMs simuliert: Noch bevor überhaupt Argumente ausgetauscht wurden, begannen alle Modelle ihre Debatten mit einem durchschnittlichen anfänglichen Vertrauen von 72,9 % in ihre Gewinnchancen, obwohl jedes Modell nur eine Chance von 50 % zu gewinnen hatte. Anstatt durch die zunehmende Konfrontation mit gegnerischen Standpunkten eines ähnlich selbstüberzeugten gegnerischen Modells umsichtiger zu werden, wurden die LLMs von sich selbst noch mehr überzeugt: Ihre durchschnittliche Selbsteinschätzung der Gewinnwahrscheinlichkeit stieg bis zur Endrunde auf 83 %. Selbst wenn ein LLM gegen eine identische Kopie seiner selbst debattierte – eine klare fifty-fifty-Chance – stieg sein Vertrauen in den Sieg immer noch von anfänglichen 64,1 % auf 75,2 %. Als die Modelle explizit darauf hingewiesen wurden, dass ihre Gewinnchance genau 50 % betrug, stieg ihr Vertrauen immer noch leicht an, von 50 % auf 57,1 %.</p> <p>Die Ergebniss seht ihr in der Tabelle 1 der Studie zusammengefasst:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png"><img alt="" decoding="async" height="557" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-1024x557.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-300x163.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47-768x418.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-47.png 1129w" width="1024"></img></a></figure> <p>Quelle: <a href="https://arxiv.org/html/2505.19184v3" rel="noopener" target="_blank">When Two LLMs Debate, Both Think They’ll Win</a></p> <p> In der 1. Spalte sind die untersuchten Modelle aufgelistet: Deepseek-, OpenAI-, Anthropic-, Alibaba- und Google-Modelle. In den restlichen Spalten seht ihr die verschidenen Debattenkonstellationen:</p> <p><strong>Cross-model Debates </strong>– hier debattieren zwei verschiedene Modelle gegeneinander.</p> <p><strong>Standard Self-Debates </strong>– das Modell debattiert gegen eine identische Kopie seiner selbst. Dabei ist nicht ausdrücklich gesagt, dass die Gewinnchance 50 % ist.</p> <p>I<strong>nformed Self Debates</strong> – wie Standard Self-Debates, aber das Modell wird explizit informiert, dass seine Gewinnchance 50 % beträgt.</p> <p><strong>Public Bets</strong> – Konfiguration, in der die „Wetten“ oder Einschätzungen öffentlich sind, nicht privat bzw versteckt.</p> <p>Je roter das Feld der Tabelle bei einem Modell und einer Debattenkonstellation umso selbstüberzeugter ist das betrachtete Modell.</p> <h2 id="h-warum-llms-sich-selbst-uberschatzen"><a name="_Toc209423981"></a>Warum LLMs sich selbst überschätzen?</h2> <p>Warum neigen Sprachmodelle zur Selbstüberschätzung? Ein Sprachmodell hat doch keine Zweifel wie der Mensch, kein Testosteron, keine Superman-Anlagen. </p> <p>Zweifel bei Menschen sind gut. Selbstüberschätzung bei der Begegnung mit einem Bären führte früher dazu, dass man seine Gene nicht weiter geben konnte. Menschen ohne Zweifel überleben nicht. Das gilt auch für Politik. Manche Populisten scharen hinter sich auch heutzutage am Gipfel der Aufklärung viele Anhänger. Manche bekommen richtig viel Macht dadurch. Doch je mehr Diktator man wird, umso brutaler der Sturz – das ist ein Gesetz unserer Geschichte: Je größer die Selbstüberschätzung in der Politik, umso tiefer der Fall.</p> <p>Dumm ist nur, dass wir selbst einem Menschen aber auch einer Maschine zuerst umso mehr vertrauen, je überzeugter sie von sich selbst sind. Grammatikalisch perfekte und überzeugende Texte können falsche Antworten verschleiern. Und solche Texte bekommen wir eben von Modellen, die sich selbst überschätzen.</p> <p>Für die Selbstüberschätzung der Sprachmodelle bieten sich vier Gründe an, die zusammenwirken:</p> <ul> <li><strong>Mathematik macht‘s „spitzer“, als es ist</strong></li> <li><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></li> <li><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></li> <li><strong><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></strong></li> </ul> <p>Sehen wir uns die einzelnen Gründe an:</p> <h3 id="h-mathematik-macht-s-spitzer-als-es-ist"><strong>Mathematik macht‘s spitzer, als es ist</strong></h3> <p>In Sprachmodellen wird für jedes mögliche nächste Token bzw. Wort in der Ausgabe ein Logit-Wert berechnet. Je größer das Logit eines Tokens (einer Spracheinheit, d. h. eines Subworts oder Worts) im Vergleich zu den anderen, desto wahrscheinlicher wird dieses Token durch die folgende Softmax-Normalisierung als nächstes ausgegeben. Logits können aber auch negativ sein. Aus diesem Grund nehmen wir die Softmax-Funktion – sie erzeugt Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 und 1 (bzw. 0 und100 %). Die Wahrscheinlichkeiten summieren sich auf 1 (100 %). Die Umrechnung von Logits zu Wahrscheinlichkeiten für die Tokens seht Ihr auf dem Diagramm dargestellt:</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png"><img alt="" decoding="async" height="415" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1024x415.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-300x122.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-768x312.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48-1536x623.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-48.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Die Umwandlung durch Softmax verstärkt also relative Unterschiede zwischen den Logits-Werten. Softmax verwandelt lineare Abstände zwischen Logits in exponentiell gewichtete Wahrscheinlichkeiten. Der Gummiband mit den Abständen zwischen den Tokens wird langezogen – das wahrscheinlichste Token rückt nach vorn, während die anderen zurückgedrängt werden.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png"><img alt="" decoding="async" height="432" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1024x432.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-300x126.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-768x324.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49-1536x647.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-49.png 2014w" width="1024"></img></a></figure> <p>Der Unterschied zwischen den zwei Logit-Werten  –3 und +3 (nur 6 Punkte Unterschied) wird durch die Exponentialfunktion zu einem Verhältnis von 1:400 aufgeblasen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Logits, desto stärker dominiert das Token mit dem größeren Logit. Ein Token bekommt fast das gesamte Gewicht, die anderen fast nichts – überspitzt gesagt. Das Spitzen-Token (oder eine kleine Auswahl von Spitzen-Tokens) wird ausgegeben, und das Modell klingt dadurch viel sicherer, als es tatsächlich Grund dazu hat.</p> <p>Aber nicht nur Mathematik, auch Menschen belohnen die Selbstüberschätung der Modelle:</p> <h3 id="h-menschen-belohnen-selbstuberschatzung"><strong>Menschen belohnen Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Beim Finetuning bzw. Nachtraining der Sprachmodelle, z. B. beim Reinforcement Learning from Human Feedback – bewerten menschliche Evaluatoren Modell-Antworten meist besser, die klar und überzeugt klingen. Dadurch lernt das Modell, dass das selbstbewusste Auftreten Punkte bringt – auch wenn der Inhalt dadurch nicht genauer oder besser wird.</p> <p>Ausserdem werden die Modelle mit menschlichen Texten aus dem Internet und aus Büchern trainiert:</p> <h3 id="h-wir-sind-die-vorbilder"><strong>Wir sind die Vorbilder</strong></h3> <p>Das Modell liest von uns Menschen ab. Da wir in unseren Texten oft sehr überzeugend auftreten, übernimmt das Modell diese Angewohnheit – inklusive unserer Neigung, mehr wissen zu glauben, als wir tatsächlich tun. Die Modelle lernen auch an den Posts und Antworten auf Fragen in sozialen Netzwerken wie reddit oder Stack Overflow. Dort wird eine Frage entweder beantwortet oder gar nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-50.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <p>Oder seht ihr in einem Frageforum oft, dass jemand eine Frage stellt, und ein anderer diese Frage mit, „Ich weiß nicht!“, beantwortet?</p> <p>Doch wohl der wichtigste Grund für die Unfähigkeit der LLMs, „ich weiß nicht“ zu sagen, ist <a href="https://openai.com/de-DE/index/chatgpt/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">das Finetuning – das Nachtraining der vortrainierten Sprachmodelle, um aus ihnen Chatbots zu machen</a>. Beim Finetuning mit Supervised-Finetuning (SFT) und Reinforcement Learning from Human Feedback (RLHF) werden die Modelle vor allem mit richtigen Multiple-Choice-Quizfragen und ihren Antworten darauf getrimmt, keine toxischen Antworten zu geben und Dialoge zu führen. Dabei müssen sie aus einer bestimmten Anzahl von Antworten die auswählen, die dem menschlichen Evaluator am besten gefällt: Im oben erwähnten Paper <a href="https://openai.com/de-DE/index/why-language-models-hallucinate/" rel="noopener">Warum Sprachmodelle halluzinieren</a> sprechen OpenAI-Forscher dieses Problem an: Bei Multiple-Choice-Antworten solcher Tests steht nie die Antwort „Das weiß ich nicht“ zur Auswahl. So werden LLMs statistisch gesehen mehr fürs Raten als für Ehrlichkeit belohnt. </p> <h3 id="h-keine-bremse-fur-selbstuberschatzung"><strong>Keine Bremse für Selbstüberschätzung</strong></h3> <p>Sprachmodelle bekommen nie das Feedback: „Du warst dir zu sicher.“ Sie lernen nur, Wörter vorherzusagen – nicht, wie stark sie zweifeln sollten. Darum wächst ihre Selbstüberschätzung, egal ob sie richtig liegen oder nicht. Außerdem kommen viele Trainingsdaten der Sprachmodelle aus den Sozialen Netzwerken. Ihre Algorithmen belohnen selbsternannte Experten und Influencer, die alles zu wissen scheinen, und das lautstark. Solche Posts werden am meisten geteilt und verbreitet und dienen anschließend als Trainingsdaten der Sprachmodelle.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-819x1024.png 819w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-240x300.png 240w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51-768x960.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-51.png 900w" width="819"></img></a></figure> <p> Ein Sokrates, der weiß, dass er nichts weiß, würde heute nicht viele Follower ansammeln.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-1024x1024.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-300x300.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-150x150.png 150w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52-768x768.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-52.png 1125w" width="1024"></img></a></figure> <h2 id="h-die-unheilige-allianz"><a name="_Toc209423982"></a>Die unheilige Allianz</h2> <p>Somot bilden mehrere Faktoren eine unheilige Allianz der Selbstüberschätzung von Sprachmodellen: Architektur, Trainingsdaten, Softmax, Finetuning … Und Feedback wie „Du warst zu sicher“ gibt es nie.</p> <p>Schon einer dieser Faktoren kann Ärger machen. Zusammen verstärken sie sich – und machen aus einem KI-Agentensystem, in dem mehr Sprachmodelle an einem Aufgabenflow gemeinsam arbeiten sollen, schnell eine Selbstüberschätzungsmaschine. Wenn nur ein einziges LLM innerhalb eines Agentensystems übermäßig von einer Information oder einer gewählten Aktion überzeugt ist und diese Information oder Aktion fehlerhaft ist, pflanzt sich der Fehler durch das System fort und kann bei jedem nachfolgenden Schritt verstärkt werden. Hier kann man sich zahlreiche Szenarien vorstellen, die ungute Folgen haben:</p> <ul> <li>Verbreitung von Fehlinformation und Desinformation</li> <li>Fehlerhafte Entscheidungen in sensiblen Bereichen wie Medizin, Recht und Finanzen</li> <li>Sicherheitsrisiken</li> <li>Selbstkonsistente Fehler: „Selbstkonsistente Fehler“, bei denen ein LLM wiederholt und selbstbewusst dieselbe falsche Antwort generiert, wird in Agentensystemen besonders heimtückisch. Diese Fehler sind resistent gegen Verbesserungen durch einfaches Hochskalieren der Modellgröße.</li> </ul> <p>Welche Faktoren und Einflüsse zusätzlich KI-Agentensysteme bedrohen und ob heutige KI-Agentensysteme deswegen zum Scheitern verurteilt sind, lote ich im <a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noreferrer noopener" target="_blank">K.I. Krimi-Video „Was bedroht K.I. Agent</a><a href="https://youtu.be/pw-BGZZPZyc?si=ivkm2EOOyXTESGQx" rel="noopener">en.“</a> aus.</p> <p>Hier versuche ich noch zu beantworten, ob wir Sprachmodellen die ungute Selbstüberschätzung austreiben können.</p> <h2 id="h-konnen-wir-ki-bescheidener-machen"><a name="_Toc209423983"></a>Können wir KI bescheidener machen?</h2> <p>Forscher versuchen mit einigen Methoden, den eingebauten und antrainierten Größenwahn der Sprachmodelle zu zügeln. Zum Beispiel mit:</p> <ul> <li><b>Kalibrierungstricks und „Meckerei“</b></li> <li><b>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</b></li> <li><b>Stärkere Leitplanken für die KI</b></li> </ul> <h3 id="h-kalibrierungstricks-und-meckerei"><strong>Kalibrierungstricks und „Meckerei</strong>„.</h3> <p>Nach dem Training kann man Wahrscheinlichkeiten nachjustieren, damit eine Vorhersage wie „sehr wahrscheinlich“ nicht gleichbedeutend ist mit „unfehlbar“. Man könnte das Belohnungssystem umbauen: Wer sich überschätzt, soll nicht gelobt, sondern kritisch geprüft werden. <a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noreferrer noopener" target="_blank">OpenAI hat CriticGPT entwickelt</a><a href="https://openai.com/index/finding-gpt4s-mistakes-with-gpt-4/" rel="noopener"> </a>– eine Art eingebauten Nörgler oder Meckerer, der beim Finetuning die Antworten von GPT-Modellen durchleuchtet, um Fehler aufzudecken.</p> <h3 id="h-auch-mehrere-modelle-bringen-weniger-grossenwahn"><strong>Auch mehrere Modelle bringen weniger Größenwahn</strong></h3> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png"><img alt="" decoding="async" height="576" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1024x576.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-300x169.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-768x432.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53-1536x864.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/files/image-53.png 2000w" width="1024"></img></a></figure> <p> Statt auf einen einzigen Alleskönner setzt man besser auf ein Team aus Modellen. Wenn Modell A Unsinn schreibt, kann Modell B – am besten aus einer ganz anderen Familie – auf die Bremse treten. Solche Misch-Teams liefern oft treffsicherere und besser kalibrierte Antworten als Gruppen von Klonen.</p> <p>Die Vielfalt macht den Unterschied: Zehn Kopien desselben Modells liefern zehn verschiedene Formulierungen – aber alle drehen sich um dasselbe falsche Konzept. Man bekommt Synonyme, nicht neue Einsichten. Kombiniert man dagegen unterschiedliche Modelle, hat man echte Gegenstimmen – und damit die Chance, dass einer ruft: „Der Kaiser ist nackt! – Das stimmt doch gar nicht!“</p> <p>Forschungen zum subliminalen (unterschwelligen Lernen – auch dazu gibt es einen <a href="https://youtu.be/QMKGp3O6FRY?si=cIdHHCu0f5ZWOpAU" rel="noopener">K.I. Krimi: Flüstern sich Maschienen heimlich Botschaften zu?</a> – belegen außerdem: Modelle mit derselben Initialisierung können ihre Eigenheiten unbemerkt weitergeben. Trainiert man ein „Schüler-Modell“ mit den Ausgaben seines „Zwillings“, d. h. seines „Lehrer-Modells“, übernimmt der Schüler unterschwellig dessen Verzerrungen – selbst wenn die Daten neutral wirken. Bei unterschiedlichen Modellfamilien verschwindet dieser Effekt. Wer in Agentensystemen oder beim Finetuning wirklich Kontrolle behalten will, braucht daher Vielfalt statt Gleichschaltung – außerdem:</p> <h3 id="h-starkere-leitplanken-fur-ki-modelle"><strong>Stärkere Leitplanken für KI-Modelle</strong></h3> <p>Sprachmodelle werden bescheidener und sicherer, wenn man ihnen klare Leitplanken gibt – etwa Filter, die verdächtige Eingaben blockieren, oder Grenzen, was ein Agent ohne menschliche Aufsicht tun darf. Dazu kommen Stresstests: Man füttert die Modelle gezielt mit Prompt Injections, also verstecktenn Befehlen. Die Debatten-Studie zeigte: Schon ein einfacher Zusatz im Prompt („Überlege auch, warum dein Gegner gewinnen könnte“) bremste die Selbstüberschätzung merklich – das Vertrauen stieg nur noch leicht statt wie sonst im großen Sprung. Außerdem dürfen LLMs nicht allein Richter sein, weil sie selbst anfällig für Täuschungen und Verzerrungen sind. Mit Leitplanken und gezielten Angriffstests lassen sich übermütige KI-Agenten zügeln.</p> <p>Könnte ein noch größeres Modell die Wunderwafe als „Kontrollinstanz“ abgeben? Klingt gut, ist aber ein Irrglaube. Denn auch große Modelle überschätzen sich selbst munter weiter. Wenn sie obendrein mit denselben Daten und denselben Methoden trainiert wurden wie die kleineren Agenten, teilen sie auch deren blinde Flecken. Dann haben wir keinen Aufpasser, sondern nur einen Papagei, der denselben Unsinn wiederholt.</p> <p>Können wir also Große Sprachmodelle bescheidener machen?</p> <p>Wie besprochen können wir ihre Selbstüberschätzung dämpfen: mit Kalibrierung, eingebauten Kritikern und vor allem mit Vielfalt. 😊 Genauso wie Vielfalt menschliche Gesellschaften gegen Fallen wie Verdummung, Gleichschaltung und Niedergang schützt. Aber auch mit diesen Korrekturen bleiben KI-Agentensysteme aus Sprachmodellen bedroht: Sprachmodelle sind probabilistisch, sie folgen nicht immer Instruktionen, sie schmeicheln gern – und sie überschätzen sich nach wie vor.</p> <p>Wenn ein Agent an einer Stelle halluziniert, ein zweiter ihm aus Gefallsucht recht gibt und ein dritter die Wahrscheinlichkeit seiner Ausgabe falsch einschätzt, verstärkt sich der Fehler Schritt für Schritt. Dann hilft keine einzelne Bremse mehr – die ganze Maschinerie gerät ins Trudeln … darum geht es aber im nächsten Beitrag.</p> <p>Viel Spaß mit Deep Learning!</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gehirn-und-ki/koennen-wir-grosse-sprachmodelle-bescheidener-machen/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>23</slash:comments> </item> <item> <title>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/ https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/#comments Sun, 08 Feb 2026 13:03:46 +0000 Dominic Blitz https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/?p=4183 https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/</link> </image> <description type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1018px) 100vw, 1018px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg 1018w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg 768w" width="1018"></img></a></figure> <p>Netzsystem-Bildkunst: Der Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher: <em>Tetrahedal Planetoid</em>, Print 1949</p> <p>Dieser Beitrag wird in Gezeiten eines heftigen Überlebenskampfes verfasst. Es ist mein fester Glaube, dass sowohl Individuen, Gruppen als auch ganze Gesellschaften, die gerade um ihre Existenz kämpfen, Verbindungen und Verknüpfungen von Netzsystemen in einem Orbit dringender denn je benötigen. So in der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und auch der Politik. So sind diese doch gemeinsam verwoben und in einer Erde und Struktur schicksalshaft miteinander verbunden sind. Ähnlich wie M.C. Eschers Bild oben.</p> <p><strong>Im Phasenraum des Lebens</strong></p> <p>In meinem Beitrag vom Dezember 2025 beschrieb ich bereits, dass der Mensch, die Natur, sich selbst, andere Menschen und Maschinen in seinen „Arbeitskreisen“ wahrnimmt. So z.B. von der Umwelt in den Kopf und Körper wieder in die Umwelt zurück. Damit verbunden ist nicht weniger als das Denken, Lernen und auch Verhaltensweisen. </p> <p>Ich nenne das einmal „Vernetze Kreismodulationen“, denn Signale wirken auf einzelne Glieder als auch auf das Ganze wieder zurück. In unseren „Nerven-Netz-Arbeitskreisen“.<aside></aside></p> <p><strong>Ziel des Menschen</strong></p> <p>Was ist denn das Ziel des Menschen? Was meinen Sie? Denken Sie kurz nach, bevor Sie hier weiterlesen.</p> <p>Das Ziel des Menschen ist es in all seinen eigens persönlichen Umgebungen und Einbettungsstrukturen eine eigene Identität zu gewinnen und darin auch einen Sinn des Lebens für sich zu erkennen. Dies wird im epischen Film <em>Blade Runner</em> von Ridley Scott aus dem Jahre 1983 beschrieben, indem ein nahezu auswegloser Überlebenskampf zwischen Menschen und Android zur Identität und Sinn beschrieben wird. Schauen Sie sich den Film einmal wieder an, es ist ein Meisterwerk der Netzkunst. Ob nun Auge und geöffnete Pupille als Netzfeedbacksystem oder die Evolutionsschlote der Cyberstadt, hier treffen sich Netzsysteme in Modulationssystemen von Menschen und Nexus 6 – Maschinen. Mal bezaubernd und betörend, mal tödlich.</p> <p>Positiv ausgedrückt sucht der Mensch seine Muster der Natur und anderer Menschen in einem ordnungsbildenden unendlichen Kosmos. So erschafft er seine Welt durch seine eigene Perzeption (kodierende Wahrnehmung) und Prädiktion (kodierende Vorhersage und Vorausschau) für die prädiktiven Weltmodelle. Dies geschieht zuerst im Gehirn-Gedächtnissystem als großartiges Netzsystem von Modulationsräumen. Zweitens heute auch Mithilfe von Maschinen und Generativen Pre-Transformer Geräten (GPT). </p> <p><strong>Literatur und Filme als Fackel</strong></p> <p>Um Muster der Menschheit zu erspähen, gilt es neben Science Fact und Science-Fiction auch auf die Kultur und Kunst des Menschen und der Natur als Science Fantasy zu schauen. Wie in der Literatur Johann Wolfgang von Goethe in <em>Maximen und Reflexionen</em> fabuliert<em>, </em>ist es hier <em>der menschliche Geist, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat. </em>Oder wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre artikuliert: <em>Die größte Freude lag bei mir in der Erfindung und Beschäftigung der Einbildungskraft.</em> Im amerikanischen Abenteuer-Spielfilm <em>Young Sherlock Holmes</em> zitiert Meisterdetektiv Holmes folgende<em> echte Neuronale Netze: Er sagt: „Der Kombinationsdrang ruht nie; er gleicht einem fein abgestimmten Instrument. Es erfordert Aufmerksamkeit und Übung!“</em></p> <p>Zu Goethe, Holmes und den Maschinen (Gott und Glauben möchte ich in Teil 2 als wichtige Essenz erwähnen) können wir folgendes ergänzen: Nämlich, dass es tiefes Interesse und hoher Motivation bedarf,<em> das Wahre als Fackel</em> nach Goethe mit klugen Menschen und effektiven Maschinen heute zu vereinen.  </p> <p><strong>Metapher und Beispiele: Moleküle und Menschen</strong></p> <p>Das bringt uns zu den Metaphern und Beispielen des Menschen. Jedem Menschen wird einleuchten, dass eine biologische Erkennung des Gegenübers überlebensrelevant sein kann. Freund oder Feind lernt man nicht nur in der Ökonomie und Ökologie als hochgradig relevant kennen.</p> <p>Was bedeutet das?</p> <p>Nehmen wir einmal Viren und Bakterien, so können diese in Menschen und Maschinen vorkommen. Insbesondere Bakterien können sowohl positiv als auch negativ auf unser Leben wirken. Diese zu erkennen und entsprechend zu verarbeiten, ist der Schlüssel für eine langlebige Gesundheit und Immunologie. Das gilt für unsere Erhaltung der Zähne und deren Zahnklima im Netzsystem des Rachen- und Mundraums und auch in Form des Mikro-Bioms im Magen-Darm-Trakt-Netzsystem. Worauf will ich hier hinaus?</p> <p><strong>Netzsysteme als Modulationsräume der Mustererkennung</strong></p> <p>Überall gelten dabei Netzmuster: Das heißt Signalstoffen und Signalströme werden zu Signalgeflechten. Hierbei ist erstens die Senderseite, wie in einem Mediensystem (TV, Rundfunk) zu betrachten. Hier stellen Bakterien, Drüsen und Zellkerne die Sender dar. Zweitens sind die Transportbahnen zu beachten. Diese sind beim Menschen Blutbahnen, Luftbahnen und Zellplasma. Und drittens ist die Empfängerseite aufzuzeigen: Sie stellt im Menschen Enzyme, Membranen und Zellgewebe dar.</p> <p>Was will ich damit sagen?</p> <p><strong>Molekularstruktur als Wegweiser</strong></p> <p>In diesen für uns unsichtbaren Molekularstruktur erkennen wir die Analogie zu den Menschen. Hierbei ist vor allem die Empfängerseite mit den Verarbeitungsverschlüsselungen von Netzsystemen und Modulationen relevant. Es handelt sich hier um die wichtige Art und Weise, wie Signale und Signalmuster erkannt, erschaffen, verarbeitet und menschlich erhalten werden können. Wie offen und flexibel ist Ihre Membran für Ionenströme für Potenzialunterschiede, sodass es zu flexibler Durchlässigkeit und Veränderung bei Ihnen kommen kann?</p> <p><strong>Was sagt die Neurobiologie?</strong></p> <p>Eine Metapher des Menschen stellt in der Neurobiologie das<em> Zentrale Nervensystem</em> (ZNS) dar. Hierbei geht es darum, die Orbit-Systeme der Erregungsbahnen, Erregungslagen und Erregungsbindungen (wie ich das bei Donald Hebb 2025 beschrieb) in Netzsystemen und deren Modulationsräumen besser zu verstehen, um neue Informationsverarbeitungen zu bauen. Das verhält sich analog zur „Organisation von morgen“.  </p> <p>Was bedeutet das für zukünftige Institutionen?</p> <p><strong>Potenziale der lebendigen Biologie zur dinglichen Physik und sozialen Ökonomie optimal nutzen</strong></p> <p>Das bedeutet für uns, dass nicht Kraft, Fleiß und Größe allein ausreicht. Um Potenziale besser zu erkennen, abzuschöpfen und als eine andere Kapazität von Menschen und Maschinen in Netzsystemen einzuspeisen, sondern wir benötigen das Wissen von Biologie als Information und somit der Morphologie (Form) und Metabolismus (Stoffwechsel). Dies können wir nun als eine Formel von zwei großartig-übergeordneten Netzsystemen, nämlich der Biophysik und Sozioökonomie verwenden. </p> <p>Relevante Anwendungen sehe ich:</p> <ol> <li><strong>In neuen Energiefeldern und Stoffströmen:</strong> Wenn wir Energiefelder miteinander strategischer vernetzen, können wir den Strom für Haushalte, Unternehmen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft besser nutzen und erstmals ausschöpfen. Dieser Strom der Zukunft wird nötig sein, die bevorstehenden Aufgaben sicher und zuverlässig für unsere Welt gewinnbringender zu lösen. Derzeit haben wir leider noch etliche nicht vernetze und nicht abgeschöpfte Felder vor uns liegen.</li> <li><strong>Organisationen und Informationsströme: </strong>Wenn wir die <em>Organisationen von Morgen </em>anders als bisher vernetzen, das heißt angelehnt an Naturmuster und die Muster des Menschen, werden wir optimalere Informationsströme und Informationsmuster zu einem Strom des Lebens von Menschen und Maschinen topologisch rekombiniert formen können. Hierin werden motivierte Menschen und effektive Maschinen eine gemeinsam signifikante Rolle spielen. Das Ziel: weitere Existenz und Evolution in „Emergenten Netzsystemen“.</li> </ol> <p>Zusammengefasst lässt sich meiner Meinung nach sagen, dass die Netzsysteme der Organik als auch die Netzsysteme der Synthetik und des Sozialen als zwei Netzsysteme der Biophysik und Sozioökonomie in den Modulationsräumen des Menschen eine verbindende Rolle spielen werden. Die Netzsysteme werden vor allem als verrechnende Matrizen den Nexus vom Mosaik zur Matrix überbrücken. Das heißt wir werden nicht mit alten Kleidern in eine neue Welt geschickt, sondern mit neuen Kleidern und neuer Haut in neue Gefilde, Dimensionen und neue Galaxien gelangen. Das ist für uns jetzt eine Riesenchance. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Netzsysteme als Räume der Modulation. Teil 1. » Tensornetz » SciLogs</h1><h2>By Von Dominic Blitz</h2><div itemprop="text"> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1018px) 100vw, 1018px" src="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2.jpg 1018w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-298x300.jpg 298w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/files/mc-escher-tedrahy-2-768x773.jpg 768w" width="1018"></img></a></figure> <p>Netzsystem-Bildkunst: Der Künstler und Grafiker Maurits Cornelis Escher: <em>Tetrahedal Planetoid</em>, Print 1949</p> <p>Dieser Beitrag wird in Gezeiten eines heftigen Überlebenskampfes verfasst. Es ist mein fester Glaube, dass sowohl Individuen, Gruppen als auch ganze Gesellschaften, die gerade um ihre Existenz kämpfen, Verbindungen und Verknüpfungen von Netzsystemen in einem Orbit dringender denn je benötigen. So in der Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und auch der Politik. So sind diese doch gemeinsam verwoben und in einer Erde und Struktur schicksalshaft miteinander verbunden sind. Ähnlich wie M.C. Eschers Bild oben.</p> <p><strong>Im Phasenraum des Lebens</strong></p> <p>In meinem Beitrag vom Dezember 2025 beschrieb ich bereits, dass der Mensch, die Natur, sich selbst, andere Menschen und Maschinen in seinen „Arbeitskreisen“ wahrnimmt. So z.B. von der Umwelt in den Kopf und Körper wieder in die Umwelt zurück. Damit verbunden ist nicht weniger als das Denken, Lernen und auch Verhaltensweisen. </p> <p>Ich nenne das einmal „Vernetze Kreismodulationen“, denn Signale wirken auf einzelne Glieder als auch auf das Ganze wieder zurück. In unseren „Nerven-Netz-Arbeitskreisen“.<aside></aside></p> <p><strong>Ziel des Menschen</strong></p> <p>Was ist denn das Ziel des Menschen? Was meinen Sie? Denken Sie kurz nach, bevor Sie hier weiterlesen.</p> <p>Das Ziel des Menschen ist es in all seinen eigens persönlichen Umgebungen und Einbettungsstrukturen eine eigene Identität zu gewinnen und darin auch einen Sinn des Lebens für sich zu erkennen. Dies wird im epischen Film <em>Blade Runner</em> von Ridley Scott aus dem Jahre 1983 beschrieben, indem ein nahezu auswegloser Überlebenskampf zwischen Menschen und Android zur Identität und Sinn beschrieben wird. Schauen Sie sich den Film einmal wieder an, es ist ein Meisterwerk der Netzkunst. Ob nun Auge und geöffnete Pupille als Netzfeedbacksystem oder die Evolutionsschlote der Cyberstadt, hier treffen sich Netzsysteme in Modulationssystemen von Menschen und Nexus 6 – Maschinen. Mal bezaubernd und betörend, mal tödlich.</p> <p>Positiv ausgedrückt sucht der Mensch seine Muster der Natur und anderer Menschen in einem ordnungsbildenden unendlichen Kosmos. So erschafft er seine Welt durch seine eigene Perzeption (kodierende Wahrnehmung) und Prädiktion (kodierende Vorhersage und Vorausschau) für die prädiktiven Weltmodelle. Dies geschieht zuerst im Gehirn-Gedächtnissystem als großartiges Netzsystem von Modulationsräumen. Zweitens heute auch Mithilfe von Maschinen und Generativen Pre-Transformer Geräten (GPT). </p> <p><strong>Literatur und Filme als Fackel</strong></p> <p>Um Muster der Menschheit zu erspähen, gilt es neben Science Fact und Science-Fiction auch auf die Kultur und Kunst des Menschen und der Natur als Science Fantasy zu schauen. Wie in der Literatur Johann Wolfgang von Goethe in <em>Maximen und Reflexionen</em> fabuliert<em>, </em>ist es hier <em>der menschliche Geist, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat. </em>Oder wie Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre artikuliert: <em>Die größte Freude lag bei mir in der Erfindung und Beschäftigung der Einbildungskraft.</em> Im amerikanischen Abenteuer-Spielfilm <em>Young Sherlock Holmes</em> zitiert Meisterdetektiv Holmes folgende<em> echte Neuronale Netze: Er sagt: „Der Kombinationsdrang ruht nie; er gleicht einem fein abgestimmten Instrument. Es erfordert Aufmerksamkeit und Übung!“</em></p> <p>Zu Goethe, Holmes und den Maschinen (Gott und Glauben möchte ich in Teil 2 als wichtige Essenz erwähnen) können wir folgendes ergänzen: Nämlich, dass es tiefes Interesse und hoher Motivation bedarf,<em> das Wahre als Fackel</em> nach Goethe mit klugen Menschen und effektiven Maschinen heute zu vereinen.  </p> <p><strong>Metapher und Beispiele: Moleküle und Menschen</strong></p> <p>Das bringt uns zu den Metaphern und Beispielen des Menschen. Jedem Menschen wird einleuchten, dass eine biologische Erkennung des Gegenübers überlebensrelevant sein kann. Freund oder Feind lernt man nicht nur in der Ökonomie und Ökologie als hochgradig relevant kennen.</p> <p>Was bedeutet das?</p> <p>Nehmen wir einmal Viren und Bakterien, so können diese in Menschen und Maschinen vorkommen. Insbesondere Bakterien können sowohl positiv als auch negativ auf unser Leben wirken. Diese zu erkennen und entsprechend zu verarbeiten, ist der Schlüssel für eine langlebige Gesundheit und Immunologie. Das gilt für unsere Erhaltung der Zähne und deren Zahnklima im Netzsystem des Rachen- und Mundraums und auch in Form des Mikro-Bioms im Magen-Darm-Trakt-Netzsystem. Worauf will ich hier hinaus?</p> <p><strong>Netzsysteme als Modulationsräume der Mustererkennung</strong></p> <p>Überall gelten dabei Netzmuster: Das heißt Signalstoffen und Signalströme werden zu Signalgeflechten. Hierbei ist erstens die Senderseite, wie in einem Mediensystem (TV, Rundfunk) zu betrachten. Hier stellen Bakterien, Drüsen und Zellkerne die Sender dar. Zweitens sind die Transportbahnen zu beachten. Diese sind beim Menschen Blutbahnen, Luftbahnen und Zellplasma. Und drittens ist die Empfängerseite aufzuzeigen: Sie stellt im Menschen Enzyme, Membranen und Zellgewebe dar.</p> <p>Was will ich damit sagen?</p> <p><strong>Molekularstruktur als Wegweiser</strong></p> <p>In diesen für uns unsichtbaren Molekularstruktur erkennen wir die Analogie zu den Menschen. Hierbei ist vor allem die Empfängerseite mit den Verarbeitungsverschlüsselungen von Netzsystemen und Modulationen relevant. Es handelt sich hier um die wichtige Art und Weise, wie Signale und Signalmuster erkannt, erschaffen, verarbeitet und menschlich erhalten werden können. Wie offen und flexibel ist Ihre Membran für Ionenströme für Potenzialunterschiede, sodass es zu flexibler Durchlässigkeit und Veränderung bei Ihnen kommen kann?</p> <p><strong>Was sagt die Neurobiologie?</strong></p> <p>Eine Metapher des Menschen stellt in der Neurobiologie das<em> Zentrale Nervensystem</em> (ZNS) dar. Hierbei geht es darum, die Orbit-Systeme der Erregungsbahnen, Erregungslagen und Erregungsbindungen (wie ich das bei Donald Hebb 2025 beschrieb) in Netzsystemen und deren Modulationsräumen besser zu verstehen, um neue Informationsverarbeitungen zu bauen. Das verhält sich analog zur „Organisation von morgen“.  </p> <p>Was bedeutet das für zukünftige Institutionen?</p> <p><strong>Potenziale der lebendigen Biologie zur dinglichen Physik und sozialen Ökonomie optimal nutzen</strong></p> <p>Das bedeutet für uns, dass nicht Kraft, Fleiß und Größe allein ausreicht. Um Potenziale besser zu erkennen, abzuschöpfen und als eine andere Kapazität von Menschen und Maschinen in Netzsystemen einzuspeisen, sondern wir benötigen das Wissen von Biologie als Information und somit der Morphologie (Form) und Metabolismus (Stoffwechsel). Dies können wir nun als eine Formel von zwei großartig-übergeordneten Netzsystemen, nämlich der Biophysik und Sozioökonomie verwenden. </p> <p>Relevante Anwendungen sehe ich:</p> <ol> <li><strong>In neuen Energiefeldern und Stoffströmen:</strong> Wenn wir Energiefelder miteinander strategischer vernetzen, können wir den Strom für Haushalte, Unternehmen und anderen Institutionen der Zivilgesellschaft besser nutzen und erstmals ausschöpfen. Dieser Strom der Zukunft wird nötig sein, die bevorstehenden Aufgaben sicher und zuverlässig für unsere Welt gewinnbringender zu lösen. Derzeit haben wir leider noch etliche nicht vernetze und nicht abgeschöpfte Felder vor uns liegen.</li> <li><strong>Organisationen und Informationsströme: </strong>Wenn wir die <em>Organisationen von Morgen </em>anders als bisher vernetzen, das heißt angelehnt an Naturmuster und die Muster des Menschen, werden wir optimalere Informationsströme und Informationsmuster zu einem Strom des Lebens von Menschen und Maschinen topologisch rekombiniert formen können. Hierin werden motivierte Menschen und effektive Maschinen eine gemeinsam signifikante Rolle spielen. Das Ziel: weitere Existenz und Evolution in „Emergenten Netzsystemen“.</li> </ol> <p>Zusammengefasst lässt sich meiner Meinung nach sagen, dass die Netzsysteme der Organik als auch die Netzsysteme der Synthetik und des Sozialen als zwei Netzsysteme der Biophysik und Sozioökonomie in den Modulationsräumen des Menschen eine verbindende Rolle spielen werden. Die Netzsysteme werden vor allem als verrechnende Matrizen den Nexus vom Mosaik zur Matrix überbrücken. Das heißt wir werden nicht mit alten Kleidern in eine neue Welt geschickt, sondern mit neuen Kleidern und neuer Haut in neue Gefilde, Dimensionen und neue Galaxien gelangen. Das ist für uns jetzt eine Riesenchance. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/tensornetz/netzsysteme-als-modulationsraeume-teil-1/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/#comments Sat, 07 Feb 2026 14:45:59 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3526 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst-768x543.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Tat in Dormagen (NRW) wirft erneut die Frage auf, ob die Untergrenze des Strafrechts von 14 Jahren noch zeitgemäß ist</strong></p> <span id="more-3526"></span> <p>Natürlich will keine Gesellschaft gerne Kinder vor Gericht sehen. Und natürlich wissen wir auch, dass die Einsicht in richtig und falsch <em>und</em> das Vermögen, nach dieser Einsicht zu handeln, in jungen Jahren noch nicht voll ausgeprägt ist.</p> <p>Aber „noch nicht voll ausgeprägt“ bedeutet nicht unbedingt vollständig abwesend. Wenn zum Beispiel Zwölf- oder 13-Jährige mit Steinen Scheiben einwerfen, dann mag das dumm oder impulsiv sein. Zumindest manchen von ihnen dürfte aber klar sein, dass man so etwas nicht macht.</p> <p>Nun fand am gestrigen 6. Februar die Trauerfeier für den 14-jährigen Yosef statt. Dessen Leiche war laut Medienberichten am Mittwoch, den 28. Januar, von Spaziergängern in einem See in Dormagen-Hackenbroich gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft gehe aufgrund der Stich- und Schnittverletzungen inzwischen sicher von einem Tötungsdelikt aus.</p> <p>Da der mutmaßliche Täter erst zwölf Jahre alt sein soll, wird es wahrscheinlich zu keinem Strafverfahren kommen. Wie sieht das aus rechtlicher und psychologischer Sicht aus?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png"><img alt="" decoding="async" height="481" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-300x141.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-768x361.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png 1387w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ob die Untergrenze für die strafrechtliche Verantwortung gesenkt werden soll, war sogar Thema der letzten Bundestagswahlen. Für die Empfehlung des Wahl-O-Mats konnte man damals eine Entscheidung abgeben. Quelle: Bildzitat nach Vorlage</em></p> <h2 id="h-100-000-straftaten">100.000 Straftaten</h2> <p>Laut der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden von Kindern im Jahr 2024 rund 100.000 Straftaten erfasst. Es ging dabei meistens um Diebstähle (rund 32.000), Körperverletzungen (27.000) und Sachbeschädigungen (11.000). In den letzten Jahren steigen die Zahlen, was als „Coronaviruspandemie-Nachholeffekt“ gedeutet wird.</p> <p>Die Straftaten von Kindern sind damit aber wieder in etwa auf dem Niveau von 2009. Dazwischen hatte die Zahl abgenommen.</p> <p>Von den 100.000 genannten Fällen waren 24 Straftaten gegen das Leben. Vor allem diese schweren Fälle schaffen es in die Medien. Für minderjährige Verdächtige und insbesondere für Kinder gilt aber auch ein besonderer Persönlichkeitsschutz. Daher wird bei Verfahren nach dem Jugendstrafrecht die Öffentlichkeit allgemein ausgeschlossen. Bei Kindern – das bedeutet hier: unter 14 Jahren – kann es nach heutigem Recht aber auch prinzipiell gar kein Strafverfahren geben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Anzahl der Straftaten in verschiedenen Altersgruppen im zeitlichen Verlauf. Hinweis: Da die Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, sollte man sie nicht direkt miteinander vergleichen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik</em></p> <h2 id="h-harte-altersgrenzen">Harte Altersgrenzen</h2> <p>Im Strafgesetzbuch (StGB) wird nämlich vor dem 14. Geburtstag von der Schuldunfähigkeit des Kindes ausgegangen: „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“ (§ 19 StGB). Wie man sieht, gibt es hier keine Ausnahmen für besondere oder besonders schwere Fälle. Damit ist aber nicht nur eine strafrechtliche Verurteilung, sondern auch eine nähere Aufklärung der Tat – sieht man von der allgemeinen polizeilichen Ermittlungsarbeit ab – grundlegend ausgeschlossen.</p> <p>Weitere Altersgrenzen finden sich im Jugendgerichtsgesetz (JGG). Dieses gilt für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre). Für Letztere gilt eine Übergangsphase: Nach den individuellen Umständen können sie unters Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht fallen.</p> <p>In Deutschland ist man eher mild und wendet in rund zwei Drittel der Fälle das Jugendstrafrecht an, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Bundesländern und in jüngerer Zeit vielleicht fallendem Trend.</p> <p>Zum Vergleich: Im Nachbarland Niederlande könnte man zwar sogar bis zum Alter von 22 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Mit dieser oberen Altersgrenze, die auch mit Hinweisen auf die Gehirnentwicklung begründet wurde, habe ich mich <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">intensiv in meiner Forschung beschäftigt</a>. Doch trotz dieser auf den ersten Blick milder scheinenden Regelung werden hier ab 18 Jahren so gut wie alle (will sagen: über 90 Prozent) nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt. Durch die Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre im Jahr 2014 erhöhte sich das nur leicht. Als Untergrenze gilt hier im Strafrecht übrigens das Alter von zwölf Jahren.</p> <h2 id="h-ziele-des-strafrechts">Ziele des Strafrechts</h2> <p>Im Prinzip verfolgt das Strafrecht mindestens vier Ziele: Es soll, erstens, <em>abschrecken</em>, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt; es soll, zweitens, <em>strafen</em> – manche Sprechen auch noch von „Vergeltung“ –, um den Schaden des Opfers und an der Rechtsordnung (zumindest symbolisch) wiedergutzumachen; drittens soll es <em>schützen</em>, einfach indem es Menschen, die Straftaten begangen haben, einsperrt; viertens soll es aber auch <em>resozialisieren</em>, um den Verurteilten eine Wiedereingliederung und Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p> <p>Es leuchtet schnell ein, dass manche dieser Ziele im Widerspruch zueinander stehen: Insbesondere gilt das für das Strafen und Schützen auf der einen Seite und das Resozialisieren auf der anderen. Außerdem gilt auch das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Jemanden zum Beispiel für einen Ladendiebstahl lebenslang wegzusperren, würde zwar zukünftige Ladendiebstähle dieser Person verhindern. Das wäre aber ein zu starker Eingriff in ihre Freiheit.</p> <p>Auch wer sich für das Prinzip Menschlichkeit überhaupt nicht erwärmen kann, sollte zumindest die Konsequenzen drakonischer Strafen mitbedenken: Das Gefängniswesen muss nämlich auch finanziert, personell und mit anderen Ressourcen ausgestattet werden. Wer weggesperrt bleibt, obwohl er Reue zeigt, kann nur wenig Positives zur Gesellschaft beitragen. Und wer nicht resozialisiert wird, begeht mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder Straftaten.</p> <p>Im Jugendstrafrecht wird das pädagogische Ziel der Resozialisierung höher gewichtet. Hier geht man davon aus, dass die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist und man auf den Täter oder die Täterin noch besser positiv einwirken kann. Neben geringeren Höchststrafen kennt das Jugendstrafrecht hierfür sozialere Alternativen zur Gefängnisstrafe.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-denken-an-die-opfer">Denken an die Opfer</h2> <p>Die Diskussion um ein mögliches Herabsenken der Untergrenze für das Strafrecht dreht sich meist um die psychologische Entwicklung der Täterinnen oder Täter. „Aber es sind doch Kinder!“, rufen mitunter Gegner einer Absenkung.</p> <p>Ja – es sind aber auch junge Menschen, die einem anderen das Leben genommen haben, teils unter brutalen Umständen. Eine deutsche Professorin, deren Namen ich in der politisch aufgeladenen Diskussion bewusst nicht nenne, setzt sich sogar für eine <em>Anhebung</em> der Altersgrenze auf 16 Jahre ein. Dann würden noch einmal viel mehr als die erwähnten 100.000 Straftaten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.</p> <p>Obwohl Opferschutz sonst groß geschrieben wird, scheint sich das bei manchen zu ändern, sobald die Täter unter 14 Jahre alt sind. Dabei sollte man bedenken: Ohne Strafrecht gibt es auch keine strafrechtliche Aufklärung der Tatumstände, von einer Bestrafung ganz zu schweigen.</p> <p>Für die Betroffenen sind die Taten ohnehin schon schwer belastend. Das eigene Kind für immer zu verlieren und dann auch noch durch das absichtliche Handeln eines anderen Menschen, dürfte so ziemlich das Schlimmste sein, was jemandem im Leben passieren kann.</p> <p><em>Hinweis: In den folgenden Absätzen werden bildliche Details schwerer Gewaltverbrechen genannt. Wer das nicht lesen will, kann den <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/">zweiten Teil</a> weiterlesen.</em></p> <p>Hier sei noch einmal an den Fall der zwölfjährigen Luise erinnert. Sie wurde am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen von zwei zwölf- und dreizehnjährigen Bekannten in ein Waldstück gelockt und dann mit vielen Messerstichen getötet.</p> <p>Die Täterinnen hatten das zuvor in einem Chat geplant und das Mädchen eigentlich mit einer Plastiktüte ersticken wollen. Als Luise sich wehrte, wurde sie Dutzende Male gestochen. Anschließend nahmen die Beiden ihrem Opfer noch das Telefon ab und ließen die hilflose Luise dann einsam verbluten. Man fand sie erst, als sie schon tot war – und für den Finder muss so eine Szene übrigens auch ein schwerer Schock sein.</p> <p>Es mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein, doch für Luises Angehörige drehte sich zum Beispiel viel um die Frage, wie lange das Mädchen noch bei Bewusstsein war, also wie lange das Leiden andauerte. Solche Fragen würden in einem Strafprozess aufgeklärt werden – jedenfalls so weit das möglich ist. Doch mit Verweis auf den zitierten § 19 StGB und dass die Täterinnen noch Kinder sind, lässt der Staat die Familie mit ihren schmerzhaften Fragen allein.</p> <h2 id="h-umweg-ubers-zivilrecht">Umweg übers Zivilrecht</h2> <p>Da übers Strafrecht nichts zu erreichen war, versuchten die Angehörigen, sich übers Zivilrecht zu wehren. Hier handelt nicht der Staat, sondern stehen sich zwei bürgerliche Parteien gegenüber. Das Gericht wacht sozusagen über die Einhaltung der Spielregeln, der geltenden Gesetze. In so einem Verfahren fehlen aber nicht nur die weitreichenden Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft, sondern ist die klagende Partei in der Beweispflicht und trägt sie auch das Kostenrisiko.</p> <p>Durch die Verhandlung am Landgericht Koblenz erfuhr im Sommer 2025 schließlich die Öffentlichkeit nähere Details über die Tat: dass es sich um eine geplante, grausame Tötung handelte. Ein Strafgericht würde in so einem Fall vermutlich einen Mord feststellen. Dann wäre das Höchstmaß nach Jugendstrafrecht 15 Jahre Freiheitsstrafe, nach Erwachsenenstrafrecht wäre automatisch lebenslänglich die Strafe. Und auch hier noch ist das deutsche Recht eher mild und sieht wegen des hohen Stellenwerts der Menschenwürde 25 Jahre als höchste Strafdauer an, die später unter Umständen auf 15 Jahre verkürzt werden kann.</p> <p>Stattdessen fordern Luises Hinterbliebene nun Schadensersatz. Dafür ist die oben genannte Frage relevant, wie lange das hilflos zurückgelassene Mädchen tatsächlich noch litt. In Zahlen ausgedrückt geht es dann um einen Schadensersatz von vielleicht eher 40.000 oder 60.000 Euro. Dass das den Verlust eines Kindes nicht aufwiegen kann, ist klar. Ich nenne das hier zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten.</p> <p>Unabhängig vom Schadensersatz und insbesondere seiner Höhe wäre so eine Verurteilung vielleicht ein minimaler Funken von Gerechtigkeit für die Familie. Wenn sie aber Pech hat und das Gericht nicht überzeugen kann, müsste sie die Anwalts- und Verfahrenskosten selbst tragen, sogar der Gegenseite.</p> <p>Das gilt nicht nur für das – nach allem, was bekannt ist, noch laufende – Verfahren am Landgericht. Danach könnte es noch zu einem Berufungs- oder Revisionsverfahren kommen. Wohlgemerkt, mit einer Verlängerung der Unsicherheit und Vergrößerung des Kostenrisikos. Und das bei einer Familie, deren junge Tochter umgebracht wurde und die noch tief trauert.</p> <h2 id="h-historischer-exkurs">Historischer Exkurs</h2> <p>Die Tötung der zwölfjährigen Luise und jetzt des 14-jährigen Yosef erinnert an einen historischen Fall, den ich durch meine Forschung wiederentdeckte: Im November 1834 lockte der neunjährige Major Mitchell einen achtjährigen Schulkameraden in ein Waldstück in Durham nahe der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Er versuchte mehrfach, den Achtjährigen in einem Bach zu ertränken, doch dafür war das Wasser wahrscheinlich nicht tief genug.</p> <p>Stattdessen fesselte Mitchell sein Opfer nackt an einen Baum, misshandelte es stundenlang mit Stockschlägen und verstümmelte es mit einem Stück Metall. Selbst nach dieser Folter gelang es dem Täter nicht, das jüngere Kind zu ertränken.</p> <p>Der Fall kam vor Gericht und Phrenologen wollten aussagen, dass der Täter wegen einer früheren Kopfverletzung ein größeres Schädelorgan für „Zerstörungskraft“ habe. Laut der phrenologischen Lehre lag das über dem Ohr. Ein Zeichner will hier eine Vergrößerung gesehen haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg 575w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg 617w" width="575"></img></a></figure> <p><em>Auf dieser Zeichnung ist der Kopf des neunjährigen Angeklagten festgehalten. Die Phrenologen meinten, darauf Gründe für eine Strafminderung zu erkennen. Lizenz: gemeinfrei</em></p> <p>Den Richter überzeugte das allerdings nicht. Es sei nicht nachgewiesen, dass Kopfverletzungen wie die hier vermutete regelmäßig zu Straftaten führen. Mitchell wurde trotz seines jungen Alters zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Die Phrenologen freuten sich trotzdem, da man sie als Sachverständige gehört hatte, ohne dass man sie auslachte. 1835 publizierten sie über den Fall in ihrer eigenen Zeitschrift. Es dürfte sich dabei um den ersten dokumentierten Fall von „Neurorecht“ handeln.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/">nächsten Teil</a> kehren wir in die Gegenwart zurück und überlegen wir uns, ob und wie die Altersgrenze für die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht angepasst werden könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9" rel="noopener">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/" rel="noopener">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/06a60568b83c4b3ca4184953eb522774" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/geralt-crime-268902_1920-angepasst.jpg" /><h1>Und wieder tötet ein Kind. Und wieder tut das Strafrecht nichts » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Die Tat in Dormagen (NRW) wirft erneut die Frage auf, ob die Untergrenze des Strafrechts von 14 Jahren noch zeitgemäß ist</strong></p> <span id="more-3526"></span> <p>Natürlich will keine Gesellschaft gerne Kinder vor Gericht sehen. Und natürlich wissen wir auch, dass die Einsicht in richtig und falsch <em>und</em> das Vermögen, nach dieser Einsicht zu handeln, in jungen Jahren noch nicht voll ausgeprägt ist.</p> <p>Aber „noch nicht voll ausgeprägt“ bedeutet nicht unbedingt vollständig abwesend. Wenn zum Beispiel Zwölf- oder 13-Jährige mit Steinen Scheiben einwerfen, dann mag das dumm oder impulsiv sein. Zumindest manchen von ihnen dürfte aber klar sein, dass man so etwas nicht macht.</p> <p>Nun fand am gestrigen 6. Februar die Trauerfeier für den 14-jährigen Yosef statt. Dessen Leiche war laut Medienberichten am Mittwoch, den 28. Januar, von Spaziergängern in einem See in Dormagen-Hackenbroich gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft gehe aufgrund der Stich- und Schnittverletzungen inzwischen sicher von einem Tötungsdelikt aus.</p> <p>Da der mutmaßliche Täter erst zwölf Jahre alt sein soll, wird es wahrscheinlich zu keinem Strafverfahren kommen. Wie sieht das aus rechtlicher und psychologischer Sicht aus?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png"><img alt="" decoding="async" height="481" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-1024x481.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-300x141.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy-768x361.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-0-1-Wahl-O-Mat-Strafrecht-14-Jahre-eigen-300dpi-copy.png 1387w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Ob die Untergrenze für die strafrechtliche Verantwortung gesenkt werden soll, war sogar Thema der letzten Bundestagswahlen. Für die Empfehlung des Wahl-O-Mats konnte man damals eine Entscheidung abgeben. Quelle: Bildzitat nach Vorlage</em></p> <h2 id="h-100-000-straftaten">100.000 Straftaten</h2> <p>Laut der neuesten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden von Kindern im Jahr 2024 rund 100.000 Straftaten erfasst. Es ging dabei meistens um Diebstähle (rund 32.000), Körperverletzungen (27.000) und Sachbeschädigungen (11.000). In den letzten Jahren steigen die Zahlen, was als „Coronaviruspandemie-Nachholeffekt“ gedeutet wird.</p> <p>Die Straftaten von Kindern sind damit aber wieder in etwa auf dem Niveau von 2009. Dazwischen hatte die Zahl abgenommen.</p> <p>Von den 100.000 genannten Fällen waren 24 Straftaten gegen das Leben. Vor allem diese schweren Fälle schaffen es in die Medien. Für minderjährige Verdächtige und insbesondere für Kinder gilt aber auch ein besonderer Persönlichkeitsschutz. Daher wird bei Verfahren nach dem Jugendstrafrecht die Öffentlichkeit allgemein ausgeschlossen. Bei Kindern – das bedeutet hier: unter 14 Jahren – kann es nach heutigem Recht aber auch prinzipiell gar kein Strafverfahren geben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="576" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1024x576.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-300x169.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-768x432.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-1536x864.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-4-3-JGG-Tatverdaechtige-PKS-300dpi-2048x1152.jpg 2048w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die Anzahl der Straftaten in verschiedenen Altersgruppen im zeitlichen Verlauf. Hinweis: Da die Gruppen sehr unterschiedlich groß sind, sollte man sie nicht direkt miteinander vergleichen. Datenquelle: Polizeiliche Kriminalstatistik</em></p> <h2 id="h-harte-altersgrenzen">Harte Altersgrenzen</h2> <p>Im Strafgesetzbuch (StGB) wird nämlich vor dem 14. Geburtstag von der Schuldunfähigkeit des Kindes ausgegangen: „Schuldunfähig ist, wer bei Begehung der Tat noch nicht vierzehn Jahre alt ist“ (§ 19 StGB). Wie man sieht, gibt es hier keine Ausnahmen für besondere oder besonders schwere Fälle. Damit ist aber nicht nur eine strafrechtliche Verurteilung, sondern auch eine nähere Aufklärung der Tat – sieht man von der allgemeinen polizeilichen Ermittlungsarbeit ab – grundlegend ausgeschlossen.</p> <p>Weitere Altersgrenzen finden sich im Jugendgerichtsgesetz (JGG). Dieses gilt für Jugendliche (14 bis einschließlich 17 Jahre) und Heranwachsende (18 bis einschließlich 20 Jahre). Für Letztere gilt eine Übergangsphase: Nach den individuellen Umständen können sie unters Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht fallen.</p> <p>In Deutschland ist man eher mild und wendet in rund zwei Drittel der Fälle das Jugendstrafrecht an, wenn auch mit Unterschieden zwischen den Bundesländern und in jüngerer Zeit vielleicht fallendem Trend.</p> <p>Zum Vergleich: Im Nachbarland Niederlande könnte man zwar sogar bis zum Alter von 22 Jahren das Jugendstrafrecht anwenden. Mit dieser oberen Altersgrenze, die auch mit Hinweisen auf die Gehirnentwicklung begründet wurde, habe ich mich <a href="https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2020.01762/full" rel="noopener">intensiv in meiner Forschung beschäftigt</a>. Doch trotz dieser auf den ersten Blick milder scheinenden Regelung werden hier ab 18 Jahren so gut wie alle (will sagen: über 90 Prozent) nach Erwachsenenstrafrecht angeklagt. Durch die Anhebung der Altersgrenze auf 22 Jahre im Jahr 2014 erhöhte sich das nur leicht. Als Untergrenze gilt hier im Strafrecht übrigens das Alter von zwölf Jahren.</p> <h2 id="h-ziele-des-strafrechts">Ziele des Strafrechts</h2> <p>Im Prinzip verfolgt das Strafrecht mindestens vier Ziele: Es soll, erstens, <em>abschrecken</em>, damit es erst gar nicht zu Straftaten kommt; es soll, zweitens, <em>strafen</em> – manche Sprechen auch noch von „Vergeltung“ –, um den Schaden des Opfers und an der Rechtsordnung (zumindest symbolisch) wiedergutzumachen; drittens soll es <em>schützen</em>, einfach indem es Menschen, die Straftaten begangen haben, einsperrt; viertens soll es aber auch <em>resozialisieren</em>, um den Verurteilten eine Wiedereingliederung und Rückkehr in die Gesellschaft zu ermöglichen.</p> <p>Es leuchtet schnell ein, dass manche dieser Ziele im Widerspruch zueinander stehen: Insbesondere gilt das für das Strafen und Schützen auf der einen Seite und das Resozialisieren auf der anderen. Außerdem gilt auch das verfassungsrechtliche Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Jemanden zum Beispiel für einen Ladendiebstahl lebenslang wegzusperren, würde zwar zukünftige Ladendiebstähle dieser Person verhindern. Das wäre aber ein zu starker Eingriff in ihre Freiheit.</p> <p>Auch wer sich für das Prinzip Menschlichkeit überhaupt nicht erwärmen kann, sollte zumindest die Konsequenzen drakonischer Strafen mitbedenken: Das Gefängniswesen muss nämlich auch finanziert, personell und mit anderen Ressourcen ausgestattet werden. Wer weggesperrt bleibt, obwohl er Reue zeigt, kann nur wenig Positives zur Gesellschaft beitragen. Und wer nicht resozialisiert wird, begeht mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder Straftaten.</p> <p>Im Jugendstrafrecht wird das pädagogische Ziel der Resozialisierung höher gewichtet. Hier geht man davon aus, dass die Persönlichkeit noch nicht so gefestigt ist und man auf den Täter oder die Täterin noch besser positiv einwirken kann. Neben geringeren Höchststrafen kennt das Jugendstrafrecht hierfür sozialere Alternativen zur Gefängnisstrafe.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-denken-an-die-opfer">Denken an die Opfer</h2> <p>Die Diskussion um ein mögliches Herabsenken der Untergrenze für das Strafrecht dreht sich meist um die psychologische Entwicklung der Täterinnen oder Täter. „Aber es sind doch Kinder!“, rufen mitunter Gegner einer Absenkung.</p> <p>Ja – es sind aber auch junge Menschen, die einem anderen das Leben genommen haben, teils unter brutalen Umständen. Eine deutsche Professorin, deren Namen ich in der politisch aufgeladenen Diskussion bewusst nicht nenne, setzt sich sogar für eine <em>Anhebung</em> der Altersgrenze auf 16 Jahre ein. Dann würden noch einmal viel mehr als die erwähnten 100.000 Straftaten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden.</p> <p>Obwohl Opferschutz sonst groß geschrieben wird, scheint sich das bei manchen zu ändern, sobald die Täter unter 14 Jahre alt sind. Dabei sollte man bedenken: Ohne Strafrecht gibt es auch keine strafrechtliche Aufklärung der Tatumstände, von einer Bestrafung ganz zu schweigen.</p> <p>Für die Betroffenen sind die Taten ohnehin schon schwer belastend. Das eigene Kind für immer zu verlieren und dann auch noch durch das absichtliche Handeln eines anderen Menschen, dürfte so ziemlich das Schlimmste sein, was jemandem im Leben passieren kann.</p> <p><em>Hinweis: In den folgenden Absätzen werden bildliche Details schwerer Gewaltverbrechen genannt. Wer das nicht lesen will, kann den <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/">zweiten Teil</a> weiterlesen.</em></p> <p>Hier sei noch einmal an den Fall der zwölfjährigen Luise erinnert. Sie wurde am 11. März 2023 in Freudenberg bei Siegen von zwei zwölf- und dreizehnjährigen Bekannten in ein Waldstück gelockt und dann mit vielen Messerstichen getötet.</p> <p>Die Täterinnen hatten das zuvor in einem Chat geplant und das Mädchen eigentlich mit einer Plastiktüte ersticken wollen. Als Luise sich wehrte, wurde sie Dutzende Male gestochen. Anschließend nahmen die Beiden ihrem Opfer noch das Telefon ab und ließen die hilflose Luise dann einsam verbluten. Man fand sie erst, als sie schon tot war – und für den Finder muss so eine Szene übrigens auch ein schwerer Schock sein.</p> <p>Es mag für Außenstehende schwer nachvollziehbar sein, doch für Luises Angehörige drehte sich zum Beispiel viel um die Frage, wie lange das Mädchen noch bei Bewusstsein war, also wie lange das Leiden andauerte. Solche Fragen würden in einem Strafprozess aufgeklärt werden – jedenfalls so weit das möglich ist. Doch mit Verweis auf den zitierten § 19 StGB und dass die Täterinnen noch Kinder sind, lässt der Staat die Familie mit ihren schmerzhaften Fragen allein.</p> <h2 id="h-umweg-ubers-zivilrecht">Umweg übers Zivilrecht</h2> <p>Da übers Strafrecht nichts zu erreichen war, versuchten die Angehörigen, sich übers Zivilrecht zu wehren. Hier handelt nicht der Staat, sondern stehen sich zwei bürgerliche Parteien gegenüber. Das Gericht wacht sozusagen über die Einhaltung der Spielregeln, der geltenden Gesetze. In so einem Verfahren fehlen aber nicht nur die weitreichenden Möglichkeiten der Staatsanwaltschaft, sondern ist die klagende Partei in der Beweispflicht und trägt sie auch das Kostenrisiko.</p> <p>Durch die Verhandlung am Landgericht Koblenz erfuhr im Sommer 2025 schließlich die Öffentlichkeit nähere Details über die Tat: dass es sich um eine geplante, grausame Tötung handelte. Ein Strafgericht würde in so einem Fall vermutlich einen Mord feststellen. Dann wäre das Höchstmaß nach Jugendstrafrecht 15 Jahre Freiheitsstrafe, nach Erwachsenenstrafrecht wäre automatisch lebenslänglich die Strafe. Und auch hier noch ist das deutsche Recht eher mild und sieht wegen des hohen Stellenwerts der Menschenwürde 25 Jahre als höchste Strafdauer an, die später unter Umständen auf 15 Jahre verkürzt werden kann.</p> <p>Stattdessen fordern Luises Hinterbliebene nun Schadensersatz. Dafür ist die oben genannte Frage relevant, wie lange das hilflos zurückgelassene Mädchen tatsächlich noch litt. In Zahlen ausgedrückt geht es dann um einen Schadensersatz von vielleicht eher 40.000 oder 60.000 Euro. Dass das den Verlust eines Kindes nicht aufwiegen kann, ist klar. Ich nenne das hier zur Veranschaulichung der Unterschiede zwischen zivil- und strafrechtlichen Möglichkeiten.</p> <p>Unabhängig vom Schadensersatz und insbesondere seiner Höhe wäre so eine Verurteilung vielleicht ein minimaler Funken von Gerechtigkeit für die Familie. Wenn sie aber Pech hat und das Gericht nicht überzeugen kann, müsste sie die Anwalts- und Verfahrenskosten selbst tragen, sogar der Gegenseite.</p> <p>Das gilt nicht nur für das – nach allem, was bekannt ist, noch laufende – Verfahren am Landgericht. Danach könnte es noch zu einem Berufungs- oder Revisionsverfahren kommen. Wohlgemerkt, mit einer Verlängerung der Unsicherheit und Vergrößerung des Kostenrisikos. Und das bei einer Familie, deren junge Tochter umgebracht wurde und die noch tief trauert.</p> <h2 id="h-historischer-exkurs">Historischer Exkurs</h2> <p>Die Tötung der zwölfjährigen Luise und jetzt des 14-jährigen Yosef erinnert an einen historischen Fall, den ich durch meine Forschung wiederentdeckte: Im November 1834 lockte der neunjährige Major Mitchell einen achtjährigen Schulkameraden in ein Waldstück in Durham nahe der Stadt Portland im US-Bundesstaat Oregon. Er versuchte mehrfach, den Achtjährigen in einem Bach zu ertränken, doch dafür war das Wasser wahrscheinlich nicht tief genug.</p> <p>Stattdessen fesselte Mitchell sein Opfer nackt an einen Baum, misshandelte es stundenlang mit Stockschlägen und verstümmelte es mit einem Stück Metall. Selbst nach dieser Folter gelang es dem Täter nicht, das jüngere Kind zu ertränken.</p> <p>Der Fall kam vor Gericht und Phrenologen wollten aussagen, dass der Täter wegen einer früheren Kopfverletzung ein größeres Schädelorgan für „Zerstörungskraft“ habe. Laut der phrenologischen Lehre lag das über dem Ohr. Ein Zeichner will hier eine Vergrößerung gesehen haben.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 575px) 100vw, 575px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-575x1024.jpg 575w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Fig-3-3-Phrenology-300dpi-copy.jpg 617w" width="575"></img></a></figure> <p><em>Auf dieser Zeichnung ist der Kopf des neunjährigen Angeklagten festgehalten. Die Phrenologen meinten, darauf Gründe für eine Strafminderung zu erkennen. Lizenz: gemeinfrei</em></p> <p>Den Richter überzeugte das allerdings nicht. Es sei nicht nachgewiesen, dass Kopfverletzungen wie die hier vermutete regelmäßig zu Straftaten führen. Mitchell wurde trotz seines jungen Alters zu neun Jahren Gefängnisstrafe verurteilt. Die Phrenologen freuten sich trotzdem, da man sie als Sachverständige gehört hatte, ohne dass man sie auslachte. 1835 publizierten sie über den Fall in ihrer eigenen Zeitschrift. Es dürfte sich dabei um den ersten dokumentierten Fall von „Neurorecht“ handeln.</p> <p>Im <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts-teil-2/">nächsten Teil</a> kehren wir in die Gegenwart zurück und überlegen wir uns, ob und wie die Altersgrenze für die Schuldfähigkeit im deutschen Strafrecht angepasst werden könnte.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg"><img alt="" decoding="async" height="700" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1024x700.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-300x205.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-768x525.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron-1536x1050.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Schleim-BDL-Norm-Neuron.jpg 1700w" width="1024"></img></a></figure> <p>Beschreibung: Dieser und ähnliche Fälle werden in meinem neuen Buch über die Gehirnentwicklung und Altersgrenzen ausführlicher diskutiert. Die englische Fassung (links) steht dank der finanziellen Förderung durch unsere Universitätsbibliothek <a href="https://link.springer.com/book/10.1007/978-3-031-72362-9" rel="noopener">gratis zum Download</a> verfügbar. Die aktualisierte und erweiterte deutsche Fassung (rechts) erscheint diesen Sommer beim Hogrefe Verlag. Darin geht es ausführlicher auch um die Untergrenze des Strafrechts. Das Buch kann <a href="https://www.hogrefe.com/at/shop/zwischen-norm-und-neuron-103065.html" rel="noopener">jetzt schon vorbestellt werden</a>.</p> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>. Abbildung: basiert auf <a href="https://pixabay.com/illustrations/crime-offense-misstep-outline-268902/" rel="noopener">Geralt</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/06a60568b83c4b3ca4184953eb522774" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/und-wieder-toetet-ein-kind-und-wieder-tut-das-strafrecht-nichts/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>27</slash:comments> </item> <item> <title>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/#respond Thu, 05 Feb 2026 22:39:42 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3735 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/</link> </image> <description type="html"><h1>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><span></span><span></span><span>Estimated reading time: </span><span>6</span><span> Minuten</span></p> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Im Jahr 2026 wurde der Archivboden als Boden des Jahres ausgewählt, um dessen Bedeutung als Archiv für Klima und menschliche Aktivitäten hervorzuheben.</li> <li>Archivböden sind keine eigenständige Bodenart, sondern eine Gruppe von Böden mit besonderen Eigenschaften, die uns viel über die Vergangenheit erzählen können.</li> <li>Zu den Archivböden gehören Paläoböden, Moorböden und Böden mit besonderen geologischen Formationen, die menschliche Einflüsse widerspiegeln.</li> <li>Die Vielfalt der Archivböden erschwert die Beurteilung ihres Wertes, weshalb es Empfehlungen zum Schutz gibt.</li> <li>Archivböden sind schützenswert, da sie unser kulturelles und natürliches Erbe bewahren und zukünftigen Generationen wertvolle Informationen liefern.</li> </ul> </div> <p>Natürlich gibt es auch im Jahr 2026 wieder einen Boden des Jahres. Das Kuratorium hat diesmal jedoch nicht einen einzelnen Boden, sondern eine ganze Gruppe ausgewählt: der Archivboden. Damit soll unter anderem auf die Bedeutung der Böden als Archiv hingewiesen werden. Denn Böden sind nicht nur wichtige Ressourcen für die Natur und uns Menschen, sondern sie „merken” sich auch vieles, das mit ihnen passiert oder was wir mit ihnen anstellen. Somit liefern sie uns wichtige Informationen über frühere Klimaentwicklungen und menschliche Aktivitäten.</p> <h2 id="h-archivboden-was-ist-das">Archivboden, was ist das?</h2> <p>Böden sind dynamische Systeme. Sie entwickeln sich je nach Ausgangsgestein, Klima oder menschlicher Nutzung. Jeder dieser Faktoren hinterlässt seine Spuren im Boden. Auch geologische Ereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen merken sich die Böden in der Regel sehr gut. Damit stellen Böden ein wichtiges Archiv dar, aus dem wir unser Wissen über vergangene Ereignisse, menschliche Nutzungen oder besondere Vorkommnisse erweitern können. Wie gut der Boden sich alles merkt, hängt jedoch auch stark vom jeweiligen Bodentyp ab. Ähnlich wie bei uns Menschen haben einige ein besseres Gedächtnis als andere. Mit der Wahl der Archivböden zum „Boden des Jahres” sollen diese in den Fokus gerückt werden. Lassen wir die Böden ihre Geschichten erzählen! Denn auch diese Böden sind bedroht. Werden sie überbaut oder tiefgründig umgegraben, verlieren sie ihr Gedächtnis für immer. Hinzu kommt, dass das Bodenschutzrecht bislang zumindest für die Archivfunktion der Böden keine Schutzgebiete ausweist.</p> <h2 id="h-schutzwurdig-oder-nicht">Schutzwürdig, oder nicht?</h2> <p>Die große Vielfalt der Archivböden kann es im Einzelfall erschweren, deren besonderen Wert als Archiv zu beurteilen. Bund und Länder haben daher als Hilfestellung die Arbeitshilfe „<a href="https://www.labo-deutschland.de/documents/Leitfaden_Archivboeden_335.pdf" rel="noopener">Empfehlungen zur Bewertung und zum Schutz von Böden mit besonderer Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte</a>“ bereitgestellt. Ein entscheidendes Kriterium ist demnach die Frage, ob die Prozesse, die zur Entstehung des betreffenden Bodens in seiner heutigen Erscheinungsform geführt haben, besonders typisch sind. Schutzwürdig sind außerdem Spuren alter Bodenbildungen aus früheren Klimaperioden ebenso wie kulturhistorische Hinterlassenschaften.</p> <h2 id="h-beispiele-fur-archivboden">Beispiele für Archivböden</h2> <p>Wie oben bereits gesagt, handelt es sich bei Archivböden nicht um eine eigene Bodenart, sondern um eine Gruppe von Böden beziehungsweise um eine Eigenschaft von Böden. Daher können unter diesem Begriff auch ganz unterschiedliche Böden zusammengefasst werden. Einige dieser Böden waren bereits selbst Böden des Jahres und wurden in früheren Blogbeiträgen vorgestellt. In diesem Fall verlinke ich einfach auf den entsprechenden Blogbeitrag.<aside></aside></p> <h3 id="h-boden-mit-besonderen-oder-seltenen-bodenbildungen">Böden mit besonderen oder seltenen Bodenbildungen</h3> <p>Eine andere Kategorie sind die Paläoböden, also ältere Bodenbildungen aus vergangenen geologischen Perioden. Sie erzählen uns heute viel über die damaligen Umwelt- und Klimabedingungen. Hierbei sind die Roterden, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saprolith" rel="noopener">Saprolithe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferralsol" rel="noopener">Ferralite</a> und <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/fersiallit/2435" rel="noopener">Fersialite</a> von Bedeutung. Dies sind meist tropische oder subtropische Böden, die auf chemischer Verwitterung von Gesteinen beruhen. Sie sind mehrheitlich rötlich gefärbt und bestehen hauptsächlich aus den namensgebenden Elementen Eisen, Aluminium und Silizium. Daneben gibt es die Terra fusca, die im Deutschen etwas unromantisch als Kalksteinbraunlehm bezeichnet wird. Nicht zu vergessen sind auch die fossilen Bodenbildungen, die sich manchmal in mächtigen Lössablagerungen finden lassen.</p> <h3 id="h-moorboden">Moorböden</h3> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/niedermoor/">Moorböden</a> hatten wir ja auch schon als Boden des Jahres, zumindest den Niedermoorboden, nämlich als Boden des Jahres 2012. Hier ist besonders die Eigenschaft als Klima- und Vegetationsarchiv das Kriterium.</p> <h3 id="h-geologische-bildungen-und-ereignisse">Geologische Bildungen und Ereignisse</h3> <p>Böden können auch besondere geologische Prozesse abbilden. So etwa als Eiskeilpseudomorphosen oder als Würge- und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/spuren-vergangener-klimaschwankungen-brodelb-den/">Brodelböden</a>. Hierzu kommen noch Steinpflaster und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2021-loessboden/">Lössprofile</a>. Weiterhin kann m an auch Felsenmeere, Seekreideablagerungen, die vulkanischen Aschen beispielsweise des <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/tagebuch-eines-vulkanausbruchs-die-wingertsbergwand/">Laacher See Ausbruches</a>, Flugsanddünen oder mesozoische Verwitterungsdecken.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/9URJ9i" rel="noopener"><img alt="Würgeboden" decoding="async" height="427" src="https://live.staticflickr.com/2620/5849014193_c34eb9795d_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Brodelboden im Tal der Schmalen Aue bei Jesteburg, Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-menschliche-aktivitaten">Menschliche Aktivitäten</h3> <p>Auch der Mensch hat den Böden, die er nutzt, oft seinen Stempel aufgedrückt. Ein Blick in den Boden kann daher manchmal viel über menschliche Aktivitäten und vergangene Bewirtschaftungsmethoden verraten. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%B6lbacker" rel="noopener">Wölbäcker</a>, die auf eine alte Methode des Pflügens zurückgehen, oder der <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/plaggenesch/">Plaggenesch</a>. Ähnlich sehen auch die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2017-gartenboden/">Gartenböden</a> aus, die 2017 zum Boden des Jahres gewählt wurden.</p> <p>Meilerböden deuten dagegen auf die Tätigkeit der Köhler hin. In einer Zeit, in der Holz und Holzkohle wichtige Energieträger, vor allem für die Metallhütten, waren, kümmerten sich die Köhler um die Herstellung. Dazu wurde Holzkohle in sogenannten Meilern erzeugt. Die darunter liegenden Böden zeigen noch heute Spuren der Hitze, durch die Eisenoxide regelrecht frittiert wurden, sowie eine Schwarzfärbung durch Reste der Holzkohle. Vergleichbares gilt für Bergbaurelikte.</p> <p>Manchmal hat der Mensch auch seine Spuren im Boden hinterlassen, etwa wenn er etwas gebaut oder seine Ahnen begraben hat. Zu den Archivböden zählen beispielsweise auch archäologische Bodendenkmäler wie der römische Limes, alte Grabstellen oder Hohlwege.</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img><figcaption><em>Profil eines Plaggeneschs mit 40 bis 50 cm Auflage über fossilem Podsol. In der Nähe von Engter / Osnabrück. By Begonia (Own work) [Public domain]</em></figcaption></figure> <h2 id="h-schutzenswert">Schützenswert</h2> <p>Archivböden bewahren also unsere natürliches und kulturelles Erbe und verdienen daher auch unseren Schutz. Sie stellen wertvolle Geotope dar, die uns viel über uns und unsere Umwelt lernen lassen. Wir müssen ihnen nur zuhören. Und sie schützen, damit auch weitere Generationen an ihren Geschichten teilhaben können.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Boden des Jahres 2026 – Der Archivboden » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><span></span><span></span><span>Estimated reading time: </span><span>6</span><span> Minuten</span></p> <div><h2>Key Takeaways</h2> <ul> <li>Im Jahr 2026 wurde der Archivboden als Boden des Jahres ausgewählt, um dessen Bedeutung als Archiv für Klima und menschliche Aktivitäten hervorzuheben.</li> <li>Archivböden sind keine eigenständige Bodenart, sondern eine Gruppe von Böden mit besonderen Eigenschaften, die uns viel über die Vergangenheit erzählen können.</li> <li>Zu den Archivböden gehören Paläoböden, Moorböden und Böden mit besonderen geologischen Formationen, die menschliche Einflüsse widerspiegeln.</li> <li>Die Vielfalt der Archivböden erschwert die Beurteilung ihres Wertes, weshalb es Empfehlungen zum Schutz gibt.</li> <li>Archivböden sind schützenswert, da sie unser kulturelles und natürliches Erbe bewahren und zukünftigen Generationen wertvolle Informationen liefern.</li> </ul> </div> <p>Natürlich gibt es auch im Jahr 2026 wieder einen Boden des Jahres. Das Kuratorium hat diesmal jedoch nicht einen einzelnen Boden, sondern eine ganze Gruppe ausgewählt: der Archivboden. Damit soll unter anderem auf die Bedeutung der Böden als Archiv hingewiesen werden. Denn Böden sind nicht nur wichtige Ressourcen für die Natur und uns Menschen, sondern sie „merken” sich auch vieles, das mit ihnen passiert oder was wir mit ihnen anstellen. Somit liefern sie uns wichtige Informationen über frühere Klimaentwicklungen und menschliche Aktivitäten.</p> <h2 id="h-archivboden-was-ist-das">Archivboden, was ist das?</h2> <p>Böden sind dynamische Systeme. Sie entwickeln sich je nach Ausgangsgestein, Klima oder menschlicher Nutzung. Jeder dieser Faktoren hinterlässt seine Spuren im Boden. Auch geologische Ereignisse wie Vulkanausbrüche oder Überflutungen merken sich die Böden in der Regel sehr gut. Damit stellen Böden ein wichtiges Archiv dar, aus dem wir unser Wissen über vergangene Ereignisse, menschliche Nutzungen oder besondere Vorkommnisse erweitern können. Wie gut der Boden sich alles merkt, hängt jedoch auch stark vom jeweiligen Bodentyp ab. Ähnlich wie bei uns Menschen haben einige ein besseres Gedächtnis als andere. Mit der Wahl der Archivböden zum „Boden des Jahres” sollen diese in den Fokus gerückt werden. Lassen wir die Böden ihre Geschichten erzählen! Denn auch diese Böden sind bedroht. Werden sie überbaut oder tiefgründig umgegraben, verlieren sie ihr Gedächtnis für immer. Hinzu kommt, dass das Bodenschutzrecht bislang zumindest für die Archivfunktion der Böden keine Schutzgebiete ausweist.</p> <h2 id="h-schutzwurdig-oder-nicht">Schutzwürdig, oder nicht?</h2> <p>Die große Vielfalt der Archivböden kann es im Einzelfall erschweren, deren besonderen Wert als Archiv zu beurteilen. Bund und Länder haben daher als Hilfestellung die Arbeitshilfe „<a href="https://www.labo-deutschland.de/documents/Leitfaden_Archivboeden_335.pdf" rel="noopener">Empfehlungen zur Bewertung und zum Schutz von Böden mit besonderer Funktion als Archiv der Natur- und Kulturgeschichte</a>“ bereitgestellt. Ein entscheidendes Kriterium ist demnach die Frage, ob die Prozesse, die zur Entstehung des betreffenden Bodens in seiner heutigen Erscheinungsform geführt haben, besonders typisch sind. Schutzwürdig sind außerdem Spuren alter Bodenbildungen aus früheren Klimaperioden ebenso wie kulturhistorische Hinterlassenschaften.</p> <h2 id="h-beispiele-fur-archivboden">Beispiele für Archivböden</h2> <p>Wie oben bereits gesagt, handelt es sich bei Archivböden nicht um eine eigene Bodenart, sondern um eine Gruppe von Böden beziehungsweise um eine Eigenschaft von Böden. Daher können unter diesem Begriff auch ganz unterschiedliche Böden zusammengefasst werden. Einige dieser Böden waren bereits selbst Böden des Jahres und wurden in früheren Blogbeiträgen vorgestellt. In diesem Fall verlinke ich einfach auf den entsprechenden Blogbeitrag.<aside></aside></p> <h3 id="h-boden-mit-besonderen-oder-seltenen-bodenbildungen">Böden mit besonderen oder seltenen Bodenbildungen</h3> <p>Eine andere Kategorie sind die Paläoböden, also ältere Bodenbildungen aus vergangenen geologischen Perioden. Sie erzählen uns heute viel über die damaligen Umwelt- und Klimabedingungen. Hierbei sind die Roterden, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Saprolith" rel="noopener">Saprolithe</a>, <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Ferralsol" rel="noopener">Ferralite</a> und <a href="https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/fersiallit/2435" rel="noopener">Fersialite</a> von Bedeutung. Dies sind meist tropische oder subtropische Böden, die auf chemischer Verwitterung von Gesteinen beruhen. Sie sind mehrheitlich rötlich gefärbt und bestehen hauptsächlich aus den namensgebenden Elementen Eisen, Aluminium und Silizium. Daneben gibt es die Terra fusca, die im Deutschen etwas unromantisch als Kalksteinbraunlehm bezeichnet wird. Nicht zu vergessen sind auch die fossilen Bodenbildungen, die sich manchmal in mächtigen Lössablagerungen finden lassen.</p> <h3 id="h-moorboden">Moorböden</h3> <p>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/niedermoor/">Moorböden</a> hatten wir ja auch schon als Boden des Jahres, zumindest den Niedermoorboden, nämlich als Boden des Jahres 2012. Hier ist besonders die Eigenschaft als Klima- und Vegetationsarchiv das Kriterium.</p> <h3 id="h-geologische-bildungen-und-ereignisse">Geologische Bildungen und Ereignisse</h3> <p>Böden können auch besondere geologische Prozesse abbilden. So etwa als Eiskeilpseudomorphosen oder als Würge- und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/spuren-vergangener-klimaschwankungen-brodelb-den/">Brodelböden</a>. Hierzu kommen noch Steinpflaster und <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2021-loessboden/">Lössprofile</a>. Weiterhin kann m an auch Felsenmeere, Seekreideablagerungen, die vulkanischen Aschen beispielsweise des <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/tagebuch-eines-vulkanausbruchs-die-wingertsbergwand/">Laacher See Ausbruches</a>, Flugsanddünen oder mesozoische Verwitterungsdecken.</p> <figure><div> <a href="https://flic.kr/p/9URJ9i" rel="noopener"><img alt="Würgeboden" decoding="async" height="427" src="https://live.staticflickr.com/2620/5849014193_c34eb9795d_z.jpg" width="640"></img></a> </div><figcaption><em>Brodelboden im Tal der Schmalen Aue bei Jesteburg, Eigenes Foto.</em></figcaption></figure> <h3 id="h-menschliche-aktivitaten">Menschliche Aktivitäten</h3> <p>Auch der Mensch hat den Böden, die er nutzt, oft seinen Stempel aufgedrückt. Ein Blick in den Boden kann daher manchmal viel über menschliche Aktivitäten und vergangene Bewirtschaftungsmethoden verraten. Ein Beispiel hierfür sind die sogenannten <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%B6lbacker" rel="noopener">Wölbäcker</a>, die auf eine alte Methode des Pflügens zurückgehen, oder der <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/plaggenesch/">Plaggenesch</a>. Ähnlich sehen auch die <a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/der-boden-des-jahres-2017-gartenboden/">Gartenböden</a> aus, die 2017 zum Boden des Jahres gewählt wurden.</p> <p>Meilerböden deuten dagegen auf die Tätigkeit der Köhler hin. In einer Zeit, in der Holz und Holzkohle wichtige Energieträger, vor allem für die Metallhütten, waren, kümmerten sich die Köhler um die Herstellung. Dazu wurde Holzkohle in sogenannten Meilern erzeugt. Die darunter liegenden Böden zeigen noch heute Spuren der Hitze, durch die Eisenoxide regelrecht frittiert wurden, sowie eine Schwarzfärbung durch Reste der Holzkohle. Vergleichbares gilt für Bergbaurelikte.</p> <p>Manchmal hat der Mensch auch seine Spuren im Boden hinterlassen, etwa wenn er etwas gebaut oder seine Ahnen begraben hat. Zu den Archivböden zählen beispielsweise auch archäologische Bodendenkmäler wie der römische Limes, alte Grabstellen oder Hohlwege.</p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1920" sizes="(max-width: 2560px) 100vw, 2560px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-scaled.jpg 2560w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Plaggenesch_C3BCber_Podsol-2048x1536.jpg 2048w" width="2560"></img><figcaption><em>Profil eines Plaggeneschs mit 40 bis 50 cm Auflage über fossilem Podsol. In der Nähe von Engter / Osnabrück. By Begonia (Own work) [Public domain]</em></figcaption></figure> <h2 id="h-schutzenswert">Schützenswert</h2> <p>Archivböden bewahren also unsere natürliches und kulturelles Erbe und verdienen daher auch unseren Schutz. Sie stellen wertvolle Geotope dar, die uns viel über uns und unsere Umwelt lernen lassen. Wir müssen ihnen nur zuhören. Und sie schützen, damit auch weitere Generationen an ihren Geschichten teilhaben können.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/boden-des-jahres-2026-der-archivboden/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/#respond Thu, 05 Feb 2026 13:15:32 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1874 <h1>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: „Pottwale – Mythos und Wirklichkeit“</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.</p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026, Darmstadt: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-10-05-2026-koln-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">10.05.2026, Köln: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://www.coloniacon.de/" rel="noopener">ColoniaCon TNG</a> findet im Kulturbunker Köln – Mülheim statt, Berliner Str. 20, 51063 Köln<br></br>Der ColoniaCon TNG läuft am 09/10.05.26, mein Vortrag ist am 10.05, voraussichtlich 14:00 bis 14:30 Uhr</p> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">13.06.2026, Eppertshausen (bei Darmstadt): „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">SFCD e.V.-Stammtisch &amp; Partner laden gelegentlich zu Special Events</a> ein.<br></br>Beginn des Treffens ist um 18 Uhr im Saalbau der Gaststätte „Adebar“, Jahnstraße 2, 64859 Eppertshausen (TAV-Halle). Beginn der Lesung im Nebenraum ist um 20 Uhr. <br></br>Guckt gern mal auf der <a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">Seite vorbei, da sind auch andere interessante Events</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png"><img alt="" decoding="async" height="505" sizes="(max-width: 406px) 100vw, 406px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png 406w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34-241x300.png 241w" width="406"></img></a><figcaption>Danke an Herrn Strehl, der dieses schöne Portrait von mir in Henrichenburg aufnahm ((C) Strehl)</figcaption></figure> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">19.06.2026, Hamburg: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>19:00 Uhr, <a data-id="https://senseofwonder.online/" data-type="link" href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Lesung/Vortrag in der Buchhandlung Sense of Wonder.</a><br></br><a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Hamburg hat wieder </a>einen Laden für „all things science fiction and fantasy“, an traditionsreicher Stelle im Grindelviertel, im Herzen Hamburgs: Grindelallee 73 (Öffnungszeiten: Di bis Fr: 11 – 18 Uhr &amp; Sa.: 11 – 16 Uhr. Montags geschlossen.)</p> <p>Das ausgewählte Sortiment umfasst Bücher, Comics, Brett- und Rollenspiele sowie Merch-Artikeln, außerdem gibt es einen Online-Shop mit allen lieferbaren Büchern und Comics.</p> <p>Weiterhin haben sie regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen – u a mit der wunderbaren Aiki Mira.</p> <h2 id="h-02-07-05-07-berlin-metropol-con-pilze-amp-jules-verne">02.07/05.07,<strong> </strong>Berlin, Metropol-Con: Pilze &amp; Jules Verne</h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <h2 id="h-18-20-09-26-leipzig-18-elstercon-science-fiction-literatur-trifft-wissenschaft-jules-verne">18.-20.09.26, Leipzig, 18. ELSTERCON – „SCIENCE? FICTION! – Literatur trifft Wissenschaft“: „Jules Verne“</h2> <p>Der <a href="https://www.elstercon.de/page154/index.html" rel="noopener">ElsterCon in Leipzig</a> ist ein hochkarätiger Event zur Literatur der Phantastik im Haus des Buches Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.<br></br>Nicht nur die ReferentInnen sind sehr gut, sondern auch die Diskussionen und Zwischendurch-Gespräche bewegen sich auf einem hohen Level. Neben Lesungen und Vorträgen gibt es auch Buchstände zur Phantastik-Literatur, oft kann man mit VerlegerInnen und AutorInnen plaudern.<br></br>Ich finde den Event besonders gut und liebevoll organisiert und habe mich über die erneute Einladung total gefreut.</p> <p>Die Saison für Conventions geht gerade erst so richtig los, es kommen bestimmt noch Termine dazu.</p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/" rel="noopener">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/" rel="noopener">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Save the Date: Meine Vorträge & Lesungen 2026 » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-24-02-2026-pottwale-mythos-und-wirklichkeit">24.02.2026: „Pottwale – Mythos und Wirklichkeit“</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Der Pottwal (<em>Physeter macrocephalus</em>) ist der größte aller Zahnwale. Er ist der amtierende Tieftauchmeister, hat die größte Nase im Tierreich und ist der größte lebende Beutegreifer. Zugleich ist er eng verknüpft mit der menschlichen Kulturgeschichte: Über Jahrhunderte haben ihm Walfänger nachgestellt, in Romanen wie »Moby-Dick« ist er unsterblich geworden und sein Spermaceti-Öl war für den Menschen lange Zeit unersetzlich.</p> <p>Durch sein Abtauchen und seine gewaltige Größe hat er sich den neugierigen Augen der Menschen lange erfolgreich entzogen, erst mit Hightech-Entwicklungen können Forschende den großen Zahnwalen manchmal auf ihrem Weg in die Tiefen folgen. Umfangreiche Feldforschungen vor den Galapagos-Inseln und anderswo zeigen, dass Pottwale eine eigene Form von Kultur und Sprachen haben. Mit Hilfe von KI und anderen digitalen Werkzeugen findet ein interdisziplinäres Team gerade mehr über die Sprache der Leviathane heraus.</p> <h2 id="h-03-03-2026-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">03.03.2026, Darmstadt: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://www.bund-hessen.de/stadtnaturzentrum/" rel="noopener">BUND Zentrum für Stadtnatur</a>, Klappacher Straße 27 64285 Darmstadt<br></br>Zufahrt zur Orangerie von der Klappacher Straße aus, 1. Tor links (hinter dem Gebäude des Grünflächenamtes)<br></br><a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">Beginn 19:00 Uhr, kostenlos</a> <a href="https://www.darmstadt-vhs.de/kurssuche/kurs/Jules-Verne-und-die-Entdeckung-der-Meeresforschung/H104-02" rel="noopener">(VHS-Kurs, hybrid)</a></p> <p>Jules Verne (1828–1905) ist der Erfinder des wissenschaftlichen Romans mit Science-Fiction-Elementen. Er lebte und schrieb in einer Zeit der bahnbrechenden Erfindungen und Entdeckungen, die er begeistert aufnahm und den Faden weiter bis ins Fiktive spann. Seine Helden stießen in die Ozeane, den Luft- und Weltraum und unter die Erde vor. Vernes zahlreiche Romane enthalten viel Fachwissen, eingebettet in aufregende Abenteuer. Sein Roman „Zwanzigtausend Meilen unter den Meeren” ist eines seiner wichtigsten Werke und ein einzigartiges Zeugnis der Entstehung der Meeresforschung dieser Zeit. Darin schickt der französische Autor seinen Prof. Aronnax, einen berühmten französischen Meeresbiologen, auf ein unglaubliches Abenteuer durch die Ozeane, von exotischen Inseln bis in die Tiefsee und zum Südpol. Dafür erdachte Verne das erste literarische Tauchboot und erschuf den rätselhaften, düsteren Kapitän Nemo als Aronnax` Antagonisten. Wieviel Wissenschaft und Technik steckt in Vernes Meeresepos? Wie war der Stand des Wissens und der Wissenschaft und was hat sich der Autor ausgedacht? Wie recherchierte Verne diese Fakten und was war der gesellschaftspolitische Hintergrund für die Buchreihe “Phantastische Reisen”?<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="350" sizes="(max-width: 228px) 100vw, 228px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_.jpg 228w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/91JRqM3E5aL._AC_UF350350_QL50_-195x300.jpg 195w" width="228"></img></a><figcaption>Signiert oder unsigniert, erhältlich im <a href="https://www.shop-hirnkost.de/produkt/signiert-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung/" rel="noopener">hirnkost-Shop</a> oder direkt bei mir</figcaption></figure> <h2 id="h-10-05-2026-koln-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">10.05.2026, Köln: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://www.coloniacon.de/" rel="noopener">ColoniaCon TNG</a> findet im Kulturbunker Köln – Mülheim statt, Berliner Str. 20, 51063 Köln<br></br>Der ColoniaCon TNG läuft am 09/10.05.26, mein Vortrag ist am 10.05, voraussichtlich 14:00 bis 14:30 Uhr</p> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">13.06.2026, Eppertshausen (bei Darmstadt): „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p><a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">SFCD e.V.-Stammtisch &amp; Partner laden gelegentlich zu Special Events</a> ein.<br></br>Beginn des Treffens ist um 18 Uhr im Saalbau der Gaststätte „Adebar“, Jahnstraße 2, 64859 Eppertshausen (TAV-Halle). Beginn der Lesung im Nebenraum ist um 20 Uhr. <br></br>Guckt gern mal auf der <a href="https://sftreffda.weebly.com/special-event.html" rel="noopener">Seite vorbei, da sind auch andere interessante Events</a>.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png"><img alt="" decoding="async" height="505" sizes="(max-width: 406px) 100vw, 406px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34.png 406w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/image-34-241x300.png 241w" width="406"></img></a><figcaption>Danke an Herrn Strehl, der dieses schöne Portrait von mir in Henrichenburg aufnahm ((C) Strehl)</figcaption></figure> <h2 id="h-13-06-2026-eppertshausen-bei-darmstadt-jules-verne-und-die-entdeckung-der-meeresforschung">19.06.2026, Hamburg: „Jules Verne und die Entdeckung der Meeresforschung“</h2> <p>19:00 Uhr, <a data-id="https://senseofwonder.online/" data-type="link" href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Lesung/Vortrag in der Buchhandlung Sense of Wonder.</a><br></br><a href="https://senseofwonder.online/" rel="noopener">Hamburg hat wieder </a>einen Laden für „all things science fiction and fantasy“, an traditionsreicher Stelle im Grindelviertel, im Herzen Hamburgs: Grindelallee 73 (Öffnungszeiten: Di bis Fr: 11 – 18 Uhr &amp; Sa.: 11 – 16 Uhr. Montags geschlossen.)</p> <p>Das ausgewählte Sortiment umfasst Bücher, Comics, Brett- und Rollenspiele sowie Merch-Artikeln, außerdem gibt es einen Online-Shop mit allen lieferbaren Büchern und Comics.</p> <p>Weiterhin haben sie regelmäßige Veranstaltungen wie Lesungen – u a mit der wunderbaren Aiki Mira.</p> <h2 id="h-02-07-05-07-berlin-metropol-con-pilze-amp-jules-verne">02.07/05.07,<strong> </strong>Berlin, Metropol-Con: Pilze &amp; Jules Verne</h2> <p>Im Kulturzentrum <em>Silent Green</em> findet wieder die Metropol-Con statt, eine multimediale futuristische und fantastische Convention. Die letzte fand ich schon großartig, die Entscheidung, welche Lesung und welchen Vortrag ich hören wollte, war echt schwierig. Diesmal ist die Metropol-Con sogar Euro-Con. D. h., der Austragungsort für das jährliche europaweite SF-Spektakel. Darum sind diesmal Vorträge und Lesungen aus ganz Europa dabei, die meisten auf Englisch. Als Ehrengäste stehen jetzt schon Becky Chambers und Aiki Mira fest – ich bin von den Büchern beider begeistert und freue mich schon sehr darauf.<p>Ich bin dabei mit:</p><br></br><strong>Vortrag/Lesung: Jules Verne and the Discovery of Marine Research</strong></p> <p><strong>Vortrag:</strong> <strong>Mycel und Mythos: Pilze in SF-Plots</strong><p>Das Reich der Pilze lebt in schätzungsweise über 1,5 Millionen Arten global in allen Lebensräumen, ist aber in Science Fiction-Büchern und -Filmen stark unterrepräsentiert. Aliens sind stattdessen meist nach Menschen, Tiere oder seltener auch Pflanzen und deren Eigenschaften konzipiert.</p><br></br>Mit ihrem Leben im Feuchten und Dunklen, dem geheimnisvollen Myzelnetzwerk als extreme Kolonieform und Symbiosepartner, ihrem extrem schnellen Wachstum und ihrer Vorliebe für tote organischer Materie erscheinen sie Menschen oft unheimlich. Und pathogene Eigenschaften bedrohen auch die menschliche Gesundheit. Manche parasitären Pilzgruppen befallen lebende Tiere und versklaven sie – das pilzgesteuerte Tier vollführt absurde Verhaltensweisen und stirbt schließlich. Zuletzt platzt der Kadaver auf und setzt Pilzsporen frei, der Triumph der vermeintlich niederen Lebensform lässt Menschen schaudern.<br></br>Dass vor allem solche Parasiten als Horror-Gegner in SF-Szenarien auftreten, ist wenig überraschend. Dabei haben die Myzelnetzwerke und Kolonien wesentlich mehr Skills: Einige Schleimpilze können wie digitale Netzwerke Probleme lösen: So bildete eine Schleimpilzkolonie den Tokioter U-Bahn-Plan nach. Außerdem bietet das Reich der Fungi Weltrettungskompetenzen – es ist Essen, Medizin, Material-Rohstoff und Schadstofffilter gleichermaßen. Und die halluzinogenen Eigenschaften lassen Menschen seit Jahrtausenden zumindest mental abheben.<br></br>Der Vortrag gibt einen Überblick über das Reich der Fungi und ihr World Wood Web und analysiert verschiedene SF-Stories mit Pilz-Protagonisten vor auf ihren Realitätsbezug.</p> <p>Jede/r kann dorthin kommen. Ganz besonders willkommen in SupporterInnen, die jetzt schon ihr Ticket bestellen. Das ist erstens günstiger und gibt zweitens dem Orga-Team die teils im Voraus nötige finanzielle Unterstützung. Die Location ist ziemlich schräg: ein altes Krematorium, das nun zum modernen Kulturzentrum wurde. In den Keller, zu den Buch- und anderen Verkaufsständen geht es über eine Betonrampe…</p> <figure></figure> <h2 id="h-18-20-09-26-leipzig-18-elstercon-science-fiction-literatur-trifft-wissenschaft-jules-verne">18.-20.09.26, Leipzig, 18. ELSTERCON – „SCIENCE? FICTION! – Literatur trifft Wissenschaft“: „Jules Verne“</h2> <p>Der <a href="https://www.elstercon.de/page154/index.html" rel="noopener">ElsterCon in Leipzig</a> ist ein hochkarätiger Event zur Literatur der Phantastik im Haus des Buches Leipzig, Gerichtsweg 28, 04103 Leipzig.<br></br>Nicht nur die ReferentInnen sind sehr gut, sondern auch die Diskussionen und Zwischendurch-Gespräche bewegen sich auf einem hohen Level. Neben Lesungen und Vorträgen gibt es auch Buchstände zur Phantastik-Literatur, oft kann man mit VerlegerInnen und AutorInnen plaudern.<br></br>Ich finde den Event besonders gut und liebevoll organisiert und habe mich über die erneute Einladung total gefreut.</p> <p>Die Saison für Conventions geht gerade erst so richtig los, es kommen bestimmt noch Termine dazu.</p> <h2 id="h-mich-kann-man-buchen">Mich kann man buchen</h2> <p>Neben wissenschaftsjournalistischen Texten zu Biologie, Paläontologie, Klimakrise und anderen naturwissenschaftlichen Themen erzähle ich meine Themen auch gern in populärwissenschaftlichen Vorträgen und Science Performances für Menschen aller Altersgruppen.<br></br>Eine Übersicht über meine Vortrags-Themen gibt es <a href="https://meertext.eu/vortraege/" rel="noopener">hier</a>.<br></br>An dieser Stelle sollte ich anmerken, dass ich nicht nur leidenschaftliche Meeresbiologin, sondern auch eine Liebhaberin der wissenschaftsbasierten Science Fiction bin. In Vorträgen hinterfrage ich die wissenschaftlichen Fakten in SF-Szenarien und erzähle noch mehr Wissenswertes dazu.</p> <p>Alle Vorträge und Präsentationen sind allgemein verständlich ausgearbeitet, laufen schnörkellos auf Powerpoint und dauern nach Absprache – meist 45 Minuten.<br></br>Sie können bei <a href="https://meertext.eu/kontakt/" rel="noopener">mir</a> von jeder/m und für jede/n gebucht werden, live oder online – für Verein, Schule, Museum, Event oder private Veranstaltungen. Honorar und Reisekosten nach Absprache.</p> <p>Weiterhin biete ich Lesungen zum Jules Verne-Buch sowie Vorlesungen und Workshops für Studierende und Jugendliche an.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/save-the-date-meine-vortraege-lesungen-2026/#respond 0 Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/ https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/#comments Wed, 04 Feb 2026 18:04:57 +0000 Bettina Wurche https://scilogs.spektrum.de/meertext/?p=1870 <h1>Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Unterwasser-Archäologie finde ich unglaublich faszinierend. Darum habe ich kürzlich auch mit großem <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-unterwasser-archaeologie-mit-florian-huber-dokureihe-100/schaetze-unter-wasser-mit-florian-huber-doku-100" rel="noopener">Vergnügen die Terra X-Folge „Schätze unter Wasser“</a> geschaut: Darin stellt der Unterwasser-Archäologe Florian Huber vier europäische Wissenschaftsprojekte vor – ein Unterwassermuseum in der Ägäis, steinzeitliche Pfahlbauten auf den Äußeren Hebriden, Tiefseeforschung vor Madeira und ein Wrack in der Ostsee. Kenntnisreich und gut erklärend führte er uns an diese vier europäischen submarinen Forschungsstätten. Im Interview mit den ExpertInnen vor Ort lädt er zum Mit-Erkunden und Mit-Entdecken ein und tauchte auch selbst mit. Da versunkene Schiffe und andere Artefakte gern von Meereswesen als fester Untergrund besiedelt werden, geht Kultur- und Naturwissen dabei Hand in Hand.</p> <p>So hatte Florian Huber für einen Tauchgang vor der portugiesischen Insel Madeira neben den berühmten Tierfilmern Kirsten und Joachim Jakobsen in ihrer „Lula 1000“ Platz genommen. Die <a href="https://www.rebikoff.org/about/" rel="noopener">Jakobsens und ihr privates Tauchboot (Rebikoff-Niggeler-Stiftung</a>) waren mir seit ihrer spektakulären Beobachtung einer Tiefseeanglerin mit ihrem angehängten Zwergmännchen inmitten eines Strahlenkranzes aus weit ausragenden  Flossenstrahlen und aufgespanntem Schleimnetz bekannt.</p> <p>Darum nahm ich das Angebot von <a href="https://buchcontact.de/" rel="noopener">Buch Contact</a>, den Unterwasser-Archäologie-Bildband mit Florian Huber als Herausgeber (Herder Verlag) zu rezensieren, gern an!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 878px) 100vw, 878px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg 878w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-257x300.jpg 257w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-768x896.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1316x1536.jpg 1316w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1755x2048.jpg 1755w" width="878"></img></a><figcaption>Florian Huber: „Expedition ins Unbekannte“ © Verlag Herder GmbH</figcaption></figure> <h2 id="h-expedition-ins-unbekannte"><strong>„Expedition ins Unbekannte“</strong></h2> <p>In „Expedition ins Unbekannte – Spektakuläre Schiffswracks der Tiefsee“ geht es in größere Tiefen. Gerade dort ist die Suche nach archäologischen Faktoren noch sehr jung, da dafür große technische und somit auch finanzielle und logistische Herausforderungen zu meistern sind. Auch wenn es in diesem Band nicht immer in die Tiefsee geht, sondern manchmal auch „nur“ in 100 Meter Tiefe wie in der Ostsee, dem Gardasee oder dem Ärmelkanal bleibt, sind diese Forschungsexpeditionen durchweg spektakulär.</p> <p>Florian Huber hat hier vor allem die Einführung beigesteuert und ein Kapitel zum Schiffsbohrwurm. Dann führen Kapitel für Kapitel die beteiligten Forschenden (darunter auch das Ehepaar Jakobsen) die Leserschaft durch ganz unterschiedliche Szenarien mit großartigen Bildern. Jedes Kapitel erzählt vom Suchen und Finden, vom Tauchen und Bergen. Neben den technischen Details zum Tieftauchen geht es dabei auch um die staubige Suche in Archiven nach Hinweisen zur letzten Reise der Wasservehikel. In der Rekonstruktion der Fahrt und des Sinkens sowie der Umstände des Unglücks steckt die ganze Dramatik von Seegefechten zwischen Kriegsschiffen und den Kämpfen mit Stürmen und Eis. Vor Hunderten von Jahren rissen diese Schiffe Hunderte, manchmal gar über Tausend Menschen mit in den Tod. <aside></aside></p> <p>An die Vorstellung besonders spektakulärer Bergungsmissionen schließt sich ein zweiter Teil an, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Tiefsee geht. Darin finden sich dann auch biologische Kapitel und noch mehr Backgroundinformation zur Tiefwasser-Archäologie.</p> <p>Bei einigen Schiffsnamen stutzte ich zunächst – das liegt daran, dass gerade Kriegsschiffsnamen innerhalb einer Marine über die Jahrhunderte hinweg immer wieder vergeben werden. So kommt im Buch ein Flaggschiff der Royal Navy namens <em>HMS Victory</em> vor – allerdings war diese <em>Victory</em> lange vor der Schlacht von Trafalgar gesunken. Es handelte sich also nicht um Nelsons berühmtes Flaggschiff, das heute im Portsmouth Historic Dockyard ankert und, wie die Flagge zeigt, immer noch im aktiven Dienst steht, sondern eine frühere <em>Victory</em>. Von der ich noch nie gehört hatte.</p> <h2 id="h-johan-ronnby-das-geisterschiff-der-ostsee-aufrecht-am-meeresgrund"><strong>Johan Rönnby: „Das Geisterschiff der Ostsee – Aufrecht am Meeresgrund“</strong></h2> <p>Ende des 17. Jahrhunderts sank vor der schwedischen Insel Gotland ein kleines niederländisches Handelsschiff, eine sogenannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fleute" rel="noopener">Fleute.</a> Das Wrack steht aufrecht auf dem Meeresgrund in 125 Metern Tiefe, in totaler Dunkelheit. Wegen der niedrigen Temperaturen der Ostsee leben hier keine Schiffsbohrmuscheln (<em>Teredo navalis</em>) und auch andere biologische Aktivität ist reduziert, dadurch bleiben hölzerne Rümpfe oft perfekt erhalten. Dieses und andere Wracks in der Nähe bilden die Bedeutung der Ostsee und der Insel Gotland für Handel und Politik dieser Zeit ab.</p> <p>Solche leistungsstarken Frachtsegler waren mit ihren großen Laderäumen das Rückgrat der frühzeitlichen Weltwirtschaft. Der Ostindien-Handel und die Rohstoffe aus den Kolonien in der neuen Welt brachten Amsterdam und anderen niederländischen Seestädten großen Reichtum, die Waren wurden auch über die Ostsee weiter nach Osten und Norden transportiert. Tausende Handelsschiffe brachten Manufakturerzeugnisse, exotische Gewürze und Stoffe sowie Salz dort hin und nahmen Eisen, Kupfer, Kalk, Holz und Getreide als Ladung für den Rückweg auf.</p> <p>Per Tauchroboter (ROV)<a href="https://www.deepseareporter.com/an-underwater-museum-the-archaeologist-about-the-unique-capabilities-of-the-baltic-sea/" rel="noopener"> erkundete das Team um den Meeresarchäologen Johan Rönneby</a> Details der Ladung im Innern – durch eine Luke waren zerborstene Fässer und ein paar Holzschuhe zu erkennen. Sie entdeckten die Bordküche mit dem Herd sowie Überreste eines geschnitzten hölzernen Schwans, der ursprünglich am Heckspiegel angebracht war – möglicherweise hieß das Schiff „Schwan“.<br></br>Außerdem fanden sie Hinweise darauf, dass das kleine Schiff ein Leck bekam und die Besatzung es beidrehte, um das Beiboot zu Wasser zu lassen und sich zu retten.</p> <p>Einige Gedanken zum Glauben ans Schicksal und Gottesfurcht der Seeleute dieser Zeit vervollständigt den Artikel und hinterlässt einen beklemmenden Eindruck vom Leben an Bord.</p> <h2 id="h-das-wrack-vor-den-dry-tortugas-spanien-das-jahr-1622-und-die-erste-tiefseeausgrabung-der-welt"><strong>„Das Wrack vor den Dry Tortugas – Spanien, das Jahr 1622 und die erste Tiefseeausgrabung der Welt“</strong></h2> <p>Die mit geraubtem Gold und Silber beladenen Galeonen des spanischen Imperiums sind schon fast Klischees von Schatzsucher-Abenteuern.<br></br>Viele davon verschwanden nicht weit vor den amerikanischen Küsten auf ihrer langen und gefährlichen Überfahrt zur iberischen Halbinsel. Gerade in flacher liegenden Wracks verheddern sich oft die Netze von Fischern. So ist durch Fischer seit den 1960er Jahren bekannt, dass in manchen Abschnitten der Floridastraße Schiffswracks liegen.</p> <p>Aber erst die Tauchrobotertechnik der Neuzeit erlaubte ab den 1990er Jahren ihre Erforschung: In diesem Fall stellte sich das recht kleine Schiff aufgrund seiner Abmessungen als die 1622 gesunkene <a href="https://www.treasurenet.com/threads/buen-jesus-y-nuestra-senora-del-rosario-found-by-odyssey-marine.346702/" rel="noopener"><em>Buen Jesus y Nuestra Senora del Rosario</em> </a>heraus. Zu ihrer Ladung gehörten neben Goldbarren und Münzen auch Eisenwaren, Weinkrüge, Öl und andere Lebensmittel sowie Damenschuhe. Wesentlich kostbarer waren drei bronzene Astrolabien, goldene Rosenkranz-Perlen, Tintenfass und Schreibsandbehälter aus Onyx sowie eine in Nürnberg hergestellte kunstvolle Sonnenuhr aus Elfenbein.</p> <p>Für mich noch spannender sind die weniger kostbare Funde, die helfen, den Alltag der Besatzung zu rekonstruieren. Ein Beispiel dafür sind die 64 Stücke Schildpatt und Schildkrötenpanzer. Vermutlich haben die Seeleute die Schildkröten als lebenden Proviant mitgeführt und dann nach und nach geschlachtet und gegessen. Aus dem hornigen Schildpatt ihrer Rückenpanzer hat dann ein Besatzungsmitglied der <em>Buen Jesus</em> Läusekämme und Etuis geschnitzt, was als Freizeitbeschäftigung beliebt war. Außerdem gehörte zur Besatzung auch eine Schiffskatze, wie ein Kieferknochen belegt. Da aber 32% der an Bord gefundenen Knochen von Ratten stammten, war die einzelne Katze wohl recht überfordert. Die Nager fraßen sich an Bord durch Mehl, Zwieback, Kichererbsen, Bohnen und Fleisch und waren, wie andere zeitgenössische Berichte erzählen, auf den Schiffen eine große Plage.</p> <h2 id="h-sms-scharnhorst-das-seegefecht-bei-den-falklandinseln-1914"><strong>„SMS Scharnhorst – Das Seegefecht bei den Falklandinseln 1914“</strong></h2> <p>Bis zu diesem Artikel wusste ich nichts über die Aktivitäten der Deutschen Marine während des 1. Weltkriegs im Südpazifik und -atlantik. Die Erklärung für europäische Geschwader in den südlichen Ozeanen sind die in Südostasien und Südamerika gelegenen Kolonien und Handelspartner. Es galt, die eigenen Kolonien zu schützen und den Handelsverkehr der anderen Nationen zu stören. So war bei Kriegsausbruch 1914 das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine vor den Marianen und stieß dort in Seegefechten vor Coronel und den Falklandinseln auf die Royal Navy.</p> <p>(<em>Anmerkung Meertext</em>: <em>Die Falkland-Inseln sind von Europa aus zwar sehr abgelegen, werden aber von England immer wieder vehement verteidigt – den meisten Europäer:innen dürften sie erst mit dem Falkland-Krieg bekannt geworden sein. Sie liegen an strategisch wichtiger Position und sind das Eingangstor zur Antarktis. Die Antarktis wiederum ist aus geopolitischer Sicht wichtig, lange Zeit auch wegen der Walbestände. Die Großwale waren schwimmende Öl- und Fleischressourcen und waren gerade für das Deutsche Reich von hoher Bedeutung. So diente die berühmte Schwabenland-Expedition nämlich der Erkundung der Ausbeutung der antarktischen Walbestände, um die „Reichsfettlücke“ zu schließen. Allerdings entschieden sich die deutschen Verantwortlichen dann, dass es einfacher sei, Walfangschiffe anderer Nationen auf der Heimfahrt aufzubringen, statt selbst eine Walfangindustrie aufzubauen</em>.<br></br><em>Darum kommen mir <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/04/20/auf-wal-survey-mit-hms-enterprise-im-suedatlantik/" rel="noopener">wegen der Wale</a>, der Nähe zur Antarktis und meiner <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/03/31/south-georgia-hms-enterprises-walk-on-the-wild-side-bericht-aus-der-antarktis/" rel="noopener">Kontakte zur Royal Navy</a></em> <em>die Falklands immer mal wieder unter, aber Gesprächsparter:innen muss ich meist erstmal erklären, wo die sind).</em><p>In den Seegefechten im November und Dezember 1914 in „schwerer See“ (<em>Anm. Meertext: Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was das hier heißen mag</em>) brachten die moderneren Schiffe der Kaiserlichen Marine den englischen Geschwadern zunächst starke Verluste bei. Daraufhin entsandte die englische Admiralität weitere und modernere Schiffe und es kam vor den Falkland-Inseln erneut zum Kampf. Diese Gefechte sind aus verschiedenen Quellen gut dokumentiert und lesen sich wie ein Thriller. Schließlich siegten die schnelleren und stärkeren englischen Schiffe und versenkten mehrere deutsche Kreuzer – es soll der größte Sieg der Royal Navy seit Trafalgar gewesen sein, fast 1900 deutsche Seeleute starben.</p></p> <p>Fern von Europa geriet diese Seeschlacht in Vergessenheit. 2014 stieß der auf den Falklands <a href="https://world.expeditions.com/about/expedition-team/mensun-bound" rel="noopener">geborene Meeresarchäologe Mensun Bound auf das Thema und schaffte es, eine Expedition auszurüsten</a> und zu finanzieren – dafür wurde 2022 die Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust gegründet.</p> <p>Die Suche nach der Position der versenkten Kreuzer <em>Scharnhorst</em> und <em>Gneisenau </em>war allerdings schwierig: Bei der Abfassung ihres Berichts hatten die englischen Offiziere ihre Positionen nur schätzen können. Zur Mittagszeit hätten sie zwar die Position der Sonne nehmen können, waren aber bereits auf Gefechtsstationen und hatten darum keine Zeit dafür. Am Nachmittag verhinderte die Wolkendecke die Positionsbestimmung. Die Erschütterungen bei Granateinschlägen und dem Abfeuern der eigenen Geschütze sorgten für Kompaßabweichungen. Dann gab es Augenzeugenberichte für die letzten Sichtungen von Land aus. Aus diesen vagen Daten rekonstruierten die Historiker und Archäologen das Suchfeld, das sie fünf Monate lang mit einem umgebauten ehemaligen Jagd-U-Boot der Navy per Side Scan Sonar absuchten. Vergeblich. Erst die Rückkehr ein Jahr später mit modernerem Schiff und zwei großen Tauchrobotern erbrachte dann 181 Kilometer vor Port Stanley, Falklands, einen Sonarreflex in 1610 Metern Tiefe: Sie hatten die Scharnhorst gefunden.<p>Die Seeleute dieser Schiffe waren in den Weiten der südlichen Ozeane allein. Im Gefecht konnten sie keinerlei Maßnahmen zur Rettung treffen und wussten beim schnellen Sinken ihrer stählernen kleinen Welten, dass ihr Schiff auch ihr Friedhof werden würde. Erschöpft vom Löschen der lodernden Brände und dem wütenden Seegefecht, verwundet vom Geschützfeuer und Bränden, hoffnungslos in den Weiten des südlichen Ozeans. Tausende Männer starben hier – heute gedenken ihre Familien und Nachfahren aus England und Deutschland gemeinsam.</p><br></br>In diesem Beitrag unterstreicht Mensun Bound noch einmal die Sinnlosigkeit dieses Sterbens und dieser Kriege – auch das gehört zur Unterwasserarchäologie, genauso wie der Schutz von Wracks gegen Schaulustige und Plünderer.</p> <h2 id="h-mein-fazit"><strong>Mein Fazit</strong></h2> <p>Rundum gelungen und sehr empfehlenswert, sowohl inhaltlich als auch von den großformatigen Photos und Karten her. Ich habe mich begeistert hindurchgeschmökert und jede Menge dazugelernt.</p> <p>Beim Lesen gingen wir sehr unterschiedliche Dinge und widerstreitende Emotionen durch den Kopf:<br></br>1. Durchs Wasser führen jede Menge Wege: Sowohl Strömungen als auch Jahrtausende alte Handelsrouten legen Wege durch die Ozeane. Auf diesen Routen finden sich an strategisch günstigen Orten Häfen und Siedlungen. Diese Ozeanographie und Geographie gibt Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Unglücksorte.<br></br>2.  Meine Faszination und Begeisterung fürs Meer und Schiffe, ihre Geschichten und Erforschung werde ich wohl nie verlieren!<br></br>Anhand der Karten und Bilder entstand beim Lesen der Texte sofort Kopfkino. Begeistert lernte ich neue Schiffe, neue Meeresgebiete, neue Seeschlachten kennen.<br></br>3. Der Untergang der Schiffe kostete viele, oft Hunderte oder gar Tausende Menschenleben. Diese Menschen starben unter furchtbaren Umständen, in dem Bewusstsein, dass jemand sie sah und es keine Rettung geben würde.<br></br>Das ist immer wieder sehr ernüchternd.<br></br>Darum schätze ich die wissenschaftlich fundierten Texte, die Begeisterung wecken und gleichzeitig dabei an die harte Forschungsarbeit und die Schicksale dieser Ertrunkenen zu erinnern, sehr. Es ist etwas vollkommen anderes als die reinen Schatzsuchen, denen ich sonst zu oft begegne.</p> <p>Lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte in Europa die längste Friedenszeit der Geschichte, nach jahrhundertelangen Kriegen. So konnten in dieser Zeit Europäer und Nordamerikaner sowie Menschen vieler anderer Nationalitäten gemeinsam auf Forschungsmissionen gehen, um die Geheimnisse der Meere zu erkunden. Nach dem Fund der <em>Scharnhorst </em>kam es zum Austausch zwischen dem englischen Forscher Mensun Bound und den Nachfahren des deutschen kommandierenden Admirals von Spee. Bound beschreibt dann, wie die anfängliche Begeisterung angesichts der Kampfschäden und der vielen Toten dann in Trauer umschlug und unterstreicht damit die Sinnlosigkeit von Kriegen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Geopolitik, die gerade stetig bedrohlicher und bizarrer werden, ist das sehr aktuell – im Januar 2026, drohte der US-Präsident Trump dem an Dänemark und die NATO angeschlossenen Grönland, sollte es sich nicht freiwillig als 52. Bundesstaat den USA anschließen, mit einem Militärschlag.</p> <h2 id="h-ausstellungen-zu-unterwasser-archaologie"><strong>Ausstellungen zu Unterwasser-Archäologie</strong></h2> <p>Obwohl ich mich sehr oft in Museen und an Küsten herumtreibe, war ich noch nicht in sehr vielen Unterwasser-Archäologie-Ausstellungen.</p> <p>Diese hier kann ich empfehlen:</p> <p><strong>Portsmouth, England: </strong><a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/" rel="noopener"><strong>The Mary Rose Museum</strong></a><strong>.<br></br></strong>Absolut phantastisches Museum auf dem Gelände des <a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/" rel="noopener">Historic Dockyard</a>. Es wurde um die gehobene, vor 400 Jahren im Solent gesunkene Mary Rose gebaut. Henry VIII.s Flaggschiff war dort mit Mann, Maus und Hund gekentert und sofort gesunken.<br></br>Eine Hälfte des Schiffes sank tief in den Schlamm und blieb dadurch hervorragend erhalten. Mit an Bord: Die einzigen erhaltenen englischen Langbögen.<br></br>Mittlerweile ist die Konservierung abgeschlossen, die nach dem Vorbild der Vasa erfolgte.<br></br>Unbedingt genug Zeit auch für die <em>HMS Victory</em> und die Dampffregatte <em>HMS Warrior</em> sowie einiges mehr einplanen!</p> <p><strong>Stockholm, Schweden: </strong><a href="https://www.vasamuseet.se/en" rel="noopener"><strong>Vasa-Museum</strong></a>Das meistbesuchte Museum Schwedens liegt auf der Insel Djurgården und zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vasa_(Schiff)" rel="noopener"><em>Vasa</em></a> sowie dessen Geschichte. Wegen der überzogenen Wünsche des Königs, der das Schiff bestellt hatte, war es extrem topplastig und nicht seetüchtig.<br></br>Die Bergung und Konservierung mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyethylenglykol" rel="noopener">Polyethylenglykol</a> war zu dieser Zeit einzigartig und setzt bis heute Maßstäbe.<p><strong>Duisburg:</strong> <a href="https://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/" rel="noopener"><strong>Museum der Deutschen Binnenschifffahrt</strong></a></p></p> <p>Keine großen Schiffe, aber die sehr spannende Geschichte vom prähistorischen Einbaum über römische Boote zu moderneren Binnenschiffen. Untergebracht in einem alten Schwimmbad ist auch die Architektur sehenswert. Zusätzlich gibt´s im Außenbereich noch mehrere größere Schiffe.</p> <p><strong>Bremerhaven: </strong><a href="https://www.dsm.museum/museum/museumshafen/bremer-kogge" rel="noopener"><strong>Schifffahrtsmuseum – „Bremer Kogge“</strong></a></p> <p>Der Fund der Hansekogge von 1380 in der Bremer Weser war eine Sensation. Lange lag sie im Konservierungstank, seit 2017 ist sie ausgestellt. Ihre Spanten und die vielen Funde sind im neuen Gebäude mit viel Information über diese Zeit des ersten internationalen Kaufmannsbundes und ausgedehnten Handelsnetzwerks in Nordeuropa ergänzt.</p> <p><strong>Mainz (Moguntiacum): </strong><a href="https://www.leiza.de/museen/museum-fuer-antike-schifffahrt" rel="noopener"><strong>Museum für Antike Schifffahrt</strong></a></p> <p>Der Fund von vier römischen Booten, die die Römer im Hafen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogontiacum" rel="noopener">Moguntiacums</a> versenkten, um sie nicht den Barbaren (also unsere Vorfahren) in die Hände fallen zu lassen, ist eine Sensation. Der Schlamm des Rheinufers hat sie gut konserviert. Die Wracks sind immer noch Forschungsgegenstand, fürs Publikum gibt es Nachbauten in Originalgröße. An Bord eines Patrouillenbootes (auch „Kanonenboot“ genannt) ist ein rekonstruiertes Waffensystem, mit dem aus einer Trommel per Handkurbel Pfeile in schneller Folge abgeschossen werden konnten – ein <a href="http://wp.dirknowak.de/?p=237" rel="noopener">halbautomatisches Pfeilgeschütz.</a> Eine Rarität, die nur aus der Literatur bekannt ist.  </p> <p><strong>Husum: </strong><a href="https://www.schiffahrtsmuseum-nf.de/highlights/das-uelvesbueller-wrack/" rel="noopener"><strong>Uelvesbüller Wrack</strong></a><a href="https://www.husum-tourismus.de/Reisefuehrer/Typisch-Husum/Husumer-Hafen/Schiffe-gucken/Das-Zuckerschiff" rel="noopener"><strong>„Zuckerschiff“</strong></a></p> <p>Dieses ca 400 Jahre alte Wrack eines Lastenseglers wurde 1994 entdeckt und geborgen. Das rekonstruierte Wrack und viele Funde sidn im Schifffahrtsmuseum Husum ausgestellt. Um es zu konservieren, wurde es zwei Jahre lang in einer Zuckerlösung gelegt – daher der Spitzname.</p> <p><strong>Schleswig: </strong><a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/nydam-e.htm" rel="noopener"><strong>Nydam-Boot im Schloß Gottorf</strong></a><br></br><a href="https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/n/nydamboot/" rel="noopener">23 Meter langes Eichenboot, das um 320 n. Chr. geb</a>aut und als Opfergabe versenkt wurde mit einer hochpolitischen Fundgeschichte</p> <p><a href="http://www.schloss-gottorf.de/" rel="noopener"><strong>Wikinger-Museum Haithabu</strong></a><strong>:<br></br></strong>An diesem einst ausgedehnten Wikinger-Handelsplatz und -hafen wurden mittlerweile vier Wikinger-Schiffe gefunden. Eines davon ist rekonstruiert.</p> <p>Hier ist eine Liste mit <a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/museums.htm" rel="noopener"><strong>Unterwasser-Archäologie-Museen in Europa</strong></a> und international.<p>In den USA gehören Unterwasserfunde von aufgegebenen Schiffen und Artefakten meist <a href="https://www.nps.gov/subjects/archeology/underwater-archeology.htm" rel="noopener">in den Bereich der Nationalpark-Verwaltung</a>. Diese zivilen und militärischen maritime(n) Geschichte(n) sind durch die verheerenden Budget-Kürzungen, Massenentlassungen <a href="https://www.reuters.com/world/us/us-national-parks-told-remove-signs-mistreatment-native-americans-climate-wash-2026-01-27/" rel="noopener">und Vernichtung von Informationen</a> unter der Trump-Junta gerade akut gefährdet – <a href="https://subscriber.politicopro.com/article/eenews/2026/01/27/trump-admin-quietly-overhauls-council-on-historic-preservation-00746630" rel="noopener">wie das gesamte kulturelle Erbe der USA</a> und <a href="https://www.theartnewspaper.com/2025/04/02/trumps-slashing-of-us-foreign-aid-hits-heritage-conservation" rel="noopener">weltweit</a>.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Rezension: „Expedition ins Unbekannte“ – Unterwasser-Archäologie » Meertext » SciLogs</h1><h2>By Von Bettina Wurche</h2><div itemprop="text"> <p>Unterwasser-Archäologie finde ich unglaublich faszinierend. Darum habe ich kürzlich auch mit großem <a href="https://www.zdf.de/video/dokus/terra-x-unterwasser-archaeologie-mit-florian-huber-dokureihe-100/schaetze-unter-wasser-mit-florian-huber-doku-100" rel="noopener">Vergnügen die Terra X-Folge „Schätze unter Wasser“</a> geschaut: Darin stellt der Unterwasser-Archäologe Florian Huber vier europäische Wissenschaftsprojekte vor – ein Unterwassermuseum in der Ägäis, steinzeitliche Pfahlbauten auf den Äußeren Hebriden, Tiefseeforschung vor Madeira und ein Wrack in der Ostsee. Kenntnisreich und gut erklärend führte er uns an diese vier europäischen submarinen Forschungsstätten. Im Interview mit den ExpertInnen vor Ort lädt er zum Mit-Erkunden und Mit-Entdecken ein und tauchte auch selbst mit. Da versunkene Schiffe und andere Artefakte gern von Meereswesen als fester Untergrund besiedelt werden, geht Kultur- und Naturwissen dabei Hand in Hand.</p> <p>So hatte Florian Huber für einen Tauchgang vor der portugiesischen Insel Madeira neben den berühmten Tierfilmern Kirsten und Joachim Jakobsen in ihrer „Lula 1000“ Platz genommen. Die <a href="https://www.rebikoff.org/about/" rel="noopener">Jakobsens und ihr privates Tauchboot (Rebikoff-Niggeler-Stiftung</a>) waren mir seit ihrer spektakulären Beobachtung einer Tiefseeanglerin mit ihrem angehängten Zwergmännchen inmitten eines Strahlenkranzes aus weit ausragenden  Flossenstrahlen und aufgespanntem Schleimnetz bekannt.</p> <p>Darum nahm ich das Angebot von <a href="https://buchcontact.de/" rel="noopener">Buch Contact</a>, den Unterwasser-Archäologie-Bildband mit Florian Huber als Herausgeber (Herder Verlag) zu rezensieren, gern an!</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp.jpg"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="1024" sizes="(max-width: 878px) 100vw, 878px" src="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-878x1024.jpg 878w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-257x300.jpg 257w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-768x896.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1316x1536.jpg 1316w, https://scilogs.spektrum.de/meertext/files/978-3-534-61094-5_1xxlp-1755x2048.jpg 1755w" width="878"></img></a><figcaption>Florian Huber: „Expedition ins Unbekannte“ © Verlag Herder GmbH</figcaption></figure> <h2 id="h-expedition-ins-unbekannte"><strong>„Expedition ins Unbekannte“</strong></h2> <p>In „Expedition ins Unbekannte – Spektakuläre Schiffswracks der Tiefsee“ geht es in größere Tiefen. Gerade dort ist die Suche nach archäologischen Faktoren noch sehr jung, da dafür große technische und somit auch finanzielle und logistische Herausforderungen zu meistern sind. Auch wenn es in diesem Band nicht immer in die Tiefsee geht, sondern manchmal auch „nur“ in 100 Meter Tiefe wie in der Ostsee, dem Gardasee oder dem Ärmelkanal bleibt, sind diese Forschungsexpeditionen durchweg spektakulär.</p> <p>Florian Huber hat hier vor allem die Einführung beigesteuert und ein Kapitel zum Schiffsbohrwurm. Dann führen Kapitel für Kapitel die beteiligten Forschenden (darunter auch das Ehepaar Jakobsen) die Leserschaft durch ganz unterschiedliche Szenarien mit großartigen Bildern. Jedes Kapitel erzählt vom Suchen und Finden, vom Tauchen und Bergen. Neben den technischen Details zum Tieftauchen geht es dabei auch um die staubige Suche in Archiven nach Hinweisen zur letzten Reise der Wasservehikel. In der Rekonstruktion der Fahrt und des Sinkens sowie der Umstände des Unglücks steckt die ganze Dramatik von Seegefechten zwischen Kriegsschiffen und den Kämpfen mit Stürmen und Eis. Vor Hunderten von Jahren rissen diese Schiffe Hunderte, manchmal gar über Tausend Menschen mit in den Tod. <aside></aside></p> <p>An die Vorstellung besonders spektakulärer Bergungsmissionen schließt sich ein zweiter Teil an, in dem es um das Verhältnis von Menschen und Tiefsee geht. Darin finden sich dann auch biologische Kapitel und noch mehr Backgroundinformation zur Tiefwasser-Archäologie.</p> <p>Bei einigen Schiffsnamen stutzte ich zunächst – das liegt daran, dass gerade Kriegsschiffsnamen innerhalb einer Marine über die Jahrhunderte hinweg immer wieder vergeben werden. So kommt im Buch ein Flaggschiff der Royal Navy namens <em>HMS Victory</em> vor – allerdings war diese <em>Victory</em> lange vor der Schlacht von Trafalgar gesunken. Es handelte sich also nicht um Nelsons berühmtes Flaggschiff, das heute im Portsmouth Historic Dockyard ankert und, wie die Flagge zeigt, immer noch im aktiven Dienst steht, sondern eine frühere <em>Victory</em>. Von der ich noch nie gehört hatte.</p> <h2 id="h-johan-ronnby-das-geisterschiff-der-ostsee-aufrecht-am-meeresgrund"><strong>Johan Rönnby: „Das Geisterschiff der Ostsee – Aufrecht am Meeresgrund“</strong></h2> <p>Ende des 17. Jahrhunderts sank vor der schwedischen Insel Gotland ein kleines niederländisches Handelsschiff, eine sogenannte <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Fleute" rel="noopener">Fleute.</a> Das Wrack steht aufrecht auf dem Meeresgrund in 125 Metern Tiefe, in totaler Dunkelheit. Wegen der niedrigen Temperaturen der Ostsee leben hier keine Schiffsbohrmuscheln (<em>Teredo navalis</em>) und auch andere biologische Aktivität ist reduziert, dadurch bleiben hölzerne Rümpfe oft perfekt erhalten. Dieses und andere Wracks in der Nähe bilden die Bedeutung der Ostsee und der Insel Gotland für Handel und Politik dieser Zeit ab.</p> <p>Solche leistungsstarken Frachtsegler waren mit ihren großen Laderäumen das Rückgrat der frühzeitlichen Weltwirtschaft. Der Ostindien-Handel und die Rohstoffe aus den Kolonien in der neuen Welt brachten Amsterdam und anderen niederländischen Seestädten großen Reichtum, die Waren wurden auch über die Ostsee weiter nach Osten und Norden transportiert. Tausende Handelsschiffe brachten Manufakturerzeugnisse, exotische Gewürze und Stoffe sowie Salz dort hin und nahmen Eisen, Kupfer, Kalk, Holz und Getreide als Ladung für den Rückweg auf.</p> <p>Per Tauchroboter (ROV)<a href="https://www.deepseareporter.com/an-underwater-museum-the-archaeologist-about-the-unique-capabilities-of-the-baltic-sea/" rel="noopener"> erkundete das Team um den Meeresarchäologen Johan Rönneby</a> Details der Ladung im Innern – durch eine Luke waren zerborstene Fässer und ein paar Holzschuhe zu erkennen. Sie entdeckten die Bordküche mit dem Herd sowie Überreste eines geschnitzten hölzernen Schwans, der ursprünglich am Heckspiegel angebracht war – möglicherweise hieß das Schiff „Schwan“.<br></br>Außerdem fanden sie Hinweise darauf, dass das kleine Schiff ein Leck bekam und die Besatzung es beidrehte, um das Beiboot zu Wasser zu lassen und sich zu retten.</p> <p>Einige Gedanken zum Glauben ans Schicksal und Gottesfurcht der Seeleute dieser Zeit vervollständigt den Artikel und hinterlässt einen beklemmenden Eindruck vom Leben an Bord.</p> <h2 id="h-das-wrack-vor-den-dry-tortugas-spanien-das-jahr-1622-und-die-erste-tiefseeausgrabung-der-welt"><strong>„Das Wrack vor den Dry Tortugas – Spanien, das Jahr 1622 und die erste Tiefseeausgrabung der Welt“</strong></h2> <p>Die mit geraubtem Gold und Silber beladenen Galeonen des spanischen Imperiums sind schon fast Klischees von Schatzsucher-Abenteuern.<br></br>Viele davon verschwanden nicht weit vor den amerikanischen Küsten auf ihrer langen und gefährlichen Überfahrt zur iberischen Halbinsel. Gerade in flacher liegenden Wracks verheddern sich oft die Netze von Fischern. So ist durch Fischer seit den 1960er Jahren bekannt, dass in manchen Abschnitten der Floridastraße Schiffswracks liegen.</p> <p>Aber erst die Tauchrobotertechnik der Neuzeit erlaubte ab den 1990er Jahren ihre Erforschung: In diesem Fall stellte sich das recht kleine Schiff aufgrund seiner Abmessungen als die 1622 gesunkene <a href="https://www.treasurenet.com/threads/buen-jesus-y-nuestra-senora-del-rosario-found-by-odyssey-marine.346702/" rel="noopener"><em>Buen Jesus y Nuestra Senora del Rosario</em> </a>heraus. Zu ihrer Ladung gehörten neben Goldbarren und Münzen auch Eisenwaren, Weinkrüge, Öl und andere Lebensmittel sowie Damenschuhe. Wesentlich kostbarer waren drei bronzene Astrolabien, goldene Rosenkranz-Perlen, Tintenfass und Schreibsandbehälter aus Onyx sowie eine in Nürnberg hergestellte kunstvolle Sonnenuhr aus Elfenbein.</p> <p>Für mich noch spannender sind die weniger kostbare Funde, die helfen, den Alltag der Besatzung zu rekonstruieren. Ein Beispiel dafür sind die 64 Stücke Schildpatt und Schildkrötenpanzer. Vermutlich haben die Seeleute die Schildkröten als lebenden Proviant mitgeführt und dann nach und nach geschlachtet und gegessen. Aus dem hornigen Schildpatt ihrer Rückenpanzer hat dann ein Besatzungsmitglied der <em>Buen Jesus</em> Läusekämme und Etuis geschnitzt, was als Freizeitbeschäftigung beliebt war. Außerdem gehörte zur Besatzung auch eine Schiffskatze, wie ein Kieferknochen belegt. Da aber 32% der an Bord gefundenen Knochen von Ratten stammten, war die einzelne Katze wohl recht überfordert. Die Nager fraßen sich an Bord durch Mehl, Zwieback, Kichererbsen, Bohnen und Fleisch und waren, wie andere zeitgenössische Berichte erzählen, auf den Schiffen eine große Plage.</p> <h2 id="h-sms-scharnhorst-das-seegefecht-bei-den-falklandinseln-1914"><strong>„SMS Scharnhorst – Das Seegefecht bei den Falklandinseln 1914“</strong></h2> <p>Bis zu diesem Artikel wusste ich nichts über die Aktivitäten der Deutschen Marine während des 1. Weltkriegs im Südpazifik und -atlantik. Die Erklärung für europäische Geschwader in den südlichen Ozeanen sind die in Südostasien und Südamerika gelegenen Kolonien und Handelspartner. Es galt, die eigenen Kolonien zu schützen und den Handelsverkehr der anderen Nationen zu stören. So war bei Kriegsausbruch 1914 das Ostasiatische Kreuzergeschwader der Kaiserlichen Marine vor den Marianen und stieß dort in Seegefechten vor Coronel und den Falklandinseln auf die Royal Navy.</p> <p>(<em>Anmerkung Meertext</em>: <em>Die Falkland-Inseln sind von Europa aus zwar sehr abgelegen, werden aber von England immer wieder vehement verteidigt – den meisten Europäer:innen dürften sie erst mit dem Falkland-Krieg bekannt geworden sein. Sie liegen an strategisch wichtiger Position und sind das Eingangstor zur Antarktis. Die Antarktis wiederum ist aus geopolitischer Sicht wichtig, lange Zeit auch wegen der Walbestände. Die Großwale waren schwimmende Öl- und Fleischressourcen und waren gerade für das Deutsche Reich von hoher Bedeutung. So diente die berühmte Schwabenland-Expedition nämlich der Erkundung der Ausbeutung der antarktischen Walbestände, um die „Reichsfettlücke“ zu schließen. Allerdings entschieden sich die deutschen Verantwortlichen dann, dass es einfacher sei, Walfangschiffe anderer Nationen auf der Heimfahrt aufzubringen, statt selbst eine Walfangindustrie aufzubauen</em>.<br></br><em>Darum kommen mir <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/04/20/auf-wal-survey-mit-hms-enterprise-im-suedatlantik/" rel="noopener">wegen der Wale</a>, der Nähe zur Antarktis und meiner <a href="https://scienceblogs.de/meertext/2017/03/31/south-georgia-hms-enterprises-walk-on-the-wild-side-bericht-aus-der-antarktis/" rel="noopener">Kontakte zur Royal Navy</a></em> <em>die Falklands immer mal wieder unter, aber Gesprächsparter:innen muss ich meist erstmal erklären, wo die sind).</em><p>In den Seegefechten im November und Dezember 1914 in „schwerer See“ (<em>Anm. Meertext: Mich schaudert bei dem Gedanken daran, was das hier heißen mag</em>) brachten die moderneren Schiffe der Kaiserlichen Marine den englischen Geschwadern zunächst starke Verluste bei. Daraufhin entsandte die englische Admiralität weitere und modernere Schiffe und es kam vor den Falkland-Inseln erneut zum Kampf. Diese Gefechte sind aus verschiedenen Quellen gut dokumentiert und lesen sich wie ein Thriller. Schließlich siegten die schnelleren und stärkeren englischen Schiffe und versenkten mehrere deutsche Kreuzer – es soll der größte Sieg der Royal Navy seit Trafalgar gewesen sein, fast 1900 deutsche Seeleute starben.</p></p> <p>Fern von Europa geriet diese Seeschlacht in Vergessenheit. 2014 stieß der auf den Falklands <a href="https://world.expeditions.com/about/expedition-team/mensun-bound" rel="noopener">geborene Meeresarchäologe Mensun Bound auf das Thema und schaffte es, eine Expedition auszurüsten</a> und zu finanzieren – dafür wurde 2022 die Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust gegründet.</p> <p>Die Suche nach der Position der versenkten Kreuzer <em>Scharnhorst</em> und <em>Gneisenau </em>war allerdings schwierig: Bei der Abfassung ihres Berichts hatten die englischen Offiziere ihre Positionen nur schätzen können. Zur Mittagszeit hätten sie zwar die Position der Sonne nehmen können, waren aber bereits auf Gefechtsstationen und hatten darum keine Zeit dafür. Am Nachmittag verhinderte die Wolkendecke die Positionsbestimmung. Die Erschütterungen bei Granateinschlägen und dem Abfeuern der eigenen Geschütze sorgten für Kompaßabweichungen. Dann gab es Augenzeugenberichte für die letzten Sichtungen von Land aus. Aus diesen vagen Daten rekonstruierten die Historiker und Archäologen das Suchfeld, das sie fünf Monate lang mit einem umgebauten ehemaligen Jagd-U-Boot der Navy per Side Scan Sonar absuchten. Vergeblich. Erst die Rückkehr ein Jahr später mit modernerem Schiff und zwei großen Tauchrobotern erbrachte dann 181 Kilometer vor Port Stanley, Falklands, einen Sonarreflex in 1610 Metern Tiefe: Sie hatten die Scharnhorst gefunden.<p>Die Seeleute dieser Schiffe waren in den Weiten der südlichen Ozeane allein. Im Gefecht konnten sie keinerlei Maßnahmen zur Rettung treffen und wussten beim schnellen Sinken ihrer stählernen kleinen Welten, dass ihr Schiff auch ihr Friedhof werden würde. Erschöpft vom Löschen der lodernden Brände und dem wütenden Seegefecht, verwundet vom Geschützfeuer und Bränden, hoffnungslos in den Weiten des südlichen Ozeans. Tausende Männer starben hier – heute gedenken ihre Familien und Nachfahren aus England und Deutschland gemeinsam.</p><br></br>In diesem Beitrag unterstreicht Mensun Bound noch einmal die Sinnlosigkeit dieses Sterbens und dieser Kriege – auch das gehört zur Unterwasserarchäologie, genauso wie der Schutz von Wracks gegen Schaulustige und Plünderer.</p> <h2 id="h-mein-fazit"><strong>Mein Fazit</strong></h2> <p>Rundum gelungen und sehr empfehlenswert, sowohl inhaltlich als auch von den großformatigen Photos und Karten her. Ich habe mich begeistert hindurchgeschmökert und jede Menge dazugelernt.</p> <p>Beim Lesen gingen wir sehr unterschiedliche Dinge und widerstreitende Emotionen durch den Kopf:<br></br>1. Durchs Wasser führen jede Menge Wege: Sowohl Strömungen als auch Jahrtausende alte Handelsrouten legen Wege durch die Ozeane. Auf diesen Routen finden sich an strategisch günstigen Orten Häfen und Siedlungen. Diese Ozeanographie und Geographie gibt Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der Unglücksorte.<br></br>2.  Meine Faszination und Begeisterung fürs Meer und Schiffe, ihre Geschichten und Erforschung werde ich wohl nie verlieren!<br></br>Anhand der Karten und Bilder entstand beim Lesen der Texte sofort Kopfkino. Begeistert lernte ich neue Schiffe, neue Meeresgebiete, neue Seeschlachten kennen.<br></br>3. Der Untergang der Schiffe kostete viele, oft Hunderte oder gar Tausende Menschenleben. Diese Menschen starben unter furchtbaren Umständen, in dem Bewusstsein, dass jemand sie sah und es keine Rettung geben würde.<br></br>Das ist immer wieder sehr ernüchternd.<br></br>Darum schätze ich die wissenschaftlich fundierten Texte, die Begeisterung wecken und gleichzeitig dabei an die harte Forschungsarbeit und die Schicksale dieser Ertrunkenen zu erinnern, sehr. Es ist etwas vollkommen anderes als die reinen Schatzsuchen, denen ich sonst zu oft begegne.</p> <p>Lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs herrschte in Europa die längste Friedenszeit der Geschichte, nach jahrhundertelangen Kriegen. So konnten in dieser Zeit Europäer und Nordamerikaner sowie Menschen vieler anderer Nationalitäten gemeinsam auf Forschungsmissionen gehen, um die Geheimnisse der Meere zu erkunden. Nach dem Fund der <em>Scharnhorst </em>kam es zum Austausch zwischen dem englischen Forscher Mensun Bound und den Nachfahren des deutschen kommandierenden Admirals von Spee. Bound beschreibt dann, wie die anfängliche Begeisterung angesichts der Kampfschäden und der vielen Toten dann in Trauer umschlug und unterstreicht damit die Sinnlosigkeit von Kriegen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Geopolitik, die gerade stetig bedrohlicher und bizarrer werden, ist das sehr aktuell – im Januar 2026, drohte der US-Präsident Trump dem an Dänemark und die NATO angeschlossenen Grönland, sollte es sich nicht freiwillig als 52. Bundesstaat den USA anschließen, mit einem Militärschlag.</p> <h2 id="h-ausstellungen-zu-unterwasser-archaologie"><strong>Ausstellungen zu Unterwasser-Archäologie</strong></h2> <p>Obwohl ich mich sehr oft in Museen und an Küsten herumtreibe, war ich noch nicht in sehr vielen Unterwasser-Archäologie-Ausstellungen.</p> <p>Diese hier kann ich empfehlen:</p> <p><strong>Portsmouth, England: </strong><a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/" rel="noopener"><strong>The Mary Rose Museum</strong></a><strong>.<br></br></strong>Absolut phantastisches Museum auf dem Gelände des <a href="https://historicdockyard.co.uk/attractions/the-mary-rose-museum/" rel="noopener">Historic Dockyard</a>. Es wurde um die gehobene, vor 400 Jahren im Solent gesunkene Mary Rose gebaut. Henry VIII.s Flaggschiff war dort mit Mann, Maus und Hund gekentert und sofort gesunken.<br></br>Eine Hälfte des Schiffes sank tief in den Schlamm und blieb dadurch hervorragend erhalten. Mit an Bord: Die einzigen erhaltenen englischen Langbögen.<br></br>Mittlerweile ist die Konservierung abgeschlossen, die nach dem Vorbild der Vasa erfolgte.<br></br>Unbedingt genug Zeit auch für die <em>HMS Victory</em> und die Dampffregatte <em>HMS Warrior</em> sowie einiges mehr einplanen!</p> <p><strong>Stockholm, Schweden: </strong><a href="https://www.vasamuseet.se/en" rel="noopener"><strong>Vasa-Museum</strong></a>Das meistbesuchte Museum Schwedens liegt auf der Insel Djurgården und zeigt das fast vollständig erhaltene, auf seiner Jungfernfahrt 1628 gesunkene Kriegsschiff <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Vasa_(Schiff)" rel="noopener"><em>Vasa</em></a> sowie dessen Geschichte. Wegen der überzogenen Wünsche des Königs, der das Schiff bestellt hatte, war es extrem topplastig und nicht seetüchtig.<br></br>Die Bergung und Konservierung mit <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Polyethylenglykol" rel="noopener">Polyethylenglykol</a> war zu dieser Zeit einzigartig und setzt bis heute Maßstäbe.<p><strong>Duisburg:</strong> <a href="https://www.binnenschifffahrtsmuseum.de/" rel="noopener"><strong>Museum der Deutschen Binnenschifffahrt</strong></a></p></p> <p>Keine großen Schiffe, aber die sehr spannende Geschichte vom prähistorischen Einbaum über römische Boote zu moderneren Binnenschiffen. Untergebracht in einem alten Schwimmbad ist auch die Architektur sehenswert. Zusätzlich gibt´s im Außenbereich noch mehrere größere Schiffe.</p> <p><strong>Bremerhaven: </strong><a href="https://www.dsm.museum/museum/museumshafen/bremer-kogge" rel="noopener"><strong>Schifffahrtsmuseum – „Bremer Kogge“</strong></a></p> <p>Der Fund der Hansekogge von 1380 in der Bremer Weser war eine Sensation. Lange lag sie im Konservierungstank, seit 2017 ist sie ausgestellt. Ihre Spanten und die vielen Funde sind im neuen Gebäude mit viel Information über diese Zeit des ersten internationalen Kaufmannsbundes und ausgedehnten Handelsnetzwerks in Nordeuropa ergänzt.</p> <p><strong>Mainz (Moguntiacum): </strong><a href="https://www.leiza.de/museen/museum-fuer-antike-schifffahrt" rel="noopener"><strong>Museum für Antike Schifffahrt</strong></a></p> <p>Der Fund von vier römischen Booten, die die Römer im Hafen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mogontiacum" rel="noopener">Moguntiacums</a> versenkten, um sie nicht den Barbaren (also unsere Vorfahren) in die Hände fallen zu lassen, ist eine Sensation. Der Schlamm des Rheinufers hat sie gut konserviert. Die Wracks sind immer noch Forschungsgegenstand, fürs Publikum gibt es Nachbauten in Originalgröße. An Bord eines Patrouillenbootes (auch „Kanonenboot“ genannt) ist ein rekonstruiertes Waffensystem, mit dem aus einer Trommel per Handkurbel Pfeile in schneller Folge abgeschossen werden konnten – ein <a href="http://wp.dirknowak.de/?p=237" rel="noopener">halbautomatisches Pfeilgeschütz.</a> Eine Rarität, die nur aus der Literatur bekannt ist.  </p> <p><strong>Husum: </strong><a href="https://www.schiffahrtsmuseum-nf.de/highlights/das-uelvesbueller-wrack/" rel="noopener"><strong>Uelvesbüller Wrack</strong></a><a href="https://www.husum-tourismus.de/Reisefuehrer/Typisch-Husum/Husumer-Hafen/Schiffe-gucken/Das-Zuckerschiff" rel="noopener"><strong>„Zuckerschiff“</strong></a></p> <p>Dieses ca 400 Jahre alte Wrack eines Lastenseglers wurde 1994 entdeckt und geborgen. Das rekonstruierte Wrack und viele Funde sidn im Schifffahrtsmuseum Husum ausgestellt. Um es zu konservieren, wurde es zwei Jahre lang in einer Zuckerlösung gelegt – daher der Spitzname.</p> <p><strong>Schleswig: </strong><a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/nydam-e.htm" rel="noopener"><strong>Nydam-Boot im Schloß Gottorf</strong></a><br></br><a href="https://geschichte-s-h.de/sh-von-a-bis-z/n/nydamboot/" rel="noopener">23 Meter langes Eichenboot, das um 320 n. Chr. geb</a>aut und als Opfergabe versenkt wurde mit einer hochpolitischen Fundgeschichte</p> <p><a href="http://www.schloss-gottorf.de/" rel="noopener"><strong>Wikinger-Museum Haithabu</strong></a><strong>:<br></br></strong>An diesem einst ausgedehnten Wikinger-Handelsplatz und -hafen wurden mittlerweile vier Wikinger-Schiffe gefunden. Eines davon ist rekonstruiert.</p> <p>Hier ist eine Liste mit <a href="https://www.abc.se/~pa/uwa/museums.htm" rel="noopener"><strong>Unterwasser-Archäologie-Museen in Europa</strong></a> und international.<p>In den USA gehören Unterwasserfunde von aufgegebenen Schiffen und Artefakten meist <a href="https://www.nps.gov/subjects/archeology/underwater-archeology.htm" rel="noopener">in den Bereich der Nationalpark-Verwaltung</a>. Diese zivilen und militärischen maritime(n) Geschichte(n) sind durch die verheerenden Budget-Kürzungen, Massenentlassungen <a href="https://www.reuters.com/world/us/us-national-parks-told-remove-signs-mistreatment-native-americans-climate-wash-2026-01-27/" rel="noopener">und Vernichtung von Informationen</a> unter der Trump-Junta gerade akut gefährdet – <a href="https://subscriber.politicopro.com/article/eenews/2026/01/27/trump-admin-quietly-overhauls-council-on-historic-preservation-00746630" rel="noopener">wie das gesamte kulturelle Erbe der USA</a> und <a href="https://www.theartnewspaper.com/2025/04/02/trumps-slashing-of-us-foreign-aid-hits-heritage-conservation" rel="noopener">weltweit</a>.</p></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/meertext/rezension-expedition-ins-unbekannte-unterwasser-archaeologie/#comments 8 Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/ https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/#respond Sun, 01 Feb 2026 19:58:00 +0000 Susanne M. Hoffmann https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/?p=12504 https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe-768x1024.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe.jpg" /><h1>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung „Wissenschaft zum Wohle aller!“ anlässlich des 400sten Geburtstags von<strong> Erhard Weigel</strong> zu sehen (<a href="https://www.stadtmuseum-jena.de/de/1024062" rel="noopener">webpage</a>). „Mathe“ ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Magie</a>, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.</p> <h2>Dauerausstellung</h2> <p>Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus „Pancosmus“ rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet. </p> <ul> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-wuenderchen-von-jena/">„Wünderchen“ von Jena</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack</a> über seine Größe</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weigelsche-objekt-auf-dem-altan-des-jenaer-schlosses-eisenblechkugel-oder-statische-armillarsphaere/">Meinung von Dr. Meinl (Jena)</a> zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.</li> </ul> <p>Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.</p> <p>Links hat das Museum das sogenannte „Astroscopium“ auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem „curved screen“. Daneben steht ein Objekt, das sie „Weigel-Globus“ nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">hier wiedergegeben</a>), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Das Museumsobjekt ist eben nur für die breite Öffentlichkeit, die man für dumm verkauft (Cassiopeia und der Kleine Wagen sind vllt etwa korrekt gestanzt, der Große Wagen schon verzerrt und die Sterne, die man für die Bärinnengestalt und für den Drachen braucht, sind sehr „freihändig“ gepiekt – ganz zu schweigen vom Rest des Himmels) – das Schulfach „Astronomie“ wurde jetzt ja auch in Thüringen abgeschafft.</p> <p>Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen. <aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg 1001w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Sonderausstellung</h2> <p>Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen „Teil 2“ zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen). </p> <p>Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider. </p> <p>Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt. </p> <p>Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der <a href="https://www.uni-jena.de/" rel="noopener">Universität Jena</a> dar. </p> <p>Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit. </p> <p>Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Wunder_(Jena)" rel="noopener">sieben Wundern Jenas</a>“ gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am <a href="https://www.bahnhof.de/jena-paradies" rel="noopener">Paradies-Bahnhof</a> (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen „Wundern“) die Menschen begrüßen.</p> <h2>Wunder </h2> <p>Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen <a href="https://www.vogtland-tourismus.de/de/poi/ausstellung/maerchenwald-wuenschendorf/24480562/" rel="noopener">Märchenwald</a> in einem Ort namens <strong>Wünschendorf,</strong> sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Schwarze Magie</a>: besonders in der Informatik). </p> <p>Davon zeugt bspw. auch der „Magische Kalender“, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:</p> <p>Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren „hands on“-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen: </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/WeigelMathe.jpg" /><h1>Leben für Wissenschaft und Gemeinwohl » Uhura Uraniae » SciLogs</h1><h2>By Von Susanne M. Hoffmann</h2><div itemprop="text"> <p>Noch bis 15. Februar ist im Stadtmuseum Jena die Ausstellung „Wissenschaft zum Wohle aller!“ anlässlich des 400sten Geburtstags von<strong> Erhard Weigel</strong> zu sehen (<a href="https://www.stadtmuseum-jena.de/de/1024062" rel="noopener">webpage</a>). „Mathe“ ist ja nicht von allen das Lieblingsfach in der Schule, aber diese Ausstellung zu einem Mathematik-Professor demonstriert, wie vielseitig die Möglichkeiten dieses Faches sind: von technischen Spielzeugen bis <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Magie</a>, von der abstrakten Geometrie bis Himmelskunde.</p> <h2>Dauerausstellung</h2> <p>Über das Mysterium, das sich um Weigels begehbaren Himmelsglobus „Pancosmus“ rankt, hatte ich bereits vor ~2 Jahren im Zusammenhang mit Vorläufern des ZEISS-Planetariums berichtet. </p> <ul> <li>Das <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-wuenderchen-von-jena/">„Wünderchen“ von Jena</a></li> <li>die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">Meinung des norwegischen Kollegen T. Rössack</a> über seine Größe</li> <li>Die <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/das-weigelsche-objekt-auf-dem-altan-des-jenaer-schlosses-eisenblechkugel-oder-statische-armillarsphaere/">Meinung von Dr. Meinl (Jena)</a> zum Objekt auf dem Stadtschloss, das vom Pancosmus zu unterscheiden ist.</li> </ul> <p>Im Stadtmuseum in Jena gibt es einen gebauten Entwurf eines Weigel-Globus in der Dauerausstellung. Mir war bisher jederzeit unklar, was genau hiermit dargestellt werden soll und auf welcher (historischen?) Grundlage es beruht, aber es sieht eindrucksvoll aus.</p> <p>Links hat das Museum das sogenannte „Astroscopium“ auf einen Glaszylinder gedruckt. Es zeigt einen doppelköpfigen Adler mit Sternkarte und den von Weigel erfundenen Sternbildern. Normalerweise ist dies eine flache (Papier)Karte. Das Museum zeigt es nur auf einem „curved screen“. Daneben steht ein Objekt, das sie „Weigel-Globus“ nennen. Die Form erinnert an die Rekonstruktion von Tor Rössack 2018 (<a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/weigels-pancosmus/">hier wiedergegeben</a>), aber dieses goldfarbene Objekt hat an der Außenseite heraldische Sternbilder (was von Weigels Pancosmus nicht sicher ist) und an der Innenseite ist es durchlöchert. Das Muster gibt allerdings nicht die akurate Lage der Sterne am Himmel wieder: unwahrscheinlich, dass Weigel so etwas offensichtlich Falsches produziert hätte. Da er es für Unterrichtszwecke einsetzte, muss es in seinem Original vollständig und richtig gewesen sein. Das Museumsobjekt ist eben nur für die breite Öffentlichkeit, die man für dumm verkauft (Cassiopeia und der Kleine Wagen sind vllt etwa korrekt gestanzt, der Große Wagen schon verzerrt und die Sterne, die man für die Bärinnengestalt und für den Drachen braucht, sind sehr „freihändig“ gepiekt – ganz zu schweigen vom Rest des Himmels) – das Schulfach „Astronomie“ wurde jetzt ja auch in Thüringen abgeschafft.</p> <p>Übrigens gibt es einen ähnlichen starren Globus, in dem man von innen die Sterne als Muster sieht, auch aus dem prä-jesuitischen China. Der chinesische Globus datiert 1280 und damit ca. 400 Jahre früher als Weigels Globus 1661. Das deutet nicht denknotwendig auf Transfer hin, nur auf die gleiche Idee bei unterschiedlichen Menschen. <aside></aside></p> <div> <div> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg"><img alt="" decoding="async" height="1024" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px" src="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-768x1024.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944-225x300.jpg 225w, https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/files/china2024_web_a944.jpg 1001w" width="768"></img></a></figure> </div> </div> <h2>Sonderausstellung</h2> <p>Anlässlich des 400sten Geburtstags von Weigel präsentiert das Stadtmuseum in der Wechselausstellung nun aber einen „Teil 2“ zu Weigel und seinem Globus bzw. seinen mehreren Globen. Hier geht es natürlich um das gesamte Leben und Wirken Weigels und keineswegs nur um die Rätsel der Wissenschaftshistoriker und Weigels Wunderhaus (mit Fahrstuhl = Stuhl-am-Flaschenzug, ein Weinbrunnen-aus-Sonnenblume und anderen technischen Spielzeugen). </p> <p>Im Gegensatz zur Dauerausstellung, wo steht, dass der Pancosmus 5.5 m groß war, wird hier gesagt, dass es nur 3 Meter waren … und diese widersprüchlichen Zahlen (die nicht erläutert werden) spiegeln den Stand der Forschung wider. </p> <p>Der Mathematikprofessor wird hier in seinen schillerndsten Seiten dargestellt und von einem KI-getriebenen Schulkind-von-heute interviewt. </p> <p>Eigentlich hat sich in den letzten ~400 Jahren gar nicht so viel geändert. Mathematik ist immer noch eine Grundlagenwissenschaft und stellt zusammen mit der (neueren) Informatik eine der wichtigsten Säulen der <a href="https://www.uni-jena.de/" rel="noopener">Universität Jena</a> dar. </p> <p>Informatik als neue technische Auskristallisation von Mathematik hat in unserem Alltag viel mehr technische Spielzeuge und wichtige Anwendungen hervorgebracht als noch in Weigels Zeit. </p> <p>Ich war mit einer indonesischen Gastwissenschaftlerin in dem Museum und war begeistert, dass Erhard Weigel in Jena derzeit ein bisschen mehr Aufmerksamkeit erhält. Allerdings finde ich, dass Jena diese Gallionsfigur der Wissenschafts- und Technikgeschichte etwas unterschätzt: Man hat Statuen von Carl Zeiss (Innenstadt), Ernst Abbe (am Planetarium) und Otto Schott (an seiner Villa) aufgestellt, aber noch keine von Erhard Weigel. Und das, obwohl das Weigelhaus zu den „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Wunder_(Jena)" rel="noopener">sieben Wundern Jenas</a>“ gehörte, bevor es 1898 abgerissen worden ist. Er müsste eigentlich gleich am <a href="https://www.bahnhof.de/jena-paradies" rel="noopener">Paradies-Bahnhof</a> (ja, der heißt wirklich so) mit seinen Globen (und anderen „Wundern“) die Menschen begrüßen.</p> <h2>Wunder </h2> <p>Sie sehen, im verträumten Thüringen gibt es nicht nur einen <a href="https://www.vogtland-tourismus.de/de/poi/ausstellung/maerchenwald-wuenschendorf/24480562/" rel="noopener">Märchenwald</a> in einem Ort namens <strong>Wünschendorf,</strong> sondern es gibt auch an der größten Universität des Landes (Jena) sehr viel Magie (bisweilen auch <a href="https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/pandaemonium-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-the-prompt/">Schwarze Magie</a>: besonders in der Informatik). </p> <p>Davon zeugt bspw. auch der „Magische Kalender“, der in der aktuellen Ausstellung zu sehen ist. Es ist ein beeindruckendes Stück aus Weigels Zeit, enthält ein Gemisch aus Alchemie, Astrologie, religiösen Symbolen, Engeln und Erzengeln, Wochentagen … fürs 16./17. Jh. völlig normal:</p> <p>Jedenfalls zeugt die Sonderausstellung mit ihren „hands on“-Elementen und kindgerechter Aufbereitung durchaus von museumspädagogischem Geschick. Es lohnt sich, sie noch rasch anzuschauen: </p> </div><div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" loading="lazy" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/hoffmann_avatar.jpg 2x" width="200"></img> <p>"physics was my first love&#xD; and it will be my last&#xD; physics of the future &#xD; and physics of the past" &#xD; &#xD; Dr. Dr. Susanne M Hoffmann ist seit 1998 als Kultur-Astronomin tätig (Universitäten, Planetarien, öffentliche Sternwarten, u.a.). Ihr fachlicher Hintergrund besteht in Physik und Wissenschaftsgeschichte (zwei Diplome), Informatik und Fachdidaktik (neue Medien/ Medienwissenschaft) als Weiterqualifikationen. Sie ist aufgewachsen im wiedervereinigten Berlin, zuhause auf dem Planeten Erde. Studienbedingt hat sie 2001-2006 in Potsdam gelebt, jobbedingt 2005-2008 saisonal in Mauretanien (winters) und Portugal (sommers), 2008-2009 und 2013-'15 in Berlin, 2010 in Hamburg, 2010-2012 in Hildesheim, 2015/6 in Wald/Österreich, seit 2017 in Jena, mit Gastaufenthalten im Rahmen von Forschungskollaborationen in Kairo+Luxor (Ägypten 2022), Jerusalem+Tel Aviv (Israel 2023), Hefei (China 2024), Semarang (Indonesien 2017, 2024), USA (2024, 2025)... .&#xD; &#xD; Die einleitenden Verse beschreiben eine Grundstruktur in ihrem Denken und Agieren: Physik ist eine Grundlagenwissenschaft, die datenbasiert und mit dem Erkenntnisapparat der Logik ein Verständnis der Natur zu erlangen bestrebt ist. Es gibt allerdings auch Fragen der Welt, die sich der Physik entziehen (z.B. wie wir Menschen auf diesem Planeten friedlich, synergetisch und benevolent zusammenleben können) - darum ist Physik nicht die einzige Liebe der Bloggerin. Sie liebt die Weisheit und hinterfragt die Welt. Das Wort "Philosophie" ist ihr aber zu groß und das populärwissenschaftliche Verständnis davon zu schwammig, als dass sie sich damit identifizieren würde: hier geht's faktenbasiert zu.&#xD; &#xD; Ihr fachliches Spezialgebiet sind Himmelskarten und Himmelsgloben; konkret deren Mathematik, Kartographie, Messverfahren = Astrometrie, ihre historische Entwicklung, Sternbilder als Kulturkalender und Koordinatensystem, Anomalien der Sternkarte(n) - also fehlende und zusätzliche Sterne, Sternnamen... und die Schaustellung von alle dem in Projektionsplanetarien. Sie versteht dieses Blog als "Kommentar an die Welt", als Kolumne, als Informationsdienst, da sie der Gesellschaft, die ihr das viele studieren und forschen ermöglicht, etwas zurückgeben möchte (in der Hoffnung, dass ihr die Gesellschaft auch weiterhin die Forschung finanziert).</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/uhura-uraniae/leben-fuer-wissenschaft-und-gemeinwohl/#respond</wfw:commentRss> <slash:comments>0</slash:comments> </item> <item> <title>Gefängnisstrafe: „Sterbehilfe“ einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/#comments Fri, 30 Jan 2026 11:41:45 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3524 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-768x340.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-1024x454.jpg" /><h1>Gefängnisstrafe: "Sterbehilfe" einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Nach der vom Bundesgerichtshof verworfenen Revision muss der Berliner Arzt seine Haftstrafe antreten</strong></p> <span id="more-3524"></span> <p>Das Bundesverfassungsgericht räumte mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 Menschen mit Todeswunsch zwar mehr Autonomie ein und erklärte das Verbot der „geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ (§ 217 StGB) für verfassungswidrig und damit nichtig. Der deutsche Gesetzgeber hat bis heute aber noch keine neue Regelung zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht.</p> <p>In Belgien und den Niederlanden sind die „Euthanasiegesetz“ genannten Möglichkeiten seit vielen Jahren sehr liberal. Sie gelten für alle medizinischen Gebiete, also auch die Psychiatrie. Bei ärztlicher Feststellung der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit des Leids kann eine Sterbehilfe straffrei durchgeführt werden. Diese Möglichkeit wurde später auch auf Minderjährige ausweitet. Ich schrieb darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/euthanasie-in-den-niederlanden/">schon 2013</a>. Im Wahlkampf 2021 wollte die bürgerlich-liberale Partei D66, die übrigens jetzt den neuen Ministerpräsidenten stellen wird, diese Möglichkeit auch auf Personen ausdehnen, die ihr Leben <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sterbehilfe-bei-vollendetem-leben-oder-entsorgung-der-alten/">für „vollendet“ halten</a> (niederländisch: <em>voltooid leven</em>).</p> <p>Gerade bei Menschen mit (schweren) psychologisch-psychiatrischen Störungen ist eine Bitte um Sterbehilfe besonders problematisch: Ist das Leiden wirklich unerträglich und aussichtslos? Gibt es keine Therapieoptionen mehr? Und vor allem: Ist der Todeswunsch Ergebnis einer freien Willensentscheidung? Für einen Berliner Arzt, der seit 2021 als „Freitodbegleiter“ arbeitete, hat ein Irrtum nun schwere Folgen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-verurteilung">Verurteilung</h2> <p>Der Arzt hatte schon vom Landgericht Berlin I mit dem Urteil vom 4. April 2024 eine Gefängnisstrafe bekommen, doch legte dagegen Revision beim BGH ein. Diese wurde jetzt verworfen (<a href="https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026013.html" rel="noopener">Pressemitteilung des BGH</a>).</p> <p>Für die Verurteilung war entscheidend, dass die Frau – laut den Gerichtsentscheidungen – zur Tatzeit eine akute depressive Episode hatte und daher in ihrer freien Willensbildung eingeschränkt war. Tatsächlich hatte sie einen ersten Suizidversuch überlebt, für den derselbe Arzt Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Der Arzt habe versucht, die Rettung der Frau zu verhindern – und schließlich für die Psychiatrie, wo sie auf richterlichen Beschluss untergebracht wurde, Hausverbot erhalten. Telefonisch habe er aber weiter Kontakt zu ihr gehalten.</p> <p>Am Tag der Entlassung der Frau habe er sich mit ihr in einem Hotelzimmer getroffen. Die Frau sei in ihrem Todeswunsch hin- und hergerissen gewesen. Der Arzt habe ihr dann eine Infusion mit einem tödlichen Narkosemittel gelegt, die sie nur noch mit einem Rädchen öffnen musste. Das führte dann zu ihrem Tod.</p> <h2 id="h-keine-freie-willensbildung">Keine freie Willensbildung</h2> <p>Nach deutschem Recht ist eine Beihilfe zum Suizid im Prinzip straflos. Das gilt aber nur dann, wenn die betroffene Person in freier Verantwortung handelt. Das dürfte gerade bei Menschen mit schweren psychologisch-psychiatrischen Störungen schwer zu beurteilen sein – und begründete in diesem Fall die Verurteilung. Dazu aus der Pressemitteilung vom BGH:</p> <blockquote> <p>„Die Geschädigte konnte unter dem Einfluss ihrer depressiven Erkrankung weder die ihr in der Klinik angebotenen Behandlungsmöglichkeiten noch ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven realitätsgerecht einschätzen. Fälschlich sah sie sich als „austherapiert“ an und meinte, in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein und folglich nie mehr glücklich sein zu können. Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben. Mehrfach teilte sie dem Angeklagten mit, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann – mit Entschuldigung für das ewige ‚Hin und Her‘ – erneut um Unterstützung zu bitten.“</p> </blockquote> <p>Mit dem Urteil des BGH ist die Verurteilung des Arztes wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnisstrafe nun rechtskräftig. (Aktenzeichen 5 StR 520/24)</p> <p><em>Haben sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <h2 id="mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-upset-sad-depressed-hipster-863686/" rel="noopener">Foundry</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/cbe98e40e75248dc9abaed0c0ea74dce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/woman-863686-1024x454.jpg" /><h1>Gefängnisstrafe: "Sterbehilfe" einer 37-jährigen Frau mit schweren Depressionen war Tötungsdelikt » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Nach der vom Bundesgerichtshof verworfenen Revision muss der Berliner Arzt seine Haftstrafe antreten</strong></p> <span id="more-3524"></span> <p>Das Bundesverfassungsgericht räumte mit seinem Urteil vom 26. Februar 2020 Menschen mit Todeswunsch zwar mehr Autonomie ein und erklärte das Verbot der „geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ (§ 217 StGB) für verfassungswidrig und damit nichtig. Der deutsche Gesetzgeber hat bis heute aber noch keine neue Regelung zur Sterbehilfe auf den Weg gebracht.</p> <p>In Belgien und den Niederlanden sind die „Euthanasiegesetz“ genannten Möglichkeiten seit vielen Jahren sehr liberal. Sie gelten für alle medizinischen Gebiete, also auch die Psychiatrie. Bei ärztlicher Feststellung der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit des Leids kann eine Sterbehilfe straffrei durchgeführt werden. Diese Möglichkeit wurde später auch auf Minderjährige ausweitet. Ich schrieb darüber <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/euthanasie-in-den-niederlanden/">schon 2013</a>. Im Wahlkampf 2021 wollte die bürgerlich-liberale Partei D66, die übrigens jetzt den neuen Ministerpräsidenten stellen wird, diese Möglichkeit auch auf Personen ausdehnen, die ihr Leben <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/sterbehilfe-bei-vollendetem-leben-oder-entsorgung-der-alten/">für „vollendet“ halten</a> (niederländisch: <em>voltooid leven</em>).</p> <p>Gerade bei Menschen mit (schweren) psychologisch-psychiatrischen Störungen ist eine Bitte um Sterbehilfe besonders problematisch: Ist das Leiden wirklich unerträglich und aussichtslos? Gibt es keine Therapieoptionen mehr? Und vor allem: Ist der Todeswunsch Ergebnis einer freien Willensentscheidung? Für einen Berliner Arzt, der seit 2021 als „Freitodbegleiter“ arbeitete, hat ein Irrtum nun schwere Folgen.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-verurteilung">Verurteilung</h2> <p>Der Arzt hatte schon vom Landgericht Berlin I mit dem Urteil vom 4. April 2024 eine Gefängnisstrafe bekommen, doch legte dagegen Revision beim BGH ein. Diese wurde jetzt verworfen (<a href="https://www.bundesgerichtshof.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2026/2026013.html" rel="noopener">Pressemitteilung des BGH</a>).</p> <p>Für die Verurteilung war entscheidend, dass die Frau – laut den Gerichtsentscheidungen – zur Tatzeit eine akute depressive Episode hatte und daher in ihrer freien Willensbildung eingeschränkt war. Tatsächlich hatte sie einen ersten Suizidversuch überlebt, für den derselbe Arzt Mittel zur Verfügung gestellt hatte. Der Arzt habe versucht, die Rettung der Frau zu verhindern – und schließlich für die Psychiatrie, wo sie auf richterlichen Beschluss untergebracht wurde, Hausverbot erhalten. Telefonisch habe er aber weiter Kontakt zu ihr gehalten.</p> <p>Am Tag der Entlassung der Frau habe er sich mit ihr in einem Hotelzimmer getroffen. Die Frau sei in ihrem Todeswunsch hin- und hergerissen gewesen. Der Arzt habe ihr dann eine Infusion mit einem tödlichen Narkosemittel gelegt, die sie nur noch mit einem Rädchen öffnen musste. Das führte dann zu ihrem Tod.</p> <h2 id="h-keine-freie-willensbildung">Keine freie Willensbildung</h2> <p>Nach deutschem Recht ist eine Beihilfe zum Suizid im Prinzip straflos. Das gilt aber nur dann, wenn die betroffene Person in freier Verantwortung handelt. Das dürfte gerade bei Menschen mit schweren psychologisch-psychiatrischen Störungen schwer zu beurteilen sein – und begründete in diesem Fall die Verurteilung. Dazu aus der Pressemitteilung vom BGH:</p> <blockquote> <p>„Die Geschädigte konnte unter dem Einfluss ihrer depressiven Erkrankung weder die ihr in der Klinik angebotenen Behandlungsmöglichkeiten noch ihr Leben und ihre Zukunftsperspektiven realitätsgerecht einschätzen. Fälschlich sah sie sich als „austherapiert“ an und meinte, in ihrem Leben noch nie glücklich gewesen zu sein und folglich nie mehr glücklich sein zu können. Krankheitsbedingt ambivalent schwankte sie zwischen neu gefasstem Lebensmut und dem Wunsch zu sterben. Mehrfach teilte sie dem Angeklagten mit, seine Unterstützung nicht mehr zu benötigen, da sie weiterleben wolle, um ihn dann – mit Entschuldigung für das ewige ‚Hin und Her‘ – erneut um Unterstützung zu bitten.“</p> </blockquote> <p>Mit dem Urteil des BGH ist die Verurteilung des Arztes wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnisstrafe nun rechtskräftig. (Aktenzeichen 5 StR 520/24)</p> <p><em>Haben sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <h2 id="mehr-zum-thema">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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Abbildung: von <a href="https://pixabay.com/photos/woman-upset-sad-depressed-hipster-863686/" rel="noopener">Foundry</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/cbe98e40e75248dc9abaed0c0ea74dce" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gefaengnisstrafe-sterbehilfe-einer-37-jaehrigen-frau-mit-schweren-depressionen-war-toetungsdelikt/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>16</slash:comments> </item> <item> <title>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/#comments Mon, 26 Jan 2026 12:29:01 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3520 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920-768x512.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920.jpg" /><h1>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)</strong></p> <span id="more-3520"></span> <p><em><strong>Eine Nachbemerkung vorab, in Reaktion auf die Diskussion mit den Leserinnen und Lesern:</strong> Der Unterschied zwischen anlasslosen Untersuchungen auf der einen Seite und medizinischer Diagnostik bei konkreten Problemen auf der anderen sollte stärker berücksichtigt werden. Der folgende Artikel bezieht sich auf die <strong>anlasslosen Untersuchungen</strong>. Niemand, der ein körperliches oder psychisches Problem zu haben glaubt, soll von der Inanspruchnahme professioneller Hilfe abgehalten werden. Eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2839347#" rel="noopener">neuere Studie</a> in der angesehenen Fachzeitschrift </em>JAMA Internal Medicine<em> zeigte erst kürzlich, dass durch die Ausdehnung von Untersuchungen bei jüngeren Personen immer mehr Tumore gefunden werden – inzwischen tatsächlich sogar mehr als doppelt so viele wie Anfang der 1990er. Die Sterblichkeit durch Tumore bleibt allerdings konstant. Vereinzelte Ausnahmen, zum Beispiel beim Darm- oder Gebärmutterhalskrebs, werden mit einem ungesünderen Lebenswandel in Zusammenhang gebracht.</em></p> <p>Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.</p> <p>Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der „harten Naturwissenschaft“. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.</p> <p>Der im Untertitel genannte „Statistik-Papst“ bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine „Unstatistik des Monats“, zum Beispiel bei der Übertreibung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Risiken des Alkoholkonsums</a> oder von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">COVID-Impfungen</a>.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-beispiel-mammografie">Beispiel Mammografie</h2> <p>Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.</p> <p>Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:</p> <ul> <li>Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch „Prävalenz“.)</li> <li><em>Wenn</em> eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)</li> <li>Wenn eine Frau <em>keinen</em> Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)</li> </ul> <p>Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie <em>wirklich</em> Brustkrebs hat? (Auflösung unten)</p> <ol> <li>90 Prozent</li> <li>81 Prozent</li> <li>9 Prozent</li> <li>1 Prozent</li> </ol> <h2 id="h-bedingte-wahrscheinlichkeiten">Bedingte Wahrscheinlichkeiten</h2> <p>Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.</p> <p>Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.</p> <p>Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.</p> <p>Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. Da von denen „nur“ 9 wirklich Brustkrebs haben, ist das richtige Ergebnis auf die Frage: 9:98 = 9,2 Prozent, also (gerundet) Alternative 3.</p> <h2 id="h-finanzielle-interessen">Finanzielle Interessen</h2> <p>Gigerenzer geht in seinem Artikel noch etwas weiter: Er verweist darauf, dass die Fortbildung für die Ärztinnen und Ärzte oft von biomedizinischen Firmen organisiert wird – in Luxushotels an Luxusorten. Damit hätten sie Kontrolle darüber, was diese Fachleute lernen. Das Folgende sagt, wohlgemerkt, kein Verschwörungsdenker, sondern einer der angesehensten Psychologen und Wissenschaftler Deutschlands:</p> <blockquote> <p>„Innerhalb von zwei Jahren schulte ich insgesamt etwa 1.000 Ärzte. Dabei erfuhr ich, dass der Großteil der ärztlichen Fortbildung von der Industrie finanziert und organisiert wird. Einige Ärzteorganisationen bieten zwar eigene Kurse an, können aber mit den Vorteilen großer Pharmaunternehmen nicht mithalten, die Ärzte und manchmal sogar deren Partner in Luxushotels an attraktiven Reisezielen einfliegen lassen – alle Kosten inklusive. Diese Investition lohnt sich: Millionen von Ärzten wissen das, was die Industrie will, dass sie wissen.“ (Gigerenzer, 2026, S. 367)</p> </blockquote> <p>Ein Schelm, wer hierin ein Geschäftsmodell sieht: Gerade verunsicherten Patientinnen und Patienten wird somit vielleicht vermittelt, dass sie für ein längeres und gesünderes Leben immer mehr und immer früher testen lassen müssen. Vergessen wir nicht, dass es auf dem Gesundheitsmarkt Jahr für Jahr um viele Milliarden geht!</p> <p>Eine andere Auswertung von Krebsuntersuchungen in Gigerenzers Artikel deutet aber darauf hin, dass eine frühere Diagnose oft nicht das Leben verlängert. Am ehesten scheinen noch Darmkrebsuntersuchungen mit der Sigmoidoskopie (einer direkten Untersuchung des Dickdarms) zu nützen – doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Das Thema ist natürlich komplexer, als ich es hier in einem kurzen Blogartikel beleuchten kann. Die gute Nachricht ist immerhin, dass durch die Tests niemand früher stirbt. Aber die Patientinnen und Patienten bezahlen dann mitunter einen psychologischen Preis: durch Unsicherheit, Angst und eventuell unangenehmen Untersuchungen. Zum Beispiel ist bekannt, dass der Antigen-Test auf Prostatakrebs in der Praxis oft irrelevant ist. Denn die Betroffenen alten Männer sterben oft an einer anderen Ursache, bevor ihre Prostata ernsthafte Probleme bereitet. Der Profit bestimmter Akteure auf der anderen Seite ist dahingegen sicher.</p> <p>Ich nehme mitnichten den Standpunkt ein, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder sich nicht mehr genauer untersuchen zu lassen! Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf <em>keine</em> Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.</p> <p>Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.</p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/alkohol-praevention-oder-gesundheitswahn/">Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheit-wie-viel-sonnenlicht-ist-gut-fuer-uns/">Gesundheit: Wie viel Sonnenlicht ist gut für uns?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Corona-Impfungen und Sterblichkeit?</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, &amp; A. Florack (Eds.), <em>The Routledge handbook of communication and social cognition</em> (pp. 367-387). Routledge.</li> <li>Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., &amp; Gigerenzer, G. (2005). <a href="https://www.jstor.org/stable/20061177" rel="noopener">How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities</a>. <em>Statistical Science</em>, 223-230.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: <a href="https://pixabay.com/photos/math-blackboard-education-classroom-1547018/" rel="noopener">Pixapopz</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/19b10e76a2bb445682fc3bb51d965f11" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/math-1547018_1920.jpg" /><h1>Medizinisches Wissen: Was sagt ein positives Testergebnis aus? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Eine kurze Lektion vom deutschen Statistik-Papst, Beispiel Mammografie (Brustkrebsuntersuchung)</strong></p> <span id="more-3520"></span> <p><em><strong>Eine Nachbemerkung vorab, in Reaktion auf die Diskussion mit den Leserinnen und Lesern:</strong> Der Unterschied zwischen anlasslosen Untersuchungen auf der einen Seite und medizinischer Diagnostik bei konkreten Problemen auf der anderen sollte stärker berücksichtigt werden. Der folgende Artikel bezieht sich auf die <strong>anlasslosen Untersuchungen</strong>. Niemand, der ein körperliches oder psychisches Problem zu haben glaubt, soll von der Inanspruchnahme professioneller Hilfe abgehalten werden. Eine <a href="https://jamanetwork.com/journals/jamainternalmedicine/article-abstract/2839347#" rel="noopener">neuere Studie</a> in der angesehenen Fachzeitschrift </em>JAMA Internal Medicine<em> zeigte erst kürzlich, dass durch die Ausdehnung von Untersuchungen bei jüngeren Personen immer mehr Tumore gefunden werden – inzwischen tatsächlich sogar mehr als doppelt so viele wie Anfang der 1990er. Die Sterblichkeit durch Tumore bleibt allerdings konstant. Vereinzelte Ausnahmen, zum Beispiel beim Darm- oder Gebärmutterhalskrebs, werden mit einem ungesünderen Lebenswandel in Zusammenhang gebracht.</em></p> <p>Gesundheit ist ein hohes Gut, für manche vielleicht sogar das höchste. Denn wer möchte schon lange leben, wenn das ein Dahinsiechen wäre? Dementsprechend finden wir auch in der medialen Welt täglich Gesundheitsinformationen. Nicht allen tut das gut: Sie erfahren Krankheitssymptome, über die sie lesen, am eigenen Leib oder der eigenen Psyche. Oder sie werden zumindest verunsichert. Und oft heißt es: Je früher man etwas entdeckt, desto besser die Heilungschancen.</p> <p>Ein Gang zum Hausarzt oder zur Fachärztin soll Klarheit schaffen. Die biomedizinische Forschung und Anwendung verspricht Sicherheit mit den Methoden der „harten Naturwissenschaft“. Doch in der Wissenschaft des Lebendigen, in den Lebenswissenschaften, ist etwas selten ganz schwarz oder weiß – oder in Begriffen der binären Logik: null oder eins. Deshalb sind statistische Verfahren meist unverzichtbar. Diese sollte man besser verstehen, wenn man sie anwendet und ihre Ergebnisse verbreitet.</p> <p>Der im Untertitel genannte „Statistik-Papst“ bin natürlich nicht ich, sondern der (inzwischen emeritierte) Psychologieprofessor und frühere Max-Planck-Direktor Gerd Gigerenzer (Jg. 1947). Er plädiert nicht nur für mehr theoretische Kenntnisse in seinem Fachgebiet, sondern beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten mit häufigen Missverständnissen statistischen Wissens. Hier im Blog ging es schon früher um seine „Unstatistik des Monats“, zum Beispiel bei der Übertreibung von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Risiken des Alkoholkonsums</a> oder von <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">COVID-Impfungen</a>.<aside></aside></p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-beispiel-mammografie">Beispiel Mammografie</h2> <p>Für einen neuen Aufsatz hat er sich die Kommunikation von Krankheitsrisiken bei Krebsuntersuchungen genauer angeschaut. Und das folgende Beispiel hat er, auf der Grundlage echter Daten, auch in der medizinischen Fortbildung erprobt. Wenn Sie nicht gleich die richtige Antwort wissen, ist das nicht der Weltuntergang: Die meisten Gynäkologinnen und Gynäkologen kamen vor Gigerenzers Kurs auch nicht auf die richtige Antwort.</p> <p>Schauen wir uns das konkrete Beispiel an:</p> <ul> <li>Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau Brustkrebs hat, beträgt 1 Prozent. (Das nennt man auch „Prävalenz“.)</li> <li><em>Wenn</em> eine Frau Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 90 Prozent. (Sensitivität des Tests)</li> <li>Wenn eine Frau <em>keinen</em> Brustkrebs hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests 9 Prozent. (Falsch-Positiv-Rate des Tests)</li> </ul> <p>Jetzt die Frage: Frau F bekommt nach einer Untersuchung beim Gynäkologen ein positives Mammografie-Ergebnis. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie <em>wirklich</em> Brustkrebs hat? (Auflösung unten)</p> <ol> <li>90 Prozent</li> <li>81 Prozent</li> <li>9 Prozent</li> <li>1 Prozent</li> </ol> <h2 id="h-bedingte-wahrscheinlichkeiten">Bedingte Wahrscheinlichkeiten</h2> <p>Der häufigste Fallstrick dürfte die Sache mit der Sensitivität des Tests sein, also mit der hier genannten Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Tatsächlich wählten in einem (allerdings nicht repräsentativen) Versuch Gigerenzers mit 160 Gynäkologen und Gynäkologinnen knapp die Hälfte diese – falsche – Alternative. Auf die Alternativen 2, 3 und 4 entfielen 13, 21 und 19 Prozent der Stimmen.</p> <p>Aber warum ist Alternative 1 falsch? Dafür sollte man sich keine Prozente anschauen, sondern konkrete Zahlen: Stellen wir uns 1000 Frauen vor, die eine Mammografie vornehmen lassen. Laut der Prävalenz haben 1 Prozent beziehungsweise 10 von ihnen Brustkrebs. Wegen der Sensitivität von 90 Prozent bekommen neun von ihnen ein korrekt-positives und die verbleibende zehnte ein falsch-negatives Ergebnis.</p> <p>Jetzt wissen wir aber auch, dass von den Frauen ohne Brustkrebs 9 Prozent, also in diesem Beispiel 89, ein falsch-positives Ergebnis bekommen. Von den 1000 Frauen haben wir also 9 + 89 = 98 mit einem positiven Mammografie-Ergebnis. Doch von denen stimmt das nur bei 9 von 98 und ist es falsch bei den restlichen 89.</p> <p>Bei Frau F wissen wir ja nicht, ob sie wirklich Brustkrebs hat oder nicht. Darüber sollte die Mammografie gerade Aufschluss geben. Mit dem positiven Test wissen wir aber nur, dass sie in die Gruppe der 98 fällt. Da von denen „nur“ 9 wirklich Brustkrebs haben, ist das richtige Ergebnis auf die Frage: 9:98 = 9,2 Prozent, also (gerundet) Alternative 3.</p> <h2 id="h-finanzielle-interessen">Finanzielle Interessen</h2> <p>Gigerenzer geht in seinem Artikel noch etwas weiter: Er verweist darauf, dass die Fortbildung für die Ärztinnen und Ärzte oft von biomedizinischen Firmen organisiert wird – in Luxushotels an Luxusorten. Damit hätten sie Kontrolle darüber, was diese Fachleute lernen. Das Folgende sagt, wohlgemerkt, kein Verschwörungsdenker, sondern einer der angesehensten Psychologen und Wissenschaftler Deutschlands:</p> <blockquote> <p>„Innerhalb von zwei Jahren schulte ich insgesamt etwa 1.000 Ärzte. Dabei erfuhr ich, dass der Großteil der ärztlichen Fortbildung von der Industrie finanziert und organisiert wird. Einige Ärzteorganisationen bieten zwar eigene Kurse an, können aber mit den Vorteilen großer Pharmaunternehmen nicht mithalten, die Ärzte und manchmal sogar deren Partner in Luxushotels an attraktiven Reisezielen einfliegen lassen – alle Kosten inklusive. Diese Investition lohnt sich: Millionen von Ärzten wissen das, was die Industrie will, dass sie wissen.“ (Gigerenzer, 2026, S. 367)</p> </blockquote> <p>Ein Schelm, wer hierin ein Geschäftsmodell sieht: Gerade verunsicherten Patientinnen und Patienten wird somit vielleicht vermittelt, dass sie für ein längeres und gesünderes Leben immer mehr und immer früher testen lassen müssen. Vergessen wir nicht, dass es auf dem Gesundheitsmarkt Jahr für Jahr um viele Milliarden geht!</p> <p>Eine andere Auswertung von Krebsuntersuchungen in Gigerenzers Artikel deutet aber darauf hin, dass eine frühere Diagnose oft nicht das Leben verlängert. Am ehesten scheinen noch Darmkrebsuntersuchungen mit der Sigmoidoskopie (einer direkten Untersuchung des Dickdarms) zu nützen – doch selbst dann geht es um eine Lebensverlängerung von im Mittel nur 100 Tagen.</p> <h2 id="h-fazit">Fazit</h2> <p>Das Thema ist natürlich komplexer, als ich es hier in einem kurzen Blogartikel beleuchten kann. Die gute Nachricht ist immerhin, dass durch die Tests niemand früher stirbt. Aber die Patientinnen und Patienten bezahlen dann mitunter einen psychologischen Preis: durch Unsicherheit, Angst und eventuell unangenehmen Untersuchungen. Zum Beispiel ist bekannt, dass der Antigen-Test auf Prostatakrebs in der Praxis oft irrelevant ist. Denn die Betroffenen alten Männer sterben oft an einer anderen Ursache, bevor ihre Prostata ernsthafte Probleme bereitet. Der Profit bestimmter Akteure auf der anderen Seite ist dahingegen sicher.</p> <p>Ich nehme mitnichten den Standpunkt ein, nicht mehr zum Arzt zu gehen oder sich nicht mehr genauer untersuchen zu lassen! Aber mit dem richtigen Verständnis, an das uns Gerd Gigerenzer mit seiner Forschung seit Jahrzehnten immer wieder erinnert, wird der Gesundheitskult unserer Zeit doch etwas relativiert. Selbst ein positives Testergebnis kann – wie im genannten Beispiel – sogar in der Mehrheit der Fälle negativ sein, also auf <em>keine</em> Krankheit hindeuten. Wenn man das richtig kommuniziert, kann man vielen Patientinnen und Patienten potenziell helfen.</p> <p>Eine auch für Laien einfach zu merkende Schlussfolgerung ist zudem: Man sollte sich von relativen Angaben (z.B. 50 Prozent mehr, Verdopplung) nicht in die Irre führen lassen. Eine Angabe der konkreten Zahlen ist oft viel aussagekräftiger. Auch im Beispiel hier muss man keine Statistikkenntnisse haben, um zu verstehen, dass bei 1000 getesteten Frauen und 98 positiven Ergebnissen nur 9 dieser 98 wirklich Brustkrebs haben. Und auch im Wissenschafts- und Medizinjournalismus kann man sich das hinter die Ohren schreiben, sowie nicht zuletzt in der medizinischen Ausbildung.</p> <h2 id="h-das-konnte-sie-auch-interessieren">Das könnte Sie auch interessieren:</h2> <ul> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/alkohol-praevention-oder-gesundheitswahn/">Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/wie-gefaehrlich-ist-alkohol-nun-wirklich/">Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/gesundheit-wie-viel-sonnenlicht-ist-gut-fuer-uns/">Gesundheit: Wie viel Sonnenlicht ist gut für uns?</a></li> <li><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/welchen-zusammenhang-gibt-es-zwischen-corona-impfungen-und-sterblichkeit/">Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Corona-Impfungen und Sterblichkeit?</a></li> </ul> <h2 id="h-quellen">Quellen:</h2> <ul> <li>Gigerenzer, G. (2026, im Erscheinen). Risk communication: Truth and trickery about cancer screening. In T. Reimer, L. van Swol, &amp; A. Florack (Eds.), <em>The Routledge handbook of communication and social cognition</em> (pp. 367-387). Routledge.</li> <li>Eine ähnliche, doch ältere Arbeit: Krämer, W., &amp; Gigerenzer, G. (2005). <a href="https://www.jstor.org/stable/20061177" rel="noopener">How to confuse with statistics or: The use and misuse of conditional probabilities</a>. <em>Statistical Science</em>, 223-230.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: <a href="https://pixabay.com/photos/math-blackboard-education-classroom-1547018/" rel="noopener">Pixapopz</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/19b10e76a2bb445682fc3bb51d965f11" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/medizinisches-wissen-was-sagt-ein-positives-testergebnis-aus/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>39</slash:comments> </item> <item> <title>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/ https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/#comments Sun, 25 Jan 2026 22:59:00 +0000 Michael Khan https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/?p=11115 https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration-768x432.png Computergenerierte Darstellung aller Elemente der MSR-Mission: Hubschrauber zum Einsammeln der Probenbehälter, Mars-Rover Perseverance, Landeplattform MAV und Orbiter ERO, Quelle: NASA https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration.png" /><h1>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die US-Regierung unter Donald Trump hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/" rel="noopener" target="_blank">tiefgreifende Einschnitte im Budget</a> der (Luft- und) Raumfahrtbehörde NASA und der Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA geplant. Diese Einschnitte hätten besondere die wissenschaftliche Forschung schwer getroffen, der die aktuelle Administration offenbar wenig Bedeutung beimisst. Die Folge der Kürzungen wären neben der Einstellung von Projekten umfangreiche Entlassungen und vielleicht die Schließung von NASA-Niederlassungen gewesen.  </p> <span id="more-11115"></span> <p>Das Parlament und dann auch der Senat haben nun jedoch, beide mit großer Mehrheit, ein Gesetzespaket verabschiedet, das diese Kürzungen und einige andere, die weitere Behörden betreffen, weitgehend zurücknimmt und die Finanzierung der Behörden sicherstellt. (<a href="https://spacenews.com/congress-passes-minibus-spending-bill-that-rejects-proposed-nasa-cuts/" rel="noopener" target="_blank">Space News: Congress passes minibus spending bill that rejects proposed NASA cuts</a>)</p> <p>Ausdrücklich ausgenommen ist davon jedoch die Probenrückführungsmission MSR (Mars Sample Return). Diese war schon während der Biden-Administration <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/" rel="noopener" target="_blank">in ernsten Schwierigkeiten</a>. Kosten und Terminpläne uferten aus; insbesondere das NASA-Zentrum JPL in Pasadena/Kalifornien stand in der Kritik. Das nun verabschiedete Gesetz sieht für die Entwicklung zukünftiger Mars-Missionen ein Budget von nur 110 Millionen vor und macht die Vorschrift, dass damit namentlich aufgelistete grundlegende Technologieforschung zu betreiben ist. Das beinhaltet aber nicht die Fortführung des MSR-Projekts – der Geldbetrag würde dafür auch bei weitem nicht reichen. </p> <p>Die Einstellung von MSR betrifft auch die ESA. Diese hätte den Earth Return Orbiter (ERO) beigesteuert, eine riesige Raumsonde mit Ionenantrieb. Der ERO sollte zum Mars fliegen, eine niedrige Bahn um den roten Planeten erreichen, den Probenbehälter aufnehmen und hermetisch in eine Kapsel einschweißen soll. Damit wäre er dann zur Erde zurückgeflogen. Nicht klar ist doch, was dann hätte geschehen sollen: Das gezielte Aussetzen der Kapsel, sodass sie in die Atmosphäre eintritt und im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Utah_Test_and_Training_Range" rel="noopener" target="_blank">UTTR in Utah</a> landet, scheint verworfen worden zu sein. Alternative Vorschläge wie die Übergabe an die Gateway oder das Parken in einer stabilen Bahn (<a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/distant-retrograde-orbits/" rel="noopener" target="_blank">Distant Retrograde Orbit = DRO</a>) erschienen mir etwas unausgegoren. </p> <p>Insofern verwundert mich die ausdrückliche Einstellung des Projekts im minibus-Paket überhaupt nicht. Sie ist nur konsequent. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. <aside></aside></p> <h2 id="h-msr-die-unendliche-geschichte"><em>MSR – die unendliche Geschichte?</em></h2> <p>Mit MSR verbinden mich viele Arbeitsjahre. Anfang der 2000er studierte die ESA die Optionen zur Durchführung einer Probenrückführung vom Mars unter europäischer Regie. Ein geplantes US-französisches Kooperationsprojekt namens Mars-Premier mit dieser Zielsetzung war zuvor seitens der USA eingestellt worden. Die ESA-Studie begann in der <a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/Concurrent_Design_Facility" rel="noopener" target="_blank">Concurrent Design Facility</a> am Technologiezentrum ESTEC in Noordwijk. Ich war daran als Missionsanalytiker beteiligt.</p> <p>Geplant war, dass Mars Sample Return schon Mitte der 2010er Jahre starten sollte, und zwar mit zwei getrennten Ariane-5-ECA Starts im Abstand von zwei Jahren. Zuvor sollte die Mars-Rovermission ExoMars erfolgreich absolviert worden sein – Start 2009, Backup 2011. Hinweis am Rande: Der ExoMars-Rover wartet immer noch auf seinen Start, aktuell im Clean Room bei Thales Alenia in Turin. Das sagt eigentlich schon alles über den Realismus der damaligen Zeitplanung. </p> <p>Vorgesehen war, dass zunächst der Orbiter zum Mars geschickt wird. Dieser sollte per <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/aerobraking-und-wos-das-problem/" rel="noopener" target="_blank">Aerobraking</a> eine niedrige Kreisbahn erreichen und dort warten. Das Landemodul mit der Wiederaufstiegsrakete sollte dann später auf den Weg gebracht werden, wenn abzusehen war, dass die Orbitermission planmäßig verlief. </p> <p>Nach einigen Jahren weitgehend fruchtloser Planungsarbeiten an der Mission MSR, die von der endlos weiter verzögerten Mission ExoMars vor sich her geschoben war, traten 2008 wieder die Amerikaner auf den Plan. Es wurde ein Abkommen geschlossen, dem zufolge Amerikaner und Europäer von nun an gemeinsam den Mars erforschen sollten. Damit hätte das MSR-Projekt zumindest anstelle der Ariane 5 eine für interplanetare Missionen brauchbare Rakete gehabt, zumindest für einen der Starts, immerhin. 2011 war die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-esa-mars-kooperation-besteht-stresstest-nicht/" rel="noopener" target="_blank">Zusammenarbeit aber schon wieder Geschichte</a>. </p> <p>Wiederum einige Jahre später gab es wieder ein Projekt MSR, und wieder als NASA-ESA-Kooperation. Die Architektur war nun anders; es wurde auf neue Technologien gesetzt, nicht nur beim ionengetriebenen ERO. Auch die vorherige Probenentnahme und ihre vorübergehende Ablage in „Caches“ sowie die Verwendung eines Hubschraubers zum Einsammeln waren neue Ideen. Dadurch wurde die Mission allerdings weder weniger komplex noch weniger teuer, was eigentlich auch niemanden verwundern dürfte. </p> <h2 id="h-und-wie-geht-s-weiter"><em>Und wie geht’s weiter?</em></h2> <p>Tja, wer weiß? Mittlerweile gibt es ja durchaus auch andere Akteure, die so etwas heben könnten: die Chinesen, und vielleicht auch in absehbarer Zeit die Inder? Die Europäer haben leider immer noch keine brauchbare Rakete für solche Missionen, und damit steht und fällt nun einmal eine Raumfahrtmission. Außerdem konnte die ESA bis jetzt weder eine weiche Landung noch den Betrieb komplexer Hardware auf einem anderen Himmelskörper demonstrieren (Titan zählt in diesem Zusammenhang nicht). Ich sehe sie eher nicht in der vordersten Reihe der möglichen Partner für eine erfolgreiche MSR-Mission. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/files/msr-illustration.png" /><h1>Raumfahrtprogramm gerettet, MSR abserviert » Go for Launch » SciLogs</h1><h2>By Von Michael Khan</h2><div itemprop="text"> <p>Die US-Regierung unter Donald Trump hatte <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/kahlschlag-beim-nasa-budget-2026/" rel="noopener" target="_blank">tiefgreifende Einschnitte im Budget</a> der (Luft- und) Raumfahrtbehörde NASA und der Behörde für Wetter und Ozeanografie NOAA geplant. Diese Einschnitte hätten besondere die wissenschaftliche Forschung schwer getroffen, der die aktuelle Administration offenbar wenig Bedeutung beimisst. Die Folge der Kürzungen wären neben der Einstellung von Projekten umfangreiche Entlassungen und vielleicht die Schließung von NASA-Niederlassungen gewesen.  </p> <span id="more-11115"></span> <p>Das Parlament und dann auch der Senat haben nun jedoch, beide mit großer Mehrheit, ein Gesetzespaket verabschiedet, das diese Kürzungen und einige andere, die weitere Behörden betreffen, weitgehend zurücknimmt und die Finanzierung der Behörden sicherstellt. (<a href="https://spacenews.com/congress-passes-minibus-spending-bill-that-rejects-proposed-nasa-cuts/" rel="noopener" target="_blank">Space News: Congress passes minibus spending bill that rejects proposed NASA cuts</a>)</p> <p>Ausdrücklich ausgenommen ist davon jedoch die Probenrückführungsmission MSR (Mars Sample Return). Diese war schon während der Biden-Administration <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-zieht-bei-msr-die-reissleine/" rel="noopener" target="_blank">in ernsten Schwierigkeiten</a>. Kosten und Terminpläne uferten aus; insbesondere das NASA-Zentrum JPL in Pasadena/Kalifornien stand in der Kritik. Das nun verabschiedete Gesetz sieht für die Entwicklung zukünftiger Mars-Missionen ein Budget von nur 110 Millionen vor und macht die Vorschrift, dass damit namentlich aufgelistete grundlegende Technologieforschung zu betreiben ist. Das beinhaltet aber nicht die Fortführung des MSR-Projekts – der Geldbetrag würde dafür auch bei weitem nicht reichen. </p> <p>Die Einstellung von MSR betrifft auch die ESA. Diese hätte den Earth Return Orbiter (ERO) beigesteuert, eine riesige Raumsonde mit Ionenantrieb. Der ERO sollte zum Mars fliegen, eine niedrige Bahn um den roten Planeten erreichen, den Probenbehälter aufnehmen und hermetisch in eine Kapsel einschweißen soll. Damit wäre er dann zur Erde zurückgeflogen. Nicht klar ist doch, was dann hätte geschehen sollen: Das gezielte Aussetzen der Kapsel, sodass sie in die Atmosphäre eintritt und im <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Utah_Test_and_Training_Range" rel="noopener" target="_blank">UTTR in Utah</a> landet, scheint verworfen worden zu sein. Alternative Vorschläge wie die Übergabe an die Gateway oder das Parken in einer stabilen Bahn (<a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/distant-retrograde-orbits/" rel="noopener" target="_blank">Distant Retrograde Orbit = DRO</a>) erschienen mir etwas unausgegoren. </p> <p>Insofern verwundert mich die ausdrückliche Einstellung des Projekts im minibus-Paket überhaupt nicht. Sie ist nur konsequent. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. <aside></aside></p> <h2 id="h-msr-die-unendliche-geschichte"><em>MSR – die unendliche Geschichte?</em></h2> <p>Mit MSR verbinden mich viele Arbeitsjahre. Anfang der 2000er studierte die ESA die Optionen zur Durchführung einer Probenrückführung vom Mars unter europäischer Regie. Ein geplantes US-französisches Kooperationsprojekt namens Mars-Premier mit dieser Zielsetzung war zuvor seitens der USA eingestellt worden. Die ESA-Studie begann in der <a href="https://www.esa.int/Enabling_Support/Space_Engineering_Technology/Concurrent_Design_Facility" rel="noopener" target="_blank">Concurrent Design Facility</a> am Technologiezentrum ESTEC in Noordwijk. Ich war daran als Missionsanalytiker beteiligt.</p> <p>Geplant war, dass Mars Sample Return schon Mitte der 2010er Jahre starten sollte, und zwar mit zwei getrennten Ariane-5-ECA Starts im Abstand von zwei Jahren. Zuvor sollte die Mars-Rovermission ExoMars erfolgreich absolviert worden sein – Start 2009, Backup 2011. Hinweis am Rande: Der ExoMars-Rover wartet immer noch auf seinen Start, aktuell im Clean Room bei Thales Alenia in Turin. Das sagt eigentlich schon alles über den Realismus der damaligen Zeitplanung. </p> <p>Vorgesehen war, dass zunächst der Orbiter zum Mars geschickt wird. Dieser sollte per <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/aerobraking-und-wos-das-problem/" rel="noopener" target="_blank">Aerobraking</a> eine niedrige Kreisbahn erreichen und dort warten. Das Landemodul mit der Wiederaufstiegsrakete sollte dann später auf den Weg gebracht werden, wenn abzusehen war, dass die Orbitermission planmäßig verlief. </p> <p>Nach einigen Jahren weitgehend fruchtloser Planungsarbeiten an der Mission MSR, die von der endlos weiter verzögerten Mission ExoMars vor sich her geschoben war, traten 2008 wieder die Amerikaner auf den Plan. Es wurde ein Abkommen geschlossen, dem zufolge Amerikaner und Europäer von nun an gemeinsam den Mars erforschen sollten. Damit hätte das MSR-Projekt zumindest anstelle der Ariane 5 eine für interplanetare Missionen brauchbare Rakete gehabt, zumindest für einen der Starts, immerhin. 2011 war die <a href="https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/nasa-esa-mars-kooperation-besteht-stresstest-nicht/" rel="noopener" target="_blank">Zusammenarbeit aber schon wieder Geschichte</a>. </p> <p>Wiederum einige Jahre später gab es wieder ein Projekt MSR, und wieder als NASA-ESA-Kooperation. Die Architektur war nun anders; es wurde auf neue Technologien gesetzt, nicht nur beim ionengetriebenen ERO. Auch die vorherige Probenentnahme und ihre vorübergehende Ablage in „Caches“ sowie die Verwendung eines Hubschraubers zum Einsammeln waren neue Ideen. Dadurch wurde die Mission allerdings weder weniger komplex noch weniger teuer, was eigentlich auch niemanden verwundern dürfte. </p> <h2 id="h-und-wie-geht-s-weiter"><em>Und wie geht’s weiter?</em></h2> <p>Tja, wer weiß? Mittlerweile gibt es ja durchaus auch andere Akteure, die so etwas heben könnten: die Chinesen, und vielleicht auch in absehbarer Zeit die Inder? Die Europäer haben leider immer noch keine brauchbare Rakete für solche Missionen, und damit steht und fällt nun einmal eine Raumfahrtmission. Außerdem konnte die ESA bis jetzt weder eine weiche Landung noch den Betrieb komplexer Hardware auf einem anderen Himmelskörper demonstrieren (Titan zählt in diesem Zusammenhang nicht). Ich sehe sie eher nicht in der vordersten Reihe der möglichen Partner für eine erfolgreiche MSR-Mission. </p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/go-for-launch/raumfahrtprogramm-gerettet-msr-abserviert/#comments 2 AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag – wie der Mond entstanden ist https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comments Sun, 25 Jan 2026 04:30:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1833 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo-768x768.jpg Sehr scharfes Foto, man erkennt angerissen dunklere Maare und hellere Hochländer. Die Sichel ist schmal. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/" rel="noopener">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/" rel="noopener">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/" rel="noopener">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes" rel="noopener">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin" rel="noopener">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt" rel="noopener">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau" rel="noopener">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly" rel="noopener">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis" rel="noopener">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)" rel="noopener">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia" rel="noopener">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf" rel="noopener">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C" rel="noopener">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html" rel="noopener">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333" rel="noopener">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1" rel="noopener">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840" rel="noopener">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" rel="noopener">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg" rel="noopener">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-mit-logo.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Theias großer Einschlag - wie der Mond entstanden ist » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum <a href="https://astrogeo.de/media/ag131-mond-entstehung.html#/" rel="noopener">kompletten Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Im Juni 1986 erlebten Planetenforscher einen Heureka-Moment. Denn sie waren zum ersten Mal einig, wie die Erde zu ihrem ungebührlich großen Mond gekommen ist. Diese Erklärung gilt bis heute als das wahrscheinlichste Szenario: Kurz nach der Entstehung der Erde vor rund 4,5 Milliarden Jahren stieß ein marsgroßer Planet mit der Protoerde zusammen. Aus dem verdampften Gestein, das dabei ins All geschleudert wurde, bildete sich wenig später der Mond.</p> <p>Karl erzählt in dieser Folge, wie es zu diesem Heureka-Moment kam – denn nur wenige Jahre zuvor war die Forschungswelt noch hochgradig zerstritten, was die Entstehung des Mondes anging. Mindestens eine Handvoll Hypothesen war im Rennen. Man diskutierte, ob der Mond sich von der Erde durch allzu große Fliehkraft abgespalten hatte oder ob er friedlich an der Seite der Erde aus dem Urnebel gewachsen war. Andere glaubten an ein eingefangenes Objekt aus der kosmischen Nachbarschaft – oder sogar an eine natürliche, nukleare Explosion tief im Erdinneren nahe dem Erdkern.<aside></aside></p> <p>Schon in den 1940er Jahren war dem kanadischen Geologen Reginald Daly aufgefallen, dass die mittlere Dichte des Mondes recht genau der Dichte des Erdmantels entspricht. Aber erst die astronautischen Mondlandungen des Apollo-Programms und die Proben verschiedener Raumsonden brachten ab 1969 Gewissheit: Erdmantel und Mond müssen aus dem gleichen Urmaterial entstanden sein. Gleichzeitig besitzt der Mond nur einen winzigen Eisenkern. Alles zusammen wirkte wie ein Sieb für die diversen Modelle der Mondentstehung. Übrig blieb am Ende nur der große Einschlag.</p> <p>Trotz der klaren Hinweise bleiben bis heute einige Fragen offen. Zum Beispiel ist weiter unklar, warum zwar der Fingerabdruck der Sauerstoff-Isotope in Erdmantel und Mond sehr gut übereinstimmen – immerhin das häufigste Element von Erde und Mond – aber einige Spurenstoffe teilweise radikal abweichen. Dazu gehört der Anteil von Eisen und anderen Metallen, aber auch von flüchtigen Stoffe wie Wasser oder Kohlendioxid. Herausfordernd für die heutige Forschung ist vor allem das Wachstum des Mondes direkt nach dem großen Einschlag, bei dem es ziemlich heiß hergegangen sein muss.</p> <h3 id="h-mehr-bei-astrogeo">Mehr bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 78: <a href="https://astrogeo.de/kernenergie-vor-2-milliarden-jahren-der-atomreaktor-oklo/" rel="noopener">Kernenergie vor 2 Milliarden Jahren: Der Atomreaktor Oklo</a></li> <li>Folge 51: <a href="https://astrogeo.de/die-verlorenen-mondspiegel/" rel="noopener">Die verlorenen Mondspiegel</a></li> <li>Folge 42: <a href="https://astrogeo.de/das-wertvollste-material-der-welt/" rel="noopener">Das wertvollste Material der Welt</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Entstehung_des_Mondes" rel="noopener">Entstehung des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/George_Howard_Darwin" rel="noopener">George Darwin</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Basalt" rel="noopener">Basalt</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Mond#Innerer_Aufbau" rel="noopener">Innerer Aufbau des Mondes</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Reginald_Aldworth_Daly" rel="noopener">Reginald Daly</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Giant-impact_hypothesis" rel="noopener">Giant-impact hypothesis</a> (englisch)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Theia_(Protoplanet)" rel="noopener">Theia (Protoplanet)</a></li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Synestia" rel="noopener">Synestia</a> (englisch)</li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: Daly: <a href="http://www.jstor.org/stable/3301051?origin=JSTOR-pdf" rel="noopener">Origin of the Moon and Its Topography</a>, Proceedings of the American Philosophical Society, (1946)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://adsabs.harvard.edu/pdf/1976LPI.....7..120C" rel="noopener">Cameron &amp; Ward: The Origin of the Moon</a>, Lunar and Planetary Science (1976)</li> <li>New York Times: <a href="https://www.nytimes.com/1986/06/03/science/moon-s-creation-now-attributed-to-giant-crash.html" rel="noopener">Moon’s Creation now Attributed to Giant Crash</a> (1986)</li> <li>Fachartikel: Lock et al.: <a href="https://doi.org/10.1002/2017JE005333" rel="noopener">The Origin of the Moon Within a Terrestrial Synestia</a>, Journal of Geophysical Research – Planets (2018)</li> <li>Fachartikel: Yuan et al.: <a href="https://www.nature.com/articles/s41586-023-06589-1" rel="noopener">Moon-forming impactor as a source of Earth’s basal mantle anomalies</a>, Nature (2023)</li> <li>Fachartikel: Sossi, Nakajima &amp; Khan: <a href="https://arxiv.org/abs/2408.16840" rel="noopener">Composition, Structure and Origin of the Moon</a>, ArXiv/Preprint (2024)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.de" rel="noopener">CC-BY-SA 3.0</a> <a href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2020-04-26_21-21MESZ_Mondsichel.jpg" rel="noopener">Rolf Hempel / Wikimedia Commons</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-theias-grosser-einschlag-wie-der-mond-entstanden-ist/#comments 2 Das „Deutsche Reich“ im „Deutschen Osten“ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments Thu, 22 Jan 2026 11:00:00 +0000 Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/?p=371 https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage-768x432.jpg Verschiedene Publikationen der gebietsrevisionistischen Gruppierungen, Mischung von Text und revisionistischen Kartendarstellungen https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de" rel="noopener">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit“ aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten“ (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“ gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland“ sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident“ der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens“, „Staatskanzler“, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten“ und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger“ aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens“ bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung“ war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates“ herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger“-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv" rel="noopener">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/" rel="noopener">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten“, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit“ gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten“ – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger“-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten“ zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes“ – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen“ durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der „Reichsbürger“-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger“-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief“ herausgab, während die andere ein „Rundschreiben“ publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger“-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/Collage.jpg" /><h1>Das „Deutsche Reich" im „Deutschen Osten“ » Rechtsextremismus » SciLogs</h1><h2>By Von Teilprojekt 2 - Reichsbürger in Bayern</h2><div itemprop="text"> <h2 id="h-archivarbeit-auf-den-spuren-souveranistischer-gruppen-der-1980er-jahre"><strong>Archivarbeit auf den Spuren souveränistischer Gruppen der 1980er-Jahre</strong></h2> <p>Das Teilprojekt 2 im Forschungsverbund <a href="http://www.forgerex.de" rel="noopener">ForGeRex</a> erforscht die Vorgeschichte der „Reichsbürger“-Bewegung, die erst seit etwa zehn Jahren breite öffentliche Aufmerksamkeit erlangt hat. Die praktische Forschungsarbeit bestand zu Beginn vor allem darin, den unterschiedlichsten, oft vagen Spuren zu folgen, um Akteur*innen, Publikationen und Netzwerke zu finden, die als historische Vorläufer der heutigen Szene gelten können. Diese Spurensuche war oft langwierig und wenig ergiebig – aber es gab auch glückliche Zufälle.</p> <p>Bei der Auswertung der rechtsextremen Zeitschrift „Recht und Wahrheit“ aus den 1990er Jahren stieß ich auf Anzeigen einer mir bis dato unbekannten Organisation: der „Gemeinschaft Deutscher Osten“ (GDO). Im Namen der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“ gab sie 1992 eine Erklärung ab, in der sie die Nichtigkeit internationaler Verträge behauptete und auf die „Rückgabe von Westpreußen, Posen und Ostoberschlesien, ferner aller seit 1945 völkerrechtswidrig durch fremde Staaten verwalteten ostdeutschen Reichsgebiete einschließlich Sudetenland“ sowie die Wiedereinsetzung der Organe des Deutschen Reiches pochte. Unterzeichnet war die Anzeige von mehreren Personen, die sich gewaltige Titel gegeben hatten: „Präsident“ der „Nationalversammlung des Deutschen Ostens“, „Staatskanzler“, „Sonderbotschafter für außereuropäische Angelegenheiten“ und so weiter.<a href="#_ftn1" id="_ftnref1">[1]</a></p> <p>Der Fund war ein Glücksfall. Hieß es nicht immer, die Staatssimulation und die Vergabe vermeintlicher Ämter und Titel sei eine Erfindung der „Kommissarischen Reichsregierung“ von Wolfgang Ebel, dem „ersten Reichsbürger“ aus Berlin? Hier nun fanden sich Hinweise darauf, dass die Staatssimulation „Vereinigte Länder des Deutschen Ostens“ bereits in die frühen 1980er Jahre zurückreichte – denn die „Erklärung“ war „[a]nläßlich des Zehnjahres-Bestandes des unabhängigen, volks- und reichstreuen deutschen Nachkriegsstaates“ herausgegeben worden. Später stellte sich heraus, dass die Gründung der „Vereinigten Länder“ 1981 stattfand, die Wurzeln aber bis 1969 zurückreichten.</p> <h3 id="h-spurensuche-in-zeitgeschichtlichen-sammlungen"><strong>Spurensuche in zeitgeschichtlichen Sammlungen</strong></h3> <p>Dieser Quellenfund war der Auftakt für eine intensive Suche nach weiterer Überlieferung dieser Organisation. Wie bei anderen „Reichsbürger“-Gruppierungen gibt es keinen geschlossenen Archivbestand, auf den wir Zeithistoriker*innen sonst gerne zurückgreifen. Auch existiert praktisch keine Forschungsliteratur zu dieser Gruppe.</p> <p>Fündig wurde ich in zwei Archiven: In der zeitgeschichtlichen Sammlung des <a href="https://www.ifz-muenchen.de/das-archiv" rel="noopener">Archivs des Instituts für Zeitgeschichte</a> fanden sich einige verstreute Flugblätter und Rundschreiben. Eine größere Sammlung entdeckte ich im <a href="https://www.apabiz.de/" rel="noopener">apabiz</a> (Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin e.V.). Dort liegen Rundbriefe der „Gemeinschaft Deutscher Osten“, aber auch – in den Beständen des Archivs des Zentralinstituts für Sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin (ZISOWIFO) – zahlreiche Flugblätter und Einzelveröffentlichungen.<aside></aside></p> <p>Diese Materialien sind für das Projekt von unschätzbarem Wert. Sie zeigen, dass die Staatssimulationen der 1980er und 1990er Jahre, auf die ich in „Recht und Wahrheit“ gestoßen war, eine längere Vorgeschichte hatten und in der Zeit um die Wiedervereinigung ganz neue Dynamiken entwickelten. Die GDO ist daher ein wichtiger Gegenstand des Projekts, eine Teilstudie dazu ist gerade in Arbeit.</p> <h3 id="h-die-herausforderung-sammlungen-statt-bestande"><strong>Die Herausforderung: Sammlungen statt Bestände</strong></h3> <p>Die Rekonstruktion aus diesen und im Verlauf der Recherche weiteren erschlossenen Quellenbeständen hat allerdings gezeigt, dass die zeithistorischen Sammlungen die vielfältigen organisatorischen Entwicklungen dieser Gruppe – oder besser: dieser Gruppen – nicht vollständig abbilden können.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-scaled.jpg"><img alt="Sehr viele grün gebundene Bände in einem Archivregal " decoding="async" height="683" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1024x683.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-300x200.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-768x512.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-1536x1024.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/MK-Archiv-Regalfront2-2048x1365.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Ein Blick ins Archiv des Instituts für Zeitgeschichte. Foto: Institut für Zeitgeschichte/AMK</figcaption></figure> <p>Normalerweise zeichnen sich Archive dadurch aus, dass sie dem sogenannten Provenienzprinzip folgen. Das bedeutet: Sie ordnen ihre Bestände nach der Herkunft, nach dem Bestandsbildner. Oft ist das die jeweilige Behörde, von der die Akten direkt übernommen werden. So bleibt der organisatorische Zusammenhang der Dokumente erhalten.</p> <p>In der Rechtsextremismusforschung haben wir es aber in aller Regel mit Sammlungen zu tun, die durch Dritte angelegt worden sind, vor allem durch Beobachter*innen der rechtsextremen Szene in Wissenschaft oder Zivilgesellschaft. Gerade bei Organisationen, die sich am Rande der rechtsextremen Szene bewegten, besonders klein waren, im Geheimen agierten oder sehr spezielle Ausrichtungen hatten – wie die „Gemeinschaft Deutscher Osten“ – kann es passieren, dass die organisatorischen Zusammenhänge bei der Bildung der Sammlungen unbekannt waren. Deshalb landen Schriftstücke unterschiedlicher Gruppen manchmal in einem Bestand.</p> <p>Für die „Reichsbürger“-Szene ist das besonders häufig der Fall. Die Szene war und ist durch viele Kleingruppen gekennzeichnet, die ihre Namen ständig wechselten und selbst oft nicht konsistent nutzten. Hinzu kommt, dass unterschiedliche Organisationen ähnliche oder gleiche Namen für sich reklamierten.</p> <h3 id="h-zwei-organisationen-ein-name-ein-entscheidender-unterschied"><strong>Zwei Organisationen, ein Name – ein entscheidender Unterschied</strong></h3> <p>Das trifft auch auf die „Gemeinschaft Deutscher Osten“ zu. Es gab nämlich zwei verschiedene Organisationen mit diesem Namen:</p> <p><strong>Die GDO in Augsburg</strong> gab die eingangs zitierte Erklärung heraus. Diese Gruppe bezeichnete sich (laut Selbstaussage) als „öffentlichrechtliche Körperschaft ostdeutschen Verfassungsrechtes“ – also als selbsternannte staatliche Institution der „Vereinigten Länder des Deutschen Ostens“, die sich als vierter deutscher Nachkriegsstaat verstanden.</p> <p><strong>Die GDO in Nienburg an der Weser</strong> hingegen war ein eingetragener Verein nach bundesdeutschem Vereinsrecht. Sie war sogar als gemeinnützig anerkannt und damit steuerbegünstigt. Aus dieser Organisation ging unter anderem der „Freistaat Preußen“ durch den Holocaustleugner Rigolf Hennig in den 1990er Jahren hervor.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-scaled.jpg"><img alt="Revisionistische schwarz-weiß-rote Fahne mit dem Schriftzug &quot;Heimathtreu seit 1871, RuStAG 1913&quot;, dahinter der Umriss des Deutschen Kaiserreichs samt Reichsadler." decoding="async" height="768" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/files/IMG_9237-2048x1536.jpg 2048w" width="1024"></img></a><figcaption>Bis heute ist der Gebietsrevisionismus ein Kennzeichen der „Reichsbürger“-Szene – hier auf einer Demonstration im Sommer 2024. Foto: Fachinformationsstelle Rechtsextremismus München.</figcaption></figure> <p>Für die Analyse der revisionistischen und souveränistischen Ideologien (also der Vorstellung, das Deutsche Reich bestehe fort und die Bundesrepublik sei illegitim) mag dieser Unterschied unerheblich erscheinen. Er ist jedoch zentral, wenn es darum geht zu verstehen, wie die frühen „Reichsbürger“-Organisationen mit anderen rechten Gruppierungen verflochten waren und staatliche sowie öffentliche Ressourcen – wie die Anerkennung als gemeinnütziger Verein – für ihre Zwecke zu nutzen wussten.</p> <p>Wenn man diese unterschiedlichen Organisationen auseinanderhält, fällt auch auf, dass die eine einen „Rundbrief“ herausgab, während die andere ein „Rundschreiben“ publizierte. Mögliche Bestandslücken in den Archiven werden aber nur sichtbar, wenn man weiß, dass es sich dabei um zwei verschiedene regelmäßig erscheinende Publikationen handelte.</p> <h3 id="h-kooperation-mit-archiven-wissen-fur-die-zukunft-sichern"><strong>Kooperation mit Archiven – Wissen für die Zukunft sichern</strong></h3> <p>Als Forschungsverbund kooperieren wir daher eng mit den Verantwortlichen in den Archiven. Nur wenn ich meine Forschungserkenntnisse an die Sammlungsverantwortlichen zurückspiele, können diese in den Bestandsbeschreibungen vermerkt werden. So wird sichergestellt, dass die Geschichte dieser Organisationen auch zukünftig in die Analyse ihrer Schriftstücke einbezogen werden kann.</p> <p>Diese archivalische Detektivarbeit mag kleinteilig erscheinen, ist aber unverzichtbar für das Verständnis der „Reichsbürger“-Bewegung. Denn nur wenn wir die organisatorischen Strukturen, Netzwerke und Kontinuitäten seit den 1980er Jahren rekonstruieren, können wir verstehen, dass die „Reichsbürger“ seit 1945 ein Teil der extremen Rechten waren. Die Organisationen, die sich „Gemeinschaft Deutscher Osten“ nannten, sind ein wichtiges Puzzleteil für diese Geschichte, die Verschränkung von Staatssimulationen, Delegitimierung der bundesrepublikanischen Staatlichkeit und den Gebietsrevisionismus mancher Organisationen aus dem diffusen Milieu der „Heimatvertriebenen“ sichtbar machen.</p> <hr></hr> <p><a href="#_ftnref1" id="_ftn1">[1]</a> Vereinigte Länder des Deutschen Ostens (VLDO): Bekanntmachung und Entschließung, in: Recht und Wahrheit 1992, H. 9+10, S. 36.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/rechtsextremismus/das-deutsche-reich-im-deutschen-osten/#comments 6 Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments Tue, 20 Jan 2026 12:00:14 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3514 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920-768x498.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien „zu komplex“ und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort „Komorbidität“, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: „Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?“ Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also „die Pille“ nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT „dem Gehirn beim Denken zuzuschauen“, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die „WEIRD People“ (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur „idealen Personen“ verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013" rel="noopener">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff „Antidepressiva“ auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer „dramatischen Erweiterung“ die Rede:</p> <blockquote> <p>„Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.“ (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel „Antidepressiva“ heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von „Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern“ zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und „Mental Health Awareness“, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg" rel="noopener">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die „Antidepressiva“ absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>„Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.“ (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen „Antidepressiva“ groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema „Abnehmen“ wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013" rel="noopener">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/" rel="noopener">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/medicines-1756239_1920.jpg" /><h1>Neue Studie: Repräsentativität in der Antidepressiva-Forschung lässt zu wünschen übrig » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Obwohl psychische Störungen immer häufiger und intensiver behandelt werden, nimmt deren gesellschaftliche Krankheitslast immer weiter zu. Wie kann das sein?</strong></p> <span id="more-3514"></span> <p>Es wird schon seit längerer Zeit kritisiert, dass die klinische Forschung zu Psychopharmaka nicht repräsentativ genug ist. Zum Beispiel würden aus den Medikamentenstudien Personen mit mehreren Diagnosen ausgeschlossen. Sie seien „zu komplex“ und würden die Ergebnisse verzerren.</p> <p>In der Praxis haben die Patientinnen und Patienten aber oft mehrere psychologisch-psychiatrische Störungen, Stichwort „Komorbidität“, oder körperliche Erkrankungen. Die Realität ist eben oft komplexer, als das für die Datenauswertung wünschenswert ist. Eine neue Studie gibt nun Hinweise darauf, wie groß das Problem ist.</p> <p>Zunächst soll aber kurz – auch aus eigener Erfahrung – erklärt werden, warum Komplexität ein Problem für die Forschung ist. Denn dann versteht man besser, warum es gerade in Studien mit finanziellen Interessen ein Bedürfnis nach Einfachheit gibt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em><aside></aside></p> <hr></hr> <h2 id="h-nicht-zu-viel-variabilitat">Nicht zu viel Variabilität</h2> <p>In der experimentellen Forschung mit Menschen braucht man neben guten Ideen natürlich vor allem eins: viele Versuchspersonen. In meiner Zeit als Doktorand in zwei psychiatrischen Universitätskliniken war es üblich, dass man einander hilft. Da legte man sich für die Tests der anderen zum Beispiel in die Röhre des funktionellen Magnetresonanztomografen (fMRT). Umgekehrt halfen die anderen einem, wenn man selbst einen Versuch entwickelte.</p> <p>Es gibt im Leben aber auch Schöneres, als oft in so einer engen Röhre zu liegen. Wohlgemerkt, während mit elektromagnetischen Feldern das Körpergewebe (hier: des Gehirns) in kleine Scheiben unterteilt wird. Damit misst man die magnetische Resonanz, die dem Verfahren den Namen gibt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschehen muss, erzeugt dabei viel Lärm.</p> <p>Anders gesagt: Es wäre nicht ganz unpraktisch, eine sozial akzeptierte Ausrede zu haben, um an solchen Versuchen <em>nicht</em> teilnehmen zu müssen. Und da kam mir meine Veranlagung als Linkshänder zur Hilfe: Wenn ich also gefragt wurde, ob ich wieder an einem Versuch teilnehmen würde, hob ich die linke Hand und sagte: „Natürlich helfe ich dir gerne. Aber du weißt schon, dass ich Linkshänder bin und das deine Varianz erhöht?“ Damit war die Sache in 80 Prozent der Fälle erledigt.</p> <p>Bei der Untersuchung von Frauen gab es eine Vorliebe für diejenigen, die hormonell verhüteten, also „die Pille“ nahmen. Denn auch mit dem Hormonzyklus gehen Veränderungen in den Messungen einher, die die Variabilität erhöhen.</p> <p>Sogar in der Tierforschung mit Mäusen und Ratten gibt es eine Vorliebe für die Männchen. Diese sind günstiger in der Haltung – und haben nicht die hormonellen Schwankungen der Weibchen. In den letzten Jahren wird diese Einseitigkeit aber immer stärker kritisiert, auch zu Recht.</p> <h2 id="h-reprasentativitat">Repräsentativität</h2> <p>Für Grundlagenforschung und zur Gewinnung neuer Hypothesen mag man solche Vereinfachungen noch akzeptieren. Mich wunderte, dass man in der Öffentlichkeit diesen Mythos verbreitete, mit der fMRT „dem Gehirn beim Denken zuzuschauen“, während tatsächlich schon Linkshänder oder Frauen ohne hormonelle Verhütung eine Gefahr für die Messergebnisse darstellten.</p> <p>Man sucht in der Forschung spezifische Effekte zu seiner Hypothese. Da stören Faktoren wie die Händigkeit oder Hormonschwankungen nur – sofern es im Experiment nicht genau darum geht. Streng genommen müsste man solche individuellen Unterschiede zwischen den Versuchspersonen in das statistische Modell aufnehmen, um unerklärte Variabilität zu vermeiden. Denn diese verschlechtert die Ergebnisse. In der Praxis bevorzugt man aber lieber eine gleichförmige Gruppe von Versuchspersonen.</p> <p>Das führt dann zu der häufigen Kritik, dass in der psychologischen oder experimentell-medizinischen Forschung zu oft die eigenen Studierenden untersucht werden. Daher würden die Ergebnisse nur eine kleine, in diesem Fall auch noch privilegierte Gruppe widerspiegeln, die „WEIRD People“ (im Englischen für: westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch). Zum Vergleich: Bei Wahlumfragen wäre es zwar praktisch, einfach bei den Nachbarn zu klingeln. Aber das würde eben keine zuverlässigen Ergebnisse für das ganze Land liefern.</p> <p>Deshalb ist die Frage der Repräsentativität bei klinischer Forschung besonders wichtig. Denn die Therapien werden ja nicht nur „idealen Personen“ verordnet. Sowohl in der Ärzteschaft als auch für Patientinnen und Patienten sollten daher zuverlässige und aussagekräftige Daten zur Verfügung stehen. Wir wissen außerdem, dass <em>jede</em> Behandlung mit bestimmten Risiken einhergeht. Diese muss man gegen den zu erwartenden Nutzen abwägen. Und hierfür muss man richtig informiert sein.</p> <h2 id="h-neue-studie">Neue Studie</h2> <p>Um das Problem besser zu verstehen, hat ein internationales Forschungsteam jetzt die Daten von rund 210.000 Personen aus Finnland und Schweden mit einer depressiven Störung ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen am 14. Januar <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013" rel="noopener">vorab online</a> in der wichtigen Fachzeitschrift <em>World Psychiatry</em>.</p> <p>Demnach wurden etwas mehr als ein Drittel der Betroffenen – 33,5 Prozent in der finnischen und 35,3 Prozent in der schwedischen Gruppe – systematisch aus der Antidepressiva-Forschung ausgegrenzt. Die häufigsten Gründe hierfür waren: das Vorliegen einer körperlichen Erkrankung sowie einer anderen psychologisch-psychiatrischen Störung, darunter auch problematischer Drogenkonsum. Wenn man die körperlichen Erkrankungen etwas weiter fasste, verschwanden sogar fast 50 Prozent der Patientinnen und Patienten vom Radar der Forschung.</p> <p>Mitunter wird hierauf erwidert, die Studien würden eben den <em>spezifischen</em> Effekt von Antidepressiva bei Depressionen untersuchen. Um Wechselwirkungen mit anderen Erkrankungen zu vermeiden, müsse man die komplexeren Fälle ausschließen.</p> <p>Diesen Einwand könnte man meiner Meinung nach in einer experimentellen Anfangsphase gelten lassen. Die Medikamente, um die es hier geht, werden aber seit über 40 Jahren verschrieben. Und sogar heute noch steigt die Anzahl der Verschreibungen stetig, auf inzwischen über 1,8 Milliarden Tagesdosen allein in Deutschland.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg"><img alt="" decoding="async" height="593" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-1024x593.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva-768x445.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Antidepressiva.jpg 1385w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Im hier dargestellten Zeitraum hat sich die Verschreibung der sogenannten Antidepressiva (schwarze Linie) in Deutschland in etwa verelffacht. Die Verschreibung von Beruhigungsmitteln (graue Linie) nahm währenddessen ab. Heute werden die Antidepressiva – vor allem Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer – nicht nur oft bei depressiven Störungen, sondern auch Angst- und Zwangsstörungen verschrieben. Datenquelle: Arzneiverordnungs-Report</em></p> <h2 id="h-die-schwersten-probleme">Die schwersten Probleme</h2> <p>Der beschriebene Ausschluss hat aber – neben der geringeren Repräsentativität – noch eine andere Folge: Mit den komplexeren Fällen werden nämlich auch die Patientinnen und Patienten <em>mit den schwersten Depressionen</em> aus der Forschung ausgegrenzt. Die hatten laut der Studie nämlich eine zwei- bis dreimal so hohe Wahrscheinlichkeit für eine Krankenhausaufnahme, einen Suizidversuch oder gar den Tod innerhalb der nächsten sechs Monate.</p> <p><em>Haben Sie Suizidgedanken? Zum Beispiel die Telefonseelsorge (0800 111 0 111) oder Nummer gegen Kummer (116 111) können helfen. Im Notfall können Sie auch den Notruf wählen.</em></p> <p>Demnach gibt es gerade für diejenigen, die am meisten auf eine wirksame Therapie angewiesen sind, am wenigsten Daten. Dass die Wirksamkeit der Medikamente in der Praxis eher bescheiden ausfällt, überrascht dann nicht – und wurde in meinem Blog übrigens <a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/groesstenteils-nutzlos-und-potenziell-schaedlich/">schon 2018 thematisiert</a>.</p> <h2 id="h-begriff-der-antidepressiva">Begriff der Antidepressiva</h2> <p>In den letzten Jahren wurde der Begriff „Antidepressiva“ auch aus pharmakologischer Sicht kritisiert. Die Mittel werden inzwischen nämlich für eine Vielzahl von psychologisch-psychiatrischen Störungen verschrieben. Im Arzneiverordnungs-Report ist sogar von einer „dramatischen Erweiterung“ die Rede:</p> <blockquote> <p>„Ursprünglich wurden diese Arzneistoffe zur Therapie der Depression eingesetzt. In den letzten Jahren hat sich jedoch eine dramatische Erweiterung des Indikationsspektrums für die Antidepressiva entwickelt. Sie werden unter anderem auch zur Therapie von Angststörungen, Zwangserkrankungen, Panikstörungen, posttraumatischem Stress-Syndrom und neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Also muss der Arzt bei diesen Indikationen, wenn er ein Antidepressivum verschreibt, dem Patienten unter Umständen klarmachen, dass er keine Depression habe, sondern die verschriebenen Arzneistoffe auch bei anderen Erkrankungen wirksam sind. Der Patient wird oft irritiert sein und dann beim Recherchieren im Internet feststellen, dass die Depression als Hauptindikation für Antidepressiva gelistet wird.“ (Arzneiverordnungs-Report 2021, S. 111f.)</p> </blockquote> <p>Anders gesagt: Weil diese Mittel „Antidepressiva“ heißen und viele Patientinnen und Patienten lieber nicht mit depressiven Störungen in Zusammenhang gebracht werden, lehnen sie diese Medikamente häufiger ab. Als Alternative wird darum nun aus pharmakologischer Sicht vorgeschlagen, von „Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärkern“ zu reden. Damit beschreibt man eher, wie die Substanzen im Körper wirken.</p> <p>Darüber, was sie <em>mit der Psyche</em> der Betroffenen machen, ist übrigens erstaunlich wenig bekannt. In den Wirksamkeitsstudien wird untersucht, wie groß der Unterschied auf einer standardisierten Depressions-Skala ist. Damit wird zum Beispiel abgefragt, wie niedergeschlagen man sich fühlt oder wie aktiv man am Leben teilnimmt. Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit sind die Kernsymptome der depressiven Störung.</p> <p>Eine der wenigen mit kritischer Haltung in der psychiatrischen Forschung, Joanna Moncrieff, Professorin am University College London, wollte es genauer wissen. Nach jahrelangem Studium zieht sie das Fazit, dass die genannten Medikamente vor allem Gefühle unterdrücken und manchmal auch eine aktivierende Wirkung haben. In ihrem neuen Buch <em>Chemically Imbalanced: The Making and Unmaking of the Serotonin Myth</em> räumt sie mit so manchem Mythos auf, wie zum Beispiel dem, die Substanzen würden ein neurochemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren.</p> <h2 id="h-neu-woruber-psychiater-ungern-sprechen">Mehr zum Thema</h2> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Perspektiven-neu.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><strong>Erfahren Sie mehr über psychische Störungen im neuen Buch von Stephan Schleim:</strong> Was sind Depressionen überhaupt und wie diagnostiziert man sie? Warum steigen die Diagnosen und Medikamentenverschreibungen endlos an? Die 27 Kapitel behandeln grundlegende und aktuelle Themen. Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 19,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">im BoD Shop</a>. Oder als eBook für nur 9,99 Euro bei <a href="https://www.amazon.de/dp/B0FR3R9YH6" rel="noopener">Amazon</a>, <a href="https://books.apple.com/us/book/id6752545677" rel="noopener">Apple Books</a> und <a href="https://play.google.com/store/books/details?id=PIiGEQAAQBAJ" rel="noopener">Google Play Books</a>.</em></p> <h2 id="h-in-der-summe">In der Summe</h2> <p>Das wäre vielleicht alles halb so wild, ging es nicht um so viele Personen. Die 1,8 Milliarden Tagesdosen reichen für die tägliche Behandlung von 5 Millionen Menschen. In machen Ländern, allen voran die USA, werden pro Kopf noch viel mehr Psychopharmaka verschrieben. Dort ist der Pharma-Markt weniger streng reguliert und dürfen die Unternehmen ihre Medikamente sogar öffentlich bewerben,</p> <p>Und es wäre auch nur halb so wild, würden die psychischen Probleme nicht immer größer: Obwohl wir immer mehr für die mentale Gesundheit tun, ausgeben und therapieren, nimmt die mit ihnen verbundene Krankheitslast zu; es gibt zum Beispiel immer mehr Krankheitstage und längerfristige Arbeitsunfähigkeiten im Zusammenhang mit psychologisch-psychiatrischen Störungen. Zu glauben, dass immer mehr Aufmerksamkeit, Stichwort Influencer und „Mental Health Awareness“, die Probleme verringern, ist naiv.</p> <p>Leider zeichnen sich in den letzten Jahren auch die Schattenseiten der Medikamente immer deutlicher ab: Aber die Nebenwirkungen und das Abhängigkeitsrisiko sind ein komplexes Thema für sich. Zur Orientierung ist die ARD-Dokumentation <a href="https://www.ardmediathek.de/video/dokumentation-und-reportage/tabletten-gegen-depressionen-helfen-antidepressiva/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzIwMjItMDktMTJfMjMtMDUtTUVTWg" rel="noopener">Tabletten gegen Depressionen – helfen Antidepressiva?</a> aus dem Jahr 2022 immer noch zu empfehlen. Mir bleibt vor allem die Psychotherapeutin in lebhafter Erinnerung, die die kritischen Berichte ihrer Patientinnen und Patienten lange Zeit nicht ernst nahm. Vor laufender Kamera gesteht sie ihre eigene Abhängigkeit, dass sie selbst gerne die „Antidepressiva“ absetzen würde, doch es ihr nicht gelingt.</p> <p>Mit der neuen Studie der finnischen und schwedischen Daten wird konkreter, wie verzerrt die Datenlage zu den sogenannten Antidepressiva ist. In den Worten der Forscherinnen und Forscher:</p> <blockquote> <p>„Wir kommen zu dem Schluss, dass umfassendere Einschlusskriterien für randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und deren Integration mit Daten aus der realen Welt erforderlich sind, um die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse von Antidepressiva-Studien und der klinischen Behandlungsleitlinien für depressive Störungen zu verbessern. … Unsere Ergebnisse bestätigen die Bedenken über die mangelnde Übertragbarkeit der Ergebnisse von klinischen Versuchen in der Psychiatrie auf die Situationen und Individuen in der wirklichen Welt.“ (Hamina et al., 2026, S. 117 &amp; 123)</p> </blockquote> <h2 id="h-alternativen">Alternativen</h2> <p>Nach über 40 Jahren zunehmender Verschreibung ist das ein ernüchterndes Fazit. In diesem Zeitraum stieg übrigens der Aktienkurs der Pharmafirma Eli Lilly von rund 5 US-Dollar Mitte der 1980er-Jahre auf heute satte 1.000 Dollar, also um den Faktor 200. Das ist nur <em>ein</em> Beispiel für eines der globalen Unternehmen, das mit den neuen „Antidepressiva“ groß geworden ist. In jüngerer Zeit verdient Lilly allerdings auch sehr gut an Medikamenten zum Abnehmen, einem anderen Massenmarkt.</p> <p>Das Thema „Abnehmen“ wäre eine interessante andere Fallstudie für ein Problem unserer Zivilisation, das gleichzeitig einen Milliardenumsatz auf dem Gesundheitsmarkt ermöglicht. Das zeigt einmal mehr, dass wichtige Akteure dieses Markts gar kein Interesse an nachhaltiger Gesundheit, sondern an beherrschbarer, chronischer Krankheit haben:</p> <p>Erst verdienen große Nahrungsmittelkonzerne am massenweisen Verkauf hoch industriell verarbeiteten und damit billigen Essens mit viel Fett, Salz, Zucker und Geschmacksverstärkern. Und dann verdienen große Pharmafirmen mit dem massenweisen Verkauf von Mitteln zum Abnehmen. Auch die Ärzteschaft verdient dabei mit. Dabei ist sehr praktisch, wenn diese Mittel das Leiden nur lindern, so lange man sie nimmt. Durch eine nachhaltige Änderung des Lebenswandels mit besserer Nahrung, Zeit für Bewegung und einer guten Balance wichtiger Lebensziele würden diese Milliardenmärkte wegbrechen.</p> <p>Wie man gesund lebt, sowohl körperlich als auch geistig, ist natürlich ein komplexes Thema, das man nicht in einem Satz behandeln kann. Aber dass sehr viele Ursachen der Probleme in unserer Umwelt liegen, sei an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben.</p> <p>Der große Schwerpunkt auf das Individuum und dessen Gehirn durch die Dominanz der biologischen Psychiatrie seit den 1980er-Jahren geht mit einer immer größeren Krankheitslast einher. Ausführlicher erklärt ist das in meinem neuen Buch, <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/perspektiven-aus-der-depressions-epidemie-stephan-schleim-9783819205736" rel="noopener">Perspektiven aus der Depressions-Epidemie</a></u></em>. Wenn aber die Medikamentenforschung auch Jahrzehnte später noch so wenig aussagekräftig ist, wie in der hier besprochenen neuen Studie beschrieben, dann gibt es auf jeden Fall einen großen Verbesserungsspielraum.</p> <h2 id="h-quelle">Quelle</h2> <ul> <li>Hamina, A., Pinzón‐Espinosa, J., Taipale, H., Schneider‐Thoma, J., Radua, J., Efthimiou, O., … &amp; Luykx, J. J. (2026). <a href="https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wps.70013" rel="noopener">Representation and outcomes of individuals with major depression in routine care who are ineligible for randomized controlled trials: a nationwide register‐based study</a>. <em>World Psychiatry</em>, 25(1), 117.</li> </ul> <hr></hr> <p><em><strong>Neu:</strong> Diskutieren Sie die Blogbeiträge in der Community <a href="https://www.reddit.com/r/PsycheUndMensch/" rel="noopener">PsycheUndMensch</a> auf Reddit (gratis).</em></p> <p><em>Folgen Sie Stephan Schleim auf <a href="https://twitter.com/SchleimStephan" rel="noopener">Twitter/X</a> oder <a href="https://www.linkedin.com/in/stephan-schleim-96a70537/" rel="noopener">LinkedIn</a>.Abbildung: auf Grundlage von <a href="https://pixabay.com/illustrations/medicines-disease-doctor-woman-1756239/" rel="noopener">Thanks for your Likes</a>, <a href="https://pixabay.com/service/license-summary/" rel="noopener">Pixabay-Lizenz</a>.</em></p> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/b185cf69cad349b083fff3030d06c191" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neue-studie-repraesentativitaet-in-der-antidepressiva-forschung-laesst-zu-wuenschen-uebrig/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>14</slash:comments> </item> <item> <title>Sind wir alle Simulanten? https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/ https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments Fri, 16 Jan 2026 19:52:36 +0000 Martina Grüter https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/?p=353 https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2-768x559.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Von Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950" rel="noopener">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/" rel="noopener">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/" rel="noopener">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/" rel="noopener">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber manchmal eben auch nicht. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim2.jpg" /><h1>Sind wir alle Simulanten? » Babylonische Türme » SciLogs</h1><h2>By Von Martina Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Leben wir </b><b>alle </b><b>in einer Simulation? </b><b>Spätestens seit den Matrix-Filmen eine durchaus ernsthaft diskutierte Frage. </b><b>E</b><b>ine Gruppe von Mathematikern um Mir Faizal von der kanadischen University of British Columbia <a href="https://arxiv.org/abs/2507.22950" rel="noopener">meint jetzt beweisen zu können</a>, dass wir in der echten Realität zu Hause sind. </b><b>Das ist doch beruhigend. </b></p> <p>Schon 1961 entwarf der österreichische Autor Herbert W. Franke 1961 in seinem Science-Fiction-Roman „Das Gedankennetz“ die dystopische Vision eines totalitären Staates, der potentielle Abweichler einer Loyalitätsprüfung unterziehen konnte, und zwar mithilfe von perfekten Simulationen, die sie nicht von der Wirklichkeit unterscheiden konnten. Der Oxforder Philosoph Nick Bostrom veröffentlichte <a href="https://simulation-argument.com/simulation/" rel="noopener">im Jahre 2003 eine Abhandlung</a>, in der er argumentiert hatte, dass unsere Welt nur aus Bits und Bytes besteht und wir alle lediglich als Elektronenwolken im Inneren eines SSD-Speichers existieren, wo wir darauf warten, dass jemand die Simulation in den Hauptspeicher lädt und startet.</p> <p>Die Philosophie kennt viele Behauptungen, die sich ebenso schlüssig widerlegen wie auch beweisen lassen. Wäre die Philosophie eine exakte Wissenschaft, könnte man sich viele Regalmeter Bücher ersparen. Aber sie ist es nicht, und so wundert es niemanden, wenn eine philosophische Schule mit viel Scharfsinn eine in sich schlüssige Lehre aufbaut, die dann von einer anderen Schule mit ätzend scharfer Argumentation widerlegt wird. Beide bauen ein tragfähiges Gedankengebäude auf, das den unausweichlichen Zusammensturz der gegnerischen Konstruktion beweist. Beweise und Gegenbeweise leben in friedlicher Koexistenz, denn sie ernähren jeweils eine erkleckliche Anzahl von Akademikern.</p> <p>Aber hier geht es buchstäblich um eine existenzielle Frage, nicht um ein luftiges Gebilde aus sophistischen Argumenten. Sehen wir uns die Argumente beider Seiten einmal an:</p> <h3>Was für die Simulations-Hypothese spricht</h3> <p>Nick Bostrom argumentierte, vereinfacht gesagt, dass es nur eine Wirklichkeit gibt, aber beliebig viele Simulationen.<aside></aside></p> <p>Das Spiel „Grand Theft Auto“ (GTA) schafft zum Beispiel eine ganze Spielwelt und läuft auf vielen Millionen Rechnern. Jede neue Version (wir sind inzwischen bei GTA VI) hat eine größere Spielwelt und mehr NPCs (Non-player Characters, vom Computer simulierte Nebenfiguren). Warum sollte nicht in naher Zukunft eine solche Spielwelt so groß sein wie die Erde, oder wenigstens so groß wie die Lebenswelt der Menschen?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-355" id="attachment_355"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg"><img alt="Simulation und Wirklichkeit" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1024x1024.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6-1536x1536.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim6.jpg 2048w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-355">KI-generiertes Bild zur Frage, ob wir in einer Computer-Simulation leben.</figcaption></figure> <p>Mehr als 400 Millionen Kopien des Spiels hat die Herstellerfirma verkauft. Wenn jede nur zehntausend NPCs<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> erschafft, dann wären wir bei mehr als vier Billionen NPCs. Und wer weiß, vielleicht kann schon im Jahr 2100 jeder Laptop eine so riesige Welt simulieren.</p> <p>Darauf baut Bostrom seine Argumente auf.</p> <ul> <li>Wenn unsere Nachfahren genügend große Rechner bauen können <i>und</i></li> <li>wenn sie daran interessiert sind, eine Simulation zu bauen und zu spielen, die in der Vergangenheit spielt <i>und</i></li> <li>wenn die NPCs darin tatsächlich ein Bewusstsein entwickeln können,</li> </ul> <p>dann (und nur dann) leben wir wahrscheinlich in einer Simulation.</p> <p>Das sind eine ganze Menge wenns. Fangen wir beim letzten an: Ob NPCs im Computer <a href="https://www.scinexx.de/news/technik/kann-ki-ein-bewusstsein-entwickeln/" rel="noopener">ein Bewusstsein entwickeln</a>, wird auch längerfristig kaum zu klären sein. Schließlich wissen wir (wir = alle Wissenschaftler der Erde) nicht, was ein Bewusstsein überhaupt ist. Jeder weiß, dass er eines hat, und vermutet, dass alle anderen auch eines haben. Alles weitere driftet schnell in den Bereich der Esoterik ab. Wenn sich aber eine Hypothese in einem entscheidenden Punkt der Überprüfung entzieht, haben wir jedes Recht, sie zum Gedankenspiel herunterzustufen.</p> <p>Wo wir gerade beim Gedankenspielen sind: Wer sagt denn eigentlich, dass wir nicht in einer Simulation leben, deren Schöpfer wiederum nur einer Simulation entstammen? Diese Idee stammt nicht von Nick Bostrom, sie findet sich schon im Jahr 1964 in dem Science-Fiction-Roman Simulacron III von Daniel F. Galouye. Darin beschreibt er die Simulation einer Großstadt zu Marktforschungszwecken. Aber auch die Wissenschaftler, die den gigantischen Computer betreiben, in dem die Simulation läuft, müssen irgendwann feststellen, dass sie selbst nur Bits in einem Computer sind. Rainer Werner Fassbinder hat den Roman 1973 kongenial verfilmt.</p> <p>Der Roman und der Film enden damit, dass der Protagonist es schafft, aus der Simulation zu entkommen und in die Wirklichkeit vorzustoßen. Aber was, wenn es keine Wirklichkeit gibt? Wenn jede neue Ebene wieder eine Simulation ist? Wenn es sich um unzählige Spiegelbilder einer endlos fernen Wirklichkeit handelt, zu der wir niemals durchbrechen werden?</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-357" id="attachment_357"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg"><img alt="Unendliche Spiegel" decoding="async" height="523" sizes="(max-width: 523px) 100vw, 523px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim4.jpg 1024w" width="523"></img></a><figcaption id="caption-attachment-357">Könnte die Welt eine unendlich ineinander geschachtelte Simulation ein?</figcaption></figure> <p>Dieser Idee sind dann doch enge Grenzen gesetzt. Jede Welt wird nur einen winzigen Teil ihrer Ressourcen auf die Simulation verwenden, schließlich muss man sich um wichtigere Dinge kümmern als Computerspiele. Jede höhere Stufe der Simulation wäre also Millionen Mal komplexer als aktuelle. Damit gelangen wir sehr schnell in Regionen, die einen mehrfachen Regress schon unwahrscheinlich werden lassen, einen endlosen Regress (Ursache der Ursache der Ursache … ad infinitum) aber sicher ausschließt.</p> <h3>Simulation oder Modell?</h3> <p>Wenn wir ehrlich sind, müssen wir natürlich zugeben, dass die Spiele im Rechner nicht einmal ein Dorf von hundert Einwohnern wirklich simulieren können. Ein professioneller Flugsimulator ahmt das wirkliche Flugverhalten eines einzelnen Flugzeugs sehr gut nach, so gut jedenfalls, dass die Piloten echte Notfälle darin üben können, ohne dass bei einer falschen Reaktion jemand zu Schaden kommt. Wohlgemerkt: Der Simulator bildet nur das nach, was die Piloten sehen, und konfrontiert sie mit den Konsequenzen falschen Handelns. Er könnte beispielsweise nicht simulieren, wie Passagiere reagieren, und nur sehr ungenau, an welchen Stellen sich eine Strukturüberlastung auswirken würde.</p> <p>Ein Spiel wie GTA oder Civilisation ist dagegen ein <i>Modell</i> im Maßstab eins zu einer Million (oder noch kleiner). Von einer Simulation zu sprechen, ist zwar üblich, aber irreführend. Kein Computerspielstudio bildet die echte Lebenswelt der Menschen genauer nach als beispielsweise Disneyworld oder Legoland. Warum erscheint es dann so echt, wenn man vor seinem Bildschirm sitzt? Wir Menschen sehen eben nur einen verschwindend kleinen Ausschnitt unserer Welt, und davon auch nur das, was unser Gehirn daraus macht. Schon wenn wir ein Buch lesen oder ein Theaterstück erleben, dann haben wir das Gefühl, die Figuren seien Teil unserer Lebenswelt. Wir neigen also dazu, aus kleinen Mosaiksteinen auf das ganze Bild zu schließen. Und ein Großteil davon spielt sich nur in unserem Kopf ab.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-356" id="attachment_356"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim5.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-356">Die Simulation der Welt in unserem Kopf. Simulieren wir eventuell eine Simulation?</figcaption></figure> <p>Nach meinem Eindruck haben weder Nick Bostrom noch seine Kritiker den Unterschied zwischen Simulation und Modell ausreichend diskutiert. Denn seien wir ehrlich: Computerspiele wie GTA simulieren keine Welt, sie modellieren nur auf recht primitive Weise soziale Interaktionen, und das vor einem Hintergrund, der kaum realistischer ist als die gemalten Kulissen in einem Theater.</p> <p>Kommen wir also jetzt zur Widerlegung.</p> <h3>Die Widerlegung: Wir leben nicht in einer Simulation</h3> <p>Während sich Bostroms Beweis durch seine Geradlinigkeit und Verständlichkeit auszeichnet, liest sich die Widerlegung wie ein Gewaltmarsch durch die dämmerigen Ränder der Mathematik, der Physik und der Philosophie. Die Quantengravitation wird da bemüht – ein Konzept, an dem sich Generationen von Physikern bisher vergeblich abarbeiten. Die Quantentheorie beschreibt hervorragend die Welt des Elektromagnetismus und der Kernkräfte. Die Quantenfeldtheorie beschreibt alle Kräfte außer der Gravitation, die wiederum von der Relativitätstheorie perfekt erfasst wird. Aber bisher sind alle Versuche gescheitert, daraus eine gemeinsame Theorie – die Quantengravitation – zu destillieren. Aber wenn es etwas nicht gibt, kann ich damit auch nicht argumentieren.</p> <p>Als weitere Akteure im Paper treten auf: Gödels Unvollständigkeitssatz, Tarskis Satz über die Undefinierbarkeit der Wahrheit und <a href="https://plato.stanford.edu/entries/platonism-mathematics/" rel="noopener">der Platonismus in der Mathematik</a>, eine philosophische Theorie, die von der wirklichen Existenz abstrakter mathematischer Objekte ausgeht. „Wirklich“ heißt hier, sie existieren wie Planeten oder Kometen, unabhängig vom menschlichen Denken, und wenn ein Mathematiker ein neues Konzept findet, hat er es nicht er-funden, sondern ge-funden.</p> <p>Und das alles kondensieren die Autoren um Mir Faizal zu der Idee, dass sich unsere Welt von innen her nicht vollständig beschreiben lässt. Es bleibt immer ein undefinierbarer Rest, und zwar nicht etwa deshalb, weil man unmöglich schafft, in alle Staubecken zu gucken, sondern wegen des fundamentales Prinzips, dass immer irgendetwas nicht perfekt definiert ist.</p> <p>Weil aber eine Simulation in einem Computer abläuft, in der jedes Bit einen exakten Wert hat, der nach bestimmten Algorithmen auf eindeutige Art verändert wird, kann ein Computer unsere Welt nicht komplett simulieren. Wenn unsere Welt aber nicht im Computer simuliert werden kann, dann leben wir offensichtlich nicht in einer Simulation.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-360" id="attachment_360"><a href="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg"><img alt="" decoding="async" height="512" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px" src="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-300x300.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-150x150.jpg 150w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1-768x768.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/files/sim1.jpg 1024w" width="512"></img></a><figcaption id="caption-attachment-360">Kann es überhaupt eine Simulation geben?</figcaption></figure> <p>Äh, ja, sicher, ist doch ganz einfach, oder nicht? Bei näherer Überlegung hat die Argumentation aber ähnlich viele Löcher wie der Beweis. Zunächst: Woher wissen Physiker eigentlich, wie die Welt im Kleinsten (Quanten) und Größten (Galaxien) zusammengesetzt ist? Naja, sie lesen Instrumente ab. Sie werten Fotos aus. Erst dann schaffen sie Theorien und setzen neue Experimente auf, um aus weiteren Messwerten mehr Erkenntnisse zu entnehmen. Auch ein eindeutig definiertes System wie ein Computer könnte diese Ablesungen simulieren und den NPCs vorgaukeln, ihre Welt sei schon prinzipiell nicht simulierbar.</p> <p>Und das ist natürlich nicht alles. Wenn unsere Welt nicht simulierbar ist, dann könnte es auch keine Simulationen wie GTA geben. Es gibt sie aber. Nur: Diese Simulationen sind, wie schon gesagt, <i>Modelle</i> und haben eben mit der wirklichen Welt so viel gemeinsam wie ein Matchbox-Mercedes mit dem echten Auto.</p> <p>Der Beweis und seine Widerlegung sind also an so viele Bedingungen geknüpft, dass sie, wie so oft in der Philosophie, friedlich nebeneinander leben.</p> <h3>Also was denn jetzt: Simulation oder nicht?</h3> <p>Wenn schon nicht die ganze Welt simuliert wird, könnte es sein, dass jemand unsere Gehirne mit falschen Informationen füttert, wie beispielsweise in den Matrix-Filmen? Sicher, unmöglich ist das nicht, aber irgendwie frage ich mich doch, warum jemand den ungeheuren Aufwand dafür treiben sollte. Das beantwortet die Matrix-Serie nicht befriedigend, die Erklärung im Film sorgt zwar für gehörigen Grusel, ist aber im Grunde unsinnig. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass einfache Antworten wahrscheinlicher sind als komplizierte<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>, dann leben Sie und ich wahrscheinlich nicht in einer Simulation, auch nicht in einer minimalen, in der nur unser ganz persönliches Gehirn absichtlich in die Irre geführt wird. Selbst dieses Szenario ist ein gehöriges Stück komplizierter als die einfache Erklärung, dass unser Gehirn ein Modell der echten Außenwelt aufbaut, damit wir uns darin sinnvoll bewegen können.</p> <p>Und wenn aber doch … ? Dann denken Sie darüber nach, wie die echte Welt aussehen könnte, warum ausgerechnet Ihr Gehirn in einem Tank liegt, und schreiben Sie ein Buch darüber. Es wird bestimmt ein Bestseller.</p> <p>P.S.: Weil die künstliche Intelligenz bei diesem Thema sozusagen direkt betroffen ist, habe ich diverse KI-Modelle gebeten, Bilder zum Thema zu generieren. Die besten Ergebnisse stelle ich hier vor.</p> <h3>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> In dem sehenswerten Film „Free Guy“ aus dem Jahr 2021 spielt ein NPC die Hauptrolle. Er ist damit zufrieden, dass seine Tage immer gleich ablaufen. Aber dann wird seine Routine durchbrochen, und er muss sich einem Kampf stellen, der seine ganze Spielwelt bedroht. Der Film ist als Actionkomödie angelegt, und so wird am Ende alles gut.</p> <div id="sdendnote2"> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> In der Philosophie ist dieses Prinzip als „Ockhams Skalpell“ oder „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Es ist kein Gesetz, sondern eher eine Faustregel, benannt nach dem mittelalterlichen Mönch und Philosophen Wilhelm von Ockham, obwohl von ihm keine einzelne entsprechende Definition überliefert ist. Demnach sind einfache Erklärungen für einen Sachverhalt grundsätzlich vorzuziehen, immer vorausgesetzt, sie erklären ihn vollständig. Man soll versuchen, mit möglichst wenigen Variablen, Hypothesen und Zusammenhängen auszukommen. Das Skalpell schneidet also wucherndes Gedankengewebe weg. Im Einzelfall mag eine Lösung komplizierter sein. Ein Beispiel: In neun von zehn Fällen ist eine Person, die mit einem blutigen Messer am Tatort eines Mordes angetroffen wird, tatsächlich der Mörder, aber manchmal eben auch nicht. Im Fall der Simulation ganzer Welten heißt das: Die Herstellung und der Betrieb einer Simulation ist außerordentlich kompliziert und fehleranfällig. Die Annahme, dass Ihre oder meine sichtbare Welt genau darauf beruht, ist demzufolge sehr viel weniger wahrscheinlich als die Annahme, dass wir in der echten Welt wohnen.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/babylonische-tuerme/sind-wir-alle-simulanten/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>43</slash:comments> </item> <item> <title>Venezuelas Reichtum an Öl – das Orinocobecken https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments Fri, 16 Jan 2026 17:05:27 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3727 https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/</link> </image> <description type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#" rel="noopener">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/" rel="noopener">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf" rel="noopener">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder" rel="noopener">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png" rel="noopener">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><h1>Venezuelas Reichtum an Öl - das Orinocobecken » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p><a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Venezuela#" rel="noopener">Venezuela </a>steht einmal mehr im Zentrum des weltweiten Interesses. Ich möchte mich hier nicht über den Sinn oder Unsinn auslassen, unliebsame Politiker zu entführen, selbst wenn sie ihr Land unterdrücken und nicht demokratisch legitimiert sind. Hier geht es hauptsächlich um das Öl. Das Unternehmen wurde schließlich nicht gestartet, um dem venezolanischen Volk Freiheit oder wirtschaftlichen Wohlstand zu bringen.</p> <p>Vermutlich verfügt das lateinamerikanische Land über die <a href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/40062/umfrage/laendervergleich-nachgewiesene-erdoelreserven-in-milliarden-tonnen/" rel="noopener">größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt</a>. Schätzungen zufolge besitzt Venezuela rund 300 Milliarden Barrel Öl. Damit liegt das Land nicht nur an der Spitze in Lateinamerika, sondern auch deutlich vor Saudi-Arabien mit 265 Milliarden Barrel. Brasilien, die Nummer zwei in Lateinamerika in Sachen Erdöl, ist mit gut 16 Mrd. Barrel weit abgeschlagen. Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass weite Bereiche in Lateinamerika noch nicht hinreichend exploriert wurden und sicher noch einige Überraschungen bereithalten könnten.</p> <p>Hinzu kommt, dass man zwischen Reserven und Ressourcen unterscheidet. Reserven bezeichnen die Mengen, die zu gegenwärtigen Preisen und mit heutiger Technologie förderbar sind. Letztere stellen die Mengen dar, die zwar nachgewiesen sind, aber nach dem heutigen Stand der Technik und den heutigen Preisen nicht gewonnen werden können. Sie könnten aber möglicherweise in Zukunft ausgebeutet werden. Das erklärt auch die immer wieder auftretenden Schwankungen der Zahlen. Hier soll es um Reserven gehen.</p> <h2 id="h-wo-kommt-das-ol-eigentlich-her">Wo kommt das Öl eigentlich her?</h2> <p>Selbst wenn man davon ausgeht, dass die umliegenden Gebiete in Lateinamerika noch nicht ausreichend erkundet wurden und möglicherweise noch das eine oder andere Überraschungspotenzial bergen. Venezuela ist in jedem Fall bemerkenswert. Rund 90 % des venezolanischen Öls kommen im Orinocobecken vor. Das Gebiet der Ölfelder ist mit rund 55.000 km² fast so groß wie Kroatien. Es ist neben den kanadischen Ölsanden das größte bekannte zusammenhängende Ölfeld der Welt. Hier muss also einiges zusammengekommen sein, um diese gigantische Menge an Öl entstehen zu lassen. Schätzungen zufolge liegen hier mehr als 1 Billion Barrel Öl [1].</p> <p>Im Norden Südamerikas grenzt der südamerikanische Kontinent an die Karibische Platte. Das Orinokobecken liegt dabei südlich eines Faltengürtels. Durch die Kollision der Karibischen Platte mit dem passiven Rand Südamerikas bildete sich während des Paläogens und Neogens ein Vorlandbecken mit einem Überschiebungsgürtel.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg"><img alt="" decoding="async" height="611" sizes="(max-width: 719px) 100vw, 719px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS.jpg 719w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Orinoco_USGS-300x255.jpg 300w" width="719"></img></a><figcaption><em>Der Orinoco Petroleum Belt und seine Lage in Venezuela. <a href="https://pubs.usgs.gov/fs/2009/3028/pdf/FS09-3028.pdf" rel="noopener">USGS</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-von-der-bildung-zum-speicher">Von der Bildung zum Speicher</h2> <p>Durch Überschiebungen verdickte sich die Lithosphäre, wodurch sich das Becken senkte und ausgedehnte flache Meeresbereiche entstanden, die ideale Bedingungen für marines Leben boten. Eine starke Sedimentation durch den Ur-Orinoco führte zu einer raschen Bedeckung der organischen Reste und zur weiteren Absenkung des Beckens. Dadurch sanken die Erdölmuttergesteine immer tiefer und gelangten in einen Temperaturbereich, der für die Entstehung von Erdöl ideal ist.</p> <p>Mit der Bildung ist die Sache aber noch lange nicht beendet. Um ein anständiges Ölfeld zu bilden, braucht man auch Gesteine, die Erdöl speichern können. Idealerweise sind dies poröse Gesteine, in deren Porenraum das Erdöl gespeichert wird. Darüber sollten abdichtende Schichten, wie etwa Salz- oder Tonsteine, vorhanden sein, die verhindern, dass das kostbare Erdöl weiter aufsteigt und die Erdoberfläche erreicht.<br></br>Und genau das passierte hier auch. Das Erdöl wanderte von den tieferen Becken aufwärts in den flachen südlichen Bereich, wo es sich entlang einer vorgewölbten Struktur sammelte [3].<br></br>Dort gab es größere Mengen fluviatiler Sandsteine, die als gute Erdöl-Speichergesteine gelten. Allerdings sind sie hier auch recht uneinheitlich. Verschiedene Sandsteine und Schieferbarrieren stellen einige Herausforderungen für die Förderung dar.</p> <h2 id="h-viel-ol-aber-es-ist-schwierig">Viel Öl, aber es ist schwierig</h2> <p>Klar, dass so viel Öl zunächst verlockend klingt und große Gewinne verspricht. Die Sache hat jedoch einen relativ großen Haken. So einfach wie Trump es sich vorstellt, dürfte es nicht sein, weder politisch noch wirtschaftlich noch erdöltechnisch.</p> <p>Ein Großteil des venezolanischen Öls ist nämlich sehr zäh und enthält viel Schwefel. Das stellt große Herausforderungen an die Förderung und die Weiterverarbeitung. So muss das Öl für den Transport mit Naphtha und Gasöl verdünnt werden. Der Schwefel muss vor der Verarbeitung entfernt werden, wozu aber nur wenige Anlagen fähig sind. Das bedeutet, dass dieses Öl im Vergleich zu hochwertigen Rohölen wie Brent nur mit deutlichem Preisnachlass auf dem Weltmarkt verkauft werden kann – teilweise nur zu einem Drittel des Preises der hochwertigen Sorten.</p> <p>Hinzu kommt, dass die Förderanlagen aufgrund von staatlichem Missmanagement, fallenden Ölpreisen und technischen Embargos schon deutlich bessere Zeiten gesehen haben. Während Venezuela 1997 noch rund 3,3 Mio. Barrel täglich förderte, ging die Förderung langsam zurück. 2004 sank sie nach Angaben der OPEC auf 2,3 Millionen Barrel. Von da an ging es rapide bergab. 2018 waren es nur noch geschätzte 700.000 Barrel und 2020 lag die Förderung laut OPEC nur noch bei 570.000 Barrel pro Tag.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png"><img alt="" decoding="async" height="512" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" src="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004.png 960w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-300x160.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/files/Rohoelproduktion_Venezuela_und_Kolumbien_1998-2004-768x410.png 768w" width="960"></img></a><figcaption><em>Ölproduktion in Venezuela in den Jahren 1998 bis 2024 und im Vergleich dazu Kolumbien. Daten nach <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_erd%C3%B6lexportierender_L%C3%A4nder" rel="noopener">OPEC</a>. DaWalda (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:R<a href="http://ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png" rel="noopener">ohölproduktion_Venezuela_und_Kolumbien,_1998-2004.png</a>), „Rohölproduktion Venezuela und Kolumbien, 1998-2004“, <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode" rel="noopener">https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode</a></em></figcaption></figure> <h2 id="h-lohnt-es-sich">Lohnt es sich?</h2> <p>Das ist eigentlich die alles entscheidende Frage. Es handelt sich um eine enorme Menge Öl, auch wenn manche die tatsächlichen Reserven anzweifeln. Zumal der Ölpreis zurzeit niedrig ist und das Öl daher relativ unwirtschaftlich ist. Wer soll das Öl verarbeiten? Die Anzahl der Raffinerien, die so schweres Öl verarbeiten können, ist begrenzt und nimmt ab. Vorsichtige Schätzungen sprechen von einem Investitionsbedarf von etwa 180 Mrd. Dollar bis 2040 für die heruntergekommene Förderinfrastruktur, um die Förderraten der 1990er Jahre wieder zu erreichen.</p> <p>Hinzu kommt die Sicherheitsfrage. Wer auch immer eine so enorme Menge an Geld in den venezolanischen Boden investieren will, braucht Sicherheit und politische Stabilität. Und damit sieht es zumindest zurzeit nicht gut aus. Das brachte den amerikanischen Präsidenten vermutlich auch dazu, über amerikanisches Steuergeld nachzudenken, mit dem er <a data-wplink-edit="true" href="_wp_link_placeholder">zögerliche Ölfirmen motivieren</a> könnte. Es sieht also ziemlich finster aus für sprudelnde Einnahmen aus dem Orinocobecken.</p> <h2 id="h-references">References</h2> <ul> <li>[1] <strong>Fiorillo, G.</strong> (<strong>1987</strong>). <em>Exploration and evaluation of the Orinoco Oil Belt</em>, .</li> <li>[2] <strong>Summa, L.; Goodman, E.; Richardson, M.; Norton, I. and Green, A.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>Hydrocarbon systems of Northeastern Venezuela: plate through molecular scale-analysis of the genesis and evolution of the Eastern Venezuela Basin</em>, Marine and Petroleum Geology 20 : 323-349.</li> <li>[3] <strong>Bartok, P.</strong> (<strong>2003</strong>). <em>The peripheral bulge of the Interior Range of the Eastern Venezuela Basin and its impact on oil accumulations</em>, .</li> </ul> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/venezuelas-reichtum-an-oel-das-orinocobecken/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>1</slash:comments> </item> <item> <title>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/ https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#comments Tue, 13 Jan 2026 14:05:37 +0000 Alexander Eperon https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/?p=881 https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited-1024x576.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Von Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/files/mountains-edited-1024x576.jpg" /><h1>Bats, brains and memory palaces: shared computations behind navigation and memory? » Thinky & Brain » SciLogs</h1><h2>By Von Alexander Eperon</h2><div itemprop="text"> <p>Humans are capable of remarkable feats of cognition. Some of us are able to remember extraordinary amounts of information by drawing on ‘memory palaces’, mental visualisations of where memories are stored. These abilities may seem uniquely human. However, recent research has highlighted how advanced memory techniques may draw upon the same neural computations used for spatial navigation across many species. </p> <p>In a now-famous philosophy paper, Thomas Nagel invites us to ask what it is like to be a bat. He argues that the bat has experiences we, as humans, can never imagine: what is it like to fly, to echolocate? For Nagel, we are trapped in our own little sensory bubble, unable to truly imagine what it is like to be outside of our own physical frame. </p> <p>While this may be true, we may have more in common with bats than one might think at a first glance. Many systems of the human brain are similar to those of other species via common ancestry: a bat may look very different to us, but it still has a visual cortex, an auditory cortex, and so forth. </p> <p>One brain region which is well-preserved across species is the hippocampal-entorhinal system. The hippocampus is a strange seahorse-shaped horn of grey matter, in humans buried below other ‘neocortical’ systems. Since the mid-1900s, we have known that the hippocampus is instrumental in forming new memories: a famous case study from Brenda Milner documents how Patient HM was rendered unable to form new memories after bilateral damage to the hippocampal system.</p> <p>The hippocampal formation is also involved in navigation. Navigation problems can be solved by many methods: the way we move around our home kitchen, for example, is very different to how we would explore the open seas. Nonetheless, cell populations in the hippocampus and adjacent entorhinal cortex ‘track us’, releasing bursts of energy (‘action potentials’) when we move across specific locations. This is true both in bats and humans: when you move across your kitchen floor, a place cell might fire only when you are next to the door – for a bat, a place cell might fire when it nears the cave entrance. This is solid evidence that something navigation-related is being tracked by your hippocampal formation.<aside></aside></p> <p>In the age of modern neural networks, it is easy to imagine the brain as a big mess of cells which, with enough training, learn to handle the problems we throw at it. Some people, indeed, argue that navigation and memory can be solved this way, and we over-interpret single cell results (Luo et al., 2024).</p> <p>Despite this complexity, the brains of different species appear to converge on the same solutions within the hippocampal formation.  Primates, bats and rodents all appear to use grid cells, neurons which typically fire in a hexagonal pattern, to navigate. Across species, this extends beyond spatial navigation into more complicated mnemonic functions: specialised cells map out specific pitches in rodent brains, while human neural patterns track the relationship between conceptual information.</p> <p>So, to recap: across species, the hippocampal formation responds selectively to information related to navigation and memory. Across species, cell populations appear to respond in similar ways. This suggests that there is something in common between the neural mechanisms used for navigation and memory.</p> <p>To bring all this under one umbrella, researchers have theorised that the hippocampal-entorhinal system carries out the same <em>computations</em>, across domains and species. One way to approach this has been to build up mathematical models which can explain both neural firing patterns and animal behaviour. These models produce predictions for future studies, which leads to a virtuous cycle of science. For example, models of grid cells based on attractor networks led to the remarkable prediction that grid cells can be described as a torus, a donut-like projection of neural data into a lower-dimensional space. This was duly discovered by a team led by Nobel prize-winners May-Britt and Edvard Moser. </p> <p>As mentioned above, the computations that lead to grid cells appeared to be shared both across species and across domains. When we navigate a social network or other ‘non-spatial’ memory spaces, we recruit the hippocampal formation in a similar way to that when we navigate real-world spaces. This raises an intriguing question: can we use models to explain both space and memory?</p> <p>In a Nature paper from last year (Chandra et al., 2025), researchers attempted to do just that. A team led by Ila Fiete (MIT) imagined the grid cell attractor network as a spatial ‘scaffold’ to which we can attach memories. The same processes, we might think, could describe the distance between rooms in a house or move between your memories of different subjects. In extreme cases, they argue, super-learners could exploit the spatial specialisation of these systems and anchor their memories to specific locations – just as we do when using memory palaces. </p> <p>This is, of course, theoretical work which leaves as many questions open as it answers. We know a lot about how the brain handles spatial navigation, but it is not clear if these processes can always be easily recycled into navigation of memory. In a physical space, movement is continuous and well-defined; is this really true for memory? What would it mean to move between my knowledge of algebra and my knowledge of literature? Nonetheless, mathematical models provide a computational bedrock for further study which will allow us to probe if, and how, well-understood features of spatial navigation can be ‘borrowed’ in service of memory. My own PhD work moves in that direction, showing that the human entorhinal cortex processes non-spatial ‘action’ in the form of mathematical operations and eye movements. </p> <p>All in all, these computational models provide an exciting glimpse at how navigational machinery may be recycled for memory. From an evolutionary perspective, this may help us understand how early humans evolved complex memory systems which enable the advanced communication characteristic of our species. Moreover, it may suggest that high-performing memorisers who use memory palaces are in fact drawing on an archaic link between space and memory.</p> <p>I will finish by returning to bats, who have similar hippocampal machinery to us. We might see and feel the world differently from a bat – certainly very few of us use echolocation – but the same gears and cranks which allow a bat to fly around a cave may help us to build societies and remember, well, quite a lot of things.</p> <div><div> <p><em><sub>Chandra, S., Sharma, S., Chaudhuri, R., &amp; Fiete, I. (2025). Episodic and associative memory from spatial scaffolds in the hippocampus. Nature, 638(8051), 739–751. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08392-y</sub></em></p> <p><em><sub>Gardner, R. J., Hermansen, E., Pachitariu, M., Burak, Y., Baas, N. A., Dunn, B. A., Moser, M.-B., &amp; Moser, E. I. (2022). Toroidal topology of population activity in grid cells. Nature, 602(7895), 123–128. https://doi.org/10.1038/s41586-021-04268-7</sub></em></p> <p><em><sub>Luo, X., Mok, R. M., &amp; Love, B. C. (2024). The inevitability and superfluousness of cell types in spatial cognition. eLife, 13. https://doi.org/10.7554/eLife.99047.1</sub></em></p> </div></div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/thinky-brain/bats-brains-and-memory-palaces-shared-computations-behind-navigation-and-memory/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>2</slash:comments> </item> <item> <title>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/ https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments Mon, 12 Jan 2026 12:00:00 +0000 Stephan Schleim https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/?p=3504 https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920-768x432.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die „evidenzbasierte Medizin“ für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer „klinischen Erfahrung“ die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer „klinischen Erfahrung“ recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin („Speed“) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>„Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.“ (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den „Cannabis-Protokollen“</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: „Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können“ (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‚umgekehrten Kausalität‘ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als „substanziell“. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das „Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)“ (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‚Verbot‘ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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S., Aymerich, C., Chart-Pascual, J. P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/ai-generated-9553065_1920.jpg" /><h1>Neueste Zahlen: Geht steigender Cannabiskonsum mit mehr Schizophrenien einher? » MENSCHEN-BILDER » SciLogs</h1><h2>By Von Stephan Schleim</h2><div itemprop="text"> <p><strong>Und eine Überraschung zum Psychoserisiko eines verbreiteten psychiatrischen Medikaments</strong></p> <span id="more-3504"></span> <p>Es ist noch kein Jahr her, dass man das Cannabisverbot in Deutschland einschränkte. Die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP ist Geschichte. Erinnert sich noch jemand an die letzte Partei, die es nicht mehr in den Bundestag schaffte? Doch die Teillegalisierung der beliebtesten Droge nach Alkohol und Nikotin bleibt vorerst in Kraft – auch wenn die neue Bundesgesundheitsministerin von der CDU die Versorgung über Telemedizin und Online-Apotheken abschaffen will.</p> <p>Wir erinnern uns an die hitzigen Debatten: Vor allem die Abgeordneten der SPD mussten überzeugt werden. Dafür setzte sich der damalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) bis zur letzten Minute ein. Die Gesetzesänderung wurde schließlich am 23. Februar 2024 vom Bundestag verabschiedet. Doch die Unionsparteien wollten es mit einem Trick im Bundesrat aufhalten. Der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen, Michael Kretschmer (CDU), brüskierte sogar seinen Koalitionspartner und setzte sich über die Gepflogenheiten des hohen Hauses hinweg. Er meinte, die Bundesrepublik vor einem großen Fehler retten zu müssen. Menschen-Bilder war damals live dabei.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Frisch aus der Druckerpresse: Wissen über die Cannabispolitik in Deutschland und aus der Wissenschaft erhalten Sie <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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Und für die wollte ohnehin niemand die Droge einfacher verfügbar machen.<aside></aside></p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg"><img alt="" decoding="async" height="592" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-1024x592.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-300x173.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz-768x444.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Praevalenz.jpg 1527w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Laut den neuesten Daten vom IFT Institut für Therapieforschung konsumierten rund 10 Prozent der Erwachsenen in Deutschland zumindest gelegentlich Cannabis. Beim riskanten starken Konsum änderte sich den Zahlen nach aber nichts. Datenquelle: Hoch et al., 2025</em></p> <h2 id="h-schreckensszenario-nummer-1-psychoserisiko-und-schizophrenie">Schreckensszenario Nummer 1: Psychoserisiko und Schizophrenie</h2> <p>Die Kritiker wurden es nicht müde, immer wieder vom Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko durch Cannabiskonsum zu warnen. Dass das Mittel wohl kaum seit Jahrtausenden in vielen Kulturen genutzt und auch hierzulande medizinisch verschrieben werden würde, wenn es wirklich so gefährlich wäre, ignorierten die Cannabisgegner geflissentlich.</p> <p>Aber der Risikobegriff kann ja sehr weit gedehnt werden: Die meisten von uns setzen sich auch Tag für Tag in ein Verkehrsmittel und setzen sich damit einem höheren Risiko für einen Verkehrsunfall aus, sogar jetzt bei verschneiten Straßen im Winter! Doch, wer hätte es gedacht: Trotz aller Risiken haben die allermeisten von ihnen am Ende des Tages nicht einmal eine Prellung.</p> <p>Zu den Risiken des Cannabiskonsums gibt es viele Studien. Prinzipiell gilt, dass <em>Beobachtungsstudien</em> keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen können. Das heißt, vergleicht man zu verschiedenen Zeitpunkten die Gruppen der Konsumierenden und der Abstinenten und findet man dabei Unterschiede bei den Psychosen oder Schizophrenien, dann ist das <em>kein</em> Beleg für einen kausalen Einfluss von Cannabis. Schließlich unterscheiden sich die Gruppen ja auch in vielen anderen Faktoren. Dass diejenigen, die sonst auf kontrollierten Studien beharren, wenn sie die „evidenzbasierte Medizin“ für sich beschwören, diese Standards bei der Dämonisierung von Drogen sofort vergessen, stimmt mich bedenklich.</p> <p>Jetzt liegen ganz neue Daten zu sowohl dem Cannabiskonsum als auch der Diagnose von psychotischen und schizophrenen Störungen vor. Auch wenn diese keinen letzten Beweis liefern: Was denken Sie, in welche Richtung der Zusammenhang weist?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg"><img alt="" decoding="async" height="594" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-1024x594.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-Spiel.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Die schon auf der letzten Abbildung dargestellte 12-Monats-Prävalenz (linke Skala) wird hier mit zwei möglichen Verläufen der Schizophreniekurve verglichen: Denken Sie, dass im gezeigten Zeitraum </em>immer mehr<em> (gelb; rechte Skala) oder </em>immer weniger<em> (rot) der psychologisch-psychiatrischen Störungen diagnostiziert wurden?</em></p> <h2 id="h-komplexe-wissenschaft">Komplexe Wissenschaft</h2> <p>Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko häufiger Drogen konsumieren. Teils tun sie das, weil sie mehr Härten im Leben hinter sich haben und sich mithilfe der psychoaktiven Substanzen besser entspannen können. Manche weisen auch auf familiäre oder genetisch Risiken hin: Wer zum Beispiel einen nahen Verwandten mit einer Schizophrenie habe, der solle besser die Finger von den Mitteln lassen. Teils konsumieren Menschen mit der Diagnose Schizophrenie aber sogar Cannabisprodukte, um die Nebenwirkungen ihrer Medikamente besser zu ertragen!</p> <p>Das alles sind besondere Gründe dafür, dass man von einem gemeinsamen Auftreten von Cannabiskonsum und Psychosen beziehungsweise Schizophrenien <em>keine</em> Ursache-Wirkungs-Beziehung ableiten kann. Der kausale Pfeil könnte in <em>beide</em> Richtungen weisen. Cannabiskonsum und eine psychologisch-psychiatrische Störung können aber beide auch durch einen dritten Faktor bedingt sein. Das sind eigentlich Standardargumente aus einer Einführungsvorlesung in die Statistik.</p> <p>Trotzdem behaupten die Cannabisgegner in der Ärzteschaft beharrlich, aufgrund ihrer „klinischen Erfahrung“ die Kausalität schlicht <em>sehen</em> zu können. Mir ist schon klar, dass man mit dem ohnehin oft nur oberflächlich angefertigten Dr. med. auch magische Kräfte verliehen bekommt.</p> <hr></hr> <p><em>Tipp: Mit einem Abonnement des <a href="https://menschen-bilder.blog/newsletter/" rel="noopener">Menschen-Bilder Newsletters</a> verpassen Sie keinen Blogbeitrag mehr.</em></p> <hr></hr> <h2 id="h-auflosung">Auflösung</h2> <p>Was sagen also die neuesten Daten? Waren meine Vorbehalte und die der eher zurückhaltenden Forscherinnen und Forscher berechtigt? Oder haben doch die Cannabisgegner mit ihrer „klinischen Erfahrung“ recht?</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg"><img alt="" decoding="async" height="595" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-1024x595.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-300x174.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie-768x446.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/DE-Cannabis-Schizophrenie.jpg 1520w" width="1024"></img></a></figure> <p><em>Obwohl seit 2012 immer mehr erwachsene Deutsche Cannabis konsumieren, sank die Rate neu diagnostizierter psychotischer und schizophrener Störungen seit 2015 kontinuierlich: und zwar um satte 12 Prozent! Datenquellen: Kohring et al., 2024; Thom et al., 2024</em></p> <p>Damit wird übrigens nicht bestritten, dass besonders häufiger und starker Cannabiskonsum das Risiko für psychologisch-psychiatrische Störungen erhöht. Insbesondere diejenigen, die Lebensprobleme mit dem Mittel (oder anderen Drogen) unterdrücken wollen, gehen ein höheres Risiko ein. Denn mit dieser Bewältigungsstrategie tun sie nichts gegen die Probleme.</p> <p>Übrigens fällt mir bei der Ärzteschaft immer wieder das Muster auf, die von ihnen selbst verschriebenen Medikamente eher zu verharmlosen, doch die von den Menschen selbst gewählten Heilmittel als gefährlicher darzustellen. Vergessen wir nicht, dass zum Beispiel die Opioid-Epidemie in den USA ab den 1990ern von Ärzten und Pharmafirmen losgetreten wurde, die den Menschen ein Leben ohne Schmerzen versprach. Von dem offensichtlichen Suchtrisiko wollten sie lange nichts wissen, während sie an der Abhängigkeit der Patientinnen und Patienten übrigens sehr gut verdienten. 30 Jahre später sind Hunderttausende an Überdosierungen der Mittel gestorben.</p> <p>Und ohne hier eine Panik lostreten zu wollen: Wenn man danach sucht, dann finden Forscher auch für das sogar an Kinder immer häufiger verschriebene Methylphenidat (z.B. Ritalin) oder Amphetamin („Speed“) ein erhöhtes Psychoserisiko (de Pablo et al., 2025). Ergebnis der Studie:</p> <blockquote> <p>„Diese systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse ergab ein nicht zu vernachlässigendes Auftreten von psychotischen Symptomen, psychotischen Störungen oder bipolarer Störung bei Personen mit ADHS, die mit Stimulanzien behandelt wurden. Amphetamine waren im Vergleich zu Methylphenidat mit einem höheren Auftreten assoziiert.“ (de Pablo et al., 2025, S. 1103)</p> </blockquote> <p>Man muss immer Nutzen und Risiken gegeneinander abwägen. Aber ja, das böse Cannabis!</p> <h2 id="h-aus-den-cannabis-protokollen">Aus den „Cannabis-Protokollen“</h2> <p>Wie groß ist aber nun das Psychose- beziehungsweise Schizophrenierisiko? Ich erlaube mir, aus meinem neuen Buch zu zitieren (Schleim, 2026, S. 76f.):</p> <p>Aufgrund der Komplexität der Problematik folgerte eine Forschergruppe um Theresa Moore von der Universität Bristol (Großbritannien) schon einige Jahre vorher in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift <em>The Lancet</em>: „Die Unsicherheit darüber, ob Cannabis Psychosen verursacht, wird wahrscheinlich nicht durch weitere Längsschnittstudien aufgelöst werden können“ (Moore et al., 2007, S. 316).</p> <p>Diese Studie hat sich wie kaum eine andere mit dem Problem der ‚umgekehrten Kausalität‘ und möglichen Verzerrungen in den epidemiologischen Studien beschäftigt. Den Einfluss störender Faktoren in dieser Forschung bezeichnen sie als „substanziell“. Das mahnt uns zur Vorsicht, wenn wir daraus Schlüsse für die Praxis ziehen wollen.</p> <p>In ihrer Schlussfolgerung schreiben diese Forscherinnen und Forscher, man solle Cannabiskonsumenten vor dem Psychoserisiko und auch der Möglichkeit affektiver Störungen (wie Depressionen) warnen. Doch auch unter den regelmäßigen Konsumentinnen und Konsumenten sei das „Lebenszeitrisiko chronischer psychotischer Störungen wie Schizophrenie wahrscheinlich gering (kleiner als 3 Prozent)“ (Moore et al., 2007, S. 327).</p> <p>Das heißt im Umkehrschluss aber auch: Für Gelegenheitskonsumenten ist das Risiko noch kleiner. Ein allgemeines Verbot lässt sich aufgrund dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse daher meiner Meinung nach nicht rechtfertigen – zumal wir überall sehen, dass Prohibition nicht funktioniert und im Gegenteil sogar Gesundheitsrisiken vergrößert. Denn dann sind die Substanzen mitunter verunreinigt, höher dosiert und suchen Betroffene aufgrund der Angst vor Stigmatisierung und Strafverfolgung weniger Hilfe.</p> <p>Wer also in Bezug auf Cannabis Gesundheitsschutz fordert, darf das Wort ‚Verbot‘ nicht in den Mund nehmen. Und selbst die maßgeblichen Studien räumen ein, dass es keinen schlagenden Beweis für eine Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen dem Substanzkonsum und schweren, anhaltenden psychischen Störungen gibt.</p> <figure><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel=" noreferrer noopener" target="_blank"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 576px) 100vw, 576px" src="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-576x1024.jpg 576w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-169x300.jpg 169w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-768x1365.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-864x1536.jpg 864w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo-1152x2048.jpg 1152w, https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/files/Cover-de-neu-m-logo.jpg 1440w" width="576"></img></a></figure> <p><em><em>Bestellen Sie das Buch mit viel Wissen und zahlreichen Abbildungen <strong>jetzt für nur 14,95 Euro versandkostenfrei</strong> <a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">im BoD Shop</a>. 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S., Aymerich, C., Chart-Pascual, J. P., Solmi, M., Torres-Cortes, J., Abdelhafez, N., … &amp; Cortese, S. (2025). Occurrence of psychosis and bipolar disorder in individuals with attention-deficit/hyperactivity disorder treated with stimulants: a systematic review and meta-analysis. <em>JAMA psychiatry</em>.</li> <li>Hoch E, Krowartz EM, Hollweck R, Möckl J, Olderbak S (2025). Cannabis consumption before and after partial legalization in Germany: Early trends, consumption patterns, and motives. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 122: 632–7.</li> <li>Moore, T. H., Zammit, S., Lingford-Hughes, A., Barnes, T. R., Jones, P. B., Burke, M., &amp; Lewis, G. (2007). Cannabis use and risk of psychotic or affective mental health outcomes: a systematic review. <em>The Lancet</em>, 370(9584), 319-328.</li> <li>Kohring C, Hartmann M, Holstiege J, Müller D (2024). Inzidenztrends für 37 psychische Störungen bei Erwachsenen in der ambulanten Versorgung – Entwicklungen zwischen 2015 und 2022 mit Fokus auf Schizophrenie, Depressionen, tabakbezogenen und somatoformen Störungen sowie Schlaf- und Persönlichkeitsstörungen. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). <em>Versorgungsatlas-Bericht</em>, Nr. 24/06. Berlin.</li> <li>Schleim, S. (2026). <em><u><a href="https://buchshop.bod.de/die-cannabis-protokolle-stephan-schleim-9783819206375" rel="noopener">Die Cannabis-Protokolle: Medizin, Politik und Wissenschaft auf dem Prüfstand</a></u></em>. Hamburg: BoD.</li> <li>Thom J, Jonas B, Reitzle L, Mauz E, Hölling H, Schulz M (2024). Trends in the diagnostic prevalence of mental disorders, 2012–2022—using nationwide outpatient claims data for mental health surveillance. <em>Dtsch Arztebl Int</em>; 121: 355–62.</li> </ul> <figure><img alt="" decoding="async" height="1" loading="lazy" src="https://vg06.met.vgwort.de/na/556f400977fe4af595ef517fbef566ad" width="1"></img></figure> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/neueste-zahlen-geht-steigender-cannabiskonsum-mit-mehr-schizophrenien-einher/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>21</slash:comments> </item> <item> <title>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen – wo sind die ersten Sterne? https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments Sun, 11 Jan 2026 05:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1824 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7-768x768.jpg Eine Art bläuliche Wolke mit zahlreichen hell leuchtenden Sternen. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/" rel="noopener">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/" rel="noopener">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern" rel="noopener">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne" rel="noopener">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)" rel="noopener">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283" rel="noopener">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901" rel="noopener">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t" rel="noopener">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle" rel="noopener">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung" rel="noopener">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008" rel="noopener">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825" rel="noopener">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14" rel="noopener">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop" rel="noopener">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel" rel="noopener">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen" rel="noopener">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz" rel="noopener">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie" rel="noopener">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-" rel="noopener">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html" rel="noopener">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x" rel="noopener">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32" rel="noopener">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139" rel="noopener">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051" rel="noopener">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3" rel="noopener">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196" rel="noopener"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/" rel="noopener">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/kachel-7.jpg" /><h1>AstroGeo Podcast: Als im Universum die Lichter angingen - wo sind die ersten Sterne? » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div itemprop="text"> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag130-erste-sterne.html#/" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>Nicht viele Sterne können von sich behaupten, beinahe unser Verständnis vom Universum kaputt gemacht zu haben – aber ein Stern mit der Bezeichnung HD 140283 hätte es fast geschafft: Im Jahr 2000 schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sein Alter auf 16 Milliarden Jahre. Und damit wäre dieser so unscheinbare Stern älter als das Universum selbst Er liegt in rund 190 Lichtjahren Entfernung im Sternbild Waage und ist von der Erde aus zwar nicht mit dem bloßen Auge, aber doch immerhin schon mit einem Fernglas sichtbar. Seinen Spitznamen als „Methusalem-Stern“ hat er sich damit mehr als verdient.</p> <p>In den darauffolgenden Jahren korrigierten neue Messungen und Studien dieses Alter glücklicherweise nach unten. Inzwischen gilt HD 140283 zwar immer noch als alt, aber nicht mehr als älter als das Universum selbst. Trotz seines stolzen Alters ist eines wissenschaftlich sicher: Der Methusalem-Stern ist keiner von den allerersten Sternen, die es in unserem Universum je gegeben hat – doch auf die haben sie es abgesehen.<aside></aside></p> <p>Forschende bezeichnen jene ersten Sterne im Universum auch als Sterne der Population III. Es sind die Sterne, die nach dem Urknall als erstes Licht ins Dunkel brachten. Damals, vor Milliarden von Jahren, gab es im Universum vor allem Wasserstoff und Helium. Erst die ersten Sterne haben jene massereicheren Elemente hergestellt, die wir heute kennen und schätzen – und ohne die es uns nicht geben würde: Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, und noch schwerere Elemente bis hin zum Eisen.</p> <p>Somit ist zwar vollkommen klar, dass es diese ersten Sterne gegeben haben muss. Und doch haben Forschende noch nie einen solchen Stern beobachtet, trotz Jahrzehnten der intensiven Suche.</p> <p>In dieser Folge erzählt Franzi von dieser Suche nach den Sternen der Population III, die Licht ins Universum gebracht haben – eine Suche, für die Forschende versuchen, mit dem James Webb-Weltraumteleskop so weit in die Vergangenheit zu blicken wie möglich. Aber auch unsere eigene Milchstraße bleibt ein möglicher Fundort für die wahren Methusalem-Sterne.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 65: <a href="https://astrogeo.de/blaue-riesensterne-nimm-zwei/" rel="noopener">Blaue Riesensterne: Nimm Zwei!</a></li> <li>Folge 98: <a href="https://astrogeo.de/das-erbe-des-urknalls-wie-die-materie-in-unser-universum-kam/" rel="noopener">Das Erbe des Urknalls: Wie die Materie in unser Universum kam</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Stern" rel="noopener">Stern</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Sonne" rel="noopener">Sonne</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Population_(Astronomie)" rel="noopener">Population (Astronomie)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HD_140283" rel="noopener">HD 140283 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HE_1523%E2%88%920901" rel="noopener">HE 1523−0901 (Stern)</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metallizit%C3%A4t" rel="noopener">Metallizität</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Metalle" rel="noopener">Metalle</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Rotverschiebung" rel="noopener">Rotverschiebung</a></li> <li>WP: <a href="http://www.scilogs.de//home/pikarl/Schreibtisch/Aktuell/2026-01%20AG130%20Erste%20Sterne%20(AG)/Hauptreihe">Hauptreihe</a></li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/earendel-truegt-das-licht-des-aeltesten-sterns/2290008" rel="noopener">Trügt das Licht des ältesten Sterns?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>Spektrum.de: <a href="https://www.spektrum.de/news/startete-das-universum-frueher-durch-als-gedacht/2258825" rel="noopener">Startete das Universum früher durch als gedacht?</a> (Artikel von Franzi)</li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/MoM-z14" rel="noopener">MoM-z14</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/James-Webb-Weltraumteleskop" rel="noopener">James-Webb-Weltraumteleskop</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Earendel" rel="noopener">Earendel</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Kugelsternhaufen" rel="noopener">Kugelsternhaufen</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Gammablitz" rel="noopener">Gammablitz</a></li> <li>WP: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/HI-Linie" rel="noopener">HI-Linie</a></li> </ul> <h3 id="h-quellen">Quellen</h3> <ul> <li>Fachartikel: <a href="https://doi.org/10.1146/annurev-astro-071221-" rel="noopener">The First Stars: Formation, Properties, and Impact (2023)</a></li> <li> Fachartikel: <a href="https://www.aanda.org/articles/aa/full_html/2025/11/aa56292-25/aa56292-25.html" rel="noopener">Asteroseismic investigation of HD 140283: The Methuselah star (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://www.nature.com/articles/s41550-025-02575-x" rel="noopener">Determination of the mass distribution of the first stars from the 21-cm signal (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf4e3#fnref-apjladf4e3bib32" rel="noopener">Metal-polluted Population III Galaxies and How to Find Them (2025)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.1088/0004-637X/808/2/139" rel="noopener">Evidence for PopIII-like stellar populations in the most luminous Lyman-α emitters at the epoch of re-ionisation: spectroscopic confirmation (2015)</a></li> <li>Fachartikel: <a href="https://academic.oup.com/mnras/article/469/1/448/3103051" rel="noopener">No evidence for Population III stars or a direct collapse black hole in the z = 6.6 Lyman α emitter ‘CR7’</a> (2017)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/ac7f9a#apjlac7f9as3" rel="noopener">On the Probability of the Extremely Lensed z = 6.2 Earendel Source Being a Population III Star</a> (2022)</li> <li>Fachartikel: <a href="https://iopscience.iop.org/article/10.3847/2041-8213/adf196" rel="noopener"><u>Discovery of an [Fe/H] </u><u>∼</u><u>−</u><u>4.8 Star in Gaia XP Spectra</u></a> (2025)</li> </ul> <p><em>Episodenbild: <a href="https://www.eso.org/public/germany/images/eso1524a/" rel="noopener">ESO/M. Kornmesser (künstlerische Ansicht)</a></em></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-als-im-universum-die-lichter-angingen-wo-sind-die-ersten-sterne/#comments 4 Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/ https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond Sat, 10 Jan 2026 17:47:05 +0000 Gunnar Ries https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/?p=3724 <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/" rel="noopener">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Das Oberharzer Bergbaumuseum ist gerettet » Mente et Malleo » SciLogs</h1><h2>By Von Gunnar Ries</h2><div itemprop="text"> <p>Am Anfang des Jahres die gute Nachricht, das Oberharzer Bergwerksmuseum ist gerettet. Im letzten Oktober hatte es noch so ausgesehen, als wenn zum Jahresende 2025 endgültig Schluss sei. Die hohen Sanierungskosten des Gebäudes zwangen die Stadt Clausthal-Zellerfeld zu dem drastischen Schritt. Zudem fehlte ein kompetenter Betreiber, denn die Stiftung Welterbe im Harz beendete seine Trägerschaft am 31.12.2025.</p> <p>Es sah also zugegebenermaßen düster aus für dieses Kleinod in der deutschen Museumslandschaft. Begonnen hatte alles im Jahre 1884, als der damalige Berghauptmann Adolf Achenbach die Harzer Berglaute aufrief, ausgediente Bergbaugeräte zur Verfügung zu stellen, um damit ein Museum aufzubauen. Die offizielle Gründung des Museums erfolgte dann im Jahr 1892, damit zählt es zu den ältesten Technikmuseen in Deutschland. Ich hatte im Oktober in einem Blogbeitrag darüber zur Unterzeichnung der Petition zum Erhalt des Museums aufgerufen.</p> <p>Und anscheinend war diese Petition ein deutlicher Erfolg. Sie wurde der Bürgermeisterin der Stadt Clausthal-Zellerfeld im Rahmen der Sitzung des Ausschusses für Jugend, Schulen, Sport und Gesellschaft am 20.11.2025 übergeben. Daraufhin stimmte der Rat der Stadt am 4.12.2025 für den Weiterbetrieb des Museums. Der neue Betreiber wird eine eigens hierfür gegründete gGmbH sein, welche vom Oberharzer Geschichts- und Museumsverein ins Leben gerufen wurde.</p> <p>Das Museum ist selber seit dem 15. Dezember geschlossen, ein Termin für die Wiedereröffnung ist bislang nicht bekannt, soll aber gegebenenfalls <a href="https://www.oberharzerbergwerksmuseum.de/" rel="noopener">rechtzeitig bekannt</a> gegeben werden.</p> <p>Das ist, finde ich, mal eine gute Nachricht. Petitionen, auch online, haben eine Wirkung und sie können positives bewirken. Ich hoffe, dass dies nicht die einzige positive Nachricht in diesem Jahr bleibt, auch wenn das Jahr 2026 bislang mit Lichtblicken doch etwas geizig zu sein scheint.<aside></aside></p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/mente-et-malleo/das-oberharzer-bergbaumuseum-ist-gerettet/#respond 0 Baut Trump jetzt Fusionskraftwerke? https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/ https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments Fri, 09 Jan 2026 19:11:57 +0000 Thomas Grüter https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/?p=1770 https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk-768x439.jpg <link>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/</link> </image> <description type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html" rel="noopener">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company" rel="noopener">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/" rel="noopener">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements" rel="noopener">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/" rel="noopener">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Allerdings ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#" rel="noopener">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html" rel="noopener">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/" rel="noopener">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf" rel="noopener">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037" rel="noopener">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy" rel="noopener">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/" rel="noopener">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview" rel="noopener">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/" rel="noopener">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/" rel="noopener">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/" rel="noopener">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/" rel="noopener">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037" rel="noopener">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></description> <content:encoded type="html"><img src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Fusionskraftwerk.jpg" /><h1>Fusionskraftwerk und die Pläne von TMTG » Gedankenwerkstatt » SciLogs</h1><h2>By Von Thomas Grüter</h2><div itemprop="text"> <p><b>Die Trump Media and Technology Group (TMTG) will ins Kraftwerksgeschäft einsteigen. Es geht dabei nicht etwa um Kohlekraftwerke, sondern um das nächste große Ding: die Kernfusion. „Ein großer Schritt voran zu einer revolutionären Technik, die Amerikas Energiedominanz für Generationen festschreiben wird“, schrieb Devin Nunes dazu, seines Zeichens CEO von TMTG. </b></p> <p>Bisher betreibt TMTG die Social Media Plattform Truth Social, die als Sprachrohr des amerikanischen Präsidenten gilt. Außerdem bietet das Unternehmen Finanzdienstleistungen an und will eine Kryptowährung herausbringen. Da passen doch Fusionskraftwerke gut ins Portfolio, sollte man meinen. Weil man die aber nicht an jeder Ecke bestellen kann, <a href="https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/kernfusion-die-trumps-steigen-ins-energiegeschaeft-ein-accg-110806506.html" rel="noopener">will TMTG mit der Firma TAE Technologies verschmelzen</a>, die seit mehr als 25 Jahren daran arbeitet, Kernfusion als Stromquelle verfügbar zu machen. Müssen wir jetzt befürchten, dass sich die Trump-Familie ein Monopol auf die fortschrittlichste Technik zur Stromversorgung sichert? Devin Nunes sieht dieses Ziel offenbar näherrücken. Aber tatsächlich ist er auf dem Holzweg. </p> <h3>TMTG – Trump Media and Technology Group</h3> <p>Am 8. Januar 2021 legte Twitter Donald Trumps Konto still, weil seine Tweets die Richtlinien des Unternehmens verletzten. Trump hatte die Präsidentschaftswahl im November 2020 verloren und seitdem aus allen Rohren gegen den angeblichen „Wahlbetrug“ geschossen. Twitter ließ Trump trotzdem gewähren – vorerst. Am 6. Januar 2021 stürmte ein gewalttätiger Mob nach einer Brandrede von Trump das Kapitol. Dabei kamen mehrere Menschen ums Leben und das Gebäude wurde verwüstet. Daraufhin wollte Twitter Trump wohl keine Plattform mehr geben. Trump war wieder einmal beleidigt und begann mit den Vorbereitungen für eine eigene Social Media Plattform.</p> <p>Am 21. Oktober 2021 gab er die Gründung der Trump Media and Technology Group bekannt. Sie sollte mit einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Special_Purpose_Acquisition_Company" rel="noopener">Special Purpose Acquisition Company</a> (abgekürzt SPAC) fusionieren, die bereits öffentlich gehandelt wurde. Damit konnte sein Unternehmen sofort an die Börse gehen, was in den USA sonst ein langwieriger und genau geregelter Vorgang ist. Geschäftsziel war die Schaffung und der Betrieb einer Social Media Plattform namens „Truth Social“. Sie sollte Twitter Konkurrenz machen.</p> <p>Dann begann ein jahrelanges Gezerre mit diversen Behörden, die solche Fusionen untersuchen und genehmigen müssen. So ermittelte die SEC (Securities and Exchange Commission) gegen eine chinesische Gesellschaft, die an der Gründung der SPAC beteiligt war. Eine Bundesstaatsanwaltschaft in New York prüfte, ob TMTG die Geldwäschegesetze verletzt hatte, weil es Geld angenommen hatte, dessen Quelle ein russischer Oligarch war.<aside></aside></p> <p>Es folgten Untersuchungen, Strafen, Klagen und Gerichtsverfahren der Beteiligten gegeneinander. Man hätte mehrere Staffeln einer Comedy-Serie damit füllen können (Das Onlineportal RollingStone hat <a href="https://www.rollingstone.com/politics/politics-news/truth-social-drama-donald-trump-lawsuits-ipo-1234999198/" rel="noopener">hier eine Chronologie</a> zusammengestellt). Erst am 26. März 2024, als fast zweieinhalb Jahre nach Trumps Ankündigung, ging TMTG tatsächlich an die Börse. Trumps Aktienanteil wurde mit über drei Milliarden US$ bewertet.</p> <p>Die Aktie notierte am Starttag bei einem Höchstwert von 79,38 US-Dollar. Seitdem bröckelt der Kurs immer mehr ab. Am 8. Januar 2026 zeigte der Ticker 13,40 US$. Das gesamte Aktienkapital addiert sich auf circa 3,8 Milliarden US$ (3,25 Milliarden Euro). Etwa die Hälfte davon hält Donald Trump in einem Fond, den sein Sohn Donald Trump jr. für ihn verwaltet. Der aktuelle vierteljährliche Bericht von TMTG (<a href="https://s3.amazonaws.com/sec.irpass.cc/2660/0001140361-25-040977.htm#FinancialStatements" rel="noopener">drittes Quartal 2025</a>) an die SEC weist ein „Total Equity“ (Eigenkapital, Vermögen) von 2,29 Milliarden US$ aus, 1,47 Milliarden US$ davon werden als „Digital Assets“ (Kryptowährungen) ausgewiesen. Das passt: Im Mai 2025 gab TMTG bekannt, Bitcoins im Wert von 2,5 Milliarden US$ erwerben zu wollen. Allerdings ist der Wert der Bitcoins gegen den US$ ab November um circa 20 Prozent gefallen, sodass der aktuelle Wert der „Digital Assets“ um einige Hundert Millionen US$ niedriger ausfällt.</p> <p>Auch bei der Geschäftstätigkeit schreibt TMTG horrende Verluste, in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 insgesamt 107 Millionen US$, davon allein 55 Millionen im dritten Quartal. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg ins Kraftwerksgeschäft ein echtes Wagnis, schließlich müssen schon konventionelle Kraftwerke mit hohen Summen vorfinanziert werden.</p> <h3>TAE Technologies, Inc.</h3> <p>Die Firma, die bis 2031 ein völlig neuartiges Fusionskraftwerk bauen will, wurde bereits 1998 gegründet. Damals hieß sie noch „Tri Alpha Energy“. Der etwas kryptische Name weißt auf die Fusionsreaktion, mit das Kraftwerk Strom erzeugen soll. In den fast 28 Jahren seit der Gründung hat TAE nach eigenen Angaben ungefähr 1,3 Milliarden US$ von privaten Kapitalgebern eingeworben. Diese Leistung nötigt mir Respekt ab, denn die Firma hat bisher nicht nachweisen können, dass ihr Konzept tragfähig ist. Bis 2031 wird TAE mindestens noch einmal das Doppelte brauchen, um ein Fusionskraftwerk nach ihren Vorstellungen zu bauen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1773" id="attachment_1773"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg"><img alt="Bild der drei Wasserstoff-isotope" decoding="async" height="300" sizes="(max-width: 549px) 100vw, 549px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-300x164.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-1024x559.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope-768x419.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/wasserstoffisotope.jpg 1408w" width="549"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1773">Die drei Wasserstoffisotope. Während die meisten Firmen auf die Deuterium-Tritium-Fusion setzen, will TAE bei sehr viel höheren Temperaturen Wasserstoff mit Bor fusionieren.</figcaption></figure> <p>Mal angenommen, Sie könnten zwei bis drei Milliarden Euro erübrigen, wäre das Geld bei TAE gut angelegt? Schwer zu sagen. Die Firma setzt auf eine höchst futuristische Technik – sowohl bei Fusionsreaktion als auch beim Plasmaeinschluss. Die meisten Start-ups in der Fusionsindustrie planen die Fusion von Deuterium und Tritium. Dazu muss man das Plasma am wenigsten aufheizen, „nur“ auf etwa 100 bis 150 Millionen Grad Celsius. <a href="https://www.scinexx.de/dossierartikel/das-problem-des-tritiums/" rel="noopener">Andererseits ist Tritium extrem selten</a>, und außerdem radioaktiv. Es zerfällt innerhalb von nur 12,3 Jahren auf die Hälfte seines Bestandes. Allerdings ist diese Technologie <a href="https://euro-fusion.org/jet/#" rel="noopener">gut erprobt</a>.</p> <p>TAE will in seinem Reaktor gewöhnlichen Wasserstoff mit dem Element Bor verschmelzen. Dabei entstehen drei Heliumkerne (sogenannte Alphateilchen), die mit hoher Geschwindigkeit davonfliegen. Diese Bewegung enthält den Hauptteil der freigesetzten Energie.</p> <p>TAE setzt auf eine selbst-stabilisierende Plasmageometrie, um die Fusionsreaktion zu in Gang zu bringen. Das erspart dem Reaktor die massiven supraleitenden Magnetspulen, die andere Fusionsreaktoren so klobig aussehen lassen.</p> <p>Die Reaktion setzt außerdem keine Neutronen<a href="#sdendnote1sym" name="sdendnote1anc"><sup>1</sup></a> frei. Das ist wichtig, weil Neutronen sich nicht mit Magnetfeldern einfangen lassen und als ungeladene Teilchen keinen Strom in externen Stromleitern induzieren. Neutronen heizen das Plasma auf und schlagen in die Reaktorwände ein, die dabei radioaktiv werden. Die Wärmeenergie heizt wie in traditionellen Kraftwerken eine Kühlflüssigkeit auf, die wiederum eine Turbine treibt, eventuell über mehrere Stufen. Die Bewegungsenergie der positiv geladenen Heliumatome lässt sich dagegen direkt in einen Stromfluss umsetzen.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-1772" id="attachment_1772"><a href="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg"><img alt="Vergleich der Fusionsreaktionen" decoding="async" height="114" sizes="(max-width: 510px) 100vw, 510px" src="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion-300x67.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/files/Tabelle_fusion.jpg 663w" width="510"></img></a><figcaption id="caption-attachment-1772">Vergleich der Deuterium-Tritium-Fusion mit der Bor-Wasserstoff-Fusion. p und n stehen für Proton und Neutron.</figcaption></figure> <p>Ein wirklich elegantes Verfahren – nur hat es zwei sehr ernsthafte Nachteile. Während das Plasma für die Deuterium-Tritium-Fusion auf ungefähr 100 bis 150 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden muss, braucht die Wasserstoff-Bor-Fusion etwa drei Milliarden Grad<a href="#sdendnote2sym" name="sdendnote2anc"><sup>2</sup></a>. Diese Temperatur hat TAE bisher noch nicht annähernd erreichen können. Und der „selbst-stabilisierende“ Plasmawirbel hält bisher noch keine Sekunde. Wenn man das Plasma genügend dicht zusammenpresst, dann reicht aber diese sehr kurze Zeit zur Initiierung der Fusionsreaktion – so hofft TAE.</p> <p><a href="https://www.heise.de/news/Kernfusion-TAE-Technologies-sieht-kommerziellen-Einsatz-bis-2030-6010480.html" rel="noopener">Bereits 2021 hatte TAE einen „Durchbruch“</a> mit der damaligen Versuchsanlage „Norman“ verkündet und wollte daraufhin das Nachfolgemodell „Copernicus“ bauen. Dieses Vorhaben gab das Unternehmen jedoch auf und konstruierte stattdessen eine optimierte Version von „Norman“ unter Namen „Norm“. Die Versuchsanlage Copernicus könne man jetzt überspringen, <a href="https://tae.com/tae-shortens-device-roadmap-prepares-for-commercial-era/" rel="noopener">vermeldete die Firma im letzten November</a>. Der nächste Reaktor, genannt „Da Vinci“, solle der Kern eines kommerziellen Kraftwerks werden und in den „frühen 2030er-Jahren“ Strom ins Netz liefern.</p> <p>Warum wurde Copernicus nicht gebaut? Die technische Erklärung, man sei so gut vorangekommen, dass man die Maschine nicht mehr brauche, scheint mir wenig einleuchtend zu sein. Norm ist zu klein, um überhaupt eine Kernfusion zu erzeugen. Vielleicht reichte ganz einfach das Geld nicht aus. Copernicus sollte rund 200 Millionen US$ kosten. Die von den Investoren bereitgestellten 280 Millionen US$ hätten für den Bau der Anlage <i>und</i> den Betrieb der Firma mit ihren rund 400 Angestellten selbst unter günstigen Umständen wohl nur knapp gereicht<a href="#sdendnote3sym" name="sdendnote3anc"><sup>3</sup></a>.</p> <p>Wenn jetzt direkt ein kommerzieller Reaktor gebaut werden soll, muss das Unternehmen sehr viel Geld in die Hand nehmen, bzw. in die Hand bekommen. Kann die Firmenfusion (Fachbegriff: Merger) mit TMTG dieses Problem lösen? Sehen wir uns die Fakten an:</p> <h3>Die Fusion der Unternehmen</h3> <p>TMTG will TAE bis zu 200 Millionen US$ zur Verfügung stellen und weitere 100 Millionen bei Abschluss des Mergers. Die beiden CEOs der jetzigen Unternehmen, Devin Nunes und Michl Binderbauer werden das neue Unternehmen gemeinschaftlich führen. Vorsitzender des Aufsichtsrat (des Boards) soll Michael B. Schwab werden, der jetzt schon im Board von TAE sitzt. Devin Nunes taxiert den Wert des neuen Unternehmens ziemlich optimistisch auf etwa 6 Milliarden US$. Bis Mitte diesen Jahres soll <a href="https://filemanager-cdn.mziq.com/published/83a9acb7-4ada-4a58-97e4-257b49aec76b/b0c3fa25-54b4-4546-a38a-342f068e634d_tmtg_tae_investor_slide_deck_121825.pdf" rel="noopener">die Zusammenlegung der Unternehmen</a> rechtlich abgeschlossen sein.</p> <p>Das Vorgehen wirkt in gleich mehreren Punkten wenig durchdacht.</p> <ul> <li> <p>Eine Fusion sollte eigentlich „Synergien heben“, wie man so schön sagt. Die Stärken beider Unternehmen sollen sich potenzieren, die Schwächen sollen sich ausgleichen. Das ist hier aber nicht erkennbar. TAE kann nicht dazu beitragen, den Geschäftsbetrieb von TMTG zu fördern. Umgekehrt kann TMTG nichts tun, um TAEs Arbeit zu beschleunigen. Wenn es nur um Investitionen geht, ist ein Merger wenig sinnvoll, zumal TMTG kein reines Wirtschaftsunternehmen ist, sondern politische Abhängigkeiten mitbringt.</p> </li> <li> <p>Ein Unternehmen von zwei gleichberechtigten Co-CEOs führen zu lassen, ist im besten Fall schwierig. Devin Nunes ist studierter Agrarwissenschaftler und Berufspolitiker. Er war von Anfang 2013 bis Ende 2020 Mitglied des Repräsentantenhauses und galt als treuer Gefolgsmann von Donald Trump. Seit 2021 ist er CEO bei TMTG. Michl Binderbauer ist Physiker und seit 2017 CEO bei TAE. Die beiden müssen sich also in Zukunft über die Ausrichtung des neuen Unternehmens einigen. <br></br>Bei strenger Aufteilung der Arbeitsbereiche kann die Zusammenarbeit durchaus funktionieren, aber anhaltende Meinungsverschiedenheit führen schnell zu einer Lähmung in der Unternehmensleitung.</p> </li> <li> <p>Die Veröffentlichungen von Devin Nunes erwecken den Eindruck, dass er keine rechte Vorstellung vom Stand der Technik bei TAE hat. So schrieb er am <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037" rel="noopener">18.12.2025 auf Truth Social</a> „TAE hat … fünf Fusionsreaktoren gebaut und betrieben“ und „Die Schlüsselaufgabe für TAE ist es, … sich auf den Bau es ersten netztauglichen Fusionsreaktors im Jahr 2026 zu konzentrieren (50 MW) …“</p> <p>Tatsächlich hat TAE überhaupt keinen Fusionsreaktor gebaut oder betrieben. Die bisherigen Versuchsanlagen haben nur das vorgesehene Verfahren für den Plasmaeinschluss getestet. Die Ergebnisse waren durchaus vielversprechend, aber von der geplanten Bor-Wasserstoff-Fusion ist man noch weit entfernt. Und TAE wird 2026 vielleicht mit dem Bau eines Fusionskraftwerks <i>anfangen</i>, aber kaum vor 2031 damit fertig werden.</p> </li> <li> <p>Die zugesagten Finanzmittel von „bis zu“ 300 Millionen US$ reichen nicht im Entferntesten aus, wie wir gleich sehen werden.</p> </li> </ul> <h3>Die Fusion der Atomkerne</h3> <p>TAE hat bisher nur nachgewiesen, dass ihr futuristisches Konzept des Plasmaeinschlusses funktioniert – bisher aber nur bei 50 Millionen Grad Celsius, nicht bei drei Milliarden Grad.</p> <p>Die Kosten für den neuen Reaktor „Da Vinci“ hat Michl Binderbauer im Jahr 2020 <a href="http://nautil.us/issue/86/energy/the-road-less-traveled-to-fusion-energy" rel="noopener">in einem Gespräch mit dem amerikanischen Wissenschaftsportal Nautilus</a> auf circa 2 Milliarden US$ beziffert.</p> <p>Allein die Inflation dürfte den Preis inzwischen auf mehr als 2,5 Milliarden US$ treiben. Das ist weit mehr, als TAE und TMTG an Eigenmitteln zur Verfügung stellen können. Mindestens 80 Prozent der Investitionen müssen also von anderen Firmen eingeworben werden. Die einseitige politische Ausrichtung von TMTG ist dabei nicht unbedingt hilfreich. Das ist aber noch nicht alles.</p> <p>Fünf Jahre Bauzeit sind schon sehr optimistisch angesetzt, wenn man bedenkt, wie viele neue Systeme getestet werden müssen. Eine Skalierung um mehrere Größenordnungen lässt sich eigentlich nie komplett simulieren. Störfaktoren, die bisher kaum ins Gewicht fielen, können plötzlich den gesamten Betrieb lahmlegen. Und wer sagt eigentlich, dass bei 3 Milliarden Grad Celsius nur die <i>erwünschten</i> Reaktionen stattfinden? Bisher hat niemand solche Extrembedingungen erzeugt, Überraschungen sind also zu erwarten. Die Umwandlung der Bewegungsenergie der Alphateilchen in einen externen Stromfluss konnte ebenfalls bisher nicht getestet werden. Der Reaktor wird vermutlich mehrfach umgebaut werden müssen, bevor er zufriedenstellend arbeitet – oder der Ansatz verworfen werden muss.</p> <p>Und dann ist da auch noch die Konkurrenz.</p> <h3>Die Konkurrenz schläft nicht.</h3> <p>TAE will seine Pilotanlage circa 2031 fertigstellen und irgendwann danach einen großen, kommerziell konkurrenzfähigen Fusionsreaktor errichten. Das reicht aber wohl nicht mehr fürs Siegertreppchen.</p> <ul> <li> <p>Die Firma <a href="https://cfs.energy/" rel="noopener">Commonwealth Fusion Systems</a> baut zurzeit ihren Demonstrationsreaktor SPARC. Er soll noch in diesem Jahr fertig werden und im nächsten Jahr mehr Energie produzieren als er verbraucht. In den frühen 2030er Jahren soll dann der erste kommerzielle Reaktor ARC entstehen. <a href="https://cfs.energy/chesterfield/overview" rel="noopener">Der Standort</a> ist bereits festgelegt.</p> </li> <li> <p><a href="https://www.helionenergy.com/polaris/" rel="noopener">Helion Energy</a> betreibt bereits eine Anlage, die als Proof-of-Conecpt Strom aus Kernfusion erzeugen soll. Allerdings hält die Firma sich mit öffentlichen Aussagen zum aktuellen Stand im Moment sehr zurück. Gleichzeitig baut Helion bereits <a href="https://www.geekwire.com/2025/helions-next-big-bet-is-fusion-power-manufacturing-at-scale-but-tech-uncertainty-remains/" rel="noopener">an der nächsten Generation ihres Kraftwerks</a>, das schon 2030 Strom erzeugen soll. Mit Microsoft besteht bereits ein Liefervertrag.</p> </li> <li> <p><a href="https://t3n.de/news/fusionsenergie-warum-china-den-westen-bei-dieser-zukunftstechnologie-abhaengt-1696300/" rel="noopener">China investiert in den letzten Jahren</a> sehr viel Geld in die Fusionsforschung und hat gute Chancen, den Westen zu überholen. Einzelheiten sind, wie so oft in China, nicht sicher bekannt.</p> </li> <li> <p>Das deutsche Start-up <a href="https://www.proximafusion.com/" rel="noopener">Proxima Fusion</a>, eine Ausgründung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik, hat einen kompletten Bauplan für einen Fusionsreaktor vorgestellt und in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht. Der Reaktor soll nach dem Stellarator-Prinzip arbeiten, so wie der Forschungsreaktor Wendelstein 7-x in Greifswald. Wenn es die Bundesregierung mit der Förderung der Fusionsenergie ernst meint, könnte der erste Fusionsreaktor in Deutschland bereits zwischen 2031 und 2034 fertiggestellt sein.</p> </li> </ul> <p>Das sind nur einige Beispiele. Auch in England, Japan und Südkorea arbeiten diverse Start-ups an Fusionsreaktoren, die größtenteils in den 2030er Jahren ans Netz gehen sollen.</p> <h3>Fazit</h3> <p>Die Fusion der Unternehmen TMTG und TAE Technologies bringt keinen der beiden Beteiligten wirklich voran und die Konkurrenz muss deswegen keine schlaflosen Nächte bekommen. Aber vielleicht geht es ja auch nicht allein um Geschäfte, sondern eher um die Gunst des Herrschers. Oder <a href="https://truthsocial.com/@DevinNunes/posts/115740503934870037" rel="noopener">wie Devin Nunes es formulierte</a>: „Unserer Ansicht nach wird TAE auch eindeutig große politische Unterstützung von Präsident Trump erhalten.“</p> <h3><br></br>Anmerkungen</h3> <p><a href="#sdendnote1anc" name="sdendnote1sym">[1]</a> Bei der notwendigen Temperatur laufen auch Reaktionen ab, bei denen Neutronen entstehen. Es sollen aber, so sagt TAE, etwa hundertmal weniger sein als bei der Konkurrenz.</p> <p><a href="#sdendnote2anc" name="sdendnote2sym">[2]</a> Sollte der Reaktor nicht gleich die ganze Fabrik verdampfen lassen, wenn das Plasma im Inneren drei Milliarden Grad Celsius heiß wird? Tatsächlich herrscht im Reaktor ein Hochvakuum, es sind also nur wenige Elementarteilchen unterwegs, die solche Temperaturen erreichen. Die Temperatur ist hier eigentlich nur ein Maß für die Geschwindigkeit und damit für die Bewegungsenergie der Elementarteilchen im Reaktor.</p> <div id="sdendnote3"> <p><a href="#sdendnote3anc" name="sdendnote3sym">[3]</a> Firmen neigen dazu, die Anzahl ihrer Angestellten sehr großzügig anzugeben, um Investoren zu beeindrucken. Wenn ich mal annehme, dass TAE tatsächlich 400 Vollzeitkräfte beschäftigt, wären die Kosten für Löhne, Gebäude, Strom, Wasser, EDV, Verbrauchsmaterial etc. sicher mit 50 Millionen US$ im Jahr anzusetzen. Bei der üblichen inflationsbedingten Kostensteigerung würde ich für „Copernicus“ einen Preis von mindestens 250 Millionen US$ vermuten. Wie man es auch dreht und wendet – die 280 Millionen an Investorengeldern sind extrem knapp. Das könnte durchaus die Entscheidung der Firma gegen „Copernicus“ beeinflusst haben.</p> </div> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span></content:encoded> <wfw:commentRss>https://scilogs.spektrum.de/gedankenwerkstatt/baut-trump-jetzt-fusionskraftwerke/#comments</wfw:commentRss> <slash:comments>40</slash:comments> </item> <item> <title>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/ https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments Tue, 30 Dec 2025 09:08:48 +0000 Ekkehard Felder https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/?p=422 <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Von Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc" rel="noopener">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc" rel="noopener">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc" rel="noopener">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit‘, für die andere ,Starrsinn‘. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc" rel="noopener">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc" rel="noopener">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm" rel="noopener">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. Sprache wird zur Beweisführung herangezogen – als wäre sie ein eindeutiges Fenster in den Kopf. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="200" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-2048x1365.png 2048w" width="300"></img></a> Und wenn bestimmte Wortabfolgen zu häufig von bestimmten Personen in vergleichbaren Situationen geäußert werden, gilt dies als Beleg für unauthentisches Sprechen (und kulminiert in <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/verfestigte-sprache/">„Sprech“: Verfestigte Sprache in Medien und Politik</a>).</p> <h3><strong>Wie ist der Widerspruch aufzulösen?</strong></h3> <p>Also wie passt das zusammen? Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel „Remigration“) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x" rel="noopener">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x" rel="noopener">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Unzuverlässige Worte oder Vagheit als Chance begreifen » Semantische Wettkämpfe » SciLogs</h1><h2>By Von Ekkehard Felder</h2><div itemprop="text"> <p>Stellen wir uns folgende Alltagsszene vor: Drei Personen sitzen nach einer Sitzung zusammen, und eine sagt: „Das war eine sehr konsequente Entscheidung.“ Zustimmendes Nicken bei der zweiten (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc" rel="noopener">nichtsprachliche Kommunikation</a>), demonstrativ lautes Seufzen bei der dritten Person<span id="more-422"></span> (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc" rel="noopener">parasprachliche Kommunikation</a>). Beide haben dasselbe Wort gehört (= <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=parasprache.inc" rel="noopener">sprachliche Kommunikation</a>), niemand hat nachgefragt – und dennoch versteht und betont jede etwas anderes. Für die eine bedeutet „konsequent“ vielleicht so etwas wie ,Standhaftigkeit‘, für die andere ,Starrsinn‘. Schon dieses kleine Exempel zeigt, wie Mehrdeutigkeit bzw. Vagheit in der alltäglichen Kommunikation nicht Ausnahme, sondern Normalfall ist.</p> <h3><strong>Wie eindeutig bzw. uneindeutig sind eigentlich Worte?</strong></h3> <p><a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=sprachzeichen.inc" rel="noopener">Sprachliche Zeichen sind nicht eindeutig</a>. Sie tragen keine fest verschraubte Bedeutung in sich, sondern eröffnen einen Bedeutungsraum, der erst im Gebrauch konturiert wird. Genau hier setzt eine der grundlegenden Einsichten der Linguistik an: Das Verhältnis zwischen Ausdrucksseite (Laut- oder Schriftform) und Inhaltsseite (Bedeutung) ist <a href="https://www.christianlehmann.eu/ling/elements/index.php?open=../../includes/arbitrarietaet.inc" rel="noopener">arbiträr, also prinzipiell willkürlich</a> (vgl. Peter Bichsels (1969) Erzählung <a href="http://www.lawrenceglatz.com/germ3230/texte/bichsel1.htm" rel="noopener">Ein Tisch ist ein Tisch</a>) – und damit mehr als vage. Nichts im Lautbild von <em>Baum</em> zwingt uns dazu, an einen verholzten, belaubten Organismus zu denken. Andere Sprachen tun es anders – und kommen kommunikativ ans Ziel.</p> <p>Diese Arbitrarität oder Beliebigkeit hätte eigentlich zur Folge, dass sprachliche Verständigung permanent scheitern müsste. Wenn Zeichen keine natürliche Verbindung zu dem haben, was sie bezeichnen, wenn sie zudem mehrdeutig sind und in unterschiedlichen Kontexten Unterschiedliches leisten, warum verstehen wir uns dann überhaupt? </p> <p>Die Antwort ist ebenso banal wie folgenreich: Wir verständigen uns nicht trotz, sondern durch Konventionen. Durch wiederholten, ähnlichen Gebrauch sprachlicher Zeichen in vergleichbaren Kommunikationssituationen entsteht eine Erwartungsstruktur. Wir gehen davon aus, dass andere <em>ungefähr</em> dasselbe meinen wie wir – und dieses Unterstellen von Gemeinsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Kommunikation gelingt. Besonders interessant ist dabei die hohe Verdichtung komplexer Problemhorizonte in ein bis zwei Wörtern (z.B. „Leitkultur“, „Fake news“). </p> <h3><strong>Wie soll in Anbetracht dieser Umstände Verstehen möglich sein?</strong></h3> <p>Dabei handelt es sich nicht um ein exaktes Verstehen, sondern um ein hinreichendes. Missverständnisse werden nicht erkannt, solange sie den Handlungsfluss nicht stören. Präzisierungen erfolgen nur bei Bedarf. Das Ergebnis ist kein objektives, sondern ein soziales Verstehen: ein Aushandlungsprodukt, das immer vorläufig bleibt. Sprache funktioniert, weil wir ihre Ungenauigkeit pragmatisch abfedern – nicht, weil sie präzise wäre. Kurz gesagt: Im Sprachgebrauch kombinieren wir Komposition (= Zusammenstellung einzelner Elemente zu einem Ganzen) mit Konventionalität (= kompositionelle Verfahren wiederholt automatisiert zur Wirkung bringen).<aside></aside></p> <p>Gerade diese strukturelle Unschärfe gerät jedoch in ein bemerkenswertes Paradox zu Sprachauffassungen, die Wörter als zuverlässige Indikatoren innerer Haltungen, Einstellungen oder gar Gesinnungen lesen wollen. In politischen, medialen oder alltäglichen Kontexten wird häufig so argumentiert, als ließe sich aus der Wortwahl direkt auf Denkweisen schließen. Bestimmte Ausdrücke gelten dann als Beleg für bestimmte Überzeugungen. Sprache wird zur Beweisführung herangezogen – als wäre sie ein eindeutiges Fenster in den Kopf. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-scaled.png"><img alt="" decoding="async" fetchpriority="high" height="200" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" src="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-300x200.png 300w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1024x683.png 1024w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-768x512.png 768w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-1536x1024.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/files/Bilderinstitut_a_diorama_showing_a_forest_in_the_fprest_is_sta_783918c4-783c-4761-a868-ee613fa20a1d-2048x1365.png 2048w" width="300"></img></a> Und wenn bestimmte Wortabfolgen zu häufig von bestimmten Personen in vergleichbaren Situationen geäußert werden, gilt dies als Beleg für unauthentisches Sprechen (und kulminiert in <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/verfestigte-sprache/">„Sprech“: Verfestigte Sprache in Medien und Politik</a>).</p> <h3><strong>Wie ist der Widerspruch aufzulösen?</strong></h3> <p>Also wie passt das zusammen? Wenn also Ausdrucks- und Inhaltsseite sprachlicher Zeichen arbiträr, willkürlich oder beliebig sind, wenn ihre Bedeutungen kontextabhängig und konventionell stabilisiert, aber nie eindeutig festgelegt sind, dann kann ein einzelnes Wort kaum als sicherer Marker für eine innere Haltung dienen. Die Zuschreibung von Gesinnungen über Sprache setzt eine Eindeutigkeit voraus, die Sprache strukturell nicht leisten kann. Stein des Anstoßes ist mitunter die starke Metaphorizität bestimmter Ausdrucksweisen mittels Natur‑, Kriegs‑ oder Technikmetaphern (z.B. <em>Rentnerschwemme/Covid-19-Welle/natürliche Marktkräfte</em> oder <em>Preisschlacht/Virusbekämpfung/Wirtschaftskrieg </em>oder <em>Lernmaschine/systemrelevant/Künstliche Intelligenz</em>).  Wer Sprache auf diese Weise liest bzw. reduziert, ignoriert ihre Mehrstimmigkeit und ihre Einbettung in situative, diskursive und soziale Kontexte.</p> <p>Die Konventionalisierung von Worten geschieht durch ihre stetige Zubereitung in wiederkehrenden Kontexten – und zwar durch Rekontextualisierung: dieselben Ausdrücke zirkulieren zwischen Parteien, Medien, sozialen Netzwerken und Alltagskommunikation und verändern unterwegs ihre Bedeutung sukzessive in Nuancen. Sprachökonomisch – also Sprechaufwand und Redewirkung bedenkend – lässt sich dadurch der vage Wortgebrauch problemlos ohne große Reflexion handhaben. Die Schwierigkeiten beginnen erst mit der Sprachreflexion oder dem Versuch, Intentionen zu bestimmen. Unreflektierte Automatismen führen nicht zu Deutungsstreitigkeiten. Erst wenn Störfeuer beim kommunikativen Handeln aufpoppen, wird es herausfordernd.</p> <p>Das heißt nicht, dass Sprache bedeutungslos oder folgenlos wäre – und jede Ausdrucksweise (wie z.B. die infame Spaltungsvokabel „Remigration“) legitim ist. Im Gegenteil: Gerade weil Wortbedeutungen zwischen „automatischer“ Entstehung und öffentlicher Aushandlung angesiedelt sind, benötigen wir sprachliche Diskussionen über Deutung, Angemessenheit und Legitimität (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/populistische-rhetorik-versus-strukturelle-dialogizitaet-ein-linguistischer-zwischenruf/">Populistische Rhetorik versus strukturelle Dialogizität</a>). Wörter sind keine neutralen Werkzeuge, aber eben auch keine eindeutigen Beweise. <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/gute-erkennungszeichen-von-der-fluechtigkeit-des-wortes/">Schlüsselworte</a> (z.B. „Generationengerechtigkeit“) oder gar <a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/wir-schaffen-das-aus-linguistischer-sicht-ein-genialer-satz/">saliente, also im kollektiven Gedächtnis verankerte Sätze</a> (John F. Kennedy (Inaugural Address 1961): „Ask not what your country can do for you; ask what you can do for your country“ oder Willy Brandt (Regierungserklärung 1969): „Wir wollen mehr Demokratie wagen“) sind Einsatzpunkte in semantischen Wettkämpfen, in denen um Interpretationen gerungen wird.</p> <h3><strong>Was bleibt?</strong></h3> <p>Am Ende bleibt eine nüchterne, vielleicht unbequeme Einsicht: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x" rel="noopener">Vagheit als Chance verstehen</a>. Verstehen ist kein Zustand, sondern eine Praxis. Es beruht auf Konventionen, Erwartungen und wechselseitigen Annahmen bzw. Unterstellungen. Wer Sprache benutzt, muss mit Vagheit umgehen und bewegt sich mitunter auf unsicherem Grund – und genau darin liegt ihre gesellschaftliche Dynamik. Trotzdem bleibt eine Robustheit des (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstehens – und zwar aufgrund der angenommenen Voraussetzung, auch das Gegenüber ist an kooperativer Kommunikation interessiert. Die Kontexte helfen bei der Bedeutungspräzisierung, die Worte selbst sind oft unterbestimmt (<a href="https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/vagheit-als-demokratische-chance/">Warum Vagheit der Demokratie dienen kann</a>). Statt nur Eindeutigkeit einzufordern, wäre es produktiver, die Unschärfe sprachlicher Zeichen ernst zu nehmen. Denn nicht trotz, sondern wegen dieser Unschärfe können wir miteinander sprechen. Oder etwas hipper formuliert: <a href="https://link.springer.com/article/10.1007/s41244-022-00267-x" rel="noopener">Understanding Vagueness as an Opportunity</a>!</p> <p><u>Anmerkung:</u> Dieser Beitrag entstand mit nicht-intentionaler, nicht-menschlicher und damit un<em>freiwill</em>iger Unterstützung von generativer KI.</p> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/semantische-wettkaempfe/unzuverlaessige-worte-oder-vagheit-als-chance-begreifen/#comments 8 AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments Sun, 21 Dec 2025 06:00:00 +0000 Karl Urban https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/?p=1805 https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129-768x768.jpg Dreigeteiltes Quadrat einer brennenden Stadt, einer rötlich leuchtende, ovale Galaxie und einer düsteren Landschaft mit diffusen Wolken an einem grau-türkisen Himmel. Darüber steht: AstroGeoPlänkel. https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/ <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars" rel="noopener">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/" rel="noopener">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/" rel="noopener">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/" rel="noopener">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/" rel="noopener">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/" rel="noopener">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/" rel="noopener">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905" rel="noopener">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c" rel="noopener">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239" rel="noopener">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9" rel="noopener">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars" rel="noopener">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/" rel="noopener">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <img src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/ag129-1024x1024.jpg" /><h1>AstroGeoPlänkel: Luftzerplatzer, ungemütlicher Mars und kosmische Enden » AstroGeo » SciLogs</h1><h2>By Von Karl Urban</h2><div> <section id="page-wrap"> <div> <main> <div> <article itemscope="" itemtype="http://schema.org/Page"> <div> <div><div><ul><li><time datetime="2025-12-21T07:00:00+01:00">21. Dez. 2025</time></li><li>Lesedauer ca. 2 Minuten</li></ul></div></div> <div itemprop="text"> <blockquote> <p>Zum kompletten <a href="https://astrogeo.de/media/ag129-geplaenkel.html" rel="noopener">Transkript der Folge</a> (KI-erzeugt, kann Fehler enthalten: Es gilt das gesprochene Wort.)</p> <p>Alle Folgen des Podcasts gibt es auf <a class="" href="https://astrogeo.de" rel="noopener">unserer Archiv-Seite</a>.</p> <p>Folge dem Podcast auf: <a class="" href="https://podcasts.apple.com/de/podcast/astrogeo/id525300156" rel="noopener">Apple Podcasts</a> | <a class="" href="https://open.spotify.com/show/0a0X8ogJx046skJBbow9AC" rel="noopener">Spotify</a> | <a class="" href="https://music.amazon.de/podcasts/8b83d8d2-ba32-4c93-b138-06af1397ad6b/astrogeo" rel="noopener">Amazon Music</a> | <a class="" href="https://podcasts.google.com/feed/aHR0cHM6Ly9hc3Ryb2dlby5kZS9mZWVkL21wMy8" rel="noopener">Google Podcasts</a> | <a class="" href="https://plus.rtl.de/podcast/astrogeo-kgna8j2ssyaqo" rel="noopener">RTL plus</a> | <a class="" href="https://wissenschaftspodcasts.de/podcasts/astrogeo-podcast" rel="noopener">Wissenschaftspodcasts.de</a> | <a class="" href="https://fyyd.de/podcast/astrogeo/0" rel="noopener">Fyyd</a></p> <p>In dieser Folge widmen sich Franzi und Karl dem Feedback zu den letzten Geschichten im AstroGeo Podcast. Besonders gefallen hat ihnen eine E-Mail von einer österreichischen Alm, mit Milchstraße, Satelliten und kindlichem Staunen über das „Mittendrinsein“ im Weltall.</p> <p>Franzi und Karl gehen der Frage nach, warum eine Astronautin am Ereignishorizont eines Schwarzen Lochs für weit entfernte Beobachter so wirkt, als sei sie eingefroren. Außerdem geht es um Singularitäten, Gravitation und der Frage, was wir wirklich „sehen“, wenn wir Bilder von Schwarzen Löchern betrachten.<aside></aside></p> <p>Auch zu unserem Nachbarplaneten Mars gab es Fragen: zu seiner dünnen Atmosphäre und ihrer chemischen Zusammensetzung, zu realen und hypothetischen Fluggeräten, sowie zu historischen Irrtümern. Und dann wäre da auch noch die künftige Besiedlung des Roten Planeten durch Menschen: Karl zweifelt am vermeintlich wirtschaftlichen Geschäftsmodell von SpaceX, das derzeit bereits diverse dramatische Folgen auf das Gemeinwohl auf der Erde hat. Es geht aber nicht nur um die fehlende Nachhaltigkeit von kommerziellen Unternehmen: Karl erzählt vom Buch „<a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars" rel="noopener">A City on Mars</a>“, das von der menschlichen Fortpflanzung jenseits der Erde handelt, die bis heute zahlreiche biologische und damit auch ethische Fragen aufwirft.</p> </blockquote> <p>Schließlich gibt es Fragen zum Ende – genauer gesagt zu Franzis Folge über das Ende des Universums. Es geht um den Big Rip, den Big Crunch, den Big Freeze oder ob der Urknall eigentlich durch die uns bekannten Naturgesetze ausgelöst wurde. Wir sprechen auch darüber, ob im AstroGeo Podcast abseitige wissenschaftliche Hypothesen vorgestellt werden sollten, wo Franzi und Karl ihre Rolle als Journalisten sehen – und wo nicht.</p> <figure><a href="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png"><img alt="" decoding="async" height="1024" sizes="(max-width: 1536px) 100vw, 1536px" src="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png" srcset="https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678.png 1536w, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/files/41cea3ac9a200678-300x200.png 300w" width="1536"></img></a><figcaption>Quelle: @fee@nerdculture.de</figcaption></figure> <p>Karl beantwortet auch eure Fragen zu Sodom und Gomorra und dem vermeintlichen Luftzerplatzer eines Meteoriten in der Bronzezeit: Hörende erzählen vom real existierenden Peer Review oder ihren Erfahrungen mit Bibeltexten.</p> <h3 id="h-weiterhoren-bei-astrogeo">Weiterhören bei AstroGeo</h3> <ul> <li>Folge 120: <a href="https://astrogeo.de/riss-in-der-raumzeit-wie-karl-schwarzschild-auf-schwarze-loecher-stiess/" rel="noopener">Raumzeit-Riss: Wie Karl Schwarzschild auf Schwarze Löcher stieß</a></li> <li>Folge 123: <a href="https://astrogeo.de/weisse-zwerge-die-rettung-vor-dem-schwarzen-loch/" rel="noopener">Weiße Zwerge – die Rettung vor dem Schwarzen Loch?</a></li> <li>Folge 124: <a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/" rel="noopener">Cygnus X-1: Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>Folge 126: <a href="https://astrogeo.de/ag126-von-marskanaelen-zum-wolkenatlas-duenne-luft-auf-dem-mars/" rel="noopener">Von Marskanälen zum Wolkenatlas: Dünne Luft auf dem Mars</a></li> <li>Folge 127: <a href="https://astrogeo.de/aus-und-vorbei-das-universum-und-sein-ende/" rel="noopener">Aus und vorbei: Das Universum und sein Ende</a></li> <li>Folge 128: <a href="https://astrogeo.de/biblische-bilder-broeckelnde-beweise-was-hat-sodom-und-gomorra-zerstoert/" rel="noopener">Bröckelnde Beweise: Was hat Sodom und Gomorra zerstört?</a></li> </ul> <h3 id="h-weiterfuhrende-links"><a></a><a></a> Weiterführende Links</h3> <ul> <li><a href="https://astrogeo.de/cygnus-x-1-wie-findet-man-ein-schwarzes-loch/#comment-16905" rel="noopener">Kommentar Klaus Kassner zu AG124 Wie findet man ein Schwarzes Loch?</a></li> <li>WP: <a href="https://it.wikisource.org/wiki/Lettere_(Galileo)/VIII/c" rel="noopener">Lettere (Galileo)/VIII/c (italienisch)</a></li> <li>BR: <a href="https://www.br.de/mediathek/podcast/radiowissen/warum-ist-das-universum-so-eine-physikalische-sinnsuche/2109239" rel="noopener">Warum ist das Universum so? Eine physikalische Sinnsuche, von Franzi</a></li> <li>Arte: <a href="https://www.youtube.com/playlist?list=PLHojeOC3kHtn8MTiQOh2nWpLruIrJ2Ar9" rel="noopener">Geburt des Christentums</a> (YouTube-Link)</li> <li>WP: <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/A_City_on_Mars" rel="noopener">A City on Mars (Buch)</a></li> <li>T3N: <a href="https://t3n.de/news/nasa-schlaegt-alarm-wie-starlink-und-co-die-weltraumforschung-sabotieren-1719927/" rel="noopener">Nasa schlägt Alarm: Wie Starlink und Co. die Weltraumforschung sabotieren</a></li> </ul> <p><em>Episodenbild: Public Domain: John Martin (1852); ESO; NASA/JPL-Caltech/MSSS/Simeon Schmauß</em></p> </div> <div> <img alt="Avatar-Foto" decoding="async" height="200" src="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/wp-content/avatars/Karl-Urban_avatar_1_2.jpg 2x" width="200"></img> <p>Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.</p> </div> </div> </article> <section> </section> </div> </main> </div> <section> <div> <aside id="custom_html-3"><h3>Spektrum.de Newsletter abonnieren</h3><p>Bleiben Sie auf dem Laufenden mit dem kostenlosen Spektrum.de Newsletter! </p></aside> </div> </section> </section></div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeoplaenkel-luftzerplatzer-ungemuetlicher-mars-und-kosmische-enden/#comments 13 Mainz – über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments Sat, 20 Dec 2025 01:26:57 +0000 Karin Schumacher https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/?p=4600 https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/ <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Von Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr „Project Lightspeed“, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name „Mogontiacum“ geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der „Alte Dom“, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die „Peinliche Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> <h1>Mainz - über 2000 Jahre Glanz und ein paar Schatten » Medicine & More » SciLogs</h1><h2>By Von Karin Schumacher</h2><div itemprop="text"> <p><strong><img alt="" decoding="async" height="1" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/4101b2e3cfa34669a79690112d5b2d10" width="1"></img>Was macht Mainz seit Jahrtausenden so besonders? Ein Blick auf 2000 Jahre Geschichte – von Mogontiacum über den Buchdruck bis zu moderner Forschung, lebendiger Kultur und überraschenden Ideen der Gegenwart.</strong><span id="more-4600"></span></p> <p>1450 erfand der Mainzer Johannes Gutenberg den Buchdruck und begründete damit die Ära der massenhaften Wissensverbreitung. 570 Jahre später startete die Mainzer Biotech-Firma BioNTech ihr „Project Lightspeed“, das ein Jahr später zur Zulassung des weltweit ersten mRNA-Impfstoffs gegen COVID-19 führte. Trotz unseres Besuchs bei BioNTech (<a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/von-mainz-in-die-welt-biontechs-weg-zur-globalen-innovation/">s. mein voriger Artikel</a>), am Helmholtz Institute for Translational Oncology (HI-TRON) und im LEIZA, dem neuen Leibniz-Zentrum für Archäologie (s. auch unseren spannenden <a href="https://wpk.org/was-wir-bieten/recherchereisen/berichte-der-recherchereise-nach-mainz/" rel="noopener" target="_blank">Reisebericht</a> bei der WPK e.V.) blieb etwas Zeit, um zu entdecken, was diese Stadt so besonders macht.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4602" id="attachment_4602"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" sizes="(max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6999-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4602">Schmunzelnde Fußgänger dank Mainzelmännchen‑Ampeln. Was wäre, wenn jede Stadt ihre eigene Ampel‑Ikone hätte? (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Mainz ist eine Stadt, die Geschichte lebt. Gegründet von den Römern als Mogontiacum, entwickelte sie sich über die Jahrhunderte zu einem Ort wechselnder Kulturen, an dem immer wieder Ideen entstanden, die die Welt veränderten. In der Altstadt regeln die Mainzelmännchen den Fußgängerverkehr. Folgen wir den kleinen Kerlchen – auf einem Weg durch mehr als 2000 Jahre faszinierende Geschichte.</p> <p>Mainz blickt auf über 2000 Jahre Stadtgeschichte zurück. Gegründet wurde sie um 13/12 v. Chr. von den Römern unter Feldherr Drusus, dem Stiefsohn Kaiser Augustus’. Auf einem strategisch günstig gelegenen Hochplateau gegenüber der Mündung des Mains errichteten sie das Legionslager Mogontiacum, das bald zum militärischen und später zivilen Zentrum der Region wurde. [1]</p> <p>Die Römer nutzten dabei häufig bestehende Kultorte – so auch hier, wo sich vermutlich zuvor eine keltische Kultstätte befand. Der Name „Mogontiacum“ geht auf den keltischen Gott Mogon zurück, der als Heil- oder Sonnengott gedeutet wird. Um 300 war Mogontiacum Hauptstadt der römischen Provinz Germania Secunda.<aside></aside></p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4603" id="attachment_4603"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7031-Mainz-Reko-roem.-Hypocaustum-Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4603">Rekonstruktion einer römischen Fußbodenheizung (Hypocaustum) am Romano-Guardini-Platz, Mainz: antike Baukunst mit hohem Energieaufwand (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um das Jahr 1400 wurde in einem Mainzer Adelshof, dem Gutenberghof, ein Kind geboren. Wann genau, wissen wir nicht mehr. Auch sein Aussehen ist unbekannt; das erste Porträt entstand rund 100 Jahre nach seinem Tod. Der Junge wurde Johannes getauft, Henne genannt, und trug amtlich den Namen Johannes Gensfleisch. Die Welt kennt ihn heute als Johannes Gutenberg. Als er am 03. Februar 1468 starb, hatte er der Welt ein Vermächtnis hinterlassen, von dem wir alle bis heute profitieren [2].<br></br>Henne wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Vermutlich erhielt er eine gute Schulbildung, vielleicht studierte er sogar. Um 1434 zog er nach Straßburg, das damals ein kreatives, internationales Milieu bot. Schon dort muss er an dem Projekt gearbeitet haben, das später die Welt verändern sollte.</p> <p>1448 kehrte er nach Mainz zurück. Er nahm einen Kredit über 1600 Gulden auf – eine enorme Summe, wenn man bedenkt, dass ein Handwerksmeister rund 50 Gulden im Jahr verdiente. Gutenberg entwickelte bewegliche, wiederverwendbare Metalllettern: eine revolutionäre Neuerung, denn zuvor wurden Texte per Hand geschrieben oder spiegelverkehrt in Holz geschnitzt und wie Stempel gedruckt.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4586" id="attachment_4586"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Auch er investierte mutig in Innovation." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6763-Gutenberg-Denkmal-und-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4586">Johannes Gutenberg – Erfinder des Buchdrucks und Mainzer Visionär. Schon er investierte mutig in Innovation. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Um 1450 begann die erste Druckpresse mit beweglichen Lettern zu arbeiten. Zwischen 1452 und 1454 entstand die erste gedruckte Bibel. Zwei der noch erhaltenen 49 Gutenberg-Bibeln befinden sich im Gutenberg-Museum in Mainz. Mehr als 500 Jahre lang wurde nach Gutenbergs Prinzip gedruckt, bevor in den 1970ern neue Techniken übernahmen.</p> <p>Bildung wurde durch seine Erfindung prinzipiell für alle zugänglich, die lesen konnten. Einer der ersten, die dies erfolgreich nutzten, war der Reformator Martin Luther, der seine Ansichten auf Flugblätter drucken ließ. Seine Reformation der Kirche gilt neben der Erfindung des Buchdrucks und der Eroberung Amerikas als Ende des Mittelalters und Beginn der Neuzeit. Heute erinnert das Gutenberg-Denkmal auf dem Marktplatz an den großen Mainzer Erfinder.</p> <h2>Der Alte Dom – St. Johannis</h2> <p>Am späten Nachmittag trafen wir am Modell des Neuen Doms einen Mann, der mit Leidenschaft über die Geschichte der Mainzer Kirchen sprach. St. Johannis, der „Alte Dom“, erklärte er, sei die älteste Kirche der Stadt und eine der ältesten nördlich der Alpen. Sie wurde im 5. oder 6. Jahrhundert zu einem dreischiffigen Raum umgebaut und war ursprünglich dem Heiligen Martin von Tours geweiht. Das Gelände dürfte zuvor keltischen, später römischen Kulten gedient haben.</p> <p>Um 1000 entstand ein spätottonischer Neubau mit zwei Chören und einer Krypta. 1002 und 1024 fanden hier die Königskrönungen Heinrichs II. und Konrads II. statt. Seit 2013 finden in der Kirche faszinierende archäologische Ausgrabungen statt, die wichtige Einblicke in die Bau- und Nutzungsgeschichte des Alten Doms liefern. Diese können <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/hauptbauphasen-von-st-johannis-in-stichworten/" rel="noopener" target="_blank">hier</a> nachverfolgt werden (siehe auch [3]).</p> <p>Dabei wurde u. a. bestätigt, dass Erzbischof Erkanbald 1021 hier beerdigt wurde; sein Grab wurde nach 1000 Jahren geöffnet und untersucht. Nach der Weihe des heutigen Doms im Jahr 1036 wurde St. Johannis zur Stiftskirche und dem Evangelisten Johannes geweiht. Heute ist sie evangelisch.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4604" id="attachment_4604"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="511" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x785.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x230.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x589.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1177.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_7049__Alter-und-neuer-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1569.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4604">St. Johannis, der Alte Dom in Mainz – historische Kirche und Ort faszinierender archäologischer Ausgrabungen. Dahinter St. Martin, der Neue Dom. (Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Der Mann wies darauf hin, dass frühe Sakralbauten andere statische Prinzipien hatten. Als im Hochmittelalter Wissen verloren ging – durch Brüche in der Überlieferung, Seuchen, Kriege oder die Inquisition -, mussten neue architektonische Lösungen wie Querschiffe geschaffen werden. Ein Satz, der nachdenklich stimmte.</p> <h2>Der Neue Dom – St. Martin: steinerne Mitte der Stadt</h2> <p>Unübersehbarer Mittelpunkt der Altstadt ist der Neue Dom, St. Martin. Er liegt nur wenige Schritte von St. Johannis entfernt und war einst durch einen Gang mit ihm verbunden. Seit über 1000 Jahren prägt er das Stadtbild – ein monumentales Ensemble aus romanischen, gotischen und barocken Elementen [4].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4607" id="attachment_4607"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6731-Marktplatz-Mainzer-Dom-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4607">Domplatz Mainz und St. Martin, das Wahrzeichen der Stadt. (Foto <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Neben Speyer und Worms zählt der Mainzer Dom zu den drei rheinischen Kaiserdomen – den Höhepunkten der deutschen Romanik. Erzbischof Willigis (975-1011) ließ um 1000 eine Kathedralanlage nach dem Vorbild von Alt St. Peter in Rom errichten. Williges war einer der einflussreichsten Mainzer Erzbischöfe des Mittelalters. Er hatte vom Papst den Vorrang vor allen Erzbischöfen nördlich der Alpen erhalten und damit das Recht, die ostfränkischen Könige zu krönen. Doch kurz vor der geplanten Weihe 1009 brannte der Dom ab; erst 1036 wurde er wieder geweiht.</p> <p>Auch die Bronzetür des Marktportals stammt aus der Willigis-Zeit – ein Werk des Meisters Berenger um 1000. Mit 3,70 Metern Höhe und einem Gewicht von bis zu 1850 Kilogramm sind die Türen beeindruckende Zeugnisse mittelalterlicher Kunst- und Machtsymbolik [5].</p> <p>Der Mainzer Dom war Kathedrale des größten europäischen Erzbistums – von Verden an der Aller bis nach Chur und Prag. Als Sitz eines der wichtigsten geistlichen Kurfürstentümer war Mainz über Jahrhunderte ein Zentrum von Macht, Diplomatie und Kunst. Bis heute symbolisiert St. Martin die geistliche und politische Bedeutung der Stadt. Doch auch ein paar Schatten trüben die glänzende Vergangenheit.</p> <h2>Denunziationen und Hexenprozesse in Kurmainz</h2> <p>Das geistliche Kurfürstentum Mainz zählte mit deutlich mehr als 2000 Opfern auf rund 7000 Quadratkilometern zu den am stärksten betroffenen Regionen der Hexenverfolgungen [6, 7]. Grundlage war die „Peinliche Halsgerichtsordnung“ Kaiser Karls V. von 1532. Anzeigen kamen fast ausschließlich aus der Bevölkerung – Denunziationen spielten eine zentrale Rolle.</p> <p>Die Hauptverfolgungszeit verlief in vier Wellen zwischen 1593 und 1630 und endete abrupt mit der Besetzung durch die Schweden. Danach gab es nur noch vereinzelte Prozesse; die letzten Hinrichtungen fanden 1684 im eichsfeldischen Worbis statt.</p> <p>Die meisten Opfer waren verheiratete Frauen um die 55. Der Männeranteil lag jedoch mit 17–30 % relativ hoch. Kinder wurden selten hingerichtet. Betroffen waren vor allem Personen aus Handwerk und bäuerlichen Schichten; Geistliche und Gelehrte selten, Adelige gar nicht.</p> <h2>Denunziationen heute</h2> <p>Denunziationen sind <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-wesir-abdul-%d0%b2%d0%b8%d0%b7%d0%b8%d1%80%d1%8c-%d0%b0%d0%b1%d0%b4%d1%83%d0%bb-maerchen-von-leo-tolstoi/" rel="noopener" target="_blank">kein Relikt</a> vergangener Zeiten. Eine berechtigte Anzeige schützt – doch erfolgt sie unüberlegt, im Affekt oder aus ambivalenten Motiven, kann sie zerstörerische Folgen haben. Zugleich ist eine Anzeige in klaren Fällen, etwa bei einem Einbruch, wichtig und notwendig. Umso mehr braucht es Achtsamkeit, Weitsicht und Verantwortungsbewusstsein – Fähigkeiten, die wir bewusst pflegen und trainieren sollten [8].</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4616" id="attachment_4616"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp - Signale für Vorsicht und Verantwortung." decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6996-Mainzelmaennchen-Ampel-Mainz-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4616">Mainzer Ampelmännchen: Achtung und Stopp – Signale für Vorsicht und Verantwortung.(Foto Credit: Dr. Karin Schumacher)</figcaption></figure> <p>Achtsamkeit und Verantwortungsbewusstsein sind Werte, die oft aus den dunklen Kapiteln der Geschichte besonders stark erwachsen. Doch eigentlich sollten wir sie nicht erst nach Kriegen, Katastrophen oder <a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/der-pedelec-unfall-und-was-wirklich-zaehlt-intuition-verantwortung-und-dankbarkeit/" rel="noopener" target="_blank">persönlichen Erschütterungen</a> begreifen müssen. Manchmal begegnen uns Impulse, die uns zeigen, wozu Menschen fähig sein können – im Guten, weil sie dem Bösen etwas entgegensetzen, das stärker und beständiger wirkt als es.</p> <p>Auch der jüdisch-russische Künstler Marc Chagall (1887–1985) wirkte in Mainz. 1978 übergab der damals über 90-Jährige das erste der insgesamt neun Fenster, die er bis zu seinem Tod für die Kirche St. Stephan schuf – eine Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden war [9]. Es sind die einzigen Glasfenster, die er je für eine deutsche Kirche entwarf. Das tiefe Blau der Fenster erzählt von biblischen Szenen und trägt zugleich Chagall Vermächtnis: eine leuchtende Botschaft von Frieden und Versöhnung.</p> <figure aria-describedby="caption-attachment-4606" id="attachment_4606"><a href="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-scaled.jpg"><img alt="" decoding="async" height="500" loading="lazy" sizes="auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px" src="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg" srcset="https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1024x768.jpg 1024w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-300x225.jpg 300w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-768x576.jpg 768w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-1536x1152.jpg 1536w, https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/files/IMG_6968-St.-Stephan-Mainz-Chagall-Fenster-@Dr.-Karin-Schumacher_-1-2048x1536.jpg 2048w" width="666"></img></a><figcaption id="caption-attachment-4606">Chagall-Fenster in St. Stephan Mainz – leuchtende Visionen für Frieden und Versöhnung ( <span>Credit: Dr. Karin Schumacher)</span></figcaption></figure> <p>Am Schillerplatz sprudelt der Fastnachtsbrunnen von 1967 – ein Denkmal mit über 200 bronzenen Figuren aus Mythologie, Stadtgeschichte und Fastnacht [10]. Gegenüber, vom Balkon des Osteiner Hofs, einem barocken Adelshof, wird jedes Jahr am 11.11. um 11:11 Uhr die Fastnacht ausgerufen.</p> <p>Die Stadt hat viele Kulturen kommen und gehen sehen. Mainz bleibt dennoch Mainz, während in der Altstadt die Mainzelmännchen liebevoll den Fußgängerverkehr regeln – zwischen Ernst und Heiterkeit, Weltmedizin und Geschichte, Vision und Alltag.</p> <p>…geht in die Weinberge – nach Nackenheim, Oppenheim oder Ingelheim. Oder setzt über den Rhein nach Wiesbaden, wo Thermalquellen sprudeln, das Casino lockt und Villen glänzen. Doch das ist eine andere Geschichte.</p> <ol> <li> <ol> <li>Mainz Alter Dom. Geschichte der Römerzeit in Mainz. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></li> <li><span>Gutenberg-Museum Mainz. Johannes Gutenberg und der Buchdruck. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.gutenberg-museum.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.gutenberg-museum.de/</a></span></li> <li><span>Innenstadtgemeinde Mainz. (November 2023). Alter Dom St. Johannis: Geschichte und Ausgrabungen. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz-alter-dom.de/" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz-alter-dom.de/</a></span></li> <li><span>Bistum Mainz. Mainzer Dom St. Martin: Geschichte und Architektur. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/mainzer-dom/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/mainzer-dom/</a></span></li> <li><span>1000 Jahre Mainzer Dom. Das Marktportal und die Bronzetüren. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.1000-jahre-mainzer-dom.de/rundgang/portale.html</a></span></li> <li><span>Pohl, H. (1998). Zauberglaube und Hexenangst im Kurfürstentum Mainz. Stuttgart: Steinert. Abgerufen am 8. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Gebhard, H. (1990). Hexenprozesse im Kurfürstentum Mainz des 17. Jahrhunderts. Aschaffenburg: Geschichts- und Kunstverein. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC" rel="noopener" target="_blank">https://books.google.de/books?id=O6OcQw8urCYC</a></span></li> <li><span>Deutschlandfunk. (11. Oktober 2023). Forschung zu Vigilanzkulturen: Wachsamkeit, freiwillige Überwachung und Denunziation in der Gesellschaft. Abgerufen am: 20.12.2025, von <a href="https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.deutschlandfunk.de/forschung-zu-vigilanzkulturen-wachsamkeit-freiwillige-100.html</a></span></li> <li><span>St. Stephan Mainz. Chagall-Fenster in St. Stephan. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/" rel="noopener" target="_blank">https://bistummainz.de/pfarrei/mainz-st-stephan/chagall-fenster/die-fenster-von-marc-chagall/</a></span></li> <li><span>Stadt Mainz. Fastnachtsbrunnen und Fastnachtstradition. Abgerufen am 20. Dezember 2025, von <a href="https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php" rel="noopener" target="_blank">https://www.mainz.de/tourismus/sehenswertes/fastnachtsbrunnen.php</a></span></li> </ol> </li> </ol> </div><br><span style='font: #ff0000'>Generated by <a href='https://github.com/andreskrey/readability.php'>Readability.php</a>.</span> https://scilogs.spektrum.de/medicine-and-more/mainz-ueber-2000-jahre-glanz-und-ein-paar-schatten/#comments 8